Koblenzer Forscher bringen das Wort “Mann” nicht über sich

Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit, wie es heute heißt, ist ein Problem, das diejenigen, die es betrifft, vermutlich nicht lustig finden werden. Wer gezwungen ist im Obdachlosenasyl oder in sonstigen Anlaufstellen, die Schlafraum, aber eben keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, Unterschlupf zu suchen, dem fehlt – trotz aller Clochard-Romantik, die vornehmlich von Leuten versprüht wird, die in Hotels und nicht im Obdachlosenasyl oder unter der so oft beschworenen Brücke absteigen, ein wesentlicher Bestandteil eines vollwertigen Lebens.

Obdachlosigkeit ist in Deutschland ein Thema, von dem Wissenschaftler nichts wissen wollen, obwohl die Erforschung sozialer Probleme, doch angeblich so viele bewegt. Nun ist Obdachlosigkeit eine Angelegenheit, bei deren Beschäftigung man genötigt sein könnte, den Schutzraum des eigenen Büros zu verlassen und am Ende noch Kontakt mit Obdachlosen aufzunehmen. Das mag einiges erklären.

Wir haben in der Vergangenheit bereits darüber berichtet, wie sehr, das Thema “Obdachlosigkeit” von denen, die sich als Ungleichheitsforscher sehen, links liegen gelassen wird.

ObdachlosenasylNur wenige Ausnahmen gibt es zu berichten und die Ausnahmen, die es zu berichten gibt, zeigen eines: Obdachlosigkeit ist vornehmlich für Männer ein Problem: zwei Drittel der Obdachlosen sind männlich. Angesichts der miserablen Datenlage des sozialen Problems “Obdachlosigkeit”, für das sich nicht einmal die Wissenschaftler interessieren, die durch Kreuzzüge gegen Armut und Hartz IV auffallen, ist es erfreulich, dass an der Hochschule Koblenz ein Forschungsprojekt zum Thema Obdachlosigkeit durchgeführt wurde.

Es ist auch erfreulich, dass sich die Projektverantwortlichen Prof. Dr. Robert Frietsch, Dirk Holbach und Sabine Link getraut haben, mit 161 obdachlosen Menschen “sehr ausführliche persönliche Gespräche” zu führen, die durch Interviews mit “58 Experten…, die in Hilfseinrichtungen und Jobcentern tätig sind”, ergänzt wurden.

Nicht erfreulich ist jedoch die Darstellung eines Problems, dessen männliche Dominanz man kaum leugnen kann, oder doch?

Hochschule Koblenz“Die Ergebnisse”, so berichtet Dirk Holbach, “zeichnen vielschichtige Bilder der Lebensumstände wohnungsloser Menschen”. In Deutsch heißt dies, es ist nicht gelungen, ein oder doch wenige einheitliche Themen zu finden, die den Weg in die Obdachlosigkeit determinieren. Wann immer die Ergebnisse zu diffus sind, als dass man sie zusammenfassen könnte, reden überforderte Wissenschaftler entsprechend von “vielschichtigen Bildern”, Ergebnissen oder Entwicklungen. Weiter im Text: “Auch” in Rheinland-Pfalz, so erfahren wir, liegt das Durchschnittsalter inzwischen bei 35 Jahren, gar jeder vierte ist jünger als 25 Jahre”. Gemeint ist das Durchschnittsalter obdachloser Personen. Worauf sich das “auch” bezieht, ist unklar. Aber: “Besorgnis erregend”, so findet Sabine Link, “ist auch [wieder so ein bezugsloses auch] der kontinuierlich steigende Anteil der Frauen, der jetzt schon 25 Prozent beträgt”.

Anmerkung unsererseits: Die drei Koblenzer Wohnungslosenforscher haben 161 Wohnungslose und 58 Experten bis Ende Mai 2014 befragt. Wie man auf Grundlage dieser Daten einen Trend, einen kontinuierlich steigenden Anteil ermittelt haben will, ist uns ein Rätsel, aber vermutlich hat ein Experte gesagt, dass der Anteil von Frauen ansteigt, fast so gut wie empirische Daten – oder?

Geeigneter Wohnraum ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit, so erfahren wir weiter und fangen langsam an uns zu fragen, ob dieses Forschungsprojekt ein schlechter Witz ist, denn dass Reichtum das beste Mittel gegen Armut ist, kann man auch herausfinden, ohne ein Forschungsprojekt durchzuführen. Aber es kommt noch besser:

“Vielfältig und verwoben [ oder vielschichtig; !sic] sind die Problemlagen, in denen die Wohnungslosen stecken: Alkoholsucht, langjährige Arbeitslosigkeit, niedriger Schulabschluss, Überschuldung, Tod enger Bezugspersonen, traumatisierende Gewalterfahrungen – vor allem bei Frauen. Gerade bei den Jüngeren liegt häufig nur ein niedriger Schulabschluss vor. Dazu kommen oft Hafterfahrungen, auch wegen Bagatelldelikten wie zum Beispiel „Schwarzfahren“.

Und weiter:

„Angesichts der vielschichtigen [!sic] Problemlagen der Betroffenen ist es nötig, dass Fachleute der verschiedenen sozialen, medizinischen Bereiche und vor allem auch der Jobcenter kooperieren und sich gemeinsam um die Lösung der einzelnen Probleme kümmern“, weiß Frietsch, „nur so ist eine Rückkehr der Betroffenen in die Gesellschaft mit gesichertem Wohnraum möglich.“

In Punkto Floskeln ist den Koblenzer Forschern der einfache Kleindiek sicher. Die zwischenzeitlich vielschichten Problemlagen erfordern entsprechend ganz viele Fachleute, die sich gemeinsam oder getrennt den Kopf über die Obdachlosen zerbrechen, die besorgniserregender Weise und steigend zu 25% weiblich sind, und alkoholsüchtig und arbeitslos und traumatisiert durch Gewalterfahrungen, “vor allem bei Frauen”, und wegen Schwarzfahren ins Haft kommen, aber doch nur mit einem Mittel in die Gesellschaft re-integriert werden können: mit gesichertem Wohnraum.

Es ist natürlich Unfug zu behaupten, dass Schwarzfahren zu einer Haftstrafe führt. Erst wenn Vorstrafen dazu kommen, die bereits bei der letzten Verhandlung nur mit erheblicher richterlicher Nachsicht in eine Strafaussetzung zur Bewährung gemündet sind, kann ein Schwarzfahren das berühmte Fass zum Überlaufen bringen.

MannUnd hier reicht es, hier ist endgültig der Punkt, an dem wir von diesen angeblichen Forschern genug haben. Sie bringen es im Verlauf ihrer Pressemeldung, die 460 Worte umfasst, nicht über sich, den Begriff “Männer” oder “Mann” auch nur einmal zu verwenden, dagegen wird nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass besorgniserregender Weise 25% der Obdachlosen weiblich sind und traumatisiert wegen Gewalterfahrungen und ansonsten sind die Ergebnisse zu vielschichtig, um im Detail berichtet zu werden.

Wozu finanziert man solche Forschung? Wozu lässt man Forscher wie Frietsch, Holbach und Link auf die Welt los? Wozu gibt man ihnen die Mittel, um ein wichtiges Thema zu erforschen, wenn alles, was dabei herauskommt, zu vielschichtig ist, um berichtet werden zu können und zu vielschichtig, um konkrete Hilfe zu ermöglichen, aber gleichzeitig und angeblich dennoch durch eine einzige Lösung beseitigt werden kann, wenn man als Leser damit verulkt wird, dass das beste Mittel gegen Obdachlosigkeit die Bereitstellung von Wohnraum ist und ansonsten dabei zusehen muss, wie Forscher derat gehemmt, feige und politisch korrekt sind, dass ihnen an keiner Stelle über die Lippen oder die Tastatur kommt, dass Obdachlosigkeit ein männliches Phänomen ist.

Deshalb zum Üben:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Gewalttrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Bei diesen vier Punkten wollen wir es belassen, sonst wird die Aufgabe zu vielschichtig für die Koblenzer, und wir wollen ja, dass sie etwas lernen. Man darf die Wahrheit aussprechen, nein, als Forscher MUSS man die Wahrheit aussprechen, sonst ist man die Zahl nicht wert, die auf dem monatlichen Lohnstreifen steht und sich der Verachtung der ScienceFiles-Betreiber sicher.

Und am besten die Koblenzer Forscher wiederholen die Ergebnisse:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Kindheitstrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

Über den Beitrag, den Michael A. Woodley, Jan te Nijenhuis und Raegan Murphy gerade in “Intelligence” veröffentlicht haben, kann bereits jetzt gesagt werden, dass sich die Geister an ihm scheiden werden. Der Beitrag ist mutig, er ist politisch unkorrekt, er greift ein heiles Thema auf, und er stellt einen Mythos, nach dem alles immer besser, größer und schöner wird, und natürlich intelligenter, in Frage. Doch der Reihe nach:

Der Beitrag ist mutig und greift ein heikles Thema auf.

Kein Zeitalter hat dermassen viele, große Veränderungen gesehen wie das Viktorianische Zeitalter von 1837 bis 1901.

“The Victorian era was a period of immense industrial, cultural, political, and military change in Western Europe marked by an explosion of creative genius that strongly influenced all other countries in the world.” (1)

Queen_VictoriaViele Grundlagen, von denen wir heute zehren, wurden im Viktorianischen Zeitalter gelegt, die Anzahl der Innovationen per capita, die im Viktorianischen Zeitalter zu verzeichnen sind, ebenso wie die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind bis heute unerreicht. Explodierende Bevölkerungszahlen in den westlichen Ländern haben im Viktorianischen Zeitalter nicht zu Hungersnöten geführt, und die Errungenschaften in Medizin und Hygiene die Lebenserwartung der Menschen massiv erhöht. Um diese Errungenschaften zu erreichen, ist – so die Autoren und ich vermute, niemand wird ihnen widersprechen – Intelligenz notwendig. Je intelligenter Menschen sind, desto produktiver, desto zielstrebiger und effizienter sind sie.

Vor dem Viktorianischen Zeitalter, so die Autoren weiter, war “Überleben” eine Frage von Intelligenz und sozialem Status. In evolutionistischem Klartext: Die Dummen und Armen haben seltener überlebt als die Reichen und Intelligenten. Diese Annahme muss man nicht teilen, aber man sollte sie einfach einmal hinnehmen, um die Reise, auf die die Autoren ihre Leser mitnehmen, auch genießen zu können.

Der Boom im Viktorianischen Zeitalter ist nach Ansicht der Autoren somit ein Ergebnis der soeben beschriebenen Eugenischen Fertilität. Mit der Zunahme der Bevölkerung, der Steigerung der Lebenserwartung und der Chancen, auch als nicht-Intelligenter zu überleben, stellt sich ein “dysgenic trend” ein:

“Dysgenic trends result from socially valued and heritable traits, such as intelligence, declining within populations over time due to the effects of selection operating against those traits” (2).

Mit anderen Worten, wenn sich die Lebensbedingungen in der Weise verbessern, dass auch nicht-Intelligente eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, dann reduziert sich, auf Ebene der Gesellschaft die durchschnittliche Intelligenz, die Intelligenz “der Gesellschaft als Ganzer” wird geringer.

