Wie ehrlich darf Aufklärung sein, z.B. über Ebola?

Die denkwürdige x-Files Serie F. Emasculata enthält einen noch denkwürdigeren Dialog zwischen Mulder und Cancer Man.

XFilesF EmasculataF. Emasculata spielt in Dinwiddie County in Virginia – in einem Gefängnis. Mulder und Scully untersuchen eine mysteriöse Krankheit, die unter den Insassen des Gefängnisses verbreitet wird. Wer sie sich zuzieht, ist in relativ kurzer Zeit tot. Zwei Gefangenen, die sich mit der unbekannten Krankheit infiziert haben, gelingt der Ausbruch aus dem Gefängnis. Im Verlauf der Serie stellt sich heraus, dass die Erkrankung von einem Pharma-Unternehmen absichtlich unter den Insassen herbeigeführt wurde.

Mulder will das entsprechende Unternehmen bloßstellen und die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen. Cancer Man kontert, dass das Wissen um zwei entflohene und infizierte Häftlinge eine Massenpanik zur Folge haben würde. Entsprechend, so Cancer Man, müsse das Wissen um die entflohenen und infizierten Häftlinge geheim gehalten werden, und natürlich auch das Wissen um die Machenschaften des Pharma-Unternehmens.

Die kurze Sequenz aus den x-Files wirft eine interessante Frage auf: Darf eine Regierung oder dürfen offizielle Akteure Informationen vor ihrer Bevölkerung geheim halten, weil sie befürchten, dass ein Wissen um z.B. Träger eines tödlichen Viruses, die in Deutschland unterwegs sind, Aliens, die auf dem Blättersberg in der Pfalz gelandet sind oder die erheblichen gesundheitlichen Folgen, die Fleischkonsum nach sich zieht, zu einer Massenpanik, zu einer kollektiven Hysterie führen würde, die nicht mehr zu beherrschen ist?

In anderer Variante ist dies eine Frage danach, ob man die Mehrzahl seiner Bevölkerung für rationale, urteilsfähige und bedachte Erwachsene oder für irrationale, hysterische und impulsive Kinder hält – eine Frage, die man als Liberaler gerne mit der ersten Alternative beantworten würde, wären da nicht Erfahrungen aus dem Leben in einer ostdeutschen Stadt, nennen wir sie Mad City.

BiohazardMad City liegt im Osten Deutschlands und ist bekannt, für eine Vielzahl von Menschen, die in den Jahren 1989 und 1990 im Kreis um den Stadtkern gelaufen sind. Im Zuge der Anthrax-Hysterie, die auch Mad City im Jahre 2001 erfasst hat, hat sich einer der Blogbetreiber völlig unerwartet und ohne Vorwarnung vier Gestalten im Schutzanzug gegenüber gesehen, die ihm den Eingang in das Haus verwehren wollten, in dem sich seine Wohnung befunden hat. Der Versuch, dem Blogbetreiber ohne Schutzanzug, den Zugang zu verwehren war erfolglos, das vermeintliche Anthrax hat sich vermutlich als verschüttetes Mehl herausgestellt, aber die Geschichte hat uns zu denken gegeben. Bis heute fragen wir uns, welches geistige Make-up jemand haben muss, der befürchtet, sein, also sein, das einzig denkbare Wohnhaus in einem entlegenen Stadtteil von Mad City und vor allem wohl er, als ein Bewohner dieses Wohnhauses für al Kaida eine Reise und vor allem das Verschütten von Anthrax im Vierpersonenlift wert sei?

Allein die Existenz solcher Hysteriker macht nachdenklich und wirft die Frage neu auf: Wieviel Aufklärung darf man seiner Bevölkerung zumuten, was muss, darf, soll man der so genannten Öffentlichkeit vorenthalten?

Nehmen wir z.B. Ebola. Das Virus aus Westafrika, das es dieses Mal, ganz im Gegensatz zu zurückliegenden Ausbrüchen, in die Headlines der Medien geschafft hat. Als wir am 11. August diesen Jahres zum ersten Mal über Ebola berichtet haben, da gab es 1.711 Infizierte und 932 Tote. Wir sind nun gut zwei Monate und 3.515 Tote, darunter 236 Pfleger weiter. Kurz: Das Virus wütet mit zunehmender Intensität und steigenden Opferzahlen. Zwischenzeitlich befürchtet die WHO nach Horrormeldungen deutscher Medien wöchentlich 10.000 neue mit Ebola Infinzierte – Infizierte vornehmlich in Westafrika. Denn: In Deutschland, Europa oder dem Westen kann Ebola nicht zu einer vergleichbaren Epidemie führen, das weiß man z.B. beim Stern:

