Arglistige Täuschung: Professorinnenprogramm update

Dass staatliche Verwaltungen und Bürokratien, wenn sie einmal am Laufen sind, laufen und nur mit erheblicher Mühe, wenn überhaupt, wieder zum Stillstand gebracht werden können, kann man als Zeitgeschichtler nicht nur an der Effizienz der Massenvernichtung im Dritten Reich studieren, man kann es an demokratischen Systemen, und nicht nur an dem, das die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland verabreicht haben, ebenso untersuchen. Sind z.B. Gesetze erst einmal erlassen, hat sich die Bürokratie und die Nutznießer-Industrie von Gesetzen erst einmal in Bewegung gesetzt, dann ist es nahezu unmöglich, die dies ermöglichenden Gesetze zu streichen.

ProfessorrinnenprogrammDie Logik dahinter, kann man so beschreiben: Gesetze regeln nicht nur einen Gegenstandsbereich, sie schaffen Anrechte und Nutznießer. Anrechte können direkt entstehen, wenn einer bestimmten Gruppe ein Recht auf X gesetzlich eingeräumt wird. Sie können auch entstehen, wenn einem Berufsstand X, also z.B. Rechtsanwälten durch ein Gesetz ein lukratives Monopol auf den Schutz von Anrechten eröffnet wird. Die Grenze zwischen dem Genuss von Anrechten und dem Nutznießen an Gesetzen ist fließend: Wer will entscheiden, ob die Beamten, deren Stellen nur vorhanden sind, weil sie z.B. die Einhaltung von Gesetz X kontrollieren sollen oder ein Netzwerk betreuen, das die Vergabe von Mitteln, z.B. im Rahmen des Professorinnenprogramms steuert, zu den reinen Nutznießern gehören oder ob sie die “Beschützer” geschaffener Anrechte sind? In jedem Fall verbrauchen sie Ressourcen, kosten also Steuerzahler Geld.

Hinzu kommt, dass mit jedem Nutznießer, den ein Gesetz produziert, der Widerstand gegen eine Abschaffung des entsprechenden Gesetzes steigt. Auch hier ist die Logik einfach: Wenn 51% der Wahlberechtigten von einem Gesetz profitieren, das der Gesellschaft nicht nutzt, sondern schadet, dann wird das entsprechende Gesetz dennoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gestrichen werden, dazu ist die Anzahl der Nutznießer und die Angst der Parteien vor Wahlabstrafung zu groß.

Schließlich wirken noch psychologische Prozesse, die durch die Verteilung von Anrechten ausgelöst werden, denn die Empfänger von Anrechten denken nunmehr von sich, sie hätten ein Recht auf etwas und sehen sich z.B. nicht als Almosenempfänger, der gegen seine Paternalisierung etwas unternehmen muss. Die Verteilung politischer “Geschenke” durch Anrechte hat somit einen Trägheitseffekt bei den Empfängern, den zu überwinden, nur der Widerstand gegen z.B. die Abschaffung gesetzlich begründeter Almosensysteme in der Lage ist.

Gender3Was für Gesetze beschrieben wurde, gilt auch oder vielleicht noch viel mehr, für die nachfolgenden staatlichen Programme, die einzig dem Zweck dienen, einer bestimmten Klientel etwas zuzuschustern, seien es Subventionen, seinen es Steuererleichterungen, seien es direkte Zahlungen. Dies zeigt u.a. das Professorinnenprogramm, das einerseits, für die schlichten Gemüter, eine Möglichkeit bereitstellt, sich als guter Mensch zu fühlen, zeigt man doch mit seiner Zustimmung, dass man die vom Professorinnenprogramm avisierte angebliche Benachteiligung von Frauen nicht, die Verteilung politischer und vor allem finanzieller Gunst an weibliche Bewerber auf Professuren aber schon gutheißt. Dass das Professorinnenprogramm eine nicht vorhandene Diskriminierung von Frauen durch eine explizite Diskriminierung von Männern bekämpft, ist da nicht weiter interessant. Wie gesagt, wir haben es mit schlichten Gemütern zu tun, die auf affektive Reize reagieren: Man sagt Ihnen, sie sind gut, und schon wedeln sie mit dem Schwanz.

Andererseits ist das Professorinnenprogramm wie alle Maßnahmen der Frauenförderung ein reines Programm für Profiteure, Staatsfeminismus-Gewinnler, wenn man so will. Wir haben in der Vergangenheit schon zusammengestellt, wie sich das Heer der Kämpferinnen für die angebliche Gleichberechtigung von Frauen Mittel unter die Nägel reißt, und wir haben auch darauf hingewiesen, dass die schamlose Zweckentfremdung von Steuermitteln, durch die Lobbyverbände der feministischen Industrie nicht erst in den letzten Dekaden begonnen hat. Vielmehr reichen ihre Wurzeln bis in den Ersten Weltkrieg (dazu auch: Abrams, Philip, 1963: The Failure of Social Reform: 1918-1920. Past and Present 24 (1): 43-64).

Gender2Wie schwer es ist, Strukturen des Nutznießens zu beseitigen, die sich seit Jahrzehnten im Speckgürtel der entsprechenden Ministerien eingenistet haben, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man sich einen Moment lang einbildet, die Bundesregierung würde auch nur die Mittel, die für das Frauencafe XY bereitgestellt werden, streichen. … Deshalb kann man Gesetze und auf ihnen aufbauende Maßnahmen, die ein Heer von Günstlingen nach sich ziehen, nicht streichen. Deshalb durchlaufen Gesellschaften, wie dies Ibn Khaldun beschrieben hat, Lebenszyklen. Und wie ein Baum ab einer bestimmten Menge von Parasiten nicht mehr überleben kann, so sterben auch Gesellschaften ab, wenn die Anzahl der Nutznießer die Anzahl der produktiven Mitglieder einer Gesellschaft dauerhaft und erheblich übersteigt.

Damit sind wir wieder beim Professorinnenprogramm abgekommen..

Wir haben einige Wochen kein Update mehr zur Blacklist gemacht. Das heißt nicht, dass die Diskriminierung von Männern im Rahmen des Professorinnenprogramms aufgehört hätte. Wie auch? Die Mittel sind vorhanden, und die Profiteurinnen stehen Schlange. Nein, es heißt nur, dass wir nicht über die personellen Mittel verfügen, die Hochschulen, die Männer diskriminieren, akribisch aufzulisten.

Gender1Der letzte Beitrag, der die offene Diskriminierung dargestellt hat, die zwischenzeitlich die Phase der Täuschung männlicher Bewerber abgelöst hatte, hatte die Westsächsische Hochschule in Zwickau zum Gegenstand. Dort ist mittlerweile jede Form der Vorsicht oder der Mimikry gefallen und man sagt ganz offen, dass Männer als Bewerber nicht erwünscht sind, dass Professuren ausschließlich für weibliche Bewerber ausgeschrieben werden. Warum auch nicht? Im Dritten Reich war schließlich auch klar, dass Juden sich gar nicht erst auf öffentliche Positionen bewerben brauchen.

Im Gegensatz zur Westsächsischen Hochschule in Zwickau setzt die Medizinische Hochschule Hannover nicht auf offene Diskriminierung von Männern, sondern auf deren Täuschung. Entsprechend hat die Hochschule einen Ausschreibungstext designed, mit dem männliche Bewerber auf eine Universitätsprofessur funktionelle Genomik, eine Universitätsprofessur für Infektionsbiologie des Gentransfers und eine Universitätsprofessur für Psychosomatik mit Schwerpunkt Transplantationsmedizin und Onkologie an der Nase herum geführt werden sollen.

Die Ausschreibungen beginnen alle mit dem folgenden Satz:

MHH“Im Rahmen des Professorinnenprogramms II ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) folgende Position, vorbehaltlich der haushaltsrechtlichen Ermächtigung zur unbefristeten Stellenausschreibung, zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu besetzen:”

Das Professorinnenprogramm II dient der Förderung des Anteils weiblicher Professoren an Hochschulen. Aus dem Professorinnenprogramm II werden ausschließlich Professuren finanziert, die mit weiblichen Bewerbern besetzt werden. Folglich bedeutet der Eingangspassus der Ausschreibung der Medizinischen Hochschule Hannover, dass die ausgeschriebenen Stellen weiblichen Bewerbern vorbehalten sind, dass männliche Bewerber keine Chance haben, auf eine der ausgeschriebenen Stellen berufen zu werden, denn die Stellen gibt es nur auf Grudnlage einer Finanzierung aus dem Professorinnenprogramm II.

Trotz dieser Deutlichkeit, versucht die Medizinische Hochschule Hannover männliche Bewerber hinters Licht zu führen oder an der Nase herum zu führen, je nachdem und ihnen fälschlicherweise zu suggerieren, sie hätten eine Chance mit ihrer Bewerbung:

“Zu den Aufgaben der zukünftigen Stelleninhaberin/des Stelleninhabers gehört der Ausbau der Forschung und Patienenversorgung …”, so steht in der einen Ausschreibung, “Es wird erwartet. dass die Stelleninhaberin/der Stelleninhaber die bestehenden Forschungsschwerpunkte der Medizinischen Hochschule verstärkt”, heißt es in der anderen. Die dritte Ausschreibung formuliert: “Zu den Aufgaben der zukünftigen Stelleninhaberin/des zukünftigen Stelleninhabers gehört die qualifizierte Vertretung dieses Faches …”

Es handelt sich bei den Ausschreibungen somit um eine gezielte Täuschung männlicher Bewerber und darüber hinaus eine Boshaftigkeit, die darauf abzielt, männliche Bewerber zu prellen, denn sie wenden Zeit und (finanzielle) Ressourcen auf, um sich auf drei Stellen zu bewerben, auf die berufen zu werden, sie keinerlei Aussicht haben.

Vor diesem Hintergrund rufen wir männliche Bewerber, deren Profil auf die ausgeschriebenen Stellen passt, dazu auf, sich zu bewerben und sich nach Abschluss des Verfahrens und Berufung eines weiblichen Bewerbers zum einen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu wenden, zum anderen die Medizinische Hochschule Hannover auf Schadensersatz zu verklagen, denn der Ausschreibungstext erfüllt unseren Erachtens alle Kriterien einer arglistigen Täuschung.

Ohne Mussolini kein Hitler?

Dr. Christian Goeschel, der derzeit an der University of Manchester lehrt, hat sich mit einer interessanten These zu Wort gemeldet:

Mussolini sei kein Witzbold gewesen, den man nicht Ernst nehmen müsse, sondern einer der Wegbereiter des deutschen Nationalsozialismus. Weit davon entfernt, verrückt zu sein, hätten Mussolini und seine faschistische Bewegung Hitler wichtige strategische Ratschläge gegeben, so zum Beispiel den Hinweis, die Mittelschicht als Vehikel zur Machtergreifung zu nutzen.

Benito MussoliniIn einem Interview mit Phys.org sagt Goeschel weiter: “We and indeed many Italians tend to play down the role and importance of Mussolini and Fascist Italy, often seeing it as more benign than Hitler and the Nazis.  But this is untrue: Mussolini was the world’s first Fascist dictator, heading an unpleasant regime which used poison gas in Abyssinia and sent oppositionists into repressive ‘confinement”.

Anders formuliert: Mussolini und der itanlienische Faschismus haben Hitler nicht nur strategische Hinweise gegeben, sondern in vielerlei Hinsicht als role model für den deutschen Nationalsozialismus gedient.

Damit schließt Goeschel u.a. an die Arbeit von Wolfgang Schieder an, den er in einem Beitrag aus dem Jahre 2012 bespricht. Schieder hat in seinem Buch “Faschistische Diktaturen: Studien zu Italien und Deutschland” aus dem Jahre 2008 deutliche Parallelen zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus aufgezeigt. Nicht zuletzt gehe der Kult um einen charismatischen Führer, den die Nazis um die Person Hitlers aufgebaut hätten, auf das italinische Vorbild von Benito Mussolini zurück.

