Ebola: Kein Grund zur Sorge – angeblich

Entwarnung. Ebola mag tödlich sein, aber nicht in Deutschland. Äußerst unwahrscheinlich sei ein Ausbruch von Ebola in Deutschland, so das Ärzteblatt. Und im O-Ton geht es weiter:

“Auch mit den weiter steigenden Ebola-Zahlen besteht in Deutschland kein Grund zur Sorge. Dass eine infizierte Person einreise, sei zwar möglich, aber extrem ununwahrscheinlich, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) am Montag in Hamburg. Andere lebensbedrohliche Krankheiten wie Malaria seien deutlich häufiger.”

Ob Herr Schmidt-Chanasit stottert oder das “ununwahrscheinlich” ein Anflug von Pessimismus bei den ansonsten so überzeugten Ärzten ist, muss derzeit offen bleiben.

ebola_micrograph_virus-afriqueNich offen bleiben muss die Tatsache, dass das Ebola-Virus ein tödliches Virus ist, das nach Angaben der WHO zwischen 41% und 100% der Infizierten umbringt. Seit 1976 als Ebola zum ersten Mal und simultan im Sudan und in der Demokratischen Republik Kongo, in einem Dorf nahe beim Fluss Ebola ausgebrochen ist, gibt es regelmäßig widerkehrende Epidemien, die in 24 Epidemien bislang insgesamt 2.387 Infizierte und davon wiederum 1.590 Tote (67% Mortalität) hinterlassen haben. Die neuerliche Epidemie in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria findet sich mit 1.711 Infizierten und bislang 932 Toten in einer neuen Liga. Entsprechend hat die WHO den Notstand ausgerufen.

Dennoch: kein Grund zur Sorge, wie nicht nur das Ärzteblatt verkündet. Die Meinung im Medienwald scheint dahingehend einmütig zu sein, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Ebola befällt keine Europäer und wenn doch, so die allgemeine Meinung, dann ist der Ausbruch schnell eingedämmt und das effiziente Gesundheitsystem wird dem Virus schnell den Garaus machen.

Das muss auch schnell geschehen, weil sonst der Virus den Infizierten den Garaus macht: 2 bis 21 Tage dauert die Phase der Inkubation. Der Virus findet sich in allen Formen körperlicher Flüssigkeiten und Sekrete, entsprechend leicht kann er zwischen Menschen übertragen werden. Er äußert sich zunächst in Fieber, Schwäche, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, einem rauhen Hals, geht schnell zu Erbrechen, Durchfall und Aussschlag, Nieren- und Leberschädigung über und von dort fast nahtlos in innere oder äußere Blutungen.

Ebola ist in vielerlei Hinsicht besonders: Es gibt keine zugelassenen Medikamente zur Bekämpfung von Ebola. Es gibt keine Form der Behandlung, die Erfolg verspricht. Es gibt keinen Impfstoff. Es gibt Vermutungen darüber, dass das Ebola-Virus vor allem Flughunde als Wirt nutzt. Aber: Genaues weiß man derzeit nicht, nur eines weiß man, nämlich, dass man sich in Deutschland keine Sorgen über Ebola machen muss, auch nicht als spezifische Form von Empathie angesichts der vielen Toten, die der neueste Ausbruch des Virus bislang hinterlassen hat.

Fruit batStatt Sorgen plagen Europäer und die Verantwortlichen bei der WHO ethische Fragen, denn: die US-amerikanische Firma Mapp Biopharmaceutical Inc. hat ein Serum entwickelt, ZMapp mit Namen, das gegen Ebola wirksam sein soll. Aber: Es ist derzeit noch nicht an Menschen getestet, so dass über Risiken und Nebenwirkungen keine Aussagen gemacht werden können. Und jetzt haben Europäer und die WHO ein ethisches Luxus-Problem: Kann man dem Tode geweihten Menschen ein nicht getestetes Medikament verabreichen? Ob sie auch ein ethisches Problem hätten, wenn sie selbst mit Ebola infiziert wären und ihre Überlebenschancen geringer als ihre Wahrscheinlichkeit, zu sterben?

Derartige Luxus-Probleme aus angeblich ethischen Erwägungen kann man sich in der trauten Sicherheit leisten, dann, wenn man sich in seinem Ebola-freien Idyll eingerichtet hat. Und schließlich muss man sich ja keine Sorgen machen, wie das Ärzteblatt weiß. Aber weiß es das wirklich?

Ebola ist eine Form des hämorrhagischen Fiebers, also eines zu Blutungen führenden Fiebers, das nicht ganz unbekannt ist, in Deutschland. Im Jahre 1967 kam es in Marburg, Frankfurt am Main und Belgrad zu einem Ausbruch des Marburg Virus, einem Ableger von Ebola, der ebenfalls zur Gruppe der hämorrhagischen Fieber gehört. 31 Arbeiter bei Hoechts, in den Behring Werken wurden infiziert, sieben davon sind gestorben. Damit hatte der Ausbruch die Größenordnung des Ebola-Ausbruchs von 2008 in der Demokratischen Republik Kongo, was zeigt, dass es mitnichten so ist, dass Ebola ein Schauspiel ist, das sich im fernen Afrika ereignet.

Überhaupt, wir leben in einer globalisierten Welt, in der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen den Virus ebenso nach Hause bringen können, wie Touristen. Ob die 11.9 Millionen Euro, die die EU derzeit eingesetzt hat, um vor Ort in Afrika Hilfe gegen Ebola zu leisten, adäquat oder ein Feigenblatt sind, ist entsprechend eine offene Frage. Fraglich ist zudem, ob man sich die Luxus-ethischen Probleme, die derzeit gewälzt werden, auch in Zukunft wird leisten können. Klar ist lediglich, dass es sinnvollere Weisen gibt, Steuergelder anzulegen als sie in Frauenförderung zu stecken: Wie wäre es statt dessen mit einer Finanzierung von Unternehmen, die  tödliche Krankheit wie Ebola erforschen? Wir können das Professorinnenprogramm streichen und statt dessen entsprechende Stellen in Unternehmen schaffen, auf die sich dann natürlich auch Frauen bewerben können, die bei entsprechender Eignung auch eingestellt werden.

Aber das wird natürlich nicht geschehen, denn: wir müssen uns keine Sorgen machen, wie das Ärzteblatt weiß und der für Gesundheit zuständige EU-Kommissar Tonio Borg erklärt:

As European Commissioner for Health I want to reassure citizens that the risk from Ebola to EU territories is extremely low. This is both because relatively few people travelling to the EU are likely to be infected with the virus, and because of the way in which it spreads, i.e. only through direct contact with the symptomatic patient’s body fluids.

Ebola verbreitet sich wie eine Schnupfenvirus, sagt Borg, und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Na dann.

Der Sinn des Lebens

Heute machen wir eine Umfrage:

Geben Sie bitte auf einer Skala von 1 “stimme gar nicht zu” bis 7 “stimme voll zu”, an, wie sehr sie den folgenden Aussagen zustimmen:

Manche Menschen leben ziellos vor sich hin, ich bin einer davon.

Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht an die Zukunft.

Manchmal denke ich, dass ich alles getan habe, was es im Leben zu tun gibt.

Addieren Sie nun die Punkte der Antworten,die sie gegeben haben. Wer auf weniger als 7 Punkte kommt, lebt länger!

Denn: Wer in seinem Leben einen Sinn hat, der hat eine höherer Lebenserwartung als derjenige, der in seinem Leben keinen Sinn hat. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Patrick L. Hill und Nicholas A. Turiano (2014) in Psychological Science veröffentlicht haben.

sinndeslebensDie Untersuchung basiert, wie dies für Untersuchungen aus den USA regelmäßig der Fall ist, auf einem fetten Datensatz, in dem sich 7.108 Befragte im Alter von 20 bis 75 Jahren befinden, die 1994 erstmals befragt wurden und die für die nächsten 14 Jahre von Sozialforschern verfolgt wurden. In dieser Zeit sind 569 der Befragten verstorben, so dass es möglich ist, so genannte Hazard-Rates dafür zu berechnen, dass jemand im Beobachtungszeitraum stirbt und dabei gleich zu untersuchen, welche Variablen die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen.

Neben dem Lebenssinn, den wir Eingangs in der Weise dargestellt haben, in der er erhoben wurde, haben Hill und Turiano noch die Frage sozialer Einbindung, also Menge und Intensität sozialer Beziehungen untersucht, sie haben untersucht, wie sich affektive Befindlichkeiten, positive wie negative, auf die Sterbewahrscheinlichkeit auswirken und noch eine Reihe sozialdemographischer Variablen berücksichtigt.

Und hier die Ergebnisse:

Alter hat einen Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit, anders formuliert: Je älter man ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Dieses Ergebnis ist beruhigend, denn hätte es sich nicht eingestellt, man hätte an der eigenen Berechnung oder der Art und Weise, in der die Daten abgelegt sind, zweifeln müssen – oder – noch eine Möglichkeit: sich seine Befragten genauer ansehen müssen.

Männer haben ein höheres Sterberisiko als Frauen, und zwar ein deutlich höheres Sterberisiko, was eine andere Form der Darstellung der höheren Lebenserwartung von Frauen ist, eine dramatisch andere und abermals eine, die die Gleichstellungsfanatiker nicht interessieren wird.

Je höher das erreichte Bildungsniveau, desto geringer die Sterbewahrscheinlichkeit. Auch dieses Ergebnis wird wieder und wieder repliziert. Es fasst die Tatsache in Zahlen, dass ein Maurer, der sich täglich körperlich beansprucht, seinen Körper mehr abnutzt als eine Mausschubserin, die halbtags am Schreibtisch sitzt.

Schließlich erklärt der Lebenssinn. Wer einen Sinn in seinem Leben hat, ein Ziel, das er erreichen möchte, einen Daseinszweck, der hat eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit als jemand, der keinen Sinn für sein Leben benennen kann.

meaning_of_lifeKeinerlei Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit hat die soziale Einbindung, was überraschend ist, angesichts der behaupteten Wohltaten, die von sozialen Kontakten und sozialer Einbindung ausgehen sollen. Wenngleich Zweifler wie wir sowieso eher angenommen hätten, dass die Anzahl der sozialen Kontakte und die Intensität der sozialen Kontakte, die Sterbewahrscheinlichkeit eher erhöht als senkt, weil man mehr Gelegenheit hat, sich über seine Nächsten zu ärgern und somit mehr Gelegenheit, einen Herzinfarkt zu erleiden. Aber: wir liegen zumindest in der Operationalisierung, die Hill und Turiano gewählt haben, falsch. Gemessen wird von den Autoren soziale Eindung als Zustimmung zu: “Ich habe nicht viele Beziehungen zu anderen erlebt, die von menschlicher Wärme und Vertrauen geprägt waren”. “Die Leute würden mich als eine offene Person beschreiben, die bereit ist, Zeit mit anderen zu teilen.” “Enge Beziehungen zu unterhalten, hat sich für mich als schwierig erwiesen.”