“Selbst wenn Ebola-Kranke nach Deutschland einreisen: Vor einer Krankheitswelle wie in Westafrika müssen sich die Deutschen trotzdem nicht fürchten. Erstens, weil es hierzulande recht gute Vorsorge-Maßnahmen gibt. Dazu gehört etwa das Netzwerk von Sonderisolierstationen, die speziell auf die Behandlung solcher Erkrankungen ausgelegt sind sowie das medizinische Personal, das speziell für die Versorgung von Patienten unter Isolationsbedingungen geschult ist.”

Anderer Ansicht ist man beim Ersten:

“Viele Menschen machen sich zudem Sorgen, dass Flüchtlinge aus Afrika die Krankheit hier einschleppen. Und manche Experten warnen, dass Krankenhäuser hierzulande nicht ausgerüstet seien für den Notfall. Die Rede ist von etwa 50 Betten für erste Fälle – in ganz Deutschland.”

ebola_micrograph_virus-afriqueNiemand scheint sich Sorgen zu machen, dass medizinisches Personal, das als Helfer für die WHO tätig ist, den Virus nach Deutschland “einschleppt”. Die ganze Terminologie, die man in öffentlich-rechtlichen Medien lesen muss, verweist auf nur eine Quelle des Unheils, unsägliche Flüchtlinge, die die Krankheit “einschleppen”. Das Fremde kommt mittlerweile als Krankheit nach Deutschland, und wie gewöhnlich wird es von noch Fremderen den reinen Deutschen zugemutet, Fremden mit dunkler Haut, die man heute nicht mehr Neger nennen darf, aber denen ansonsten immer noch dieselbe sprachliche Animosität entgegen schlägt, weil sie “einschleppen”, was nicht nach Deutschland gehört.

Da hätte man in Frieden mit sich und der Welt leben können und was passiert: Ebola wird von Schwarzen “eingeschleppt”.

Es ist übrigens ein Irrtum zu denken, Ebola komme immer von außen. Im Jahre 1967 forderte hämorrhagisches Fieber sieben Todesopfer in Marburg. Hämorrhagisches Fieber, die Oberklasse von Erkrankungen wie Ebola, kennt seither die Marburg Virus Disease - eine Variante von Ebola.

Die Sicherheit vor einer Epidemie, so steht überall zu lesen, sei darauf zurückzuführen, dass die medizinische Versorgung in Deutschland so hervorragend sei, die Ausrüstung so hervorragend, das medizinisches Personal perfekt so geschützt, dass Isolierstationen den Ebola-Erkrankten, der natürlich entdeckt werde, noch ehe seine Krankheit Zeit habe, sich anderen zu übergeben, sofort aufnähmen und abschotteten und nur medizinisches Personal an ihn heranließen, bis er entweder auf beiden Füßen oder mit den Füßen voran die Isolierstation verlassen würde, usw.

Trotz aller Sicherheits-Rhetorik kommt sie wieder, die Frage, was man seiner Bevölkerung verheimlichen darf, wie man sie belügen muss, um eine befürchtete Massenpanik zu vermeiden. Es ist dies eine Frage, die regelmäßig an die aktuelle Entwicklung angepasst werden muss. Kann man z.B. angesichts der hohen Zahl von medizinischem Personal, das mittlerweile an Ebola verstorben ist, immerhin 5,2% der Ebola-Opfer, weiterhin behaupten, wenn ein infizierter Patient hinter den Türen der Isolierstation verschwunden ist, dann war es das, für den Virus?

Oder muss man seiner Bevölkerung das Wissen um ein Restrisiko, das sich nun einmal nicht beseitigen lässt, zumuten, ihr ehrlich sagen, dass alle hoffen, aber niemand sicher sein kann, dass sich kein Arzt, kein Krankenpfleger, der die Isolierstation betritt und verlässt, mit dem Virus infiziert und es nach draußen trägt.

