Marketing und soziale Distinktion im 17. Jahrhundert und heute

Wer “Wir alle spielen Theater ” von Erving Goffman gelesen hat, der weiß um die Bedeutung sozialer Rollen und entsprechender Symbole der sozialen Distinktion. In Goffman TheaterGoffman’s Entwurf spielen wir alle Rollen, nutzen wir die soziale Welt als Bühne, auf der unsere Darstellung auf Authentizität getestet wird. Diese kurze und bündige Basis trägt Versuche, sich sozial zu differenzieren, die vom Golfspielen bis zum großen beleuchteten Nikolaus umrahmt von einer Lichterkette, die beide das Einfamilienhaus zieren, reichen, sie reichen vom Versuch, aus dem eigenen Nachwuchs einen zweiten Paganini zu machen bis zum Versuch, den eigenen Weinkonsum nicht als Gelage, sondern als kenntnisreiche Zelebrierung zu inszenieren.

Die soziale Distinktion, die Kern der Selbstinszenierung ist, die Goffman beschreibt, lebt von ihren Symbolen, und der Verkauf von Symbolen an die, die auf Symbole ansprechen, ist in “modernen” Gesellschaften zur Aufgabe des Marketings geworden. Mit allerlei Maßnahmen und Markenstrategien versuchen Marketers den unbedarften Kunden zum Kauf eines Produkts zu überreden, durch das er einen Nutzen gewinnen soll, der ihm ohne das Produkt versagt bleibt. Natürlich, so weiß der moderne Mensch, ist das Marketing eine moderne Erfindung, frühere, nicht-moderne Menschen waren nicht reich, frühere Märkte nicht groß und produktreich genug, um Marketing und Wettbewerb notwendig bzw. möglich zu machen.

SarottiWie falsch diese Vorstellung ist, kann man einem Beitrag entnehmen, in dem Kate Loveman die Vermarktung von Kakao im Vereinigten Königreich beschreibt. Kakao kam in den 1640er Jahren auf die Insel, wurde aus Gebieten, die heute zu Venezuela, Mexiko oder Guatemala gehören, importiert. Als Kolonialherren der genannten Gebiete kam die Aufgabe, Kakao für Europa zu entdecken, den Spaniern zu, und sie waren es, denen Beobachter aus anderen europäischen Ländern eine besondere Kenntnis zusprachen, wenn es um die richtige Zubereitung und den richtigen Genuss von Kakao ging. Erste Gehversuche von Kakao auf der Insel der Briten werden entsprechend von einer Übersetzung des Schokoladen-Standardwerks des Spanischen Arztes Antonio Colmenero durch Captain James Wadsworth unter dem Titel “A Curious Treatise of the Nature and Quality of Chocolate” begleitet.

Erleichtert wurde der Marktzugang der Schokolade, durch Celebrities, die zur damaligen Zeit im Wesentlichen aus gefeierten Weltreisenden bestanden, die als Kapazität auf dem Gebiet allen Orientalischen angesehen wurden, und Schokolade hatte eine distinkte orientalische Note, kam sie doch als Bohne nach Britannien, die erst zu bearbeiten war:

So erklärt Wadsworth in seiner Übersetzung, wie die Spanier Kakao herstellen: “Cacao nuts, he explained, were dried and ground. To these the Spanish added sugar and a choice of ingredients according to their availability and the consumer’s health requirements: peppers from the Indies or Spain, cinnamon and aniseed were favorites. All the ingredients were ground separately, then heated and combined together. The resulting paste was then made into tablets or left to harden in small boxes. Spanish ways to prepare the drink included adding a little warm water to the paste and stirring it with a ‘molinet’ (a stick for whipping chocolate) before adding more hot water and sugar” (Loveman, 2013, S.30).

Um den Absatz von Schokolade anzukurbeln, wurde auf die gesundheitlichen Wirkungen von Schokolade hingewiesen, darunter eine Förderung der Verdauung, eine heilende Wirkung auf Schwindsucht sowie schlicht: der Nährwert von Schokolade: “making ‘such as drink it often, Fat, and Corpulent, faire and Amiable” (Loveman, 2013, S.30). Im 17. Jahrhundert galt es noch als schick, dick und korpulent zu sein, im 17. Jahrhundert gab es noch keine WHO.

Die Briten wären nicht sie selbst, hätten sie nicht in Kürze, einen eigenen Weg gefunden, mit Kakao-Bohnen umzugehen. Entsprechend wurde Schokolade in Britannien nicht mit Wasser, wie bei den Spaniern, sondern mit Milch, als Milch-Wasser-Gemisch oder mit Eiern versetzt angeboten. Angeboten wurde Schokolade in Chocolate-Houses, die sich ein distinktes Aussehen gaben, in dem sie einen Spiegel zu ihrem Markenzeichen auserkohren. Diese Distinktion wiederum hat eine besondere Art von Kunden angezogen, und wie immer, wenn sich eine bestimmte Schicht mit der Distinktion des Besonderen zu umgeben versucht, wenn eine bestimmte Schicht versucht, sich als anders zu inszenieren, als besser, kenntnisreicher oder schlicht reicher, dauert es nicht lange, bis die scharfzüngigen Spötter das Treiben der “Beaux” beschreiben:

the-old-chocolate-house“His first Visit is to the Chocolate House, and after a quarter of an Hours Compliment to himself in the great Glas, he faces about and salutes the Company, and puts into practice his Mornings Mediations; When he has made his Cringes round, and play’d over all his Tricks, out comes the fine Snush Box and his Nose is Regal’d a while; After this he begins to open, and starts some learned Argument about the newest Fashion, and hence takes occassion to command the next Man’s Fancy in his Cloths, this ushers in a discourse of the Appearance of last Birth Night, or Ball at Court, and so a Critick upon the Lord or that Ladies Masquing Habit” (Mary Astell 1697, cited in Loveman, 2013, S.36).

Die blasierte Langeweile und die Leere desjenigen, dessen Leben in erster Linie aus dem Versuch besteht, sich selbst in einer vorgegebenen sozialen Rolle zu inszenieren, ist hier perfekt auf den Punkt gebracht. Die Beschreibung aus dem 17. Jahrhundert zeigt, dass soziale Differenzierung ebenso wenig eine Erfindung der Moderne ist wie das Marketing von neuen Produkten und der Versuch, durch Werbung Symboliken zu liefern, die in bestimmten Schichten der Bevölkerung bereitwillig aufgenommen werden.

Aber, wie immer wenn neue Produkte noch dazu orientalische Produkte, die einen Symbolstatus einnehmen können, importiert werden, sind die Warner vor den Folgen des Konsums nicht weit. Die Gefahren von Schokolade sahen manche in der vermeintlichen Wirkung als Aphrodisiakum, seinem Ursprung im katholischen Spanien und dem dekadenten Lebensstil, für den Schokolade im 16. und 17. Jahrhundert schnell zum Symbol wurde. Auch hier hat sich nicht viel geändert. Kommen neue Produkte aus fremden Ländern auf heimische Märkte, dann stellen sich die furchtbaren Gefahren, gemäß der modernen kulturellen Symbolik, wie folgt dar:

Bfr“Trendgetränk Bubble Tea: Gesundheitsrisiko für Kleinkinder”, weiß das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), und die Grünen im Bundestag betrachten das “Modegetränk aus dem asiatischen Raum” mit Argwohn. Bubble Tea, d.h. grüner oder schwarzer Tee, dem Kügelchen aus Tapioka, so genannte popping bobas zugesetzt sind, die platzen, wenn man auf sie beißt, enthält Zucker! Und Zucker macht bekanntlich dick, jedenfalls ab einer bestimmten Menge. Entsprechend sehen die Grünen im Bundestag Bubble Tea als Ausgangspunkt einer Adipositas-Welle ungeahnten Ausmasses, die uns die Chinesen schicken, um die deutsche Wirtschaftskraft zu untergraben, quasi durch Vermehrung individuellen Fettgewebes. Und: Gipfel der Infamie: Bubble Tea kommt gleich noch mit einer “Erstickungsgefahr für Kleinkinder, die die Stärkekügelchen einatmen können” oder wie das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt: “Insbesondere bei Kindern bis zum Alter von vier Jahren besteht die Gefahr, dass sie versehentlich Fremdkörper in die Lunge verschlucken … Und genau das kann passieren, wenn Bubbles mit einem Strohhalm eingesaugt werden. Nach Einschätzung des BfR sind solche Fälle vorhersehbar”. Nur dumm, dass es sie bislang noch nicht gibt, denn: “Bislang sind dem BfR keine Apsirationsunfälle [Verschlucken von Bubbles in die Lunge] durch Bubble Tea gemeldet worden”.

Es ist eben alles schon einmal da gewesen.

Loveman, Kate (2013). The Introduction of Chocolate into England: Retailers, Researchers, and Consumers, 1640-1730. Journal of Social History 47(1): 27-46.

Täuschung mit Methode: Munteres Datenmanipulieren im BMBF

Eine Erfolgsmeldung aus dem Ministerium, das angeblich für Bildung und Forschung zuständig ist, hat heute meine Aufmerksamkeit erregt:

Immer mehr Frauen promovieren,

so heißt es in der Pressemeldung. Und zu lesen, ist u.a. Folgendes:

BMBF“Insbesondere Frauen nutzen vermehrt ihre Bildungschancen. Dies zeigt sich auch auf der Ebene der Promotionen: Bei den unter 45-Jährigen ist der Frauenanteil an den Promovierten mit 41 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Altersgruppe der über 55-jährigen (22 Prozent). Im Jahr 2011 waren in Deutschland rund 752.000 Personen promoviert. Über alle Altersstufen hinweg betrug der Anteil der Frauen daran 31 Prozent. Mit 52% stammt etas mehr als Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”.

Was denken Sie? Sind die 752.000 Promovierten, von denen hier die Rede ist, die Grundgesamtheit, die Datenbasis, auf der die dargestellten Prozentwerte errechnet wurden? Die Pressemitteilung erweckt jedenfalls diesen Eindruck. Aber dieser Eindruck ist falsch, wie sich herausstellt, wenn man die Publikation des Statistischen Bundesamts, auf die sich die Erfolgspressemeldung des BMBF bezieht, zu Rate zieht.

