Unstimmigkeiten bei Wahl in Bremen: Wahlleiter nicht tragbar

Irgendwie denkt man, das amtliche Endergebnis einer Wahl sei ein richtiges Ergebnis, ein Ergebnis, in dem keine Fehler enthalten sind, schon weil Fehler und Fälschung in diesem sensiblen Bereich so nah beieinander liegen. Es sei ein Ergebnis, bei dem auf die Stimme genau ausgewiesen wird, wie viele Bürger sich für welche Parteien entschieden haben.

Landeswahlamt bremenDa Wahlen die Grundlage der repräsentativen demokratischen Systeme sind, ist diese Gewährleistung zwingend. Deshalb leisten sich der Bund und die Länder Wahlleiter mit entsprechender Ausstattung und entsprechenden Kosten, um sicherzustellen, dass die im Wahlergebnis berichtete Anzahl von z.B. 7.937 Stimmen, die in Bremerhaven für die AfD abgegeben wurden, auch genau der Anzahl tatsächlich für die AfD abgegebener Stimmen entspricht.

Tut sie aber nicht, wie das Verwaltungsgericht Bremen noch vor Weihnachten festgestellt und als Feststellung unter den Weihnachtsbaum des Landeswahlleiters gelegt hat:

Nach den Nachrechnungen der Verwaltungsrichter hat die AfD in Bremerhaven mindestens 110 Stimmen mehr als im amtlichen Endergebnis ausgewiesen. “Unstimmigkeiten bei den Zählvorgängen, … Unstimmigkeiten bei den absoluten Zahlen der abgegebenen Stimmen, … nicht nachvollziehbare Angaben in den Wahlniederschriften, … Divergenzen bei den Unterschriften, … nicht auffindbare Stimmzetteln und Stimmeingaben ohne Grundlage”, werden von den Verwaltungsrichtern als Unregelmäßigkeiten benannt.

Eigentlich ist das das vernichtendste Urteil, das man einem Landeswahlleiter ausstellen kann. Dessen Job besteht ja gerade darin, Vorkehrungen zu treffen, um Unstimmigkeiten, wie die genannten, und vor allem falsch ausgezählte Stimmen zu verhindern.

Nicht so in Bremen und Bremerhaven. Dort sagt der zuständige Landeswahlleiter Jürgen Wayand, dass die “Fehler durch Unachtsamkeit, Überforderung und Zeitdruck entstanden seien – so könnte zum Beispiel ein Schüler, der die Ergebnisse eingab, anstatt des AfD-Kürzels ‘Neunhundert’ ‘Einhundert’ verstanden haben.” Ein derartiges Missverständnis muss dann in 110 Fällen vorgelegen haben, wie die Verwaltungsrichter festgestellt haben und weil es nicht systematisch ist, wie Wayand behauptet, kann es nicht auf die AfD beschränkt sein.

Überhaupt ist Wayand der Ansicht, dass die Fehlerquote, die nach seiner Schätzung bei einem Fehler auf 2000 Stimmen liegt, im Rahmen des Normalen liege – jedenfalls im Rahmen des in Bremen Normalen.

Nun sind Abweichungen zwischen der Anzahl der tatsächlich abgegebenen Stimmen und der Anzahl der ausgewiesenen Stimmen immer eine Grundlage, auf der der Vorwurf der Wahlfälschung entsteht, der sich im vorliegenden Fall gegen Schüler aus Bremer Gymnasien richtet, die für die zu Lasten der AfD festgestellten Abweichungen verantwortlich sind.

Eine Wahlfälschung zu Lasten der AfD, wäre entsprechend das Ergebnis systematischer Fehlerfassung durch die Schüler, Wayand wäre als Landeswahlleiter der dafür Verantwortliche und hätte die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und sein Amt aufzugeben.

Vermutlich hat sich Wayand deshalb auf die Strategie versteift, die Fehlerfassung sei nicht das Ergebnis einer systematischen Fehlerfassung durch die Schüler, sondern das Ergebnis von “Fehlern” verursacht durch “Unachtsamkeit, Überforderung und Zeitdruck”.

Wir wollen nicht die Frage stellen, wie es sein kann, dass überforderte Schüler so wichtige Stimmen wie Wahlstimmen eingeben – ohne Kontrolle und ohne Nachprüfung (wieso überhaupt Schüler dafür rekrutiert werden), sondern die Behauptung von Wayand in ihrer ganzen Armseligkeit einmal ernstnehmen.

110 Stimmen hat das Verwaltungsgericht Bremen neben den bereits vorhandenen 7.397 Stimmen für die AfD in Bremerhaven gefunden. Das macht eine Fehlerquote von 1,39% (110/73,97).

Der Einfachheit halber gehen wir von 1,4% Fehlerquote aus.

Diese Fehlerquote, so Wayand, sei nicht systematisch, also nicht das Ergebnis einer Wahlfälschung. Wenn die Fehlerquote nicht systematisch ist, dann kann sie nicht auf die AfD beschränkt sein. Vielmehr müssen die 1,4% Fehler auch bei den Ergebnissen anderer Parteien auftreten.

Das hat zur Konsequenz, dass die Anzahlen der Stimmen aller Parteien, wie sie im amtlichen Endergebnis für Bremerhaven ausgewiesen sind, falsch sind.

Wahlbeobachter

Zudem hat die Behauptung von Wayand, dass die Fehler nicht systematisch zu Lasten der AfD gehen, zur Folge, dass die Fehler in beide Richtungen gehen können, also ein Zuviel und ein Zuwenig der ausgewiesenen Stimmen zur Folge haben können. Als Konsequenz könnte man keine absoluten Stimmen, die auf Parteien entfallen, im amtlichen Endergebnis mehr ausweisen, sondern müsste einen Bereich angeben, innerhalb dessen sich nach aller Wahrscheinlichkeit die richtige Anzahl von Stimmen, die auf die entsprechende Partei entfallen sind, befindet.

Wir haben dies für Bremerhaven einmal durchgespielt.

Bei der Landtagswahl im Mai 2015 in Bremerhaven entfielen auf

  • die SPD zwischen 53.478 und 54.996 Stimmen,
  • die Grünen zwischen 17.586 und 18.086 Stimmen,
  • die CDU zwischen 37.599 und 38.667 Stimmen,
  • die Linke zwischen 11.086 und 11.400 Stimmen,
  • die Bürger in Wut zwischen 10.189 und 10479 Stimmen,
  • die AfD zwischen 7.827 und 8.047 Stimmen.

Dass man, wie Wayand behauptet, in Bremen mit Fehlern bei der Stimmauszählung leben muss, hat zur Folge, dass die Besetzung der Bremer Bürgerschaft, die auf Grundlage der Stimmenzahl errechnet wird, nur im Kern fest sein kann.

Da die Anzahl der Stimmen, die auf die einzelnen Parteien entfallen sind, nicht genau feststellbar ist und ein Fehlerbereich für die tatsächliche Stimmenzahl in Bremen angegeben werden muss, müsste man eine Reihe von Abgeordneten aus allen in der Bürgerschaft vertreten Parteien rotieren lassen, dürfte sie nur an bestimmten Sitzungen und Abstimmungen teilnehmen lassen, um den Fehlern, die im amtlichen Endergebnis enthalten sind, Rechnung zu tragen.

Ob Herr Wayand diese Konsequenzen seiner Behauptung, bei Wahlen in Bremen komme es zu unsystematischen Fehlern, die eine Fehlerquote von 1,4% in Bremerhaven zur Folge haben (für Bremen wurde die entsprechende Quote bislang nicht ermittelt), bewusst sind?

Vermutlich nicht. In jedem Fall ist er als Landeswahlleiter nicht tragbar, denn seine Aufgabe besteht nicht darin, Fehlerwahrscheinlichkeiten bei der Auszählung zu berechnen, sondern darin, die entsprechenden Fehler zu verhindern. Wenn er dieser Aufgabe nicht gewachsen ist, muss er gehen.

Für die nächste Wahl in Bremen schlagen wir zudem die Entsendung von OECD-Wahlbeobachtern vor, um sicherzustellen, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht.

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Wissenschaflich gelöst: Das Geheimnis ewigen Lebens

Nach all den unsinnigen Studien, die wir über die letzten Monate hier besprechen mussten, ist es wohltuend, eine theoretisch wie empirisch gut gemachte Studie besprechen zu können, die gerade im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

Fiona F, Stanaway, Danijela GnjidicFiona M. Blyth, David G. Le CouteurVasi NaganathanLouise WaiteMarkus J. SeibelDavid J HandelsmanPhilip N. Sambrook und Robert G. Cumming, an der University of Sydney bzw. im North Shore Hospital Sydney beschäftigt, sind für eine Studie verantwortlich, die allen Regeln der wissenschaftlichen Methode entspricht und eine fundierte Grundlage für weitergehende Forschungen bereitstellt.

TombstoneAusgangspunkt der Studie ist ein Problem, das die Menschheit seit Anbeginn der Zeitrechnung bewegt: Wie entgeht man dem Tod bzw. konkreter: Wie kann man dem Sensenmann ein Schnippchen schlagen? Eine Reihe von Voruntersuchungen hat in dieser Hinsicht einen Zusammenhang erbracht, der so interessant ist, dass die Antwort auf die ungelöste und Jahrtausende alte Frage endlich im Rahmen des Möglichen erscheint.

