Die Zerstörung der Soziologie als Wissenschaft oder: Warum machen Soziologen nicht den Mund auf?

Seit der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Solidaritätsadresse für Soziologen wie Gerhard Amendt, die Hasskampagnen ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, gibt es in einigen Blogs eine Diskussion darüber, ob Soziologie überhaupt eine Wissenschaft darstellt oder nicht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Diskussion, die im Blog von Hadmut Danisch geführt wird.

Eine Anzahl von Kommentatoren, fühlt sich dazu berufen, der Soziologie als Ganzem den Wissenschaftsstatus abzusprechen. Andere kritisieren, dass sofern es Soziologen gibt, die noch Wissenschaftler sind, sich diese nicht zu Wort melden. Generell wird dabei Soziologie irrtümlicher Weise mit Geschlechterforschung und Geschlechterforschung mit Genderismus gleichgesetzt, d.h. in der Außenwahrnehmung vieler gibt es keine Soziologie ohne Genderismus mehr.

Dabei nimmt die nicht pöbelnde Kritik z.B. die folgende Form an:

Danisch“Ein zentraler Fehler der Soziologie ist dabei, dass sie gar nicht das Ziel hat, wissenschaftlich und beschreibend zu sein, sondern dass sie politisch ist, politische Ziele verfolgt, und sich nur darum dreht, wie sie die Gesellschaft gerne sehen und haben möchte. Keine andere Fakultät (außer noch den Juristen) ist so eng mit der Politik verflochten, ist so weit von Wissenschaft entfernt.”

oder:

“Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Wissenschaft hat, merkt bei Lesen soziologischer Schriften sofort, dass das mit Wissenschaft nichts zu tun hat, dass es nur ein „so tun als ob”, eben das Nachäffen des Gehabes ist. Zentrales Kernmerkmal dafür ist, dass Soziologie nicht auf Wissen, sondern auf Autoritäten beruht. Nie wird etwas inhaltlich-wissenschaftlich begründet.”

oder:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Beginnt man der Reihe nach, so muss zunächst ein Fehler beseitigt werden: Soziologen, wie alle Sozialwissenschaftler,  wollen nicht nur beschreiben, sie wollen auch erklären. Emile Durkheim, der Begründer der Soziologie, hat versucht, Selbstmord in seinen Formen zu erklären, er hat Methoden zur Erklärungen sozialer Tatbestände entwickelt. Insofern ist z.B. der Anspruch der Soziologie ein weitergehender als er hier gemutmaßt wird: Die berühmte Definition des Gegenstands von Soziologie, die Max Weber gegeben hat, lautet entsprechend: “Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988: 542).

Weber WissenschaftslehreDamit ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Zweck darin besteht, soziale Fakten zu verstehen und zu erklären, z.B. zu erklären, wie es dazu kam, dass der Genderismus an deutschen Universitäten Fuss fassen konnte. Um dies erklären zu können, muss man zunächst den Genderismus als die Ideologie, das religiöse Gebäude, das auf der unbelegten Behauptung, Frauen seien benachteiligt, basiert, verstehen, den Genderismus als die religiöse Heilslehre sehen, das politische Programm, die/das er ist. Entsprechend stellt sich nunmehr die Frage: Wie konnte es sein, dass sich eine religiöse Heilslehre wie der Genderismus an Universitäten und u.a. in den Instituten der Soziologie ausbreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage wäre entsprechend die von Weber eingeforderte Erklärung sozialer Phänomene.

Um soziale Tatsachen zu verstehen und zu erklären, gibt es einen methodischen Kanon, den wir in unserem Grundsatzprogramm zusammengestellt haben. Er sieht es vor, von allgemeinen Aussagen (Theorien) über soziale Fakten auszugehen und Hypothesen über konkrete soziale Gegenstände zu bilden, die prüfbar sein müssen und damit die Gefahr in sich tragen, an der Realität zu scheitern. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Soziologie im Besondern und Sozialwissenschaften im Allgemeinen hat Karl-Dieter Opp in seinem Buch “Methodologie der Sozialwissenschaften” ausführlich dargestellt, so dass jeder, der von sich behauptet, Sozialwissenschaftler oder Soziologe zu sein, nicht gleichzeitig Unkenntnis über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Soziologie heucheln kann. Wenn er Unkenntnis kund tut, dann verfolgt er offensichtlich andere als sozialwissenschaftliche oder soziologische Zwecke.

Die zur empirischen Prüfung notwendigen Methoden in qualitativer wie quantitativer Form finden sich in unzähligen Bänden, die dem Thema der Methoden der empirischen Sozialforschung gewidmet sind. Sie finden sich in qualitativer und in quantitativer Form, sie finden sich als Technik zur Fragebogenkonstruktion, als Methoden zur Datenerfassung, als Methoden zur Vermeidung eines Befragungs-Bias, als Darstellung suggestiver Befragungstechniken, die mit einem ethischen Bann belegt sind, schließlich finden sich Legionen von Darstellungen einzelner statistischer Methoden, von univariaten Auszählungen über die Darstellung bivariater Zusammenhänge bis zu multivariaten Verfahren.

RityerDie Soziologie als Fach, ist somit eines der wenigen Fächer der Sozialwissenschaften, die über einen theoretischen Korpus verfügen, den Forscher wie Jeffrey Alexander, Herbert Blumer, Gary Becker, Peter Blau, James Coleman, Randall Collins, Ralf Dahrendorf, Emile Durkheim, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Michael Hechter, George C. Homans, Talcott Parsons, Karl-Dieter Opp, Heinrich Popitz,  und viele mehr gelegt haben. Zudem verfügt die Soziologie über eine wissenschaftstheoretische Basis, die von Hans Albert, Karl Raimund Popper, Imre Lakatos oder Thomas Kuhn gelegt wurde und deren Tenor darin besteht, dass wissenschaftliche Aussage nachvollziehbar und vor allem nachprüfbar sein müssen. Aussagen, die nicht an der Realität scheitern können, sind entsprechend keine wissenschaftlichen Aussagen. Schließlich verfügt die Soziologie über eine Vielzahl von Methoden zur empirischen Prüfung, von der Datenerhebung bis zur Datenanalyse.

Kurz und mit Thomas Kuhn gesprochen: Die Soziologie ist eine der wenigen Sozialwissenschaften, die den Sprung aus dem, was Kuhn die vorwissenschaftliche Phase nennt, in die Phase der Normalwissenschaft vollzogen haben.

Und dann kam der Genderismus.

Dann kam die Unterminierung der Soziologie durch eine Religion, die keinerlei theoretische Grundlage hat, statt dessen auf der Verkündung, Frauen seien benachteiligt, aufbaut, wie jede Religion auf einem mystischen Schöpfungsakt aufbaut. Der Genderismus hat keinerlei wissenschaftstheoretische Basis, die den rudimentärsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, im Gegenteil: Nicht Nachvollziehbarkeit oder Nachprüfbarkeit ist das Credo des Genderismus, sondern politische Einflussnahme, so nachzulesen in dem, was prätentiös als feministische Wissenschaftstheorie benannt wird, ein Sammelsurium aus Versuchen, Werturteile, natürlich nur feministisch basierte Werturteile, zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen. Werturteile im wissenschaftilchen Erkenntnisprozess waren schon für Max Weber (1988: 609) das Ende von Wissenschaft, und sie sind es bis heute geblieben.

Aber: Genderismus ist ja auch keine Wissenschaft, sondern eine Religion, die die eigenen Werturteile als richtige Werturteile verbreiten will. Da die Zielsetzung von Genderismus darin besteht, die eigenen Werturteile als richtig in der Gesellschaft zu etablieren, gibt es auch keine wissenschaftlichen Methoden und Techniken der Datenerhebung. Die Intuition, die auf der Basis des Gefühls, Recht zu haben, fusst, ersetzt das nachprüfbare und methodengeleitete Vorgehen, das Wissenschaft auszeichnet. Kurz: Genderismus ist eine Heilslehre, eine Religion, die mit Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialwissenschaft im Besonderen nichts zu tun hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Genderismus dennoch an Universitäten und hier besonders im Bereich der Soziologie einnisten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Es gibt bislang keine Forschung, die untersuchen und darstellen würde, wie es gelungen ist, eine Religion an Universitäten zu etablieren. Entsprechend muss man, ganz in soziologischer Tradition, Hypothesen bilden, Hypothesen, die von einem Rational-Choice-Ansatz ausgehen, der wiederum, um mit Max Weber zu sprechen, annimmt, dass Akteure zielgerichtet und zweckrational handeln.

Homo sociologicusDa Genderismus eine Religion ist, die nicht nur die Konsequenz hat, Wissenschaft zu zerstören, sondern auch die Konsequenz, eine Wissenschaft wie die Soziologie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ein Unterfangen, das wie die Zitate oben zeigen, schon recht erfolgreich gewesen ist, liegt es nahe anzunehmen, dass eben diese Diskreditierung der Soziologie das Ziel ist, das mit der Unterwanderung der Soziologie durch den Genderismus erreicht werden soll.

Die Frage nach dem Warum, ist leicht zu beantworten: Vor dem Einfall des Genderismus war Soziologie ein Fachbereich, in dem eine Mehrheit klare methodische Standards und wissenschaftstheoretische Grundlagen geteilt hat. Soziologie war eine kritische Wissenschaft (das hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, eher im Gegenteil: Soziologie war trotz Habermas kritisch). eine Wissenschaft, die Ergebnisse auf geprüfter empirischer Basis erzielt hat, Ergebnisse, die im Gegensatz zu den Machtverhältnissen in der deutschen Gesellschaft und den Ideologien von Politikern standen.

So betrachtet, wäre die Zersetzung der Soziologie, ihre Zerstörung durch staatstreue Genderisten ein gezieltes Vorhaben, eine Hypothese, die nun der Prüfung harrt (Diese Hypothese ist prüfbar und das ist, was sie von einer Verschwörungstheorie unterscheidet).

Und warum haben die alten Soziologen, diejenigen, die dem wissenschaftlichen Korpus der Soziologie verpflichtet sind, dabei zugesehen, wie ihre Wissenschaft zerstört und durch feministischen Kauderwelsch ersetzt wurde, einen Kauderwelsch der die Soziologie, wie die Zitate oben zeigen, in der Außenwahrnehmung so sehr beherrscht, dass Soziologie mittlerweile mit Genderismus gleichgesetzt wird?

Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beanwtorten. Vermutlich ist hier ein Prozess am Werk, wie ihn Soziologen beschreiben, die sich mit emergenten Effekten beschäftigen. Jeder Soziologie-Professor ist seine eigene Insel. Die Kosten für eine Organisation von Soziologie-Professoren, die Kosten für die Organisation von Widerstand sind zu hoch, als dass sie überwunden werden könnten. Also sehen sich die Einzelkämpfer-Professoren einem organisierten Auftrieb gegenüber, der als angeblicher politischer Wille, Genderismus in die Wissenschaft implementiert, und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.

Dass Fächer per politischem Willen in Universitäten implementiert wurden und nicht aufgrund einer entsprechenden Entscheidung der scientific community ist recht selten: Neben dem Genderismus, gibt es wenige Beispiele, am bekanntesten ist der Marxismus-Leninismus, den die religiösen Herrscher des erfolgreichsten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der immerhin 40 Jahre den Mangel verwaltete, ehe ihm die Banane den Garaus machte, etabliert haben, und das ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Religionen.

Damit sind wir zurück beim einem der drei Zitaten von oben:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Das schreibt Hadmut Danisch und damit will er im Umkehrschluss belegen, dass es keine seriösen Wissenschaftler in der Soziologie gibt. Das ganze Argument krankt zwar daran, dass es auf einer Tautologie aufbaut, aber das Anliegen, das dieses Argument hervorgebracht hat, ist legitim, beschreibbar als Frage: Warum machen Soziologen, also die wenigen Wissenschaftler, die es in der institutionalisierten Soziologie noch gibt, nicht den Mund auf (freien Wissenschaftler, wie der Soziologin Dr. habil. Heike Diefenbach kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie würde nicht den Mund aufmachen)?

FestingerWir haben, ehrlich gesagt, keine Antwort auf diese Frage. Eine Hypothese, die wir anbieten können, basiert auf der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die bekanntlich vier mögliche Strategien der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen sieht, kognitiver Dissonanzen, wie sie sich unwillkürlich einstellen, wenn ein Soziologe, der Wissenschaft betreiben will, mit Vertreter der Genderreligion konfrontiert ist:

(1) Der Soziologieprofessor kann sich einreden, die Gefahr, die von der Gender Sekte in seinem Fachbereich und für seine Wissenschaft ausgeht, sei nur gering, sei vernachlässigbar, die Soziologie als solche vom Genderglauben nicht tangiert.

(2) Er kann sein Verhalten ändern und seinen Beruf als Soziologe an den Nagel hängen.

(3) Er kann sein eigenes Verhalten neu einschätzen und sich sagen, dass er die Methodik und Wissenschaftlichkeit von Soziologie vielleicht zu eng sieht.

(4) Er kann seine Sicht auf Genderismus ändern und sich einreden, dass Genderismus gar keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist.

Wir sehen Alternative (1) als die wahrscheinlichste Alternative an. Egal, welche der Alternativen das profunde Schweigen von Soziologen erklärt, mit dem sie der Zerstörung ihrer Wissenschaft zusehen, es bleibt die kognitive Dissonanz. Egal, welche Alternative einzelne Wissenschaftler für sich wählen, die Dissonanz geht davon nicht weg. Sie mag zeitweise in den Hintergrund treten, sie mag abgemildert werden, doch sie kehrt wieder, regelmäßig, und zwar so lange, so lange es noch Wissenschaftler unter den Soziologen gibt, wobei die Außenwahrnehmung der Soziologie, wie der Sozialwissenschaften insgesamt, den Eindruck vermittelt, als wäre es den Genderisten längst gelungen, beide, Soziologie wie Sozialwissenschaften, in der Meinung der Bürger gründlich zu diskreditieren.

