Nur keine Verantwortung: Die Ausweitung der Kindheit

Die Infantilisierung der Gesellschaft, die letztlich nichts anderes ist, als die Ablehnung Der Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben, diese Infantilisierung, wir haben sie vor einigen Tagen mit Pascal Buchner beschrieben. Gestern kam uns nun eine Pressemeldung auf den Tisch, die diese Infantilisierung perfekt demonstriert.

geschichte_der_kindheitWir wollen den Ausgangspunkt bei Philippe Ariès nehmen, dessen Buch “Die Geschichte der Kindheit”, als es 1975 ins Deutsche übersetzt vorlag, erhebliche Debatten ausgelöst hat, stand es doch im Widerspruch zu der für gültig gehaltenen Lehrmeinung, nach der Kinder unschuldige Wesen sind, die es, um mit Rousseau zu sprechen, so lange wie möglich vor den schädlichen Einflüssen der Gesellschaft zu schützen gelte. Die Kindheit als Phase der Unschuld, sie ist westlichen Gesellschaften seither ins Mark gemeißelt.

Ariès hat die kindliche Unschuld ebenso wie die angebliche natürliche Phase der Kindheit als gesellschaftliches Konstrukt aufgezeigt. Vermutlich im 17. Jahrhundert, so schließt Ariès aus seinen Analysen der Darstellung von Kindern in Literatur und Kunst, sei die Kindheit erfunden worden. Sein Reichtum habe es dem aufkommenden Bürgertum ermöglicht, den entsprechenden Schutzraum für seine Kinder zu schaffen.

Dass es sich bei diesem Schutzraum, bei der erfundenen Kindheit, um ein Phänomen des Bürgertums handelt, an dem Arbeiter, Handwerker, Dienstboten oder andere Schichten der Bevölkerung keinen Anteil hatten, das zeigt Buchner in seiner Darstellung der Entwicklung der Kindheit, und das kann man den Büchern von Charles Dickens entnehmen, in denen z.B. die Figur des kleinen Jungen, der Straßenübergänge für Fußgänger von Pferdemist freihält, regelmäßig zu finden ist.

Die Erfindung der Kindheit, die Schaffung eines Schutzraumes, der Kinder so lange wie nur möglich von Verantwortung fernhält und letztlich auf den Status eines kleinen, nicht-verantwortlichen und formbaren Organismus reduziert, sie ist nicht nur relativ neu, sie wird auch von einem ungeheuren Wachstum der Kindheitsindustrie begleitet.

Wer Kindheitsindustrie hört, der denkt in erster Linie an die spezielle Nahrung, Kleidung, das Spielzeug, die Gegenstände des täglichen Lebens, die auf die angeblich abweichenden Bedürfnisse von Kindern abgestimmt sind, und vieles mehr. Die Kindheitsindustrie umfasst jedoch auch (oder vor allem?) all diejenigen, die mit der Erfindung der Kindheit eine Möglichkeit des Unterhalts erworben haben: die Lehrer, die Kindergärtner, die Kinderärzte, die Kinderpsychologen, die Kindertherapeuten, die Schulpsychologen, die Betreuer, die Sozialarbeiter, Streetworker, die vielen Tausend Beamten der Jugendgerichtshilfe und viele mehr.

Diese Kindheitsindustrie, sie ist stetig gewachsen, und sie ist ständig bemüht, den Gegenstand ihrer Bemühungen so lange wie nur möglich im Stadium der Unmündigkeit, in dem seine Betreuung notwendig ist, zu halten.

Entsprechend endet die Kindheits- und Jugendphase längst nicht mehr mit dem 18. Lebensjahr, mit dem angeblich die Reife vorhanden sein soll, um als volljährig und wahlberechtigt zu gelten. Entsprechend hat man im Strafrecht den Heranwachsenden erfunden, der zwar volljährig, aber nicht voll ernst zu nehmen und nicht voll mündig ist. Er schleppt sich bis zum 21. Lebensjahr und darf darauf hoffen, vor Gericht wie ein unmündiger Jugendlicher, der für seine Handlungen nicht voll verantwortlich ist, behandelt zu werden.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik hat gar den Jungerwachsenen erfunden, der dem Heranwachsenden nachfolgt und erst mit dem 25. Lebensjahr erwachsen werden soll. Wenn es darum geht, die Kindheit zu verlängern und aus der Sonderbehandlung der weiterhin unmündig Gehaltenen ein Einkommen zu extrahieren, dann sind der Phantasie offensichtlich keine Grenzen gesetzt.

Entsprechend ist es nicht verwunderlich, wenn die Verlängerung der Unmündigkeit aus dem Strafrecht in die alltägliche Welt übertragen wird und eine neue Phase der Unmündigkeit von Volljährigen geschaffen wird.

Vorreiter scheint hier die Universität Hamburg zu sein, die Folgendes anbietet:

Uni Hamburg

und der Unselbständigkeit?

“Wie ich als Mutter oder Vater mein Kind bei der Studienentscheidung unterstützen kann

Jedes Jahr stehen studieninteressierte junge Erwachsene vor der Frage, welches Studienfach sie wählen sollten. Die Entscheidungen treffen sie oft nicht allein, sondern im Austausch mit den Eltern, die als Rat- und oft auch als Geldgeber gefragt sind. Doch viele Mütter und Väter sind mit Begriffen wie „Credit Points“, „STiNE-Account“ und dem Bachelor- und Mastersystem nicht vertraut. Um den Eltern ein Basiswissen über das universitäre System zu vermitteln und der Frage nachzugehen, ob und wie sie ihre studieninteressierten Kinder bei der Entscheidung für ein Studienfach unterstützen sollten, lädt die Universität Hamburg ein zur

Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der
Zentralen Studienberatung und Psychologischen Beratung der Universität Hamburg (ZSPB).”

Die Verlängerung der Kindheit und damit die Verweigerung der Mündigkeit geht mit einer Verlängerung der Zuständigkeit von Eltern einher. Sie werden von den Betreuern und Beratern, von den Umsorgern, die an der Verlängerung der Unmündigkeit verdienen, in die Pflicht genommen. Sie sind instrumentell dabei, ihre Kinder in Unmündigkeit zu halten. Denn deren Unmündigkeit ist die Einkommensquelle der Betreuer, Berater und Umsorger.

In den meisten Kulturen gibt es Initiationsphasen, die den Übergang von einem Status in den nächsten markieren, z.B. den Übergang von der Kindheit in den Status eines vollwertigen Mitglieds der Gesellschaft. Westliche Kulturen scheinen den umgekehrten Weg zu gehen, sie scheinen die Übergänge beseitigen und die ewige Kindheit, die ewige Verantwortungslosigkeit institutionalisieren zu wollen, die Infantilisierung der Gesellschaft, die die Macht in die Hände von Verwaltungen und all denen legt, die die Verantwortungslosen in ihrem täglichen Leben führen, begleiten und betreuen wollen.

An die Stelle der Initiationsriten, die Kindern und Jugendlichen den Übergang in die Welt der Erwachsenen bzw. das Nehmen einer Entwicklungsstufe signalisieren, tritt langsam aber stetig die durchgehende Betreuung, Beratung, Umsorgung und Umhegung durch die Vertreter der Kinder- und Jugendlichenindustrie, die aus deren Unmündigkeit nicht nur ihren finanziellen Nutzen ziehen.

Und so wird langsam Privatheit und Eigenverantwortung beseitigt und ersetzt durch die Öffentlichkeit z.B. der Bildungsbiographie, um die sich Horden für sich gutmeinender Nutznießer sorgen, die verunmöglichen, was angeblich das höchste Ideal moderner Gesellschaften ist: den selbständigen, eigenverantwortlichen und mündigen Bürger.

P.S.

Es ist sicher kein Zufall, dass das Hamburger Angebot von einem Psychologen und einer Pädagogin gemacht wird.

Her Majesty the Baby: Infantilismus im 21. Jahrhundert

Von erwachsenen Menschen erwartet man unter anderem, dass sie über Urteilsvermögen verfügen, dass sie Dinge beurteilen können, z.B. aufgrund ihrer Erfahrung und dass sie über eine moralische und sittliche Reife verfügen, die dieses Urteilsvermögen erst möglich macht.

angrzBlickt man in die Runde und nimmt diejenigen ins Visier, die Repräsentanten von Wählern sein wollen, dann kommen die ersten Zweifel an der moralischen und sittlichen Entwicklung, die Menschen, die alle körperlichen Anzeichen eines Erwachsenen aufweisen, auszeichnen soll, und wenn die entsprechenden Repräsentanten dann den Mund aufmachen, dann kommen auch erhebliche Zweifel am Urteilsvermögen auf [Wie kann z.B. jemand auch nur rudimentäre Spuren von Urteilsvermögen haben, der versucht, sinnlose Gewalttaten zu rechtfertigen?]

Die Retardierung, die man bei den angesprochenen Repräsentanten feststellen kann, ihr Verbleiben oder ihre Rückkehr in eine infantile Haltung, findet sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, wo die vernünftige Argumentation dem primitiven Palaver gewichen ist, das regelmäßig der derogativen Wortonanie weicht, die dann nicht nur sprichwörtlich an das Baby erinnert, das mit hochrotem Kopf schreit, weil es nicht bekommt, was es will.

Die in Deutschland verbreitete Vorstellung, man könne Reziprozität verweigern und sich in die Arme des alimentierenden Staates flüchten, die Idee, man könne andere, deren Meinung gerade nicht passt, ausgrenzen und beleidigen und sicher sein, dass man nicht eines Tages mit eben diesen Menschen konfrontiert ist, in einer Interaktion konfrontiert ist, in der man auf deren Kooperation angewiesen wäre, diese Idee ist zu komplex, als dass sie für viele denkbar scheint. Das Verharren in einem Stadium kindlicher Verantwortungslosigkeit gepaart mit der infantilen Gier, alles in den Mund zu stecken, was mit den Händen erreicht werden kann, ist weit verbreitet.

Mit dieser Diagnose stehen wir mitnichten allein.

Einer, der sie bereits 1995 in einem Buch niedergeschrieben hat, ist Pascal Bruckner, den wir gerade wieder lesen. Wir wollen unseren Lesern die Passage, in der Bruckner die verbreitete Lust, im Stadium der Infantilität zu verharren, bespricht, nicht vorenthalten.

Bruckner“In unserer Gesellschaft gibt es zahlreiche Anzeichen für einen allgemeinen Vergnügungswillen, ein allgemeines Zurückgleiten zu Wiege und Rassel: viele erfolgreiche Filme haben Säuglinge zu Hauptpersonen, die schon Helden sind, bevor sie Milchzähne haben, Babys als Mannequins, junge Idole, die mit sieben bereits Multimillionäre sind, launisch und affektiert wie alte Stars […], Miniatursänger von vier Jahren, der Homunkulus, der zum Publikumsliebling wird und stotternd seinen Lebensüberdruß zum Ausdruck bringt. […] Dieser Einbruch der Kinder in die Rock- und Varietészene, das Kino, die früher Jugendlichen vorbehalten waren, diese Blüte von Akteuren und Schnulzensängern erreicht massenhaft jedes Publikum. Allenthalben überbieten sich Knirpse an Affektiertheit, um unsere Herzen zu rühren. Die Babys sind im Kleinformat die Götter unseres Universums, und sie haben die Teenager entthront, die noch gerade gut genug für die Rente sind. Der Imperialismus des Kleinkinds kennt keine Grenzen mehr, die kleinen Herren und Damen beherrschen uns in Sabberlätzchen und Windeln.

