Neue Forschungsergebnisse zeigen: Entweder Kinder oder Karriere

Gerade hat Dr. habil. Heike Diefenbach die Begriffe der “Vereinbarkeitsweiblichkeit” und der “Vereinbarkeitsmännlichkeit” getting-your-work-life-balancegeprägt. Vereinbarkeitsmännlichkeit bzw. Vereinbarkeitsweiblichkeit stehen für die Ansprüche, die der hegemoniale Staatsfeminsmus als Normalität an Männer und Frauen heranträgt, also den neuen Mann, der sich gefälligst mit einer Halbtagsstelle begnügt, um sich in der anderen Hälfte seiner Zeit, dem Nachwuchs zu widmen und der “emanzipierten” Frau, die so emanzipiert ist, dass sie ebenfalls der vorgegebenen Agenda folgt.

Ich schreibe “gerade”, denn das wackelige Gebäude der Vereinbarkeitsrhetorik, das Männern und Frauen einen Wunsch nach Nachwuchs als höchstes Ziel des Lebens einreden will, gemeinhin als Übernahme von Verantwortung getarnt, wird gerade durch eine interessante Untersuchung aus Kanada und erneut erschüttert. Die Autoren der Untersuchung, Lonnie W. Aarssen und Stephanie T. Altmann finden in ihren Daten Hiwneise auf die Existenz einer Kultur der Kinderfreien, die vor allem für Frauen ein entweder Karriere oder Kinder umfasst.

1.115 Studenten an einer Kanadischen Universität haben die beiden Forscher nach Lebenszielen wie “Kinder”, “Bekanntheit und Ruhm”, “Ideen entwickeln und Entdeckungen machen” und “andere mit den eigenen religiösen Ideen beeindrucken” gefragt. Die Befragten konnten auf einer Skala von 1 “stimme voll zu” bis 5 “stimme überhaupt nicht zu”, die Wichtigkeit einstufen, die sie dem einzelnen Item zuwiesen.

Child free zoneDie Ergebnisse der Forscher sind insofern interessant als sie nicht nur einen Blick auf die Wirklichkeitsrelevanz von Sozialforschung ermöglichen und auf die Interpretationswelt, in der manche Forscher leben, sondern auch darauf, dass sich eine Kultur der Kinderfreiheit unter Gebildeten nicht erst entwickeln muss. Es gibt sie nämlich längst.

Der Mittelwert des Kinderwunsches, den die befraten Frauen (764) und Männer (351) angaben, lag bei 2,2. Zwei Kinder ist also das Ziel der meisten Befragten. Nur 10% der befragten Frauen gaben an, überhaupt keine Kinder zu wollen. Beide Ergebnisse, die durchschnittlich 2,2 Kinder und die 10% bekennenden Kinderfreien gaben Aarssen und Altman zu denken, ist doch die Geburtenrate in Kanada mit 1,6 deutlich geringer als der angegebene Kinderwunsch und die Anzahl der kinderfreien Frauen im Alter zwischen 40 und 44 Jahren mit 18% deutlich höher.

Methoden emp soz forschungWie ist die Diskrepanz zu erklären? Die Antwort liegt für die meisten Sozialforscher auf der Hand und lautet “soziale Erwünschtheit”. Der Kinderwunsch, den Befragte zu Beginn ihrer fertilen Phase angeben, hat nichts mit der Anzahl von Kindern zu tun, die sie tatsächlich in die Welt setzen wollen oder werden. Er ist vielmehr ein Maß für gesellschaftliche Konventionen, denen die Befragten sich ausgesetzt fühlen und die sie verbal befriedigen zu müssen glauben.

Dass dem so ist, können Aarssen und Altman vor allem für Frauen zeigen, denen Bekanntheit, die Entwicklung von Ideen und das Machen von Entdeckungen, also Variablen, die man mit einer Karriere und einem Beruf assoziieren würde, wichtig sind. Je wichtiger die entsprechenden Ziele sind, desto geringer ist der Kinderwunsch. Daher ist es nicht schwierig vorherzusehen, wie die entsprechenden Frauen sich im Verlauf ihres Lebens entscheiden werden, nämlich für eine Karriere und gegen Kinder. Daran wird auch die so weit verbreitete Vereinbarkeitsrhetorik nichts ändern, denn die entsprechende Wahl ist, wie Aarssen und Altman betonen, eine Lebensstilwahl “many women …can now freely realize the lifestyle and life course goals that their maternal ancestors wished for …” (42).

Dieses unschuldig daherkommende Zitat ist für manche deutsche Ohren vermutlich Sprengstoff, denn es heißt zu Deutsch: Frauen wollen gar keine Kinder, weder aufgrund einer biologischen Disposition noch aufgrund sonstiger “typisch weiblicher” Eigenschaften. Die Entscheidung für Kinder, entspringt heute anderen Erwägungen und früher gab es die entsprechende Entscheidung nicht, da Verhütungsmittel nicht so leicht zu erhalten waren, wie dies heute der Fall ist. Noch anders formuliert: Es ist eine Gemeinheit der Natur, Fertilität als Folge von Sexualität zu konzipieren, so dass der Spass an Sex seit Millionen von Jahren den daran Beteiligten vergällt wurde.

Patriarchat_coverAarssen und Altman präsentieren indes eine eigene Interpretation für das Ergebnis, dass Frauen sich offensichtlich zwischen Karriere und Kindern entscheiden und eben nicht vereinbaren wollen. Für sie ist die Freiheit von Fertilität, die Frauen heute haben, durch das Verschwinden des Patriarchats veursacht, das Frauen über Jahrtausende zur Fertilität gezwungen hat. Nunmehr könnten sich Verhaltenspräferenzen durchsetzen, die “uniquely female” seien und die eben ein Leben ohne Kinder und Fertilität anstrebten.

Warum man die Existenz eines Patriarchats annehmen sollte und damit implizit behaupten, dass Männer an Fertilität und nicht an Sexualität ein größeres Interesse haben sollen, ist mir nicht nachvollziehbar. Vermutlich sahen sich Männer vor der Einführung von Verhütungsmitteln ebenso gewzungen wie Frauen, die Folgen von Sexualität zu akzeptieren.

Wie auch immer, die Daten, die Aarssen und Altman belegen die Existenz einer Kultur der Kinderfreiheit, die vor allem unter hochgebildeten und hochspezialisierten-Frauen verbreitet ist. Die Existenz dieser Kinderfreien-Kultur belegt zum einen, dass es keinen natürlichen Kinderwunsch gibt, denn, wie die Untersuchung von Aarssen und Altman zeigt, ist ein Kinderwunsch eine kulturelle Vorgabe, etwas, das Gesellschaften ihren Mitglieder aufoktroyieren, etwas, von dem sie sich erst emanzipieren müssen. Die Existenz der Kinderfreien-Kultur belegt zum anderen, dass alle Vereinbarkeitsrhetorik umsonst ist, denn bestimmte individuelle Ziele schließen sich aus: Entweder man strebt nach herausragenden Leistungen in seinem Beruf oder man hat Kinder.

Und die Männer? Nun, die 351 Männer, die an der Befragung der beiden Autoren teilgenommen haben, antworten, wie Generationen von Männern vor ihnen geantwortet haben. Sie legen großen Wert auf ihre Karriere und die damit verbundenen Ziele und Kinder, ja, Kinder, warum nicht? Letztlich zeigt sich auch bei Ihnen das Scheitern aller Vereinbarkeitsrhetorik, denn zumindest die 351 Männer, die von Aarssen und Altman befragt wurden, sind offensichtlich der Meinung, dass Kinder, selbst die, die sie vielleicht haben werden, mit ihnen nur am Rande etwas zu tun haben. Und abermals zeigt sich, wie verquer die Interpration mit dem Patriarchat doch ist, denn eines wird deutlich: Außerhalb der ideologischen Welten des Staatsfeminismus ist Männern Nachwuchs heute anscheinend so egal, wie er es in all den Jahrhunderten zuvor war – zumindest gibt es kein plausibles Argument warum man annehmen sollte, dass das, was sich heute messen lässt, von dem abweicht, was frührer war.

Aarssen, Lonnie W. & Altman, Stephanie T. (2013). Fertility Preferences Inversely Related to ‘Legacy Drive’ in Women, But Not in Men: Interpreting the Evolutionary Roots, and Future, of the ‘Childfree’ Culture. Open Behavioural Science Journal 6: 37-43.

Wird Sachsen-Anhalt zum Armenhaus in Deutschland?

DemographietypenDer demographische Wandel ist in vollem Gange: Die Bevölkerung Deutschlands wird nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamts (allerdings auf Basis veralteter Zahlen) bis zum Jahr 2030 auf rund 77,4 Millionen von derzeit rund 82 Millionen sinken (Da der neue Zensus gezeigt hat, dass in Deutschland schon heute rund 1,5 Millionen weniger Einwohner klumpen als angenommen, muss diese Prognose entsprechend angepasst werden.). Dabei zeigen sich regional durchaus unterschiedliche Entwicklungen, die die Bertelsmann-Stiftung dazu veranlasst haben, Kommunen in neun Demographietypen einzuordnen, die unterschiedlichen Schwächen und Stärken der jeweiligen Kommunen Rechnung tragen. Es ist sattsam bekannt, dass der demographische Wandel als Folge des Rückgangs bei Geburten und der steigenden Lebenserwartung eine immer älter werdende deutsche Bevölkerung produziert: “Die Hälfe der Bevölkerung wird im Jahre 2025 älter als 47 Jahre alt sein – in den ostdeutschen Bundesländern sogar älter als 53 Jahre. Im Jahr 2006 war noch jeder … Zweite jünger als 42 Jahre” (Große Starmann & Klug, 2009, S.5).

Mit diesem demographischen Wandel kommen eine ganze Reihe von Veränderungen auf Deutschland und vor allem auf Länder und Kommunen zu. Der Bevölkerungsrückgang lässt Systeme der Wasserver- und entsorgung, des öffentlichen Personennahverkehrs, lässt Kinder- und Jugendhilfe, Sozialamt und Schulen überdimensioniert werden. Und während immer weniger Beitragszahler die Kosten für Straßen, Wasserversorgung und ÖPNV zu tragen haben, streiten sich immer mehr Jugendhelfer und Sozialarbeiter um immer weniger Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Während vor allem ländliche Gebiete und eine Reihe von Städten wie Halle, Magdeburg, aber auch Gelsenkirchen oder Hagen die Konsequenzen einer sinkenden Bevölkerung in ihren Haushalten zu spüren bekommen werden, und wohl oder übel Mitarbeiter entlassen und kommunale Serviceleistungen der sinkenden Nachfrage werden anpassen müssen, profitieren einige Städte wie Dresden, Leipzig, München oder Hamburg vom demographischen Wandel. Sie können sich quasi als Arbeitszentren etablieren, die einen positiven Wanderungssaldo aufzuweisen haben.

Ghost townDas generelle Bild für Deutschland weist jedoch einen Bevölkerungsrückgang und damit verbunden die Notwendigkeit für Kommunen auf, sich an den Wandel anzupassen und ihre Ausgaben und Leistungen entsprechend zu dimensionieren. Dabei zeichnen sich jedoch bereits heute für manche Bundesländer Entwicklungen ab, die darauf hindeuten, dass sie mit den Anpassungsnotwendigkeiten, die der demographischen Wandels mit sich bringt, besonders stark  konfrontiert sind, und  weil sie bereits heute über eine Vielzahl ungelöster struktureller Probleme verfügen in Gefahr stehen, den Anschluss zu verlieren, ja zum Armenhaus der Republik zu werden. Diese Gefahr besteht z.B. für Sachsen-Anhalt, das mit folgenden Randbedingungen konfrontiert ist:

  • Bis zum Jahr 2030, so zeigt eine Modellrechnung des Statistischen Bundesamts (2011, S.21) wird Sachsen-Anhalt im Vergleich zu heute rund 21,2% weniger Bevölkerung aufzuweisen haben. Damit liegt Sachsen-Anhalt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der einen Bevölkerungsrückgang von 3,5% sieht.
  • Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) wird in Sachsen-Anhalt bis zum Jahr 2030 um rund 40% sinken. Als Folge werden auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 71 Personen im Alter von mehr als 64 Jahren kommen. Zum Vergleich: Baden-Württemberg wird ein Rückgang des Anteils der erwerbsfähigen Bevölkerung um rund 25% vorhergesagt, der Altenquotient soll 2030 51 Personen über 64 Jahre auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren ausweisen.