Schließlich tragen auch positive oder negative affektive Befindlichkeiten nichts zur Erklärung des Sterberisikos bei. Ob jemand von sich sagt, es sei in den letzten 30 Tagen vor dem Befragungstermin überwiegend freudig, in guter Stimmung, glücklich, ruhig und zufrieden oder voller Leben gewesen, hat ebenso wenig einen Effekt wie überwiegende Nervosität, Traurigkeit oder Unruhe.

Kurz: Männer, die einen Sinn in ihrem Leben haben, können ihre Lebenserwartung steigern. Sie erreichen damit immer noch nicht die Lebenserwartung von Frauen, aber der Abstand kann zumindest zu Frauen verkürzt werden, die keinen Sinn im Leben haben.

Das Problem, das sich nun stellt: Wo bekommt man einen Sinn im Leben her, um länger zu überleben?

Ein häufig gewähltes Mittel: Hass auf andere als Antriebskraft, hat insofern vermutlich negative Auswirkungen als damit die erhöhte Abnutzung von Blutgefäsen und der erhöhte Ausstoß von Adrenalin einhergeht, was wiederum die Gefahr vorzeitigen Ablebens mit sich bringt.

Konsum, als weiteres Mittel, scheint ebenfalls nicht geeignet, denn, mit jeder Konsumeinheit sinkt der Wert jeder neuen Konsumeinheit, was vorhersehbar zu einem hektischen Konsum führen wird, der den Zweck, langes Leben durch Lebenssinn unterminiert.

Manche wählen die Fortpflanzung in ihrer Verzweiflung, einen Lebenssinn zu finden. Auch dieses Mittel dürfte sich nach einiger Zeit abnutzen, da spätestens mit der Übergabe der Kinder an das institutionalisierte Erziehungswesen, die Sinnzuschreibung mit Dritten geteilt werden muss, was den Wert des Sinnstifters “Kind” massiv reduziert.

Letztlich bleibt nur der institutionalisierte Dienst am Nächsten, also die Sinnstiftung dadurch, dass man für andere nützlich ist:

  • LiveOrganDonationDonor: [hears a ring at the door] Don’t worry dear. I’ll get it. [opens door] Yes?
  • Max: [the first doctor] Hello, can we have your liver?
  • Donor: What?
  • Max: Your liver. It’s a large glandular organ in your abdomen.
  • Donor:
  • Max: You know, it’s reddish-brown, sort of, um…
  • Donor: Yeah, yeah, I know what it is, but, um… I’m using it.
  • Howard: [the second doctor] *sigh* Come on sir, don’t mug us about. [pulls card out of donor's shirt]
  • Max: What’s this, then?
  • Donor: A liver donor’s card…
  • Max: Need we say more?
  • Donor: Now listen, I can’t give it to you now! It says ‘in the event of death’!
  • Max: [pushes donor on the table] Nobody’s ever taken out their liver for US to survive.
  • Howard: Don’t worry, this is only gonna take a minute. (drives knife into donor’s stomach)
  • Donor: GAAAHHHHH! AAAAAHHHHHH! HAWHAWHAWHAW! GAAAAHHHHHH!

aus: Monty Pythons the Meaning of Life, 1983

Hill, Patrick L. & Turiano, Nicholas A. (2014). Purpose of Life as a Predictor of Mortality Across Adulthood. Psychological Science 25(7): 1482-1486.

Macht das Bildungssystem kurzsichtig?

Der Nerd, Inbegriff des neunmalklugen Internet-Freaks, der sich hyperintellektuell gibt, trägt eine. In bestimmten Schichten der Bevölkerung ist es schick, eine zu tragen, um intellektuell zu erscheinen. Lemmi von den Schmökern, der Bücherwurm, den manche noch aus ihrer Jugend kennen, er musste natürlich auch eine haben. Die Rede ist von einer Brille, die Brille, die bis heute als Symbol für Intellektualität gilt, sofern sie nicht als Sonnenbrille daherkommt, die am Ende maskulin oder cool wirken könnte.

NerdDie Symbolik hinter der Brille, also der Glaube, man könne sich durch eine Brille mehr geistigen Gehalt verschaffen, als man tatsächlich hat, ein Glaube, der durch die Optiker Meise Reklame auf unangenehme Weise befördert wird und zuweilen bis zum ersten gesprochenen Wort reicht, diese Symbolik scheint einen wahren Kern zu haben, denn Kurzsichtigkeit weist einen Zusammenhang mit Bildung auf.

Aus Deutschland kommt eine Untersuchung, die Alireza Mirshahi und sieben weitere Autoren in “Opththalmology” veröffentlicht haben. Die Untersuchung trägt den Titel: “Myopia and Level of Eduction”, sie ist gut gemacht, behauptet keine Zusammenhänge, wo keine sind, problematisiert Schwächen an der eigenen Untersuchung und ist eine wohltuende Abwechslung von all den Studien, die aus kaum existenten Zusammenhängen weitreichende und aberwitzige Konsequenzen ziehen, zumeist deshalb, weil sie den Autoren ideologisch passen, wie dies z.B. in der Studie über gleichgeschlechtliche Eltern, die wir vor einigen Tagen besprochen haben, der Fall war.

Mirshahi und seine Koauthoren haben zu acht einen Text verfasst, der auf fünf Seiten kurz und knapp die Ergebnisse einer Analyse berichtet, die auf Grundlage von 4658 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren erstellt wurde. Alle 4658 Personen leben in der Rhein-Main-Region und haben sich bereit erklärt, an der Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS) teilzunehmen.

Für die vorliegende Untersuchung wurde die Sehkraft der Befragten untersucht. Dabei haben sich 1.780 der Studienteilnehmer (38,2%) als kurzichtig erwiesen. Um den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsstand der Teilnehmer zu untersuchen, haben die Autoren zwei Variablen gebildet, die einmal den erreichten Schulabschluss und einmal die Geschichte der beruflichen Bildung zusammenfassen. Von den 4658 Personen haben 26 (0,6%) keinen Schulabschluss erreicht, 1916 (41,1%) einen Hauptschulabschluss, 1008 (21,6%) einen Realschulabschluss und 1553 (33,3%) eine Hochschulreife. Keine Berufsausbildung haben im Anschluss an ihre Schulzeit 368 (7,9%) Befragte aufgenommen, 2157 (46,3%) haben eine Berufsschule, 773 (16,6%) eine Berufsfachschule und 1118 (24,0%) eine Universität besucht.

BrillenDie Auszählung der Sehkraft nach Bildungsabschluss und Berufsausbildung stellt erste Indizien für einen Zusammenhang bereit: 50,9% der Personen, die eine Hochschulreife erreicht haben, sind kurzsichtig – gegenüber 41,6% bzw. 27,1% der Schüler mit Realschul- bzw. Hauptschulabschluss. Dasselbe Bild ergibt sich bei der Berufsbildung: Universitätsabsolventen weisen zu 53% eine Kurzsichtigkeit auf, während Berufsfachschüler und Berufsschüler nur den Anteil von je 34,8% und 34,7% Kurzsichtige umfassen.

Nun muss man einwenden, dass die Ergebnisse auf Basis aller Befragten ausgezählt wurden, d.h. die jeweiligen Gruppen enthalten Alte wie Junge. Da Kurzsichtigkeit mit dem Alter zunimmt, ist es demnach sinnvoll, nach dem Alter zu kontrollieren, es in einer Regressionsanalyse konstant zu halten. Also haben die Autoren Alter konstant gehalten und denselben Effekt festgestellt, der gerade aufgezeigt wurde:

Mit steigender allgemeiner und beruflicher Bildung sinkt die Sehkraft, steigt der Anteil der Kurzsichtigen.

Man muss also feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Sehkraft gibt, dass Bildung anscheinend einen negativen Effekt auf Sehkraft und einen positiven auf Kurzsichtigkeit hat. Man kann dies die “dark side of education” nennen und sich angesichts der erheblichen Kosten, die mit einer Kurzssichtigkeit und ihren Folgen, von Ablösung der Netzhaut bis zu grünem Star einhergehen, fragen, ob es nicht notwendig wäre, Abiturienten und Studenten gegen diese Folgen von Bildung in einer privaten und obligatorischen Versicherung zu sichern, schon um nicht diejenigen, die keine höhere Bildung anstreben und entsprechend besser sehen, für die Behandlungskosten der Höhergebildeten bezahlen zu lassen.

Besonders findige Rechtsanwälte mit Sehschwäche, die sich nach 8 Semestern Rechtsstudium fast zwangsläufig einstellen muss, könnten sich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, die OECD, die die Werbetrommel für höhere Bildung weltweit rührt und das Ziel für Deutschland auf 40% Abiturienten und damit ungefähr den OECD Durchschnitt anheben will, haftbar zu machen für die dadurch verursachten höheren Kosten, die individuell und im Aggregat durch die mit der Zunahme höher Gebildeter einhergehende Zunahme der Kurzsichtigkeit verursacht werden.

moleDenn dass ein Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsnievau besteht, steht außer Frage. Allerdings stellt sich die Frage, welcher Art dieser Zusammenhang ist, d.h.: stellt sich die Kurzsichtigkeit als Folge der Bildung ein, also der mit dem längeren Besuch von Bildungsinstitutionen einhergehenden Notwendigkeit, z.B. länger in Bücher oder Computer zu sehen, die direkt vor der Nase des Schülers oder Studenten stehen? Die Erklärung der Verbindung zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsniveau über das Starren in Bücher oder das Starren in Computer ist plausibel. Aber mehr ist sie bislang noch nicht. Der Beleg dafür, dass Kurzsichtigkeit von längerer Verweildauer in Bildungsinstitutionen verursacht wird, fehlt bislang.

Aber es gibt recht gute Indizien, die Mirshahi in einer guten Untersuchung zusammengetragen haben. Dass die Untersuchung nur gut und nicht sehr gut ist, liegt darin begründet, dass es nicht wirklich gelungen ist, intervenierende Variablen auszuschließen: Die Befragten sind zum Befragungszeitpunkt zwischen 35 und 74 Jahren alt. Die Kurzsichtigkeit kann sich irgendwann während, vor oder nach der Schulzeit eingestellt haben, d.h. es ist durchaus möglich, dass nicht berücksichtigte Variablen den Zusammenhang zwischen Sehkraft und Bildung vermitteln oder im schlimmsten Fall direkt erklären. Es hätte, um die Frage zu entscheiden, wie groß die Gefahr ist, durch nicht berücksichtigte Variablen, das gesamte Ergebnis wegzuerklären, geholfen, die erklärte Varianz der linearen Modelle zu berichten. Das haben die Autoren leider nicht getan.

Entsprechend kann die OECD (vorerst) aufatmen, und all diejenigen, die mit Brille einen Intellekt vortäuschen wollen, den sie nicht haben, müssen weiter hoffen, dass die Symbolkraft von Brillen über die nicht kausale Erklärkraft entsprechender wissenschaftlicher Modelle hinwegträgt.

Mirshahi, Alireza et al. (2014). Myopia and Level of Education. Results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology (online first).