Dass 752.000 Personen in Deutschland im Jahre 2011 promoviert waren, ist ein Ergebnis aus dem Mikrozensus. Der Mikrozensus ist eine 1%tige Bevölkerungsstichprobe, von der aus das Statistische Bundesamt seit Jahren munter auf die rund 80 Millionen Deutschen hochrechnet. Wenn man wissen will, zu wie vielen Haushalten und Personen tatsächlich Informationen im Mikrozensus enthalten sind, dann ist GESIS die beste Informationsadresse:

GESIS“Insgesamt nehmen rund 370 000 Haushalte mit 820 000 Personen am Mikrozensus teil; darunter etwa 160 000 Personen in rund 70 000 Haushalten in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost. … Befragt werden alle Personen im Haushalt. Fremdauskünfte für andere Haushaltsmitglieder sind unter bestimmten Voraussetzungen zulässig.”

Es ist also mitnichten so, dass im Mikrozensus Daten zu allen 752.000 Promovierten enthalten sind. Es ist vielmehr so, dass im Mikrozensus ein kleiner Teil der Promovierten enthalten ist, von dem aus die vermutliche Gesamtzahl errechnet oder hochgerechnet wird. Aber, die Aussagen, die in der Erfolgspressemitteilung des BMBF verbreitet werden, basieren nicht einmal auf dem Mikrozensus, sondern auf einer eigens angestellten Erhebung, in deren Verlauf je 10.000 promovierte und 10.000 nicht promovierte Personen angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert wurden. Tatsächliche haben sich 6.782 nicht promovierte Personen und 8.250 promovierte Personen an der Befragung beteiligt (Statistisches Bundesamt, 2013, S.6).

Was in der zitierten Pressemitteilung verkündet wird, basiert also nicht auf Daten über alle Promovierte, sondern auf den Angaben von 8.250 Promovierten, deren Aussagen unter der Annahme, dass die auf Grundlage des Mikrozensus errechnete Zahl von 752.000 Promovierten richtig ist, auf eben diese 752.000 geschätzten Promovierten hochgerechnet wurden.

Hochrechnungen sind so etwas wie Kaffeesatzlesen für Fortgeschrittene. Dabei werden bekannte Verteilungen, wie z.B. die Verteilung der Bildungsabschlüsse, die Verteilung nach Wohnsitz in Stadt oder auf dem Land oder die Verteilung nach Alter der Bevölkerung genutzt, um die vorhandenen Daten proportional hochzurechnen. Im vorliegenden Fall wird die Hochrechnung der Angaben der 8.250 Promovierten jedoch nicht auf tatsächliche Verteilungen in der deutschen Bevölkerung vorgenommen, sondern auf die geschätzten Verteilungen der deutschen Bevölkerung, wie sie auf Grundlage des Mikrozensus hochgerechnet wurden. Dies ist eine Form des Gebraucht-Kaffeesatzlesens, bei der die Ergebnisse von Kaffeesatzleser 1 die Grundlage dessen bilden, was Leser 2 in seinem Kaffeesatz findet. In jedem Fall ist es eine Irreführung der Öffentlichkeit, wenn so getan wird, als lägen Daten für alle Promovierten in Deutschland vor.

Regelmäßig enstehen bei dieser Art von Hochrechnung mehr oder weniger große Diskrepanzen, und entsprechend finden sich dann mehr oder weniger willkürliche Zusammenfassungen von Daten. Haben Sie sich eigentlich gewundert, dass der Anteil der Promovierten unter 45 Jahren mit dem Anteil der Promovierten über 55 Jahren verglichen wurde? Was ist z.B. mit den Promovierten im Alter von 46 bis 54 Jahren? Wieso wurden alle unter 45 Jahren und nicht alle unter 44 oder 40 Jahren zusammengefasst? Eine Antworte auf diese Fragen ist eine methodische, und sie kommt aus dem Statistischen Bundesamt:

Destatis“Ein Vergleich der Befragtenstruktur der Erhebung mit dem Mikrozensus 2011 zeigt, dass die Altersstruktur der Befragten nicht der der Bevölkerung entspricht. So sind jüngere Altersgruppen (Personen bis unter 45 Jahren) bei den Befragten weniger stark vertreten als in der Grundgesamtheit. Ältere Befragte sind dagegen stärker vertreten. Dies wurde zwar durch die Hochrechnung ausgeglichen, so dass die hochgerechneten Ergebnisse die Altersstruktur in der Bevölkerung widerspiegeln. Die Fallzahlen hinter den jüngeren Altersgruppen und somit auch die Auswertungsmöglichkeiten sind allerdings geringer. Die Altersgruppen unter 45 Jahren wurden aus diesem Grund bei der Hochrechnung und auch bei der Ergebnisdarstellung zusammengefasst” (20).

Die Zusammenfassung der Angaben aller unter 45-Jährigen ist demnach aus der Not geboren, weil ansonsten dem Chefstatistiker beim Statistischen Bundesamt die Haare noch steiler zu Berge gestanden hätten als sie das eh schon tun. Festzustellen ist, dass die Basis der Erfolgsaussage, also die Daten über jüngere Promovierte mehr als wackelig ist. So wackelig, dass selbst Daten die mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 10% hochgerechnet wurden, in der Erfolgsmeldung verwurstet sind, wie ein Blick auf “Tab 1A” im Anhang der Publikation des Statistischen Bundesamts zeigt. Normalerweise macht man bei einer Fehlerwahrscheinlichkeit von maximal 5% einen Schnitt, weil Aussagen jenseits einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% einfach zu fehleranfällig sind. Nicht so, wenn das BMBF einen Erfolg vermelden will. Dann werden selbst Daten von 8.250 Promovierten, die auf Angaben von 820.000 Personen hochgerechnet wurden, die wiederum auf 80 Millionen Deutsche hochgerechnet wurden, eben einmal als Vollerhebung ausgegeben.

Warum der Vergleich zwischen den weiblichen Promovierten, die unter 45 jahren alt sind und den weiblichen Promovierten, die über 55 Jahre alt sind? Nun, hätte man andere Vergleichsgruppen gewählt, es wäre keine “Verdoppelung” des Anteils der Promovierten dabei herausgekommen, wie die folgende Abbildung, die die Anteile der Promovierten nach Geschlecht darstellt, wie sie aufgrund der Angaben von 8.250 Promovierten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden, zeigt.

Promovierte DESTATIS

Statistsiches Bundesamt, 2013, S.25

Bleibt noch der letzte Satz aus der zitierten Sequenz der Pressemitteilung: “Mit 52 Prozent stammt etwas mehr als die Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”. Beim Statistischen Bundesamt liest sich dies anders:

Destatis“Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass fast die Hälfte der Promovierten selbst aus Akademikerfamilien stammt (48 %) (vgl. Tab. 2 und Tab. 3A). Nur 4 % stammen aus Familien, in denen kein Elternteil eine berufliche Ausbildung abgeschlossen hat. Auch im Hinblick auf den höchsten allgemeinbildenden Abschluss der Eltern zeigen Promovierte eine deutliche Tendenz hin zu höheren Abschlüssen: 55 % stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil die Fachhoch-/Hochschulreife als höchsten Abschluss aufweist. Selbst verglichen mit der Struktur der Hochqualifizierten insgesamt weisen Promovierte höhere Anteile von Eltern mit Fachhoch-/Hochschulreife bzw. Fachhoch-/Hochschulabschluss auf” (27-28).

framingWer bislang gelaubt hat, die Form der Manipulation, wie sie in der vorliegenden Pressemitteilung enthalten ist, sei Zufall und der Unkenntnis geschuldet, die in Ministerien herrscht, wenn es um die Realität geht, der sieht sich getäuscht. Die Täuschung hat Methode, und wenn es darum geht, die angeblich so hervorragende Politik der Begünstigung von Frauen an deutschen Universitäten in Lobeshymnen zu besingen, dann ist die Tatsache, dass Promovierte eine sozial höchst stratifizierte Gruppe darstellen, in die Kinder aus Arbeiterfamilien nicht vorstoßen, gute Stimmung zerstörend. Offensichtlich will man das Feiern der eigenen Illusionen nicht von der Realität in Deutschland trüben lassen, die darin besteht, dass Kinder aus klassichen Arbeiterfamilien, kaum eine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere haben und dass entsprechend, wenn man unbedingt fördern wollte, es Kinder aus Arbeiterfamilien wären, denen man einen besseren Zugang zu Universitäten und Promotionen ermöglichen müsste, aber mit Sicherheit nicht Frauen. Wie gesagt, dass Promovierte eine weitgehend sich selbstrekruitierende soziale Gruppe sind, die fast hermetisch gegenüber unteren sozialen Klassen abgeschlossen ist, das interessiert das BMBF und allen voran die derzeitige Ministerin Wanka nicht. Sie will sich feiern:

“Diese Entwicklungen sind erfreulich. Die Zahlen steigen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Insbesondere verdeutlichen sie, dass es uns gelingt, immer mehr Frauen zu ermutigen, ihre Potentiale auch auszuschöpfen”.

Einmal davon abgesehen, dass dies eine Leerformelsammlung ist (erfreulich, Zahlen steigen, auf dem richtigen Weg), muss man dann wohl feststellen, dass Ministerin Wanka an den Potentialen von Arbeiterkindern kein Interesse hat oder vielleicht denkt sie auch, Arbeiterkinder sind dumm, sonst wären sie keine Arbeiterkinder geworden…

Statistisches Bundesamt (2013). Hochqualifizierte in Deutschland. Erhebung zu Karriereverläufen und internationaler Mobilität von Hochqualifizierten. Wiesbaden: destatis.

Im Geschlechtergleichschritt marsch mit der SPD

Weil ein entsprechender Hinweis nun schon zum dritten Mal in unserer Mailbox gelandet ist, wollen wir uns in aller gebotenen Kürze mit den “Antworten der SPD zum Fragenkatalog des GMEI – Gender Mainstreaming Experts International” befassen. Arne Hoffmann hat zu den Antworten der SPD bereits Stellung genommen. Auch wir werden dies tun, und zwar in gewohnter ScienceFiles Manier und auf der Grundlage unseres Grundsatzprogramms.

EurogenderZunächst hat es uns interessiert, wer diese “GMEI – Gender Mainstreaming Experts International” eigentlich sind. Da die Seite von GMEI.org offensichtlich einer Dauerwartung unterliegt, haben wir uns anderweitig umgesehen und sind, wie nicht anders zu erwarten, im weitgefächerten und weitegehend von der EU unterhaltenen Nutznießernetzwerk Eurogender gelandet. GMEI ist demnach eine dubiose Gruppe von Experten dubioser Herkunft und Fähigkeiten, die mit in einem dubiosen Hotel “Stefanie” in Schwarzberg in Österreich verbunden sind und sich als Experten für Interventionen in Bildung und Erziehung sowie Gender Mainstreaming gerieren. Da Interventionen in Bildung und Erziehung derzeit offensichtlich vornehmlich von Wortakrobaten vorgenommen zu werden scheinen, ist dies kein Problem und völlig ungefährlich. Niemand wird fehlende Kompetenz bemerken. In einer Welt der Worte interessiert sich niemand für Wirkungen.