Wissenschaftler wollt Ihr sein? Eine pseudo-wissenschaftliche Wortorgie über die AfD

“Türöffner nach Rechts: Die Alternative für Deutschland”, so ist ein Beitrag in “Gegenblende”, dem selbst ernannten Debattenmagazin des DGB, in dem bislang keine einzige Debatte stattgefunden hat, überschrieben. Geschrieben haben den Beitrag Prof. Dr. Samuel Salzborn und Dr. Alexandra Kurth, die beide für sich in Anspruch nehmen, Politikwissenschaftler zu sein. Warum? Weil sie u.a. Politikwissenschaft studiert haben, eine Position an einer Universität einnehmen und behaupten, politikwissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte zu haben.

Gegenblende“Türöffner nach Rechts” gehört in die Kategorie von Texten, die man wohl besser als “Türöffner in den Wahnsinn” bezeichnen würde, denn er hat keinen konkreten Gehalt, ist in Teilen primitiv, arbeitet mit derogativen Adjektiven anstelle von Argumenten, offenbart ein Verständnis von Wissenschaft, das einem das kalte Grausen über den Rücken jagt, ist, mit anderen Worten, ein Pamphlet, das mit Sicherheit nicht von Wissenschaftlern geschrieben wurde.

Stammleser von ScienceFiles wissen: Wir vertreten eine klare Auffassung davon, was Wissenschaft ist und wer sich als Wissenschaftler qualifiziert. Ein Wissenschaftler wird man demnach nicht, weil man studiert hat oder auf eine Position gesetzt wurde. Wissenschaft und Wissenschaftler zeichnen sich durch wissenschaftliche Methoden und vor allem den Versuch aus, nachprüfbare Erkenntnisse zu einem Erkenntnisgegenstand zu produzieren.

Salzborn und Kurth sind nach dieser Definition keine Wissenschaftler, schon deshalb nicht, weil sie sich als Verlautbarungswissenschaftler darstellen, wie wir nun zeigen werden.

Der Beitrag auf “Gegenblende” hat die AfD zum Gegenstand (übrigens ein ziemlich einfallsloser Name für ein “Debattenmagazin”, zumal eine Gegenblende letztlich nichts anderes kann, als das zurückzugeben, was auf sie gerichtet wird. Aber vielleicht sind Gewerkschaftler ja gar nich zu eigenen Ansichten fähig, sondern nur dazu, auf anderer Menschen Ansicht zu reagieren, und dann wäre Gegenblende ja korrekt).

Die AfD, so wird uns mitgeteilt, ist gerade in das Europaparlament eingezogen, mit sieben Sitzen und 7,1% der gültigen Stimmen. Aber es sei fraglich, ob die AfD deshalb als etablierte Partei anzusehen sei. Es ist genau einen Satz lang fraglich, denn im Gegensatz zu ihren “Vorgängern”, so schreiben Kurth/Salzborn, verfüge die AfD über “deutlich mehr Finanzmittel”. Der Hinweis auf die größeren Finanzmittel der AfD im Vergleich zu ihren “Vorgängern”, macht nur dann Sinn, wenn gezeigt werden soll, dass die AfD sich im Gegensatz zu ihren “Vorgängern” etabliert hat, was im direkten Widerspruch zur von Salzborn und Kurth proklamierten Fraglichkeit derselben steht. Aber: Beide wollen in ihrem gegengeblendeten Beitrag zeigen, dass das Programm der AfD Widersprüche aufweist, und deshalb wollen sie der AfD in Punkto Widerspruch wohl nicht nachstehen.

Es ist an der Zeit, ein paar Adjektive fallen zu lassen: antisozial, gewerkschaftsfeindlich und antifeministisch, das sind die drei größten Sünden, die man nach Ansicht von Salzborn und Kurth heutzutage begehen kann (aber die drei größten Lobe in den Augen anderer), und die AfD begeht sie alle, und macht nicht einmal Anstalten, sich in einem gewerkschaftlichen Beichtstuhl einzufinden!

Die AfD, so behaupten die Salborn Kurths, gebe sich ideologiefrei, behaupte, Sachverstand, nicht Ideologie treibe die Partei. Das, so lachen die Autoren, sei doch Unsinn, denn bereits der “neoliberale Wirtschaftswissenschaftler” und “fromme evangelisch-reformierte Christ” Bernd Lucke belege das Gegenteil, und das Gegenteil zeige sich auch in den “marktradikalen”, “staatsfeindlichen”, “antiegalitären” und “antisozialen” Prämissen der AfD. Man hätte an dieser Stelle gerne noch ein paar mehr Adjektive gehabt, aber scheinbar ist das Kurth/Salzbornsche Feindbild eher beschränkt.

Wissen die beiden angeblichen Politikwissenschaftler eigenlich, was sie schreiben? Etwa dann, wenn sie Sachverstand und Ideologie in eine diametrale Stellung zueinander bringen? Nicht dass wir hier anderer Ansicht wären. Wir schreiben seit Jahren, dass man entweder Ideologe oder sachverständig, aber nicht beides sein kann. Und nun sagen zwei studierte und lehrende Politikwissenschaftler, dass Politik mit Sachverstand nicht möglich sei, sondern nur mit Ideologie. Und um ihre Ansicht zu belegen, werfen sie ihre eigene Ideologie geradezu vor die Füße der Leser. Man hat richtig den Eindruck, einem ideologischen Keuchhusten beizuwohnen, der in regelmäßigen Abständen “antisozial”, “staatsfeindlich”, “antiegalitär” und “marktradikal” hervorwürgt.

Alle vier Adjektive haben eines gemeinsam: Sie stellen eine Bewertung dar. Wie die Dinge nun einmal so liegen, sind alle vier Bewertungen Bewertungen die Salzborn-Kurthschen Ursprungs sind und somit ihre Bewertungen, die absolut nichts über die AfD aussagen. Sie sagen aus, was Kurth/Salzborn von der AfD denken, wie sie sie bewerten, und dabei bleibt es auch, denn die vermeintlichen Wissenschaftler können ihren Adjektiv-Keuchhusten mit keinerlei Belegen verbinden.

Adam Smith WealthWie heftiges Husten in der Regel ein Indiz für eine Erkrankung darstellt, so stellt der häufige Gebrauch von wertenden Adjektiven in derogativer und nicht-belegter Weise ein Indiz dafür dar, dass sich jemand im Zustand ideologischer Trance befindet, ein Zustand, der vielleicht durch eine zu große Distanz zwischen Denken und Realität, vielleicht durch neuronale Missfunktionen ausgelöst wird, wie auch immer, er führt dazu, dass sich die ideologisch Benebelten regelmäßig in ideologische Extase schreiben:

Eine Kosteprobe: “Zugleich will die AfD, ganz in der Tradition von Adam Smith, Gewinne privatisieren und Risiken und Verluste verstaatlichen und so vordergründig den “kleinen Mann” entlasten”

Erste Reaktion: Lachen.
Zweite Reaktion: lauteres Lachen.
Dritte Reaktion: Tränen aus den Augen wischen.
Vierte Reaktion: “Die wollen an der Universität sein?”

Besagter Adam Smith, dessen Hauptwerke den Titel “An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” und “Theory of Moral Sentiments” tragen, hat im 18. Jahrhundert gelebt, und mithin in einem Jahrhundert, indem sich Fragen nach der Verstaatlichung von Verlusten durch Bankenrettung nicht gestellt haben. Wenn Banken zahlungsunfähig waren, dann gingen sie Bankrott. Ein Wohlfahrtsstaat war nämlich zu Adam Smith Zeiten, der viel Papier dafür benutzt hat, die Vorteile von “sympathy” im ökonomischen Handeln, also von Empathie darzustellen, gänzlich unbekannt, bekannt war dagegen Mildtätigkeit. Und es wird Kurth/Salzborn überraschen, aber Einkommenssteuer war zu Adam Smiths Zeiten ebenso unbekannt wie Lohnsteuer. Ganz offensichtlich haben Salzborn und Kurth nicht einmal den Hauch einer Idee, wer Adam Smith ist, wann er gelebt hat, was er geschrieben hat und wozu er geschrieben hat, und man kann sich nur wiederholen: Die wollen an der Universität sein?

Aber es kommt noch besser: Unter der Überschrift “Antiparlamentarischer Nationalgallismus” gibt es Folgendes zu lesen:

“Zugleich kokettiert die Ideologie des wirtschaftswissenschaftlichen Expertentums, das sich auf vermeintlich neutralen Sachverstand stützt, auch mit der weberianischen Idee der gelenkten und gesteuerten Demokratie, in der vermeintlich neutrale Experten Entscheidungen treffen – und nicht Mehrheiten”.

Gemeint ist hier Max Weber, der den Begriff der plebiszitären Demokratie geprägt hat, und zwar im Zuge seiner (Mit-)Arbeit an der Weimarer Verfassung, die in ihrer Liberalität die Bonner Verfassung weit in den Schatten stellt. Die Idee der Herrschaft des Sachverstands stammt dagegen von Plato, der sie als Herrschaft der Philosophen ausgeführt hat. Abermals weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, ob der völligen Ahnungslosigkeit dieser Positionsinhaber, die an Universitäten auf Studenten losgelassen werden.

Aber ganz so ahnungslos sind sie gar nicht. Es gibt etwas, wovon sie Ahnung haben, von Gender Mainstreaming haben sie Ahnung, oder besser: Sie kennen die einschlägigen Schriften zu Gender Mainstreaming, die das Bundesministerium für FSFJ veröffentlicht hat. Und daraus zitieren die Autoren ausgiebige 17 Zeilen ihres 115 Zeilen langen Beitrags. Man ist fast gewillt, Ihnen auf die Schultern zu klopfen und Fleisskärtchen zu verteilen, aber halt nur fast, denn wieder merken Salzborn-Kurth nicht, was sie schreiben.

So ist bei der AfD ganz furchtbar und antifeministisch, dass sie die “Gleichberechtigung der Geschlechter unter Anerkennung ihrer unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen- und Lebenssituationen” fordert. Das, so merken wir uns, ist antifeministisch.

Jaspers WeberIm Einklang mit der Lehre, mit Gendermainstreaming ist, was das Bundesministerium für FSFJ schreibt, so teilen Kurth Salzborn ihren Lesern mit, also: dass “bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interesse von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig” berücksichtigt werden sollen. Denn: “das Leitprinzip der Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet die politischen Akteure, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern zu analysieren und ihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur Förderung einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen”.

Sehen Sie den Unterschied zwischen den “unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen und Lebenssituationen” die die AfD Männern und Frauen attestiert und den “unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern”, den “unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen von Frauen und Männern”, die Kurth/Salzborn im Auftrag des BMFSFJ favorisieren?

Wir auch nicht. Beide teilen eine Großzügigkeit, die Menschen Interessen, Bedürfnisse und Rollen zugesteht und beide sind der Ansicht, dass sich Männer und Frauen grundlegend unterscheiden, teilen somit einen entsprechenden Essentialismus und Sexismus. Offensichtlich ist die ideologische Extase, in die sich Kurth/Salzborn geschrieben haben, so umfassend gewesen, dass nichts von der Realität übrig geblieben ist und so endet ihr Beitrag, wie er begonnen hat, mit einem Widerspruch.

Was Personen wie Kurth und Salzborn an Universitäten zu suchen haben, ist uns ein Rätsel, und derzeit sind wir uns auch nicht sicher, ob sie besser im Betreuten Wohnen oder im Vorstand des DGB aufgehoben sind, in jedem Fall gehören sie nicht an eine Universität, schon weil ihnen wissenschaftliches Arbeiten ebenso fremd ist, wie die Werke von Adam Smith und Max Weber .

Letztere kennt übrigens Karl Jaspers aus dem FF und aus seiner Biographie Max Webers wollen wir zwei kurze Zitate entnehmen, die gerade sehr gut passen, und anschließend können Kurth/Salzborn dann zumindest von sich sagen, dass sie zwei Zitate von Jaspers über Weber kennen:

“Die Vernunft der politischen Denkungsart verlangt Erkenntnis. Diese rein und redlich zu vollziehen ist Bedingung der Klarheit des politischen Willens” (Jaspers, 1988: 120).

Mit anderen Worten: Politik kann gerade nicht auf Ideologie beruhen. Sie muss auf Sachverstand, Faktenkenntnis, also auf dem beruhen, was Wissenschaftler in der Vergangenheit gewöhnlich bereit stellen,

“Welche Ziele auch immer in der Politik ergriffen werden, die Politik selber gründet sich, wenn sie groß und ernst ist, jederzeit auf Verantwortung” (Jaspers, 1988: 121).

Aber nicht nur Politiker tragen eigentlich Verantwortung, auch Wissenschaftler tun dies. Wer verantwortungslos schreibt, das Ziel, seine Leser mit Falschheit und Bewertung zu manipulieren verfolgt, das Ziel, seine Leser mit Informationen zu eigener Bewertung fähig zu machen, dagegen nicht, kann entsprechend kein Wissenschaftler sein, bestenfalls ein verantwortungsloser Ideologe und für den weder in Politik noch in Wissenschaft ein Platz ist, aber vielleicht im Betreuten Wohnen.

Lehrer derzeit nicht gut genug

Manchmal stolpert man über Pressemeldungen, die dazu führen, dass man mehrfach liest, um sicherzustellen, dass man richtig gelesen hat. Die Pressemeldung “Qualitätsoffensive Lehrerbildung gestartet” des BMBF ist eine solche Pressemeldung.

