Endlich: Förderungsprogramm für ausschließlich männliche Akademiker

Ein Leser hat uns einen Ausschreibungstext zugespielt, der derzeit an einer deutschen Universität darauf wartet, veröffentlicht zu werden. Dem Ausschreibungstext kann man nicht nur entnehmen, dass es ein bislang vor der Öffentlichkeit verborgenes Programm zur Förderung männlicher Grundschullehrer gibt, das die Schaffung und Besetzung von Professuren an pädagogischen Fakultäten deutscher Universitäten durch ausschließlich männliche Bewerber vorsieht, man kann der Ausschreibung auch entnehmen, dass ein Bundesministerium und das Kultusministerium eines Landes planen, ein Forschungszentrum zu errichten, dessen Ziel darin besteht, Strategien zu entwickeln, um mehr Männer für eine Ausbildung zum Grundschullehrer zu gewinnen, um auf diese Weise die Qualität der Schülerausbildung an Grundschulen zu verbessern und die Dominanz weiblicher Grundschullehrer und die damit einhergehende wissenschaftlich zum Beispiel durch uns belegten Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Nach inoffiziellen Angaben stehen für das Programm zunächst 150 Millionen Euro für die Förderung männlicher Grundschulpädagogen an Universitäten und die Errichtung des Forschungszentrums bereit, die aus dem Etat des Bundes und eines Landes stammen. Das Grundschullehrerförderprogramm ist auf die Dauer von fünf Jahren angelegt. Die Finanzierung des Forschungszentrums soll nach Ablauf von 10 Jahren weitgehend über eingeworbene Drittmittel erfolgen.

Die Bundesregierung sieht im Grundschullehrerförderungsprogramm ein Mittel, um dem Rückgang der Ausbildungsqualität an deutschen Grundschulen und dem Verschwinden männlicher Grundschullehrer ebenso wie den Nachteilen männlicher Schüler entgegen zu wirken.

Hier nun der Ausschreibungstext (Wir haben uns gegenüber unserem Informanten dazu verpflichtet, die sensitiven Teile der Ausschreibung unlesbar zu machen):

Grundschullehrerfoederungsprogramm

Petition zur Förderung von Jungen

Wir wollen an dieser Stelle auf eine Petition aufmerksam machen, die von Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht wurde, und die die “Förderung von Jungen” mit dem Begreifen des “Potential[s] von Jungen” kombiniert.

Die Petitionssteller kritisieren:

Petition“dass … die Bundesregierung Jungen weitaus weniger Unterstützung und Hilfe angedeihen lässt als Mädchen. Das ist nicht gerechtfertigt, da Jungen heute die schlechtere Bildungsbeteiligung und das schlechtere Bildungsniveau aufzeigen. Jungen weisen in allen Bundesländern um 40 bis 65% höhere Quoten bei Kindern ohne Schulabschluss auf als Mädchen. In allen Bundesländern erreichen Jungen seltener (15 – 30% seltener) die Allgemeine Hochschulreife als Mädchen. Jungen haben im Schnitt schlechtere Noten als Mädchen.”

Vor diesem Hintergrund fordern sie, dass Gleichstellungspolitik auf Jungen erweitert wird, weiter fordern sie u.a. eine gezielte Förderung der Lesekompetenz von Jungen, die Einbeziehung von “im MINT-Bereich förderungsbedürftigen Jungen in die bisher ausschließlich Mädchen vorbehaltene MINT-Förderung”, eine wirksame Bekämpfung des jungenfeindlichen Grundtenors der politischen Verantwortlichen im Bundestag. Boys-Day Plätze, z.B. “auf erzieherische, medizinische oder soziale Berufsbereiche”, den Abbau der Diskriminierung von Jungen beim Bezug von Bafoeg und beim Zugang zu Reha-Maßnahmen für behinderte Jungen.

ScienceFiles-Leser, die diese Petition unterstützen wollen, können das hier tun.

Wir finden die Petition, die Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht haben, wichtig, denn sie versucht, das Ungleichgewicht, das sich aufgrund einer jahrzehntelangen Förderung von Mädchen ergeben hat, gerade zu rücken. Deshalb unterstützen wir diese Petition prinzipiell.

Allerdings sind wir der Ansicht, dass der Weg, den die Petition wählt, um dieses Ungleichgewicht gerade zu rücken, nicht effizient ist. Das wollen wir entlang zweier Aussagen begründen:

  • Das große Gewicht, das die Petition auf die Lesekompetenz von Jungen legt, lenkt von den eigentlichen Problemen ab.
  • Die Ausweitung staatlicher Förderung von Mädchen auf, wie gefordert, nunmehr auch Jungen ist nicht geeignet, die Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Wie man anhand einer Reihe von Beiträgen auf ScienceFiles nachlesen kann (die Beiträge sind am Ende dieses Posts zusammengestellt), denen man auch die entsprechende Forschung entnehmen kann, sind wir nach Jahrzehnten der Mädchenförderung in deutschen Kindergärten und Schulen bei einer Situation angekommen, die sich wie folgt darstellt (alle Angaben beziehen sich auf den jeweiligen Durchschnitt):

  • Rettet SoehneJungen werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt als Mädchen.
  • Jungen werden häufiger auf Sonderschulen überwiesen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger sitzen als Mädchen.
  • Jungen erhalten schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger ohne einen Schulabschluss als Mädchen.
  • Jungen machen häufiger einen Hauptschulabschluss und erreichen seltener ein Abitur als Mädchen.
  • Jungen sind unter den Studienanfängern mittlerweile seltener als Mädchen.

Diese Befunde stehen fest, und es handelt sich bei jedem dieser Befunde um ein gravierenderes Problem als es der Rückstand von Jungen in der Lesekompetenz darstellt, der in PISA-Studien festgestellt wird.

Zu diesen Befunden kommen die folgenden Forschungsergebnisse:

  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten als Mädchen;
  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen;
  • Jungen schneiden mit einem steigenden Anteil von weiblichen Grundschullehrerinnen immer schlechter ab;

Entsprechend kann man es als gesicherten Befund ansehen, dass Jungen im deutschen Bildungssystem und als direkte Folge der Mädchenförderung benachteiligt werden. Ob dies absichtlich oder unabsichtlich geschieht, ist nebensächlich. Tatsache ist, dass der Fokus auf der Mädchenförderung dazu geführt hat, dass Jungen häufig auf der Strecke bleiben.

Schluss MädchenförderungWir halten es vor diesem Hintergrund für wenig sinnvoll, nun eine Jungenförderung zu fordern, denn die logische Konsequenz aus den dargestellten Forschungsergebnissen lautet: Sofortige und komplette Abschaffung der Mädchenförderung!

Weder gibt es eine Notwendigkeit der Mädchenförderung, denn Mädchen haben keinerlei Nachteile im Bildungssystem gegenüber Jungen. Im Gegenteil: Sie haben Vorteile. Noch gibt es eine Notwendigkeit zur Jungenförderung, wenn die Bevorteilung von Mädchen beendet wird.

Nun ist nichts so dauerhaft wie administrative Strukturen: Mit Mädchenförderung verdient ein Wust von Nutznießern seinen Unterhalt. Die entsprechende Lobby wird also alles daran setzen, die Abschaffung der Mädchenförderung und damit den Entzug der Näpfe, an denen sie sitzen, zu verhindern. Entsprechend scheint es eine pragmatische Schlussfolgerung zu sein, die durch Mädchenförderung entstehende Benachteiligung von Jungen nunmehr durch eine Jungenförderung zu ergänzen bzw. zu versuchen, sie durch Jungenförderung zu kompensieren.

Dies wird dazu führen, dass es nunmehr nicht nur Nutznießer der Mädchenförderung gibt, sondern auch Nutznießer der Jungenförderung, dass die Töpfe, aus denen sich beide nähren, vervielfacht werden, und zwar auf Kosten der Steuerzahler und dass man über kurz oder lang feststellen wird, dass nunmehr eine Benachteiligung von, vielleicht weiblichen Kindern homosexueller Eltern eingetreten ist, die eine entsprechende Förderung erforderlich macht.

Wie Parkinson in seinem Gesetz beschrieben hat, ist Administration ein sich selbst verstärkender und sich selbst erhaltender Prozess und das logische Ergebnis davon ist mehr Verwaltung, nicht mehr Effizienz.

Weiterführende ScienceFiles-Beiträge:

Stereotype essen Hirn auf: Wie Stereotype die Beurteilung von Stereotypen beeinflussen

Ein Leser von ScienceFiles hat uns gebeten, einen Text zu analysieren, den ein Anatol Stefanowitsch veröffentlicht hat, von dem ich zugegebn muss, dass ich ihn nicht kenne. von dem ich aber nach einer Recherche weiß, dass er sich wohl mit Grammatik beschäftigt und Anglistik studiert hat. Und ich weiß, dass er blogged, unter anderem zu der Frage, warum Jungen im deutschen Bildungssystem so schlecht abschneiden, wie sie das tun. Und damit blogged er zu einem Hausthema von ScienceFiles, was bedeutet, dass wir uns dem Text gewidmet haben.

logo-asDer Text von Stefanowitsch wiederum ist ein Text, der sich mit einem anderen Text beschäftigt, einem Spiegel Online Text, in dem Martin Latsch von einem Experiment berichtet, das gezeigt hat, dass Jungen nach dem Lesen eines Textes, in dem ihnen als Gruppe negative Attribute im Hinblick auf ihre schulische Leistung zugewiesen wurden, Jungen seien langsamer, erhielten schlechtere Noten, besuchten geringer wertige Schulen, schlechter in einem Test abgeschnitten haben als sie das vor dem Lesen des Textes getan hatten. Dagegen haben Mädchen nach dem Lesen des Textes im entsprechenden Test besser als vor dem Lesen abgeschnitten.

Kinder und Jugendliche aus MigrantenfamilienWas Latsch hier im Experiment belegt hat, ist eine sozialpsychologische Erkenntnis, die es nicht erst seit gestern gibt, sondern die seit Mitte der 1990er Jahre unter der Bezeichnung “Stereotype Threat” in der Community kursiert. Mitte der 1990er Jahre haben Claude Steele und Joshua Aronson erstmals gezeigt, dass es möglich ist, die Opfer von Stereotypen zur Übernahme dieser Stereotype zu bewegen und unter dem Einfluss der nunmehr übernommenen Stereotype und diesen entsprechend handeln zu lassen. Die Forschung zum Stereotype Threat wurde übrigens zum ersten Mal von Dr. habil. Heike Diefenbach auf die deutschen Verhältnisse übertragen, z.B. in ihrer Habilitationsschrift.

Dieser Zusammenhang steht auch im Wikipedia-Beitrag, auf den Stefanowitsch verweist, d.h. er sollte das eigentlich wissen. Aber er tut so, als sei ihm das alles unbekannt. Überhaupt hat er eine Reihe von Eigenschaften in seinen Text verwoben, die einem von Beginn an ärgerlich machen, So beginnen seine Ausführungen unter dem Titel “Stereotype essen Jungen auf” mit dem vollständigen Eingeständnis, dass er keine Ahnung von Bildungsforschung hat.

