Der neue Faschismus in Baden Württemberg

Wie normal es derzeit ist, Jungen unter dem Deckmantel der Mädchenförderung zu diskriminieren, zeigt ein Link, den uns ein Lehrer aus Baden-Württemberg geschickt hat (Vielen Dank!). Er sei in einer eMail ausdrücklich ermuntert worden, so schreibt er, Schülerinnen auf das folgende Angebot der Universität Stuttgart hinzuweisen:

Meetscience

Deutschland muss es wirklich gut gehen, wenn man es sich leisten kann, nur bei weiblichen Schülern für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge Reklame zu machen. Offensichtlich handeln die Verantwortlichen der Universität Stuttgart und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die sich neuerdings darin gefällt, die Diskriminierung von Jungen zu finanzieren, auf Grundlage der Prämisse, dass man zuviele Jungen in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen habe, also in jedem Fall nicht noch mehr brauche, weshalb man auch männliche Schüler nicht für die entsprechenden Studiengänge interessieren müsse.

Einen Eindruck davon, was es bedeutet, naturwissenschaftliche oder technische Fächer an der Universität zu belegen, ist entsprechend nur für weibliche Schüler in der 10. Jahrgangsstufe oder höher wichtig. Jungen sind hier – wie so oft – vernachlässigbar, oder sie werden ihren Weg auch machen, ohne dass sie hinten herumgehoben werden.

Wer Schülern und in Abhängigkeit von Geschlecht Wertigkeiten zuweist, die einen sind es wert, dass man sich besonders um sie kümmert, die anderen nicht, der ist nach allen uns geläufigen Definitionen ein Faschist, und dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft Mittel bereitstellt, um Faschismus zu fördern, das ist eine besorgniserregende, wenn auch keine neue Entwicklung.

Wissenschaftliche Standards? Im Mannheimer Zentrum für Sozialforschung offensichtlich unbekannt

Die “Feminisierung des Lehrerberufs” ist wieder einmal bei uns angekommen.

Stammleser von ScienceFiles werden sich daran erinnern, dass es eine Reihe von angeblichen Wissenschaftlern gibt, die voneinander abschreiben und Dr. habil. Heike Diefenbach und mir unterstellen, wir hätten 2002 in “Bringing Boys Back In” geschrieben, dass eine “Feminisierung des Lehrerberufs” dafür verantwortlich sei, dass Jungen im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden und weit hinter Mädchen zurückbleiben.

Wer uns auch nur ein bißchen kennt, der weiß, dass wir mit Sicherheit nie behaupten würden, dass irgend eine “Isierung” für etwas Konkretes wie die Tatsache, dass Jungen bei der Grundschulempfehlung bessere Leistungen für dieselbe Grunschulempfehlung bringen müssen als Mädchen (in der LAU und in der ELEMENT-Studie belegtes Faktum) verantwortlich ist. Wenn wir jemals eine Ursachenattribuierung vorgenommen hätten, was wir nicht haben, dann hätten wir Lehrerinnen als Ursache dafür benannt, dass Jungen schlechter abschneiden als Mädchen. Aber nicht einmal das haben wir getan, wie jeder weiß, der unseren Beitrag “Bringing Boys Back In” gelesen hat.

Überhaupt kommt der Begriff “Feminisierung” ebenso wenig wie die Konstruktion “Feminisierung des Lehrerberufs” in unserem Beitrag vor. Beide Begriffe sind Produkte der Phantasie all derjenigen, die wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und mit allerlei Unsinn versuchen, Lehrerinnen vom Verdacht freizusprechen, sie hätten etwas mit der differenziellen Benotung von Jungen und Mädchen zu tun. Daran erkennt man übrigens die Ideologen: Sie interessieren sich nicht für die Ursachen der Nachteile von Jungen, sondern für Schulzuweisungen.

mneugebauDas neueste Machwerk, das dazu dient. Lehrerinnen von aller Verantwortung freizusprechen und in dem wir als ideologischer Feind (der mit der Feminisierung) aufgebaut werden (sollen), stammt von Maria Gerth und Martin Neugebauer vom Mannheimer Zentrum für Sozialforschung und ist in dem von Rolf Becker und Alexander Schulze herausgegebenen Band “Bildungskontexte: Sturkturelle Voraussetzungen und Ursachen ungleicher Bildungschancen” erschienen, und zwar unter dem Titel “Weiblicher Schulkontext und Schulerfolg von Jungen”.

Gerth und Neugebauer zitieren uns auf Seite 432 ihres Beitrages, und zwar als Autoren, die angeblich behauptet haben, die “Feminsierung des Lehrerberufs” sei Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen im deutschen Bildungssystem. Wir haben oben bereits gesagt, was davon inhaltlich zu halten ist. Hier ist formal anzufügen, dass Gerth und Neugebauer uns zitieren, ohne unseren Text gelesen zu haben. Sie zitieren uns in einer Art und Weise, die aus anderen Zusammenhängen bekannt und berüchtigt ist. Mit anderen Worten, sie schreiben ab, was andere schon über “Bringing Boys Back In” behauptet haben, ohne den Artikel jemals gelesen zu haben.

Wissenschaftliches ArbeitenWären Gerth und Neugebauer Studenten, sie bekämen keinen Schein, schon wegen formaler Mängel und wegen nachgewiesener Unwilligkeit, die Arbeiten, die man zitieren will, auch zu lesen. Warum lesen Gerth und Neugebauer nicht, was sie zitieren? Weil sie uns als Feind aufbauen wollen, als diejenigen, die die “These befeuert” haben, “wonach möglicherweise Lehrerinnen am schulischen Misserfolg von Jungen eine (Mit)verantwortung tragen” (Gerth & Neugebauer, 2013: 431).

Ich kann gar nicht in Worte fassen, welche Verachtung ich für angebliche Wissenschaftler habe (und das ist wirklich alles, was ich für sie haben kann), die sich bereits im Abstract zu ihrem Beitrag als Ideologen outen, Ideologen, denen es nicht darum geht herauszufinden, warum Jungen im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden, sondern die zeigen wollen, wie unhaltbar die befeuerte These doch ist, nach der “möglicherweise Lehrerinnen” am schlechten Abschneiden von Jungen eine “(Mit)verantwortung” tragen.

Derartige Jungfrau Maria-Ideologen, die noch von der unbefleckten Notengebung in deutschen Schulen ausgehen, bewirken bei mir Brechreiz.

Aber nicht nur deshalb – auch wegen der prätentiösen Art, in der die angeblichen Wissenschaftler von einer methodologischen Basis, die man nur als mickrig bezeichnen kann, glauben schließen zu können: dass “die Rekrutierung männlicher Lehrkräfte nicht das Mittel [ist], um die schulischen Nachteile von Jungen gegenüber von Mädchen zu reduzieren”.

Diese Allaussage, die keinen Zweifel mehr zulässt, gründen Gerth und Neugebauer auf die Analyse der Leseleistungen und die Analyse der Deutschnoten bei Grundschulkindern, die im Rahmen der IGLU-2006 Studie untersucht wurden. Weil Jungen, die von Männern (den wenigen, die es in Grundschulen noch gibt) unterrichtet werden, nicht besser abschneiden als Jungen, die von Frauen unterrichtet werden, weder im Hinblick auf Lesekompetenz noch im Hinblick auf die Deutschnote, glauben Gerth und Neugebauer den oben zitierten weitreichenden Schluss ziehen zu können.

Methodologisch ist dazu Folgendes zu sagen: Man kann nur dann sagen, dass Kevin Klein eine bessere Deutschnote gehabt hätte, wenn er statt von Hilda Gans von Peter Wolf unterrichtet worden wäre, wenn man auch weiß, welche Leistung Kevin Klein erbracht hat, als er von Hilda Gans unterrichtet wurde und welche er erbracht hat als er von Peter Wolf unterrichtet wurde. Das machen Gerth und Neugebauer aber nicht.

Sie begehen vielmehr einen Designfehler, bei dem man als empirischer Sozialforscher die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: Sie schauen, ob Kevin Klein, der von Hilda Gans unterrichtet wird, eine bessere Deutschnote hat und bessere Leseleistungen erbringt als Maik Groß, der von Peter Wolf unterrichtet wird. Sicher, sie haben nicht nur Kevin Klein, sondern viele Kevin Kleins, aber das ändert nichts daran, dass das Design falsch ist und sie die Aussage, die sie treffen, gar nicht treffen können. Alle sonstigen Fehler haben wir bereits an einem anderen Beispiel, das Neugebauer mit zu verantworten hat, dargestellt.

Ein derartiger Anfängerfehler hätte früher Gelächter bei mir ausgelöst. Heute macht er mich nur ärgerlich, nichtzuletzt, weil ein derartiger Anfängerfehler, diejenigen, die ihn begehen, nicht davon abhält, weitreichende (oder großkotzige?) in jedem Fall nicht gerechtfertigte Schlüsse zu ziehen.

MYESUnd was sagt der Herr Neugebauer zu all dem, z.B. dazu, dass er zitiert, was er nie gelesen hat? Er sagt, dass seine Arbeit den wissenschaftlichen Standards entspricht, was mich dazu veranlasst, seine Schlußfähigkeiten zu adaptieren und in einer weitreichenden Verallgemeinerung aus der Tatsache, dass Neugebauer ganz offensichtlich keine wissenschaftlichen Standards kennt und am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) beschäftigt ist, zu schließen: Am Mannheimer Zentrum sind wissenschaftliche Standards derzeit unbekannt.

Wer am MZES arbeitet und diesen Schluss für falsch hält, der kann sich ja öffentlich von den wissenschaftlichen Standards, die Neugebauer für solche hält, distanzieren.

Als Forschungsschwerpunkt gibt Martin Neugebauer übrigens die empirische Bildungsforschung an. Das lässt Schlimmes befürchten ….

Erstmals klar belegt: systematische Diskriminierung von Männern an Universitäten

Vergessen Sie alles, was Sie über Meritokratie gehört haben!

Meritokratie, das ist das Prinzip, nach dem diejenigen die die besten Leistungen bringen, diejenigen sind, die mit begehrten Positionen belohnt werden.