BMBFKurz zur Einordnung: Lehrer, das sind diejenigen, die in Schulen beschäftigt sind. Schulen, das sind die Institutionen, die Kinder und Jugendliche mit einem Bildungsabschluss versorgen sollen. Kinder und Jugendliche werden in Deutschland sehr ungleich mit einem Bildungsabschluss versorgt:

  • Jungen schneiden seit Jahren, ohne dass es jemanden stört, schlechter ab als Mädchen;
  • Kinder aus der Unterschicht bleiben im Hinblick auf schulische Bildung weit hinter Kindern aus Mittel- und Oberschicht zurück, was gelegentlich lamentiert, aber mitnichten verändert wird;
  • Kinder aus Migrationshintergrund, egal, wie lange der Migrationshintergrund zurückliegt, schneiden bei der schulischen Bildung schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund, was gewöhnlich mit dem alten Ladenhüter der Sprachbeherrschung erklärt werden soll;

Bildungsforscher, die derartige Muster im Hinblick auf den Bildungserfolg nach Geschlecht, Schicht oder Migrationsstatus sehen und ihr Geld Wert sind, können nur einen Schluss ziehen: Irgendwie müssen die Instutionen zu diesen Ergebnissen führen. Irgendwie müssen Schulen bestimmte Verhaltensweisen bei Lehrern hervorbringen oder nicht unterbinden, die dazu führen, dass Jungen schlechter als Mädchen, Kinder aus der Unterschicht schlechter als Kinder aus der Mittel- und Oberschicht und Kinder mit Migrationshintergrund schlechter als Kinder ohne Migrationshintergrund abschneiden.

Radke_GomollaInstitutionelle und kontextuelle Faktoren, die über das Handeln von Lehrern auf Schüler wirken, sind die einzigen Variablen, die die beschriebenen Muster erklären können. Ein kleines logisches Experiment zeigt, warum: Nehmen wir an, Kinder mit Migrationshintergrund schneiden wegen ihrer Deutschkenntnisse schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund wie dies manche immer noch stoisch behaupten. Nehmen wir weiter an, ein Teil dieser Kinder mit Migrationshintergrund gehört der Mittelschicht an, wäre also sozusagen özdemisiert. Nehmen wir weiter an, ein Teil dieser Kinder mit Migrationshintergrund wäre weiblich und özdemisiert: Was folgt daraus für den Bildungserfolg? Es ist schlicht logisch unmöglich etwas über den Bildungserfolg auszusagen, weil die drei Faktoren sich überlagern und ihre Effekte zum Teil gegensätzlich sind. Folglich ist es wenig wahrscheinlich, dass Faktoren, die den Schülern zugeordnet werden können, also Migrationshintergrund, Schichtzugehörigkeit oder Geschlecht, die Muster hervorbringen, die oben berichtet wurden. Es liegt schon näher die Schulen, die schulische Praxis und damit das Handeln von Lehrern als Ursache der Unterschiede im Bildungserfolg anzunehmen.

Als wir im Jahre 2002 von einer Korrelation berichtet haben, die zeigt, dass mit einem steigenden Anteil männlicher Grundschullehrer die schulische Leistung von Jungen besser wird, war ein Aufschrei die Folge. Bis heute sind wird nicht ganz sicher darüber, ob die Häresie darin bestand, festzustellen, dass Lehrer etwas mit dem schlechteren Abschneiden bestimmter Schülergruppen zu tun haben oder darin festzustellen, dass weibliche Lehrer für das schlechtere Abschneiden bestimmter Schülergruppen, hier: männlicher Schüler, verantwortlich sein könnten. Die Tatsache, dass sich anschließend eine Diskussion über die “Feminisierung von Schulen”, also darüber entwickelt hat, dass immer weniger Männer und immer mehr Frauen Lehrer werden/sind, deutet darauf hin, dass die Häresie darin bestand, weibliche Lehrer als Quelle schulischer Nachteile von Jungen ins Spiel zu bringen.

Wie dem auch sei, bis zum heutigen Tag gleicht es einer Gotteslästerung, wenn man darauf hinweist, dass die Institution “Schule” und die darin beschäftigten Lehrer natürlich einen Einfluss auf das schulische Abschneiden von Kindern haben. Und da die Institution Schule eine Institution der Mittelschicht ist, die von Lehrern aus der Mittelschicht bevölkert wird, liegt es zudem nahe anzunehmen, dass die Wirkung der Kategorien “Unterschicht”, “Geschlecht” und “Migrationshintergrund” auf Stereotypen basiert, die in der Mittelschicht gepflegt werden, also z.B. Kinder aus Unterschichtsfamilien haben zuhause nicht die Unterstützung, die sie brauchen, um ein Gymnasium mit Erfolg zu besuchen, oder Jungen sind kleine Machos, die den Unterricht stören und deshalb auf Sonderschulen abgeschoben oder schlechter bewertet werden, oder Kinder mit Migrationshintergrund können kein Deutsch und müssen entsprechend mit Hauptschule und Realschule Vorlieb nehmen. All diese Stereotype haben natürlich nur zufällig den Effekt, dass Gymnasien und Universitäten zum Quasi-Monopol für Kinder aus Mittel- und Oberschicht umfunktioniert werden.

Wie überrascht wir waren, in einer Pressemeldung der derzeitigen Ministerin für B&F zu lesen, was bislang einen gesellschaftlichen Bann aus Medien nach sich gezogen hat, können sich Leser nach diesem Vorspann vermutlich vorstellen: Aus Anlass des Starts der “Qualitätsoffensive Lehrerbildung” hat Frau Wanka eingestanden, dass es vor allem schlechte Lehrer sind, die für die beschriebenen Missstände im deutschen Bildungssystem verantwortlich sind:

stundenplan„Mit dem Programm wollen wir die Hochschulen in ihren Bemühungen unterstützen, die Lehramtsausbildung zu reformieren und die Qualität nachhaltig zu verbessern“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. „(1) Wir wollen die Besten eines Jahrgangs für ein Lehramtsstudium gewinnen und (2) sie über ihr gesamtes Studium hinweg begleiten. Nur wenn es uns (3) gelingt, die Strukturen der Lehrerbildung an den Hochschulen zu optimieren, die pädagogische Praxis stärker als bisher einzubeziehen und Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften besser miteinander kooperieren zu lassen, (4) werden wir auch gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer an unseren Schulen haben. Und es gehört selbstverständlich auch dazu, dass die (5) Mobilität von Lehramtsstudierenden, Lehrkräften im Vorbereitungsdienst, sowie Lehrerinnen und Lehrern über die Grenzen der Bundesländer hinweg gewährleistet ist.“

Die Prämissen, auf denen dieses Zitat von Frau Wanka beruht, sagen eigentlich alles, über den Zustand des allgemeinen deutschen Bildungssystems:

  • (1): Bislang gelingt es nicht, die besten eines Jahrgangs für das Lehramtsstudium zu gewinnen. Jahrgang meint hier Abiturjahrgang. Dies wird aus (2) deutlich, denn der Satz macht keinen Sinn , wenn nicht Abiturjahrgang gemeint ist. Und wir wollen Frau Wanka heute einmal unterstellen, dass sie mit dem, was sie sagt, Sinn vermitteln will.
  • (3): Die Strukturen der Lehrerbildung sind derzeit nicht optimal, was notwendig bedeutet, dass die Lehrer und die institutionellen Strukturen an Schulen suboptimal sind, und das ist noch der konservativste der möglichen Schlüsse.
  • (4) da “gut ausgebildete … Lehrer” hier an eine deterministische und mit “nur” eingeleitete Bedingung geknüpft sind, muss man schließen, dass die Ministerin der Überzeugung ist, dass derzeit keine gut ausgebildeten Lehrer an deutschen Schulen unterrichten.
  • (5) kann man lesen als Ankündigung, die länderspezifische Eigenbrödelei in Sachen Bildung zu beenden, was gut für Bayern und Baden-Württemberg und schlecht für die Stadtstaaten wäre, in denen derzeit ein Abitur verschenkt wird. Man kann (5) auch als Ankündigung dafür lesen, dass es mit Teilzeitbeschäftigung und der ich-fahr-nicht-weiter-als-5-Kilometer-zu-meinem-Arbeitsplatz-Mentalität unter Lehrern ein Ende hat.

In jedem Fall zeigt die Pressemeldung klar und deutlich, dass man im Ministerium das Problem des deutschen Bildungssystems nicht mehr bei den Schülern sucht, sondern bei der Lehrerschaft, die nicht gut ausgebildet ist, sich nicht aus den Besten eines Jahrgangs zusammensetzt, sondern aus vielen Lehrkräften, die ihren Beruf eher als Hobby und nebenbei, eben in Teilzeit betreiben, etwas, das aufgrund der hohen Anforderungen, die man beim BMBF als an Lehrer gestellt ausgemacht hat, nicht mehr tragbar ist, oder wie es beim Ministerium so schön heißt:

“Im Laufe der Jahre sind die Ansprüche gestiegen. Lehrende sollen unterrichten und erziehen, beraten und die Schulen weiterentwickeln. Kurzum, heute sind Lehrkräfte mehr denn je Experten für das Lehren und Lernen. Sie begleiten junge Menschen in der Regel über mehr als ein Jahrzehnt in einer Entwicklungsphase, die für individuellen Bildungserfolg, Persönlichkeitsbildung, Sozialisation und beruflichen Werdegang prägend ist.”

Das ist nun wirklich nichts, was man in Teilzeit erledigen kann.

Macht das Bildungssystem kurzsichtig?

Der Nerd, Inbegriff des neunmalklugen Internet-Freaks, der sich hyperintellektuell gibt, trägt eine. In bestimmten Schichten der Bevölkerung ist es schick, eine zu tragen, um intellektuell zu erscheinen. Lemmi von den Schmökern, der Bücherwurm, den manche noch aus ihrer Jugend kennen, er musste natürlich auch eine haben. Die Rede ist von einer Brille, die Brille, die bis heute als Symbol für Intellektualität gilt, sofern sie nicht als Sonnenbrille daherkommt, die am Ende maskulin oder cool wirken könnte.

NerdDie Symbolik hinter der Brille, also der Glaube, man könne sich durch eine Brille mehr geistigen Gehalt verschaffen, als man tatsächlich hat, ein Glaube, der durch die Optiker Meise Reklame auf unangenehme Weise befördert wird und zuweilen bis zum ersten gesprochenen Wort reicht, diese Symbolik scheint einen wahren Kern zu haben, denn Kurzsichtigkeit weist einen Zusammenhang mit Bildung auf.

Aus Deutschland kommt eine Untersuchung, die Alireza Mirshahi und sieben weitere Autoren in “Opththalmology” veröffentlicht haben. Die Untersuchung trägt den Titel: “Myopia and Level of Eduction”, sie ist gut gemacht, behauptet keine Zusammenhänge, wo keine sind, problematisiert Schwächen an der eigenen Untersuchung und ist eine wohltuende Abwechslung von all den Studien, die aus kaum existenten Zusammenhängen weitreichende und aberwitzige Konsequenzen ziehen, zumeist deshalb, weil sie den Autoren ideologisch passen, wie dies z.B. in der Studie über gleichgeschlechtliche Eltern, die wir vor einigen Tagen besprochen haben, der Fall war.

Mirshahi und seine Koauthoren haben zu acht einen Text verfasst, der auf fünf Seiten kurz und knapp die Ergebnisse einer Analyse berichtet, die auf Grundlage von 4658 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren erstellt wurde. Alle 4658 Personen leben in der Rhein-Main-Region und haben sich bereit erklärt, an der Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS) teilzunehmen.

Für die vorliegende Untersuchung wurde die Sehkraft der Befragten untersucht. Dabei haben sich 1.780 der Studienteilnehmer (38,2%) als kurzichtig erwiesen. Um den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsstand der Teilnehmer zu untersuchen, haben die Autoren zwei Variablen gebildet, die einmal den erreichten Schulabschluss und einmal die Geschichte der beruflichen Bildung zusammenfassen. Von den 4658 Personen haben 26 (0,6%) keinen Schulabschluss erreicht, 1916 (41,1%) einen Hauptschulabschluss, 1008 (21,6%) einen Realschulabschluss und 1553 (33,3%) eine Hochschulreife. Keine Berufsausbildung haben im Anschluss an ihre Schulzeit 368 (7,9%) Befragte aufgenommen, 2157 (46,3%) haben eine Berufsschule, 773 (16,6%) eine Berufsfachschule und 1118 (24,0%) eine Universität besucht.

BrillenDie Auszählung der Sehkraft nach Bildungsabschluss und Berufsausbildung stellt erste Indizien für einen Zusammenhang bereit: 50,9% der Personen, die eine Hochschulreife erreicht haben, sind kurzsichtig – gegenüber 41,6% bzw. 27,1% der Schüler mit Realschul- bzw. Hauptschulabschluss. Dasselbe Bild ergibt sich bei der Berufsbildung: Universitätsabsolventen weisen zu 53% eine Kurzsichtigkeit auf, während Berufsfachschüler und Berufsschüler nur den Anteil von je 34,8% und 34,7% Kurzsichtige umfassen.

Nun muss man einwenden, dass die Ergebnisse auf Basis aller Befragten ausgezählt wurden, d.h. die jeweiligen Gruppen enthalten Alte wie Junge. Da Kurzsichtigkeit mit dem Alter zunimmt, ist es demnach sinnvoll, nach dem Alter zu kontrollieren, es in einer Regressionsanalyse konstant zu halten. Also haben die Autoren Alter konstant gehalten und denselben Effekt festgestellt, der gerade aufgezeigt wurde:

Mit steigender allgemeiner und beruflicher Bildung sinkt die Sehkraft, steigt der Anteil der Kurzsichtigen.

Man muss also feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Sehkraft gibt, dass Bildung anscheinend einen negativen Effekt auf Sehkraft und einen positiven auf Kurzsichtigkeit hat. Man kann dies die “dark side of education” nennen und sich angesichts der erheblichen Kosten, die mit einer Kurzssichtigkeit und ihren Folgen, von Ablösung der Netzhaut bis zu grünem Star einhergehen, fragen, ob es nicht notwendig wäre, Abiturienten und Studenten gegen diese Folgen von Bildung in einer privaten und obligatorischen Versicherung zu sichern, schon um nicht diejenigen, die keine höhere Bildung anstreben und entsprechend besser sehen, für die Behandlungskosten der Höhergebildeten bezahlen zu lassen.