Der Beitrag gibt eine politisch unkorrekte Erklärung.

iq-test-megaUntersuchungen, die sich mit Intelligenz beschäftigt haben, sind über die letzten Jahrzehnte immer mit einem Paradoxon konfrontiert gewesen: Einerseits ergab sich auf der Ebene von Gesellschaften/Nationen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der so genannte Flynn Effekt, d.h. gesamtgesellschaftlich betrachtet, war eine Zunahme der Intelligenz zu verzeichnen, andererseits fanden Untersuchungen, die auf der Individualebene angesiedelt waren, aber den “dysgenic trend” in der Form, dass mit der Anzahl der Kinder und der Größe der Familien die Intelligenz, der IQ gesunken ist. Zudem konnten in einer Reihe von Analysen Indizien dafür gefunden werden konnte, dass Intelligenz zu 50% bis 60% vererbt wird. Folglich hätte die zu beobachtende Zunahme der Fertilität auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft zu einem Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führen müssen. Wo also liegt der Fehler?

Woodley, te Nijenhuis und Murphy geben eine politisch unkorrekte Antwort, die zu Kontroversen führen wird, aber vielleicht auch dazu, dass die demographischen Prozesse der letzten Jahrzehnte mit anderen Augen gesehen werden. Die Autoren gehen zum einen davon aus, dass bisherige Studien, Intelligenz nicht adäquat gemessen haben und zum anderen davon, dass der Zeitraum, der betrachtet wurde, z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, zu kurz ist, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

Entsprechend schlagen sie vor, Reaktionszeit als Maß für generelle Intelligenz zu werten:

“Reaction Time (RT) is in fact a biological marker of mechanisms fundamental to the operation of general intelligence, such as neurophysiological efficiency” (2).

IQ trainerDies ergebe sich aus einer Reihe von Studien, die die Autoren berücksichtigt haben und die große Gemeinsamkeiten zwischen Reaktionszeit und genereller Intelligenz aufgezeigt hätten. Die Operationalisierung von Intelligenz über die Reaktionszeit ermöglicht es den Autoren, auf einen Datensatz zurückzugreifen, in dem insgesamt 14 Untersuchungen zur Reaktionszeit enthalten sind, die den Zeitraum von 1884 bis 2004 überspannen. Über alle Untersuchungen rechnen die Autoren sodann eine “Meta-Regression” (gegen Zeit), die zu einem signifikanten Ergebnis gelangt, d.h. zeigt, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in westlichen Gesellschaften von 1884 bis 2004 insgesamt von 194,06 Millisekunden auf 275,47 Millisekunden angestiegen ist und definitionsgemäß die durchschnittliche Intelligenz gefallen sein muss. Analysen getrennt nach Geschlecht ergeben für Männer eine Verlangsamung der Reaktionszeit von 183 Millisekunden (1884) auf 253 Millisekunden (2004) und für Frauen von 188 Millisekunden (1884) auf 261 Millisekunden (2004). Die Autoren fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

“In the present study we used the data on the secular increase of simple RT described in a meta-analysis of 14 age-matched studies from Western countries conducted between 1884 and 2004 to generate estimates of the rate of IQ decline. The decline estimate of – 1.23 IQ points per decade from the present study falls within the range of those produced in previous studies employing the magnitude of the dysgenic effect on IQ as the basis for estimating declines.” (6)

Seit 1884 ist die durchschnittliche Intelligenz in westlichen Gesellschaften entsprechend den Berechnungen der Autoren um 14,8 IQ Punkte gesunken. Damit gibt das Ergebnis der Vorstellung, dass moderne Gesellschaften ihren Vorgängern in nahezu allen Belangen überlegen seien, einen heftigen Knick, und es verweist auf die Folgen sozialpolitischer Praktiken, die Fertilität zu einem Unterfangen machen, das jeder betreiben kann, ohne sich um die Folgen und vor allem die Kosten seiner Fertilität zu kümmern. Die Untersuchung von Woodley, te Nijenhuis und Murphy reiht sich somit in eine Diskussion ein, die vor allem in den USA unter dem Stichwort des Downbreading geführt wird und deren verschämte Ausläufer in Deutschland im Versuch, Akademikerinnen zur Fortpflanzung zu bewegen, zu finden sind.

PalusiMan kann eine Reihe von methodischen Fragen an die Untersuchung von Woodley, te Niejenhuis und Murphy stellen, z.B.: Wie wurden in den 14 Studien die Befragten ausgewählt? Wie akkurat und verlässlich ist eine Messung von Intelligenz über die Reaktionszeit? Aber man muss den Autoren in jedem Fall zu Gute halten, dass sie mutig genug waren, das heilige Kalb der Fertilität aufzugreifen und in seinen (unbeabsichtigten) Folgen zu beschreiben, man muss ihnen zu Gute halten, dass ihre Ergebnisse im Einklang stehen, mit den Ergebnissen, die regelmäßig eine mit der Kinderzahl abnehmende Intelligenz (auf welcher Meßebene auch immer) feststellen, und man muss ihnen zu Gute halten, dass sie im häufig tristen Alltag wissenschaftlicher Beiträge für einen bunten Schimmer gesorgt haben, einen Schimmer, den man zum Ausgangspunkt der Untersuchung einer Reihe von Fragestellungen nehmen kann, z.B. der folgenden

Der Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz geht mit dem Aufkommen moderner Staaten und vor allem der Einführung einer Schulpflicht einher. In welchem Zusammenhang stehen beide und welche Rolle spielt die Tatsache, dass die liberale Gesellschaftverfassung der Viktorianischen Zeit durch wenig liberale und als abwechselnd demokratisch bzw. totalitär bezeichnete Systeme ersetzt wurde?

Viel Food for Thought. Das zeichnet einen guten wissenschaftlichen Beitrag aus.

Woodley, Michael A., te Nijenhuis, Jan & Murphy, Raegen (2013). Were the Victorians Cleverer than Us? The Decline in General Intelligence Estimated from a Meta-Analysis of the Slowing of Simple Reaction Time. Intelligence (online fist). http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006

Schulen sind jungenfeindliche Anstalten

In einem Beitrag für den von Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann herausgegebenen Sammelband Bildungsverlierer“Bildungsverlierer” hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Erklärung für die schulischen Nachteile von Jungen vorgeschlagen, die man wie folgt zusammenfassen kann:

In deutschen Schulen herrscht ein Schulklima, das von der gesellschaftlichen Atmosphäre, wie sie in öffentlichen Medien und von politischen Akteuren geschaffen wird, und regulativen Vorgaben bestimmt wird. Unter dieser Atmosphäre entwickeln Lehrer eine Vorstellung vom “guten Schüler” und den Verhaltensweisen, die ein “guter Schüler” zeigt. Die Bewertung von Schülern orientiert sich nicht an den Leistungen des entsprechenden Schülers, sondern an der Passung seiner Verhaltensweisen mit den Erwartungen der Lehrer (Diefenbach, 2010, S.265-266).

Da sich sowohl die gesellschaftliche Atmosphäre als auch die regulativen Vorgaben aus dem Staatsfeminismus ableiten, herrscht in Schulen ein Bild vom “guten Schüler”, das an weiblichen Verhaltensweisen ausgerichtet ist und vor dessen Hintergrund als männlich empfundene Verhaltensweisen negativ sanktioniert werden. Lehrer tragen an Schüler bestimmte Rollenerwartungen, wie sie ihnen durch den regulativen Kontext vorgegeben werden bzw. die sie sich aus dem entsprechenden Kontext angeeignet haben (z.B. im Unterricht über sexuellen Missbrauch), auf ihre Schüler und bewerten das Verhalten, nicht die Leistung der Schüler entsprechend der Vorgaben. Als Ergebnis entsteht eine differentielle Bewertung, die Jungen aufgrund ihres nicht den als weiblich attribuierten Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler” entsprechenden Verhaltens schlechtere Noten bei gleichen oder besseren Leistungen erzielen sieht, die Jungen diskrimiert sieht.

Ein erstes Indiz, das bestätigt, was sich als Hypothese aus dem von Heike Diefenbach vorgeschlagenen Erklärungsmodell ableiten lässt, stellen Ergebnisse dar, die Heike Diefenbach im Jahre 2007 veröffentlicht hat, und die zeigen, dass Jungen, trotz besserer Testergebnisse in PISA schlechtere Schulnoten als Mädchen hatten:

Soziale Arbeit mit Jungen und Maennern“Berechnet man weiter die Anteile von Jungen und Mädchen, die gemessen an den erreichten Punktezahlen im Mathematiktest über- oder unterbewertet sind [bei ihren Schulnoten], so zeigt sich, dass der Anteil derer, die bei der Benotung unterbewertet wurden, unter Jungen deutlich größer ist als unter Mädchen (26,9% vs. 19,7%), während die Anteile derer, die der erreichten Punktezahl entsprechend benotet (19,8% vs. 22,5%) oder überbewertet (55,3% vs. 57,8%) wurden, unter Mädchen größer ist als unter Jungen (eigene Berechnungen auf Basis der Daten der PISA-2003 Studie)” (Diefenbach, 2007, S.104).

Während Jungen im Vergleich zu ihren Leistung zu schlechte Noten erhalten, erhalten Mädchen im Vergleich zu ihren Leistungen zu gute Noten.

Ein weiteres Indiz dafür, dass in deutschen Schulen nicht die Leistung den Ausschlag bei der Benotung gibt, sondern das Verhalten, findet sich in einer von Detlef Berg et al. durchgeführten Untersuchung, auf die Heike Diefenbach im Rahmen ihrer Erklärung Bezug nimmt. Berg et al. haben Schüler gebeten, ihre Verhaltensstile im Unterricht zu beschreiben und Lehrer gebeten, die Verhaltensstile zu beschreiben, die sie von erfolgreichen (also “guten”) Schülern erwarten. Dabei kamen Berg et al. zu dem folgenden Ergebnis:

“…, wenn Jungen ihre Verhaltenstile so beschreiben wie sie von Lehrern bei Mädchen erwartet werden, haben sie bessere Zensuren, die Lehrer stellen weniger Verhaltensauffälligkeiten bei ihnen fest, und es besteht auch weniger Beratungsbedarf” (Berg et al., 2006, S.36)

Passen sich Jungen in ihrem schulischen Verhalten der weiblichen Verhaltensnorm an, die die Vorstellung vom “guten Schüler” beschreibt, dann sind sie erfolgreicher, nicht, weil sie bessere Leistungen erbrächten, sondern weil ihre Leistungen nicht aufgrund nicht erwartungskonformer männlicher Verhaltensweisen schlechter benotet werden.

Die Indizienkette dafür, dass deutsche Schulen zu Umerziehungsanstalten des Staatsfeminismus degeneriert sind, ist bereits an dieser Stelle sehr dicht und man kann kaum umhin festzustellen, dass es für den Schulerfolg von Jungen wichtig zu sein scheint, Verhaltensweisen zu zeigen, die als weiblich gelten – eine Feststellung, die nicht nur ethische, sondern auch moralische Fragen aufwirft, denn Schulen sind mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt, d.h. mit Menschen, die ihre Persönlichkeit erst noch entwickeln. Männliche Kinder und Jugendliche in dieser Phase ihrer Entwicklung zu brechen und in ein Prokrustesbett einzupassen, das der Staatsfeminismus für sie gezimmert hat, ist schlicht menschenverachtend und despektierlich.