Nun ist Stefanowitsch Angehöriger der Mittelschicht, und die Mittelschicht gibt fehlendes Wissen in der Regel nicht zu, verpackt die eigenen Fehlstellen vielmehr hinter in tiefe Falten gelegter Stirn, wissendem Blick und Zweifel an allem, was Normalität heißt. Im Fall von Stefanowitsch liest sich das wie folgt:

“Es ist schwer zu sagen, warum Jungen derzeit bei schulischen Leistungen im Durchschnitt schlechter abschneiden als Mädchen”.

Und obowhl es schwer zu sagen ist, kann der auch des schwer zu Sagenden ausdrucksfähige Stefanowitsch sagen, woran es liegen könnte:

  • an der Genetik: dem Jungen-sind-nach-1970-in-der-Schule-schlechter-als-Mädchen-Gen;
  • an der Leistungsbereitschaft, die entsprechend erst in den letzten Jahrzehnten so sehr gesunken sein muss, dass Jungen im Durchschnitt schlechter abschneiden als Mädchen;
  • am Interesse von Jungen, die einfach weniger Interesse an Bildung haben als Mädchen;

Das also sind die Erklärungen des nicht-Bildungsexperten Stefanowitsch, und man weiß schon nach wenigen Zeilen, wessen Geistes Kind er ist: Jungen sind selbst schuld, ob genetisch, aus mangelnder Leistungsbereitschaft oder aus Interesselosigkeit, das spielt keine Rolle.

Handbuch JungenpaedagogikEs ist wirklich erstaunlich, dass es immer noch (! also im 21. Jahrhundert) Menschen gibt, die lieber eine kollektive Gleichheit annehmen, die lieber annehmen, dass es bei aller Individualität, so doch die ausschließlich männliche Interesselosigkeit, die ausschliesslich männliche mangelnde Leistungsbereitschaft und das männliche anti-Bildungs-Gen wirken. Das ist umso erstaunlicher, als, sofern man diesen Unsinn wirklich annehmen will, man sich logisch als nächstes fragen müsste, WARUM Jungen, alle Jungen weniger Interesse und weniger Leistungsbereitschaft haben als Mädchen und WARUM sich das männliche anti-Leistungsgen erst heute und nicht schon im Verlauf der letzten Jahrtausende bemerkbar gemacht hat.

Aber, Stefanowitsch kommt nicht zum Warum. Sein Stereotyp von männlichen und weiblichen Schülern, zu dem ich noch kommen werde, ist zu wirk-mächtig, als dass ihm auch nur eine Sekunde die Idee käme, nach dem Warum zu fragen oder gar die Frage nach dem Warum zu beantworten. Wollte man die Frage nach dem Warum beantworten, dann müsste man eine Variable suchen, die alle Schüler gleichermaßen beeinflusst, sich aber unterschiedlich auf männliche und weibliche Schüler auswirkt. Nach allem, was die sozialpsychologische und die soziologische Forschung (zugegebener Maßen nicht die anglistische Forschung, sofern es sie gibt) erbracht haben, kann eine solche Variable nur eine strukturelle Variable sein, eine Variable, die eine Randbedingung für Schüler darstellt und männliche Schüler negativ beeinflusst, während sie weibliche Schüler positiv oder gar nicht beeinflusst.

Gesellschaftliche Stereotype sind eine solche Variable, Stereotype vom faulen Jungen und vom fleißigen Mädchen, Stereotype vom kleinen Macho und vom sozialen Mädchen, Stereotype vom faulen computerspielsüchtigen Ego-Shooter-Knaben und dem emsig fleißigen, lesewütigen, sozial-netzwerkenden Mädchen. Aber nicht nur gesellschaftliche Stereotype sind eine solche Variable: Auch Lehrpläne, Vorgaben im Curriculum, Lehrer, Lehrerinnen, um genau zu sein, denn zwei Drittel der deutschen Lehrer sind weiblich. Aber zu solch komplexen Gedanken, nach denen die Handlung von Individuen durch die Randbedingungen, unter denen sie erfolgen, beeinflusst werden oder, schlimmer noch, dass bestimmte Individuen, z.B. Jungen durch die Randbedingungen benachteiligt werden, ist Stefanowitsch nicht fähig.

Statt dessen verrennt er sich in seine ganz eigene Erklärung der Nachteile von Jungen im deutschen Bildungssystem, die da lautet:

“Eher halte ich es eher [!] für wahrscheinlich, dass die ‘schlechteren’ Leistungen der Jungen deshalb zustande kommen, weil die Mädchen inzwischen weniger stark daran gehindert werden, Leistungen auf dem für sie normalen Niveau zu erbringen.”

Hurrelmann BildungsverliererIch muss sagen, das ist der Gipfel des Unsinns, und ich habe mir kurzzeitig überlegt, ob das nicht eigentlich der Unsinn der Woche ist, aber das Thema ist zu ernst, deshalb ist es ungeachtet des Ausmaßes an Unsinn, einen regulären Post wert. Man muss sich das einmal vorstellen, da sagt jemand allen Ernstes, dass Mädchen in Schulen bis vor einigen Jahrzehnten aktiv daran gehindert wurden, ihre volle Leistungskraft zu erzielen. Derselbe übrigens, der im Bezug auf Jungen wie oben gezeigt, nur fähig ist, in den Jungen liegende Gründe für ihre schlechtere Leistung zu denken. Das nennt man dann wohl einen logischen Fehler, einen Widerspruch, der auf Stereotypen basiert. Also in 1929, als meine Oma Abitur gemacht hat, hätte sie eigentlich das Zeug zum Nobelpreis gehabt, aber leider hat man sie an der Karriere als Physiker gehindert und sie an einen Weinbauern verheiratet. Bad Luck!

Besonders spannend ist aber das “Balance-Denken”, wenn man es denn denken nennen kann, das hier zum Ausdruck kommt. Wir haben es mit einem Nullsummenspiel zu tun, bei dem Verbesserung der einen, hier Mädchen, nur auf Kosten der anderen, hier Jungen, möglich sind, ob relativ oder absolut. Das wiederum bringt die ganze Idee des menschlichen Fortschritts in erhebliche Probleme, denn Fortschritt kann es in der Stefanowitsch-Logik nur auf Kosten von etwas geben, so dass wir mit jeder Sonde auf dem Mars etwas auf der Erde verlieren – oder so. Wie gesagt, es ist krasser Unsinn und man kann nur sagen: Schuster bleibt bei Deinen Leisten und schreib’ in Zukunft über Anglismen oder zur Anglistik…

Die geistige Welt des Herrn Stefanowitsch kennt also nur mittelmäßige Jungen, die über Jahrtausende nur deshalb als “gut” durchgehen konnten, weil sie die besseren Mädchen am Besser-Sein gehindert haben. Das nennt man dann wohl eine Verschwörungstheorie, und diese Verschwörungstheorie führt zum nächsten Widerspruch, der darin besteht, dass Stefanowitsch zwar gesellschaftliche Variablen herbeiphantasiert, die dazu geführt haben sollen, dass Mädchen über Jahrhunderte daran gehindert wurden, in öffentlichen Schulen ein Abitur zu erwerben, dieselben gesellschaftlichen Variablen aber im Hinblick auf Jungen nicht zu denken, wagt oder vermag. Etwas mehr Konsistenz im Denken Herr Stefanowitsch, und mehr Überlegung, denn wenn Jungen nur mittelmäßig, aber dennoch mit Abitur und Studium sein können, was heißt das dann für Sie?

Somit stellt sich abschließend die Frage, warum jemand zu einem Thema schreibt, von dem er keine Ahnung hat. Und diese Frage ist direkt gefolgt von der Frage, ob Herr Stefanowitsch weiß, dass er von Bildungsforschung keine Ahnung hat. Ich fürchte, um hinten anzufangen, die zweite Antwort lautet “nein”. Stefanowitsch scheint zu der Klasse von Pseudo-Intellektuellen zu gehören, die meinen, sich zu allem äußern zu können (und zu müssen), eine Klasse, der wir auch schon einen Post gewidmet haben. Bleibt die erste Frage, und die kann nur mit Sendungsbewusstsein beantwortet werden, denn nur Sendungsbewusstsein lässt alle Vorsicht fallen und alle Ratio hinter Affekt treten. Und affektiv muss man schon sein, wenn man sich zum edlen Ritter der jahrhundertelang unterdrückten weiblichen Sklaven macht – affektiv und nicht über die entsprechenden Kindermärchen hinausgekommen.

Noch einmal zur Erinneurng für ewig-Gestrige und nicht-Bildungsforscher zu den Facts:

  • Trotz gemeinsamer Institutionalisierung im Kindergarten werden Jungen im Durchschnitt häufiger von einer Einschulung zurückgestellt als Mädchen.
  • Trotz gemeinsamer Institutionalisierung im Kindergarten werden Jungen im Durchschnitt später eingeschult als Mädchen.
  • Jungen werden und im Durchschnitt häufiger auf Sonderschulen überwiesen als Mädchen, vornehmlich oder vorgeblich wegen sozial-emotionaler Probleme
  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten als Mädchen.
  • Jungen bleiben im Durchschnitt häufiger sitzen als Mädchen.
  • Jungen erhalten auch bei gleichen oder besseren Leistungen seltener eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger ohne einen Schulabschluss als Mädchen.
  • Jungen erreichen seltener ein Abitur, dafür häufiger einen Hauptschulabschluss als Mädchen.
  • Mit einem steugenden Anteil weiblicher Grundschullehrer, sinkt der Anteil der Jungen, die ein Abitur erreichen.

Alles weitere und die Belege für die Aussagen finden sich auf ScienceFiles, der beste Beitrag, um z.B. fehlende Kenntnisse nachzuholen, findet sich hier.

Einen Überblick kann man sich hier verschaffen.

Green Paper aus Australien: Lehrer nach Fähigkeit bezahlen!

Wann immer in Deutschland ein Problem im Bereich der schulischen Bildung identifziert wird, wird versucht, das Problem entweder zu individualisieren oder es in Familien anzusiedeln.

Hurrelmann BildungsverliererEntsprechend sind die erheblichen Nachteile, die Migranten in der Schule haben, auf ihre bzw. die mangelnde Integration ihrer Familien zurückzuführen. Sie ergeben sich daraus, dass angeblich (angeblich, weil es niemand untersucht hat) Migrantenkinder, die in dritter und vierter Generation in Deutschland leben und das gesamte institutionelle Bildungssystem durchlaufen haben, das Deutschland zu bieten hat, von der Kinderkrippe, über den Kindergarten, bis zur primärer und sekundären Bildung, der deutschen Sprachen nicht ausreichend mächtig sein sollen.

Entsprechend sind die erheblichen Nachteile, die Jungen in der Schule gegenüber Mädchen haben, auf deren individuelles Auftreten (kleine Machos), deren Lesefaulheit, deren Sozialisation oder die mangelnde Leseunterstützung im Elternhaus zurückzuführen.