 

Headbanging III: MOTÖRHEAD und Headbanging

Headbanging I: Enge Kulturen

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Headbanging III

Wem es noch nicht reicht, dem kann geholfen werden. Ariyan Pirayesh Islamian, Manolis Polemikos und Jochim K. Kraus haben im Lancet einen Beitrag von genau einer Seite Länge veröffentlicht, der mit “Chronic subdural heamatoma secondary to headbanging” überschrieben ist und wie folgt endet:

Motörhead“This case serves as evidence in support of Motörhead’s reputation as one of the most hardcore rock’n’roll acts on earth, if nothing else because of their contagious speed drive and the hazardous potential for headbanging fans to suffer brain injury” (102).

Wir befinden uns in Gutmenschen-Terrain.
Opfer: Dieses Mal nicht Nutella, sondern Motörhead.
Gegenstand der Besorgnis: Dieses Mal nicht Adipositas, sondern ein Hämatom im Gehirn
Objekt der Besorgnis: ein 50 Jahre alter Mann.
Tatort: Klinik für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover

Ein 50 Jahre alter Mann hat sich im Januar 2013 am Zentrum für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover vorgestellt und über Kopfschmerzen geklagt, die immer stärker würden.

Die Klage war zunächst ein Rätsel. Der Mann sei bislang neurologisch nicht auffällig gewesen, habe bestritten, Drogen zu nehmen und neurologische Standarduntersuchungen hätten gezeigt: nichts, jedenfalls nichts, was für die Kopfschmerzen als Verursacher dingfest gemacht werden konnte, so berichten die Autoren.

Eine Computertomographie brachte es dann an den Tag: Ein sudurales Hämatom, also eine Ansammlung von Blut zwischen Schädel und Gehirn. Das Hämatom wurde entfernt, und der Kopfschmerz verschwand. Die Ursache der Kopfschmerzen war damit dingfest gemacht: das subdurale Hämaton.

Aber was ist die Ursache des subduralen Hämatoms? Start headbanging!

Vier Wochen bevor der 50 Jahre alte Mann sich in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, hat er sich auf ein Konzert von Motörhead verirrt und dort vermutlich aufs Heftigste, so wie man das als 50jähriger eben noch kann, geheadbangt.

Zwei Wochen, bevor sich der 50 Jahre alte Mann in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, haben Kopfschmerzen bei ihm eingesetzt.

Damit ist klar: Motörhead ist schuld.

HeadbangingDas durchschnittliche Motörhead headbanging verursachte, subdurale Hämatom benötigt vier Wochen um voll in Erscheinung zu treten und zwei Wochen, um sich zu einem ständig steigenden Kopfschmerz zu entwickeln. Das Motörhead headbanging Hämatom kann nur durch Headbanging bei Motörhead verursacht werden, weshalb demnächst Motörhead-Konzertkarten nur noch mit einem Warnhinweis verkauft werden: Motörhead-Konzert-Headbanging kann (oder wird) bei einem der 50jährigen Besucher dieses Konzerts zu einem subduralen Hämatom führen, das ihn dazu veranlassen wird, vier Wochen nach dem Konzert in der Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover vorstellig zu werden.

Denn: Motörhead ist die härteste der Hardrock-Bands, weshalb das headbanging für 50jährige aus oder aus der Umgebung von Hannover besonders gefährlich ist.

Wer denkt, die Hannoveraner Neurochirurgen wären vielleicht übergeneralisierend und ihnen am Ende einen Fehlschluss der hasty generalization unterstellt, der unterschätzt die Notwendigkeit, in Zeiten knapper Kassen auch als Neurochirurg Marketing in eigener Sache zu betreiben. Und vor allem die geniale Verbindung des subduralen Hämatoms mit dem headbanging bei Motörhead, hat garantiert, dass die Meldung um die Welt ging und dass sich selbst Mikkey Dey zu einer Stellungnahme genötigt sah.

Dabei auf der Strecke geblieben ist, dass die drei Hannoveraner Neurologen die Kausalität des Motörhead Konzertes für ihren Einzelfall trotz einer Zyste, die sich in der mittleren Schädelgrube des 50 jährigen Mannes findet, behaupten.

Und jetzt darf geheadbangt werden, es sei denn, sie sind 50 Jahre alt, aus oder aus der Gegend von Hannover, haben eine Zyste in der mittleren Schädelgrube und tragen sich mit der Absicht, in vier Wochen die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover aufzusuchen.

Macht Ungerechtigkeit krank? Von einer Persiflage auf Wissenschaft

Gleich vorweg: Gerechtigkeit wird in der Regel als Equität aufgefasst, d.h. ein subjektives Gerechtigkeitsempfinden ergibt sich als Ergebnis eines Vergleichs der Bewertung des Verhältnisses eigener Anstrengung im Verhältnis zu dem damit erzielten Nutzen mit dem Verhältnis von Anstrengungen und Nutzen relevanter Vergleichspersonen.

equityDiese Konzeptionalisierung macht sehr deutlich, dass Gerechtigkeit kein absolutes, sondern ein relationales Maß ist. Man kann dies angesichts der Legionen unsinniger Publikationen, die Begriffe und Konzepte wild durcheinander werfen und von Chancengerechtigkeit bis Ergebnisgleichheit willkürlich nominale Verbindungen herstellen, nicht oft genug betonen.

Demgemäß lösen sich unsinnige Konzepte wie “soziale Gerechtigkeit” von selbst auf, denn es kann keine Gerechtigkeit als absolute Größe geben, denn dummerweise ist das Empfinden von Menschen bislang nicht durch staatliche Reglementierung steuerbar. Gerechtigkeit ist ein zutiefst individuelles Konzept, das sich nur auf Individuen richten kann und daher keine soziale Ausprägung annehmen kann. Wird Gerechtigkeit sozialisiert, sollen Gruppen z.B. unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit bevorzugt werden, dann geht damit unweigerlich ein Verstoß gegen das Gerechtigkeitsempfinden der Mitglieder der Gruppen, die entsprechend benachteiligt werden, einher. So einfach ist es, Programme zur Förderung von Gruppen wie Frauen als Programme institutionalisierter Ungerechtigkeit zu identifizieren, deren Ziel nicht in Gerechtigkeit besteht, sondern in Bevorzugung und das hat mit Gerechtigkeit nun gar nichts zu tun, aber mit Ungerechtigkeit.

Dies gesagt, gibt es eine auf den ersten Blick interessante Untersuchung zu berichten, die Reinhard Schunck, Carsten Sauer und Peter Valet (2013) erstellt haben. Die Autoren untersuchen den Zusammenhang zwischen empfundener Gerechtigkeit und subjektiver Einschätzung der eigenen Gesundheit. Die Legitimation für die Untersuchung dieses Zusammenhangs entnehmen sie aus dem “Konzept der sozialen Gratifikationskrise”, das unter pompösem Begriffsaufbau die schlichte Erwartung formuliert, dass Personen, die eine Ungerechtigkeit zwischen Aufwand und Ertrag z.B. beim Einkommen empfinden, aus dieser Dissonanz Stress entwickeln und nachfolgend eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, krank zu werden.

Ob eine empfundene Ungerechtigkeit des Einkommens mit einer schlechteren Einstufung der eigenen Gesundheit einhergeht, ist eine empirische Frage, eine Frage, die die Autoren auf der Grundlage der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zu beantworten suchen. Und hier beginnen, wie immer, wenn mit dem SOEP gerechnet wird, die Probleme:

  • SOEP 662Die im SOEP enthaltene Frage nach der empfundenen Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, ist keine Frage, die einen Vergleich beinhaltet, vielmehr wird schlicht gefragt: “Ist das Einkommen, das Sie in Ihrer jetzigen Stelle verdienen, aus ihrer Sicht gerecht?” Man muss also hoffen, dass Befragte bei Ihrer Antwort den Vergleich zwischen Aufwand und Ertrag und mit Vergleichspersonen anstellen, der im Konzept gefordert ist.
  • Die Frage nach dem Gesundheitszustand lautet: “Wie würden Sie ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben? Sehr gut, gut, zufriedenstellend, weniger gut, schlecht.” Das ist eine typische Form von Manipulation in einer Befragung, die darauf zielt, ein paar Befragte rechts der Mitte, also bei der schlechten Einschätzung der eigenen Gesundheit zu haben. Korrekt wären ab zufriedenstellend die Antwortalternativen schlecht und sehr schlecht.
  • Irgendwie hat sich die Kenntnis, dass das SOEP ein Paneldatensatz ist, dass es also theoretisch pro Befragtem zu mehr als einem Zeitpunkt Antworten gibt, bei den meisten Autoren, die damit rechnen, gesetzt. Die Art und Weise, in der die Paneldaten genutzt werden, ist jedoch, trotz pompöser Begriffe wie: Hybrid-Modell oder “random effect Regressionsmodell” eher rustikal und reduziert sich darauf, die mehrfachen Angaben von Befragten einfach zu addieren und so zu tun, als hätte man einen Befragten, der zu zwei Zeitpunkten etwas gesagt hat, doppelt. Der Nutzen eines Paneldatensatzes geht damit weitgehend verloren und, die Aussagekraft der Ergebnisse ist schlechter als sie sein könnte.
  • Schließlich zeigt sich in den Analysen von Schunck, Sauer und Valet, was sich bei Analysen mit dem SOEP immer zeigt: Man startet voller Zuversicht und stellt rasch fest, dass bei näherer Betrachtung nicht viel bleibt – vom Panel. Magere 2 Beobachtungen pro Befragtem sind für die Analysen von Schunck, Sauer und Valet vorhanden, es ist, mit anderen Worten, nicht viel Panel übrig geblieben, was die Erklärung dafür zu sein scheint, dass die Autoren ihren Datensatz nicht wirklich als longitudinalen Datensatz behandeln.

Dies gesagt, hier die Ergebnisse – Zunächst für die Frage: Wer ist der Ansicht, die Höhe seines Einkommens sei ungerecht?

  • Ein Drittel aller 12.268 Befragten ist der Ansicht, ihr Einkommen sei nicht gerecht.
  • Die Wahrscheinlichkeit, das eigene Einkommen als ungerecht zu empfinden, sinkt mit geringer werdendem Einkommen.
  • Personen mit mittlerer und niedrigerer Bildung haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihre Einkommen als ungerecht zu bewerten als Personen mit hoher Bildung.
  • Vollzeiterwerbstätige haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihr Einkommen als ungerecht zu empfinden, als Teilzeiterwerbstätige.
  • Ostdeutsche empfinden ihr Einkommen mit höherer Wahrscheinlichkeit als ungerecht als Westdeutsche.
  • Es gibt keinerlei Unterschied zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf die Bewertung des eigenen Einkommens

ZufriedenstellendWas die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes angeht und den Zusammenhang mit der Einschätzung der Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, so ist vorwegzuschicken, dass die Ergebnisse auf 57,4% der Befragten basieren, die ihren Gesundheitszustand als “gut” oder “sehr gut” einschätzen, und 42,6%, die ihren Gesundheitszustand als “zufriedenstellend”, “weniger gut” oder “schlecht” bezeichnen. [Warum zufriedenstellend zu "schlecht" und nicht zu "gut" geschlagen wurde, ist eine offene Frage, deren Antwort vermutlich: Fallzahl lautet. Wären alle, die ihre Gesundheit als zufriedenstellend bezeichnen, der Kategorie "gut" zugeschlagen worden, dann wären vermutlich nicht viele Befragte für die Kategorie "schlecht" übrig geblieben.] Untersucht wird demnach nicht, guter und schlechter Gesundheitszustand sondern bestenfalls besser im Vergleich zu schlechter eingeschätzer Gesundheitszustand. Wie so oft, bewegen wir uns im Bereich der Daten-Ambiguität, die verhindert, dass man so richtig weiß, was man eigentlich gemessen hat – geschweige denn, wie man es interpretieren soll.