Cornwell-2011Eine amerikanische Studie, durchgeführt von Christopher M. Cornwell, David B. Mustard und Jessica Van Parys, webt weiter an der Indizienkette und hat zum Ergebnis, dass die Indizienkette dafür, dass Schulen jungenfeindlich sind, nunmehr so lang geworden ist, dass sie für eine Verurteilung vor jedem ordentlichen Gericht ausreichen würde. Cornwell, Mustard und Van Parys genießen den Vorzug in den USA Bildungsforscher zu sein, was bedeutet: Bei ihnen sitzt keine Kultusministerkonferenz auf den Daten und hindert Wissenschaftler daran zu forschen bzw. bei ihnen sind Daten, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden und anders als in Deutschland allen  Wissenschaftlern zugänglich und nicht nur einer kleinen Gruppe handverlesener Forscher, von denen kaum zu erwarten ist, dass sie kontroverse Ergebnisse finden und falls doch (z.B. duch Zufall), publizieren. Nein, in den USA gibt es Daten im Überfluss, Längsschnittdaten noch dazu und jeder, der forschen will, kann mit den entsprechenden Daten forschen.

Entsprechend können die Autoren aus einem Pool von mehr als 17.000 Schülern schöpfen und auf einen Datensatz zurückgreifen, der die entsprechenden Schüler ab dem amerikanischen “Kindergarden” bis in die fünfte Klasse verfolgt. Letztlich basieren die Analysen der Autoren auf insgesamt 5.841 Schülern, für die sie nicht nur Noten und Testleistungen haben, sondern auch Bewertungen der Schüler durch ihre Lehrer und im Hinblick auf leistungsfremde Variablen wie “gutes Verhalten im Klassenraum” und “Mitarbeit im Unterricht”. Beide Bewertungen werden von den Autoren der Untersuchung als “nicht-kognitive Kompetenzen”, also als leistungsfremde Kompetenzen, die sich auf die Herangehensweise an den Unterricht des Schülers und eben nicht auf seine Leistung beziehen, in ihre Analyse aufgenommen.

Die Analyse erfolgt in drei Schritten:

  1. Zunächst untersuchen die Autoren Testleistungen der Schüler;
  2. Dann vergleichen die Autoren die Testleistungen mit den Schulnoten der Schüler;
  3. Schließlich erklären die Autoren die Differenz zwischen Testleistung und Schulnoten der Schüler in einem statistischen Modell;

Die Ergebnisse der Analyse sind vielsagend: Mädchen erreichen bessere Testergebnisse als Jungen in Lesen und schlechtere Testergebnisse als Jungen in Mathematik. Die Testleistungen schlagen sich nicht adäquat in den Schulnoten nieder. Mädchen, so stellen die Autoren fest, werden generell besser benotet als Jungen und besser als es ihren Leistungen enstpricht. Ursache dafür, sind die oben benannten leistungsfremden Erwartungen von Lehrern an ihre Schüler, die sich an weiblichen Stereotypen des “guten Schülerverhaltens” ausrichten:

Boys who perform equally to girls on reading, math and science tests are nevertheless graded less favorably by their teachers. However, this less favorable treatment essentially vanishes when non-cognitive skills are taken into account (23).

Zeigen Jungen ein Verhalten, das den Erwartungen ihrer Lehrer an den weiblichen stereotypisierten guten Schüler entspricht, dann erhalten sie einen Notenbonus, werden also dafür belohnt, dass sie sich den Verhaltenserwartungen ihrer Lehrer angepasst haben, nicht dafür, dass sie ihren Lernstoff beherrschen. Diesen Verhaltensbonus erklären die Autoren wie folgt:

One potential explanation is that teachers – who, in primary school, are overwhelmingly female – develop assumptions about typical boy and girl classroom behavior. Girls may be expected to possess a better ‘attitude towards learning’ [ATL]. The gender differences in ATL scores … provide support for such expectations. Then, boys who act ‘out of character’ by displaying the same non-cognitive skills as girls with similar ability may receive special recognition. They may be, in essence, compensated for exceeding expectations” (21-22).

Damit schließt sich der Kreis zu den oben berichteten deutschen Ergebnissen, die von den amerikanischen Ergebnissen erweitert werden. Letztere ergänzen die prozessuale Dynamik, die deutsche Studien mangels Daten nicht erforschen können, denn in der Studie von Cornwell, Mustard und Van Parys wird deutlich, dass die Erwartungen, die an Schüler herangetragen werden und letztlich den Gender Grade [Noten] Gap zu ungunsten von Jungen hervorbringen, bereits mit der Einschulung beginnen und im Verlauf der Schulkarriere der Kinder immer stärker zum Tragen kommen. In dieser Situation haben Jungen die Möglichkeit, sich entweder im Einklang mit den stereotypisierten weiblich Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler”, die Lehrer als Richtschnur aufhängen, anzupassen, oder aber ihre schulische Karriere mit Frustration, ob der nicht der Leistung adäquaten Benotung, anzufüllen und unter Wert zu beenden.

Dies also sind die Früchte, die Wohltaten, die wir dem Staatsfeminismus verdanken. Ökonomisch betrachtet ist dies eine Katastrophe, da männliches Humankapital absichtlich behindert, wenn nicht zerstört wird. Ethisch betrachtet ist dies ein Unding, da nur ein von Staatsfeministen als gut befundener Menschentyp unabhängig von schulischer Leistung mit Bildungszertifikaten ausgestattet wird. Und moralisch tun sich Abgründe auf, denn Staatsfeministen schrecken nicht davor zurück, individuelle Lebensläufe und Karrieren der eigenen Wahnvorstellung, die im Staatsfeminsmus auch gerne als Utopie bezeichnet wird, zu opfern.

Literatur

Berg, Detlef, Scherer, Lucas, Oakland, Thomas & Tisdale, Timothy (2006). Verhaltensauffälligkeiten und schwache Leistungen von Jungen in der Schule – die Bedeutung des Temperaments. Otto-Friedrich Univeristät Bamberg: Professur für Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt.

Cornwell, Christopher M., Mustard, David B. & Van Parys, Jessica (2011). Non-Cognitive Skills and the Gender Disparities in Test Scores and Teacher Assessments: Evidence from Primary School. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No. 5973.

Diefenbach, Heike (2010). Jungen – die ‘neuen’ Bildungsverlierer. In: Quenzel, Gudrun & Hurrelmann, Klaus (Hrsg.). Bildungsverlierer. Neue Ungleichheiten. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.245-272.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

Keine Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem

Es ist nun langsam, nach TIMSS, PISA, IGLU, PIRLS und wie sie alle heißen, auch zum Letzten in Deutschland vorgetrungen, dass das deutsche Bidlungssystem wie kein anderes weltweit nach sozialer Herkunft selegiert. Wer in die Familie eines Bauarbeiters geboren wird, hat eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, ein
IGLU_
Abitur zu erreichen als derjenige, der die Gnade der Geburt in eine Beamtenfamilie hat. Wann immer die  hohe soziale Exklusivität hoher Bildungsabschlüsse in Deutschland offenkundig wird, findet das immer selbe Ritual statt: Politiker, Gewerkschaftler und Bildungsbeflissene aller Couleur stimmen ein Klagelied an und spielen “pass the parcel”:
TIMSS_
Politiker fordern mehr soziale Gerechtigkeit, Gewerkschaftler fordern mehr Mittel für die Schulen und Bildungsbeflissene klagen über die Probleme, die bildungsferne Familien doch bereiten. Hat sich die erste Aufregung wieder gelegt, dann treffen sich die Kultusminister, um sich gegenseitig und aufs Neue zu versichern, dass sie die Vielstaaterei in Sachen Bildung auch weiter betreiben werden und dass sie auch in Zukunft nichts daran ändern werden, dass ein Hauptschüler aus Bayern keine Probleme hätte, in Bremen ein Abitur zu erreichen. Das eben ist Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Daran haben wir uns alle gewöhnt.

Nun hat Guido Raddatz in den Argumenten zu Marktwirtschaft und Politik (Nr. 118), die von der Stiftung Marktwirtschaft herausgegeben werden, einen neuen Anlauf gemacht, um für die Notwendigkeit einer Reform des deutschen Bildungssystems zu werben. Dabei geht es ihm vor allem um die Effizienz des Bildungssystems und um die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem.


Becker_Humankapital_
Warum ist es wichtig, dass ein Bildungssystem effizient ist? Diese Frage beantwortet Raddatz in erster Linie mit Daten, die zeigen, dass mit einer höheren Bildung ein geringeres Risiko einhergeht, arbeitslos zu werden und zudem ein höheres Einkommen. Diese Zusammenhänge zwischen dem individuellen Humankapital und dem individuellen Einkommen bzw. dem Risiko, arbeitslos zu werden, wurden bereits in den 1960er Jahren von Gary S. Becker (1962) beschrieben und als Basis seiner Humankapitaltheorie genutzt. Humankapital, die zentrale Variable im Modell von Becker, basiert zwar auf Schulbildung, ist jedoch mehr als das, Humankapital im Beckerschen Sinne sind all die nutzenbringend einsetzbaren Kompetenzen und Fähigkeiten, die ein Individuum sein eigen nennt. Die Wichtigkeit von Humankapital für die individuelle Wohlfahrt, wie sie nun wieder von Raddatz dargelegt wurde, wird durch Ergebnisse einer Forschungstradition, die Theodore W. Schultz (1961) begründet hat, ergänzt: Schultz konnte als einer der ersten zeigen, dass mit dem Anteil gut oder hoch Gebildeter in einer Gesellschaft, der gesellschaftliche Wohlstand, gemessen als Bruttosozialprodukt steigt. Es gibt also eine ganze Reihe guter Gründe dafür, in Bildung zu investieren, sowohl für Individuen als auch für eine Gesellschaft. Die Frage, die sich dabei allerdings stellt, ist die Frage nach dem “Wie”. So hat sich das staatliche Schulsystem in Deutschland über Jahrzehnte hinweg als ertaunlich stabil in einer Hinsicht gezeigt: Es schafft keine Chancengerechtigkeit – die soziale Herkunft bestimmte und bestimmt den Schulerfolg.