Landkreise_Sachsen-Anhalt.svgDie beschriebenen Entwicklungen sind an sich schon erheblich, denn der überproportionale Rückgang erwerbsfähiger Personen in Sachsen-Anhalt macht das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern als Standort unattraktiv und die Überalterung des Landes stellt die kommunalen Haushalte und den Landeshaushalt vor all die Probleme, die oben dargestellt wurden. Zu den beschriebenen Problemen kommen jedoch noch eine Reihe weiterer Probleme, die Sachsen-Anhalt zu einem dauerhaften Sorgenkind im deutschen Länderfinanzausgleich  machen können bzw. werden, z.B. (die im folgenden berichteten Daten entstammen dem Bundesland-Ranking von Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswoche):

  • Die Anzahl der Schüler, die in Sachsen-Anhalt die Schule ohne einen Abschluss verlassen, ist mit 12,3% sehr hoch. Der Anteil der abschlusslosen Schüler ist nur in Mecklenburg-Vorpommern, wo 13,7% der Schüler ohne Schulabschluss bleiben, höher.
  • Die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt beträgt 11,6%. Sie ist nur in Mecklenburg-Vorpommern (12,5%) und Berlin (13,3%) höher.
  • Der Anteil der Arbeitslosengeld II Empfänger beträgt in Sachsen-Anhalt 10,1%. Ledinglich in Bremen (10,2%) und Berlin (12,4%) sind die Anteile höher.
  • Die Anzahl der privaten Schuldner ist mit 11,5% in Sachsen-Anhalt sehr hoch und lediglich in Berlin (12,3%) und Bremen (13,5%) höher.
  • Das durchschnittlich verfübare Jahres-Einkommen beträgt in Sachsen-Anhalt 16.757 Euro. Lediglich Mecklenburg-Vorpommern hat mit 15.935 Euro ein geringeres durchschnittilches Jahreseinkommen vorzuweisen.
  • Die durchschnittliche Kaufkraft je Einwohner ist in Sachsen-Anhalt mit 16.606 Euro so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Auch mit Blick auf die wirtschaftliche Dynamik rangiert Sachsen-Anhalt unter ferner liefen:

  • Die Anzahl der Patente, die in Sachsen-Anhalt angemeldet werden, ist mit 13 auf 100.000 Einwohner rund 10mal geringer als in Baden-Württemberg und nur in Mecklenburg-Vorpommern (10) noch geringer.
  • Im Hinblick auf die Produktivität rangiert Sachsen-Anhalt auf Platz vier vom Ende der Rangliste aus betrachtet und lässt nur Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hinter sich.
  • Das gleiche Bild ergibt sich im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt: Lediglich Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern bleiben dieses Mal hinter Sachsen-Anhalt.
  • Dagegen florieren in Sachsen-Anhalt die öffentlichen Investitionen, die offensichtlich und vornehmlich der öffentlichen Verwaltung zu Gute kommen. Kein anderes Bundesland hat so viele öffentliche Bedienstete vorzuweisen wie Sachsen-Anhalt. Mit 173 öffentlichen Bediensteten auf 5000 Einwohner ist das Land einsame Spitze.

Die berichteten Daten sind mehr als bedenklich. Sie zeigen einerseits, dass Wachstum in Sachsen-Anhalt vor allem als eine Funktion der Schaffung von Stellen in der öffentlichen Administration stattfindet, dass das Land andererseits jedoch im Hinblick auf die meisten Kriterien, die von Unternehmen bei der Standortwahl zu Rate gezogen werden, weit hinter den meisten anderen Bundesländern zurückbleibt.

nachhaltiges WachstumDabei kann das Wachstumsmodell “Sachsen-Anhalt”, das wirtschaftlichen Erfolg durch ein Aufblähen öffentlicher Verwaltungen anstrebt, angesichts eines Bevölkerungsrückgangs, der in Deutschland seines gleichen sucht, kaum als – wie heißt es doch so schön: nachhaltig bezeichnet werden, In Sachsen-Anhalt wird derzeit offensichtlich wider jeglichen ökonomischen Sachverstand versucht, den erwerbstätigen Teil der Bevölkerung fast ausschließlich in öffentlichen Verwaltungen anzusiedeln, was angesichts der Tatsache, dass öffentliche Verwaltungen finanzielle Mittel fressen und nicht produktiv sind, ein zum Scheitern bestimmtes Unterfangen ist, dessen finanzielle Folgen, dem Länderfinanzausgleich sei Dank, jedoch nicht von Sachsen-Anhalt getragen werden müssen, sondern von den Netto-Zahlern im Länderfinanzausgleich: Baden-Württemberg und Bayern.

Somit bleibt abschließend festzustellen, dass Sachsen-Anhalt alles andere als gut aufgestellt ist, um die Probleme zu bewältigen, die durch den demographischen Wandel auf das Land zukommen. Wäre ich Ministerpräsident des Landes, ich könnte nicht mehr ruhig schlafen.

Große Starmann, Carsten & Klug, Petra (2009). Blick in die Zukunft. Deutschland verändert sich. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). Wer, wo, wie viele? – Bevölkerung in Deutschland 2025. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

EU will Arbeitsmarkt für Asylbewerber öffnen

arbeitsagenturDie Arbeitslosigkeit in der EU ist auch im April 2013 im Vergleich zum Vormonat gestiegen. Derzeit sind EU-weit 26.588 Millionen Menschen in der EU arbeitslos. Im Vergleich zum März 2013 ist dies ein Zuwachs von 1.673.000 Arbeitslosen. Gleichzeitig blickt die EU auf eine große Zahl unbesetzter Stellen. Die “Job Vacancy Rate”, die die Anzahl der unbesetzten Stellen auf die Anzahl der besetzten und unbesetzten Stellen prozentuiert, liegt EU-weit bei 1,5% (das entspricht ungefähr 2 Millionen offenen Stellen), in Deutschland mit 2,6% deutlich darüber. Mit anderen Worten: Es gibt nicht nur viele Arbeitslose in der EU, es gibt auch eine große Zahl unbesetzter Stellen.

Nun würde man erwarten, dass Arbeitslose mobil sind und sich nach einem Arbeitsplatz umsehen, selbst wenn derselbe mehrere hundert Kilometer von ihrem derzeitigen Wohnsitz entfernt ist, selbst wenn er in einem anderen Land der Europäischen Union liegt. Diese Mobilität des Faktors Arbeit sagt zumindest die reine ökonomische Lehre voraus und diese Hoffnung, dass Arbeiter zu den Arbeitsplätzen kommen, weil die Arbeiter im Vergleich zu den Arbeitsplätzen mobiler sind, hat die Harmonisierung des Binnenarbeitsmarkts und die Freizügigkeitsregelungen innerhalb der EU getrieben. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Arbeitsplätze bleiben ungefüllt und die meisten Arbeitslosen bleiben stationär.

PissaridesDass Arbeitslose stationär bleiben, hat damit zu tun, dass es keine Notwendigkeit für Arbeitslose gibt, mobil zu sein. Die Transferzahlungen des Staates in Form von Arbeitslosengeld und Hartz IV machen die Immobilität möglich. Es mag sein, dass man von diesen Transferzahlungen nicht üppig leben kann, aber doch offensichtlich so gut, dass man es nicht notwendig hat, die eigene Situation durch Mobilität zu verbessern. Dies kann man mit Sicherheit und post-hoc feststellen, denn wäre dem nicht so, Arbeitslose wären mobil.

Die Immobilität von Arbeitslosen, die durch den Sozialstaat begünstigt, wenn nicht befördert wird, ist für Gewerkschaften natürlich von Nutzen, gibt sie den Gewerkschaftsfunktionären doch die Möglichkeit, die Arbeitslosen als Beleg für die Schlechtigkeit “des Kapitals” anzuführen und gleichzeitig die eigene Verantwortung dafür zu leugnen, dass Arbeitslose arbeitlos bleiben, weil gewerkschaftliche Tarifpolitik die Möglichkeit für z.B. ungelernte Arbeiter auf gering bezahlten Stellen einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden, weitgehend vernichtet. Aber das nur nebenbei.

Eu KOmmissionDie Immobilität von Arbeitslosen hat zudem die Konsequenz, dass Stellen, die nicht zu den Arbeitslosen getragen werden können, unbesetzt bleiben und entsprechend ein wirtschaftlicher Schaden, zuerst für die betroffenen Unternehmen, dann für die gesamte Gesellschaft entsteht. Deshalb müht sich die EU-Kommission darum (ja, ich schreibe hier einmal etwas Positives über die EU), arbeitswillige mobile Arbeitskräfte zu den offenen Stellen zu bringen. Dies ist um so wichtiger, als der Mangel an Fachkräften vor allem im IT-Bereich und bei Ingenieuren sich einerseits massiv auf das zukünftige Wachstum und damit die Chancen, der Arbeitslosigkeit in Europa Herr zu werden, auswirkt, andererseits eine alternde Bevölkerung und ein Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter über kurz oder lang dazu führen wird, dass die Menge der unbesetzten Stellen wachsen wird – und haben Unternehmen Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, dann wandern sie ab, sofern möglich, oder schließen, wenn ein Abwandern nicht möglich ist.

Das neustes Steinchen im Mosaik der Wettbewerbsfähigkeit, an dem die EU-Kommission bastelt, wurde gerade im Rahmen des 4th Annual Report on Immigration and Asylum (2012) vom 17. Juni 2013 gelegt. Die Ergebnisse des Reports, der wieder einmal zeigt, dass die EU für Fachkräfte aus Übersee, aus Indien oder Asien nicht sonderlich attraktiv ist (im Report hat dies die folgende euphemistische Formulierung gefunden: “The EU has increasingly to compete with, for example Canada, the US and Switzerland, to attract talent”), haben die EU-Kommission dazu veranlasst, die Mitgliedsstaaten zu einer zukunftsorientierten Migrationspolitik aufzurufen.

Dieser Aufruf umfasst zum einen die alten Hüte, die bereits in der Vergangenheit ihren Niederschlag in der Blue Card Directive gefunden haben, mit der es Unternehmen erleichtert werden soll, Fachkräfte aus Drittstaaten anzuwerben und mit der es diesen Fachkräften erleichtert werden soll, in die EU einzureisen, sich in der EU niederzulassen, in der EU zu arbeiten und zu leben. Zum anderen hat sich die EU etwas Neues einfallen lassen, das aufgrund seiner Trivialität fast schon als revolutionär zu bezeichnen ist.

Den verantwortlichen Mitgliedern der EU-Kommission ist nämlich aufgefallen, dass in der EU bereits eine große Anzahl von Fachkräften lebt, oftmals hochgebildete Fachkräfte, wie Ärzte, Computerspezialisten, Mathematiker uvm., die gewöhnlich als Asylbewerber oder Geduldete geführt werden. Allein im Jahre 2011 haben rund 330.000 Personen in der EU um Asyl nachgesucht. Tun sie dies in Deutschland, dann werden sie in einem entsprechenden Heim geparkt und harren dort oft jahrelang oder jahrzehntelang aus, bis es einem Verwaltungsrichter einfällt, dass er ein Asylverfahren ansetzen könnte.

AsylbewerberheimAsylbewerber sind eine positive Selektion ihrer Ursprungsgesellschaften, das ist weithin bekannt (Brücker, 2012). Sie haben als Migrant ihre Mobilität bewiesen. Sie sind zumeist vor ihrem Staat geflüchtet, um sich in einem anderen Land eine Existenz aufzubauen, haben entsprechend eine hohe Arbeitsmotivation, kurz: die meisten Asylbewerber haben alles, was einen Arbeitgeber glücklich macht. Nur eines haben sie nicht: eine Arbeitserlaubnis. Entsprechend verfällt ihr Humankapital, ihre Motivation wird nach drei Jahren auf 10 Quadratmetern mit einem Zimmergenossen im Asylbewerberheim auch nicht mehr die beste sein. Diesem Raubbau an Humankapital will die EU-Kommission nun ein Ende setzen und die Formulierung, die Cecilia Malmström, Kommissar für EU-Innenpolitik dazu gefunden hat, steht dem oben zitierten Euphemismus in nichts nach:

“We are about to establish a common European asylum system that ensures protection of and solidarity with the most vulnerable ones. Many of these people are highly skilled and must be given the possibility to realize their full potential in their new countries”.

Dies sind zumindest neue Töne aus Brüssel, und man darf gespannt sein, mit welcher Reaktion dieser Vorstoß in Deutschland aufgenommen wird. Ich halte schon jetzt die Wette, dass von Gewerkschaften und von all denjenigen, die sich angeblich so sehr um Arbeitslose kümmern, Widerstand zu erwarten ist. Das Argument, das kommen wird: Aber wir haben doch selbst so viele Arbeitslose. Genau! Und deshalb braucht es jemanden, der den Arbeitslosen, die sich lieber einrichten und darauf warten, dass die Arbeit zu ihnen kommt, in den Hintern tritt, damit sie sich bewegen. Es braucht niemanden, der ihnen jahrzehntelang vorlügt, sie müssten nur warten und alles werde von selbst gut.

Brücker, Herbert (2012). The Labour Market Impact of Immigration and its Policy Consequences. Migration Policy Center MIC.