Die Erwachsenen säumen nicht, in die Kindheit zurückzufallen, die Uhren rückwärts zu stellen, das Geschehen umzukehren wie die Finger eines Handschuhs. […] ‘Bald ist Schluss mit dem Altern’, titelt eine Illustrierte. Eine unglaubliche Nachricht. Wenn das Altwerden schon nicht mehr eine Zeitfrage ist, wenn es möglich ist, nicht nur die Falten verschwinden zu lassen, die Figur zu verbessern, Haare zu implantieren, die Vergreisung aufzuhalten, vor allem aber, die biologische Uhr zurückzudrehen, dann müsste demnächst auch der letzte Feind, der Tod, besiegt sein. Alle Definitionen von normal und pathologisch werden umgekehrt: Nicht krank sein ist noch das geringste. Man muss uns zuerst von jener tödlichen Krankheit heilen, die Leben heißt, da dies eines Tages zu Ende ist. Man unterschiedet nicht mehr zwischen den Dingen, die gemildert werden können – Aufhalten des körperlichen Verfalls, Verlängerung des Lebens – und dem Unvermeidlichen, der Endlichkeit und dem Tod. Dieser ist nicht mehr das normale Ende des Lebens, sozusagen die Bedingung dafür, dass es das Leben gibt, sondern ein Scheitern der Therapien, die vor allem anderen verbessert werden müssen. Die Maschinen und die Wissenschaft behaupten, sie befreien uns von Zwängen und Mühsal; nun wollen wir uns vom Werden freimachen. Die Moderne gaukelt uns die baldige Beherrschung des Lebens vor, das Vordringen zu einer ‘zweiten Schöpfung’, die nicht mehr von den Zufällen der Natur abhängig ist. Nicht, dass wir sie anstreben, erscheint und irrig, wohl aber die Tatsache, dass sie durch diverse Hindernisse erst so spät realisiert werden kann.

Das aberwitzige Streben nach Vernatwortungslosigkeit zeigt sich auf prosaischere Weise im Fernsehen oder im Radio am Überhandnehmen von schlechtem Niveau (Witzen über Körperteile, schlüpfrigem Humor, dummen Sprüchen und Pennälerwitzen […]). Es ist, als sollten die Zuschauer, von überkandidelten Spaßmachern angeheizt, gemeinsam alle Hemmungen ablegen, ein paar Stunden lang Gewohnheiten und Konventionen vergessen und sich ausgiebig einem glückseligen Schwachsinn hingeben. Wie das zweijährige Kind […], das eine elektromagnetische Ladung abbekommen hat, ein mehrere Meter hoher Riese wird, über Häuser und Gebäude steigt, Wagen und Busse mit seinen kleinen Füßen zertritt und die ganze Stadt tyrannisiert, sind auch wir aus Versehen groß geworden, ohne dass unser Geist mitgewachsen ist, und wir weichen vor keinem Mittel zurück, unsere Kindheit zu verlängern, die durch zu starke Belichtung weiter in uns existiert. Da sich das eigentliche Leben vorher abspielt, verüben wir an uns selbst eine wahre Verführung Minderjähriger und wenden den Lauf der Zeit nach rückwärts, zum Land der ewigen Jugend.

Man wird einwenden, dass es sich hierbei um Verrücktheiten handelt, die viel zu grell und auffällig sind, als dass man ihnen Bedeutung zumessen könnte. Damit jedoch solche seltsamen Dinge möglich sind, müssen wir schon so sehr von Infantilismus durchdrungen sein, dass unsere ganze Umgebung von ihm beeinflusst wird und er sich uns mit einer Selbstverständlichkeit präsentiert, die wir gar nicht mehr bemerken. Es ist, als müsse die Kindheit, in der ersten Person zu sprechen, mit einer furchtbaren Strafe bezahlt werden. Der neue abendländische, nach rückwärts gewandte Adam zerstört sich genüßlich in kindlicher Dummheit, Verwöhnung und Albernheit, Hauptsache, er genießt die Wohltaten dieser Zeit ohne die Fesseln, die eigentlich von ihr zu erwarten sind. Die ‘Kindlichkeit’ unserer Gesellschaft hat nichts mit der zu tun, die es in der traditionellen Welt gab, sie ist nachgeahmt und parodistisch, eine Abweichung von der durch Weißheit und Erfahrung gesetzten Norm. […]
Der Infantilismus des Abendlandes hat nichts mit der Liebe zur Kindheit zu tun, sondern mit der Suche nach einem Zustand außerhalb von Raum und Zeit, in dem alle Symbole dieses Alters hochgehalten werden, um sich daran zu berauschen. Er ist eine Fälschung, eine fratzenhafte Usurpierung, er verunglimpft die Kindheit ebenso, wie er auf dem Reifsein herumtrampelt und bewirkt eine schädliche Verwirrung zwischen dem Kindlichen und dem Kind. Das Baby wird zur Zukunft des Menschen, wenn der Mensch keine Verantwortung mehr für die Welt und für sich übernehmen will.” (Brucker, 1999: 109-113)

Brucker, Pascal (1999). Ich leide also bin ich. Die Krankheit der Moderne. Berlin: Aufbau Taschenbuch-Verlag.

LSBTTIQs in Baden-Württembergs Schulen: Keine Akzeptanz von Meinungsvielfalt im Bildungsplan 2015

Als Robert Michels im Jahr 1911 das seither zum Klassiker der politischen Soziologie avancierten Buch “Soziologie des Parteiwesens” veröffentlicht hat und darin sein “ehernes Gesetz der Oligarchie(bildung)” aufgestellt hat, ging es dem überzeugten Sozialdemokraten vor allem darum, die Prozesse aufzuzeigen, die unumkehrbar und zwangsläufig dazu führen, dass Vertreter der Arbeiter, dann, wenn sie in Ämter gewählt sind, keine Vertreter der Arbeiter mehr sein können, sondern zu Lobbyisten und Vertretern ihrer eigenen Interessen werden.

Michels Soziologie des ParteiwesensDie Soziologie des Parteienwesens ist eine Abrechnung mit der naiven Idee der altruistischen Repräsentation von Wählern durch Gewählte. Den Schritt hin zur egoistischen Vertretung eigener Interessen und der Anfälligkeit für Lobbyisten, die politische Gefallen durch kleine Gefälligkeiten ihrerseits goutieren, ist dann Anthony Downs in seiner Ökonomischen Theorie der Demokratie gegangen, so dass man die Entwicklung der Theoriebildung im Hinblick auf die politische Klasse, die in Amt, aber nicht unbedingt in Würden sitzt und immer noch erzählt, sie würde die Interessen ihrer Wähler vertreten, wie folgt zusammenfassen kann:

Politiker sind opportunistische Akteure, die den eigenen Vorteil suchen. Gelangen Politiker in Regierungsverantwortung, dann haben sie die Möglichkeit, politische Gefallen zu verteilen (also von Steuerzahlern finanzierte Geschenke an bestimmte Gruppen). Entsprechend entwickelt sich ein Netzwerk aus Politikern und ihnen nahestehenden Lobbyisten, das auf Gegenseitigkeit basiert, und in dem Gefallen ausgetauscht werden.

Ein sehr gutes Beispiel, an dem man diese zwangsläufige Degeneration politischer Systeme deutlich machen kann, ist die Baden-Württembergische Landesregierung.

Die MItglieder der Landesregierung in Baden-Württemberg haben es sich zum Ziel gesetzt “Vorurteile gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgendern, intersexuellen und queeren Menschen (LSBTTIQ) abzubauen”.

Und wie anders könnte man Vorurteile, deren Existenz man der Bequemlichkeit halber bei der Landesregierung einmal annimmt, abbauen, als dadurch, dass man bereits Kindern im Grundschulalter diktiert und vorschreibt, wie sie die Vielfalt der Welt zu sehen haben, nämlich im Rahmen einer “angstfreien Bildung” in der dem “Verschweigen und Ausgrenzen von LSBTTIQ” ein Ende gesetzt wird.

Die Reihenfolge ist interessant: Erst Verschweigen – dann Ausgrenzen. In unserer Grundschulzeit wurde keinerlei Bezug zu “LSBTTIQ”  hergestellt, was in der Diktion der Landesregierung wohl meint, uns wurde die Existenz von LSBTTIQ verschwiegen. Deshalb müssten wir, gingen wir heute zur Grundschule, auf die Existenz von LSBTTIQ hingewiesen werden, was natürlich voraussetzt, dass man Sechs- bis Neunjährigen erklärt, was ein LSBTTIQ eigentlich ist. Und nachdem man den Sechs- bis Neunjährigen die Existenz von LSBTTIQ in den Kopf gesetzt hat, muss man dafür Sorge tragen, dass die Sechs- bis Neunjährigen den LSBTTIQ auch mit dem gebührenden Respekt begegnen und sich nicht etwa abfällig oder spaßig über LSBTTIQ äußern, auch nicht gegenüber ihren Eltern, denn wer weiß, vielleicht sind die Eltern ja LSBTTIQ und haben das ihren Kindern bislang verschwiegen, es nicht über sich gebracht, sich zu outen, wo outen doch so wichtig ist, weil die Welt darauf warten, dass auch Katharina X und Karsten Z endlich mitteilen, dass sie LSBTTIQ sind.

Und wie verhindert man, dass Sechs- bis Neunjährige sich abfällig über LSBTTIQ äußern oder Späße über LSBTTIQ machen? Man droht ihnen Konsequenzen an oder man versucht, ihnen moralische Kosten zu verursachen. Das ist, was die Landesregierung unter angstfreier Bildung versteht.

zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089Auch nachdem sich Widerstand gegen den ursprünglichen Bildungsplan geregt hat, breiter Widerstand, der fasst schon einem Aufstand der Zivilgesellschaft gleichgekommen ist, ist die Landesregierung nicht von ihren Vorhaben abgerückt. Wir haben auf ScienceFiles über die Petition gegen den Bildungsplan und die damit beabsichtigte Sexualisierung von Schulen berichtet und die Reaktion der Landesregierung auf den Widerstand aus der Bevölkerung gewürdigt.

Konfrontiert mit dem Widerstand aus dem ungeliebten Teil der Zivilbevölkerung, hat sich die Landesregierung in die Schmollecke verzogen und den Bildungsplan 2015 erst einmal auf Eis gelegt. In der Schmollecke haben die Mitglieder der Landesregierung dann gebrütet und überlegt, wie sie, die so gerne die Partizipation von Bürgern, deren Beteiligung, die Bürgerbeteiligung, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten im Mund führen, mit dieser völlig unpassenden und nicht-gewollten Bürgerbewegung umgehen, und wie sie ihren Bildungsplan auch gegen Widerstand durchdrücken können.

Vom Ergebnis der Zeit in der Schmollecke hat uns Gabriel Stängle, der Realschullehrer, der die Petition gegen den Bildungsplan 2015 initiiert hat und der, wie wir seit gestern wissen, zu den regelmäßigen Lesern von ScienceFiles zählt, ausführlich berichtet.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Landesregierung Baden-Württemberg tut zweierlei: Zum einen wird versucht, den Widerstand gegen den Bildungsplan 2015 auszusitzen, in der Hoffnung, dass er von selbst verschwindet. Zum anderen wird versucht, den ursprünglichen Plänen, die man vermutlich 1:1 in entsprechenden Vorlagen der Lobbyverbänden von LSBTTIQs findet, eine demokratische Legitimation zu verschaffen, und zwar mit einer Reihe von Taschenspielertricks, die man übel nehmen muss, zeigen sie doch entweder den IQ der dafür Verantwortlichen, was für deren Wähler nicht schmeichelhaft ist, oder die Vorstellung der Verantwortlichen vom IQ der Wähler, was ebenfalls für die Wähler nicht schmeichelhaft ist.