Weiter schreibt Goeschel (2012: 484-485) mit Bezug auf Schieder:

“Hitler admired Mussolini from 1922 when Mussolini was appointed Prime Minister of Italy. Particularly appealing to Hitler and the Nazis, alongside the German and European Right more generally, was the novel twofold strategy with which the Italian Fascists had secured power. First, Fascists squads covered Italy, especially the North with massive political violence against the Left. … Second, the Fascists were keen to conquer power through seemingly legal activity”.

Klar ist, so heißt es an anderer Stelle im Beitrag von Goeschel aus dem Jahre 2012, dass der italienische Faschismus den deutschen Nationalsozialismus in vielerlei Hinsicht beeinflusst hat. Wichtige (leider weitgehend ungenannte) Bestandteile des italienischen Faschismus wurden in den Nationalsozialismus übernommen.

Und während Goeschel seinen Beitrag aus dem Jahre 2012 noch mit der Feststellung abschließt, dass mehr Forschung über das Verhältnis des faschistischen Italien zur NSDAP und später zum nationalsozialistischen Deutschland vonnöten sei, hat er knapp zwei Jahre später wohl nachgelegt und ist aufgrund zusätzlicher Arbeit in Archiven zu dem Schluss gelangt, dass Italiens Faschisten und allen voran Benito Mussolini (geistige) Mentoren von Adolf Hitler und seiner nationalsozialistischen Bewegung waren.

Schieder Faschistische DiktaturenAuch der Faschismus der Nationalsozialisten ist keine Spezialität der Deutschen, so könnte man überspitzt ausdrücken. Das einzige, was im Vergleich zun italienischen Faschismus rein-deutsch am nationalsozialistischen Faschismus ist, darüber sind sich die meisten Historiker einig, ist sein gewalttätiger Rassismus und seine Menschenverachtung, die sich in Millionen Opfern des Regimes niedergeschlagen hat. Menschenverachtung und Millionen, wenn man so will System-Opfer, hat der Nationalsozialismus mit der stalinistischen Variante des Sozialismus gemeinsam, so dass auch hier, das Rein-Deutsche fehlt. Bleibt nur die technokratische Präzision, mit der z.B. die Massenvernichtung im Dritten Reich von einem Heer der Helfershelfer geplant und durchgeführt wurde, als rein-deutsche Errungenschaft.

Goeschel, Christian (2012). Italia docet? The Relationship between Italian Fascism and Nazism Revisited. European History Quarterly 42(3): 480-492.

 

 

Phantasie statt Recherche: Journalismus à la Spiegel

Ein Leser hat uns auf einen heute in Spiegel Online erschienen Jammerbeitrag aufmerksam gemacht, der mit “Im Zweifel für den Mann” überschrieben ist und sich entsprechend gleich in der Überschrift als Ergebnis der Geschlechtsbetroffenheit der Autorin, namens Frauke Lüpke-Narberhaus zu erkennen gibt.

SPONBöse Zungen in der ScienceFiles-Redaktion (oder sind das Zunginnen) behaupten ja, der Spiegel sei das Porno-Magazin feiger Mittelschichtler, die sich den Anstrich “intellektuell” geben wollen, während sie den pornographischen “Kultur”-Teil betrachten. Ob dies zutrifft, können wir nicht sagen, aber wir können feststellen, dass der Beitrag von Frauke Lüpke-Narberhaus den Schluss nahelegt, dass der Spiegel sich vom vielleicht einmal vorhandenen sorgfältigen Journalismus verabschiedet und zum Betroffenheits-Blatt entwickelt hat, dessen Zielsetzung darin besteht, Spiegel-Leser zu täuschen, zu manipulieren und an der Nase herumzuführen (möglicherweise ist es ja das, was die Nachfrage nach dem Spiegel begründet – ein abweichendes Votum in der ScienceFiles Redaktion sieht die Pornographie im Kulturteil als Nachfrage-Treiber).

“Im Zweifel für den Mann”, wobei sich die Frage stellt, für welchen Mann, wer ist dieser Mann, für den hier im Zweifel votiert wird?, “Im Zweifel für den Mann” berichtet von einer Untersuchung, die Emanuel Towfigh, Christian Traxler und Andreas Glöckner durchgeführt haben und  die in der Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft veröffentlicht wurde. Eine Studie, die nach Ansicht von Frauke Lüpke-Narberhaus Empörendes festgestellt hat:

“Schon bei den Probeklausuren erzielen Männer (6,10 von 18 Punkten) deutlich höhere Ergebnisse als Frauen (5,83 Punkte von 18 Punkten) [...]. Frauen starten mit besseren Abiturnoten (2,05) ins Studium als Männer (2,22), werden dann aber abgehängt: Sie schneiden im Examen um 0,3 Punkte schlechter ab. Dabei ist der Geschlechterunterschied in der mündlichen Prüfung stärker als in der schriftlichen. [...] Die Forscher sprachen auch mit einigen Prüfern über die Ergebnisse. Die erklärten die Differenz so: Die schwächere Bewertung von Studentinnen resultiere daraus, dass sie sich “weniger aktiv am  Prüfungsgesräch beteiligen”. Schließlich gibt es noch Herkunftseffekte, wie Frauke Lüpke-Narberhaus weiß, und die verursachen Unbehangen (bei wem auch immer): “Studenten mit ausländischem Namen schneiden im Examen mit 7,01 Punkten ab, Studenten mit deutschen Namen mit 7,74 [gemeint sind natürlich durchschnittliche Punkte, nicht absolute Punkte]“

Um diesen Beitrag von Frauke Lüpke-Narberhaus als den primitiven Versuch der Manipulation, der er nun einmal ist, klar auszeichnen zu können, ist es notwendig, die Untersuchung, die Anlass für Betroffenheit bei Frauke Lüpke-Narberhaus gegeben hat, kurz darzustellen.

Die Untersuchung ist eine recht gut gemachte und in Teilen interessante Untersuchung, die eine Forschungslücke schließt: Sie versucht, Licht in das Dunkel zu bringen, das das Staatsexamen von Juristen umgibt.

StaatspruefungDie Untersuchung von Towfigh, Traxler und Glöckner ist eine deskriptive Untersuchung, die auf einer breiten Datenbasis aufbaut: 71.405 anonymisierte Klausurergebnisse von 2.979 Studenten sowie 2.119 Klausuren von 150 “Teilnehmern (10). Zudem liegen Angaben zu Geschlecht, Geburtsdatum, Abitur- und Examensnote, Hochschulort (Bielefeld, Bochum oder Münster) sowie die Namen der Studenten vor (9). Auf Grundlage der Nachnamen der Studenten wurde deren Herkunft geschätzt, ein eher fehleranfälliges Verfahren, das die Ergebnisse, die im Hinblick auf “Herkunft” berichtet werden, nicht über den Status von Vermutungen hinausweisen lässt (zumal im Hinblick auf die 150 “Kandidaten mit Migrationshintergrund”, die vermeintlich über ihre Namen ermittelt wurden, eine Inter-Koder-Reliabilität von 0,65 vorliegt, was deutlich oberhalb des Toleranzbereichs eines statistischen Fehlers liegt).

Die Untersuchung produziert eine Vielzahl deskriptiver Befunde:

  • Im Hinblick auf die Probeklausuren, die im Verlauf eines Jura-Studiums geschrieben werden, dies sind bis zu 40 Klausuren, zeigt sich eine konkave Lernkurve, d.h. die Noten der Studenten werden im Durchschnitt immer besser, wobei der Lerngewinn mit der Zeit geringer wird. Das ist erfreulich, zeigt es doch, dass sich lernen in besseren Leistungen oder Bewertungen niederzuschlagen scheint.
  • Werden die Studenten in Terzile (33%) aufgeteilt, also die besten, die mittleren und die schlechtesten 33%, dann zeigt sich derselbe Lerneffekt, wobei bessere Studenten im Verlauf des Studiums ihre Leistung oder Bewertung mehr zu steigern können als schlechtere Studenten.
  • Auf Seite 8 des Textes treffen wir zum ersten Mal eine Analyse getrennt nach Geschlecht. In den Probeklausuren, die den Prüfern ohne Namen der Studenten übermittelt werden, so dass sie nicht wissen, wessen Arbeit sie vorliegen haben, schneiden weibliche Studenten signifikant schlechter ab als männliche Studenten (durchschnittliche Punkte 5,83 zu 6,10). “Auch die … Lerneffekte … sind bei Männern ausgeprägter als bei Frauen, das heißt, in unserem Datensatz verbessern sich Männer beim Klausurenschreiben stärker” (15).
  • Eine Betrachtung der Examensnoten zeigt markante Muster bei Notensprüngen “sowie eine ungewöhnlich hohe Häufigkeit genau auf der Notenschwelle oder in den Zehntel-Punkten kurz danach” (16).
  • Besser meiden!

    Besser meiden!

    Ein Vergleich der Examensergebnisse der Studenten nach Herkunts-Universität ergibt deutliche Unterschiede zwischen den Universitäten Bielefeld, Bochum und Münster. Studenten aus Münster (7,45 Punkte im Durchschnitt) schneidet besser ab als Studenten aus Bielefeld (6,93 Punkte im Durchschnitt) und Studenten aus Bochum (6,71 Punkte im Durchschnitt). Auch nach Kontrolle von u.a. Geschlecht, Abiturnote, Alter und Prüfungsjahr erreichen Bochumer Studenten um 6 bis 10% schlechtere Ergebnisse als Studenten aus Münster.

  • Der über Namen ermittelte Migrantenstatus führt zu Ergebnissen, die ein schlechteres Abschneiden von Migranten zeigen. Was man von diesen Ergebnissen halten soll, ist unklar, zumal der Name Wretelnijk zwar auf polnische Vorfahren schließen lässt, aber keinerlei Schluss über die Länge des Aufenthalts in Deutschland zulässt.

Wenn man die Ergebnisse der Untersuchung von Towfigh, Traxler und Glöckner zur Kenntnis nimmt, dann findet man keinerlei Hinweis darauf, dass auch nur ansatzweise ein Ergebnis produziert worden wäre, das den Titel des Beitrags von Frau Frauke Lüpke-Narberhaus “Im Zweifel für den Mann”, rechtfertigen würde. Vielmehr erweist sich der Titel als pure Phantasie der Frau Lüpke-Narberhaus, der durch die Untersuchung in keiner Weise gedeckt ist.

Dasselbe gilt für die angebliche Diskriminierung von weiblichen Studenten, die in anonymisierten Probeklausuren und im Exmanen schlechtere Leistungen und Noten zeigen. Damit ein Prüfer weibliche Studenten beim Bewerten der Probeklausuren diskriminieren kann, sofern er dies wollen sollte, müsste er bei jeder Klausur über die Handschrift eine Schätzung vornehmen, ob es sich bei dem entsprechenden Studenten um einen weiblichen Studenten oder einen männlichen Studenten handelt. Wer dermaßen Unsinn in den Raum stellt, der zeigt damit nur, dass er nicht weiß, wovon er spricht. Man stelle sich das nur einmal in der Praxis vor, für 2.979 Studenten und 71.405 Probeklausuren.

Da weibliche Studenten auch schlechtere Lernfortschritte aufweisen als männliche Studenten, wird man wohl, sofern man eine Unterscheidung nach Geschlecht für notwendig hält, nicht umhin kommen festzustellen, dass weibliche Studenten mit Jura durchschnittlich größere Probleme haben und entsprechend durchschnittlich schlechtere Leistungen zeigen als männliche Studenten und dass sich dieser Umstand in den Examensnoten niederschlägt.

