Vom Niedergang der Vernunft: bösartiger Feminismus

Seit mehreren Jahrtausenden haben Philosophen den Wert von Vernunft und Rationalität formuliert. Vernunft als Fähigkeit, zu denken und entsprechend zu handeln, unter Kalkulation möglicher Folgen und Ergebnisse, zielgerichtetes, zweckrationale Handeln, wie Max Weber geschrieben hat, war zu allen Zeiten die Grundlage, die Menschen von Tieren unterscheiden soll, die Grundlage, die menschliche Errungenschaften in Wissenschaft und Technologie möglich gemacht hat.

Aber dann kam der Feminismus.

Der Feminismus ist mitnichten der erste Angriff auf die Vernunft, aber der neueste. Die Verherrlichung von Emotion und Intuition, die der Feminismus auf Kosten der doch angeblich so kalten und vor allem männlichen Rationalität oder Vernunft vornimmt, ist in ähnlicher Form in der deutschen Romantik zu finden, beide Romantik und Feminismus können insofern als Degenerationserscheinungen einer Gesellschaft gewertet werden.

Vernunft ist für Hume u.a. die Grundlage menschlicher Verständigung und menschlichen Zusammenlebens, und Hobbes erklärt ihre Funktionsweise als eine Form der Kalkulation:

Leviathan.hobbes“Denken heißt nichts anderes als die Gesamtsumme durch Addition von Teilen oder einen Rest durch Subtraktion einer Summe von einer anderen vorstellen. Geschieht dies durch Wörter, so ist es ein Vorstellen dessen, was sich aus dem Namen des Ganzen und seines Teils für den Namen des anderen Teils ergibt. [...] Wo Addition und Subtraktion am Platze sind, da ist auch Vernunft am Platze, und wo sie nicht am Platze sind, hat Vernunft überhaupt nichts zu suchen. [...] Denn Vernunft in diesem Sinne ist nichts anderes als Rechnen, das heißt Addieren und Subtrahieren, mit den Folgen aus den allgemeinen Namen, auf die man sich zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken geeinigt hat. [...] Nutzen und Zweck der Vernunft bestehen nicht darin, dass man die Summe von Wahrheit einer oder mehrer Folgen findet, fern von den ersten Definitionen und festgesetzten Bedeutungen von Namen, sondern darin, dass man bei diesen beginnt und von einem Schluß zum anderen fortschreitet” (Hobbes 1989[1651]: 31-32, Hervorhebungen in kursiv im Original, fett von uns).

Die Botschaft von Hobbes ist sehr klar: Vernunft besteht im systematischen Beziehen von Worten aufeinander, sie ist eine Ordnungsfähigkeit. Wer nicht in der Lage ist, Worte in systematischer Weise aufeinander zu beziehen, hat keine Vernunft. Worte unterscheidet Hobbes in allgemeine Namen und Definitionen, die zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken dienen, und auf die wir uns geeinigt haben. Sprache wird somit zu einer Konvention, zu einem Normensystem der Verständigung, auf das sich Menschen geeinigt haben. Vernunft gewährleistet die Einhaltung der Konvention und somit Verständigung.

Kant hat wie Hume bekanntlich zwischen einer reinen und einer praktischen Vernunft unterschieden, wobei die reine Vernunft, weitgehend das umschreibt, was Hobbes Rechnen genannt hat, während die praktische Vernunft auf normenkonformer Anwendung der eigenen Vernunft durch individuelles Handeln abzielt. Nicht umsonst hat Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft seinen bekannten kategorischen Imperativ entwickelt, handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

Was würden all die Philosophen wohl sagen, könnten sie sich heute zu dem Äußern, was als Feminismus durch Deutschland geistert, was im Dunkeln an der Vernunft nagt, wie der wahnsinnige Azathoth in den Geschichten von H.P. Lovecraft?

Wie müssen die Angriffe auf die vermeintlich kalte Rationalität wirken, die aus den Reihen von Feministen geführt werden, wie die Ablehnung von Rationalität und Vernunft und das Beharren auf Intuition und irrationalen Gefühlen? Wenn man Revue passieren lässt, was über Hobbes, Hume und Kant berichtet wurde, liegt die Antwort auf der Hand: Für alle drei wäre der entsprechende Anschlag auf die Vernunft gleichzusetzen mit dem Niedergang menschlicher Gesellschaftsfähigkeit, mit dem Ende menschlicher Interaktion und dem Aussterben der Spezies.

Kant praktische VernunftUnd die Anzeichen dieses Niedergangs sind deutlich sichtbar.

Vernunft und die Konventionen, die praktische Vernunft im Sinne von Kant als Normen, wie man heute sagen würde, anleiten, machen Verständnis und Zusammenleben erst möglich. Ohne die Regeln, die das Rechnen, das Hobbes als Grundlage von Vernunft ansieht, ermöglichen, ist es nicht möglich, eine Verständigung mit anderen zu erreichen. Ohne eine gemeinsame Konvention verschwindet jede Handlungssicherheit, weil es nichts gibt, auf das man sich verlassen kann. Ohne eine gemeinsame Sprachkonvention degeneriert eine Gesellschaft zu einem Haufen irrer Brabbler, die etwas von sich geben, das anderen nicht verständlich ist. Das Ende ist nahe, und es besteht in Wahnsinn, Wahnsinn, wie er z.B. einmal mehr von der Humboldt Universität kommt, die mittlerweile nur noch als Humbug Universität bekannt ist.

Dort hat sich eine Reihe Verwirrter aufgemacht, die deutsche Sprache als Verständigungsinstrument zu beseitigen und die Deutschen zu einer Ansammlung wirrer Brabbler zu machen, etwa durch:

Ag Sprachhandeln

Gar nicht – und Sie?

  • “Studierx, Studierxs und Lehrx, Lehrxs: Das ‚x‘ signalisiert ein Durchkreuzen herkömmlicher → gegenderter Personenvorstellungen. Diese Form wird angewendet, wenn die Frage, ob die gemeinten Personen weiblich, männlich oder → trans* sind, in einem Kontext keine Rolle spielt oder keine Rolle spielen soll.
  • in re_produzieren: Hier deutet der Unterstrich an, dass jedes Produzieren ein Reproduzieren ist und gleichzeitig jedes Reproduzieren ein Produzieren. Der Unterstrich spiegelt dieses reflexive Verhältnis von Produktion und Re_produktion wider.
  • Bildung von Substantiven: Alle ‚-er‘-Endungen werden durch die Endung ‚-a‘ ersetzt bzw. im Plural durch ‚-as‘. Die ‚-a‘-Endung lässt sich beispielsweise für Dinge produktiv nutzen, um konventionalisiert männlich assoziierte ‚-er‘-Endungen zu vermeiden, wie z.B. bei Türöffna, Computa oder Drucka: Diese Form greift ebenfalls die Idee von einer herausfordernden, stärkeren → Frauisierung von Sprache auf, um mit männlich geprägten Assoziationen zu brechen”.

Es ist dies ein Angriff auf die Vernunft, der an den Grundfesten menschlicher Gesellschaft rührt, der Verständigung und der Sprachsicherheit. Er zeigt die morbide Qualität, die dem deutschen Feminismus inne wohnt in aller Deutlichkeit, sie zielt darauf ab, die eigene Todessehnsucht zum Anlass zu nehmen, um ein normales und produktives Zusammenleben aller zu verunmöglichen, und als solches muss den bisherigen Varianten des Feminismus eine Metavariante zugesellen: den bösartigen Feminismus.

Vom Land der Dichter und Denker zum Land der Schwätzer

In der DDR gab es rund 30 Lehrstühle für vermeintlich Philosophie, die doch nichts anderes vorsahen, als die Verbreitung der Staatsideologie des Marxismus-Leninismus. In der DDR herrscht Mangel, was letztlich darauf zurückzuführen ist, dass sich Wirtschaft nicht planen lässt, auch wenn man es ideologisch noch so gerne hätte.

In Deutschland gibt es derzeit 189 Lehrstühle für Frauen- und Geschlechterforschung, deren Zweck darin besteht, den Staatsfeminismus an Universitäten zu verankern, Wissenschaft zu unterminieren und vor allem Sozialwissenschaft gleichzuschalten, als Wissenschaft zu beseitigen und der Indoktrination zugänglich zu machen. Dies wird u.a. deutlich, wenn man die Fachbereiche betrachtet, in denen die Frauen- und Geschlechterforscher vor allem etabliert wurden.

Strassenschaeden

von Michael Schnell

Und während  es sich die Frauen- und Geschlechterforscher auf Steuerzahlers Kosten bequem machen, stellt der Schleswig-Holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) fest, dass nicht genug Mittel vorhanden sind, um die rudimentärsten Reparaturen an Straßen durchzuführen, weshalb er eine einmalige Abgabe für Autofahrer fordert. Eigentlich sollte man meinen, die Grundlagen, auf denen eine Wirtschaft basiert, und die Infrastruktur ist eine dieser Grundlagen, sind so wichtig, dass die benötigten Mittel bereitgestellt und wenn nötig an anderer Stelle eingespart werden. Und während man klar bennen kann, was der Vorteil einer Instand gesetzten Straße ist, so kann man doch den praktischen Nutzen, den 189 Lehrstühle für Frauen- und Geschlechterforschung erbringen, nicht angeben. Folglich muss man von einem ideologischen Nutzen, einem Nutzen durch Indoktrination ausgehen.

zefg-logoFür diese Annahme sprechen Daten, die in der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen. und Geschlechterforschung der FU-Berlin gesammelt werden. Daten, die ein bedrückendes Bild fortschreitender Ideologisierung wissenschaftlicher Hochschulen zeigen.

Insgesamt 189 Lehrstühle für Frauen- und Geschlechterforschung gibt es deutschlandweit an Universitäten und Fachhochschulen, wobei sich eine eindeutige Klumpung in Berlin feststellen lässt (zum Vergleich: deutschlandweit gibt es 40 Lehrstühle für Wissenschaftstheorie oder Logik an 32 Universitäten):

37 der 189 Lehrstühle (19,6%) finden sich an Berliner Hochschulen. Damit finden sich an den acht Berliner Hochschulen ebenso viele Lehrstühle für Frauen- und Geschlechterforschung wie an 12 Universitäten in Nordrhein-Westfalen.

Führend unter den Universitäten in NRW sind die Universität Bielefeld und die Ruhr-Universität Bochum mit jeweils 7 bzw. 6 Professuren für Frauen- und Geschlechterforschung. Damit gibt es an beiden Universitäten jeweils mehr Professuren als an allen Bayerischen Universitäten zusammengenommen.