Kinderlosigkeit (Kinderfreiheit): Für deutsche Männer auch wissenschaftlich empfohlen

Die  Gründe, die gegen Fertilität sprechen, sind eigentlich Legion, und sie sind spätestens seit Garrett Hardin im Jahre 1968 seine “Tragedy of the Commons” veröffentlicht hat, bekannt und lassen sich auf einen Begriff bringen: Überbevölkerung. Angesichts von zwischenzeitlich mehr als 7. Milliarden Menschen, die den Erdball übervölkern, angesichts der damit verbundenen Versorgungsprobleme mit Nahrung und Trinkwasser und angesichts der damit verbundenen Probleme von Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung oder miserablen sanitären Verhältnissen oder Epidemien sollte eigentlich im Hinblick auf die Gründe, die gegen eine Fertilität sprechen, alles gesagt sein.

desertificationSeltsamerweise sind die selben Regierungen, die so vehement gegen Umweltprobleme und Versorgungsprobleme, so vehement für Gesundheit und Lebensqualität eintreten, auch die Regierungen, die ihre Bevölkerung zur Fertilität anreizen, sie für die Produktion von Nachwuchs gar noch bezahlen. Die Heuchelei hinter solcher Politik ist jedem offenkundig, der sich einen Moment lang (und politisch ganz unkorrekt) vergegenwärtigt, dass mit jedem Menschen, der diesen Planeten zusätzlich bewohnt, der Verbrauch von Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt zunimmt. Wer dies tut, dem sollte angesichts begrenzter Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln und angesichts einer fortschreitenden Versteppung und wachsender Wüsten der Schluß möglich sein, dass die Probleme der Versorgung mit Nahrungsmittel und Trinkwasser durch weitere Erdenbürger sicher nicht geringer werden. Und schließlich sollte auch der Zusammenhang zwischen einer steigenden Bevölkerungsdichte und einer sinkenden Lebensqualität leicht nachvollziehbar sein. Wenn nicht, einfach an den Nachbarn denken, der sie vor … Tagen um die Nachruhe gebracht hat.

Einen guten und kurzen Beitrag, der die meisten Argumente für Kinderlosigkeit zusammenfasst, hat Richard Stallman hier geschrieben.

VOCKinderbesitz bzw. Fertilität ist ein affektiv-kulturell überladenes Konzept. Wissenschaftliche Konzepte wie z.B. der Value of Children haben die  Vorteile von Kinderbesitz regelmäßig in deren ökonomischem Nutzen und deren psychologischem Nutzen gesehen. In modernen Gesellschaften und Deutschland soll ja eine moderne Gesellschaft sein, spielt angeblich der ökonomische Nutzen von Kindern keine Rolle mehr. Kinder sind demnach nicht mehr notwendig, um die eigene Lebensversorgung im Alter zu sichern oder um einen Beitrag zum Haushaltseinkommen zu leisten. Kinder in Deutschland haben für ihre Eltern vermeintlich einen psychologischen Nutzen: Sie sollen Objekt der Freude sein, Objekt der Hoffnung, Projektionsfläche all der eigenen Träume, die nicht in Erfüllung gegangen sind, Kinder sind ein Objekt, auf das man alle möglichen Formen vermeintlicher Sorge und Fürsorge übertragen kann und vieles mehr. Und mit Kindern verbinden sich kulturelle Vorstellungen von Verantwortung, am besten in der Verantwortung für die nächste Generation eingefasst, von der allerdings gesagt werden muss, dass jeder, der diesen Planeten nicht mit zusätzlichen Menschen belastet, mehr Verantwortung für die nächste Generation übernimmt als ein beliebiger Kinderbesitzer. Aber, wir haben es hier mit affektiv überladenen kulturellen Wertvorstellungen zu tun, und die führen schon bei Max Weber zu traditionalen Handlungen, die wiederum rationaler Argumentation nicht zugänglich sind. Entsprechend sind Kinder Ergebnis affektiver, nicht rationaler Bewertung.

Und affektive Bewertungen schlagen sich auch in der Zusammenstellung der Gefahren nieder, die sich angeblich mit einer Kinderlosigkeit verbinden. Selbst oder gerade wissenschaftliche Beiträge beteiligen sich an der Mythenbildung, nach der Kinder z.B. für das psychologische Wohlbefinden von Menschen wichtig sind. (1) Entsprechend haben Kinderslose unter ihrer Kinderlosigkeit (gefälligst) zu leiden, eben weil sie keine Kinder haben (Eine sehr seltsame Hypothese, die voraussetzt, was erklärt werden soll, aber, wie gesagt, es geht um Affekte, nicht um Rationalität). (2) Etwas elaborierter ist ein anderer Strang der Diskussion, der Kinderlosen weniger psychologisches Wohlbefinden infolge geringerer sozialer Unterstützung zuspricht. Die geringere soziale Unterstützung wiederum soll sich daraus ergeben, dass Kinderlosigkeit in einer Gesellschaft negativ bewertet werden sollen, Kinderlose daher mit sozialer Ächtung, Gefühlen des Versagens oder Einsamkeit zu kämpfen haben sollen. (3) Schließlich gibt es eine Riege von Wissenschaftlern, die den Spieß umdreht und behauptet, nicht Kinderlosigkeit führe zu geringem psychischem Wohlbefinden, sondern Letzteres sei Ursache von Kinderlosigkeit.

childfree zoneDie gesammelte Armut wissenschaftlicher Erklärungsansätze, die im letzten Absatz dargestellt wurde, wird am besten daran deutlich, dass alle Ansätze eine Prämisse teilen, die man zunächst als “Alle Menschen haben Präferenzen für eigenen Nachwuchs” formulieren kann, um sie dann in die Prämisse zu überführen: “Alle Menschen sind soziale Wesen”. Letztere Behauptung hat Aristoteles erfolgreich in den philosophischen Diskurs des Westens lanciert, erstere Prämisse sollte eigentlich und mit Blick auf rund 20% kinderlose Frauen über 40 Jahre (interessanter Weise spielen Männer bei solchen offiziellen Statistiken nie eine Rolle, warum wohl?) widerlegt sein. Aber und abermals: Wir sind in einem affektiven Diskurs. Wenn es um Kinder geht, dann gilt: Jeder will sie haben (außer mir). So wenig man affektive und nicht rationale Motive, die eine Gesellschaft durchziehen, auf einen Schlag mit kognitiver Beweislast erdrücken kann, so sehr ist es doch möglich, die entsprechenden kulturell-affektiven Bastionen durch abweichendes Verhalten sturmreif zu schießen.

Warner_Leisure_Hotels-Neben der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden, gibt es eine Reihe von warner_holidayswissenschaftlichen Studien, die, zum Teil mit ganz anderen Zielen angetreten, im Ende doch nicht anders konnten, als zu zeigen, dass Kinderlose nicht die Paria der Gesellschaft sind, zu denen sie die affektiv determinierte Mehrheit gerne machen will. Eine solche Studie wurde gerade in der European Sociological Review veröffentlicht. Die Autoren der Studie, Tim Huijts, Gerbert Kraaykamp und S. V. Subramanian geben bereits im ersten Satz des Beitrags ihre Prämissen preis, denn sie wollen untersuchen, in welcher Weise Kinderlosigkeit mit geringem psychologischen Wohlbefinden einhergeht. Eine wissenschaftlich neutrale Fragestellung hätte dagegen untersucht, wie Kinderbesitz oder Kinderlosigkeit mit  psychischem Wohlbefinden zusammenhängen. Die Studie von Huits, Kraaykamp und Subramanian steht somit nicht in Verdacht, eine Kinderlosen-freundliche Studie zu sein.

Und dennoch kommen die Autoren auf der Grundlage der Daten des European Social Survey und auf Basis von 27.182 über 40jährigen Befragten aus 24 Europäischen Ländern zu den folgenden Ergebnissen:

“First, when looking at the European sample as a whole, we found that being childless is associated with worse psychological well-being for men, but not for women. Second, however, the results indicated that both the strength and the sign of the relationship between childlessness and psychological well-being vary between European societies. [...] Third, we have found that societal norms towards childlessness [...] at the national level may at least partly account for these variations” (43).

Ein Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und psychischem Wohlbefinden existiert demnach im Durchschnitt der untersuchten Ländern nur für Männer, nicht jedoch für Frauen. Er ist für Männer von Land zu Land verschieden und variiert mit der Toleranz, die innerhalb der entsprechenden Kultur, des entsprechenden Landes für Kinderlosigkeit aufgebracht wird. Besonders spannend sind die Ergebnisse für Deutschland und für deutsche Männer:

  • Deutschland belegt im Hinblick auf die Toleranz für Kinderlosigkeit einen Platz im Mittelfeld (11 unter 24).
  • Deutschland belegt im Hinblick auf das durchschnittliche Ausmaß psychologischen Wohlbefindens ebenfalls einen Platz im Mittelfeld (12 unter 24).
  • Deutsche Männer, die kinderlos sind, bilden mit französischen, dänischen und britischen Männern eine Ausnahme, denn deutsche, wie französische, dänische und britische Männer, die kinderlos sind, zeichnen sich durch ein höheres psychologisches Wohlbefinden aus als Väter in diesen Ländern.

HealthyLivingAnders formuliert: Kinderlose Männer in Deutschland fühlen sich wohler als Väter in Deutschland. Das ist angesichts der Gesetzeslage, die Väter zum Freiwild für Unterhaltseintreiber erklärt, nicht weiter verwunderlich (ganz davon abgesehen, dass Männer zum allzeit sorgenden Windelwickler umerzogen werden sollen), aber es ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Autoren ausschließlich Männer über 40 Jahren untersucht haben und jüngere Männer, die viel eher als Träger eines kulturellen Wandels angesehen werden können, als alte Männer gar nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend kann man vermuten, dass sich in Deutschland ein Wandel abzuzeichnen scheint, ein Wandel von der affektiven Bindung an Kinderbesitz hin zu der rationalen Entscheidung, kinderlos zu bleiben. In jedem Fall kann man festhalten, dass Kinderfreie (Kinderlose) nicht nur der nächsten Generation und ihren Mitmenschen einen unschätzbaren Dienst erweisen, weil sie die knappen Ressourcen der Erde nicht noch weiter mit zusätzlichen Menschen belasten, sondern auch sich selbst, wie ihr besseres psychisches Wohlbefinden zeigt.

P.S. In Deutschland ist der Begriff “kinderlos” verbreitet, und ich habe diesen Begriff auch benutzt, obwohl ich ihn nicht mag, weil er einen Mangel impliziert. In Anlehnung an den englischen Begriff “childfree” schlage ich daher vor, in Zukunft von kinderfrei und Kinderfreien zu sprechen.

Huijts, Tim, Kraaykamp, Gerbert & Subramanian, S. V. (2013). Childlessness and Psychological Well-Being in Context: A Multilevel Study on 24 European Countries. European Sociological Review 29(1): 32-47.

Nichts als “schöne” Worte: Soziale Gerechtigkeit und die sozialdemokratische Funktionärs-Mittelschicht

Parteipolitik ist in weiten Bereichen ein Sprachspiel, bei dem es, in den Worten von Anthony Downs, darum geht, Ideologien in ansprechender sprachlicher Verpackung und in der Weise, wie man Waschpulver an den economic theory demoKäufer bringt, an Wähler zu verkaufen. Es gewinnt die Partei, der es am besten gelingt, die sprachlich-affektiven Erwartungen von Wählern zu erfüllen (wobei man angesichts der Dominanz, wie sie z.B. die SPD als Medienkonzern über die öffentliche Meinung ausübt, besser davon sprechen sollte, dass Parteien über die von ihnen besetzten Begriffe die Erwartungen erfüllen, die sie zuvor erst erweckt haben). Es geht also nicht um den Inhalt, sondern um die sprachliche Verpackung. Als besonders erfolgreiche Verpackung eines Inhalts, der sich bislang jedem Versuch näherer Bestimmung entzogen hat, hat sich “soziale Gerechtigkeit” erwiesen. Soziale Gerechtigkeit ist gleich doppelt gut, da sozial und gerecht. Was genau das bedeutet, weiß niemand so richtig, es ist wie bei Winnie-the-Pooh:

When I first heard his name, I said, just as you are going to say, “But, I thought he was a boy?” “So did I,” said Christopher Robin. “Then you can’t call him Winnie?” “I don’t” “But you said -” “He’s Winnie-ther-Pooh. Don’t you know what ‘ther‘ means?” “Ah, yes, now I do”, I said quickly, and I hope you do too, because it is all the explanation you are going to get”.

Winnie the PoohSo verhält es es sich mit sozialer Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist gut, erstrebenswert, wichtig, eigentlich sehr gut und noch besser, sehr wichtig und noch viel wichtiger, das, was es zu erreichen gilt, das Ziel guter Politik eben, weil gerecht und sozial und so, and this is all the explanation you are going to get. Deshalb setzt die SPD “im Bundestagswahlkampf auf soziale Gerechtigkeit”. Die SPD, das ist die ehemalige Arbeiterparei, die in den siebziger Jahren nicht nur in Frankfurt eine merkliche Transformation durchlebt hat, denn damals “strömten Angehörige der akademischen Mittelschicht in die Partei ein” (Schacht, 2008, S.364). Und das war dann das Ende der SPD als Arbeiterpartei. Geblieben sind Reminiszenzen wie die folgende aus dem Programmentwurf für die kommende Bundestagswahl:

“Die Frage von sozialer Gerechtigkeit und gleicher Rechte ist heute und in Zukunft genauso aktuell wie immer wieder in den vergangenen 150 Jahren. Ohne die SPD sähe unser Land anders und ärmer aus, gäbe es keinen Acht-Stunden-Tag, keine Arbeitnehmerrechte, keine Arbeitsschutzgesetzgebung und keine Sozialstaatlichkeit in unserer Verfassung. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit bleibt daher eine Daueraufgabe (S.4)”.