In all den Jahren, die wir nunmehr die deutsche Bildungsdiskussion beobachten, haben wir es zu keinem Zeitpunkt erlebt, dass die entscheidenden Variablen, die für die Vermittlung von Wissen in z.B. Theorien zur Informationsverarbeitung wie der cognitive load theory (Sweller, 1988) herangezogen werden, in der Diskussion über Probleme des Bildungssystem vorkommen. Weder werden die Lehrmaterialien, mit denen in Schulen Wissen vermittelt werden soll, daraufhin evaluiert, ob sie überhaupt zur Wissensvermittlung geeignet sind, weder werden Lehrer in Schulen daraufhin überprüft, ob sie über die Fähigkeiten verfügen, um Wissen an Schüler zu vermitteln noch werden Schulen als Umfeld untersucht, daraufhin, ob sie zur Wissensvermittlung geeignet, entsprechend ausgestattet sind.

Alle diese Variablen sind in Deutschland sakrosankt. Die GEW wacht darüber, dass niemand etwas Negatives über Lehrer sagt und niemand auf die Idee kommt, Lehrer als unterschiedlich und vor allem unterschiedlich fähig zu bezeichnen. Die Kultusministerkonferenz wacht darüber, dass keine unabhängige Prüfung z.B. der Zusammenstellung eines Curriculum stattfindet und die Ausstattung von Schulen keinem systematischen Vergleich unterzogen werden kann.

MGSE_POS_comboVor diesem Hintergrund ist ein Bericht der Melbourne Graduate School of Education, ein Green Paper, dessen Ziel darin besteht, Kriterien zu benennen, die nach Ansicht der zehn Verfasser erfüllt sein müssen, um eine gute und effiziente Wissensvermittlung zu gewährleisten, ein wohltuender Einbruch empirisch fundierter Ratio in die deutsche Welt des Behütens eigener Pfründe.

Bereits die Einordnung des Berichts durch den Education Dean der Graduate School, Field Richards, ist wohltuend:

“Too many education policies address matters outside the classroom … We need to channel our resources to where they will make the biggest impact on learning outcomes – into teachers and teaching.”

Das sagt ein Ausralier. Was hätte Field Richards wohl mit Blick auf Deutschland gesagt, wo prinzipiell die Meinung herrscht, schulische Probleme seien entweder auf den Schüler oder sein Elternhaus zurückzuführen, wo generell davon ausgegangen wird, dass ganze Gruppen “Migranten”, “Jungen”, durch  entsprechende Probleme im Elternhaus oder in der Person des Schülers Nachteile haben und diese Nachteile generell und gänzlich unabhängig von dem sind, was in Schulen, was in Klassenzimmern stattfindet? Vermutlich fehlten ihm die Worte ob solcher Leugnung des Offensichtlichen, oder wie es im Green Paper aus Melbourne heißt:

“It’s all about the teaching” (10).

Mit dieser Überschrift beginnt eine Zusammenstellung von wissenschaftichen Untersuchungen, die allesamt zu dem Ergebnis kommen, dass die beiden Faktoren, die den Lernerfolg von Kindern am meisten, wenn nicht fast ausschließlich beeinflussen, die Lehrenden, das Lernmaterial und die Lehrformen sind.

Bildung als PrivilegWenn man in anderen Ländern als in Deutschland, in diesem Fall in Australien, ein Problem erkennt, also z.B. dass ganze Bevölkerungsgruppen Nachteile in der Bildung haben (z.B. Jungen), dann führt dies regelmäßig zu einer Suche nach den Ursachen, während man sich in Deutschland auf die Suche nach dem Schuldigen oder nach Möglichkeiten macht, den Nachteil zu leugnen.

Sind in anderen Ländern die Ursachen gefunden, dann werden Wege gesucht, um die Ursachen zu beseitigen und die schulische Bildung, das Bildungssystem zu verbessern. Soweit kommt man in Deutschland regelmäßig nicht, da mit dem Klären der Schuldfrage die Notwendigkeit einer Veränderung entfällt und der Auslobung von Projekten für Sozial[...] weicht. In anderen Worten, in Deutschland werden Probleme als Möglichkeit behandelt, um öffentliche Gelder in deren Pflege zu investieren, während sie in anderen Ländern zum Anlass genommen werden, um nach Lösungen zu suchen.

Und warum sucht man in Deutschland nicht nach Lösungen? Weil die Lösungen Pfründe, die mit Argusaugen von, in diesem Fall: GEW und Kultusminsterien in trauter Eintracht gehütet werden, angreifen würden. So haben die australischen Forscher die folgenden Empfehlungen, zur Verbesserung der Vermittlung schulischer Inhalte und zur Beseitigung von Nachteilen, wie sie vor allem Kinder aus, wie man in Deutschland sagt, “bildungsfernen Familien” haben, zusammengestellt. Es sind dies Empfehlung, die auf gesicherten wissenschaftlichen Ergebnissen basierend, eine Verbesserung der Qualität schulischer Leistungen erwarten lassen:

  1. Die Spezialisierung von Grundschullehrern und die ausschließliche Vermittlung von Mathematik und naturwissenschaftlichen Inhalten durch spezialisierte Lehrer;
  2. Die Suche nach geeigneten Lehrern auch außerhalb universitärer Lehramtsstudiengänge und die Einstellung von Lehrern unter Berücksichtigung von deren didaktischen Fähigkeiten, deren Wissen und Fähigkeiten und deren Fähigkeit, mit Stress umzugehen;
  3. Und jetzt kommt’s: Die Bezahlung von Lehrern entsprechend ihrer Fähigkeiten, d.h. Grundschullehrerinnen und Gymnasiallehrer werden nicht nach Tarif, sondern nach Leistung bezahlt. Als Maß für die Leistung wird u.a. die Leistung der Schüler genutzt. Lehrer, deren Schüler bessere Leistungen erbringen, werden besser bezahlt als Lehrer, deren Schüler schlechtere Leistungen erbringen;

GEwIch bin mir sicher, dass diese Empfehlungen in Deutschland auf taube Ohren stoßen werden. Allein die Reaktion der Gewerkschafts-Funktionäre auf den Vorschlag, Lehrer nicht nach Tarif, sondern nach Leistung zu bezahlen, kann man sich ohne viel Phantasie sehr lebhaft vorstellen. Und das ist letztlich der Grund, warum ich mit großer Sicherheit voraussagen kann, dass es in Deutschland auch im Jahre 2020 noch eine Diskussion darüber geben wird, warum Jungen in der Schule so viel schlechter abschneiden als Mädchen und dass auch im Jahre 2020 das schlechtere Abschneiden von Migrantenkindern, die dann aus der sechsten und siebten Nachmigrations-Generation  stammen werden, mit deren mangelnden Sprachkenntnissen begründet werden wird. Es ist eben einfach alles eine Frage der Richtung des Handlungswillens, will man, z.B. als Gewerkschaft so handeln, dass das, was am Ende von einem Schulbesuch herauskommt, maximiert oder optimiert wird, oder will man so handeln, dass das eigene Auskommen und (in zweiter Linie) das der Lehrenden, die von Gewerkschaften vertreten werden, kollektiv, nicht individuell, sonst müsste die GEW für Lohn nach Leistung eintreten, optimiert wird?

Sweller, John (1988). Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning. Cognitive Science 12(2): 257-285.

Geschlechtermanie: Der Abschlussbericht des mysteriösen Jungenbeirats beim BMFSFJ

Lange Zeit wurde so ziemlich alles, was den Jungenbeirat beim BMFSFJ umgab, gehütet, wie ein Staatsgeheimnis. Die Namen der Mitglieder des Jungenbeirats mussten – soweit es nicht die Jungen betraf – aus dem Ministerium für alle außer Männer herausoperiert werden, die Frage, warum diese und keine anderen Mitglieder in den Jungenbeirat berufen wurden, ist bis heute unbeantwortet. Transparenz ist, wie schon mehrfach auf ScienceFiles gezeigt wurde, nicht das, was deutsche Ministerien mögen.

Jungenbeirat colaAber nun ist er da – der Endbericht des Jungenbeirats. “Jungen und ihre Lebenswelten” heißt das Werk, das gestern veröffentlicht wurde. 222 Seiten umfasst das Kompendium der Lebenswelten, und ich gebe gleich zu, ich habe die 222 Seiten nicht gelesen – noch nicht. Dabei enthält der Bericht interessant verpackte Ladenhüter wie: “Jungen- und Männlichkeitsforschung” von Michael Meuser oder “Was heißt es heutzutage ein Junge zu sein?” von Sylka Scholz oder “Leben in Scheidungsfamilien” von Ricardo Sinesi oder “Die Bedeutung von Freundschaften im Jugendalter” von Ahmet Toprak und schließlich: “Neue Medien für Jungs” von Sebastian Leisinger. All das werde ich mir demnächst zu Gemüte führen, aber für’s Erste und angesichts der Kürze der Zeit, die ich zur Verfügung hatte, ist die Zusammenfassung des Endberichts ausreichend, um sich ein Bild über den Inhalt zu verschaffen.

Übrigens enthält der Endbericht eine Kurzbeschreibung der Mitglieder des Jungenbeirats, interessanter Weise auch der “Jungen-Experten”, deren Identität bislang gehütet wurde, wie das Nummerkonto der Parteizentrale in der Schweiz. Scheinbar sahen sich die Verantwortlichen beim BMFSFJ doch zu etwas mehr Transparenz gedrängt – nein, natürlich hatten sie von Anfang an vor, die Namen zu veröffentlichen. Nur eines veröffentlichen sie nicht: Den Grund dafür, warum gerade die Personen, die den Jungenbeirat besetzt haben, den Jungenbeirat besetzt haben – mit Ausnahme von Marc Calmbach, der Fund-Sourcing für Sinus betrieben hat, ist also der Weg in den Jungenbeirat, den die einzelnen Experten genommen haben, weiterhin ein Geheimnis.

Doch nun zur Zusammenfassung

Villagemachoman

Wahre Vielfalt! Click for more information!

Alles ist Vielfalt, so könnte man die Zusammenfassung zusammenfassen. Männliche Lebenswelten sind Vielfalt. Jungen sind Vielfalt, leben vielfältig, divers, unterschiedlich halt, in unterschiedlichen Alltagsrealitäten. Die Vielfalt wird vervollständigt oder ergänzt durch die “Vielfalt von Männlichkeitsentwürfen und Männerleben” (216) und die Vielfalt von sexuellen Orientierungen und die Notwendigkeit, eine “reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechterbildern jedweder Art (Männerbilder, Frauenbilder, Bilder von Homosexuellen, Transsexuellen, Queers) im Sinne einer Anerkennung von Vielfalt zu fördern” (216). Alles ist halt Vielfalt, nein, nicht alles, traditionelle Rollenvorstellungen sind nicht Vielfalt, sondern überholt und unpassend.