Ein Blick auf die Fachbereiche, die vor allem mit Frauen- und Geschlechterforschung infiltriert werden, zeigt zum einen, wie Soziologie als Wissenschaft langsam aber sicher beseitigt wird, er zeigt darüber hinaus einen Schwerpunkt auf den Fächern, die ohnehin weiblich dominiert sind (Erziehungswissenschaft, Kunstwissenschaft, soziale Arbeit).

  • Universitäten
    • Soziologie: 27 Lehrstühle
    • Erziehungswissenschaft: 15 Lehrstühle
    • Literaturwissenschaften: 15 Lehrstühle
    • Kunst, Kunstwissenschaften: 8 Lehrstühle
    • Geschichtswissenschaft: 5 Lehrstühle
  • Hochschulen
    • Soziale Arbeit: 16 Lehrstühle
    • Ingenieur- und Technikwissenschaften: 8 Lehrstühle
    • Kunst, Kunstwissenschaften: 8 Lehrstühle

Interessant in diesem Zusammenhang, sind die Lehrbereiche der Lehrstühle für Geschlechter- und Frauenforschung. Hier finden wir so interessante Dinge wie:

  • Gender Studies BraunschweigFrauenspezifische Gesundheitsforschung mit dem Schwerpunkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Neuere deutsche Literatur mit einem Schwerpunkt im Bereich der literatur- und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung
  • Theater- und Tanzwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies
  • Geschichte Lateinamerikas unter besonderer Berücksichtigung der Gender- und Globalisierungsforschung
  • Philosophie, unter besonderer Berücksichtigung der Ethik und der interdisziplinären Geschlechterforschung
  • Genderstudien in der Mathematik
  • Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie in der Physik unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterforschung
  • Cultural Studies, Schwerpunkt Gender Studies
  • Junior-Professur für geographische Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt Genderforschung
  • Theologie und Geschlechterstudien (Konstruktion und Regulierung verschiedenen religiösen und säkularen Wissens über Geschlecht, Kollektivkörper und Leben)
  • Gender und Globalisierung
  • Gender und Diversity Management
  • Geschlechterstudien und Europäische Ethnologie
  • Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse
  • Didaktik der Bildenden Kunst unter Berücksichtigung der Geschlechterforschung in der Lehre
  • Gender and Emotion in Cognitive Interaction Technology (Sexuelle Gewalt; Messung impliziter und expliziter Einstellungen)
  • Pädagogische Diagnose und Beratung unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse
  • FrauenundgeschlechterforschungUmwelt und Gesundheit in den Gesundheitswissenschaften unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte
  • Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechtergeschichte
  • Geschlechtersoziologie
  • Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Berufsorientierung und Arbeitswelt unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse
  • Medienöffentlichkeit und Medienakteure unter besonderer Berücksichtigung von Gender
  • Soziologie – Geschlechter- und Sozialstrukturforschung
  • Gender Studies (Soziologie)
  • Neuere und Neueste Geschichte / Geschlechtergeschichte
  • Film- und Fernsehwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der medialen Konstruktion von Gender
  • Frauenforschung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung
  • Erziehungswissenschaft – Weiterbildung und Frauenbildung

utter devastationMan muss diese geballte Ladung an Frauen- und Geschlechterforschung erst einmal verdauen und mit den unterschiedlichen Meldungen des eigenen Intellekts umgehen. Einerseits stellt der Ausverkauf der Wissenschaft, wie er hier dargestellt wurde, einen der größten Angriffe auf die Integrität von Wissenschaft und Wissenschaft im Allgemeinen dar, den man sich vorstellen kann. Andererseits vermittelt die gezwungene Hinzufügung von “unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse” den Eindruck, dass es lediglich darum gegangen ist, überflüssige Gestalten, die nichts gelernt haben, was durch die Gesellschaft nachgefragt wird, auf Lehrstühle zu hieven, wobei die Phantasie nicht sonderlich weit entwickelt ist und sich auf das Anhängen von Geschlechter- oder Frauenforschung beschränkt, ob es nun passt oder nicht.

Es wäre also nicht verwunderlich, wenn es demnächst einen Lehrstuhl für die Erforschung der Bestäubung von Apfelblüten unter besonderer Berücksichtigung der Konstruktion von Gender gibt oder einen Lehrstuhl Organische Chemie und Frauenforschung.

Aus soziologischer Sicht bedrückend ist die Zersäbelung einer Gesellschaft an der sich diejenigen, die sich auf den entsprechenden Lehrstühlen herumdrücken, schuldig machen. Sie vermitteln das Bild, das Sozialisten immer so gerne vermittelt haben, das der angeblich antagonistischen Gruppen, die keine Gemeinsamkeiten aufweisen und deshalb muss man Geschichte als Frauengeschichte neu schreiben oder suggerieren, dass die Rehabilitation bei Frauen anders funktioniert als bei Männern.

Diese Zersäbelung ist Teil eines Syndroms: Sie geht z.B. einher mit einer Überhöhung homosexueller Lebensweisen (unter der kleinen Auslassung von AIDS) und einer Vergiftung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern durch eine Dämonisierung von Männern und eine Heiligsprechung von Frauen. In dem Gewirr aus eigener Vorteilsnahme, vermeintlich richtiger Gesinnung und Geschlechtermanie bleibt so ziemlich alles auf der Strecke, was Menschlichkeit ausmacht, vor allem bleibt das Urteilsvermögen auf der Strecke, ihm wird vom Schwarz-Weiß-Denken der Garaus gemacht.

Wenn man bedenkt, dass der Beitrag zur Erkenntnis, der von Genderforschern ausgeht, wie Dr. habil. Heike Diefenbach auf ScienceFiles argumentiert hat, verschwindend gering ist, stellt sich die Frage, ob man die Liste, die an der FU-Berlin geführt wird, nicht nutzen sollte, um die darauf verzeichneten Lehrstühle abzuwickeln und die freiwerdenden Mittel in die Aufrechterhaltung der Infrastruktur zu stecken.

Philosophie zum Wochenende – Hans Albert: Erkenntnis und Engagement

Hans Albert (1921 -) hat wie kein anderer zur Verbreitung des kritischen Denkens und der Methode des kritischen Rationalismus’ wie ihn Karl Raimund Popper entwickelt hat, in Deutschland beigetragen. Hans Albert ist bis heute ein engagierter Kämpfer gegen die Irrationalität und gegen all jene, die von sich behaupten, sie seien im Vollbesitz der Wahrheit oder doch zumindest im Besitz einer Methode, die unweigerlich zur Wahrheit führt und könnten sich auf dieser Basis für die Gesellschaft engagieren und dort nur Gutes bewirken.

Hans_Albert_2005Zwangsläufig war und ist Hans Albert damit der größte Gegenspieler der Frankfurter Schule in der Variante, die u.a. Jürgen Habermas daraus gemacht hat, also nicht in der Variante, die noch unter der Leitung von Max Horkheimer das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) auszeichnete, als noch empirische Studien wie z.B. die über Autorität und Familie durchgeführt und erstellt wurden.

Was man von der Wende, die das IfS unter unter dem Einfluss von Habermas genommen hat, zu halten hat, wird einem schnell deutlich, wenn man z.B. die Titel der derzeitigen Projekte betrachtet, Titel wie “Bürger_in aus Betroffenheit?”, “Erwerbsarbeit und psychische Erkrankung”, “Bedeutung des öffentlichen Integrationsdiskurses für das Selbstverständnis, die Selbstpositionierung und das Integrationshandeln von Migrant_innen. Eine biographieanalytische Untersuchung” oder “Prekäre Autonomie – Die Arbeit von SchriftstellerInnen im flexiblen Kapitalismus”.

Aus heutiger Sicht kann man Hans Albert auch als einen vehementen Gegner aller Heilsbringer oder wie wir heute sagen würden: Gutmenschen sehen, die ihre Heilsbotschaft über ihre Opfer ausgießen, ihre einfachen Botschaften, für die sie Wahrheit reklamieren, zur Grundlage nehmen, um in die Leben anderer Menschen, die sie für inferior halten, zu intervenieren und dort für ihre Ordnung zu sorgen und alles zu dem zu wenden, was sie für das Beste halten. Diese Form der Entmündigung im Namen einer ersponnenen Wahrheit, kulminiert für Albert im wissenschaftsfeindlichen Offenbarungsmodell, jenem Model, das nicht nur die katholische Kirche zur Grundlage ihrer Existenz gemacht hat und das darauf basiert, dass Erleuchteten, wie z.B. dem Papst, beim Lesen der heiligen Schrift ein Licht aufgeht, oder im Schlaf ein Engel mit der Nachricht erscheint, die fortan als Wahrheit verkündet werden soll.

Aber nicht nur die katholische Kirche fährt auf dieser Fahrkarte, um Verbreitung zu finden, Macht zu sichern und zu gewinnen und um die eigenen Taschen zu füllen, auch Kalvinismus, Kommunismus, Faschismus und Feminismus teilen strukturelle Prinzipien mit der katholischen Kirche, die sie zu Feinden von Freiheit, Autonomie, Toleranz und Liberalismus und vor allem von Vernunft machen.

Der folgende Text von Hans Albert aus der Einleitung zu seinem Traktat über kritische Vernunft, widmet sich diesem Totalitarismus der Gutmenschen. Ausgangspunkt ist die nicht zuletzt von Habermas geäußerte Ansicht, dass Erkenntnis und Entscheidung voneinander zu trennen seien (eine Idee, die man sich wirklich genauer überlegen sollte, damit einem klar wird, womit man es bei der post-Habermasschen Frankfurter Schule wirklich zu tun hat).

Albert Traktat“[...] Existenzielle Probleme sind, so scheint man oft anzunehmen, nicht rational zu behandeln, weil sie echte Entscheidungen verlangen, die der kalkulierende Verstand nicht liefern kann. Andererseits scheint es im Bereich der Erkenntnis zwar rationale Analyse zu geben, aber keine Entscheidung und kein Engagement, und den Problemen, die auf diese Weise zu lösen sind, kommt offenbar eo ipso keine existenzielle Bedeutung zu. Während die Verfechter der analytischen und der hermeneutischen Vernunft nicht selten Auffassungen formulieren, die solchen Thesen nahekommen, sind sich die der dialektischen Vernunft oft der Vereinbarkeit von Erkenntnis und Engagement so gewiß, dass in ihrem Denken die politische Stellungnahme sich mitunter ziemlich gradlinig – man möchte sagen: überraschenerweise gar nicht so dialektisch – aus der philosophischen Konzeption ergibt [Anhänger der dialektischen Vernunft  sind z.B. Habermas oder andere post-marxistische Sozialphilosophen].