Es ist in seinem Kapitel 3 und im Hinblick auf die nicht vorhandene Chancengerechtigkeit, die das deutsche Bildungssystem auszeichnet, dass der Beitrag von Raddatz seine Stärken hat. Wer einen guten und fundierten Überblick über die Effizienz des deutschen Schulssystems im Vermitteln wichtiger Fähigkeiten und über die soziale Selektivität der deutschen Schulausbildung haben will, dem sei die Lektüre des Beitrags von Raddatz ans Herze gelegt. Ich will die vielen Einzelbefunde, die Raddatz zusammengetragen hat, hier nicht wiederholen und mich statt dessen auf das folgende Einzelergebnis konzentrieren:

Höchst problematisch ist allerdings, dass auch die Grundschulempfehlungen für die weiterführende Schule in hohem Maße von der sozialen Herkunft der Kinder beeinflusst wird. Gemäß den Ergebnissen der IGLU-2006-Studie ist bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung für Kinder aus der oberen Dienstklasse gut zweieinhalbmal so hoch wie für Kinder von Facharbeitern und Arbeitern mit Leitungsfunktion und mehr als viermal so hoch wie für Kinder von un- und angelernten Arbeitern (…). Anders ausgedrückt: Je niedriger der berufliche Hintergrund der Eltern ist, desto bessere Leistungen müssen die Kinder für eine Gymnasialempfehlung bringen” (16).

orsprung_bildungEs ist schon ein herausragender Euphemismus ein solches Ergebnis als “[h]öchst problematisch” zu bezeichnen. Ein solches Ergebnis ist nicht höchst problematisch, ein solches Ergebnis ist eine Katastrophe für ein Bildungssystem, das meritokratisch sein und Leistung belohnen will, denn dieses Ergebnis zeigt, dass nicht die Leistung zählt, sondern die soziale Herkunft. Dieses Ergebnis zeigt, dass Lehrer in Grundschulen aktiv diskriminieren, und zwar Kinder aus der Arbeiterschicht. Dass es sich hier um eine klassische und eklatante Diskriminierung handelt, die auch nicht mit guter Absicht gerechtfertigt werden kann, zeigt schon die Tatsache, dass man, wenn man den entsprechenden Kindern ihre Herkunft schon als Mallus anrechnen will, es auch in der Weise hätte tun können, dass man ihre gute Schulleistung, gerade wegen ihrer Herkunft als besondere Leistung wertet, die eine Empfehlung für das Gymnasium geradezu erzwingt.

Dass eine solche Bewertung nicht vorgenommen wird, sondern im Gegenteil, die guten Leistungen aufgrund des Elternhauses noch abgewertet werden, spricht eine deutliche Sprache. Es hat mich immer erstaunt, dass dieselben Leute, die die Nachteile von Kindern aus “bildungsfernen Familien” beklagen, bereit sind, mehr Leistung gerade von diesen Kindern zu fordern als von Kindern aus “bildungsnahen Familien”. Ginge es wirklich darum, den entsprechenden Kindern den Weg auf eine weiterführende Schule zu ebnen, nichts wäre leichter als dass. Man müsste sie nur in der Weise behandeln, in der man Kinder aus “bildungsnahen Familien” behandelt. Dass dies nicht der Fall ist, spricht dafür, dass es eben nicht darum geht, den entsprechenden Kindern eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg zu geben, sondern im Gegenteil darum, sie an eben diesem Aufstieg zu hindern. Wenn man sich nun noch vergegenwärtig, dass nicht nur Kinder aus Arbeiterfamilien mehr leisten müssen als Kinder aus Nicht-Arbeiterfamilien, sondern auch Jungen mehr leisten müssen als Mädchen und auch Migranten bei gleicher Leistung im Hinblick auf die Grundschulempfehlung diskriminiert werden, dann fragt man sich, was an deutschen Grundschulen eigentlich los ist und welche Kriterien die dort tätigen, vornehmlich Grundschullehrerinnen, eigentlich anlegen.

Angesichts seiner Feststellung offener Diskriminierung von Kindern aus der Arbeiterschicht in Grundschulen, wenn es an die Grundschulempfehlung geht, hätte ich nun erwartet, dass Raddatz voller Tatendrang in seinem abschließenden und mit “Was tun?” überschriebenen Kapitel der Meritokratie das Wort redet und mit Ideen glänzt, die darauf abzielen, Grundschullehrer daran zu hindern, Kinder nicht nach deren Leistung, sondern nach deren Herkunft zu bewerten.
Dr Jekyll and Mr Hyde
Aber: Fehlanzeige! So als hätte der Autor zwischen den Kapiteln 3 und 4 eine Mutation durchgemacht, finden sich nun lahme und politisch korrekte Empfehlungen wie: die ersten Lebensjahre bis hin zur Einschulung bei Kindern aus “bildungsfernen Schichten” genauer in “den Blick” zu nehmen und die Kinderbetreuungsmöglichkeiten auszubauen und natürlich die vorschulische Bildung zu intensivieren, damit die “Bildungspotentiale von Kindern, die durch ihren sozioökonomischen und familiären Hintergrund benachteiligt sind, besser ausgeschöpft werden können” (19). Es ist mir schlicht unverständlich, wie jemand in einem Kapitel zeigen kann, dass Kinder aus “bildungsfernen Schichten” im staatlichen Bildungssystem und von dort Beschäftigten, wegen ihrer Herkunft aktiv diskriminiert werden, um im nächsten Kapitel dann einen Ausbau gerade dieses staatlichen Bildungssystems zu fordern. Das geht vollständig am Punkt vorbei, denn das staatliche Bildungssystem ist die Ursache für die Benachteiligung und der Glaube, dass man den Diebstahl des Tafelsilbers dadurch verhindern könne, dass man anstelle von einem Räuber, zwei Räuber als Hausmeister einstellt, scheint mir doch mehr als naiv und so gar nicht zu dem ansonsten recht passablen Text von Guido Raddatz zu passen, so dass man sich fragt, ob das Gedächtnis von Herrn Raddatz keine zwei Seiten zurück reicht oder ob jemand Drittes als korrigierender Editor eingegriffen hat.

Dafür, dass jemand editierend eingegriffen hat, spricht die letzte Seite des Beitrags von Raddatz, auf der er wieder “zu sich” gekommen zu sein scheint. Entsprechend fordert er eine Privatisierung des Bildungssystems, Wettbewerb zwischen Schulen und eine verbesserte Ausbildung von Lehrern und mehr noch, hier findet sich ein bemerkenswerter Schluss, den ich hier ungekürzt wiedergeben will:

Insofern [als die Kompetenz von Lehreren zentral für die Leistung der Schüler ist] muss es zu denken geben, wenn in Deutschland vor allem Abiturienten mit unterdurchschnittlichen schulischen Leistungen Lehrer an einer Grund-, Haupt- oder Realschule werden wollen. Lediglich Gymnasiallehrer haben einen ähnlichen Abiturdurchschnitt wie andere Hochschulabsolventen. Die daraus ableitbare geringe Attraktivität des Lehrerberufs für ‘Spitzenkräfte’ ist vor allem angesichts des bevorstehenden ‘Generationenwechsels’ in vielen Schulen und des damit verbundenen Rekrutierungsbedarfs von jungen Lehrkräften beunruhigend” (21).

Literatur:

Becker, Gary S. (1962). Investment in Human Capital: A Theoretical Analysis. The Journal of Political Economy 70(5): 9-49.

Raddatz, Guido (2012). Chancengerechtigkeit, Bildung und Soziale Marktwirtschaft. Argumente zu Marktwirtschaft und Politik 18.

Schultz, Theodore, W. (1961). Investment in Human Capital. The American Economic Review LI(1): 1-17.

Doppeltes Opfer – Arbeiter Märtyrer: gleiche Rentenbeiträge, kürzeres Leben

Dass man eine Korrelation zwischen dem Einkommen und der Lebenserwartung zeigen kann, ist unter Sozialwissenschaftlern seit langem bekannt: Mit einem geringeren Einkommen geht eine geringere Lebenserwartung einher. Je nach ideologischer Färbung wird das Ergebnis dann genutzt, um gegen “Bonzen” zu Felde zu ziehen, die sich einem Mindestlohn widersetzen, um die Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse zu beklagen oder um eine neue Anstrengung zu machen, um das Bildungsniveau der Bevölkerung zu heben. Wenig bekannt, jedenfalls wenig wissenschaftlich fundiert, ist dagegen, was die gemessene Korrelation zwischen Einkommen und Lebenserwartung eigentlich bedeutet. Ist ein geringes Einkommen das Ergebnis einer Reihe anderer Faktoren und somit nur mittelbar mit der geringeren Lebenserwartung verbunden, oder ist das geringere Einkommen ursächlich dafür, dass eine Reihe von lebenserhaltenden  Maßnahmen mangels finanzieller Mittel nicht getroffen werden können? Auf diese beiden Fragen lässt sich der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung zuspitzen, und eine Untersuchung, die Martin Kroh, Hannes Neiss, Lars Kroll und Thomas Lampert mit den Daten des SOEP (Sozio-Ökonomisches Panel) durchgeführt haben, hat nun einige Antworten auf beide Fragen gegeben [Das SOEP ist ein Datensatz, der auf den Antworten individueller Befragter basiert, die im Zeitverlauf mehrfach befragt werden, so dass man Aussagen über Veränderungen machen kann.].

Die Untersuchung ist unter der Überschrift “Menschen mit hohem Einkommen leben länger” im DIW-Wochenbericht veröffentlicht, und einer der ersten Aufschlüsse, den ein Leser des entsprechenden Beitrags gewinnt, ist: Die Überschrift ist wieder einmal politisch korrekt, denn: nicht Menschen mit hohem Einkommen leben länger, ist das eigentliche Ergebnis der Untersuchung, vielmehr gilt: Männer mit geringem Einkommen leben deutlich kürzer als Männer mit hohem Einkommen, und bei Frauen hat das Einkommen kaum einen Effekt auf die Lebenserwartung: “Männer aus armutsgefährdeten Haushalten [Das sind Haushalte, die weniger als 60% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben. Derzeit beträgt das Nettoäquivalenzeinkommen im Jahr 18.856 Euro, d.h. wer 11.314 Euro pro Jahr und 942,80 Euro im Monat zur Verfügung hat, gilt in der Studie von Kroh et al. als “arm”] und solchen mit prekären Einkommen [Das sind Haushalte die zwischen 60% und 80% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben] leben gemäß den SOEP-basierten Schätzungen durchschnittlich fünf Jahre weniger als Männer aus wohlhabenden Haushalten. … Bei Frauen sind die Unterschiede nach Einkommen weit weniger ausgeprägt” (7).

Ich muss an dieser Stelle gleich eine methodische Kritik anbringen, die darauf basiert, dass Frauen derzeit eine um rund 5 Jahre höhere Lebenserwartung haben als Männer. Die von Kroh et al. durchgeführten Berechnungen berücksichtigen Personen, die heute 65 Jahre und älter sind, und somit eine Bevölkerungsgruppe, in der Frauen eine um gut drei Jahre höhere Lebenserwartung haben als Männer (dazu: Statistisches Bundesamt). Somit haben arme Männer, die im Vergleich zu wohlhabenden Männern durchschnittlich fünf Jahre früher sterben, eine um durchschnittlich acht Jahre geringere Lebenserwartung als arme Frauen, die um drei Jahre früher sterben als “wohlhabende” Frauen, die wiederum eine um 11 Jahre höhere Lebenserwartung als arme Männer und eine um 6 Jahre höhere Lebenserwartung als wohlhabende Männer haben, während arme Frauen, durchschnittlich drei Jahre länger leben, als wohlhabende Männer. Diese Durchschnittswerte hätte man nach meiner Ansicht angeben müssen, um die Ergebnisse einzuordnen.

Aber gut, Kroh et al. geht es um eine Erklärung für den Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung und eine solche können sie, nach einem eher eklektizistischen par force Ritt durch die entsprechende Forschung auch angeben, jedenfalls für die fünf Jahre Unterschied in der Lebenserwartung von armen Männern im Vergleich zu wohlhabenden Männern. Die Erklärung hat im Wesentlichen zwei Komponenten:

  • das Niveau formaler Bildung: geringe formale Bildung, also z.B. ein Hauptschulabschluss wirkt sich negativ auf die Lebenserwartung aus.
  • das Niveau physischer Belastung im Beruf: je körperlich belastender der Arbeitsalltag von Männern ist, desto früher sterben sie.

