Alles beim Alten – Entscheidet wirklich Herkunft über Lebenschancen?

In Deutschland gibt es u.a. das folgende Ritual: In regelmäßigen Abständen kehren Themen in der öffentlichen Diskussion wieder, werden dort mehr oder weniger breit getreten und verschwinden nach kurzer oder weniger kurzer Zeit wieder in der Versenkung, aus der sie nach einer gewissen Auszeit wieder auftauchen, um abermals breitgetreten zu werden. Übertragen auf Probleme bedeutet dies die regelmäßige “Sensibilisierung” für bestimmte Probleme und wenn genug sensibilisiert wurde, werden die Probleme wieder ad-acta gelegt (bis zum nächsten Mal) nur eines werden sie nicht: angegangen.

Bildung als PrivilegEin solches “Problem” ist die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem. Diese ist sattsam bekannt, wird seit Jahrzehnten diskutiert, regelmäßig von der OECD, der Bundesregierung, der Kultusministerkonferenz, der GEW und vielen anderen  beklagt, meist mit der Forderung, mehr Geld in die Bildung zu stecken oder mehr Lehrer einzustellen, aber angegangen wird die soziale Schiefverteilung im deutschen Bildungssystem nicht. Dazu müsste man nach den Ursachen suchen, und wären diese gefunden, man könnte die Probleme nicht mehr dazu nutzen, um sich zu produzieren oder selbst zu bereichern: Was würde z.B. aus der GEW-Forderung nach mehr Lehrern, wenn die Ursachenforschung zu Tage brächte, dass es nicht die Quantität von Lehrern, sondern die Qualität der Lehrer ist, die den Bildungserfolg von Kindern (u.a. aus der Arbeiterschicht) beeinflusst. Das wäre schlecht für die GEW, und entsprechend ist sie so wenig wie all die anderen Genannten an der Suche nach den Ursachen interessiert.

Zwei neue Untersuchungen haben in trauter Eintracht und erneut gezeigt, dass das deutsche Bildungssystem nach sozialer Herkunft siebt und sich der langen Reihe entsprechender Untersuchungen angefügt. Beide bestätigen scheinbar, was alle wissen, nämlich das bereits die Herkunft über den Bildungserfolg entscheidet.

Über die erste Untersuchung berichtet Daniel D. Schnitzlein im DIW Wochenbericht 4/2013. Ziel seiner Untersuchung ist eine Bestandsaufnahme zur sozialen Ungleichheit in Deutschland. Neu an seiner Studie ist, dass er versucht, soziale Ungleichheit als Transmissionseffekt zwischen Generation und über Geschwisterkorrelationen zu erfassen. Letztlich sind Geschwisterkorrelationen nichts anderes als eine gemessene Ähnlichkeit von Geschwistern im Hinblick auf Bildung, Einkommen, sozialen Status usw. Je stärker die familiäre Herkunft die entsprechenden Lebenschancen beeinflusst, so die damit einhergehende Annahme, desto größer die Geschwisterähnlichkeiten bzw. -korrelationen. Warum dies so sein sollte, das erklärt Herr Schnitzlein leider nicht, aber er berechnet Geschwisterkorrelationen für eine Reihe von Bereichen. Die mit Abstand stärkste Korrelation findet sich für die Schulbildung:

“Für Männer und Frauen liegt der Wert hier deutlich über 0,5 (Männer 0,66, Frauen 0,55), das heißt, über die Hälfte der Variation im formalen Bildungserfolg lässt sich mit familiärem Hintergrund erklären. Um diese Zahlen einzuordnen und bewerten zu können, ist … die Geschwisterkorrelation für die Körpergröße [berechnet worden]… Diese ist mit 0,5 für Brüder und 0,47 für Schwestern klar niedriger als der entsprechende Wert für die Bildung. Bildungserfolg hängt in Deustchland also stärker mit dem Familienhintergrund zusammen als ein weitgehend genetisch determiniertes Merkmal wie die Körpergröße”. (6)

BildungsforschungDamit ist nach Ansicht von Schnitzlein einmal mehr belegt, dass das Elternhaus oder besser: die soziale Schicht, der die Eltern angehören, über den Bildungserfolg in Deutschland bestimmt, und zwar in einem Ausmaß, das kaum anders wäre, würde man Kinder gleich entsprechend ihrer sozialen Schicht verteilen, also Arbeiterkinder auf Hauptschulen und Mittelschichtskinder auf Realschulen und Gymnasien. Wie immer folgt einem solchen Ergebnis die Frage auf dem Fuss, wie man eine solche Determination, die selbst genetische Veranlagung in den Schatten stellt (Körpergröße), erklärt. Leider hat Schnitzlein hier keine Antwort: “Diese Frage ist mit unseren Daten sehr schwer zu beantworten”, so sagt er und verweist auf das “institutionelle Setting” als einen Hauptfaktor. Eine sehr ausweichende Antwort. Warum man also annehmen soll, dass mit dem einen Elternhaus etwas einhergeht, das Kinder dazu befähigt, höhere schulische Weihen zu erreichen, während der Stallgeruch des anderen Elternhauses offensichtlich alle Bildungsbemühungen im Keim erstickt, wird aus der Untersuchung von Schnitzlein nicht deutlich.

Aber Schnitzlein ist nicht der einzige, der im Dunkeln stochert. Auch Eltern und Lehrer stochern im Dunkeln, wenn es darum geht, diese vermeintliche “soziale Vererbung” von Bildungserfolg zu erklären. Das macht eine Umfrage unter Schülern, Eltern und Lehrern deutlich, die das Institut für Demoskopie in Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland durchgeführt hat. Die Ergebnisse stehen unter der Überschrift “Hindernis Herkunft”, womit einmal mehr gesagt wäre, was alle zu wissen meinen. Um so überraschender ist, dass sich unter dem Mantel der Einigkeit und bei näherem Hinsehen erhebliche Differenzen und Widersprüche verbergen. Zunächst die Einigkeit:

“Lehrer wie Eltern sind sich weitgehend darin einig, dass die Ursache für die schlechteren Chancen mancher Kinder weit überwiegend im Elternhaus liegen. 84 Prozent der Lehrer, 79 Prozent der Eltern weisen auf das mangelnde Interesse mancher Eltern hin, sich überhaupt mit ihren Kindern zu beschäftigen. Ähnlich viele sehen die Ursache darin, dass manche Kinder von ihren Eltern nicht gelernt haben, gründlich zu arbeiten …”(4)

Das Elternhaus ist also schuld. Diese Zuweisung ist insofern seltsam, als Kinder eigentlich in die Schule gehen, um Lesen und Schreiben und Rechnen zu lernen. Wo hier das Elternhaus ins Spiel kommt, ist mir nicht nachvollziehbar. Wenn Lehrer der Ansicht sind, damit Kinder etwas lernen sei Unterstützung im Elternhaus notwendig, ein parentaler Schreib-, Lese- und Rechendienst, dann sollten sie als Konsequenz Hausunterricht propagieren und öffentliche Schulen schließen. Aber das wäre eine Frage der Übernahme eigener Verantwortlichkeit durch Lehrer, und mit der Übernahme von Verantwortung haben es Lehrer offensichtlich nicht so:

“Lediglich 15 Prozent der Lehrer, aber 48 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass manche Kinder auch deswegen schlechtere Chancen haben, weil sie in der Schule … benachteiligt werden”.(4)

contradicitons-2Der Einigkeit von oben, folgt somit Uneinigkeit und Widerspruch, denn wenn 79% der Eltern die Ursache für schlechtere Bildungschancen in Elternhäusern (natürlich in anderen, nicht dem eigenen) suchen, aber 48% der Eltern der Meinung sind, mache Kinder würden auch benachteiligt, dann widersprechen sich beide Antworten, es sei denn, man löst den Widerspruch dahingehend, dass man sagt, Kinder aus bestimmten Elternhäusern werden in der Schule benachteiligt. Offensichtlich konfundiert hier die mediale Berieselung, der ja auch Eltern ausgesetzt sind und die gemeinhin die Schuld für schlechtes schulisches Abschneiden im Elternhaus sucht, mit den eigenen Erfahrungen von Benachteiligung der eigenen oder anderer Eltern Kinder in der Schule.

Skurril werden die Antworten auf die Fragevorgaben dann, wenn man eine weitere Frage und die Antworten darauf, berücksichtigt. Nachdem große Einigkeit dahingehend berichtet wurde, dass die Qualifikation von Lehrern und Eltern (!sic) für den Schulerfolg von Kindern von großer Bedeutung ist, folgt:

“Eine vergleichbar wichtige Rolle wie … die Qualifikation der Lehrer, spielt aus Sicht von Lehrern und Eltern die individuelle Begabung der Kinder. Große Teile der Lehrer wie der Elternschaft sind aber überzeugt, dass fehlende Begabung durchaus ausgeglichen werden kann. 52 Prozent der Lehrer und 54 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass jeder Schüler, wenn er sich nur genügend anstrengt und gezielt gefördert wird, erfolgreich sein kann”. (7)

Ich finde es immer wieder erstaunlich wie viel kollektive Einigkeit darüber besteht, dass die soziale Ungleichheit, die das deutsche Bildungssystem produziert, darauf zurückzuführen sei, dass individuelle Schüler nicht begabt genug sind oder sich nicht gebührend anstrengen oder im falschen Elternhaus aufwachsen. Schule kann daran offensichtlich nichts ändern, wie die Vielzahl von Kindern zeigt, die z.B. ohne Schulabschluss bleiben und von denen man annehmen muss, dass sie nicht gezielt gefördert wurden. Allerdings unterliegt dieser Vorstellung eine seltsame Sicht auf Schule, die zur interesselosen Anstalt wird, an der Kinder mit mehr oder weniger Befähigung von interesselosen Lehrern auf die für sie vom Schicksal vorgesehenen Karrierewege gebracht werden. Eigentlich hätte ich gedacht, eine solche religiöse Schicksalsgläubigkeit, wäre durch Säkularisierung weitgehend beseitigt worden – aber offensichtlich ist dem nicht so.