Ich will nur nebenbei bemerken, dass mir die Formulierung “genauso aktuell wie immer wieder in den vergangenen 150 Jahren” etwas schief zu sein scheint, aber vermutlich bin ich nur altmodisch und vermisse hier mindestens ein Hilfsverb im Perfekt. Ansonsten will ich feststellen, dass die Errungenschaften, die die SPD mit dem guten Begriff “soziale Gerechtigkeit” in Verbindung bringt, allesamt auf Arbeiter bezogen sind. Soziale Gerechtigkeit hatte somit zumindest in der Vergangenheit etwas mit Arbeitern zu tun. Aktuell hat sie das nicht mehr, wie eine Kontextanalyse der Verwendung “sozialer Gerechtigkeit” im Programmentwurf der SPD zeigt. Insgesamt kommt soziale Gerechtigkeit 13 Mal auf den rund 100 Seiten des Programmentwurfs vor, und zwar wie folgt:

  1. Zweimal in Verbindung mit der Geschichte der SPD (siehe oben)
  2. Zweimal in Verbindung mit sozialer Marktwirtschaft (S.9 und 22)
  3. Einmal in Verbindung mit wirtschaftlichem Erfolg (S.23)
  4. Einmal in Verbindung mit dem Bildungssystem (S.39)
  5. Einmal in Verbindung mit Steuerpolitik (S.58)
  6. Einmal in Verbindung mit der Forderung nach einem Mindeslohn (S.59)
  7. Einmal in Verbindung mit sozialer Stadtentwicklung (S.75)
  8. Einmal in Verbindung mit Umweltschutz (S.79)
  9. Einmal in Verbindung mit Europa (S.89)
  10. Einmal in Verbindung mit Entwicklungspolitik (S.99)
  11. Einmal in Verbindung mit “umfassender Frieden” (S.101)

Ich denke, angesichts dieser Verbindungen, die der Begriff “soziale Gerechtigkeit” im Programmenturf der SPD eingeht, ist es fair festzustellen, dass soziale Gerechtigkeit für die SPD soziale-gerechtigkeit1210von heute so gut wie nichts mehr mit Arbeitern und ihren Rechten zu tun hat. Die SPD, so könnte man formulieren, hat als Arbeiterpartei abgedankt und kümmert sich nurmehr und ausschließlich um die Bedürfnisse der Mittelschicht. Dies ist nicht weiter verwunderlich, entstammen doch die meisten der SPD-Funktionäre eben dieser Mittelschicht, der Themen wie Europa und Umweltpolitik und Neid auf die, denen es vermeintlich besser geht, näher liegen als Themen der Arbeiterklasse, deren Fahne die SPD immer noch zu tragen für sich beansprucht. Dies wird an nichts so deutlich wie daran, dass der Begriff, aus dem sich alle positiven Affekte, die man mit der SPD verbinden kann, ableiten lassen, die “soziale Gerechtigkeit”, im Kapitel, das mit “soziale Sicherheit und Vorsorge” überschrieben ist, schlicht nicht vorkommt. Soziale Gerechtigkeit hat demnach nichts mit “Gesundheit und Pflege”, nichts mit “Arbeit und Rente” und nichts mit “Menschen mit und ohne Behinderung” zu tun.

Die SPD hat nicht nur nichts mehr mit Arbeitern zu tun, sie ist auch weit davon entfernt, für (soziale) Gerechtigkeit einzutreten. Auch dies ist nicht weiter verwunderlich, denn Gerechtigkeit ist ein sperriges Konzept, das sich mit Prozentrechnung vergleichen lässt. Um Gerechtigkeit oder Prozente zu bestimmen, benötigt man eine Basis. Gerechtigkeit ist ein zweistelliger Funktor, denn es kann Gerechtigkeit immer nur im Hinblick auf eine Relation geben, also z.B. auf die Relation zwischen dem Aufwand, den man für etwas betreibt, und dem Nutzen, den man von seinem Aufwand hat. Im Englischen wird diese Relation auch als Equity-Prinzip bezeichnet. Es besagt schlicht, dass die Auszahlung die X für seinen Aufwand erhält, proportional zur Nützlichkeit seines Aufwands und proportional zu Nützlichkeit, Aufwand und Auszahlung von Y sein soll. 

Wäre die SPD also an sozialer Gerechtigkeit interessiert, wie sie vorgibt, dann würde Sie Fragen stellen wie: Ist die Höhe des Gehalts eines Bundestagsabgeordneten gemessen am Nutzen, den ein Bundestagsabgeordneter produziert, im Vergleich zum Lohn eines Kanalarbeiters und dem Nutzen, den er produziert, zu rechtfertigen? Wäre die SPD nicht nur an sozialer Gerechtigkeit, sondern auch an Arbeitern interessiert, sie würde die Frage “sozialer Gerechtigkeit” ganz sicher unter der Überschrift “Gute Rente” diskutieren, z.B. im Zusammenhang mit der Frage von Lebenserwartung und etwa in der folgenden Weise:

Es ist zwar nach wie vor ein Thema, das nur wenige Sozialwissenschaftler interessiert, aber es gibt mittlerweile eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass die Lebenserwartung nach sozialen Klassen variiert. Arbeiter sterben im Durchschnitt (deutlich) früher als Angestellte oder Beamte. Dies lässt sich mit Untersuchungen auf der Basis des SOEP belegen, wie sie Voges und Groh-Samberg (2011), Klein (1999, 1993) oder Hoffmann (2008) durchgeführt haben. So kommt z.B. Thomas Klein in einer interessanten Analyse, die er anscheinend noch unbelastet von strategischen Karrierekalkülen durchgeführt hat, zu folgendem Ergebnis:

“Dabei ist die aktive Lebenserwartung [das ist die Lebenszeit, die ohne schwere Krankheit und Pflegebedürftigkeit verbracht wird] von verheirateten Männern nicht größer als die von Unverheirateten, während verheiratete Frauen auch in bezug auf die aktive Lebenserwartung von der Ehe profitieren. Auch der vergleichsweise geringe Wohlstandseffekt kommt tendenziell Frauen zugute, während Männer auch unter den mit dem Wohlstand verbundenen Arbeitsbelastungen leiden. Lediglich der Bildungseffekt macht sich – wohl wegen der mit dem Bildungsniveau verknüpften Arbeitsbedingungen – bei Männern etwas stärker bemerkbar” (Klein, 1999, S.462, meine Hervorhebung).

Lebenserwartung durchEs ist bekannt, dass heute geborene Jungen eine um mehr als fünf Jahre geringere Lebenserwartung haben als Mädchen. Für einen heute 60jährigen Mann ist die noch-Lebensdauer, die er erwarten kann, um gut vier Jahre geringer als die einer 60jährigen Frau. Ein Arbeiterleben beginnt in der Regel mit 16 Jahren und der Lehre und endet in der Regel mit 60 oder 65 Jahren in der Rente. Ein Beamter tritt seinenen Dienst nach dem Studium und im Alter von 25 bis 30 Jahren an und geht mit 60 oder 65 in Pension. Verglichen mit Beamten zahlen Arbeiter im Durchschnitt über einen längeren Zeitraum Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung. Wegen ihrer höheren Mortalität ist die Dauer des Rentenbezugs von Arbeitern im Durschnitt aber deutlich kürzer als bei Beamten. Männliche Arbeiter sind die Leidtragenden. Sie haben im Durchschnitt am längsten in die Rentenkasse eingezahlt. Sie beziehen aufgrund  ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung und verglichen mit Angestellten, Beamten und Frauen Rente für einen deutlich kürzeren Zeitraum. Da die Höhe der Rente an die Höhe der Beiträge gekoppelt ist, bedeutet dies, dass Arbeiter im Durchschnitt gesehen, weniger von den Beiträgen haben, die sie in die Rentenversicherung einzahlen, als z.B. Beamte (Dies ist kein Argument für eine Basisrente oder eine gleiche Rente für alle, da beide Formen von Rente das Fairnessprinzip verletzen.).

Ginge es der SPD um “soziale Gerechtigkeit” im Sinne eines fairen Rentensystems, die SPD würde fordern, dass die Rentenhöhe mit der verbleibenden durchschnittlichen Lebenserwartung verrechnet wird. Sie würde entsprechend z.B. fordern, dass männliche Arbeiter nach dem Erreichen des Rentenalters eine Rente erhalten, die mindestens 150% über dem Rentenanspruch liegt, den sie über die Jahre ihrer Erwerbstätigkeit erwirtschaftet haben, um auf diese Weise die entsprechenden Arbeiter für die kürzere Zeit, in der sie eine Rente beziehen, zu entschädigen. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass nicht Arbeiter über Jahrzehnte die Rente finanzieren, in deren Genuss alle außer ihnen kommen.

Aber derartige Fragen der Gerechtigkeit interessieren die SPD derzeit nicht. Die ehemalige Arbeiterpartei ist mit Erziehungszeiten, Umweltschutz und Europa beschäftigt und hat die Klientel, in deren Namen sie immer noch zu handeln vorgibt, vergessen.

Literatur

Hoffmann, Rasmus (2008). Socioeconomic Differences in Old Age Mortality. Berlin: Springer.

Klein, Thomas (1999). Soziale Determinanten der aktiven Lebenserwartung. Zeitschrift für Soziologie 28(6): 448-464.

Klein, Thomas (1993). Soziale Determinanten der Lebenserwartung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45(4): 712-730.

Schacht, Konrad (2008). Ist Frankfurt eine CDU Hochburg? In: Schroeder, Wolfgang (Hrsg.). Parteien und Parteiensystem in Hessen. Vom Vier- zum Fünfparteiensystem? Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.361-370.

Voges, Wolfgang & Groh-Samberg, Olaf (2011). Der Einfluss von Einkommenslage und Lebenslage auf das Mortalitätsrisiko.

Und Frauen sind doch vollwertige Menschen

Das letzte post, in dem ich von einer Analyse berichtet habe, die zu dem Ergebnis kommt, dass Ehefrauen sich im Hinblick auf Rentenansprüche dann besser stellen, wenn sie sich scheiden lassen bzw. dass dann, wenn sie ihren Partner überleben, sich verheiratete Frauen unabhängig davon, ob sie nach Eheschluss jemals erwerbstätig waren, im Hinblick auf ihr Renteneinkommen fast so gut stellen, wie Frauen, die nie geheiratet und immer durch eigene Erwerbsarbeit ihren Lebensunterhalt bestritten haben, hat den folgenden Kommentar von “Jen” provoziert:

“als wäre mutterschaft nichtstun….und nicht eindeutig eine gefahr um im job bleiben zu können….arbeitswillige mütter haben es oft schwer wieder in den job zurückzufinden….weil sie nicht mehr auf dem aktuellen stand qualifiziert sind, sich die betreung des kindes schweirig gestaltet oder auch teilzeit-weidereinstiegsmodelle selten sind….mutterschaft wurde angerechnet um einen nachteilsausgleich zu sichern da das alte modell aus den 50ern wo frauen bei scheidung/verwitwen am finanziellen ruin waren weil sie eben mutter und hausfrau waren….von daher…seltsamer engstirniger artikel….”

Henrico Frank - Nach Streit mit Kurt BeckDer Kommentar, der sich vermutlich darauf bezieht, dass die Vielzahl der pro-Ehefrau-Regeln, die Letztere mit finanziellen Wohltaten ausstatten, ohne dass sie dafür etwas tun müssen (z.B. der Versorgungsausgleich) dazu führt, dass Ehefrauen keinen Anreiz haben, sich um (Vollzeit-)Erwerbsarbeit zu bemühen, hat Dr. habil. Heike Diefenbach, die in gewisser Weise allergisch reagiert, wenn behauptet wird, wie im Kommentar, Mutterschaft und Erwerbsarbeit, Frausein und Erwerbsarbeit seien dichotome, ja fast antagonistische Wortpaare, zu den folgenden Kommentaren veranlasst, die ich zu gut und zu schade dazu finde, um in der Kommentarzeile zum vorhergehenden post zu verschwinden.

Als Titel habe ich einen Ausspruch gewählt, der frei nach Galileo Galilei lautet:

Und Frauen sind doch vollwertige Menschen

Von Dr. habil. Heike Diefenbach

Das ist ein seltsam engstirniger Kommentar, denn wenn Mutterschaft so viele Nachteile bringt, was bringt denn dann Frauen dazu, sich all diese Nachteile ganz bewusst einzuhandeln (während andere das ganz bewusst nicht tun)? Anscheinend ist der “Nachteilsausgleich” effizient insofern als er tatsächlich dazu führt, dass manche Frauen meinen, die finanzielle Zuwendung durch den Steuerzahler erleichtere die ach so belastende Mutterschaft so erheblich, dass sie sich bewusst dafür entscheiden, (weitere) Kinder in die Welt zu setzen.