Wir haben uns aus dem Versuch der Landesregierung, nicht als Lobbytruppe für LSBTTIQ zu erscheinen, drei Punkte herausgegriffen, die eine eindeutige Sprache sprechen. Wer genau erfahren möchte, wie das neue Gewand der Sexualisierung von Grundschülern aussieht, sei auf den Beitrag, den Gabriel Stängle in seinem Blog veröffentlicht hat, verwiesen.

Unsere drei Punkte beziehen sich auf:

  • die Chimäre der Bürgerbeteiligung;
  • die vermeintliche Notwendigkeit des Schutzes von LSBTTIQ;
  • die totalitäre Fratze hinter dem Bildungsplan;

Chimäre der Bürgerbeteiligung

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Faktencheck-bw

Wer sich auf der Seite der Landesregierung umschaut, die einzig dem Marketing des Bildungsplans 2015 gewidmet ist, der findet dort bereits nach kurzer Zeit den Marketing-Slogan, mit dem der Prozess, der zum Bildungsplan 2015 geführt hat, vermarktet werden soll: “Gute Politik wächst von unten!”. Das klingt nach Basisdemokratie. Das kling nach Bürgerbeteiligung. Aber es klingt nur danach, denn die “gute Politik”, die von unten wachsen soll, sie erweist sich als Lobby-Politik, wenn man einmal betrachtet, wer für die Landesregierung, die sich natürlich oben wähnt, unten ist. Unten sind (1) Vertreter der im Landtag vertretenen Fraktionen, (2) 12 Vertreter des landesweiten Netzwerks LSBTTIQ, (3) Vertreter kommunaler Landesverbände, (4) Vertreter der Liga der freien Wohlfahrtspflege, (5) Vertreter der AIDS-Hilfe, (6) Vertreter des Landesgeundheitsamts und (7) Vertreter aus den Ministerien, also kurz: “Sie nicht!”

Das sind die Vertreter, die gute Politik von unten sichern sollen. Die gute Politik von unten, ist der Bildungsplan 2015, der soll durch die ausgesuchten Vertreter abgesegnet werden. Das erklärt, warum die angeblich gute Politik ohne die Mitwirkung von Elternvertretern auskommt, warum von den Gegnern des Bildungsplans 2015 niemand in den Beirat gelangt ist, denn diese Gruppen haben vermutlich eine andere Vorstellung davon, wie gute Politik in z.B. Grundschulen aussieht, eine falsche Vorstellung, nämlich nicht die Vorstellung der Landesregierung, und deshalb würden sie im Beirat stören, in dem es darum geht, die Lobbypolitik für LSBTTIQ durchzusetzen.

Lobbypolitik zielt in der Regel auf zwei Dinge: Einfluss und Geld.

Einfluss wird dadurch sichergestellt, dass duch die Sexualisierung von Grundschulen aktive Mitgliederwerbung für LSBTTIQ betrieben wird.

Geld wird durch den “Aufbau einer Geschäftsstelle und die Unterstützung der professionellen Arbeit des Netzwerkes LSBTTIQ” sichergestellt. Das Hauptziel aller Lobbyisten, die nicht für private Unternehmen tätig sind, in Zukunft aus Steuergeldern finanziert zu werden, ist damit erreicht. Damit LSBTTIQ flächendeckend vom Bildungsplan profitieren, sollen “Anlaufstellen für LSBTTIQ” geschaffen werden, von Steuerzahlern finanziert, versteht sich. Damit LSBTTIQ ihren Spleen nicht auf eigene Rechnung ausleben müssen, soll eine “Leistungspflicht der Krankenkassen bei begleitenden Therapien und medizinischen Eingriffen für transsexuelle und transgender Menschen” geschaffen werden und vieles mehr.

Kaum ein Lobbyverband ist erfolgreicher als der der LSBTTIQ. Wie wir schon mehrfach festgestellt haben, ist es erstaunlich, wie ein kleines Häuflein von Aktivisten es schafft, die Mehrheit nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Man kann nur vermuten, welche Form gegenseitiger Gefallensgewährung hinter dem Erfolg der entsprechenden Lobbyisten in z.B. Baden-Württemberg steht.

Vermeintliche Notwendigkeit

Die vermeintliche Notwendigkeit, die eine Bewerbung von Akzeptanz und Toleranz sexueller Vielfalt und deren gesetzliche Verankerung im Bildungsplan 2015 hat, soll über eine Online-Umfrage belegt werden, die die Landesregierung hat durchführen lassen. Es ist nicht bekannt, wer die Online-Umfrage erstellt, ausgewertet und interpretiert hat (Ein Mitarbeiter des Statistischen Landesamts hat wohl die Grafiken für den Bericht erstellt). Falls es sich dabei um Wissenschaftler handelt, so schrecken sie zumindest davor zurück, dass ihr Name mit der Online-Umfrage der Landesregierung in Zusammenhang gebracht wird. Sie wären wissenschaftlich ruiniert, wäre dies der Fall.

UmfragemissbrauchEs gibt eine Reihe von Todsünden empirischer Sozialforschung, die, wenn sie begangen werden, den Effekt haben, die Ergebnisse zu verzerren. Diese Todsünden meiden Wissenschaftler, während Ideologen sie zu nutzen versuchen, denn sie eignen sich, um sicherzustellen, dass am Ende einer Befragung herauskommt, was man herausbekommen will.

Zwei Beispiele mögen genügen, um dies für die Online-Umfrage der Landesregierung Baden-Württemberg zu demonstrieren und die Umfrage damit als auch nur ansatzweise aussagekräftig zu erledigen.

  • Selektivität der Grundgesamtheit
  • Fehlende Vergleichsgruppe

(1)

Eine selektive Grundgesamtheit liegt dann vor, wenn bestimmte Eigenschaften in der Grundgesamtheit überrepräsentiert sind. Stellte man sich vor den Bahnhof in Mannheim und würde die Passagiere der Bundesbahn befragen, was sie von einer steuerlichen Bezuschussung für Bahnreisende halten, das zustimmende Ergebnisse wäre vorhersehbar und man hätte es über eine Selegierung der Grundgesamheit erreicht, denn: führte man dieselbe Umfrage auf dem Angestelltenparkplatz der BASF durch, das Ergebnis wäre sicher ein anderes.

Die Online Umfrage der Landesregierung richtet sich nur an die Buchstabenfolgen-Menschen, also die LSBTTIQs. Sie wurden in ihren Netzwerken angesprochen, auf so genannten Beteiligungsworkshops angesprochen, es wurde eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, um einerseits sicherzustellen, dass eine selektive Grundgesamtheit entsteht und andererseits sicherzustellen, dass nur motivierte und in der Regel auch aktivistische Buchstaben-Menschen (also politisierte LSBTTIQ, die nicht für den normalen LSBTTIQ repräsentativ sind) an der Umfrage teilnehmen.

Die Ergebnisse sind entsprechend und die Online-Umfrage ist ein Beispiel dafür, wie man Steuergelder einsetzt, um die Methoden der empirischen Sozialforschung für seine Zwecke zu missbrauchen. So langsam wäre es nicht nur an der Zeit, Politikern jeglichen Umgang mit empirischer Sozialforschung zu verbieten, sondern eine Regelung in Landes- und Bundesgesetze aufzunehmen, nach der Politiker für grobe Verstöße gegen die guten Sitten und die sorgfältige Verwendung von Steuergeldern haften.

(2)

Um die Notwendigkeit des steuerfinanzierten Werbens für LSBTTIQ sowie die Einrichtung entsprechender Geschäfts- und Anlaufstellen, für alle, die sich mit Buchstaben identifizieren, deutlich zu machen, wurde in der Online-Umfrage nach Diskriminierungserfahrungen gefragt. Angesichts der Auswahl der Teilnehmer der Umfrage ist bereits sichergestellt, dass es Berichte von Diskriminierungserfahrungen geben wird. Um aber gar nichts dem Zufall zu überlassen, wurden nur Buchstaben-Menschen befragt, d.h. es fehlt die Vergleichsgruppe. Und wäre die Umfrage nicht bereits durch die Auswahl der Befragten eine Angelegenheit für den Schredder, sie wäre es jetzt.

So findet sich auf Seite 22 des Berichts zur Umfrage, die folgende Abbildung, mit der die furchtbaren Formen der Diskriminierung dargestellt werden sollen, denen sich Buchstaben-Menschen innerhalb der letzten 5 Jahre mindestens einmal oder öfter ausgesetzt gesehen haben.

Buchstabenmenschen

Die Befrager mussten schon wirklich tief in die Trickkiste greifen, um hier überhaupt ein Ergebnis zu erhalten. Erinnern Sie sich eigentlich noch, ob sie in den letzten fünf Jahren einmal angegafft wurden? Wenn ja, dann muss es ein wirklich herausragendes, ein außergewöhnliches Ereignis gewesen sein, eines, das es nicht alle Tage gibt. Aber Sie sind ja auch nicht LSBdingenskirchen. Wären Sie LSBdingenskirchen, das herausragende Beispiel wäre der Beleg für eine weitverbreitete Diskriminerung von LSBundsoweiter.

Die Angaben, die die Befragten zu den in der Abbildung aufgeführten Verfehlungen anderer ihnen gegenüber machen, sind alle subjektiv. Das ist das erste Problem. Das zweite Problem ist: Es sind die subjektiven Eindrücke einer selektiven Grundgesamtheit, die subjektiven Eindrücke von Aktivisten und von anderen, die sowieso schon der Meinung sind, jeder sehe in ihnen nur den LBSTundsoweiter und jeder sei an ihrer sexuellen Orientierung interessiert.

Pointiert formuliert verwundert es nicht, dass jemand der sich vom FBI verfolgt sieht, hinter allem, was ihm im täglichen Leben widerfährt, das Wirken des FBI vermutet. Was verwundert ist, dass derjenige, der sich vom FBI verfolgt fühlt, in seinem Verfolgungswahn zur Legitimation von Gesetzesvorhaben gegen die Verfolgung durch das FBI wird.

Schließlich der letzte Trick aus der Schmutzkiste des Missbrauchs empirischer Sozialforschung. Wurden Sie innerhalb der letzten fünf Jahre schon einmal angegafft, hat man sie einmal imitiert, hat man sie beleidigt, sie nicht ernst genommen worden usw.? Was wäre wohl das Ergebnis, wenn man die entsprechenden Fragen nicht nur LSBx, sondern auch Vertretern der in der Umfrage unterdrückten Mehrheit gestellt hätte? Es hätten sich keine Unterschiede ergeben. Das angebliche Leiden der LSBx hätte sich nicht als Besonderheit von LSBx vermarkten lassen. Ihre unangefochtene Stellung als Top-diskriminierte Gruppe wäre ins Wanken geraten und die Legitimation des Bildungsplans 2015 gleich mit. Und darum geht es ausschließlich, um die Legitimation des Lobbywerks, das als Bildungsplan 2015 unter Missbrauch von Worten wie Toleranz, Akzeptanz und Bildung verkauft werden soll.

Totalitäre Fratze

Damit sind wir bei der totalitären Fratze angekommen, die hinter dem gesamten Werk hervorlugt. Wir haben schon vielfach darüber geschrieben, dass die Vermarkter von Toleranz und Akzeptanz dann, wenn sie auf jemanden treffen, der ihr Produkt nicht kaufen will, plötzlich zu intoleranten, die Entscheidung anderer nicht akzeptierenden kleinen Diktatoren werden, die nicht nur für jede Form des Widerstands einen derogativen Begriff zur Hand haben, sondern Widerstand in keiner Form zulassen, ihm völlig intolerant gegenüberstehen. Die Besetzung des Abnickgremiums, das als Beirat bezeichnet wird, ist ein Beispiel dafür oder eher die Nicht-Besetzung der Ausschluss derer, die die “gute Politik” von unten, die die Landesregierung durchsetzen will, so nicht akzeptieren würden.