Da der Richterbund in NRW, dem Land, aus dem die Ergebnisse, die hier berichtet wurden, stammen, davor warnt, dass zu viele Frauen in den Richterdienst übernommen werden, z.B: waren im Jahr 2011 62% der neu eingestellten Richter Frauen, muss man vor dem Hintergrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung feststellen, dass offensichtlich schlechtere weibliche Studenten in NRW aus politischen Gründen besseren männlichen Studenten vorgezogen werden und Frau Frauke Lüpke-Narberhaus den Rat geben, in Zukunft Recherche an die Stelle ihrer Phantasie zu setzen.

Lesen Darstellen begreifenAuch würde es den von Frau Frauke Lüpke-Narberhaus verfassten Beiträgen gut tun, wenn Frau Lüpke-Narberhaus lesen würde, worüber sie berichtet. Täte sie das, sie würde unweigerlich über Textstellen wie die folgende stolpern: “Sowohl bei dem Geschlechts- als auch beim Herkunftseffekt können wir eine Diskriminierung weder mit der notwendigen Gewissheit ausschließen noch sie nachweisen” (27). Und weil Lesen und Verständnis zwei Dinge sind, hier die Erklärung für Frau Lüpke-Narberhaus: Weil es heute schick ist, alle ungleichen Verteilungen, sofern sie zu ungunsten von Frauen bestehen, der Diskriminierung zu verdächtigen, haben sich auch die Autoren dieser politisch korrekten Mode angeschlossen. Aber: So sehr sie auch gesucht haben, sie konnten kein belastbares Datum finden, das eine Diskriminierung von Frauen belegen könnte. Es bleibt also bei der Feststellung, dass weibliche Studenten der Juristerei von den Universitäten Bielefeld, Bochum und Münster im Durchschnitt schlechter sind als ihre männlichen Kollegen.

Wären die Autoren zudem mutig und Wissenschaftler sie hätten eindeutig festgestellt, dass nicht nur eine Diskriminierung von weiblichen Studenten aus technischen und faktischen Gründen ausgeschlossen werden kann, sondern darüber hinaus die reflexhaft gestellte Frage nach der Diskriminierung immer dann, wenn eine ungleiche Verteilung in einem Bereich auftaucht, der einem Mittelschichtler als nutzenbringend erscheint, mit Wissenschaft gar nichts, aber mit Ideologie sehr viel zu tun hat. Aber dazu hätten die Autoren eine theoretische Fundierung gebraucht, und – wie gesagt – es ist eine deskriptive Untersuchung, die sie durchgeführt haben; um so schlimmer ist es, dass sie meinen, sich mit ihren unfundierten Spekulationen bei bestimmten Kreisen andienen zu müssen.

Und über aller Geschlechtermanie hat die Frau Journalistin die Ergebnisse übersehen, die tatsächlich berichtenswert sind:

Studenten, die sich zu einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bochum einschreiben, sind entweder durchschnittlich schlechter und leistungsunwilliger als Studenten der Universitäten Bielefeld und Münster, oder die Ausbildung an den beiden zuletzt genannten Universitäten ist einfach besser als die Ausbildung an der Universität Bochum. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten Studenten der Rechtswissenschaften Bochum jedenfalls meiden.

Sodann ist vielleicht der ein oder andere Leser beim Lesen stutzig geworden als er von den Mustern in den Examensnoten, die sich bei und um Notenschwellen ergeben, gelesen hat. Die Erklärung dafür ist das, was man im Englischen outrageous nennt: “die Frage des ‘Anhebens’ werde in den Beratungen der Prüfungskommission regelmäßig erörtert. Den Kandidaten solle das Gefühl erspart bleiben, knapp an einer wichtigen Schwelle gescheitert zu sein; ferner könne durch eindeutige Ergebnisse die Wahrscheinlichkeit von Rechtsbehelfen reduziert werden” (23). Das heißt im Klartext, Studenten, die knapp unterhalb einer Schwelle, z.B. der Bestehensschwelle bleiben, werden angehoben, so dass sie die Schwelle nehmen, obwohl die Bewertung ihre Leistung nicht mehr abbildet. Diese Ergebnisverzerrung wird damit begründet, dass man den Studenten psychologisches Leiden ersparen wollen und sich selbst eine Klage vor dem Verwaltungsgericht – eine Begründung, wie sie nur Juristen zu geben im Stande sind: Es lebe die Bigotterie!

Towfigh, Emanuel, Traxler, Christian & Glöckner, Andreas (2014). Zur Benotung in der Examensvorbereitung und im ersten Examen. Eine empirische Analyse. Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft

Was ist Religion?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten. Dieser Unterschied ist die Quelle vieler Missverständnisse, vor allem, wenn es sich beim Bezeichnenden um einen abstrakten Begriff, z.B. um Religion, Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit handelt. Jeder, der die Begriffe “Religion” oder “Gerechtigkeit” hört, hat seine eigenen Assoziationen davon, was gerade bezeichnet wurde.

religionFür uns bezeichnet der Begriff Religion ein institutionalisiertes Glaubenssystem, das auf als wahr behaupteten Aussagen über das “Übernatürliche” basiert, die nicht empirische geprüft werden können, also z.B. die Existenz Gottes. Religion ist für uns entsprechend eine soziale Erscheinung, eine Lobbyverband, der der Durchsetzung der eigenen Glaubensinhalte im sozialen Leben gewidmet ist und der sich die organisatorische Verfasstheit einer Kirche gegeben hat.

Viele scheinen unter Religion alle möglichen Formen moralischer Überzeugungen zu verstehen, die sie selbst haben oder denen sie selbst anhängen. Sie scheinen Religion als persönlichen Glauben zu verstehen, der ihnen Anleitung im täglichen Leben gibt. Das ist jedoch nicht Religion, sondern persönliche oder besser: religiöse Überzeugung, ihr persönlicher Glaube, es ist von der institutionalisierten Variante eines Glaubessystems, auf dem Religion basiert, zu unterscheiden. Die fehlende Unterscheidung ist die Grundlage für Ausnutzbarkeit und Unfreiheit, denn man muss nur mit Religion und Glauben kommen, und schon kann man seine Schäfchen für die absurdesten Ideen hinter sich sammeln, ohne dass es Letzteren klar wäre, für welche Sache sie sich gerade einsetzen lassen.

Die empirische Sozialforschung kennt die Unterscheidung zwischen Gläubigkeit und Religiosität. Gläubigkeit bezieht sich auf die Ausgestaltung eines eigenen Glaubens, sofern vorhanden, während Religiösität sich auf die Teilnahme an institutionalisierten Glaubensritualen bezieht, also auf die teilnehmende Legitimation bestimmter Kirchen.

Bertrand Russell, dessen Erklärung dafür, warum er kein Christ ist, wir auszugsweise zum Gegenstand des letzten Posts gemacht haben (und die bei einer Reihe von Lesern für genau das Missverständnis gesorgt hat, das wir oben beschrieben haben), ist Philosoph, er ist ein Philosoph, der sich wie kaum ein anderer mit den sozialen Erscheinungen seiner Zeit beschäftigt hat und dafür von manchen seiner Zeitgenossen verfolgt wurde. Russell, wie viele der großen Philosophen, hat einen soziologischen Blick auf die Gesellschaft, entsprechend sieht er Religion nicht als die Glaubensüberzeugung Einzelner, sondern als das soziale Herrschaftsinstrument, das es nun einmal ist.

Russell hat sehr deutlich beschrieben, was er unter Religion versteht. Wir lassen ihn daher noch einmal zu Wort kommen:

Betrand Russell“Meine eigene Ansicht über die Religion deckt sich mit der des Lukretismus. Ich betrachte sie als Krankheit, die aus Angst entstanden ist, und als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass sie einige Beiträge zur Zivilisation geleistet hat. In alter Zeit half sie, den Kalender festzulegen, und sie veranlaßte ägyptische Priester, die Sonnenfinsternisse mit solcher Sorgfalt aufzuzeichnen, dass sie mit der Zeit lernten, sie vorauszusagen. Diese beiden Dienste bin ich bereit anzuerkennen, aber andere kenne ich nicht.

Das Wort “Religion” wird heute in einer sehr allgemeinen Bedeutung verwendet. Unter dem Einfluss des extremen Protestantismus verstehen manche darunter alle ernsthaften persönlichen Überzeugungen in bezug auf Moral oder die Beschaffenheit des Universums. Dieser Gebrauch des Wortes ist völlig unhistorisch. Religion ist in erster Linie eine soziale Erscheinung. Die Kirchen mögen ihren Ursprung Lehrern mit starken persönlichen Überzeugungen verdanken, aber nur selten hatten diese Lehrer großen Einfluss auf die Kirchen, die sie gründeten, wogegen die Kirchen einen ungeheuren Einfluss auf die Gemeinden hatten, in denen sie wirkten. Um den Fall herauszugreifen, der für die Angehörigen der westlichen Zivilisation am interessantesten ist: Die Lehre Christi, wie sie in den Evangelien steht, hat mit der Ethik der Christen außerordentlich wenig zu tun. Vom sozialen und historischen Standpunkt aus betrachtet, ist für das Christentum nicht Christus, sondern die Kriche von Größter Wichtigkeit, und daher dürfen wir unser Material nicht in den Evangelien suchen, wenn wir das Christentum als soziale Macht beurteilen wollen. Christus lehrte, man solle seinen Besitz den Armen geben, man solle nicht kämpfen, man solle nicht zur Kirche gehen und man solle den Ehebruch nicht bestrafen. Weder Katholiken noch Protestanten haben ein besonderes Verlangen gezeigt, seiner Lehre in einem dieser Punkte zu folgen. Wohl haben einige Franziskaner versucht, die Doktrin apostolischer Armut zu lehren, aber sie wurden vom Papst verurteilt und ihre Lehre als ketzerisch bezeichnet. Oder betrachen Sie eine Stelle wie: ‘Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet’, und fragen Sie sich, welchen Einfluss ein solcher Text auf die Inquisition und den Ku-Klux-Klan hatte.

[...]

RussellDiese Unstimmungkeit zwischen einer Kirche und ihrem Gründer besteht nicht zufällig. Sobald man annimmt, dass in den Aussprüchen eines bestimmten Menschen absolute Wahrheiten enthalten sind, bildet sich eine Schar von Sachverständigen, die seine Aussprüche auslegen. Unweigerlich erlangen diese Sachverständigen Macht, da sie den Schlüssel zur Wahrheit besitzen. Wie jede andere privilegierte Schicht verwenden sie die Macht zu ihrem eigenen Vorteil. In jeder Hinsicht sind sie jedoch schlimmer als jede andere privilegierte Schicht, da es ihre Aufgabe ist, eine unveränderliche Wahrheit auszulegen, die ein für allemal in höchster Vollkommenheit offenbart wurde, so dass sie zwangsläufig Gegner jedes geistigen und moralischen Fortschritts werden. Die Kirche bekämpfte Galilei und Darwin, heute bekämpft sie Freud. In den Tagen ihrer größten Macht ging sie in ihrer Opposition gegen das geistige Leben noch weiter. Papst Gregor der Große schrieb einem gewissen Bischof einen Brief, der mit den folgenden Worten begann: ‘Uns hat ein Bericht erreicht, den Wir nicht ohne zu erröten erwähnen können, nämlich dass Du einigen Freunden die Grammatik auslegst’. Der Bischof wurde durch päpstlichen Erlass gezwungen, von diesem bösen Tun abzulassen, und der lateinische Stil konnte sich bis zur Renaissance nicht mehr erholen. Aber nicht nur auf geistigem, sondern auch auf moralischem Gebiet richtet die Religion Schaden an. Damit will ich sagen, dass sie sittliche Regeln lehrt, die dem menschlichen Glück nicht förderlich sind.” [Hervorhebungen durch uns]

Man kann also zusammenfassen, dass Religion für Russell ein Machtsystem darstellt, das in einer Kirche organisiert ist und dessen Ziel darin besteht, den Status Quo festzuhalten und denjenigen, die Funktionäre der Kirche sind, einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, und zwar auf Kosten des Glücks und der Lebenschancen all derer, die nicht zu den unmittelbaren Nutznießern der Kirche gehören, weil sie nicht in ihrer Hierarchie eingebunden sind.

