Staatsbankrott gefolgt von Medienbankrott

tagesschau“Auch ein Staat kann nicht unbegrenzt haften”, so erregt sich Heinz-Roger Dohms in einem Kommentar zur Staatspleite von Argentinien, der zweiten innerhalb von nur 13 Jahren. Und dieser fast schon flehende Ausruf begrenzter staatlicher Haftung, ist Programm im Kommentar, den Dohms seinen Lesern auf Tagesschau.de präsentiert. Übrigens hat niemand gefordert, dass Staaten unbegrenzt haften sollen. Wie so oft, wenn das Wort Hedge-Fonds auftaucht, so geht auch im Fall der neuerlichen Staatspleite von Argentinien die Phantasie mit den Medienschaffenden durch, dann werden sie zu hemmungslosen Eiferern, die getriebenen von ihrer Gier danach, es in diesem Fall dem “hemmungslosen amerikanischen Hedgefonds-Manager”, Paul Singer, der wie Herr Dohms vermutlich durch ein Tiefeninterview mit Herrn Singer ergründet hat, “ein Getriebener seiner Gier” ist, so richtig zu geben.

Wer Journalisten hat wie Dohms, der braucht sich nicht zu fragen, was beim Psychiater geschieht, er sieht die Art von Krisenbewältigung, das nach außen Kehren des tiefsten innersten Resentiments live und sitzt sogar in der ersten Reihe.

Dort kann er zusehen, wie aus einem Investment-Fonds-Manager, ein Hedge-Fonds-Manager wird. Er kann beobachten, wie die Notation der Argentinischen Regierung, die aus naheliegenden Gründen die Fonds, die sich weigern, 75% ihres Kapitals als Schenkung an Argentinien abzutreten, zu “Vulture Fonds” (Geierfonds) umbenannt haben, also z.B. Singers NML (ein Investment-Fonds, der sich u.a. auf distressed debt spezialisiert hat und entsprechend hohe Risiken eingeht) übernommen wird, weil sie das Mütchen von Dohmer so genau trifft, und last but not least, kann der gebührenzahlende Leser des Online Angebots der ARD einen Unsinn lesen, der kaum zu toppen ist.

Beginnen wir beim “83jährigen” Richter, Judge Thomas P. Griesa, der sich – wie Dohms weiß – in der “Rolle des Anti-Salomo” gefällt und deshalb entschieden hat, dass Argentinien entweder alle seine Schuldner aus dem Jahre 2001 bezahlt oder keinen. Auf diesen Judge Griesa richtet sich die ganze Wut des aus Gebührengeldern finanzierten und bar jeglicher Recherchefähigkeit seienden Dohms. Griesa will er als senil darstellen, als jemand, der nicht einmal das US-Insolvenzrecht kenn. Der Hinweis auf die 83 Jahre des Richters macht nur vor diesem Hintergrund Sinn. Warum sonst sollte Dohms die Tatsache unterschlagen, dass der US-Supreme Court die Berufung Argentiniens gegen das Urteil von Griesa, die wiederum Griesa zugelassen hat, nicht einmal zur Verhandlung angenommen hat, sondern mit 7:1 Richterstimmen zurückgewiesen hat?

Argentina swap shopDiese Tatsache passt nicht so richtig ins Feindbild von Dohms. Ebenso wenig wie es seinen Standards zu entsprechen scheint, seine Leser mit zumindest rudimentären Informationen zu versorgen: Als Argentinien im Jahre 2001 erstmals insolvent wurde, standen 95 Milliarden US-Dollar zur Rückzahlung aus. Die Investoren, die diese 95 Milliarden US-Dollar abzüglich aufgelaufener Zinsen bereit gestellt hatten, gingen zunächst leer aus, später, in den Jahren 2005 und 2010 hat ihnen die argentinische Regierung angeboten, doch auf 75% des ihnen zustehenden Geldes zu verzichten und sich mit neuen Exchange Bonds, also neu aufgelegten argentinischen Schuldverschreibungen zum 75% tieferen Nennwert zufrieden zu geben.

Das haben die meisten Investoren gemacht, weil man als Investor gegenüber staatlicher Erpressung machtlos ist. Singer hat sich geweigert, seine ursprünglichen argentinischen Schuldverschreibungen, die er als hochriskante Papiere fraglichen Werts unter ihrem Nennwert erworben hatte, gegen neue und 75% geringer wertige Schuldverschreibungen zu tauschen. Er hat stattdessen geklagt, geklagt dagegen, dass die argentinische Regierung die braven Investoren, die auf 75% ihres Kapitals verzichten durch Zahlung belohnen will und die bösen Investoren wie Singer, die sich der staatlichen Erpressung nicht beugen, mit Nichtzahlung bestrafen will. Griesa hat dies unmöglich gemacht: Entweder die argentinische Regierung zahlt an alle Investoren, die ihre Staatsschulden finanzieren, oder an keinen.

Im Falle der Fonds, die noch ursprüngliche Schuldverschreibungen Argentiniens halten, geht es, wie Dohms schreibt, nur um “läppische 1,5 Milliarden US-Dollar”, aber an diese Dollars ist ein Prinzip geknüpft: Wo kämen wir denn hin, wenn sich Investoren weigerten, insolventen Staaten ihr Kapital zu schenken? Nicht auszudenken.

Nicht auszudenken auch die Folgen des Urteils: Ab sofort sind Staaten für ihre Schulden haftbar, können sie sich nicht einfach in die Insolvenz retten und hoffen, die Investoren, die das Pech haben, in ihre Staatsanleihen investiert zu haben, zu einem Abschlag von, sagen wir: 75% zu zwingen. Derartige “haircuts” dürften der Vergangenheit angehören, denn Singers Fall ist ein Präzendesfall. Als Konsequenz werden Staaten eine Haushaltsdisziplin halten müssen und sich nicht mehr über Gebühr verschulden können: Ein Unding für Herrn Dohms, das er unter dem Unsinn “unbegrenzter Haftung” anspricht und ein Segen für viele Ökonomen, die die Politik des billigen Geldes, die Staatsschulden in unglaublichem Tempo wachsen sieht, mit wachsender Sorge betrachten.

Aber, Texte wie der von jeglicher ökonomischen Kenntnis ungetrübte Text von Dohms haben auch ihre amüsanten Seiten:

drool“Noch unverständlicher allerdings ist, warum er [Griesa] darüber hinaus auch die Usancen “normaler” Insolvenzverfahren ignorierte. Seit dem 19. Jahrhundert existiert in der Unternehmenswelt das Prinzip der “beschränkten Haftung” (wie es sich bis heute im Begriff GmbH findet). Geht eine Firma pleite, dann muss deren verbleibendes Vermögen zwar aufgewendet werden, um die Gläubiger abzufinden – darüber hinaus haften die Inhaber allerdings nicht. Sie sollen büßen. Aber nicht bis aufs letzte Hemd. (Übrigens, im US-Insolvenzrecht, das Griesa kennen sollte, ist die Position des Gläubigers besonders schwach).”

Weiß der Mann, was er hier schreibt? Besonders in dem Teil: “Geht eine Firma pleite, dann muss deren verbleibendes Vermögen zwar aufgewendet werden, um die Gläubiger abzufinden – darüber hinaus haften die Inhaber allerdings nicht.”

Führen wir die Analogie zu Ende, dann bedeutet dies nun, nachdem Argentinien zum zweiten Mal in die Pleite geflüchtet ist, dass die Vermögenswerte Argentinien unter den Hammer kommen. Bestellen wir also einen Konkursverwalter, der die Kriegsmarine Argentiniens an die britischen Falkländer verkauft, die Gebäude, die sich im Besitz des Argentiniens befinden, versteigert. Die Hoheitsrechte Argentinien, z.B. Zoll- und Steuerrechte können, geht es nach Herrn Dohms, gepfändet werden und die Uniformen des Landes sind einzusammeln und werden von der Europäischen Union im Rahmen des Programms, Kleider für die Ukraine aufgekauft, was die EU nicht will geht an Rudi’s Resterampe.

Es ist schon erstaunlich, zu welchem Unsinn sich mancher Redakteur hinreißen lässt, wenn mit ihm seine Gier nach Anbiederung durchgeht, dann werden die öffentlich-rechtlichen Kommentarspalten zwar nicht zu Geierspalten, aber zu Geiferspalten.

 

Es ist schon ein seltsames Rechtsverständnis, wenn Gläubiger, die auf Rückzahlung des Kapitals, das sie geliehen haben, bestehen, als “Getriebene ihrer Gier” bezeichnet werden, und man kann im Versuch, Staaten, selbst den größten Verschwendern unter ihnen, eine Absolution zu erteilen, den Keim einer konzertierten Aktion erblicken, in deren Verlauf die Öffentlichkeit darauf vorbereitet werden soll, dass dann, wenn Staaten, also die Politiker, die sich und ihre Günstlinge im Namen des Volkes bereichern, beteiligt sind, Eigentumsrechte nichts mehr gelten. Also: besser das Ersparte in für Staaten und ihre Politiker unbrauchbarer Form anlegen.

Der Sinn des Lebens

Heute machen wir eine Umfrage:

Geben Sie bitte auf einer Skala von 1 “stimme gar nicht zu” bis 7 “stimme voll zu”, an, wie sehr sie den folgenden Aussagen zustimmen:

Manche Menschen leben ziellos vor sich hin, ich bin einer davon.

Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht an die Zukunft.

Manchmal denke ich, dass ich alles getan habe, was es im Leben zu tun gibt.

Addieren Sie nun die Punkte der Antworten,die sie gegeben haben. Wer auf weniger als 7 Punkte kommt, lebt länger!

Denn: Wer in seinem Leben einen Sinn hat, der hat eine höherer Lebenserwartung als derjenige, der in seinem Leben keinen Sinn hat. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Patrick L. Hill und Nicholas A. Turiano (2014) in Psychological Science veröffentlicht haben.

sinndeslebensDie Untersuchung basiert, wie dies für Untersuchungen aus den USA regelmäßig der Fall ist, auf einem fetten Datensatz, in dem sich 7.108 Befragte im Alter von 20 bis 75 Jahren befinden, die 1994 erstmals befragt wurden und die für die nächsten 14 Jahre von Sozialforschern verfolgt wurden. In dieser Zeit sind 569 der Befragten verstorben, so dass es möglich ist, so genannte Hazard-Rates dafür zu berechnen, dass jemand im Beobachtungszeitraum stirbt und dabei gleich zu untersuchen, welche Variablen die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen.

Neben dem Lebenssinn, den wir Eingangs in der Weise dargestellt haben, in der er erhoben wurde, haben Hill und Turiano noch die Frage sozialer Einbindung, also Menge und Intensität sozialer Beziehungen untersucht, sie haben untersucht, wie sich affektive Befindlichkeiten, positive wie negative, auf die Sterbewahrscheinlichkeit auswirken und noch eine Reihe sozialdemographischer Variablen berücksichtigt.

Und hier die Ergebnisse:

Alter hat einen Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit, anders formuliert: Je älter man ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Dieses Ergebnis ist beruhigend, denn hätte es sich nicht eingestellt, man hätte an der eigenen Berechnung oder der Art und Weise, in der die Daten abgelegt sind, zweifeln müssen – oder – noch eine Möglichkeit: sich seine Befragten genauer ansehen müssen.

Männer haben ein höheres Sterberisiko als Frauen, und zwar ein deutlich höheres Sterberisiko, was eine andere Form der Darstellung der höheren Lebenserwartung von Frauen ist, eine dramatisch andere und abermals eine, die die Gleichstellungsfanatiker nicht interessieren wird.

Je höher das erreichte Bildungsniveau, desto geringer die Sterbewahrscheinlichkeit. Auch dieses Ergebnis wird wieder und wieder repliziert. Es fasst die Tatsache in Zahlen, dass ein Maurer, der sich täglich körperlich beansprucht, seinen Körper mehr abnutzt als eine Mausschubserin, die halbtags am Schreibtisch sitzt.

Schließlich erklärt der Lebenssinn. Wer einen Sinn in seinem Leben hat, ein Ziel, das er erreichen möchte, einen Daseinszweck, der hat eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit als jemand, der keinen Sinn für sein Leben benennen kann.

meaning_of_lifeKeinerlei Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit hat die soziale Einbindung, was überraschend ist, angesichts der behaupteten Wohltaten, die von sozialen Kontakten und sozialer Einbindung ausgehen sollen. Wenngleich Zweifler wie wir sowieso eher angenommen hätten, dass die Anzahl der sozialen Kontakte und die Intensität der sozialen Kontakte, die Sterbewahrscheinlichkeit eher erhöht als senkt, weil man mehr Gelegenheit hat, sich über seine Nächsten zu ärgern und somit mehr Gelegenheit, einen Herzinfarkt zu erleiden. Aber: wir liegen zumindest in der Operationalisierung, die Hill und Turiano gewählt haben, falsch. Gemessen wird von den Autoren soziale Eindung als Zustimmung zu: “Ich habe nicht viele Beziehungen zu anderen erlebt, die von menschlicher Wärme und Vertrauen geprägt waren”. “Die Leute würden mich als eine offene Person beschreiben, die bereit ist, Zeit mit anderen zu teilen.” “Enge Beziehungen zu unterhalten, hat sich für mich als schwierig erwiesen.”

Schließlich tragen auch positive oder negative affektive Befindlichkeiten nichts zur Erklärung des Sterberisikos bei. Ob jemand von sich sagt, es sei in den letzten 30 Tagen vor dem Befragungstermin überwiegend freudig, in guter Stimmung, glücklich, ruhig und zufrieden oder voller Leben gewesen, hat ebenso wenig einen Effekt wie überwiegende Nervosität, Traurigkeit oder Unruhe.