Professuren waren einst begehrte Positionen und Meritokratie das Prinzip, mit dem die Professuren besetzt wurden.

state femimism bookUnter der Ägide des Staatsfeminismus ist dies alles anders: Nicht mehr Leistung entscheidet darüber, wer auf Positionen gelangt, sondern Geschlecht. Das ganze Brimborium, das diese Tatsache verdecken soll, z.B. die Floskel: “Bei gleicher Eignung werden weibliche Bewerber bevorzugt”, ist eben nichts Anderes als Brimborium. Es dient dazu, den Leichtgläubigen Fairness vorzugaukeln und den anderen den Mund zu stopfen, weil man bei Kritik behaupten kann, dass z.B. Professuren in Deutschland nicht nach Geschlecht, sondern nach Leistung besetzt werden und nur bei gleicher Leistung weibliche Bewerber bevorzugt werden.

Das kann man so lange behaupten, so lange es keine Belege gibt, die diese Behauptung widerlegen.

Und – offensichtlich haben die staatsfeministischen Instanzen nicht aufgepasst – denn:

Es gibt jetzt eindeutige Belege.

Belege, die man nicht wegdiskutieren kann. Belege, die man nicht weginterpretieren kann und Belege, die man auch nicht als Einzelfall abtun kann, Belege dafür, dass Männer an Hochschulen systematisch diskriminiert werden, dass nicht Meritokratie das Leitmotiv bei der Besetzung von Professuren ist, sondern die Bevorzugung von Frauen, von Frauen, die weniger qualifiziert sind als Männer.

Die Untersuchung, die diese Belege liefert, ist nagelneu, wurde direkt unter der Nase staatsfeministischer Kontrollinstanzen und politischer Korrektheitswächter erstellt, und zwar beim Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Ein Leser von ScienceFiles, dem wir an dieser Stelle herzlich danken wollen, hat uns auf diese Untersuchung, nach der niemand mehr behaupten kann, er habe nicht gewusst, dass Männer systematisch an Hochschulen diskriminiert werden, aufmerksam gemacht.

Mark Lutter und Martin Schröder haben die Untersuchung “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” durchgeführt und als MPIfG Discussion Paper 14/19 veröffentlicht.

MPIfG_LutterFundierte Untersuchungen benötigen eine gute Datenbasis. Lutter und Schröder haben eine gute Datenbasis: Sie berücksichtigen alle Professuren, die im Fachbereich Soziologie, an 77 Instituten für Soziologie in ganz Deutschland von 1980 bis 2013 besetzt wurden. Damit nicht genug, Lutter und Schröder können den gesamten Weg bis zur Professur, den Tenuretrack nachzeichnen, und zwar für 1.260 Soziologen, die im Beobachtungszeitraum 530 Promovenden wurden, 433 Post-Doc Positionen besetzt haben, 36 Junior- und 297 richtige Professuren erreicht haben. Der Datensatz ist mit einem Wort: beeindruckend.

Und er ist einmalig, denn Lutter und Schröder sowie zwei ungenannt gebliebene Helfer haben sich hingesetzt und aus den veröffentlichten Lebensläufen der 1.260 Soziologen und bis einschließlich 2013 alle Publikationen, die in Zeitschriften, Büchern und als graue Literatur veröffentlicht wurden, gesammelt. Die Publikationen wurden zudem in solche in renommierten Peer-Review-Zeitschriften und weniger renommierten Zeitschriften unterschieden. Insgesamt haben die Autoren 28.545 Publikationen zusammengetragen. Warum? Weil die Anzahl der Publikationen, die wissenschaftliche Produktivität als Indikator für die Kompetenz, das Humankapital, eines Wissenschaftlers gilt.

Die Anzahl der Publikationen und deren Ort der Veröffentlichung wird ergänzt von einer Vielzahl weiterer Informationen, die Lutter und Schröder gesammelt haben. Darunter die wissenschaftliche Sozialisation, d.h.: hat ein Soziologe an einer angesehenen oder an einer Provinzuniversität studiert; seine Mobilität, d.h. wie oft hat er die Universität gewechselt, die Dauer internationaler Aufenthalte, sofern es sie gibt, und vieles mehr, das einen Einfluss auf eine Berufung auf eine Professur ausüben könnte.

Auf Grundlage dieser Daten haben die Autoren dann untersucht, was die Soziologen auszeichnet, die auf eine Professur berufen wurden.

Die auf den ersten Blick gute Nachricht vorab: Die Anzahl der Publikationen ist der beste Prädiktor einer Berufung, wobei die Art der Publikationen eine Rolle spielt: wissenschaftliche Beiträge in Peer-reviewed Zeitschriften sind am wichtigsten, es folgen andere Zeitschriftenbeiträge, eigene Monographien, Herausgeberschaften und Kapitel in Sammelbänden mit einigem Abstand. Graue Papiere wirken sich negativ auf die Berufungschancen aus, in sie zu investieren, lohnt sich entsprechend nicht, wenn man eine Professur anstrebt, es sei denn, es ist ein grauer Schocker, wie das Papier von Lutter und Schröder. Interessanter Weise spielen Auslandsaufenthalte, die man als eine Form der Horizonterweiterung ansehen kann, bei der Berufung keinerlei Rolle, ebenso wenig wie eine Ausbildung an einer renommierten Universität dies tut.

Das war das, was man auf den ersten Blick als gute Nachricht ansehen könnte.

Nun kommen die schlechten Nachrichten, die zeigen, dass die gute Nachricht eben keine gute Nachricht war:

  • Achtung JudenWeibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse sind schockierend und ein eindeutiger Beleg dafür, dass an deutschen Universitäten das Prinzip der Meritokratie nicht mehr gilt. Die Arbeit von Lutter und Schröder zeigt, dass das Prinzip der Meritokratie quasi als sekundäre Meritokratie eingesetzt wird, um unter weiblichen Bewerbern den besten Bewerber auszuwählen. Dabei handelt es sich insofern um sekundäre Meritokratie als die besseren männlichen Bewerber, diejenigen mit mehr Publikationen und mit mehr Erfahrung ausgeschlossen wurden.

Daran gibt es nach der Untersuchung von Lutter und Schröder keinen Zweifel. So wenig Zweifel wie es daran gibt, dass diese offene Benachteiligung von Männern einerseits politisch gewollt ist, andererseits Universitäten schädigt, weil geringer qualifizierte Frauen, qualifizierteren Männern vorgezogen und das Prinzip der Meritokratie damit zerstört wird.

Was es heute bedeutet, männlich zu sein, lässt sich am Beispiel einer typisch männlichen Bildungskarriere, wie sie unter dem Staatsfeminismus gegeben ist, wie folgt darstellen:

  • Jungen werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt als Mädchen.
  • Wer es als Junge in die Grundschule geschafft hat:
    • hat eine höhere Wahrscheinlichkeit als Mädchen auf eine Sonderschule abgeschoben zu werden;
    • hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, nicht versetzt zu werden als Mädchen;
    • hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, selbst bei gleicher oder besserer Leistung eine Grundschulempfehlung für ein Gymnasium zu erhalten als Mädchen;
  • Jungen landen entsprechend häufiger auf Haupt- und Sonderschulen als Mädchen und deutlich seltener auf Gymnasien.
  • Entsprechend haben Jungen einen geringere Wahrscheinlichkeit, ein Abitur zu erreichen als Mädchen.
  • Entsprechend gibt es weniger männliche als weibliche Studenten.
  • Männliche Akademiker, die ein Studium abgeschlossen haben,
    • müssen länger warten, bis sie eine Promovendenstelle, Post-Doc-Stelle oder Juniorprofessur erhalten und benötigen im Durchschnitt zwei Jahre länger, um eine Professur zu erreichen als weibliche Adademiker;
    • Damit männliche Akademiker auf eine Professur berufen werden, müssen sie deutlich mehr publizieren als weibliche Akademiker, d.h. der durchschnittliche männliche Bewerber auf eine Professur ist nicht nur qualifizierter als der durchschnittliche weibliche Bewerber, der durchschnittliche männliche Beweber muss auch zusehen, wie ihm geringer qualifizierte weibliche Bewerber vorgezogen werden.

Wenn man diese systematische Benachteiligung von Jungen und Männern im deutschen Bildungseinrichtungen so heruntertippt, dann kann man nicht anders als festzustellen, dass es sich hierbei um eine Form des bildungspolitischen Kahlschlags handelt, unter dem nachwachsende Generationen leiden werden, denn bislang hat es noch keine Gesellschaft dauerhaft überlebt, dass die Besten von Positionen ferngehalten wurden, um mittelmäßige aber politisch dienliche Kandidaten zu berufen.

©ScienceFiles, 2015

Mogelpackung: Nicht überall wo Wissenschaft drauf steht, ist auch Wissenschaft drin

von Michael Klein

Die neueste Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie enthält eine Rezension von Dr. habil. Heike Diefenbach. Wir sind also nicht nur die Kritiker und Beobachter der Wissenschaft, die von außen betrachten, wir sind auch die Kritiker und Beobachter der Wissenschaft, die von innen verändern.

Besprochen hat Dr. habil. Heike Diefenbach das Buch:

Sind Mädchen besser? Der Wandel geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs in Deutschland. Frankfurt a. M.: Campus 2012. 340 Seiten. ISBN 978-3-593-39754-2. Preis: € 39,90 von Marcel Helbig, seines Zeichens Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin.

KfzssDer etwas prätentiös und sprachlich verkümmert daherkommende Titel, dem die Vergleichsbasis fehlt (besser als), gibt also vor, es handle sich um ein Buch, das sich mit der Tatsache befasst, dass Jungen in den letzten Jahrzehnten im deutschen Bildungssystem immer weiter hinter Mädchen zurückgefallen sind – ein Ergebnis, das Diefenbach und Klein bereits 2002 in der Zeitschrift für Pädagogik publiziert haben.