Als solches ist Religion also das Fundament eines organisierten Lobbytums, eine soziale Erscheinung, deren Ziel darin besteht, Ressourcen zu sichern und unter den Mitgliedern aufzuteilen und die sich nur im Inhalt von anderen Glaubenssystemen unterscheidet, die das selbe Ziel verfolgen. Daher qualifizieren sich alle Glaubenssysteme, die von sich behaupten, sie seien wahr oder der einzige Weg zum Heil, alle Glaubenssysteme, die keine Kritik an ihren Inhalten zulassen und die gegen Kritiker vorgehen, als Kirche im Sinne von Russell. Das schließt explizit Feminismus oder angeblich säkularisierte Formen des Glaubens mit ein.

“Warum ich kein Christ bin” – Bertrand Russell zum Wochenende

Nietzsche zum Wochenende hat sich als beliebte Lektüre vieler Leser von ScienceFiles erwiesen. Ehrlich gesagt, hat uns das zunächst gewundert. Philosophen, noch dazu Philosophen vom Schlage eines Friedrich Nietzsche schaffen es nur noch an wenigen Universitäten überhaupt in das Vorlesungsverzeichnis, so dass man denken könnte, die Nachfrage nach Nietzsche ist, da er zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint, nein besser: da zunehmend das, was er geschrieben hat, in Vergessenheit zu geraten scheint und nur noch ein Zerrbild des Philosophen übrig bleibt, eher gering.

So kann man sich täuschen. Möglicherweise ist es gerade umgekehrt: Dass wir in einer Zeit leben, in der öffentliche Diskurse sich vornehmlich durch dünngeistige Langeweile und Wiederkauen des ewig Selben auszeichnen, schafft gerade die Nachfrage nach neuen Ideen, nach witzigen Einfällen, klaren Gedankengängen, nach Abwechslung vom Mainstream-Allerlei, das selbst dem flegmatischsten Betrachter irgendwann auf die Nerven gehen muss.

Wir haben uns deshalb entschlossen, die Philosophen, deren Werke unsere Bibliothek bestücken, in unregelmäßigen Abständen zu Wort kommen zu lassen. Und nachdem Nietzsche den Anfang gemacht hat, wollen wir heute mit Bertrand Russell, von dem Popper einmal gesagt hat, er beneide ihn um die Leichtigkeit seiner Sprache (nicht um das Zwingende seiner Argumentation…) weitermachen. Bertrand Russell hat in seinem leben viele Kämpfe ausgefochten, und wer seine Bücher liest, der kann bis heute am eigenen Schmunzeln nachvollziehen, was Popper gemeint hat.

Die Passage aus dem Werkt von Russell, die wir ausgewählt haben, stammt aus dem Vortrag, “Warum ich kein Christ bin”, der 1957 erstmals erschienen ist. Wir geben hier Teile der letzten drei Abschnitte wieder. Sie enthalten ein flammendes Plädoyer für Emanzipation, Individualität, gegen Kollektivismus und gegen die Fesseln, die die Religion dem menschlichen Geist auferlegt.

Russell“Wenn man sich auf der Welt umsieht, so muss man feststellen, dass jedes bischen Fortschritt im humanen Empfinden, jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zur Verminderung der Kriege, jeder Schritt zur besseren Behandlung der farbigen Rassen oder jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde durchweg von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurde. Ich sage mit vollster Überlgung, dass die in ihren Kirchen organisierte christliche Religion der Hauptfeind des moralischen Fortschritts in der Welt war und ist.

Wie die Kirchen den Fortschritt verzögert haben

Vielleicht sind Sie der Meinung, ich gehe zu weit, wenn ich behaupte, dass das noch immer so ist. Ich bin nicht dieser Ansicht. [...] Es gibt viele Methoden, mit denen gegenwärtig die Kirche durch ihr Beharren auf ihrer sogenannten Sittenlehre allen möglichen Menschen unverdientes und unnötiges Leiden zufügt. Und natürlich ist sie, wie wir wissen, zum größten Teil immer noch ein Gegner des Fortschritts und aller Verbesserungen, die das Leiden in der Welt verringern könten, weil sie unter Moral eine Vielzahl von Verhaltensregeln versteht, die mit menschlichem Glück überhaupt nichts zu tun haben. Wenn man sagt, dies oder jenes müsse geschehen, da es zum menschlichen Glück beitragen würde, so findet die Kirche, das habe mit der Sache überhaupt nichts zu tun. ‘Was hat menschliches Glück mit der Sittenlehre zu tun? Es ist nicht das Ziel der Sittenlehre, die Menschen glücklich zu machen’.

Angst als Grundlage der Religion

Die Religion stützt sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. Teils ist es die Angst vor dem Unbekannten und teils, …, der Wunsch, zu fühlen, dass man eine Art großen Bruder hat, der einem in allen Schwierigkeiten und Kämpfen beisteht. Angst ist die Grundlage des Ganzen – Angst vor dem Geheimnisvollen, Angst vor Niederlagen, Angst vor dem Tod. Die Angst ist die Mutter der Grausamkeit, und es ist deshalb kein Wunder, dass Grausamkeit und Religion Hand in Hand gehen, weil beide aus der Angst entspringen. Wir beginnen nun langsam die Welt zu verstehen und sie zu meistern, mit Hilfe einer Wissenschaft, die sich gewaltsam Schritt für Schritt ihren Weg gegen die christliche Religion, gegen die Kirche und im Widerspruch zu den überlieferten Geboten erkämpft hat. Die Wissenschaft kann uns helfen, die feige Furcht zu überwinden, in der die Menschheit seit so vielen Generationen lebt. Die Wissenschaft, und ich glaube auch unser eigenes Herz, kann uns lehren, nicht mehr nach einer eingebildeten Hilfe zu suchen und Verbündete im Himmel zu ersinnen, sondern vielmehr hier unten unsere eigenen Anstrengungen darauf zu richten, die Welt zu einem Ort zu machen, der es wert ist, darin zu leben, und nicht zu dem, was die Kirchen in all den Jahrhunderten daraus gemacht haben.

Was wir tun müssen

Betrand RussellWir wollen auf unseren eigenen Beinen stehen und die Welt offen und ehrlich anblicken – ihre guten und schlechten Seiten, ihre Schönheit und ihre Hässlichkeit; wir wollen die Welt so sehen, wie sie ist, und uns nicht davor fürchten. Wir wollen die Welt mit unserer Intelligenz erobern und uns nicht nur sklavisch von dem Schrecken, der von ihr ausgeht, unterdrücken lassen. Die ganze Vorstellung von Gott stammt von den alten orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die freier Menschen unwürdig ist. Wenn man hört, wie sich die Menschen in der Kirche erniedrigen und sich als elende Sünder usw. bezeichnen, so erscheint das verächtlich und eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Wir sollte uns erheben und der Welt frei ins Antlitz blicken. Wir sollten aus der Welt das Bestmögliche machen, und wenn sie nicht so gut ist, wie wir es wünschen, so wird sie schließlich immer noch besser sein als das, was die anderen in all den Zeitaltern aus ihr gemacht haben. Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut; sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft und eine freie Intelligenz. Sie braucht Zukunfthoffnung, kein ständiges Zurückblicken auf eine tote Vergangenheit, von der wir überzeugt sind, dass sie von der Zukunft, die unsere Intelligenz schaffen kann, bei weitem übertroffen wird”

Unsinn der Woche: Bochumer Stadtverordnete sind inkompetent

“Großen Anklang”, so heißt es in einer Pressemeldung der Ruhruniversität Bochum (RUB), finde “ein soeben abgeschlossenes Forschungsprojekt der RUB mit dem Frauenbeirat der Stadt Bochum”. Wir wollen einmal dahin gestellt lassen, ob der große Anklang ein positives oder ein negatives Zeichen ist, und uns diesem Forschungsprojekt der RUB widmen, für das der Juniorprofessor Dr. Katja Sabisch, an der RUB für Gender Studies angestellt, verantwortlich zeichnet.

RUBDas groß anklingende Forschungsprojekt ist aus zwei Gründen der Erwähnung wert. Zum einen ist es wohl nicht so häufig, dass Mitarbeiter der RUB Stadtverordneten in Bochum Inkompetenz attestieren, zum anderen bietet das Forschungsprojekt einen Einblick in das, was im Rahmen von Genderstudies gelehrt wird und somit einen Einblick in einen Bereich, den Genderisten gewöhnlich vor der Öffentlichkeit verbergen.

Die Stadtverordneten in Bochum sind inkompetent,

denn sie hängen zwischen “Wissen und Willen”. Sie sind so etwas wie gutmütige Trottel, die zwar wollen, aber nicht können, denn es herrscht “Mangel an Wissen und Umsetzungsideen”. Genauer: “… die Bereitschaft, Geschlechtergerechtigkeit umzusetzen, ist zwar vorhanden, doch es fehlt das nötige Geschlechterwissen”. Bochumer, es ist an der Zeit, bei Kommunalwahlen andere Maßstäbe anzulegen. Es geht nicht an, dass Stadtverordnete gewählt werden, die Männlein nicht von Weiblein unterscheiden können. Bei der nächsten Wahl also auf das Geschlechterwissen achten, fragen, welche Erfahrungen in Geschlechterfragen die Kandidaten auf den Posten eines Stadtverordneten haben!

Einblicke in die Lee/hrwelt der Genderforschung

Die Inkompetenz der Stadtverordneten ist das Ergebnis des oben angesprochenen Kooperationsprojekts, an dem Studenten von Juniorprofessor Sabisch beteiligt waren. Entsprechend kann man aus den Ergebnissen auf das schließen, was den Studenten von ihrem Juniorprofessor vermittelt wird.

Die erste entsprechende Erkenntnis ist besser als gedacht: Genderisten kennen zumindest qualitative Formen der Sozialforschung, d.h. sie haben davon gehört, denn auf den zweiten Blick zeigt sich, die Methoden zu den qualitativen Formen der Sozialforschung sind unbekannt.

Glaser grounded theorySo haben “[f]ünf Leitfaden gestützte Interviews mit jungen Eltern, die in der Bochumer Kommunalpolitik aktiv sind”, zu der Erkenntnis geführt, dass “Probleme mit der Vereinbarkeit von Familile und Beruf immer im Vordergrund stehen”, schlimmer noch: Die “Herausforderung ‘Ehrenamt’” gerate bei allen Interviewten in den Hintergrund: “Erwerbsarbeit ist damit das Definitivum, von dem aus politisches Engagement … gedacht wird” (Definitivum meint übrigens endgültiger Zustand, aber das nur nebenbei).

Fünf Leitfadeninterviews haben also zu dem Ergebnis geführt, dass es Menschen gibt, die arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, selbst unter kommunalpolitisch Aktiven. Anstatt diese seltene Spezies von politisch Engagierten, also von politisch Engagierten, die arbeiten und selbst Steuern zahlen, statt Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, zu thematisieren, wird lamentiert, dass man als arbeitender Mensch andere Prioritäten setzen muss als als Berufspolitiker, insbesondere wenn man sich zudem zur Fortpflanzung entschieden hat.

Bemerkenswert sind auch drei Interviews zum Gender Mainstreaming, die gezeigt haben, dass vor allem oder nur die “städtische Bauplanung” der Bereich ist, in dem Gender Mainstreaming eine Bedeutung hat. Leider wird hier nicht vertieft, also am Beispiel die Bedeutung von gendergerechter Stadtplanung deutlich gemacht. Das wäre interessant gewesen, denn wir wissen zwar um die Rampen für Rollstuhlfahrer, die in den 1980er Jahren in Mode waren und öffentlich gefördert behindertengerechte Gebäude erschaffen sollten, was allerdings gendergerechtes Bauen darstellt, we hestitate to speculate… Na ja, vielleicht große Küchen anstelle von Küchenzeilen? Ah, das hat jetzt gerade Diskussionen in der Redaktion ausgelöst. Vielleicht besser: Doppeltoiletten falls die Freundin zu Besuch kommt … Ok. Besser wir hören damit auf. Vielleicht haben ja manche unserer Leser eine (bessere) Idee von gendergerechter städtischer Bauplanung.