Nun aber zu den bereitwiligen Antworten der SPD auf Fragen einer mehr als dubiosen Vereinigung.

“Welchen Stellenwert werden Sie der Gleichstellung von Männern und Frauen in Ihrer Regierungsarbeit geben?”, so lautet die erste Frage.

Wer die Antworten würdigen will, muss sich vergegenwärtigen, dass die SPD und viele Politiker in einer Wortwelt, einer virtuellen Welt aus Sprache leben, die nichts mit der Realität gemein hat und die vor allem eines tut: Den Gesetzen der Logik widersprechen. Dies wird deutlich im ersten Satz der Antwort: “Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche Überwinden”. Kann man sich einen größeren Unsinn vorstellen? Logisch betrachtet wird hier die menschliche Gesellschaft der männlichen Gesellschaft gegenübergestellt. Beide sind unvereinbare Mengen und schließen einander aus. Folglich werden Männer als nicht Menschen dargestellt, die der menschlichen Gesellschaft, die dann wohl die Gesellschaft von Frauen ist, im Weg stehen.

Logik f dummiesDieser verbale Unsinn (eigentlich ist Unsinn ein zu schwaches Wort, aber der Anstand gebietet es, bei Unsinn zu bleiben) ist die Antwort auf eine Frage nach dem “Stellenwert … der Gleichstellung”. Gleichstellung bedeutet also für die SPD, Männer zu beseitigen, denn: “Nur eine gleichgestellte Gesellschaft ist eine moderne Gesellschaft”. Als wäre der Unsinn im ersten Satz nicht genug, wird nunmehr noch eine Leerformel ergänzt und ein Satz produziert, den man auch kurz fassen könnte, als Gleichstellung ist gleich modern ist gleich gut. Man sieht, die Wortakrobatik besteht nicht nur darin, Worte ohne Sinn und Verwendungszweck zu emittieren, sondern ihnen eine positive Konnotation beizugesellen, denn es geht nicht um Sinn, es geht um Gefühl. Wie die Antwort der SPD zeigt, fühlen sich manche erst wohl, wenn sie großen Unsinn verbreiten.

Und weiter geht es in den Antworten der SPD mit verbaler Aussage-Leere, in deren Verlauf ein buntes Sammelsurium von Begriffen, von denen man bei der SPD wohl denkt, sie klängen gut, seien positiv konnotiert, durcheinander geworfen wird: Gleichstellung wird zu Chancengleichheit, als habe das eine mit dem anderen etwas zu tun (Zur Vermengung von Gleichheit. Gleichstellung und Gerechtigkeit siehe den Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach am Ende dieses posts). Weil das nicht reicht, mutiert Gleichstellung zu Geschlechtergerechtigkeit, und abermals hat beides nichts miteinander zu tun, wie in den Antworten der SPD überdeutlich wird, denn um Gleichstellung durchzusetzen, so heißt es, habe Peer Steinbrück “gleich viele Frauen wie Männer in sein Kompetenzteam berufen”. Nun hat Kompetenz nichts mit Geschlecht zu tun und entsprechend kann eine gleiche Verteilung nach Geschlecht keine Kompetenz gewährleisten. Und Gleichstellung hat nichts mit Chancengleichheit zu tun, denn Gleichstellung zielt auf das Ergebnis, nicht auf den Start von Prozessen, Letzteres tut Chancengleichheit, die gleiche Startchancen für alle gewähren will und deren Ziel in Gerechtigkeit besteht, die z.B. gegeben ist, wenn ein Kompetenzteam nach Kompetenz und eben nicht nach Geschlecht besetzt ist. Irgendwie gewinnt man den Eindruck, die Genossen hätten sich vor lauter Gender Mainstreaming um ihren Verstand geredet (sofern Verstand vorhanden war).

Versteckt im logischen Unsinn dieser Wortemissionen sind indes handfeste Drohungen wie die folgende:

“Freiwilligkeit bringt uns in der Gleichstellungspolitik keinen Schritt weiter.” … Deshalb setzt die SPD auf “gesetzliche Regelungen”,´die “den gesamten Lebenslauf von Frauen und Männern in den Blick nehmen”

hayek.quoteOffensichtlich ist man sich bei der SPD bewusst, dass es keine demokratische Mehrheit für “Gleichstellungspolitik” in Deutschland gibt, dass demokratische Freiwilligkeit deshalb mit antidemokratischem Zwang ersetzt werden muss. Als Konsequenz wird die Freiheit von Bürgern, nach ihrer Fasson selig zu werden, beseitigt. Was im Lebensverlauf eines Mannes oder im Lebensverlauf einer Frau richtig ist (und selig macht), wird nunmehr von den Genossen vorgegeben. Ihre Vorstellung davon, was Gleichstellung ausmacht oder Chancengleichheit oder Geschlechtergerechtigkeit oder was auch immer, irgendwas mit “gleich” und “gerecht” als Wortstamm, setzt den Standard. Wer diesen Standard nicht anerkennt, der ist der Feind der Genossen.

Und es ist im Hinblick auf die ideologischen Feinde, dass der einzige konkrete Satz in den Antworten der SPD gefunden werden kann. Wie so oft, wenn sich Sozialisten äußern, werden sie genau dann deutlich oder besser: biestig, wenn es an die Grundfeste der eigenen Ideologie geht. Die eigene ideologie ist sakrosankt: Sie wird nicht diskutiert, nicht kritisiert, sie hat Heiligkeitsstatus:

“Die antifeministische Männerbewegung wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass progressive und profeministische Kräfte in der Männerpolitik gestärkt werden.”

Machen wir ein kleines Experiment um darzustellen, wessen Geistes Kind die Genossen hier sind:

“Der internationale Finanzjudentum wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass die fortschrittlichen und pro-arischen Kräfte deutsche Politik bestimmen.

Es geht hier weniger um den Vergleich mit dem Dritten Reich, die Struktur der Aussage ließe sich in der selben Weise in den Brandreden finden, mit denen Bernhard von Clairveaux z.B. zur Beteiligung am zweiten Kreuzzug aufgerufen hat. Die Struktur schafft eine Freund-Feind-Beziehung und hat zum Ziel, jede Form des normalen Umgangs mit der als Feind identifizierten Gruppe zu unterbinden. Es ist dies eine zutiefts antidemokratische Struktur, die den Meinungspluralismus, die Konkurrenz von Ideen und Interessen, das, was eine Demokratie ausmacht und am Leben erhält, beseitigen will. Mit dem Feind wird nicht diskutiert oder geredet. Seine Argumente werden außerhalb der eigenen Normalität verortet, Umgang mit ihm wird zum Sakrileg.

Arendt_totalitarismusWer Aussagen aufstellt, wie die SPD es hier tut, der zeigt wes’ Geistes Kind er ist. Er stellt sich als Ideologe mit totalitärem Anspruch und Feind demokratischer Strukturen und Umgangsformen dar. Auf Grundlage der Antworten, die die SPD den “Gender Mainstream Experts International” gegeben hat, muss man die SPD somit als antidemokratische Partei ansehen, und es wäre zu prüfen, ob nicht ein Verbotsverfahren gegen die SPD angestrengt werden muss.

Als kleinen Trost am Ende dieses Beitrags: Auch mit den Grünen oder der Linken wollte die damalige SPD nicht reden. Dennoch ist aus den Schmuddelkindern von damals heute ein umworbener Koalitionspartner geworden. Es ist also weniger eine Frage der Ideologie als des politischen Opportunismus, denn wenn es darum geht, an die Macht zu gelangen, dann kann man schon einmal auf alle die Dinge, die man vorher als unverzichtbar und unverrückbar benannt hat, verzichten. Letztlich ist das Ergebnis jedoch dasselbe: Demokratische Werte bleiben auf der Strecke, die Demokratie wird zur Travestie auf sich selbst.

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, “green” zum “default”, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere “nudge”, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von “nudge” ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur “richtigen” Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses “nudgen” aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der “grüne” Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der “grüne” Tarif ist teurer als ein weniger “grüner” Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur “richtigen” Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den “richtigen” Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

“Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule”(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem “Choice Architect” nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch “The Road to Serfdom” bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als “Choice Architect” wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was “richtig” und “gut” ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.

Genderlehrstühle: Der Market for Lemons!?

Im Jahre 1970 hat einer der großen Männer der US-amerikanischen Ökonomie, George A. Akerlof, einen Beitrag verfasst, in dem er die Existenz eines “Markets for Lemons” aufgezeigt hat. Ursprünglich für Gebrauchtwagenmärkte aufgestellt, bietet sich die Idee des Markets for Lemons aufgrund ihrer Systematik geradezu von selbst an, um auf andere Märkte, z.B. den der Genderlehrstühle übertragen zu werden. [Eine "Lemon" bezeichnet im Englischen ein Produkt, das niemand kaufen würde, wüsste er um seine Minderwertigkeit. Der Kauf einer "Lemon" verursacht entsprechend einen bitteren Nachgeschmack.]

AkerlofAkerlofs “Market for Lemons” funktioniert auf der Basis von Informationsasymmetrien, wie sie zwischen zwei Personen, die in eine Vertragsbeziehung treten wollen, z.B. dann bestehen, wenn ein Vertragspartner bessere Kenntnisse über den Zustand des Vertragsgegenstands hat als ein anderer. So weiß der Verkäufer von Gebrauchtwagen in der Regel besser über die Fehler und Schwächen des Gebrauchtwagens Bescheid, den er verkaufen will, als dier Käufer. Ob der vorherige Besitzer das Auto gewartet hat, ob der Kilometerstand den tatsächlichen, gefahrenen Kilometern entspricht, ob das Auto eine Geschichte der Reparatur hat, die nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, all diese Informationen hat der Händler in der Regel, und der potentielle Käufer des Gebrauchtwagens hat sie in der Regel nicht nicht.