Kurz: Männer, die einen Sinn in ihrem Leben haben, können ihre Lebenserwartung steigern. Sie erreichen damit immer noch nicht die Lebenserwartung von Frauen, aber der Abstand kann zumindest zu Frauen verkürzt werden, die keinen Sinn im Leben haben.

Das Problem, das sich nun stellt: Wo bekommt man einen Sinn im Leben her, um länger zu überleben?

Ein häufig gewähltes Mittel: Hass auf andere als Antriebskraft, hat insofern vermutlich negative Auswirkungen als damit die erhöhte Abnutzung von Blutgefäsen und der erhöhte Ausstoß von Adrenalin einhergeht, was wiederum die Gefahr vorzeitigen Ablebens mit sich bringt.

Konsum, als weiteres Mittel, scheint ebenfalls nicht geeignet, denn, mit jeder Konsumeinheit sinkt der Wert jeder neuen Konsumeinheit, was vorhersehbar zu einem hektischen Konsum führen wird, der den Zweck, langes Leben durch Lebenssinn unterminiert.

Manche wählen die Fortpflanzung in ihrer Verzweiflung, einen Lebenssinn zu finden. Auch dieses Mittel dürfte sich nach einiger Zeit abnutzen, da spätestens mit der Übergabe der Kinder an das institutionalisierte Erziehungswesen, die Sinnzuschreibung mit Dritten geteilt werden muss, was den Wert des Sinnstifters “Kind” massiv reduziert.

Letztlich bleibt nur der institutionalisierte Dienst am Nächsten, also die Sinnstiftung dadurch, dass man für andere nützlich ist:

  • LiveOrganDonationDonor: [hears a ring at the door] Don’t worry dear. I’ll get it. [opens door] Yes?
  • Max: [the first doctor] Hello, can we have your liver?
  • Donor: What?
  • Max: Your liver. It’s a large glandular organ in your abdomen.
  • Donor:
  • Max: You know, it’s reddish-brown, sort of, um…
  • Donor: Yeah, yeah, I know what it is, but, um… I’m using it.
  • Howard: [the second doctor] *sigh* Come on sir, don’t mug us about. [pulls card out of donor's shirt]
  • Max: What’s this, then?
  • Donor: A liver donor’s card…
  • Max: Need we say more?
  • Donor: Now listen, I can’t give it to you now! It says ‘in the event of death’!
  • Max: [pushes donor on the table] Nobody’s ever taken out their liver for US to survive.
  • Howard: Don’t worry, this is only gonna take a minute. (drives knife into donor’s stomach)
  • Donor: GAAAHHHHH! AAAAAHHHHHH! HAWHAWHAWHAW! GAAAAHHHHHH!

aus: Monty Pythons the Meaning of Life, 1983

Hill, Patrick L. & Turiano, Nicholas A. (2014). Purpose of Life as a Predictor of Mortality Across Adulthood. Psychological Science 25(7): 1482-1486.

Auftragsforschung: Bundesforum Männer zahlt für gewünschte Ergebnisse

Gestern ist und die “Ausschreibung einer Studie Bedarfsanalyse ‘ Männer und Erwerbsarbeitsstrukturen'” in die Mailbox geflattert. Sender: Das Bundesforum Männer – jener vom Bundesministerium für FSFJ finanzierte und entsprechend auf Linie getrimmte Verband, der angeblich die Interessen von Jungen, Männern und Vätern vertreten soll. Wir wollen an dieser Stelle und dieses eine Mal nicht darauf eingehen, dass für das Bundesforum Männer offensichtlich ein Unterschied zwischen Männern und Vätern besteht, was letztlich bedeutet, dass Männer, werden sie Väter, aufhören, Männer zu sein.

Bundesforum_Maenner_gross1Nein, dieser Post ist der Ausschreibung gewidmet, für die das Bundesforum Männer offensichtlich Mittel erhalten hat, vermutlich vom BMFSFJ. Diese Ausschreibung ist ein Musterbeispiel dafür, wie versucht wird, Wissenschaft zu kaufen, weshalb wir hier über sie berichten. Die Auftragsforschung, die dem Bundesforum Männer vorschwebt, soll ganz bestimmte Ergebnisse erbringen, die beim Bundesforum Männer genutzt werden sollen, um zu behaupten, die eigene Lobbyarbeit basiere auf wissenschaftlichen Ergebnissen, berücksichtige alles, was die angebliche wissenschaftliche Forschung zum Thema erbracht habe.

Mit der Ausschreibung wird also ein Prostituierter gesucht, der Wissenschaft verschachert, um sich ein kleines Einkommen zu verschaffen, wie dies wohl Rosenbrock oder jüngst Claus getan haben. Gesucht wird jemand, der das Bundesforum Männer mit einer Legitimation versorgt, die genutzt werden kann, um die eigene ideologische Agenda als angeblich wissenschaftlich fundiert darzustellen.

Dies alles ist nichts Neues. Wir haben wiederholt von Auftragsforschung berichtet, Auftragsforschung, deren Ziel darin besteht, Nachteile von Jungen bei der allgemeinen Schulbildung weg zu schreiben, Auftragsforschung, deren Ziel darin besteht, eine Männerbewegung oder auch einen Maskulismus zu schaffen, in die rechte Ecke zu rücken und eine pseudo-wissenschaftliche Grundlage bereit zu stellen, die Aktivisten bei politischen Stiftungen, in Ministerien oder Polit-Agiteure wie Fiona B., die dafür bezahlt werden, bei Wikipedia eine staatsfeministische Ideologie zu etablieren, nutzen können, um vorzugaukeln, ihre Ideologie wäre keine Ideologie, sondern etwas, das sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen speist.

Die Ausschreibung des Bundesforum Männer gibt nun erstmals die Möglichkeit darzustellen, wie die Zuhälter vorgehen, um ihre pseudo-wissenschaftlichen Prostituierten zu rekrutieren.

“Für die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann ist es unerlässlich, den tatsächlichen politischen Bedarf auch von Jungen, Männern und Vätern in den jeweiligen Politikfeldern zu kennen. Für das Themenfeld „Arbeit“ möchte das Bundesforum Männer im Rahmen seines Projektes „Männer übernehmen Verantwortung. Vater, Partner, Arbeitnehmer“ eine Bedarfsanalyse „Männer und Erwerbsarbeitsstrukturen“ durchführen.”

Organized crimeGleich zu Beginn wird deutlich: wir haben es mit Ideologen zu tun. Es gibt derzeit keine “tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann” so lernen wir, aber es gibt Bedarf dafür, und zwar bei Jungen, Männern und Vätern, und deshalb ist es “unerlässlich” den tatsächlichen “politischen Bedarf” von Jungen, Männern und Vätern zu kennen.

Welche Wissenschaft fängt mit einer apodiktischen Feststellung, dass es “tatsächliche Gleichstellung” nicht gebe und deshalb etwas “unerlässlich” sei an?

Keine.

Welche Wissenschaft interessiert sich für “politischen Bedarf von Jungen, Männern und Vätern”?

Keine, schon deshalb nicht, weil es keinen politischen Bedarf gibt. Nicht jedes Adjektiv macht vor jedem Hauptwort Sinn, und politischer Bedarf ist kompletter Unsinn, etwa so großer Unsinn wie theologischer Bedarf.

Und welcher Wissenschaftler redet von “Gleichstellung von Frau und Mann”? Keiner, denn erstens gibt es die Frau und den Mann nicht, entsprechend singuläre Typen bilden Ideologen, die die Pluralität, die es unter Männern wie Frauen gibt, ignorieren, um ihre politische Agenda zu verfolgen. Zweitens ist die Eindimensionalität ein Kriterium, dass Ideologen von Wissenschaftlern trennt, da erstere nur absolut zu denken, in der Lage sind, und entsprechend gar nicht auf die Idee kommen, Gleichstellung sei nicht in allen Lebenslagen und für alle Männer und Frauen wünschenwert. Derart verschrobene Gedanken haben nur diejenigen, die anderen das Heil verkünden, Ideologen eben.

Dass beim Bundesforum Männer die Ideologen herrschen, macht auch die Formulierung: “Männer übernehmen Verantwortung, Vater, Partner, Arbeitnehmer eine Bedarfsanalyse” deutlich. Die Prämisse, auf der sie basiert, lautet: Männner übernehmen keine Verantwortung, wenn sie nicht Vater, Partner oder Arbeitnehmer sind.

Der ideologische Sumpf, aus dem diese Ausschreibung stamm, tritt abermals deutlich hervor. Daher verwundert es nicht, wenn die Zielsetzung darin besteht, “die Wertung der unterschiedlichen Arbeitssphären … Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrechungen, Arbeitslosigkeit, Partnerinnen, die den Hauptteil des Haushaltseinkommens erwirtschaften (“Familienernährerinnen”) … sichtbar”, zu machen. Dabei solle vor allem auf “Care-Arbeit” eingegangen werden: also auf “Fürsorglichkeit, Partizipation an den Haushalts- und Pflegeaufgaben, Seelsorge, d.h. auf sich selbst Acht geben z.B. gesundheitliche Vorsorge”.

In kurz: Das Bundesforum Männer sucht eine Prostituierte mit Studium, die bereit ist, die Ideologie des Bundesforum Männer mit einer “Sekundäranalyse” zu untermauern und zu zeigen, dass Jungen, Männer und Väter nichts lieber hätten als einen Teilzeitjob, damit sie sich um die Kindererziehung und nach Möglichkeit noch um die kranken Eltern kümmern können, während die Partnerin als Familienernährerin fungiert.

Bereits in der Vergangenheit hat sich das BMFSFJ bemüht, den Mythos zu bauen, es gebe Familienernährerinnen in relevanter Anzahl, und es gebe Männer in relevanter Anzahl, die sich nichts sehnlicher wünschen, als jahrelang ihrem Kind die Windeln zu wechseln. Das Bundesforum Männer soll nun am Bau dieses Mythos’ mitwirken, indem es eine vermeintlich wissenschaftliche Studie finanziert. Dabei lässt der Ausschreibungstext wenig Zweifel daran, wie die Ergebnisse lauten sollen, bei denen die vermeintlich wissenschaftliche Studie ankommen soll:

  • Jungen, Männer und Väter wünschen sich mehr Freizeit und weniger Arbeit.
  • Jungen, Männer und Väter wollen in Teilzeit arbeiten, damit sie mehr Zeit für die Familie haben.
  • Jungen, Männer und Väter wollen keine Karriere machen, sondern Hausmann werden, während Mädchen, Frauen und Mütter die Funktion der Familienernährerin anstreben,
  • Jungen, Männer und Väter sind eigentlich verhinderte Pfleger.

Daraus werden dann vorhersehbar die politischen Forderungen abgeleitet werden, dass es Jungen, Männern und Vätern ermöglicht werden muss, ihre Arbeit flexibler zu gestalten, dass ihnen ein leichterer Zugang zu Elternzeit bei vollem Lohnausgleich ermöglicht werden muss und die phantasiert vielen Frauen, die Familienernährerin sind, werden zum Anlass genommen werden, um die Rentenanwartschaft, die mit der Fortpflanzung einhergeht, abermals und aufgrund der unglaublichen Doppelbelastung, die Fortpflanzung bei gleichzeitiger Familienernährung für Frauen darstellt, zu erhöhen – Lobbyarbeit vom Übelsten.

Bundesforum Maenner AusschreibungNur mit Wissenschaft hat das ganze nichts zu tun. Es ist – im Gegenteil – ein Musterbeispiel dafür, wie Wissenschaft von Lobbyisten und im Auftrag eines Ministeriums missbraucht werden soll, um die eigenen ideologischen Flausen zu legitimieren.

Insofern wird es interessant sein zu sehen, wer sich an das Bundesforum Männer verkauft: Dissens, Heinrich-Böll-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und Graduierte aus eine Genderkolleg an der Berliner Humboldt Universität führen derzeit die Liste der Tatverdächtigen an.

Bereits der Ausschreibungstext der angeblichen Studie macht sehr deutlich, was als Ergebnis herauskommen soll. Damit auch wirklich nichts anderes herauskommt als ein Bedarf von Jungen, Männern und Vätern an flexibler Arbeitszeit, Zeit zur Kinderbetreuung und somit dem vom Staatsfeminismus vorgebenen Lebenslauf, der für die Drohnen auf die drei Tätigkeiten: (Teilzeit-)Arbeit, Fortpflanzung und Pflege (erst Kinder, dann Alte) reduziert ist, ist die Sekundäranalyse, die angeblich durchgeführt werden soll, auf “einschlägige Studien”, die den Stellenwert, den “Erwerbsarbeit gegenüber den Bereichen der Nicht-Erwerbstätigkeit für Jungen, Männer und Väter” einnimmt, beschränkt.

Natürlich will man beim Bundesforum Männer keine Sekundäranalyse, denn eine Sekundäranalyse analysiert Daten, die andere Autoren bei ihren Studien verwenden haben, mit derselben Fragestellung aufs Neue, was die Gefahr in sich trägt, zu einem anderen Ergebnis zu kommen. Nein, beim Bundesforum Männer wird erwartet, dass die Ergebnisse vorhandener “einschlägiger Studien”, ungeachtet ihrer Güte und Qualität berichtet werden. Wie es der Zufall so will, sind die meisten “einschlägigen Studien” im Dunstkreis des BMFSFJ entstanden und vom BMFSFJ finanziert … Das System reproduziert sich selbst oder: Wie man einen Mythos schafft und wartet.