Es gibt einen gut belegten Zusammenhang zwischen der Laufgeschwindigkeit und der Todeswahrscheinlichkeit: Je langsamer Menschen laufen, desto höher ist ihre Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Diesen gut belegte Befund haben Stanaway und Co-Autoren genutzt, um eine mutige Antizipation zum Ausgangspunkt ihrer Forschung zu machen: Schnellere Laufgeschwindigkeit, so ihre Hypothese, ist eine Möglichkeit, dem Sensenmann zu enteilen.

Doch wie schnell läuft der Sensenmann? Was ist seine durchschnittliche Geschwindigkeit, die man überbieten muss, um ihm zu enteilen?

1705 Männer im Alter von 70 Jahren und mehr haben dabei mitgeholfen, die Antwort auf diese Frage zu finden. Auf einer Strecke von 6 Metern wurde für die Männer ihre mittlere Laufgeschwindigkeit bestimmt. Sie beträgt 0,88 Meter pro Sekunde. Dann wurde die gesundheitliche Entwicklung der Männer über die nächsten 59,3 Monate verfolgt.

266 der Männer sind im Zeitraum dieser 59,3 Monate gestorben, so dass die von Stanaway und Co-Autoren durchgeführten Kurvenanalysen einen eindeutigen Wendepunkt bestimmen konnten, ab dem sich die Todeswahrscheinlichkeit im Verhältnis zur Geschwindigkeit reduziert: 0,82 Meter pro Sekunde!

Grim Reaper sitting

Never sit down!

Wer schneller als 0,82 Meter pro Sekunde läuft, hat eine um den Faktor 1,23 geringere Wahrscheinlichkeit, zu sterben als jemand, der langsamer als 0,82 Meter pro Sekunde läuft. Im Einklang mit der theoretischen Fragestellung und der Ausgangshypothese bedeutet dieses Ergebnis: Der Sensenmann ist mit einer durchschnittlichen Grim walking speed.mediumGeschwindigkeit von 0,82 Metern pro Sekunde unterwegs: Wer ihm dauerhaft enteilen will, muss Zeit seines Lebens eine Laufgeschwindigkeit von mindestens 0,83 Metern pro Sekunde einhalten. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will und verhindern will, vom Sensenmann eingeholt zu werden, für den empfiehlt sich eine Laufgeschwindigkeit von 1,36 Metern pro Sekunde, also ca. 5 Stundenkilometer: “no men walking at speeds of 1.36 m/s (…) or above were caught by Death (n = 22; 1,4%)” (Stanaway et al., 2015: 1283).

Nachtrag

Angesichts der journalistischen Katastrophe, die sich vor einem Jahr im Zusammenhang mit der Male Idiot Theory eingestellt hat, weisen wir an dieser Stelle darauf hin, dass die von uns besprochene Studie in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal erschienen ist, die in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes ist.

Stanaway, Fiona F. et al. (2015). How fast does the Grim Reaper walk? BMJ British Medical Journal 343(7837): 1282-1283.

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Bertelsmann kann auch Junk-Science: Wählen ab 16

Vor Jahren hat Dr. habil. Heike Diefenbach den Begriff “Fleischwolf-Methode” geprägt, um damit Forschung zu charakterisieren, bei der Forscher oder solche, die es gerne wären, vorne etwas hineinstecken (z.B. als Prämissen) und sich dann freuen, wenn es hinten in derselben oder in ähnlicher Weise herauskommt.

Die Fleischwolfmethode, sie eignet sich insbesondere dazu, vermeintlich wissenschaftliche Studien als Legitimation für das zu missbrauchen, was man gerne als Ergebnis, nunmehr wissenschaftlich legitimiert, an den Mann bringen will.

Waehlen ab 16“Wählen ab 16” ist ein solches Unterfangen, eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die zeigen soll, dass eine Absenkung des Wahlalters sich dazu eignet, die Wahlbeteiligung dauerhaft zu erhöhen.

Warum sollte man Jugendliche, die noch nicht als mündig gelten, wählen lassen? Das ist die erste Frage, die wir hier stellen und Maria Droop von der Pressestelle der Bertelsmann-Stiftung beantworten lassen wollen:

“Die Absenkung des Wahlalters ist zur langfristigen Steigerung der Wahlbeteiligung entscheidend, da 16-Jährige noch stark in schulischen und familiären Strukturen verankert sind, in denen sich durch Bildungsmaßnahmen politisches Interesse aktivieren lässt.”

So unbeabsichtigt offene Worte findet man selten: Es geht also darum, 16jährige in Schule und Familie so zu beeinflussen, dass sie wählen gehen (aus freien Stücken versteht sich). Die noch nicht vorhandene Mündigkeit von 16jährigen soll also dazu ausgenutzt werden, um über PR-Kampagnen in Schulen Stimmung für das Wahlspektakel zu machen.

Man beachte das völlige Fehlen eines demokratietheoretischen Arguments, das z.B. darin bestanden hätte, die politische Mündigkeit von 16jährigen ins Feld zu führen, um damit eine Absenkung des Wahlalters zu begründen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Unmündigkeit von 16jährigen, ihre Beeinflussbarkeit in Schule und Familie wird zum Argument, das Wahlalter abzusenken. Das Ziel ist gerade nicht der mündige Wähler, sondern die Erhöhung der Wahlbeteiligung, um die politische Klasse besser legitimieren zu können. Die Mittel zu diesem Zweck sind egal.

Eigentlich müssten Demokratietheoretiker, sofern es sie auf den Lehrstühlen der Politikwissenschaft noch gibt, heulend durch die Republik laufen, ob der offenen Art und Weise, mit der hier gesagt wird: Es geht bei Wahlen nicht darum, mündige Bürger über die Wahlvorschläge und -programme der Parteien abstimmen zu lassen, sondern darum, so viel wie nur möglich Wahlhammel an die Urne zu treiben, damit das politische System legitimiert wird.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Und als wäre dies nicht schon schlimm genug, findet sich in der Studie der Bertelsmann-Stiftung noch ein Kapitel, das mit: “Kohortenanalyse der Wahlbeteiligung in Deutschland – Ergebnisse einer Simulationsrechnung 2017–2049” überschrieben ist.

Simuliert werden soll der Effekt einer Wahlbeteiligung von 16jährigen auf zukünftige Wahlbeteiligungen:  Ein Unterfangen mit Unbekannten auf beiden Seiten der Gleichung, sowohl bei den unabhängigen als auch bei den abhängigen Variablen, denn: 16jährige dürfen bislang nur in Hamburg, Brandenburg und Bremen bei Kommunalwahlen wählen und entsprechend fehlen die Informationen, die man zur Berechnung der Effekte einer Wahlbeteiligung von 16jährigen auf die Gesamtwahlbeteiligung benötigt.

Was macht man, wenn man simulieren will, wie sich etwas, was man nicht kennt, auf etwas auswirkt, was man auch nicht kennt?

Man macht Annahmen. Solche zum Beispiel:

    1. Basisszenario: Ab 1990 Geborene haben die gleiche Wahlbeteiligung wie die 1980er Kohorte.
    2. Demobilisierungsszenario 1: Ab 1990 Geborene haben eine um zehn Prozentpunkte niedrigere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    3. Demobilisierungsszenario 2: Ab 1990 Geborene haben eine um 20 Prozentpunkte niedrigere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    4. Mobilisierungsszenario 1: Ab 1990 Geborene haben eine um zehn Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    5. Mobilisierungsszenario 2: Ab 1990 Geborene haben eine um 20 Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.

Und wenn man solche Annahmen macht, dann ergibt sich das folgende Simulations-Ergebnis:

Bertelsmann Waehlen ab 16

So, und jetzt wundern wir uns gemeinsam darüber, dass die Linien den gemachten Annahmen entsprechen.

  • Rote Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 20% geringere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Gelbe Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 10% geringere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Blaue Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten dieselbe Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Hellblaue Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 10% höhere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Grüne Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 20% höhere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;

Das ist die Fleischwolf-Methode!

Das Ergebnis in Kurzform: Wenn sich viele 16jährige an der Wahl beteiligen, dann ist die Wahlbeteiligung höher und wenn sich mehr 16jährige Erstwähler an der Wahl beteiligen als 18jährige Erstwähler dies derzeit tun, dann ist die Wahlbeteiligung noch höher als hoch.

Dieses triviale Ergebnis hätte man natürlich auch durch gesunden Menschenverstand gewinnen können, denn, dass eine Beteiligung an etwas höher wird, wenn sich mehr daran beteiligen, das ist eigentlich offensichtlich, aber genau deshalb für die Zwecke der Manipulation nicht gebrauchbar.

Will man Menschen manipulieren, ihnen vormachen, hinter der Fassade wäre mehr als die Vorspiegelung einer Fassade, dann braucht es Begriffe wie Kohortenanalyse und Simulation, wobei Simulation eigentlich insofern angebracht ist, als hier nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit simuliert wird, sondern auch ein Ergebnis vorgegaukelt wird.

Aber: Der Zweck heiligt die Mittel, und der Zweck, der besteht darin, Bürgern eine Absenkung des Wahlalters schmackhaft zu machen. “Simulation in Bertelsmann-Studie zeigt: Wählen ab 16 wirkt sich langfristig positiv auf Wahlbeteiligung aus”, so werden die Schlagzeilen in den Medien lauten und niemand wird sich daran stören, dass die Simulation zeigt, dass dann, wenn sich mehr 16jährige an der Wahl beteiligen als 18jährige dies derzeit tun, sich nicht nur mehr an der Wahl beteiligen, sondern auch die Wahlbeteiligung steigt.