Darin Artikel 21

Darin Artikel 21

Und genau das sagt der Text von Michael Klein aus: dass durch Zwangsbeteiligung des Steuerzahlers an der Fortpflanzung anderer Personen und am Unterhalt von Personen, die Lebensentscheidungen getroffen haben, die sie nicht selbst verantworten wollen, ein Anreiz just dafür gesetzt wird, also ein Anreiz zu Lebensentwürfen, die man nicht selbstverantwortlich gestalten kann und will.

Wer einen Lebensentwurf fern von produktiver Erwerbstätigkeit, also einer Erwerbstätigkeit, die über den Teilzeit-Job hinaus materiell und immateriell lohnend ist und die Befriedigung gibt, die Unabhängigkeit und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit bringt, wählt, der hat es entweder zu spät bemerkt, dass er dem “Nachteilsausgleich” auf den Leim gegangen ist, was ein hinreichender Grund wäre, um denselben konsequent abzuschaffen, oder er wählt dies sehenden Auges, und dann kann man ja wohl erwarten, dass die selbst getroffene Wahl auch selbst verantwortet wird. Von daher … wirklich ein seltsam naiver und unkritischer Kommentar …

Nachtrag

Weil ich dieses Ausmaß an Naivität, mit dem viele Deutsche staatlichen Insitutionen gegenüberstehen, einfach unsäglich und im eigentlichen Sinn lebensgefährlich finde, kann ich dem Impuls, noch einen Nachtrag zum Kommentar von “Jen” zu formulieren, einfach nicht widerstehen:

Working and mothering in asiaIn welcher Welt lebt eigentlich jemand, der meint, irgendeine Umverteilung von Ressourcen würde von Leuten, die politische oder verwaltungstechnische Positionen innehaben, aus altruistischen Gründen vorgenommen, z.B., damit die armen Frauen, wenn sie sich scheiden lassen, nicht „vor dem Nichts stehen“? Kann man denn wirklich so naiv sein? „Vor dem Nichts“ standen Arbeiterfrauen oder –männer, so lange sie arbeiten konnten (und eine Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft bestand oder sie sich ein selbständiges Auskommen erwirtschaften konnten) nie. „Vor dem Nichts“ stehen Leute, die nicht arbeiten können oder wollen. Wenn Frauen in einer Eigenschaft als Ehefrauen oder Mütter jahrelang darauf verzichtet haben, ein eigenes Auskommen zu erwirtschaften und ihr Humankapital einzusetzen und zu entwickeln, dann stehen sie (wenn überhaupt) genau deshalb „vor dem Nichts“, aber nicht deshalb, weil sie geheiratet hätten oder weil sie Mütter geworden wären. 500.000 Jahre Menschheitsgeschichte ebenso wie die Anthropologie zeigen, dass es nicht nur möglich, sondern eine Normalität ist, Frau, Mutter und wirtschaftlich aktiv zu sein.

Wenn eine naturgegebene Unfähigkeit von Ehefrauen oder Müttern zum Erwerb von Einkommen unterstellt wird, dann widerspricht das zutiefst jeder Vorstellung von Emanzipation von Frauen – es ist in der Tat frauenfeindlich – , und nutzt nur den Interessen derer, die sich beharrlich am längst überkommenen Bild der bürgerlichen Familie aus dem 19. Jahrhundert orientieren wollen (und anscheinend bislang auch können): nur dann, wenn Steuerzahler diese Vorstellung von der Unfähigkeit von Ehefrauen und Müttern zum Eigenunterhalt „schlucken“, können diese Leute ihren bürgerlichen Familienentwurf, der (mindestens) eine Person von Erwerbstätigkeit weitgehend freistellt, auf Kosten anderer bei gleichzeitigem Aufrechterhalten der Frauenemanzipationsrethorik weiterleben. (Das stimmt so eigentlich nicht mehr; ehrlicherweise sprechen diese Leute nicht mehr von Emanzipation und auch nicht von Gleichberechtigung, sondern von Gleichstellung, und Gleichstellung ist, wenn sie irgendetwas bei und für sich selbst als Nachteil konstruieren können, für den andere materiell entschädigen müssen.)

Teilzeit im oedUnd welchen Familienentwurf leben wohl Leute, die Positionen in der Politik oder in Verwaltungen innehaben? Es ist völlig klar, dass sie ein Interesse daran haben, Frauen prinzipiell als hilfsbedürftig darzustellen, Mutterschaft sozusagen als Behinderung, und den ganz normalen Bürger als unsolidarisch oder wahlweise egoistisch, wenn er keine Frauen finanzieren möchte, die „vor dem Nichts“ stehen, weil sie sich aus freien Stücken dazu entschieden haben, nicht oder nur in Teilzeit (also geringfügig im eigentlichen und nicht im verwaltungstechnischen Sinn) erwerbstätig zu sein. Immerhin macht das diese Leute berechenbar.

Was mich wirklich erstaunt und immer wieder verstört, ist, wieviele Leute diesen einfachen Strategien der Nutznießung auf den Leim gehen – und das in der Überzeugung, zu den „Guten“ und „Verständnisvollen“ zu gehören. Das beste, was man tatsächlich über sie sagen kann, ist, glaube ich, dass sie zu den unverantwortlich Harmlosen und Lernunfähigen gehören. Dummerweise legitimieren sie damit die Nutznießung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen auf Kosten anderer bzw. der Allgemeinheit. Kollektivisten scheinen nicht zu verstehen, dass die „wunderbare“ Eigenschaft, sich ausnutzbar zu machen, nicht nur sie selbst, sondern auch die Allgemeinheit schädigt, an deren Wohlergehen sie doch angeblich so interessiert sind. Oder sind Kollektivisten nur maskierte Nutznießer? Wenn ja, dann wäre ein enger Zusammenhang zwischen (angeblich) kollektivistischen Überzeugungen und einem bürgerlichen Familien-Lebensentwurf zu erwarten – ob wohl einer meiner Kollegen aus den Sozialwissenschaften diese Hypothese testen wird?

Literatur

Cohen, Jeffrey H. Everett, Brooke, Polsky, Analise & Montiel-Ishino, Francisco (2009). Gender, Work, and Opportunity in Oaxaca: Some Thoughts on the Importance of Women in the Economic Life of the Rural Village. S. 147-161 in: Wood, Donald C. (ed.): Economic Development, Integration, and Morality in Asia and the Americas. (Research in Economic Anthropology, Volume 29.) Bingley: Emerald.

Conte, Christine (1982). Ladies, Livestock, Land and Lucre: Women’s Networks and Social Status on the Western Navajo Reservation. American Indian Quarterly 6(1/2): 105-124.

Keys, Eric (1999). Kaqchikel Gardens: Women, Children, and Multiple Roles of Gardens Among the Maya of Highland Guatemala. Yearbook – Conference of Latin Americanist Geographers. Vol. 25: 89-100.

Mason, K.O. & Palan, V.T. (1981). Female Employment and Fertility in Peninsular Malaysia: the Maternal Role Incompatibility Hypothesis Reconsidered. Demography 18(4): 549-575.

Noss, Andrew J. & Hewlett, Barry S. (2001). The Context of Female Hunting in Central Africa. American Anthropologist 103(4): 1024-1040.

Panter-Brick, C. (1989). Motherhood and Subsistance Work: The Tamang of Rural Nepal. Human Ecology 17(2): 205-228.

Piperata, Barbara A. & Gooden Mattern, Lindsey M. (2011). Longitudinal Study of Breastfeeding Structure and Women’s Work in the Brazilian Amazon. American Journal of Physical Anthropology 144(2): 226-237.

Sexton, Lorraine Dusak (1982). Wok Meri: A Women’s Savings and Exchange System in Highland Papua New Guinea. Oceania 22(3): 167-198.

Integration ist, wenn Gebildete einwandern

Kinder und Jugendliche aus MigrantenfamilienDer Titel dieses Posts mag den einen oder anderen verstören. Das ist gewollt, aus Gründen des Mitleidens. Denn Verstörung ist der Zustand, den ich und den vor allem Dr. habil. Heike Diefenbach, die nun seit mehr als 10 Jahren die Expertin für Migrationsfragen und somit für alle Formen der Aufnahme von Migranten in eine authochtone Gesellschaft ist, von Integration über Assimilation bis zu Akkulturation (deutlich belegt im zwischenzeitlich in dritter Auflage vorliegenden Standardwerk zu Migration und Bildung – siehe Abbildung), Verstörung ist, was wir empfunden haben als uns der IAB-Kurzbericht 21/2012 auf den Schreibtisch gekommen ist.

Der IAB-Kurzbericht steht unter der Überschrift “Zuwanderung nach Deutschland”, wurde von Holgert Seibert und Rüdiger Wapler erstellt und beginnt mit der Erkenntnis: “Aus dem Ausland kommen immer mehr Akademiker”. Weil die Aussage des Kurzberichts bereits in den ersten Sätzen in genau der Weise zusammengefasst ist, die einem auf den Kalender und vor allem auf das Jahr blicken und irritiert feststellen lässt, dass man tatsächlich im Jahre 2012 und nicht zwei Jahrhundertwenden früher lebt, seien sie hier komplett zitiert:

“In den vergangenen Jahren befanden sich immer mehr Akademiker unter den Neuzuwanderern nach Deutschland und immer weniger Personen ohne berufliche Ausbildung. Zugleich kamen mehr Zuwanderer aus den 27 EU-Ländern als noch wenige Jahre zuvor. An den Integrationsproblemen Deutschlands ändert dieser Zustrom qualifizierter Einwanderer allerdings nur wenig, da er im Verhältnis zur Zahl der bereits hier lebenden Migranten kaum ins Gewicht fällt”.

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Oh, Du selig machende Unkenntnis, ist es nicht erfrischend? Da mühen sich Soziologen, Ethnologen, Anthropologen, Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Psychologen und viele viele andere über Jahrzehnte mit dem Konzept der Integration und zwei Mitarbeiter aus dem IAB lösen alle Probleme, die sich bei den genannten Anstrengungen ergeben haben, im Handstreich. Integration ist, wenn Gebildete, nein Akademiker, einwandern. Perfekte Integration liegt vor, wenn z.B. Migranten aus der Türkei sich auf die Kategorien “mit akademischem Abschluss”, “mit Berufsausbildung”, “ohne Abschluss” und “in Ausbildung und Studium” in genau den Anteilen verteilen, wie dies für die deutsche Bevölkerung “ohne Migrationshintergrund” der Fall ist. Ja.

Wenn sich also Deutsche (ohne Migrationshintergrund) wie Türken aus 15% Akademiker, 55% mit Berufsausbildung, 10% ohne Abschluss und 20% in Ausbildung oder Studium zusammensetzen, dann ist die Integration in erster Instanz gelungen. Wenn die entsprechenden Deutschen (ohne Migrationshintergrund) und Türken dann auch noch “ausbildungsadäquat” beschäftigt sind, dann ist die Integration auch in zweiter Instanz erfolgreich. Das behaupten die Herren Seibert und Wapler, und, ja, was soll man dazu sagen? Einiges, wenn sich die Verstörung gelegt hat.

Beginnen wir doch einfach mit der Feststellung, dass zwischen Aggregatdaten und Individualdaten ein Unterschied besteht. Aus der Tatsache, dass gut 13.000 und somit rund 0.000016% der Deutschen im Jahr 2010 mit vaskulärer Demenz diagnostiziert wurden, lässt sich kein Schluss darüber ziehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Holger Seibert oder Rüdiger Walper an vaskulärer Demenz erkranken werden oder erkrankt sind. Zwischen dem Aggregatdatum und dem Individualdatum vermittelt nichts. Das ist bei Gruppenanteilen nun einmal so. Zudem ist “Integration” ein Begriff, der einen Prozess beschreibt, der unter bestimmten gesellschaftlichen Randbedingungen abläuft, aber individuell zu durchlaufen ist. Integriert ist immer Cem Ö. nie die Türken aus Köln Wesseling. Entsprechend macht es keinerlei Sinn, einen Anteilsvergleich zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zur Grundlage einer Aussage über “Integration” zu machen. Es sei denn, man will zur Stereotypisierung von gesellschaflichen Gruppen beitragen.

Damit nicht genug, hängen die beiden Autoren doch einem Konzept von “Integration” an, das man in der vorgestellten Weise in keiner wissenschaftlichen Publikationen vorfinden kann. Für Seibert und Wapler besteht Integration, wie oben bereits zitiert, im Zuzug von Akademikern. Eine neuartige Form der Operationalisierung, wenngleich damit gesagt wird, dass rund 80% der Deutschen ohne Migrationshintergrund, alle die keine akademische Ausbildung haben, als nicht integriert anzusehen sind. Das scheinen die Autoren zu bemerken und entsprechend modifizieren sie ihre Vorstellung von Integration dahingehend, dass Integration vorliegt, wenn im Hinblick auf z.B. den Anteil von Akademikern und die ausbildungsadäquate Berufstätigkeit, Migranten mit Deutschen ohne Migrationshintergrund identisch sind. Auch das ist eine neuartige Form der Operationalisierung von Integration und all die Forscher, die sich mit spezifischen Verhaltensweisen, spezifischen kulturellen Bräuchen oder spezifischen Essgewohnheiten beschäftigt haben, um damit dem Konzept der Integration näher zu kommen, stehen da, wie dumme Schuljungen, die alles verkomplizieren müssen, wo es doch so einfach ist.