Demgemäß, so hat Akerlof weiter ausgeführt, ist es für Käufer von Gebrauchtwagen sinnvoll bestenfalls mit einer durchschnittlichen Wartungsgeschichte zu rechnen und davon auszugehen, dass sich auf dem Gebrauchtwagenmarkt keine besonders guten und akkurat gewarteten Fahrzeuge finden. Dies wiederum führt dazu, dass Autobesitzer, die ihr Auto akkurat gewartet haben, ihr Auto nicht auf den Gebrauchtwagenmarkt bringen, weil sie nicht erwarten können, einen angemessenen Preis zu erzielen. Folglich landen nur durchschnittlich und unterdurchschnittlich gewartete Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt, der Markt wird zum Market for Lemons.

used VwDie am Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes beschriebene Systematik ist zwischenzeitlich 43 Jahre alt und entsprechend ist ein update notwendig. Nichtzuletzt hat sich der Gebrauchtwagenmarkt durch vertrauensbildedende Maßnahmen über die letzten 43 Jahre soweit verbessert, dass man nicht unbedingt davon ausgehen muss, mit einem Gebrauchtwagen ein Montagsauto zu erwerben.

Die Struktur von Akerlofs “Market for Lemons”: (1) asymmetrische Informationen über die Qualität eines Produkts, (2) entsprechend geringe Erwartungen der Nachfrager an die Qualität des Produkts, (3) sich in der Folge verringernde Marktpreise, die (4) gefolgt werden von einem Rückzug der Anbieter guter Produkte, was in (5) letzter Instanz zum Market for Lemons führt, kann perfekt auf die Situation an deutschen Universitäten übertragen werden, wie sie z.B. durch das Professorinnenprogramm hergestellt wird.

Die Variable “Geschlecht” wird im Rahmen des Professorinnenprogramms zum Berufungsgrund. Sie ersetzen messbare Leistungskriterien und institutionalisiert asymmetrische Informationen, denn die Unsicherheit, die normalerweise mit der Auswahl geeigneter Kandidaten für bestimmte Positionen einhergeht, wird nicht durch einen Blick auf Leistungsnachweise, Veröffentlichungen oder Beiträge zum Erkenntnisgewinn der entsprechenden Kandidaten zu minimieren versucht. Vielmehr werden die asymmetrischen Informationen ignoriert. Es wird nach Geschlecht berufen und entsprechend eine hohe Qualitätsunsicherheit für Positionsinhaber von Professuren hergestellt.

Frauen und GforschungWo man (1) früher noch zumindest begründet den Verdacht haben konnte, dass ein Professor auf seinem Feld eine Kapazität ist und man von ihm etwas Wichtiges, Interessantes und Relevantes lernen kann, ist heute die Unsicherheit insofern auf die Spitze getrieben, als man eher sicher sein kann, dass man nichts Wichtiges, nichts Interessantes und nichts Relevantes vermittelt bekommt (oder was macht man mit der Erkenntnis, dass Menschen Geschlechtsrollen spielen?). Entsprechend (2) sinken die Erwartungen der Nachfrager nach Bildung. Studenten wissen, an Genderlehrstühlen wird kein Wissen, sondern Ideologie vermittelt und senken ihre Erwartungen entsprechend ab, sofern sie die entsprechenden Erwartungen haben oder, wenn sie die Erwartungen nicht haben, führt die Ideologie in der Lehre zum Nachzug von Studenten, die nicht wissen wollen, sondern die am richtigen Gebet, am richtigen ideologischen Katechismus interessiert sind.

Entsprechend fallen (3) die Preise, die für die Anbieter von Bildung, also für Professoren an Universitäten gezahlt werden (so geschehen durch die Umstellung von C- auf W-Besoldung und die Einführung der BAT-IIa-Profession des “Juniorprofessors). Als Folge (4) werden sich Wissenschaftler, die ihre Zunft Ernst nehmen und entsprechende Preise verlangen können sowie Studenten, die lernen wollen und an Wissen interessiert sind, nicht mehr an Universitäten, an denen sich Genderlehrstühle finden, bewerben oder einschreiben. Das Niveau wir weiter sinken und die entsprechenden Universitäten sind zum Market for Lemons geworden, an denen sich Anbieter und Nachfrager minderwertiger Bildungsqualität tummeln.

Und so einfach kann man den derzeitigen Zustand mancher deutscher Universitäten erklären. Die Relation ist einfach: Je mehr Gender desto schlechter die Qualität der vermittelten Bildungsinhalte.

Akerlof book of talesEs gibt eine Vielzahl von Anwendungen für den Market for Lemons, den Heiratsmarkt, die Nachfrage nach Sozialarbeitern uvm. Die Systematik, die Akerlof entwickelt hat, lädt dazu ein, die fünf Punkte, die den Market for Lemons definieren, auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche anzuwenden. Und wir laden unsere Leser dazu ein, uns neue Anwendungen zu schicken. Die besten drei davon, werden wir auf ScienceFiles veröffentlichen.

Akerlof, George A. (1970). The Market for “Lemons”: Quality Uncertainty and the Market Mechanism. Quarterly Journal of Economics 84(3): 488-500.

©ScienceFiles, 2013

Ewiges Leben durch freiwilliges Helfen?

Altruism half offWir leben in einer Welt, in der wir täglich mit dem Mythos des altruistischen Menschen, der ganz selbstverständlich gegen den “egoistischen Menschen” gestellt wird, berieselt werden. Hilfe, selbtslose Hilfe, versteht sich, ist zum Markenzeichen von “richtigen” Menschen geworden. Wer seine eigenen Interessen und Ziele verfolgt, der gilt als minderwertig. Vollwertig ist nur, wer andere mit seiner Hilfsbereitschaft verfolgt – ganz altruistisch versteht sich. Wie weit der Mythos schon in der Gesellschaft verankert ist, zeigt ein Beitrag bei “radio Stimme Russland”, auf den uns ein Leser von ScienceFiles hingewiesen hat. Unter der Überschrift: “Freiwilliges Helfen verlängert das Leben – Wissenschaftler” ist dort Folgendes zu genießen:

STIMME RUSSLANDS: Anderen Menschen freiwillig zu helfen, kann deutlich die Psyche stärken sowie die Lebensdauer verlängern, behaupten englische Wissenschaftler in einem Artikel, der in der Fachzeitschrift “BMC Public Health” veröffentlicht wurde.
Forscher der Medizinischen Fakultät der Universität haben Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung verglichen. Ferner stellten die Wissenschaftler fest, dass freiwillige Helfer deutlich weniger unter Depressionen leiden, sie leben zufriedener und fühlen sich glücklicher.

Der Zweisatz-Unsinn ist abglegt unter “Wissenschaft – Forschung – Gesellschaft” und soll offensichtlich ein Weiteres zum Altruismus-Mythos beitragen. Interessanter Weise ist es ein uregoistisches Motiv, das den Altruismus der freiwilligen Hilfe versüßen soll, das fast ewige Leben. Gute Menschen kommen also erst mit Verspätung in den Himmel, während schlechte Menschen im D-Zug in die Hölle fahren (and have fun).

Der Beitrag in der Stimme Russlands stammt offensichtlich aus den Kaderschmieden, die bereits zu Zeiten des Kalten Krieges versucht haben, Information durch Desinformation unmöglich zu machen. So fällt dem genau Lesenden des Beitrags der Stimme Russlands Folgendes auf:

  1. stimme russlandsDie Überschrift behautet eine Kausalität von freiwilligem Helfen auf längeres Leben, im Text wird aus der Kausalität eine Möglichkeit “kann”;
  2. Das Forschungsergebnis stammt von offensichtlich der Redaktion nicht namentlich bekannten “englischen Wissenschaftlern”,
  3. die einen Artikel, dessen Überschrift der Redaktion offensichtlich genauso unbekannt ist,
  4. in irgendeiner Ausgabe der, das wissen die Redakteure der Stimme Russlands genau: “Fachzeitschrift” BMC Public Health veröffentlicht haben.
  5. Die Autoren sind gleichzeitig Forscher einer medizinischen Fakultät an irgendeiner Universität (es gibt mehr als eine Universität in England),
  6. und diese Forscher-Autoren haben irgendwelche Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung verglichen, die zeigen, dass
  7. freiwillige Helfer “deutlich weniger unter Depressionen leiden, zufriedener leben und glüchlicher sind”, wobei sich fragt: als wer? Deutsche? Unfreiwillige Helfer? Sklaven? Öffentliche Bedienstete? Autofahrer? Genderisten? Polizisten (die Freunde und Helfer)? Amerikaner? Depressive?

Wer die oben wiedergegebene Meldung gelesen hat und beim Lesen nicht spätestens nach dem fünften Wort angefangen hat, den Kopf zu schütteln, dem sei eine kritischere Einstellung gegenüber Veröffentlichungen in vermeintlichen “Presseorganen”, die der Information dienen, empfohlen.

BMCIch habe mich auf Grundlage der nicht vorhandenen Informationen in der “Stimme Russlands” auf die Suche nach dem Artikel gemacht, auf den sich der Beitrag beziehen könnte, und auf einen Beitrag von Caroline E. Jenkinson und acht Ko-Autoren, mehrheitlich von der University Essex (Wissenschaftler an einer Universität in England) gestoßen, der den Titel trägt: “Is Volunteering a Public Health Intervention? A Systematic Review and a Meta-Analysis of the Health and Survival of Volunteers”. Bereits der Titel des Textes zeigt, hier werden keine eigenen Daten analysiert, auch keine Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung, nein, hier werden Studien analysiert, die sich mit dem Zusammenhang von freiwilligem Engagement und Gesundheit beschäftigen, das, was man gemeinhin eine Meta-Analyse nennt.

Anlass der Meta-Analyse von Jenkinson et al. ist die Behauptung, wie sie regelmäßig im Rahmen des Altruismus-Mythos aufgestellt wird, und zwar von UN, EU und nationalen Regierungen gleichermaßen, dass freiwilliges Engagement zu einer höheren Zufriedenheit und besseren Gesundheit derer führt, die sich freiwillig engagieren. Dabei wird freiwilliges Engagement definiert als:

“an act of free will that results in benefits to others (e.g., individuals, groups, the environment), outside of, or in addition to support given to close family members.” (Jenkinson et al., 2013)

Insgesamt können die Autoren 40 veröffentlichte Untersuchungen lokalisieren, in denen der Zusammenhang zwischen freiwilligem Engagement (wie oben definiert) und Gesundheit untersucht wurde. Die Durchsicht der Untersuchungen führt wiederum zu dem folgenden Ergebnis:

“Forty papers were selected: five randomized controlled trials (RCTs, seven papers); four non-RCTs; and 17 cohort studies (29 papers). Cohort studies showed volunteering had favourable effects on depression, life satisfaction, wellbeing but not on physical health. These findings were not confirmed by experimental studies. Meta-analysis of five cohort studies found volunteers to be at a lower risk of mortality (risk ratio; 0,78; 95% CI: 0.66, 0.90). There was insufficient evidence to demonstrate a consistent influence of volunteering type of intensity on outcomes” (np).