Fliegende_BlaetterUnd natürlich wird niemand darauf hinweisen, dass diese positiven Errungenschaften der erhöhten Wahlbeteiligung nur dann erreicht werden können, wenn es gelingt, “mit gezielten Maßnahmen zur Mobilisierung der Erstwähler”, Wählen ab 16 “zum Erfolg zu machen”. Denn wie gesagt: 16jährige sind in Schule und Familie noch beeinflussbar. Sie sind nicht mündig. Und diese Chance, nicht mündige und leicht beeinflussbare Kinder an die Wahlurne zu treiben, damit sie dort ein Kreuz machen, die dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Und man kann die Mobilisierungsmaßnahmen schon vor seinem geistigen Auge sehen:

Wählen ist cool!

Die Wahlapp gesponsert von den Linken: 10% der Wahlkampkostenerstattung Deiner Stimme werden für mildtätige Zwecke eingesetzt (z.B. Hafterleichterung für Molotow-Max).

Niklas machts bereits. Laura machts bereits. Sei kein Frosch und machs auch: dein Kreuz bei der richtigen Partei.

Wählen ohne Akne: Wer wählen geht, bekommt eine Tube Clearasil umsonst.

10% Discount auf Zahnspangen für Erstwähler.

Und so weiter…

Damit sind Wahlen vom Akt der Kundgabe politischer Meinung, von der einzigen Form politischer Einflussnahme für die meisten Bürger zu einem Ritual verkommen, dessen Zweck den Massendemonstrationen in der DDR vergleichbar ist, und wie damals laufen die leicht beeinflussbaren Kinder der FDJ am Anfang der Demonstration, die zur Legitimation der Machthaber dient, nicht zur Formulierung eines eigenständigen politischen Willens..

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Gesetzliche Rentenversicherung: Ein schlechtes Geschäft – vor allem für Männer

Holger Lüthen hat im Wochenbericht des DIW die Verzinsung von Rentenbeiträgen für die Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 berechnet. Das Besondere an seiner Analyse besteht darin, dass die Berechnung auf Grundlage tatsächlicher Erwerbsverläufe und tatsächlicher Rentenbezüge erfolgt ist. Möglich macht dies der der Wissenschaft zur Verfügung stehende Teil der Versicherungskontenstichprobe, in dem Daten für 55% bis 73% der Rentner der Jahrgänge 1935 bis 1945 zur Verfügung stehen.

Das Ergebnis der Berechnung, die u.a. auf den tatsächlichen Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung, der tatsächlichen Höhe der Rentenbezüge, der Überlebenswahrscheinlichkeit sowie bei Heirat der Sterbewahrscheinlichkeit des Partners des jeweiligen Rentners basiert, ist nicht sonderlich überraschend:

  • Government helpDie Rendite der Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung ist für Männer deutlich geringer als für Frauen.
  • Vor der Rentenreform von 1992, die den Rentenbezug vor Erreichen des Regelalters mit einem Abzug von 0,3% pro Monat, der vorzeitig in Rente gegangen wird, belegt hat, erreichen Männer der Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 eine Rendite von 2,4%, Frauen eine Rendite von 5,2%. Nach der Rentenreform von 1992 sinkt die Rendite auf 1,2% für Männer und 3,7% für Frauen.

Dass Frauen einen höhere Rendite erreichen als Männer hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass sie geringere Beiträge zur Gesetzlichen Rentenversicherung leisten, eine höhere Lebenserwartung haben als Männer und Begünstigungen aufgrund leistungsfremder Kriterien erhalten. Dass Frauen durch die Rentenreform von 1992 offensichtlich abermals besser gestellt wurden als Männer ergibt sich daraus, dass bei weitgehend unverändertem Unterschied in der Lebenserwartung von Männern und Frauen die Rendite von Männern vor der Rentenreform von 1992 um das 2,2fache geringer ausgefallen ist als die von Frauen, nach der Rentenreform ist die Rendite von Männern um das 3,1fache geringer als die Rendite von Frauen.

Was Politiker unter Gleichstellung verstehen, dürfte damit hinreichend klar sein.

Nun hat Lüthen diese Ergebnisse für die Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 errechnet und somit für Geburtsjahrgänge, die mit vergleichsweise geringeren Rentenbeiträgen konfrontiert waren als dies derzeit der Fall ist und die darüber hinaus eine höhere Wahrscheinlichkeit, auf eine 45jährige ununterbrochene Muster-Erwerbstätigkeit haben.

Was folgt vor diesem Hintergrund für Geburtsjahrgänge nach 1945, z.B. für die Babyboomer der Jahre 1960 bis 1970?

Die Antwort auf diese Frage gibt Lüthens zwar nicht, aber er gibt ein Beispiel für Euphemismus, der sich in seiner ganzen politischen Korrektheit selbst ad absurdum führt:

DIW Rente“Der Bericht zeigt weiterhin die Auswirkungen einer Rentenreform, die Abschläge auf den vorzeitigen Renteneintritt einführte (1992). Diese Reform macht allerdings – in Abhängigkeit von den getroffenen Annahmen – nur einen Anteil des Rückgangs [der Rendite] von 20 bis 30 Prozent aus; der weitaus größere Teil wird durch gestiegene Rentenbeiträge verursacht. Da nicht zu erwarten ist, dass die Beiträge in Zukunft stark sinken werden, ist davon auszugehen, dass der Trend hin zu sinkenden Renditen weiter anhält. Dennoch ist die Rentenversicherung nicht als schlechtes Geschäft anzusehen, da Risiken wie Langlebigkeit und Erwerbsminderung einer Versicherung bedürfen, die verlässlich ausschüttet. Die Verzinsung sollte allerdings nicht zu stark sinken (zum Beispiel stark negativ werden), da ansonsten Ausweicheffekte (das heißt die Vermeidung versicherungspflichtiger Tätigkeit) drohen, die die Verzinsung noch weiter absenken könnten.”

Die sinkenden Rentenrenditen, so das Ergebnis von Lüthen, sie werden vornehmlich durch das Verhältnis von Einzahlung und Auszahlung bedingt. Je mehr man einzahlt und je weniger man herausbekommt, desto geringer die Rendite. Da die Beiträge gestiegen sind, die Rentenauszahlung aber gesunken ist, seit die Jahrgänge, für die Lüthens zu einer Rendite von 1,2% für Männer und 3,7% für Frauen gekommen ist, in Rente gegangen sind, muss man keine komplexen Rechnungen ausführen, um vorhersagen zu können, dass sich eine gesetzliche Rentenversicherung mindestens für Männer nicht mehr rechnet, dass Männer eine negative Rendite erwirtschaften.

DIW Rente VerzinsungImplizit sagt dies auch Lüthens, denn “Risiken wie Langlebigkeit und Erwerbsminderung” sind weiterhin ausreichend durch die gesetzliche Rentenversicherung abgedeckt, wie er befindet: Männer sterben im Durchschnitt fünf Jahre eher als Frauen. Ihr Risiko, lang zu leben, ist entsprechend geringer. Und dass eine Rentenversicherung diejenigen bestraft, die ihr Erwerbsleben ohne erwerbsminderung hinter sich gebracht haben, die entsprechend ihr Erwerbsleben lang volle Rentenbeiträge geleistet haben, um sich im Alter, was die Rendite angeht, schlechter zu stellen als diejenigen, die weniger einbezahlt haben, die Auszeiten für Kindererziehung und sonstige Privatvergnügen genommen haben, das mit angeblicher Rentengerechtigkeit stimmig zu bekommen, ist eines der Kunststücke, zu dem nur Deutsche fähig sind.

In den meisten anderen Ländern wäre längst real, was Lüthens fürchtet: Ausweicheffekte, eine Schattenwirtschaft, die dem Staat die Beiträge entzieht, die er nutzt, um die konstanten Beitragszahler im Vergleich zu den nicht konstanten Beitragszahlern schlechter zu stellen.

Es ist kaum mit der Idee einer Rentenversicherung zu vereinbaren, dass diejenigen, die relativ mehr einzahlen sich im Alter relativ schlechter stellen als diejenigen, die relativ weniger eingezahlt haben. Eine solche Form der Umverteilung kann nur der gut finden, der davon profitiert, wie dies Politiker tun, deren Rentenansprüche weitgehend unabhängig von der Anzahl der Jahre sind, die sie im Bundestag abgesessen haben.

Die Ergebnisse von Lüthens sind übrigens inflationsbereinigt!

Deutschland pervers

Wie wär’s mit einer Definition aus Wikipedia:

“Perversion (von lat. perversus ‚verdreht‘, ‚verkehrt‘) bezeichnet eine Verkehrung ins Krankhafte oder Abnorme bzw. ein dementsprechendes Empfinden und Verhalten.”

Perverses Verhalten kann somit weitläufig als von der Norm, der Normalität abweichendes Verhalten definiert werden. In der Soziologie wird das Adjektiv “pervers” auch genutzt, um z.B. Effekte von Handlungen zu beschreiben, die unbeabsichtigt, der ursprünglichen Intention des Handelnden entgegengesetzt sind.

Wir benutzen den Begriff Perversion in der beschriebenen Art und Weise.

Wir benutzen ihn deshalb, weil er geeignet ist, um etwas zu bezeichnen, was aus unserer Sicht derzeit in Deutschland gesellschaftlich vollkommen in die falsche Richtung läuft. Wir illustrieren dies an einem Beispiel aus Düsseldorf.