ChalkDie Behauptung, dass Kinder aus der Arbeiterschicht entweder zu faul oder wenn nicht zu faul, dann doch zu wenig begabt oder wenn nicht zu faul und nicht zu wenig begabt, so doch von ihren Eltern beim Lernen alleingelassen sind oder wenn nicht zu faul, zu wenig begabt und alleingelassen, so doch zu wenig oder zu ungezielt in der Schule gefördert werden, als dass sie Erfolg in deutschen Bildungsinstitutionen haben könnten, scheint mir daher die Bearbeitung eines Schuldkomplexes zu sein, eines Schuldkomplexes, der sich daraus speist, dass Schulen Institutionen der Mittelschicht sind, in den Lehrer aus der Mittelschicht, Kinder und Eltern an ihren Mittelschichtsmaßstäben messen. Diese Maßstäbe sehen es vor, dass Eltern als Hilfslehrer fungieren, Kinder ihre Begabung dadurch zeigen, dass sie bereits bevor sie in der Schule lesen lernen, lesen können, die Maßstäbe sehen es weiter vor, dass Kinder ihr Interesse an der Schule, ihre Lernwut durch eine Vielzahl Vereins- und sonstiger Aktivitäten, die ein Mittelschichtsleben so ausmachen (z.B. das Erlenen eines Instruments) unter Beweis stellen und zur Belohnung ihrer Konformität erhalten sie dann eine Empfehlung zum Besuch weiterführender Schulen.

Da Kinder aus Arbeiterfamilien in der Regel bei ihren Eltern wenig Verständnis dafür finden, dass sie sich als Hilfslehrer engagieren sollen, was schon daran scheitert, dass die entsprechenden Eltern entweder arbeiten (die Volltagsmama ist eine Erfindung der Mittelschicht) oder selbst nicht über die Bildung verfügen, von der sie hoffen, dass ihre Kinder sie erreichen, fallen sie bereits durch den ersten Filter ihrer Mittelschichtslehrer. Entsprechend wird ein Minus auf ihrem Konto verbucht, das sie nur dadurch wettmachen können, dass sie alle anderen Kinder im Hinblick auf Lerneifer und Begabung in den Schatten stellen, eine Leistung, die die wenigsten von ihnen zu erbringen im Stande sind. Und deshalb enden die meisten Kinder aus der Arbeiterschicht mit Hauptschulabschlüssen, während die Mittelschichtslehrer für die Kinder ihrer Klasse (Fach-)Hochschulreifen reservieren.

Also: Nicht Herkunft entscheidet also über Lebenschancen, vielmehr sprechen die vorliegenden Ergebnisse dafür, dass Lehrer auf Basis der Herkunft der Kinder und den Assoziationen, die dies bei ihnen auslöst, über die Lebenschancen dieser Kindern entscheiden.

Beim Verfassen dieses Beitrags habe ich von einer Diskussion mit Dr. habil. Heike Diefenbach profitiert und natürlich davon, dass ihre wohlgezielten Bemerkungen dazu geführt haben, den Text stringenter zu machen.

Was macht eigentlich die Antidiskriminierungsstelle?

Das haben wir uns gerade bei ScienceFiles gefragt. Anlass dafür, dass wir uns diese Frage gestellt haben, ist ein Beitrag, den wir vor einigen Tagen veröffentlicht haben und in dem die offene Diskriminierung von Männern in Ausschreibungen der Universität Bielefeld dargestellt wurde.

unibi_logoDie Universität Bielefeld gefällt sich derzeit ganz offensichtlich in der Diskriminierung männlicher Bewerber, was seinen Niederschlag in der folgenden sprachlichen Formulierung findet:

Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung durch das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich. … Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.

Die entsprechenden Stellenausschreibungen finden sich hier und hier

Eine Stellenausschreibung, die ausschließlich der Berufung von Frauen dient, kann kaum als “offene Ausschreibung” bezeichnet werden, und vor allem kann sie nicht als Ausschreibung bezeichnet werden, die den Anforderungen des “Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)” gerecht wird, heißt es doch in diesem Gesetz:

§1: Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts… zu beseitigen.

Man kann schwerlich argumentieren, dass die exklusive Ausschreibung einer W3-Professur nur für Frauen, keine Benachteiligung von Männern darstellt. Und in §2 Abs. 1 Satz 1 des AGG, heißt es:

Benachteiligungen aus einem in §1 genannten Grund sind nach Maßgabe dieses Gesetzes unzulässig in Bezug auf: 1. die Bedingungen, einschließlich Auswahlkriterien und Einstellungsbedingungen, für den Zugang zu unselbständiger und selbständiger Erwerbstätigkeit, unabhängig von Tätigkeitsfeld und beruflicher Position, sowie für den beruflichen Aufstieg”.

ADSSo wie man schwerlich argumentieren kann, dass die Bielefelder Ausschreibung keine Benachteiligung von Männern aufgrund ihres Geschlechts darstellt, so kann man schwerlich argumentieren, dass die entsprechende Benachteiligung nicht im Hinblick auf “Einstellungsbedingungen für den Zugang zu unselbständiger … Erwerbstätigkeit” erfolgt. Mit anderen Worten, die Ausschreibungen aus Bielefeld verstoßen gegen das AGG, und deshalb haben wir beschlossen, uns an unseren guten alten Bekannten Dr. Alexander Sopp zu wenden und ihn aufzufordern, dem männerdiskriminierenden Treiben an der Universität Bielefeld einen Riegel vorzuschieben.

Wir rufen alle auf, die sich für Gleichberechtigung in Deutschland oder auch nur für Rechtskonformität unserer öffentlich finanzierten Institutionen engagieren wollen, unseren im Folgenden abgedruckten, kurzen Text (man soll Beamte nie mit Text überfordern) zu kopieren oder ihn als Anregung für einen eigenen Text zu benutzen und ihrerseits an Dr. Sopp von der Antidiskriminierungsstelle zu schicken, und wer auf eine Unterstützerliste eingetragen werden will, möge uns zudem eine Email schicken.

Hier nun die Mail an Dr. Alexander Sopp:
email: Beratung@ads.bund.de

Sehr geehrter Herr Dr. Sopp,
wir bitten Sie in Ihrer Eigenschaft als Refrent im Referat Grundsatzangelegenheiten und Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gegen die folgenden Stellenausschreibungen der Universität Bielefeld vorzugehen:

http://www.uni-bielefeld.de/%28en%29/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/wiss2026.html

http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/wiss2027.html

In beiden Ausschreibungen ist der folgende Passus enthalten:

“Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung aus dem Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich (www.bmbf.de/foerderungen/20980.php). Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.”

Damit wird männlichen Bewerbern eindeutig vermittelt, dass sie sich nicht zu bewerben brauchen, da für die Besetzung der Stelle nur weibliche Bewerber in Frage kommen, denn nur sie werden vom Professorinnenprogramm finanziert. Dies stellt einen eklatanten Verstoß gegen §1 und §2 Abs 1 Satz 1 des AGG dar und enthält für Sie von Amts wegen die Verhaltensaufforderung,  die Ausschreibung zu unterbinden.

Hilfsweise bitten wir Sie darum zu prüfen, ob bereits das Professorinnenprogramm einen Verstoß gegen das AGG darstellt, da durch das Professorinnenprogramm Positionen geschaffen werden, von deren Besetzung trotz gleicher Qualifikation Menschen männlichen Geschlechts bereits im vorhinein ausgeschlossen sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. habil. Heike Diefenbach
Michael Klein

Unterstützer:

  • Prof. Dr. Günter Buchholz
  • Dr. Andreas Krausser
  • Benjamin Rossmann
  • Marcel Theler

Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

Über den Beitrag, den Michael A. Woodley, Jan te Nijenhuis und Raegan Murphy gerade in “Intelligence” veröffentlicht haben, kann bereits jetzt gesagt werden, dass sich die Geister an ihm scheiden werden. Der Beitrag ist mutig, er ist politisch unkorrekt, er greift ein heiles Thema auf, und er stellt einen Mythos, nach dem alles immer besser, größer und schöner wird, und natürlich intelligenter, in Frage. Doch der Reihe nach:

Der Beitrag ist mutig und greift ein heikles Thema auf.

Kein Zeitalter hat dermassen viele, große Veränderungen gesehen wie das Viktorianische Zeitalter von 1837 bis 1901.

“The Victorian era was a period of immense industrial, cultural, political, and military change in Western Europe marked by an explosion of creative genius that strongly influenced all other countries in the world.” (1)

Queen_VictoriaViele Grundlagen, von denen wir heute zehren, wurden im Viktorianischen Zeitalter gelegt, die Anzahl der Innovationen per capita, die im Viktorianischen Zeitalter zu verzeichnen sind, ebenso wie die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind bis heute unerreicht. Explodierende Bevölkerungszahlen in den westlichen Ländern haben im Viktorianischen Zeitalter nicht zu Hungersnöten geführt, und die Errungenschaften in Medizin und Hygiene die Lebenserwartung der Menschen massiv erhöht. Um diese Errungenschaften zu erreichen, ist – so die Autoren und ich vermute, niemand wird ihnen widersprechen – Intelligenz notwendig. Je intelligenter Menschen sind, desto produktiver, desto zielstrebiger und effizienter sind sie.

Vor dem Viktorianischen Zeitalter, so die Autoren weiter, war “Überleben” eine Frage von Intelligenz und sozialem Status. In evolutionistischem Klartext: Die Dummen und Armen haben seltener überlebt als die Reichen und Intelligenten. Diese Annahme muss man nicht teilen, aber man sollte sie einfach einmal hinnehmen, um die Reise, auf die die Autoren ihre Leser mitnehmen, auch genießen zu können.

Der Boom im Viktorianischen Zeitalter ist nach Ansicht der Autoren somit ein Ergebnis der soeben beschriebenen Eugenischen Fertilität. Mit der Zunahme der Bevölkerung, der Steigerung der Lebenserwartung und der Chancen, auch als nicht-Intelligenter zu überleben, stellt sich ein “dysgenic trend” ein:

“Dysgenic trends result from socially valued and heritable traits, such as intelligence, declining within populations over time due to the effects of selection operating against those traits” (2).

Mit anderen Worten, wenn sich die Lebensbedingungen in der Weise verbessern, dass auch nicht-Intelligente eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, dann reduziert sich, auf Ebene der Gesellschaft die durchschnittliche Intelligenz, die Intelligenz “der Gesellschaft als Ganzer” wird geringer.

Der Beitrag gibt eine politisch unkorrekte Erklärung.

iq-test-megaUntersuchungen, die sich mit Intelligenz beschäftigt haben, sind über die letzten Jahrzehnte immer mit einem Paradoxon konfrontiert gewesen: Einerseits ergab sich auf der Ebene von Gesellschaften/Nationen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der so genannte Flynn Effekt, d.h. gesamtgesellschaftlich betrachtet, war eine Zunahme der Intelligenz zu verzeichnen, andererseits fanden Untersuchungen, die auf der Individualebene angesiedelt waren, aber den “dysgenic trend” in der Form, dass mit der Anzahl der Kinder und der Größe der Familien die Intelligenz, der IQ gesunken ist. Zudem konnten in einer Reihe von Analysen Indizien dafür gefunden werden konnte, dass Intelligenz zu 50% bis 60% vererbt wird. Folglich hätte die zu beobachtende Zunahme der Fertilität auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft zu einem Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führen müssen. Wo also liegt der Fehler?