Interessant ist auch, wo man beim Bundesforum Männer denkt, die gesuchte Prostituierte zu finden, die bereit ist, Wissenschaft für einen kleinen Obulus zu verkaufen. Gesucht wird unter Personen mit einem abgeschlossenen “sozial- oder rechtswissenschaflichen Studium”, die “sehr gute Kenntnisse im Bereich der Gleichstellungspolitik” haben. Die genannten Kriterien sind “erforderlich”. Weniger erforderlich, daher nur “erwünscht” sind “sehr gute Kenntnisse im Bereich Männerpolitik, Männerbewegung, Männerforschung, …Männlichkeitsforschung” und – zuletzt genannt – sehr gute Kenntnisse im Bereich der Arbeitsmarktpolitik bzw. -forschung”.

Warum sind die beiden zuletzt genannten Kenntnisse nur erwünscht? Kennen Sie jemanden, der “sehr gute Kenntnisse im Bereich der Gleichstellungspolitik” hat und gleichzeitig “sehr gute Kenntnisse im Bereich der Arbeitsmarktforschung”? Eben!

Wir werden beobachten, wer sich an das Bundesforum Männer verkauft und das Ergebnis, das die entsprechende Prostituierte als neuerliche Auftragsforschung und als neuerlichen Ausverkauf wissenschaftlicher Lauterkeit produziert, analysieren – we promise.

 

P.S.

Die Auftragsforschung hat den Titel “Männer und Erwerbsarbeitsstrukturen”. Das ist kein Zufall. Die Studie dient dazu, den Weg der Erhabenheit, vom Jungen, über den Mann zum Vater zu ebnen, zum Vater, der auf die Arbeit verzichtet, um sich um sein Kind zu kümmern. Beim Bundesforum gibt es eine klare Wertigkeit. Erst kommen Jungen, dann Männer und der Zenit der Wertigkeit wird mit dem Vatersein, jener Krönung einer bis dato belanglosen Existenz erreicht. Die selbe Wertigkeit gab es im Dritten Reich, nur war sie damals mit Kriegsdients und nicht mit Wickeldienst verbunden.

Die Zerstörung der Soziologie als Wissenschaft oder: Warum machen Soziologen nicht den Mund auf?

Seit der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Solidaritätsadresse für Soziologen wie Gerhard Amendt, die Hasskampagnen ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, gibt es in einigen Blogs eine Diskussion darüber, ob Soziologie überhaupt eine Wissenschaft darstellt oder nicht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Diskussion, die im Blog von Hadmut Danisch geführt wird.

Eine Anzahl von Kommentatoren, fühlt sich dazu berufen, der Soziologie als Ganzem den Wissenschaftsstatus abzusprechen. Andere kritisieren, dass sofern es Soziologen gibt, die noch Wissenschaftler sind, sich diese nicht zu Wort melden. Generell wird dabei Soziologie irrtümlicher Weise mit Geschlechterforschung und Geschlechterforschung mit Genderismus gleichgesetzt, d.h. in der Außenwahrnehmung vieler gibt es keine Soziologie ohne Genderismus mehr.

Dabei nimmt die nicht pöbelnde Kritik z.B. die folgende Form an:

Danisch“Ein zentraler Fehler der Soziologie ist dabei, dass sie gar nicht das Ziel hat, wissenschaftlich und beschreibend zu sein, sondern dass sie politisch ist, politische Ziele verfolgt, und sich nur darum dreht, wie sie die Gesellschaft gerne sehen und haben möchte. Keine andere Fakultät (außer noch den Juristen) ist so eng mit der Politik verflochten, ist so weit von Wissenschaft entfernt.”

oder:

“Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Wissenschaft hat, merkt bei Lesen soziologischer Schriften sofort, dass das mit Wissenschaft nichts zu tun hat, dass es nur ein „so tun als ob”, eben das Nachäffen des Gehabes ist. Zentrales Kernmerkmal dafür ist, dass Soziologie nicht auf Wissen, sondern auf Autoritäten beruht. Nie wird etwas inhaltlich-wissenschaftlich begründet.”

oder:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Beginnt man der Reihe nach, so muss zunächst ein Fehler beseitigt werden: Soziologen, wie alle Sozialwissenschaftler,  wollen nicht nur beschreiben, sie wollen auch erklären. Emile Durkheim, der Begründer der Soziologie, hat versucht, Selbstmord in seinen Formen zu erklären, er hat Methoden zur Erklärungen sozialer Tatbestände entwickelt. Insofern ist z.B. der Anspruch der Soziologie ein weitergehender als er hier gemutmaßt wird: Die berühmte Definition des Gegenstands von Soziologie, die Max Weber gegeben hat, lautet entsprechend: “Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988: 542).

Weber WissenschaftslehreDamit ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Zweck darin besteht, soziale Fakten zu verstehen und zu erklären, z.B. zu erklären, wie es dazu kam, dass der Genderismus an deutschen Universitäten Fuss fassen konnte. Um dies erklären zu können, muss man zunächst den Genderismus als die Ideologie, das religiöse Gebäude, das auf der unbelegten Behauptung, Frauen seien benachteiligt, basiert, verstehen, den Genderismus als die religiöse Heilslehre sehen, das politische Programm, die/das er ist. Entsprechend stellt sich nunmehr die Frage: Wie konnte es sein, dass sich eine religiöse Heilslehre wie der Genderismus an Universitäten und u.a. in den Instituten der Soziologie ausbreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage wäre entsprechend die von Weber eingeforderte Erklärung sozialer Phänomene.

Um soziale Tatsachen zu verstehen und zu erklären, gibt es einen methodischen Kanon, den wir in unserem Grundsatzprogramm zusammengestellt haben. Er sieht es vor, von allgemeinen Aussagen (Theorien) über soziale Fakten auszugehen und Hypothesen über konkrete soziale Gegenstände zu bilden, die prüfbar sein müssen und damit die Gefahr in sich tragen, an der Realität zu scheitern. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Soziologie im Besondern und Sozialwissenschaften im Allgemeinen hat Karl-Dieter Opp in seinem Buch “Methodologie der Sozialwissenschaften” ausführlich dargestellt, so dass jeder, der von sich behauptet, Sozialwissenschaftler oder Soziologe zu sein, nicht gleichzeitig Unkenntnis über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Soziologie heucheln kann. Wenn er Unkenntnis kund tut, dann verfolgt er offensichtlich andere als sozialwissenschaftliche oder soziologische Zwecke.

Die zur empirischen Prüfung notwendigen Methoden in qualitativer wie quantitativer Form finden sich in unzähligen Bänden, die dem Thema der Methoden der empirischen Sozialforschung gewidmet sind. Sie finden sich in qualitativer und in quantitativer Form, sie finden sich als Technik zur Fragebogenkonstruktion, als Methoden zur Datenerfassung, als Methoden zur Vermeidung eines Befragungs-Bias, als Darstellung suggestiver Befragungstechniken, die mit einem ethischen Bann belegt sind, schließlich finden sich Legionen von Darstellungen einzelner statistischer Methoden, von univariaten Auszählungen über die Darstellung bivariater Zusammenhänge bis zu multivariaten Verfahren.

RityerDie Soziologie als Fach, ist somit eines der wenigen Fächer der Sozialwissenschaften, die über einen theoretischen Korpus verfügen, den Forscher wie Jeffrey Alexander, Herbert Blumer, Gary Becker, Peter Blau, James Coleman, Randall Collins, Ralf Dahrendorf, Emile Durkheim, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Michael Hechter, George C. Homans, Talcott Parsons, Karl-Dieter Opp, Heinrich Popitz,  und viele mehr gelegt haben. Zudem verfügt die Soziologie über eine wissenschaftstheoretische Basis, die von Hans Albert, Karl Raimund Popper, Imre Lakatos oder Thomas Kuhn gelegt wurde und deren Tenor darin besteht, dass wissenschaftliche Aussage nachvollziehbar und vor allem nachprüfbar sein müssen. Aussagen, die nicht an der Realität scheitern können, sind entsprechend keine wissenschaftlichen Aussagen. Schließlich verfügt die Soziologie über eine Vielzahl von Methoden zur empirischen Prüfung, von der Datenerhebung bis zur Datenanalyse.

Kurz und mit Thomas Kuhn gesprochen: Die Soziologie ist eine der wenigen Sozialwissenschaften, die den Sprung aus dem, was Kuhn die vorwissenschaftliche Phase nennt, in die Phase der Normalwissenschaft vollzogen haben.

Und dann kam der Genderismus.

Dann kam die Unterminierung der Soziologie durch eine Religion, die keinerlei theoretische Grundlage hat, statt dessen auf der Verkündung, Frauen seien benachteiligt, aufbaut, wie jede Religion auf einem mystischen Schöpfungsakt aufbaut. Der Genderismus hat keinerlei wissenschaftstheoretische Basis, die den rudimentärsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, im Gegenteil: Nicht Nachvollziehbarkeit oder Nachprüfbarkeit ist das Credo des Genderismus, sondern politische Einflussnahme, so nachzulesen in dem, was prätentiös als feministische Wissenschaftstheorie benannt wird, ein Sammelsurium aus Versuchen, Werturteile, natürlich nur feministisch basierte Werturteile, zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen. Werturteile im wissenschaftilchen Erkenntnisprozess waren schon für Max Weber (1988: 609) das Ende von Wissenschaft, und sie sind es bis heute geblieben.

Aber: Genderismus ist ja auch keine Wissenschaft, sondern eine Religion, die die eigenen Werturteile als richtige Werturteile verbreiten will. Da die Zielsetzung von Genderismus darin besteht, die eigenen Werturteile als richtig in der Gesellschaft zu etablieren, gibt es auch keine wissenschaftlichen Methoden und Techniken der Datenerhebung. Die Intuition, die auf der Basis des Gefühls, Recht zu haben, fusst, ersetzt das nachprüfbare und methodengeleitete Vorgehen, das Wissenschaft auszeichnet. Kurz: Genderismus ist eine Heilslehre, eine Religion, die mit Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialwissenschaft im Besonderen nichts zu tun hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Genderismus dennoch an Universitäten und hier besonders im Bereich der Soziologie einnisten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Es gibt bislang keine Forschung, die untersuchen und darstellen würde, wie es gelungen ist, eine Religion an Universitäten zu etablieren. Entsprechend muss man, ganz in soziologischer Tradition, Hypothesen bilden, Hypothesen, die von einem Rational-Choice-Ansatz ausgehen, der wiederum, um mit Max Weber zu sprechen, annimmt, dass Akteure zielgerichtet und zweckrational handeln.

Homo sociologicusDa Genderismus eine Religion ist, die nicht nur die Konsequenz hat, Wissenschaft zu zerstören, sondern auch die Konsequenz, eine Wissenschaft wie die Soziologie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ein Unterfangen, das wie die Zitate oben zeigen, schon recht erfolgreich gewesen ist, liegt es nahe anzunehmen, dass eben diese Diskreditierung der Soziologie das Ziel ist, das mit der Unterwanderung der Soziologie durch den Genderismus erreicht werden soll.

Die Frage nach dem Warum, ist leicht zu beantworten: Vor dem Einfall des Genderismus war Soziologie ein Fachbereich, in dem eine Mehrheit klare methodische Standards und wissenschaftstheoretische Grundlagen geteilt hat. Soziologie war eine kritische Wissenschaft (das hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, eher im Gegenteil: Soziologie war trotz Habermas kritisch). eine Wissenschaft, die Ergebnisse auf geprüfter empirischer Basis erzielt hat, Ergebnisse, die im Gegensatz zu den Machtverhältnissen in der deutschen Gesellschaft und den Ideologien von Politikern standen.

So betrachtet, wäre die Zersetzung der Soziologie, ihre Zerstörung durch staatstreue Genderisten ein gezieltes Vorhaben, eine Hypothese, die nun der Prüfung harrt (Diese Hypothese ist prüfbar und das ist, was sie von einer Verschwörungstheorie unterscheidet).

Und warum haben die alten Soziologen, diejenigen, die dem wissenschaftlichen Korpus der Soziologie verpflichtet sind, dabei zugesehen, wie ihre Wissenschaft zerstört und durch feministischen Kauderwelsch ersetzt wurde, einen Kauderwelsch der die Soziologie, wie die Zitate oben zeigen, in der Außenwahrnehmung so sehr beherrscht, dass Soziologie mittlerweile mit Genderismus gleichgesetzt wird?

Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beanwtorten. Vermutlich ist hier ein Prozess am Werk, wie ihn Soziologen beschreiben, die sich mit emergenten Effekten beschäftigen. Jeder Soziologie-Professor ist seine eigene Insel. Die Kosten für eine Organisation von Soziologie-Professoren, die Kosten für die Organisation von Widerstand sind zu hoch, als dass sie überwunden werden könnten. Also sehen sich die Einzelkämpfer-Professoren einem organisierten Auftrieb gegenüber, der als angeblicher politischer Wille, Genderismus in die Wissenschaft implementiert, und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.

Dass Fächer per politischem Willen in Universitäten implementiert wurden und nicht aufgrund einer entsprechenden Entscheidung der scientific community ist recht selten: Neben dem Genderismus, gibt es wenige Beispiele, am bekanntesten ist der Marxismus-Leninismus, den die religiösen Herrscher des erfolgreichsten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der immerhin 40 Jahre den Mangel verwaltete, ehe ihm die Banane den Garaus machte, etabliert haben, und das ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Religionen.