In Düsseldorf, so berichtet u.a. der WDR, da gibt es einen Biergarten mit dem Namen “Sonnendeck”. Seit Anfang der Freiluftsaison ist der Sandbereich des Biergartens für Kinder geschlossen. Er ist geschlossen, weil Eigentümer Patrick Weiss nicht mehr zusehen will, wie Kinder in seinem Biergarten Sandschlachten ausführen, Aschenbecher umkippen, Gläser vergraben oder Heul-Arien singen. Kurz: Er will sich nicht mehr durch Kinder schädigen lassen und die Gäste, die nicht in einen Biergarten kommen, um dort dem Treiben von Kindern ausgeliefert zu sein, schützen.

Das ist legitim. Weiss ist Eigentümer des Biergartens und als solcher Hausherr und niemand kann ihn dazu zwingen, sich sehenden Auges Probleme mit Eltern aufzuhalsen, “die ihre Kinder nicht im Griff” haben.

childfree zoneDie Begebenheit aus Düsseldorf würde in anderen Ländern dazu führen, dass darüber diskutiert wird, warum Eltern ihre Kinder nicht im Griff haben, was schief läuft an Erziehung, wenn es normal geworden ist, dass Kinder sich in öffentlichen Plätzen wie zuhause aufführen (sich überhaupt aufführen wie beschrieben), übermäßige Externalitäten für Dritte produzieren, fremdes Eigentum beschädigen und alle, die in Ruhe in einem Biergarten sitzen wollen, durch ihre Anwesenheit terrorisieren.

Man würde sich fragen, ob die Eltern der entsprechenden Kinder dieselben nicht erziehen können oder nicht erziehen wollen, was im ersten Fall den Schluss nahelegt, dass die Eltern auf der geistigen Entwicklungsstufe ihrer Kinder verblieben sind, im zweiten Fall, zu dem Schluss führen muss, dass sie ihre Kinder gezielt einsetzen, um Externalitäten für Dritte zu produzieren, fremdes Eigentum zu beschädigen oder zu zerstören und ihre Umwelt zu stören und ihren Mitmenschen den Tag zu vergällen.

Vermutlich würde man sich fragen, was Kinder überhaupt in einem Biergarten zu suchen haben, wenn sie sich nicht benehmen können und, ja, über kurz oder lang würde man bei der Frage des Benehmens ankommen, dessen der Kinder und der Eltern und zu dem Schluss, dass dem Wirt aus Düsseldorf nicht viel anderes übrig geblieben sein kann, als diejenigen, die seine anderen Gäste stören und sein Eigentum beschädigen, auszuschließen.

Und dann würde man sich auf den Weg in den Biergarten von Patrick Weiss machen, in jene kinderfreie Oase der Ruhe und des Friedens, um ein Bier zu genießen.

Nicht so in Deutschland.

Hier wird über den Wirt hergefallen.

Hier wird er zum Gegenstand eines Shitstorms, muss sich verteidigen, dafür, dass er sein Eigentum und seine Gäste vor Übergriffen schützen will. In Deutschland wird sofort mit der Kanone “Kinderfeindlichkeit” versucht, die zarte Pflanze des Bemühens, Benehmen und Anstand im öffentlichen Raum durchzusetzen, zu erschießen. Denn Kinderliebe, so die völlig perverse Prämisse derer, die über Patrick Weiss herfallen, Kinderliebe bedeute, dass man Kinder toben lasse, ihnen alles durchgehen lasse, sich mit ihnen gemein mache in der Ignoranz und in den Übergriffen auf Dritte und deren Eigentum.

Das hat mit Kinderliebe jedoch überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: Es ist Erziehungsverweigerung aus Unfähigkeit oder Unwilligkeit, wie dies oben bereits beschrieben wurde. Es ist eine Form der Vernachlässigung, deren Ergebnis lebensunfähige infantile gemessen am Alter Erwachsene sein werden, die vollkommen unfähig zu Empathie, Interaktion, Reziprozität, Respekt gegenüber und Rücksicht vor anderen, zu all den Notwendigkeiten sind, die allein es garantieren, dass eine Gesellschaft Bestand haben kann.

Und weil es für MItglieder einer Gesellschaft nicht normal sein kann, die Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens in dieser Gesellschaft, also Emapthie, Interaktion, Reziprozität, Respekt und Rücksicht, mutwillig oder auch nur aus Unfähigkeit zu zerstören, deshalb ist der Titel “Deutschland pervers” angemessen.

Ist Bremen noch Deutschland? Bremer SPD will richtiges Wahlergebnis durch Reform sicherstellen

Ein Leser von ScienceFiles hat uns auf ein Interview im Weser Kurier hingewiesen und netterweise dazu geschrieben, dass Björn Tschöpe, der dort interviewt wird, der Fraktionsvorsitzende der SPD in der neuen Bremer Bürgerschaft ist.

Was gibt es sonst noch von Björn Tschöpe zu wissen? Von Beruf ist er Rechtsanwalt. Er ist nicht mobil, sondern von Geburt an in Bremen.

Ja – und er hat das mit der Wahl nicht verstanden.

Bjoern TschoepeTschöpe meint nämlich, eine Wahl sei dann eine richtige Wahl, wenn so gewählt wird, wie er das für richtig hält. Wird anders gewählt, dann muss das Wahlrecht geändert werden. Das ist der Tenor eines Beitrags im Weser Kurier, in dem sich Wigbert Gerling, der wohl als Redakteur beim Weser Kurier beschäftigt ist, auf das Stellen von Fragen beschränkt und Tschöpe auf das Geben von Antworten und egal, welchen Hammer der SPD-Rechtsanwalt von sich gibt, Gerling nimmt es unkommentiert zur Kenntnis, stellt seine nächste Frage, so als wäre nichts gewesen.

Und als Beobachter aus der Ferne fragt man sich: Gehört Bremen noch zu Deutschland?

Oder ist Bremen eine antidemokratische Exklave, in der jahrzehntelange Vetternwirtschaft und Inzucht dazu geführt haben, dass nicht nur jegliches Bewusstsein für Demokratie verschwunden ist, sondern auch jedes Bewusstsein für Vetternwirtschaft.

Nur zum Beispiel:

Björn Tschöpe zur Frage der geringen Wahlbeteiligung, die etwas mehr als 50% bei der letzten Bürgerschaftswahl betragen hat:

“Vorab: Der Rückgang der Wahlbeteiligung hat sicher vielfältige Gründe, und auch wir müssen uns fragen: Erreichen wir mit unserer Politik die Leute?

Beantworten, indes, müssen “wir”, also die Tschöpes im Pluralis Majestatis diese Frage nicht, und überhaupt: Wahlbeteiligung, pfff, es gibt wichtigers, nämlich und in direktem Anschluss an die Frage, die Tschöpe an sich und seine anderen gestellt hat:

“Aber zu Ihrer Frage zum Wahlverfahren: Eindeutig ja! Unter anderem Frauen werden durch das bisherige System strukturell benachteiligt. Beispielsweise wurden bei der SPD, obwohl diese abwechselnd Frauen und Männer auf ihrer Liste aufgestellt hat, von 30 Abgeordneten nur neun Frauen gewählt, Offenbar bekommen Frauen seltener Stimmen, die unmittelbar an ihre Person gekoppelt sind.”

Wir haben diesen Absatz mehrfach gelesen. Er steht so im Weser Kurier.

Ein angeblich demokratischer Abgeordneter, der Wähler repräsentieren soll, ist also der Meinung, wenn nicht mindestens soviel Frauen gewählt werden wie Männer, dann sind Frauen strukturell benachteiligt, dann ist das Wahlrecht zu ändern.

Man kann das innovativ nennen.
Man kann es dumm nennen.
Nur eines kann man es nicht nennen: demokratisch.

Zur Erinnerung für alle, die es nicht mehr wissen: Der Witz bei Wahlen besteht darin, dass man wählen kann, was man wählen will. Entsprechend würde man, wenn vier Äpfel und vier Birnen zur Wahl stehen, und vier Äpfel und zwei Birnen gewählt wurden, als Demokrat schließen, dass unter den Wählern offensichtlich eine Präferenz für Äpfel und nicht für Birnen besteht. Nicht so Björn Tschöpe aus Bremen, von der SPD, der in die Bürgerschaft gewählt wurde, er schließt daraus, dass die Birnen “strukturell benachteiligt” sind.

Der Begriff der strukturellen Benachteiligung wird von Politikern gerne dann verwendet, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollen, aber dummerweise keine Idee haben, was sie eigentlich sagen wollen. Entsprechend ist alles, was ihnen nicht passt, Ergebnis einer strukturellen Benachteiligung von in diesem Fall Frauen. Wären Frauen tatsächlich strukturell benachteiligt, dann wären sie entweder davon ausgeschlossen, überhaupt zu kandidieren, sie dürften nicht wählen oder der Zugang zur Bremer Bürgerschaft wäre ihnen nur möglich, wenn ein Detektor keinerlei Lippenstift an ihnen feststellt. Dann wären sie strukturell benachteiligt. Da nichts davon zutrifft und auch ansonsten keine Spur einer strukturellen Benachteiligung festzustellen ist, muss man konstatieren: Björn Tschöpe hat keine Ahnung wovon er spricht – vielleicht ist er ja durch sein Jura-Studium strukturell benachteiligt, durch jahrelangen Ausschluss von gesundem Menschenverstand.

Aber: Nicht nur Tschöpe weiß nicht, wovon er spricht, auch Gerling, der ihn interviewt, scheint keine Ahnung zu haben, also widmet er den groben Unsinn der strukturellen Benachteiligung von Frauen, mit dem Tschöpe die Leser gerade zugemüllt hat, in einen “offenbar schweren Stand von Frauen” um und fragt: ob der offenbar schwere Stand der Frauen ein Vorteil für Männer sei?