Vor genau 12 Jahren! Denn: publiziert wurde es in der Dezemberausgabe. 12 Jahre steht also der Befund, dass Jungen im Bildungssystem deutlich schlechter abschneiden als Mädchen. Geändert hat sich nichts. Offensichtlich, so kann man wohl nach 12 Jahren feststellen, ist es deutschen Bildungspolitikern vollkommen egal, dass Jungen in der Bildung mit Mädchen nicht gleichgestellt sind, dass sie aktiv benachteiligt werden, wie eine Reihe von Befunden, nicht zuletzt Diefenbach (2007) die LAU und die ELEMENT Studien deutlich machen.

Da 9 der 16 Kultusministerien von Frauen geleitet werden, kann man nunmehr auch die Mär von den Frauen, die angeblich so “caring” sind, so viel mehr “caring” als Männer auf den Müllhalde der Legenden werfen und feststellen: weibliche Kultusminister kümmern sich ebenso wenig darum, dass Jungen in Schulen hinter Mädchen zurückbleiben wie männliche Kultusminister.

Helbig will angeblich – das suggeriert jedenfalls der Titel seines Buches, bei dem es sich um seine Dissertation handelt, – im Zeitverlauf die Entwicklung des geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs betrachten und, so kann man dem kümmerlichen “Sind Mädchen besser” (wieso eigentlich nicht: “Sind Jungen schlechter”?) entnehmen, Erklärungen für den geschlechtsspezifischen Bildungserfolg analysieren.

Dazu Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer Rezension:

Mogelpackung“Was Helbig tut, ist vielmehr zweierlei: zuerst rezipiert er einige mögliche Erklärungen für die Nachteile von Jungen gegenüber Mädchen mit Bezug auf ihren formalen Bildungserfolg, die in der Literatur vorgebracht werden, und empirische Studien, die sich auf diese Erklärungen beziehen (lassen); anschließend nimmt er anhand von retrospektiven Daten aus der ALWA-Studie und der NEPS-E8-Studie einen Vergleich von Jungen und Mädchen bzw. Frauen und Männern aus vier Kohorten bzw. Gruppen von Geburtsjahrgängen (die die Jahre von 1944 bis 1986 umfassen) zum Gymnasiumbesuch und dem Erwerb des Abiturs vor und versucht, die Ergebnisse durch einige Variablen zu erklären, die in diesen Studien verfügbar sind (wobei er sechs verschiedene abhängige Variablen benutzt, die sich alle auf den Gymnasiumbesuch oder den Erwerb des Abiturs beziehen).”

Es geht also nicht um die Erklärung eines geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs, wie der Titel suggeriert, sondern um die Erklärung des Besuchs eines Gymnasiums und des Erreichens eines Abiturs. Das Schöne an der Beschränkung dieser Fragestellung ist nun: Die Jungen, die bis zum Gymnasium bereits aussortiert wurden, werden gar nicht erst berücksichtigt. Anders formuliert: Da sich der geschlechtsspezifische Bildungserfolg u.a. darin niederschlägt, dass weniger Jungen als Mädchen am Gymnasium ankommen, untersucht Helbig gerade nicht den geschlechtsspezifischen Bildungserfolg. Er gibt dies nur vor. Sein Ansatz entspricht in etwa der Untersuchung geschlechtsspezifischer kognitiver Kompetenzen, die sich auf eine Auswertung der Preisträgerliste für den Nobelpreis beschränkt. Eine solche Auswertung würde natürlich nicht unter der Überschrift “Sind Männer besser” vorgenommen, sondern unter der Überschrift “Frauen werden benachteiligt”.

Es handelt sich bei der Dissertation also um eine Mogelpackung, wie Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer Rezension deutlich zeigt – eine Mogelpackung, die vorgibt, den kompletten Bereich des geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs zu untersuchen, sich aber nur auf einen spezifischen Bereich des Bildungssystems, namentlich das Erreichen eines Abiturs beschränkt. Und es ist keine Verlaufsstudie, wie man erwarten würde, weil die Erklärung einer Entwicklung angekündigt wird. Vielmehr nutzt Helbig retrospektive Daten, also Daten aus Erhebungen, bei denen die Teilnehmer rückblickend über Bildungsaspekte ihres Lebens befragt wurden.

Dass im nächsten Schritt von Helbig eine Datenhuberei entwickelt wird, die man zwischenzeitlich gewöhnt ist, dass die unvermeidliche Logistische Regression seitenweise auf die Leser einstürzt, die nach kurzer Zeit dasselbe Schicksal erleiden wie der Autor, nämlich komplett den Überblick zu verlieren, sei hier nur der Vollständigkeit halber angefügt.

So fragt man sich, warum wurde dieses Buch geschrieben, wenn alles, was im Titel angekündigt wird, nicht gemacht wird? Die Antwort gibt Dr. habil. Heike Diefenbach:

“Damit ist klar, dass Helbig Mädchen tatsächlich für rundum „besser“ hält als Jungen, aber er fragt sich nirgendwo im Buch, warum das so sein sollte, und auf seine Analysen bezieht sich all dies in keiner Weise.

Worauf gründet Helbig dann aber seine Überzeugung? Er liest sie anscheinend aus seiner Rezeption der Literatur im vorderen Teil des Buches heraus – „anscheinend“, weil er bei der Formulierung seiner Überzeugungen keine Rückverweise auf Literatur oder konkrete Studien vornimmt. Fest steht aber, dass seine Rezeption unzureichend oder unangemessen ist. So fehlen wichtige Befunde, die dazu geeignet
gewesen wären, Helbigs persönliche Überzeugung hinsichtlich der schulischen Nachteile von Jungen zu gefährden, darunter der Befund der Autorin dieser Rezension, der anhand der Daten der PISA-2003-Studie gewonnen wurde und nach dem Mathematikleistungen und -noten bei Mädchen deutlich enger miteinander zusammenhängen als bei Jungen und Jungen bei der Benotung gemessen an ihren Leistungen häufiger unterbewertet werden als Mädchen (und Mädchen häufiger als Jungen
ihren Leistungen entsprechend oder überwertet werden) (Diefenbach 2007).”

loss of realityMit anderen Worten, wir haben es wieder einmal mit einem Versuch, die Realität umzuschreiben und als Travestie ihrer selbst darzustellen, zu tun, ein weiterer Versuch im Gesamt all der Versuche, die seit Jahren unternommen werden, um die Nachteile von Jungen im Bildungssystem mit welchen hanebüchenen Rabulistiken auch immer aus der Welt zu reden und dem Bildungssystem als solchem, also Lehrern, Schulen und vor allem Kultusministerien, Absolution zu erteilen. Helbig liefert damit ein erneutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft zur Magd politischer Interessen degradiert wird.

Dr. habil. Heike Diefenbach ist eine von ganz wenigen Wissenschaftlern, die den Mut haben, dies auch in wissenschaftlichen Publikationen zum Ausdruck zu bringen, ein Stern, der sich hartnäckig gegen das Schwarze Loch der politischen Korrektheit behauptet, in dem sich die meisten institutionalisierten Wissenschaftler verstecken:

“Welcher Erkenntnisgewinn lässt sich angesichts all dessen aus dem Buch ziehen? Die Doktormutter der Dissertationsschrift von Helbig, Jutta Allmendinger, behauptet in ihrem Vorwort zum Buch: „Im vorliegenden Band findet man alles, was sich zur Frage vom Wandel des Bildungserfolgs nach Geschlecht finden lässt. Es ist ein in jeder Hinsicht gesättigtes Werk geworden“ (S. 11). „[G]esättigt“ ist das Buch aber nur mit (selbstauferlegten?) Rezeptions- und Denkbeschränkungen, sodass der einigermaßen bildungssoziologisch informierte Leser nach Lektüre dieses Buches nur weiß, was dabei herauskommt, wenn Sozialwissenschaft zur Legitimation des Status Quo benutzt wird, wie dies leider zunehmend der Fall ist.”