Nun gibt es ohne Zweifel Zusammenhänge zwischen Erkenntnis und Engagement, zwischen rationalem Denken und existenzieller Entscheidung, zwischen Philosophie und Politik, aber sie sind nicht so einfach, wie sie sich engagierten Denkern oft darstellen. Bestimmte Arten des Engagements korrumpieren nämlich das Denken und leisten infolgedessen auch keinen vernünftigen Beitrag zur Lösung von Problemen, ob es sich dabei nun um kognitive, ethische oder auch soziale und politische oder gar um religiöse Probleme handelt. Es gibt ein totales Engagement, das die unvoreingenommene Wahrheitssuche und das kritisch-rationale Denken beseitigt oder zumindest beeinträchtigt und das im Endeffekt – gleichgültig, ob es im Namen des Glaubens und einer göttlichen Macht, im Namen der Geschichte oder in dem der Vernunft in Erscheinung tritt – immer wieder zu totalitären Konsequenzen geführt hat. Nicht allen, die ein solches Engagement für richtig halten, scheint das bewußt zu sein, aber es gibt viele, die es wissen könnten, weil sie die Geschichte kennen. Mir liegt nichts an zeitgeschichtlichen Totalitarismus-Definitionen, die den Sinn haben, die säkularen politischen Religionen und die durch sie geprägten institutionellen Strukturen als Entartungserscheinungen gegen die politisch-religiösen Traditionen des christlichen Abendlandes abzugrenzen, denn die Geschichte ist voll von totalitären Exzessen, die im Namen des Christentums stattgefunden haben, und zwar bis in die neueste Zeit. Es kommt hier vielmehr darauf an, dass unter gewissen strukturellen Gesichtspunkten Katholizismus, Kalvinismus, Kommunismus und Faschismus [und Staatsfeminismus] zusammengehören, nicht etwa, weil alle diese historisch sehr komplexen Phänomene in jeder Hinsicht gleichartig oder auch nur gleichwertig wären, sondern weil in ihnen das extreme Gegenteil der im analytischen Denken postulierten Neutralität wirksam war oder ist: die blinde Parteilichkeit, der gehorsame Glaube, das unkorrigierbare Engagement. es gibt hier also strukturelle Gemeinsamkeiten, und zwar keineswegs solche, die als oberflächlich beiseite geschoben werden können. Gemeinsamkeiten, die nicht nur psychologisch oder soziologisch von Interesse sind, sondern darüber hinaus erkenntnistheoretisch, ethisch und sozialphilosophisch. Diese Züge gilt es zu erkennen, und zwar unabhängig von den unterschiedlichen Sympathien, die man diesen Erscheinungen entgegenbringen mag.

Viele, die diese Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge durchschauen müssten, versäumen vielfach, darauf aufmerksam zu machen, mitunter aus leicht verständlichen ‘existenziellen’ Gründen, oft auch deshalb, weil sie ihre Art des totalen Engagements als etwas gänzlich Verschiedenes von den anderen Varianten absetzen möchten, etwa, weil die in ihrem Denken enthaltene utopische Komponente sie selbst und andere zu der Illusion verleitet, dieses Engagement müsse, wenn es sich in kollektive Aktion umsetzte, prinzipiell andersartige Konsequenzen haben, als wir sie aus der Geschichte kennen. Aber das ist romantisch-illusionäres Denken, auch wenn es von philosophischen oder theologischen Lehrstühlen herunter gepredigt und von Unzufriedenen willig aufgenommen wird, weil sie mit seiner Hilfe ihre Situation ohne die Anstrengung sachlich-rationaler Analyse und damit ohne die Berücksichtigung der sozialen Kosten der von ihnen propagierten Aktionen artikulieren zu können glauben. Begeisterung für eine heilige Sache führt, wie wir wissen, nicht selten zu Faschismus und Intoleranz, zur Diabolisierung des Gegners und schließlich zu Terror und Gewalt. Das totale Engagement, auch wenn es zur Stützung seiner Ansprüche und Forderungen den Namen einer dialektischen oder kritischen Vernunft [das ist eine Anspielung auf die nach Ansicht von Habermas "kritische" Frankfurter Schule] ins Spiel bringt, kann uns also keineswegs die Rettung vor jenem Irrationalismus bringen, dem ein unter der Neutralitätsforderung stehendes analytisches oder ein an Überlieferungen irgendwelcher Art sich auslieferndes hermeneutisches Denken freien Raum zur Entfaltung geben mögen, und zwar deshalb, weil es selbst nur eine Form dieses Irrationalismus ist.

Es besteht aber keine Notwendigkeit, zwischen völliger Neutralität und totalem Engagement zu wählen, wenn man bereit ist, eine weitere Möglichkeit zu sehen, die es erlaubt, Rationalität und Engagement mit einander zu verbinden: nämlich einen kritischen Rationalismus, wie er sich vor allem in der Philosophie Karl Poppers und in verwandten philosophischen Auffassungen präsentiert. Dieser neue Kritizismus, der die Neutralität des analytischen Denkens überwindet und dem totalen Engagement theologischer und quasi-theologischer Denkweisen mit seinen anti-liberalen Implikationen ein kritisches Engagement für rationales Denken und für die unvoreingenommene Suche nach der Wahrheit und nach offenen Problemlösungen entgegensetzt, die im Lichte neuer Gesichtspunkte jeweils revidierbar sind, knüpft tasächlich an eine alte Tradition an, die sich bis in die griechische Antike zurückverfolgen lässt, die sich in der Entstehungsgeschichte der neuzeitlchen Naturwissenschaft wieder zur Geltung gebracht und in der Periode der Aufklärung für einige Zeit das allgemeine Bewusstsein geprägt hat, die aber seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts den durch den Einbruch neuer Irrationalismen [z.B. Hegel und die Deutsche Romantik] hervorgerufenen Belastungen ausgesetzt war” (Albert, 1991: 4-7; fett gesetzte Hervorhebungen von uns, kursive Hervorhebungen im Original).

Abert, Hans (1991). Traktat über Kritische Vernunft. Tübingen: Mohr Siebeck.

“Lernt lieber Logik” – Ein Rat für die kleinen Feministen

Dr. habil. Heike Diefenbach hat es auf sich genommen, die eMails, die uns regelmäßig von Studenten und Universitätsangehörigen erreichen, zu beantworten. Von Zeit zu Zeit, wenn es sich anbietet, veröffentlichen wir Antworten, um damit vielleicht zukünftige Fragesteller zum selben Thema zum Selbststudium zu bringen. Beim Gendersprech, also der Diskussion über das generische Maskulinum, die in bestimmten Kulten wohl immer noch geführt wird, ist jeder Versuch, die potentiellen Fragesteller durch posts und mit einem pre-emptive strike zu erledigen, bislang gescheitert. Entsprechend ist Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer letzten Antwort noch deutlicher geworden als sie das sowieso schon ist und hat u.a. auf einen seltsamen Widerspruch hingewiesen.

Logik SalmonFeministen, die das generische Maskulinum abschaffen oder ergänzen oder – was wollen die eigentlich? – also die irgend etwas damit wollen, weil sie sich z.B. durch den Begriff “Mathematiker” nicht in ihrer Weiblichkeit angesprochen sehen, behaupten, Begriffe wie “Mathematiker” machten sie unsichtbar, was schlimm ist, da doch für sie “weiblich” das einzige sie definierende Kriterium zu sein scheint. Kurz: Die entsprechenden Feministen zeichnen sich durch ein nahezu komplett abwesendes von Selbstbewusstsein aus. Und anstatt sich anzustrengen, etwas zu tun oder gar zu leisten, setzen sie sich hin und frönen ihrem Minderwertigkeitskomplex. Statt sich zu emanzipieren, suhlen sie sich in ihrer angeblichen Unsichtbarkeit. Statt etwas zu tun und zu leisten und sich dadurch sichtbar zu machen, diskutieren sie sich die Köpfe heiß über einen Unsinn, den man nurmehr als Glaubensinhalt bezeichnen kann, was zur Konsequenz hat, dass Feminismus als Kult angesehen werden muss, dessen Zweck darin besteht, den eigenen Minderwertigkeitskomplex anzubeten.

Es ist vor diesem Hintergrund, dass Dr. habil. Heike Diefenbach den entsprechend Selbst-Minderwertigen den Rat gibt, doch besser Logik zu lernen, Logik macht nämlich unter anderem frei und verhilft zur Emanzipation. Und war nicht Emanzipation ein Ziel, das die Frauenbewegung ano dazumal hatte?

Hier nun die Antwort auf die studentische Frage nach der Unsichtbarkeit von Frauen im Begriff “Mathematiker”.

sciencefilesAllerdings muss ich zugeben, dass mich das Thema in der Tat nervt, denn wenn Sie ScienceFiles mehr oder weniger regelmäßig verfolgen, dann wissen Sie ja, dass für uns Ältere das Thema seit nunmehr mehreren Jahrzehnten schlicht und einfach “ausgelutscht” ist, wie man so schön sagt, und genauso “schmeckt” uns das Thema dann auch – schal, und das an guten Tagen, an schlechten Tagen dreht sich einem der Magen angesichts dessen, was da wieder einmal aufgetischt werden soll, um. Es ist einfach ein uralter Hut (aus den 1970er-Jahren!), der immer wieder bemüht wird, den sich aber niemand aufsetzen mag,der seine Sinne beisammen hat, und es ist furchtbar langweilig, und es ist für uns Ältere einfach traurig und völlig unverständlich, dass junge Leute sich tatsächlich empfänglich zeigen für den alten iodeologischen Schwachsinn einiger ewig Gestriger, der bei uns nicht an den Mann (und an die Frau, versteht sich :-)) zu bringen war. Wir verstehen nicht, was für jüngere, aufgeschlossene Leute an diesem Unsinn attraktiv sein kann, wie sie es mit ihrem Selbstbild vereinbaren, und wir können nicht anders als uns zu wundern, besonders über die jungen Frauen, die es doch heute weiß Gott nicht notwendig haben, sich selbst als Opfer (sogar der deutschen Sprache!) anzusehen oder zu präsentieren. Wir fragen uns: ist das Opportunismus, also eine Art der Vorteilsnahme durch Opferstatus, z.B. indem man echter Konkurrenz aus dem Weg gehen kann und sich eine nette kleine, vom Steuerzahler finanzierte Nische in Genderprogrammen einrichten kann, wo man nicht wirklich arbeiten und konkurrieren und etwas können muss, oder ist das tatsächlich das traurige, unbeabsichtigte Ergebnis des Feminismus, dass junge Frauen heute tatsächlich glauben, sie seinen unfähig, ihr eigenes Leben zu gestalten und die Verantwortung dafür zu übernehmen? Beides ist für uns wie gesagt sehr, sehr traurig und unverständlich: in der Generation von Frauen, die bislang die besten Möglichkeiten, die wenigsten Hindernisse und die größte Bildung aufzuweisen hat, gibt es welche, die über keinerlei Selbstbewusstsein- außer durch Gruppenzugehörigkeit zu einer biologischen Hälfte der Menschheit – verfügen und Angst davor haben, ihre eigene Frau zu stehen, und sich statt dessen in Selbstmitleid und Benachteiligungsrhetorik ergehen. Als Soziologen fasziniert uns die Frage, wie das möglich ist, aber als Liberale und als Menschen finden wir das einfach entsetzlich.