Die Bilder einer Frau, die im Supermarkt einkauft, und von einem Mann, der an einem Schreibtisch sitzt, die sich nach konkreten Erkenntnissen, die im Jungenbeirat gesammelt wurden, nach wie vor in Schulbüchern befinden, sind überholt und unpassend (216). Das Personal in Bildungsinstitutionen ist überholt, nein, natürlich ist es nicht überholt, sondern nur nicht gut ausgebildet, nein, auch nicht gut ausgebildet, noch nicht entsprechend weitergebildet, um mit der Vielfalt der Männlichkeiten und sexuellen Orientierungen Schritt zu halten, weshalb man dem Personal in Bildungsanstalten “Geschlechterbewusstsein” vermitteln und “Genderwissen” eintrichtern muss (216). Darüber hinaus muss alles reflexiv bearbeitet werden. Die notwendige “reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechtsbildern” wurde bereits angesprochen, reflexiv muss auch der Umgang mit “Männerbildern” sein (215), eine reflexive Auseinandersetzung mit hegemonialer Männlichkeit muss Jungen ermöglicht werden (215) usw. Bei so viel Reflexivität muss man erst einmal inne halten und nachdenken, um den Faden wieder zu finden.

Der Faden, der rote Faden, der die Zusammenfassung durchzieht, ist erstaunlich einfältig und gar nicht vielfältig. Da sind auf der einen Seiten die vielfältigen Lebenswelten und Männlichkeiten und Wünsche und Ansprüche und Anforderungen die auf Jungen einprasseln, von Jungen geäußert werden oder in denen Jungen leben, und auf der anderen Seite hat der Jungenbeirat nur eine einzige einfältige Wichtigkeit entdecken können, die es bei aller Vielfalt zu sichern gibt, nämlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (215), die attraktive Gestaltung der Elternzeit (217), die Erhöhung der Akzeptanz von Männern, “die einen Anspruch auf Elternzeit geltend machen” (217). Nein, das ist keine Einfältigkeit, das ist Armseligkeit. Alles, was die wichtigen Herrschaften des Jungenbeirats Jungen zu bieten haben, ist deren Verpflichtung auf Familie und Beruf?

Die Vision des Jungenbeirats

Die Vision des Jungenbeirats

Alles, was sie zu bieten haben, besteht im Vorschlag, die “hegemoniale Männlichkeit”, unter der die Experten im Jungenbeirat ein Streben nach Dominanz über Frauen und andere Männer verstehen (und außer ihnen vermutlich nicht viele), gegen eine “hegemoniale Weiblichkeit” zu tauschen. Nicht mehr das Bilden von Muskeln soll ein Jungenleben ausmachen, sondern das Wickeln von Windeln. Aber das ist natürlich nicht alles, was die Experten den jungen Männern zu bieten haben, für die ihr Bericht geschrieben sein soll. Nein, es gibt noch etwas anderes als fruchtbar zu sein und sich zu vermehren: Hausarbeit nämlich. Männer, so die tröstliche Botschaft aus dem Jungenbeirat: Männer, ihr müsst gar nicht Familienernährer sein, ihr dürft auch halbtags arbeiten und euch in der Freizeit dem eigenen Nachwuchs widmen, denn “Generativität” ist “ein wichtiges Thema einer lebenslauforientierten Jungenpolitik. Vor dem Hintergrund stagnierender Geburtenraten und der damit verbundenen demografischen Problematik handelt es sich hierbei um ein Politikfeld, das sowohl in gleichstellungs- als auch familienpolitischer Hinsicht relevant ist” (217).

Im Klartext, Jungen sollen ihre hegemonialen Bestrebungen, ein cooler Typ zu sein, bereits in der Jugend ad acta legen und statt dessen und gleichstellungstechnisch die Arbeitsteilung in der Partnerschaft, welcher vielfältigen Art auch immer, einüben, deren Zweck gar nicht vielfältig sondern fertil ist: Nachwuchsproduktion. Und wenn Jungen sich brav und treu an der Produktion von Nachwuchs beteiligen und gar nicht hegemonial sind, dann dürfen sie zur Belohnung halbtags arbeiten.

Das also ist die Vision, die den Experten im Jungenbeirat für Jungen vorschwebt. Das ist ihre Dystopie einer zukünftigen Generation von Jungen, die bereits in der Jugend vergreisen und keinerlei eigene Initiative mehr entwickeln dürfen, entgegen allem Vielfaltsgeschwätz. Es wird fortgepflanzt und der Beruf mit der Familie in Einklang gebracht, habt ihr gehört! Die Zeiten, in denen man träumen konnte, davon Astronaut zu werden (Vollzeitastronaut nicht Teilzeitastronaut) oder verrückter Professor, der aus Stroh Gold macht, die Zeiten sind vorbei. Heute wird schon früh Geschlecht, Geschlechtlichkeit, Gender und eine der vielfältigen Männlichkeiten eingeübt, die alle wie von Geisterhand geführt, zur Produktion von Nachwuchs führen. Die Armseligkeit des Lebensentwurfs, den der Jungenbeirat Jungen vorgeben will, ist nicht zu überbieten. Die Tristess, die einem befällt, wenn man die Zusammenfassung seines Endberichts gelesen hat, ist nicht zu steigern und die Gewissheit, dass es aus der Tristess und dem Tal der Armseligkeit, in das uns der Jungenbeirat führen will, nur einen Ausweg gibt, ist immens: Männer seid hegemonial! Das ist die einzige Form, Vielfalt zu erreichen.

Noch ein Nachtrag zur wissenschaftlichen Qualität oder besser zur nicht vorhandenen wissenschaftlichen Qualität. Der Professor für Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Bonn, Michael Meuser schreibt:

meuser“Diese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die ‘Feminisierung’ des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden” (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002).

Michael Meuser ist entweder ein vermeintlicher Wissenschaftler, der nicht lesen kann oder einer, der zitiert, was er nicht gelesen hat. Wir, Diefenbach und Klein 2002, haben an keiner Stelle von einer Feminisierung des Lehramts geschrieben, der Begriff “Feminisierung” kommt in unserem Text überhaupt nicht vor. Wir haben auch an keiner Stelle gesagt, dass die Feminmisierung, von der wir nicht geschrieben haben, die Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen in der Schule ist. Herr Professor hat offensichtlich nicht gelesen, was er zitiert.

Also, Studenten, wenn Prof. Meuser euch schlecht bewertet und behauptet, ihr hättet nicht gelesen, was ihr zitiert –  tu quoque! – geht zum Dekanat und beschwert Euch, Herr Meuser kann nicht von Euch verlangen, was er selbst nicht zu leisten gewillt ist. Sebstverständlich fügen wir Prof. Meuser unserer Blacklist hinzu, und darüber hinaus erhält er einen besonderen Malus wegen schlechtem Stil, denn, Herr Professor, in der Wissenschaft belegt man seine Behauptungen, wenn man also eine “vermeintliche Bildungsbenachteiligung” in derogativer Absicht behauptet, dann muss man, will man als Wissenschaftler und nicht als Ideologe durchgehen, die “vermeintliche Bildungsbenachteiligung” belegen. Herr Meuser kann die Vermeintlichkeit der Bildungsbenachteiligung ganz offensichtlich nicht belegen, also muss er ein Ideologe, kann er kein Wissenschaftler sein.

Stigmatisiert, benachteiligt und ausgesonder(schul)t: Die anti-Jungen-Kultur im Bildungssystem

Der letzte Teil unseres Umzugs-Dossiers über die Nachteile, denen sich Jungen im deutschen Bildungsssystem dadurch gegenübersehen, dass sie in einem schulischen Umfeld, das zunehmend von männlichen Lehrern entvölkert wird, stigmatisiert und benachteiligt werden, handelt von der Pathologisierung einst als normal angesehener Verhaltensweisen. Wie wir in den letzten Posts gezeigt haben, spielt die Etikettierung von Jungen als "sozial-emotional-Gestörte" eine besonders wichtige Rolle, wenn es darum geht, männliche Schüler, die nicht in den feminisierten Alltag deutscher Schulen passen, zu stigmatisieren. Im letzten Post unseres Dossiers zeigen wir nun, dass die Stigmatisierung von Jungen vor dem Hintergrund einer anti-Jungen-Kultur erfolgt, in der Verhaltensweisen, die man früher als "typisch" für männliche Jugendliche angesehen hat, nicht nur stigmatisiert, sondern auch pathologisiert werden. 

Eine anti-Jungen-Kultur: Ritalin gegen individuelle Freiheit

Wenn man sich wiederholt mit den unterschiedlichsten Themen, die Jungen betreffen, beschäftigt, dann kann man nicht anders als eine Hypothese wie die folgende zu formulieren: Die staatsfeministische Kultur in Deutschland wirkt sich in vielen Bereichen des Lebens zum Schaden von Jungen und schädlich auf die davon betroffenen Jungen aus.

Wissenschaft beginnt mit Hypothesen wie der vorliegenden und der Prozess von Wissenschaft besteht darin, empirische Daten zu suchen, um die Hypothese zu bestätigen oder um sie zu falsifizieren. Zu eben diesem Zweck wollen wir die Hypothese etwas verfeinern und in zwei Teilhypothesen aufgliedern:

  1. (1) Die staatsfeministische Kultur, mit der Jungen im Kindes- und Jugendalter konfrontiert sind, duldet keine Abweichung von der Vorgabe dessen, was nach staatsfeministischer Ansicht richtig und gut ist. (2) Ein Maß, das häufig Anwendung findet, um Abweichung vom “staatsfeminitisch Richtigen bzw. Guten” zu bestimmen und zu sanktionieren, trägt die Bezeichnung “sozial-emotionale Störung”.

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, (nicht nur, aber vornehmlich) Jungen von der Schule zurückzustellen, und sie sind die schwächste Begründung, die man für einen derartig tiefen Einschnitt in und die damit verbundenen Folgen für das Leben von Jungen überhaupt geben kann.

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, Jungen nach ihrer Einschulung auf eine Sonderschule abzuschieben, und sie sind die schwächste Begründung, die man für einen deratig tiefen Einschnitt in und die damit verbundenen Folgen für das Leben von Jungen überhaupt geben kann (Kottmann, 2006).

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, Jungen zu pathologisieren und ihnen eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung zu attestieren, eine Diagnose, die auf Kriterien basiert, die man nur als weich bezeichnen kann und die zur nachfolgenden Behandlung mit Psychopharmaka (z.B.: Ritalin) in keinem Verhältnis stehen.

Als sozial-emotional gestört gilt ein Kind, wenn es zu Hause oder im Kindergarten den Anweisungen von Eltern oder Kindergartenpersonal nicht Folge leistet oder sich häufig mit anderen Kindern “prügelt”. Oder ein Kind hat die Möglichkeit, sich als sozial oder emotional gestört zu qualifizieren, wenn es häufig von anderen Kindern gehänselt wird und vor anderen Kindern Angst hat (Horstschräer & Muehler, 2010, S.22). Eine weitere Möglichkeit, den psychiatrischen Tatbestand einer sozial-emotionalen Entwicklungsstörung zu erfüllen, besteht darin, sich leicht ablenken zu lassen und nervös oder zappelig zu sein. Geben Eltern oder Kindergärtnerinnen oder Lehrer an, ein Kind lasse sich leicht ablenken und sei zappelig, dann haben sie ihm damit ADHS, also eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) so gut wie attestiert.