Auf Basis dieser Daten-Ambiguität kann festgestellt werden, dass zwischen denen, die ihre Einkommen als gerecht empfinden und denjenigen, die ihr Einkommen als nicht gerecht empfinden, ein Unterschied im Hinblick auf die Einschätzung ihrer Gesundheit als besser oder schlechter von gerade einmal 3,9% (60,9% im Vergleich zu 57%) besteht.

Und nun kommt die fast schon unvermeidliche logistische Regression, dieses Mal im Gewand einer logistischen Hybrid Panelregression (klingt gut, oder?). Die logistische Hybrid Panelregression ergibt, dass eine bessere Einschätzung der eigenen Gesunheit:

  • vom Einschätzung, ein ungerechtes Einkommen zu erhalten, beinträchtigt wird,
  • von der Zufriedenheit mit dem eigenen Arbeitsplatz befördert wird,
  • von mittlerer und höherer Bildung befördert und
  • von geringerem Alter behindert wird.

Anders formuliert: Zwischen der Einschätzung des eigenen Einkommens als gerecht und der Einschätzung der eigenen Gesundheit, scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Das ist ein Ergebnis der Analysen, die Schunck, Sauer und Valet gerechnet haben.

Diese Analysen haben sie unter dem Titel “Macht Ungerechtigkeit krank? Gesundheitliche Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit” publiziert. Eine grobe Fälschung oder sagen wir eine innovative und von ihren Ergebnissen in keiner Weise gestützte Interpretation, die man wohl der Tatsache zurechnen muss, dass die Analysen von der Hans Böckler Stiftung finanziert wurden. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um eine grobe Verfälschung ihrer Ergebnisse, denn die Autoren haben “Ungerechtigkeit” weder untersucht noch gemessen, und sie haben auch keine gesundheitlichen Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit gemessen.

forgerySie haben die subjektive Einschätzung, ob das eigenen Einkommen gerecht ist und die subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit untersucht. Wer die eigene Gesundheit als “zufriedenstellend” einschätzt, ist sicher nicht krank, nicht einmal eine Einstufung von “weniger gut” hat notwendig eine Krankheit zur Ursache. Und empfundende Einkommensgerechtigkeit hat in der Regel überhaupt nichts mit realer Einkommensungerechtigkeit zu tun. Erstere liegt dann vor, wenn ein Arbeiter seine Leistung im Vergleich zu anderen als besser bewertet, sein Einkommen im Vergleich zu anderen jedoch nicht. Letztere ist dann gegeben, wenn ein Arbeiter für die selbe Leistung ein geringeres Gehalt erzielt, was die “Einkommensgerechtigkeit” als das normative und weltfremde Makrokonzept ausweist, das sie nun einmal ist, denn: wo finden sich denn die identischen Menschen mit gleicher Leistung, die unterschiedlich bezahlt werden? Was die Fälschung und die Suggestion, die mit dem Titel versucht wird, noch ärgerlicher macht, ist die klägliche Qualität der Logistischen Hybrid Panelregression, die in einem Nagelkerke R-Quadrat von .133 ausgewiesen ist. Da Nagelkerkes R-Quadrat schon von Haus aus der Notnagel für schlechte Modelle ist, ist die Tatsache, dass nicht einmal dieser Wert eine relevante Höhe erreicht, für das gerechnete Modell weitgehend tötlich.

Dass die phantasierten Makro-Gerechtigkeitskonzepte keine Basis in der realen Welt haben und eigens dazu erfunden werden, um z.B. über ein phantasiertes Gender Pay Gap diskriminierende Maßnahmen wie eine Frauenquote zu fordern, wird sogar in den Ergebnissen von Schunck, Sauer und Valet deutlich:

“Interessanterweise unterscheiden sich Männer und Frauen nicht hinsichtlich der Berwertung ihres Einkommens: Sowohl ein Drittel der männlichen Beschäftigten als auch ein Drittel der weiblichen Beschäftigten geben an, dass ihr Erwerbseinkommen, gemessen an den Leistungen, die sie erbringen, zu gering sei. Angesichts des sogenannten gender-wage-gaps … war dieser Befund nicht erwartbar” (8).

Erwartbar ist dieser Befund dann, wenn man das Gender-Wage-Gap oder Gender-Pay-Gap als die Erfindung von Ideologen akzeptiert, die es nun einmal ist und die Realität, wie sie sich aus den Antworten von Befragten ergibt, dagegen stellt. Dann bleibt vom erfundenen Gender-Pay-Gap ebenso wenig wie von Phantasmen einer Makro-Gerechtigkeit oder sozialen Gerechtigkeit, die angeblich Gruppen und nicht Individuen zu gute kommen sollen.

Und was heißt das Ganze nun für die Eingangs gestellte Frage, ob Ungerechtigkeit krank macht? Nichts, denn leider wurde nicht Krankheit, sondern das subjektive Gesundheitsempfinden gemessen, und es wurde nicht Ungerechtigkeit, sondern Gerechtigkeitsempfinden gemessen. Entsprechend kann nur gesagt werden, dass es wohl unter denen, die sich subjektiv und im Hinblick auf ihr Einkommen ungerecht behandelt vorkommen und denjenigen, die von sich sagen, ihre Gesundheit sei zufriedenstellend, weniger gut oder schlecht, eine schwache Korrelation gibt.

Krieg als Mittel gegen Alkoholmissbrauch

Selbstverständlich ist die Überschrift eine pointierte Aussage, die wir auf Grundlage eines in der Juniausgabe der Zeitschrit “Drug and Alkohol Dependence” veröffentlichten Beitrages gemacht haben. Selbstverständlich wird die WHO ihren Kampf gegen den Akolholmissbrauch nun nicht neu orientieren, obwohl man bei der WHO eigentlich über nichts richtig sicher sein kann, wie auch immer: die Untersuchung von Russell, Russell, Riviere, Thomas, Wilk und Bliese (2014) kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:

Soldaten, die im Kampfeinsatz einen Feind erschoßen haben, haben nach dem Kampfeinsatz weniger getrunken als vor dem Kampfeinsatz.

Es ist eben nichts so schlecht, als dass es nicht für etwas gut ist, und selbst die Untersuchung von Russell et al (2014) hat noch ein Ergebnis erbracht und dies, obwohl der Beitrag der sechs Autoren mit einer klassischen Tautologie beginnt. Ein traumatisches Ergebnis, so schreiben die Autoren, kann auf den, der es hat, negative, positive und keine Folgen haben (47).

Tautology clubDiese Tautologie bringt das ganze Elend induktiver Datenhuberei sehr gut auf den Punkt, denn das einzige, was die entsprechenden Forscher wissen, ist was sie gerne als Ergebnis hätten, nicht, was man theoretisch erwarten kann. Entsprechend hat ein traumatisches Erlebnis negative Folgen zu produzieren, denn ein traumatisches Erlebnis ist negativ und kann entsprechend nichts Positives zur Folge haben, wäre dem so, man würde alle Fördermittel zur Bekämpfung der Folgen traumatischer Erlebnisse verlieren. Deutlich macht man diese Erwartung, von der man nicht so recht weiß, warum man sie hat, mit dem Zusatz: potentiell. Ab sofoert gibt es nur noch potentiell traumatische Erlebnisse, so wie es z.B. nur potentiell fähige Lehrer gibt. Und wenn etwas potentiell ist, man also nicht weiß ob dieses etwas tatsächlich ist, muss man forschen bzw. hat man einen guten Vorwand, zu forschen (Und wer weiß, vielleicht kommt ja etwas dabei heraus, etwas, das man in eine entsprechende Forderung nach Therapie, Unterstützung, Hilfsangeboten und sonstigem mehr umsetzen kann.).

Wo wir gerade bei traumatischen Erlebnissen sind: Was ist eigentlich ein potentiell traumatisches Erlebnis? Ein Krieg ist ein potentiell traumatisches Erlebnis. Ein Kampfeinsatz, so schließen die Autoren, ist ein potentiell traumatisches Erlebnis, bietet ein Kampfeinsatz doch die Möglichkeit, zu kämpfen, zu töten, in Gefahr zu geraten, den Tod oder die Verletzung anderer zu sehen und die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen (48). Deshalb ist er potentiell traumatisch, etwa in der Weise, in der die Beteiligung an einer Antifa-Demonstration potentiell traumatisch ist, z.B. für diejenigen, deren Eigentum zerstört wird oder diejenigen, die vor dem schwarzen Mob um ihr Leben laufen. Dagegen hat eine Antifa-Demonstration für die Mitglieder der Antifa wohl eher positive Erlebnisqualitäten, die z.B. aus der Zerstörung fremden Eigentums resultieren.

National Guard Combat UnitDie Welt ist eben komplex, zu komplex, als dass es gerechtfertigt wäre, einen Kampfeinsatz als traumatisches Erlebnis zu klassifizieren, das entsprechend dazu führen muss, dass diejenigen, die ihn erlebt haben, dieses traumatische Erlebnis in Alkohol ertrinken. Eine solche Vorstellung von Forschern an Soldaten herangetragen, sagt eigentlich schon alles, macht die Entfremdung zwischen denen, die das Idyll der guten Menschen bewohnen und denen, die in der wirklichen Welt unterwegs sind, sehr deutlich. Erstere verniedlichen einen Krieg, reduzieren ihn zu einer Art Erlebnisurlaub, in dessen Verlauf es passieren kann, dass man Zeuge schlimmer Dinge wird oder gar töten muss. Die entsprechenden Erfahrungen werden dann zum Betriebsunfall, dem eine Horde von shrinks, wie man im Englischen sagt, zu Leibe rücken muss, damit die negativen Folgen beseitigt werden, es zu keinem Alkoholmissbrauch kommt.

Gepaart wird diese Verniedlichung von Kriegen, in denen es in erster Linie für Soldaten um das eigenen Überleben geht, was mit dem Abenteuerurlaub, der manchen Forschern vorzuschweben scheint, recht wenig gemein hat, mit der Überzeugung, dass bestimmte Handlungen von Menschen nicht willentlich erfolgen, sondern durch eine geheime Macht der Sucht geleitet werden, so als wäre der Griff zum Alkohol dann irgendwann keine Entscheidung mehr sondern eine Art der Fernsteuerung, durch z.B. die Alkoholindustrie, die ihren Flaschen süchtigmachende Attribute beigibt, auf die man nicht anders reagieren kann als dadurch, die Flasche zu öffen und leer zu trinken. Eine Handlung, von der dann wiederum eine Vielzahl anderer ein gutes Auskommen hat, denn was täten all die Psychiater und Psychologen, die sich darauf spezialisiert haben, anderen einzureden, sie wären dem Teufel, Dämon, Willenbeseitiger Alkohol ausgeliefert und bräuchten Hilfe, um wieder davon loszukommen, wenn es niemanden gäbe, der Alkohol trinkt und der sich bereitwillig entsprechendes einreden lässt?