Integration_w480Thinking about “dumme Schuljungen”, da fällt mir eine Beobachtung ein, die wir regelmäßig gemacht haben, seit wir nach England ausgewandert sind, und zwar immer dann, wenn wir bei Tesco einkaufen. Es begann damit, dass uns die Abteilung mit dem Caribbean Food in Verzückung versetzt hat, schnell gefolgt von der Unzahl pakistanischer, indischer und was ist das Adjektiv für Bangladesh? also Nahrungsmittel aus Bangladesh eben. Dann kamen viele Polen nach England und plötzlich gab es die Abteilung mit polnischen Nahrungsmitteln. Warum ich das erzähle? In Deutschland gibt es türkische Läden, aber keine Abteilung mit Türkischen Lebensmitteln bei Spar oder Rewe. Kulturen bestehen nebeneinander, es findet keine Integration, ja Integration statt. Integration liegt nämlich genau nicht vor, wenn ein Migrant von einem Autochtonen ununterscheidbar ist. Dann liegt Assimilation vor (zum Begriff der Integration: Berry 1997, 1990, 1980). Integration liegt dann vor, wenn Merkmale der Aufnahmekultur und Merkmale der Migrantenkultur eine Verbindung eingehen. Deshalb spricht man in den USA von einem melting pot der Kulturen, die verschiedenen Einwandererkulturen gingen eine Verbindung ein und haben sich gegenseitig beeinflusst – das ist Integration! Jedenfalls ist das die Art und Weise, in der der Begriff Integration in der Wissenschaft gebraucht wird, und wenn ich die Herren Seibert und Wapler richtig verstanden haben, dann ist es diese Wissenschaft, als deren Mitglieder sie sich darstellen wollen. Dazu ist es jedoch notwendig, das Grundwerkzeug von Wissenschaft zu beherrschen. Das fängt bei den Begriffen an und endet bei der wissenschaftlichen Methode, und in diesem Hinblick muss ich noch anfügen, dass wir seit nun mehreren Jahrzehnten über den ökologischen Fehlschluss hinweg sind, der darin besteht, dass man Zusammenhänge auf Aggregatebene findet und sie auf die Individualebene überträgt, ganz so, als bestünde kein Unterschied zwischen Fritz Pauswänger und Bayern.

Literatur

Berry, John W. (1997). Immigration, Acculturation and Adaptation. Applied Psychology 46(1): 5-68.

Berry, John W. (1990). Psychology of Acculturation. In: Berman, John J. (ed.). Cross-Cultural Perspectives. Lincoln: Nebraska University Press, pp.201-234.

Berry, John W. (1980). Acculturation as Varieties of Adaptation. In: Padilla, Amado M. (ed.). Acculturation. Theory, Models and Some New Findings. Boulder: Westview, pp.9-25.

Bildnachweis:
National Museum of Australia

Der (schöne) Schein bestimmt das Bewusstsein – jedenfalls im BMBF

Für Marx bestimmt das Bewusstsein, das (Da-)Sein (übrigens ein Grund dafür, warum so viele Linke so begeistert sind, wenn es darum geht, andere umzuerziehen). Gemeint hat Marx damit, dass bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungswelten, in denen z.B. Arbeiter leben, ein Handeln befördern, das ihre gesellschaftliche Position zementiert. Marxens Idee hat also eine feste Verbindung mit der Realität, ist quasi eine Ableitung aus einer Realität, die er aus einer Perspektive des Klassenkampf heraus als “falsch” angesehen hat. Die Marxsche Position hat zwischenzeitlich beim BMBF eine Weiterentwicklung erfahren, bei der auf Realitätsbezüge gänzlich verzichtet wird. An ihre Stelle ist ein (schöner) Schein getreten, von dem man im BMBF hofft, dass er das Bewusstsein der Deutschen im Allgemeinen und deutscher Wissenschaftler im Besonderen beeinflusst. Der (schöne) Schein lautet: Auswandern bringt nichts. Als Wissenschaftler ist man in Deutschland besser dran als sonstwo. Wer das nicht glaubt, wird es am eigenen Leib erfahren (Die BMBF-Variante von “wer nicht hören will, muss fühlen”). Aber, da wir in einer globalen Welt leben und deshalb dem Austausch von Wissen und Personen verpflichtet sind (nicht zuletzt gibt es eine Reihe von Haushaltsposten, die dem Ziel des Austauschs von Wissenschaftlern zwischen Ländern gewidmet sind, und die kann man nicht einfach streichen…), gibt es das ganze in der Schönwetterrhetorik von Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär “bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung…: ‘Unsere Politik, jungen Wissenschaftlern Anreize zu geben, damit sie im Ausland studieren und forschen, trägt Früchte für beide Seiten. Das Gastland profitiert von den Ideen junger Deutscher, aber die meisten kehren in ihre Heimat zurück und tragen zur Innovationsfähigkeit Deutschlands bei”.

Eine wahrhaft patriotische Aussage, die Herr Braun da macht. Seine Aussage basiert auf einer “[a]uf Anregung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)” durchgeführten “Erhebung”, die man zwar nicht über den entsprechenden Link beim BMBF, aber doch findet, wenn man etwas sucht. Es ist dies eine Studie in der “alle Teilnehmer der von GAIN organisierten Jahrestagungen von 2004 bis 2011 befragt (insgesamt 1.665 Personen)” wurden. Diesen einleitenden Sätzen der Pressmitteilung des BMBF folgt die patriotische Aussage von Herrn Braun, die wiederum von dem, was ich nunmehr etwas ausführlicher zitieren will, gefolgt wird:

“Wesentliche Ergebnisse der vom Umfragezentrum Bonn (Rücklaufquote 48%) durchgeführten Erhebung sind: … Bei den Teilnehmern der Tagungen 2004 bis 2009 lag der Anteil der Rückkehrer bei mehr als zwei Dritteln. Weniger als 30% dieser Gruppe verblieben in Nordamerika, und auch von diesen nicht viele auf Dauer. Von den Teilnehmern der Tagung 2010 lag der Anteil der Rückkehrer bei 48,4% von den Teilnehmern der Tagung im September 2011 waren zum Befragungszeitpunkt Januar bis März 2012 erwartungsgemäß nur 12,9% zurückgekehrt. … Der direkte Vergleich zeigt, dass die Chance, eine dauerhafte Stelle zu bekommen, in Deutschland besser ist als in den USA. …12,5% der Zurückgekehrten haben eine W2- oder W3-Professur in Deutschland, die mit einer Dauerstelle (‘Tenure’) in den USA vergleichbar ist. 10.7% haben eine Juniorprofessur. …”

Soweit, so gut. Nun zur Wirklichkeit, die wie sich zeigen wird, dem schönen Schein, von dem Herr Braun und das BMBF so angetan sind, nicht ganz entspricht (ich habe auf die das “gar nicht” verzichtet, weil man Menschen, die sich in einer Traumwelt eingerichtet haben, nicht schlagartig in die Realität zurückholen soll…).

Zunächst zwei Fragen: Wie viele Befragte, und welche Befragte haben an der “Erhebung” teilgenommen?
1.665 Teilnehmer an von GAIN organisierten Jahrestagungen? Oder 811 Teilnehmer an von GAIN organisierten Jahrestagungen. Falls Sie 1.665 Teilnehmer für die richtige Anwtort halten, weil sie die einzige im Text genannte Zahl ist, sie ist es nicht. Das verschämte “(Rücklaufquote 48%)” im Text, weist auf die richtige Zahl der befragten Teilnehmer hin: 811 (~48% von 1.665), die wiederum im Text nicht genannt wird. Beim BMBF ist man offensichtlich der Ansicht, 811 sei eine zu kümmerliche Anzahl von Befragten, und deshalb führt man die Leser der Pressemitteilung absichtlich in die Irre, in dem man die Zahl 1.665 in den Raum stellt, also die Zahl der Personen, die im Rahmen der “Erhebung” angeschrieben wurden und unterschlägt, dass “nur” 811 der angeschriebenen Personen überhaupt an der “Erhebung” teilgenommen haben. Natürlich haben sich die Strategen im BMBF abgesichert und die “(48% Rücklaufquote)” in den Text gepackt, und natürlich hatten sie nur lautere Motive, und ich unterstelle ihnen hier nur, dass sie die Leser der Pressemitteilung an der Nase herumführen wollen.

Nun gut, gewähren wir dem BMBF den “benefit of a doubt” und wenden uns einer weiteren interessanten Frage zu: Was um aller Götter Willen sind Teilnehmer an GAIN Jahrestagungen? GAIN ist das German Academic International Network, mit dem die Alexander von Humboldt-Stiftung, der deutsche Akademische Auslandsdienst und die Deutsche Forschungsgemeinschaft versuchen, Kontakt zu ihren Stipendiaten zu halten, die sich in den USA oder Kanada befinden. Das ist der erste interessante Hinweis: Stipendiaten. Der zweite interessante Hinweis besteht darin, dass die Teilnehmer an den Jahrestagungen ein Interesse daran haben, Kontakt mit Deutschland, mit der deutschen Wissenschaftslandschaft zu halten. Sie sind eine selegierte Population und insofern nicht einmal im Entferntesten repräsentativ für deutsche Wissenschaftler in den USA oder Kanada, geschweige denn deutsche Wissenschaftler im Ausland. Wie ein weiterer Blick in die Ergebnisse der in der Pressemeldung angesprochenen “Erhebung” zeigt, handelt es sich bei den Teilnehmern der “Jahrestagung” überwiegend um Stipendiaten oder Postdoktoranden, die ihren Aufenthalt in den USA oder in Kanada dazu nutzen wollen, ihre Kompetenzen zu erweitern, ihr Humankapital zu erhöhen und entsprechend ihren Marktwert zu steigern. Sie gehen also in die USA oder nach Kanada, um nach Rückkehr nach Deutschland in Deutschland eine besser bezahlte Stelle zu erzielen als ihnen dies vor ihrem Auslandsaufenthalt möglich gewesen wäre.

Die Teilnehmer der Jahrestagung sind also rückkehrwillige Akademiker, die man als wissenschaftliche Expatriats bezeichnen kann. Sie gehen ins Ausland für eine bestimmte Zeit und haben vor, nach dieser Zeit zurückzukehren und mehr zu verdienen als vor dem Auslandsaufenthalt. Sie sind eine kleine Auswahl aus der Menge der deutschen Wissenschaftler in den USA und Nordamerika, und sie sind eine verzerrte Auswahl, weil bereit, auf Konferenzen von GAIN zu erscheinen. Und, wie die “Erhebung” bzw. der Bericht zur “Erhebung” weiter feststellt, sind die meisten von Ihnen sowieso nur für bestimmte Zeit in den USA oder Kanada: “Die mittlere Dauer des letzten bzw. aktuellen Aufenthalts in Nordamerika betrug etwa zwei Jahre. Dies entspricht der typischen Dauer eines Post-Doc-Aufenthaltes in den USA oder Kanada” (55).

Wenn der Aufenthalt in den USA oder Kanada aber der Weiterqualifikation dient und die Rückkehr von Anfang an geplant ist, dann sind die Behauptungen in der Pressemitteilung falsch bzw. irreführend: Dass jemand, der in den USA oder in Kanada weilt, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass er nach Rückkehr eine Professur einehmen kann, nach Deutschland zurückkehrt, wenn ihm eine entsprechende Stelle winkt, ist kaum verwunderlich. Verwunderlich ist auch nicht, dass er als Postdoktorand der sich in den USA weiterqualifiziert, weniger verdient als als W3-Professor in Deutschland. Interessant an den Ergebnissen, die auf den Aussagen von 811 im Wesentlichen Postdoktoranden, die einen zeitlich begrenzten Aufenthalt in den USA angetreten haben, ist dann vielmehr Folgendes:

  • Obwohl rückkehrwillig sind 38% der befragten GAIN Tagungsteilnehmer bislang nicht nach Deutschland zurückkehrt. Rechnet man diejenigen heraus, die die durchschnittliche Zeit von 2 Jahren Stipendium zum Befragungszeitpunkt noch nicht hinter sich gebracht haben, dann sind 248 der 811 Befragten (also rund 30%) nicht zum zu erwartenden Zeitpunkt nach Deutschland zurückkehrt. Sie haben ganz offensichtlich ihre Pläne geändert und ihren Aufenthalt in den USA oder in Kanada verlängert.
  • Von denjenigen, die nach dem Ende ihres Stipendiums oder ihres Postdoktorandenaufenthalts die USA oder Kanada wieder verlassen haben, sind 332 nach Deutschland zurückgekehrt, während 68 in “andere Länder außerhalb von Deutschland” gezogen sind. Dass diese 68 Wissenschaftler dennoch in der “Erhebung” als “Rückkehrer” gezählt werden (Seite 7, Fussnote 2), ist nur eine weitere Eigenartigkeit des vorliegenden Berichts.
  • Wie die Antworten der Wissenschaftler, die in der “Erhebung” befragt wurden, deutlich machen, ist für die Rückkehr nach Deutschland aussschlaggebend, dass man sich beruflich verbessern kann. Insofern ist es nichts, was man feiern könnte, wenn 12,5% der Zurückgekehrten eine W2- oder W3-Professur inne haben. Vielmehr wären die entsprechenden Wissenschaftler nach eigenen Angaben kaum nach Deutschland zurückgekehrt, hätte sich keine berufliche Verbesserung ergeben. Dies zeigt sich bereits daran, dass (eine Zahl, die das BMBF obwohl in der selben Tabelle wie die zitierten 12,5% unterschlägt) 13,5% derjenigen, die zwar aus den USA abgewandert, aber nicht nach Deutschland zurückgekehrt sind, eine W2- oder W3-Professur bekleiden.