Die Geschwindigkeit, mit der man in Deutschland als Junge als “sozial-emotional” gestört eingestuft werden kann, nimmt über die letzten Jahre in erschreckendem Maße zu, wie wir am Beispiel von ADHS in diesem post zeigen werden. Um die Brisanz dieser Zunahme einschätzen zu können, ist es wichtig, zunächst einen Blick auf die Kriterien zu werfen, die zur Diagnose von ADHS genutzt werden und die alles andere als differenziert und objektiv sind. Die entsprechende Einstufung eines Kindes, d.h. in rund 82% der Fälle (Basis: Zahlen von 2010) von Jungen, basiert auf dem in der folgenden Tabelle zusammengestellten Schema. Wer, wenn man so will, eine entsprechende “Punktezahl” im Urteil von Psychologen, Eltern oder Lehrern erreicht, hat seine Einstufung als ADHS-Erkrankter gesichert.

Klassifikation nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation)
G1: Unaufmerksamkeit
  1. … sind häufige unaufmerksam gegenüber Details, Sorgfaltsfehler bei den Schularbeiten oder sonstigen Arbeiten oder Aktivitäten;
  2. … sind häufig nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben und beim Spielen aufrecht zu erhalten;
  3. … hören scheinbar nicht, was ihnen gesagt wird;
  4. … können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Schularbeiten, Aufgaben oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht erfüllen;
  5. … sind häufig beeinträchtigt, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren;
  6. … vermeiden häufig ungeliebte Arbeiten, wie Hausaufgaben, die geistiges Durchhaltevermögen erfordern;
  7. … verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben wichtig sind, z.B. Bleistifte; Bücher, Spielsachen und Werkzeuge;
  8. … werden häufig von externen Stimuli abgelenkt;
  9. … sind im Verlauf der alltäglichen Aktivitäten oft vergesslich;
AHDS: Mindestens 6 Monate lang mindestens 6 der Symptome in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht angemessenen Ausmaß;
G2: Überaktivität
  1. … fuchteln häufig mit Händen und Füßen oder winden sich auf den Sitzen;
  2. … verlassen Ihren Platz im Klassenraum oder in anderen Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird;
  3. .. laufen häufig herum oder klettern exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist …;
  4. … sind häufig unnötig laut beim Spielen oder haben Schwierigkeiten mit leisen Freizeitbeschäftigungen;
  5. … zeigen ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivitäten, die durch den sozialen Kontext oder Verbote nicht durchgreifend beeinflussbar sind.
ADHS: Mindestens 6 Monate lang 3 der Symptome, in einem mit dem Entwicklungsstand der Kinder nicht zu vereinbarenden Ausmaß
G3: Impulsivität
  1. … platzen häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage beendet ist;
  2. … können häufig nicht in einer Reihe warten oder warten, bis sie bei Spielen oder in Gruppensituationen an die Reihe kommen;
  3. … unterbrechen und stören andere häufig;
  4. … reden häufig und exzessiv ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren;
ADHS: Mindestens 6 Monate lang mindestens eines der Symptome in einem mit dem Entwicklungsstand der Kinder nicht zu vereinbarenden Ausmaß
ADHS Diagnose basiert auf folgenden Kriterien:

  1. G1 bis G3 wie dargestellt;
  2. Beginn der Störung vor dem 7. Lebensjahr
  3. Die Kriterien sollen in mehr als einer Situation erfüllt sein (Schule, Klinik, zu Hause);
  4. Deutliches Leid durch G1 bis G3 oder Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit;

Es fällt auf, dass die Diagnose “ADHS” vollständig auf Einschätzungen darüber basiert, was ein mit einem erreichten Entwicklungsstand zu vereinbarendes und nicht zu vereinbarerndes Verhalten  ist, was “häufig” ist, was “exzessiv” ist, was “angemessen” ist, was mit dem “Entwicklungsstand” vereinbar ist, kurz: die Diagnose von ADHS basiert, wie Roggensack (2012, S.15), das in ihrem Buch thematisiert hat, auf einer sozialen Übereinkunft darüber, welche Ausprägungen ein korrektes Verhalten annehmen soll und welche es nicht annehmen darf. Es ist an dieser Stelle, dass die genderistische Propaganda über die Jungen-Machos, die sich in nicht-adäquater Weise in der Schule benehmen, die sich nicht an die Vorgaben, die ihnen mit Blick auf ihr Verhalten gemacht werden, anpassen wollen, z.B. weil sie als Jungen sich in ihrem Verhalten von Mädchen unterscheiden wollen, es ist hier, dass die Pathologisierung von Verhaltensweisen von Jungen ihren Ausgangspunkt nimmt.

Und wie die folgende Abbildung zeigt, ist die Pathologisierung von Jungen als ADHS-Kind massiv auf dem Vormarsch. Betrachtet man die Anzahl der Jungen, die in Krankenhäusern mit ADHS diagnostiziert wurden, dann ist deren Zahl von 3758 im Jahre 2000 (85,6% aller ADHS-Diagnosen in Krankenhäusern) auf 7368 im Jahre 2010 gestiegen (82,4% aller ADHS-Diagnosen in Krankenhäusern). Die in der Abbildung dargestellten Steigerungsraten sprechen eine deutliche Sprache.

Wenn Diagnosen in der Weise ansteigen, wie es die Abbildung zeigt, dann stellt sich die Frage nach den Ursachen für diesen Anstieg. Im Falle von ADHS kann der Anstieg in den Diagnosen einen tatsächlichen Anstieg von ADHS widerspiegeln, es kann auch sein, dass die Anzahl der Diagnosen, nicht aber die Anzahl von ADHS-Kindern zunimmt. Gerade bei Diagnosen wie der auf ADHS, die auf den weichen und subjektiven Kriterien basiert, die oben genannt wurden, liegt der Verdacht nahe, dass soziale Einflussfaktoren, dass das gesellschaftliche Klima, dass das staatsfeministische Bemühen, Jungen zu Mädchen umzuerziehen, einen Effekt auf die Anzahl der diagnostizierten Fälle von ADHS hat.

Im Fall von ADHS kommt erschwerend eine Konsequenz der Diagnose hinzu, denn obwohl die Diagnose auf wackeligen subjektive Füssen steht und obwohl es bislang nicht gelungen ist, einen biologischen Marker für ADHS zu finden, d.h. mit klinischen Untersuchungen einen eindeutigen Nachweis für ADHS zu erbringen, etwa in der Art, in der man Krebs nachweisen kann, wird auf ADHS mit schweren Geschützen, und in zunehmendem Maße wie die folgende Abbildung zeigt, mit Psychopharmaka geschossen. Dies ist ein Unterfangen, das in höchstem Maße ethisch problematisch ist, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, Kinder, in der Mehrzahl Jungen, zu einem Verhalten durch die Gabe von Methylphenidat (Ritalin) umzuprogrammieren und somit eine Verhaltensänderung herbeizuführen, auf die die betroffenen Kinder keinerlei Einfluss haben, gegen die sie sich nicht zu Wehr setzen können. Was die verschreibenden Ärzte wohl dazu sagen würden, wenn man sie täglich unter die Wirkung von Barbituraten setzen würde, um sie an einem allzu schnellen Verschreiben von Ritalin zu hindern? Oder was wohl Lehrer sagen würden, wenn man sie täglich unter Beruhigungsmittel setzt, damit sie die “Lebhaftigkeit” ihrer Schüler besser ertragen?

Quelle: ManMed

Es soll nicht bestritten werden, dass es schwierige Kinder gibt, Kinder, die einem massiv auf die Nerven gehen können. Es soll allerdings bestritten werden, dass es eine Lösung für dieses Problem darstellt, die entsprechenden Kinder zu pathologisieren, ihnen ein Handicap mit auf den Weg ins schulische und berufliche Leben zu geben, sie ihrer Willensfreiheit zu berauben und ihnen Psychopharmaka zu verabreichen, deren Wirkung sie nicht absehen können. Es ist schon verwunderlich, dass in der kinderliebenden staatsfeministischen Kultur Deutschlands, in der der Verweis auf “Kinder” immer dazu gut ist, Steuergelder “für” Kinder loszueisen, eine große Anzahl von Jungen ohne mit der Wimper zu zucken, ihrer Individualrechte beraubt werden, und es ist umso erstaunlicher, dass dies in einer Kultur geschieht, die die Beschneidung von Jungen mit eben dem Verweis auf die nämlichen Individualrechte ablehnt.

Literatur:

Horstschräer, Julia & Muehler, Grit (2010). School Entrance Recommendation: A Question of Age or Development?

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Roggensack, Claudia (2012). Mythos ADHS. Konstruktion einer Krankheit durch die monodisziplinäre Gesundheitsforschung. Heidelberg: Carl Auer Verlag.

Bildnachweis:
Caleb Marsh

Männer- und jungenfeindliches Klima

In den letzten beiden posts haben wir zunächst und auf Grundlage der Daten des Statistischen Bundesamts das Ausmaß der Feminisierung des deutschen Bildungssystem dargestellt und gezeigt, dass die Feminisierung des Bildungssystems mit einer Entprofessionalisierung einher geht. So dann haben wir, abermals auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamts gezeigt, dass diese Entwicklung vor allem zu Lasten von Jungen geht: Die schulische Bewertung von Jungen in dem Maße schlechter, in dem der Anteil weiblicher Lehrer steigt. Mit den beiden nächsten posts wollen wir zeigen, dass beides Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas ist, das man nicht anders als männer- und jungenfeindlich beschreiben kann. Entsprechend handelt dieser post von sozial-emotionalen Störungen. Sozial-emotionale Störungen werden auf Grundlage unglaublich weicher Indikatoren vornehmlich Jungen an-diagnostiziert und man könnte fast geneigt sein festzustellen, dass sie einzig dazu ersonnen wurden, um  bei der Einschulungsuntersuchung ein Mittel bei der Hand zu haben, das es erlaubt unpassende Jungen auszusortieren und im weiteren Verlauf der Primärbildung mit den selben sozial-emotionalen Störungen eine Handhabe zu haben, um unpassende Jungen auf die Sonderschule abzuschieben.

Dieses post handelt von Einschulungsuntersuchungen, einem, wenn die vielen Leser, die auf ScienceFiles landen, weil sie nach “Rückstellungsantrag … sozial-emotionale Störung” in welcher Kombination auch immer gesucht haben, zum Maß nimmt, heißen Thema.