Doch zurück zur Untersuchung von Russell et al. (2014). Ihre Ergebniss basieren auf den Angaben von irgendwo zwischen 273 und 1868 Soldaten (genau kann man das den Angaben der Autoren nicht entnehmen) einer Kampfeinheit der National Guard der US Army, die im Irak zum Einsatz gekommen sind. Sie wurden vor ihrem Einsatz und nach ihrer Rückkehr, sofern sie zurückgekehrt sind, gefragt, ob sie gekämpft oder getötet habe, in Gefahr geraten sind, Opfer gesehen haben oder positive Erfahrungen gemacht haben. Darüber hinaus wurden sie gefragt, ob sie nie oder bis zu vier- oder mehrmals in der Woche trinken und ob sie dann, einen oder zwei oder bis zu 10 und mehr Gläser Alkohol zu sich nehmen. Die Kombination beider Fragen ergab einen Index mit einem Wertebereich von 0 “Abstinenter” bis 20 “Säufer”. Der Mittelwert der Trinkerskala, wie wir sie einmal nennen wollen, den die Autoren aus welchen Gründen auch immer, nirgends thematisieren, liegt bei 1,55 vor dem Einsatz bzw. 4,08 nach dem Einsatz, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass vor dem Einsatz Abstinente nach dem Einsatz Alkohol trinken. Die Menge des durchschnittlich getrunkenen Alkohols entspricht dabei im Durchschnitt dem Trinken von vier Mal in der Woche einem einzigen Glas Alkohol.

Vor dem Hintergrund dieser Verteilung Aussagen über Alkoholmissbrauch machen zu wollen, grenzt an Datenfälschung und so ist es gut für die Autoren, dass ihre Analysen keine der Ergebnisse erbringen, die sie erwartet haben. Im Gegenteil: Ein Kampfeinsatz steht nicht nur nicht in Zusammenhang mit einer nachfolgenden Zunahme von Akoholkonsum, Soldaten, die während des Kampfeinsatzes einen Feind getötet haben, haben nach dem Einsatz weniger getrunken als davor. Ein Krieg, so könnte man formulieren, ist eine ernüchternde Erfahrung selbst für Soldaten, die darauf trainiert werden, zu töten.

junk scienceNun haben die Autoren ein ganz anderes Ergebnis von ihren Daten erwartet oder erhofft und entsprechend geht es nicht, die eigenen Prämissen in Frage zu stellen: “Clearly”, so schreiben sie, “combat is a potentially stressful experience. … Of particular interest is the finding that killing CEs [combat experiences] are inversely related to alcohol misuse. This is an unexpected finding and suggests that the relationship between exposure to potentially traumatic events and alcohol use is complex, particularly when modelled and conceptualized for changes over time.” (50-51)

Und schon hat man weitere Forschung legitimiert und die Notwendigkeit, der Finanzierung weiterer Forschung begründet und dies, ohne die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen, die da lauten:

  • Entweder ist ein Kampfeinsatz im Allgemeinen und das Töten im Rahmen eines Kampfeinsatzes im Besonderen kein traumatisches Erlebnis oder,
  • wenn man dann daran festhalten will, dass ein Kampfeinsatz ein traumatisches Erlebnis ist, dann sind die Folgen dieses traumatischen Erlebnisses, sofern sie den Missbrauch von Alkohol betreffen, nicht relevant bzw. nicht vorhanden.

Beide Fälle haben natürlich zur Folge, dass eine Vielzahl von Hilfs- und Therapieprogrammen eingestellt und viele Trauma-Folgen-Bekämpfer als Traumtänzer anzusehen wären, was der Nestbeschmutzung gleichkäme. Und weil Krähen untereinander keine Augen aushacken, wird ein komplexes Verhältnis zwischen traumatischem Kampfeinsatz und Alkoholmissbrauch herbeiphantasiert – wohlwissend, dass ein Blick auf Mittelwert und Standardabweichung der Variable, die Alkoholmissbrauch misst, nur den Schluss zulässt, dass Alkoholmissbrauch unter den befragten Soldaten ein extrem seltenes Ereignis ist, wenn es ihn überhaupt gibt.

Wir haben es wieder einmal mit einem Beispiel für Junk Science zu tun.

Russell, Dale W., Russell, Cristel Antonia. Riviere, Lyndon A., Thomas, Jeffrey L., Wilk, Joshua E. & Bliese, Paul D. (2014). Changes in Alcohol Use After Traumatic Experiences: The Impact of Combat on Army National Guardsmen. Drug and Alcohol Dependence 139(4): 47-52.

Scheidung und Scheidungsfolgen – Viel Gerede und kein Wissen

Die elterliche Scheidung ist eines jener Themen, mit denen es sehr leicht möglich ist, emotionale Reaktionen auszulösen. Etwa so: Die Scheidung von Eltern kann für Kinder ein Segen sein oder so: Die Scheidung von Eltern hat insgesamt betrachtet keinerlei negative Folgen für die davon betroffenen Kinder. Oder auch so: Wenn elterliche Scheidungen negative Konsequenzen für Kinder haben, dann deshalb, weil Beobachter der Scheidung die von ihnen erwarteten Folgen an die Kinder herantragen, sie fortan als Scheidungskinder stigmatisieren.

Tatsächlich kommt Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer Dissertation zum Thema “Intergenerationale Scheidungstransmission in Deutschland”, die auf den umfangreichen Daten der Mannheimer Scheidungsstudie basiert, zu folgendem Schluss: “In etwas provokanter Formulierung lässt sich daher die Hypothese aufstellen, dass die elterliche Scheidung für ein Kind lediglich insofern langfristige Folgen hat als es von da an für den Rest seines Lebens mit dem Merkmal, ein Kind geschiedener Eltern zu sein, ausgestattet ist” (Diefenbach, 2000: 276).

HD ScheidungstransmissionScheidung hätte entsprechend einen sozialen Effekt wie z.B. eine Verurteilung wegen einer Straftat. Es erfolgt eine gesellschaftliche Stereotypisierung, wenn nicht Stigmatisierung schon weil nunmehr z.B. Lehrern bekannt ist, dass das Kind, das bislang nicht auffällig war und seine Aufgaben zuverlässig erledigt hat, nunmehr und als Folge einer Scheidung bei nurmehr einem Elternteil lebt, was dazu führt, dass dieses Kind besonderer Beobachtung unterzogen wird, einer besonderen Beobachtung deren Ergebnis darin bestehen kann, Besonderheiten bei diesem Kind zu beobachten, die zwar bereits vor der Scheidung vorhanden waren, nunmehr aber bemerkt und bedenklich gefunden werden. Dies ist dann der zweite Teil der Stereotypisierung, die sekundäre Stereotypisierung, die den entsprechenden Kindern als Scheidungsfolge durch ihre Umwelt aufgebürdet wird.

Warum ist das so? Weil eine Scheidung an einer Heilsvorstellung kratzt, die historisch verankert, katholischen Ursprungs und voller affektiver Ladung ist, heute mehr so als früher. Die Heilsvorstellung geht etwa wie folgt: Eine Ehe ist ein institutionalisiertes Arrangement zwischen zwei Menschen, die sich lieben und sich ausschließlich positiv begegnen. Die Ehe wird durch Kinder erhöht, quasi in den Zustand der gesellschaftlichen Heiligkeit versetzt und ist fortan eine Kleinfamilie, die nicht nur gut ist, sondern ausschließlich aus gutem Wirken besteht. Kinder sind in Kleinfamilien geborgen, wachsen behütet auf, werden zu guten und arbeitsamen Mitgliedern der Gesellschaft und kommen auf keine schlechten Pfade. Alles Unheil beginnt damit, dass die Heiligkeit der Familie durchbrochen wird, weil sich die Eltern scheiden lassen.

Unverbunden mit dieser Vorstellung familiärer Idylle stehen die Diskurse, die man eigentlich als Widerlegung dieser Vorstellung ansehen müsste: Die Diskussion über häusliche Gewalt, die Diskussion über vernachlässigte Kinder, die Diskussion über gescheiterte oder zerrüttete Familien, die Diskussion über die Transmission von Kriminalität in Familien und vieles mehr. Sie beschreiben die Realität, und entsprechend sind sie mit der Heilsvorstellung der guten und wichtigen Familie nicht zu vereinbaren, werden ausgelagert in die kalte Welt außerhalb der eigenen wohligen Phantasie.

Die Familie steht nicht nur unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes und seit Josef mit Esel und Maria durch die Wüste gezogen ist, auch unter dem Schutz von gelegentlich einfliegenden Engeln, sie steht auch unter dem Schutz von Wissenschaftlern, oder solchen, die sich dafür halten und die ihre Hauptaufgabe darin sehen, gesellschaftliche Stereotype zu reproduzieren.

Happy familiyDeshalb ist es für sie normal, von zerrütteten Familien zu schreiben, wenn das Faktum, das sie vor sich haben lediglich aussagt, dass ein Kind, das Kind geschiedener Eltern ist und bei einem Elternteil oder mit einem Stiefelternteil aufwächst. Man hat sich fast an derart dumme und unfundierte Einordnungen gewöhnt, die auf der ungeprüften Prämisse basieren, dass mit dem Akt vor dem Standesbeamten alle negativen Effekte aus der Welt von Familien verbannt werden, quasi von magisch-staatlicher Hand, die, sofern das staatlich vergebene Band der Familie gebrochen ist, mit voller Wucht zurückkehren, um nunmehr die Kinder zu treffen und vom rechten Pfad der Tugend abzubringen.

Und weil die schöne Idee vom Heil der Familie so weit verbreitet ist, ist es unter manchen Wissenschaftlern, vor allem solchen, die empirische Daten zur Verfügung haben, in denen der Familienstand erfragt wurde, normal geworden, die unterschiedlichen Familienstände mit allem und jedem zu korrelieren. Die höchste Weihe politischer Korrektheit erzielen dabei diejenigen, die Scheidung mit anderen negativen Effekten, die der Staatspaternalismus nicht wünscht, in Verbindung bringen. Adipositas ist so ein negativer Effekt. Staaten und ihre nachgeordneten Wasserträger haben nämlich beschlossen, dass sie Dicke nicht wollen, und deshalb wird massiv gegen Dicke agitiert, Adipöse, wie es politisch korrekt heißt.