BlumerDie Erfolgsmeldung aus der “städtischen Bauplanung” ist leider nicht uneingeschränkt gültig. Hier der Wermutstropfen: Die städtischen Bauplaner machen Gender Mainstreaming wegen einer entsprechenden “Anordnung”, sie fügen sich in Vorgaben eines “Top-Down-Prozesses”, “ein wirkliches Umdenken in den Köpfen der Beteiligten” hat nicht stattgefunden. Trotz aller Versuche der Indoktrination, so muss man ergänzen, hat auch das Gender Mainstreaming bislang keinen Weg gefunden, die Gedanken der Menschen unfrei zu machen. Ja, Bochumer, es ist noch Hoffnung, selbst wenn es um “städtische Bauplanung” geht, scheinen manche Stadtverodneten noch selbst zu denken.

Über weitere bahnbrechende Erkenntnisse wie z.B. die Feststellung, dass “gleichstellungspolitische Themen … in der Arbeit des Ausschusses für Migration und Integreation” keine “übergeordnete Rolle spielen” (am Ende stehen hier die Menschen im Vordergrund?) und der bereits gemachten Feststellung, dass Stadtverordnete inkompetent sind und mehr wollen als sie können, gelangen wir zum Höhepunkt der Forschung zum “Doing Gender”.

Die Erkenntnisse zu “Doing Gender” basieren auf “teilnehmenden Beobachtungen von zwei Ausschusssitzungen”. Aus diesen beiden teilnehmenden Beobachtungen resultiert die Erkenntnis, dass “das Dasein für Frauen in der Politik durchaus kein leichtes ist. Frauen sind nicht nur zahlenmäßig unterpräsentiert, sondern erfahren auch … an anderer Stelle Diskriminierung”. Das ist der bisherige Höhepunkt (aber es wird noch beser): Wo immer Frauen in der Minderheit sind, liegt also Diskriminierung vor, bei der Müllabfuhr werden Frauen vom Mülllehren ausgeschlossen, die große Mehrheit männlicher Müllfahrer zeigt: Frauen werden diskriminiert. Im Zweiten Weltkrieg blieb ihnen das letzte Opfer für ihr Land versagt. Die Mehrheit  männlicher Weltkriegstoter zeigt: Frauen werden diskriminiert. Und durch Frauenhäuser wird Frauen die Möglichkeit genommen, obdachlos zu werden. Ergebnis: Sie sind unter Obdachlosen unterrepräsentiert, werden diskriminiert und nicht in gleicher Zahl zu Obdachlosigkeit zugelassen.

Wir haben versprochen, dass es noch besser wird, und es wird noch besser. Die Diskriminierung an “anderer Stelle”, die die Studenten in teilnehmender Beobachtung dingfest gemacht haben, ist der “Umgang mit dem Mikrofon”, der wohl nicht meint, dass Frauen, die es in Bochum unter Stadtverordnete geschafft haben, zu dumm sind, ein Mikrofon zu bedienen, sondern der impliziten Prämisse huldigt, dass Frauen der Zugang zu Mikrofonen absichtlich von männlichen Patriachen verstellt wird: Ergebnis, den Ohren Gewalt antuendes Gekreische oder in den Worten der Studenten: “Oftmals waren es Frauen, die sich ohne jede teschnische Unterstützung äußerten, was klar zu ihrem Nachteil geschah”.

Einer geht noch!

Hier nun wirklich der Höhepunkt der studentischen Forschung unter Anleitung von Juniorprofessor Sabisch:

“Traditionelle Rollenzuweisungen waren nicht erkennbar. Für die Forschung bedeutet dies, dass weibliche Unterrepräsentanz in der Politik nicht auf der praktischen Ebene der Politikgestaltung stattfindet, sondern im Vorfeld eine Vielzahl von Schließungsmechanismen greifen, die dazu führen, dass Frauen gar nicht erst in politische Führungspositionen gelangen können. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber, dass Frauen, die bereits in der Politik beispielsweise als Ratsfrauen angenommen sind, auch denselben Status genießen, wie ihre männlichen Ratskollegen”.

Ein wirklich bemerkenswertes Dokument geistiger Verwirrung. Man weiss gar nicht, wo man anfangen soll:

  • Logik f dummiesWenn etwas nicht erkennbar ist, aber Frauen dennoch seltener vorkommen als Männer, dann ist das ein Indiz für Schließungsmechanismen, die verhindern, dass Frauen in einer bestimmten Position, z.B. als Maat auf einem Walfänger, ankommen. Die logische Konsequenz aus diesem Unsinn lautet: Wann immer etwas nicht vorhanden ist, muss geschlossen weden, dass eine Vielzahl von Schließungsmechanismen für das Nichtvorhandensein verantwortlich sind.
  • Aufgabe für die Studenten von Juniorprofessor Salisch: Einen Tag lang sammeln, was alles nicht vorhanden ist und dann die Schließungsprozesse benennen.
  • Verlassen wir dieses hervoragende Beispiel des Fehlschlusses der Verneinung des Antecedens, denn die Prämisse ist auch lohnend: Wie uns die Studenten von Juniorprofessor Sabisch unter ihrer fachkundigen Anleitung zeigen, sind Frauen keine Wesen mit Willenskraft, und sie sind in keiner Weise dazu in der Lage von Männern abweichende Entscheidungen zu treffen. Männer sind das non plus ultra, an dem die weiblichen Lemminge gemessen werden müssen, und wenn relativ zu Männern nicht genug weibliche Lemminge in Positionen gekommen sind, dann sind sie auf dem Weg dahin wohl von bösen Mächten ins Meer umgeleitet worden.
  • Obwohl im Satz vorher behauptet wurde, dass “eine Vielzahl an Schließungsmechanismen” dafür sorgt, dass “Frauen gar nicht erst in Führungspositionen gelangen können” gibt es dennoch Frauen, “die bereits in der Politik beispielsweise als Ratsfrauen angenommen sind” – ein klassischer Widerspruch, der zum Umkehrschluss überleitet, der keiner ist. (Das Verb “angenommen” offenbart eine erschreckende Prämisse. Wer hätte das von Genderisten gedacht, dass sie danach streben, in angeblich männlichen Domänen angenommen zu werden?)
  • Umkehrschlüsse werden vornehmlich von Juristen bedient, was bereits einen Hinweis auf ihre Korrektheit gibt. Ein Umkehrschluss läge z.B. vor, wenn ein Gesetz X aussagen würde, dass nur verheiratete Frauen Ratsmitglied sein können und daraus, im Umkehrschluss geschlossen würde, dass unverheiratete Frauen nicht im Rat sitzen können, was letztlich auf dem Satz des ausgeschlossenen Dritten basiert, der hier davon ausgeht, dass es keine Frauen gibt, die zugleich verheiratet und unverheiratet sind.
  • Aufgabe für die Studenten von Juniorprofessor Sabisch: Herausfinden, warum der behauptete Umkehrschluss kein Umkehrschluss ist.

Wenn man den vierseitigen Unsinn aus dem Forschungsprojekt der “RUB mit dem Frauenbeirat der Stadt Bochum” an sich vorbeiziehen lässt, dann kann man nicht anders, als Mitleid mit den Studenten zu haben, die so völlig bar wissenschaftlicher Methoden durch die Welt der qualitativen Sozialforschung wanken. Deshalb abschließend, der konstruktive Teil:

  • Es gibt Methoden der qualitativen Sozialforschung.
  • Qualitative Sozialforschung ist nicht Willkür Marke: Wir gehen ins Feld und lassen uns etwas erzählen , oder wir setzen und in eine Ratssitzung, mal sehen, was uns auffällt.
  • Philip Mayring, Barney G. Glaser und Anselm Strauss oder Uwe Flick, sie alle haben Methoden der qualitativen Sozialforschung begründet und gezeigt, wie man versucht, sinnvoll qualitative Forschung zu betreiben.
  • Bei Mayring finden sich sogar Reliabilitäts- und Validitätskriterien, die es erlauben, die Relevanz der eigenen qualiativen Forschung zu bewerten.
  • Ganze Zweige der Soziologie, die u.a. von Herbert Blumer und Harold Garfinkel begründet wurden, haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, worin sich qualitative Sozialforschung auszeichnet. und z.B. ein monumentales Werk von Aaron V. Cicoural hat die entsprechenden Anstrengungen in eine Methode gegossen.

Die Lektüre der entsprechenden Arbeiten sei den Studenten von Junoiorprofessor Sabisch dringend empfohlen:

Cicoural, Aaron V. (1964). Method and Measurement. New York: Free Press.

Flick, Uwe (2007). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt.

Glaser, Barney G. & Strauss, Anselm L. (2006). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. New Brunswick: Aldine Transaction.

Mayring, Philipp (2008). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

Mayring, Philipp (1990). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union.

Vogel-Schweine-Grippe-Panik: Viel Geld für wenig Tamiflu-Wirkung

Die Weltgesundheitsorganisation in Genf, die sich gelegentlich daran beteiligt, Pandemien zu beschwören und entsprechende Paniken herzustellen, empfiehlt in einer so genannten briefing note aus dem Jahre 2009 die Behandlung von Personen, für die der Verdacht besteht, dass sie mit Schweinegrippe infiziert sind, mit Oseltavimir und Zanamivir. Oseltavimir und Zanamivir sind besser bekannt unter ihren Handelsnahmen Tamiflu (Hoffman-La Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline).

WHO“The guidelines represent the consensus reached by an international panel of experts who reviewed all available studies on the safety and effectiveness of these drugs. Emphasis was placed on the use of oseltamivir and zanamivir to prevent severe illness and deaths, reduce the need for hospitalization, and reduce the duration of hospital stays.”

Auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation haben sich nationale Regierungen bis unters Dach und unter Aufwendung von Hunderten von Millionen Euro mit u.a. Tamiflu ausgestattet, um eine anti-virale Waffe gegen den Ausbruch einer Schweine-Grippe-Pandemie zu haben. Nicht nur das: Man hat sich darüber gestritten, wer mit dem kostbaren Grippe-Verhütungsmittel präventiv versorgt werden darf und wer nicht und wer die Kosten der Prävention zu tragen hat.

Die Gesundheitskasse empfiehlt eine Impfung mit Tamiflu oder Relenza zur Vorbeuge vor (echter) Grippe wärmstens:

“Eine Impfung gegen Grippe ist für folgende Personengruppen besonders zu empfehlen:

  • aok_logo_rgb_finalMenschen im Alter über 60 Jahren
  • Bewohner von Alters- und Pflegeheimen
  • Personen mit chronischen Grundkrankheiten (insbesondere Herz- oder Lungenerkrankungen, Asthma bronchiale, Diabetes mellitus, Nierenversagen
    Personen mit angeborener oder erworbener Abwehrschwäche einschließlich HIV-Infizierte)
  • Personen mit Tumorerkrankungen
  • Personen mit beruflichem Infektionsrisiko, also Ärzte, Schwestern, Personal von Pflegeheimen, mobile Krankenschwestern
  • Schwangere im letzten Schwangerschaftsdrittel
  • Eltern von Säuglingen
  • Interkontinentalreisende”

Die Empfehlungen von Weltgesundheitsorganisation und Gesundheitskasse (AOK) sind mit einem kleinen Problem versehen: Die empfohlenen Mittel scheinen wenig hilfreich zu sein.