Woodley, te Nijenhuis und Murphy geben eine politisch unkorrekte Antwort, die zu Kontroversen führen wird, aber vielleicht auch dazu, dass die demographischen Prozesse der letzten Jahrzehnte mit anderen Augen gesehen werden. Die Autoren gehen zum einen davon aus, dass bisherige Studien, Intelligenz nicht adäquat gemessen haben und zum anderen davon, dass der Zeitraum, der betrachtet wurde, z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, zu kurz ist, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

Entsprechend schlagen sie vor, Reaktionszeit als Maß für generelle Intelligenz zu werten:

“Reaction Time (RT) is in fact a biological marker of mechanisms fundamental to the operation of general intelligence, such as neurophysiological efficiency” (2).

IQ trainerDies ergebe sich aus einer Reihe von Studien, die die Autoren berücksichtigt haben und die große Gemeinsamkeiten zwischen Reaktionszeit und genereller Intelligenz aufgezeigt hätten. Die Operationalisierung von Intelligenz über die Reaktionszeit ermöglicht es den Autoren, auf einen Datensatz zurückzugreifen, in dem insgesamt 14 Untersuchungen zur Reaktionszeit enthalten sind, die den Zeitraum von 1884 bis 2004 überspannen. Über alle Untersuchungen rechnen die Autoren sodann eine “Meta-Regression” (gegen Zeit), die zu einem signifikanten Ergebnis gelangt, d.h. zeigt, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in westlichen Gesellschaften von 1884 bis 2004 insgesamt von 194,06 Millisekunden auf 275,47 Millisekunden angestiegen ist und definitionsgemäß die durchschnittliche Intelligenz gefallen sein muss. Analysen getrennt nach Geschlecht ergeben für Männer eine Verlangsamung der Reaktionszeit von 183 Millisekunden (1884) auf 253 Millisekunden (2004) und für Frauen von 188 Millisekunden (1884) auf 261 Millisekunden (2004). Die Autoren fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

“In the present study we used the data on the secular increase of simple RT described in a meta-analysis of 14 age-matched studies from Western countries conducted between 1884 and 2004 to generate estimates of the rate of IQ decline. The decline estimate of – 1.23 IQ points per decade from the present study falls within the range of those produced in previous studies employing the magnitude of the dysgenic effect on IQ as the basis for estimating declines.” (6)

Seit 1884 ist die durchschnittliche Intelligenz in westlichen Gesellschaften entsprechend den Berechnungen der Autoren um 14,8 IQ Punkte gesunken. Damit gibt das Ergebnis der Vorstellung, dass moderne Gesellschaften ihren Vorgängern in nahezu allen Belangen überlegen seien, einen heftigen Knick, und es verweist auf die Folgen sozialpolitischer Praktiken, die Fertilität zu einem Unterfangen machen, das jeder betreiben kann, ohne sich um die Folgen und vor allem die Kosten seiner Fertilität zu kümmern. Die Untersuchung von Woodley, te Nijenhuis und Murphy reiht sich somit in eine Diskussion ein, die vor allem in den USA unter dem Stichwort des Downbreading geführt wird und deren verschämte Ausläufer in Deutschland im Versuch, Akademikerinnen zur Fortpflanzung zu bewegen, zu finden sind.

PalusiMan kann eine Reihe von methodischen Fragen an die Untersuchung von Woodley, te Niejenhuis und Murphy stellen, z.B.: Wie wurden in den 14 Studien die Befragten ausgewählt? Wie akkurat und verlässlich ist eine Messung von Intelligenz über die Reaktionszeit? Aber man muss den Autoren in jedem Fall zu Gute halten, dass sie mutig genug waren, das heilige Kalb der Fertilität aufzugreifen und in seinen (unbeabsichtigten) Folgen zu beschreiben, man muss ihnen zu Gute halten, dass ihre Ergebnisse im Einklang stehen, mit den Ergebnissen, die regelmäßig eine mit der Kinderzahl abnehmende Intelligenz (auf welcher Meßebene auch immer) feststellen, und man muss ihnen zu Gute halten, dass sie im häufig tristen Alltag wissenschaftlicher Beiträge für einen bunten Schimmer gesorgt haben, einen Schimmer, den man zum Ausgangspunkt der Untersuchung einer Reihe von Fragestellungen nehmen kann, z.B. der folgenden

Der Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz geht mit dem Aufkommen moderner Staaten und vor allem der Einführung einer Schulpflicht einher. In welchem Zusammenhang stehen beide und welche Rolle spielt die Tatsache, dass die liberale Gesellschaftverfassung der Viktorianischen Zeit durch wenig liberale und als abwechselnd demokratisch bzw. totalitär bezeichnete Systeme ersetzt wurde?

Viel Food for Thought. Das zeichnet einen guten wissenschaftlichen Beitrag aus.

Woodley, Michael A., te Nijenhuis, Jan & Murphy, Raegen (2013). Were the Victorians Cleverer than Us? The Decline in General Intelligence Estimated from a Meta-Analysis of the Slowing of Simple Reaction Time. Intelligence (online fist). http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006

Lüge und Täuschung sind integrale Bestandteile des Sozialen

Einer der häufigsten Suchbegriffe, den wir in den letzten Wochen auf ScienceFiles täglich sehen, ist “Mensch als soziales Wesen” oder in Frageform: “Ist der Mensch ein soziales Wesen?”. Man muss daraus schließen, dass eine erhebliche Penetration vermutlich in Schulen erfolgt, deren Ziel darin besteht, Menschen als soziale Wesen Lemmingsauszuweisen, die nur in Gemeinschaft glücklich werden können und für die Gemeinschaft alle positiven Errungenschaften mit sich bringt, die man als Mensch so wollen kann, von der Geborgenheit bis zur Solidarität bis zur Liebe. Gemeinschaft, mit einem Wort, ist gut und Menschen sind Gemeinschafts-, sind soziale Wesen.

Dieser Herdentrieb zum kollektiven Glück in der Gemeinschaft war schon einmal Gegenstand auf ScienceFiles. Damals haben wir zum einen gezeigt, dass das Mystische des Sozialen, das in der Gemeinschaft seine zumindest verbal höchste Erfüllung erfährt, sich in einem Menschenbild niederschlägt, das den Menschen als jemanden beschreibt, der

  • die Gesellschaft anderer sucht,
  • mit diesen anderen eine Gemeinschaft der Offenen und Ehrlichen bildet, die sich selbstlos um sich kümmern, und
  • der erst durch dieses Kümmern um andere, überhaupt seine menschliche Weihe erhält.

Es ist dies ein Loblied auf den Kollektivismus, und es ist zudem ein Loblied, das falsch ist. Kein Mensch ist ein selbstloser Altruist. Soziale Unterstützung führt zuweilen zum Gegenteil dessen, was beabsichtigt wurde (Taylor et al, 2010) und die Anwesenheit anderer kann negative Wirkungen haben, selbst wenn sie noch so gut gemeint ist (Häusser et al., 2012). Dies alles ist eigentlich einfach einzusehen.

Menschen haben nicht die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Schlimmer noch: Wenn Sie eine Handlungsentscheidung treffen und eine Handlung ausführen, dann sind sie nicht Herr über all die Konsequenzen, die sie nicht bedacht haben. Wer ist nicht schon einmal das Opfer eines Mitmenschen geworden, der nur den Plan hatte, von A nach B zu fahren, dabei aber leider sein Opfer, das gerade von C nach D fahren wollte, übersehen hat? Jeder Unfall zeigt, dass Handlungen und Handlungsabsichten zuweilen unbeabsichtigte Folgen zeitigen. Jeder Jugendgerichtshelfer, der seinen Schützling vor der Haftstrafe bewahrt hat, kennt die unbeabsichtigten Folgen seiner guten Tat, die sich z.B. darin niederschlagen, dass der Schützling seine neue Freiheit begießt und anschließend seiner Angewohnheit nachgeht, andere in einer Weise zu verprügeln, die Staatsanwälte als Körperverletzung verfolgen. Das Problem mit menschlichen Handlungen ist schlicht, dass Handlungsergebnisse von der Handlung aus gesehen, in der Zukunft liegen, und deshalb hofft man mehr, als dass man weiß, was herauskommt. Um es noch einfacher zu formulieren, Menschen können nicht in die Zukunft sehen.

Social psych

Stichwort, z.B. social loafing

Dieses Problem, dass man eben nicht Hellsehen kann, hat u.a. Ökonomen und Sozialpsychologen dazu veranlasst, Informationsprobleme zu untersuchen, Probleme, die sich daraus ergeben, dass Handlungsentscheidungen ohne genaue Kenntnis der Folgen und oftmals ohne eine genaue Kenntnis der Randbedingungen getroffen werden. Diese Informationsprobleme werden noch gesteigert, wenn die Handlung Teil einer Interaktion ist. Nun ist die Unsicherheit nicht nur mit der eigenen Handlung, sondern auch mit der des Gegenüber assoziiert. Und die entsprechenden Informationsprobleme werden zu Informationsasymmetrien. Man geht in Vorlage bei einem Vertrag und muss darauf hoffen, dass das Gegenüber seine Verpflichtungen dennoch einhält. Man wählt Politiker, gibt ihnen sein Vertrauen und hofft, dass sie tun, was sie versprechen und wofür man sie gewählt hat. Man kauft ein Gerät zu einem günstigen Preis und hofft, dass es nicht bereits nach 14 Tagen seinen Geist aufgibt und der Verkäufer dann unauffindbar ist. Man zahlt seine Steuer an den Staat und hofft, dass er damit nicht eine Horde politischer Günstlinge finanziert uvm. Mit anderen Worten, mit jeder Interaktion oder besser: Kooperation, bei der zwei Akteure eine Interaktion zu einem gemeinsamen Ziel ausführen, ergibt sich die Gefahr, ausgenutzt, betrogen, belogen oder über den Tisch gezogen zu werden.

Man könnte sagen, dem Sozialen, der Gemeinschaft ist der Betrug, die Lüge, die Täuschung immanent. Sie alle gehören zur Gemeinschaft wie die Bohne zum Kaffee. Ohne das eine, ist das andere nicht zu haben. Und dass dem so ist, das haben Luke NcNally und Andrew L. Jackson in einem Beitrag für die Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences gerade gezeigt. Täuschung und Lügen, so haben sie erst aus einem Modell gefolgert und dann auf Grundlage einer Analyse des Verhaltens von Primaten gezeigt, entwickeln sich parallel zu menschlicher Kooperation. Dabei sprechen die Autoren von “tactical deception” und definieren dieselbe als “the misrepresentation of the state of the world to another individual” (McNally & Jackson, 2013, S.1). Der Zweck, der mit taktischer Täuschung verfolgt wird, besteht darin, das Gegenüber zu kooperativem Verhalten zu veranlassen, von dem wiederum der Täuscher etwas hat, der Kooperative jedoch nicht.