[...]

Und Sie erscheinen mir durchaus klug und engagiert, so dass ich mich frage: wieso können Sie anscheinend etwas damit anfangen? Man muss Ihnen doch sicherlich nicht erneut erklären, dass alles als “eine Frage der Macht” stilisiert werden kann, wenn man sich selbst ausschließt, um sich eine Sonderbehandlung aufgrund des in Anspruch genommenen Opferstatus’ zu sichern? Wenn sich tatsächlich irgendwo auf dieser Erde ein paar Frauen nicht angesprochen fühlen sollten, wenn eine Stelle für “Mathematiker” ausgeschrieben ist, dann zeigt das, wie man Leute durch ideologische Indoktrination verdummen kann, aber sonst nichts, denn offensichtlich haben besagte Frauen gelernt, sich selbst nur als Geschlechtsteile auf Füßen zu betrachten statt z.B. als Mathematiker. Das Ziel von Frauen war einmal, nicht nur oder vorrangig als Geschlechtsteile in der Gesellschaft verkehren zu können, sondern sich ebenso als Mathematiker oder Professoren, Sportler oder was auch immer verstehen und präsentieren zu können wie Männer, also (z.B.) einen Berufsethos als für die eigene Persönlichkeit ausschlaggebend beanspruchen zu können, und ich würde sagen, sehr viele Frauen (und ich auch) haben das geschafft. Und nun ist diese Idee so weit degeneriert und in ihr Gegenteil verkehrt worden – insofern Geschlecht vor jeder anderen Eigenschaft und jeder anderen Lebensäußerung kommt -, dass diese Frauen (und ich auch) entsetzt sind und sich fragen, warum einige Frauen so schwach sind, dass sie ganz bewusst auf Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortlichkeit verzichten und sich in eine kuschelige Arme-Opfer-Nische flüchten, statt ihre Möglichkeiten, die sie ohne jeden Zweifel haben, zu nutzen (und das erklärt zu einem guten Teil, warum ich mich entschlossen habe, die Uni zu verlassen, d.h. nicht als Lehrkraft an der Universität für ein lächerliches Gehalt im Modul-Lehrprogramm zum Sprachrohr irgendwelcher ministerialer Vorgaben zu verkommen; ich kann und will deutlich mehr als das!). Wenn Sie sich vor allem als Geschlechtsteil definieren, dann haben Sie vermutlich eine affektive Bindung an Menschen, die zufällig auch Frauen sind und schütten Ihr Mitleid ungebeten über die vermeintlich Minderwertigen aus, aber als Sozialwissenschaftler fragen Sie sich, wessen Interessen eigentlich damit gedient ist, wenn sich “helfende Hände” dieser Frauen annehmen – sicherlich nicht denen von Frauen, die selbstbestimmt leben und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit als ihr natürliches individuelles Recht auffassen, jedenfalls nicht meinen, und ich glaube, besonders nicht Ihren (da Sie jünger sind und Ihr Leben noch in vieler Hinsicht werden gestalten müssen), auch, wenn Sie das vielleicht (noch) nicht so klar erkennen.

Logik f dummiesDaher habe ich nur noch einen Hinweis für Sie zu diesem Thema zu geben: Fragen Sie sich, warum Sie sich immer wieder auf fruchtlose “Diskussionen” mit Ideologen einlassen, die ganz und gar nach der Fleischwolf-Methode funktionieren und daher in der Wissenschaft völlig fehl am Platz sind: Ja, WENN ich denke, ich sei vor allem Träger eines biologischen Geschlechts, statt eines ganzen Menschen, und WENN ich davon ausgehe, dass Leute des anderen Geschlechts eine ebenso verzerrte Wahrnehmung von sich selbst haben wie ich, und WENN ich glaube, dass diese Leute aus unbekannten Gründen (was, bitte, sollte oder könnte das denn sein?) einfach Lust dazu haben, mich zu benachteiligen und von “Macht” fernzuhalten, und WENN ich mich von Macht fernhalten lasse oder selbst fernhalte, indem ich mich prinzipiell ausgeschlossen und nicht angesprochen fühle, ja, DANN bin ich benachteiligt, und zwar durch mich selbst, und DANN finde ich es ganz wichtig, dass jemand anders (Männer? der Staat? oder die Duden-Redaktion?) mir armem Würstchen zur “Macht” verhilft. Aber finden Sie nicht, dass jede einzelne dieser absurden Vorstellungen genauso krankhaft – oder sagen wir in Untertreibung: unbegründet – ist ist wie jede andere Form der Phobie oder Paranoia und keinerlei Verbindung mit der realen Welt aufweist?

[...]

Wenn Sie mir als älterer Kollegin – in aller Freundschaft – diesen Hinweis erlauben: Lernen Sie lieber Logik und Methodologie, statt sich mit den Minderwertigkeitskomplexen anderer Leute zu beschäftigen – dann haben Sie einen Gewinn in Form von Qualifikation und Urteilsvermögen für jeden Aspekt Ihres Lebens, nicht nur für Ihre wissenschaftliche Zukunft. Denken Sie an Ihr persönliches Wachstum und weniger an die psychologische und kognitive Stagnation anderer Leute, die sich in der Regel ja gar nicht entwickeln wollen.

Alternative für Deutschland im Verschwörungsbrei untergerührt

Die Zutaten für den Verschwörungsbrei, den Dieter Plehwe und Matthias Schlögl gerade angerührt haben, sind schnell benannt: Man nehme die Alternative für Deutschland, ergänze neoliberal in vielfacher Ausprägung und würze mit einem Schuß Rechtspopulismus, Neue Rechte und nicht zu viel Neo-Konservatismus, nehme eine Prise Europakritik, viel Wettbewerb und nicht zu viel politischen Nationalismus, verkoche das Ganze bis zur Unkenntlich- und Geschmacklosigkeit, und fertig ist der Verschwörungsbrei.

WZBEuropäische und zivilgesellschaftliche Hintergründe der euro(pa)skeptischen Partei Alternative für Deutschland“, so lautet die Überschrift des Rezeptes, das Plehwe und Schlögl da zusammengestellt haben, um die AfD nicht nur zu zurichten, sondern  auch zu verdauen.

Das Szenario für den Verschwörungsbrei enthält zunächst unverdauliche Happen:

  • Die AfD ruhe auf einer deutsch-britischen Achse. “Das einigende Band ist die neoliberale Kombination eines politischen Nationalismus (gegen grenzüberschreitende Umverteilung, europäischen Wohlfahrtsstaat) mit ökonomisch-kosmopolitischem Denken” (26).

Was man von den neoliberalen britischen Tories (4) zu halten hat, weiß man offensichtlich als: nicht neoliberaler, rechtspopulistischer oder neurechter Deutscher, aber dazu später. Derzeit genügt die Feststellung, dass neoliberale deutsch-britische Inhaltsstoffe nicht ohne die Kombination aus politischem Nationalismus und ökonomisch-kosmopolitischem Denken auskommen. Ersteres meint dabei, dass man gegen das angebliche Füllhorn sozialistischer wir-geben-allen-ein-bißchen-Politik, ist. Letzteres meint, dass Märkte gegen staatliche Einflussnahme gesichert werden müssen, also gegen die sozialistischen Eingriffe, die Märkte durch Planung zu ineffizienten Orten ruinieren.

Der unverdauliche Happen wird gewürzt durch eine Reihe von Aperitifs, die die AfD als politisches Programm darbietet: gegen den zentralistischen europäischen Staat, für mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung (was von David Cameron nachdrücklich unterstützt wird, wie die Autoren feststellen), Betonung des Rechtsstaats und der Bildung, ergänzt durch eine Einwanderungspolitik nach kanadischem Vorbild (27-28). Hinzu kommt ein Wermutstropfen für nicht neoliberal, rechtspoppulistisch, neue Rechte, jedenfalls im Rezept der Autoren, die Ablehnung des Gender Mainstreaming, was den Wermut als Produkt eines konservativen Abfüllers ausweisen soll.

In diesen Brei, den die Autoren angerührt haben, wird nun alles an Zutaten geworfen, was der linke Haushalt als nicht seinen Essgewohnheiten entsprechend identifiziert hat: Die Mont Pelerin Gesellschaft, neoliberale Think-Tanks, die Initiative für eine neue soziale Marktwirtschaft (INSM), von Arbeitgeberverbänden finanziert, ein neoliberales Frankfurter Institut, der Kronberger Kreis, eine Handvoll neoliberale Ökonomen, die Friedrich von Hayek Gesellschaft, Roland Vaubel, Joachim Starbatty, das FreieWelt.net blog, die FPÖ und Jörg Haider, ein Verleger, Finanzexperte und Kolumnist und Mövenpick-Eigner August von Finck, nicht zu vergessen Hans-Olaf Henkel, Public Choice und ein Stockholm-Netzwerk, das Freiburger Walter Eucken Institut und Carl Christian von Weizäcker, Karl Albrecht Schachtschneider, Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht und schließlich Alfred Müller Armack und die Ludwig-Erhard-Stiftung. Fertig ist die konspirative Mischung, die die Autoren ihren Lesern als Verschwörungsbrei schmackhaft machen wollen.

Es ist wirklich erschreckend, wie einfach die Welt heutzutage funktioniert. Die Mitglieder der Mont Pelerin Gesellschaft, werden eben einmal vom Neoliberalismus über den Rechtspopulismus in die Ecke der Neuen Rechten geschoben, weil den Autoren offensichtlich jedes Konzept von Liberalismus, das ist die Lehre, die dem Individuum Handlungsfreiheit und Autonomie zugesteht, fehlt.