Zu diesem Ergebnis ist eine Studie gelangt, an der ingesamt 12 Wissenschaftler beteiligt waren. Und es ist eine besondere Studie, eine besondere Meta-Analyse, die schon deshalb bemerkenswert ist, weil die Forscher sich um die Transparenz von Prozessen verdient gemacht haben, die sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Normalerweise führen Pharmaunternehmen klinische Tests durch, um die Wirksamkeit und die Gefahren, die sich mit einem neuen Medikament verbinden, zu erforschen. Die Ergebnise der Tests werden dann den zuständigen Zulassungsbehörden vorgelegt, in Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hier federführend. Die zuständigen Behörden prüfen die Testergebnisse, kommentieren die Testergebnisse und lassen ggf. die entsprechenden Medikamente zu. Der gesamte Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – bislang.

TamifluDen 12 Forschern um Tom Jefferson von Cochrane Collaboration ist es nun gelungen, die Intransparenz der Zulassungsprozesse zu beseitigen und der Testergebnisse, die den zulassenden Behörden in Europa, den USA und in Japan sowie der Weltgesundheitsorganisation vorgelegt wurden sowie der Kommentare der Mitarbeiter der entsprechenden Behörden zu den vorgelegten Testergebnissen habhaft zu werden.

Die Wissenschaftler haben also die vorgelegten empirischen Belege analysieren können, die die Grundlage der Zulassung von Tamilu und Relenza oder der oben zitierten Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation bilden. Das Ergebnis ist ziemlich ernüchternd:

  • Von anfänglich 107 klinischen Tests, die im Zulassungsverfahren von Tamiflu und Relenza vorgelegt wurden, blieben 46 klinische Tests übrig, nachdem die Tests ausgeschlossen wurden, in denen “inadäquate Maße” verwendet wurden, um den Effekt der beiden Medikamente zu messen oder für die nicht klar war, ob der Kontrollgruppe, der ein Placebo verabreicht worden sein soll, auch tatsächlich ein Placebo verabreicht wurde. Allein die Beschreibung der Unklarheiten, die die 12 Wissenschaftler in den klinischen Tests gefunden haben, ist erschreckend.
  • Für beide Medikamente konnte gezeigt werden, dass sie die Dauer der Symptome einer klassischen Grippe um 0,7 von 7 auf 6,3 Tage (Tamiflu) bzw. um 0,6 von 6,6 auf 6 Tage (Relenza) verkürzen. Beide Medikamente hatten keinen Effekt in der Behandlung von Kindern.
  • Tamiflu und Relenza erwiesen sich als völlig unwirksam in der Bekämpfung ernsthafter Grippeerkrankungen: “In adult treatment trials, oseltamivir [Tamiflu] did not significantly reduce those complications classified as serious … neither did zanamivir [Relenza]“. Folgerichtig hatten beide Medikamente keinerlei Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, dass ein an Grippe Erkrankter in ein Krankenhaus überwiesen werden musste.
  • Es gibt keine belastbaren Ergebnisse, die den Schluss begründen, das Tamiflu oder Relenza einer Lungenentzündig vorbeugen. Während Relenza die Gefahr einer Bronchitis signifikant reduzierte, hatte Tamiflu keinen entsprechenden Effekt.
  • Dagegen ist Tamiflu mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden: Tamiflu führt häufig zu Übelkeit und Erbrechen. Möglicherweise reduziert Tamiflu das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, tut dies aber vermutlich auf Kosten von erheblichen Herzrhythmusstörungen. Für Relenza haben sich keine Indizien auf erhebliche Nebenwirkungen ergeben.

Zusammenfassend kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass es keine Belege dafür gibt, dass Tamiflu oder Relenza irgendeine Wirkung zur Behandlung von mit Grippe Erkrankten oder gar zur Behandlung schwerer Grippeerkrankungen haben. Beide Medikamente hätten bestenfalls in der Prophylaxe einen Platz, wobei die einer Grippe vorbeugende Wirkung moderat sei. Er würde, so fasst Tom Jefferson die Ergebnisse der Studie zusammen, an der er federführend beteiligt war, eine schwere Grippeerkrankung mit Paracetamol behandeln, nicht mit Tamiflu.

RelenyaNationale Regierungen, die den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation folgen, haben große Reserven an Tamiflu angelegt, um damit eine eventuelle Pandemie zu bekämpfen. Die dahinterstehende Idee baut darauf, dass der breite Einsatz von Tamiflu Erkrankungen lange genug hinauszögert bzw. die Pandemie lange genug verhindert, um Wissenschaftler in die Lage zu versetzen, ein geeignetes Gegenmittel gegen das Virus zu finden, das die Pandemie verursacht hat. Wie sich nun auf Basis der berichteten Ergebnisse zeigt, sind weder Tamiflu noch Relenza in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. Beide haben bestenfalls eine moderate Wirkung im Bereich der Vorbeugung von grippalen Effekten, aber keinerlei Effekt bei Behandlung einer (schweren) Erkrankung.

Es ist vor diesem Hintergrund mehr als verwunderlich, dass Regierungen dreistellige Millionenbeträge aufwenden, um sich ein Arsenal von Tamiflu anzulegen. Es ist insbesondere verwunderlich, weil den entsprechenden Regierungen im Gegensatz zu ihrer Bevölkerung die Ergebnisse der klinischen Tests, die die Wirksamkeit von Tamiflu und Relenza belegen sollen, vorliegen, jene Ergebnisse, die den 12 Wissenschaftlern für ihren Bericht erst nach langer Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt wurden und auf deren Grundlage sie nunmehr die fast vollständige Unwirksamkeit von Tamiflu und Relenza zur Vorbeugung einer Pandemie oder auch nur zur Behandlung einer Grippe gezeigt haben.

Einmal mehr zeigt sich, dass die Geheimniskrämerei oder die Kartellbildung zwischen Behörden und manchen Konzernen nicht dazu geeignet ist, positives für andere als die am Kartell Beteiligten zu produzieren. Und wie immer, wenn es um Kartelle geht, gibt es nur ein wirksames Gegenmittel: Die vollstänige Transparenz der Prozesse, die zur Zulassung von Medikamenten führen.

Das bedeutet, dass die klinischen Tests, die Unternehmen durchführen,um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Medikamente zu belegen, generell veröffentlicht werden und Wissenschaftlern zur Prüfung bereitgestellt werden müssen. Um die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen zu wahren und zu verhindern, dass die Testergebnisse genutzt werden, um Imitationen der Medikamente herzustellen, gibt es bereits die Möglichkeit, ein Patent anzumelden, so dass es wirklich keinen Grund für Behörden und Unternehmen gibt, die Testergebnisse geheim zu halten.

 

Jefferson, Tom et al. (2014). Neuraminidase Inhibitors for Preventing and Treating Influenza in Healthy Adults and Children.

Die mysteriösen Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung

Wer heute die Welt der Pressemeldungen, die von sich behaupten, aus der Wissenschaft zu stammen oder wissenschaftliche Ergebnisse zu verbreiten, querliest, der findet einen alten Ladenhüter, den diejenigen, die ihn an den Mann bringen wollen, so dringend loswerden wollen, dass sie ihn zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten in das Schaufenster ihres Etablissements stellen, um sich dann zu wundern, dass keine Kunden kommen.

logo_wsiDie Rede ist von den Frauen in den Chefetagen Europäischer Konzerne, in denen sie nach Erkenntnissen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung nur eine kleine Minderheit sind. “Noch extremer ist die Männerdominanz bei den Vorsitzenden der höchsten Entscheidungsgremien”, so wird lamentiert, ganz so als habe Geschlecht auch nur entfernt etwas mit Fähigkeit, Leistungsvermögen oder  Intelligenz zu tun. Aber scheinbar glaubt man das, bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Lassen wir sie in ihrem Glauben und wenden wir uns der Frage zu, wer die Hans-Böckler-Stiftung eigentlich finanziert bzw. wie sich die Hans-Böckler-Stiftung finanziert – eine nicht ganz unerhebliche Frage, wenn man z.B. untersuchen will, warum sich die Hans-Böckler-Stiftung mit bestimmten Themen und nicht mit anderen Themen beschäftigt.

Zunächst zur Hans-Böckler-Stiftung als solcher. Was ist die Hans-Böckler-Stiftung eigentlich? Die offizielle Selbstbeschreibung hilft hier weiter:

“Die Hans-Böckler-Stiftung ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderwerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Stiftung arbeitet mit den Mitgliedsgewerkschaften des DGB projektbezogen zusammen, ist aber nicht von ihnen abhängig.”

Damit das klar ist: Die Hans-Böckler-Stiftung gehört organisatorisch zum Deutschen Gewerkschaftsbund. Mit ver.di oder der GEW arbeitet man zusammen, aber daraus erwachsen keine Ansprüche der Einzelgewerkschaften auf z.B. das bei der Hans-Böckler-Stiftung gehortete Kapital.

Und vermutlich, weil ver.di und GEW nicht zu trauen ist, hält die Hans-Böckler-Stiftung ihre Finanzen weitgehend geheim. Die offizielle Verlautbarung zu den Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung liest sich wie folgt:

“Der Jahresetat [2011] der Hans-Böckler-Stiftung beträgt rund 55 Millionen Euro. Zwei Drittel davon stammen aus den Beiträgen der Förderer. Den größten Posten auf der Ausgabenseite bilden die Förderbeträge für Studierende mit gut 20 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln”.

logo_hbsNa wenn das keine Auskunft ist! Die Bilanz der Hans-Böckler-Stiftung lautet: Es gibt Einnahmen und Ausgaben. Nicht auszudenken irgend ein Unternehmen oder gar ein internationaler Konzern käme auf die Idee, seine Einnahmen und Ausgaben auf diese Art und Weise zu verschleiern, die Vermutung, hier solle Arbeitnehmern oder der Öffentlichkeit etwas Wichtiges vorenthalten werden oder hier seien dunkle Machenschaften am Werk, wäre sicher ganz schnell bei der Hand, sicher auch oder gerade von Seiten der Gewerkschaften.

Aber: Für manche unter den Gleichen gelten bekanntlich andere Regeln, und entsprechend findet man beim DGB wohl nichts dabei, die Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung weitgehend vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Aber wir sind ungerecht. Die Hochglanzbroschüre, die der Außendarstellung dient, ist natürlich aufgepeppt und auszugsweise. Man will die Öffentlichkeit ja nicht mit Zahlen langweilen und hat sich die entsprechende Aufstellung für den Jahresbericht vorbehalten.

Nur, die Aussagen zu den Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung, die der Jahresbericht enthält, sind auch nicht umfassender:

“Der Haushalt 2011/2012″, so steht am Seitenrand, “hatte ein Gesamtvolumen von 63,1 Mio. Euro”. Die Aussage wird ergänzt durch den folgenden Hinweis: “Gemäß Beschluss des DGB-Bundesausschusses führen Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten, Arbeitsdirektoren sowie Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer gewerkschaftlicher Unternehmen bestimmte Teile ihrer Vergütungen oder Einkünfte an die Hans-Böckler-Stiftung ab. Zusammen mit Zuwendungen sonstiger Förderer erreichten die Förderbeiträge 2011/12 ein Gesamtvolumen von 37,8 Mio. Euro”.

Um die Frage nach den “bestimmte[n] Teile[n]” zu klären, die die “Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten usw. abführen, um ein Gefühl für die Größenordnungen von Einkünften aus Aufsichtsratsmandaten zu bekommen, hier einige Informationen aus einem Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung:

  • einfache Aufsichtsratsmitglieder führen
    • BöcklerHansbei Vergütungen bis 3.500 Euro im Jahr pro Ausichtsratsmandat 10 Prozent des Bruttobetrages ab;
    • bei Vergütungen über 3.500 Euro bis 32.500 Euro sind zusätzlich zu dem unter Ziffer 1 genannten Betrag 95 Prozent der über 3.500 Euro liegenden Vergütungsbestandteile abzuführen;
    • bei Vergütungen über 32.500 Euro, ist alles, was über 32.500 Euro liegt, abzuführen;
  • Aufsichtsratsvorsitzende führen
    • bei Vergütungen bis 7.000 Euro im Jahr 10 Prozent des Bruttobetrages ab;
    • bei Vergütungen über 7.000 Euro bis 65.000 Euro werden zusätzlich 95% der über 7.000 Euro liegenden Vergütungsbeträge abgeführt;
    • bei Vergütungen über 65.000 Euro ist alles, was über 65.000 Euro liegt, abzuführen.