Ich habe hier absichtlich die Beschreibung der Ergebnisse, die man dem abstract des Beitrags, also der Kurzfassung der Untersuchung entnehmen kann, vorangestellt. Ein Redakteur der lesen kann, wäre durchaus in der Lage nachzulesen, dass in 17 Kohortenstudien, also in Studien, in denen Geburtsjahrgänge untersucht wurden, keinerlei Effekt von freiwilligem Engagement auf die Gesundheit gefunden wurden, während in 5 RCTs, also random controlled trials, eine verringerte Sterberate für frewillig Engagierte gefunden wurde. Das nennt man dann wohl widersprüchliche Ergebnisse, die auch nicht dadurch besser werden, dass die Kausalität der Effekte fragwürdig ist. Ein chronisch Kranker, ein Diabetiker, ein Herzinfarkt-Gefährdeter, sie alle werden wohl kaum freiwilliges Engagement im örtlichen Altenheim zeigen, so dass diejenigen, die sich engagieren, das sind, was man in der Soziologie eine selegierte, eine selbst-selegierte Population im vorliegenden Fall, nennt. Es ist plausibel anzunehmen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, eher nicht unter den Insassen von Krankenhäusern zu finden sind und dass diejenigen, die Intensivstationen beliegen, ganz und gar fehlen, so dass es kaum verwundert, wenn Korrelationen zwischen freiwilligem Engagement und Gesundheit gemessen werden.

Vermutlich hat auch Leistungssport einen positiven Effekt auf die Gesundheit und die Lebenserwartung von indischen Yogis ist deutlich höher als die Lebenserwartung von Bergarbeitern. Dennoch kommt niemand auf die Idee, Bergarbeiter dazu zu bewegen, Profifussballer zu werden oder dazu, sich von morgens bis abends mit Meditation zu beschäftigen. Kumpel sollen einfahren und ihre Arbeit machen und ansonsten will es der Mythos der selbstlosen Hilfe, dass sie sich freiwillig engagieren, damit sie auch gesund bleiben und nicht vorzeitig an einer Staublunge versterben.

ALTRUISM2Was für ein Unsinn sich allein hinter der Vorstellung, freiwilliges Engagement würde die Lebenserwartung positiv beeinflussen, steckt, wird anhand solcher Beispiele sehr deutlich. Dass die Meldung von radio Stimme Russland absoluter Unsinn ist, sollte deutlich geworden sein und dass man sich nicht von internationalen Organisationen oder seinen Regierungen dazu verpflichten lassen soll, sich freiwillig zu engagieren, sollte aus drei Gründen bekannt sein: Erstens, man kann niemand zu einer freiwilligen Tat verpflichten. Zweitens: Wenn Institutionen behaupten, etwas habe besonders gute Effekte für diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie dieses Etwas tun, dann ist etwas oberfaul, denn es mag ab und an ein altruistisches Individuum geben, den Heiligen Franz von ich weiß nicht wo, aber es gibt sicher eines nicht: altruistische Institutionen. Wenn die Vertreter von Institutionen zu etwas aufrufen, dann haben sie und ihre Institution etwas davon, dass Dritte dieses etwas tun. Drittens ist es sehr seltsam, dass man Anreize präsentieren muss, um altruistisches Verhalten zu motivieren, also längeres Leben oder Gesundheit oder Wohlbefinden, wahre Altruisten sind nicht auf Anreize angewiesen – oder?

Jenkinson, Caroline E., Dickens, Andy P., Jones, Kerry, Thompson-Coon, Jo, Taylor, Rod, S., Rogers, Morwenna, Bambra, Clare L., Lang, Iain & Richards, Suzanne H. (2013). Is Volunteering a Public Health Intervention? A Systematic Review and Meta-Analysis of the Health and Survival of Volunteers. BMC Public Health (online version).

Haben Mütter keinen Effekt auf ihre Kinder?

jomfJugen leiden darunter, wenn ihre Väter sehr lange arbeiten, so ist eine Pressemeldung betitelt, die uns gestern auf den Tisch gekommen ist und die sich auf eine Untersuchung bezieht, die fünf australische Forscher durchgeführt haben. Untersucht haben sie – wie der Titel der Pressemeldung nahelegt – den Einfluss der Arbeitszeit auf Verhaltensprobleme von Kindern, und sie haben ihre Untersuchung unter dem Titel “Mothers’ and Fathers’ Work Hours, Child Gender and Behavior in Middle Childhood” in der Februarausgabe des Journal of Marriage and Family veröffentlicht.

Bereits dem Titel kann man entnehmen, dass die Untersuchung in den Kontext der heile Welt bzw. in diesem Fall: heile Familie-Forschung gehört. Die heile Familie-Forschung nimmt im vorliegenden Fall Bezug auf Bronfenbrenners Ansicht, dass das Funktionieren einer Familie und die Interaktion unter den Familienmitgliedern eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, in keiner Weise (weder positiv noch negativ) auffällige Kinder zu produzieren, also Kinder, die mit all den Eigenschaften ausgezeichnet sind, die die gesellschaftliche Normalität positiv bewertet.

Angesichts dieser Annahmen ist es kein Wunder, wenn die fünf Forscher im vorliegenden Fall, Verhaltensprobleme zu ihrer abhängigen Variable machen, zu dem, was sie erklären wollen. Wie immer bei quantitativen Untersuchungen muss man Verhaltensprobleme bzw. das, was Bronfenbrenner zusammengestellt hat, operationalisieren, denn letztlich ist die Behauptung, keine positiven oder negativen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern seien das Ergebnis funktionierender Familien und einer bestimmten Interaktion der Familienmitglieder nichts anderes als ein Wortspiel, wie sich spätestens zeigt, wenn man sich fragt, was man nun machen soll, um eine funktionierende Familie herzustellen bzw. was überhaupt eine funktionierende Familie ist.

Im vorliegenden Fall geht es um Verhaltensprobleme bei Kindern, die vorhanden sind, wenn die Familie nicht funktioniert und die nicht vorhanden sind, wenn die Familie funktioniert. Es handelt sich somit um eine normative Operationalisierung, bei der die Forscher ihre Vorstellung davon, was ideal oder normal ist, an die Familien herantragen. Nicht normal ist demnach, wenn Eltern angeben, dass z.B. das Folgende auf ihre Kinder zutrifft:

  1. … kann sich nicht konzentrieren;
  2. … träumt oft in den Tag hinein;
  3. … zerstörte Gegenstände, die ihm oder anderen gehören;
  4. … kaut Fingernägel;
  5. … denkt, er/sie müsse perfekt sein;
  6. … ist lieber alleine als mit anderen zusammen;
  7. … Ißt zu viel;
  8. … hat Alpträume;
  9. … läuft von zuhause weg;
  10. … schwänzt die Schule;
  11. … hat Schlafprobleme;
  12. … ist vorsichtig;
  13. … ist zurückhaltend oder scheu;
  14. … zieht es vor, mit älteren Kindern zusammen zu sein;
  15. … ist impulsiv oder handelt, ohne zu denken;
  16. … ist zuhause unfolgsam;
  17. … ist dickköpfig, missmutig oder irritierbar;
  18. … hat Angst vor der Schule;
  19. … ist ungewöhnlich laut;
  20. … raucht;

CBCLDie Liste der kindlichen Fehlverhaltensweisen umfasst insgesamt 113 Items. Die 20 genannten Items vermitteln, wie ich glaube, einen sehr guten Eindruck von der “Normalität”, die den messenden Wissenschaftlern als Normalität funktionaler Familien vorschwebt. Es sind Skalen, wie die Child Behaviour Checklist, der die 20 Items entstammen und die von den Autoren benutzt wurde, die dazu geführt haben, dass ich langsam aber sicher zu dem Schluss gekommen bin, dass Itemskalen zur Messung von was auch immer ungeeignet sind. Irgendwie lässt sich aus 113 Einzelitems immer ein Index konstruieren, mit dem man dann hausieren gehen kann ohne dass man genau weiß, was man nun eigentlich gemessen hat.

Wie ist das z.B. bei Item 17, das drei Stimuli enthält? Was weiß man nun? Dass Eltern, die dieses Item bejahen, ein missmutiges oder ein dickköpfiges oder ein irritierbares oder ein Kind, das missmutig und dickköpfig oder missmutig und irritierbar oder dickköpfig und irritierbar oder alles zusammen ist, haben?. Sieben mögliche Aussagen verbergen sich hinter einem Item und nur wirklich rabiate Forscher ignorieren diese Ambivalenzen.

Unsere fünf australischen Forscher gehören zu dieser Art von Forschern, die lediglich an der Skalenreliabilität interessiert sind und die 113 Items der Child Behaviour Checklist einmal als Ganzes in einen Index der Verhaltensprobleme überführen und einmal in zwei Teilindices der internalisierten und der externalisierten Verhaltensprobleme.

Das statistisch Schöne, an diesem Index ist, dass er metrisch ist und sich entsprechend als abhängige Variable für linerare Regressionen, im vorliegenden Fall für gemischte lineare Regressionsmodelle, die es erlauben, Effekte für ordinale oder kategoriale unabhängige Variablen zu schätzen, eignet. Die wichtigsten kategorialen Variablen im Modell der fünf Australier sind: die Arbeitszeit von Vätern und die Arbeitszeit von Müttern. Beide Variablen sind ordinal beginnen bei Vätern mit (1) “arbeitslos” und reichen über (2) 1 bis 34 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit, (3) 35-44 Stunden, (4) 45-54 Stunden bis zu (5) mehr als 55 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Für Mütter reichen drei Kategorien, nämlich: (1) arbeitslos, (2) 1-34 Stunden wöchentliche Arbeitszeit und (3) mehr als 35 Stunden wöchentliche Arbeitszeit.