Diese beiden Variablen, von denen man erwarten kann, dass sie miteinander zusammenhängen [denn eine höhere Bildung qualifiziert in der Regel zu einem Bürojob, während eine geringe Bildung zum Fließband, auf den Bau oder zur Müllabfuhr führt], erklären die geringere Lebenserwartung von Männern. Im Klartext bedeutet dies, dass Arbeiter (Achtung SPD und Gewerkschaften: das war einmal eure Klientel), die einen körperlich belastenden Beruf ausüben, eine geringere Lebenserwartung haben als der Rest der Bevölkerung.

Dieses Ergebnis wirft interessante Fragen im Hinblick auf die Gerechtigkeit z.B. des Rentensystems auf, denn die entsprechenden Arbeiter zahlen in der Mehrzahl der Fälle beginnend mit spätestens ihrem 17. Lebensjahr und bis zum erreichen des Rentenalters oder der Arbeitsunfähigkeit in die gesetzliche Rentenkasse ein, aus der sie dann im durchschnitt fünf Jahre kürzer Leistungen beziehen als andere Männer und um durchschnittlich acht Jahre kürzer als Frauen. Das konstituiert eine Ungerechtigkeit, und zwar bereits dann, wenn man davon ausgeht, dass alle, die aus der Rentenkasse entnehmen auch in die Rentenkasse eingezahlt haben, was nicht der Fall ist. Dass es ungerecht ist, arme Männer, die früher sterben, mit Frauen und wohlhabenden Männern gleich zu behandeln, ist auch beim DIW erkannt worden. Entsprechend findet sich im Interview mit Martin Kroh die folgende Passage aus Frage und Antwort:

Frage: “Wenn Geringverdiener eine niedrigere Lebenserwartung haben, beziehen sie auch eine kürzere Zeit Rente. Könnte diese geringere Lebenserwartung nicht auch bei den Berechnungen der Bezugshöhe berücksichtigt werden?”
Antwort Martin Kroh: “Eine Risikodifferenzierung der Leistungen widerspricht der Grundphilosophie der gesetzlichen Rentenversicherung.”

Was könnte noch einmal die “Grundphilosophie” der gesetzlichen Rentenversicherung sein? Was auch immer es ist, es muss dem Equity-Prinzip widersprechen, nach dem die Auszahlung in einem entsprechenden Verhältnis zur Höhe der Einzahlung steht. Die Grundphilosophie sieht es also vor, dass Personen, die sterben noch bevor sich ihre jahrzehntelange Beitragszahlung für sie in auch nur der geringsten Weise gelohnt hat, Pech haben. Ihre Beiträge werden entsprechend und ohne eine Dankesbekundung für das frühe Ableben der armen Männer (keine Geringverdiener, wie die Frage nahelegt, sondern Arbeiter mit einem geringen Einkommen, das bei einer Rente von rund 900 Euro irgendwo in Richtung 2000 Euro brutto gelegen haben muss), etwa durch eine Inschrift auf dem Grabstein: Hier liegt ein Märtyrer, der sein Leben für die Rente anderer hingegeben hat oder so, an die wohlhabenden Männer und arme wie wohlhabende Frauen umverteilt, die davon all die Jahre leben, die sie durchschnittlich länger leben.

Man sieht, die Grundphilosophie der gesetzlichen Rentenversicherung ist eine Opferphilosophie, die von armen Männer, also von ungelernten, angelernten und Arbeitern, die in körperlich anstrengenden, aber schlecht bezahlten Berufen arbeiten, Opfer gleich im doppelten Sinne erwartet: Das erste Opfer besteht darin, Abzüge vom eigenen Einkommen zuzulassen, um damit eine Rentenkasse zu füllen, die ihnen kaum zu Gute kommt. Das zweite Opfer besteht darin, früh zu sterben, ohne der Rentenkasse auch nur einen Bruchteil der Beiträge zu entnehmen, die sie eingezahlt haben. Man sieht “die Gerechtigkeit” hinter der Gleichbehandlung, und natürlich sind alle, die in ihrem Leben kaum einen Pfennig in die Rentenkasse eingezahlt haben, die Rentenansprüche erworben haben, weil sie sich fortgepflanzt haben und die die armen Arbeiter um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte überleben, den armen Arbeitern für ihren Opferakt dankbar. Und diese Dankbarkeit würde man überflüssig machen, zahlte man den armen Arbeitern eine Rente, die über ihren erworbenen Rentenansprüchen liegt, und der Tatsache Rechnung trägt, dass die entsprechenden armen Arbeiter eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, vor allen anderen Rentenbeziehern zu sterben – oder nicht? Also: kein Risikoausgleich für die armen Arbeiter-Märtyrer.

Es stellt sich  jedoch abschließend die Frage, warum ein Forscher wie Martin Kroh, der an der Produktion eines wissenschaftlichen Ergebnisses beteiligt ist, das eine erhebliche Ungerechtigkeit zu Tage fördert, denkt, er müsse sich hinter wolkigen Begriffen wie “Grundphilosophie der Rentenversicherung” verstecken und damit den Status Quo der Ungerechtigkeit, die er gerade beschrieben hat, rechtfertigen – ich meine, warum forscht der Mann, wenn er seine Ergebnisse nach Veröffentlichung selbst für belanglos erklärt?

Kroh, Martin, Neiss, Hannes, Kroll, Lars & Lampert, Thomas (2012). Menschen mit hohem Einkommen leben länger. DIW-Wochenbericht 33: 3-15.

Bildnachweis:
JSDStat
Good Men Project

Obdachlosigkeit – Ein “männliches Schicksal”

Ausgangspunkt dieses blog-Beitrags ist eine eMail, die mir ein Leser dieses blogs vor einiger Zeit geschickt hat. Darin berichtet er von einem Schriftwechsel mit der BAG Wohnungslosenhilfe e.V., dessen Ziel für ihn darin bestand, die Angabe der BAG, dass 74% der Obdachlosen männlich und 26% weiblich sind, zu verifizieren. Entsprechend hat er bei der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. nachgefragt – und wie es bei eMail-Wechseln mit Institutionen in Deutschland offensichtlich üblich ist, hat er keine Antwort erhalten.

Ich habe vor dem Hintergrund dieser eMail versucht, Daten zum Thema “Obdachlosigkeit” zu beschaffen, die nicht von der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. stammen, um die Daten der Wohnungslosenhilfe unabhängig zu prüfen und etwas Licht in das Dunkel, das  “Obdachlosigkeit” in Deutschland einhüllt, zu bringen. Wie bei vielen wirklichen sozialen Problemen, also sozialen Problemen, die die Lebenschancen von Menschen beeiträchtigen, so gibt es auch bei der Obdachlosigkeit keine bundesweit erhobenen Daten. Das Statistische Bundesamt scheint zu sehr mit Fragen des Gender Pay Gaps beschäftigt zu sein, als dass es sich um das Problem der Obdachlosigkeit kümmern könnte.

Eine Suche nach Veröffentlichungen zum Thema Obdachlosigkeit in den einschlägigen wissenschaftlichen Datenbanken hat  eine überschaubare Menge von Veröffentlichungen zum Ergebnis, die wie so viele Themen, die sich mit sozialen Problemlagen beschäftigen, in den 1970er bis 1990er Jahren klumpen und danach weitgehend verschwinden, denn spätestens Mitte der 1990er Jahre hat der Genderismus die “wissenschaftliche” Forschung aufgezehrt. Seitdem finden sich in wissenschaftlichen Zeitschriften zwar Unmengen von Beiträgen über die angeblichen Nachteile von Frauen, im Beruf, im Privatleben, im Glücklichsein, im Kindererziehen, im Zugang zu Transferleistungen, bei der Hausarbeit, durch Rückenschmerzen, durch die Kosten von in-Vitro Fertilisation, durch Teilzeitarbeit, durch Arbeitslosigkeit, durch Umweltverschmutzung, Klimawandel und Globalsierung als ganzes, aber es finden sich kaum noch Texte, in denen soziale Probleme, die es wirklich gibt, analysiert, beschrieben und – ich wage es kaum zu denken – erklärt werden. Obdachlosigkeit macht hier keine Ausnahme. Und da Obdachlosigkeit zudem ein soziales Problem darstellt, das nach landläufiger Meinung vornehmlich Männer betrifft, kommt es Genderisten in ihrem Frauenbenachteiligungs-Rausch natürlich nicht in den Blick.

Eine Ausnahme von dieser Ignoranz gegenüber einem wirklichen sozialen Problem habe ich ausgerechnet in der Discussion-Paper Reihe des Intstituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg gefunden. Zwei Wissenschaftler der Universität Passau, Alexandra Kröll und Oliver Farhauer, untersuchen unter dem Titel “Examining the Roots of Homelessness” die Ursachen der Obdachlosigkeit, d.h. das, was sie dafür halten. Ihre Forschung begründen sie damit, dass Obdachlosigkeit eine extreme Form der Arbeitslosigkeit sei, die sich negativ auf das physische und psychische Wohlbefinden auswirke und eine vorzeitige Sterblichkeit mit sich bringe. So hätten Studien aus London ergeben, dass die Lebenserwartung Obdachloser (people sleeping rough) um rund 10 Jahre geringer ausfalle als die durchschnittliche Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung. Kröll und Farhauer sind der Ansicht, dass Obdachlosigkeit durch hohe Mietpreise verursacht wird und durch Langzeitarbeitslosigkeit zumindest mitverursacht wird, und testen diese Annahme auf der Grundlage von Daten aus dem Land Nordrhein-Westfalen und auf aggregierter Ebene, d.h. sie ordnen der Anzahl der Obdachlosen pro Verwaltungseinheit, die jeweilige Quote an Langzeitarbeitlosen zu, die entsprechende Anzahl freier Wohnungen und berechnen eine multiple Regression. Das Ergebnis: In Verwaltungsbezirken, in denen der Anteil der Langzeitarbeitslosen (an der Gesamtbevölkerung) hoch und die Anzahl leerstehender Mitewohnungen mit einer Fläche von weniger als 40 Quadratmeter gering ist, ist die Wahrscheinlichkeit, auf Obdachlose zu treffen, höher als in Verwaltungsbezirken, in denen der Anteil der Langzeitarbeitlosen und die Anzahl leerstehender Wohungen gering sind.

Obdachloser Mann

Kröll und Fahrhauer liefern eine robuste Aggregatdatenanalyse, sie liefern jedoch keine Erklärung für Obdachlosigkeit, denn von der Anzahl der leerstehenden Mitwohnungen unter 40 Quadratmeter bzw. dem Anteil Langzeitarbeitsloser bis zur Erklärung der Obdachlosigkeit von Martin F. ist es noch ein weiter Weg. Und, angenommen Männer sind häufiger von Obdachlosigkeit betroffen als Frauen, wieso, so müsste man vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Kröll und Fahrhauer fragen, wirkt sich der Wohnungs-Leerstand und die Langzeitarbeitslosigkeit in einem Verwaltungsbezirk vornehmlich auf Männer und kaum auf Frauen aus? Das Diskussionspapier der beiden Autoren wirft somit mehr Fragen auf, als es beantwortet und beantworten kann, denn eine Differenzierung der Obdachlosen nach Geschlecht findet sich im Diskussionspapier nicht. Dies ist auch kein Wunder, denn Daten zur Obdachlosigkeit werden nur sporadisch erhoben, und da wo sie erhoben werden, werden sie zumeist nicht nach Geschlecht differenziert. Eine Ausnahme macht hier das Land Nordrhein-Westfalen, das in  seiner “Integrierten Wohnungsnotfall-Berichterstattung 2011″ erstmals eine Aufgliederung nach Geschlecht vorgenommen hat. Ich berichte im Folgenden einige Ergebnisse aus der Berichterstattung, die mir freundlicherweise vom Statistischen Landesamt NRW zur Verfügung gestellt wurden.