Die Summen, die von Gewerkschaftsfunktionären ganz nebenbei durch ihre Mitgliedschaft als Arbeitnehmervertreter in z.B. den Aufsichtsräten von Daimler (z.B: Jörg Hofmann oder Sabine Maaßen) oder der Deutschen Post DHL AG (z.B. Andrea Kocsis oder Andreas Schädler) bewegt werden, sind durchaus erheblich.

Allein die Abgaben an die Hans-Böckler-Stiftung summieren sich auf 37,8 Millionen Euro für das Bilanzierungsjahr 2011/2012, abzüglich der nicht ausgewiesenen Zuwendungen ungenannter “sonstiger Förderer”. Zu diesen 37,8 Millionen Euro tragen Steuerzahler über das Bundesministerium für Bildung und Forschung noch die Kleinigkeit von 22,2 Millionen Euro bei, so dass die Steuerzahler 35,2% der Mittel bereitstellen, die die Hans-Böckler-Stiftung verbraucht.

Von den 63,1 Millionen Gesamtvolumen des Jahreshaushalts 2011/2012  ist die Herkunft von nunmehr 60 Millionen Euro zumindest ansatzweise geklärt. Bleiben noch 3,1 Millionen Euro, die sich zu 0,8 Millionen über eingeworbene Drittmittel, von wem auch immer, erklären. Die nunmehr noch verbleibenden 2,3 Millionen Euro stammen zu 95,6% (2,2 Millionen) aus Zinseinnahmen, der Rest entstammt aus Rücklagen, die aufgelöst wurden.

labor-unionZinseinnahmen in Höhe von 2,2 Millionen Euro zeigen, dass die Hans-Böckler-Stiftung sich über die Jahre ihres Bestehens (seit 1977) zu einem kleinen Finanzimperium entwickelt hat, das über mehr Kapital(anlagen) verfügt als die meisten mittleren und kleinen Unternehmen als Jahresumsatz erwirtschaften. Selbst wenn man annimmt, dass die Geldanlagen der Hans-Böckler-Stiftung in konservativer Weise erfolgen, d.h. der Anteil des Kapitals, das in Aktienspekulationen investiert wird, eher gering ist, kommt man bei eben dieser konservativen Schätzung auf Basis eines Zinssatzes von nur rund 4% zu einem Guthaben von 55 Millionen Euro.

Wir sind bei unserer Berechnung davon ausgegangen, dass die Hans-Böckler-Stiftung als gemeinnützige Stiftung anerkannt ist und entsprechend keine Kapitalertragssteuer abführt.

Und gemeinnützig ist das, was die Hans-Böckler-Stiftung tut, natürlich, oder wollen Sie etwa auf die reguläre Veröffentlichung von Ladenhüter-Informationen über den Anteil von Frauen in Chefetagen verzichten? Oder auf die Durchführung von Fachtagungen wie:

  • WSI-Herbstforum 2011: Gespaltene Gesellschaft
  • Betriebsräte Tagung: Energiewende
  • Abrbeit – sicher aber fair!
  • Feministische Kritik in Zeiten der Prekarisierung
  • Aktionsforschung: Erfahrung, Kritik, Perspektiven
  • Betriebsräte als Innovationsbegleiter und Treiber betrieblicher Innovationsprozesse
  • Beschäftigung, Gleichstellung, Soziale Sicherheit
  • Prekarisierung und Sozialkritik (Autorinnenworkshop)
  • Habermas und der kritische Materialismus
  • Prekäre Arbeitsverhältnisse
  • Arbeitnehmerbewusstsein und Demokratie
  • New Sociology Childhood
  • Demokratie, Feministische Perspektiven auf Emanzipation und Demokratisierung

Darüber hinaus fördert die Hans-Böckler-Stiftung auch Studenten und Doktoranden mit entsprechenden Stipendien, wobei die Förderung eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder ein gesellschaftspolitisches oder gewerkschaftliches Engagement voraussetzt. Anders formuliert: Die Hans-Böckler-Stiftung rekrutiert über die Vergabe von Stipendien den eigenen Nachwuchs, nein, nicht die Hans-Böckler-Stiftung, die Steuerzahler tun dies, denn die 22,2 Millionen, die dem Haushalt der Stiftung im Jahre 2011/2012 zugeflossen sind, sind zweckgebunden, an die Studienförderung.

Wer sich darüber ärgert, dass es Filz, Nutznießernetzwerke und Kaderschmieden wie z.B. die Humboldt-Universität gibt, der hat nunmehr eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun: Steuern nur noch zweckgebunden zahlen und sich versichern lassen, dass weder die Hans-Böckler-Stiftung noch die eingetragenen Vereine der Parteien, die von sich behaupten, die Stiftung von Konrad Adenauer, Friedrich Ebert, Heinrich Böll, Friedrich Naumann  oder Rosa Luxemburg zu sein, über die eigenen Steuerzahlungen finanziert werden – alternativ kann man natürlich auch eine Petition verfassen, deren Ziel darin besteht, die Finanzierung aus Steuermitteln von ideologischen Stiftungen oder Parteienvereinen zu verbieten.

Der Zweck heiligt die Mittel: Klimawandel rechtfertigt auch Lügen

Alea iacta est, soll Julius Caesar gesagt haben, als er den Rubikon in Norditalien überschritten hat, um einen Bürgerkrieg zu beginnen. Der Rubikon ist seither das Symbol für einen “point of no return”, einen Punkt, von dem aus es kein Zurück gibt.

KuhnAuch in den Wissenschaften gibt es derartige “points of no return”. Sie sind sogar wichtig, denn neue Erkenntnisse können, wie Thomas Kuhn das sehr anschaulich beschrieben hat, wissenschaftliche Revolutionen auslösen, die die Welt in einem anderen Licht zeigen und von denen aus es in der Tat kein Zurück gibt.

Doch nicht jede Überschreitung des Rubicon hat positive Effekte, wie schon der Urschritt Caesars zeigt. Manche Dinge gehen in der Tat zu weit, und man wünscht sich selbst als Liberaler, sie wären nie publiziert wurden. Der angeblich liberale Paternalismus, den Cass Sunstein und Richard Thaler propagieren, ist ein solcher Rubikon, jedenfalls für Liberale, behauptet er doch, dass man “im Namen des Guten” die Willensfreiheit von Menschen etwas biegen dürfe, um sie in die Richtung des vorgeblich Guten zu “nudgen”.

Dieser vermeintlich liberale Paternalismus hat die Tore geöffnet für all diejenigen, die nichts dabei finden, wenn sie Dritte im “Namen des Guten”, also immer im Namen dessen, was sie für gut halten, manipulieren, ja belügen. Ein besonders krasses Beispiel dieser Form wissenschaftlicher Unlauterkeit macht derzeit die Runde in der US-amerikanischen Bloggosphere und u.a. Rothbardian hat darauf hingewiesen.

Das Beispiel ist ein Beitrag von Fuhai Hong und Xiaojian Zhao, veröffentlicht in der Aprilausgabe des American Journal of Agricultural Economics, und es ist betitelt mit: “Information Manipulation And Climate Agreements”.

Was man unter diesem Titel zu lesen bekommt, spottet jeder wissenschaftlichen Lauterkeit.

Das Ausgangsproblem ist ein ökonomisches, das als Free-Rider-Problem bekannt ist und besonders im Zusammenhang mit International Environmental Agreements diskutiert wird. Die Anreize, diesen Abkommen nicht beizutreten, sind nämlich sehr hoch, denn diejenigen Länder, die sich verpflichten z.B. ihren Ausstoß an CO2 zu reduzieren, reduzieren automatisch für die Länder mit, die sich nicht dazu verpflichten. CO2 hält sich nicht an die Landesgrenzen, in welcher Menge es auch immer ausgestoßen wird. Entsprechend kommt eine Reduzierung durch wenige allen zu Gute, eine Situation wie gemacht für das Trittbrettfahren.

Wohlgemerkt, die Prämisse, auf der diese ganze Argumentation basiert, lautet: Es ist wichtig und vorteilhaft, internationale Umweltabkommen zu schließen, wichtig und vorteilhaft für alle.

Hong und Zhao starten von dieser Prämisse und der damit verbundenen Behauptung, dass ein internationales Abkommen zum Umweltschutz, das dem Klimawandel vorbeugen soll, sinnvoll ist. Das setzt zwangsläufig voraus, dass die Autoren den Klimawandel als gegeben annehmen und die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, ebenfalls.

Nun beobachten die Autoren Spannendes:

“… it appears that many of the points made in the film [Al Gores Film: An Inconvenient Truth] are controversial, and some have argued that it exaggerated the threat of global warming. … The IPCC [Intergovernmental Panel on Climate Change] has tended to over-generalize its research results and accentuate the negative side of climate change. Following its lead the mainstream media has gone even further. It is a routine and accepted practice that elements in the IPCC reports that indicate the possibility of high levels of crop damage in certain African countries are reported by the media without any qualifying considerations … Taken together, considerable evidence suggests that international mainstream media and pro-environmental organizations have the tendency to accentuate or even exaggerate the damage caused by climate change” (851-852).

Nudging-Science-CliffWer nun denkt, er hat hier einen kritische Beitrag vor sich, dessen Ziel darin besteht, den Alarmismus, die Hysterie und die Art und Weise, in der versucht wird, eine Klimapanik herbei zu manipulieren, offen zu legen, der sieht sich getäuscht. Hong und Zhao sind nämlich angetreten, die “Betonung (accentuation)” oder gar “Übertreibung (exaggeration)” die Medien, Umweltorganisationen, Regierung oder Al Gore betreiben, zu rechtfertigen. Und sie tun dies auf eine bestimmte ökonometrische Weise, bei der man zuerst Begriffe in Buchstaben und Zahlen übersetzt, z.B. N, N-1 und p (am besten hoch i), die so geschaffene Denotation in Gleichungen überträgt, die sicherstellen, dass das, was man vorne hineinsteckt, auch hinten herauskommt und dann zu dem unglaublichen Ergebnis kommt, dass dann, wenn man zwei Länder annimmt, von denen das eine die Darstellung der Schäden, die durch Klimaerwärmung entstehen, übertreibt, das andere nicht, dass man dann sagen kann: Wenn die Übertreibung dazu führt, dass Land zwei (das nicht übertreibende Land) einem Klimaabkommen mit dem ersten Land zustimmt, dass sich dann für alle ein positiver Wohlfahrtseffekt ergibt. Der positive Wohlfahrtseffekt soll sich dann ergeben, wenn die Berichterstattung über die Folgen der Klimaerwärmung übertrieben ist (post hoc-Argument). Allerdings, so die Autoren, könne man nicht sagen, wie die Übertreibung der Folgen durch das eine, vom anderen Land aufgenommen werde (ex-ante Argument), was dazu führt, dass die Folgen der Übertreibung als unklar eingeschätzt werden müssen.