Gupta EbolaKurz: Muss die paternalistische Hatung deutscher Politiker und Ärzte aufgegeben werden: Wir haben alles im Griff! Macht Euch keine Sorgen! Wir kümmern uns um Euch! Muss statt dessen eingestanden werden, dass deutsche Politiker und Ärzte genauso wie westafrikanische und US-amerikanische Politiker und Ärzte nicht alle Eventualitäten einplanen und nicht ausschließen können, dass es einen Ausbruch von Ebola in Westeuropa gibt? Dass man bestenfalls das Risiko einer Epidemie minimieren, aber nicht beseitigen kann?

Hätte man es mit einer erwachsenen Bevölkerung zu tun, man müsste ihr reinen Wein einschenken, etwa so, wie es in den USA und in dem hier verlinkten Beitrag geschieht, in dem sich Sanjay Gupta aus seinem Schutzanzug schält und demonstriert, wie einfach es ist, sich trotz Schutzanzug zu infizieren (ein Beispiel dafür, was US-amerikanische Journalisten als Bestandteil ihres Berufes auffassen).

war and revolutionEine Infektion mit Ebola ist demnach auch möglich, wenn man im Schutzanzug unterwegs ist. Genauso ist es möglich, dass Ebola von medizinischen Helfern, Journalisten oder Politikern, die als Krisentouristen reisen, wie man wohl sagt: eingeschleppt wird, denn: es gibt keine 100%tige Sicherheit, egal, was der Öffentlichkeit vorgegaukelt werden soll. Das bringt uns zurück zur Anfangsfrage, die wir für uns und wie der verlinkte Beitrag zeigt, im Sinne der vollständigen Aufklärung beantwortet haben.

Bleibt die Frage übrig, wie sich Politiker und diejenigen, die die Informationshoheit in Händen halten im Hinblick auf die gestellte Frage entscheiden.

Wir wissen es nicht, aber wir wissen, dass man von einer Regierung, die ihre Bevölkerung als infantile Masse, der man das Rauchen, das Trinken und das fettige Essen abgewöhnen muss, die man zum Joggen jagen muss und ansonsten bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens nicht unbeaufsichtigt lassen kann, kaum erwarten kann, dass sie ausgerechnet im Hinblick auf Ebola von ihrer paternalistischen Wolke Abschied nimmt und auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt, um der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen.

Was ist ein Mensch wert?

Allein die Überschrift wird manche schon verärgern. Menschen kann man nicht nach Wert bemessen. Ihren Nutzen kann man nicht in Zahlen angeben. Menschen sind ein Wert an sich, so wird behauptet und mit dieser Behauptung auf den Lippen wird um jeden Menschen, geboren oder ungeboren, gekämpft – oder auch nicht.

Aber: Der Wert eines Menschen variiert massiv mit dem Verwendungszusammenhang.

carnageMenschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, unterliegen einer seltsamen Metamorphose. Sie werden zu Extremisten und Zivilisten, die bei einem Militärschlag getötet wurden. Die Objektivierung der ehemligen menschlichen Subjekte findet sich nicht nur bei kriegersichen Auseinandersetzung, auch bei ideologischen Auseinandersetungen: politische Gegner werden zu Populisten, Extremisten, Kritiker werden zu prekären Existenzen, zu ärgerlichen weißen Männern. Ziel der Objektivierungen: Den Wert der entsprechend bezeichneten Menschen in Frage stellen.

Und das, obwohl die UN angeblich um jedes Menschenleben kämpft, sich UNICEF weltweit für die Rechte und das Leben von Kindern stark macht. Nur: Sind die Kinder einmal erwachsen, werden die Menschen z.B. zu Palästinensern, die in ihrem Staatsgefägnis aufbegehren, werden sie zu Menschen, über die man nicht mehr so einfach Mitleid ausgießen kann, wie dies bei Kindern noch möglich ist, dann reduziert sich augenscheinlich ihr Wert: Dann werden sie zu Hamas-Extremisten, Islamisten, Terroristen, sie werden Ewiggestrige, die der Moderne im Weg stehen.

Den Möglichkeiten zur Objektivierung von Menschen sind keine Grenzen gesetzt. Immer funktioniert die Objektivierung über Gruppenbildung: Wenn Individuen einer Gruppe zugeordnet werden, werden sie ent-menschlicht, sie sind ab sofort nicht mehr Ahmed Al-Nur, der im Gaza-Streifen wohnt, sondern Hamas-Terroristen, sie sind nicht mehr Arne Hoffmann, der Kritik am Genderismus übt, sondern Männerrechtler, linke Männerrechtler in seinem Fall, sie sind nicht mehr Kevin Preis, dem die Grundschulempfehlung verweigert wird, weil sein Vater als Hilfsarbeiter tätig ist, sondern Kinder aus bildungsfernen Schichten.