Grundlage der Berichterstattung ist eine Erhebung des Landesamts, die  flächendeckend  alle kommunalen Ämter, die für die Versorgung Obdachloser zuständig sind, und alle Freien Träger, die sich um Obdachlose in NRW kümmern, einbezogen hat. Dass die angeschriebenen Ämter und Freien Träger nicht alle geantwortet haben, bedeutet, dass die im folgenden berichteten Daten in der Struktur für NRW aussagekräftig sind, in der Höhe aber zu gering ausfallen.

Im Jahr 2011 waren in NRW 16.448 Personen als obdachlos erfasst, 10.132 durch kommunale Behörden, 6.316 durch Freie Träger. Die folgende Abbildung zeigt die Verteilung der  in NRW gemeldeten Obdachlosen nach Alter und Geschlecht.

Die Abbildung zeigt eindrücklich, dass Obdachlosigkeit ein soziales Problem ist, das vornehmlich Männer und vornehmlich Männer im Alter zwischen 21 und 64 Jahren betrifft. Da Obdachlose, wie die oben berichteten Ergebnisse aus London zeigen (Daly, 1993), eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als die Restbevölkerung ist es nicht verwunderlich, dass Obdachlosigkeit in der Gruppe der über 64jährigen keine große Bedeutung mehr hat. 74,7% der Personen, die im Jahre 2011 in NRW obdachlos waren, sind Männer, 25,3% Frauen. Differenziert man nach Freien Trägern und kommunalen Ämtern, dann beträgt der Anteil der obdachlosen Männer, die durch Freie Träger erfasst werden, 81,8% bei kommunalen Ämter 67,7%. Obdachlose Männer ziehen somit die Unterkunft bei Freien Trägern der Unterkunft bei kommunalen Ämtern vor. Hinzu kommt, dass der Anteil von weiblichen alleinstehenden Obdachlosen mit Kindern und der Anteil von Paaren unter den Obdachlosen, die sich bei kommunalen Ämtern einfinden, deutlich höher ist als der entsprechende Anteil, der bei Freien Trägern Unterkunft sucht, so dass es interessant wäre zu erfahren, wie und wo die entsprechenden Personen durch kommunale Ämter und Freie Träger untergebracht werden. Die entsprechenden Daten liegen jedoch nur für Freie Träger vor. Es zeigt sich, dass die Mehrzahl der Obdachosen bei Bekannten (34,3%), in stationären Einrichtungen (28,3%), in Notunterkünften (9,3%), bei der Familie (7,6%) in ambulant betreuten Wohnungsprojekten (6,7%) oder in einer ungesicherten Ersatzunterkunft (2,2%) Unterschlupf finden.

Grenzt man nunmehr die Betrachtung auf die Obdachlosen ein, die dem öffentlichen Bild eines Obdachlosen entsprechen und entweder in stationären Einrichtungen, Notunterkünften oder ungesicherten Ersatzunterkünften Unterschlupf gefunden haben, dann stehen 1961 Männer (84,5%) 360 Frauen (15,5%) gegenüber, d.h. Obdachlosigkeit im “klassischen Sinne” ist ein soziales Problem, von dem überwiegend Männer betroffen sind, was erklären dürfte, warum das Problem so wenig Aufmerksamkeit in der medialen und politischen Öffentlichkeit findet. Dies führt mich zurück zur Armut der wissenschaftlichen Forschung, die fast schon eine Schande für die sozialwissenschaftliche Zunft ist, die – und ich wiederhole mich – vor Fixierung auf weibliche Geschlechtsteile, die eigentliche Aufgabe von Sozialwissenschaftlern, nämlich die Erforschung, Erklärung und Mitwirkung bei der Behebung wirklicher sozialer Probleme vergisst.

Karl Griese (2000). Obdachlosenasyl. Berlin: Dr. Köster

Eine Ausnahme stellt hier Karl Griese dar, der im Jahr 2000 seine Dissertation veröffentlicht hat, die sich mit den männlichen Insassen eines Obdachlosenasyls beschäftigt. Auf der Grundlage seiner qualitativen Analysen kann man nunmehr die Frage nach der Erklärung für Obdachlosigkeit, also dafür, dass sich vornehmlich Männer keine eigene Wohnung mehr leisten können, angehen. Am Ende seines Buches stellt Griese am Beispiel von 20 Einzelfällen den Weg in die Obdachlosigkeit dar, und in fast jedem der Fälle, steht die Obdachlosigkeit am Ende von Beziehungsproblemen, Scheidungen und den damit einhergehenden finanziellen Unterhaltsverpflichtungen, von Alkoholproblemen, deren Ursache unklar ist, die aber zum Ergebnis haben, dass der entsprechende Obdachlose seine Arbeit verliert und in die Obdachlosigkeit rutscht. Zwei Beispiele mögen hier zur Illustration genügen:

“1974 haben wir geheiratet und bald kam auch unsere Tochter. Dies ist jetzt auch schon 22 oder 23 Jahre alt. Muss also 7 oder 8 Jahre her sein, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Meine Frau hatte ja gedacht, sie könnte mich ausnehmen mit Unterhalt, aber das war nichts”.

“Irgendwie hab’ ich das mit dem Tod meiner Eltern nie richtig verkraftet. Bereits als meine Eltern gestorben sind, gab das für mich so einen Knacks und dann hat mich nichts mehr in Kiel gehalten. Damals ging das schon los mit Alkohol. Ich habe aber immer gearbeitet, bis es dann körperlich nicht mehr ging. So 1982 war dann Schluss. Da kam dann auch die Scheidung. Da hab’ ich dann zuerst bei einem Freund gewohnt … jetzt bin ich schon über 10 Jahre hier [im Obdachlosenasyl].

Die Beispiele werfen die Frage danach auf, welche Bedeutung Frauen als Ursache für die Obdachlosigkeit von Männern zukommt, und sie werfen die Frage danach auf, in wie weit institutionelle Regelungen wie Unterhaltsverpflichtungen und Anschlussregelungen an das Scheidungsrecht, die Obdachlosigkeit von Männern zumindest mit verursachen. Beide Fragen, wie so vieles, was derzeit nicht in den politischen Mainstream passt, was nicht politisch korrekt ist, warten derzeit noch darauf, durch wissenschaftliche Forschung wieder-entdeckt und hoffentlich beantwortet zu werden.

Nachtrag

Ein ärgerlicher Fehler findet sich in der Veröffentlichung des Ministeriums Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW. Dort heißt es auf Seite 5: “Der Anteil der Alleinstehenden an allen wohnungslosen Haushalten liegt bei fast drei Viertel (72,4%), darunter waren alleinstehende Männer mit einem Anteil von 57,0% in der überwiegenden Mehrheit”. Die Tabelle, auf die sich die Angaben beziehen, zeigt, dass sich die 57% Männer auf alle Wohnungslosen, die kommunalen Ämter gemeldet sind, beziehen. Die Basis der Prozentuierung ist daher nicht, wie im Zitat behauptet, die Anzahl der Alleinstehenden an allen wohnungslosen Haushalten, die Basis sind alle wohnungslosen Haushalte. Wäre die Anzahl der Alleinstehenden Basis der Prozentuierung, der entsprechende Anteil für Männer betrüge 78,7% und nicht 57%. Solcher Art krude Fehler in einer offiziellen Publikation sind eigentlich nicht erklärlich.

Literatur
Daly, Mary (1993). Abandoned: Profile of Europe’s Homeless People. The Second Report of the European Observatory on Homelessness. Brussels: FEANTSA.
Griese, Karl (2000). Obdachlosenasyl. Beobachtungen in einem Wohnheim für obdachlose Männer. Berlin: Dr. Köster.
Kröll, Alexandra & Farhauer, Oliver (2012). Examining the Roots of Homelessness. The Impact of Regional Housing Market Conditions and the Social Environment on Homelessness in North Rhine-Westphalia Germany.
IAB-Discussion Paper 12/2012.
Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (2012). Integrierte Wohnungsnotfall-Berichterstattung 2011 in Nordrhein-Westfalen. Struktur und Umfang von Wohnungsnotfällen.

Ungleichheit ist nicht gleich Diskriminierung: Entideologisierung des Gender Pay Gaps

Seit Jahren finden es die Betreiber dieses blogs immer wieder erstaunlich, dass ungleiche Verteilungen, wie sie z.B. zwischen den Einkommen von Männern und Frauen bestehen, als Beleg für Diskriminierung bewertet werden, und zwar von zumeist denselben Personen, die nie auf die Idee kämen, z.B. das schlechtere schulische Abschneiden von Jungen, den höheren Frauenanteil ( rund 65%) im Bundesministerium für alles (außer Männer) oder den gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung geringeren Anteil von Kindern aus Arbeiterfamilien auf Gymnasien und Universitäten als Ergebnis von Diskriminierung anzusehen. Offensichtlich ist es nicht die ungleiche Verteilung, die Anlass zur Diskriminierungs-Hysterie gibt, offensichtlich steht hier etwas anderes Pate, wenn es um die Bewertung einer ungleichen Verteilung als Diskriminierung geht. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich mit den Daten beschäftigt, die die  Diskriminierungs-Behauptung begründen sollen.

Aggregatdaten

Seit etlichen Jahren ist die Öffentlichkeit in Deutschland einem Trommelfeuer von Genderisten ausgesetzt, die behaupten, ungleiche Einkommen, wie sie zwischen Männern und Frauen bestehen, seien das Ergebnis einer Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt. Die Behauptung, die in monotoner Einfältigkeit immer und immer wieder aufgestellt wird, basiert auf einer Formel, die in den Hinterzimmern der Europäischen Kommission ersonnen wurde und deren Anwendung auf Deutschland im Aggregat ein Pay Gap von 23% zwischen Männern und Frauen ergibt. Selbst dem Statistischen Bundesamt, das sich nicht gerade durch kritische Stellungenahmen hervortut, ist die Berechnungsweise dieses Gender Pay Gap zu primitiv, weshalb es eigene Berechnungen durchgeführt hat, die das Gap auf 8% geschrumpft haben. Dass selbst diese 8%, die auf der Aggregatebene gemessen werden, als Ergebnis der Art der Berechnung angesehen werden müssen und deshalb ein statistisches Artefakt darstellen, habe ich in einem älteren Beitrag in diesem blog bereits gezeigt. Alle bisher berichteten Behauptungen eines Gender Pay Gaps beziehen sich auf Aggregatdaten, d.h. auf zusammenfassende Daten für alle Beschäftigten oder auf zusammenfassenden Daten für bestimmte Bereiche der Wirtschaft. Die Gesamtsummen der Verdienste werden dabei jeweils nach Geschlecht differenziert. Folglich erlauben diese Daten keinen Schluss von dem Einkommensunterschied im Aggregat auf einen Einkommensunterschied zwischen Individuen. Ein solcher Schluss wird als ökologischer Fehlschluss bezeichnet. In keinem Fall kann auf Grundlage einer auf Aggregatdaten gemachten Beobachtung eine auf Ebene von Individuen vorliegende Diskriminierung belegt werden. Dies käme der Behauptung gleich, der Erfolg der Deutschen Fussballnationalmannschaft sei das Ergebnis der Jugendarbeit beim SC-04 Tuttlingen.