In den Worten der Autoren:

“In equilibrium we find that the message sender may have a strict incentive to exaggerate the damages of climate change when it is less severe, which eventually increases the global welfare ex post. Interestingly, relying on information manipulation will give rise to a negative externality for all the players in the other state when the climate problem is more severe. Intuitively, in this state people will be aware of the message sender’s suppression, and exhibit rational scepticism even if the problem of climate change is indeed severe. Thus, from the ex ante viewpoint, it is not clear whether such information manipulation is welfare enhancing or not.” (852-853)

Also: “When the media or pro-environmental organizations have private information on the damage caused by climate change, in equilibrium they may manipulate this information to increase pessimism regarding climate change, even though the damage may not be as great. Consequently, more countries (with overpessimistic believes about climate damage) will be induced to participate in an IEA (International Environmental Agreement]  in this state, thereby leading to greater global welfare ex post” (859)

Der Zweck heiligt demnach die Mittel. Und um den euphemistischen Begriff der “Informationsmanipulation”, den die Autoren nutzen, einmal in das zu übersetzen, was er eigentlich meint: Es ist demnach gerechtfertigt, die Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels zu belügen, weil auf lange Sicht die Folgen des angenommenen Klimawandels durch die Folgen der Lüge, also den Beitritt zu internationalen Klimaabkommen auch durch Länder, die dem Klimawandel und seinen Folgen pessimistisch gegenüberstehen, ihn z.B. als nicht wissenschaftlich fundiert ablehnen, einen positiven Wohlfahrtseffekt für alle ergeben.

Man sieht hier schön, wie hinten herauskommt, was vorne hereingesteckt wurde, denn wenn wir nur einen Moment annehmen, Umweltabkommen hätten einen Wohlfahrts-schädlichen Effekt, weil sie Innovationen verhindern und Wachstum reduzieren, dann ergibt sich, dass das Belügen der Öffentlichkeit sich ex ante und ex post negativ auf die Wohlfahrt auswirkt.

save the planetDas Ergebnis hat Konsequenzen: Wenn ich die Öffentlichkeit und über Mainstream Medien über z.B. die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas belüge, um die Anbindung an die NATO zu stärken, dann kann ich, wenn es am Ende des dritten Weltkrieges mehr Überlebende in den Ländern der NATO als in den Ländern, die Russland folgen, gibt, darauf verweisen, dass die Lüge einen Wohlfahrtseffekt erzielt hat, oder so.

Wir sind derzeit noch unschlüssig darüber, what we find more disgusting, die Tatsache, dass Wissenschaftler sich anschicken, die Informations-Manipulation durch Mainstream Medien und NGOs zu rechtfertigen oder die Tatsache, dass man heutzutage der Öffentlichkeit auch sagen kann, dass man sie belügt, ohne dass man vor eben dieser Öffenlichkeit Angst haben muss.

Hong, Fuhai & Zhao, Xiaojian (2014). Informaton Manipulation and Climate Agreements. American Journal of Agricultural Economics 96(3): 851-861.

Genetischer Fehlschluss: Die Basis von Gesinnungs-Sekten

Im letzten Post haben wir am Beispiel des Fehlschlusses ad-hominem dargestellt, wie der entsprechende Fehlschluss eingesetzt werden kann, um Gesinnungs-Sekten zu konstituieren. Eine Gesinnungs-Sekte ist für uns ein Zusammenschluss von Gleich-Gläubigen, die sich um einen Glaubensinhalt, z.B. eine politische Ideologie oder ein anderes religiöses Überzeugungssystem ansammeln. Die Migliedschaft in Gesinnungs-Sekten hat für einige der Mitglieder den Anreiz, sich durch die Bereitstellung von Glaubensinhalten einen persönlichen Nutzen, z.B. in From politischer Ämter zu verschaffen. Für die Mehrzahl der Mitglieder in Gesinnungs-Sekten ist es die Bereitstellung eines sozialen Nutzens, der den Anreiz zur Mitgliedschaft darstellt.

Tajfel. social identityDer soziale Nutzen kann mit Tajfel und Turner als soziale Identität beschrieben werden, als Möglichkeit, durch Zugehörigkeit zu einer Gesinnungs-Sekte die nicht vorhandene persönliche Identität zu kompensieren. Die entsprechenden Mitglieder sind in der Regel nicht in der Lage, sich selbst einen Lebenssinn, ein Lebensziel, eben eine personale Identität zu geben, die sie von ihrer Umwelt unterscheidet. Entsprechend nehmen sie das erstbeste Angebot, das ihnen eine Surrogat-Identität verspricht, an und werden Mitglied einer Gesinnungs-Sekte. Wie die von uns besprochene Forschung zu den Mitgliedern von al-Kaida gezeigt hat, ist die Frage, welche Organisation die gesuchte soziale Identifikation bereit stellt, dem Zufall oder der sozialen Umgebung geschuldet, was abermals die Beliebigkeit der gewählten Surrogat-Identität deutlich macht und zudem die Möglichkeit eröffnet, über den Trend zu Mitgliedschaften in Gesinnungs-Sekten die intellektuelle Stimmung innerhalb einer Gesellschaft zu beschreiben.

Da Gesinnungs-Sekten auf einem Überzeugungs-System basieren, das nicht rational, sondern emotional begründet ist, da die Wahl der Mitgliedschaft in einer Gesinnungs-Sekte nur bei denen, die damit einen Unterhalt erwirtschaften wollen, eine rationale Wahl ist, die Inhalte aber dennoch ein Glaubensystem darstellen, das durch empirische Fakten rasch zum Einsturz gebracht werden kann (Man stelle sich vor, Globalisierungsgegner müssten die Existenz des “Finanzkapitals” oder die gemeinsame Agenda des Finanzkapitals belegen, oder Linke müssten nachweisen, dass sich nicht Funktionäre, sondern Unternehmer über Gebühr bereichern, oder Rechtsextremisten müssten zeigen, dass Ausländer einen negativen Effekt auf das Bruttosozialprodukt haben…) , ist es von entscheidender Wichtigkeit, das Glaubenssystem nicht mit empirischen Fakten zu konfrontieren, es gegen empirische Fakten abzuschirmen.

Zu diesem Zweck kommen logische Fehlschlüsse zum Einsatz. So haben wir im letzten Post dargestellt, dass der Fehlschluss ad hominem ein Mittel darstellt, um nicht über Argumente diskutieren zu müssen. Statt dessen wird versucht, die Person zu diskreditieren. Ein weiterer Fehlschluss, der geeignet ist, das eigene Überzeugungssystem der Gesinnungs-Sekte erst gar nicht in Kontakt mit kritischen Argumenten kommen zu lassen, ist der genetische Fehlschluss.

Der genetische Fehlschluss besteht in einer Vermengung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang. Umstände, die die Entdeckung z.B. einer Theorie betreffen, werden auf die Theorie übertragen und als Beleg für deren Falschheit gewertet.

Logik Salmon“Zum Beispiel: Die Nazis verwarfen die Relativitätstheorie, weil Einstein, ihr Entdecker, ein Jude war.
Das ist ein ganz klarer Fall eines genetischen Fehlschlusses. Das nationale oder religiöse Umfeld, aus dem derjenige kommt, der eine Theorie aufstellt, ist sicherlich nur für den Entdeckungszusammenhang von Bedeutung. Die Nazis bewerteten so etwas, als ob es zum Begründungszusammenhang gehört” (Salmon, 1983: 28).

Der Entdeckungszusammenhang bezieht sich auf die Umstände, unter denen eine Entdeckung gemacht wurde. Er rekurriert auf z.B. kulturelle Gründe, die die Archäologie z.B. über Opfergefäße nicht hinauskommen sieht oder Politikwissenschaft und Soziologie von Wissenschaften, deren Ziel die Beobachtung und Kontrolle der sozialen und politischen Auswirkungen bestimmter Akteurskonstellationen (oder Regierungsysteme) war, zu Legitimationswissenschaften eben dieser Akteurskonstellationen gemacht hat, oder er rekurriert auf religiöse Umfeldvariablen, die z.B. zu Galileos Zeiten die Erforschung bestimmter Inhalte unter Strafe gestellt haben. Variablen des Entdeckungszusammenhangs konstituieren den Möglichkeitsraum für Entdeckungen. Sie haben überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Entdeckung, die Beobachtung, die Theorie, die Aussage über die Welt richtig ist.

Die Richtigkeit von Aussagen über die Welt, von Beobachtungen oder Theorien zu prüfen, ist Gegenstand des Begründungszusammenhangs. Die Prüfung der Richtigkeit hat ausschliesslich das zum Gegenstand, was über die Welt ausgesagt wird. Nichts anderes. Entsprechend ist es mehr als offensichtlich, dass die Schuhgröße, die Nationalität, die Wahlteilnahme, die Augenfarbe, die sexuelle Orientierung (heute ja so wichtig), die Fremdsprachenkenntnisse oder die Tatsache, dass der Entdecker einer Theorie in einem Anfall von Wut seinen lärmenden Nachbarn erschlagen hat, überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Aussagen über die Welt richtig oder falsch sind. Wer dies dennoch behauptet, begeht einen genetischen Fehlschluss.

Eigentlich sollte man denken, dieser Zusammenhang ist offensichtlich und dennoch gibt es Zeitgenossen, die Aussagen ablehnen, gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, weil sie aus einem “neoliberalen Kontext” kommen, weil sie von einem Wissenschaftler stammen, der quantitativ arbeitet, weil ein religiöser Terrorist sie gemacht hat, dem die Römer habhaft werden konnten und  der wie Adam Smith denkt, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei Empathie (sympathy bei Adam Smith), also die Überzeugung, dass man durch Kooperation einen höheren Nutzen erwirtschaften kann als ohne Kooperation und – abgesehen davon – ist sei besser, sich Menschen zum Freund und eben nicht zum Feind zu machen.

flies around a lightDie Anziehungskraft, die der genetische Fehlschluss ausübt, führt zurück in die Sozialpsychologie und zum Problem, dass man als Mensch eine Identität ausbilden muss, ein Bild von sich. Dieses Problem nutzen die Bereitsteller von Gesinnungs-Inhalten, um die sich Gesinnungs-Sekten bilden können, geschickt und zur eigenen Bereicherung aus und dieses Problem ist es, was ihnen letztlich Mitglieder zutreibt, Herdentiere auf der Suche nach einer Identität. Die Gesinnungs-Sekte bietet diese Identität, man ist wer, wenn man sich als Kämpfer gegen die Globalisierung, als moderner Robin Hood, als Mitläufer in der Regierungspartei, als Mitglied in der Jugendbande, postulieren kann. Es zeigt den anderen, welche Glaubens-Inhalte man vertritt und macht es zugleich notwendig, die entsprechenden Inhalte gegen Kritik zu immunisieren, wie Hans Albert wohl sagen würde. Die wirksamste Form, die Folgen von Kritik zu vermeiden, besteht darin, Kritik zu delegitimieren oder sie gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.

Hier helfen der Fehlschluss ad hominem und der genetische Fehlschluss. Ersterer, indem er die Abwertung und Beleidigung dessen, der ein Argument vorbringt, an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Argument setzt, Letzterer, indem er ganze Gruppen von Argumenten gleich ganz ausschließt, weil sie von Menschen geäußert werden, die ein negativ bewertetes Merkmal, eine negativ bewerte Eigenschaft aufweisen, die zu einem negativ bewerteten Zeitpunkt gelebt haben, in einer negativ bewerteten Organisation Mitglied sind … Die Möglichkeiten der Kritik-Immunisierung, die der genetische Fehlschluss eröffnet, sind schier endlos.

Der stärkste Beleg dafür, dass Fehlschluss ad hominem und genetischer Fehlschluss ausschließlich dazu dienen, eine Diskussion über Argumente zu vermeiden, ist übrigens die schlichte Existenz beider: Hätten die Nutzer von ad hominem Fehlschlüssen, die Gebraucher von genetischen Fehlschlüssen nicht Angst vor Argumenten oder das Bestreben, einer Argumentation zu entgehen, sie würden mit Sicherheit nicht auf die Verwendung von ad hominem Fehlschlüssen oder genetischem Fehlschluss zurückgreifen, sondern sich den entsprechenden Argumenten stellen.

Wer Argumente hat, scheut nicht die Auseinandersetzung mit anderen vorgebrachten Argumenten – im Gegenteil: er sucht sie!