Ein anderes Beispiel zeigt, wie sehr die guten Menschen, die gute Politik zu machen vorgeben, vom Heil, das sie zu bringen von einem guten Gott beauftragt wurden (oder auch nur von einem guten Lobbyisten bei einem guten Abendessen in einem guten Hotel in Abu Dhabi, Anreise und Übernachtung natürlich auf Kosten des Lobbyisten), überzeugt sind:

In der Zusammenstellung dessen, was im Bildungsplan 2015 geplant ist, die Gabriel Stängle erstellt hat, findet sich das Folgende:

  • Zuschüsse für Hochschulen kürzen / streichen, die ein veraltetes Menschenbild lehren;

Es soll ja immer noch naive Menschen geben, die denken, universitäre Selbstverwaltung belege die Freiheit von Forschung und Lehre. Es ist Zeit, die entsprechenden Träumer zu wecken: Die universitäre Selbstverwaltung garantiert, dass naive Wissenschaftler Verwaltungsarbeit verrichten, für die sie nicht bezahlt werden, mehr nicht. Wer im Zeitalter von Professorinnenprogramm, im Zeitalter der Installation von seltsamen Personen über seltsame Wege auf noch seltsameren Lehrstühlen immer noch glaubt, Forschung und Lehre seien frei, der wird vielleicht durch den geplanten Eingriff der Baden-Württembergischen Landesregierung aus seinem Traumland geholt.

Denn interessanter noch als die Tatsache, dass die Baden-Württembergische Landesregierung gedenkt, Hochschulen für Wohlverhalten zu belohnen oder für fehlendes Wohlverhalten zu bestrafen, sie gleichzuschalten, ist die Prämisse dahinter, die keinen Zweifel daran lässt, dass entsprechende Praktiken gang und gäbe sind, dass es für Landesregierungen und ihre Häscher ganz normal zu sein scheint, in die Abläufe von Hochschulen steuernd einzugreifen, um ihre Interessen durchzusetzen, bei der Schaffung von Lehrstühlen, bei der Besetzung von Lehrstühlen, bei den Inhalten, die vermittelt werden dürfen usw.

Derartige Normalitäten zeigen, wie sehr Universitäten schon jetzt nichts anderes mehr sind als die Anhängsel von Landesregierungen und -ministerien, die nach Belieben in den universitären Alltag eingreifen und, wenn es ihnen beliebt, eben einmal das richtige Menschenbild vorgeben. Das hatten wir alles schon einmal, aber die Zeit scheint nicht nur alle Wunden zu heilen, sie scheint auch alles Erlernte, alle Lehren zu tilgen, damit sich Geschichte wiederholen kann.

Intuitive Mathematik: Die Lösung aller (MINT-)Probleme

Der Beitrag, den wir vor einigen Tagen über die Reichen-Methode geschrieben haben, hat uns inspiriert. Für alle, die den Beitrag verpasst haben: Die Reichen-Methode besteht darin, dass Kindern in der Grundschule nicht mehr Rechtschreibung beigebracht wird. Vielmehr bringen sich die Kinder selbst eine Laut-Falschschreibung bei, die irgendwie in eine richtige Rechtschreibung überführt werden soll, wobei Korrekturen nicht erfolgen.

Das dürfte erklären, warum korrekte Rechtschreibung zu einer seltenen Spezies geworden ist.

math_solutionDa die Reichen-Methode so überaus erfolgreich damit ist, Konventionen der richtigen Schreibung von Worten zu zerstören und durch eine Schreib-Kreativität ungeahnten Ausmaßes zu ersetzen, haben wir uns gefragt, ob es nicht eine entsprechende Methode geben kann, um all die Probleme, die sich mit Mathematik verbinden, auf dieselbe kreative Art zu potenzieren.

Und: Es gibt die entsprechende Methode.

Wir nennen sie die intuitive Mathematik.

Von intuitiver Mathematik versprechen wir uns das, was Jahrzehnte von Girls-Day, MINT-Indoktrination, Sonderbehandlung an Universitäten und all die anderen Maßnahmen, von denen man sich einen Sturm auf die MINT-Fächer versprochen hat, nicht geleistet haben: steigende Studentenzahlen in MINT-Fächern.

Wir siedeln unsere Methode der intuitiven Mathematik ebenfalls im Bereich der Reformpädagogik an. Das bedeutet: Ziel ist es, die Kinder von den Fesseln des Drills und der Disziplin in Schulen zu befreien und ihr wahres Ich, ihre volle innere Kreativität zum Durchbruch zu bringen. Kindern soll in der Schule und vor allem im Fach Mathematik die Chance geboten werden, nicht nur ihr volles Potential auszuschöpfen, sondern sich frei vom Zwang zu korrekten Antworten zu entfalten. So wie in der Reichen-Methode der Zwang zur richtigen Rechtschreibung entfallen ist, so wird in der intuitiven Mathematik der Zwang zur korrekten Addition, Subtraktion, Division oder Multiplikation gestrichen.

Ziel ist es nicht mehr, Kinder in das Korsett mathematischer Beweise, logischer Ableitung und richtiger Berechung zu zwängen, sondern sie Mathematik fühlen und erleben zu lassen. Deshalb sprechen wir auch von der intuitiven Mathematik. Intuitive Mathematik stellt das Erleben von z.B. Addition gegen den Zwang, Zahlereihen zu lernen. Intuitive Mathematik stellt das Erfüllen eines Ergebnisses an die Stelle der kalten rationalen Berechnung. Und: Intuitive Mathematik macht Mathematik zu einem wahrlich emotionalen Erlebnis, kaltes Kalkül gehört der Vergangenheit an.

In der Grundschule werden den Kindern daher Zahlen am Beispiel beigebracht.

Die Eins als Symbol des Einswerdens mit der Gesellschaft.

Die Zwei als Beispiel für die heterosexuelle oder homosexuelle Gemeinschaft.

Drei, vier und fünf als der Wunsch eines um Fortpflanzung besorgten Staates.

Sechs, sieben, acht, neun und zehn als tägliche Arbeitsstunden besonders erfolgreicher Arbeitshelden des Volkes.

Um die Kinder nicht zu überfordern, wird eine detaillierte Zählung nur bis 10 durchgeführt. Alles, was über 10 hinausgeht, ist viel oder sehr viel. Das hat den Vorteil, dass die gesellschaftlichen Unterschiede, wie sie zwischen jemandem bestehen, der ein Einkommen jenseits von 5000 Euro hat und jemandem, der ein Einkommen unterhalb von 2000 Euro hat, aufgelöst werden. Beide haben für die Kinder viel Einkommen. Entsprechender Konfliktstoff im Hinblick auf soziale Ungleichheit wird durch intuitive Mathematik beseitigt.

Wie intuitive Mathematik im Verlauf der Grundschule gelehrt werden soll, machen wir nun am Beispiel einiger Aufgaben deutlich.

Mathematik-Aufgabe für die zweite Klasse

Mathematik

Überholte Form der Mathematik-Vermittlung

Anna Lena erhält von ihren Eltern viel Taschengeld. Ihren Eltern geht es gut. Kevin erhält nur wenig Taschengeld, weil es seinen Eltern nicht so gut geht. Du darfst für fünf Wochen das Taschengeld zwischen Anna Lena und Kevin aufteilen. Wieviel Taschengeld kannst Du beiden geben und wie viel willst Du Ihnen geben?  Richtig sind alle Antworten, die das Taschengeld so verteilen, dass beide Kinder gleich viel Taschengeld haben.

Mathematik-Aufgabe für die dritte Klasse

Fünf Arbeiter können die Ladung eines LKWs in zwei Stunden ausräumen. Wie viele LKWs sollen die fünf Arbeiter an einem Tag ausräumen, wenn zwei von ihnen halbtags arbeiten, weil sie sich nachmittags um ihre Kinder kümmern, während einer von Ihnen nur zwei Stunden arbeitet, weil er als Funktionär der Gewerkschaft von mehr als zwei Stunden Arbeit freigestellt ist und die verbleibenden Arbeiter drei Stunden am Tag für Mitarbeiter, die im Elternurlaub sind, Arbeit miterledigen müssen? Diskutiere eine familienfreundliche Lösung. Die richtige Antwort lautet, nicht mehr als zwei.

Mathematik-Aufgabe für die vierte Klasse

Ein Banker erhält eine Bonuszahlung von sehr viel Euro am Jahresende. Dem Bankangestellten werden pro Monat viele Euros seines Gehalts als Lohnsteuer abgezogen. Für wie viele Bankangestellte kann der Banker aus seinem Bonus die Lohnsteuer und für wie lange tragen? Kreuze die richtige Antwort an! Sehr viele Mitarbeiter einen Monat lang, viele Mitarbeiter zwei Monate lang, einige Mitarbeiter vier Monate lang. Richtig sind alle Antworten. Wer die erste Alternative nennt, erhält einen Bonuspunkt, weil von seinem Ergebnis die meisten Mitarbeiter profitieren.

Intuitive Mathematik erleichtert nicht nur das Erlernen von Mathematik und wird entsprechend dafür sorgen, dass die Nachfrage nach MINT-Fächern an Universitäten steigt, Intuitive Mathematik eignet sich auch, um Kinder im richten Geist zu erziehen und in die Gesellschaft einzugliedern.

Die Methode intuitiver Mathematik, die wir hier entwickelt haben, wird bislang an deutschen Grundschulen nicht gelehrt, eben deshalb, weil wir sie gerade erst entwickelt haben. Aber hat jemand einen Zweifel, dass es nicht lange dauern wird, bis irgend ein besonders engagierter Reformpädagoge mit einer ähnlich unsinnigen Idee kommt?

©ScienceFiles, 2015

Rechtschreibkatastrophe: Vernachlässigung fängt in den Grundschulen an

Ein Leser von ScienceFiles hat uns auf einen Artikel in der Tageszeitung “Der Westen” aufmerksam gemacht, der mit “Dozenten klagen: Lehramtsstudenten können nicht schreiben” betitelt ist. Die Legasthenie erreicht die Mittelschicht, so muss man wohl konstatieren…

Der Beitrag basiert im Wesentlichen auf der täglichen Rechtschreibkatatrophe, von der Peter Kruck, Wissenschaftslektor und Kommunikationswissenschaftler berichtet: “Die meisten Lehramtsstudenten können keine zwei Sätze fehlerfrei schreiben”. Was Kruck hier beschreibt, ist eine Abwärtsspirale, denn die Lehramtsstudenten, die die Orthografie und die Grammatik des Deutschen nicht mehr beherrschen, gehen an Schulen, um dort Schülern ihre nicht vorhandenen Kenntnisse weiterzugeben.

Das Ende ist absehbar: Rechtschreibkatastrophe.

Die Ursache für dieses Rechtsschreibkatastrophe wird nicht nur im Beitrag aus “dem Westen” in der von Jürgen Reichen entwickelten Methode des “Lesens durch Schreiben” gesehen. Reichen, einer der Reformpädagogen, die man zwischenzeitlich zu fürchten gelernt hat, war der Ansicht, dass Disziplin und Drill in Schulen hinderlich seien, dass es wichtiger sei, Kinder zu kreativen Kindern zu machen und ihnen eine – natürlich: kreative Stimme zu geben.

Seine Methode sieht nicht vor, dass man Kindern Lesen und Schreiben mit der Fibel beibringt, die mühsam jeden einzelnen Buchstaben zur Nachahmung bereitstellt und stückweise zu ersten kleinen Worten zusammenfügt. Derartiger Drill war Reichen zuwider. Kreativität war sein Ziel, und Kreativität ist, was er mit seiner Methode zweifelsohne erreicht hat: Die Art und Weise, in der Kinder heutzutage Worte schreiben, von denen man dachte, man wüsste, wie sie geschrieben werden, ist mit Sicherheit kreativ.