Neuer Beleg: Die Diskriminierung von Schülern ist politischer Wille

Jungen und Migranten teilen im deutschen Bildungssystem dasselbe Schicksal: Vielen von Ihnen wird die berufliche Karriere schon verunmöglicht, noch ehe sie begonnen hat. Neue Daten des Leipniz Institut für Länderkunde zeigen dies in beeindruckender und erschreckender Weise. Und sie zeigen vor allem eines: Die Proletarisierung oder moderner: Prekarisierung vieler Jungen, vieler Migranten und einigen Mädchen ist politisch gewollt: Sie ist das Ergebnis politischer Diskriminierung, geplant in den Kultusministerien der Länder und umgesetzt in den lokalen Schulen. Bereits 2002 als wir Bringing Boys Back In veröffentlicht haben, war deutlich, dass Jungen vor allem in den neuen Bundesländern deutlich hinter Mädchen zurückbleiben, Bereits damals konnten wir zeigen, dass – wie von Geisterhand bewegt – im Osten der Republik Jungen noch seltener als im Westen ein Abitur erreichen als Mädchen und noch häufiger ohne einen Schulabschluss oder nur mit einem Hauptschulabschluss die Schule verlassen als Mädchen. Radke_GomollaDies ist, bedenkt man, dass das ostdeutsche Schulsystem nach der Wende quasi von der Pike auf nach den Vorstellungen, die westdeutsche Schulplaner von einem gerechten und effizienten Schulsystem hatten, aufgebaut wurde, einerseits erstaunlich und wenn man mit dem Staunen fertig ist, dann ist es andererseits erschreckend, legt es doch den Verdacht nahe, moderne Schulplanung zielt darauf ab, Jungen gegenüber Mädchen zu benachteiligen. Ein weiteres, das Ergebnis in Bringing Boys Back In, das die pädagogische und mediale Diskussion seitdem beherrscht, zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Anteil männlicher Lehrer und dem Abschneiden von Jungen. Je weniger männliche Lehrer in Grundschulen und je mehr weibliche Lehrer in Grundschulen sind, desto schlechter schneiden Jungen ab. Zudem haben Ergebnisse, die u.a. Gomolla und Radke publiziert haben, gezeigt, dass die Nachteile, die wir für Jungen gefunden haben, auch für Migranten vorhanden sind. Entsprechend stellt sich die Frage, welche Prozesse dafür verantwortlich sind, dass Jungen und Migranten im deutschen Schulsystem deutlich schlechter abschneiden als Mädchen und nicht-Migranten. Interessanter Weise hat diese Frage bislang kaum jemanden interessiert. Statt dessen gibt es eine, wie wir es nennen: Zeterliteratur, die einzig und allein dem Zweck dient, weibliche Lehrer vom (übrigens von uns nie geäußerten) Verdacht, sie würden männliche Schüler gezielt diskriminieren, zu reinigen und statt dessen die Schuld bei Jungen zu suchen, sie als faul, machohaft und was auch immer zu stilisieren, um ihnen die Schuld an ihrer eigenen Misere zuzuschieben. Es ist ein Markenzeichen vieler Diskussionen um Mißstände in Deutschland, dass die Frage nach der Ursache eines Mißstandes mit der Frage nach der Schuld ersetzt wird. Die Untersuchung der Schuldfrage produziert dann die oben genannte Zeterliteratur, deren Zweck nicht darin besteht, die Ursache bestimmter Missstände zu suchen, sondern darin, eine Form kollektiven Wohlfühlens unter den Anhängern bestimmter Ideologien, im vorliegenden Fall des Genderismus zu schaffen. Dass die Mißstände durch das selbstgerechte Wohlfühlen nicht gelöst werden, deren Lösung vielmehr verhindert wird, ist dabei ohne Belang. Wenn man, wie wir auch schon mehrfach dargestellt haben und nicht zuletzt bereits in Bringing Boys Back In ausgeführt haben, ein kollektives Phänomen vor sicht hat, das systematisch zwischen Gruppen diskriminiert, dann bietet es sich an, nach Erklärungen zu suchen, die die entsprechenden Gruppen als solche betreffen, d.h. im vorliegenden Fall nach institutionellen oder sonstigen für unterschiedliche Schüler gleichen Bedingungen zu suchen, die zum Ergebnis haben könnten, dass Jungen und Migranten systematisch schlechter abschneiden als Mädchen und nicht-Migranten. Das ist eigentlich offensichtlich: Wenn man die Ursache einer Hungersnot sucht, wird man ja auch nicht versuchen, die Ursache im Essverhalten Einzelner zu finden, sondern vielmehr Umweltfaktoren oder institutionelle Faktoren, wie z.B. die Subventionierung des Anbaus von Mais zur Nutzung als Brennstoff oder eine Dürreperiode betrachten. Die Frage. warum diese offensichtliche Logik für die Frage, warum Jungen und Migranten im deutschen Schulsystem Nachteile haben, nicht gilt, kann sich jeder aufgrund der ideologischen Hegemonie des Staatsfeminismus selbst beantworten. Leibnitz Institut120x1000Die Forschung, die am Leibniz Institut für Länderkunde durchgeführt wurde, fügt der Diskriminierungsthese, also der Ansicht, dass Jungen und Migranten durch institutionelle Strukturen gezielt benachteiligt werden, einen weiteren Beleg hinzu. Sie ergänzen Ergebnisse, die zeigen, dass Jungen selbst bei besseren Noten schlechtere Grundschulempfehlungen erhalten als Mädchen, und sie ergänzen Ergebnisse, die zeigen, dass Jungen selbst bei besseren Leistungen in Leistungstests in schulischer Benotung schlechter abschneiden (Diefenbach, 2007) als Mädchen. Es muss entsprechend institutionelle Prozesse geben, die eher Jungen als Mädchen, eher Migranten als Nicht-Migranten benachteiligen und die Forschung des Leibniz Institut für Länderkunde zeigt diese Prozesse am Beispiel der Schüler, die ohne Schulabschluss bleiben.

  • Ohne Schulabschluss bleiben in ostdeutschen Ländern deutlich mehr Schüler als in westdeutschen Ländern. Top-Scorer ist Meckelenburg-Vorpommern, wo 12,4% der Schüler ohne einen Schulabschluss bleiben. Es folgen Sachsen-Anhalt (11,5%) und Sachsen (9,8%). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 5,5%.
  • Mehr als 50% derjenigen, die ohne Schulabschluss ihre Berufskarriere beenden, noch ehe sie begonnen hat, kommen von Förderschulen. Wie wir in vergangenen Posts gezeigt haben, sind die Kriterien, die eine Überstellung an eine so genannte Förderschule zur Folge haben, immer weicher geworden (z.B. sozio-emotionale Gründe, von denen niemand so richtig weiß, was sie sein sollen) und bei denjenigen, die an Förderschulen abgeschoben werden, handelt es sich vor allem um Jungen und Migranten. Warum man Schulen als Förderschulen bezeichnen sollte, die es nicht einmal schaffen, den Jugendlichen, die ihnen überantwortet werden, zu einem Schulabschluss zu verhelfen, ist eine Frage, die man wohl nur als politisch-korrekter Bildungspolitiker, der sich an der Realität nicht stört, beantworten kann.
  • Auch bei den Förderschülern, die direkt aus der Berufskarriere ausgesondert und ohne Schulabschluss gelassen werden, führen ostdeutsche Bundesländer: So bleiben z.B. 77% der Förderschüler in Mecklenburg-Vorpommern ohne einen Schulabschluss.

14_08_ohne_Schulabschluss_k2Die Ergebnisse belegen, dass eine Überstellung auf eine Förderschule eine Ursache der erheblichen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und zwischen Migranten und Nicht-Migranten ist, schon weil Jungen und Migranten viel häufiger auf Förderschulen abgeschoben werden als Mädchen und nicht-Migranten. Und warum werden sie häufiger abgeschoben? Weil man sie benötigt, um die Schulen nicht schließen zu müssen. Caroline Kramer, Professor am Institut für Geographie und Geoökologie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hat diesen Zusammenhang in einer selten zu findenden Offenheit formuliert:

“Zudem unterliegen sie zum Teil dem bildungspolitischen oder bildungsplanerischen Ziel, eine bestimmte Schulart auch bei sinkenden Schülerzahlen an einem bestimmten Standort zu erhalten. Dass dadurch in einigen Ländern oder Regionen bei mehr Schülerinnen und Schülern ein Förderbedarf diagnostiziert wird als in anderen Regionen, muss äußerst kritisch beurteilt werden.”

Das ist politischer Sprenstoff. Es heißt im Klartext: Schüler werden auf Förderschulen nicht etwa deshalb abgeschoben, weil sie dem normalen Schulbetrieb nicht folgen könnten, sondern deshalb, weil es politischer Wille ist, die entsprechenden Förderschulen offen halten zu können und trotz sinkender Schülerzahlen nicht schließen zu müssen. Dass dabei mehrere tausende Schüler jedes Jahr über die Klinge springen, dass ihre Berufskarriere und ihre Lebenschanchen beendet werden, noch ehe sie begonnen haben, ist dann ein Kollateralschaden, der neben dem wichtigen Ziel, Schulen nicht schließen zu müssen, weil es keine Schüler für sie gibt, zurückstehen muss. Die Zerstörung individueller Lebenschancen muss zum Wohle des größeren Ganzen eben in Kauf genommen werden – es ist der politische Wille vor allem im Osten der Republik, dies in Kauf zu nehmen. Zynischer kann Bildungspolitik nicht sein. Und wer hat noch einen Zweifel daran, dass ein Bildungssystem, in dem der politische Wille bestimmt, dass Kinder als Förderschüler geopfert werden müssen, um Förderschulen offen halten zu können, auch männliche Schüler und Migranten opfert, um einem politischen Willen zu huldigen, im ersten Fall dem Willen, per staatsfeministischem Eingriff, Mädchen besser zu stellen als Jungen, im zweiten Fall dem Willen, Migranten auch weiterhin als Paria des Bildungssystems inszenieren zu können? Wenn man die Sonntagsreden bedenkt, die Politiker von sich geben, an die Reden von der Bedeutung der nächsten Generation, von den Bildungschancen, von der Notwendigkeit, Bildung für alle zu ermöglichen und alle gerecht zu behandeln, damit die Kinder eine glückliche Zukunft auf ausreichender Bildung aufbauen können, dann kann man sich eigentlich nur übergeben.   Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115

Mythologie im ZDF: Bei 37 Grad (im Schatten?)

Wir danken einem Leser für den Link auf eine Sendung im ZDF. Die Ankündigung der Sendung hat uns bereits deutlich gemacht, dass es nicht notwendig ist, diese Sendung anzusehen, es sei denn, man will reality TV gewürzt mit Mythologie betrachten und sich das Ganze als Erklärung für den Bildungsmisserfolg von Jungen auftischen lassen.

37 GradDer Mythos, an dem Katrin Wegner, die für die Sendung bei 37 Grad verantwortlich zeichnet, strickt, ist der Mythos des plötzlich Jungen befallenden Schulmüdigkeitsvirus. Dieses Virus ist, dem Ebola-Virus vergleichbar, ein fast wahllos zuschlagendes Virus, eine Geißel Gottes, das aus dem Nichts auf seine Opfer fällt. Die Phase der Inkubation ist unterschiedlich lang. Immer jedoch äußert sich das Virus in Schulmüdigkeit, elterlicher, meist alleinerziehend-elterlicher Verzweiflung. Im fortgeschrittenen Stadium sind die Befallenen nicht mehr zum Schulgang fähig, “Fehlzeiten werden immer länger” und am Ende steht: Schule schwänzen.

Da ist zum Beispiel Phillip (17): “Plötzlich … lassen Wissbegier und Motivation nach, seine Leistungen nehmen rapide ab, und er schwänzt nur noch den Unterricht”. Oder: Jakob –  “Die Probleme des zwölfjährigen Jakob begangen ganz plötzlich in der Grundschule: Ständig saß er unter dem Tisch und zerriss die Arbeitsblätter, statt sie auszufüllen”.