Einschulungsrückstellung: sozial-emotionale Stigmatisierung von Jungen

Seit Jahren zeigen Einschulungsuntersuchungen, dass Jungen häufiger als Mädchen von einer altersgerechten Einschulung zurückgestellt werden. Bei vorzeitig eingeschulten Kindern ergibt sich eine ähnliche Divergenz zwischen den Geschlechtern: Mädchen werden häufiger vorzeitig eingeschult als Jungen. Z.B. wurden im Schuljahr 2009/2010 20.397 Mädchen vorzeitig eingeschult (5,62% der 2009/2010 zur Einschulung anstehenden Mädchen), aber nur 13.871 Jungen (3,52% der 2009/2010 zur Einschulung anstehenden Jungen). Gleichzeitig wurden 24.735 Jungen (6,28% der 2009/2010 zur Einschulung anstehenden Jungen) und 13.754 (3,79% der zur Einschulung anstehenden Mädchen) von einer Einschulung zurückgestellt. An dieser Ungleichverteilung hat sich über die letzten Jahre nur wenig verändert, wie die folgenden Abbildungen zeigen, in denen die Einschulungsjahre 2002/03 und 2009/10 miteinander verglichen werden.

Wie die beiden Abbildungen zeigen, ändern sich die Anteile zwischen den Vergleichsjahren geringfügig, die Differenzen zwischen Jungen und Mädchen bleiben davon jedoch unberührt. Angesichts dieser schiefen Verteilung stellt sich die Frage, wie die Ungleichverteilung nach Geschlecht erklärt werden kann. Sind, mit anderen Worten, Jungen Spätentwickler, für die häufig eine Einschulung zu früh kommt? Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage sind wir auf einen Beitrag von Julia Horstschräer und Grit Muehler mit dem Titel “School Entrance Recommendation: A Question of Age or Development” gestoßen, in dem auf Grundlage von Daten des Landes Brandenburg, die Entscheidung am Ende der Einschulungsuntersuchung erklärt werden soll.

Wie die Analysen der beiden Autoren zeigen, sind es vermeintliche Alter und Entwicklungsrückstände, die eine Zurückstellung von der Einschulung erklären: “Impairments in cognitive, socio-emotional and motor[ic] development as well as health are negatively related to the probability to receive a school recommendation. Moreover, younger children are less likely to be recommended for school” (17). Was heißt das nun für die Erklärung der Geschlechtsunterschiede bei der Einschulung? Da kaum anzunehmen ist, dass Mädchen, die zur Einschulung anstehen, in Monaten gerechnet, deutlich älter sind als Jungen, also weiter vom Altersstichtag, der zur Einschulung qualifiziert, entfernt sind als Jungen, scheidet das Alter als Erklärung für die Unterschiede nach Geschlecht aus. Somit bleiben die kognitiven, sozio-emotionalen und motorischen Störungen sowie die Gesundheit als erklärende Variablen übrig. Ein Blick auf die Ergebnisse von Horstschräer und Muehler (Seite 11, Tabelle 2) zeigt, dass sozio-emotionale Störungen mit ziemlichen Abstand vor kognitiven Störungen für die Erklärung der Zurückstellung von einer Einschulung am wichtigsten sind.

schulanfang

Man fragt sich schon, wozu Schulen eigentlich noch nötig sind

Als sozio-emotional gestört gilt ein Kind, wenn es zu Hause oder im Kindergarten den Anweisungen von Eltern oder Kindergartenpersonal nicht Folge leistet oder sich häufig mit anderen Kindern “prügelt”. Oder ein Kind hat die Möglichkeit, sich als sozial oder emotional gestört zu qualifizieren, wenn es häufig von anderen Kindern gehänselt wird und vor anderen Kindern Angst hat (Horstschräer & Muehler, 2010, S.22). Eine weitere Möglichkeit, den psychiatrischen Tatbestand einer sozio-emotionalen Entwicklungsstörung zu erfüllen, besteht darin, sich leicht ablenken zu lassen und nervös oder zappelig zu sein. Geben Eltern oder Kindergärtnerinnen an, ein Kind lasse sich leicht ablenken und sei zappelig, dann haben sie ihm damit eine sozial-emotionale Störung attestiert  - Grund genug, nicht eingeschult zu werden.

Wie sich zeigt, ist es ziemlich einfach, das Stigma “sozial-emotional gestört” angeheftet zu bekommen, und offensichtlich ist es für Jungen viel einfacher, die entsprechenden Stigmata zugeschrieben zu bekommen als für Mädchen. Was allerdings die Tatsache, dass sich ein Kind leicht ablenken lässt, zappelig ist, sich mit anderen balgt oder ungehorsam ist, mit seiner Fähigkeit, zu lernen zu tun haben soll, ist uns nicht nachvollziehbar – schon deshalb nicht, weil Schule eigentlich ein Ort sein soll, an dem Kinder u.a. Aufmerksamkeit und Disziplin erlernen.

Da eine verspätete Einschulung sich negativ auf die schulische Karriere des entsprechenden Kindes auswirkt, stellt sich abschließend die Frage ob derart weiche Indikatoren, wie die für die Messung von sozial-emotionaler Störung benutzten, es rechtfertigen, vornehmlich Jungen von einer Einschulung zurückzustellen, und eigentlich beantwortet sich diese Frage von selbst.

Das lässt die Frage danach, warum zappelige, lebhafte und sich balgende Kinder (übrigens alles Indikatoren, die von Jungen schon aufgrund der Rollenmuster, die an sie herangetragen werden, eher erfüllt werden als von Mädchen) unbedingt als sozial-emotional gestört gelten müssen. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, aber wir sind uns sicher, dass man sie im Kontext einer gesellschaftlichen Entwicklung sehen muss, die Eigenschaften und Attribute, die als männlich gelten, zunehmend pathologisiert.

Literatur

Horstschräer, Julia & Muehler, Grit (2010). School Entrance Recommendation: A Question of Age or Development?

http://ssrn.com/abstract=1649459

Je mehr Grundschullehrerinnen, desto schlechter schneiden Jungen in der Schule ab

Im letzten Post haben wir das Ausmaß der Feminisierung der Schulen aufgezeigt und darüber hinaus belegt, dass die Feminisierung mit einer Entprofessionalisierung einher geht. In diesem Post beschreiben wir eine Folge der Feminisierung der Schule, die auf den Ergebnissen aufbaut, die wir im Jahre 2002 in unserem Beitrag "Bringing Boys Back In", in der Zeitschrift für Pädagogik veröffentlicht haben. Wie sich zeigt, hat sich seit 2002 nichts getan: Noch immer wird die schulische Bewertung von Jungen mit einem steigenden Anteil weiblicher Grundschullehrerinnen schlechter oder anders formuliert:

Je mehr männliche Grundschullehrer, desto besser die schulische Berwertung von Junge

Als “Bringing Boys Back In” im Jahre 2002 erschienen ist und das Ausmaß der Nachteile von Jungen im Hinblick auf Sekundarschulabschlüsse erstmals umfassend dokumentiert wurde, hat sich eine große Zahl von Kommentatorinnen auf einen im Artikel von uns dokumentierten Zusammenhang kapriziert: Mit einer steigenden Anzahl von Grundschullehrerinnen sind die Nachteile von Jungen im Schulsystem gestiegen. Diese Korrelation zwischen zwei Variablen hat für viele Kommentatorinnen, wohl weil sie über Insiderwissen verfügen, sofort den Status einer Kausalität angenommen. In der Folge war ihr Blick (fast manisch) so fixiert, dass sie völlig übersehen haben, dass das Anliegen unseres Beitrags darin bestand, zunächst formale Kriterien vorzugeben, die eine Erklärung der beobachteten Nachteile von Jungen erfüllen muss, um als Erklärung gelten zu können und dann eine Reihe von Vorschlägen zu unterbreiten, wie man die gefundene Korrelation unter Einhaltung der jeweiligen Kriterien erklären kann.

Hurrelmann BildungsverliererBei aller Hysterie, die dann folgte und deren Hauptaugenmerk darauf lag, Grundschullehrerinnen von jedem Verdacht eines Effekts auf ihre Schüler freizusprechen, hat die Mehrzahl der sich zu öffentlicher Äußerung berufen Fühlenden zum einen die zweite Variable im Modell, nämlich Arbeitslosigkeit, völlig ignoriert (wenn sie den Artikel überhaupt gelesen haben), zum anderen sind die meisten von ihnen fest davon ausgegangen, dass der von uns gefundene Zusammenhang keiner Erklärung bedürfe. Das weist darauf hin, dass die entsprechenden Genderisten felsenfest davon überzeugt sind, dass Jungen von weiblichen Grundschullehrern benachteiligt werden, weshalb sie die Nachteile nicht erklären müssen, da sie um ihr Zustandekommen wissen, sie absichtlich herbeiführen wollen.

Andere, die noch nicht dahinter gekommen sind, dass zwischen einem Zusammenhang und seiner Erklärung ein Unterschied besteht, versuchen über das, was man reflexive Verkomplizierung nennen könnte, den beschriebenen Zusammenhang so lange durch Sprachakrobatik und verquaste Sprachmonster in Form aneinandergereieter Adjektive zu beschwätzen, bis er verschwunden ist oder bis die Leserschaft kleinbei gibt und fortan glaubt, dass die Zusammenhänge verschwinden, wenn man nur lange genug behauptet, alles sei (zu) komplex bzw. es seien nicht Jungen, sondern Unterschichts- oder Migrantenjungen betroffen (ein Beispiel dafür: Thielen, 2011). Zudem wird regelmäßigt behauptet, die Zusammenhänge würden verschwinden, wenn man nicht alle Schüler betrachte, sondern nur einen Teil davon (dazu die Besprechung der GEW-Studie “Bildung von Geschlecht”).

Hurrelmann QuoteDeshalb prüfen wir im Folgenden, ob die von uns publizierten Zusammenhänge auch zu finden sind, wenn man nicht alle Schüler und alle Abschlüsse betrachtet, sondern nur diejenigen Schüler, die ohne einen Abschluss bleiben. Die im Folgenden präsentierten Ergebnisse basieren auf den Daten der Bildungsstatistik für die Schuljahre 2004/2005 und 2009/2010. Um die Ansatzpunkte für Hysterie so gering wie nur möglich zu halten, haben wir die Berechnungen auf der Basis des männlichen Anteils an Grundschullehrern durchgeführt.

Seit unser Artikel veröffentlich wurde, hat sich einiges verändert, wie die folgende Abbildung zeigt. So ist der Anteil der vollzeitbeschäftigten männlichen Grundschullehrer in Deutschland von 24,6% im Schuljahr 2004/2005 auf 19,1% im Schuljahr 2009/2010 gesunken. Der Rückgang der vollzeitbeschäftigten männlichen Lehrer ist nicht auf Grundschullehrer beschränkt, wie wir unter der Überschrift, der Rückzug der Männer aus der Schule bereits gezeigt haben. Ein Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigt, dass der Anteil vollzeitbeschäftigter männlicher Grundschullehrer im Schuljahr 2009/2010 zwischen 6,62% in Sachsen-Anhalt und 36,43% in Hamburg variiert (Varianz in 2004/2005 zwischen 5.44% in Sachsen-Anhalt und 38.26% im Saarland).