Taktische Täuschung liegt z.B. vor, wenn Organisationen behaupten, sie würden für die Gleichberechtigung von Frauen kämpfen und dafür Steuergelder und Unterstützung einwerben, obwohl sie nicht für die Gleichberechtigung von Frauen kämpfen, sondern für ihre eigene Vorteilsnahme und dafür, dass bestimmte Frauen bevorzugt werden. Taktische Täuschung liegt dann vor, wenn eine Regierung zum Hehler wird und einen Feldzug gegen Personen führt, die “dem Staat” Steuern vorenthalten, um die Mehrheit der eigenen Bürger im Kampf gegen die Feinde des Sozialen, der Gemeinschaft, zu einen und zu verschleiern, dass die vorenthaltenen Steuern nur “Peanuts” sind, wie ein ehemaliger SPD-Fraktionschef wohl sagen würde, wenn man sie mit den Unsummen vergleicht, die in staatlich geförderte Programme gesteckt werden, die die Finanzierung der Armee politischer Günstlinge versorgen und keinerlei Mehrwert für “die Gemeinschaft” bringen.

believeDie Kunst besteht immer darin, Kooperation einzuwerben, indem man sich als ehrlich, vertrauenswürdig oder als Kämpfer gegen die Feinde des Sozialen darstellt. Diese erfolgreichste Form der Täuschung, die Kooperation ohne Gegenleistung zum Ziel hat, ist ein Markenzeichen der Entwicklung von Gesellschaften: “Both our theoretical model and the results of our comparative analysis provide strong support for the hypothesis that the presence of conditional mechanisms to enforce cooperation provides a major selective benefit to tactical deception. The explanation for this benefit is simple: tactical deception can allow individuals to elicit cooperation … without paying the costs of cooperation. … our results suggest that, at least in humans, conditional cooperation may have driven the development of many of our other complex psychological abilities by creating selection pressures favouring tactical deception …” (McNally & Jackson, 2013; S.5).

Dementsprechend wären Täuschung und Lüge Praktiken, die sich mit der Kooperation, mit der Gemeinschaft, mit dem Sozialen entwickelt haben und in der Kooperation, in der Gemeinschaft, im Sozialen florieren, sie wären integrale Bestandteile des Sozialen und der Gemeinschaft. Seien Sie also das nächste Mal, wenn jemand an “das Soziale” appelliert und etwas von ihnen will, vorsichtig und fragen sie sich lieber einmal zu oft als einmal zu wenig, was derjenige, der das Soziale mit welchen Maßnahmen auch immer fördern will (für die Sie bezahlen sollen) selbst davon hat. Eine Antwort kann bereits vorweggenommen werden: Altruistisch ist er sicherlich nicht.

Häusser, Jan Alexander, Kattenstroth, Maren, van Dick, Rolf & Mojzisch, Andreas (2012). ‚We‘ are not Stressed: Social Identity in Groups Buffers Neuroendocrine Stress Reactions. Journal of Experimental Social Psychology (in press). Doi:10.1016/j.jesp.2012.02.020

McNally, Luke & Jackson, Andrew L. (2013). Cooperation Creates Selection for Tactical Deception. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences

Taylor, Shelley E., Seeman, Teresa E., Eisenberger, Naomi, I., Kozanian, Tamar A., Moore, Amy N. & Moons, Wesley G. (2010). Effects of a Supportive or an Unsupportive Audience on Biological and Psychological Responses to Stress. Journal of Personality and Social Psychology 98(1): 47-56.

Krude Diskriminierung von männlichen Bewerbern: Das Professorinnenprogramm in Aktion

ProfessorrinnenprogrammIn letzter Zeit haben wir auf ScienceFiles drei Beiträge zum Professorinnenprogramm veröffentlicht (1: Gleichberechtigung durch Bevorzugung? Das Professorinnenprogramm ist ein eklatanter Bruch mit dem Grundgesetzt, 2: Master of Funds oder: eine Hand wäscht die andere; 3: Weitere 150 Millionen Euro für die Bevorzugung von Frauen an Universitäten), in denen wir zeigen, dass das Professorinnenprogramm ein Mittel ist,

  • um die staatsfeministische Agenda einer Gleichschaltung von Universitäten und einer erhöhten Kontrolle der Universitäten durchzusetzen,
  • um Universitäten zu entprofessionalisieren und von Stätten der Bildung und Ausbildung, zu Stätten der Kinderbetreuung zu machen und
  • dass es einen eklatanten Bruch mit dem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes darstellt, da das Programm eindeutig die Bevorzugung von weiblichen Bewerbern auf Lehrstühle und die entsprechende Benachteiligung, d.h.: Diskriminierung männlicher Bewerber zum Ziel hat.

In einem vierten Beitrag “Gleichstellung an Universitäten: Die Worte und die Wirklichkeit” haben wir dann gezeigt, dass sich die eklatante Diskriminierung von männlichen Bewerbern um Lehrstühle an Universitäten bereits in der Wahrscheinlichkeit niederschlägt, mit der männliche im Vergleich zu weiblichen Bewerber auf Lehrstühle berufen werden.

Die Diskriminierung männlicher Bewerber um Professuren ist demnach in vollem Gange. Ein weiterer Beleg dafür wurde uns von einem Leser geschickt, den wiederum sein Sohn auf diesen Beleg aufmerksam gemacht hat und der ungenannt bleiben möchte, weil sein Sohn im universitären Business noch etwas werden will. Soweit hat es der Staatsfeminismus in Deutschland bereits gebracht, dass die freien deutschen Bürger Nachteile oder Repräsalien erwarten, wenn sie auf Belege hinweisen, denen klar und deutlich die Diskriminerung von Männern um Stellen an Universitäten zu entnehmen ist. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Staatsfeminismus nichts anderes ist als eine totalitäre Ideologie, die keinerlei Widerspruch duldet.

unibi_logoWie offen und deutlich die Diskriminierung von männlichen Bewerbern derzeit an deutschen Universitäten betrieben wird, ist der folgenden Ausschreibung der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld zu entnehmen. Ausgeschrieben ist eine W3-Professur und somit die höchste derzeit von Professoren erreichbare Besoldungsgruppe. Der Lehrstuhl ist ausgeschrieben für “Allgemeine Literaturwissenschaft/Neuere Deutsche Literatur im transnationalen Kontext”. Die Ausschreibung enthält die übliche Beschreibung der Ansprüche, denen ein Bewerber auf den entsprechenden Lehrstuhl zumindest nach außen hin genügen soll. Der vorletzte Absatz der Ausschreibung, der Absatz, in dem früher der Gleichstellungsunsinn “bei gleicher Eignung werden … vorgezogen” stand, lautet zwischenzeitlich wie folgt:

Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung durch das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich. … Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.

Die Offenheit, mit der hier potentiellen männlichen Bewerbern mitgeteilt wird, dass sie sich nicht zu bewerben brauchen, wird nur überboten von der Offenheit, mit der offengelegt wird, dass das Professorinnenprogramm zu keinem anderen Zweck ins Leben gerufen wurde, als einen Bewerbungs-Stopp für männliche Bewerber auf Professuren durchzusetzen. Wer vor diesem Hintergrund, wie dies ein Kommentator im Hinblick auf den von uns bereits früh aufgezeigten Bruch mit dem Grundgesetz getan hat, meint, er könne die Dinge schön reden, ähnlich wie dies im Dritten Reich im Sinne von “so schlimm wird es schon nicht kommen/sein” getan wurde, nur um dann von der Realität überrannt zu werden, den kann man nur als fahrlässig und unverantwortlich bezeichnen.

Kaderschmiede HU

Und sie wiederholt sich doch, die Geschichte…

Wir erleben derzeit nicht nur eine Entprofessionalisierung von Universitäten, sondern eine komplette Übernahme von Universitäten durch den Staatsfeminismus. Entsprechend werden sich Universitäten in den nächsten Jahren noch weiter, als sie das sowieso schon haben, von der Suche nach Erkenntnis, der Produktion von Wissen und der ideologischen Freiheit von Forschung und Lehre entfernen. Sie sind auf dem besten Weg, zu Kaderschmieden zu werden, an denen organisierte Gruppen dafür sorgen, dass keinerlei von einer staatsfeministischen Ideologie abweichende Meinungen vertreten oder gar gelehrt werden können und die sich endgültig von einer Stätte der Wissensfindung und Wissensvermittlung zu einer Stätte der ideologischen Indoktrination von und durch Halbtagskräfte entwickeln.

Man muss diese Entwicklung einerseits bedauern, andererseits zur Grundlage eigener Entscheidungen machen und Konsequenzen ziehen: Wer eine Ausbildung jenseits der staatsfeministischen Ideologie will, muss sie außerhalb von Deutschland an Universitäten im Vereinigten Königreich oder in den USA suchen. Wer sich als männlicher Bewerber auf einen Lehrstuhl nicht diskriminieren lassen will, muss sich im Ausland auf entsprechende Stellen bewerben, und wer ein Zeichen setzen will, dass ihm die Richtung, in die sich die deutsche Universitätslandschaft entwickelt, nicht gefällt, der sollte Universitäten wie die Universität Bielefeld, die sich freiwillig zum Erfüllungsgehilfen staatsfeministischer Zerstörer von Universitäten machen, meiden wie die Pest.

Weitere Infos zur Grundgesetzwidrigkeit des Professorinnenprogramms gibt es bei Prof. Dr. Günter Buchholz.

Unsinn der Woche: Nicht direkt aus dem Irrenhaus – aber fast

Wahnsinn oder Unzurechnungsfähigkeit wurde über Jahrhunderte dadurch bestimmt, dass er/sie  gegen die boschgesellschaftliche Normalität  verstoßen hat (eine weiche Formulierung) oder sich in irrationalen, nicht nachvollziehbaren Handlungen  niedergeschlagen hat, die für andere Externalitäten und häufig auch den Schaden dessen, der die entsprechenden Handlungen ausgeführt hat, nach sich gezogen haben. Unsere “modernen” Zeiten zeichnen sich dadurch aus, dass die Klasse des Wahnsinns oder der Unzufrechnungsfähigkeit diversifiziert und in einer Unmenge spezifischer Störungen aufgelöst wurde. Ein Beispiel sind Psychosen. Zimbardo schreibt zu Psychosen:

“Psychosen (psychotische Störungen) unterscheiden sich von Neurosen qualiatativ und kategorial, nicht einfach im Schweregrad. Psychose ist die allgemeine Kategorie für eine Reihe schwerer psychischer Störungen, bei welchen Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Denkens, und der Emotionalität auftreten. Eine Person, die als psychotisch beschrieben wird, leidet an einer gravierenden organischen oder psychischen Dysfunktion, weshalb sie auf sehr abweichende Art fühlt, denkt und/oder handelt” (Zimbardo, 1995, S.612).