Mont PelerinDas hätten sich Friedrich August von Hayek, Milton Friedman, George Stigler, James M. Buchanan, Maurice Allais, Ronald Coase, Gary Becker und Vernon Smith auch nicht träumen lassen, dass sie einmal als Rechtspopulisten und Neue Rechte enden, jedenfalls in der Welt, die Dieter Plehwe und Matthias Schlögel bevölkern. Und was hat sich die Nobelpreis-Kommission dabei gedacht, diesen Neuen Rechten den entsprechenden Nobel-Preis zu verleihen? Scheinbar ist die Nobelpreis-Kommission auch in die Verschwörung zur Abschaffung der EU, die die Autoren in ihrem Brei verrühren, verwickelt. Ja, genau, es gibt doch diese Stockholm-Connection, oder war es die Stockholm Gesellschaft oder das Stockholm-Netzwerk, egal, irgend was in der Nähe von Oslo halt.

Und weil sie gerade dabei sind, wird die Friedrich Hayek Gesellschaft, Hayek war schließlich Gründer, erster Präsident und Mitglied der Mont Pelerin Gesellschaft gleich mit verwurstet, nicht zu vergessen das Ordo-Liberale Walter Eucken Institut in Freiburg. Ordo-Liberal? Neo-Liberal? Alles ein Brei, ein liberaler Brei, ein neo-ordo-liberaler Brei eben. Und rechtspopulistisch natürlich.

Alle haben sie den Boden bereitet, auf dem die AfD derzeit gedeiht. Vermutlich ist die Mont Pelerin Gesellschaft nur gegründet worden, um die AfD ins Leben zu rufen, damals, im Jahre 1947. Heißt es nicht ausdrücklich in den Gründungsstatuten:

“This group, being desirous of perpetuating its existence for promoting further intercourse and for inviting the collaboration of other like-minded persons …”

Perpetuating the existence”, obwohl im Jahre 1947 geschrieben, zeigt deutlich, die Gesellschaft war auf Dauer angelegt. Und “collaboration of other like-minded persons” deutet schon auf die von langer Hand geplante Gründung und Unterstützung der AfD hin. Überhaupt, das Statement ist in englischer Sprache: Die deutsch-britische Achse! Schon 1947 hat sie geplant, die Europäische Union zu untergraben und die großflächige Umverteilung von Kapital, also das Abgreifen bei denen, die es verdient haben, und das Umverteilen zu denen, die daran partizipieren sollen, europaweit zu verhindern. Fehlt nur noch der Finanzier. Arbeitgeberverbände und Mövenpieck-Eigner, das reicht, um den Verschwörungsbrei abzurunden und die AfD zur neo-liberalen, nein rechtspopulistischen, nein, Neuen Rechten, nein, rechts-konservativen, was auch immer, in jedem Fall zu etwas Fruchtbarem, also etwas, was nicht wir, also die Autoren und ihre Weltanschauung sind, zu machen.

Conspiracy TheoriesWas der ganze Verschwörungsbrei mit Wissenschaft zu tun hat, hat sich uns allerdings nicht erschlossen. Aber er kommt aus dem Wissenschaftszentrum Berlin und könnte entsprechend eine Übung in Politrethorik oder eine Auftragsarbeit sein, oder es handelt sich um eine (erneute) radikale politische Grenzziehung aus den Katakomben von Berlin (alles schon mal da gewesen), quasi eine in der Sprache der Autoren: “para”-wissenschaftliche (22) Veröffentlichung, bei der man sich fragen müsste, was die Anbindung der Autoren an das WZB über deren Reputation und Gesinnung aussagt, liese man sich auf dieselbe hanebüchenen Rabulistik ein, die die Autoren in ihrem Text betreiben, besteht doch die vermeintliche Methodologie des Beitrags darin, die (ehemalige) institutionelle Anbindung namhafter Personen, die mit der AfD in Verbindung stehen oder stehen sollen, zu studieren und auf die Anbindungen, die die Autoren nicht mögen, wilde, nicht neoliberale Phantasien zu gründen .

 

Endlich: Förderungsprogramm für ausschließlich männliche Akademiker

Ein Leser hat uns einen Ausschreibungstext zugespielt, der derzeit an einer deutschen Universität darauf wartet, veröffentlicht zu werden. Dem Ausschreibungstext kann man nicht nur entnehmen, dass es ein bislang vor der Öffentlichkeit verborgenes Programm zur Förderung männlicher Grundschullehrer gibt, das die Schaffung und Besetzung von Professuren an pädagogischen Fakultäten deutscher Universitäten durch ausschließlich männliche Bewerber vorsieht, man kann der Ausschreibung auch entnehmen, dass ein Bundesministerium und das Kultusministerium eines Landes planen, ein Forschungszentrum zu errichten, dessen Ziel darin besteht, Strategien zu entwickeln, um mehr Männer für eine Ausbildung zum Grundschullehrer zu gewinnen, um auf diese Weise die Qualität der Schülerausbildung an Grundschulen zu verbessern und die Dominanz weiblicher Grundschullehrer und die damit einhergehende wissenschaftlich zum Beispiel durch uns belegten Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Nach inoffiziellen Angaben stehen für das Programm zunächst 150 Millionen Euro für die Förderung männlicher Grundschulpädagogen an Universitäten und die Errichtung des Forschungszentrums bereit, die aus dem Etat des Bundes und eines Landes stammen. Das Grundschullehrerförderprogramm ist auf die Dauer von fünf Jahren angelegt. Die Finanzierung des Forschungszentrums soll nach Ablauf von 10 Jahren weitgehend über eingeworbene Drittmittel erfolgen.

Die Bundesregierung sieht im Grundschullehrerförderungsprogramm ein Mittel, um dem Rückgang der Ausbildungsqualität an deutschen Grundschulen und dem Verschwinden männlicher Grundschullehrer ebenso wie den Nachteilen männlicher Schüler entgegen zu wirken.

Hier nun der Ausschreibungstext (Wir haben uns gegenüber unserem Informanten dazu verpflichtet, die sensitiven Teile der Ausschreibung unlesbar zu machen):

Grundschullehrerfoederungsprogramm

Arglistige Täuschung: Professorinnenprogramm update

Dass staatliche Verwaltungen und Bürokratien, wenn sie einmal am Laufen sind, laufen und nur mit erheblicher Mühe, wenn überhaupt, wieder zum Stillstand gebracht werden können, kann man als Zeitgeschichtler nicht nur an der Effizienz der Massenvernichtung im Dritten Reich studieren, man kann es an demokratischen Systemen, und nicht nur an dem, das die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland verabreicht haben, ebenso untersuchen. Sind z.B. Gesetze erst einmal erlassen, hat sich die Bürokratie und die Nutznießer-Industrie von Gesetzen erst einmal in Bewegung gesetzt, dann ist es nahezu unmöglich, die dies ermöglichenden Gesetze zu streichen.

ProfessorrinnenprogrammDie Logik dahinter, kann man so beschreiben: Gesetze regeln nicht nur einen Gegenstandsbereich, sie schaffen Anrechte und Nutznießer. Anrechte können direkt entstehen, wenn einer bestimmten Gruppe ein Recht auf X gesetzlich eingeräumt wird. Sie können auch entstehen, wenn einem Berufsstand X, also z.B. Rechtsanwälten durch ein Gesetz ein lukratives Monopol auf den Schutz von Anrechten eröffnet wird. Die Grenze zwischen dem Genuss von Anrechten und dem Nutznießen an Gesetzen ist fließend: Wer will entscheiden, ob die Beamten, deren Stellen nur vorhanden sind, weil sie z.B. die Einhaltung von Gesetz X kontrollieren sollen oder ein Netzwerk betreuen, das die Vergabe von Mitteln, z.B. im Rahmen des Professorinnenprogramms steuert, zu den reinen Nutznießern gehören oder ob sie die “Beschützer” geschaffener Anrechte sind? In jedem Fall verbrauchen sie Ressourcen, kosten also Steuerzahler Geld.

Hinzu kommt, dass mit jedem Nutznießer, den ein Gesetz produziert, der Widerstand gegen eine Abschaffung des entsprechenden Gesetzes steigt. Auch hier ist die Logik einfach: Wenn 51% der Wahlberechtigten von einem Gesetz profitieren, das der Gesellschaft nicht nutzt, sondern schadet, dann wird das entsprechende Gesetz dennoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gestrichen werden, dazu ist die Anzahl der Nutznießer und die Angst der Parteien vor Wahlabstrafung zu groß.

Schließlich wirken noch psychologische Prozesse, die durch die Verteilung von Anrechten ausgelöst werden, denn die Empfänger von Anrechten denken nunmehr von sich, sie hätten ein Recht auf etwas und sehen sich z.B. nicht als Almosenempfänger, der gegen seine Paternalisierung etwas unternehmen muss. Die Verteilung politischer “Geschenke” durch Anrechte hat somit einen Trägheitseffekt bei den Empfängern, den zu überwinden, nur der Widerstand gegen z.B. die Abschaffung gesetzlich begründeter Almosensysteme in der Lage ist.

Gender3Was für Gesetze beschrieben wurde, gilt auch oder vielleicht noch viel mehr, für die nachfolgenden staatlichen Programme, die einzig dem Zweck dienen, einer bestimmten Klientel etwas zuzuschustern, seien es Subventionen, seinen es Steuererleichterungen, seien es direkte Zahlungen. Dies zeigt u.a. das Professorinnenprogramm, das einerseits, für die schlichten Gemüter, eine Möglichkeit bereitstellt, sich als guter Mensch zu fühlen, zeigt man doch mit seiner Zustimmung, dass man die vom Professorinnenprogramm avisierte angebliche Benachteiligung von Frauen nicht, die Verteilung politischer und vor allem finanzieller Gunst an weibliche Bewerber auf Professuren aber schon gutheißt. Dass das Professorinnenprogramm eine nicht vorhandene Diskriminierung von Frauen durch eine explizite Diskriminierung von Männern bekämpft, ist da nicht weiter interessant. Wie gesagt, wir haben es mit schlichten Gemütern zu tun, die auf affektive Reize reagieren: Man sagt Ihnen, sie sind gut, und schon wedeln sie mit dem Schwanz.

Andererseits ist das Professorinnenprogramm wie alle Maßnahmen der Frauenförderung ein reines Programm für Profiteure, Staatsfeminismus-Gewinnler, wenn man so will. Wir haben in der Vergangenheit schon zusammengestellt, wie sich das Heer der Kämpferinnen für die angebliche Gleichberechtigung von Frauen Mittel unter die Nägel reißt, und wir haben auch darauf hingewiesen, dass die schamlose Zweckentfremdung von Steuermitteln, durch die Lobbyverbände der feministischen Industrie nicht erst in den letzten Dekaden begonnen hat. Vielmehr reichen ihre Wurzeln bis in den Ersten Weltkrieg (dazu auch: Abrams, Philip, 1963: The Failure of Social Reform: 1918-1920. Past and Present 24 (1): 43-64).