Wir sehen, das Anti-Jungenbildungs-Virus sucht seine Opfer ohne Vorwarnung heim. Gestern noch saß Jakob am und nicht unterm Tisch, heute ist das anders. Oder Philip, er war “ein Überflieger” in der Schule, der ganz plötzlich eine Bruchlandung macht und als Folge lassen “Wissbegier und Motivation nach”. Ein weiterer Beleg für die Hinterhältigkeit des Anti-Jungenbildungs-Virus, das seine Opfer ganz plötzlich heimsucht.

ebola_micrograph_virus-afriqueUnd wie bei Ebola, so ist auch beim Anti-Jungenbildungs-Virus eine Heilung kaum möglich. Bislang gibt es kein Gegenmittel, nicht einmal eine Vermutung darüber, wo das Virus seinen Wirt hat, von wo aus, es seine Opfer befällt. Entsprechend ist die Frage, die Katrin Wegner bei 37 Grad stellt: “Warum scheitern Jungs öfter?”, [schon weil der Bezug fehlt: … als Mädchen, … als Väter, …. als ZDF-Redakteure] bislang unbeantwortet. Das einzige, was wir wissen, der schulische Verfall, der bei manchen Jungen noch vor der Grundschule und im Rahmen der Einschulungsuntersuchung einsetzt, tritt plötzlich, unvorhergesehen und natürlich ohne Ursache in der Umgebung der Jungen auf.

Selbstverständlich tut die Umgebung der Jungen, die schulische Umgebung der Jungen, alles, was in ihrer Macht steht, um die Jungen auf ihrem Bildungsweg in gleicher Weise zu unterstützen wie die Mädchen. Es ist ein Rätsel! Tagein, tagaus gehen Jungen zur Schule und dann: ohne Vorankündigung schlägt das Virus zu. Ein Rätsel, das es sonst an keiner Stelle in der deutschen Gesellschaft, ja nicht einmal in der Weltgesellschaft gibt. Sonst gilt immer, dass eine Wirkung eine Ursache hat. Im vorliegenden Fall ist das anders, das fiese Anti-Jungenbildungs-Virus schlägt ohne Grund zu – einfach so, weil es etwas gegen Jungen hat, nicht etwa gegen Mädchen, nein, das Virus, es differenziert nach Geschlecht! Nicht einmal Ebola differenziert nach Geschlecht. Insofern haben wir es mit einem hoch-spezialisierten, schnell-wirksamen Virus zu tun, dass es in nur kurzer Zeit dazu bringt, Patienten, wie den 17jährigen Phillip, in einer Form aktuter Bildungsdemenz aus dem Gymnasium in die Hauptschule zu verfrachten.

Niemand weiß, wie es das tut, wie das Virus die Schulanbindung der befallenen Jungen beeinflusst. Erste Vermutungen, die Wegner hat, verweisen auf Stress und die Familie, auf fehlende Rollenbilder, weil Väter lieber arbeiten als sich um ihre Söhne zu kümmern, so wie sie das über Jahrhunderte lieber getan haben, ohne dass dieses fiese Anti-Jungenbildungs-Virus derart hinterhältig zugeschlagen hätte. Aber heute, im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist das anders. Heute schlägt dieses Virus aus dem Nichts zu, heute ist es, aus seinem jahrhundertelangen Schlaf erwacht und wütet unter Jungen, die nur noch 45% der Besatzung von Gymansien stellen. Ein Kahlschlag von 10% gegenüber Mädchen und das in nicht einmal 20 Jahren. Ebola verblasst im Vergleich zum Anti-Jungenbildungs-Virus.

Hurrelmann BildungsverliererAuf ihrer Suche nach Ursachen für die Bildungsseuche unter Jungen hat Wegner sogar das Undenkbare gedacht und sich getraut, häretische Werke zu lesen, die eine Verbindung zwischen dem immer größer werdenden Anteil weiblicher Lehrer in Schulen und der immer intensiveren Art und Weise, in der das Anti-Jungenbildungs-Virus zuschlägt, herstellen. Das ist natürlich falsch, wie Wegner feststellt, die ihre früher gemachte Annahme fehlender Rollenbilder offensichtlich  und per offenem Widerspruch verworfen hat, und zwar deshalb, weil “Neue Studien [nachweisen], dass Lehrerinnen nicht schuld sind am schlechten Abschneiden der männlichen Schüler”.

Kleiner Einschub: Es gibt natürlich nicht mehrere “Neue” und ungenannt bleibende Studien. Es gibt genau eine (siehe unten) für Deutschland, die mehrfach aufgetischt wurde und ihren Ursprung im Berliner WZB hat. Was zeigt, wie einfach es heutzutage ist, institutionellen Unsinn unter das (Journalisten-)Volk zu bringen und dabei gleich zu vermehren.

In der Mythologie ist bekanntlich kein Platz für Vagheiten. In Mythologien herrscht Wahrheit, alles hat seinen Platz und deshalb ist in Mythologien Wissenschaft, Sozialwissenschaft insbesondere, in der Lage zu beweisen, zu beweisen, dass Lehrerinnen nicht schuld sind. Dieser Gottesbeweis, erbracht von wackeren Helden wie diesen hier, die den Unterschied zwischen Benotung und Schulbesuch nicht kennen und nicht zu wissen scheinen, dass es einen Unterschied macht, ob man auf einer Hauptschule oder auf einem Gymnasium benotet wird. Wegen dieses Unterschieds ist die Vergabe von Noten nur insofern interessant als es erstaunlich ist, dass die gleichen Noten zuweilen sogar bessere Noten, die Jungen im Durchschnitt und im Vergleich zu Mädchen haben, dazu führen, dass weniger Jungen als Mädchen ein Gymnasium besuchen. Insofern muss man den vermeintlich beweisenden Studien dankbar sein, denn ohne die Naivität der entsprechenden Autoren, wäre nie deutlich geworden, dass Jungen trotz durchschnittlich besserer Noten, schlechter in Schulen abschneiden als Mädchen. Was uns zurückbringt zur Frage, warum ist das so?

Warum? Seit Wegner uns bei 37 Grad ihre Mythologie aufgetischt hat, wissen wir es: Wegen des Anti-Jungenbildungs-Virus, das Jungen befällt, das nichts mit Schulen und schon gar nichts mit Lehrerinnen zu tun hat, das auch im Elternhaus nur in Spuren zu finden ist und letztlich am Ende die selbe Ratlosigkeit hinterlässt, mit der man losgegangen ist. Was tun mit einem Virus, von dem man nichts weiß und vor allem nichts wissen will?

Computer VirusOder will man doch? “Über 60 Prozent aller Jungen ab zehn besitzen eine Spielkonsole und sitzen mehr als viereinhalb Stunden täglich am Computer”, so weiß Wegner und damit ist klar: Das Virus wird durch die Computer übertragen. Warum sind wir nicht gleich darauf gekommen? Alle Welt spricht vom Computer-Virus. Unternehmen verdienen sich eine goldene Nase mit dem Erfinden von Viren und dem Verkauf entsprechender Anti-Viren-Programme. Und dennoch ist es nicht einmal der WHO in den Sinn gekommen, was Wegner hier durch phantatischen Journalismus aufgedeckt hat: Viren können zwischen Computern und Jungen übertragen werden.

Hervorragend! Die perfekte Erklärung für ein Problem, das man nicht lösen will: Jungen schneiden schlechter in der Schule ab, weil sie beim Spielen von Computerspielen, jedenfalls 60% von ihnen, von einem Anti-Jungenbildungs-Virus befallen werden.

Amen!

Manipulation durch Auslassung: Bildungsberichterstattung 2014

DestatisGerade hat das Statistische Bundesamt die Broschüre “Bildung in Deutschland 2014 veröffentlicht, eine deren Ziel darin besteht, “eine umfassende empirische Bestandsaufnahme” vorzulegen, “die das deutsche Bildungswesen als Ganzes abbildet …” (V). Erstellt wurde die Broschüre von einer “Autorengruppe”, die sich aus Mitgliedern des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen (SOFI) und aus den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder zusammensetzt. Viele Köche haben also in diesem Bildungsbrei gerührt.

Um so erstaunlicher, dass eine Broschüre dabei herausgekommen ist, die an politischer Korrektheit nicht zu überbieten ist und deren Auslassungen an Geschichtsfälschung grenzen, in jedem Fall aber verhindern, dass die Broschüre auch nur in die Nähe einer “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” der Situation der Bildung in Deutschland kommt.

Um dies zu zeigen, muss man nur ein paar Daten vorwegschicken: 44% der weiblichen Schüler haben ihre Schulausbildung im Jahr 2013 mit einem Abitur, also einer Studienberechtigung abgeschlossen, im Vergleich zu rund 35% der männlichen Schüler. Gut 7% der männlichen Schüler sind im Jahre 2013 ohne irgend einen Abschluss geblieben, im Vergleich zu 5% der Mädchen. Merken Sie sich diese Daten, die die nach wie vor für Jungen im deutschen Bildungssystem bestehenden Nachteile deutlich zeigen, denn in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” der oben genannten Autorengruppe kommen diese Daten nicht vor.

Ganz im Gegensatz zu den schon ans Manische grenzenden Gepflogenheiten alle Daten, die dies erlauben, nach Geschlecht auszuweisen, findet sich im Abschnitt D7 “Schulabgänge und Schulabschlüsse” der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” keinerlei Ausschlüsselung der Schulabgänger von Hauptschulen oder Gymnasien nach Geschlecht.

Seltsam.

Es wird umso seltsamer, wenn man bedenkt, was in der Broschüre alles nach Geschlecht aufgeschlüsselt ist:

  • Alleinerziehende,
  • pädagogisches Personal,
  • die Häufigkeit familiärer Bildungsaktivitäten,
  • Sprachförderungsbedürftige,
  • Lehrkräfte,
  • Freiwilliges Engagement von Neuntklässlern,
  • Studienberechtigung (nur in Prozent),
  • Jugendarbeitslosigkeit,
  • Übergangsquoten vom Gymnasium auf die Hochschule,
  • Personal an Hochschulen,
  • Kinder in Kindertagesstätten,
  • Anteil der Erwerbstätigen nach Bildungsabschluss,
  • Politisches Interesse nach Bildungsabschluss,
  • Disparitäten in Berufsausbildung und Studium.

Ist es nicht erstaunlich, welch abseitige Bereiche dem Autorenteam der Aufschlüsselung nach Geschlecht würdig erschienen sind, und welch wichtige Bereiche nicht? Und dies, obwohl in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” steht:

“Für die weitere Bildungs- und Erwerbsbiographie ist ein allgemeinbildender Schulabschluss eine wichtige Voraussetzung. Informationen über die Anzahl der Absolventinnen und Absolventen – d.h. derjenigen Schülerinnen und Schüler mit Hauptschul- oder höher qualifizierendem Abschluss … ermöglichen insofern eine Einschätzung der Qualifizierungsfunktion des Schulsystems (91).