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass eine kollektive Psychose, die Personen erfasst, die sich alle in einem Raum befinden oder die denselben Beruf teilen oder sich häufig sehen müssen, nicht ausgeschlossen ist.

spd_logo_neuDie Drucksache 17/13478 des Deutschen Bundestages wurde am 14. Mai 2013 veröffentlicht. Sie hat einen Antrag der Abgeordneten Ulla Schmidt (Aachen), Siegmund Ehrmann, Angelika Krüger-Leißner, Petra Ernstberger, Iris Gleicke, Ute Kumpf, Christine Lambrecht, Caren Marks, Thomas Oppermann, Dr. h.c. [!sic] Wolfgang Thierse, Brigitte Zypries, Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Fraktion der SPD zum Gegenstand. Der Antrag ist überschrieben mit:

Für die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern auch im Kunst-, Kultur- und Medienbereich.

Die langatmige Einleitung zu diesem bemerkenswerten Extrakt eines zumindest nicht auf den ersten Versuch (und auch nicht auf den zweiten) nachvollziehbaren Assoziierens will ich mir weitgehend sparen, bis auf den Hinweis, dass trotz aller Versuche, die deutsche Sprache allen Sinns zu entleeren, Gleichstellung auf Ergebnisgleichheit zielt und entsprechend nichts mit Gleichberechtigung zu tun hat. Und auch wenn es den Genossen nicht in den Kopf zu gehen scheint, eine ungleiche Verteilung hat per se nichts mit Nachteilen, nichts mit Benachteiligung und sozialer Ungleichheit zu tun. So sitzen im Bundestag deutlich mehr Lehrer und Juristen und deutlich weniger Arbeiter als ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Dennoch fällt keinem Abgeordneten ein, nicht-Juristen, nicht-Lehrer oder gar Arbeiter gleichstellen zu wollen, weil nämlich die Idee, dass die eigene Anwesenheit im Bundestag ungerecht gegenüber z.B. Arbeitern sein könnte und deren direkte Benachteiligung zeigt, keinem noch so engagierten Bundestagsabgeordneten bislang in den Sinn gekommen ist. Vielleicht verstehen die Genossen den Unterschied zwischen einer ungleichen Verteilung und einer Benachteiligung ja auf diese Weise.

Nun zum Antrag, die Kultur gleichzuschalten (gab’s auch schon mal, wenn ich mich richtig erinnere). Der Antrag beinhaltet bemerkenswerte Feststellungen und Forderungen. Meine Lieblingsfeststellung ist die folgende:

Zimbardo“2011 hat der Bundesverband bildendender Künstlerinnen und Künstler (BEK) eine Umfrage zur wirtschaftlichen und sozialen Lage bildender Künstlerinnen und Künstler vorgelegt, der auch für diesen Bereich die vor allem wirtschaftlich nachweisbar schlechtere Situation der bildenden Künstlerinnen offenkundig macht. Neben den vergleichsweise geringeren Einkünften, der häufiger prekären Beschäftigung und der sogar bei der Größe der Ateliers feststellbaren Benachteiligung von Frauen ist es vor allem die heute schon drohende Altersarmut vieler Frauen, die erkennbar ist.

Nicht nur haben die Genossen von der SPD den unglaublichen Umstand offengelegt, dass fiese, vermutlich männliche Vermieter schöner und großzügiger Ateliers nicht an Frauen vermieten oder gar verkaufen wollen, denn anders ist die Benachteiligung “sogar bei der Größe der Ateliers” nicht zu erklären, nein, die Genossen können auch in die Zukunft sehen, und was sie sehen ist Altersarmut, Altersarmut, die sich einstellen muss, weil die bildenden Künstlerinnen offensichtlich Versager, nein Versagerinnen sind, die ohne die Hilfe der SPD keinen Fuß auf den Boden und natürlich weder großes Atelier noch üppige Rente erreichen können. Ohne die SPD, das muss man sich einmal vorstellen, wären die bildenden Künstlerinnen gezwungen, einen gut verdienenden bildenden Künstler zu heiraten, um über den Umweg der Witwenrente der Altersarmut zu entgehen.

Den Feststellungen folgen die Forderungen, deren Erfülluung die Genossen für notwendig ansehen, um “die tatsächliche Gleichstellung von Frauen im Kunst-, Kultur- und Medienbereich … umzuseten”.

Die erste Forderung zur Umsetzung von Gleichstellung betrifft den vom Ministerium für Familie und so weiter mit 20.000 Euro finanzierten “Gabriele Münter Preis”. Er soll auch weiterhin finanziert werden. Sie kennen den Gabriele Münter Preis nicht? Nun ich auch nicht. Betreiben wir also gemeinsam Weiterbilduung:

“Der Gabriele Münter Preis für Bildende Künstlerinnen ab 40 ist mit 20.000 Euro dotiert und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im dreijährigen Turnus in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK), dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer (GEDOK) und dem Frauenmuseum in Bonn ausgelobt. Neben der Einzelausstellung der Preisträgerin werden Arbeiten von 39 ausgewählten Künstlerinnen aus dem Wettbewerb um den Gabriele Münter Preis 2010 vorgestellt.”

Für die SPD-Fraktion im Bundestag, das kann man an dieser Stelle feststellen, besteht “tatsächliche Gleichstellung” in Kunst usw. darin, dass ausschließlich Frauen über 40 gefördert werden. Auch eine Form der Diskriminierung und für alle Frauen unter 40 und alle Männer aller Altersklassen dann, wenn es um die Wahlentscheidung geht, sicher eine wichtige Information. Damit niemand hinterher kommen und sagen kann, er hätte etwas nicht gewusst.

Punkt 2c der Notwendigkeiten “tatsächlicher Gleichstellung” ist auch nicht schlecht:

Hier wollen die Genossen, dass “… beim Ankauf von Werken der Bildenden Kunst durch die Bundesrepublik Deutschland der Aspekt der Gleichstellung stärker als bisher berücksichtigt wird”.

Jonker Ramp and his SweetheartLeider haben die Genossen vergessen zu sagen, was sie damit meinen. Dürfen nur noch Skulpturen von Hanne Breker oder Bilder von Viola van Gogh gekauft werden oder muss darauf geachtet werden, dass der vielleich sogar erkennbare Gegenstand der Bildenden Kunst, das “Kunstobjekt” gleich zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Und wieso kauft die Bundesrepublik Bildende Kunst? Haben Sie die Bundesrepublik entsprechend beauftragt?

Weiter geht’s mit dem, auf das wir alle bereits gewartet haben, denn wie jeder weiß, der sich immer einmal wieder mit dem beschäftigt, was unter dem Rubrum der Gleichstellung abgesondert wird, sind die Gleichsteller allesamt der Meinung es bei Frauen durch die Bank mit kleinen Dummchen zu tun zu haben, die aus eigener Kraft nichts zu Stande bringen. Entsprechend dürfen auch im SPD-Antrag zur Kunst Coaching-Programme, vermutlich zum Gegenstand: wie sichere ich mir ein großes Atelier, und die Förderung von Existenzgründungen (mit der SPD zum großen Atelier!) und die Vernetzung (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer bildender Künstlerinnen) nicht fehlen.

Und wo ich gerade bei dem bin, was nicht fehlen darf.

Was fehlt noch?

Worauf haben sie bislang umsonst gewartet?

Richtig!

Für die SPD-Fraktion sind Frauen, auch dann, wenn sie bildende Künstlerinnen sind, in erster Linie einmal zur Fortpflanzung fähiges Material, und entsprechend darf natürlich nicht fehlen, woran alle Frauen ab ihrer Jugend und dann ständig denken: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch bildende Künstlerinnen dürfen ihren Canvas nicht einfach herausholen und malen wann und wo sie wollen, nein, sie haben das Pinselschwingen mit der Familie zu vereinbaren, und damit sie das können, müssen nach Ansicht der SPD ein familienfreundliches Klima, ein verbessertes Angebot zur Kinderbetreuung und die Förderung von Freistellungsphasen her. Jetzt ist auch klar, warum die Grüße des Ateliers der bildenden Künstlerinnen für die SPD so entscheidend ist, denn im Atelier muss nicht nur Platz für Familienplanung sein, sondern auch Raum fü einen Betriebskindergarten.

How-to-MiroEs handelt sich bei diesem Antrag der SPD-Fraktion um keine Satire, und wer nun denkt, der Antrag und vor allem der Inhalt des Antrags zeige alle Hinweise auf eine vorhandene psychotische Störung, dem will ich an dieser Stelle nicht widersprechen. Statt dessen will ich darauf hinweisen, dass es schon erstaunlich ist, um welche Klientel sich die SPD-Fraktion zu kümmern müssen glaubt. Man erinnere sich, die SPD galt einst als Arbeiterpartei. Davon ist die SPD so weit entfernt, wie die Erde vom Andromeda Nebel. Die heutige SPD ist eine Partei der Mittelschicht, der vermeintlich kunstbeflissenen, die zwar keinen Franz Marc von einem Frans Hals unterscheiden können, aber denken, wenn sie einen Juan Miro Kunstdruck im Treppenhaus hängen haben, dann seien sie als Kenner der Materie erkannt. Und natürlich ist die SPD eine Partei der Fortpflanzung, des Paternalismus und der Gleichstellung, Gleichstellung = ganz wichtig, Gleichstellung ist das beherrschende Motiv, der Fixpunkt, das, was das Fühlen, Denken und Handeln der SPD-Parlamentarier derart beherrscht, dass keine Zeit mehr bleibt für schnöde Dinge des Alltags normaler Menschen, normaler Arbeiter und Arbeiterinnen natürlich.

Zimbardo, Philip (1995). Psychologie. Berlin: Springer.

Weil es noch nicht reicht: SPD fordert Frauenquote für Talkshows. Ob man Wahnsinn noch steigern kann? Wer noch über weitere Facetten des Gender-Wahnsinns, der die gesamte SPD erfasst zu haben scheint, beizutragen weiß, nur zu!

WHO-Strategie gegen Alkohol: Bars und Restaurants verbieten?