Die Objektivierung in Gruppen hat den Vorteil, dass man die individuellen Unterschiede nunmehr ignorieren kann, so tun kann, als wären alle Männer gleich, als wollten alle Frauen nur das eine, als wären alle AfD-Wähler Rechtsextremisten und alle Türken in Deutschland verhinderte IS-Kämpfer. Die entsprechenden psychologischen und sozialpsychologischen Vorteile, die sich mit dieser Form der Objektivierung verbinden, sind unter den Stichworten Stereotype und Vorurteile gut erforscht, sie sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Uns geht es um den Wert von Menschen, und wie die Ausführungen bislang zeigen, ist der Wert von Menschen Gegenstand einer Askription. Trotz aller Bekundungen von der Gleichheit der Menschen, trotz aller Lippenbekenntnisse über den Wert an sich, den jedes menschliche Leben darstellt. Zudem haben Menschen einen inkorporierten Wert, der sich als Summe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten darstellt -

Brown prejudicez.B: im Hinblick auf ihr Humankapital: Spezialisierte Arbeiter, die in der Lage sind, nachgefragte Leistungen zu erbringen, haben einen höheren Wert als Personen, die es in ihrem Leben nie für notwendig gefunden haben, sich in irgend etwas zu bilden und zu entwickeln. Erwachsene Menschen, die am gesellschaftlichen Leben z.B. durch Arbeit teilhaben, haben einen höheren Wert als Kinder, Letztere kosten die Gesellschaft, erstere bringen einen Beitrag für die Gesellschaft. Entsprechend lächerlich ist die politisch korrekte Routine, die in öffentlich rechtlichen Anstalten die Insassen verpflichtet, die Toten bei einem Flugzeugabsturz nach Alter zu differenzieren.

Aber diese Routine, die Tote nach Wert unterscheidet, denn wollte man nicht behaupten tote Kinder seien mehr Wert als tote Erwachsene, man müsste die Toten nicht in entsprechende Altersgruppen zerlegen, diese Routine, sie hat ihren Sinn, sie wirkt über Objektivierung und Gruppenbildung und vermittelt den Eindruck, dass bestimmten Gruppen von Dritten ein höherer Wert zugeschrieben wird als anderen Gruppen. Dieses soziale Ranking des Wertes von Menschen funktioniert ausschließlich über Gruppen, Gruppen, die mit einer positiven Konnotation versehen sind.

Die Litanei der deutschen Wertzuschreibung beginnt bei Frauen, die höheren Wert haben als Männer, und zwar über eine Opfer-Erzählung, die genutzt wird, Frauen, also solche, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren lassen wollen, in allen Lebenslagen zu fördern. Frauen und Kinder stehen in etwa auf einer Stufe. Auch Kinder sind der Gegenstand vielfältiger Förderung und natürlich der Gegenstand von Erziehung, was heute die Vermittlung der Inhalte bedeutet, die die politisch-korrekte Erzählung in Deutschlands umfasst. Weiter sind die Gruppen der Altruisten und zivil Engagierte und Ehrenamtliche und Organspender gut angesehen, bieten den Willigen die Möglichkeit, sich von ihrer Individualität zu transzendieren und einen Wert zugewiesen zu bekommen.

Wie die Sirenen es mit Odysseus versucht haben, so versuchen moderne Profiteure Menschen zu ködern und zu fangen, ihnen etwa ein Leben nach dem Tod zu versprechen, z.B. durch Organspende. Organspende ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie der Platz, der nach der vermeintlichen Säkularisierung und dem damit verbundenen Verschwinden des Lebens nach dem Tod freigeworden ist, gefüllt wird, sie ist auch ein Beispiel dafür, wie man Menschen objektiviert, als Organspender in diesem Fall, um sie dann in aller Gemützsruhe ausnehmen zu können, und zwar im doppelten Sinne.

Organspende appelliert an die Menschenliebe, gibt es doch so viele, die auf ein Spenderorgan warten, damit sie weiterleben können. Organspende macht sich das Mitleid von Menschen zunutze und verspricht Ihnen eine soziale Aufwertung, wenn sie ihre nach dem Tod unnützen Organe spenden. Lebendspendern wird, wie z.B. Selbstmordattentätern, eine Art Märtyrerdasein versprochen, wenn sie sich von einer Niere trennen, um einem Dritten das Überleben zu ermöglichen.