Denn: In Reichens Methode lernen Kinder anhand  der Anlauttabelle. Die Anlauttabelle gibt für jeden Buchstaben des Alphabets ein Beispiel, zeigt einen Affen für ein A, eine Banane für ein B. Und mit dieser Anlauttabelle sollen die Schüler dann selbst herausfinden, wie Worte geschrieben werden, Worte wie “Grummbeer” oder “Kardoffell” oder “Leerer”. Dass die Kinder die Rechtschreibung von Worten zunächst falsch erlernen, ist gewollt. Warum? Niemand weiß es. Vermutlich geht es darum, die kindliche Kreativität anzuzapfen, und vor allem geht es darum, Kinder nicht zur richtigen Rechtschreibung zu zwingen.

Mehr Toleranz für Fehler lautet das Motto in Schulen Nordrhein-Westfalens und anderswo, denn wo genau der Reichen-Wahnsinn zur Anwendung kommt, niemand weiß es. Die Art und Weise, in der Kindern Schreiben und Lesen nicht beigebracht wird, ist Angelegenheit der Schulleitung oder des jeweiligen Lehrers. Daten zur Verbreitung der Reichen Methode, Daten dazu, wer wem wie Schreiben und Lesen nicht beibringt, werden in Deutschland nicht gesammelt.

Für derartige Nebensächlichkeiten interessiert sich in Deutschland niemand, ebenso wenig wie man sich vor der Einführung der Reichen-Methode dafür interessiert hat, ob sie auch hält, was sie verspricht. Bis heute gibt es keine Evaluation des Nutzens oder besser: der Schäden, die mit der Reichen-Methode angerichtet wurden und werden. Wer nach Literatur zur Reichen-Methode sucht, findet eine Vielzahl von Jubel-Literatur, in der beschrieben wird, was die Methode so einzigartig und gut macht. Er findet eines nicht: eine Überprüfung der Methode, eine Evaluation, die den Anspruch mit der Wirklichkeit kontrastiert.

Realität ist immer schädlich für die hehren Ansprüche von Reformern, deshalb werden ihre Ideen immer als Heilslehre verkündet, und nicht geprüft. Wozu auch? Es sind doch nur Kinder, die der neuen Mode unterzogen werden. Und wenn ein, zwei Generationen als Legastheniker ausfallen, dann bezuschussen wir eben die Fortpflanzung und manchen neue Generationen, dieses Mal solche, die Schreiben und Lesen können – hoffentlich.

Dass die Reichen-Methode nicht funktioniert, das ist mittlerweile nicht nur in Handwerk und Unternehmen bekannt, es ist auch an Universitäten gängiges Wissen. Die Rechtsschreibkatastrophe hat die Mittelschicht erreicht.

Und die Verwantwortlichen sitzen in Grundschulen, Verantwortliche wie Tanja Hilker, Deutschlehrerin an der Theodor-Heuss-Grundschule in Essen, die die Kritik an der Reichen-Methode im Interview mit dem Westen zurückweist und einen Einblick in ihre Lehrmethoden gibt:

“Wir sprechen nicht von Korrektur, sondern schreiben unsere Version unter das fehlerhafte Wort”

Theodor Heuss Grundschule EssenJPGDer kurze Satz beschreibt die Ursache der Rechtschreibkatastrophe eindringlich. Korrektur ist als Wort verpönt, ist wohl mit Drill assoziiert oder wird aus sonstigen nicht nachvollziehbaren, vermutlich ideologischen Gründen abgelehnt. Was damit einhergeht, ist die Auflösung dessen, was man Lernen nennt und dessen, wozu man Erziehung in Schulen überhaupt nur braucht: die Möglichkeit, Fehler zu machen, und aus der Korrektur der Fehler zu lernen. Lernen setzt Fehler voraus. Entsprechend bedarf es etwas Falschem, es bedarf der Korrektur dessen, was falsch ist. Wird die Korrektur verweigert, wird demjenigen, der Falsches geschrieben hat, signalisiert, das Falsche sei so falsch gar nicht, sei eben seine “Version” das Wort zu schreiben, warum sollte derjenige, der Falsches geschrieben hat, sich die richtige Rechtschreibung angewöhnen, wo ihm doch signalisiert wird, dass die andere Schreibweise keine Korrektur seiner falschen Schreibweise darstellt, sondern nur eine andere Version der Schreibung.

Das ist De-Motivation par excellence. Es ist Arbeitsverweigerung durch Lehrer, und es ist unfair den Schülern gegenüber, die spätestens beim Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule davon getroffen werden, dass ab jetzt nur noch eine richtige Schreibung gibt (oder aus Sicht der Kinder zu geben scheint) und nicht mehrere. Dann aber scheint es für ein Umlernen zu spät zu sein, wie die Klage von Ausbildern in Unternehmen und die Erfahrungen von Kruck, die oben beschrieben wurden, zeigen [wobei man sich schon fragen muss, wie Studenten trotz offensichtlicher Rechtschreibschwäche zu einem Abitur gekommen sind].

Ganz nebenbei vermittelt die Reichen-Methode Schülern den Eindruck, man könne spielend lernen und sich Bildung nebenbei aneignen, ein fataler Irrtum, der auch unter Politikern weit verbreitet ist. Bildung, das hat schon Bourdieu beobachtet, ist nichts, was man sich anhand von Symbolen aneignen kann, und selbst wenn man in der Lage ist, sich mit der Kenntnis von Autorennamen zu schmücken, so wird doch schnell deutlich, wer mehr, als den Klappentext eines Buches gelesen hat.

Das führt zum nächsten Irrtum schulischer Erziehung, der dieses Mal von Eltern geteilt wird. So vertritt man bei der Landeselternschaft Grundschule NRW die Ansicht: “Kinder werden den Spaß am Schreiben und Erlernen der Rechtschreibung verlieren”, wenn man sie durch die klassische Methode des richtigen Schreibens von Anfang an in ein Gerüst aus Regeln presse.

Einmal davon abgesehen, dass die Eltern, wenn sie ihren Kindern das spielerische Erlernen des “Lesens durch Schreiben” nach Jürgen Reichen verordnen, eben diese Kinder, die sie vor dem Korsett der klassischen Methode bewahren wollen, in das Korsett der nicht-klassischen Methode zwängen, ist der zitierte Satz das Zeugnis einer infantilisierten Gesellschaft, in der alles, was mit Anstrengung verbunden ist, negativ konnotiert und von Kindern ferngehalten werden muss. Folglich deprivieren die besorgten Eltern ihre eigenen Kinder von der befriedigenden Erfahrung, die auch Kinder haben, wenn sie sich durch Arbeit gezwungen haben, etwas zu erlernen. Die besorgten Eltern deprivieren ihre Kinder von der Erfahrung einer Selbstwirksamkeit, die daraus erwächst, dass die entsprechenden Kinder einen Anspruch, der an sie gestellt wurde, erfüllt haben.

Das nennt man auch Vernachlässigung. Und das Schlimme an dieser Art von Vernachlässigung ist, dass die darunter leidenden Kinder nie erfahren werden, welches Potential in ihnen schlummert, zu welchen Leistungen sie fähig sind, denn man hat ihnen einen spielerischen Zugang verordnet und eines als vollkommen unzumutbar und außerhalb aller pädagogischen Möglichkeiten verortet: Die Kinder zu fordern.

Unter den Blinden sind die Einäugigen die Könige

Freude herrscht in München und Berlin:

Münchner Freude:

“Mit Platz 35 ist die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München in den aktuell veröffentlichten Times Higher Education World Reputation Rankings 2015 wieder Spitzenreiter unter den deutschen Universitäten. Im Vergleich zum vergangenen Jahr, in dem die LMU Platz 46 belegte, konnte sie ihre Position um 11 Plätze verbessern. Sie gehört damit zu den zehn renommiertesten Universitäten in Europa.” [zu Deutsch: Die LMU ist die Nr. 10 unter Europas renommiertesten Universitäten. 7 der 10 renommiertesten europäischen Universitäten finden sich im Vereinigten Königreich].

Berliner Freude zum Ersten:

“HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz zum Erfolg der HU: „Das erfolgreiche Abschneiden der HU im internationalen Hochschulvergleich ist auch das sichtbare Ergebnis der Umsetzung unseres Zukunftskonzept ‚Bildung durch Wissenschaft. Persönlichkeit – Offenheit – Orientierung‘, mit dem wir allen Humboldtianerinnen und Humboldtianern bestmögliche Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Dass sich die daraus erwachsenen wissenschaftlichen Spitzenleistungen auch im THE-Reputationsranking niederschlagen, ist ein willkommener Effekt unserer Initiativen.“ [Da fragt man sich, was dem Herrn Olbertz noch einfallen soll, wenn die HU nicht auf Platz 41 im Ranking, sondern auf Platz 35 landet…]

Berliner Freude zum Zweiten:

“Das Magazin Times Higher Education (THE) betrachtet die Freie Universität in seiner neuen Rangliste als eine der 60 angesehensten Universitäten der Welt. Die Hochschule verbesserte sich in diesem Jahr erneut deutlich und kommt nunmehr auf eine Platzierung in der „Gruppe 51–60“, wie das Magazin in London mitteilte. Sie zählt damit zu den vier angesehensten Universitäten Deutschlands und kommt europaweit auf Rang 18. Als Ableger des jährlichen THE World University Rankings liegt der Reputationsliste nach Angaben des Magazins die weltgrößte Befragung ausgewählter Akademiker zugrunde [Wir waren nicht dabei…].”

Das angesprochene THE (Times Higher Education) World Reputation Ranking ist eben ein solches: Ein Reputationsranking, bei dem rund 10.000 Wissenschaftler anhand von 13 Kriterien, die leider unbekannt bleiben müssen, die Reputation von Universitäten bestimmt haben. Auch wenn der Auswahlprozess ebenso unklar ist wie die Art und Weise, in der die Urteile der rund 10.000 Wissenschaftler dann zu einem Gesamt-Reputationsranking verrechnet wurden, kann man sich doch freuen – oder?

Wir meinen: nein.

Denn wenn man das Reputationsranking von THE als valides Maß ansieht, wie dies die Vertreter der drei Universitäten, die hier zitiert wurden, wohl tun, dann muss einem Angst und Bange werden, und zwar deshalb, weil deutsche Universitäten, wenn es um Reputation geht, den Anschluss längst verloren haben.

Der Reputationsscore, der im Rahmen dieses Rankings berechnet wurde, geht von 0 bis 100.

Komprimiert stellt sich das Ranking wie folgt dar:

Platz Universität Score
1 Harvard University (USA) 100
2 University of Cambridge (UK) 84,3
3 University of Oxford (UK) 80,4
4 Massachusetts Institute of Technology (USA) 77,8
5 Stanford University (USA) 72,1
6 University of California (USA) 60,0
7 Princeton University (USA) 35,0
8 Yale University (USA) 33,1
9 California Institute of Technology (USA) 24,1
10 Columbia University (USA) 21,0
11 University of Chicago (USA) 19,8
12 University of Tokyo (JPN) 19,3
[…] […] […]
15 ETH Zürich (CH) 16,7
[…] […] […]
17 University College London (UK) 15,7
[…] […] […]
22 London School of Economics (UK) 12,9
[…] […] […]
25 Lomonosov Moscow State University (RUS) 9,9
26 Tsinghua University (CHN) 9,5
[…] […] […]
29 University of Edinburgh (UK) 8,3
[…] […] […]
31 Kings College London (UK) 8,1
32 Peking University (CHN) 7,7
[…] […] […]
35 Ludwig-Maximilian Universität München (D) 7,2
[…] […] […]
38 Universität Heidelberg 6,4
[…] […] […]
41 Humboldt Universität Berlin (D) 6,3
[…] […] […]
50 University of Manchester 5,2

Wie man anhand der Scores erkennen kann, liegen zwischen den ersten 6 Universitäten und den nachfolgenden Universitäten Lichtjahre der wissenschaftlichen Reputation, während zwischen den Universitäten, die die Plätze 7 bis 22 belegen und dem Rest, mindestens Lichttage liegen.