Gender2Wie schwer es ist, Strukturen des Nutznießens zu beseitigen, die sich seit Jahrzehnten im Speckgürtel der entsprechenden Ministerien eingenistet haben, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man sich einen Moment lang einbildet, die Bundesregierung würde auch nur die Mittel, die für das Frauencafe XY bereitgestellt werden, streichen. … Deshalb kann man Gesetze und auf ihnen aufbauende Maßnahmen, die ein Heer von Günstlingen nach sich ziehen, nicht streichen. Deshalb durchlaufen Gesellschaften, wie dies Ibn Khaldun beschrieben hat, Lebenszyklen. Und wie ein Baum ab einer bestimmten Menge von Parasiten nicht mehr überleben kann, so sterben auch Gesellschaften ab, wenn die Anzahl der Nutznießer die Anzahl der produktiven Mitglieder einer Gesellschaft dauerhaft und erheblich übersteigt.

Damit sind wir wieder beim Professorinnenprogramm abgekommen..

Wir haben einige Wochen kein Update mehr zur Blacklist gemacht. Das heißt nicht, dass die Diskriminierung von Männern im Rahmen des Professorinnenprogramms aufgehört hätte. Wie auch? Die Mittel sind vorhanden, und die Profiteurinnen stehen Schlange. Nein, es heißt nur, dass wir nicht über die personellen Mittel verfügen, die Hochschulen, die Männer diskriminieren, akribisch aufzulisten.

Gender1Der letzte Beitrag, der die offene Diskriminierung dargestellt hat, die zwischenzeitlich die Phase der Täuschung männlicher Bewerber abgelöst hatte, hatte die Westsächsische Hochschule in Zwickau zum Gegenstand. Dort ist mittlerweile jede Form der Vorsicht oder der Mimikry gefallen und man sagt ganz offen, dass Männer als Bewerber nicht erwünscht sind, dass Professuren ausschließlich für weibliche Bewerber ausgeschrieben werden. Warum auch nicht? Im Dritten Reich war schließlich auch klar, dass Juden sich gar nicht erst auf öffentliche Positionen bewerben brauchen.

Im Gegensatz zur Westsächsischen Hochschule in Zwickau setzt die Medizinische Hochschule Hannover nicht auf offene Diskriminierung von Männern, sondern auf deren Täuschung. Entsprechend hat die Hochschule einen Ausschreibungstext designed, mit dem männliche Bewerber auf eine Universitätsprofessur funktionelle Genomik, eine Universitätsprofessur für Infektionsbiologie des Gentransfers und eine Universitätsprofessur für Psychosomatik mit Schwerpunkt Transplantationsmedizin und Onkologie an der Nase herum geführt werden sollen.

Die Ausschreibungen beginnen alle mit dem folgenden Satz:

MHH“Im Rahmen des Professorinnenprogramms II ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) folgende Position, vorbehaltlich der haushaltsrechtlichen Ermächtigung zur unbefristeten Stellenausschreibung, zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu besetzen:”

Das Professorinnenprogramm II dient der Förderung des Anteils weiblicher Professoren an Hochschulen. Aus dem Professorinnenprogramm II werden ausschließlich Professuren finanziert, die mit weiblichen Bewerbern besetzt werden. Folglich bedeutet der Eingangspassus der Ausschreibung der Medizinischen Hochschule Hannover, dass die ausgeschriebenen Stellen weiblichen Bewerbern vorbehalten sind, dass männliche Bewerber keine Chance haben, auf eine der ausgeschriebenen Stellen berufen zu werden, denn die Stellen gibt es nur auf Grudnlage einer Finanzierung aus dem Professorinnenprogramm II.

Trotz dieser Deutlichkeit, versucht die Medizinische Hochschule Hannover männliche Bewerber hinters Licht zu führen oder an der Nase herum zu führen, je nachdem und ihnen fälschlicherweise zu suggerieren, sie hätten eine Chance mit ihrer Bewerbung:

“Zu den Aufgaben der zukünftigen Stelleninhaberin/des Stelleninhabers gehört der Ausbau der Forschung und Patienenversorgung …”, so steht in der einen Ausschreibung, “Es wird erwartet. dass die Stelleninhaberin/der Stelleninhaber die bestehenden Forschungsschwerpunkte der Medizinischen Hochschule verstärkt”, heißt es in der anderen. Die dritte Ausschreibung formuliert: “Zu den Aufgaben der zukünftigen Stelleninhaberin/des zukünftigen Stelleninhabers gehört die qualifizierte Vertretung dieses Faches …”

Es handelt sich bei den Ausschreibungen somit um eine gezielte Täuschung männlicher Bewerber und darüber hinaus eine Boshaftigkeit, die darauf abzielt, männliche Bewerber zu prellen, denn sie wenden Zeit und (finanzielle) Ressourcen auf, um sich auf drei Stellen zu bewerben, auf die berufen zu werden, sie keinerlei Aussicht haben.

Vor diesem Hintergrund rufen wir männliche Bewerber, deren Profil auf die ausgeschriebenen Stellen passt, dazu auf, sich zu bewerben und sich nach Abschluss des Verfahrens und Berufung eines weiblichen Bewerbers zum einen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu wenden, zum anderen die Medizinische Hochschule Hannover auf Schadensersatz zu verklagen, denn der Ausschreibungstext erfüllt unseren Erachtens alle Kriterien einer arglistigen Täuschung.

Ohne Mussolini kein Hitler?

Dr. Christian Goeschel, der derzeit an der University of Manchester lehrt, hat sich mit einer interessanten These zu Wort gemeldet:

Mussolini sei kein Witzbold gewesen, den man nicht Ernst nehmen müsse, sondern einer der Wegbereiter des deutschen Nationalsozialismus. Weit davon entfernt, verrückt zu sein, hätten Mussolini und seine faschistische Bewegung Hitler wichtige strategische Ratschläge gegeben, so zum Beispiel den Hinweis, die Mittelschicht als Vehikel zur Machtergreifung zu nutzen.

Benito MussoliniIn einem Interview mit Phys.org sagt Goeschel weiter: “We and indeed many Italians tend to play down the role and importance of Mussolini and Fascist Italy, often seeing it as more benign than Hitler and the Nazis.  But this is untrue: Mussolini was the world’s first Fascist dictator, heading an unpleasant regime which used poison gas in Abyssinia and sent oppositionists into repressive ‘confinement”.

Anders formuliert: Mussolini und der itanlienische Faschismus haben Hitler nicht nur strategische Hinweise gegeben, sondern in vielerlei Hinsicht als role model für den deutschen Nationalsozialismus gedient.

Damit schließt Goeschel u.a. an die Arbeit von Wolfgang Schieder an, den er in einem Beitrag aus dem Jahre 2012 bespricht. Schieder hat in seinem Buch “Faschistische Diktaturen: Studien zu Italien und Deutschland” aus dem Jahre 2008 deutliche Parallelen zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus aufgezeigt. Nicht zuletzt gehe der Kult um einen charismatischen Führer, den die Nazis um die Person Hitlers aufgebaut hätten, auf das italinische Vorbild von Benito Mussolini zurück.

Weiter schreibt Goeschel (2012: 484-485) mit Bezug auf Schieder:

“Hitler admired Mussolini from 1922 when Mussolini was appointed Prime Minister of Italy. Particularly appealing to Hitler and the Nazis, alongside the German and European Right more generally, was the novel twofold strategy with which the Italian Fascists had secured power. First, Fascists squads covered Italy, especially the North with massive political violence against the Left. … Second, the Fascists were keen to conquer power through seemingly legal activity”.

Klar ist, so heißt es an anderer Stelle im Beitrag von Goeschel aus dem Jahre 2012, dass der italienische Faschismus den deutschen Nationalsozialismus in vielerlei Hinsicht beeinflusst hat. Wichtige (leider weitgehend ungenannte) Bestandteile des italienischen Faschismus wurden in den Nationalsozialismus übernommen.

Und während Goeschel seinen Beitrag aus dem Jahre 2012 noch mit der Feststellung abschließt, dass mehr Forschung über das Verhältnis des faschistischen Italien zur NSDAP und später zum nationalsozialistischen Deutschland vonnöten sei, hat er knapp zwei Jahre später wohl nachgelegt und ist aufgrund zusätzlicher Arbeit in Archiven zu dem Schluss gelangt, dass Italiens Faschisten und allen voran Benito Mussolini (geistige) Mentoren von Adolf Hitler und seiner nationalsozialistischen Bewegung waren.

Schieder Faschistische DiktaturenAuch der Faschismus der Nationalsozialisten ist keine Spezialität der Deutschen, so könnte man überspitzt ausdrücken. Das einzige, was im Vergleich zun italienischen Faschismus rein-deutsch am nationalsozialistischen Faschismus ist, darüber sind sich die meisten Historiker einig, ist sein gewalttätiger Rassismus und seine Menschenverachtung, die sich in Millionen Opfern des Regimes niedergeschlagen hat. Menschenverachtung und Millionen, wenn man so will System-Opfer, hat der Nationalsozialismus mit der stalinistischen Variante des Sozialismus gemeinsam, so dass auch hier, das Rein-Deutsche fehlt. Bleibt nur die technokratische Präzision, mit der z.B. die Massenvernichtung im Dritten Reich von einem Heer der Helfershelfer geplant und durchgeführt wurde, als rein-deutsche Errungenschaft.

Goeschel, Christian (2012). Italia docet? The Relationship between Italian Fascism and Nazism Revisited. European History Quarterly 42(3): 480-492.

 

 

Phantasie statt Recherche: Journalismus à la Spiegel

Ein Leser hat uns auf einen heute in Spiegel Online erschienen Jammerbeitrag aufmerksam gemacht, der mit “Im Zweifel für den Mann” überschrieben ist und sich entsprechend gleich in der Überschrift als Ergebnis der Geschlechtsbetroffenheit der Autorin, namens Frauke Lüpke-Narberhaus zu erkennen gibt.

SPONBöse Zungen in der ScienceFiles-Redaktion (oder sind das Zunginnen) behaupten ja, der Spiegel sei das Porno-Magazin feiger Mittelschichtler, die sich den Anstrich “intellektuell” geben wollen, während sie den pornographischen “Kultur”-Teil betrachten. Ob dies zutrifft, können wir nicht sagen, aber wir können feststellen, dass der Beitrag von Frauke Lüpke-Narberhaus den Schluss nahelegt, dass der Spiegel sich vom vielleicht einmal vorhandenen sorgfältigen Journalismus verabschiedet und zum Betroffenheits-Blatt entwickelt hat, dessen Zielsetzung darin besteht, Spiegel-Leser zu täuschen, zu manipulieren und an der Nase herumzuführen (möglicherweise ist es ja das, was die Nachfrage nach dem Spiegel begründet – ein abweichendes Votum in der ScienceFiles Redaktion sieht die Pornographie im Kulturteil als Nachfrage-Treiber).