Soweit, so gut.

Ganz nebenbei wird über die Organspende eine Hierarchisierung vorgenommen, Organspender sind besondere Menschen, aber das ist nicht ihr einziger Wert, denn Organe, die gespendet werden, haben einen besonderen Wert, werden aufgrund der Nachfrage nach ihnen hoch gehandelt. Eine neue Niere kostet in Ungarn 30.000 Euro, Einbau inklusive. Der Wert von Menschen, von organspendenden Menschen ist demnach ein handfester Wert, er materialisiert sich für alle, die an der Produktkette beteiligt sind: Der Spender erhält einen kleinen Obolus für seine Niere, der Mittelsmann, der die Niere an einen Nachfrager vermittelt hat, erhält einen größeren Obolus und der Arzt, der die Niere entnimmt und einbaut, erhält einen mittelgroßen Obolus. Die Wertschöpfung des Handels mit Organen ist offensichtlich.

human organ tradeDrastisch wird diese Wertschöpfungskette im häufig beklagten “Organ Trafficking”, dessen Geschichte um kriminelle Banden rankt, die Arme in den Ländern Asiens und Afrikas oder Kriegsgefangene ausnehmen, um mit deren Organen einen hohen Profit zu erzielen. Seltsamer Weise bricht die Erzählung vom Organ Trafficking immer auf der Angebotsseite ab und berücksichtigt diejenigen, die auf der Nachfrageseite profitieren, die Ärzte, die sich für Transplantationen hergeben ebenso wie die Empfänger der Organe in keiner Weise, schon um nicht die Mitleids-Erzählung zu ruinieren, nach der Organempfänger arme und auf Hilfe angewiesene Menschen sind, die mit dem Tode ringen und nicht den Eindruck zu erwecken, es gebe eine Hierarche des menschlichen Werts, die die Organ-Lieferanten auf der untersten Stufe sieht.

Nicht nur im Rahmen der beschriebenen Formen des Organ-Handels, auch in Deutschland haben Organe einen Wert – für Krankenhäuser und Ärzte, sie werden abgerechnet und finanziert, eine Organtransplantation ist eine Operation, die dem durchführenden Krankenhaus Umsatz und Reputation verschafft und oft genug verdienen alle Beteiligten noch ein bißchen oder ein bißchen mehr nebenher. Entsprechend haben Spenderorgane auch in Deutschland für die an der Wertschöpfungskette Beteiligten einen Wert, ist Organspende ein Geschäft.

Im Gegensatz zur Organspende im Beispiel aus Ungarn, bei der ein Spender als Verkäufer seiner Niere auftritt und somit etwas mit seiner Organspende verdient, geht der deutsche Spender leer aus: Weder können die Angehörigen nach Tod eines erklärten Spenders seine Spendeprodukte gewinnbringend verkaufen noch können Lebendspender einen Profit aus ihrer Veräußerung gewinnen. Ihr Lohn besteht darin, sich einbilden zu können, sie seien ein guter Mensch und andere würden das auch so sehen, sie dafür schätzen, der Lohn der post-hum Ausgenommenen besteht darin, zu Lebzeiten stolz den Spendeausweis vorzeigen zu können.

Den Profit mit den Organen machen andere, das Gesundheitssystem, die an der Wertschöpfungskette Beteiligten, diejenigen, die davon profitieren, dass andere eine (Organ-)Leistung erbracht haben. Das nennen manche gelebte Solidarität oder wahren Altruismus, und es erfüllt auch alle Kriterien, die man an Sklaverei anlegt, in diesem Fall eine Form freiwilliger Sklaverei, bei der man Menschen einen psychologischen Wertzuwachs verspricht, wenn sie sich in die Gruppe der Organspender einfügen, die wiederum von denjenigen, die in der Wertschöpfungskette erst noch kommen, genutzt werden kann, um ihrerseits unter dem Mantel der Hilfe für Menschen in Organnot, zu profitieren. Die psychologische Werterhöhung des Organspenders entspricht demnach der monetären Werterhöhung bei professionellen Organverwertern.

 

 

Ebola: Kein Grund zur Sorge – angeblich

Entwarnung. Ebola mag tödlich sein, aber nicht in Deutschland. Äußerst unwahrscheinlich sei ein Ausbruch von Ebola in Deutschland, so das Ärzteblatt. Und im O-Ton geht es weiter:

“Auch mit den weiter steigenden Ebola-Zahlen besteht in Deutschland kein Grund zur Sorge. Dass eine infizierte Person einreise, sei zwar möglich, aber extrem ununwahrscheinlich, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) am Montag in Hamburg. Andere lebensbedrohliche Krankheiten wie Malaria seien deutlich häufiger.”