Besonders findige Rechtsanwälte mit Sehschwäche, die sich nach 8 Semestern Rechtsstudium fast zwangsläufig einstellen muss, könnten sich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, die OECD, die die Werbetrommel für höhere Bildung weltweit rührt und das Ziel für Deutschland auf 40% Abiturienten und damit ungefähr den OECD Durchschnitt anheben will, haftbar zu machen für die dadurch verursachten höheren Kosten, die individuell und im Aggregat durch die mit der Zunahme höher Gebildeter einhergehende Zunahme der Kurzsichtigkeit verursacht werden.

moleDenn dass ein Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsnievau besteht, steht außer Frage. Allerdings stellt sich die Frage, welcher Art dieser Zusammenhang ist, d.h.: stellt sich die Kurzsichtigkeit als Folge der Bildung ein, also der mit dem längeren Besuch von Bildungsinstitutionen einhergehenden Notwendigkeit, z.B. länger in Bücher oder Computer zu sehen, die direkt vor der Nase des Schülers oder Studenten stehen? Die Erklärung der Verbindung zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsniveau über das Starren in Bücher oder das Starren in Computer ist plausibel. Aber mehr ist sie bislang noch nicht. Der Beleg dafür, dass Kurzsichtigkeit von längerer Verweildauer in Bildungsinstitutionen verursacht wird, fehlt bislang.

Aber es gibt recht gute Indizien, die Mirshahi in einer guten Untersuchung zusammengetragen haben. Dass die Untersuchung nur gut und nicht sehr gut ist, liegt darin begründet, dass es nicht wirklich gelungen ist, intervenierende Variablen auszuschließen: Die Befragten sind zum Befragungszeitpunkt zwischen 35 und 74 Jahren alt. Die Kurzsichtigkeit kann sich irgendwann während, vor oder nach der Schulzeit eingestellt haben, d.h. es ist durchaus möglich, dass nicht berücksichtigte Variablen den Zusammenhang zwischen Sehkraft und Bildung vermitteln oder im schlimmsten Fall direkt erklären. Es hätte, um die Frage zu entscheiden, wie groß die Gefahr ist, durch nicht berücksichtigte Variablen, das gesamte Ergebnis wegzuerklären, geholfen, die erklärte Varianz der linearen Modelle zu berichten. Das haben die Autoren leider nicht getan.

Entsprechend kann die OECD (vorerst) aufatmen, und all diejenigen, die mit Brille einen Intellekt vortäuschen wollen, den sie nicht haben, müssen weiter hoffen, dass die Symbolkraft von Brillen über die nicht kausale Erklärkraft entsprechender wissenschaftlicher Modelle hinwegträgt.

Mirshahi, Alireza et al. (2014). Myopia and Level of Education. Results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology (online first).

 

Erziehungsfaschismus: weil die beste aller Welten so fragil ist

Wenn man durch den Dickicht der derzeitigen pädagogischen Ansätze machetet, dann findet man immer neue Kompetenzen, die in dieser besten aller Welten, in der wir nun einmal leben, notwendig sind, um auch richtig zu leben. Die neuste Blüte, die wir aus dem Urwald pädagogischer Intervention mitgebracht haben, lautet: “demokratiepädagogische Schulentwicklung” und hat die Vermittlung “sozialmoralischer Kompetenzen” zum Gegenstand.

 

Ministry of truth 2Brigitte Latzko und Tina Malti (2010) erklären, was man unter “sozialmoralischen Kompetenzen” zu verstehen hat, und zwar in der Einleitung zu dem von ihnen herausgegebenen Buch “Moralische Entwicklung und Erziehung in Kindheit und Adoleszenz”, das bei Hogrefe erschienen ist. Sozialmoralische Kompetenzen, so lernen wir, spielen eine “Schlüsselrolle”. Wobei? Nun, bei der Verarbeitung des massiven Wandels, der durch “wirtschaftliche Globalisierung und damit einhergehende Individualisierung” auf uns hereinbricht.

Wer täglich wissenschaftliche Texte liest, erreicht eher früher als später, den Zeitpunkt, ab dem er Anfänge wie, “In Zeiten intensiver Globalisierung wird es … ” oder “Globalisierung und eine Individualisierung von Lebenslagen führen dazu…” oder “Globalisierung, zunehmender Wettbewerb und sich verkürzende Produktlebenszyklen machen es erforderlich …”, nicht mehr lesen mag. Eine Unmenge von Wissenschaftlern, so scheint es, lebt und träumt nur von den Folgen der Globalisierung, jenes unglaublich tiefgehenden Wandels, den jeder abstrakt beschreiben, aber niemand in seinen Auswirkungen benennen kann. Man mag sich nur ansatzweise vorstellen, wie die Behauptung, Globalisierung führe zu intensiverem Handel, zu einer Öffnung der Weltmärkte, auf den Händler des 17. Jahrhunderts gewirkt hat, der in seinem Warenhaus Waren aus aller Herren Länder von der Seide bis zum Kaffee gelagert hatte, – ob seine Zeitgenossen ihm auch ständig mit Floskeln wie “Globalisierung” in den Ohren gelegen haben?

Doch zurück zu Latzko und Malti. Sie kennen eine “wirtschaftliche Globalisierung” und eine Individualisierung. Die Individualisierung hat Ulrich Beck in den 1980er Jahren beschrieben, z.B. in seinem Buch von der Risikogesellschaft. Es ist schön zu sehen, dass das entsprechende Konzept mittlerweile auch bei Pädagogen angekommen ist. Beck hat übrigens nicht nur von Individualisierung geschrieben, sondern auch von sekundärer Vergesellschaftung, von der Bildung loser Netzwerke, wie man heute sagen würde, jenseits institutioneller Strukturen der Vergemeinschaftung.

Latzko und Malti sind in Zeiten der Individualisierung stehen geblieben, Zeiten, von denen man sich fragt, wann es sie je gegeben hat, vielleicht in den 1970er und 1980er Jahren, aber sicher nicht nach 2000. Wie individualisiert sind Zeiten, in denen man in erster Linie Gruppenmitglied ist und in zweiter Linie von anti-Individualsierungs-Aposteln belehrt und pädagogisiert wird, wenn man auch nur in einem Punkt abweicht, den die entsprechenden Erzieher für relevant halten?

Wir leben in Zeiten, in denen auf Webpages von Institutionen, die obwohl am Tropf von Ministerien hängend, sich gerne den Anschein der Wissenschaflichkeit geben, also z.B. auf der Seite des Deutschen Jugendinstituts in München (DJI), Sätze wie der folgende stehen können, ohne einen Aufschrei nach sich zu ziehen: “Die Prävention von rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen bei jungen Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe …”. Die Gedanken waren einmal frei. Wohlgemerkt, hier ist von “Einstellungen” die Rede, die es zu vermeiden gilt, etwa dadurch, dass die entsprechenden Jugendlichen so imprägniert werden, dass sie für die entsprechenden Einstellungen nicht empfänglich sind. Wie fragil ist eigentlich eine Gesellschaft, deren Zusammenbruch befürchtet wird, wenn ein paar Jugendliche “rechtsextreme Einstellungen” haben?

Hier treffen wird die sozialmoralischen Kompetenzen wieder, die Latzko und Malti beschwören, sozialmoralische Kompetenzen wie: “Reflexionsfähigkeit, Empathie, Kooperation, gegenseitige Achtung, Toleranz, Verantwortungsübernahme, Fürsorge, Konfliktlösungsfähigkeit und soziale Solidarität” (7). Das also ist der moderne Katechismus, der ein Kind und einen Jugendlichen zu richtigen Mitgliedern der Gesellschaft der Guten macht: Dabei handelt es sich um “Resourcen für die demokratische und soziale Handlungsfähigkeit” (7). Und diese Resourcen sind notwendig, weil (Achtung, jetzt geht der Katechismus weiter): “im Zuge der Wertevielfalt pluralistischer Gesellschaften” sozial-moralische Kompetenzen eine Grundlage bilden, um “soziale Kohäsion und Inklusion” zu wahren.

Demokratien, so lernen wir abermals, sind sehr empfindliche Strukturen, geradezu fragil, weshalb man nichts dem Zufall überlassen darf. Bereits Kinder müssen auf ihre Rolle als sozialmoralisch kompetentes Mitglieder der demokratischen Gemeinschaft vorbereitet werden. Wenn sie, weil man ihnen Freiraum in ihrer Entwicklung gelassen hat, sich als intolerant gegenüber als gut befundenen Objekten oder Subjekten erweisen, keine Achtung vor z.B. Versagern empfinden können oder sich weigern darüber nachzudenken, ob es mehr als zwei Geschlechterrollen in modernen Gesellschaften geben soll, also – wie man sagen könnte – reflexionsunwillig sind, dann ist die demokratische Gesellschaft, jenes schwächliche Gebilde, das bereits von “rechtsextremen Einstellungen” gefährdet ist, dem Untergang geweiht.

FreiheitSpätestens hier fragt man sich, wieso man sich für diese welke Demokratie einsetzen soll, die u.a. Demokratiepädagogen vorschwebt,war doch die eigentliche Idee von Demokratie, die Idee einer Vielfalt der Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Intolerante, also z.B. Pädagogen, die rechtsextreme Einstellungen nicht akzeptieren und tolerieren, waren kein Problem. Reflexionsunwillige auch nicht, also z.B. Demokratiepädagogen, die nicht darüber nachdenken wollen, ob die Verpflichtung zu Fürsorge und sozialer Solidarität nicht etwas ist, was menschlicher Individualität massiv zuwider läuft, da Individualität eine Freiwilligkeit voraussetzt, die unsere Pädagogen trotz aller Individualisierung, die sie irgendwo zu sehen im Stande sind, nicht bereit sind, anderen zuzugestehen, ja richtig intolerent sind sie gegenüber individueller Entwicklung. So intolerant sind sie, dass sie Erziehungsideale pervertieren und die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit bei Kindern verhindern wollen. Statt dessen wird die kindliche Entwicklung zum geleiteten Prozess, an dessen Ende nur ein Ergebnis, das derzeit für richtig befundene Ergebnis, stehen kann.

Oder, in schwammiger Formulierung:

“Vielmehr muss den Heranwachsenden die Möglichkeit eröffnet werden, sich reflexiv mit der bestehenden Ordnung auseinandersetzen zu können, indem beispielsweise Konflikte zwischen Normen angesprochen, Ausnahmen durchdacht, Lösungsmöglichkeiten abgewogen und Spielräume für eigene Entscheidungen gewährt werden. Montada (2002) fasst zutreffend zusammen, dass Kinder und Jugendliche nur auf diese Weise die Beachtung einer Norm als ihre Entscheidung erleben können, so dass die Norm zu einem Teil ihres Selbst, ihrer Identität wird” (8).

Übersetzt heißt das, man muss Jugendliche so manipulieren, dass sie am Ende des Lernprozesses von Normen denken, sie seien eigenständig zu dem entsprechenden Ergebnis gekommen. Die Art und Weise, in der hier Indoktrination umschrieben wird, ist fast kunstvoll: Heranswachsenden wird gewährt. Was wird ihnen gewährt? Die Möglichkeit, den Blick in den Abgrund zu richten und zu sehen, welche falschen Normen im Abyss lauern. Nicht gewährt wird den Heranwachsenden jedoch, an der Richtigkeit der vorgegebenen Normen zu rütteln, zu fragen, welche Legitimation die Normen vorzuweisen haben, zu fragen, ob das, was ihnen vorgegeben wird, das ist, was sie wollen.

EmileWelch jämmerliches Bild moderne angebliche Demokratien und ihre Kämpfer doch abgegeben. Nicht einmal die Versuche der Weimarer Republik waren derart jämmerlich. An die Stelle der Auseinandersetzung mit Abweichung von der Norm sind Kontrolle und Ausschluss von Abweichung getreten. Was die Demokratiepädagogen als falsche Norm festsetzen, muss Jugendlichen ausgetrieben, was sie als richtige Norm festlegen, muss ihnen eingetrichtert werden. Falsche Einstellungen, also Einstellungen, die den Demokratiepädagogen gerade missfallen, sind auszumerzen bzw. mit präventiven Mitteln vorzubehandeln, auf dass sie sich gar nicht erst einnisten und das Ziel der Erziehung, den sozialmoralisch kompetenten Zombie, der nicht außerhalb dessen, was ihm vorgegeben wird, zu denken im Stande ist, gefährden.

Die Beschreibung trägt nicht durch Zufall alle Insignien eines Erziehungsfaschismus. Anstelle der freien Entwicklung gibt es Vorgaben, Abweichungen werden nicht geduldet, die vermeintliche Demokratie der Pädagogen kennt die Wahrheit und den richtigen Weg zu ihr. Wer solche Pädagogen hat, der braucht keine Faschisten mehr.

Rousseau hat in seinem Emile die Ansicht vertreten, dass es für die Erziehung von Kindern eminent wichtig ist, sie so lange wie möglich von gesellschaftlichen Einflüssen fern zu halten. Wenn man sieht, was manche Pädagogen derzeit als ihre Erziehungsaufgabe definieren, dann muss man ihm Recht geben.

Latzko, Brigitte & Malti, Tina (2010). Einleitung. In: Latzko, Brigitte & Malti, Tina (Hrsg.). Moralische Entwicklung und Erziehung in Kindheit und Adoleszenz. Göttingen: Hogrefe, S.7-16.

Die Sozialstruktur steht in Teilen auf dem Kopf

Nicht erst seit die OECD ihren Feldzug zur Erhöhung des Anteils von Hochschulabsolventen begonnen hat, gilt das Credo, dass ein höherer Bildungsabschluss mit einem höheren Status, einer höheren Bezahlung und vor allem einem höheren Platz in der Sozialstruktur einer Gesellschaft einhergeht. Unausgesprochen ist dabei die Prämisse, dass mit einem höheren Bildungsabschluss ein höheres Humankapital verbunden ist, das seinen Inhaber dazu in die Lage versetzt, höhere Produktivität zu entwickeln und somit einen höheren Beitrag für die Gesellschaft zu erbringen, als dies einem Inhaber eines geringeren Bildungsabschlusses, sagen wir, dem Inhaber eines Hauptschulabschlusses, der den Beruf des Klempners erlernt hat, möglich ist.