Insofern scheint das Abschneiden deutscher Universitäten im Reputationsranking eher darauf hinzudeuten, dass deutsche Universitäten, was ihre  Reputation unter den 10.000 Wissenschaftlern angeht, auf deren Angaben dieses Ranking basiert, weit abgehängt sind.

PISA zeigt: Genderismus schadet Mädchen

Durch alle deutsche Blätter dröhnt die gleiche (dpa-)Meldung: Mädchen haben Angst vor Mathematik!

Warum nur? Immerhin werden sie für gleiche Leistungen besser benotet als Jungen.

Da sich im Bericht der PISANER nur Vermutungen finden, haben wir uns der Daten der PISA-Studie bemächtigt, und eine eigene Berechnung angestellt.

Unsere Hypothese: Schuld an der Angst der Mädchen ist der Genderismus, denn Genderismus verstärkt in Mädchen Angst und Hilflosigkeit und zerstört Selbstbewusstsein.

Warum?

cause and effect1) Genderismus versucht Mädchen einzureden, sie würden benachteiligt, wären von bösen rationalen Männern umgeben, die sie entweder ihrer naiven Intuition berauben oder auf sonst eine nicht geklärte Art und Weise benachteiligen, behindern oder … was auch immer wollen.

2) Genderismus, der angeblich von befreiten und emanzipierten Frauen predigt, erzählt gleichzeitig, dass befreite und emanzipierte Frauen nur mit HIlfe von Vater Staat möglich sind.

3) Die schrecklich maskuline Welt, der sich aus Sicht des Genderismus Frauen und Mädchen gegenüber sehen, ist durchsetzt mit männlichen Domänen, die gegen den Zugriff von Frauen und Mädchen verteidigt werden: Die Führungspositionen in der Wirtschaft, die Lehrstühle in der Wissenschaft, die Mathematik und vieles mehr.

1 + 2 basieren auf der Prämisse, dass Mädchen und Frauen hilflose Wesen sind, die nicht selbständig emanzipiert sein können, sondern emanzipiert werden müssen. Ergänzt man noch 3, dann folgt daraus, dass Mädchen und Frauen hilflos männlichen Domänen gegenüberstehen.

Mathematik ist eine männliche Domäne, so behauptet der Genderismus, und deshalb haben Mädchen Angst davor.

Und diese Angst, die haben die PISANER gemessen, und zwar über die Zustimmung zu folgenden Aussagen:

  • scared emoticonIch habe Angst, dass der Mathematikunterricht schwierig für mich sein wird.
  • Ich verkrampfe, wenn ich Mathematikhausaufgaben erledigen soll.
  • Ich werde nervös, wenn ich ein Mathematikproblem lösen soll.
  • Ich fühle mich hilflos, wenn ich ein Mathematikproblem lösen soll.
  • Ich habe Angst, dass ich schlechte Noten in Mathematik bekomme.

Diese Aussagen wurden Jungen und Mädchen in 56 Ländern vorgelegt, und sie wurden gefragt, ob sie der jeweiligen Aussage zustimmen oder nicht. So stimmen z.B. 45,7% der Jungen und 60,5% der Mädchen der ersten Aussage zu, dass sie Angst haben, dass der Mathematikunterricht zu schwierig für sie ist. Im vorliegenden Fall haben also 14,8% mehr Mädchen angeben, sie hätten Angst, dass der Mathematikunterricht zu schwierig für sie sein wird, als Jungen. Diese Differenz ist die Zahl, die uns interessiert.

Wir haben sie für 54 der 56 Länder (Makao und Shanghai haben wir nicht berücksichtigt) und für jede der oben genannten Aussagen in einen neuen Datensatz überführt.

Dogan NationsUnd dann haben wir uns an Mattei Dogan und Dominique Pelassi erinnert, die den Klassiker “How to Compare Nations” schon vor Jahrzehnten geschrieben haben, in dem sie u.a. das “most-different country design” als Methode des internationalen Vergleichs vorstellen.

Was, so haben wir uns gefragt, sind für unsere Hypothese Länder, die eine maximale ideologische Distanz zum Genderismus aufweisen, und es war nicht schwierig, bei muslimischen Ländern als der letzten Trutzburg gegen die Horden des Genderismus anzukommen. In muslimischen Ländern gibt es keine Frauenquote, es gibt keine Unisex-Toiletten, keine Professorinnenprogramme, keine Notwendigkeit, Sexualität in aller Öffentlichkeit zu verhandeln und keine Notwendigkeit, an der Sprache herumzulaborieren, weil sie nicht so ist, wie Genderisten sie gerne hätten. Ein optimaler Gegenpol für unsere Forschung.

Im nächsten Schritt haben wir deshalb aus den Daten des WorldFactbooks, das der CIA netterweise bereitstellt, die Anteile von Muslimen an der Bevölkerung über die Religionszugehörigkeit für die 54 Länder bestimmt und die entsprechenden Anteile dann mit den Differenzen der Angaben zwischen Jungen und Mädchen zu den Aussagen oben auf Länderebene korreliert.

Hier das Ergebnis:

Aussage Korrelation
Ich habe Angst, dass der Mathematikunterricht schwierig für mich sein wird. -0,53
Ich verkrampfe, wenn ich Mathematikhausaufgaben erledigen soll. -0,50
Ich werde nervös, wenn ich ein Mathematikproblem lösen soll. -0,52
Ich fühle mich hilflos, wenn ich ein Mathematikproblem lösen soll. -0,65
Ich habe Angst, dass ich schlechte Noten in Mathematik bekomme. -0,54
Index aus allen fünf Aussagen -0,64

Der Korrelationskoeffizient gibt an, wie sich die Differenz zwischen Jungen und Mädchen im Hinblick auf die vier Aussagen und einen Summenindex, den wir aus den vier Aussagen gebildet haben, im Verhältnis zum Anteil der muslimischen Bevölkerung verändert. Die Ergebnisse sind beeindruckend:

Die Differenz der Angaben zwischen Mädchen und Jungen wird geringer, je höher der Anteil an Muslimen in einer Gesellschaft ist. Anders formuliert, je mehr Mädchen im Vergleich zu Jungen einer der Aussagen oder allen Aussagen zustimmen, desto geringer ist der Anteil der Muslime in der entsprechenden Gesellschaft.

Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die Angst vor Mathematik, die Mädchen deutlich öfter als Jungen in Ländern haben, in denen der Genderismus sich als Ideologie etablieren konnte, eben diesem Genderismus geschuldet ist, der es anscheinend dadurch, dass er Mädchen auf die Rolle des unterdrückten Opfers festlegt, dem das ratonale Denken fremd ist, das vor kalter Ökonomie zurückschreckt und das ingsesamt ein Dummchen ist, dem geholfen werden muss, und in jahrzehntelanger Kleinarbeit geschafft hat, das Selbstbewusstsein von vielen Mädchen zu zerstören, und zwar gründlich.

PISA-Studie – Peinlichkeiten in sämtlichen Aussagen

Es gibt wieder eine PISA-Studie: “The ABC of Gender Equality in Education – Aptitude Behaviour, Confidence”, so heißt die Studie, die in der deutschen Presselandschaft das folgende Echo gefunden hat:

Wie der Titel aus der Berliner Zeitung zeigt: Es wurden auch Jungen in der OECD-Studie berücksichtigt, ein Schluss, zu dem man nicht unbedingt kommen muss, wenn man die restlichen Titel der Zeitungen betrachtet.

Insgesamt ist sich die Pressewelt weitgehend einig, dass die OECD-Studie deshalb relevant ist, weil sie Probleme bei Mädchen ausgemacht hat.

Einige wenige Zeitungen scheren aus der Einheitsfront der um Mädchen Besorgten aus:

The ABC of Gender Equality in EducationNehmen wir das Ergebnis, das die deutsche Presselandschaft am wenigsten interessiert, gleich vorweg: Jungen haben einen höhere Wahrscheinlichkeit, im PISA-Test die Kompetenzstufe  2 nicht zu erreichen als Mädchen.

In Deutschland sind die entsprechenden Unterschiede signifikant, aber offensichtlich uninteressant, denn nur der Wirtschaftswoche und der Neuen Osnabrücker Zeitung ist dieses Ergebnis eine Meldung wert.

Erzielt wurde dieses Ergebnis über alle Kompetenzstufen hinweg, d.h. betrachtet man die rudimentärsten Kenntnisse in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft, die in den PISA-Tests abgefragt werden, dann sind 6 von 10, die diese Kenntnisse nicht erreichen, Jungen.

Man stelle sich vor, dieses Ergebnis wäre umgekehrt, das Medienecho wäre mit Sicherheit ein anderes. So aber sind es nur Jungen, die schlechter abschneiden als Mädchen, und man hat sich ja daran gewöhnt, dass Jungen seltener auf Gymnasien ankommen, seltener ein Abitur machen und zwischenzeitlich auch seltener studieren als Mädchen und vor allem daran hat man sich gewöhnt, dass Jungen häufiger auf Haupt- und Sonderschulen enden als Mädchen und letztlich auch häufiger ohne einen Schulabschluss bleiben als Mädchen. Wozu sich noch über diese Punkte sorgen?

Kein Funktionär in Politik, Gewerkschaft oder Bildung will daran etwas ändern, also legen wir diese störenden Fakten aus der Realität beseite und wenden uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu: Hysterie und moralischer Panik, denn in der neuen PISA Studie, die auf den Ergebnissen aus 2012 basiert, in dieser PISA-Studie wurde ein schockierendes, ein unglaubliches, ein den gesellschaftlichen Fortbestand gefährdendes Ergebnis gefunden, hinter dem die Tatsache, dass viele Jungen bereits in der Schule aussortiert werden und ihre Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, minimiert, wenn nicht beseitigt werden, verblasst:

Presse PISA 2015“Mädchen sind schlechter in Mathematik als Jungen und stimmen eher der Aussage zu ‘Ich bin einfach nicht gut in Mathe'”. Das weiß die Tagesschau zu berichten. Mädchen trauen sich Mathe einfach nicht zu, wird daraus geschlossen. Und im Bericht der OECD ist dieser Schocker wie folgt beschrieben: “In der Mehrzahl der PISA-Teilnehmerländer und -volkswirtschaften schneiden leistungsstarke Mädchen in Mathematik schlechter ab als leistungsstarke Jungen; bessere Ergebnisse erzielen sie nirgends. Mädchen vertrauen im Allgemeinen weniger in ihre mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Sie leiden laut eigener Aussage auch häufiger unter Mathematikangst, selbst wenn sie ingesamt hohe Leistungen erzielen”.

Ist das nicht schockierend? Was sind die Tausende von Jungen, die nicht einmal das rudimentärste Kompetenzlevel erreichen, was die hunderttausende Jungen, die seit wir 2002 auf die Nachteile von Jungen hingewiesen haben, ohne Schulabschluss und Chance auf dem Arbeitsmarkt geblieben sind, gegenüber der Angst von leistungsstarken Mädchen vor Mathematik? Wie immer, wenn die Hysterie sich in eine moralische Panik steigert, verblasst die Realität zur Unkenntlichkeit.

Selbst Ergebnisse, die es seit dem Jahre 2007 gibt, verblassen dann, weil es gerade so bequem ist, sie zu vergessen, denn könnte oder wollte man sich erinnern – z.B. daran, dass Mädchen trotz schlechterer Leistungsfähigkeit in PISA mit Blick auf ihre schulische Bewertung und proportional zu Jungen besser benotet werden, es würde die eigene Hysteriefähigkeit beeinflussen.