“Im Zweifel für den Mann”, wobei sich die Frage stellt, für welchen Mann, wer ist dieser Mann, für den hier im Zweifel votiert wird?, “Im Zweifel für den Mann” berichtet von einer Untersuchung, die Emanuel Towfigh, Christian Traxler und Andreas Glöckner durchgeführt haben und  die in der Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft veröffentlicht wurde. Eine Studie, die nach Ansicht von Frauke Lüpke-Narberhaus Empörendes festgestellt hat:

“Schon bei den Probeklausuren erzielen Männer (6,10 von 18 Punkten) deutlich höhere Ergebnisse als Frauen (5,83 Punkte von 18 Punkten) [...]. Frauen starten mit besseren Abiturnoten (2,05) ins Studium als Männer (2,22), werden dann aber abgehängt: Sie schneiden im Examen um 0,3 Punkte schlechter ab. Dabei ist der Geschlechterunterschied in der mündlichen Prüfung stärker als in der schriftlichen. [...] Die Forscher sprachen auch mit einigen Prüfern über die Ergebnisse. Die erklärten die Differenz so: Die schwächere Bewertung von Studentinnen resultiere daraus, dass sie sich “weniger aktiv am  Prüfungsgesräch beteiligen”. Schließlich gibt es noch Herkunftseffekte, wie Frauke Lüpke-Narberhaus weiß, und die verursachen Unbehangen (bei wem auch immer): “Studenten mit ausländischem Namen schneiden im Examen mit 7,01 Punkten ab, Studenten mit deutschen Namen mit 7,74 [gemeint sind natürlich durchschnittliche Punkte, nicht absolute Punkte]“

Um diesen Beitrag von Frauke Lüpke-Narberhaus als den primitiven Versuch der Manipulation, der er nun einmal ist, klar auszeichnen zu können, ist es notwendig, die Untersuchung, die Anlass für Betroffenheit bei Frauke Lüpke-Narberhaus gegeben hat, kurz darzustellen.

Die Untersuchung ist eine recht gut gemachte und in Teilen interessante Untersuchung, die eine Forschungslücke schließt: Sie versucht, Licht in das Dunkel zu bringen, das das Staatsexamen von Juristen umgibt.

StaatspruefungDie Untersuchung von Towfigh, Traxler und Glöckner ist eine deskriptive Untersuchung, die auf einer breiten Datenbasis aufbaut: 71.405 anonymisierte Klausurergebnisse von 2.979 Studenten sowie 2.119 Klausuren von 150 “Teilnehmern (10). Zudem liegen Angaben zu Geschlecht, Geburtsdatum, Abitur- und Examensnote, Hochschulort (Bielefeld, Bochum oder Münster) sowie die Namen der Studenten vor (9). Auf Grundlage der Nachnamen der Studenten wurde deren Herkunft geschätzt, ein eher fehleranfälliges Verfahren, das die Ergebnisse, die im Hinblick auf “Herkunft” berichtet werden, nicht über den Status von Vermutungen hinausweisen lässt (zumal im Hinblick auf die 150 “Kandidaten mit Migrationshintergrund”, die vermeintlich über ihre Namen ermittelt wurden, eine Inter-Koder-Reliabilität von 0,65 vorliegt, was deutlich oberhalb des Toleranzbereichs eines statistischen Fehlers liegt).

Die Untersuchung produziert eine Vielzahl deskriptiver Befunde:

  • Im Hinblick auf die Probeklausuren, die im Verlauf eines Jura-Studiums geschrieben werden, dies sind bis zu 40 Klausuren, zeigt sich eine konkave Lernkurve, d.h. die Noten der Studenten werden im Durchschnitt immer besser, wobei der Lerngewinn mit der Zeit geringer wird. Das ist erfreulich, zeigt es doch, dass sich lernen in besseren Leistungen oder Bewertungen niederzuschlagen scheint.
  • Werden die Studenten in Terzile (33%) aufgeteilt, also die besten, die mittleren und die schlechtesten 33%, dann zeigt sich derselbe Lerneffekt, wobei bessere Studenten im Verlauf des Studiums ihre Leistung oder Bewertung mehr zu steigern können als schlechtere Studenten.
  • Auf Seite 8 des Textes treffen wir zum ersten Mal eine Analyse getrennt nach Geschlecht. In den Probeklausuren, die den Prüfern ohne Namen der Studenten übermittelt werden, so dass sie nicht wissen, wessen Arbeit sie vorliegen haben, schneiden weibliche Studenten signifikant schlechter ab als männliche Studenten (durchschnittliche Punkte 5,83 zu 6,10). “Auch die … Lerneffekte … sind bei Männern ausgeprägter als bei Frauen, das heißt, in unserem Datensatz verbessern sich Männer beim Klausurenschreiben stärker” (15).
  • Eine Betrachtung der Examensnoten zeigt markante Muster bei Notensprüngen “sowie eine ungewöhnlich hohe Häufigkeit genau auf der Notenschwelle oder in den Zehntel-Punkten kurz danach” (16).
  • Besser meiden!

    Besser meiden!

    Ein Vergleich der Examensergebnisse der Studenten nach Herkunts-Universität ergibt deutliche Unterschiede zwischen den Universitäten Bielefeld, Bochum und Münster. Studenten aus Münster (7,45 Punkte im Durchschnitt) schneidet besser ab als Studenten aus Bielefeld (6,93 Punkte im Durchschnitt) und Studenten aus Bochum (6,71 Punkte im Durchschnitt). Auch nach Kontrolle von u.a. Geschlecht, Abiturnote, Alter und Prüfungsjahr erreichen Bochumer Studenten um 6 bis 10% schlechtere Ergebnisse als Studenten aus Münster.

  • Der über Namen ermittelte Migrantenstatus führt zu Ergebnissen, die ein schlechteres Abschneiden von Migranten zeigen. Was man von diesen Ergebnissen halten soll, ist unklar, zumal der Name Wretelnijk zwar auf polnische Vorfahren schließen lässt, aber keinerlei Schluss über die Länge des Aufenthalts in Deutschland zulässt.

Wenn man die Ergebnisse der Untersuchung von Towfigh, Traxler und Glöckner zur Kenntnis nimmt, dann findet man keinerlei Hinweis darauf, dass auch nur ansatzweise ein Ergebnis produziert worden wäre, das den Titel des Beitrags von Frau Frauke Lüpke-Narberhaus “Im Zweifel für den Mann”, rechtfertigen würde. Vielmehr erweist sich der Titel als pure Phantasie der Frau Lüpke-Narberhaus, der durch die Untersuchung in keiner Weise gedeckt ist.

Dasselbe gilt für die angebliche Diskriminierung von weiblichen Studenten, die in anonymisierten Probeklausuren und im Exmanen schlechtere Leistungen und Noten zeigen. Damit ein Prüfer weibliche Studenten beim Bewerten der Probeklausuren diskriminieren kann, sofern er dies wollen sollte, müsste er bei jeder Klausur über die Handschrift eine Schätzung vornehmen, ob es sich bei dem entsprechenden Studenten um einen weiblichen Studenten oder einen männlichen Studenten handelt. Wer dermaßen Unsinn in den Raum stellt, der zeigt damit nur, dass er nicht weiß, wovon er spricht. Man stelle sich das nur einmal in der Praxis vor, für 2.979 Studenten und 71.405 Probeklausuren.

Da weibliche Studenten auch schlechtere Lernfortschritte aufweisen als männliche Studenten, wird man wohl, sofern man eine Unterscheidung nach Geschlecht für notwendig hält, nicht umhin kommen festzustellen, dass weibliche Studenten mit Jura durchschnittlich größere Probleme haben und entsprechend durchschnittlich schlechtere Leistungen zeigen als männliche Studenten und dass sich dieser Umstand in den Examensnoten niederschlägt.

Da der Richterbund in NRW, dem Land, aus dem die Ergebnisse, die hier berichtet wurden, stammen, davor warnt, dass zu viele Frauen in den Richterdienst übernommen werden, z.B: waren im Jahr 2011 62% der neu eingestellten Richter Frauen, muss man vor dem Hintergrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung feststellen, dass offensichtlich schlechtere weibliche Studenten in NRW aus politischen Gründen besseren männlichen Studenten vorgezogen werden und Frau Frauke Lüpke-Narberhaus den Rat geben, in Zukunft Recherche an die Stelle ihrer Phantasie zu setzen.

Lesen Darstellen begreifenAuch würde es den von Frau Frauke Lüpke-Narberhaus verfassten Beiträgen gut tun, wenn Frau Lüpke-Narberhaus lesen würde, worüber sie berichtet. Täte sie das, sie würde unweigerlich über Textstellen wie die folgende stolpern: “Sowohl bei dem Geschlechts- als auch beim Herkunftseffekt können wir eine Diskriminierung weder mit der notwendigen Gewissheit ausschließen noch sie nachweisen” (27). Und weil Lesen und Verständnis zwei Dinge sind, hier die Erklärung für Frau Lüpke-Narberhaus: Weil es heute schick ist, alle ungleichen Verteilungen, sofern sie zu ungunsten von Frauen bestehen, der Diskriminierung zu verdächtigen, haben sich auch die Autoren dieser politisch korrekten Mode angeschlossen. Aber: So sehr sie auch gesucht haben, sie konnten kein belastbares Datum finden, das eine Diskriminierung von Frauen belegen könnte. Es bleibt also bei der Feststellung, dass weibliche Studenten der Juristerei von den Universitäten Bielefeld, Bochum und Münster im Durchschnitt schlechter sind als ihre männlichen Kollegen.

Wären die Autoren zudem mutig und Wissenschaftler sie hätten eindeutig festgestellt, dass nicht nur eine Diskriminierung von weiblichen Studenten aus technischen und faktischen Gründen ausgeschlossen werden kann, sondern darüber hinaus die reflexhaft gestellte Frage nach der Diskriminierung immer dann, wenn eine ungleiche Verteilung in einem Bereich auftaucht, der einem Mittelschichtler als nutzenbringend erscheint, mit Wissenschaft gar nichts, aber mit Ideologie sehr viel zu tun hat. Aber dazu hätten die Autoren eine theoretische Fundierung gebraucht, und – wie gesagt – es ist eine deskriptive Untersuchung, die sie durchgeführt haben; um so schlimmer ist es, dass sie meinen, sich mit ihren unfundierten Spekulationen bei bestimmten Kreisen andienen zu müssen.