Wer nun denkt, die Wichtigkeit des allgemeinbildenden Schulabschlusses für Absolventinnen und Absolventen habe eine entsprechende Auszählung der Schulabschlüsse nach Geschlecht zur Folge, der irrt sich. Die Ergebnisse, die wir diesem Text vorangestellt haben, kommen in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” nicht vor. Die Autorengruppe übt sich lieber in Ignoranz gegenüber einem Problem des deutschen Bildungssystems, das, wäre es invers, sähe es also mehr Mädchen ohne Abitur und Schulabschluss, sicher zu einem #Aufschrei führen würde. Aber es betrifft Jungen, deshalb wird es totgeschwiegen. Jungen sind offensichtlich in ihrer Mehrzahl als Arbeitstiere der Zukunft und nicht als Mausschubser in Verwaltungen vorgesehen.

Wer denkt, dass wir angesichts dieser Art von Fälschung durch Unterlassung angewidert sind, der denkt richtig.

Aber es wird noch besser. Gibt es doch ein Kapitel das mit “Chancengleichheit” überschrieben ist (212-214).

Hier gibt es so bemerkenswerte Aussagen wie:

“Junge Frauen haben zwar geringere Übertrittsquoten in eine betriebliche Ausbildung als junge Männer, gleichzeitig treten sie aber wesentlich häufiger in eine vollzeitschulische Ausbildung ein.

In Deutsch: Weil mehr Jungen als Mädchen ohne Abschluss bleiben bzw. keine Studienberechtigung erzielen, gehen mehr Jungen in eine betriebliche Ausbildung. Dagegen studieren mehr Mädchen als Jungen, weil deutlich mehr Mädchen (siehe oben) eine Hochschulreife erwerben. Wer noch nicht genug hat, es geht noch weiter:

dji“Während sich im allgemeinbildenden Schulwesen, aber auch in der beruflichen Ausbildung und im Studium für Frauen eine Erfolgsgeschichte zeigt und Frauen günstigere Bildungsbiographien aufweisen als Männer, stellt sich die Situation am Arbeitsmarkt deutlich anders dar. … Während im Beschäftigungsstatus durchaus günstige Entwicklungen für die Frauen im Beobachtungszeitraum zu erkennen sind, zeigt sich eine umgekehrte Entwicklung im Einkommen. Hier hat sich die Differenz im Nettoäquivalenzeinkommen in den letzten Jahren vergrößert. … Ein ähnliches Bild zugunsten der Männer ergibt sich beim Einkommensvergleich auf Basis des Bruttomonatseinkommens bei Vollzeiterwerbstätigkeit … : hier sind die Geschlechterdifferenzen bei Personen mit hohem Bildungsstand zum Nachteil der Frauen bzw. Vorteil der Männer am größten (213)”

Wenn also Jungen bei Bildungsabschlüssen und beim Zugang zu Universitäten weit hinter Mädchen zurückbleiben, dann ist dies eine Erfolgsgeschichte der Mädchen. Wenn Frauen zu faul sind, ihre Vorteile auch in eine Vollerwerbstätigkeit umzusetzen und sich lieber als Vollzeitmama vom Arbeitsmarkt verabschieden, dann ergeben sich daraus Nachteile für Frauen und Vorteile für Männer.

Und wem es noch nicht reicht bis hierhin, wer noch nicht den Drang verspürt, einen nach dem anderen der sogenannten Autorengruppe zu verprügeln oder ihm doch zumindest seine Verachtung auszusprechen, dem kann geholfen werden:

“Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es über die verschiedenen Bildungsbereiche hinweg offenbar gelungen ist, die früheren Nachteile von Frauen in der Bildungsbeteiligung und im Bildungsstand … zu kompensieren. … Zu beobachten bleibt die Entwicklung der Jungen bzw. Männer in den Bildungsinstitutionen, insbesondere im allgemeinbildenden Schulsystem, in der beruflichen Ausbildung und in der Hochschulbildung. Zwar konnten im Schulsystem im unteren Leistungsbereich Verbesserungen bei den Jungen erzielt werden wie eine niedrigere Abgängerquote ohne oder mit Hauptschulabschluss, aber in der Erreichung der Hochschulugangsberechtigung geht die Schere zwischen Männern und Frauen, wenn auch nur leicht, so doch weiter auseinander” (214).

Manipulationsversuche leben in der Regel von der Verwendung wertender Adjektive und schwammiger Verben. Die Nachteile von Mädchen wurden “kompensiert”.

Die Kompensation folgt dem zweistelligen Funktor “Nachteile”, der ja ein “gegenüber” oder “im Vergleich zu” erfordert, also ein Nullsummenspiel darstellt, das zu Lasten von nicht-Mädchen gegangen ist. Die Nennung der Vergleichsgruppe wird vermieden, das Verb “kompensiert” ist dabei sehr nützlich, suggeriert es doch, Mädchen hätten den Abstand zu einer Vergleichsgruppe aufgeholt, nicht mehr. Dass Jungen erhebliche Nachteile haben, weil sie seltener ein Abitur erreichen als Mädchen, wird durch den Einschub “wenn auch nur leicht”, für den es weder eine Notwendigkeit, noch eine andere Funktion als Verniedlichung gibt, kurzerhand weggeschrieben und dass deutlich mehr Jungen als Mädchen auf Haupt- und Sonderschulen zu finden sind und mit oder ohne Hauptschulabschluss in ihre Berufskarriere entlassen werden, wird gleich ganz in Abrede gestellt, denn bei den Jungen wurden Verbesserungen erzielt, im unteren Leistungsbereich. Dass auch hier fehlt, im Vergleich zu was, die Verbesserungen erreicht wurden, ist sicher kein Zufall.

Autorengruppe Bildungsbericht 2014Derartige Pamphlete verursachen Übelkeit, und man fragt sich unwillkürlich, was sind das für Menschen, die an so etwas mitwirken. Können sie, ob ihres vollständigen Mangels an Empathie mit Jungen, überhaupt als Menschen gewertet werden? Oder sind sie einfach nur Instrumente eines vorgegebenen politisch korrekten Zeitgeistes, der mit Anstand und Moral nicht vereinbar ist und bei denen, die sowohl Anstand als auch Moral besitzen, zu nichts anderem führen kann als Verachtung? Damit den an der Autorengruppe Mitwirkenden auch die angemessene Verachtung zuteil werden kann, haben wir sie in der Abbildung am rechten Rand verewigt.

P.S.

Das vorliegende Pamphlet, das auch als Bildungsbericht 2014 bezeichnet wird, bleibt entsprechend weit hinter seinem Vorgänger dem Bildungsbericht 2012 zurück, in dem zwar auch versucht wurde, die Nachteile von Jungen zu verniedlichen, aber in dem sie doch immerhin noch genannt wurden.

Da spätestens seit wir “Bringing Boys Back In” veröffentlicht haben, der Öffentlichkeit bekannt ist, dass Jungen im deutschen Bildungssystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, fragt man sich, durch welche Form psychologischer Pathologie die Auslassung der Beschreibung der Realität im deutschen Bildungssystem, etwa so: Jungen erwerben seltener ein Abitur als Mädchen oder so: Jungen finden sich öfter auf Sonderschulen wieder als Mädchen, verursacht wird. Offensichtlich ist der Autorengruppe die Pflege dieser Pathologie so wichtig, dass sie es in Kauf nehmen, dass die informierte Öffentlichkeit die entsprechenden Autoren mit Kopfschütteln und Verachtung betrachtet und sich wie wir fragt, aus welchem Abgrund menschlischer Störung dieser Hass auf die Bevölkerungsgruppe der Jungen gespeist wird.

Jungenkrise – nächste Runde der Propagandaschlacht

Warum gibt es eigentlich keinen literacy-Test für Journalisten? Es wäre an der Zeit sicherzustellen, dass Journalisten, die sich eines Themas annehmen, auch eine rudimentäre Idee davon haben, wovon sie schreiben, insbesondere wenn sie über vermeintliche wissenschaftliche Ergebnisse berichten, wie dies Florian Rötzer auf Telepolis tut.

Herr Rötzer bespricht eine Meta-Analyse, die Daniel Voyer und Susan D. Voyer gerade im Pychological Bulletin untergebracht haben, eine Meta-Analyse, die Herr Rötzer offensichtlich nur vom Text der Pressemeldung und vom Abstract her kennt und die ihn dennoch zu den folgenden Überschriften hinreißt:

“Mädchen haben schon seit 100 Jahren bessere Schulnoten als Jungen. Von einer aktuellen ‘Jungenkrise’, die gegenüber den Mädchen ins Hintertreffen geraten, kann man daher nicht sprechen”.

Hurrelmann BildungsverliererMan beachte die ironischen Anführungszeichen, die Herr Rötzer benutzt, um all die Deppen, die aus seiner Sicht von einer Jungenkrise fabulieren, gleich in der Überschrift lächerlich zu machen. Im der Überschrift nachfolgenden Text berichtet Herr Rötzer, was er aus Abstract und Pressemeldung über die Meta-Analyse weiß, und weil er Klaus Hurrelmann nicht zu mögen scheint, wird Hurrelmann ausgesondert um Pate zu stehen, für all diejenigen, die von einer Jungenkrise phantasieren, die es doch gar nicht gibt, wie die Meta-Analyse der beiden Voyers gezeigt haben soll.

“Schon fast ein Jahrhundert lang hätten Mädchen, wenn man die gesamte Schulzeit und nicht nur einzelne Tests betrachtet, besser als die Jungen abgeschnitten”, schreibt Florian Rötzer. Deshalb gibt es keine Jungenkrise.

Aber stimmt das auch.

Wir haben im Gegensatz zu Florian Rötzer die Meta-Analyse der beiden Voyers gelesen, alle 21 Seiten davon, und, naja, fangen wir vorne an.