Ob Herr Schmidt-Chanasit stottert oder das “ununwahrscheinlich” ein Anflug von Pessimismus bei den ansonsten so überzeugten Ärzten ist, muss derzeit offen bleiben.

ebola_micrograph_virus-afriqueNich offen bleiben muss die Tatsache, dass das Ebola-Virus ein tödliches Virus ist, das nach Angaben der WHO zwischen 41% und 100% der Infizierten umbringt. Seit 1976 als Ebola zum ersten Mal und simultan im Sudan und in der Demokratischen Republik Kongo, in einem Dorf nahe beim Fluss Ebola ausgebrochen ist, gibt es regelmäßig widerkehrende Epidemien, die in 24 Epidemien bislang insgesamt 2.387 Infizierte und davon wiederum 1.590 Tote (67% Mortalität) hinterlassen haben. Die neuerliche Epidemie in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria findet sich mit 1.711 Infizierten und bislang 932 Toten in einer neuen Liga. Entsprechend hat die WHO den Notstand ausgerufen.

Dennoch: kein Grund zur Sorge, wie nicht nur das Ärzteblatt verkündet. Die Meinung im Medienwald scheint dahingehend einmütig zu sein, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Ebola befällt keine Europäer und wenn doch, so die allgemeine Meinung, dann ist der Ausbruch schnell eingedämmt und das effiziente Gesundheitsystem wird dem Virus schnell den Garaus machen.

Das muss auch schnell geschehen, weil sonst der Virus den Infizierten den Garaus macht: 2 bis 21 Tage dauert die Phase der Inkubation. Der Virus findet sich in allen Formen körperlicher Flüssigkeiten und Sekrete, entsprechend leicht kann er zwischen Menschen übertragen werden. Er äußert sich zunächst in Fieber, Schwäche, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, einem rauhen Hals, geht schnell zu Erbrechen, Durchfall und Aussschlag, Nieren- und Leberschädigung über und von dort fast nahtlos in innere oder äußere Blutungen.

Ebola ist in vielerlei Hinsicht besonders: Es gibt keine zugelassenen Medikamente zur Bekämpfung von Ebola. Es gibt keine Form der Behandlung, die Erfolg verspricht. Es gibt keinen Impfstoff. Es gibt Vermutungen darüber, dass das Ebola-Virus vor allem Flughunde als Wirt nutzt. Aber: Genaues weiß man derzeit nicht, nur eines weiß man, nämlich, dass man sich in Deutschland keine Sorgen über Ebola machen muss, auch nicht als spezifische Form von Empathie angesichts der vielen Toten, die der neueste Ausbruch des Virus bislang hinterlassen hat.

Fruit batStatt Sorgen plagen Europäer und die Verantwortlichen bei der WHO ethische Fragen, denn: die US-amerikanische Firma Mapp Biopharmaceutical Inc. hat ein Serum entwickelt, ZMapp mit Namen, das gegen Ebola wirksam sein soll. Aber: Es ist derzeit noch nicht an Menschen getestet, so dass über Risiken und Nebenwirkungen keine Aussagen gemacht werden können. Und jetzt haben Europäer und die WHO ein ethisches Luxus-Problem: Kann man dem Tode geweihten Menschen ein nicht getestetes Medikament verabreichen? Ob sie auch ein ethisches Problem hätten, wenn sie selbst mit Ebola infiziert wären und ihre Überlebenschancen geringer als ihre Wahrscheinlichkeit, zu sterben?

Derartige Luxus-Probleme aus angeblich ethischen Erwägungen kann man sich in der trauten Sicherheit leisten, dann, wenn man sich in seinem Ebola-freien Idyll eingerichtet hat. Und schließlich muss man sich ja keine Sorgen machen, wie das Ärzteblatt weiß. Aber weiß es das wirklich?