Von einem Journalisten, der Ahnung und Berufsethos hat, hätte man eher die Frage erwartet: Herr Tschöpe, wenn Frauen nicht so viele Personenstimmen bekommen wie Männer, muss man dann daraus nicht vielmehr schließen, dass Bremer Wähler lieber Männer als Frauen wählen?

Und überhaupt, woher kommt die Fixierung auf Geschlecht, wieso denkt Tschöpe, die Wahl von Hans P. sei die Wahl eines Mannes, die Nichtwahl von Helga F die Abwahl einer Frau? Vielleicht sind die Wähler von den Fähigkeiten von Hans P., die in seinem Gehirn und nicht in in seinem Penis angesiedelt sind, überzeugt, während sie von Helga F. schlicht und ergreifend nichts halten, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht.

Wenn Björn Tschöpe mit dem Blick zwischen die Beine anderer Menschen durch die Welt geht, dann ist das sein Problem. Er sollte daraus aber nicht ableiten, dass Wähler zu keiner differenzierteren Betrachtungsweise der Welt in der Lage sind als er sie demonstriert.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, schwadroniert Tschöpe weiter Unsinns:

“… offensichtlich spielt auch das Lebensalter eine Rolle. Soweit nicht eine ethnische Gruppe mobilisiert werden kann, fällt auf, dass von den Personenstimmen vor allem Männer ab 45 aufwärts profitieren. Diese scheinen in besonderer Weise über Netzwerke zu verfügen, die sich für eine Personenwahl aktivieren lassen. Bei uns Sozialdemokraten fällt auf, dass trotz einer altersgemischten Listenaufstellung von den 30 Abgeordneten nur zwei im Alter unter 40 einziehen. Niemand kann ein Wahlrecht mit strukturellen Vorteilen für ältere Männer wollen.

Buergerschaft bremenDer Mann hat einen Knall – oder wie sonst soll man diese Vorstellung, dass das Ergebnis einer Wahl falsch ist, weil die Gruppe der Männer ab 45 offensichtlich mehr Stimmen erhalten hat als jüngere Männer oder Frauen werten? Was man aus dieser Tatsache schließen kann, ist: Männer ab 45 haben mehr Stimmen erhalten als andere und genau das, dass manche Kandidaten mehr Stimmen erhalten als andere Kandidaten, war doch das Ziel einer Wahl – oder?

Aber natürlich kann man problematisieren, dass die SPD mit 32,8% mehr Anteil an den Stimmen erhalten hat als die FDP mit 6,6% und dafür sorgen, dass bei der nächsten Wahl genauso viele Stimmen auf die FDP wie die SPD entfallen, denn niemand kann ein Wahlrecht mit strukturellen Vorteilen für die SPD wollen – oder? Es entspricht der Tschöpeschen Unlogik und sollte somit seine ungeteilte Zustimmung erfahren.

Schließlich: Björn Tschöpe ist 1967 geboren. Er ist somit älter als 45, gehört zu den strukturell bevorteilten Männern ab 45, die er ausgemacht hat. Wäre es da nicht konsequent, er würde sein Mandat niederlegen, um zumindest die von ihm gesehene strukturelle Ungerechtigkeit, die ihn nach seiner Ansicht ermöglich hat, zu beseitigen?

Letztlich kann man sich, wenn man derartigen antidemokratischen Unsinn liest, nur an den Kopf fassen und sich fragen: Sind die Menschen in Bremen anders als andere? Weniger intelligent? Weniger kognitiv ausgestattet? Mehr dumm? Oder sind das nur auf die zu, die die 50% wahlberechtigten Bremer, die gewählt haben, als repräsentativ für sich ansehen?

Die herbeigerechnete Armut grassiert wieder: Von Armutsgefährdung und von Demenzgefährdung

In Baden-Württemberg und Bayern gibt es die “niedrigste Armutsgefährdung”, so hat es das Statistische Bundesamt heute verkündet. Das ist schön.

Aber was bedeutet es?

Was ist eine Armutsgefährung?

DestatisUmgangssprachlich wird man eine Gefährdung wohl als eine Situation definieren, in der man mit einer Verletzung bedroht wird, etwa durch einen betrunkenen Autofahrer und genau so ist “Gefährdung” auch im Strafgesetzbuch definiert: Wer ein Auto führt, obwohl er zu betrunken oder zu bekifft ist, ein Auto zu führen oder wer sich im Verkehr grob verkehrswidrig und rücksichtslos verhält und deshalb Leib und Leben eines anderen gefährdet, der macht sich nach §315 einer Gefährdung des Straßenverkehrs schuldig. Zur Straßenverkehrsgefährdung bedarf es somit einer konkreten Gefahrensituation und der Handlung eines Gefährders.

Nicht so bei der Armutsgefährdung, die man z.B. als Ergebnis einer Handlung ansehen könnte, bei der ein Wegelagerer einen Händler überfällt und um sein Hab und Gut bringt,oder bei der man an den Finanzminister denken kann, der Steuern in einem Umfang erhebt, die die Besteuerungsopfer an den Rand oder in die Armut schicken. Man könnte an Famliengerichte denken, die Männer mit Armut nicht nur gefährden, sondern den Tatbestand der relativen Armut für viele per Urteil zur Unterhaltszahlung verwirklichen. Aber weder Finanzbeamte noch scheidungswillige Ehefrauen, Scheidungsrichter oder Wegelagerer werden als Armutsgefährder verfolgt. Vielmehr gibt es gar keinen Straftatbestand der Armutsgefährdung und keinen Armutsgefährder, die Armutsgefährdung ist vielmehr nicht existent.

Es gibt sie nicht in der wirklichen Welt. Sie schlägt sich, anders als die Straßenverkehrsgefährdung in keiner konkreten Handlung nieder, nein, die Armutsgefährdung ist eine statistische Kennzahl, extra vom Statistischen Bundesamt herbeigerechnet, um all denen, die mit der Bekämpfung von angeblich Armut ihren eigenen Unterhalt verdienen, eine Legitimation für ihr Dasein zu verschaffen.

Armutsgefährdung basiert auf dem Nettoäquivalenzeinkommen. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist schlicht die Summe der Haushaltseinkommen. Dazu zählen nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen (Statistisches Bundesamt, 2013: 159):

  • ArmutsgefaehrdungBundeslaenderEinkommen aus Vermietung und Verpachtung;
  • Familienleistungen (Kindergeld) und Wohnungsbeihilfen;
  • Sozialgeld, Sozialhilfe, bedarfsorientierte Grundsicherung;
  • regelmäßige Geldtransfers zwischen privaten Haushalten (Unterhaltszahlungen);
  • Zinsen, Gewinne aus Kapitalanlagen;
  • Einkünfte von Haushaltsmitgliedern unter 16 Jahren;

Zu diesen Haushaltseinkommen werden personenbezogene Einkommen addiert, also das, woran man – im Gegensatz zu den Mitarbeitern des Statistischen Bundesamts – in erster Linie gedacht hätte, wenn man an Haushaltseinkommen denkt:

  • Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit;
  • Gewinne aus selbständiger Tätigkeit;
  • Arbeitslosengeld I oder II
  • Alters- und Hinterbliebenenrente;
  • Krankengeld und Invaliditätsleistungen;
  • ausbildungsbezogene Leistungen;

Spannend, wie viele Posten aus Transferzahlungen bestehen…

Um das Nettoäquivalenzeinkommen zu berechnen, werden z.B. im Rahmen des Mikrozensus Mitglieder von Haushalten in Deutschland gebeten, für ihren Haushalt anzugeben, welche Einkommen das Haushaltseinkommen konstituieren. Da ein Haushalt aus einem, zwei, zehn, zwanzig Mitgliedern bestehen kann, ergibt sich die erste statistische Regelmäßigkeit, denn mit steigender Zahl der Haushaltsmitglieder steigt das Haushaltseinkommen. Schön zu sehen auf Seite 161 des Datenreports für das Jahr 2013, der Alleinerziehende mit 12.436 Euro im Jahr als die Gruppe ausweist, die das geringste Haushaltseinkommen zur Verfügung hat. Das ist auch kein Wunder, denn zum Haushaltseinkommen trägt maximal eine Person plus ggf. der Staat über Transferzahlungen oder ein zu Unterhaltszahlungen Verurteilter bei. Insofern ist es kein Wunder, dass das durchschnittliche Jahres-Haushaltseinkommen von Alleinerziehenden-Haushalten (12 436 Euro) unter dem Haushaltseinkommen von zwei-Erwachsenen-Haushalten (23 471 Euro) bleibt. Es wäre höchst seltsam, wäre dem nicht so.

Ausgehend von diesem Nettoäquivalenzeinkommen wird nun die so genannte Armutsgefährdung, die von niemandem direkt ausgeht, aber dennoch vorhanden zu sein scheint, berechnet, und zwar als 60% des Medians des Haushalts-Nettoäquivalenzeinkommens. Der Median ist eine statistische Größe, die eine gegebene Verteilung in zwei Hälften zu je 50% teilt. Im Jahre 2010 liegt der Median bei einem Haushaltseinkommen von 19.043 Euro, d.h. unterhalb und oberhalt von 19.043 Euro finden sich jeweils 50% der Haushalte.