So hat Heike Diefenbach im Jahre 2007 die Mathematiknoten von PISA-Teilnehmern mit deren PISA-Leistungen verglichen und Folgendes festgestellt: ”

Soziale Arbeit mit Jungen und Maennern“Berechnet man weiter die Anteile von Jungen und Mädchen, die gemessen an den erreichten Punktzahlen im Mathematiktest [in PISA] über- oder unterbewertet sind [also keine korrespondierenden Noten erhalten], so zeigt sich, dass der Anteil derer, die bei der Benotung unterbewertet wurden, unter den Jungen deutlich größer ist als unter Mädchen (26,9% vs. 19,7%), während der Anteil derer, die der erreichten Punktezahl entsprechend benotet (19,8% vs. 22,5%) oder überbewertet (53,3% vs. 57,8%) wurden, unter Mädchen größer ist als unter Jungen.” (Diefenbach, 2007: 104).

Mit anderen Worten, es ist gar nicht notwendig, dass Mädchen Angst vor Mathematik haben, denn sie werden sowieso eher besser benotet als es ihren Leistungen im Test entspricht, während Jungen eher schlechter benotet werden, als es ihren Leistungen entspricht. Also kein Grund zur Sorge. Warum die PISA-Analysten nicht untersucht haben oder rezipiert haben, was Heike Diefenbach 2007 auf Basis der PISA-Daten von 2003 untersucht hat, ist uns ein Rätsel. Vermutlich ist das Ergebnis, dass Mädchen bei der Notengebung gegenüber Jungen bevorzugt werden, politisch gerade nicht erwünscht, oder es stört, wenn man gerade so schön dabei ist, sich in Hysterie und eine moralische Panik hinein zu steigern.

Was kann man tun, um die drohende gesamtgesellschaftliche Katastrophe, die sich daraus ergibt, dass Mädchen behaupten, sie hätten Angst vor Mathematik, noch abzuwenden?

Hier so meint man bei der OECD sind Eltern und Lehrer gefordert, steht doch zu befürchten, dass sie den Mädchen falsche Rollenbilder vorleben oder geringe Erwartungen an die Armen herantragen, die daraus den falschen Schluss ziehen, Angst vor Mathematik zu haben und deshalb schlechter abschneiden als sie es würden, würde man keine falschen Rollenbilder und keine geringen Erwartungen an sie herantragen. Denn: Mädchen sind Wesen, die willenlos auf der Welle der Erwartung in Richtung vorgegebener Rollenbilder treiben, und deshalb muss man den die Hilflosen tragenden Strom in die richtigen Kanäle lenken.

Ganz anders Jungen. Wir erinnern uns an Jungen? Die kommen auch in der PISA-Studie vor und ihnen, also nicht Jungen, sondern den Jungen, die nicht einmal Kompetenzniveau 2 erreichen, also Jungen, die kaum des Rechnens oder Lesens fähig sind, ist auch ein Kapitel im Bericht gewidmet, eines über Underperformance. Diese männlichen Underperformer  sie sind selbst an ihrer Misere schuld, denn sie sind nicht wie Mädchen willenlose Trottel, die von Lehrern und Eltern falsch gesteuert werden, nein Jungen sind selbst für ihr schlechtes Abschneiden zuständig, so kann man staunend in diesem PISA-Machwerk lesen, denn:

  • picard facepalmJungen spielen häufiger Videospiele als Mädchen;
  • Jungen verbringen mehr Zeit vor dem Computer und im Internet als Mädchen;
  • Jungen spielen häufiger Schach oder programmieren Computer als Mädchen;
  • Jungen haben häufiger negative Einstellungen gegenüber der Schule als Mädchen;
  • Jungen kommen häufiger zu spät zur Schule als Mädchen;
  • Und:
  • Jungen lesen seltener außerhalb der Schule als Mädchen;
  • Jungen machen weniger Hausarbeiten als Mädchen;

Ja. Und deshalb soll es mehr Jungen als Mädchen geben, die Kompetenzstufe 2 nicht erreichen.

Die Welt der PISA-Analysten ist so peinlich einfach, dass man sich fragt, ob die PISA-Konsortien aus wissenschaftlichen Underperformern rekrutiert werden. In ihrer einfachen Welt, in der Mädchen nur passiv und willenlos und Jungen nur aktiv und willensstark vorkommen, stellt sich z.B. nicht die Frage, warum Jungen häufiger spät zur Schule kommen als Mädchen, warum sie häufiger negative Einstellungen gegenüber der Schule haben als Mädchen?

Es ist kaum zu erwarten, dass Jungen mit negativen Einstellungen gegenüber der Schule geboren wurden. Wahrscheinlicher ist es, dass sie die entsprechenden negatven Einstellungen auf der Grundlage der Erfahrungen, die sie in der Schule gemacht haben, entwickelt haben. Gesteht man diese Möglichkeit zu, dann stellt sich die Frage, was für Erfahrungen Jungen häufiger als Mädchen in der Schule machen? Sind dies Erfahrungen, dass man bei gleicher oder besserer Leistung schlechter benotet wird als Mädchen, dass man als Junge von Lehrern benachteiligt wird, dass man sich ständig den Unsinn über die Benachteligung von Mädchen anhören muss? Deutsche Schulen werden mittlerweile von einer Mehrzahl von weiblichen Lehrern bevölkert, das mag ein Grund dafür sein, dass Jungen der Schule den Rücken kehren.

Aber selbst wenn man diesen Schluss nicht ziehen will, dann wird man gleiches Recht für alle gelten lassen müssen und zumindest in Erwägung ziehen müssen, dass die Lehrer, die nach Ansicht der PISA-Analysten Mädchen falsche (Rollen-)Erwartungen entgegenbringen, so dass Mädchen Angst vor Mathematik entwickeln,  auch Jungen falsche (Rollen-)Erwartungen entgegen bringen, was zur Folge hat, dass Jungen das Kapitel Schule abhaken.

Und abhaken sollte man auch diese PISA-Geschlechterstudie, die eine Peinlichkeit empirischer Sozialforschung darstellt, eine Aneinanderreihung von “wie-hätte-ich-es-gerne-Aussagen” darstellt (oder was hat Schachspielen und Computer programmieren oder Videospiele spielen damit zu tun, dass Jungen Kompetenzlevel 2 nicht erreichen?) und in einer Aussage kumuliert, die an Peinlichkeit wirklich nicht mehr zu übertreffen ist:

math_solution“Fazit: PISA zeigt, das[s] geschlechtsspezifische Unterschiede bei den schulischen Leistungen nicht auf natürliche Begabungsunterschiede zurückzuführen sind”.

PISA zeigt das natürlich nicht, denn es wurde im Rahmen von PISA keine neurologische Untersuchung durchgeführt. Vielmehr ist diese Aussage ein Schluss, gezogen aus der Beobachtung, dass Mädchen nicht in allen Nationen, die an PISA teilgenommen haben, in Mathematik hinter Jungen zurückbleiben.

Jungen sind auch im Fazit für die PISA-Analysten irrelevant.

Aber es ist erfreulich, dass die PISA-Analysten einerseits bei den Erkenntnissen ankommen, bei denen die Bildungsforschung in den 1950er Jahren bereits angekommen war, andererseits ist es erschreckend zu sehen, welche Vorurteile die PISA-Analysten mit sich herumgetragen haben, scheinen sie doch gedacht zu haben, es gebe biologische Geschlechtsspezifika, die das Erlernen von Inhalten in Mathematik und Naturwissenschaft determinieren.

Man fragt sich unwillkürlich: Wenn die Spezialisten der OECD das gedacht haben, auf welche (eigene) Erfahrung mit ihren Fähigkeiten bzw. nicht vorhandenen Fähigkeiten gründete sich diese Überzeugung? Und: Wenn die PISA-Analysten das all die Jahre und bis gerade eben gedacht haben, wie konnten sie dann stumm beiseite stehen und die Überflutung von Schulen mit aufgrund ihrer Biologie inkompetenten weiblichen Lehrern geschehen lassen?

Fragen über Fragen an ein peinliches Machwerk, das man besser heute als morgen dem Schredder übergibt.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

100% Studenten?

Es ist an der Zeit, dem OECD-Irrsinn, dessen Ziel darin besteht, die Quote derer, die studieren, zu erhöhen, ein Ende zu setzen.

OECDAusgangspunkt für diesen Irrsinn ist die Beobachtung von u.a. Theodore Schultz aus den 1960er Jahren, dass im Aggregat betrachtet, Bildungsniveau der Bevölkerung und Wirtschaftswachstum einander bedingen: Je formal gebildeter eine Bevölkerung ist, desto mehr Wachstum gibt es.

Daraus hat man bei der OECD geschlossen, dass die Wirtschaft wächst, wenn man das Bildungsniveau der Bevölkerung erhöht, ein Schluss, der, wenn er richtig wäre, zur Konsequenz hätte, dass das höchste Wirtschaftswachstum dann erreicht wäre, wenn 100% der Bevölkerung eine Hochschule absolviert haben.

Offensichtlich ist diese Prämisse kompletter Unsinn, so dass man sich fragt, wo der Hype mit der formalen Bildung herkommt.

Dazu muss man zunächst einmal feststellen, dass formale Bildung nicht unbedingt Bildung bedeutet. Es mag eine Korrelation zwischen formaler Bildung und Bildung geben, aber ein Abitur sagt nichts über die Bildung dessen, der es hat, aus. Ein Abitur gibt bestenfalls eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür an, dass ein Träger des Abiturs mehr Wissen hat als ein Hauptschulabsolvent, ein Schluss, der sich schnell als falsch erweisen kann, wenn – wie in der PISA-E Studie, die Leistungen von Abiturienten aus Bremen hinter denen von Hauptschülern aus Bayern zurückbleiben.

Wenn formale Bildung keine Synonym für Bildung als solche ist, was ist sie dann?

Wir schlagen vor, formale Bildung als Maß der Anpassungsbereitschaft an institutionelle Vorgaben anzusehen mit der Konsequenz, dass der Anteil der Angepassten unter den formal Höhergebildeten größer sein muss als unter den formal Niedriggebildeten.

Diese Definition hat zudem zur Konsequenz, dass formale Bildung nicht per se der Olymp dessen ist, was Menschen erreichbar ist. Und die Definition macht den Weg frei, um die soziale Konstruktion dessen, was formale Bildung ist und was angeblich mit Bildung übereinstimmt, deutlich zu machen.

Ein Professor für Kunstgeschichte mag es unglaublich finden, wenn einer seiner Studenten nicht weiß, wer den Holzsockel von Rodin’s Denker geschnitzt hat.

Ein Professor der Gender Studies mag mit dem Kopf schütteln, wenn die Mehrheit der Menschen seine Einsicht nicht teilt, dass es 100e von Geschlechtern gibt.

Aber: Ein Arbeiter wird mit dem Kopf schütteln, wenn er den “Studierten” dabei beobachtet, wie er völlig unbeholfen versucht, einen Randstein zu setzen oder eine Wand zu streichen.

Und ein Elektriker wird Lachkrämpfe entwickeln, wenn er den Professor der Kulturwissenschaften, der sich damit gebrüstet hat, keine Glühbirne in die Fassung zu drehen, bei eben diesem komplizierten Unterfangen beobachtet (der entsprechende Kulturwissenschaftler ist zwei Redaktionsmitgliedern von ScienceFiles namentlich bekannt).

Kurz: Wissen ist relativ und wird erst dann zu relevantem Wissen, wenn es einer nützlichen Verwendung zugeführt werden kann.