Ebola ist eine Form des hämorrhagischen Fiebers, also eines zu Blutungen führenden Fiebers, das nicht ganz unbekannt ist, in Deutschland. Im Jahre 1967 kam es in Marburg, Frankfurt am Main und Belgrad zu einem Ausbruch des Marburg Virus, einem Ableger von Ebola, der ebenfalls zur Gruppe der hämorrhagischen Fieber gehört. 31 Arbeiter bei Hoechts, in den Behring Werken wurden infiziert, sieben davon sind gestorben. Damit hatte der Ausbruch die Größenordnung des Ebola-Ausbruchs von 2008 in der Demokratischen Republik Kongo, was zeigt, dass es mitnichten so ist, dass Ebola ein Schauspiel ist, das sich im fernen Afrika ereignet.

Überhaupt, wir leben in einer globalisierten Welt, in der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen den Virus ebenso nach Hause bringen können, wie Touristen. Ob die 11.9 Millionen Euro, die die EU derzeit eingesetzt hat, um vor Ort in Afrika Hilfe gegen Ebola zu leisten, adäquat oder ein Feigenblatt sind, ist entsprechend eine offene Frage. Fraglich ist zudem, ob man sich die Luxus-ethischen Probleme, die derzeit gewälzt werden, auch in Zukunft wird leisten können. Klar ist lediglich, dass es sinnvollere Weisen gibt, Steuergelder anzulegen als sie in Frauenförderung zu stecken: Wie wäre es statt dessen mit einer Finanzierung von Unternehmen, die  tödliche Krankheit wie Ebola erforschen? Wir können das Professorinnenprogramm streichen und statt dessen entsprechende Stellen in Unternehmen schaffen, auf die sich dann natürlich auch Frauen bewerben können, die bei entsprechender Eignung auch eingestellt werden.

Aber das wird natürlich nicht geschehen, denn: wir müssen uns keine Sorgen machen, wie das Ärzteblatt weiß und der für Gesundheit zuständige EU-Kommissar Tonio Borg erklärt:

As European Commissioner for Health I want to reassure citizens that the risk from Ebola to EU territories is extremely low. This is both because relatively few people travelling to the EU are likely to be infected with the virus, and because of the way in which it spreads, i.e. only through direct contact with the symptomatic patient’s body fluids.

Ebola verbreitet sich wie eine Schnupfenvirus, sagt Borg, und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Na dann.

Der Sinn des Lebens

Heute machen wir eine Umfrage:

Geben Sie bitte auf einer Skala von 1 “stimme gar nicht zu” bis 7 “stimme voll zu”, an, wie sehr sie den folgenden Aussagen zustimmen:

Manche Menschen leben ziellos vor sich hin, ich bin einer davon.

Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht an die Zukunft.

Manchmal denke ich, dass ich alles getan habe, was es im Leben zu tun gibt.

Addieren Sie nun die Punkte der Antworten,die sie gegeben haben. Wer auf weniger als 7 Punkte kommt, lebt länger!

Denn: Wer in seinem Leben einen Sinn hat, der hat eine höherer Lebenserwartung als derjenige, der in seinem Leben keinen Sinn hat. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Patrick L. Hill und Nicholas A. Turiano (2014) in Psychological Science veröffentlicht haben.

sinndeslebensDie Untersuchung basiert, wie dies für Untersuchungen aus den USA regelmäßig der Fall ist, auf einem fetten Datensatz, in dem sich 7.108 Befragte im Alter von 20 bis 75 Jahren befinden, die 1994 erstmals befragt wurden und die für die nächsten 14 Jahre von Sozialforschern verfolgt wurden. In dieser Zeit sind 569 der Befragten verstorben, so dass es möglich ist, so genannte Hazard-Rates dafür zu berechnen, dass jemand im Beobachtungszeitraum stirbt und dabei gleich zu untersuchen, welche Variablen die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen.

Neben dem Lebenssinn, den wir Eingangs in der Weise dargestellt haben, in der er erhoben wurde, haben Hill und Turiano noch die Frage sozialer Einbindung, also Menge und Intensität sozialer Beziehungen untersucht, sie haben untersucht, wie sich affektive Befindlichkeiten, positive wie negative, auf die Sterbewahrscheinlichkeit auswirken und noch eine Reihe sozialdemographischer Variablen berücksichtigt.

Und hier die Ergebnisse:

Alter hat einen Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit, anders formuliert: Je älter man ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Dieses Ergebnis ist beruhigend, denn hätte es sich nicht eingestellt, man hätte an der eigenen Berechnung oder der Art und Weise, in der die Daten abgelegt sind, zweifeln müssen – oder – noch eine Möglichkeit: sich seine Befragten genauer ansehen müssen.