Angefangen hat alles gestern Abend, als ich über eine Studie mit dem Titel “Alcohol-selling outlets and mortality in Switzerland – the Swiss National Cohort” gestolpert bin. Bereits ein Titel, wie der vorliegende, legt OLYMPUS DIGITAL CAMERAmittlerweile meine Stirn in Falten. Das vor allem deshalb, weil ich Aggregatdatenanalysen oder von empirischen Analysen, die auf Basis von aggregierten Daten durchgeführt werden, nützlich finde. Und genau deshalb reagiere ich empfindlich auf Unsinn der mit Aggregatdaten angestellt wird, und die vorliegende Analyse von Adrian Spoerri, Marcel Zwahlen, Radoslaw Panczak, Matthias Egger und Anke Huss durchgeführt und in “Addiction” veröffentlicht, ist Unsinn.

Die Autoren haben viel Zeit und vermutlich auch viel Geld in die Analyse eines Zusammenhangs gesteckt, den man, würde man einen Moment lang nachdenken, nicht einmal im Traum untersuchen würde. Doch der Reihe nach.

Zunächst haben die Autoren Daten für 4 376 873 Schweizer zusammengetragen (aus dem Swiss National Census) und darunter für den Zeitraum vom 5. Dezember 2000 bis zum 31 Dezember 2008 8602 “alkoholbedingt” verstorbene Schweizer gefubdeb. Im nächsten Schritt haben sie Cox Regressionen berechnet, eine Form der Sterbetafelanalyse, mit der das Risiko für verschiedene Merkmalsträger unter Kontrolle bestimmter Faktoren berechnet werden kann, im vorliegenden Fall: “alkoholbedingt” zu versterben. Angesichts der Individualdaten, die die Autoren zur Verfügung hatten, hätte ich nun erwartet, dass sie versuchen die Lebensgewohnheiten, die Lebensbedingungen, den Lebensalltag zu modellieren, um z.B. herauszufinden, welche individuellen Faktoren das Risiko, “alkoholbedingt” zu versterben, erhöhen. Weit gefehlt.

Die Autoren haben sich Geo-Daten für die Örtlichkeit von Bars und Restaurants zusammengesucht und für jeden Schweizer in ihrem Datensatz untersucht, wie große die Dichte von Bars und Restaurants in seinem direkten Wohn-Umfeld ist, wobei sein direktes Wohnumfeld einen Umkreis von 1000 Metern hat. Sodann haben sie für jeden Schweizer berechnet, wie weit er laufen muss, um zur nächsten Bar, zum nächsten Restaurant zu kommen, sie haben ihre Individualdaten also aggregiert.

Und dann haben sie Cox-Regressionen gerechnet. Und was ist dabei herausgekommen? Wenig Überraschendes:

“…we observed that alcohol-related mortality was associated with the distance of an individual’s residence to the nearest alcohol-selling outlet as well as with the density of outlets in the immediate neighborhood” (8).

WelschDa diese Zusammenfassung immer noch da war, nachdem ich sie dreimal gelesen habe, muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass das wirklich die Konklusion ist, die die Autoren nach dem Einsatz von viel finanziellen und Zeit-Ressourcen gezogen haben. Das ist erstaunlich und überraschend zugleich, denn, was die Autoren hier messen, ohne es zu merken, ist ein klassisches Artefakt. Im vorliegenden Fall nennt man es “Stadt”. Städte haben die Angewohnheit, nicht nur Menschen zum dort leben anzuziehen, sondern auch alle Formen sonstiger Agglomerationen herzustellen. So finden sich selbst in schweizer Städten immer mehr Schulen, Universitäten, Läden, Supermärkte, Bäcker, Schwimmbäder, Krankenhäuser und eben auch Bars und Restaurants, als z.B. in Ulmitz oder Laupen. Das liegt in der Natur der Sache. Und da man in Ulmitz oder Laupen deutlich weiter laufen muss, um auch nur in die Nähe einer Restaurant- und Bar-Dichte zu kommen, wie die, die sich einem Berner bietet, ist es nicht verwunderlich, dass die Cox-Regression zeigt, dass mit der die Dichte von Bars und Restaurants die Anzahl der alkoholbedingt Verstorbenen steigt. Das hat auch damit zu tun, dass in Städten gewöhnlich mehr Leute leben als in einem Weiler im Berner Oberland. Insofern haben die Autoren hier ein astreines Artefakt produziert, das man mit der Entfernung zu und Dichte von Bäckern, Hautärzten, Parteizentralen und Universitätsangestellten jederzeit wiederholen kann. Wobei ich schon gern wüsste, wie die Autoren das Ergebnis interpretieren, dass sich die Dichte von Hautärzten und die Entfernung zum nächsten Hautarzt positiv auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, alkoholbedingt zu versterben. Aber lassen wir das. Viel interessanter ist, was die Autoren mit ihrem Artefakt machen.

Nun, sie merken gar nicht, dass sie ein Artefakt produziert haben und ziehen daher munter Schlussfolgerungen, die mich erbleichen lassen:

“Our study supports the recommendation by the World Health Organization that community-level interventions reducing alcohol outlet density are useful measures that complement existing interventions”.(8)

Genau das, was die Autoren hier behaupten, zeigen ihre Ergebnisse nicht. Sie zeigen lediglich, dass man durch die Abschaffung von Städten dazu beitragen könnte, dass man weiter laufen muss, um zur nächsten Verkaufsstelle von Alkohol zu kommen und vermutlich könnte man dann eine Cox-Regression rechnen, die zeigt, dass mit der Entfernung zur nächsten Verkaufsstelle das Risiko steigt, von einem Auto überfahren zu werden.

WHOLogoUnd wenn einem der Unsinn, den die Autoren hier verbreiten, nicht schon den Blutdruck in die Höhe getrieben hat, dann schafft das der Verweis auf die busybodies bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sicherheit. Die guten Menschen dort sind ja täglich um unser aller Wohl bemüht und erfinden daher täglich neue Formen der Bevormundung. Eine besonders dreiste findet sich in dem 125 Seiten starken Bericht Evidence for the Effectiveness and Cost-Effectiveness of Interventions to Reduce Alcohol-Related Harm”, der von der WHO fianziert und veröffentlicht, sich der Frage widmet, wie man Menschen daran hindern kann, Alkohol zu trinken und auf den Seiten 65 bis 70 die Notwendigkeit, die Anzahl der Verkaufsstellen und deren Öffnungszeiten zu begrenzen, diskutiert. Am besten wir verbieten Bars und Restaurants und untersagen das Verkaufen von Alkohol in Supermärkten zwischen 8 Uhr morgens und 24 Uhr nachts.

Haben Sie eigentlich diese Herrschaften bei der WHO damit beauftragt, sich um Ihre Gesundheit zu kümmern und ihnen vorzuschreiben, was sie wo zu kaufen haben, wie leicht es ihnen fallen darf, an Alkohol heranzukommen und wie viel sie davon trinken dürfen? Ich kann mich nicht erinneren, einen entsprechenden Auftrag erteilt zu haben. Um genau zu sein, ich nehme es sehr negativ, wenn man versucht, mir Vorschriften darüber zu machen, wie ich mich zu verhalten habe. Und besonders negativ nehme ich entsprechende Versuche, wenn sie von selbsternannten Wächtern über meine Gesundheit und ihren willigen, wenngleich methodisch unfähigen Helfern an Universitäten kommen, wie im vorliegenden Fall.

Ich brauche weder die WHO noch Untersuchungen, die mir zeigen, wie einfach es ist, ein statistisches Artefakt zu schaffen. Entsprechend schlage ich vor, die WHO aufzulösen, den Autoren des hier verarbeiteten Beitrags Nachhilfestunden in Statistik zu geben und darüber hinaus jeden Versuch, in vorgeblich guter Absicht in das Leben anderer zu intervenieren, unter Strafe zu stellen. Wer es dennoch tut, muss eine Woche lang Werbefilme und Werbematerialien der WHO über sich ergehen lassen, die mit WHO-freundlichen angeblich wissenschaftlichen Beiträgen unterfüttert sind und anschließend wird er direkt in eine geschlossene Anstalt überführt, wo er sich dann mit der Mehrzahl der Mitarbeiter der WHO zum gepflegten Austausch zusammensetzen kann.

Und ich hoffe, dieser Vorschlag findet die Unterstützung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), denn immerhin sind es seine Mitglieder, denen es an die Existenzgrundlage geht, wenn die WHO und ihre Helfershelfer sich mit ihren abstrusen Forderungen durchsetzen können.

Umverteilung macht unzufrieden

Moderne Wohlfahrtsstaaten zeichnen sich durch eine hohes Maß an Paternalismus aus, zu dessen Finanzierung große Summen von Steuergeldern aufgewendet werden muss. Paternalismus hat generell den Ausgleich sozialer Ungleichheiten zum Gegenstand, wobei die Ungleichheiten in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen geortet werden. Das muntere Ungleichheitsfinden beginnt bei der Einkommensverteilung, führt über den Zugang zum Internet und die Verteilung von Demenz und endet bei Aufsichtsratsposten. Scheinbar ist keine Verteilung frei vom Verdacht, ungleich zu sein, und entsprechend steht jede Verteilung einer Problematisierung durch professionelle Ungleichheits-Bekämpfer offen.

BartholomewBesonderen Aufwind haben die Gegner von Ungleichheiten aller Art durch ein Buch von Richard Wilkinson und Kate Pickett mit dem Namen “The Spirit Level” erhalten, in dem die Autoren gezeigt haben wollen, dass in Gesellschaften, in denen eine größere Einkommensgleichheit herrscht, die zufriedeneren Bürger leben. Dieses Ergebnis hat Christopher Snowdon zwar zwischenzeitlich als falsch bloßgestellt, seine Widerlegung ändert aber nichts daran, dass das Mantra von “Gleich macht glücklich” sich unter Linken aller Provenienz großer Beliebtheit erfreut und immer dann vorgebracht wird, wenn es neue Umverteilungsmaßnahmen zu fordern oder zu rechtfertigen gilt.

Eine neue Untersuchung von Christian Bjornskov, Axel Dreher, Justina A. V. Fischer, Jan Schnellenbach und Kai Gehring (2013) räumt nun mit der Annahme, dass Einkommensumverteilung und damit hergestellte Einkommensgleichheit glückliche und zufriedene Menschen hinterlässt, endgültig auf. Umverteilung, so zeigt sich, macht nur diejenigen glücklich, die davon profitieren und selbst sie nur dann, wenn sie Prinzipien der Fairness nicht zu ihrem Normenkanon zählen.

Ich will ausnahmsweise einmal am Ende der Untersucht von Bjornskov et al. anfangen:

“Inequality is easier to accept if it is the result of unequally distributed skills and chosen effort levels that if it is due to institutional design and low social mobility. Our results suggest that creating a society with such equal opportunities would be superior with regard to fostering higher subjective well-being to a paternalistic and overly redistributive welfare state. (36).