Entsprechend stellt sich die Frage, ob der von uns gefundene Zusammenhang, nach dem mit einem steigenden Anteil von weiblichen Grundschullehrern wachsende Bildungsnachteile von Jungen einhergehen, auch heute, da der Anteil männlicher Grundschullehrer weiter gesunken ist, noch gegeben ist. Um dies zu prüfen, haben wir den Anteil männlicher Grundschullehrer mit dem Anteil von Jungen, die ohne einen Hauptschulabschluss bleiben, ins Verhältnis gesetzt.

Der Jungenanteil in der Gruppe derer, die im Schuljahr 2009/2010 ohne einen Hautschulabschluss geblieben sind, variiert zwischen den Bundesländern um knapp 7%. Er hat sein Minimum mit 57,46% in Hamburg und sein Maximum mit 64,34% in Brandenburg. Im Durchschnitt sind von den 58.354 Absolventen, die im Schuljahr 2009/2010 ohne einen Abschluss eine Schule in Deutschland verlassen haben, 60,9% (35.506) Jungen.

Die Aussage der Abbildung ist eindeutig: je weniger männliche Grundschullehrer, um so mehr Jungen bleiben ohne einen Hauptschulabschluss. Der Zusammenhang zwischen dem Anteil männlicher Grundschullehrer und dem Anteil der Jungen an denjenigen, die ohne einen Abschluss von der Schule gehen, ist mit -.40 hoch und die Regressionsgerade in der Abbildung erklärt immerhin knapp 17% der Varianz zwischen den beiden Variablen. Entsprechend den in der Abbildung ausgewiesenen Ergebnissen wäre es demnach möglich, durch eine Erhöhung des Anteils männlicher Lehrer um 1% den Anteil der Jungen, die ohne einen Schulabschluss bleiben, um 0,85% zu reduzieren (Dies ist ein statistisches Ergebnis, das auf der Annahme basiert, dass “neue” männliche Grundschullehrer die Eigenschaften teilen, die derzeit beschäftigte Grundschullehrer auszeichnen).

Das präsentierte Ergebnis ist ein eindrücklicher Beleg der Gültigkeit des Ergebnisses, das wir im Jahre 2002 publiziert haben: Auf der Aggregatebene besteht ein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrperson und dem schulischen Erfolg von Jungen. Somit stellt sich die Frage, warum dieser Zusammenhang besteht? Über all der Hysterie der letzten neun Jahre haben die Genderisten nämlich vergessen, dass der Zusammenhang, den man ja nicht leugnen kann, weil er nun einmal da ist, erklärt werden muss. Man muss daher die Frage beantworten, warum der Zusammenhang in der Weise besteht, wie er nun bereits mehrfach reproduziert wurde: Je mehr männliche Lehrer in der Grundschule, desto besser schneiden Jungen im Bildungssystem ab bzw. je weniger weibliche Lehrer in der Grundschule, desto besser schneiden Jungen im Bildungssystem ab.

Eine Erklärung dafür, nimmt im Einklang mit vorhandenen empirischen Befunden an, dass männliche Schüler bei der Grundschulempfehlung benachteiligt werden, dass dieser Benachteiligung eine konsequente Unterforderung der Jungen auf der Hauptschule nachfolgt, die einem Interesseverlust an Bildung zur Folge hat. Um nun zu wissen, ob diese Erklärung zutrifft, müsste man sie prüfen. Aber soweit ist bislang leider noch kein Bildungsforscher gelangt. Diejenigen, die sich mit den Nachteilen von Jungen beschäftigen, sind entweder nach wie vor damit beschäftigt, sie klein zu reden  oder weiblichen Grundschullehrerinnen die Absolution zu erteilen. Und so harrt die eigentlich interessante Frage weiter der Beantwortung.

Nachtrag:
Der Zusammenhang zwischen dem Anteil männlicher Lehrer und dem besseren Abschneiden von Jungen hier gemessen am Beispiel von Jungen ohne einen Hauptschulabschluss ist auch dann vorhanden, wenn man den Anteil männlicher Lehrer für das Schuljahr 2002/2003 zu Grunde legt. Dies weist darauf hin, dass stimmt, was wir in unseren Artikel von 2002 bereits vermutet haben, dass es nämlich nicht das Geschlecht einzelner Lehrer ist, das einen Effekt auf das Abschneiden von Jungen macht, sondern das generelle Lernklima an Schulen. Je feminisierter dieses Klima ist, je weniger akzeptiert männliche Rollenvorstellungen sind, desto schlechter schneiden Jungen ab.

Literatur

Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2002). “Bringing Boys Back In”. Soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Bildungssystem zuungunsten von Jungen am Beispiel der Sekundarschulabschlüsse. Zeitschrift für Pädagogik 48(6): 938-958.

Thielen, Marc (2011). “Bist du behindert Mann?” Überlegungen zu Geschlecht und Geschlechtsinszenierungen in sonder- und integrationspädagogischen Kontexten aus einer intersektoralen Perspektive. Inklusion Nr. 1(2011).

ScienceFiles-Brief: Alles beim Alten: Jungen haben immer noch erhebliche Nachteile bei der Schulbildung

aber es stört in der gleichheitsbesessenen deutschen Gesellschaft niemanden mehr.

Abschluesse_2011_AllBSJungen erzielen schlechtere Schulabschlüsse als Mädchen: Sie erreichen im Durchschnitt seltener ein Abitur. Sie bleiben häufiger sitzen. Sie werden öfter verspätet eingeschult. Sie landen häufiger auf der Sonderschule. Dies alles ist seit Jahren bekannt, und spätestens seit wir unser “Bringing Boys Back In” im Jahre 2002 veröffentlicht haben, werden auch zumindest die erheblichen Nachteile, die Jungen bei der allgemeinen Schulbildung Mädchen gegenüber haben, diskutiert.

Interessanter Weise ist der Hauptgegenstand der Diskussion dabei zu keinem Zeitpunkt die Frage gewesen, wie man das schlechtere Abschneiden von Jungen erklären kann oder - noch wichtiger - wie man das schlechtere Abschneiden von Jungen beheben kann. Statt dessen haben sich Legionen von Wissenschaftlern und solchen, die es zu sein vorgeben, mit der Frage der “Schuld” beschäftigt. Ganz so als wäre Wissenschaft nicht dem Finden von Erklärungen, sondern dem Entscheiden von Schuldfragen gewidmet, wurde hitzig diskutiert, ob die Tatsache, dass in deutschen Schulen männliche Lehrer in der Minderheit sind, ein Grund für das schlechtere Abschneiden von Jungen ist.

Diese Diskussion hat sich verselbständigt und ist nach kurzer Zeit bereits in eine Diskussion darüber ausgeartet, ob weibliche Lehrer männliche Schüler aktiv und absichtlich benachteiligen. Entsprechend ist die Schuldfrage auf einer anderen Ebene weiterdiskutiert worden. Den Jungen, die nach wie vor schlechter abschneiden als Mädchen, hat dies alles nichts gebracht, aber es hat viel zur Unterhaltung und zum Unterhalt derjenigen beigetragen, die auf Kosten von Jungen ihre ideologischen Spline pflegen.

Eine Reaktion auf die Schuldfragen-Diskussion war die Forderung nach mehr männlichen Lehrern vor allem in Grundschulen, in denen sie zur geschützten, weil kaum mehr vorhandenen Spezies geworden sind. Wenn weibliche Lehrer im Allgemeinen und weibliche Grundschullehrer im Besonderen schuld am schlechteren Abschneiden von Jungen sind, dann, so die Ansicht derjenigen, die das Unheil, das sie durch eine Frauenquote angerichtet sehen, durch eine Männerquote beseitigen wollen, werde ein höherer Anteil männlicher Lehrer für ein Gleichgewicht sorgen. Wie? Das weiß niemand. Vielleicht dadurch, dass nunmehr männliche Lehrer weibliche Schüler diskriminieren?

Hurrelmann BildungsverliererDass von einer Quote für männliche Lehrer keine Veränderung im Hinblick auf die Nachteile von Jungen zu erwarten ist, hat Dr. habil. Heike Diefenbach in einem Beitrag für das von Klaus Hurrelmann und Tanjev Schultz herausgegebene Buch “Jungen als Bildungsverlierer” umfassend argumentiert. Die Argumentation mündet in das folgende Fazit:

“Es geht im Zusammenhang mit den schulischen Nachteilen von Jungen eben nicht um Jungen und Mädchen oder um Lehrkräfte männlichen oder weiblichen Geschlechts, sondern darum, dass eine kollektivistische Politik gesellschaftliche Güter aufgrund von Merkmalen vergibt, die nicht individuell attribuierbar sind, und eines dieser Merkmale in einer sexistischen Gesellschaft die Geschlechtszugehörigkeit ist” (Diefenbach, 2012, S.140).

Der Grund für die Nachteile von Jungen ist demnach nicht beim Geschlecht des Lehrers an sich zu suchen, sondern in einem gesellschaftlichen Klima, das fixiert auf kollektive Merkmale wie Geschlecht ist und eine Werthierarchie aufstellen will, in der Gruppen aufgrund ihrer Merkmale in wertvoll und weniger wertvoll eingeteilt werden. In einem solchen Klima müssen individuelle Merkmale, müssen individuelle Leistungen, auf der Strecke bleiben und daran wird eine wiederum kollektive Medizin, also eine Männerquote, nichts ändern, denn man kann den “Teufel nicht mit dem Beelzebub” austreiben (Diefenbach, 2012, S.141).

Literatur

Diefenbach, Heike (2012). Gegen den kollektiven Aktionismus! In: Hurrelmann, Klaus & Schultz, Tanjev (2012). Jungen als Bildungsverlierer. Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Weinheim: BeltzJuventa, S.125-143.

Weiterführende Texte auf ScienceFiles:

  1. Schulen sind jungenfeindliche Anstalten
  2. Jungen werden im deutschen Schulsystem benachteiligt
  3. Risse in der Meritokratie: Was wird in deutschen Schulen eigentlich bewertet?
  4. Es bleibt dabei: Je mehr männliche Lehrer desto besser schneiden Jungen ab

Schulen sind jungenfeindliche Anstalten

In einem Beitrag für den von Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann herausgegebenen Sammelband Bildungsverlierer“Bildungsverlierer” hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Erklärung für die schulischen Nachteile von Jungen vorgeschlagen, die man wie folgt zusammenfassen kann:

In deutschen Schulen herrscht ein Schulklima, das von der gesellschaftlichen Atmosphäre, wie sie in öffentlichen Medien und von politischen Akteuren geschaffen wird, und regulativen Vorgaben bestimmt wird. Unter dieser Atmosphäre entwickeln Lehrer eine Vorstellung vom “guten Schüler” und den Verhaltensweisen, die ein “guter Schüler” zeigt. Die Bewertung von Schülern orientiert sich nicht an den Leistungen des entsprechenden Schülers, sondern an der Passung seiner Verhaltensweisen mit den Erwartungen der Lehrer (Diefenbach, 2010, S.265-266).