Dies ist der Grund dafür, warum formale Bildung von manchen so überstilisiert, so hochgejubelt wird, denn sie haben nur ihre formale Bildung, den (Hochschul-)Abschluss oder Titel, der ihnen für Wohlgefälligkeit verliehen wurde, der formale Bildungstitel, der ihnen oft genug den Zugang in die Welt des Geschwätzes und der öffentlichen Verwaltung ebnet.

Anders formuliert: Eine Reihe von Inhabern formaler Bildungstitel bleibt, wenn es um die Nützlichkeit des Wissens, das die entsprechenden Inhaber haben, geht, deutlich hinter dem Wissen von Müllfahrern, Maurern, Kanalarbeitern, Tischlern und anderen zurück, die die entsprechenden Inhaber dann regelmäßig als bildungsfern diskreditieren.

Und, nicht zu vergessen, um die sie sich sorgen, weil ihre Kinder in vermeintlich zu geringem Anteil an Hochschulen ankommen. Warum nur, ist das so, so fragen sie sich in aller Heuchelei, denn natürlich sind sie nicht bereit, die steuerzahlerfinanzierten Stellen, die sie sich geschaffen haben, zu teilen.

Überhaupt stellt sich die Hochschullandschaft vor allem in den Sozialwissenschaften mehr und mehr wie ein Wurmfortsatz der Verwaltung dar. Wir haben gestern über ein Forschungsprojekt berichtet, das mit 532.167,60 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, also aus Steuergeldern gefördert wird, und dessen einziger Zweck darin besteht, Fördertöpfe zu indentifizieren und eine Art “best practice des Gefördertwerdens” zu entwickeln. Wohlgemerkt es geht darum, gefördert zu werden, nicht darum, für eine sinnvolle Idee gefördert zu werden.

Hochschulen werden daher immer mehr zum Ort, über den der Zugang in die öffentliche Verwaltung stattfindet und hier in Positionen, deren Nutzen erst noch zu zeigen wäre. Konsequenterweise entstehen an Hochschulen Fächer, deren Nutzen einzig darin besteht, Personal für den öffentlichen Bereich zu rekrutieren und mit Abschlüssen und Titeln auszustatten, Personal, das dann seinerseits Tätigkeiten ausführt, deren Effekt auf das Bruttosozialprodukt im besten Fall nicht vorhanden, im schlechtesten Fall negativ ist. Personal, das in seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit weit hinter der eines Müllfahrers und eines Maurers zurückbleibt. Aber: Personal, das auf die angeblich Bildungsfernen herabblicken zu können glaubt, so sehr, dass manche es sich zur Aufgabe machen, den armen Bildungsfernen helfend unter die Arme greifen zu wollen, damit z.B. der Anteil der Studenten aus der Arbeiterschicht größer wird.

Aber vielleicht entspricht die Anzahl der Kinder aus Arbeiterfamilien, die an Universitäten studieren, ja den Präferenzen in der Arbeiterschicht. Vielleicht ist es der Anteil der Kinder aus der Mittelschicht, der verändert werden muss, der reduziert werden muss, weil viele studieren, die nicht die Fähigkeit zum Studieren mitbringen und die dies in Fächern tun, die keinerlei Nutzen für die Steuerzahler mit sich bringen.

Und ist es nicht moralisch verwerflich, etwas Sinnloses wie Gender Studies zu studieren und sich dieses Studium von denen, die man als bildungsfern diskreditiert und die seit ihrem 16. Lebensjahr Steuern zahlen, finanzieren zu lassen?

does education matterDas bringt uns zurück zum OECD Irrsinn. Es mag in den 1960er Jahren und in den Entwicklungsländern, die Theodore Schultz untersucht hat, so gewesen sein, dass mit einem zunehmenden Bildungsniveau das Wachstum gestiegen ist. Es ist für moderne Industrienationen nicht der Fall. Das zeigt Alison Wolf in ihrem Buch “Does Education Matter”. In Industrienationen sind diejenigen mit hoher Bildung nicht vornehmlich diejenigen, die zum Bruttosozialprodukt beitragen. Ökonomisches Wachstum wird getragen von all den Arbeitern, den Selbständigen im Mittelstand, denen, die täglich Produktives tun, und zwar ganz ohne Abitur oder Hochschulstudium.

Dagegen werden die Studierten zunehmend zur Last für eine Gesellschaft, zu Nutznießern der Produktivkraft von Arbeitern und Handwerkern, die den Überschuss erwirtschaften, den Hochschullehrer wie das Profx dann durch angebliches Denken verbrauchen.

Insofern ist es Zeit, die Geschichte vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Frage danach, was die vielen angeblich Bildungsnahen, die sich an Hochschulen herumdrücken, denjenigen, die sie finanzieren, für einen Nutzen bringen.

Das ist eine Frage, die die Mehrzahl derer in natur- und ingenieurswissenschaftlichen Fächern nicht fürchten wird. Anders sieht es in Teilen der Sozialwissenschaften aus, wo die Normalität, sich von Arbeitern durchfüttern zu lassen, auf keinerlei empfundene moralische Verpflichtung trifft, etwas anderes als Worte, deren Bezug zur Realität ungeklärt ist, zurückzugeben.

©ScienceFiles, 2015

Gesucht: Studenten aus der Arbeiterschicht

An manchen Universitäten ist es zur Regel geworden, Professoren, die auf Lehrstühle berufen wurden oder Lehrstühle seit Jahren innehaben, einer breiteren Fachöffentlichkeit vorzustellen, indem die entsprechenden Professoren mit ihren Forschungsschwerpunkten und -ergebnissen protraitiert werden.

Das ist zu begrüßen, weil es einerseits Transparenz darüber schafft, was an deutschen Hochschulen geforscht und mit Steuergeldern getan wird, andererseits ist es aufgrund der Lücken zu begrüßen, denn: Um die Forschungsarbeit und sonstigen wissenschaftlichen Tätigkeiten vorstellen zu können, muss es diese Forschungsarbeiten und wissenschaftlichen Tätigkeiten geben. Folglich gibt die Lücke, die entsteht, wenn man die Professoren, die vorgestellt wurden, mit denen, die es nicht wurden, vergleicht erste Hinweise darauf, bei wem es nichts vorzustellen gibt.

SchindlerSteffen Schindler ist Juniorprofessor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildung an der Universität Bamberg und ist einer der Professoren, die etwas forschen und tun, was man vorzeigen kann. Schindler beschäftigt sich u.a. mit der Frage, warum Kinder aus Arbeiterhaushalten unter den Studenten nach wie vor unterrepräsentiert sind, und zwar sowohl, wenn man den Bevölkerungsanteil zur Grundlage nimmt als auch, wenn man die Anzahl der Studienberechtigten zur Grundlage nimmt.

Denn: so erzählt Schindler: “Viele Arbeiterkinder entscheiden sich trotz Hochschulreife gegen ein Studium”. Warum also erwerben sie eine Hochschulreife? “Die Hochschulreife”, so fährt Schindler fort, “hat sich zur faktischen Zugangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe entwickelt”. Aha, so denkt man, Arbeiterkinder machen Abitur, um hinterher eine Lehre machen zu können, während Kinder aus der Mittelschicht ein Abitur als Voraussetzung für ein Studium erwerben.

Aber lesen wir weiter: Arbeiterkinder studieren auch deshalb nicht, weil es ihnen darum geht, “den Status ihrer Eltern zu reproduzieren … Wenn der Statuserhalt das Ziel ist, reicht für Arbeiterkinder die Berufsausbildung”, so erklärt Schindler und gibt damit eine Erklärung, die eine Frage provoziert, schon weil sie ein alter Hut aus dem Jahre 1974 ist (Raymond Boudon): Wenn Statuserhalt das Ziel ist, wie kommt es dann überhaupt zu vertikaler sozialer Mobilität? Oder: Wo kommt die Bildungsexpansion her, die über die letzten Jahrzehnte immer mehr Abiturienten produziert hat und immer mehr Abiturienten hat studieren sehen, was notwendig voraussetzt, dass die Anzahl dêr Studenten aus nicht-Akademikerhaushalten über die letzten Jahrzehnte gestiegen ist. Für diese Studenten kann entsprechend der Statuserhalt nicht das Ziel gewesen sein, sondern der soziale Aufstieg.

Ist die Theorie vom Statuserhalt also eine Theorie begrenzter Reichweite, wie Robert K. Merton wohl sagen würde, eine Theorie, die nur auf Arbeiterkinder zutrifft? Wäre dem so, man wäre nichts gebessert, denn nun stellt sich die Frage: Warum trifft die Theorie vom Statuserhalt nur auf Arbeiterkinder zu?

Das scheint auch Schindler Kopfzerbrechen zu bereiten, weshalb er nachschiebt, dass die meisten Kinder aus Arbeiterfamilien, die ein Abitur erreichen, dies sowieso über den zweiten Bildungsweg, also über Abendschulen und sonstige Möglichkeiten, ein Abitur, in den meisten Fällen ein Fachabitur nachzumachen, erreichen.

Wie sich diese Erkenntnis, die Schindler gegen Ende seines Textes preisgibt, zu der eingangs von ihm geäußerten Überzeugung verhält, dass Arbeiterkinder das Abitur machen, um Zugang zu einem Ausbildungsberuf zu erhalten und um in der Lage zu sein, den Status ihrer Eltern zu erhalten, das ist eine Frage, die man nur mit: “Es ist ein Widerspruch!”, beantworten kann.

Was uns zurück auf Los schickt. Abermals bewaffnet mit den Ergebnissen z.B. der Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks und abermals mit der Frage: Warum studieren weniger Arbeiterkinder als Kinder aus Akademikerhaushalten?

Zwei Abbildungen aus der Sozialerhebung sind hier von Interesse:

Soziale Herkunft studenten

Die beiden Abbildungen zeigen den Schulabschluss des Elternteils mit dem höchsten Schulabschluss und den Berufsabschluss des Elternteils mit dem höchsten Berufsabschluss. Dabei kann man drei Ding sehen:

  • Studenten, deren Eltern einen Hauptschulabschluss haben (also mindestens eines ihrer Elternteile) verschwinden seit 1994 systematisch von Hochschulen.
  • Studenten, von deren Eltern mindestens einer eine Lehre oder einen Facharbeiteraschluss hat, machen seit 1997 kein Drittel der Studentenschaft mehr aus.
  • Der Anteil der Studenten aus einem Akademiker-Haushalt oder von Eltern, die (einer davon) ein Abitur erreicht haben, ist seit 1985 kontinuierlich gestiegen.

Diese Entwicklung kann man nicht anders als als soziale Schließung bezeichnen. Hochschulen werden mehr und mehr zur inklusiven Veranstaltung von Akademikern, zu einer Form der Akademiker-Inzucht, die für frisches Blut von außerhalb der akademischen Gemeinde immer stärker geschlossen wird.

Der einzige Mechanismus, der eine solche Entwicklung erklären kann, ist ein institutioneller Mechanismus, eine Art institutionelle Gatekeeper-Funktion, die Akademiker-Kinder durchlässt und insbesondere Kinder aus Arbeiterhaushalten ausschließt. Da Bildung einen Prozess darstellt, den man im vorliegenden Fall mit dem Besuch eines Gymnasiums beginnen lassen kann, liegt der Schluss nahe, dass die Mechanismen, die für die soziale Selektion verantwortlich sind, die in den beiden Abbildungen dargestellt ist, bereits beim Zugang zum Gymnasium greifen.

Entsprechend sollte Herr Schindler, wenn er nun forscht, was dazu führt, dass bestimmte Schüler aus der Arbeiterschicht trotz aller Widrigkeiten immer noch an eine Hochschule gelangen, bei den institutionellen Selektionsprozessen anfangen, die den Zugang zu Gymnasien begleiten.

Aber natürlich ist das politisch nicht korrekte Forschung – wie alle Forschung, die relevante Ergebnisse verspricht.