HUman CapitalDie Idee, Humankapital an Bildung zu koppeln, stammt nicht zuletzt vom kürzlich verstorbenen Gary S. Becker, wobei seine Idee eine distinktive qualitative Note beinhalten: Nicht der Bildungsabschluss als solcher ist für Becker das Relevante. Der Bildungsabschluss ist vielmehr die Operationalisierung, die er benutzt, um die höhere Produktivität, die mit mehr Humankapital einhergeht, zu messen.

Die Inflationierung höherer Bildung und die Zulassung immer neuer Studienfächer, deren Verbindung zu einem produktiven Beitrag für die Gesellschaft eher, sagen wir, nicht offensichtlich ist, führt dazu, dass die Annahmen, auf die Becker seine Humankapitaltheorie basiert hat, nur noch in eingeschränktem Maße zutreffen.

Wir behaupten, dass die Inflationierung höherer Bildungsabschlüsse, die Quantifizierung von Bildung anstelle der Qualifizierung über Bildung, wie sie vor allem durch die Überflutung der Universitäten mit weitgehend nutzlosen Studienfächern, die keinen erkennbaren gesellschaftlichen Nutzen erbringen, erfolgt ist, dazu geführt hat, dass die Verbindung zwischen höherem Bildungsabschluss und höherer Produktivität im Aggregat geschwächt wurde.

Dies wiederum führt dazu, dass es Bildungstitelinhaber gibt, die einen höheren Status, einen höheren Platz in der Sozialstruktur beanspruchen, der ihnen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Nutzen, den sie bereitstellen, nicht zukommt. Es führt häufig dazu, dass sie Gehälter in einer Höhe beziehen, die im gesamtgesellschatflichen Vergleich unangemessen und unfair sind.

Wir wollen unsere Hypothese zunächst dadurch prüfen, dass wir die Fähigkeiten und Kenntnisse, die ein Absolvent eines Gender Studiums hat, mit den Fähigkeiten vergleichen, die ein Klempner-Geselle am Ende seiner Lehrzeit in einer Prüfung unter Beweis stellen muss.

Das Studium der Gender Studies als Zweitfach an der Humbold Universität Berlin umfasst 6 Module, also z.B. die im folgenden genannten Themen, die das derzeitige Angebot der Gender Studies der HU-Berlin bereithält. Das Wissen, das in Gender Studies vermittelt wird, entstammt damit ausschließlich den sechs der im folgenden genannten und von Studenten gewählten Gebieten. Die Ausbildung zum Klempner ist in der Verordnung über die Berufsausbildung zum Klempner geregelt. Die im folgenden genannten Fähigkeiten und Fertigkeiten sind der Mindesbestand an Kenntnissen, den ein Klempner-Geselle nach Abschluss seiner Ausbildung haben muss.
Hanna Arendt in feministischer Diskussion Manuelles und maschinelles Bearbeiten (u.a.: Werkstoffe und Halbzeuge nach Verwendungszweck unterscheiden und manuell wie maschinell bearbeiten können)
Vom Homo Oeconomicus zur Femina Oeconomica – Die Wirtschaftswissenschaften aus Gender-Perspektive Fügen von Werstücken und Bauteilen (u.a.: Fügwerkzeuge und -verfahren festlegen, Bauteile durch Kaltnieten fügen, Bleche durch Falzen manuell und maschinell fügen
Behinderung ist sexy. Gender und Dis_Ability im Film Handhaben und Warten von Werkzeugen, Geräten und Maschinen (u.a.: Bauteile und Baugruppen mit und ohne Hilfsmittel ein- und ausbauen, Sicherheitsmaßnahmen für elektrische Maschinen und Geräte ergreifen.
Die Werke Martha Nussbaums Einbauen von elektrischen Komponenten (u.a.: elektrische Anschlüsse mittels Steckverbindung herstellen, Mängel feststellen, Maßnahmen zur Behebung der Mängel veranlassen
Wissensordnung in Missionszeitschriften: Religion, Natur, Kultur und Geschlechter (18. Jhdt) Entwerfen und Fertigen von Schablonen und Zuschnitten (u.a.: Schablonen aus metallischen und nicht-metallischen Werkstoffen herstellen)
Ambivalenz der Sichtbarkeit: repräsentationskritische Perspektiven Prüfen, Behandeln und Schützen von Oberflächen (u.a. Werkstücke und Halbzeuge auf Materialfehler, Oberflächenschutz und Oberflächengüte prüfen)
Befestigen von Bauteilen und Baugruppen in Mauerwerk, Beton und Holz (u.a. Wandschlitze, Decken- und Wanddurchbrüche herstellen)
Decken und Instandhalten von Dach- und Wandflächen am Bauwerk (u.a.: Verlegetechniken für Schichtenaufbauten bei Dachbegrünung unterscheiden und anwenden)
Anfertigen und Montieren von Anlagen zur Ableitung von Niederschlagswasser (u.a.: Formteile für Dachrinnen, insbesondere Dehnungsausgleicher, Rinnenkästen und Rinnenwinkel anfertigen
Anfertigen und Montieren von lufttechnischen Anlagen (u.a.: Formstücke, insbesondere Bögen und Verzweigungen anfertigen und montieren
Transportieren von Bauteilen und Baugruppen (u.a.: Hebezeuge, insbesondere Seilzüge und Winden handhaben
Herstellen von Fugenabschlüssen sowie Durchführung von Wärmedämm- und Dichtungsmaßnahmen (u.a.: Maßnahmen zur Schalldämmung an Rohr- und Aggregatbefestigungen durchführen)
Einbauen von Energiesammlern, Energieumsetzern und nachhaltigen Energienutzungssystemen (u.a.: Energiesammler und Energieumsetzer, insbesondere Sonnenkollektoren und photovoltaische Elemente in Dach- und Wandflächen einbauen
Anbringen von Fangeinrichtungen und von Ableitungen für den äußeren Blitzschutz
Berufausbildung, Arbeits- und Tarifrecht, berufsspezifische Randbedingungen (u.a.: Möglichkeiten der beruflichen Weiterbildung)
Aufbau und Organisation des Ausbildungsbetriebs (u.a.: Beziehungen des ausbildenden Betriebes wie Beschaffung, Fertigung, Absatz und Verwaltung)
Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (u.a.: berufsbezogene Arbeitsschutz- und Unfallverhütungsvorschriften anwenden)
Umweltschutz (u.a.: für den Ausbildungsbetrieb geltende Regelungen des Umweltschutzes)
Betriebliche und technische Kommunikation (u.a.: technische Unterlagen, insbesondere Skizzen und Zeichnungen lesen, erstellen und anwenden, Aufmaße anfertigen)
Kundenorientierte Kommunikation (Kundenwünsche ermitteln, auf Umsetzbarkeit prüfen mit dem betrieblichen Leistungsangebot vergleichen, Kosten abschätzen
Planen und Vorbereiten von Arbeitsabläufen (u.a.: Zeitaufwand und personelle Unterstützung zur Durchführung von Arbeitsaufträgen abschätzen)
Durchführen von qualitätssichernden Maßnahmen (u.a.: Normen und Richtlinien zur Sicherung der Qualität, Bauteile auf Maßhaltigkeit, Dichtigkeit und sichere Verbindung prüfen)

 

Es mag der eine oder andere einwenden wollen, dass die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die ein Geselle am Ende seiner Klempnerlehre erworben haben muss, in der Ausbildungsverordnung und der Tabelle umfassender dargestellt sind als dies für die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die im Rahmen eines Gender Studiums erworben werden, der Fall ist. Darauf gibt es die folgenden Antwort:

“Das Zweitfach Geschlechterstudien/Gender Studies zielt auf die Vermittlung konkreter Kenntnisse, Methoden und Arbeitstechniken im Zusammenhang mit der Analyse der Kategorie Geschlecht… Konkretes Ziel ist, Fähigkeiten zur Analyse von Geschlechterverhältnissen in verschiedenen sozialen, politischen, historischen und kulturellen Kontexten auszubilden…”

KlempnerSo wird die Zielsetzung im Studienfach Geschlechterstudien von der HU-Berlin selbst beschrieben. Das Studium der Geschlechterstudien hat Geschlechterstudien zum Gegenstand, die mit Methoden und Arbeitstechniken in einem Zusammenhang stehen und deren konkretes Ziel die Fähigkeit zur Analyse von Geschlechterverhältnissen ist. Trotz aller Betonung von Methoden und Arbeitstechniken ist es uns nicht gelungen, einen Einführungskurs in Statistik, Methoden der empirischen Sozialforschung, Logik oder auch nur die Kunst, richtig zu zitieren, zu finden. Kurz: Gegenstand, Nutzen und Ziel von Geschlechterstudien sind unbekannt. Was man mit einem studierten Geschlechterstudienbetreiber soll, ist ebenso unklar. Vermutlich müssen deshalb Ministerien wie das Ministerium für FSFJ ständig geschlechtsbezogene Programme auflegen, um den Absolventen ein Auskommen zu verschaffen, und zwar auf Kosten von Steuerzahlern, woraus der Schluss folgt: Geschlechterstudierte schaden dem Bruttoinlandsprodukt, sie verbrauchen Steuermittel und schaffen keinen erkennbaren Mehrwert.

Dagegen hat man keinerlei Probleme den Mehrwert zu benennen, den ein Klempner erwirtschaftet, ebenso wenig wie man Probleme hat, die Kenntnisse und Fähigkeiten zu benennen, die ein Klempner nach Abschluss seiner Lehre hat.

Wie kommt es vor diesem Hintergrund, dass Genderstudierte, die doch in der Regel linkem Gedankengut anhängen, für sich in Anspruch nehmen, eine höhere soziale Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, als der Arbeiter Edwin aus der Siedlung? Man kann diese seltsame Erscheinug moderner Gesellschaften, in denen eine Klasse von Studierten, deren einziger Beitrag darin besteht, eine Perspektive auf etwas zu haben, deren Nutzen nicht erkennbar ist, eine höhere Bezahlung, einen höheren Platz in der Sozialstruktur reklamieren kann als ein Klempner, der jeden Arbeitstag aufs Neue die Wirtschaft und somit den Wohlstand aller befördert, nur als eine Erscheinung gesellschaftlicher Degeneration ansehen und sich wundern, dass all die Bekenntnis-Linken damit so gar keine Probleme haben.

 

©ScienceFiles, 2014

Wissenschafts-Prostitution lohnt sich nicht

- das weiß nun auch die Hochschulrektorenkonferenz

HRKNRW

sollte besser heißen: Die Stummen der Hochschulen

Wir könnten jetzt schreiben (und tatsächlich schreiben wir das auch): wir haben es Euch gesagt – oder: Was habt Ihr denn gedacht, was dabei herauskommt, wenn man sich und seine Wissenschaft an die Politik verkauft, sich prostituiert?

Wir haben in einer Vielzahl von Beiträgen darauf hingewiesen, dass eine Entprofessionalisierung und Infantilisierung von Wissenschaft in vollem Gange ist, dass Hochschulen von Ideologen unterwandert und zu Gender-Kaderschmieden umfunktioniert werden, dass Hochschulen für politische Zwecke instrumentalisiert werden und zu Legitimationsanstalten der Staats-Ideologie, des Staatsfeminismus degradiert werden sollen und vieles mehr.

Es kann demnach niemand behaupten, er hätte nicht gewusst, was passiert, wenn man sich an Ideologen verkauft. Es kann niemand behaupten, er hätte nicht den perfiden Geist hinter einer Mittelkürzung für Universitäten auf der einen Seite und dem Lockstoff “Professorinnenprogramm“, das Hochschulen mit finanziellen Mittel dazu bringen will, ihre Integrität zu verkaufen, gesehen. Und es kann niemand behaupten, er hätte nicht gewusst, dass vermeintliche Auszeichnungen wie die “familienfreundliche Hochschule“, die eine aberwitzige Verbindung zwischen Fortpflanzung, Familienstand und Wissenschaft herstellen, die analog zu der Verbindung zwischen Binge-Trinken, Depression und Parteizugehörigkeit ist, nur dazu da sind, Hochschulen auf Linie zu bringen, sie gleichzuschalten und für politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Aber die Hochschulrektorenkonferenz tut es dennoch.

Honest politicianDie Hochschulrektorenkonferenz, jenes bundesländerübergreifende Kaffeekränzchen aus Wissenschaftler-Rektoren, das bislang immer brav den ideologischen Vorgaben des jeweiligen Kultusherren gefolgt ist und brav und artig, sowohl die Entprofessionalisierung von Hochschulen und deren Umwidmung in Kinderbetreuungsanstalten als auch aktive Eingriffe in die vermeintliche Freiheit von Lehre und Forschung, die Etablierung von weiblichen Kadern als von außen der Wissenschaft aufoktroyierte Gleichstellungstante und den Ausverkauf des Prinzips der Meritokratie, wie er mit dem Professorinnenprogramm betrieben wird, abgenickt hat – vermutlich mit Begeisterung, sofern Gemütsregungen zum Repertoire der Positionsinhaber gehören.

Die Hochschulrektorenkoferenz tut es dennoch.

Ausgerechnet die Hochschulrektorenkonferenz regt sich darüber auf, dass man von Politikern getäuscht worden sei.

Hochschulen quer durch Deutschland leiden unter Mittelknappheit, müssen Fachrichtungen und Institute schließen oder zusammenlegen, weil sie sich die entsprechenden Ausgaben nicht mehr leisten können. Die deutsche Hochschullandschaft ist eine reine Mangelverwaltung. Die ganze Hochschullandschaft? Nein. Der Bereich der Frauenförderung floriert ungeachtet der Mittelknappheit. Es werden vorhandene Professuren durch aus dem Professorinnenprogramm finanzierte Professuren gedoppelt und Professuren für “Gender” verbreiten sich wie Wasserpest. Ob jemand dahinter einen perfiden Plan erkennt: Nützliche Wissenschaft streichen und entsprechende Lehrstühle schließen, dafür Genderlehrstühle, von deren Inhaberinnen bis heute noch kein nützlicher, das gesellschaftliche Wohlergehen befördernder Beitrag gekommen ist, an ihre Stelle setzen, auf dass von Hochschulen und auf absehbare Zeit keine abweichende oder gar innovative Idee mehr komme?