Hui buhArmutsgefährdung liegt also bei  60% des Median-Nettoäquivalenzeinkommen vor. Warum? Warum nicht? Wir persönlich tendieren eher zu 57,77892%, aber 60% ist auch in Ordnung, schließlich hat das Ganze nichts mit der Realität zu tun, ist vielmehr ein Griff in die statistische Trickkiste, um einerseits eine vorhandene Verteilung, in diesem Fall die Verteilung des Nettoäquivalenzeinkommens in schicke Teile zu zerlegen und andererseits den Gutmenschen und unkritischen Journalisten etwas vorzuwerfen, auf das sie sich stürzen können. Erstere um vermeintlich Gutes zu tun, Letztere um einen Skandal oder eine bestürzende Ungerechtigkeit anprangern zu können.

Dazu bedarf es jedoch einer griffigen Zahl. Und deshalb liefert das Statistische Bundesamt den Anteil derjenigen, die insgesamt und in Subgruppen unterhalt oder genau auf dem 60%-Schnittpunkt des Median-Äquivalenzeinkommens der Haushalte liegen, der als Armutsgefährdung definiert wurden (wie gesagt, wir sind für 57,77892%, aber das ist natürlich nicht so griffig wie 60%).

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass alle Haushalte mit demselben Gewicht in die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens eingehen. Egal, ob die Haushalte aus zwei Erwerbstätigen, einem Rentner mit Enkel, einer nicht arbeitenden Mama mit vier Kindern den entsprechenden Transfereinkommen und Hartz IV, aus einem Studenten oder einer Kommune mit sieben Mitgliedern besteht, die Einkommen werden zusammengeworfen, als ein Haushalt gezählt, durchgeschüttelt und dann wird verkündet:

  • In Bremen gibt es 23,1% Haushalte, die armutsgefährdet sind. Kein Wunder, wenn man die Bremer mit ihrer hinterher hinkenden Infrastruktur mit den reichen Hamburgern in einen Topf wirft.
  • Alleinlebende Männer sind zu 30,7% von Armut gefährdet, ein Fakt, der eher nicht so problematisiert wird und ebenso nicht verwunderlich ist, wenn man die Einkommen von Haushalten, in denen nur einer verdient, mit denen Einkommen von Haushalten, in denen zwei verdienen und der Staat die drei vorhandenen Kinder subventioniert, zusammenwirft.
  • 18 bis 24jährige sind zu 18,9% von Armut gefährdet. Angesichts des hohen Anteils von Studenten in dieser Altersgruppe, die im eigenen Haushalt leben, ebenfalls kein Wunder. Ebensowenig ist es ein Wunder, dass unter 18jährige, die im eigenen Haushalt leben, nicht das durchschnittliche Einkommen eines Pensionärshaushalts, mit dem sie verglichen werden, erreichen.

Kurz: Armutsgefährdung ist ein statistisches Spielzeug, das über die Realität überhaupt nichts aussagt, bestenfalls sagt es aus, dass der Intellekt derer, die ständig Armutsgefährdung im Mund führen, in hohem Maße durch Demenz gefährdet ist, ebenso wie die Lauterkeit der Statistiker, die die Armutsgefährdung regelmäßig berechnen in ständiger Gefahr steht, vollständig zu verschwinden.

Down-Breeding: Kinderkriegen als Beruf – Kinder als Ressource

Es ist an der Zeit, den Begriff des Down-Breedings aus der ideologischen Ecke zu holen, in die er in jüngerer Zeit geraten ist und ihn zu definieren:

Wir definieren down-breeding als Ergebnis einer Anreizsstruktur, die es Personen, die sich aus eigener Kraft keine Kinder leisten können, erlaubt, den Kinderbesitz zum Ersatzberuf zu machen und von anderen finanzieren zu lassen. Down-breeding verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es regelmäßig diejenigen sind, die für entsprechende Anreize empfänglich sind, die über nicht genug Humankapital verfügen, um eine berufliche Karriere zu machen oder die zwar über genug Humankapital verfügen würden, aber keine Lust haben, ihr eigenes Leben selbst finanziert zu leben.

MPI demographicUnd jetzt ist es an der Zeit, ein gutes Working Paper aus dem Max Planck Institut für demographische Forschung in Rostock, das die Autoren wohl aus Sicherheitsgründen in englischer Sprache verfasst haben, vorzustellen – Titel: Socioeconomic Differences in the Unemployment and Fertility Nexus: A Comparison of Denmark and Germany. Autoren: Michaela Kreyenfeld und Gunnar Andersson.

Die beiden Autoren untersuchen also den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Fertilität. Der gesunde Menschenverstand hätte noch vor 30 Jahren gesagt: Wer es sich nicht leisten kann, Kinder zu bekommen, z.B. weil er arbeitslos ist, der muss es lassen. Heute muss man, um zu sehen, ob der gesunde Menschenverstand noch zutrifft, Daten analysieren – die Daten des Sozio-ökonomischen Panels im vorliegenden Fall und für die Frage, wie die Produktion eines ersten, zweiten oder dritten Kindes mit Arbeitslosigkeit und Bildung zusammenhängt.

Die dargestellte Tabelle zeigt, wie die drei Variablen zusammenhängen:

Kreyenfeld_down breeding

Die Tabelle stellt das Risiko dar, dass die jeweiligen Befragten ein Kind in die Welt setzen. Das Risiko wird nach dem Bildungsstand (low, medium, high) und danach, ob ein Befragter arbeitslos oder erwerbstätig ist, differenziert, wobei diejenigen, die einer Arbeit nachgehen, als Referenzgruppe benutzt werden. Das bedeutet, dass Werte unter der 1 der Referenzgruppe ein geringeres Risiko, Kinder in die Welt zu setzen, angeben, während Werte über 1 ein höheres Risiko angeben. Sternchen geben an, welche Irrtumswahrscheinlichkeit mit den entsprechenden Werten verbunden sind (je mehr Sternchen, desto verlässlicher das Ergebnis).

Was die Tabelle zeigt ist mehrerlei:

  • Frauen mit hoher Bildung haben das geringste Risiko, bei Arbeitslosigkeit, ein Kind in die Welt zu setzen.
  • Frauen mit geringer und Frauen mit mittlerer Bildung, die nicht im Arbeitsmarkt sind (nicht arbeiten und nicht arbeitslos gemeldet sind), die keine Absicht haben, überhaupt einer Arbeit nachzugehen, haben ebenso wie Frauen mittlerer Bildung, die arbeitslos sind, ein relativ höheres Risiko, Kinder in die Welt zu setzen, als Frauen entsprechender Bildung, die einer Arbeit nachgehen.
  • Männer mittlerer Bildung, die arbeitslos sind, haben ein vergleichsweise geringeres Risiko, ein erstes oder ein zweites Kind in die Welt zu setzen als Männer mittlerer Bildung, die arbeiten.
  • Dagegen haben Männer mittlerer Bildung, die arbeitlos sind, ein deutlich höheres Risiko als Männer mittlerer Bildung, die arbeiten, ein drittes Kind in die Welt zu setzen.
  • Tendenziell lässt sich feststellen, dass Arbeitslosigkeit bei Frauen geringer oder mittlerer Bildung gegenüber den entsprechend gebildeten Frauen, die einer Arbeit nachgehen, das Risiko erhöht, Kinder in die Welt zu setzen.

Die Ergebnisse sind ein Beleg dafür, dass es für Frauen geringer und mittlerer Bildung möglich ist, Kinderbesitz als Surrogat einer berufliche Karriere zu inszenieren und Kinderbesitz zum Surrogat-Beruf zu machen. Die Ergebnisse sind zudem ein Beleg dafür, dass es der deutsche Wohlfahrtsstaat geschafft hat, Menschen, die sich Kinder nicht leisten können, zum Kinderkriegen anzureizen, weil sie sich durch die Kinder finanziell besser stellen oder, in den Worten von Kreyenfeld und Andersson: “How can we explain the patterns of elevated fertility among unemployed two-child fathers …? … Another, more likely explanation is that many of these men have poor labor market prospects, and intend to rely on social benefits when having children” (29-30).

Da es sich hierbei um Männer mit mittlerem Bildungsabschluss handelt, also mit wenigstens Realschulabschluss, muss man davon ausgehen, dass der deutsche Wohlfartsstaat es zwischenzeitlich nicht nur geschafft hat, Frauen mit geringer und mittlerer Bildung Anreize zu setzen, die es ihnen ermöglichen, dauerhaft dem Arbeitsmarkt fern zu bleiben und durch die Produktion von Kindern auf Kosten anderer zu leben, sondern dass die entsprechenden Fortpflanzungsanreize zwischenzeitlich auch bei Männern aus der Bildungs-Mittelschicht ihre Wirkung entfalten.

Es ist schon amüsant, wie deutsche Politker es schaffen, einerseits zu schwadronieren, dass es für Deutschland so wichtig sei, dass Frauen und Männer in gleicher Weise am Arbeitsmarkt teilnehmen, während sie andererseits alles tun, um Frauen und nun auch Männer mit Anreizen zum nicht-Arbeiten von eben dieser Teilhabe am Arbeitsmarkt abzuhalten. Entweder sind deutsche Politker schizophren oder sie sind opportunistisch oder sie sind schlicht dumm (kein ausschließendes “oder”).

Man darf gespannt sein, was den Berliner Künstlern der Sozialtechnologie als nächstes einfällt um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands in Frage zu stellen.