Young EquityDieses Ergebnis ist nicht weiter verwunderlich. Tatsächlich wird hier in Worte gegossen, was Sozialpsychologen im Allgemeinen und J. Stacy Adams (1965) im Besonderen in der Equity Theory zusammengefasst haben und was sich auch unter der Bezeichnung prozedurale Gerechtigkeit (procedural justice) finden lässt: Verteilungen, auch ungleiche Verteilungen, werden dann als gerecht angesehen und hingenommen, wenn sie fair erreicht wurden, wenn sie das Ergebnis entsprechender Anstrengungen darstellen, oder in den Worten von Bjonskov et al. (2013), S.7:

“…we define an income generating process as ‘fair’ if there is a direct link between own investment in human capital, on-the-job effort and individual economic outcome. The weaker this link becomes, i.e., the more the individual outcome depends on chance and at the same time is related to inherited starting positions, the less fair the income generating process is”.

Davon ausgehend machen die Autoren zwei Annahmen:

  1. Die Wahrnehmung einer Einkommensverteilung in einer Gesellschaft als fair oder nicht fair, hat einen Effekt auf die individuelle Zufriedenheit, d.h. wer die Einkommensverteilung als fair ansieht, ist insgesamt zufriedener.
  2. Die Differenz zwischen wahrgenommener Fairness der Eigentumsverteilung und tatsächlicher Verteilung hat einen Effekt auf das Niveau der Zufriedenheit. Je größer die Distanz wahrgenommen wird, desto geringer die Zufriedenheit.

Diese beiden Hypothesen sind meine Zusammenfassung von vier Annahmen, die sich im Text finden und die die Autoren auf der Grundlage des World Value Survey und auf der Basis von rund 300.000 Befragten aus 80 Ländern testen. Die Ergebnisse bestätigen, was hier bereits angerissen wurde: Wahrgenommene Fairness der Einkommensverteilung und die Distanz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Fairness, schlagen sich im Niveau der Lebenszufriedenheit der Befragten nieder:

fairness1According to the results, the respondents’ belief that income inequality in their society is the result of a comparably fair market process makes them considerably more satisfied with their lives, while a demand for more government redistribution for correcting the market-income distribution is negatively associated with happiness. … The findings challenge the standard Lerner argument that more redistribution and less income inequality unambiguously leads to an increase in welfare of the average person, and thus, in average welfare. Instead, the model and the empirical analysis suggest that for broad groups of countries the potential effects of inequality depend on the interplay between perceived and actual fairness of the institutional framework” (34). [Wie die Ergebnisse zeigen, sind Befragte, die der Ansicht sind, die Einkommensungleichheit in ihrer Gesellschaft sei das Ergebnis fairer Marktprozesse deutlich zufriedener mit ihrem Leben, während diejenigen, die mehr Umverteilung durch die Regierung verlangen, um die Einkommensungleichheit zu korrigieren unzufrieden mit ihrem Leben sind ... Diese Ergebnisse stehen im Gegensatz zu der im Anschluss an Lerner gemachte Standardannahme, nach der Umverteilung und eine geringere Einkommensungleichheit unzweideutig zu einem Wachstum von Wohlfahrt für den durchschnittlichen Bürger und die Gesellschaft als Ganze führt. Vielmehr zeigen das vorliegende Modell und die empirische Analyse, dass der Effekt der Ungleichheit auf die Lebenszufriedenheit für viele Länder davon abhängt, wie sich die durch die Bürger wahrgenommene Fairness zur tatsächlich gegebenen Fairness im jeweiligen Land verhält.]

Damit steht fest, dass Umverteilung nicht zu größerer Zufriedenheit in einer Gesellschaft führt, nicht führen kann, denn Umverteilung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden einer großen Anzahl von Bürgern, die z.B. der Ansicht sind, dass “harte Arbeit sich auf lange Sicht auszahlt”, “Armut ein Ergebnis von Faulheit, nicht von Ungerechtigkeit ist” und “eine Möglichkeit besteht, der Armut durch Arbeit zu entkommen”. Wie Bjornskov et al. in ihren Analysen zeigen können, zeichnen sich Personen, die einem oder allen dreien dieser Aussagen zustimmen, durch eine hohe Lebenszufriedenheit aus.

Dagegen sind diejenigen, die eine “gleiche Einkommensverteilung” fordern, “große Einkommensunterschiede beseitigen wollen” oder “eine Grundsicherung einführen wollen” eher unzufrieden mit ihrem Leben. Zwar kann Umwerteilung die Zufriedenheit der zuletzt genannten Unzufriedenen erhöhen, dies erfolgt jeodch auf Kosten der Zufriedenen, die entsprechend unzufrieden sein werden, was deutlich zeigt, dass die Idee, man könne durch Umverteilung Zufriedenheit und Glück herstellen, nur von Personen stammen kann, die von Umverteilung profitieren.

Dieser Schluss kann auch direkt aus den Ergebnissen von Bjornskov et al. abgeleitet werden. Die Autoren kontrollieren die Zustimmung zu den Prinzipien prozeduraler Gerechtigkeit nach Alter, Bildung, Einkommen und Geschlecht und auch nach Kontrolle dieser Variablen bleibt der Zusammenhang zwischen einer höheren Lebenszufriedenheit und der Zustimmung zu “harte Arbeit zahlt sich auf lange Sicht aus”, “Armut ist das Ergebnis von Faulheit, nicht von Ungerechtigkeit” und “Arbeit ist eine Möglichkeit, um Armut zu entkommen” bestehen. Es sind also nicht nur die Reichen und Gutbetuchten (die Besserverdiener), diejenigen, zu deren Lasten die Umverteilung gehen würde, die den Prinzipien prozeduraler Gerechtigkeit zustimmen, sondern gerade auch diejenigen, für die die Umverteiler zu handeln in Anspruch nehmen. Wie die Analysen zeigen, wäre es vielen Arbeitern und Angehörigen der Unterklasse lieber, man würde ihnen Chancengleichheit und prozedurale Gerechtigkeit garantieren, ihnen gleiche Startchancen geben und garantieren, dass sich Leistung für sie lohnt, als dass sie ein Interesse daran haben, sich zum Almosen-Empfänger eines umverteilenden Staates zu machen.

socialismDamit stellt sich die Frage, wer diejenigen sind, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und so großen Wert auf eine Umverteilung legen, wenn ein Großteil derer ausfällt, die als angebliche Globalisierungsverlierer, weil nicht hinreichend qualifiziert, von Funktionären aus Gewerkschaften und Parteien immer ins Feld geführt werden. Da ein Großteil der Umverteilungsmaßnahmen, wie z.B. alle Familienleistungen und alle finanziellen Begünstigungen, die Verheirateten zu Gute kommen, den Lebensstil der Mittelschicht finanzieren, ist die Antwort auf diese Frage nicht schwierig: unzufrieden und Anhänger der Umverteilung sind die Angehörigen der Mittelschicht, die in prekären Verhältnissen leben, die ständig von der Angst geplagt sind, sozial abzurutschen, weil der Dispo-Kredit ausgeschöpft ist oder die Raten, die für die Finanzierung des Eigenheims auf 600 Quadratmeter Fläche zu zahlen sind, regelmäßig das vorhandene Kapital fast bis auf Null abschmelzen und die doch überschüssiges Kapital so dringend brauchen, um die symbolischen Devotionalien zu kaufen, die den Lebensstil der Mittelschicht und ihre sowie die Außendarstellung ihrer Kinder auszeichnen.

Bjornskov, Christian, Dreher, Axel, Fischer, Justina A. V., Schnellenbach, Jan & Gehring, Kai (2013). Inequality and Happiness. When Perceieved Social Mobility and Economic Reality do not Match. Freiburg: Walter Eucken Institut: Freiburger Diskussionspapiere zur Ordnungsökonomik, Nr. 13/2.

ScienceFiles-News: Bewusste Wahrnehmung muss sich erst entwickeln

Die meisten Philosophen stimmen darin überein, dass die bewusste und willentliche Steuerung des eigenen Lebens eine Eigenschaft ist, die den Mensch zum Menschen macht. Für Kant ist die Entwicklung einer moralischen Urteilfähigkeit der Schritt, der den Mensch zum Menschen macht. Hobbes, der etwas weniger mit “Moral”, dafür mehr mit Vernunft beschäftigt ist, sieht willentliches Handeln, also das, was einen Menschen erst konstituiert, als Ergebnis eines Denkprozesses:

“Wille ist deshalb die Neigung, die beim Überlegen am Schluss überwiegt (Hobbes, 1984[1651], S.47).”

LeviathanWer nicht rational zu denken im Stande ist, ist somit nicht zu willentlicher Entscheidung fähig. Entsprechend schnell sind die meisten Philosophen mit der Frage am Ende, ob menschliche Organismen, die (noch) nicht zum Denken und (moralischen) Urteilen im Stande sind, als vollwertige Menschen gelten können.

Unabhängig von der Frage, was den Idealtypus “Mensch” konstituiert, stellt sich die Frage danach, wann Lebewesen ein “Bewusstsein” entwickelt haben und dementsprechend als aktive Teilnehmer an ihrer Umwelt angesehen werden können, was wiederum die Voraussetzung dafür ist Urteilsfähigkeit zu entwickeln und willentlich zu handeln. Ein Indiz dafür, dass ein Bewusstsein vorhanden ist, ist die Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, die Fähigkeit, auf Reize aus der Umwelt bewusst zu reagieren. Aber wann im Verlauf der menschlichen Entwicklung setzt die Fähigkeit zu bewusster Wahrnehmung ein?

Diese Frage haben Forscher des Centre Nationalede la Recherche Scientific (CNRS) untersucht. Dabei sind sie zu dem Ergebnis gekommen, dass Säuglinge ab 5 Monate über eine ähnliche Form der bewussten Wahrnehmung verfügen wie Erwachsene, dass diese bewusste Wahrnehmung jedoch eine verzögerte Form bewusster Wahrnehmung ist, die in den Anfangsstadien ihrer Entwicklung steht.

Wie misst man bewusste Wahrnehmung? Das ist die zentrale Frage dieser Forschung, deren Antwort darüber entscheidet, ob die Ergebnisse sinnvoll oder sinnlos sind. Die Forscher des CNRS haben bewusste Wahrnehmung auf zwei Ebenen gemessen und an Geschwindigkeit gekoppelt. Die erste Ebene bewegt sich dabei im Millisekundenbereich (200 bis 300 Millisekunden): Hier findet eine unbewusste Verarbeitung von Wahrnungsinformationen statt. Im Gehirn zeigt sich ein stetiger und linearer Anstieg neuronaler Aktivität. Ist ein Schwellenwert neuronaler Aktivität erreicht, dann geht die lineare Antwort in eine nicht-lineare Antwort über, d.h. die neuronale Aktivität wächst in nicht-linearer Weise (z.B. exponentiell). Ab diesem Schwellenwert sprechen die CNRS-Forscher von einer bewussten Wahrnehmung.