Individualdaten

Individualdaten erlauben es im Gegensatz zu Aggregatdaten, Aussagen über Zusammenhänge auf der Individualebene zu machen. So könnte man, wenn man das wollte, eine Studie durchführen, deren Ziel darin besteht, die vermeintliche Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt zu messen, z.B. in dem man Diskrimierung als im Vergleich zu Männern ungleiches Gehalt bei identischer Leistung operationalisiert und dann in ausgewählten Unternehmen untersucht, wie es sich mit dem Einkommensunterschied und der individuellen Leistungverhält. Bezeichnender Weise gibt es eine entsprechende Studie meines Wissens nicht. Was es gibt, sind Studien von zumeist Ökonomen, die auf Grundlage individueller Datensätze (z.B. dem Sozio-Ökonomischen Panel oder dem Mikrozensus), also auf Grundlage von Datensätzen, denen entnommen werden kann, was Peter Meier und Lieschen Müller tatsächlich verdienen, das Gender Pay Gap zu erklären versuchen. Individualdaten erlauben es auf der einen Seite, die Einkommen individuell zu bestimmen, sie erlauben es auf der anderen Seite aber nicht, die Randbedingungen vollständig zu kontrollieren. So besteht eine Fehlerquelle in diesen Studien regelmäßig im groben Datenniveau. So kann Peter Meier Bankkaufmann und Lieschen Müller Bankkauffrau sein, aber Peter Müller arbeitet als Bankkaufmann in der Forschungsabteilung der Deutschen Bank und Lieschen Müller steht hinter der Theke bei der Sparkasse Südliche Weinstrasse. Beide gelten als Bankkaufmann (im Datensatz als Bankkaufmann gemessen), haben aber mit Sicherheit deutlich unterschiedliche Aufgaben, Verantwortlichkeiten und dementsprechend Einkommen (im Datensatz nur als Einkommen, nicht als Aufgabe, Verantwortungsbereich gemessen).

Entsprechend versucht man auf Grundlage von Individualdaten “näherungsweise Erklärungen” für bestimmte Phänomene zu finden, die jedoch aufgrund der eben angesprochenen Probleme immer mit einem Fehlerbereich, einem in der Statistik so bezeichneten Residuum, versehen sind, einen Bereich, den man wegen der Datenqualität oder – wie es unter Genderisten gerne heißt – der Komplexität der Realität nicht erklären kann. Eine ganze Reihe von ökonomischen Analysen, die auf der Basis von Individualdaten vorgenommen wurden, hat regelmäßig das selbe Ergebnis erzielt: Zwischen Männern und Frauen bestehen Einkommensnterschiede, die sich zum großen Teil durch Unterschiede in der “Ausstattung” beschreiben lassen, also, z.B. durch zwischen Männern und Frauen unterschiedlichen Karriere-Aspirationen, unterschiedliche Erfahrung, unterschiedliches Humankapital, unterschiedliche Arbeitszeit, unterschiedliche Flexibilität, kurz: unterschiedliche Investitionen in die Berufskarriere (siehe Weichselbaumer & Winter-Ebmer, 2005 für einen Überblick über entsprechende Studien). Wie immer bei Analysen, die mit Individualdaten durchgeführt werden, bleibt bei diesen Studien ein Residuum, ein Teil nicht-erklärter Varianz, den man als nicht erklärten Anteil des Einkommensunterschieds bezeichnen kann. Diesen Anteil nehmen Genderisten regelmäßig zum Anlass um von Diskriminierung zu schwadronnieren, denn so der Fehlschluss (der Bejahung des Konsequens), wenn Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht vollständig durch Arbeitszeit, Qualifikation, Erfahrung usw. erkläret werden könnten, dann bleibe nur noch Diskriminierung übrig.

Der hysterische Aufschrei der Diskriminierung mag sich dazu eignen, Stellen für Genderisten zu schaffen, finanzielle Vorteile für sich und die Klientel gleichgesinnter Frauen zu schaffen, er eignet sich nicht, um die Ergebnisse der berichteten Analysen zu erklären. Eine neue Studie von Lechmann und Schnabel (2012) zeigt zudem, dass die Diskriminierungs-Hysterie wie sie in der Gender Pay Gap Debatte institutionalisiert wurde, nicht nur unangebracht ist, sondern nur bei Menschen ausbrechen kann, die entweder in der Verfolgung der eigenen Ziele keinerlei Skrupel kennen oder deren intellektuelle Auffassungsgabe dermaßen eingeschränkt ist, dass man sie fast schon zu den Debilen zählen muss.

Lechmann und Schnabel untersuchen den Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen. Aber: Lechmann und Schnabel untersuchen nicht den Unterschied im Einkommen abhängig Beschäftigter, nein, sie untersuchen den Einkommensunterschied zwischen Männer und Frauen, die selbständig sind. 15.443 Individuen gehen in die Analyse der Autoren ein, darunter 972 selbständige Männer und 496 selbständige Frauen. Auf der Basis dieser Daten und im Einklang mit Forschungsergebnissen, aus den USA oder dem Vereinigten Königreich, errechnen die Autoren für Selbständige ein “Gender Pay Gap” das noch deutlich größer ist als unter abhängig Beschäftigten: Selbständige Männer haben in Deutschland ein durchschnittliches Monatseinkommen von 4.179 Euro, während selbständige Frauen ein monatliches Durchschnittseinkommen von 2.324 Euro erzielen. Wie kann dieses Gender Pay Gap unter Selbständigen erklärt werden?

 

Die Analyse der Autoren ergibt die  folgenden Ergebnissen, die die gestellte Frage beantworten:

  • Arbeitszeit,
  • Erfahrung und Humankapital,
  • Branche.

Selbständige Männer arbeiten deutlich mehr als selbständige Frauen, sie verfügen über mehr Erfahrung mit Selbständigkeit und haben vor ihrer Selbständigkeit auch mehr Erfahrung in mehr Bereichen der Wirtschaft gesammelt als Frauen, und Männer betreiben ihre Selbständigkeit in lukrativeren Branchen als Frauen.

Dies erklärt das Gender Pay Gap zwischen selbständigen Männern und Frauen erstaunlich gut. Doch wie immer, wenn Individualdaten die Grundlage einer Analyse bilden, bleibt ein Residuum, ein Teil nicht erklärter Varianz, ein Teil nicht erklärter Einkommensunterschiede. Wie kann man den verbleibenden Rest des Einkommensunterschieds, der nicht über Arbeitzeit, Erfahrung und Humankapital sowie die Branche erklärt werden kann, erklären?

Hören Sie die Genderisten bereits Diskriminierung schreien? Nun, bei Selbständigen ist dies schwierig, und hier zeigt sich das ganze Elend von ideologisch motivierten ad-hoc Erklärungen: Wer soll Selbständige diskriminieren? Die Bundesanstalt für Arbeit, in dem sie vornehmlich Männer mit Existenzgründungszuschüssen ausstattet? Die Kunden, die Produkte lieber von Männern als von Frauen (und vielleicht mit gutem Grund) nachfragen? Bereits diese beiden Fragen belegen die Absurdität der Erklärung des Gender Pay Gaps mit Diskriminierung. Statt dessen wäre es sinnvoll, nach Variablen Ausschau zu halten, von denen bekannt ist, dass sie einen Unterschied im täglichen Leben machen: Perönlichkeitsmerkmale schlagen Lechmann und Schnabel (2012) vor, also z.B. die Ehrlichkeit im Umgang mit Kunden, die Gewandtheit im Umgang mit Kunden oder die Fähigkeit, Marktentwicklungen und Neuerungen frühzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. Der Spass am Wettbewerb, die Einstellung gegenüber riskanten Entscheidungen und die Freude an selbständiger Tätigkeit sind andere Faktoren, von denen man annehmen könnte, dass sie einen Einfluss auf das Einkommen haben.

In jedem Fall gibt es eine Menge von Variablen, die man untersuchen müsste, bevor man “Diskriminierung” schreien kann. Aber so lange wollen Genderisten natürlich nicht warten (- schon weil die hohe Gefahr besteht, dass Diskriminierung nichts zur Erklärung des Gender Pay Gaps beiträgt). Sie wollen sich heute (finanzielle) Vorteile verschaffen, sie wollen heute ihre Taschen aus öffentlichen Töpfen füllen, und entsprechend schreien Sie hier und jetzt Diskriminierung – ungeachtet der Tatsache, dass es keinen Beleg für Diskriminierung gibt.

Technische Anmerkung

Ein Residuum beschreibt den Teil der Varianz in einem Erklärungsmodell, der nicht durch die Variablen erklärt wird, die sich im Modell befinden. Im Englischen spricht man von einer modelling-error variance oder einer prediction-error variance, was darauf verweist, dass die Erklärung nicht vollständig ist. Um die Erklärkraft eines Modelles zu erhöhen bzw. das Residuum zu verkleinern, ist es notwendig, Variablen, die bislang nicht im Modell berücksichtigt sind, in das Modell zu intergrieren und zu prüfen, wie sich die Erklärkraft durch ihren Einschluss verändert. Wer also behauptet, Diskriminierung sei die Erklärung für das Residuum, der muss Diskriminierung operationalisieren, in das Modell integrieren und den Einfluss von Diskriminierung prüfen. Und selbst wenn Diskriminierung, so in das Modell integriert, die Erklärkraft des Modells erhöhen würde, so würde Diskriminierung doch das Residuum nur verkleinern, nicht jedoch beseitigen. In knapp 100 Jahren Sozialforschung gab es noch kein Modell, das keinen nicht erklärten Teil enthalten hätte.

In keinem Fall reicht es also aus, Diskriminierung zu behaupten und das Residuum als Indiz für Diskriminierung anzugeben. Dieses Vorgehen gleicht dem Arzt, der nachdem er Blinddarm als Ursache der Bauchschmerzen seines Patienten ausgeschlossen hat, der Ansicht ist, es liege – da eine Blinddarmentzündung auszuschließen sei, ein Fall von Nierenversagen vor.

Literatur:

Lechmann, Daniel S. J. & Schnabel, Claus (2012). What Explains the Gender Earnings Gap in Self-Employment? A Decomposition Analysis with German Data. Bonn: Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, Discussion Paper, IZA DP No.6435.