In den Reigen der für Staatspaternalismus nützlichen Wissenschaftler haben sich unlängst Anna Biehl und fünf Ko-Autoren eingereiht. Sie haben untersucht, wie Scheidung mit Adipositas zusammenhängt. Und siehe da: Sie haben einen Zusammenhang gefunden: 1.54 Mal häufiger sind Kinder geschiedener Eltern adipös als Kinder nicht geschiedener Eltern. Genauere Analysen haben gezeigt, dass nur Jungen geschiedener Eltern adipöser sind als Kinder nicht geschiedener Eltern, während Mädchen geschiedener Eltern nicht adipöser sind als Mädchen nicht geschiedener Eltern.

Nun stellt sich die Frage, was solche Ergebnisse aussagen. Kann man daraus schließen, dass sich Eltern mit adipösen Jungen eher scheiden lassen als Eltern mit nicht-adipösen Jungen? Muss man daraus schließen, dass nach einer Scheidung Jungen gemästet und Mädchen ausgehungert werden? Oder ist es gar so, dass Jungen nach einer Scheidung ihren Kummer in Essen erkauen, während Mädchen sich dürr hungern vor Kummer, zumindest nicht adipös essen. Oder hat die Scheidung gar nichts mit der Dicke von Kindern zu tun, weil sich z.B. Eltern aus Schichten oder sozialen Netzwerken, in denen Adipositas häufiger zu finden ist als in anderen, eher scheiden lassen? Gibt es am Ende ein Gen, das nur Jungen haben und das nach einer Scheidung überessen auslöst?

Peanuts theologzAll diese Fragen kann man stellen, wenn man nicht die Überzeugung teilt, dass mit dem Ende der heiligen Institution der Ehe, alles vor die Hunde geht. Teilt man dagegen diese Überzeugung, dann stellen sich die Ergebnisse anders dar, dann kann man spekulieren, warum sich eine Scheidung, von der man zwar nicht weiß, ob sie es tut, aber von der man aus Gründen der Bequemlichkeit einfach einmal annimmt, dass sie es tut, sich negativ auf die von der Scheidung betroffenen Kinder, also die Jungen insofern auswirkt, als sie dicker werden, wobei auch die Behauptung, dass sie nach der Scheidung dicker werden, eine ungeprüfte Annahme ist, so dass man sich bei Untersuchungen wie der von Biehl et al. (2014) regelmäßig fragt, warum sich die Autoren überhaupt die Mühe machen, Daten zu erheben und Berechnungen durchzuführen. Denn: Sie hätten ihre Überzeugung, dass die elterliche Scheidung schlecht für Kinder ist, auch ohne die Daten formulieren können, und man hätte die Daten nicht einmal vermisst:

“One can speculate as to whether the changing structure of daily life has a large effect on the children of divorced parents (living with only one parent or spending half their time with the mother and/or the father). The loss of various resources, like the absence of one of the parents or the loss of a parental figure, usually the father, can explain the negative implications of divorce. A consequence might be less time for domestic tasks such as cooking and reliance on more convenient, ready-to-eat foods. As processed foods tend to be higher in fat and calories and lower in nutritional value the result is an altered, less healthy diet. The household income and support from any non-custodial parent or the welfare state is often lower than in corresponding non-disrupted families” (6).

Hätte, wäre, wenn – wir sehen hier einen typischen Vertreter der Junk-Science, die nur dazu dient, eine Überzeugung, die man hat, als Ergebnis zu präsentieren. Damit es nicht auffällt, dass man nichts anderes will, als die eigene Überzeugung legitimieren, wird so getan, als habe diese Überzeugung etwas mit Daten zu tun, was sie regelmäßig nicht hat, denn nirgends belegen die Autoren, dass Scheidung überhaupt einen Effekt auf Adipositas hat. Es handelt sich eben um Junk Science, deren einziger Zweck darin besteht, Paternalismus zu legitimieren und gesellschaftliche Heilsvorstellungen zu untermauern. Daher ist es sicher kein Zufall, dass derartige Junk Science in einem medizinischen Journal erscheint, in einem Journal der Profession, die von Paternalismus mit am meisten profitiert.

Wäre dies anders, die Autoren hätten sicher geprüft, ob nach einer Scheidung all dies als Folge eintritt, was sie im obigen Zitat phantasieren. Der Zweck von empirischer Sozialforschung besteht ja gerade darin, Ideen über einen Effekt oder einen Zusammenhang zu prüfen, nicht darin, eine willkürliche Korrelation aufzuzeigen und dann zu “spekulieren”, wieso sich die Korrelation, die gleich noch zur Kausalität erklärt wird, eingestellt hat.

Biehl, Anna, Hovengen, Ragnhild, Groholt, Else-Karin, Hjelmesaeth, Joran, Strand, Bjorn Heine & Meyer, Haakon E. (2014). Parental Marital Status and Childhood Overweight and Obesity in Norway: A National Representative Cross-sectional Study. Britisch Medical Journal Open access.

Schon die Nähe von McDonalds macht fett – oder etwa nicht?

Wer sagt, Menschen seinen Lebewesen, die mit einem freien Willen ausgestattet sind – Lebewesen, die für sich entscheiden könnten, was gut und was nicht gut für sie ist?

cartoon cavemenEinmal ehrlich, so ein freier Wille ist doch wirklich hinderlich. Er erschwert jegliche Intervention, macht die Legitimation für jede angeblich Präventions-Maßnahme hinfällig. Was machen all die Jugendgerichtshelfer, wenn die Straftat von Maik P. gar nicht durch die Gesellschaft, die Umstände, die Situation, die Peers, den trinkenden Vater oder sonstige missliche Umstände verursacht ist, sondern durch den Entschluss von Maik P., eine Eisenstange zu nehmen und das Gesicht eines Unbeteiligten damit zu traktieren (reale Straftat aus Freiberg in Sachsen)?

Was machten nur all die Sozialarbeiter, die versuchen, Schulschwänzer dazu zu überreden, zur Schule zu gehen, wenn sie einräumen müssten, dass die entsprechenden Jugendlichen der Schule nicht aus systemischen Gründen fernbleiben, sondern weil sie sich dazu entschlossen haben, nicht zur Schule zu gehen?

Und zu guter Letzt, wie wäre es um das Auskommen all derer bestellt, die sich tagein tagaus um das Wohl ihrer Mitmenschen sorgen, darum, dass Letztere nicht rauchen, nicht (zu viel) trinken, sich nicht kugelrund essen, Sport machen, vor allem Sport, damit sie nicht zur Couch Potato verkommen? Was hätten diese emsigen Arbeiter im Dienste am Wohl des Nächsten und (nebenbei natürlich) im Dienste des eigenen Unterhalts den lieben langen Tag zu tun, wenn sie zugestehen müssten, dass derjenige, der raucht, raucht, weil er rauchen will, der, der trinkt, trinkt, weil er trinken will und der der ißt, ißt, weil es ihm schmeckt?

Nicht auszudenken.

Und weil es nicht auszudenken ist, welche Folgen ein freier Wille für die Hilfeindustrie hätte, deshalb gehen wir davon aus, dass Menschen, zumindest alle diejenigen, denen von der Hilfeindustrie geholfen werden soll, unbewusste, tumbe, Trieb gesteuerte und auf jeglichen Reiz reagierende Zellhaufen sind, die man in die richtige Richtung dirigieren muss.

Wenn wir die Kuh des freien Willens vom Eis haben, dann können wir nach Lust und Laune über Menschen forschen, ohne dass wir sie als Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, so wie dies z.B. Thomas Burgoine, Nita G. Forouhi, Simon J. Griffin, Nicholas J. Wareham und Pablo Monsivais gerade getan haben. Die fünf Forscher von der Universität Cambridge in England und vom dortigen Centre for Dietary and Activity Research haben sich gefragt, was Menschen dick macht, fett, um genau zu sein, oder adipös, wie es in vornehm heißt.

Adipöse Menschen sind eines der derzeitigen Lieblings-Forschungsobjekte der wissenschaftlichen Helfer der Hilfeindustrie, derjenigen also, die die vermeintliche wissenschaftliche Grundlage liefern, auf die die Hilfeindustrie dann ihre Forderungen gründet und von der aus sie nach Mitteln des Steuerzahlers, nach Geld für ihre eigenen Hilfsaktionen ruft.

Medical paternalismBurgoine und seine vier Mitforscher haben 5.594 Erwachsene im Alter von 29 bis 62 Jahren, die alle in Cambridgeshire leben, nach ihren Essgewohnheiten befragt, ihren Body-Mass-Index berechnet und dann haben die fünf Forscher ihren Befragten die Anzahl von Fast-Food-Restaurants zugespielt, die sich im Umkreis von 100 bis 500 Metern von ihrer Wohnung/ihrem Haus und ihrem Arbeitsplatz befinden. Zudem haben sie untersucht, wie viele Fast-Food-Restaurants sich auf dem Weg zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden und dann haben die Forscher die Essgewohnheiten den Body-Mass-Index und die Anzahl der Fast-Food-Restaurants miteinander in Verbindung gebracht (korreliert).

Ergebnis: Zusammenhang!

[Methodischer Einschub; Die Zuordnung von Wohnung/Haus, Arbeitsort und Fast-Food Restaurants (genau: take away food outlets) ist über das britische Postleitzahlensystem recht einfach, da sich innerhalb derselben Postleitzahl nur wenige, in der Regel nicht mehr als 15 Einheiten befinden.]

  • Je mehr Fast-Food Restaurants sich in der Nähe von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder Strecke zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden, desto häufiger haben die Befragten angegeben, Fast-Food zu essen. Der Zusammenhang gilt vor allem für den Arbeitsplatz.
  • Allerdings sind die Zusammenhänge eher gering und addieren sich über eine Woche auf eine halbe Packung McDonald French Fries. Anders formuliert: der signifikante Zusammenhang zwischen der Anzahl von Fast-Food Restaurants in der Umgebung von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder auf dem Weg zur Arbeit, summiert sich auf genau 39,9 Gramm pro Woche. Würde man alle Fast Food Läden in der Umgebung von Wohnung/Haus und Arbeitsplatz der Befragten abreißen, man würden ihnen pro Woche 39,9 Gramm Fast Food ersparen.
  • Zum Glück gibt es noch den Body-Mass-Index, der zeigt, dass: “[i]ndeed associations were generally stronger with body mass index and odds of obesity than with diet in this study …” (4)

Das alles ist recht dürftig, aber wenn es um die Gesundheit anderer Menschen geht, dann sind 39,9g Fast Food weniger pro Woche ja schon ein Anfang. Seltsam nur, dass die Autoren nicht in der Lage sind, substantielle Effekte zwischen der Anzahl von Fast Food Restaurants und den Essgewohnheiten ihrer Befragten zu finden. Seltsam auch, dass ihnen das nicht zu denken gegeben hat, schon, weil ja die Standardfrage, die sich jeder Sozialwissenschaftler angesichts einer Korrelation stellt, lautet: Was ist hier kausal für was? Body Mass Index für den Besuch von Fast Food Restaurants oder der Besuch von Fast Food Restaurants für den Body Mass Index?