Alles in allem ergibt sich bei näherem Hinsehen ein anderes Bild als der schöne Schein, den das BMBF zur Bewusstseinsbildung nutzen will: Der Post-Doc-Aufenthalt in den USA wird als Schritt auf dem Karriereweg gesehen, mit dem die Hoffnung auf ein höheres Einkommen verbunden wird. Der Aufenthalt in den USA oder Kanada, den die meisten der in dieser selegierten Stichprobe Befragten, nach eigenen Angaben mit einem Rückkehrwunsch beginnen, führt dennoch nicht bei allen zur Rückkehr. Mit anderen Worten, auch innerhalb der Gruppe der Wissenschaftler, die einer Rückkehr wohlgesonnen gegenüber stehen, gibt es einen Aderlass von rund 30%, 30%, die nicht nach Deutschland zurückkehren, weil sie ein besseres (Berufs-)Leben anderswo gefunden haben. Diese Realität zu verdrehen, ist offensichtlich das Ziel der BMBF-Pressemitteilung, die in ihrem Titel “Standort Deutschland ist attraktiv” einen frommen Wunsch formuliert, der im Untertitel mit einer Unwahrheit belegt werden soll: “Über zwei Drittel aller deutschen Wissenschaftler in Nordamerika kehren in ihre Heimat zurück”.

Dieser Untertitel ist schlicht erlogen, denn es wurden nicht “alle deutschen Wissenschaftler” in Nordamerika befragt, sondern nur diejenigen, die sich auf den Jahreskonferenzen von GAIN einfinden (rund 300) und von diesen Wissenschaftlern haben es 52% abgelehnt, an der Befragung teilzunehmen. Die “Erhebung” basiert somit auf einer doppelt selegierten Gruppe von rückkehrwilligen Deutschen und das ist dann doch etwas anderes als “zwei Drittel aller deutschen Wissenschaftler in Nordamerika” – jedenfalls in der normalen Welt, in der Welt des schönen Scheins, in der sich die Mannen im BMBF gegenseitig Geschichten erzählen, scheint dies anders zu sein.

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Beyond Chron

Die infantilisierte Gesellschaft

In “The Meaning of Life” fragen sich die Britischen Comedy-Aktivisten von Monty Python nach dem Sinn des Lebens. Nach einer Reihe von Optionen, unter denen die Produktion von Kindern, nach Religionszugehörigkeit unterschieden, eine ist, endet die philosophische Suche nach dem Sinn des Lebens, mit der Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens wohl im “Fressen” bestehe. Derzeit ist die deutsche Politik dabei, die Erkenntnis von Monty Python zu revidieren und den Sinn des Lebens eindeutig und unmißverständlich als “Fertilität” zu bestimmen. Lebenssinn ist entsprechend nichts Individuelles, sondern das Ergebnis eines Fortpflanzungsaktes, der seinen Reiz für Politiker wohl aus seiner Standardisierbarkeit gewinnt.

Deshalb wird die deutsche Gesellschaft zur infantilisierten Gesellschaft umgebaut, zur Gesellschaft in der sich alles und jeder um “das Kind” zu drehen hat. Seiner Wichtigkeit entsprechend haben sich menschliche Hörorgane an Kinderlärm so anzupassen, dass er ihnen wie die Ruhe im Gebirgstal um 4 Uhr morgens erscheint, Eltern sein ist nicht mehr etwas, was im Laufe des Lebens anfällt, es ist vielmehr der Höhepunkt des deutschen Lebens, um den herum sich die anderen Lebensverrichtungen anlagern. Unternehmen haben auf Kinderbesitzer Rücksicht zu nehmen. Steuerzahler haben Kinderbesitzer zu subventionieren und zum Kinderbesitz anzureizen, Hersteller der verschiedensten Waren haben auf die besonderen Schutzbedürfnisse von Kindern zu reagieren (Wer seinen Kopf in eine Plastiktüte stopft, kann ersticken! Wer Messer ißt, kann verbluten! Wiskey nicht in Kindertee einrühren!). Der Tagesablauf hat sich an den Bedürfnissen von Kindern ebenso auszurichten, wie die Bauweise von Häusern, Zimmern, das Arrangement von Gärten, die Inneneinrichtung von Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln, das Fernsehprogramm, und was noch alles kindgerecht gestaltet werden kann.

Eltern beginnen ihr Leben als normale Menschen und dann pflanzen sie sich fort. Ab sofort haben sie eine staatlich vorgegebene Lebensplanung, die bei Vorsorgeuntersuchungen, Wickelkursen, psychologischen Trainings für die schwere Zeit der post-natalen Doppelbelastung beginnt, von Impfterminen, vielfältigen Kinderbeschäftigungsveranstaltungen, Kindergartentreffen bis zu Elternabenden, Arbeitsberatungen und Studienberatungen reicht. Aber damit nicht genug, denn wer denkt, dass wenn die Kinder erst einmal aus dem Haus sind, das Leben noch einmal anfängt, weil er dann Zeit hat, sich um sich kümmern”, der hat sich geeirrt: denn die eigenen Kinder bekommen – im schlimmsten Fall – ihrerseits Kinder und dann ist man als Großelter dran: Kinderbetreuung wird nun Enkelbetreuung, und die ganze Leier geht von vorne los.

Dass sich Großeltern nicht zu wohl fühlen, das hat sich die Familienministerin auf die Fahne geschrieben, und eine “Großelternzeit” an”gedacht”. Eigentlich gibt es die Großelternzeit bereits, denn Eltern, deren Kinder minderjährig sind, wenn sie ihrerseits der Fortpflanzung huldigen, können bereits heute (Groß-)Elternzeit beanspruchen und ihrem Arbeitgeber die kalte Schulter zeigen, denn alles, ausnehmlich alles, hat sich um die Kindlein zu drehen. Damit nicht genug, soll der “Rechtsanspruch” auf Großelternzeit nun generell und nicht nur bei minderjährigen Eltern, die noch keine Ausbildung haben, aber schon ihre Fortpflanzungsfähigkeit und damit ihre Verantwortungslosigkeit unter Beweis gestellt haben, gelten. Langsam aber sicher schreitet die Familienministerin mit ihrem Vorhaben, die deutsche Gesellschaft im Dienst am Kinde gleichzuschalten voran.

Begleitet wird der Umbau der deutschen Gesellschaft von einer Exportwirtschaft zu einer Kinderbetreuungsanstalt von einer unglaublichen Finanzflut, die über Kinder und deren Besitzer ausgegossen wird. So sind im Sozialbudget des Jahrs 2010 41,575 Milliarden Euro an Kindergeld und Familienleistungsausgleich verzeichnet. Hinzu kommen 4,7 Milliarden Euro Elterngeld und 25,4 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe. Insgesamt wurden 2010 79,9 Milliarden Euro für Kinder bzw. Mutterschaft ausgegeben. In allen berichteten Bereichen ist im Vergleich zu 2009 ein Anstieg zu verzeichnen. Im Zeitverlauf sind die Zahlungen an Eltern immer mehr geworden. Allein das Kindergeld ist von 26 Euro im Jahre 1975 bei seiner Einführung (2. Kind: 36 Euro, 3. Kind 61 Euro) auf 184 Euro (2. Kind 184 Euro, 3. Kind 190 Euro, ab dem 4. Kind: 215 Euro) und somit um das Siebenfache angestiegen. Hinzu kommt seit 1989 der Kinderfreibetrag von damals 1.270 Euro und heute 7.008 Euro, abermals ein satter Ansteig um das dieses Mal 5,5fache. Trotz aller Geldleistungen ist die Gebährwilligkeit der Deutschen seit den 1970er Jahren und somit seit es Kindergeld gibt und im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Leistungen für Kinder und Kinderbesitzer gesunken. Je mehr Kopfprämie auf den Besitz von Kindern die Bundesregierung aussetzt, je mehr sie die Gesellschaft rund um das Kind organisiert, um so weniger Kinder werden geboren, um so weniger Deutsche wollen Kinder.

Das Elend der Planwirtschaft zeigt sich hier in voller Pracht und zudem zeigt sich, dass man Menschen nicht zu etwas zwingen kann, was sie nicht wollen und vermutlich schon deshalb nicht wollen, weil es durch Regelungen und die Betonung der Wichtigkeit von Kindern immer weniger attraktiv wird. Wer will sich schon sehenden Auges an seinen Staat und die Horden von Kinderbetreuern, die ihm unterstehen, verkaufen? Wer will sein Leben damit zubringen, seinem Kind, seinen Kindern zu dienen? Wer will sein Leben Kindern weihen und mit der Fertilität den Vertrag unterzeichnen, der sein eigenes Leben beendet? Und wer will sich dafür bezahlen lassen, dass er sich fortpflanzt? Das ist das für mich Erstaunlichste an der deutschen “Kinderpolitik”. Die Politiker wollen ihren Bürgern tatsächlich erzählen, dass es nichts Schöneres auf Erden gibt, als Kinder zu besitzen, und gleichzeitig sind Sie der Meinung, sie müssten ihre Bürger dafür bezahlen, dass sie die schönste Sache der Welt produzieren, weil ohne Bezahlung die schönste Sache der Welt wohl doch nicht so schön ist.

Seit Menschen Gedenken sind die Dinge, die besonders Wertvoll sind, Dinge gewesen, die dadurch wertvoll wurden, dass sie mit Entbehrung, mit Arbeit, mit Anstrengung, mit Leistung verbunden waren. Deshalb auch die Rede vom, sich Kinder leisten können. Menschen haben sich ein Ziel gesetzt, das sie erreichen wollten und dann, wenn sie es erreicht haben, war der entsprechende Stolz auf das Erreichte, neben dem Erreichten der Lohn. Diese menschliche Eigenschaft, nur Dinge wertschätzen zu können, die sich mit Anstrengung und Einsatz verbinden, nennen Sozialpsychologen “intrinsische Motivation”. Die intrinsische Motivation ist ein sehr fragiles Gebilde, wie vor allem Edward L. Deci in seinen vielen Arbeiten immer wieder gezeigt hat (Deci, 1975, Deci & Ryan 1999, 1985). Man kann intrinsische Motivation leicht zerstören, durch Bezahlung zum Beispiel. Wer also ein intrinisisches Verlangen nach einem Kind spürt, wird durch Bezahlung davon abgeschreckt, denn der intrinische Wert von Kindern wird dadurch, dass man für ihren Besitz bezahlt wird, zerstört. Nun kann man sich fragen, was Eltern treibt, dennoch Kinder in die Welt zu setzen und drei Antworten geben:

  • Unkenntnis darüber, worauf sie sich einlassen. Damit ist die Gruppe der Naiven, denen das böse Erwachen bevorsteht, beschrieben
  • Intrinsische Motivation, die so groß ist, dass sie auch von staatlicher Bezahlung und staatlicher Gängelung nicht zerstört werden kann. Damit ist die Gruppe der Überzeugungstäter beschrieben, die auch ohne staatliche Finanzierung Kinder in die Welt gesetzt hätten.
  • Extrinsische Motivation, wie sie durch Kindergeld, Elterngeld und sonstige finanzielle Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer bereitgestellt werden. Damit ist die Gruppe derer beschrieben, die besser keine Kinder hätten, die Gruppe der Rent Seeker, deren Kinderliebe sich in Euro beziffern lässt.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass mit steigender Höhe finanzieller Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer, die zweite Gruppe immer kleiner wird, während die dritte Gruppe wächst, was dazu führt, dass immer weniger Kinder in angemessener Weise von ihren Eltern erzogen werden, was die Notwendigkeit staatlichen Eingriffs, die Notwendigkeit, die Gesellschaft dafür zahlen zu lassen, dass Kinderbesitzer ihren Erziehungsaufgaben nicht nachkommen, weiter erhöht, die Infantilisierung der Gesellschaft weiter vorantreibt und dabei die Gruppe der Naiven und der Überzeugungstäter weiter reduziert, so dass am Ende eine Situation entsteht, die extrinsisch motivierte Eltern in Abhängigkeit des Staates existieren sieht und, weil sie nicht leisten können (oder wollen), was Eltern leisten sollen, staatliche Hilfestellung notwendig macht, die das dichte Schleppnetz, das bereits jetzt die Gefangenen der Gesellschaft im Kinderrausch zu ertränken sucht, noch dichter macht und die Bereitschaft, sich der Gruppe der Kinderbesitzer anzuschließen weiter reduziert, bis nur noch das übrig ist, was man als gewerbsmäßige Eltern bezeichnen kann.