Bis dahin können wir nur zitieren, was Richard J. Herrnstein und Charles Murray in einem anderen Zusammenhang und im Bezug auf andere Variablen für denselben Effekt von Wohlfahrtsstaaten geschrieben haben:

Herrnstein Murray“We can imagine no recommendation for using the government to manipulate fertility that does not have dangers. But this highlights the problem: The United States already has policies that inadvertently social-engineer who has babies, and it is encouraging the wrong women. If the United States did as much to encourage high-IQ women to have babies as it now does to encourage low-IQ women, it would rightly be described as engaging in aggressive manipulation of fertility. The technically precise description of America’s fertility policy is that it subsidizes births among poor women, who are also disproportionately at the low end of the intelligence distribution. We urge generally that these policies, represented by the extensive network of cash and services for low-income women who have babies, be ended. The government should stop subsidizing births to anyone rich or poor. The other generic recommendation, as close to harmless as any government program we can imagine, is to make it easy for women to make good on their prior decision not to get pregnant by making available birth control mechanisms that are increasingly flexible, foolproof, inexpensive, and safe” (Herrnstein & Murray, 1994: 548-549).

In Deutschland ist man einen Schritt weiter und ermöglich es der Bildungs-Mittelschicht derzeit, sich ungestört von Fragen der Unterhaltssicherung und auf Kosten anderer fortzupflanzen, um dann an ihre Kinder ihr tiefes Wissen darüber, wie man sich eine Transferexistenz aufbaut und auf Kosten Dritter lebt, weiterzugeben.

Herrnstein, Richard J. & Murray, Charles (1994). The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life. New York: Free Press.

©ScienceFiles, 2014

Neue Forschungsergebnisse zeigen: Entweder Kinder oder Karriere

Gerade hat Dr. habil. Heike Diefenbach die Begriffe der “Vereinbarkeitsweiblichkeit” und der “Vereinbarkeitsmännlichkeit” getting-your-work-life-balancegeprägt. Vereinbarkeitsmännlichkeit bzw. Vereinbarkeitsweiblichkeit stehen für die Ansprüche, die der hegemoniale Staatsfeminsmus als Normalität an Männer und Frauen heranträgt, also den neuen Mann, der sich gefälligst mit einer Halbtagsstelle begnügt, um sich in der anderen Hälfte seiner Zeit, dem Nachwuchs zu widmen und der “emanzipierten” Frau, die so emanzipiert ist, dass sie ebenfalls der vorgegebenen Agenda folgt.

Ich schreibe “gerade”, denn das wackelige Gebäude der Vereinbarkeitsrhetorik, das Männern und Frauen einen Wunsch nach Nachwuchs als höchstes Ziel des Lebens einreden will, gemeinhin als Übernahme von Verantwortung getarnt, wird gerade durch eine interessante Untersuchung aus Kanada und erneut erschüttert. Die Autoren der Untersuchung, Lonnie W. Aarssen und Stephanie T. Altmann finden in ihren Daten Hiwneise auf die Existenz einer Kultur der Kinderfreien, die vor allem für Frauen ein entweder Karriere oder Kinder umfasst.

1.115 Studenten an einer Kanadischen Universität haben die beiden Forscher nach Lebenszielen wie “Kinder”, “Bekanntheit und Ruhm”, “Ideen entwickeln und Entdeckungen machen” und “andere mit den eigenen religiösen Ideen beeindrucken” gefragt. Die Befragten konnten auf einer Skala von 1 “stimme voll zu” bis 5 “stimme überhaupt nicht zu”, die Wichtigkeit einstufen, die sie dem einzelnen Item zuwiesen.

Child free zoneDie Ergebnisse der Forscher sind insofern interessant als sie nicht nur einen Blick auf die Wirklichkeitsrelevanz von Sozialforschung ermöglichen und auf die Interpretationswelt, in der manche Forscher leben, sondern auch darauf, dass sich eine Kultur der Kinderfreiheit unter Gebildeten nicht erst entwickeln muss. Es gibt sie nämlich längst.

Der Mittelwert des Kinderwunsches, den die befraten Frauen (764) und Männer (351) angaben, lag bei 2,2. Zwei Kinder ist also das Ziel der meisten Befragten. Nur 10% der befragten Frauen gaben an, überhaupt keine Kinder zu wollen. Beide Ergebnisse, die durchschnittlich 2,2 Kinder und die 10% bekennenden Kinderfreien gaben Aarssen und Altman zu denken, ist doch die Geburtenrate in Kanada mit 1,6 deutlich geringer als der angegebene Kinderwunsch und die Anzahl der kinderfreien Frauen im Alter zwischen 40 und 44 Jahren mit 18% deutlich höher.

Methoden emp soz forschungWie ist die Diskrepanz zu erklären? Die Antwort liegt für die meisten Sozialforscher auf der Hand und lautet “soziale Erwünschtheit”. Der Kinderwunsch, den Befragte zu Beginn ihrer fertilen Phase angeben, hat nichts mit der Anzahl von Kindern zu tun, die sie tatsächlich in die Welt setzen wollen oder werden. Er ist vielmehr ein Maß für gesellschaftliche Konventionen, denen die Befragten sich ausgesetzt fühlen und die sie verbal befriedigen zu müssen glauben.

Dass dem so ist, können Aarssen und Altman vor allem für Frauen zeigen, denen Bekanntheit, die Entwicklung von Ideen und das Machen von Entdeckungen, also Variablen, die man mit einer Karriere und einem Beruf assoziieren würde, wichtig sind. Je wichtiger die entsprechenden Ziele sind, desto geringer ist der Kinderwunsch. Daher ist es nicht schwierig vorherzusehen, wie die entsprechenden Frauen sich im Verlauf ihres Lebens entscheiden werden, nämlich für eine Karriere und gegen Kinder. Daran wird auch die so weit verbreitete Vereinbarkeitsrhetorik nichts ändern, denn die entsprechende Wahl ist, wie Aarssen und Altman betonen, eine Lebensstilwahl “many women …can now freely realize the lifestyle and life course goals that their maternal ancestors wished for …” (42).

Dieses unschuldig daherkommende Zitat ist für manche deutsche Ohren vermutlich Sprengstoff, denn es heißt zu Deutsch: Frauen wollen gar keine Kinder, weder aufgrund einer biologischen Disposition noch aufgrund sonstiger “typisch weiblicher” Eigenschaften. Die Entscheidung für Kinder, entspringt heute anderen Erwägungen und früher gab es die entsprechende Entscheidung nicht, da Verhütungsmittel nicht so leicht zu erhalten waren, wie dies heute der Fall ist. Noch anders formuliert: Es ist eine Gemeinheit der Natur, Fertilität als Folge von Sexualität zu konzipieren, so dass der Spass an Sex seit Millionen von Jahren den daran Beteiligten vergällt wurde.

Patriarchat_coverAarssen und Altman präsentieren indes eine eigene Interpretation für das Ergebnis, dass Frauen sich offensichtlich zwischen Karriere und Kindern entscheiden und eben nicht vereinbaren wollen. Für sie ist die Freiheit von Fertilität, die Frauen heute haben, durch das Verschwinden des Patriarchats veursacht, das Frauen über Jahrtausende zur Fertilität gezwungen hat. Nunmehr könnten sich Verhaltenspräferenzen durchsetzen, die “uniquely female” seien und die eben ein Leben ohne Kinder und Fertilität anstrebten.

Warum man die Existenz eines Patriarchats annehmen sollte und damit implizit behaupten, dass Männer an Fertilität und nicht an Sexualität ein größeres Interesse haben sollen, ist mir nicht nachvollziehbar. Vermutlich sahen sich Männer vor der Einführung von Verhütungsmitteln ebenso gewzungen wie Frauen, die Folgen von Sexualität zu akzeptieren.

Wie auch immer, die Daten, die Aarssen und Altman belegen die Existenz einer Kultur der Kinderfreiheit, die vor allem unter hochgebildeten und hochspezialisierten-Frauen verbreitet ist. Die Existenz dieser Kinderfreien-Kultur belegt zum einen, dass es keinen natürlichen Kinderwunsch gibt, denn, wie die Untersuchung von Aarssen und Altman zeigt, ist ein Kinderwunsch eine kulturelle Vorgabe, etwas, das Gesellschaften ihren Mitglieder aufoktroyieren, etwas, von dem sie sich erst emanzipieren müssen. Die Existenz der Kinderfreien-Kultur belegt zum anderen, dass alle Vereinbarkeitsrhetorik umsonst ist, denn bestimmte individuelle Ziele schließen sich aus: Entweder man strebt nach herausragenden Leistungen in seinem Beruf oder man hat Kinder.

Und die Männer? Nun, die 351 Männer, die an der Befragung der beiden Autoren teilgenommen haben, antworten, wie Generationen von Männern vor ihnen geantwortet haben. Sie legen großen Wert auf ihre Karriere und die damit verbundenen Ziele und Kinder, ja, Kinder, warum nicht? Letztlich zeigt sich auch bei Ihnen das Scheitern aller Vereinbarkeitsrhetorik, denn zumindest die 351 Männer, die von Aarssen und Altman befragt wurden, sind offensichtlich der Meinung, dass Kinder, selbst die, die sie vielleicht haben werden, mit ihnen nur am Rande etwas zu tun haben. Und abermals zeigt sich, wie verquer die Interpration mit dem Patriarchat doch ist, denn eines wird deutlich: Außerhalb der ideologischen Welten des Staatsfeminismus ist Männern Nachwuchs heute anscheinend so egal, wie er es in all den Jahrhunderten zuvor war – zumindest gibt es kein plausibles Argument warum man annehmen sollte, dass das, was sich heute messen lässt, von dem abweicht, was frührer war.