Eine Meta-Analyse ist eine Methode, die auf den von anderen publizierten Ergebnissen aufbaut. D.h. man sammelt publizierte Ergebnisse zu in diesem Fall schulischen Leistung von Jungen und Mädchen. Nun kann man nicht einfach alles sammeln, weil sonst die Gefahr besteht, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht. Entsprechend beginnt eine Meta-Analyse damit, dass Kriterien aufgestellt werden, die die gesammelten Untersuchungen erfüllen müssen, damit sie in die Meta-Analyse aufgenommen werden können. Wenn man untersuchen will, welche Ergebnisse es zum Abschneiden von Jungen und  Mädchen im Bildungssystem gibt, dann ist es vorteilhaft, wenn die gesammelten Untersuchungen auch sagen, wie viele Jungen und wie viele Mädchen sie in ihrem Sample berücksichtigt haben.

Bei den Voyers lesen sich die Einschlusskriterien wie folgt:

“The specific criteria used in making inclusion decisions required studies to have both male and female participants in Grade 1 (elementary school) or later. A study had to report teacher assigned official subject/school marks or global GPA (Grade Point Average) to be included” (4).

BorensteinWie sich zeigt, herrscht schon bei der Bestimmung dessen, was als abhängige Variable genutzt werden soll, ein gewisses Durcheinander, d.h. die Art und Weise, wie die Leistung von Schülern in Schulen gemessen wurde, ist nicht einheitlich. Sie umfasst vielmehr ein Sammelsurium von Maßen für schulische Leistung, von denen niemand weiß, was sie messen und ob sie miteinander Vergleichbares messen.  Das ist der erste Verstoß gegen die Standards, die der Durchführung einer Meta-Analyse zu Grunde liegen.

Doch damit nicht genug. Obwohl die Autoren hier die Regeln angegeben haben, nach denen sie Untersuchungsergebnisse in ihre Meta-Analyse aufgenommen haben, brechen sie wenig später mit ihren eigenen Regeln:

“… in some cases females in a sample had to be estimated as equal as only a total sample size was provided. … Accordingly, gender composition was coded into four categories: more females than males, equal number of each gender, more males than females, and estimated composition of samples” (5).

Warum die Autoren zuerst Kriterien angeben, die die Untersuchungsergebnisse erfüllen müssen, um in die Meta-Analyse aufgenommen zu werden und dann ihre eigenen Kriterien brechen, ist ein Geheimnis, das sie leider nicht gelüftet haben.

Möglicherweise hängt es mit dem Veröffentlichungsjahr der berücksichtigten Untersuchungen zusammen, jener Variablen, die für die Rötzersche Behauptung, dass schon seit fast einem Jahrhundert “Mädchen … besser als die Jungen abgeschnitten” hätten, so wichtig ist. Möglicherweise wären die wenigen alten Untersuchungen aus der Meta-Analyse gefallen, hätten die Autoren ihr eigenes Kriterium ernst genommen.

Über 100 Jahre sollen die Untersuchungen, die die Voyers in ihrer Meta-Analyse berücksichtigt haben, überspannen. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass die Zeit der empirischen Sozialforschung Mitte der 1930er Jahre in den USA erst beginnt. Entsprechend ist Tabelle 1 der Meta-Analyse, die die berücksichtigen Studien und die berücksichtigen Ergebnisse der Studien auflistet, von besonderem Interesse.

Wir haben uns die Mühe gemacht, die Ergebnisse aus den 100 Jahren Bildungsforschung, die die Voyers in ihrer Meta-Analyse berücksichtigt haben, nach Jahrzehnten auszuzählen, die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis.

Voyer2014_Effektzahl

Wie die Abbildung deutlich macht, basieren die Ergebnisse der Meta-Analyse von Voyer und Voyer, die angeblich ein Jahrhundert umfassen sollen, im Wesentlichen auf Ergebnissen, die nach 1970 publiziert wurden. Die Meta-Analyse hat zudem eine erhebliche Schlagseite nach 1990, also in genau den Jahren, in denen die Jungenkrise in der Forschung virulent geworden ist.

Es kommt noch schlimmer. Die fünf Effekte, die für den Zeitraum 1910 bis 1919 ausgewiesen sind, stammen allesamt aus derselben Untersuchung, die Frailey und Crain (1914) durchgeführt haben, und zwar mit 14 männlichen und 18 weiblichen Schülern einer middle und einer high-school in den USA. Überhaupt stammen alle Untersuchungen vor 1960 aus Nordamerika, mit einer bemerkenswerten Ausnahme aus dem Jahr 1932 in dem Busemann und Harders “Die Wirkung väterlicher Erwerbslosigkeit auf die Schulleistung der Kinder” untersucht haben.

Immerhin haben Busemann und Harders 840 männliche und 787 weibliche Grundschüler untersucht, was ihren Ergebnisse deutlich mehr Gewicht gibt, als den Ergebnissen von Frailey und Crain, die lediglich 32 Schüler berücksichtigt haben. Aber Voyer und Voyer sind hier nicht sonderlich wählerisch: Sie nehmen jede Studie und weisen jeder, egal ob auf 32 oder auf knapp 100.000 Schülern basierend, wie die Untersuchung von Lekholm und Cliffordson (2008) dasselbe Gewicht zu – der zweite Verstoß gegen die Standards einer Metaanalyse.

Aber es geht noch schlimmer, denn nicht nur werden Ergebnisse, die auf der Untersuchung von 32 Schülern basieren, Untersuchungen, die auf den Ergebnissen von rund 100.000 Schülern basieren, gleichgeordnet, nein, dieselbe Studie geht mit mehreren Effekten in die Meta-Analyse ein. So tragen die 32 Schüler aus der Untersuchung von Frailey und Crain (1914) fünf Effektgrößen zur Meta-Analyse bei, während die 100.000 Schüler der Untersuchung von Lekholm und Cliffordson es gerade einmal auf drei Effektgrößen bringen. Die mehrfache Berücksichtigung derselben Untersuchung in einer Meta-Analyse ist ein heftiger Verstoß gegen die Regeln von Meta-Analysen, und er ist den Autoren bewusst:

“However, many of the retrieved studies reported effect sizes for two or more content areas from the same participants, resulting in a sample that violates the assumption that effect sizes should be independent from each other” (15).

Was tut man, wenn man ein formales Kriterium, das an die Verwendung einer Methode gestellt wird, nicht erfüllen kann. Man behauptet, eine andere Methode würde dieses Kriterium nicht benötigen. Entsprechend preisen Voyer und Voyer einen Multi-Level-Ansatz, von dem sie wenig mehr anzugeben vermögen, als dass er Multi-Level ist und kein Problem mit der fehlenden Unabhängigkeit der Einzeleffekte hat.

Was soll man dazu sagen, außer: Oh Graus! Nicht allein, dass die Analysen durch eine fehlende Standardisierung der unterschiedlich großen Ausgangssamples (Anzahl der Befragten) kaum valide Ergebnisse produzieren können, die Tatsache, dass viele Effekte aus derselben Untersuchung stammen, verweist die sowieso nicht sonderlich vertrauenswürdigen Ergebnisse vollständig in den Bereich der Phantasie, wo sie, nachdem schon für einige der berücksichtigen Untersuchungen die Anzahl der männlichen und weiblichen Befragten geschätzt wurde, sowieso hingehören.

Bernstein pedagogy control identityVoyer und Voyer sind davon jedoch wenig beeindruckt und verkünden das, was Herr Rötzer so willig aufgenommen hat, nämlich dass es keine Jungenkrise gibt, weil Mädchen seit einem Jahrhundert bessere Leistungs-Bewertungen zeigen als Jungen. Nun ist der Effekt, den Voyer und Voyer trotz aller Anstrengung finden, eine sehr kleiner Effekt, überhaupt, so schreiben sie: “when considering the magnitude of the effects, it might be tempting to conclude that many of the estimates presented in Table 2 and 3 are so small as to reflect nonexisting gender differences” (19). Weil aber nicht sein kann, was nach Ansicht der Autoren und nach Ansicht von Herrn Rötzer nicht sein darf, wird die Konsistenz von Ergebnissen gefeiert, die so gering sind, dass sie kaum relevant sind, die Konsistenz seit 1914, seit Frailey und Crain 32 Schüler von vornehmlich einer High School in den USA untersucht haben.

Die Interpretation der Ergebnisse ist kurz davor, die eigenen Daten zu verfälschen, und sie ist mit Sicherheit eines nicht: korrekt. Aber, wo es um die billige Schlagzeilen geht, da zählen derart methodische Bedenken, da zählen Standards wissenschaftlicher Lauterkeit nicht. Und die beiden Voyers haben ja Recht, man muss bloß ein bischen erfinden, und wenn es in den politischen Mainstream passt, dann fallen die Journalisten nur allzu bereitwillig auf die Erfindung herein, schon weil sie kein Urteilsvermögen haben, das es ihnen erlauben würde, ein Ergebnis selbst einzuschätzen.

Die Ergebnisse der Meta-Analyse von Voyer und Voyer sind demnach das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Aber selbst wenn man den beiden Autoren und Herrn Rötzer entgegenkommt und kurz annimmt, die gefundenen Ergebnisse würden der Realität entsprechend und Mädchen erhielten seit rund einem Jahrhundert gleiche bis geringfügige bessere Bewertungen in Schulen als Jungen –

und dann?

Dann müsste man konstatieren, dass an Voyer und Voyer und nicht zu vergessen an Florian Rötzer ein Jahrhundert der Bildungsforschung vorbeigegangen ist, ein Jahrhundert, in dem sich Bildungsforscher bemüht haben, den Einfluss von Institutionen auf Bildungsergebnisse darzustellen. Denn: schulische Leistungs-Bewertungen haben nur sehr vermittelt etwas mit schulischen Abschlüssen zu tun. Und die Krise der Jungen ist keine Krise der schulischen Leistung, hier zeigen PISA und andere Studien, dass Jungen zuweilen besser, zuweilen etwas schlechter abschneiden als Mädchen.