Planpolitik, die sich ihr eigenes Grab schaufelt.

Epilog

Wer die Abbildung und den dargestellten Verlauf der Geburtenentwicklung in Deutschland betrachtet, stellt fest, dass das, was Politiker MItte/Ende der 1990er Jahre ganz überrascht als demographischen Wandel erkannt haben, ein Prozess ist, der bereits in den 1970er Jahren eingesetzt hat, interessanter Weise nahezu zeitgleich mit der Einführung des Kindergelds. Dies verweist zum einen auf den Zusammenhang zwischen Kindergeld und Geburtenverweigerung, zum anderen und abermals auf das allgegenwärtige Elend der Planwirtschaft. Damit Planwirtschaft effizient sein kann, müsste man einen allwissenden Geist zum Planer haben wie in William Poundstone ersonnen hat, einen allwissenden Geist, der nicht nur aktuelle, sondern auch vergangene und zukünftige Entwicklungen kennt und einplanen kann. Politiker sind offensichtlich damit überfordert, einen aktuellen Trend zu erkennen und schaffen es mit rund 20 Jahren Verspätung einen demographischen Wandel zu erkennen, den sie dann weitere rund 40 Jahre später zum Anlass nehmen, um hektisch an einer Demographiestrategie zu arbeiten, deren Hauptziel wiederum darin besteht, Kinder als kollektives Gut zu inszenieren. Wem dies nicht genug Beleg für die Unmöglichkeit einer Planwirtschaft ist, der möge nicht überrascht tun, wenn demnächst ein Politiker entdeckt, dass es mit dem Internet möglich ist, auch am Wochenende einzukaufen….

Literatur

Deci, Edward L. (1975). Intrinsic Motivation. New York: Plenum.

Deci, Edward L., Koestner, R. & Ryan, Robert M. (1999). A Meta-Analytic Review of Experiments Examining the Effects of Extrinsic Rewards on Intrinsic Motivation. Psychological Bulletin 125(3): 627-668.

Deci, Edward L. & Ryan, Robert M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.

Neues aus dem Ministerium für heile-Welt-Vorstellungen

Es ist eine dem deutschen Sprachraum eigene Eigentümlichkeit, dass zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft unterschieden wird, wobei Gesellschaft seit Ferdinand Tönnies als etwas Mechanisches angesehen wird, das durch Willen geschaffen wird, während Gemeinschaft etwas biologisch Gewachsenes, etwas Organisches, etwas Natürliches sein soll. Auf dieser Dichotomie, die ich im Folgenden nocht etwas näher ausführen will, wachsen die abstrusesten Vorstellungen über die Gesellschaft als Ort, an dem sich die Krämerseelen und die kalten rationalen Nutzenmaximierer finden und die Gemeinschaft, in der sich die sorgenden, liebenden, altruistischen, selbstlosen, jederzeit zu Hingabe und zum Opfer des eigenen Lebens für den Volkskörper willigen Übermenschen oder Gutmenschen finden. Diese absurde Gegenüberstellung von Gesellschaft als Ort der Unordnung und des Wettbewerbs und Gemeinschaft als heiler Welt der Geborgenheit, macht den Begriff “Gemeinschaft” zum nützlichen Vehikel, in den man die eigene Ideologie gießen und den Gemeinschafts-Gläubigen unterschieben kann. Um diesen Nutzen von Gemeinschaft darzustellen, ist ein kurzer Abstecher in die Geschichte der Soziologie und in Ferdinand Tönnies’ Buch “Gemeinschaft und Gesellschaft” sinnvoll.

Ferdinand Tönnies

Die Reihenfolge im Buchtitel ist kein Zufall, sie ist Tönnies’ Programm, denn für Tönnies geht die Gemeinschaft der Gesellschaft voraus, die Gemeinschaft ist für Tönnnies so etwas wie der emotionale Hort für Individuen, dem die mechanische Gesellschaft mit ihrer Notwendigkeit zu Tausch und Handel gegenübersteht:

„Das Verhältnis selber, und also die Verbindung, wird entweder als reales und organisches Leben begriffen dies ist das Wesen der Gemeinschaft, oder als ideelle und mechanische Bildung – dies ist der Begriff der Gesellschaft“ (Tönnies, 1979, S.3). Und weiter: „Alles vertraute, heimliche, ausschließliche Zusammenleben … wird als Leben in Gemeinschaft verstanden. Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt. In Gemeinschaft mit den Seinen befindet man sich von der Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde. … Aber die menschliche Gesellschaft wird als bloßes Nebeneinander von einander unabhängiger Personen verstanden. … Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares. Und dem ist es gemäß, dass Gemeinschaft selber als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft als ein mechanisches Aggregat und Artefakt verstanden werden soll“ (Tönnies, 1979, S.4-5).

Die Meldung, die Tönnies verbreiten will, ist deutlich: Gesellschaft ist durch einen mechanischen modus operandi geprägt. Gesellschaft ist vergänglich, weil auf vertraglicher Basis gegründet. Sie ist freiwillig und „fremd“. In der Gesellschaft treffen sich Akteure zum Tausch von Waren. Dagegen ist die Gemeinschaft organisch und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft unausweichlich. Von dieser Beschreibung der Unterschiede zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft und der romantischen Verklärung, die Gemeinschaft regelmäßig erfährt, ist es nur noch ein kurzer Weg, der in der Regel durch die Vergabe von Adjektiven (regelmäßig in nominaler Verpackung) gegangen wird, die die Gemeinschaft erhöhen, während sie die Gesellschaft abwerten.

Z.B. ist Kristina Schröder sehr versiert, wenn es darum geht, die Gemeinschaft als Vehikel zur ideologischen Manipulation zu nutzen und sie der gesellschaftlichen Notwendigkeit gegenüberzustellen, z.B. dann, wenn sie dazu auffordert die “Familie als Gemeinschaft [zu] stärken: … Familien sind die stabilen Kerne unserer Gesellschaft. In der Familie finden Menschen Rückhalt, Schutz und Unterstützung in einem Maß, das weit über die Leistungsfähigkeit der staatlichen Solidargemeinschaft hinausgeht …. Familien erbringen Fürsorge-, Erziehungs- und Betreuungsleistungen – erst Eltern für Kinder, und später die Kinder auch für ihre Eltern”.

Die historische Kontinuität zu Konzepten, die im Verlauf der Geschichte wiederholt und unter Forderung erhblicher Opfer zum Einsatz kamen, ist ebenso offensichtlich wie sie bedrückend ist: Die Gegenüberstellung der “stabilen” und organisch gewachsenen Familie als Gemeinschaft und die Abhängigkeit der mechanischen Gesellschaft von diesem “stabilen Kern” ist offenkundig, wie auch die Zuschreibung besonderer nur in der Familie erbringbarer Leistungen, offenkundig ist. Ebenso offenkundig ist die klare Vorgabe dessen, was Familien zu leisten haben: Kinder in die Welt setzen, Kinder erziehen und, da die Gemeinschaft “Familie” alle Unbillen der Natur und des Lebens übersteht, ist es selbstverständlich, dass Kinder im erwerbsfähigen Alter für ihre nunmehr verrenteten Eltern sorgen. Wie schön ist doch die heile Welt von Frau Schröder, so schön, dass man sie fast schon faschistisch nennen muss, finden sich doch die untrüglichen Zeichen aller totalitären Konzepte: Die zentrale Stellung des “totalitären Kerns”, um den herum “die Gesellschaft” angeordnet ist und für den “die Gesellschaft” bezahlen muss. (Die folgenden Vorgaben entstammen dem Auftrag der Arbeitsgruppe A beim bevorstehenden Demografie-Gipfel der Bundesregierung) :

  • Es muss exklusive Zeit gegeben werden, damit Familien Fürsorge zeigen können. Diese Vorgabe steht zwar im Widerspruch zur organischen Familiensicht, in der die entsprechenden Leistungen quasi von alleine anfallen, aber lassen wir den Gemeinschafts-Ideologen im BMFSFJ diesen Lapsus einmal durchgehen.
  • Die Arbeitswelt, in der kalten Gesellschaft angesiedelt, aus mechanischen Tätigkeiten bestehend und dem kruden Tausch von z.B. Arbeitskraft gegen Arbeitsentgelt gewidmet, hat sich gefälligst um die Bedürfnisse der heilen Familie anzuordnen, der Familie zu dienen.
  • Und weil man doch nicht zu sehr auf die organischen Bande der heilen Familienwelt bauen soll, werden ganz krude, mechanische und überhaupt nicht “liebende” Mittel wie Geld, umdeklariert in “famillienunterstützende, haushaltsnahe Dienstleistungen” denen geboten, die ihre organische und liebende Familie leben bzw. geboten, damit sie die heile Welt, die ihnen vom BMFSFJ vorgesetzt wird, auch leben.

Eine alte Weisheit in der Soziologie besagt, dass es einen Punkt gibt, ab dem Menschen gesättigt sind, ab dem sie keinen Spass mehr an der Tätigkeit haben, die sie bislang ausgeführt haben oder ab dem sie schlicht mit Widerstand auf Versuche reagieren, sie weiterhin zu einer bestimmten Tätigkeit zu bewegen. Kindergeld, Elterngeld, also die Fertilitätsprämien sind ein Beispiel dafür. Obwohl die Fertilitätsprämien über die letzten Jahrzehnte gewachsen sind, ist die Fertilität gesunken. Man könnte fast denken, Menschen wollen sich nicht für ihr doch angeblich so biologisch determiniertes Verhalten, das sie organisch an ihre Familie bindet und sich ganz natürlich fortpflanzen sieht, bezahlen lassen. Fast könnte man zu der Erkenntnis kommen, dass es sich bei dem organischen Larifari, um die seltsamen Heilsvorstellungen von Tagträumern handelt, die entweder jede Verbindung zur Realität verloren haben oder den entsprechenden Verlust bei anderen für ihre eigenen ideologischen Zwecke ausnutzen wollen.

Was auf die Ministerin aus dem BMFSFJ zutrifft, vermag ich nicht zu sagen, allerdings scheint mir am wahrscheinlichsten, dass ideologische Motive hinter dem Gemeinschafts-Salbader stehen. Ziel dieser Motive ist es, Menschen auf die Rolle als Züchter der nächsten Generation festzulegen und ihnen dafür alles Heil, was man in der Gemeinschaft der Familie so erwarten kann, zu versprechen. Gegen diese Heilsvorstellung, die verkauft wird, wie das Wunderelixir auf dem Marktplatz des Mittelalters stehen Realitäten wie:

  • Kinder, die in der heilen Welt der Familie dennoch vernachlässigt werden.
  • (Ehe-)Partner, die sich in der heilen Welt der Familie gegenseitig blaue Augen und andere blutergießende Ausdrucksformen gegenseitiger Anhänglichkeit verpassen.
  • Die heile Welt der post-mortem-Besitz-Verteilung, die Schwadronen heiler Familienmitglieder in Zivilgerichte einfallen sieht, um dort ihre Erbdifferenzen für alle heilstiftend beizulegen.
  • So manche heile Familienwelt mündet bereits nach kurzer Zeit in scheidunsrichterlich verfügte und staatliche legitimierte Umverteilung der Arbeitsentgelte, von dem, der sie erzielt, zu dem, der sich durch Fertilität ein die Scheidung der heilen Familienwelt überdauerndes Anrecht auf finanzielle Zuwendung erworben hat.
  • Und dann ist da noch die ganz alltägliche heile Familienwelt der Partner, die durch Gewohnheit aneinander gebunden sind, nebeneinander herleben, im gegenseitigen Desinteresse ihre Tage fristen, und die nur durch einen gemeinsamen Feind, z.B. den Nachbar und seine heile Familienwelt zu neuer Gemeinschaft erweckt werden können.

Wie die gerade geschilderte Realität einer eher mechanischen Gemeinschaft, deren Zweck im Tausch von Gütern besteht, mit den heile-Welt-Vorstellungen wie sie z.B. im BMFSFJ genährt werden, in Einklang zu bringen sein soll, ist mir ein Rätsel, aber ich halte ja auch nichts von einer Unterscheidung in Gesellschaft und Gemeinschaft, um nicht zu sagen, ich finde die überhöhte Vorstellung von der Gemeinschaft einfach nur preposterous.

Tönnies, Ferdinand (1979). Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Verlagsanstalt.