Betrachtet man nur die drei Variablen “Verhaltensprobleme von Kindern” und Arbeitszeit der Väter bzw. der Mütter, dann zeigt sich, dass Kinder von Vätern, die zwischen 1 und 34 Stunden bzw. 45 und 54 Stunden in der Woche arbeiten im Vergleich zu Kindern von Vätern, die mehr als 55 Stunden in der Woche arbeiten, höhere Werte auf der Skala der Verhaltensprobleme erzielen. Wird das Geschlecht der Kinder berücksichtigt, dann findet sich der entsprechende Effekt ausschließlich für Jungen. Damit wäre gezeigt, wie die oben zitierte Überschrift der Pressemitteilung zustande gekommen ist.

linear mixed effectAber was bedeutet das Ergebnis? Einmal davon abgesehen, dass unklar ist, was, welche Art von Verhaltensproblemen, wenn überhaupt, mit der Child Behaviour Checklist gemessen werden, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum der Schnittpunkt bei 54 Wochenstunden Arbeitszeit verlaufen soll. Wie begründet man es theoretisch, dass die Söhne von Vätern, die zwischen 1 und 34 Stunden arbeiten, Vätern die zwischen 45 und 54 Stunden in der Woche arbeiten, nicht aber die Söhne von Vätern, die zwischen 35 und 44 Stunden in der Woche arbeiten im Vergleich zu Söhnen von Vätern, die mehr als 55 Wochenstunden arbeiten, höhere Wert auf der Child Behaviour Checklist erzielen? Das dürfte sehr schwer sein, um nicht zu sagen unmöglich. Und entsprechend zeigt sich an dieser Stelle, dass die vorliegenden Ergebnisse nichts anderes sind, als die Übertragung der Wortspiele, die Bronfenbrenner anstellt, auf die Ebene operationalisierter Konzepte. Und dass es operationalisiert Wortspiele sind, zeigt sich deutlich daran, dass die Autoren ein Ergebnis, das einem wirklich ins Auge springt, mit keiner Silbe erwähnen oder auch nur zu erklären versuchen:

Egal, ob Mütter arbeiten und wenn ja, egal, wie lange sie arbeiten, es hat keinerlei Effekt auf den Wert, den ihre Kinder auf der Child Behaviour Checklist erzielen oder, in der Welt der Autoren: Mothers’ Working Hours do not Affect Child Behaviour. Dies ist nur eine andere Art zu sagen, dass die Erziehung durch Mütter keinerlei Effekt auf das Verhalten von Kindern hat und das wäre, lebte man in der Welt der Autoren und würde man denken, sie haben etwas Originäres und Reales gemessen, das Ergebnis, das einem zu denken geben müsste.

Bleibt nur noch nachzutragen, dass die Autoren keinerlei Maße angeben, denen man die Güte und Signifikanz ihrer linearen Modelle entnehmen kann. Das Fehlen dieser Angaben ist ein eklatanter Bruch mit wissenschaftlicher Normalität und führt dazu, dass man selbst dann, wenn man die Ergebnisse für bare Münze nehmen würde, feststellen müsste, dass sie nutzlos sind.

Johnson, Sarah, Li, Jianghong, Kendall, Gareth, Strazdins, Lyndall & Jacoby, Peter (2013). Mothers’ and Fathers’ Work Hours, Child Gender, and Behavior in Middle Childhood. Journal of Marriage and Family 75(2): 56-74.

Compliance Management jetzt auch bei ScienceFiles

SciencefilesGerade ein liberales blog wie ScienceFiles muss sich veränderten Randbedingungen anpassen. Angesichts der Fülle neuer Regelungen, die täglich aus Brüssel in Form von Direktiven auf uns einprasseln, angesichts der Legionen nationaler Vorschriften, auf die die Direktiven in Deutschland auftreffen und angesichts der Tatsache, dass sich nun auch Anwälte inkognito und unter dem Schutz von Pseudonymen unter die Leser von ScienceFiles mischen, haben wir uns schweren Herzens dazu entschlossen, ein Compliance Management einzuführen und das, was David Schumm, Frank Leymann und Alexander Streule (2010) für Unternehmen zu einer der wichtigsten Aufgabe erklärt haben, zu beherzigen:

“Compliance has become an important driver in business process management as it requires profound and traceable changes of the processes. Besides the increasing demand for security, privacy and trust, compliance also needs consistent integration and management of process structures related to compliance” (np).

Aber nich nur Compliance hält mit dem heutigen Tag Einzug in ScienceFiles, nein, wir werden auch mit sofortiger Wirkung unserer Corporate Social Responsibility gerecht werden und Nachhaltigkeit herstellen.

Dazu haben wir zunächst personelle Maßnahmen ergriffen.

ComplianceDr. habil. Heike Diefenbach wurde mit sofortiger Wirkung von den Betreibern von ScienceFiles zum Chief Compliance Officer (CCO) ernannt. Michael Klein wurde mit Beschluss vom selben Tag zum Chief Compliance Officer Controlling Executive (CCOCE) ernannt. Beide Posten sind modern verfasst und rotieren im Interesse flacher Hierachien zwischen Heike Diefenbach und Michael Klein in tagesfrist. In einem ersten Schritt wurde ein joint-committee, das den CCO und den CCOCE umfasst, gebildet und dessen Aufgabe darin besteht, einen Code of Conduct (CoC) für die MItarbeiter von ScienceFiles zu erarbeiten. Der eilends erstelle und vorläufige CoC enthält zwei Regelungen: §1 Mitarbeiter von ScienceFiles sind zur Compliance mit dem eigenen Gewissen verpflichtet. §2 Unklarheiten klärt der CCO in Absprache mit dem CCOCE oder umgekehrt.

Darüber hinaus haben wir gemäß §7 des Staatsvertrags über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien (JMStV) Dr. habil. Heike Diefenbach zur Beauftragten zum Schutz der Jugend ernannt und ihr aufgetragen, einen wöchentlichen Bericht darüber anzufertigen, wie die Jugend der Betreiber von ScienceFiles geschützt werden kann. Dabei sollen nicht nur körperliche Aktivitäten und Kosmetika Berücksichtigung finden, sondern vor allem Aspekte der geistigen Frische. Als erste Maßnahme hat Dr. Diefenbach im Bericht vom 22. August 2013 beantragt, Vertreter der “Christlichen Hochkultur” daran zu hindern, verstaubte und uralte Mythen zu verbreiten, da diese sich negativ auf die geistige Frische der Betreiber auswirken würden und zudem wertvolle Zeitressourcen damit binden würden, die geistige Hochkultur gegen die “Christliche Hochkultur” zu verteidigen. MIt instant-Betreiberbeschluss wurde der Antrag einstimmig angenommen.

GenderZertifikatMit dem selben Beschluss wurde Michael Klein zum Frauenbeauftragten ernannt. Als erstes Ziel hat er die Einführung einer Frauenquote im Betreiberkreis vorgegeben, keine Symbol-quote von 40%, sondern eine richtige Quote von 50%. Nach intensiver Datenerhebung im Betreiberkreis und Prozentuierung der Verteilung nach Geschlecht ist Michael Klein zu dem Schluss gekommen, dass die Frauenquote nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt ist (ihm jedenfalls reicht es), weshalb er beim BMFSFJ beantragt hat, dass ScienceFiles als Unternehmen, das Gleichberechtigung Ernst nimmt ausgezeichnet und anderen Unternehmen als leuchtendes Vorbild präsentiert wird. Ansonsten hat Michael Klein beschlossen, dass es jetzt genug ist, mit dem Genderunsinn und sieht sich derzeit nach neuen Formen der Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht des zweiten Betreibers um.

Die so wichtige Teamfähigkeit beweisen die Betreiber von ScienceFiles auch weiterhin durch regelmäßige Ausflüge, die in manchen Fällen auf ScienceFiles auch dokumentiert werden. Ausgeschlossen sind Ausflüge in das lokale Pub, Ausflüge in die lokale Brauerei, Ausflüge an das Meer, Ausflüge in das Rugby Stadium und Ausflüge zu Nachbarn. Wir bitte um Verständnis.

Natürlich sind wir bei ScienceFiles auch an Nachhaltigkeit interessiert. Um die Nachhaltigkeit unserer Beiträge zu sichern, rufen wir alle unsere Leser dazu auf, die Texte auswendig zu lernen und bei Bedarf und gegenüber Dritten, natürlich mit Verweis auf http://sciencefiles.org zu repetieren. Wie so viele Betreiber von Blogs und Verlagen können wir für diesen Service kein Entgelt entrichten, vermuten aber, dass der Altruismus der Leser weitgenug reicht, um diese Serviceleistung unentgeltlich zu erbringen.

Im Rahmen eines umfassenden und natürlich nachhaltigen Supply-Chain-Managements haben wir uns darüber hinaus entschlossen, unseren Lieferanten, Informanten einen besonderen Bonus angedeihen zu lassen. Sie dürfen nunmehr direkt mit den Betreibern von ScienceFiles kommunizieren. Bitte benutzen Sie dazu das vorgesehene Formblatt oder die Sammelemail. Sie erhalten dann eine automatisierte Antwortmail vom Team der ScienceFiles-Betreiber, in der wir Ihnen nicht versprechen können, in den nächsten 72 Stunden wieder auf Sie zurückzukommen.

Im Rahmen unseres Risk-Managements werden wir die nachhaltige Wirkung unserer Beiträge vor allem dahingehend bewerten, dass wir eine Risiko- und Folgeneinschätzung vornehmen, mit der das Potential des jeweiligen Textes, Personen mit Bluthochdruck und sonstigen Herz-Kreislauf-Schwächen um die Ecke zu bringen, prognostiziert wird. Der entsprechende Score wird in Zukunft als Ex-Score auf unsere Balanced Scorecard eingetragen, und er ist nach oben offen.

Um eine gleichbleibend hohe Qualität der Texte auf ScienceFiles zu gewährleisten, werden wir im Rahmen unseres Total Quality Managements die Mitarbeiter von ScienceFiles weiterhin darin schulen, Unsinn aufzuspüren, Unsinn auseinander zu nehmen und die Wissenschaft gegen den Angriff von Genderisten, Esoterikern und sonstige ideologisch oder rhetorisch bedingte Ablenkungen vom Kern der Sache (red herring) zu verteidigen. Um das Gefahrenpotential einzuschätzen, das von bestimmten Kommentatoren für die Wissenschaft ausgeht, werden Kommentatoren auf der BastlWastl Skala von 0 “unbedenklich” bis 100 “frei flottierendes Unbewusstes” gerated.

Auch unseren Carbon Imprint wollen wir natürlich der (Ideal-)Norm anpassen. Deshalb sollten unsere Leser die Texte am Bildschirm lesen und auf den Ausdruck der Texte verzichten. Auf diese Weise soll der unglaublich hohe Papierverbrauch von Michael Klein kompensiert werden, der trotz vielfacher Intervention der Betreiber weiterhin darauf besteht, Texte in Papierform vor sich zu haben. Versuche des CCO, auf Michael Klein einzuwirken, werden im Abstand von zwei Tagen durch den CCOCE widerrufen.