Diese Frage leitet über zu einem anderen Dilemma der Sozialforschung, vor allem der Sozialforschung, die mit Aggregatdaten zu tun hat. Wenn ein Zusammenhang auf Aggregatebene besteht, dann bedeutet dies nicht, dass sich Menschen auch entsprechend verhalten. Wenn ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Fast Food Läden und dem Body Mass Index besteht, wie ihn die Autoren finden, dann heißt dies nicht, dass Erstere Letzteren in die Höhe treiben. Es gibt ja schließlich noch ganz andere Möglichkeiten, fett zu werden, vom Bier über den Rotwein, von der Schokolade über die Chips bis hin zur Pasta, die in Mengen genommen, auch der Figur nicht gut bekommen soll. Das wissen die Forscher um Thomas Bourgoine, jedenfalls kann man ihren Hinweis auf Softdrinks (Seite 4) so lesen.

Der Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) weiß es nicht. Für ihn sind die Ergebnisse von Bourgoine et al. ein willkommener Anlass, um zu fordern. Was? Geld, Maßnahmen, Eingreifen natürlich:

darwin-great“Der DDG-Geschäftsführer sieht deshalb politischen Handlungsbedarf. „Niemand kann ernsthaft fordern, Fast-Food-Läden zu verbieten“, stellt Garlichs klar. Aber die Politik ist aufgerufen, die Entscheidung für eine gesunde Kost einfacher und attraktiver zu machen. „Wir können beispielsweise durch eine Zucker-Fett-Steuer auf besonders kalorienhaltige Lebensmittel dafür sorgen, dass gesunde Ernährung günstiger ist als etwa Pommes frites“ [oder Spaghetti], so Garlichs. „Ein Mineralwasser sollte günstiger sein als ein Softdrink.“ Darüber hinaus sei eine klare Lebensmittelkennzeichnung sowie die Angabe der Kalorienmengen in Restaurants wichtig.

Und da sind wir wieder beim freien Willen, den Leute wie Dietrich Garlichs ihren Mitmenschen schlicht absprechen, und wir sind bei der daraus sich ergebenden Notwendigkeit von Gutmenschen wie Garlichs, die Bevormundung und Entmündigung der nicht frei Bewillten zu fordern und mit dieser Forderung gleichzeitig die eigene Existenz zu legitimieren. Und weil wir schon dabei sind, bauen wir an dem, was Heike Diefenbach die Schaffung eines sozialen Problems (durch Sozialforscher) genannt hat. Ein solches soziales Problem hat, ist es erst einmal geschaffen, viele Vorteile:

  • Es erlaubt ein erkleckliches Auskommen für all diejenigen, die es bekämpfen wollen.
  • Die Bekämpfung des so geschaffenen sozialen Problems ist positiv konnotiert, d.h. man kann sich noch gut dabei fühlen, wenn man Dritte entmündig und sich auf ihre Kosten Status und Prestige und Einkommen verschafft.

Und mal ehrlich: Wozu ist die Unterschicht, wozu sind die Fetten schon gut, wenn nicht dazu, wohlmeinenden und vermeintlich Bessergestellten ein Auskommen zu verschaffen. Dass man sie ob ihrer Zweckmäßigkeit entmündigen und zu Zellhaufen ohne eigenen Willen erniedrigen muss und ihnen jegliche Verantwortung für das eigene Leben absprechen muss – who cares, sicher nicht die Wissenschaftler, die wie Bourgine et al. die entsprechende Munition für die Hilfeindustrie liefern.

Burgoine, Thomas, Forouhi, Nita G., Griffin, Simon J., Wareham, Nicholas J. & Monsivais, Pablo (2014). Associations Between Exposure and Takeaway Food Outlets, Takeaway Food Consumption, and Body Weight in Cambridgeshire, UK: Population Based, Cross Sectional Study. 

 

 

Vogel-Schweine-Grippe-Panik: Viel Geld für wenig Tamiflu-Wirkung

Die Weltgesundheitsorganisation in Genf, die sich gelegentlich daran beteiligt, Pandemien zu beschwören und entsprechende Paniken herzustellen, empfiehlt in einer so genannten briefing note aus dem Jahre 2009 die Behandlung von Personen, für die der Verdacht besteht, dass sie mit Schweinegrippe infiziert sind, mit Oseltavimir und Zanamivir. Oseltavimir und Zanamivir sind besser bekannt unter ihren Handelsnahmen Tamiflu (Hoffman-La Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline).

WHO“The guidelines represent the consensus reached by an international panel of experts who reviewed all available studies on the safety and effectiveness of these drugs. Emphasis was placed on the use of oseltamivir and zanamivir to prevent severe illness and deaths, reduce the need for hospitalization, and reduce the duration of hospital stays.”

Auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation haben sich nationale Regierungen bis unters Dach und unter Aufwendung von Hunderten von Millionen Euro mit u.a. Tamiflu ausgestattet, um eine anti-virale Waffe gegen den Ausbruch einer Schweine-Grippe-Pandemie zu haben. Nicht nur das: Man hat sich darüber gestritten, wer mit dem kostbaren Grippe-Verhütungsmittel präventiv versorgt werden darf und wer nicht und wer die Kosten der Prävention zu tragen hat.

Die Gesundheitskasse empfiehlt eine Impfung mit Tamiflu oder Relenza zur Vorbeuge vor (echter) Grippe wärmstens:

“Eine Impfung gegen Grippe ist für folgende Personengruppen besonders zu empfehlen:

  • aok_logo_rgb_finalMenschen im Alter über 60 Jahren
  • Bewohner von Alters- und Pflegeheimen
  • Personen mit chronischen Grundkrankheiten (insbesondere Herz- oder Lungenerkrankungen, Asthma bronchiale, Diabetes mellitus, Nierenversagen
    Personen mit angeborener oder erworbener Abwehrschwäche einschließlich HIV-Infizierte)
  • Personen mit Tumorerkrankungen
  • Personen mit beruflichem Infektionsrisiko, also Ärzte, Schwestern, Personal von Pflegeheimen, mobile Krankenschwestern
  • Schwangere im letzten Schwangerschaftsdrittel
  • Eltern von Säuglingen
  • Interkontinentalreisende”

Die Empfehlungen von Weltgesundheitsorganisation und Gesundheitskasse (AOK) sind mit einem kleinen Problem versehen: Die empfohlenen Mittel scheinen wenig hilfreich zu sein.

Zu diesem Ergebnis ist eine Studie gelangt, an der ingesamt 12 Wissenschaftler beteiligt waren. Und es ist eine besondere Studie, eine besondere Meta-Analyse, die schon deshalb bemerkenswert ist, weil die Forscher sich um die Transparenz von Prozessen verdient gemacht haben, die sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Normalerweise führen Pharmaunternehmen klinische Tests durch, um die Wirksamkeit und die Gefahren, die sich mit einem neuen Medikament verbinden, zu erforschen. Die Ergebnise der Tests werden dann den zuständigen Zulassungsbehörden vorgelegt, in Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hier federführend. Die zuständigen Behörden prüfen die Testergebnisse, kommentieren die Testergebnisse und lassen ggf. die entsprechenden Medikamente zu. Der gesamte Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – bislang.

TamifluDen 12 Forschern um Tom Jefferson von Cochrane Collaboration ist es nun gelungen, die Intransparenz der Zulassungsprozesse zu beseitigen und der Testergebnisse, die den zulassenden Behörden in Europa, den USA und in Japan sowie der Weltgesundheitsorganisation vorgelegt wurden sowie der Kommentare der Mitarbeiter der entsprechenden Behörden zu den vorgelegten Testergebnissen habhaft zu werden.

Die Wissenschaftler haben also die vorgelegten empirischen Belege analysieren können, die die Grundlage der Zulassung von Tamilu und Relenza oder der oben zitierten Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation bilden. Das Ergebnis ist ziemlich ernüchternd:

  • Von anfänglich 107 klinischen Tests, die im Zulassungsverfahren von Tamiflu und Relenza vorgelegt wurden, blieben 46 klinische Tests übrig, nachdem die Tests ausgeschlossen wurden, in denen “inadäquate Maße” verwendet wurden, um den Effekt der beiden Medikamente zu messen oder für die nicht klar war, ob der Kontrollgruppe, der ein Placebo verabreicht worden sein soll, auch tatsächlich ein Placebo verabreicht wurde. Allein die Beschreibung der Unklarheiten, die die 12 Wissenschaftler in den klinischen Tests gefunden haben, ist erschreckend.
  • Für beide Medikamente konnte gezeigt werden, dass sie die Dauer der Symptome einer klassischen Grippe um 0,7 von 7 auf 6,3 Tage (Tamiflu) bzw. um 0,6 von 6,6 auf 6 Tage (Relenza) verkürzen. Beide Medikamente hatten keinen Effekt in der Behandlung von Kindern.
  • Tamiflu und Relenza erwiesen sich als völlig unwirksam in der Bekämpfung ernsthafter Grippeerkrankungen: “In adult treatment trials, oseltamivir [Tamiflu] did not significantly reduce those complications classified as serious … neither did zanamivir [Relenza]“. Folgerichtig hatten beide Medikamente keinerlei Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, dass ein an Grippe Erkrankter in ein Krankenhaus überwiesen werden musste.
  • Es gibt keine belastbaren Ergebnisse, die den Schluss begründen, das Tamiflu oder Relenza einer Lungenentzündig vorbeugen. Während Relenza die Gefahr einer Bronchitis signifikant reduzierte, hatte Tamiflu keinen entsprechenden Effekt.
  • Dagegen ist Tamiflu mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden: Tamiflu führt häufig zu Übelkeit und Erbrechen. Möglicherweise reduziert Tamiflu das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, tut dies aber vermutlich auf Kosten von erheblichen Herzrhythmusstörungen. Für Relenza haben sich keine Indizien auf erhebliche Nebenwirkungen ergeben.

Zusammenfassend kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass es keine Belege dafür gibt, dass Tamiflu oder Relenza irgendeine Wirkung zur Behandlung von mit Grippe Erkrankten oder gar zur Behandlung schwerer Grippeerkrankungen haben. Beide Medikamente hätten bestenfalls in der Prophylaxe einen Platz, wobei die einer Grippe vorbeugende Wirkung moderat sei. Er würde, so fasst Tom Jefferson die Ergebnisse der Studie zusammen, an der er federführend beteiligt war, eine schwere Grippeerkrankung mit Paracetamol behandeln, nicht mit Tamiflu.

RelenyaNationale Regierungen, die den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation folgen, haben große Reserven an Tamiflu angelegt, um damit eine eventuelle Pandemie zu bekämpfen. Die dahinterstehende Idee baut darauf, dass der breite Einsatz von Tamiflu Erkrankungen lange genug hinauszögert bzw. die Pandemie lange genug verhindert, um Wissenschaftler in die Lage zu versetzen, ein geeignetes Gegenmittel gegen das Virus zu finden, das die Pandemie verursacht hat. Wie sich nun auf Basis der berichteten Ergebnisse zeigt, sind weder Tamiflu noch Relenza in der Lage, diese Anforderung zu erfüllen. Beide haben bestenfalls eine moderate Wirkung im Bereich der Vorbeugung von grippalen Effekten, aber keinerlei Effekt bei Behandlung einer (schweren) Erkrankung.