Damit sind wir zurück beim einem der drei Zitaten von oben:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Das schreibt Hadmut Danisch und damit will er im Umkehrschluss belegen, dass es keine seriösen Wissenschaftler in der Soziologie gibt. Das ganze Argument krankt zwar daran, dass es auf einer Tautologie aufbaut, aber das Anliegen, das dieses Argument hervorgebracht hat, ist legitim, beschreibbar als Frage: Warum machen Soziologen, also die wenigen Wissenschaftler, die es in der institutionalisierten Soziologie noch gibt, nicht den Mund auf (freien Wissenschaftler, wie der Soziologin Dr. habil. Heike Diefenbach kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie würde nicht den Mund aufmachen)?

FestingerWir haben, ehrlich gesagt, keine Antwort auf diese Frage. Eine Hypothese, die wir anbieten können, basiert auf der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die bekanntlich vier mögliche Strategien der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen sieht, kognitiver Dissonanzen, wie sie sich unwillkürlich einstellen, wenn ein Soziologe, der Wissenschaft betreiben will, mit Vertreter der Genderreligion konfrontiert ist:

(1) Der Soziologieprofessor kann sich einreden, die Gefahr, die von der Gender Sekte in seinem Fachbereich und für seine Wissenschaft ausgeht, sei nur gering, sei vernachlässigbar, die Soziologie als solche vom Genderglauben nicht tangiert.

(2) Er kann sein Verhalten ändern und seinen Beruf als Soziologe an den Nagel hängen.

(3) Er kann sein eigenes Verhalten neu einschätzen und sich sagen, dass er die Methodik und Wissenschaftlichkeit von Soziologie vielleicht zu eng sieht.

(4) Er kann seine Sicht auf Genderismus ändern und sich einreden, dass Genderismus gar keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist.

Wir sehen Alternative (1) als die wahrscheinlichste Alternative an. Egal, welche der Alternativen das profunde Schweigen von Soziologen erklärt, mit dem sie der Zerstörung ihrer Wissenschaft zusehen, es bleibt die kognitive Dissonanz. Egal, welche Alternative einzelne Wissenschaftler für sich wählen, die Dissonanz geht davon nicht weg. Sie mag zeitweise in den Hintergrund treten, sie mag abgemildert werden, doch sie kehrt wieder, regelmäßig, und zwar so lange, so lange es noch Wissenschaftler unter den Soziologen gibt, wobei die Außenwahrnehmung der Soziologie, wie der Sozialwissenschaften insgesamt, den Eindruck vermittelt, als wäre es den Genderisten längst gelungen, beide, Soziologie wie Sozialwissenschaften, in der Meinung der Bürger gründlich zu diskreditieren.

Hass auf Heterosexualität: Gegenwartsverlierer und ihr gestörtes Verhältnis zu Kritik

Hass und Heteronormativität, so lautet die Überschrift eines Beitrags in Jungle World, auf den uns ein Leser dankenswerter Weise hingewiesen hat. Christian Jakob, Autor des besagten Beitrags, der mit “Hassanfälle hat er täglich” beginnt und Akif Pirincci zum Gegenstand hat, versucht in seinem Beitrag ein sehr schwieriges Framing zu schaffen: Wie schreibt man über einen Gegenstand, den man verabscheut, ja hasst, ohne zu sagen, dass man ihn hasst.

king louisDie pseudo-intellektuelle Art, die in den Teilen der Mittelschicht Anwendung findet, die sich aus welchen Gründen auch immer, für distinguiert halten (vermutlich weil sie den Inhalt von Pierre Bourdieus “feinen Unterschieden” nur aus vierter Hand kennen und gänzlich missverstanden haben), funktioniert hintenrum: Man unterstellt anderen, denn man selbst macht sich natürlich nicht die Hände schmutzig, tägliche Hassanfälle, zum Beispiel, sekundiert von einer “Fangemeinde von  alten und neuen Rechten”, man berichtet von furchtbaren Einträgen auf Facebook, die zwischenzeitlich “offenbar gelöscht” wurden (Nachprüfung entsprechend unmöglich), man zitiert die wüstesten Ausfälle von Kommentatoren, die man finden kann, natürlich nur aus Gründen der Darstellung, nicht, weil sie einem besonders geil machen, streut die gelegentliche “Hasstirade” ein und  gestaltet damit den Rahmen, den man Lesern vorgeben will, denn: die Bösen sind nun benannt.

Jetzt kommen die vermeintlich Guten. Elisabeth Tuider ist eine vermeintlich Gute. Sie ist ganz urplötzlich und ohne eigenen Anteil Opfer von Kritik geworden. “Ihre Kontakdaten” hat sie von ihrer Homepage bei der Universität Kassel gelöscht, sie ist “abgetaucht”, wie Jakob weiß, und dabei ist alles, was sie wollte, Kindern und Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Sexualität zu helfen und vor allem ihren Lehrern Hilfestellung bei Antworten auf Fragen, die sie täglich gestellt bekommen, zu geben, Fragen wie: “Wie richtet man eigentlich ein Bordell ein, das auf die sexuelle Orientierung seiner Kunden Rücksicht nimmt?” oder “Wie geht Analverkehr?”. Kinder und Jugendliche bewegt nichts mehr als diese Fragen, so weiß Tuider, woher auch immer.

Und nach den vermeintlich Guten kommen die vermeintlichen Helfer der vermeintlichen Guten, jene, die im Fahrwasser der Kritik fahren, die die vermeintlich Guten ernten, und versuchen, dabei das Beste für sich herauszuschlagen, ein Unterfangen, das nicht jedermanns Sache ist: Wer eigene Ideen hat, ist ungeeignet. Wer nicht von Ideologien profitieren will, ist ungeeignet. Wer eine klare, argumentierbare und in Fakten basierte Position hat, ist ungeeignet. Kurz: als vermeintlicher Helfer vermeintlich Guter eignen sich nur Ideologen, die anders als mit vermeintlicher Gutheit, keinen Blumentopf gewinnen, die im Diskurs der Argumente untergehen, weil sie Emotionen verkaufen, und zwar in der Form von Bewertungen.

politische DenunziationVerkäufer von Emotionen, die keine Argumente, aber Mengen von Bewertungen feil bieten, sind in den letzten Jahren an sozialwissenschaftlichen Instituten von Universitäten leider häufig geworden. Als Günstlinge des Staatsfeminismus installiert oder als neo-marxisische oder neo-kommunistische Sprach-Phönixe aus der Asche des real existierenden Sozialismus wie ein Golem geformt, verbreiten sie ihre Bewertungen, weil sie zur Verbreitung von Argumenten nicht kompetent sind. Und nun ist ihnen etwas ungeheuerliches Widerfahren: Sie werden kritisiert. Sie werden aufgefordert, ihre Berechtigung an Universitäten ein Dasein zu fristen, zu begründen, zu zeigen, welche gesellschaftlichen Vorteile daraus erwachsen, dass sie von Steuerzahlern finanziert werden.  Das ist ungeheuerlich und fordert eine Reaktion. Welche? Die übliche: Bewertungen und Emotionen an Stelle von Wissen und Argumenten – schließlich kann man nun mal nichts anderes.

Da ist zum Beispiel Paula-Irene Villa, die nach Ansicht von Christian Jakob eine Münchner Soziologin ist. Vermutlich ist er deshalb dieser Ansicht, weil Frau Villa es geschafft hat, einen Lehrstuhl für, na raten Sie, richtig: “Soziologie/Gender Studies” zu besetzen. Man beachte vor allem den Trennstrich zwischen Soziologie und Gender Studies, denn der Trennstrich ist wichtig: er trennt das Unvereinbare: Soziologie hat mit Gender Studies so viel gemeinsam wie Wissenschaft mit Theologie – nichts.

Wie wenig Frau Villa in den Grundlagen einer Wissenschaft bewandert ist, für die sie einen Lehrstuhl besetzt, haben wir bereits in der Vergangenheit dargestellt. Aber selbst wenn wir es nicht bereits dargestellt hätten, ihre Originaltöne, die Jakob in seiner Dschungel-Welt verarbeitet, sind ausreichender Beleg, denn: Argumente sucht man vergebens. An ihrer Stelle findet man Klagen und Bewertungen: Von Leuten, die “antigenderistisch” unterwegs seien, weiß Villa, Leuten, die das “Feld der Gender Studies diffamieren” als “Feminazis, die auf Steuerkosten die eigene Karriere vorantreiben” ist die Rede. “Aggressive Gruppen” seien dies, die sich gegen gesellschaftliche Modernisierung wenden, wobei die gesellschaftliche Modernisierung offensichtlich darin besteht, Kinder und Jugendliche über Analverkehr zu unterrichten. Und so fragt sich Villa, sind das nun “Modernisierungsverlierer” oder “Modernisierungsverängstigte”, die als “aggressive Gruppen” die “Gender Studies diffamieren”.

Warum ist Villa kein Wissenschaftler?

Sie hat kein Erkenntnisproblem. Sie weiß genau, was gut und was richtig ist, sie kennt den Schlüssel zum Heil, in das, was wir als wissenschaftsfreie Nach-Moderne beschrieben haben. Seltsam nur, dass sie selbst in einem archaischen Bild von der Gesellschaft verharrt. Die Moderne und deren Verlierer sind Themen, die in der Soziologie seit Immanuel Wallerstein, also spätestens seit den 1970er Jahren gegessen und weitgehend verdaut sind. Dass Wilhelm Heitmeyer den Ladenhüter in den 1980er Jahren in die deutschen Versuche, Rechtsextremismus zu erforschen, eingeführt hat, macht ihn nicht “moderner”.

Modernity in 19ctAber selbst wenn man mit Frau Villa von der Existenz einer zeitlosen Moderne, die so zeitlos ist, dass man sich fragt, wann es eine Antike gegeben haben kann, ausgeht, so erfodert der Typus des Modernisierungsverlierers doch auch sein Gegenstück, den Modernisierungsgewinnler, den man sich dann wohl als jemanden vorstellen muss, der kein Problem mit Analverkehr hat und ansonsten versucht, als Günstling des Staatsfeminismus Karriere zu machen. Dass es Menschen geben könnte, denen ihre Integrität wichtig ist, die sich wegen ihrer Integrität nicht verkaufen, kommt Frau Villa nicht in den Sinn, aber sie ist ja auch der Ansicht, Kinder und Jugendliche müssten bereits über die Art und Weise, in der ein Bordell betrieben wird, Bescheid wissen.

Aber es geht Frau Villa ja auch nicht um eine Beschreibung sozialer Fakten, wie dies der Gegenstand der Soziologie ist, seit sie Emile Durkheim begründet hat, nein, es geht ihr um Bewertung, Abwertung um genauer zu sein. Sie glaubt offensichtlich an eine Art Wortmagie: Sie sagt: “aggressive Gruppen”, denn “aggressiv” ist schlecht im Weltbild der Frau Villa. Sie sagt: “Modernisierungsverlierer”, “Modernisierungsverängstigte” und meint, der so Bezeichnete rennt nun ins Bockshorn und wartet dort auf bessere Zeiten. Die einzigen, die derartiger Wortmagie zugänglich sind, sind die, die daran glauben, Leute wie Villa und Jakob, die immer noch denken, man könne Menschen mit Begriffen manipulieren, mit Emotionen, bräuchte keine Argumente.

Sie haben die Rechnung ohne die oben angesprochene Integrität gemacht, und wenn man auch nicht unbedingt erstaunt darüber sein muss, dass Villa Integrität nicht auf der Rechnung hat, immerhin ist Integrität ein Fremdwort, so muss man doch einmal mehr konstatieren, dass ausgerechnet diejenigen, die reflexiv sind und über alles, was andere betrifft, Reflexionen anstellen, nicht in der Lage sind, über ihre eigene Wirkung auf andere zu reflektieren. George Herbert Mead, der von diesen Möchtegern-Soziologen zuweilen vereinnahmt wird, der von der Fähigkeit, sich selbst und seine eigene Wirkung zu antizipieren als “Looking-Class-Self” geschrieben hat, würde – würde er noch leben – seine Theorie für zukünftige Generationen einfrieren, angesichts der Unfähigkeit derjenigen, die heute medienwirksam Soziologe oder Sozialwissenschaftler spielen.

Und natürlich, wenn es darum geht, Bewertung abzugeben, zu behaupten und nicht zu belegen, dann darf Thomas Viola Rieske von mittlerweile “Dissens” nicht fehlen. Rieske hat, seit er dafür bezahlt wurde, im Namen der GEW die Realität der Nachteile von Jungen im Bildungssystem in Abrede zu stellen, ein mehr als gestörtes Verhältnis zu eben dieser Realität und zu etwas, was er “Maskulismus” nennt. Und jenem Maskulismus, dessen imaginäres Stadium bei Rieske schon zur Phobie zu werden droht, widmet er den Versuch, die ganze Schlechtigkeit der Kritik, die neuerdings auf vermeintlich Gute, die Kinder und Jugendliche sozialtechnologischen Experimenten unterziehen wollen, ohne dass sie eine Idee davon, gar Untersuchungsergebnisse darüber hätten, wie die Experimente auf die 12 bis 15jährigen, die ihnen unterzogen werden, wirken, um deren ganze Schlechtigkeit deutlich zu machen:

“Pirinccis Kritik sei ‘extrem nah an dem, was Maskulismus mit Feminismus macht: Immer krass persönlich beleidigend, dabei wird dann mit Verschwörungstheorien gearbeitet, die Lesben übernehmen die Welt und der Feminismus den Staat”

Wissen Sie, was das Problem an den Pseudo-Intellektuellen aus der Mittelschicht ist, die versuchen, indirekt zu beleidigen und sich quasi auf eine “über-Ebene” der Beleidigung zu stellen: Sie gleichen der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt: Seine Not, Maskulismus und Feminismus zusammen mit Pirincci in die Welt der Bösen zu stellen, hat Rieske dazu veranlasst, eine klassische Verschwörungstheorie zu entwerfen, auf deren Basis er dann anderen eine Verschwörungstheorie vorwirft: Denn was anderes als eine klassische Verschwörungstheorie ist es, wenn man “dem Maskulismus” vorwirft, er verbreite eine Verschwörungstheorie über “den Feminismus”?