Weichselbaumer, Doris & Winter-Ebmer, Rudolf (2005). A Meta-Analysis of the International Gender Wage Gap. Journal of Economic Surveys 19(3): 479-511

Lebenslanges Lernen und lebenslange Steuern: Die Systematik hinter der sozialen Ungleichheit

Im Jahre 2000 hat die Europäische Union im Rahmen ihrer Lissabon-Strategie das “Lebenslange Lernen” als Möglichkeit entdeckt, um rund 7 Milliarden Euro über den Zeitraum von 2007 bis 2013 den Bereitstellern von Bildung aller Art zukommen zu lassen. Mittlerweile ist die Lissabon-Strategie von 2000 zur Strategie “Europa 2020″ mutiert, einer Strategie für ein “intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum”. Hinter den wohlklingenden Worten, die Zustimmung erheischen sollen, verstecken sich z.B. beim “intelligenten Wachstum” so unglaublich innovative Ziele wie, die Verringerung der Schulabbrecherquote auf unter 10% und die Steigerung des Anteils der 30- bis 34-Jährigen mit Hochschulbildung (oder gleichwertige Bildung) auf mindestens 40%.

Sind die Ziel erst einmal definiert und finanzielle Mittel in großem Ausmaß bereitgestellt, dann läuft die Verwaltungsmaschinerie wie geschmiert. Auch die Bundsregierung will beim Lebenslangen Lernen nicht zuschauen und hat deshalb am 23. April 2008 beschlossen, wie das “Lernen im Lebenslauf”, wie es nun heißt, für andere auszusehen hat. Lernem im Lebenslauf hat “lebensbegleitendes Lernen” zu sein, damit die Ressource “Bildung” “stärker für wirtschaftliche Dynamik und [immerhin auch] persönliche Aufstiegschancen” erschlossen werden kann. Die vielen Worte, mit denen “Lernen im Lebenslauf” in offizieller Diktion beschrieben wird, laufen weitgehend auf die Ziele hinaus, die die EU vorgegeben hat, z.B. wenn verkündet wird, dass eine Erleichterung des Übergangs von der Schule in die Hochschule erfolgen soll und der Zugang zu Bildung generell erleichtert werden soll.

Und dann, ganz unvermittelt, so als hätte es jemand eingeschmuggelt, findet sich unter den Zielen der “Konzeption für das Lernen im Lebenslauf” das folgende: “die Motivation zur Bildungsaktivität stärken”. Nun, streifen wir doch ein wenig auf dem von der Bundesregierung betretenen Pfad der Motivation zur Bildung, und zwar zunächst mit dem, was in Deutschland von manchen als “Unwort des Jahres” beschrieben wurde: dem Humankapital. Der Begriff des Humankapitals bezeichnet nämlich genau das, was sich Bundesregierung und EU abmühen, neu zu erfinden: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Bildung, die sich ein Akteur im Laufe seines Lebens aneignet. Kurz: So neu, wie die EU und die Bundesregierung tun, ist das Lebenslange Lernen nicht; Ich wette, bereits die Neanderthaler waren in der Lage, selbst im fortgeschrittenen Alter von, sagen wir 36 (wahrscheinlich schon ein biblisches Alter für einen Neandertaler), zu lernen, dass die Beerenbüsche von Jahr zu Jahr weniger Beeren tragen und die Fische im Fluss nach Süden gewandert sind, und ich wette, sie haben sich den veränderten Lebensbedingungen angepasst, d.h. sie haben gelernt.

Aber gut, die von EU-Kommission und Bundesregierung favorisierten Inhalte des “Lebenslangen Lernens” betreffen natürlich keine Migrationsentscheidungen, wie im Beispiel der Neandertaler, die wie die Bremer Stadtmusikanten nach dem besseren Leben suchten, nein, das Lebenslange Lernen der EU-Kommission ist bekanntlich “intelligent” und das “Lernen im Lebenslauf” der Bundesregierung eine Ressource für wirtschaftiche Dynamik. In Kurz: Wer dies liest hat sich gefälligst um ein weiteres Bildungszertifikat zu bemühen: Realschulabschluss, Abitur, Studium, MA, BA, Dipl. anything will do, so lange es den Eindruck vermittelt, dass damit eine höhere Bildung einhergeht. Dass ein Bildungszertifikat nicht notwendiger Weise bedeutet, dass der Inhaber des Zertifikats auch die durchschnittliche Bildung hat, die man mit den entsprechenden Zertifikatsinhabern verbindet, scheint der EU-Kommission ebenso unvorstellbar zu sein wie der Bundesregierung, aber ich will das hier nicht weiter ausbreiten. Statt dessen will ich die Frage der Motivation betrachten, die ja – auf welch verschlungenen Pfaden auch immer – Eingang in das Konzept des “Lernens im Lebenslauf” der Bundesregierung gefunden hat.

Die Frage der Motivation, “warum soll ich mich als 33jähriger im Abendgymnasium nachqualifizieren?”, führt unweigerlich zum oben genannten Konzept des Humankapitals, wie es Ökonomen seit den 1960er Jahren (angefangen damit haben u.a. Theodore W. Schultz und Gary S. Becker) vertreten. Humankapital, definiert als Fähigkeiten und Fertigkeiten und auch als Besitz von Bildungszertifikaten (und hoffentlich Bildung) ist das Ergebnis von Bildungsinvestitionen. Dass man nicht einfach als Mathe-Crack geboren wird, weiss jeder und dass man sich die Fähigkeit, eine gute Idee nicht nur zu haben, sondern auch umzusetzen durch harte und jahrelange Arbeit erwerben muss (nicht einmal Bill Gates wurde von heute auf morgen Milliardär), scheint ebenso offensichtlich. Wenn Humankapital aber das Ergebnis von Investitionen ist, dann stellt sich die Frage, warum ein Akteur die entsprechenden Investitionen in seine Bildung vornehmen soll, warum er sich in die Schule schleppen soll, wo er doch im Kreise seiner Familie, wie ihn das Verfassungesgericht immer wieder als besonders heilig beschwört, ein viel gemütlicheres Dasein fristen könnte? Die Antwort: Weil es sich für ihn lohnt. Ein Mehr an Bildung hat ein Mehr an Einkommen zur Folge bzw. soll ein Mehr an Einkommen zum Ergebnis haben. Das dachten wir alle, als wir mit dem Studium begonnen haben. Nach dem Studium und als Akademiker verdient man mehr als als Facharbeiter bei der BASF (old dreams die hard!).

Wenn die Bundesregierung also für Motivation sorgen will, dafür, dass mehr Deutsche in Bildung investieren und sich in Abendschulen nachqualifizieren oder durch das Gender Studium an Universitäten quälen, dann muss sie Anreize bieten, d.h. eigentlich muss sie keine Anreize bieten, denn eigentlich sollte die Bundesregierung mit dem Arbeitsmarkt nicht viel zu tun haben. Dem ist aber nicht so, denn öffentliche Arbeitgeber beschäftigen mehr Deutsche als andere Arbeitgeber und die Steuerpolitik der Bundesregierung sorgt dafür, dass sich Bildung für Deutsche nicht lohnt. Dies zeigt eine Untersuchung von Mendolicchio und Rhein (2012).

In dieser Untersuchung wurden so genannte Mincer-Koeffizienten berechnet. Mincer-Koeffizienten setzen die Jahre, die Akteure in Bildungseinrichtungen verbracht haben und ihre Beschäftigungserfahrung  ins Verhältnis zum Lohn aus Erwerbsarbeit und geben somit an, um wie viel Prozent höher der Lohn durch ein zusätzliches in die Bildung investiertes Jahr ist. In Deutschland bringt ein zusätzliches Bildungsjahr Männern wie Frauen rund 5% mehr Einkommen.

Nun berücksichtigt der Mincer-Koeffizient nicht, wie hoch das Einkommen besteuert wird, d.h. wie deutlich Steuern den Bildungszugewinn, die Bildungsrendite wieder abschmelzen. Dies haben Mendolicchio und Rhein getan.

Dabei  zeigt sich, dass die Bildungsrendite, die für Männer und Frauen kaum Unterschiede aufweist und 5,32% bzw. 4,82% beträgt, durch die Steuerprogression mehr als komplett abgeschmolzen wird (Von der Bildungsrendite bleibt nach Steuer  für Männer noch -0.01% und für Frauen  -0.40% ). Anders formuliert: Die Steuerprogression in Deutschland schreckt vor dem Erwerb höherer Bildung ab, denn das Mehr an Einkommen, das höhere Bildung verspricht, wird vom Mehr an Steuer mehr als aufgefressen. Diese Wirkung der Besteuerung erklärt, warum die soziale Ungleichheit in Deutschland so stabil ist, wie sie ist: Zwar ist es Arbeiterkindern möglich, durch Bildung aufzusteigen und ein den Kindern aus der Mittelschicht vergleichbares Einkommen zu erzielen, doch wird diese Bildungsrendite komplett durch die Steuerprogression aufgezehrt. Dieser staatliche Entzug von Einkommen trifft Arbeiterkinder härter als Kinder aus der Mittelschicht bzw. Angehörige der Erbengeneration, die auf bereits vorhandenes Einkommen zurückgreifen und die (Zins-)Früchte daraus genießen können. Trotz sozialem Aufstieg der Arbeiterkinder über Bildung bleibt der Einkommensabstand zur Mittelschicht mindestens gewahrt. Abermals zeigt sich somit, wie hohl das politische Schwelgen in Begriffen wie “soziale Gerechtigkeit” doch ist.

Darüber hinaus produziert die Studie von Medolicchio und Rhein noch zwei bemerkenswerte Ergebnisse:

  • Obwohl Frauen in Deutschland deutlich weniger Arbeiten als Männer sind die Bildungsrenditen von Frauen und Männern kaum verschieden. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass sich Teilzeit-Arbeit ergänzt durch staatliche Subventionen in gleichem Ausmaß  rentiert wie Vollzeitarbeit.
  • Die Höhe von Arbeitslosengeld und das Elterngelt wirken sich negativ auf die Bildungsrendite aus, d.h. mit beidem geht ein Anreiz einher, die Nicht-Arbeit der Arbeit vorzuziehen.

Angesichts der zusammengestellten Ergebnisse kann man nur schließen, dass das Auftauchen des Wortes “Motivation” im Konzept des “Lernens im Lebenslauf” der Bundesregierung ein Versehen war (oder das Wort hat einfach zu gut geklungen, als dass es verzichtbar gewesen wäre). Meinte die Bundesregierung es nämlich ernst, mit der Motivation, sie müsste die Subventionierung von Eltern ebenso beenden wie sie Erbschaft verbieten müsste.

Epilog
Die Ergebnisse und Zusammenhänge, die ich der Untersuchung von Mendolicchio und Rhein entnommen habe, werden in der Studie zwar ausgewiesen, aber nicht interpretiert. Sie bleiben schlicht unerwähnt. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Autoren ihre Untersuchung unter die Überschrift “Wo sich Bildung für Frauen mehr lohnt als für Männer” gestellt haben, so dass die eigene Wahrnehmung, durch den genderistischen Frame wohl so starkt verzerrt wurde, dass viele interessante Ergebnisse ihrer Studie dem Langweiler “Geschlechtsunterschiede” weichen mussten.

Einen interessanten Beitrag, der am Beispiel deutlich macht, dass die Steuerprogression ein Studium unrentabel macht, habe ich hier gefunden.

Literatur:
Mendolicchio, Concetta & Rhein, Thomas (2012). Wo sich Bildung für Frauen mehr lohnt als für Männer.
Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB-Kurzbericht 5/2012.

Bildnachweis:
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