Das Maß für bewusste Wahrnehmung ist demnach der Übergang von einer kurzen (bis 300 Millisekunden) Phase des linearen Anstiegs neuronaler Aktivität in eine Phase der nicht-linearen Reaktion auf einen Wahrnehmungsgegenstand.

Vor dem Hintergrundd dieser Operationalisierung haben die Forscher bei 5 Monate alten Säuglingen erste Anfänge einer bewussten Wahrnehmung gemessen: Während die neuronale Aktivität der Säuglinge mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen wurde, wurden ihnen Gesichter gezeigt und die Reaktion auf die Gesichter gemessen. Dabei zeigte sich ein lineares Wachstum neuronaler Aktivität und ein Übergang von der linearen Phase in die nicht-lineare Phase, der als Übergang zu bewusster Wahrnehmung interpretiert wurde. Allerdings fand der Übergang bei Säuglingen deutlich später statt als bei Erwachsenen, und zwar erst nach rund 1 Sekunde.

Self-ConsciousnessDiese langsame Aktivierung von bewusster Wahrnehmung spricht dafür, dass sich bewusste Wahrnehmung erst entwickeln muss und nicht bereits bei Säuglingen und schon gar nicht bei Föten vorhanden ist. Da bewusstes Wahrnehmen die Voraussetzung dafür ist, dass sich ein Mensch, wie er im Idealtypus oben beschrieben wurde, überhaupt entwickeln kann, weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass man Säuglinge als Organismen ansehen muss, die das Potential mitbringen, sich zum Mensch zu entwickeln, was jedoch eine Aktivierung von bewusster Wahrnehmung und eine Entwicklung der Denkfähigkeit, der Vernunft voraussetzt. Daraus muss geschlossen werden, dass Föten noch keine vollwertigen menschlichen Lebewesen darstellen und auch Säuglinge sich erst zum menschlichen Lebewesen und zum Menschen entwickeln müssen.

Hobbes, Thomas (1984[1651]). Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Kouider, Sid, Stahlhut, Carsten, Gelskov, Sofie V., Barbosa, Leonardo S., Dutat, Michel, de Gardelle, Vincent, Christophe, Anne, Dehaene, Stanislas & Dehaene-Lambertz, Ghislaine (2013). A Neural Marker of Perceptual Consciousness in Infants. Science 340(6130), pp.376-380.

Die EU- Kommission als Profiteur der Finanztransaktionssteuer

capitalistSeit der Finanzkrise haben Politiker keine Gelegenheit ausgelassen, um Spekulanten, Banker, Kapitaleigner, Aktionäre, um alle, die mit Finanzmitteln handeln, zu diskreditieren. Steigen die Nahrungsmittelpreise, dann sind Spekulanten schuld, wird kein privates Kapital in die Wirtschaft investiert, dann sind Steueroasen schuld, gibt es einen Crash an Börsen, dann sind Hedge-Fonds oder andere Börsen-Spekulanten schuld, und geraten Staaten aufgrund exzessiver Ausgaben in Schieflage, dann sind die Rating-Agenturen schuld. Der ganze Finanzsektor ist eine Ansammlung von politisch Abgeurteilten, die nur deshalb in Freiheit sind, weil sie in Freiheit nützlicher sind als in Gefangenschaft, so könnte man formulieren.

Eine Möglichkeit, Akteure in Finanzmärkten zu benutzen, wurde mit der Finanztransaktionssteuer umgesetzt. Die Finanztransaktionssteuer ist für José Manuel Barroso eine “Frage der Fairness”. Die Zocker, der derzeit gebräuchlichste derogative Begriff, der eingeführt wurde, weil der Begriff des Spekulanten nicht mehr negativ genug war, die Zocker, so titelt die ARD voller Freude, sollen die Zeche zahlen. Längst hat die Mythe der Spekulanten, die für alle Probleme der Welt verantwortlich sind, Eingang in die öffentliche Kultur gefunden und entsprechend ist jedem Politiker, der gegen die Zocker, die Spekulanten, die Kapitalisten zu Felde zieht, Unterstützung sicher. Dies vor allem dann, wenn er sich dafür einsetzt, Kapitalisten, Banker, Besserverdiener, Zocker oder Spekulanten zu bestrafen, z.B. durch (höhere) Steuern.

Die affektiven Gefühle vieler Deutscher gehören dem Heldenpolitiker, der sich gegen das internationale “Großkapital” stemmt, und entsprechend kann der Feldzug gegen das “Großkapital” trefflich dazu genutzt werden, die eigenen Interessen unter einem ganz anderen Rubrum durchzusetzen.

BarrosoSo inszeniert sich José Manuel Barroso gerne als Robin Hood, der für Fairness kämpft und gegen die Spekulierer, die Zocker an den Börsen: “Es ist Zeit”, so zitiert ihn die ARD, “dass der Finanzsektor der Gesellschaft einen Beitrag zurückgibt”. Dies sei eine Frage der Fairness. Was ist er nur für ein guter und fairer Mensch der Herr Barroso. Immer an vorderster Front, wenn es darum geht, gegen den Finanzsektor zu Felde zu ziehen und für “die Gesellschaft” zu kämpfen. Was der Präsident der EU-Kommission freilich vergisst oder verheimlicht, ist: Nicht die Gesellschaft profitiert von der Finanztransaktionssteuer, sondern die EU-Kommission.

So steht, etwas versteckt, aber dennoch zu finden, im “Vorschlag für eine Richtlinie des Rates über die Umsetzung einer Verstärkten Zusammenarbeit im Bereich der Finanztransaktionssteuer”:

“Der Vorschlag der Kommission für einen Beschluss des Rates über das Eigenmittelsystem der Europäischen Union vom 29. Juni 2011 in der geänderten Fassung vom 9. November 2011 sieht
vor, dass die Einnahmen aus der Finanztransaktionssteuer teilweise als Eigenmittel in den EUHaushalt fließen. Die auf der Grundlage des Bruttonationaleinkommens von den teilnehmenden Mitgliedstaaten erhobenen Eigenmittel würden sich entsprechend verringern. Der Europäische Rat hat auf seiner Tagung vom 7. und 8. Februar 2013 die teilnehmenden Mitgliedstaaten ersucht zu prüfen, ob die Finanztransaktionssteuer die Grundlage für eine neue Eigenmittelkategorie für den EU-Haushalt werden könnte” (16).

Es ist also nicht “die Gesellschaft”, die von einer Finanztransaktionssteuer und den erhofften Einnahmen in Höhe von rund 57 Milliarden Euro profitiert, sondern konkret die EU-Kommission, die sich auf diese Weise und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit eine unabhängige Einnahmequelle verschafft. Es ist dies eine erstaunliche Entwicklung für einen bürokratischen Moloch, der, obwohl nie demokratisch legitimiert, zwischenzeitlich die Leben der Europäer in einer Weise reglementiert, die niemand vor 20 Jahren für möglich gehalten hätte. Da mit der angesprochenen Council Directive erstmals der EU-Kommission eine direkte Einnahmequelle verschafft wird, ist die EU-Kommission die einzige, zumindest der Behauptung nach demokratische Exekutive, die legislative Funktionen annehmen und darüber hinaus eigene Einnahmequellen per Steuer erlassen kann. Bislang sind derart weitreichende Befugnisse nur aus totalitären Staaten wie der ehemaligen Sowjetunion, China oder dem Dritten Reich bekannt.

Die Einfachheit, mit der die EU-Kommission sich einen finanziellen Vorteil von 57 Milliarden Euro verschafft hat, ist erschreckend und belegt, wie leicht es politischen Akteuren fällt, ihre Ziele im Schutz affektiver Aufregung, wie man sie im Hinblick auf den Finanzsektor seit Jahren in der Öffentlichkeit und unterstützt von öffentlich-rechtlichen Medien schürt, durchzusetzen. Ich habe keinen Zweifel, dass die EU-Kommission sich in Zukunft nicht nur als Retter “der Gesellschaft” vor dem furchtbaren Finanzsektor darstellen wird, sondern eine minimale Reduktion der Zahlungen der Mitgliedsstaaten an die EU noch als Form der Sparsamkeit und Effizienz verkaufen wird. Es ist so leicht, die Öffentlichkeit an der kollektiven Nase herumzuführen.

Und scheinbar so problemlos, denn wenn mit der Finanztransaktionssteuer herbeigeführt wird, wovor viele Ökonomen warnen, volatile Börsen mit weniger Transaktionsvolumen, die anfälliger für extreme Schwankungen sind, dann kann man dies getrost auf die bösen Spekulanten, die Zocker, den Finanzsektor schieben, und wenn alles nicht hilft, dann können ja Schauprozesse gegen Spekulanten durchgeführt werden, zur allgemeinen Volksbelustigung.

liquidityEs ist schon interessant, dass die Argumente, die für die ökonomische Integration (also die Harmonisierung und den Binnenmarkt) von der Europäischen Kommisison ins Feld geführt werden, z.B. geringere Transaktionskosten, geringere Volatilität der Märkte und höheres Wachstum dann aus dem Fenster geworfen werden, wenn es um die eigenen Einnahmen geht. Dann werden höhere Transaktionskosten, höhere Volatilität der Märkte und ein geringeres Wachstum gerne in Kauf genommen, denn die “Zeche” zahlen alle europäischen Bevölkerungen gemeinsam, und das werden sie müssen, wenn die regelmäßig am Ende entsprechender ökonomischer Analysen stehenden Ergebnisse, dass geringe Liberalisierung oder Integration von Märkten, also eine Reglementierung von Märkten wie sie die EU-Kommission gerade durchdrückt, um die eigenen Finanzierung unabhängig zu gestalten, früher oder später im Chaos bzw. im Crash enden, wie z.B. die folgenden Studien zeigen:

Bekaert, Geert, Harvey, Campbell R. & Lundblad, Christian (2006). Growth Volatility and Financial Liberalization. Journal of International Money and Finance 25 (3): 370-403.

Bekaert, Geert, Harvey, Campbell R. & Lundblad, Christian (2006). Does financial liberalization Spur Growth? Journal of Financial Economics 77 (1)): 3-55.

Kose, M. Ayhan, Prasad, Eswar S. & Terrones, Marco E. (2003). Financial Integration and Macroeconomic Volatility. IMF Staff papers, 50: 119-142.

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