Wenn Sie also demnächst den Maskulismus treffen, wie er sich krass beleidigend gegen den Feminismus stellt, dann wissen Sie: Der Maskulismus ist eine Verschwörung, die die vermeintliche Verschwörung des Feminismus verhindern will. Rieske ist zwischenzeitlich bei Dissens angestellt, einem Netzwerk, das im Widerspruch zur “HERRschenden Männlichkeit” steht, und das schon seit 1989. Seit 1989 bildet man sich bei Dissens also ein, es gebe eine “HERRschende Männlichkeit”. Das kann nicht folgenlos bleiben, insbesondere dann nicht, wenn die eigenen Behauptungen und Bewertungen, die seit 1989 ungeprüfte Grundlage eigenen Nutznießens waren, plötzlich hinterfragt werden, ja kritisiert werden, wenn plötzlich Blogs wie ScienceFiles verlangen, dass Belege für die aufgestellten Behauptungen vorgetragen werden. Dass die damit ausgelöste Angst, zu Gegenwartsverlierern zu werden, dass eine entsprechend Gegenwartsängstlichkeit alle Nutznießer des Staatsfeminismus erfasst, sie wild, emotional bewertend, verbal um sich schlagen sieht, weil ihnen das Argumentieren nicht in die Wiege gelegt wurde (sonst würden sie z.B. Genderismus nicht mit Wissenschaft verwechseln, also Ideologie nicht mit Wissenschaft), ist daher nachgerade verständlich.

Was uns zum abschließenden Statement einer “Fachgesellschaft Gender Studies” bringt, bei der es jemanden gibt, der wohl nicht genannt werden will und sagt: Es gebe einen Versuch: “die Geschlechterforschung als ‘unwissenschaftlich’ zu denunzieren”.

junk scienceUnd wieder finden wir die Bewertung, wo man das Argument erwartet. Wenn die Geschlechterforschung wissenschaftlich ist, was ist leichter, als den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu entkräften? Die Studienergebnisse, die Forschung zur Verbesserung wissenschaftlicher Methoden all das, was eine Wissenschaft auszeichnet, es zu produzieren und als Beleg anzuführen, sollte eine Leichtigkeit sein. Aber Belege gibt es offensichtlich nicht. Es gibt Bewertungen, Aufgeregtheit, ja Empörung ob der Unglaublichkeit, dass nach einem Beleg für die behauptete Wissenschaftlichkeit der Geschlechterstudien gefragt wird. Nach Jahren des unbekümmerten Nutznießens ist dies in der Tat ein herber Schlag, und selbst die für Ideologen so wichtige Benutzung ironischer Anführungszeichen geht, angesichts dieser Unglaublichkeit in die Hose, da man sich nicht gleichzeitig von denen per ironischem Anführungszeichen differenzieren kann, die Geschlechterstudien für unwissenschaftlich halten und behaupten kann, sie würden eben jene Geschlechterstudien als unwissenschaftlich denunzieren. Das Ergebnis gleicht der doppelten Verneinung oder wie jeder aus dem Mathematikunterricht weiß: minus mal minus gibt plus.

Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass mit klaren Methoden nachvollziehbare und nachprüfbare Ergebnisse produziert werden, die einen Erkenntnisgewinn darstellen. So lange es aus der Geschlechterforschung und den Gender Studies nichts davon gibt, ist der Schluss klar: Gender Studies sind keine Wissenschaft. Und das wiederum ist ein Faktum. Kurz: Man kann etwas, das nicht wissenschaftlich ist, nicht als unwissenschaftlich denunzieren, denn das Adjektiv “unwissenschaftlich” ist in diesem Fall eine Beschreibung der Realität und keine Bewertung, und damit sind wir wieder bei den Problemen, die Ideologen mit Argumenten haben, den Problemen, die überhaupt erst ihre Vorliebe für Bewertungen begründen.

Bleiben noch fünf Feststellungen zum Ende:

(1) Toleranz gegen Andersdenkende ist bei den Villas und Tuiders, bei all denen, die so modern zu sein vorgeben, nur dann vorhanden, wenn die Andersdenkenden nicht wirklich anderer Meinung sind. Die Toleranz endet da, wo offene Kritik erfolgt, wo Belege und Begründungen eingefordert werden. Dann holen die selbst-erklärten Toleranten die Keule und bewerten Andersdenkende als Rechte oder als Vormoderne.

(2) Der beleidigende Stil, den Intolerante wie Villa und vor ihr viele Genderisten in den öffentlichen Diskurs eingeführt haben, bleibt nicht ohne Antwort: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es einem entgegen. Das ist eine vormoderne Weisheit, was erklärt, warum Genderisten wie Villa sie nicht kennen.

(3) Wären Genderisten Wissenschaftler, Kritik wäre ihr Lebenselixier. Zuwachs an Erkenntnis, Wachtsum von Wissen ist ohne Kritik, ohne die Beseitigung des veralteten, zuweilen falschen, durch das neue, bessere Wissen nicht möglich. Wer Kritik fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser hat offensichtlich das Problem, dass er keine Verbesserung, keinen Wissenszuwachs will, weil Verbesserung und Wissenszuwachs das Ende jeder Ideologie sind.

(4) Wären Genderisten Wissenschaftler, sie würden sich fragen, was die heftigen Reaktionen auf das, was sie für harmlose, moderne Vorschläge halten, ausgelöst, ja verursacht hat. Sie würden sich fragen, warum so viele der Ansicht sind, Analverkehr habe nichts im schulischen Unterricht verloren. Aber statt Argumenten gibt es Denunziation: Wer kritisiert ist vor-modern, ein Verlierer der Modernisierung, eben falsch – anstelle von Erklärungsversuchen gibt es die Abkanzlung, die Einteilung der Welt in gut und böse, wie sie für Ideologen ein Markenzeichen ist.

(5)Schließlich: wären Genderisten Wissenschaftler, sie hätten von Anfang an Argumente und Begründungen an die Stelle von Bewertungen und Behauptungen gesetzt, hätten ihre Position mit empirischer Forschung zu untermauern gesucht. Dass sie es nie getan haben, ist der beste Beleg dafür, dass Genderisten nicht an Wissenschaft, sondern an Nutznießen, Brunnenvergiftung und Ideologie interessiert sind.

Und vielleicht liegt eben hier die Ursache für die heftige Ablehnung, die sie zu erfahren scheinen.

Wissenschaftler wollt Ihr sein? Eine pseudo-wissenschaftliche Wortorgie über die AfD

“Türöffner nach Rechts: Die Alternative für Deutschland”, so ist ein Beitrag in “Gegenblende”, dem selbst ernannten Debattenmagazin des DGB, in dem bislang keine einzige Debatte stattgefunden hat, überschrieben. Geschrieben haben den Beitrag Prof. Dr. Samuel Salzborn und Dr. Alexandra Kurth, die beide für sich in Anspruch nehmen, Politikwissenschaftler zu sein. Warum? Weil sie u.a. Politikwissenschaft studiert haben, eine Position an einer Universität einnehmen und behaupten, politikwissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte zu haben.

Gegenblende“Türöffner nach Rechts” gehört in die Kategorie von Texten, die man wohl besser als “Türöffner in den Wahnsinn” bezeichnen würde, denn er hat keinen konkreten Gehalt, ist in Teilen primitiv, arbeitet mit derogativen Adjektiven anstelle von Argumenten, offenbart ein Verständnis von Wissenschaft, das einem das kalte Grausen über den Rücken jagt, ist, mit anderen Worten, ein Pamphlet, das mit Sicherheit nicht von Wissenschaftlern geschrieben wurde.

Stammleser von ScienceFiles wissen: Wir vertreten eine klare Auffassung davon, was Wissenschaft ist und wer sich als Wissenschaftler qualifiziert. Ein Wissenschaftler wird man demnach nicht, weil man studiert hat oder auf eine Position gesetzt wurde. Wissenschaft und Wissenschaftler zeichnen sich durch wissenschaftliche Methoden und vor allem den Versuch aus, nachprüfbare Erkenntnisse zu einem Erkenntnisgegenstand zu produzieren.

Salzborn und Kurth sind nach dieser Definition keine Wissenschaftler, schon deshalb nicht, weil sie sich als Verlautbarungswissenschaftler darstellen, wie wir nun zeigen werden.

Der Beitrag auf “Gegenblende” hat die AfD zum Gegenstand (übrigens ein ziemlich einfallsloser Name für ein “Debattenmagazin”, zumal eine Gegenblende letztlich nichts anderes kann, als das zurückzugeben, was auf sie gerichtet wird. Aber vielleicht sind Gewerkschaftler ja gar nich zu eigenen Ansichten fähig, sondern nur dazu, auf anderer Menschen Ansicht zu reagieren, und dann wäre Gegenblende ja korrekt).

Die AfD, so wird uns mitgeteilt, ist gerade in das Europaparlament eingezogen, mit sieben Sitzen und 7,1% der gültigen Stimmen. Aber es sei fraglich, ob die AfD deshalb als etablierte Partei anzusehen sei. Es ist genau einen Satz lang fraglich, denn im Gegensatz zu ihren “Vorgängern”, so schreiben Kurth/Salzborn, verfüge die AfD über “deutlich mehr Finanzmittel”. Der Hinweis auf die größeren Finanzmittel der AfD im Vergleich zu ihren “Vorgängern”, macht nur dann Sinn, wenn gezeigt werden soll, dass die AfD sich im Gegensatz zu ihren “Vorgängern” etabliert hat, was im direkten Widerspruch zur von Salzborn und Kurth proklamierten Fraglichkeit derselben steht. Aber: Beide wollen in ihrem gegengeblendeten Beitrag zeigen, dass das Programm der AfD Widersprüche aufweist, und deshalb wollen sie der AfD in Punkto Widerspruch wohl nicht nachstehen.

Es ist an der Zeit, ein paar Adjektive fallen zu lassen: antisozial, gewerkschaftsfeindlich und antifeministisch, das sind die drei größten Sünden, die man nach Ansicht von Salzborn und Kurth heutzutage begehen kann (aber die drei größten Lobe in den Augen anderer), und die AfD begeht sie alle, und macht nicht einmal Anstalten, sich in einem gewerkschaftlichen Beichtstuhl einzufinden!

Die AfD, so behaupten die Salborn Kurths, gebe sich ideologiefrei, behaupte, Sachverstand, nicht Ideologie treibe die Partei. Das, so lachen die Autoren, sei doch Unsinn, denn bereits der “neoliberale Wirtschaftswissenschaftler” und “fromme evangelisch-reformierte Christ” Bernd Lucke belege das Gegenteil, und das Gegenteil zeige sich auch in den “marktradikalen”, “staatsfeindlichen”, “antiegalitären” und “antisozialen” Prämissen der AfD. Man hätte an dieser Stelle gerne noch ein paar mehr Adjektive gehabt, aber scheinbar ist das Kurth/Salzbornsche Feindbild eher beschränkt.

Wissen die beiden angeblichen Politikwissenschaftler eigenlich, was sie schreiben? Etwa dann, wenn sie Sachverstand und Ideologie in eine diametrale Stellung zueinander bringen? Nicht dass wir hier anderer Ansicht wären. Wir schreiben seit Jahren, dass man entweder Ideologe oder sachverständig, aber nicht beides sein kann. Und nun sagen zwei studierte und lehrende Politikwissenschaftler, dass Politik mit Sachverstand nicht möglich sei, sondern nur mit Ideologie. Und um ihre Ansicht zu belegen, werfen sie ihre eigene Ideologie geradezu vor die Füße der Leser. Man hat richtig den Eindruck, einem ideologischen Keuchhusten beizuwohnen, der in regelmäßigen Abständen “antisozial”, “staatsfeindlich”, “antiegalitär” und “marktradikal” hervorwürgt.

Alle vier Adjektive haben eines gemeinsam: Sie stellen eine Bewertung dar. Wie die Dinge nun einmal so liegen, sind alle vier Bewertungen Bewertungen die Salzborn-Kurthschen Ursprungs sind und somit ihre Bewertungen, die absolut nichts über die AfD aussagen. Sie sagen aus, was Kurth/Salzborn von der AfD denken, wie sie sie bewerten, und dabei bleibt es auch, denn die vermeintlichen Wissenschaftler können ihren Adjektiv-Keuchhusten mit keinerlei Belegen verbinden.

Adam Smith WealthWie heftiges Husten in der Regel ein Indiz für eine Erkrankung darstellt, so stellt der häufige Gebrauch von wertenden Adjektiven in derogativer und nicht-belegter Weise ein Indiz dafür dar, dass sich jemand im Zustand ideologischer Trance befindet, ein Zustand, der vielleicht durch eine zu große Distanz zwischen Denken und Realität, vielleicht durch neuronale Missfunktionen ausgelöst wird, wie auch immer, er führt dazu, dass sich die ideologisch Benebelten regelmäßig in ideologische Extase schreiben:

Eine Kosteprobe: “Zugleich will die AfD, ganz in der Tradition von Adam Smith, Gewinne privatisieren und Risiken und Verluste verstaatlichen und so vordergründig den “kleinen Mann” entlasten”

Erste Reaktion: Lachen.
Zweite Reaktion: lauteres Lachen.
Dritte Reaktion: Tränen aus den Augen wischen.
Vierte Reaktion: “Die wollen an der Universität sein?”