Und über aller Geschlechtermanie hat die Frau Journalistin die Ergebnisse übersehen, die tatsächlich berichtenswert sind:

Studenten, die sich zu einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bochum einschreiben, sind entweder durchschnittlich schlechter und leistungsunwilliger als Studenten der Universitäten Bielefeld und Münster, oder die Ausbildung an den beiden zuletzt genannten Universitäten ist einfach besser als die Ausbildung an der Universität Bochum. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten Studenten der Rechtswissenschaften Bochum jedenfalls meiden.

Sodann ist vielleicht der ein oder andere Leser beim Lesen stutzig geworden als er von den Mustern in den Examensnoten, die sich bei und um Notenschwellen ergeben, gelesen hat. Die Erklärung dafür ist das, was man im Englischen outrageous nennt: “die Frage des ‘Anhebens’ werde in den Beratungen der Prüfungskommission regelmäßig erörtert. Den Kandidaten solle das Gefühl erspart bleiben, knapp an einer wichtigen Schwelle gescheitert zu sein; ferner könne durch eindeutige Ergebnisse die Wahrscheinlichkeit von Rechtsbehelfen reduziert werden” (23). Das heißt im Klartext, Studenten, die knapp unterhalb einer Schwelle, z.B. der Bestehensschwelle bleiben, werden angehoben, so dass sie die Schwelle nehmen, obwohl die Bewertung ihre Leistung nicht mehr abbildet. Diese Ergebnisverzerrung wird damit begründet, dass man den Studenten psychologisches Leiden ersparen wollen und sich selbst eine Klage vor dem Verwaltungsgericht – eine Begründung, wie sie nur Juristen zu geben im Stande sind: Es lebe die Bigotterie!

Towfigh, Emanuel, Traxler, Christian & Glöckner, Andreas (2014). Zur Benotung in der Examensvorbereitung und im ersten Examen. Eine empirische Analyse. Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft

Was ist Religion?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten. Dieser Unterschied ist die Quelle vieler Missverständnisse, vor allem, wenn es sich beim Bezeichnenden um einen abstrakten Begriff, z.B. um Religion, Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit handelt. Jeder, der die Begriffe “Religion” oder “Gerechtigkeit” hört, hat seine eigenen Assoziationen davon, was gerade bezeichnet wurde.

religionFür uns bezeichnet der Begriff Religion ein institutionalisiertes Glaubenssystem, das auf als wahr behaupteten Aussagen über das “Übernatürliche” basiert, die nicht empirische geprüft werden können, also z.B. die Existenz Gottes. Religion ist für uns entsprechend eine soziale Erscheinung, eine Lobbyverband, der der Durchsetzung der eigenen Glaubensinhalte im sozialen Leben gewidmet ist und der sich die organisatorische Verfasstheit einer Kirche gegeben hat.

Viele scheinen unter Religion alle möglichen Formen moralischer Überzeugungen zu verstehen, die sie selbst haben oder denen sie selbst anhängen. Sie scheinen Religion als persönlichen Glauben zu verstehen, der ihnen Anleitung im täglichen Leben gibt. Das ist jedoch nicht Religion, sondern persönliche oder besser: religiöse Überzeugung, ihr persönlicher Glaube, es ist von der institutionalisierten Variante eines Glaubessystems, auf dem Religion basiert, zu unterscheiden. Die fehlende Unterscheidung ist die Grundlage für Ausnutzbarkeit und Unfreiheit, denn man muss nur mit Religion und Glauben kommen, und schon kann man seine Schäfchen für die absurdesten Ideen hinter sich sammeln, ohne dass es Letzteren klar wäre, für welche Sache sie sich gerade einsetzen lassen.

Die empirische Sozialforschung kennt die Unterscheidung zwischen Gläubigkeit und Religiosität. Gläubigkeit bezieht sich auf die Ausgestaltung eines eigenen Glaubens, sofern vorhanden, während Religiösität sich auf die Teilnahme an institutionalisierten Glaubensritualen bezieht, also auf die teilnehmende Legitimation bestimmter Kirchen.

Bertrand Russell, dessen Erklärung dafür, warum er kein Christ ist, wir auszugsweise zum Gegenstand des letzten Posts gemacht haben (und die bei einer Reihe von Lesern für genau das Missverständnis gesorgt hat, das wir oben beschrieben haben), ist Philosoph, er ist ein Philosoph, der sich wie kaum ein anderer mit den sozialen Erscheinungen seiner Zeit beschäftigt hat und dafür von manchen seiner Zeitgenossen verfolgt wurde. Russell, wie viele der großen Philosophen, hat einen soziologischen Blick auf die Gesellschaft, entsprechend sieht er Religion nicht als die Glaubensüberzeugung Einzelner, sondern als das soziale Herrschaftsinstrument, das es nun einmal ist.

Russell hat sehr deutlich beschrieben, was er unter Religion versteht. Wir lassen ihn daher noch einmal zu Wort kommen:

Betrand Russell“Meine eigene Ansicht über die Religion deckt sich mit der des Lukretismus. Ich betrachte sie als Krankheit, die aus Angst entstanden ist, und als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass sie einige Beiträge zur Zivilisation geleistet hat. In alter Zeit half sie, den Kalender festzulegen, und sie veranlaßte ägyptische Priester, die Sonnenfinsternisse mit solcher Sorgfalt aufzuzeichnen, dass sie mit der Zeit lernten, sie vorauszusagen. Diese beiden Dienste bin ich bereit anzuerkennen, aber andere kenne ich nicht.

Das Wort “Religion” wird heute in einer sehr allgemeinen Bedeutung verwendet. Unter dem Einfluss des extremen Protestantismus verstehen manche darunter alle ernsthaften persönlichen Überzeugungen in bezug auf Moral oder die Beschaffenheit des Universums. Dieser Gebrauch des Wortes ist völlig unhistorisch. Religion ist in erster Linie eine soziale Erscheinung. Die Kirchen mögen ihren Ursprung Lehrern mit starken persönlichen Überzeugungen verdanken, aber nur selten hatten diese Lehrer großen Einfluss auf die Kirchen, die sie gründeten, wogegen die Kirchen einen ungeheuren Einfluss auf die Gemeinden hatten, in denen sie wirkten. Um den Fall herauszugreifen, der für die Angehörigen der westlichen Zivilisation am interessantesten ist: Die Lehre Christi, wie sie in den Evangelien steht, hat mit der Ethik der Christen außerordentlich wenig zu tun. Vom sozialen und historischen Standpunkt aus betrachtet, ist für das Christentum nicht Christus, sondern die Kriche von Größter Wichtigkeit, und daher dürfen wir unser Material nicht in den Evangelien suchen, wenn wir das Christentum als soziale Macht beurteilen wollen. Christus lehrte, man solle seinen Besitz den Armen geben, man solle nicht kämpfen, man solle nicht zur Kirche gehen und man solle den Ehebruch nicht bestrafen. Weder Katholiken noch Protestanten haben ein besonderes Verlangen gezeigt, seiner Lehre in einem dieser Punkte zu folgen. Wohl haben einige Franziskaner versucht, die Doktrin apostolischer Armut zu lehren, aber sie wurden vom Papst verurteilt und ihre Lehre als ketzerisch bezeichnet. Oder betrachen Sie eine Stelle wie: ‘Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet’, und fragen Sie sich, welchen Einfluss ein solcher Text auf die Inquisition und den Ku-Klux-Klan hatte.

[...]

RussellDiese Unstimmungkeit zwischen einer Kirche und ihrem Gründer besteht nicht zufällig. Sobald man annimmt, dass in den Aussprüchen eines bestimmten Menschen absolute Wahrheiten enthalten sind, bildet sich eine Schar von Sachverständigen, die seine Aussprüche auslegen. Unweigerlich erlangen diese Sachverständigen Macht, da sie den Schlüssel zur Wahrheit besitzen. Wie jede andere privilegierte Schicht verwenden sie die Macht zu ihrem eigenen Vorteil. In jeder Hinsicht sind sie jedoch schlimmer als jede andere privilegierte Schicht, da es ihre Aufgabe ist, eine unveränderliche Wahrheit auszulegen, die ein für allemal in höchster Vollkommenheit offenbart wurde, so dass sie zwangsläufig Gegner jedes geistigen und moralischen Fortschritts werden. Die Kirche bekämpfte Galilei und Darwin, heute bekämpft sie Freud. In den Tagen ihrer größten Macht ging sie in ihrer Opposition gegen das geistige Leben noch weiter. Papst Gregor der Große schrieb einem gewissen Bischof einen Brief, der mit den folgenden Worten begann: ‘Uns hat ein Bericht erreicht, den Wir nicht ohne zu erröten erwähnen können, nämlich dass Du einigen Freunden die Grammatik auslegst’. Der Bischof wurde durch päpstlichen Erlass gezwungen, von diesem bösen Tun abzulassen, und der lateinische Stil konnte sich bis zur Renaissance nicht mehr erholen. Aber nicht nur auf geistigem, sondern auch auf moralischem Gebiet richtet die Religion Schaden an. Damit will ich sagen, dass sie sittliche Regeln lehrt, die dem menschlichen Glück nicht förderlich sind.” [Hervorhebungen durch uns]

Man kann also zusammenfassen, dass Religion für Russell ein Machtsystem darstellt, das in einer Kirche organisiert ist und dessen Ziel darin besteht, den Status Quo festzuhalten und denjenigen, die Funktionäre der Kirche sind, einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, und zwar auf Kosten des Glücks und der Lebenschancen all derer, die nicht zu den unmittelbaren Nutznießern der Kirche gehören, weil sie nicht in ihrer Hierarchie eingebunden sind.

Als solches ist Religion also das Fundament eines organisierten Lobbytums, eine soziale Erscheinung, deren Ziel darin besteht, Ressourcen zu sichern und unter den Mitgliedern aufzuteilen und die sich nur im Inhalt von anderen Glaubenssystemen unterscheidet, die das selbe Ziel verfolgen. Daher qualifizieren sich alle Glaubenssysteme, die von sich behaupten, sie seien wahr oder der einzige Weg zum Heil, alle Glaubenssysteme, die keine Kritik an ihren Inhalten zulassen und die gegen Kritiker vorgehen, als Kirche im Sinne von Russell. Das schließt explizit Feminismus oder angeblich säkularisierte Formen des Glaubens mit ein.