Da sich sowohl die gesellschaftliche Atmosphäre als auch die regulativen Vorgaben aus dem Staatsfeminismus ableiten, herrscht in Schulen ein Bild vom “guten Schüler”, das an weiblichen Verhaltensweisen ausgerichtet ist und vor dessen Hintergrund als männlich empfundene Verhaltensweisen negativ sanktioniert werden. Lehrer tragen an Schüler bestimmte Rollenerwartungen, wie sie ihnen durch den regulativen Kontext vorgegeben werden bzw. die sie sich aus dem entsprechenden Kontext angeeignet haben (z.B. im Unterricht über sexuellen Missbrauch), auf ihre Schüler und bewerten das Verhalten, nicht die Leistung der Schüler entsprechend der Vorgaben. Als Ergebnis entsteht eine differentielle Bewertung, die Jungen aufgrund ihres nicht den als weiblich attribuierten Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler” entsprechenden Verhaltens schlechtere Noten bei gleichen oder besseren Leistungen erzielen sieht, die Jungen diskrimiert sieht.

Ein erstes Indiz, das bestätigt, was sich als Hypothese aus dem von Heike Diefenbach vorgeschlagenen Erklärungsmodell ableiten lässt, stellen Ergebnisse dar, die Heike Diefenbach im Jahre 2007 veröffentlicht hat, und die zeigen, dass Jungen, trotz besserer Testergebnisse in PISA schlechtere Schulnoten als Mädchen hatten:

Soziale Arbeit mit Jungen und Maennern“Berechnet man weiter die Anteile von Jungen und Mädchen, die gemessen an den erreichten Punktezahlen im Mathematiktest über- oder unterbewertet sind [bei ihren Schulnoten], so zeigt sich, dass der Anteil derer, die bei der Benotung unterbewertet wurden, unter Jungen deutlich größer ist als unter Mädchen (26,9% vs. 19,7%), während die Anteile derer, die der erreichten Punktezahl entsprechend benotet (19,8% vs. 22,5%) oder überbewertet (55,3% vs. 57,8%) wurden, unter Mädchen größer ist als unter Jungen (eigene Berechnungen auf Basis der Daten der PISA-2003 Studie)” (Diefenbach, 2007, S.104).

Während Jungen im Vergleich zu ihren Leistung zu schlechte Noten erhalten, erhalten Mädchen im Vergleich zu ihren Leistungen zu gute Noten.

Ein weiteres Indiz dafür, dass in deutschen Schulen nicht die Leistung den Ausschlag bei der Benotung gibt, sondern das Verhalten, findet sich in einer von Detlef Berg et al. durchgeführten Untersuchung, auf die Heike Diefenbach im Rahmen ihrer Erklärung Bezug nimmt. Berg et al. haben Schüler gebeten, ihre Verhaltensstile im Unterricht zu beschreiben und Lehrer gebeten, die Verhaltensstile zu beschreiben, die sie von erfolgreichen (also “guten”) Schülern erwarten. Dabei kamen Berg et al. zu dem folgenden Ergebnis:

“…, wenn Jungen ihre Verhaltenstile so beschreiben wie sie von Lehrern bei Mädchen erwartet werden, haben sie bessere Zensuren, die Lehrer stellen weniger Verhaltensauffälligkeiten bei ihnen fest, und es besteht auch weniger Beratungsbedarf” (Berg et al., 2006, S.36)

Passen sich Jungen in ihrem schulischen Verhalten der weiblichen Verhaltensnorm an, die die Vorstellung vom “guten Schüler” beschreibt, dann sind sie erfolgreicher, nicht, weil sie bessere Leistungen erbrächten, sondern weil ihre Leistungen nicht aufgrund nicht erwartungskonformer männlicher Verhaltensweisen schlechter benotet werden.

Die Indizienkette dafür, dass deutsche Schulen zu Umerziehungsanstalten des Staatsfeminismus degeneriert sind, ist bereits an dieser Stelle sehr dicht und man kann kaum umhin festzustellen, dass es für den Schulerfolg von Jungen wichtig zu sein scheint, Verhaltensweisen zu zeigen, die als weiblich gelten – eine Feststellung, die nicht nur ethische, sondern auch moralische Fragen aufwirft, denn Schulen sind mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt, d.h. mit Menschen, die ihre Persönlichkeit erst noch entwickeln. Männliche Kinder und Jugendliche in dieser Phase ihrer Entwicklung zu brechen und in ein Prokrustesbett einzupassen, das der Staatsfeminismus für sie gezimmert hat, ist schlicht menschenverachtend und despektierlich.

Cornwell-2011Eine amerikanische Studie, durchgeführt von Christopher M. Cornwell, David B. Mustard und Jessica Van Parys, webt weiter an der Indizienkette und hat zum Ergebnis, dass die Indizienkette dafür, dass Schulen jungenfeindlich sind, nunmehr so lang geworden ist, dass sie für eine Verurteilung vor jedem ordentlichen Gericht ausreichen würde. Cornwell, Mustard und Van Parys genießen den Vorzug in den USA Bildungsforscher zu sein, was bedeutet: Bei ihnen sitzt keine Kultusministerkonferenz auf den Daten und hindert Wissenschaftler daran zu forschen bzw. bei ihnen sind Daten, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden und anders als in Deutschland allen  Wissenschaftlern zugänglich und nicht nur einer kleinen Gruppe handverlesener Forscher, von denen kaum zu erwarten ist, dass sie kontroverse Ergebnisse finden und falls doch (z.B. duch Zufall), publizieren. Nein, in den USA gibt es Daten im Überfluss, Längsschnittdaten noch dazu und jeder, der forschen will, kann mit den entsprechenden Daten forschen.

Entsprechend können die Autoren aus einem Pool von mehr als 17.000 Schülern schöpfen und auf einen Datensatz zurückgreifen, der die entsprechenden Schüler ab dem amerikanischen “Kindergarden” bis in die fünfte Klasse verfolgt. Letztlich basieren die Analysen der Autoren auf insgesamt 5.841 Schülern, für die sie nicht nur Noten und Testleistungen haben, sondern auch Bewertungen der Schüler durch ihre Lehrer und im Hinblick auf leistungsfremde Variablen wie “gutes Verhalten im Klassenraum” und “Mitarbeit im Unterricht”. Beide Bewertungen werden von den Autoren der Untersuchung als “nicht-kognitive Kompetenzen”, also als leistungsfremde Kompetenzen, die sich auf die Herangehensweise an den Unterricht des Schülers und eben nicht auf seine Leistung beziehen, in ihre Analyse aufgenommen.

Die Analyse erfolgt in drei Schritten:

  1. Zunächst untersuchen die Autoren Testleistungen der Schüler;
  2. Dann vergleichen die Autoren die Testleistungen mit den Schulnoten der Schüler;
  3. Schließlich erklären die Autoren die Differenz zwischen Testleistung und Schulnoten der Schüler in einem statistischen Modell;

Die Ergebnisse der Analyse sind vielsagend: Mädchen erreichen bessere Testergebnisse als Jungen in Lesen und schlechtere Testergebnisse als Jungen in Mathematik. Die Testleistungen schlagen sich nicht adäquat in den Schulnoten nieder. Mädchen, so stellen die Autoren fest, werden generell besser benotet als Jungen und besser als es ihren Leistungen enstpricht. Ursache dafür, sind die oben benannten leistungsfremden Erwartungen von Lehrern an ihre Schüler, die sich an weiblichen Stereotypen des “guten Schülerverhaltens” ausrichten:

Boys who perform equally to girls on reading, math and science tests are nevertheless graded less favorably by their teachers. However, this less favorable treatment essentially vanishes when non-cognitive skills are taken into account (23).

Zeigen Jungen ein Verhalten, das den Erwartungen ihrer Lehrer an den weiblichen stereotypisierten guten Schüler entspricht, dann erhalten sie einen Notenbonus, werden also dafür belohnt, dass sie sich den Verhaltenserwartungen ihrer Lehrer angepasst haben, nicht dafür, dass sie ihren Lernstoff beherrschen. Diesen Verhaltensbonus erklären die Autoren wie folgt:

One potential explanation is that teachers – who, in primary school, are overwhelmingly female – develop assumptions about typical boy and girl classroom behavior. Girls may be expected to possess a better ‘attitude towards learning’ [ATL]. The gender differences in ATL scores … provide support for such expectations. Then, boys who act ‘out of character’ by displaying the same non-cognitive skills as girls with similar ability may receive special recognition. They may be, in essence, compensated for exceeding expectations” (21-22).

Damit schließt sich der Kreis zu den oben berichteten deutschen Ergebnissen, die von den amerikanischen Ergebnissen erweitert werden. Letztere ergänzen die prozessuale Dynamik, die deutsche Studien mangels Daten nicht erforschen können, denn in der Studie von Cornwell, Mustard und Van Parys wird deutlich, dass die Erwartungen, die an Schüler herangetragen werden und letztlich den Gender Grade [Noten] Gap zu ungunsten von Jungen hervorbringen, bereits mit der Einschulung beginnen und im Verlauf der Schulkarriere der Kinder immer stärker zum Tragen kommen. In dieser Situation haben Jungen die Möglichkeit, sich entweder im Einklang mit den stereotypisierten weiblich Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler”, die Lehrer als Richtschnur aufhängen, anzupassen, oder aber ihre schulische Karriere mit Frustration, ob der nicht der Leistung adäquaten Benotung, anzufüllen und unter Wert zu beenden.

Dies also sind die Früchte, die Wohltaten, die wir dem Staatsfeminismus verdanken. Ökonomisch betrachtet ist dies eine Katastrophe, da männliches Humankapital absichtlich behindert, wenn nicht zerstört wird. Ethisch betrachtet ist dies ein Unding, da nur ein von Staatsfeministen als gut befundener Menschentyp unabhängig von schulischer Leistung mit Bildungszertifikaten ausgestattet wird. Und moralisch tun sich Abgründe auf, denn Staatsfeministen schrecken nicht davor zurück, individuelle Lebensläufe und Karrieren der eigenen Wahnvorstellung, die im Staatsfeminsmus auch gerne als Utopie bezeichnet wird, zu opfern.

Literatur

Berg, Detlef, Scherer, Lucas, Oakland, Thomas & Tisdale, Timothy (2006). Verhaltensauffälligkeiten und schwache Leistungen von Jungen in der Schule – die Bedeutung des Temperaments. Otto-Friedrich Univeristät Bamberg: Professur für Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt.

Cornwell, Christopher M., Mustard, David B. & Van Parys, Jessica (2011). Non-Cognitive Skills and the Gender Disparities in Test Scores and Teacher Assessments: Evidence from Primary School. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No. 5973.

Diefenbach, Heike (2010). Jungen – die ‘neuen’ Bildungsverlierer. In: Quenzel, Gudrun & Hurrelmann, Klaus (Hrsg.). Bildungsverlierer. Neue Ungleichheiten. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.245-272.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.