Besagter Adam Smith, dessen Hauptwerke den Titel “An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” und “Theory of Moral Sentiments” tragen, hat im 18. Jahrhundert gelebt, und mithin in einem Jahrhundert, indem sich Fragen nach der Verstaatlichung von Verlusten durch Bankenrettung nicht gestellt haben. Wenn Banken zahlungsunfähig waren, dann gingen sie Bankrott. Ein Wohlfahrtsstaat war nämlich zu Adam Smith Zeiten, der viel Papier dafür benutzt hat, die Vorteile von “sympathy” im ökonomischen Handeln, also von Empathie darzustellen, gänzlich unbekannt, bekannt war dagegen Mildtätigkeit. Und es wird Kurth/Salzborn überraschen, aber Einkommenssteuer war zu Adam Smiths Zeiten ebenso unbekannt wie Lohnsteuer. Ganz offensichtlich haben Salzborn und Kurth nicht einmal den Hauch einer Idee, wer Adam Smith ist, wann er gelebt hat, was er geschrieben hat und wozu er geschrieben hat, und man kann sich nur wiederholen: Die wollen an der Universität sein?

Aber es kommt noch besser: Unter der Überschrift “Antiparlamentarischer Nationalgallismus” gibt es Folgendes zu lesen:

“Zugleich kokettiert die Ideologie des wirtschaftswissenschaftlichen Expertentums, das sich auf vermeintlich neutralen Sachverstand stützt, auch mit der weberianischen Idee der gelenkten und gesteuerten Demokratie, in der vermeintlich neutrale Experten Entscheidungen treffen – und nicht Mehrheiten”.

Gemeint ist hier Max Weber, der den Begriff der plebiszitären Demokratie geprägt hat, und zwar im Zuge seiner (Mit-)Arbeit an der Weimarer Verfassung, die in ihrer Liberalität die Bonner Verfassung weit in den Schatten stellt. Die Idee der Herrschaft des Sachverstands stammt dagegen von Plato, der sie als Herrschaft der Philosophen ausgeführt hat. Abermals weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, ob der völligen Ahnungslosigkeit dieser Positionsinhaber, die an Universitäten auf Studenten losgelassen werden.

Aber ganz so ahnungslos sind sie gar nicht. Es gibt etwas, wovon sie Ahnung haben, von Gender Mainstreaming haben sie Ahnung, oder besser: Sie kennen die einschlägigen Schriften zu Gender Mainstreaming, die das Bundesministerium für FSFJ veröffentlicht hat. Und daraus zitieren die Autoren ausgiebige 17 Zeilen ihres 115 Zeilen langen Beitrags. Man ist fast gewillt, Ihnen auf die Schultern zu klopfen und Fleisskärtchen zu verteilen, aber halt nur fast, denn wieder merken Salzborn-Kurth nicht, was sie schreiben.

So ist bei der AfD ganz furchtbar und antifeministisch, dass sie die “Gleichberechtigung der Geschlechter unter Anerkennung ihrer unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen- und Lebenssituationen” fordert. Das, so merken wir uns, ist antifeministisch.

Jaspers WeberIm Einklang mit der Lehre, mit Gendermainstreaming ist, was das Bundesministerium für FSFJ schreibt, so teilen Kurth Salzborn ihren Lesern mit, also: dass “bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interesse von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig” berücksichtigt werden sollen. Denn: “das Leitprinzip der Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet die politischen Akteure, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern zu analysieren und ihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur Förderung einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen”.

Sehen Sie den Unterschied zwischen den “unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen und Lebenssituationen” die die AfD Männern und Frauen attestiert und den “unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern”, den “unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen von Frauen und Männern”, die Kurth/Salzborn im Auftrag des BMFSFJ favorisieren?

Wir auch nicht. Beide teilen eine Großzügigkeit, die Menschen Interessen, Bedürfnisse und Rollen zugesteht und beide sind der Ansicht, dass sich Männer und Frauen grundlegend unterscheiden, teilen somit einen entsprechenden Essentialismus und Sexismus. Offensichtlich ist die ideologische Extase, in die sich Kurth/Salzborn geschrieben haben, so umfassend gewesen, dass nichts von der Realität übrig geblieben ist und so endet ihr Beitrag, wie er begonnen hat, mit einem Widerspruch.

Was Personen wie Kurth und Salzborn an Universitäten zu suchen haben, ist uns ein Rätsel, und derzeit sind wir uns auch nicht sicher, ob sie besser im Betreuten Wohnen oder im Vorstand des DGB aufgehoben sind, in jedem Fall gehören sie nicht an eine Universität, schon weil ihnen wissenschaftliches Arbeiten ebenso fremd ist, wie die Werke von Adam Smith und Max Weber .

Letztere kennt übrigens Karl Jaspers aus dem FF und aus seiner Biographie Max Webers wollen wir zwei kurze Zitate entnehmen, die gerade sehr gut passen, und anschließend können Kurth/Salzborn dann zumindest von sich sagen, dass sie zwei Zitate von Jaspers über Weber kennen:

“Die Vernunft der politischen Denkungsart verlangt Erkenntnis. Diese rein und redlich zu vollziehen ist Bedingung der Klarheit des politischen Willens” (Jaspers, 1988: 120).

Mit anderen Worten: Politik kann gerade nicht auf Ideologie beruhen. Sie muss auf Sachverstand, Faktenkenntnis, also auf dem beruhen, was Wissenschaftler in der Vergangenheit gewöhnlich bereit stellen,

“Welche Ziele auch immer in der Politik ergriffen werden, die Politik selber gründet sich, wenn sie groß und ernst ist, jederzeit auf Verantwortung” (Jaspers, 1988: 121).

Aber nicht nur Politiker tragen eigentlich Verantwortung, auch Wissenschaftler tun dies. Wer verantwortungslos schreibt, das Ziel, seine Leser mit Falschheit und Bewertung zu manipulieren verfolgt, das Ziel, seine Leser mit Informationen zu eigener Bewertung fähig zu machen, dagegen nicht, kann entsprechend kein Wissenschaftler sein, bestenfalls ein verantwortungsloser Ideologe und für den weder in Politik noch in Wissenschaft ein Platz ist, aber vielleicht im Betreuten Wohnen.

Lehrer derzeit nicht gut genug

Manchmal stolpert man über Pressemeldungen, die dazu führen, dass man mehrfach liest, um sicherzustellen, dass man richtig gelesen hat. Die Pressemeldung “Qualitätsoffensive Lehrerbildung gestartet” des BMBF ist eine solche Pressemeldung.

BMBFKurz zur Einordnung: Lehrer, das sind diejenigen, die in Schulen beschäftigt sind. Schulen, das sind die Institutionen, die Kinder und Jugendliche mit einem Bildungsabschluss versorgen sollen. Kinder und Jugendliche werden in Deutschland sehr ungleich mit einem Bildungsabschluss versorgt:

  • Jungen schneiden seit Jahren, ohne dass es jemanden stört, schlechter ab als Mädchen;
  • Kinder aus der Unterschicht bleiben im Hinblick auf schulische Bildung weit hinter Kindern aus Mittel- und Oberschicht zurück, was gelegentlich lamentiert, aber mitnichten verändert wird;
  • Kinder aus Migrationshintergrund, egal, wie lange der Migrationshintergrund zurückliegt, schneiden bei der schulischen Bildung schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund, was gewöhnlich mit dem alten Ladenhüter der Sprachbeherrschung erklärt werden soll;

Bildungsforscher, die derartige Muster im Hinblick auf den Bildungserfolg nach Geschlecht, Schicht oder Migrationsstatus sehen und ihr Geld Wert sind, können nur einen Schluss ziehen: Irgendwie müssen die Instutionen zu diesen Ergebnissen führen. Irgendwie müssen Schulen bestimmte Verhaltensweisen bei Lehrern hervorbringen oder nicht unterbinden, die dazu führen, dass Jungen schlechter als Mädchen, Kinder aus der Unterschicht schlechter als Kinder aus der Mittel- und Oberschicht und Kinder mit Migrationshintergrund schlechter als Kinder ohne Migrationshintergrund abschneiden.

Radke_GomollaInstitutionelle und kontextuelle Faktoren, die über das Handeln von Lehrern auf Schüler wirken, sind die einzigen Variablen, die die beschriebenen Muster erklären können. Ein kleines logisches Experiment zeigt, warum: Nehmen wir an, Kinder mit Migrationshintergrund schneiden wegen ihrer Deutschkenntnisse schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund wie dies manche immer noch stoisch behaupten. Nehmen wir weiter an, ein Teil dieser Kinder mit Migrationshintergrund gehört der Mittelschicht an, wäre also sozusagen özdemisiert. Nehmen wir weiter an, ein Teil dieser Kinder mit Migrationshintergrund wäre weiblich und özdemisiert: Was folgt daraus für den Bildungserfolg? Es ist schlicht logisch unmöglich etwas über den Bildungserfolg auszusagen, weil die drei Faktoren sich überlagern und ihre Effekte zum Teil gegensätzlich sind. Folglich ist es wenig wahrscheinlich, dass Faktoren, die den Schülern zugeordnet werden können, also Migrationshintergrund, Schichtzugehörigkeit oder Geschlecht, die Muster hervorbringen, die oben berichtet wurden. Es liegt schon näher die Schulen, die schulische Praxis und damit das Handeln von Lehrern als Ursache der Unterschiede im Bildungserfolg anzunehmen.

Als wir im Jahre 2002 von einer Korrelation berichtet haben, die zeigt, dass mit einem steigenden Anteil männlicher Grundschullehrer die schulische Leistung von Jungen besser wird, war ein Aufschrei die Folge. Bis heute sind wird nicht ganz sicher darüber, ob die Häresie darin bestand, festzustellen, dass Lehrer etwas mit dem schlechteren Abschneiden bestimmter Schülergruppen zu tun haben oder darin festzustellen, dass weibliche Lehrer für das schlechtere Abschneiden bestimmter Schülergruppen, hier: männlicher Schüler, verantwortlich sein könnten. Die Tatsache, dass sich anschließend eine Diskussion über die “Feminisierung von Schulen”, also darüber entwickelt hat, dass immer weniger Männer und immer mehr Frauen Lehrer werden/sind, deutet darauf hin, dass die Häresie darin bestand, weibliche Lehrer als Quelle schulischer Nachteile von Jungen ins Spiel zu bringen.

Wie dem auch sei, bis zum heutigen Tag gleicht es einer Gotteslästerung, wenn man darauf hinweist, dass die Institution “Schule” und die darin beschäftigten Lehrer natürlich einen Einfluss auf das schulische Abschneiden von Kindern haben. Und da die Institution Schule eine Institution der Mittelschicht ist, die von Lehrern aus der Mittelschicht bevölkert wird, liegt es zudem nahe anzunehmen, dass die Wirkung der Kategorien “Unterschicht”, “Geschlecht” und “Migrationshintergrund” auf Stereotypen basiert, die in der Mittelschicht gepflegt werden, also z.B. Kinder aus Unterschichtsfamilien haben zuhause nicht die Unterstützung, die sie brauchen, um ein Gymnasium mit Erfolg zu besuchen, oder Jungen sind kleine Machos, die den Unterricht stören und deshalb auf Sonderschulen abgeschoben oder schlechter bewertet werden, oder Kinder mit Migrationshintergrund können kein Deutsch und müssen entsprechend mit Hauptschule und Realschule Vorlieb nehmen. All diese Stereotype haben natürlich nur zufällig den Effekt, dass Gymnasien und Universitäten zum Quasi-Monopol für Kinder aus Mittel- und Oberschicht umfunktioniert werden.

Wie überrascht wir waren, in einer Pressemeldung der derzeitigen Ministerin für B&F zu lesen, was bislang einen gesellschaftlichen Bann aus Medien nach sich gezogen hat, können sich Leser nach diesem Vorspann vermutlich vorstellen: Aus Anlass des Starts der “Qualitätsoffensive Lehrerbildung” hat Frau Wanka eingestanden, dass es vor allem schlechte Lehrer sind, die für die beschriebenen Missstände im deutschen Bildungssystem verantwortlich sind:

stundenplan„Mit dem Programm wollen wir die Hochschulen in ihren Bemühungen unterstützen, die Lehramtsausbildung zu reformieren und die Qualität nachhaltig zu verbessern“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. „(1) Wir wollen die Besten eines Jahrgangs für ein Lehramtsstudium gewinnen und (2) sie über ihr gesamtes Studium hinweg begleiten. Nur wenn es uns (3) gelingt, die Strukturen der Lehrerbildung an den Hochschulen zu optimieren, die pädagogische Praxis stärker als bisher einzubeziehen und Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften besser miteinander kooperieren zu lassen, (4) werden wir auch gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer an unseren Schulen haben. Und es gehört selbstverständlich auch dazu, dass die (5) Mobilität von Lehramtsstudierenden, Lehrkräften im Vorbereitungsdienst, sowie Lehrerinnen und Lehrern über die Grenzen der Bundesländer hinweg gewährleistet ist.“

Die Prämissen, auf denen dieses Zitat von Frau Wanka beruht, sagen eigentlich alles, über den Zustand des allgemeinen deutschen Bildungssystems:

  • (1): Bislang gelingt es nicht, die besten eines Jahrgangs für das Lehramtsstudium zu gewinnen. Jahrgang meint hier Abiturjahrgang. Dies wird aus (2) deutlich, denn der Satz macht keinen Sinn , wenn nicht Abiturjahrgang gemeint ist. Und wir wollen Frau Wanka heute einmal unterstellen, dass sie mit dem, was sie sagt, Sinn vermitteln will.
  • (3): Die Strukturen der Lehrerbildung sind derzeit nicht optimal, was notwendig bedeutet, dass die Lehrer und die institutionellen Strukturen an Schulen suboptimal sind, und das ist noch der konservativste der möglichen Schlüsse.
  • (4) da “gut ausgebildete … Lehrer” hier an eine deterministische und mit “nur” eingeleitete Bedingung geknüpft sind, muss man schließen, dass die Ministerin der Überzeugung ist, dass derzeit keine gut ausgebildeten Lehrer an deutschen Schulen unterrichten.
  • (5) kann man lesen als Ankündigung, die länderspezifische Eigenbrödelei in Sachen Bildung zu beenden, was gut für Bayern und Baden-Württemberg und schlecht für die Stadtstaaten wäre, in denen derzeit ein Abitur verschenkt wird. Man kann (5) auch als Ankündigung dafür lesen, dass es mit Teilzeitbeschäftigung und der ich-fahr-nicht-weiter-als-5-Kilometer-zu-meinem-Arbeitsplatz-Mentalität unter Lehrern ein Ende hat.