Und das alles hat man bei der Hochschulrektorenkonferenz nicht gesehen? Die Damen und Herren, die sich dort zum Kaffeeklatsch treffen, scheien nicht zu sehen, was an ihren eigenen Hochschulen vorgeht, oder sie sehen  es sehr wohl, was bedeuten würde, ihre Aufregung ist blanke Heuchelei, ein bloßes Entsetzen über entgangene Finanzmittel, die man vermutlich für universitäte Mentorenprogramme zur Vorbereitung weiblicher Absolventen auf die Dissertation verbraten hätte.

Gegenstand der hochschul-rektoralen Aufregung ist eine politische Lüge, eine Täuschung wie sie Politiker ständig vornehmen, so dass jeder, der sich mit Politikern einlässt, eigentlich wissen muss, woran er ist. Nicht so die Hochschulrektoren. Sie haben in treuem Glauben die Übernahme der Finanzierung des Bafoeg durch den Bund begrüsst und den damit verbundenen Ankündigungen, die Bundesländer würden die freiwerdenden Mittel in voller Höhe den Hochschulen und der dortigen Lehre zufließen lassen, geglaubt. In ihrer ganzen Naivität haben sie tatsächlich gedacht, der politische Feind der wissenschaftlichen Erkenntnis, der seine Truppen u.a. in Kultusministerien der Länder versammelt hat, würde die gekürzten Mittel für Forschung und Lehre nun, da die Bafög-Verpflichtungen entfallen sind, den Hochschulen übergeben.

Besondere Verdienste im Kampf gegen Erkenntnis und im Versuch, Wissenschaft durch Ideologie zu ersetzen, haben sich SPD und Grüne erworben. Beide regieren in Hannover. Die Übernahme der Bafög-Finanzierung durch den Bund hat ihnen unverhofft rund 110 Millionen Euro in die Kasse gespült, 110 Millionen Euro, die die Hochschulrektoren in Niedersachsen schon auf ihren Konten verbucht haben.

NS_WissKultAber daraus wird nichts: Die Landesregierung will lieber Kita-Personal anstelle von Wissenschaftlern finanzieren. Kinder statt Wissenschaftler, so lautet das Motto in Niedersachsen. Man fühlt sich unwillkürlich an den Slogan “Kinder statt Inder” erinnert, mit dem Jürgen Rütgers im Jahre 2000 die Charts der Geschmacklosigkeit angeführt hat. Rot-grüne und christdemokratische Politiker scheinen eine Geringschätzung für die Wissenschaft zu teilen, vermutlich, weil sie nie einen Fuss in dieselbe bekommen haben – sofern sie überhaupt studiert haben. Wie dem auch sei: Die niedersächsische Landesregierung will also Kindertagesstätten finanzieren und Ringelreihen tanzen, während die landeseigenen Hochschulen finanziell aus dem letzten Loch pfeifen – Politiker haben eben ihre Prioritäten.

Offensichtlich ist man bei der Landesregierung der Ansicht, Erzieher in Kindertagesstätten seien produktiver und würden mehr zum Bruttoinlandsprodukt beitragen als Wissenschaftler. Seit Universitäten von Feministen und Sozialisten infiltriert werden, ist man fast gewillt, ihnen zuzustimmen, wenngleich es eine offene Frage ist, wer mehr Schaden an der Gesellschaft anrichtet, Erzieher in Kindertagesstätten, die von kleinauf indoktrinieren oder Feministen und Sozialisten an Universitäten, die sozusagen den Feinschliff im fortgeschrittenen Alter übernehmen und dafür sorgen, dass Wissenschaft und vor allem: Sozialwissenschaften in Deutschland zur Staatslegitimation dient.

Entsprechend kann man nur den Kopf schüttelnd zur Kenntnis nehmen, worüber sich Prof. Dr. Jürgen Hesselbach, Vorsitzender der Niedersächsischen Hochschulrektorenkonferenz, beklagt:

„Eine der wichtigsten Ankündigungen vor der Landtagswahl 2013 war die Abschaffung der Studienbeiträge und deren vollständige Kompensation. Den Studierenden und uns wurde damals versprochen, die Hochschulen nicht im Gegenzug an anderer Stelle zu belasten. Wir sehen jetzt, was von den Wahlkampfparolen übrig bleibt: Die für die Kompensation erforderlichen Mittel in Höhe von 130 Millionen Euro holt sich das Land nun de facto fast vollständig von den Hochschulen zurück.“

Herr Hesselbach: Was haben Sie gedacht, was dabei herauskommt, wenn man sich mit Ideologen einlässt, Prinzipien der Wissenschaft verrät und ansonsten zusieht, wie die eigene Hochschule zur Kaderschmiede und zur Abraumhalde für Akademiker-Ausschuss umfunktioniert wird?

Um diesen Post mit dem zu beenden, was Hans Albert nicht müde werdend als Forderung nach dem konstruktiven Teil, gerne auch als Frage: “Und wo ist der konstruktive Teil?” verpackt hat, schlagen wir den Hochschulrektoren vor, ScienceFiles zu abonnieren (rechts oben im Widget-Bereich): Damit sie in Zukunft informiert sind, was an ihren Hochschulen vorgeht und welcher politische Anschlag auf die Integrität von Hochschulen gerade en vogue oder in Vorbereitung ist.

Willkommen in der wissenschaftsfreien Nach-Moderne

Degeneration und gesellschaftlicher Niedergang sind Phänomene, deren Erforschung weitgehend Historikern überlassen ist, was den Verdacht nahelegt, dass Degeneration und Niedergang Phänomene sind, die nur die Vergangenheit, nicht jedoch die Gegenwart betreffen.

Wir sind der Ansicht, Degeneration und gesellschaftlicher Niedergang sind die logischen Folgen des derzeit herrschenden Zeitgeistes, der Gutmenschen an allen Ecken der Gesellschaft ihr zerstörerisches Werk verrichten sieht. Degeneration und gesellschaftlicher Niedergang sind die Folgen politischer Korrektheit die nicht mehr an den Folgen von Handeln interessiert ist, sondern an der richtigen Gesinnung, wer in guter Absicht tötet ist entsprechend entschuldigt.

Degeneration und gesellschaftlicher Niedergang beginnen da, wo das Verhältnis zur Realität, das Verhältnis zu Wissen, Erkenntnis und letztlich zu Wissenschaft zerrüttet ist, wo Gesellschaftsmitglieder mehr Energie darauf verwenden, Wissen und Erkenntnis, das ihnen nicht genehm ist, zu unterdrücken und Kenntnisse durch Gesinnung zu ersetzen, als darauf, Fortschritt und Innovation im Einklang mit der Realität zu suchen.

Niall FergusonEine der Triebkräfte, die zu der feindlichen Haltung gegenüber Fortschritt, Wissen und Erkenntnis führt, von der wir hier schreiben, ist eine Technikfeindlichkeit, die in Deutschland tief verwurzelt zu sein scheint und periodisch an die Oberfläche gespült wird.

Technikfeindlichkeit geht in den meisten Fällen mit einem moralischen Romantizismus einher, der doch tatsächlich der Ansicht ist, die von ihm herbeiphantasierte Form reiner Natur sei Menschen gegenüber nicht gleichgültig. Natur sei nicht das, dem Menschen jeden Fortschritt in Gesundheit, Hygiene und Lebensbequemlichkeit hätten abringen müssen, sondern eine Art Füllhorn, das nur darauf wartet, über Menschen ausgeschüttet zu werden. Technikfeindlichkeit wird entsprechend zur moralischen Angelegenheit, die in der Regel mit dem Blick auf zukünftige Generationen verklärt wird: zukünftige Generationen, die die Legitimation für heutigen Verzicht und heutiges Leiden darstellen. Der Katholozismus und seine Paradiesvorstellung im Jenseits, die Menschen darüber hinwegtäuschen soll, dass ihr Leben im Dieseits geführt wird und nicht im Jenseits, kehrt in modernisierter Variante zurück.

Es ist in diesem Zwielicht aus Ideologie, Gutmenschentum, romantizistischer Technikfeindlichkeit und Religion, dass wir die DFG und die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, treffen, mithin zwei Organisationen, deren Zweck eigentlich darin bestehen soll, Wissenschaft, Erkenntnis und Fortschritt zu fördern, nicht zu be- oder verhindern.

Beide Organisationen haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt (warum auch nicht), die es sich wiederum zum Ziel gesetzt hat, “Empfehlungen zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung” zu geben (warum auch nicht). Mit “Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftsverantwortung” ist das Machwerk überschrieben, das Herbert Marcuse erfreuen würde, würde er noch leben und Hans Albert und mit ihm alle, die ihr Leben dem Erkenntnisfortschritt verschrieben haben, das Grauen lehren wird.

LeopoldinasDas Werk der Arbeitsgruppe, deren Mitglieder rechts aufgelistet sind, beginnt wie viele ideologischen Schriften mit der irreführenden Behauptung, etwas, in diesem Falle Wissenschaft, sei besonders wichtig: Wissenschaft im Allgemeinen und Forschung im Besonderen “ist eine wesentliche Grundlage für den Fortschritt der Menschheit”. Die Warnung und damit der Widerspruch, folgt auf dem Fuss: “Mit freier und transparanter Forschung gehen jedoch auch Risiken einher”. Die Risiken ergeben sich, nach Ansicht der Mitglieder der Arbeitsgruppe, als Konsequenz der Dual-Use-Problematik von Wissenschaft.

Anglizismen werden einerseits häufig als Form der Distanzierung benutzt, um eigene Verantwortung ins (feindliche) Ausland zu verschieben, andererseits dienen sie häufig dazu, vollkommen triviale Sachverhalte als besonders komplex, kompliziert, gelehrt oder durchdacht erscheinen zu lassen. Die Dual-Use-Problematik besteht darin, dass Forschungsergebnisse “zu schädlichen Zwecken missbraucht werden können”: Nanotechnologie könne in Angriffswaffen münden, Industrieroboter könnten zu Kampfrobotern umfunktioniert werden, Kernenergie “kann nicht nur zu friedlichen Zwecken eingesetzt werden”, psychologie Forschungsergebnisse können zu Gehirnwäsche genutzt werden und linguistische Forschung für “missbräuchliche Kommunikationsüberwachung benutzt werden” (was besonders verräterisch ist, denn eine nicht missbräuchliche Kommunikationsüberwachung wird von den Arbeitsgrupplern offensichtlich befürwortet).

Das also ist die “Dual-Use-Problematik“: Das Küchenmesser kann neben dem Schneiden von Karotten auch zum Erstechen des Nachbarn eingesetzt werden, Streichölzer zum Anzünden von Kerzen und von Scheunen, Autos zur Fortbewegung und zum Überfahren von Feinden, heißes Wasser zum Teekochen und zum Verbrühen, Kissen zum Schlafen und zum Ersticken, Mikrophone zum Aufnehmen von Musik und zum Abhören von Gesprächen, Gürtel zum Halten von Hosen und zum Selbstmord, und so weiter.

Wann immer versucht wird, mit hinter Anglizismen versteckten Trivialitäten zu hantieren, um besonders dringliche Probleme wie im vorliegenden Fall die “ethische Verantwortung” von Wissenschaftlern zu behandeln, ist höchste Vorsicht geboten. Wann immer sich selbsternannte Gutmenschen anschicken, etwas so zu regeln, wie sie denken, dass es zum Guten sei, ist man bestens beraten genau hinzusehen und regelmäßig das Gegenteil zu tun. Schauen wir also, welche Empfehlungen die Mitglieder einer Arbeitsgruppe, von der nicht klar ist, wer sie mit welchen Interesse eingesetzt hat und ob und wenn ja wie sie legitimiert ist, freien Wissenschaftlern geben:

  1. dfg_logoWissenschaftler müssen nicht nur rechtliche Regeln bei ihrer Forschung beachten, sondern auch ethische Grundsätze. Die Chancen der Forschung sind mit den Risiken für Menschenwürde, Leben, Gesundheit, Freiheit und Eigentum der Menschen, Schutz der Umwelt und anderen Gütern abzuwägen.
  2. Forscher müssen Kenntnis von möglichen Risiken ihrer Forschung erlangen, um die einschlägigen Gefahren einschätzen zu können und Einsatz- und Missbrauchsmöglichkeiten ihrer Forschung mitzudenken.
  3. Risiken der Durchführung und der Verwendung der Forschungsarbeiten sind zu minimieren. Sicherheitsmaßnahmen sind zu treffen, Mitarbeiter und Kooperationspartner sorgfältig auszuwählen, in besonderen Fällen sind “staatliche Sicherheitsstellen” hinzuzuziehen und: “Internationale Kooperation ist zwar ein Grundprinzip erfolgreicher Forschung, im Einzelfall kann sich unter dem Aspekt der Risikominimierung gleichwohl eine Einschränkung der Zusammenarbeit oder ein Verzicht auf Partner oder Mitarbeiter aus bestimmten Staaten empfehlen” (13 – eine ganz offene Empfehlung für nationale Eigenbrödelei und Diskriminierung aufgrund von Staatsangehörigkeit und somit grundgesetzwidrig – erstaunlich).
  4. LeopoldinaVeröffentlichungen sind zu prüfen und sensible Ergebnisse, die missbraucht werden können, verkürzt oder gar nicht darzustellen. Wenn ein Missbrauch nicht zu verhindern ist, ist auf die Veröffentlichung zu verzichten.
  5. Risikoreiche Projekte, deren Nutzen den Schaden nicht übersteigt, sind erst gar nicht durchzuführen. Nutzen wie Schaden muss vor Beginn des Projekts “abgeschätzt” werden.
  6. Verantwortlich sind Wissenschaftler und ihre Vorgesetzten (Wer sind die Vorgesetzen von freien Wissenschaftlern?).

Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll, wenn man derartige, verquaste sozialistische Kontrollphantasien liest. In jedem Fall kann festgestellt werden, dass die DFG offensichtlich von einer Institution, die Erkenntnis und Wissensfortschritt ermöglichen sollte, zu einer Institution, die ihn verhindern soll, verkommen ist. Ob die Leopoldina jemals etwas anderes war, ist noch zu klären.

Generell fällt beim Lesen des Machwerks von DFG und Leopoldina auf, dass immer dann, wenn von Gefahren und Risiken einer Forschung die Rede ist, diese Gefahren individualisiert sind. Es ist der Forscher, der Risiken abschätzen muss. Es sind Dritte, Mitarbeiter und nicht-Deutsche, die das Missbrauchsrisiko darstellen. Dagegen sind der Staat und seine Institutionen heilige Instanzen, die Halt im riskanten Dasein geben, durch rechtliche Regeln und durch staatliche Sicherheitsstellen. Der Kollektivismus feiert neue Feste, der alte romantizistische Unsinn von der fürsorglichen Gemeinschaft der Guten, die der Boshaftigkeit des Einzelnen entgegegensteht, erlebt gerade eine Renaissance, die man nach der Aufklärung und den Verherrungen in der Folge von Romantik und Technikfeindlichkeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten hätte: Aber: alte Mythen, besonders alte deutsche Mythen sterben offensichtlich nicht aus. Offensichtlich hat Emile Durkheim Recht, und es gibt so etwas wie ein kollektives Bewusstsein, und in Deutschland ist es voller Romantizismus und Irrationalismus und voller Technikfeinlichkeit.

Jeder Mensch, der einigermaßen mit Verstand ausgestattet ist, weiß, dass Entscheidungen immer die Zukunft betreffen, nie die Vergangenheit oder die Gegenwart, denn wenn ich mich entscheide, ein Eis zu kaufen, dann ist die Entscheidung dann, wenn sie vollzogen ist, Vergangenheit. Wenn ich mich entscheide ein Eis zu kaufen und mich auf den Weg zum Eismann mache, kann es passieren, dass ich Fritz S. treffe und mit ihm ein Streitgespräch über den Labeling Approach beginne, was mich das Eis vergessen lässt (obwohl mich das Streitgespräch erhitzt) und die Entscheidung hinfällig, und selbst wenn ich mein Eis tatsächlich kaufe, so hoffe ich bei jedem Verzehr darauf, dass der Eismann Hygiene einhält und ich nicht Salmonellen esse, die mich so lange quälen, bis ich sie wieder los bin.

Die triviale Entscheidung, ein Eis zu kaufen, kann bereits zu unvorhergesehenen Folgen führen (ich treffe Fritz S. auf dem Weg zum Eismann und vergesse mein Eis), sie ist mit einem Risiko verbunden (Salmonellen) und in jedem Fall eine Entscheidung unter Unsicherheit, denn ich weiß einfach nicht, ob sich mein Plan in der Weise, wie ich ihn mit der Entscheidung, ein Eis zu kaufen, formuliert habe, umsetzen lässt.

Eine triviale Handlung im Alltag ist bereits mit dem Problem konfrontiert, dass man die Zukunft leider nicht vorhersehen kann. Das, wie gesagt, weiß jeder normalbegabte Mensch, nur die Mitglieder der Arbeitsgruppe von DFG und Leopoldina, die wissen es nicht. Sie verlangen, dass Wissenschaftler in die Zukunft schauen und die Nutzen wie die Kosten, die mit ihrer Forschung verbunden sind, genau bestimmen. Aber sie verlangen von Wissenschaftlern nicht nur, dass sie zu Auguren einer zukünftigen Welt werden, nein, sie verlangen auch, dass sie zu moralischen Instanzen des Zeitgeistes werden und nichts tun, was dem Zeitgeist und seiner angeblichen Ethik widersprechen könnte.

Ptolemaeus weltbildNehmen wir zum Beispiel Claudius Ptolemäus, der das geozentrische Weltbild um 150 n.Chr. zum Standard erhoben hat. Nach seiner Ansicht, war die Erde der Mittelpunkt des Universums, von Sonne und Planten umkreist. Hätter er unter der Ägide der Empfehlungen von DFG und Leopoldina gelebt, er hätte sein geozentrisches Weltbild für sich behalten, hätte er doch mit Sicherheit das Risiko erkannt, dass es zur Sicherung der Machtverschränkung zwischen katholischer Kirche und Staat verwendet wird, dass Kritiker des geozentrischen Weltbilds als Häretiker verbrannt werden usw. Diesen Preis wäre der gute Claudius natürlich nicht bereit gewesen, zu zahlen, weshalb er die Veröffentlichung seiner Berechnungen zum geozentrischen Weltbild unterlassen hätte.

Nehmen wir zum Beispiel den namentlich nicht bekannten Erfinder des Rades. Er hätte seine Erfindung nur zur eigenen privaten Nutzung bereit gestellt und deren Verbreitung unterbunden, denn im Traum wären ihm die Visionen von Panzern, Streitwagen, von Rammen und millionenfach überfahrenen Tieren erschienen, und wer will sich schon am Massenmord schuldig machen.

Nun könnte man den Mitgliedern der Arbeitsgruppe zu gute halten, dass sie nicht zu dumm sind, um auch zu wissen, dass man zu Beginn und auch nach Abschluss einer Forschung den Nutzen und die Risiken der entsprechenden Forschung nur begrenzt, wenn überhaupt überschauen kann. Somit stellt sich die Frage, was sie mit ihren Empfehlungen bezwecken.

Die Antwort auf diese Frage ist widerlich: Sie ruft einem die absurde Idee in Erinnerung, dass Missbrauch von Forschung durch die Beteiligung fremdländischer, also nichtdeutscher Forscher wahrscheinlicher ist. Sie ruft einem den potenzierten Unsinn in Erinnerung, dass ausgerechnet staatliche Institutionen die Wächter der Sittenmoral sind, dass Staaten nicht etwa diejenigen sind, die seit Jahrhunderten wissenschaftliche Forschung für kriegerische Zwecke missbrauchen, und es ruft einem die Leichtigkeit in Erinnerung, mit der die DFG-Leopoldinas Transparenz, Intersubjektivität und Offenheit von Wissenschaft, die fundamentalen Kriterien ohne die Wissenschaft nicht möglich ist, über Bord werfen und Wissenschaft zur Aufgabe geheimer Zirkel in abgeschiedenen und vom Staat bewachten Bunkern machen.

Auf Basis dieser Unglaublichkeiten, die die DFG-Leopoldinas geschrieben haben, muss man den Schluss ziehen, dass sie angetreten sind, um Forschung zur nationalen, staatlich-kontrollierten und dem, was gerade als Zeitgeist herrscht verpflichteten Veranstaltung zu machen, zu etwas, das mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat. Sie sind die Totengräber der Wissenschaft. Sie sind angetreten, um die Degeneration und den Niedergang zu beschleunigen und eine neue Klasse von Hohepriestern zu schaffen, deren Zweck darin besteht, von staatlichen Sicherheitsstellen für nützlich gehaltene Forschung zu betreiben, die Ergebnisse geheim zu halten und die dumme Masse der Bevölkerung mit guten und wohlklingenden Botschaften ruhig zu stellen.

Wir befinden uns in der Nach-Moderne, in der das Individuum nichts, die Gruppe alles gilt. Nicht das Individuum hat Rechte, die Gruppe hat Rechte. Die Rechte werden verliehen, vom guten Staat. Geheime Bünde von Forschern, die staatsdienliche und natürlich gute Forschung betreiben, stellen die Legitimation für die Verleihung von zunächst Gruppen- und bald Zugangs- und Existenzrechten bereit. Die richtige Gesinnungs-Lehre ist auf einem Datenträger gesammelt, zu dem nur Eingeweihte und Hohepriester Zugang haben, und einmal wöchentlich wenden sich die Hohepriester an ihre jeweilige Gemeinde mit einer neuen Predigt über das, was angeblich auf dem Datenträger als Information gesammelt ist. Und natürlich wird alles von Steuerzahlern finanziert!

Wie immer stehen Wissenschaftler sprachlos am Rand und warten darauf, dass jemand für sie den Mund aufmacht.

 

Koblenzer Forscher bringen das Wort “Mann” nicht über sich

Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit, wie es heute heißt, ist ein Problem, das diejenigen, die es betrifft, vermutlich nicht lustig finden werden. Wer gezwungen ist im Obdachlosenasyl oder in sonstigen Anlaufstellen, die Schlafraum, aber eben keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, Unterschlupf zu suchen, dem fehlt – trotz aller Clochard-Romantik, die vornehmlich von Leuten versprüht wird, die in Hotels und nicht im Obdachlosenasyl oder unter der so oft beschworenen Brücke absteigen, ein wesentlicher Bestandteil eines vollwertigen Lebens.

Obdachlosigkeit ist in Deutschland ein Thema, von dem Wissenschaftler nichts wissen wollen, obwohl die Erforschung sozialer Probleme, doch angeblich so viele bewegt. Nun ist Obdachlosigkeit eine Angelegenheit, bei deren Beschäftigung man genötigt sein könnte, den Schutzraum des eigenen Büros zu verlassen und am Ende noch Kontakt mit Obdachlosen aufzunehmen. Das mag einiges erklären.

Wir haben in der Vergangenheit bereits darüber berichtet, wie sehr, das Thema “Obdachlosigkeit” von denen, die sich als Ungleichheitsforscher sehen, links liegen gelassen wird.

ObdachlosenasylNur wenige Ausnahmen gibt es zu berichten und die Ausnahmen, die es zu berichten gibt, zeigen eines: Obdachlosigkeit ist vornehmlich für Männer ein Problem: zwei Drittel der Obdachlosen sind männlich. Angesichts der miserablen Datenlage des sozialen Problems “Obdachlosigkeit”, für das sich nicht einmal die Wissenschaftler interessieren, die durch Kreuzzüge gegen Armut und Hartz IV auffallen, ist es erfreulich, dass an der Hochschule Koblenz ein Forschungsprojekt zum Thema Obdachlosigkeit durchgeführt wurde.

Es ist auch erfreulich, dass sich die Projektverantwortlichen Prof. Dr. Robert Frietsch, Dirk Holbach und Sabine Link getraut haben, mit 161 obdachlosen Menschen “sehr ausführliche persönliche Gespräche” zu führen, die durch Interviews mit “58 Experten…, die in Hilfseinrichtungen und Jobcentern tätig sind”, ergänzt wurden.

Nicht erfreulich ist jedoch die Darstellung eines Problems, dessen männliche Dominanz man kaum leugnen kann, oder doch?

Hochschule Koblenz“Die Ergebnisse”, so berichtet Dirk Holbach, “zeichnen vielschichtige Bilder der Lebensumstände wohnungsloser Menschen”. In Deutsch heißt dies, es ist nicht gelungen, ein oder doch wenige einheitliche Themen zu finden, die den Weg in die Obdachlosigkeit determinieren. Wann immer die Ergebnisse zu diffus sind, als dass man sie zusammenfassen könnte, reden überforderte Wissenschaftler entsprechend von “vielschichtigen Bildern”, Ergebnissen oder Entwicklungen. Weiter im Text: “Auch” in Rheinland-Pfalz, so erfahren wir, liegt das Durchschnittsalter inzwischen bei 35 Jahren, gar jeder vierte ist jünger als 25 Jahre”. Gemeint ist das Durchschnittsalter obdachloser Personen. Worauf sich das “auch” bezieht, ist unklar. Aber: “Besorgnis erregend”, so findet Sabine Link, “ist auch [wieder so ein bezugsloses auch] der kontinuierlich steigende Anteil der Frauen, der jetzt schon 25 Prozent beträgt”.

Anmerkung unsererseits: Die drei Koblenzer Wohnungslosenforscher haben 161 Wohnungslose und 58 Experten bis Ende Mai 2014 befragt. Wie man auf Grundlage dieser Daten einen Trend, einen kontinuierlich steigenden Anteil ermittelt haben will, ist uns ein Rätsel, aber vermutlich hat ein Experte gesagt, dass der Anteil von Frauen ansteigt, fast so gut wie empirische Daten – oder?

Geeigneter Wohnraum ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit, so erfahren wir weiter und fangen langsam an uns zu fragen, ob dieses Forschungsprojekt ein schlechter Witz ist, denn dass Reichtum das beste Mittel gegen Armut ist, kann man auch herausfinden, ohne ein Forschungsprojekt durchzuführen. Aber es kommt noch besser:

“Vielfältig und verwoben [ oder vielschichtig; !sic] sind die Problemlagen, in denen die Wohnungslosen stecken: Alkoholsucht, langjährige Arbeitslosigkeit, niedriger Schulabschluss, Überschuldung, Tod enger Bezugspersonen, traumatisierende Gewalterfahrungen – vor allem bei Frauen. Gerade bei den Jüngeren liegt häufig nur ein niedriger Schulabschluss vor. Dazu kommen oft Hafterfahrungen, auch wegen Bagatelldelikten wie zum Beispiel „Schwarzfahren“.

Und weiter:

„Angesichts der vielschichtigen [!sic] Problemlagen der Betroffenen ist es nötig, dass Fachleute der verschiedenen sozialen, medizinischen Bereiche und vor allem auch der Jobcenter kooperieren und sich gemeinsam um die Lösung der einzelnen Probleme kümmern“, weiß Frietsch, „nur so ist eine Rückkehr der Betroffenen in die Gesellschaft mit gesichertem Wohnraum möglich.“

In Punkto Floskeln ist den Koblenzer Forschern der einfache Kleindiek sicher. Die zwischenzeitlich vielschichten Problemlagen erfordern entsprechend ganz viele Fachleute, die sich gemeinsam oder getrennt den Kopf über die Obdachlosen zerbrechen, die besorgniserregender Weise und steigend zu 25% weiblich sind, und alkoholsüchtig und arbeitslos und traumatisiert durch Gewalterfahrungen, “vor allem bei Frauen”, und wegen Schwarzfahren ins Haft kommen, aber doch nur mit einem Mittel in die Gesellschaft re-integriert werden können: mit gesichertem Wohnraum.