Aarssen, Lonnie W. & Altman, Stephanie T. (2013). Fertility Preferences Inversely Related to ‘Legacy Drive’ in Women, But Not in Men: Interpreting the Evolutionary Roots, and Future, of the ‘Childfree’ Culture. Open Behavioural Science Journal 6: 37-43.

Wird Sachsen-Anhalt zum Armenhaus in Deutschland?

DemographietypenDer demographische Wandel ist in vollem Gange: Die Bevölkerung Deutschlands wird nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamts (allerdings auf Basis veralteter Zahlen) bis zum Jahr 2030 auf rund 77,4 Millionen von derzeit rund 82 Millionen sinken (Da der neue Zensus gezeigt hat, dass in Deutschland schon heute rund 1,5 Millionen weniger Einwohner klumpen als angenommen, muss diese Prognose entsprechend angepasst werden.). Dabei zeigen sich regional durchaus unterschiedliche Entwicklungen, die die Bertelsmann-Stiftung dazu veranlasst haben, Kommunen in neun Demographietypen einzuordnen, die unterschiedlichen Schwächen und Stärken der jeweiligen Kommunen Rechnung tragen. Es ist sattsam bekannt, dass der demographische Wandel als Folge des Rückgangs bei Geburten und der steigenden Lebenserwartung eine immer älter werdende deutsche Bevölkerung produziert: “Die Hälfe der Bevölkerung wird im Jahre 2025 älter als 47 Jahre alt sein – in den ostdeutschen Bundesländern sogar älter als 53 Jahre. Im Jahr 2006 war noch jeder … Zweite jünger als 42 Jahre” (Große Starmann & Klug, 2009, S.5).

Mit diesem demographischen Wandel kommen eine ganze Reihe von Veränderungen auf Deutschland und vor allem auf Länder und Kommunen zu. Der Bevölkerungsrückgang lässt Systeme der Wasserver- und entsorgung, des öffentlichen Personennahverkehrs, lässt Kinder- und Jugendhilfe, Sozialamt und Schulen überdimensioniert werden. Und während immer weniger Beitragszahler die Kosten für Straßen, Wasserversorgung und ÖPNV zu tragen haben, streiten sich immer mehr Jugendhelfer und Sozialarbeiter um immer weniger Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Während vor allem ländliche Gebiete und eine Reihe von Städten wie Halle, Magdeburg, aber auch Gelsenkirchen oder Hagen die Konsequenzen einer sinkenden Bevölkerung in ihren Haushalten zu spüren bekommen werden, und wohl oder übel Mitarbeiter entlassen und kommunale Serviceleistungen der sinkenden Nachfrage werden anpassen müssen, profitieren einige Städte wie Dresden, Leipzig, München oder Hamburg vom demographischen Wandel. Sie können sich quasi als Arbeitszentren etablieren, die einen positiven Wanderungssaldo aufzuweisen haben.

Ghost townDas generelle Bild für Deutschland weist jedoch einen Bevölkerungsrückgang und damit verbunden die Notwendigkeit für Kommunen auf, sich an den Wandel anzupassen und ihre Ausgaben und Leistungen entsprechend zu dimensionieren. Dabei zeichnen sich jedoch bereits heute für manche Bundesländer Entwicklungen ab, die darauf hindeuten, dass sie mit den Anpassungsnotwendigkeiten, die der demographischen Wandels mit sich bringt, besonders stark  konfrontiert sind, und  weil sie bereits heute über eine Vielzahl ungelöster struktureller Probleme verfügen in Gefahr stehen, den Anschluss zu verlieren, ja zum Armenhaus der Republik zu werden. Diese Gefahr besteht z.B. für Sachsen-Anhalt, das mit folgenden Randbedingungen konfrontiert ist:

  • Bis zum Jahr 2030, so zeigt eine Modellrechnung des Statistischen Bundesamts (2011, S.21) wird Sachsen-Anhalt im Vergleich zu heute rund 21,2% weniger Bevölkerung aufzuweisen haben. Damit liegt Sachsen-Anhalt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der einen Bevölkerungsrückgang von 3,5% sieht.
  • Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) wird in Sachsen-Anhalt bis zum Jahr 2030 um rund 40% sinken. Als Folge werden auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 71 Personen im Alter von mehr als 64 Jahren kommen. Zum Vergleich: Baden-Württemberg wird ein Rückgang des Anteils der erwerbsfähigen Bevölkerung um rund 25% vorhergesagt, der Altenquotient soll 2030 51 Personen über 64 Jahre auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren ausweisen.

Landkreise_Sachsen-Anhalt.svgDie beschriebenen Entwicklungen sind an sich schon erheblich, denn der überproportionale Rückgang erwerbsfähiger Personen in Sachsen-Anhalt macht das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern als Standort unattraktiv und die Überalterung des Landes stellt die kommunalen Haushalte und den Landeshaushalt vor all die Probleme, die oben dargestellt wurden. Zu den beschriebenen Problemen kommen jedoch noch eine Reihe weiterer Probleme, die Sachsen-Anhalt zu einem dauerhaften Sorgenkind im deutschen Länderfinanzausgleich  machen können bzw. werden, z.B. (die im folgenden berichteten Daten entstammen dem Bundesland-Ranking von Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswoche):

  • Die Anzahl der Schüler, die in Sachsen-Anhalt die Schule ohne einen Abschluss verlassen, ist mit 12,3% sehr hoch. Der Anteil der abschlusslosen Schüler ist nur in Mecklenburg-Vorpommern, wo 13,7% der Schüler ohne Schulabschluss bleiben, höher.
  • Die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt beträgt 11,6%. Sie ist nur in Mecklenburg-Vorpommern (12,5%) und Berlin (13,3%) höher.
  • Der Anteil der Arbeitslosengeld II Empfänger beträgt in Sachsen-Anhalt 10,1%. Ledinglich in Bremen (10,2%) und Berlin (12,4%) sind die Anteile höher.
  • Die Anzahl der privaten Schuldner ist mit 11,5% in Sachsen-Anhalt sehr hoch und lediglich in Berlin (12,3%) und Bremen (13,5%) höher.
  • Das durchschnittlich verfübare Jahres-Einkommen beträgt in Sachsen-Anhalt 16.757 Euro. Lediglich Mecklenburg-Vorpommern hat mit 15.935 Euro ein geringeres durchschnittilches Jahreseinkommen vorzuweisen.
  • Die durchschnittliche Kaufkraft je Einwohner ist in Sachsen-Anhalt mit 16.606 Euro so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Auch mit Blick auf die wirtschaftliche Dynamik rangiert Sachsen-Anhalt unter ferner liefen:

  • Die Anzahl der Patente, die in Sachsen-Anhalt angemeldet werden, ist mit 13 auf 100.000 Einwohner rund 10mal geringer als in Baden-Württemberg und nur in Mecklenburg-Vorpommern (10) noch geringer.
  • Im Hinblick auf die Produktivität rangiert Sachsen-Anhalt auf Platz vier vom Ende der Rangliste aus betrachtet und lässt nur Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hinter sich.
  • Das gleiche Bild ergibt sich im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt: Lediglich Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern bleiben dieses Mal hinter Sachsen-Anhalt.
  • Dagegen florieren in Sachsen-Anhalt die öffentlichen Investitionen, die offensichtlich und vornehmlich der öffentlichen Verwaltung zu Gute kommen. Kein anderes Bundesland hat so viele öffentliche Bedienstete vorzuweisen wie Sachsen-Anhalt. Mit 173 öffentlichen Bediensteten auf 5000 Einwohner ist das Land einsame Spitze.

Die berichteten Daten sind mehr als bedenklich. Sie zeigen einerseits, dass Wachstum in Sachsen-Anhalt vor allem als eine Funktion der Schaffung von Stellen in der öffentlichen Administration stattfindet, dass das Land andererseits jedoch im Hinblick auf die meisten Kriterien, die von Unternehmen bei der Standortwahl zu Rate gezogen werden, weit hinter den meisten anderen Bundesländern zurückbleibt.

nachhaltiges WachstumDabei kann das Wachstumsmodell “Sachsen-Anhalt”, das wirtschaftlichen Erfolg durch ein Aufblähen öffentlicher Verwaltungen anstrebt, angesichts eines Bevölkerungsrückgangs, der in Deutschland seines gleichen sucht, kaum als – wie heißt es doch so schön: nachhaltig bezeichnet werden, In Sachsen-Anhalt wird derzeit offensichtlich wider jeglichen ökonomischen Sachverstand versucht, den erwerbstätigen Teil der Bevölkerung fast ausschließlich in öffentlichen Verwaltungen anzusiedeln, was angesichts der Tatsache, dass öffentliche Verwaltungen finanzielle Mittel fressen und nicht produktiv sind, ein zum Scheitern bestimmtes Unterfangen ist, dessen finanzielle Folgen, dem Länderfinanzausgleich sei Dank, jedoch nicht von Sachsen-Anhalt getragen werden müssen, sondern von den Netto-Zahlern im Länderfinanzausgleich: Baden-Württemberg und Bayern.

Somit bleibt abschließend festzustellen, dass Sachsen-Anhalt alles andere als gut aufgestellt ist, um die Probleme zu bewältigen, die durch den demographischen Wandel auf das Land zukommen. Wäre ich Ministerpräsident des Landes, ich könnte nicht mehr ruhig schlafen.

Große Starmann, Carsten & Klug, Petra (2009). Blick in die Zukunft. Deutschland verändert sich. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). Wer, wo, wie viele? – Bevölkerung in Deutschland 2025. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.