In jedem Fall zeigt die Pressemeldung klar und deutlich, dass man im Ministerium das Problem des deutschen Bildungssystems nicht mehr bei den Schülern sucht, sondern bei der Lehrerschaft, die nicht gut ausgebildet ist, sich nicht aus den Besten eines Jahrgangs zusammensetzt, sondern aus vielen Lehrkräften, die ihren Beruf eher als Hobby und nebenbei, eben in Teilzeit betreiben, etwas, das aufgrund der hohen Anforderungen, die man beim BMBF als an Lehrer gestellt ausgemacht hat, nicht mehr tragbar ist, oder wie es beim Ministerium so schön heißt:

“Im Laufe der Jahre sind die Ansprüche gestiegen. Lehrende sollen unterrichten und erziehen, beraten und die Schulen weiterentwickeln. Kurzum, heute sind Lehrkräfte mehr denn je Experten für das Lehren und Lernen. Sie begleiten junge Menschen in der Regel über mehr als ein Jahrzehnt in einer Entwicklungsphase, die für individuellen Bildungserfolg, Persönlichkeitsbildung, Sozialisation und beruflichen Werdegang prägend ist.”

Das ist nun wirklich nichts, was man in Teilzeit erledigen kann.

Endlich: Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist mit Gerhard Amendt solidarisch

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist solidarisch. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gerade in einer Erklärung des Vorstands verlautbart. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat also entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie solidarisch ist, und zwar mit Soziologen, was schon einmal sehr erfreulich ist, denn in der Vergangenheit hat sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihr Vorstand nicht unbedingt dadurch ausgezeichnet, solidarisch mit Soziologen zu sein.

Amendt1Solidarisch ist der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Soziologen spricht, mit Soziologen, die sich mit Themen der “Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen” und die sich “immer öfter mit sogenannten Hasskampagnen konfrontiert sehen”. Derzeit, so heißt es weiter, “werden einzelne Kollegen und Kolleginnen in sozialen Medien wie Facebook, in Blogs und mit E-Mails persönlich attackiert, verunglimpft und z.T. sogar bedroht”.

Was der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hier seine Empörung und Solidarität zum Ausdruck bringen will, leider verschweigt, sind die Namen der Angegriffenen, was schade ist, denn die Solidarisierung hätte mehr Nutzen gebracht, wenn sie offen und nicht hinter einem Mantel aus Angst und Misstrauen erfolgt wäre. Also ist es wieder an uns, über Ross und Reiter zu spekulieren.

Aber lange spekulieren muss man nicht, denn: kein anderer Soziologe wird seit Jahren derart angefeindet, wie Gerhard Amendt. Die Solidarität des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann daher eigentlich gar keinem anderen als Gerhard Amendt gelten. Fast dass man sagen könnte, es wird langsam Zeit, denn kaum ein Soziologe hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit giftigeren Hasstiraden, Verunglimpfungen oder Versuchen, ihn zu diskreditieren, konfrontiert gesehen, wie Gerhard Amendt, der von Feministen mit wüsten sexistischen Beschimpfungen und Hasskommentaren überzogen worden ist.

An der Technischen Universität Berlin hat man Gerhard Amendt zur unerwünschten Person erklärt, weil er es wagt, den Feminismus zu kritisieren. Gerhard Amendt ist Ziel einer Diffamierungskampagne, die ihn regelmäßig zum Hassobjekt in so genannten Studien macht, die von politischen Vereinen wie der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert werden und deren Inhalte regelmäßig und postwendend, von überraschend schnell informierten Mitarbeitern bei Wikipedia in die entsprechenden Hassbeiträge eingepflegt werden. Die Hasskampagne gegen Gerhard Amendt geht soweit, dass man ihn mit Anders Breivik und Akif Pirincci vermengt, um ihn zu diskreditieren. Die Liste derer, die sich Gerhard Amendt zur Zielscheibe auserkohren haben, ist zu lang für diesen post, weshalb wir es hier bei aus Steuergeldern bezahlte Reputations-Killer wie dem Bundesforum für Männer und die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich z.B. mit diffamierenden Behauptungen wie der folgenden hervortut, belassen wollen:

“Zumindest ein Teil der Beiträge treibt im Fahrwasser der Männerrechtler, die von der „Machtergreifung der Frau“ und einem „neuen Tugendstaat“ fabulieren. Autoren wie Arne Hoffmann, der in seinem Blog Genderama gegen alles Feministische hetzt, oder auch Gerhard Amendt, der Opfererfahrung von Frauen als „fantasiertes Leid“ denunziert und eine (weibliche!) „Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit“ ausmacht – was die kirchliche Männerstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner gerade empirisch widerlegt hat – sind alles andere als geschlechterdialogisch orientiert” (17).

Es freut uns, dass der Vorstand der DGS sich dazu entschlossen hat, nach Jahren der Tatenlosigkeit, Gerhard Amendt solidarisch zur Seite zu stehen, und wir können uns der Feststellung des Vorstandes der DGS, wonach “einzelne Wissenschaftler … in einer Weise attackiert werden, die völlig unsachgemäß ist und in ihrem mehr als fragwürdigen Stil letztlich auf die Urheber selbst zurückfällt”nur anschließen.

Wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand der DGS den Mut hat, Gerhard Amendt beim Namen zu nennen, aber wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass sich der nämliche Vorstand damit zur Zielscheibe feministischer Hasstiraden gemacht hätte, am Ende in die nächste aus Steuergeldern finanzierte Studie über “den Maskulismus” oder “den Antifeminismus” aus, turnusmäßig dieses Mal wieder der Heinrich Böll Stiftung aufgenommen worden wäre und vielleicht sogar seine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verloren hätte.

Dies muss man gewichten, wenn man den Schlusssatz der Solidaritätsadresse liest, der darauf verweist, dass “eine zivilisierte öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen” nicht möglich ist, wenn man die Debatte nicht zivilisiert führt. Man sieht, auch Solidarität ist in sich tautologisch und vielleicht sogar selbstreferentiell, denn, und damit kommen wir zu einer eigenen Sache, manche im Vorstand der DGS haben sich  selbst schon dadurch hervorgetan, dass sie “Hetze” in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit die zivilisierte Auseinandersetzung über gesellschaftliche relevante Themen wie die Frage, ob man Studenten die Möglichkeit geben sollte, ihren Studienort, an dem sie Soziologie studieren wollen, auf Grundlage einer bundesweiten Bewertung der enstprechenden Institute zu wählen, unmöglich gemacht hat.

Man kann sich daher fragen, ob wir es bei der Solidaritätsadresse des Vorstands der DGS in Teilen mit einer Form “Selbstkritik” zu tun haben, auf einer Transformation vom Saulus zum Paulus und ob der Aufruf, eine zivilisierte öffentliche Debatte zu führen, sich auch auf Wissenschaftler erstreckt, die sich in der Vergangenheit dadurch hervorgetan haben, dass sie die Arbeiten anderer für ihre eigenen Zwecke entstellt und missbraucht haben.

Solidarität-der-UneinsichtigenBislang hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ja beide Augen gegenüber Mitgliedern zugedrückt, die die Grundlage wissenschaftlicher Lauterkeit, nämlich das Zitieren(überhaupt) und das korrekte Zitieren nicht beherrschen oder nicht beherrschen wollen, so dass man hier eine Offensive nicht nur zur zivilisierten Debatte, sondern auch zur Rettung wissenschaftlicher Standards unter Soziologen sehen kann, vielleicht sogar ein sich entwickelndes Unwohlsein gegenüber öffentlichen Institutionen, die sich in der Vergangenheit allzu oft auf Soziologen verlassen konnten, wenn es darum ging, die eigene ideologische Suppe nicht nur anzurühren, sondern auch unter Studenten zu verteilen. Sehen wir also so etwas wie den Advent eines selbstreflexiven Kantschen Instrumentalisierungsverbots, das lautet: Du sollst Dich als Soziologe nicht vor den Karren ideologischer Indoktrinierer, wie Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Attac oder BMBF spannen lassen?

Was abschließend die Frage aufwirft, was diese Veränderung im Denken des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bewirkt hat. Hier können wir nur spekulieren und auf Beispiele verweisen, in der die Veränderung in einem Bereich mit personellen Veränderungen oder mit Veränderungen in den Umständen bestimmter Personen einhergehen, wie sie z.B. ein Umzug von einer roten an eine weiß-blaue Universität darstellt oder in den Worten von Stephan Lessenich, dem derzeitigen Vorsitzenden der DGS:

Mein Jenaer Jahrzehnt war wunderbar und ich danke allen, die dies ermöglicht und dazu beigetragen haben; die kommenden Jahre werden hoffentlich ähnlich schön – die Zeichen dafür stehen eindeutig gut. (Und um allfälligen Nachfragen vorzubeugen, darf ich hier einmal zustimmend zitieren: „Das will ich nur mal klarstelln, damit man mich richtig versteht: ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehn.“ Der Alarm ist also doch eher, wie einst bei Falco, rot.)

Wie heißt es doch: Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören und sich verändern, zum zivilisierten Debattierer, zum nicht-Hetzer, ja vielleicht sogar zum Wissenschaftler.

Nachtrag:

Arne Hoffmann weist darauf hin, “dass Professor Amendt, vermutlich als Folge der Hetze gegen ihn, auf Anraten der Kriminalpolizeit auf mehreren Veranstaltungen nur noch mit Leibwächtern erscheinen konnte”. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Überall Sex – aus den Erzählungen von Sex-Maniacs

Der 5. März 2015 ist Kulminationspunkt – auch noch der 6. März wird notwendig sein, um die Erregung der Teilnehmer, die sich zur Jahrestagung der Sektion “Frauen- und Geschlechterforschung in der DGfE” treffen,  abzubauen, Erregung über: “Erziehung, Gewalt und Sexualität”. Das klingt wie ein Workshop der sado-masochistischen Vereinigung von Eckernförde. Ist es aber nicht. Es ist: Wissenschaft oder doch zumindest das, was unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft als solche ausgegeben werden kann.

Was die Teilnehmer der Jahrestagung an Darbietung, Unterhaltung und Aufregung zu erwarten haben, ist in einem Call for Papers zusammengefasst, der eine Din-A4-Seite füllt.

DGfEDemnach beginnt die ganze Erregung bei der Macht, denn Macht ist “strukturell ungleich” verteilt (Seither rätseln wir, wie gleich verteilte Machtverhältnisse aussehen). Und weil Macht strukturell ungleich verteilt ist, zum Beispiel in Schulen, wo Schüler unter Aspekten der Macht dadurch dominiert werden, dass es Lehrer sind, die ihnen Noten geben und nicht umgekehrt, weil das so ist, tragen strukturell ungleiche Machtverteilungen “immer auch die Gefahr in sich, gewaltförmige Seiten und Strukturen hervorzubringen”.

Spätestens jetzt haben die Stammleser von ScienceFiles erkannt, dass wir mit dem Unsinn der Woche unterwegs sind, ein Unsinn aus willkürlich zusammengeworfenen Wortaneinanderreihungen, der in Sätzen kulminiert, von denen man nur sagen kann, dass den Schreibern offensichtlich nicht klar war, was sie da schreiben, denn: vermutlich ist ihre Erregung mit Ihnen durchgegangen (immerhin hat so ein Bleistift ja eine sexuelle Komponente, aber dazu später).

Strukturell ungleiche Machtverteilungen tragen also die Gefahr in sich, gewaltförmige Seiten und Strukturen hervorzubringen. Wenn Sie von einem Polizeibeamten festgenommen werden, weil er Sie dabei ertappt hat, wie Sie ihrem Nachbarn die Luft aus den Autoreifen lassen, dann sind sie Opfer einer strukturell ungleich verteilten Macht geworden, da der Polizeibeamte nicht nur die Staatsmacht auf seiner Seite hat und Sie nicht, sondern auch bewaffnet ist, und die Gefahr mit sich trägt, eine gewaltförmige Seite oder Struktur der Struktur der Machtverteilung hervorzubringen (Tatsächlich ist die Bewaffnung natürlich Ergebnis und nicht Gefahr der ungleichen Machtverteilung).

Aber es wird noch besser:

scully facepalm“Gewalt”, so heißt es, “hat aber immer auch einen Bezug zum Sexuellen – etwa in der Verbindung zu sexualisiertem Lustgewinn oder der Lust, die aus Dominanz und Überwältigung erwächst. … Zudem spielen in gewaltförmigen Konstellationen (auch zwischen Kindern und Jugendlichen) immer auch normative Konzepte von Heterosexualität von ‘männlich’ und ‘weiblich’ und von Angemessenheit in Bezug auf sexuelle Orientierungen, Verhalten und Selbstdarstellung eine wichtige Rolle”.