Natürlich sind wir auch an der Gesundheit unserer Leser interessiert. Deshalb haben wir folgende Regeln erlassen, an die sich unsere Leser bitte halten:

  • zombieWir sind ein Nichtraucher-blog. Bitte rauchen Sie auf anderen Internetseiten.
  • Wenn Sie unbedingt trinken müssen, während Sie ScienceFiles-Texte lesen, dann tun sie das bitte verantwortlich. Vor allem Schwangere und Kinder sollten nicht mehr als die empfohlene Dosis Schnaps zu sich nehmen. Bei Zweifeln und Fragen wenden Sie sich bitte an einen Arzt Ihres Vertrauens.
  • Um Risiken und Nebenwirkungen, die bei der Lektüre von Texten auf ScienceFiles entstehen können, entgegen zu wirken, empfehlen wir besonders leicht reizbaren Indviduen oder solchen, die keine Argumente, aber viel Emotionen haben, die Texte nur im Beisein eines in erster Hilfe ausgebidelten Fachpflegers zu lesen. Wir übernehmen keine Verantwortung für mutwillig durch das Lesen unserer Texte herbeigeführte Herzinfarkte oder für sich durch das Lesen verchronisierenden Bluthochdruck.
  • Bestimmte, mit hoher Emotionalität beladene Begriffe, dürfen auf ScienceFiles nur noch von Lesern benutzt werden, die den Betreibern nachgewiesen haben, dass Sie den entsprechenden Begriff bedienen können. Dies gilt z.B. für den Begriff “neoloberal”. Kommentare, die diesen Begriff enthalten, werden nur noch freigeschaltet, wenn der entsprechende Kommentator nachgewiesen hat, dass er weiß, wer den Begriff eingeführt hat, um sich wovon abzugrenzen. Diese Maßnahme dient dem Schutz der anderen Leser dieses blogs.
  • Bitte stellen Sie ihren Monitor so auf, dass er kein Kind erschlagen kann.
  • Die Behauptung, Wissenschaftler säßen im Elfenbeinturm verletzt die Persönlichkeitsrechte der Gruppe der Wissenschaftler und fällt entsprechend in die Gruppe der Rassismen, die auf ScienceFiles nicht erlaubt sind.

Von verschiedener Seite sind wir darauf hingewiesen worden, dass sich auf ScienceFiles kein Impressum findet. Um auch den letzten obrigkeitshörigen Untertan in seinem Bemühen, sich an noch nicht erlassene Regelungen möglichst frühzeitig anzupassen, zu unterstützen, haben wir uns entschlossen, der Bitte nach einem Impressum nachzukommen. Hier ist es:

ScienceFiles: Impressum

We hope, your are quite impressed!

Mehr Sex für besseres Verdienst!?

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause, das Telefon klingelt und die Stimme am anderen Ende bittet Sie, an einer Befragung teilzunehmen, in der es um die Erforschung von Alltagsverhalten geht. Sie sind gerade in guter Laune und haben etwas Zeit. also nehmen Sie an der Befragung teil. Sie beantworten eine Reihe von Fragen zu ihrem Gesundheitszustand, zu ihrem Alter, geben ein paar Einschätzungen über sich ab, z.B. dass Sie Neues gerne ausprobieren und nett und freundlich sind, und dann fragt Sie die Stimme am anderen Ende:

Und wie oft haben Sie Geschlechtsverkehr: (1) Gar nicht, (2) ein bis zweimal im Jahr (3) einmal im Monat, (4) zwei bis dreimal im Monat, (5) zwei bis dreimal die Woche oder (6) mehr als viermal die Woche?

DrydakisVermutlich fragen Sie sich, welche Art von Verhaltensstudie hier eigentlich gerade gemacht wird, aber, weil Sie nett sind, fragen Sie nicht weiter. Weitergefragt hat aber Nick Drydakis. Was kann man mit Angaben zur Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs Sinnvolles machen?, so hat er sich gefragt, und die Antwort, die er sich selbst gegeben hat und die man in einem Arbeitspapier des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit nachlesen kann, ist die folgende (ob es eine sinnvolle Antwort ist, wäre noch zu zeigen):

Die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr, so die zentrale Hypothese von Drydakis, ist vergleichbar mit Maßen des Gesundheitszustand und gibt Aufschluss über ein “Set” produktiver Fähigkeiten, die ein Individuum hat und die seinen Lohn beeinflussen. Sexuelle Aktivität ist, wie Drydakis weiter weiß, mit guter Gesundheit, erhöhter physischer und psychischer Kompetenz, psychischem Wohlbefinden und bestimmten Eßgewohnheiten verbunden. Personen, die häufiger Geschlechtsverkehr haben als andere, sind stärker und haben eine größere Ausdauer.

HUman CapitalJa, das ist, was Drydakis weiß, und das ist, was das Entgelt von Menschen beeinflussen soll, jedenfalls in der Gedankenwelt von Drydakis. Humankapital, Kompetenzen, Fähigkeiten, Bildung als Determinanten der Höhe des Gehalts, das war gestern. Dass die Einstellung an bestimmte Zertifikate gekoppelt war, das war gestern. Der Arbeitgeber von heute fragt nicht nach Ausbildung oder Kompetenzen, nein, ein Arbeitgeber, der auf dem Stand der Forschung ist, fragt: “Äh, Herr Soundso, wie oft haben Sie eigentlich Geschlechtsverkehr: (1) gar nicht (2) ein- bis zweimal im Jahr …” oder in den Worten von Drydakis: “The central hypothesis behind this research is that sexual activity, alike health indicators and mental well-being, may be thought of as part of an individual’s set of productive traits that affect wages”(2).

Geprüft hat Drydakis indes nicht, ob die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs tatsächlich Bestandteil der Produktivkraft eines Menschen ist, sondern ob ein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr und der Höhe des Entgelts besteht. Geprüft hat er es mit griechischen Daten und auf der Basis der Angaben von 6.317 Befragten. Geprüft hat er seine Hypothese mit multivariten Regressionen und herausgekommen ist, wie Drydakis meint, das Folgende:

“The estimates suggest that there is a monotonic relationship between the frequency of sexual activity and wage returns. Those employees having sex more than four times a week receive statistically significant highest wages. Moreover, the outcomes suggested that wage returns to sexual activity are statistically significant higher for those between 26 and 50 years of age. … Conversely, wage returns to sexual activity are not affected by higher educational status, occupation or sector of employment (21).”

Wem sein Gehalt zu gering ist, der muss demnach in Sex und nicht in Bildung, Fähigkeit oder Kompetenzen investieren. Aber damit nicht genug. Drydakis sucht zudem nach einer theoretischen Fundierung für seine Ergebnisse und findet sie ausgerechnet bei Maslow und in dessen Bedürfnishierarchie. Man ahnt schon, was kommt: Je weniger sexuell depriviert Menschen sind, je mehr Geschlechtsverkehr sie haben, desto besser sind ihre Grundbedürfnisse erfüllt und um so mehr können sie sich ins Zeug legen, um ihre sonstigen Bedürfnisse und die ihres Arbeitgebers zu befriedigen. Im Ergebnis führt dies alles dann irgendwie zu einem höheren Entgelt – oder so ähnlich.

RegressionWir leben in einer Zeit der Quantität, in der Leistung ausschließlich in Menge gemessen wird. Aber gut. Lassen wir uns auf das Spiel von Drydakis ein und betrachten seine Ergebnisse etwas genauer. Er hat Regressionen, eine ganze Reihe davon, gerechnet und dabei herausgefunden, was oben zitiert wurde. Nun hat es mich schon häufig fasziniert, dass multiple Regressionen gerechnet werden, die auf der Annahme basieren, dass ein linearer Zusammenhang zwischen einer abhängigen und einer Kombination unabhängiger Variablen besteht, regelmäßig aber nur eine unabhängige Variable herausgegriffen und so getan wird, als beschreibe keine lineare Kombination, sondern eine Reihe diskreter Variablen die abhängige Variable (in diesem Fall Höhe des Entgelts).

Interpretiert man die  Ergebnisse der linearen Regression entsprechend, dann zeigen sie, dass ältere, sexuell aktive, Heterosexuelle, die verheiratet und keine Migranten sind, keine Behinderung haben, nicht täglich Arzneimittel zu sich nehmen, die keine Diabetes haben, auch keine Herzkrankheit, keine Arthritis, keinen Krebs, keine psychiatrischen Symptome, die über einen Universitätsabschluss und über Arbeitserfahren verfügen, in einem Angestelltenverhältnis und vorzugsweise der öffentlichen Verwaltung arbeiten und extrovertiert sind, höhere Löhne erhalten als alle diejenigen, auf die das alles nicht zutrifft.

Nun relativiert dieses Ergebnis, das man in table 6 des Beitrags von Drydakis findet, die Aussage, die Drydakis trifft, in erheblichem Umfang und vielleicht hat er deshalb davon abgesehen, die Regression als lineare Funktion und somit richtig zu interpretieren. Aber selbst wenn er es vorzieht, seine eigenwillige Interpretation der Ergebnisse vorzunehmen, ist es doch so, dass jeder einzelne, der berichtetet Effekte (mit Ausnahme der Extrovertiertheit) stärker ist, als der Effekt, der von sexueller Aktivität auf die Höhe des Entgelts ausgeht. Vor allem ist der Effekt, der von Alter, Universitätsabschluss und Arbeitserfahrung auf das Entgelt ausgeht, deutlich höher als der sexueller Aktivität und das ist dann die schlechte Nachricht. Sexuelle Promiskuität reicht also nicht, um ein hohes Gehalt zu bekommen, es bedarf weiterhin der Bildung und der Arbeitserfahrung.

Im übrigen kann man sich fragen, ob nicht gilt, was Dr. Diefenbach mit “Erfolg macht sexy” beschreibt, nämlich ein Effekt, der von beruflichem Erfolg auf Erfolg im Privatleben ausgeht und nicht etwa umgekehrt.

Drydakis, Nick (2013). The Effect of Sexual Activity on Wages. Bonn: Institute for the Study of Labour, IZA DP. No. 7529.