Es ist vor diesem Hintergrund mehr als verwunderlich, dass Regierungen dreistellige Millionenbeträge aufwenden, um sich ein Arsenal von Tamiflu anzulegen. Es ist insbesondere verwunderlich, weil den entsprechenden Regierungen im Gegensatz zu ihrer Bevölkerung die Ergebnisse der klinischen Tests, die die Wirksamkeit von Tamiflu und Relenza belegen sollen, vorliegen, jene Ergebnisse, die den 12 Wissenschaftlern für ihren Bericht erst nach langer Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt wurden und auf deren Grundlage sie nunmehr die fast vollständige Unwirksamkeit von Tamiflu und Relenza zur Vorbeugung einer Pandemie oder auch nur zur Behandlung einer Grippe gezeigt haben.

Einmal mehr zeigt sich, dass die Geheimniskrämerei oder die Kartellbildung zwischen Behörden und manchen Konzernen nicht dazu geeignet ist, positives für andere als die am Kartell Beteiligten zu produzieren. Und wie immer, wenn es um Kartelle geht, gibt es nur ein wirksames Gegenmittel: Die vollstänige Transparenz der Prozesse, die zur Zulassung von Medikamenten führen.

Das bedeutet, dass die klinischen Tests, die Unternehmen durchführen,um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Medikamente zu belegen, generell veröffentlicht werden und Wissenschaftlern zur Prüfung bereitgestellt werden müssen. Um die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen zu wahren und zu verhindern, dass die Testergebnisse genutzt werden, um Imitationen der Medikamente herzustellen, gibt es bereits die Möglichkeit, ein Patent anzumelden, so dass es wirklich keinen Grund für Behörden und Unternehmen gibt, die Testergebnisse geheim zu halten.

 

Jefferson, Tom et al. (2014). Neuraminidase Inhibitors for Preventing and Treating Influenza in Healthy Adults and Children.

Ein Volk von Triebtätern

Seit einiger Zeit läuft, weitgehend unkommentiert von Mainstream-Medien, eine Posse zwischen der Bundesregierung und den Landesfürsten auf der einen Seite und der EU-Kommission auf der anderen Seite. Gespielt wird um den Einsatz von ein paar Milliarden Euro. Gegenstand des Spiels ist der “Staatsvertrag zum Glücksspiel in Deutschland (Glücksspielstaatsvertrag – GlüStV), der im Wesentlichen dazu da ist, das Monopol der Länder auf Einnahmen aus dem Glückspiel gegen Konkurrenz zu verteidigen.

TotoDer Glücksspielstaatsvertrag ist einerseits eines jener Gesetze, das an Heuchelei nicht zu überbieten ist, z.B. wenn fabuliert wird, dass ein staatliches Monopol auf Toto und Lotto notwendig ist, um “Glücksspiel- und Wettsucht zu verhindern”. Anderseits ist der Glücksspielstaatsvertrag eines jener Gesetze, die nur so vor Paternalismus triefen, und die, wenn man sie liest, ärgerlich machen, ob der anmaßenden Überheblichkeit, mit der “die Bevölkerung” darin behandelt wird.

So heißt es gleich unter §1 “Ziele des Staatsvertrages”:

“Ziele des Staatsvertrages sind gleichrangig:

  1. das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen,
  2. durch ein begrenztes, eine geeignete Alternative zum nicht erlaubten Glücksspiel darstellendes Glücksspielangebot den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken sowie der Entwicklung und Ausbreitung von unerlaubtem Glücksspiel in Schwarzmärkten entgegenzuwirken,
  3. den Jugend- und Spielerschutz zu gewährleisten,
  4. sicherzustellen, dass Glücksspiele ordnungsgemäß durchgeführt, die Spieler vor betrügerischen Machenschaften geschützt, die mit Glücksspielen verbundene Folge- und Begleitkriminalität abgewehrt werden …”

Ein Mittel im Arsenal des kritischen Denkens ist das Aufspüren von impliziten Prämissen, also von Prämissen, die notwendig sind, um die oben dargestellten Aussagen machen zu können, da sie ohne diese Annahmen keinen Sinn machen. Hier eine kleine Auswahl der impliziten Prämissen:

  1. Absatz:
    • sklGlückspielsucht und Wettsucht sind existente Krankheitsbilder.
    • Ein Staatsvertrag, der die Erlöse aus Glücksspielsteuern auf Länder verteilt, ist geeignet, Glückspielsucht und Wettsucht zu unterbinden.
    • Es ist die Aufgabe der Vertreter des Bundes und der Länder, Glücksspielsucht und Wettsucht zu bekämpfen.
  2. Absatz:
    • Die deutsche Bevölkerung hat einen Spieltrieb, Deutschland ist ein Volk der Zocker.
    • Ohne den Staatsvertrag bricht sich dieser Spieltrieb Bahn und die Deutschen verspielen der Oma ihr klein Häuschen.
    • Deshalb müssen Deutsche generell überwacht werden und von unerlaubtem Glücksspiel auf Schwarzmärkten abgehalten werden.
    • Unerlaubtes Glücksspiel auf Schwarzmärkten ist Glücksspiel, das zwar den Spieltrieb der Bevölkerung bedient, aber an dem die Finanzeminister der Länder nichts verdienen.
    • Staatlich beaufsichtigtes Glücksspiel ist eine Alternative zum staatlich nicht beaufsichtigten Glückspiel.
    • Die Vertreter von Bund und Ländern wissen um den Spieltrieb aus eigener Erfahrung, oder sie gehören nicht zur Bevölkerung.
  3. Absatz:
    • Wer das Häuschen der Oma im staatlichen Lotto verspielt, tut dies auch dann, wenn er minderjährig ist nur unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle.
    • Spielbank Baden BadenOrdnungsgemäßes Glücksspielt ist staatlich überwachtes und kontrolliertes Glücksspiel an dem die Finanzminister der Länder verdienen.
    • Wer einen Spieltrieb hat, hat auch einen Kriminalitätstrieb (was Sinn macht, denn die Teilnahme an unerlaubten Glücksspielen auf Schwarzmärkten ist hier Ausdruck des Spieltriebs und gleichzeitig delinquentes Verhalten. Wenn man zwei Dinge als identisch definiert ist es zwangläufig so, dass sie auch miteinander korrelieren.).

Dabei wollen wir es für’s Erste belassen. Wem jetzt noch nicht die Galle hochgekommen ist, ob der unglaublich paternalisierenden Art und Weise, in der Vertreter von Bund und Ländern die triebgeleitete Bevölkerung behandeln, die für die entsprechenden Vertreter scheinbar die Willensstärke von Kleinkindern hat, hier noch ein bischen Terminologie.

Zunächst zum Trieb:

“Trieb (drive) wird in der Psychologie gewöhnlich gebraucht, um die Handlungsmotivation auszudrücken, die wie etwa beim Hunger primäre biologische Voraussetzungen hat” (Zimbardo, 1995: 407).

RentenlottoDer Glücksspiel- und Wetttrieb, der im Glücksspielstaatsvertrag eben einmal der ganzen Bevölkerung untergschoben wird, ist also dem biologischen Bedürfnis nach Essen oder Trinken gleichzusetzen, was notwendig zur Folge hat, dass Mitglieder der deutschen Bevölkerung, die nicht Lotto oder Toto spielen oder nicht wetten, dass der 1. Fc Kaiserslautern auch diese Saison nicht in die Bundesliga aufsteigen wird, irgendwie gestört sind, denn sie lassen ihren Glücksspiel- und Wetttrieb unbedient.

Und nochmals zum Trieb:

“Das Wort ‘drive’ wurde zum erstenmal von Woodworth 1918 zur Beschreibung einer hypothetischen Kraft oder Energie benutzt, von der man gemeinhin angenommen hat, dass sie nicht erlernt und hinsichtlich der Situation, in der sie auftritt, unspezifisch ist, dass sie eine allg. physiol. Grundlage hat und auf keine bestimmte Art des Verhaltens ausgerichtet ist, jedoch das Verhalten von Tieren und Menschen aktiviert (motiviert)” (Bolles, 1994: 2361).

Wenn also die Bevölkerung einen Glücksspiel- und Wetttrieb hat, dann hat die Bevölkerung einen solchen, und er wird sich Bahn brechen. Folglich ist die Nachfrage nach Glücksspielen das, was man in der Ökonomie eine nicht-elastische Nachfrage nennt. Sie ist unabhängig von den Randbedingungen vorhanden, und man kann sie perfekt benutzen, um den Nachfragern überhöhte Preise aufzuzwingen, z.B. im Rahmen staatlicher Glücksspielangebote, deren Ziel darin besteht, die Länderkassen zu füllen, mit zuletzt 3,3 Milliarden Euro jährlich.

Die Klassifikation der mentalen Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, die ja ansonsten jeden Firlefanz als Krankheit enthält, kennt die Wett- und Glücksspielsucht, von der im Glücksspielstaatsvertrag die Rede ist, nicht. Einzig das pathologische Spielen ist im ICD-10 bekannt:

“Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.”

Wuthering HeightsBereits Emile Bronte hat in Wuthering Heights die Folgen beschrieben, die mit Glücksspiel verbunden sind, wobei man sich streiten kann, ob die beschriebenen Folgen (Heathcliffe gewinnt im Spiel den Hof von Hindley Earnshaw) so negativ sind, wie immer behauptet wird. Insbesondere muss man sich fragen, ob die gesellschaftlichen Kosten, die durch eine staatliche Kontrolle und Überwachung angeblich Spielsüchtiger sowie deren Behandlung, Therapie und sonstige Bearbeitung durch die Hilfeindustrie entstehen, geringer sind, als es ein Ausleben der vermeintlichen Spielsucht gewesen wäre.

Der Verdacht, dass der Schutz vor  der angeblichen Glücksspiel- und Wettsucht durch ein staatliches Glücksspielmonopol und wenn der Schutz nicht gelingt, die nachgelagerte Finanzierung von Betreuungs- und Hilfeangeboten für die vermeintlich Spielsüchtigen nur vorgeschoben sind, um Steuereinahmen zu generieren, liegt nahe. Schon die Annahme, dass das Heer von Therpeuten, das als Teil der Bevölkerung doch auch mit einem “natürlichen Spieltrieb” ausgestatt ist, dennoch in der Lage sein soll, anderen und besonders Spieltrieb-Gesteuerten den Spieltrieb auszutreiben, ist ein Widerspruch in sich. Oder wie ist es mit dem Widerspruch, dass Glückspiele angeboten werden, um vor Glücksspielsucht zu schützen?

Wie so oft haben sich staatliche Steuer-Absahner und am Tropf des Staates hängende Hilfeabsahner zusammengeschlossen, um sich willige Opferzu suchen, denen sie dann auf Kosten der Allgemeinheit helfen können.

Da wir in einem Zeitalter der Petitionen leben, wie wäre es mit einer Petition, deren Ziel darin besteht, Politikern ein für alle Mal ihren Paternalismus-Trieb auszutreiben bzw. sie dann, wenn sie ihren entsprechenden Trieb nicht beherrschen können, in die Obhut einer geschlossenen Anstalt zu überführen?