Hier treffen wir zum ersten Mal jene Macht, die die Welt, im Innersten zusammenhält, die Quelle aller Erregung und Gewalt: die Sexualität auch “das Sexuelle” genannt. Zwei Betrunkene, die sich auf dem Weinfest schlagen, befinden sich entsprechend im sexuellen Austausch. Der Auftragskiller, der gegen Bezahlung mordet, tut diese nicht wegen des Geldes, sondern wegen dem sexuellen Hoch, das ihm der “Kill shot” besorgt. Und, nicht zu vergessen, die Polizeibeamten, die gewalttätige Demostrationen auflösen, tuen dies nicht, weil sie Ordnung herstellen und das Eigentum von Bürgern beschützen wollen, sondern weil sich auch teilhaben wollen, an der Massenorgie, die gerade stattfindet.

Man hat das distinkte Gefühl, dass die Autoren des Call for Papers eine andere als die physisch vorhandene Welt teilen, eine Welt frei von “normativen Konzepten der Heterosexualität”, wie sie sich z.B. darin niederschlagen, dass gewöhnlich Männer die Wasserkästen tragen, die Frauen in der Regel nicht zu tragen im Stande sind. Und wieder finden wir eine strukturelle, quasi eine natur-strukturelle ungleiche Machtverteilung, die – wie die Autoren wissen – die Gefahr in sich trägt, gewaltförmige Seiten und Strukturen hervorzubringen, zum Beispiel als “Strukturelement von Sprache”, wie in der Wasserkasten.

Damit wir unsere Leser über all dem Unsinn nicht verlieren, auch auf die Gefahr, sie zu langweilen – zur Wiederholung: strukturell ungleiche Machtverteilungen tragen die Gefahr in sich, gewaltförmige Seiten und Strukturen  hervorzubrningen, wobei das Sexuelle sich über ein sexuelles Dominanzstreben nach “Macht-über-andere” in z.B. “Gewalt als Strukturelement von Sprache” übersetzt – oder so. Wir haben hier ganz massiv den Eindruck, dass ungleiche IQ-Verteilungen vor allem dann, wenn sie nicht mit strukturellen Positionen konkruent sind, dazu führen, dass Worte Gewalt über die Wortbenutzer ausüben, was über das Dominanzstreben der Worte dazu führt, dass die Wortbenutzer zu Opfern struktureller Sprachgewalt, die durch eine normative Heterosexualität bedingt ist, werden. Wer nicht dieser Meinung ist, kann uns gerne das Gegenteil beweisen.

Doch das Beste, das dieser Call for Papers zu bieten hat, das fehlt bislang. Der ganze Unsinn, den wir bislang dargestellt haben, verblasst hinter dem monumentalen Unsinn, der nun kommt und wieder geht alles natürlich vom “Sexuellen” aus:

Nuts in Bedlam“Aber das Sexuelle ist auch per se Bestandteil aller Erziehungskonstellationen. Der ‘Überschuss’ im pädagogischen Verhältnis … ließe sich kaum anders aufbringen und erklären. Liebe, Empathie, Nähe und Unterstützung haben immer eine sexuelle Dimension, auch wenn sie nicht im Vordergrund steht. Dies betrifft elterliche Zuwendungen ebenso wie die von Lehrkräften oder pädagogischen Fachkräften …”

Da alle Erziehungskonstellationen und alle menschlichen Interaktionen, wie man dem Call for Papers entnehmen kann, sexuell motiviert sind, muss man sich fragen, welche sexuelle Motivation, welche Form der sexuellen Dominanz die Autoren dieses Call for Papers getrieben hat, um ihre Erregung in derartigen Unsinn zu ergießen. Wir können nur vermuten, dass es sich dabei um eine Form der Dominanzpraktik handelt, mehr wollen wir darüber ehrlich gesagt nicht wissen.

Es reicht nämlich. Man kann ein gewisses Maß an Unsinn, ja selbst an Wahnsinn ertragen, aber irgendwann ist Schluss: Wenn jemand behauptet, dass Lehrer grundsätzlich sexuell motivierte, einer heterosexuellen Normativität verpflichtete, ja, was eigentlich: Spanner, Päderasten oder Pädophile sind, dann muss man in reiner Prosa feststellen: Der hat etwas an der Waffel. Wenn jemand behauptet, Liebe, Empathie, Nähe und Unterstützung seien immer durch “das Sexuelle” strukturiert, was immer “das Sexuelle” in der Phantasie der Autoren auch sein mag, dann kommt man nicht umhin, Pflegeberufe, von Krankenpflegern über Altenpfleger bis hin zu Zahnärzten und Hausärzten neu zu beurteilen.

Etwa: Das erotische Gefühl, das sich bei einem Zahnarzt einstellt, wenn er, von “dem Sexuellen” getrieben, seinen Bohrer in den Zahnschmelz des hilflos seiner normativen Heterosexualität ausgelieferten Opfers mit Mundgeruch senkt oder: die fast schon an Gruppensex erinnernenden Waschsessions in Altenheimen, bei denen alte Menschen gleich der Gewalt mehrerer Pfleger, vermutlich unterschiedlichen Geschlechts ausgeliefert sind. Ganz zu schweigen vom Gerichtsmediziner, der den Gegenstand seiner Obduktion, ein Mordopfer, mit nekrophiler Empathie und getrieben von “dem Sexuellen” betrachtet.

Nein, wir kommen nicht umhin festzustellen, dass die Autoren dieses Call for Papers nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben scheinen, in jedem Fall aber von “dem Sexuellen” in einer Weise besessen zu sein scheinen, die an absolute Dominanz grenzt und eines nicht ist: normal.

Ach ja: Die Autoren sind Barbara Rendtorff, Claudia Mahs, und – wenig überraschend – der oder die uns allen bekannte Thomas Viola Rieske

Wenn Sie sich jetzt erregt haben, dann doch sicher wegen der sexuellen Konnotation und nicht wegen des aus Steuergeldern finanzierten Unsinns – oder?

Macht das Bildungssystem kurzsichtig?

Der Nerd, Inbegriff des neunmalklugen Internet-Freaks, der sich hyperintellektuell gibt, trägt eine. In bestimmten Schichten der Bevölkerung ist es schick, eine zu tragen, um intellektuell zu erscheinen. Lemmi von den Schmökern, der Bücherwurm, den manche noch aus ihrer Jugend kennen, er musste natürlich auch eine haben. Die Rede ist von einer Brille, die Brille, die bis heute als Symbol für Intellektualität gilt, sofern sie nicht als Sonnenbrille daherkommt, die am Ende maskulin oder cool wirken könnte.

NerdDie Symbolik hinter der Brille, also der Glaube, man könne sich durch eine Brille mehr geistigen Gehalt verschaffen, als man tatsächlich hat, ein Glaube, der durch die Optiker Meise Reklame auf unangenehme Weise befördert wird und zuweilen bis zum ersten gesprochenen Wort reicht, diese Symbolik scheint einen wahren Kern zu haben, denn Kurzsichtigkeit weist einen Zusammenhang mit Bildung auf.

Aus Deutschland kommt eine Untersuchung, die Alireza Mirshahi und sieben weitere Autoren in “Opththalmology” veröffentlicht haben. Die Untersuchung trägt den Titel: “Myopia and Level of Eduction”, sie ist gut gemacht, behauptet keine Zusammenhänge, wo keine sind, problematisiert Schwächen an der eigenen Untersuchung und ist eine wohltuende Abwechslung von all den Studien, die aus kaum existenten Zusammenhängen weitreichende und aberwitzige Konsequenzen ziehen, zumeist deshalb, weil sie den Autoren ideologisch passen, wie dies z.B. in der Studie über gleichgeschlechtliche Eltern, die wir vor einigen Tagen besprochen haben, der Fall war.

Mirshahi und seine Koauthoren haben zu acht einen Text verfasst, der auf fünf Seiten kurz und knapp die Ergebnisse einer Analyse berichtet, die auf Grundlage von 4658 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren erstellt wurde. Alle 4658 Personen leben in der Rhein-Main-Region und haben sich bereit erklärt, an der Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS) teilzunehmen.

Für die vorliegende Untersuchung wurde die Sehkraft der Befragten untersucht. Dabei haben sich 1.780 der Studienteilnehmer (38,2%) als kurzichtig erwiesen. Um den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsstand der Teilnehmer zu untersuchen, haben die Autoren zwei Variablen gebildet, die einmal den erreichten Schulabschluss und einmal die Geschichte der beruflichen Bildung zusammenfassen. Von den 4658 Personen haben 26 (0,6%) keinen Schulabschluss erreicht, 1916 (41,1%) einen Hauptschulabschluss, 1008 (21,6%) einen Realschulabschluss und 1553 (33,3%) eine Hochschulreife. Keine Berufsausbildung haben im Anschluss an ihre Schulzeit 368 (7,9%) Befragte aufgenommen, 2157 (46,3%) haben eine Berufsschule, 773 (16,6%) eine Berufsfachschule und 1118 (24,0%) eine Universität besucht.

BrillenDie Auszählung der Sehkraft nach Bildungsabschluss und Berufsausbildung stellt erste Indizien für einen Zusammenhang bereit: 50,9% der Personen, die eine Hochschulreife erreicht haben, sind kurzsichtig – gegenüber 41,6% bzw. 27,1% der Schüler mit Realschul- bzw. Hauptschulabschluss. Dasselbe Bild ergibt sich bei der Berufsbildung: Universitätsabsolventen weisen zu 53% eine Kurzsichtigkeit auf, während Berufsfachschüler und Berufsschüler nur den Anteil von je 34,8% und 34,7% Kurzsichtige umfassen.

Nun muss man einwenden, dass die Ergebnisse auf Basis aller Befragten ausgezählt wurden, d.h. die jeweiligen Gruppen enthalten Alte wie Junge. Da Kurzsichtigkeit mit dem Alter zunimmt, ist es demnach sinnvoll, nach dem Alter zu kontrollieren, es in einer Regressionsanalyse konstant zu halten. Also haben die Autoren Alter konstant gehalten und denselben Effekt festgestellt, der gerade aufgezeigt wurde:

Mit steigender allgemeiner und beruflicher Bildung sinkt die Sehkraft, steigt der Anteil der Kurzsichtigen.

Man muss also feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Sehkraft gibt, dass Bildung anscheinend einen negativen Effekt auf Sehkraft und einen positiven auf Kurzsichtigkeit hat. Man kann dies die “dark side of education” nennen und sich angesichts der erheblichen Kosten, die mit einer Kurzssichtigkeit und ihren Folgen, von Ablösung der Netzhaut bis zu grünem Star einhergehen, fragen, ob es nicht notwendig wäre, Abiturienten und Studenten gegen diese Folgen von Bildung in einer privaten und obligatorischen Versicherung zu sichern, schon um nicht diejenigen, die keine höhere Bildung anstreben und entsprechend besser sehen, für die Behandlungskosten der Höhergebildeten bezahlen zu lassen.

Besonders findige Rechtsanwälte mit Sehschwäche, die sich nach 8 Semestern Rechtsstudium fast zwangsläufig einstellen muss, könnten sich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, die OECD, die die Werbetrommel für höhere Bildung weltweit rührt und das Ziel für Deutschland auf 40% Abiturienten und damit ungefähr den OECD Durchschnitt anheben will, haftbar zu machen für die dadurch verursachten höheren Kosten, die individuell und im Aggregat durch die mit der Zunahme höher Gebildeter einhergehende Zunahme der Kurzsichtigkeit verursacht werden.

moleDenn dass ein Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsnievau besteht, steht außer Frage. Allerdings stellt sich die Frage, welcher Art dieser Zusammenhang ist, d.h.: stellt sich die Kurzsichtigkeit als Folge der Bildung ein, also der mit dem längeren Besuch von Bildungsinstitutionen einhergehenden Notwendigkeit, z.B. länger in Bücher oder Computer zu sehen, die direkt vor der Nase des Schülers oder Studenten stehen? Die Erklärung der Verbindung zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsniveau über das Starren in Bücher oder das Starren in Computer ist plausibel. Aber mehr ist sie bislang noch nicht. Der Beleg dafür, dass Kurzsichtigkeit von längerer Verweildauer in Bildungsinstitutionen verursacht wird, fehlt bislang.

Aber es gibt recht gute Indizien, die Mirshahi in einer guten Untersuchung zusammengetragen haben. Dass die Untersuchung nur gut und nicht sehr gut ist, liegt darin begründet, dass es nicht wirklich gelungen ist, intervenierende Variablen auszuschließen: Die Befragten sind zum Befragungszeitpunkt zwischen 35 und 74 Jahren alt. Die Kurzsichtigkeit kann sich irgendwann während, vor oder nach der Schulzeit eingestellt haben, d.h. es ist durchaus möglich, dass nicht berücksichtigte Variablen den Zusammenhang zwischen Sehkraft und Bildung vermitteln oder im schlimmsten Fall direkt erklären. Es hätte, um die Frage zu entscheiden, wie groß die Gefahr ist, durch nicht berücksichtigte Variablen, das gesamte Ergebnis wegzuerklären, geholfen, die erklärte Varianz der linearen Modelle zu berichten. Das haben die Autoren leider nicht getan.

Entsprechend kann die OECD (vorerst) aufatmen, und all diejenigen, die mit Brille einen Intellekt vortäuschen wollen, den sie nicht haben, müssen weiter hoffen, dass die Symbolkraft von Brillen über die nicht kausale Erklärkraft entsprechender wissenschaftlicher Modelle hinwegträgt.

Mirshahi, Alireza et al. (2014). Myopia and Level of Education. Results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology (online first).