Sozialistische Planwirtschaft: Nebenwirkungen der Bürgerversicherung

buergerversicherungDie Tage hat das Rheinsch-Westfälische Institut eine Untersuchung der gesellschaftlichen Folgen eines Instruments sozialistischer Planwirtschaft, nämlich der so genannten Bürgerversicherung veröffentlicht (Augurzky & Felder, 2013). Wie nicht anders zu erwarten, kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, zu dem bislang noch alle Untersuchungen, die sich mit Instrumenten der sozialistischen Planwirtschaft beschäftigt haben, gekommen sind: Eine Bürgerversicherung wirkt sich negativ auf die Beschäftigung, das Bruttoinlandsprodukt und “die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt” aus.

buergerversicherungndEigentlich muss man kein Prophet sein, um zu sehen, warum sozialistische Planwirtschaft nicht funktionieren kann. Bereits Friedrich A. von Hayek hat in seinem Road to Serfdom darauf hingewiesen, dass sozialistische Planer so wenig in die Zukunft sehen können, wie normale Menschen auch und entsprechend regelmäßig hinter ihren eigenen Planzielen zurückbleiben müssen, weil sich Unvorhergesehenes ereignet (das ist nun einmal so im Leben). Die Geschichte der Fünf- bzw. Siebenjahrespläne in der DDR ist ein beredtes Zeugnis des Versagens sozialistischer Planwirtschaft, und sie zeigt die beiden Hauptgründe, warum sozialistische Planwirtschaft regelmäßig scheitern muss:

“Die Planung der Wirtschaft bringt die Notwendigkeit mit sich, eine umfangreiche Bürokratie aufzubauen, denn die Planung muss bis auf die unterste Ebene erfolgen. Entsprechend muss die zentrale Planbehörde u.a. die Produktions- und Distributionsabläufe in den Unternehmen bis ins Detail festlegen und die Koordination einer Vielzahl von wirtschaftlichen Teilvorgängen bewerkstelligen. Bereits an diesen beiden Aufgaben ist die zentrale Planbehörde gescheitert, weil sie (1) nicht im Besitz aller notwendigen Informationen war und (2) die notwendigen Kalkulationen die Planbehörde schlichtweg überfordert haben.” (Sass, 1968, S.24.)

Und:

Der sozialistische Arbeitermensch strebt nicht nach mehr als ihm per Plan zugestanden wird. Er hat keine „ordinären Konsumwünsche“, beschränkt seine Konsumwünsche auf das Notwendige und ist am Wohlergeben des Kollektivs interessiert. (dazu: Roesler, 2005, S.40-42)

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Hayek KnechtschaftIm Wesentlichen führt sozialistische Planwirtschaft zum Aufbau einer immensen Bürokratie, die alles um sie herum in Regelungen erstickt und über kurz oder lang den Zweck ihres Daseins mutiert und nur noch am Selbsterhalt interessiert ist. Fast noch wichtiger: sozialistische Planwirtschaft scheitert regelmäßig am wirklichkeitsfremden Menschenbild, das an die Planbarkeit und Vorgebbarkeit individueller Bedürfnisse glaubt und Menschen kaum mehr zugesteht, als dass sie steuerbare Einheiten sind, die ihre Bedürfnisse, Träume und Wünsche dem anpassen, was ihnen vorgegeben wird. In der DDR war “das Kollektiv” der Hort alles Guten, an dem Individuen ihre Bedürfnisse und Wünsche auszurichten hatten, heute ist es die Solidarität mit der Gemeinschaft, die von Linken, die immer noch an die Planbarkeit des Unvorhersehbaren und des Glücks glauben, ins Feld geführt wird.

Muss man den Planern in der DDR attestieren, dass sie immerhin versucht haben, die widrigen Auswirkungen einer nicht vorhersehbaren Zukunft zu begrenzen, so belasten sich linke Parteien der Jetztzeit nicht mehr mit derartigem Ballast. Warum auch? Realität, reale Menschen, deren Verhalten, Bedürfnisse und Wünsche stehen sozialistischen Plan-Wolkenkuckucksheimen im Weg und sind entsprechend nur hinderlich dabei, wenn man z.B. die Einführung einer Bürgerversicherung fordert, Natürlich wird die Einführung einer Bürgerversicherung unter dem Banner der Solidarität und mit Bezug auf die Gemeinschaft gefordert, wie dies bei Sozialisten so üblich ist.

Die LInke

So fordert die Linke die Einführung einer Bürgerversicherung und die Abschaffung der privaten Krankenversicherung. Beiträge zur Bürgerversicherung sollen entsprechend des Einkommens erhoben werden, wobei Löhne, Honorare, Miet-, Pacht- und Kapitalerträge als Einkommen zählen. Der Vorschlag läuft auf die Schaffung eines zweiten Finanzamts hinaus, denn ein solches wäre notwendig, um die Einkommen von Personen zu veranschlagen und den Bürgerbeitrag zu erheben. Die Linke geht davon aus, dass Beitragszahler, die mehr Beitrag entrichten, dennoch mit derselben “Grundversorgung” zufrieden und glücklich darüber sind, dass sie die Gemeinschaft und vor allem alle nicht-Beitragszahler durchfüttern dürfen.

grueneAuch die Grünen wollen die private Krankenversicherung abschaffen, allerdings schrittweise, indem sie den Neuabschluss von Verträgen privater Krankenversicherung untersagen wollen. Alle Bürger sind in der Bürgerversicherung pflichtversichert. Die Beitragshöhe richtet sich nach dem Gesamteinkommen, wie bei der Linken auch, mit denselben Folgen. Besonders interessant sind die Regelung der Mitversicherung: Kinder sind unentgeltlich mitversichert, Ehegatten bzw. Lebenspartner, die Kinder erziehen, sind unentgeltlich mitversichert, wer Pflegeleistungen zuhause erbringt, ist unentgeltlich mitversichert und um die Höhe der Beiträge zu berechnen, wird das Haushaltseinkommen durch zwei geteilt. Auch in der Grünen Gesellschaft sind alle glücklich, mehr zu bezahlen und die gleiche Leistung zu erhalten wie diejenigen, die gar nichts beitragen. Auch bei den Grünen stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Solidarität, Ausnutzung und Nutznießen verläuft. Aber das ist eine Frage, die gerade Politiker sich eher nicht stellen.

SPDDie SPD will private Krankenversicherungen nicht verbieten, aber auf zusätzliche Leistungen beschränken. Alle Deutschen sind nach den Plänen der SPD in einer Bürgerversicherung pflichtversichert. Die Beitragshöhe zur Pflichtversicherung richtet sich nach der Höhe des durch selbständige oder unselbständige Arbeit erzielten Einkommens. Obwohl der moderateste Plan, wird auch die SPD Variante der Bürgerversicherung über kurz oder lang das Ende des Wettbewerbs zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung herbeiführen und abermals steht die Frage im Raum, wo Solidarität aufhört und blankes Ausnutzen und Nutznießen anfängt.

Die Vorschläge der linken Parteien, die darauf abzielen, eine gesetzliche Krankenversicherung zu retten, die in Kürze unbezahlbar werden wird, zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie die Menschen, die Politiker so gerne im Mund führen, nicht in Rechnung stellen. “Die Menschen”  werden im Aggregat nicht in Rechnung gestellt, als Bevölkerung, die einer demographischen Entwicklung unterliegt, und sie werden als Individuen, die auf Randbedingungen reagieren, nicht in Rechnung gestellt. So zeigt die Geschichte, dass immer dann, wenn Menschen mit den gierigen Fingern sozialistischer Staaten in ihren Taschen und mit den Knappheiten sozialistischer Planwirtschaft konfrontiert waren, Schattenwirtschaften entstanden sind, individuelle Absprachen getroffen wurden, um das System zu unterlaufen oder, ganz krude, die Flucht in eine bessere Welt unternommen wurde, entweder spirituell, in dem derjenige, der viel verdient, viel Beitrag bezahlt und wenig davon hat, seinen Job an den Nagel hängt und sich zukünftig weigert, Zahlvieh zu spielen, oder die materielle Flucht durch Auswandern in eine nicht-sozialistische Gesellschaft. Im Ende sind es immer die vom sozialistischen Plan abweichenden Handlungen der Menschen gewesen, ihre nicht plankonformen Bedürfnisse, die das Ende der sozialistischen Planspiele herbeigeführt haben.

DDR MangelwirtschaftEntsprechend muss man, wie gesagt, kein Prophet sein, um das Ende auch des sozialistischen Planspiels der “Bürgerversicherung” vorherzusehen. Schade ist nur, dass der Schaden, den die entsprechenden Spiele anrichten, erst eintreten muss, der wirtschaftliche Niedergang, die steitige Verschlechterung der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, die kontinuierliche Reduzierung des Leistungsniveaus, die Abwanderung der Leistungsträger, die Demotivation der Bürger, die noch leistungswillig waren usw. damit das Scheitern so offenkundig wird, dass man es nicht mehr wegreden kann oder mit Solidaritätsaufrufen übertünchen. Und so bedarf es wohl wieder eines Zusammenbruchs, einer heruntergewirtschafteten Wirtschaft bevor manche einsehen, dass man die Zukunft nicht planen kann, dass man Menschen nicht vorgeben kann, wie sie zu sein haben und einmal mehr, dass man vor allem Leistungsträger auf Händen tragen muss, denn die Gemeinschaft lebt von ihnen und nicht von denen, die von ihnen nutznießen.

AnthemNatürlich gibt es Mittel, diese Probleme, die letztlich von abweichenden Wünschen, Bedürfnissen und Handlungen ausgehen, zu behandeln. Man kann Abweicher dämonisieren, als Egoisten oder Feinde am Volkskörper, man kann potentielle Auswanderer mit Mauern und Selbstschußanlagen abschrecken und die Probleme der eigenen Wirtschaft widrigen Umständen, die natürlich von Systemgegenern, von Kapitalisten von Nichtsozialisten zu verantworten sind, unterschieben. Man kann Gulags und Lager bauen, um Renitenz zu behandeln und Helden der Arbeit ausloben, um der Demotivation von Leistungsträgern einen unwirksamen Anreiz zu setzen. Nur eines kann man nicht: Die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen kontrollieren. Man kann Menschen nur bedrohen und ihnen die Kosten dafür hochsetzen, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse artikulieren. Gemeinhin bedarf es dazu einer Form der Terrorherrschaft, die Abweichungen von vorgegebenen Bedürfnissen als Entartung darstellt und verfolgt. Geschichte wiederholt sie eben doch – ständig.

Literatur

Augurzky, Boris & Felder, Stefan (2013). Volkswirtschaftliche Kosten und Nebenwirkungen einer Bürgerversicherung. Essen: RWI.

Roesler, Jörg (2005). Massenkonsum in der DDR: zwischen egalitärem Anspruch, Herrschaftslegitimation und ‘exquisiter’ Individualisierung. Prokla, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 138: 35-52.

Sass, Peter (1968). Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftspolitik in der DDR. Gewerkschaftliche Monatshefte 21-26.