Die Krise der Jungen zeigt sich darin, dass Jungen seltener ein Abitur erreichen als Mädchen, häufiger einen Hauptschulabschluss oder keinen Schulabschluss vorzuweisen haben als Mädchen, dass sie häufiger auf Sonderschulen landen als Mädchen…. All dies sind institutionelle Effekte, die sich aus einer ungleichen Behandlung von Jungen und Mädchen durch Vertreter von Bildungsinstitutionen ergeben. Und wenn Jungen nur unwesentlich schlechtere Leistungen erbringen als Mädchen, wie die Voyers herausgefunden haben wollen, dann ist zu erklären, wieso diese geringfügig schlechteren Leistungen von Jungen sich zu erheblichen Nachteilen im Hinblick auf den Bildungsabschluss auswachsen.

Und wird die Tatsache, dass die Bildungs-Karrieren vieler Jungen frühzeitig durch Abschieben auf Hauptschulen oder Sonderschulen, durch schlechtere Grundschulempfehlungen als sie Mädchen erhalten, beendet wird, dadurch aufgewogen oder gar gerechtfertigt, dass Mädchen angeblich seit einem Jahrhundert geringfügig bessere Schulleistungen erbringen? Was soll diese Behauptung verändern? Ist ein Mord nicht so schlimm, wenn der Ermordete einer kinderreichen Familie entstammt? Ist Bildungsbenachteiligung nicht so schlimm, wenn man die Benachteiligung mit Pseudo-Argumenten begründet? Dieser neuerliche Versuch, existente schulische Nachteile von Jungen aus der Welt zu reden, zeigt im besten Fall die völlige Unkenntnis dessen, worum es eigentlich geht. Im schlimmsten Fall ist es ein neuer Versuch, die Benachteiligung von Jungen wegzureden. In jedem Fall ist es Ideologie und für Wissenschaftler inakzeptabel.

 

Voyer, Daniel & Voyer, Susan D. (2014). Gender Differences in Scholastic Achievement: A Meta-Analysis.

Endlich: Förderungsprogramm für ausschließlich männliche Akademiker

Ein Leser hat uns einen Ausschreibungstext zugespielt, der derzeit an einer deutschen Universität darauf wartet, veröffentlicht zu werden. Dem Ausschreibungstext kann man nicht nur entnehmen, dass es ein bislang vor der Öffentlichkeit verborgenes Programm zur Förderung männlicher Grundschullehrer gibt, das die Schaffung und Besetzung von Professuren an pädagogischen Fakultäten deutscher Universitäten durch ausschließlich männliche Bewerber vorsieht, man kann der Ausschreibung auch entnehmen, dass ein Bundesministerium und das Kultusministerium eines Landes planen, ein Forschungszentrum zu errichten, dessen Ziel darin besteht, Strategien zu entwickeln, um mehr Männer für eine Ausbildung zum Grundschullehrer zu gewinnen, um auf diese Weise die Qualität der Schülerausbildung an Grundschulen zu verbessern und die Dominanz weiblicher Grundschullehrer und die damit einhergehende wissenschaftlich zum Beispiel durch uns belegten Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Nach inoffiziellen Angaben stehen für das Programm zunächst 150 Millionen Euro für die Förderung männlicher Grundschulpädagogen an Universitäten und die Errichtung des Forschungszentrums bereit, die aus dem Etat des Bundes und eines Landes stammen. Das Grundschullehrerförderprogramm ist auf die Dauer von fünf Jahren angelegt. Die Finanzierung des Forschungszentrums soll nach Ablauf von 10 Jahren weitgehend über eingeworbene Drittmittel erfolgen.

Die Bundesregierung sieht im Grundschullehrerförderungsprogramm ein Mittel, um dem Rückgang der Ausbildungsqualität an deutschen Grundschulen und dem Verschwinden männlicher Grundschullehrer ebenso wie den Nachteilen männlicher Schüler entgegen zu wirken.

Hier nun der Ausschreibungstext (Wir haben uns gegenüber unserem Informanten dazu verpflichtet, die sensitiven Teile der Ausschreibung unlesbar zu machen):

Grundschullehrerfoederungsprogramm

Petition zur Förderung von Jungen

Wir wollen an dieser Stelle auf eine Petition aufmerksam machen, die von Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht wurde, und die die “Förderung von Jungen” mit dem Begreifen des “Potential[s] von Jungen” kombiniert.

Die Petitionssteller kritisieren:

Petition“dass … die Bundesregierung Jungen weitaus weniger Unterstützung und Hilfe angedeihen lässt als Mädchen. Das ist nicht gerechtfertigt, da Jungen heute die schlechtere Bildungsbeteiligung und das schlechtere Bildungsniveau aufzeigen. Jungen weisen in allen Bundesländern um 40 bis 65% höhere Quoten bei Kindern ohne Schulabschluss auf als Mädchen. In allen Bundesländern erreichen Jungen seltener (15 – 30% seltener) die Allgemeine Hochschulreife als Mädchen. Jungen haben im Schnitt schlechtere Noten als Mädchen.”

Vor diesem Hintergrund fordern sie, dass Gleichstellungspolitik auf Jungen erweitert wird, weiter fordern sie u.a. eine gezielte Förderung der Lesekompetenz von Jungen, die Einbeziehung von “im MINT-Bereich förderungsbedürftigen Jungen in die bisher ausschließlich Mädchen vorbehaltene MINT-Förderung”, eine wirksame Bekämpfung des jungenfeindlichen Grundtenors der politischen Verantwortlichen im Bundestag. Boys-Day Plätze, z.B. “auf erzieherische, medizinische oder soziale Berufsbereiche”, den Abbau der Diskriminierung von Jungen beim Bezug von Bafoeg und beim Zugang zu Reha-Maßnahmen für behinderte Jungen.

ScienceFiles-Leser, die diese Petition unterstützen wollen, können das hier tun.

Wir finden die Petition, die Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht haben, wichtig, denn sie versucht, das Ungleichgewicht, das sich aufgrund einer jahrzehntelangen Förderung von Mädchen ergeben hat, gerade zu rücken. Deshalb unterstützen wir diese Petition prinzipiell.

Allerdings sind wir der Ansicht, dass der Weg, den die Petition wählt, um dieses Ungleichgewicht gerade zu rücken, nicht effizient ist. Das wollen wir entlang zweier Aussagen begründen:

  • Das große Gewicht, das die Petition auf die Lesekompetenz von Jungen legt, lenkt von den eigentlichen Problemen ab.
  • Die Ausweitung staatlicher Förderung von Mädchen auf, wie gefordert, nunmehr auch Jungen ist nicht geeignet, die Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Wie man anhand einer Reihe von Beiträgen auf ScienceFiles nachlesen kann (die Beiträge sind am Ende dieses Posts zusammengestellt), denen man auch die entsprechende Forschung entnehmen kann, sind wir nach Jahrzehnten der Mädchenförderung in deutschen Kindergärten und Schulen bei einer Situation angekommen, die sich wie folgt darstellt (alle Angaben beziehen sich auf den jeweiligen Durchschnitt):

  • Rettet SoehneJungen werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt als Mädchen.
  • Jungen werden häufiger auf Sonderschulen überwiesen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger sitzen als Mädchen.
  • Jungen erhalten schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger ohne einen Schulabschluss als Mädchen.
  • Jungen machen häufiger einen Hauptschulabschluss und erreichen seltener ein Abitur als Mädchen.
  • Jungen sind unter den Studienanfängern mittlerweile seltener als Mädchen.

Diese Befunde stehen fest, und es handelt sich bei jedem dieser Befunde um ein gravierenderes Problem als es der Rückstand von Jungen in der Lesekompetenz darstellt, der in PISA-Studien festgestellt wird.

Zu diesen Befunden kommen die folgenden Forschungsergebnisse:

  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten als Mädchen;
  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen;
  • Jungen schneiden mit einem steigenden Anteil von weiblichen Grundschullehrerinnen immer schlechter ab;

Entsprechend kann man es als gesicherten Befund ansehen, dass Jungen im deutschen Bildungssystem und als direkte Folge der Mädchenförderung benachteiligt werden. Ob dies absichtlich oder unabsichtlich geschieht, ist nebensächlich. Tatsache ist, dass der Fokus auf der Mädchenförderung dazu geführt hat, dass Jungen häufig auf der Strecke bleiben.

Schluss MädchenförderungWir halten es vor diesem Hintergrund für wenig sinnvoll, nun eine Jungenförderung zu fordern, denn die logische Konsequenz aus den dargestellten Forschungsergebnissen lautet: Sofortige und komplette Abschaffung der Mädchenförderung!

Weder gibt es eine Notwendigkeit der Mädchenförderung, denn Mädchen haben keinerlei Nachteile im Bildungssystem gegenüber Jungen. Im Gegenteil: Sie haben Vorteile. Noch gibt es eine Notwendigkeit zur Jungenförderung, wenn die Bevorteilung von Mädchen beendet wird.

Nun ist nichts so dauerhaft wie administrative Strukturen: Mit Mädchenförderung verdient ein Wust von Nutznießern seinen Unterhalt. Die entsprechende Lobby wird also alles daran setzen, die Abschaffung der Mädchenförderung und damit den Entzug der Näpfe, an denen sie sitzen, zu verhindern. Entsprechend scheint es eine pragmatische Schlussfolgerung zu sein, die durch Mädchenförderung entstehende Benachteiligung von Jungen nunmehr durch eine Jungenförderung zu ergänzen bzw. zu versuchen, sie durch Jungenförderung zu kompensieren.

Dies wird dazu führen, dass es nunmehr nicht nur Nutznießer der Mädchenförderung gibt, sondern auch Nutznießer der Jungenförderung, dass die Töpfe, aus denen sich beide nähren, vervielfacht werden, und zwar auf Kosten der Steuerzahler und dass man über kurz oder lang feststellen wird, dass nunmehr eine Benachteiligung von, vielleicht weiblichen Kindern homosexueller Eltern eingetreten ist, die eine entsprechende Förderung erforderlich macht.

Wie Parkinson in seinem Gesetz beschrieben hat, ist Administration ein sich selbst verstärkender und sich selbst erhaltender Prozess und das logische Ergebnis davon ist mehr Verwaltung, nicht mehr Effizienz.

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