Es ist natürlich Unfug zu behaupten, dass Schwarzfahren zu einer Haftstrafe führt. Erst wenn Vorstrafen dazu kommen, die bereits bei der letzten Verhandlung nur mit erheblicher richterlicher Nachsicht in eine Strafaussetzung zur Bewährung gemündet sind, kann ein Schwarzfahren das berühmte Fass zum Überlaufen bringen.

MannUnd hier reicht es, hier ist endgültig der Punkt, an dem wir von diesen angeblichen Forschern genug haben. Sie bringen es im Verlauf ihrer Pressemeldung, die 460 Worte umfasst, nicht über sich, den Begriff “Männer” oder “Mann” auch nur einmal zu verwenden, dagegen wird nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass besorgniserregender Weise 25% der Obdachlosen weiblich sind und traumatisiert wegen Gewalterfahrungen und ansonsten sind die Ergebnisse zu vielschichtig, um im Detail berichtet zu werden.

Wozu finanziert man solche Forschung? Wozu lässt man Forscher wie Frietsch, Holbach und Link auf die Welt los? Wozu gibt man ihnen die Mittel, um ein wichtiges Thema zu erforschen, wenn alles, was dabei herauskommt, zu vielschichtig ist, um berichtet werden zu können und zu vielschichtig, um konkrete Hilfe zu ermöglichen, aber gleichzeitig und angeblich dennoch durch eine einzige Lösung beseitigt werden kann, wenn man als Leser damit verulkt wird, dass das beste Mittel gegen Obdachlosigkeit die Bereitstellung von Wohnraum ist und ansonsten dabei zusehen muss, wie Forscher derat gehemmt, feige und politisch korrekt sind, dass ihnen an keiner Stelle über die Lippen oder die Tastatur kommt, dass Obdachlosigkeit ein männliches Phänomen ist.

Deshalb zum Üben:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Gewalttrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Bei diesen vier Punkten wollen wir es belassen, sonst wird die Aufgabe zu vielschichtig für die Koblenzer, und wir wollen ja, dass sie etwas lernen. Man darf die Wahrheit aussprechen, nein, als Forscher MUSS man die Wahrheit aussprechen, sonst ist man die Zahl nicht wert, die auf dem monatlichen Lohnstreifen steht und sich der Verachtung der ScienceFiles-Betreiber sicher.

Und am besten die Koblenzer Forscher wiederholen die Ergebnisse:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Kindheitstrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Der Universitäts-Moron ScienceFiles Preis für den ideologischsten Studentenrat (AStA)

Bereits in der Vergangenheit haben wir von vermeintlichen Studentenvertretern berichtet, die sich vor allem dadurch hervortun, dass sie von Wissenschaft keine, dafür von Agitprop um so mehr Kenntnis haben. An vielen Universitäten scheint der AStA, der sich bezeichnender Weise häufig als “Student_Innen Rat” bezeichnet, die Keimzelle politischer und ideologischer Propaganda zu sein, die mit Wissenschaft nicht zu vereinbaren ist

Viele unserer Leser werden sich noch aus ihrer Hochschulzeit an den AStA erinnern, an dieses Grüppchen aus Vertretern der Hochschulgruppen der Parteien, das sich durch AStA-Wahlen, an denen regelmäßig gut 15% der Studenten teilgenommen haben, in seiner Wichtigkeit bestätigt gefühlt hat. Es gab auch AStAs, die sich sinnvoller Tätigkeit verschrieben haben, das soll nicht bestritten werden, aber sie waren schon damals in der Minderheit. Heute muss man sie vermutlich mit der Lupe suchen.

So haben wir denn von vermeintlichen Studentenvertretern geschrieben, die versuchen, Vorlesungen und die Weitergabe von Wissen zu verhindern, die sich am Boykott von Lehrveranstaltungen beteiligen, die sich auch nicht zu schade dafür sind, sich als Speerspitze für den Versuch, den Informationsgehalt der deutschen Sprache zu beseitigen, missbrauchen zu lassen usw. Und nun hat uns ein Leser auf den “Stura” von der Universität Leipzig aufmerksam gemacht.

Stura_LeipzigDort gibt es ein Grüppchen verbitterter Kader, die sich gegen “sexistischen Kackscheisse” wenden und damit schon vorab deutlich machen, wes Geistes Kind sie sind [die Verwendung des Begriffs "Geistes" an dieser Stelle ist in der Redaktion von ScienceFiles umstritten, die Meinung, es handle sich eher um Geistlosigkeit steht der Position gegenüber, dass die Redewendung sich nicht auf geistige Fähigkeiten in der Person, sondern  auf die Fähigkeiten entsprechender geisthaltiger Getränke bezieht], vor allem zeigen sie, was sie nicht sind: Studenten, die auch nur entfernt an Wissen und Erkenntnis interessiert sind, denn: Sie sind der Meinung, dass sie schon alles wissen und neue Erkenntnis wäre für ihr ausgefeiltes Wissen gefährlich.

Der Stura in Leipzig hat ein Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik, noch so ein Beleg dafür, dass hier kein Wissen, sondern Ideologie verbreitet wird, zeigen beiden Begriffe doch deutlich, dass sich die Studenten, die sich berufen fühlen, für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik zu streiten, für Auserwählte halten, die andere paternalisieren können.

Dieses Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik hat einen Wettbewerb durchgeführt, dessen Ziel es war, 30 Tage lang, “sexistische und diskriminierende Publikationen” zu sammeln und am Ende die Publikation zu prämieren, die sich als sexistischste und diskriminierendste gegen die Konkurrenz behaupten konnte (Wie man sieht, schlummert in jedem Gleichsteller und Antidiskriminierer ein kleiner Voyeur (in der Tradition des Kulturteillesers beim Spiegel), der nichts lieber tut, als sich  mit sexistischer und diskriminierender Darstellung vollzusaugen, vermutlich als Form der Deprivations-Bekämpfung.).

Marius JungMehr als 100 Vorschläge haben das Referat erreicht. Die Wahl war dennoch einfach: Marius Jung und sein Buch “Singen können Sie alle! Handbuch für Negerfreunde” hat das Rennen gemacht und sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt. Marius Jung, seineszeichens nicht nur Autor eines Buches über Negerfreunde, sondern selbst schwarz, hat es mit Humor genommen und die Leipziger Agitatoren haben versucht, ihren Fauxpas damit zu rechtfertigen, dass sie die Art der Werbung für das Buch von Jung sexistisch und diskriminierend finden. Die Art der Werbung meint das Cover des Buches, auf dem ein muskulöser und lachender Schwarzer zu sehen ist, weitgehend nackt, nur von einer Schleife verhüllt, so dass die Zensur nicht rot wird und, eben an dieser Schleife, haben die möchtegern Studenten vom Referat für … Sie wissen schon, Anstoß genommen: “Hierbei”, so schreiben sie, “zeigt sich unserer Meinung nach eine stereotype Darstellung eines nackten schwarzen Menschen, der durch eine rote Geschenkschleife objektiviert wird”.

Wer das Buchcover betrachtet, sieht einen doch sehr individuellen schwarzen Mann. Offensichtlich sind die Herrschaften aus dem Referat zu sehr auf die Schleife des freundlich lachenden jungen Mannes fixiert.

Wie dem auch sei, wir haben die Aktion des Referats aus Leipzig zum Anlass genommen, um unsererseits einen Wettberwerb zu starten: Wir suchen den AStA, Studentenrat oder das Referat beim AStA, von dem mit Fug und Recht gesagt werden kann, dass es aus Personen besteht, die von Wissenschaft keine, aber auch wirklich gar keine Ahnung haben. Wir zeichnen aus: den Universitäts-Moron!

Die Gewinnvoraussetzung sieht entsprechend vor, dass die Vorschläge mit einer kurzen Begründung eingereicht werden. Und damit unsere Leser eine Vorstellung davon haben, was wir erwarten, legen wir auf Basis der Aktion “Der Preis ist heiß*” des Stura Leiptig, die Latte schon einmal etwas höher und geben hier eine Reihe von Kriterien an, die bei der Preiszumessung berücksichtigt werden können:

Kriterium 1: Verwendung von Worten ohne Sinn und Zweck – Begriffs-Dropping

Die Aktion “Der Preis ist heiß” soll folgendes, wie die Verantwortlichen schreiben: “Dabei soll gezielt die Sichtbarmachung und das Empowerment von Menschen und Empfindungen gefördert werden, welche im Sinne und im Aufgabenbereich des RGL [Referat für Gleichstellung und Lebensweisen] im Vergleich zur vorherrschenden, patriarchal geprägten Mehrheitsgesellschaft oftmals ungehört bleiben oder gänzlich verdrängt werden”.

Suchen Sie nicht nach dem Sinn dieses Satzungetüms, es hat keinen. Es hat nur einen Zweck: zeigen, man macht etwas und ist gut, selbst wenn man Teil der patriarchal geprägten Mehrheitskultur ist…

Kriterium 2: Zirkuläre reduktio ad absurdum

morons2Es gibt eine Vielzahl von Leuten, die den Mund aufmachen und ihn besser gehalten hätten. Viele davon reden sich um Kopf und kragen, schreiben sich um Kopf und Kragen, indem sie sich selbst mehrfach und zirkulär ad absurdum führen, etwa so:

“Grundsätzlich – dieser Fakt ist für uns nicht verhandelbar – hat jeder Mensch eine individuelle Erfahrung und Empfindung bezüglich diskriminierender Benachteiligung und Ungleichheit [es gibt demnach auch nicht diskriminierende Benachteiligung]. Wir vertreten die Ansicht, dass die Deutungshoheit und Definitionsmacht bei den einzelnen Menschen selbst verortet ist. … Daher wehren wir uns ausdrücklich gegen Anfechtungen und Diffamierung. Gleichzeitig verstehen wir einige Reaktionen nicht als individuelle Meinungen, sondern als Ergebnis patriarchal geprägter Strukturen”.

Ein weißer weiser Pfälzer hat nach dem Hören oder Lesen von Passagen wie der zitierten in der Regel gesagt: “Oh Herr, schmeiß’ Hirn.” Wir sind geneigt, ihm zuzustimmen. Nach Ansicht von Kerstin Schmitt, die diesen Unsinn mit “queer-feministischen Grüßen” unterschrieben hat, ist also jeder Mensch Herr über seine Erfahrungen und Empfindungen, hat Deutungshoheit und folgerichtig ist er auch Herrscher über seine Aussagen und Äußerungen, jedenfalls so lange bis seine Aussagen und Äußerungen von Kerstin Schmitt nicht als Anfechtung und Diffamierung und von patriarchal geprägten Strukturen verursacht, angesehen werden. Dann ist es Essig mit der Deutungshoheit und den individuellen Erfahrungen, denn Deutungshoheit hat nur Kerstin Schmitt als möchtegern Hohepriester einer nicht-pratriachalen Struktur, die es vermutlich nur im Hirn von Frau Schmitt gibt, gleich neben der herbeigesehnten patriarchalen Struktur, ohne die das eigene Dasein doch so gar keinen Sinn hat.

Kriterium 3: Purer Unsinn und Grenzdebilität

“Dass nicht die Intention zählt, sondern das Resultat, welches bei den Betroffenen ankommt, ist eine weitere Prämisse des RGL …”

Entsprechend der oben beschriebenen Deutungshoheit der einzelnen über die Frage, ob sie diskriminiert werden oder nicht, hat das Referat aus Leipzig gerade den eigenen Preis als Unsinn deklariert, denn die Referatler oder Räte oder wie sie sich auch nennen mögen, können natürlich keinerlei Aussage darüber machen, wie etwas bei anderen ankommt. Im Übrigen ist es natürlich auch unerheblich, welche Intentionen die Sturas mit ihrer Aktion haben und nur die Ergebnisse zählen: Also, je nach Perspektive, dass sie Marius Jung und sein Buch diskreditiert haben oder dass sie sich lächerlich gemacht haben. Nach ihren eigenen Maßstäben müssten sie entsprechend mit vollstem Verständnins auf eine eventuelle Schadensersatzklage des Carlsen-Verlages und von Herrn Schmitt reagieren.

Ergo:

“Selbstkritisch möchten wir an dieser Stelle feststellen, dass die Perspektive unseres Blickes Teil einer weißen Mehrheitsgesellschaft ist. Aus dieser Perspektive heraus empfinden wir es als Notwendigkeit zu betonen, dass wir nicht den Inhalt des Buches oder den Umgang des Autors mit seiner (Rassismus-)Erfahrung in Frage stellen …”

Wie, bei aller individuellen Deutungshoheit, die Referatsmitglieder es geschafft haben, zu einem “wir” zu kommen, ist uns ein Rätsel (vielleicht ist es gar kein “wir”, sondern die Deutungshoheit der nicht-patriarchalen Struktur “Kerstin Schmitt”, die hier spricht), aber sei’s drum, als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft, der wir nun auch einmal sind- wenn auch durchaus nicht überall auf der Erde, wollen wir nur noch anmerken, dass es uns, in unserer individuellen Deutungshoheit, die sich auf Jahrzehnte individueller Erfahrung gründet, nicht nachvollziehbar ist, wie man aus der Perspektive des Blickes der Referatler zu dem Unsinn kommen kann, den sie von sich gegeben haben. Aus der Perspektive der Wissenschaftler, die wir sind, müssen wir anfügen, dass es uns kalt den Rücken herunterläuft, wenn wir sehen, was derzeit an deutschen Universitäten herangezüchtet wird.

Die drei Kriterien sind nur Vorschläge unsererseits. Leser können sich eigene Kriterien überlegen, die ihren Vorschlag für die Auszeichnung “Universitäts-Moron”, den Preis für die studentischen Vertreter, die von Wissenschaft nachweislich die geringste Ahnung haben, begründen. Bedingung ist nur, dass die Kriterien nachvollziehbar und prüfbar sind.

Vorschläge bitte per Email an ScienceFiles