Männer haben ein höheres Sterberisiko als Frauen, und zwar ein deutlich höheres Sterberisiko, was eine andere Form der Darstellung der höheren Lebenserwartung von Frauen ist, eine dramatisch andere und abermals eine, die die Gleichstellungsfanatiker nicht interessieren wird.

Je höher das erreichte Bildungsniveau, desto geringer die Sterbewahrscheinlichkeit. Auch dieses Ergebnis wird wieder und wieder repliziert. Es fasst die Tatsache in Zahlen, dass ein Maurer, der sich täglich körperlich beansprucht, seinen Körper mehr abnutzt als eine Mausschubserin, die halbtags am Schreibtisch sitzt.

Schließlich erklärt der Lebenssinn. Wer einen Sinn in seinem Leben hat, ein Ziel, das er erreichen möchte, einen Daseinszweck, der hat eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit als jemand, der keinen Sinn für sein Leben benennen kann.

meaning_of_lifeKeinerlei Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit hat die soziale Einbindung, was überraschend ist, angesichts der behaupteten Wohltaten, die von sozialen Kontakten und sozialer Einbindung ausgehen sollen. Wenngleich Zweifler wie wir sowieso eher angenommen hätten, dass die Anzahl der sozialen Kontakte und die Intensität der sozialen Kontakte, die Sterbewahrscheinlichkeit eher erhöht als senkt, weil man mehr Gelegenheit hat, sich über seine Nächsten zu ärgern und somit mehr Gelegenheit, einen Herzinfarkt zu erleiden. Aber: wir liegen zumindest in der Operationalisierung, die Hill und Turiano gewählt haben, falsch. Gemessen wird von den Autoren soziale Eindung als Zustimmung zu: “Ich habe nicht viele Beziehungen zu anderen erlebt, die von menschlicher Wärme und Vertrauen geprägt waren”. “Die Leute würden mich als eine offene Person beschreiben, die bereit ist, Zeit mit anderen zu teilen.” “Enge Beziehungen zu unterhalten, hat sich für mich als schwierig erwiesen.”

Schließlich tragen auch positive oder negative affektive Befindlichkeiten nichts zur Erklärung des Sterberisikos bei. Ob jemand von sich sagt, es sei in den letzten 30 Tagen vor dem Befragungstermin überwiegend freudig, in guter Stimmung, glücklich, ruhig und zufrieden oder voller Leben gewesen, hat ebenso wenig einen Effekt wie überwiegende Nervosität, Traurigkeit oder Unruhe.

Kurz: Männer, die einen Sinn in ihrem Leben haben, können ihre Lebenserwartung steigern. Sie erreichen damit immer noch nicht die Lebenserwartung von Frauen, aber der Abstand kann zumindest zu Frauen verkürzt werden, die keinen Sinn im Leben haben.

Das Problem, das sich nun stellt: Wo bekommt man einen Sinn im Leben her, um länger zu überleben?

Ein häufig gewähltes Mittel: Hass auf andere als Antriebskraft, hat insofern vermutlich negative Auswirkungen als damit die erhöhte Abnutzung von Blutgefäsen und der erhöhte Ausstoß von Adrenalin einhergeht, was wiederum die Gefahr vorzeitigen Ablebens mit sich bringt.

Konsum, als weiteres Mittel, scheint ebenfalls nicht geeignet, denn, mit jeder Konsumeinheit sinkt der Wert jeder neuen Konsumeinheit, was vorhersehbar zu einem hektischen Konsum führen wird, der den Zweck, langes Leben durch Lebenssinn unterminiert.

Manche wählen die Fortpflanzung in ihrer Verzweiflung, einen Lebenssinn zu finden. Auch dieses Mittel dürfte sich nach einiger Zeit abnutzen, da spätestens mit der Übergabe der Kinder an das institutionalisierte Erziehungswesen, die Sinnzuschreibung mit Dritten geteilt werden muss, was den Wert des Sinnstifters “Kind” massiv reduziert.

Letztlich bleibt nur der institutionalisierte Dienst am Nächsten, also die Sinnstiftung dadurch, dass man für andere nützlich ist:

  • LiveOrganDonationDonor: [hears a ring at the door] Don’t worry dear. I’ll get it. [opens door] Yes?
  • Max: [the first doctor] Hello, can we have your liver?
  • Donor: What?
  • Max: Your liver. It’s a large glandular organ in your abdomen.
  • Donor:
  • Max: You know, it’s reddish-brown, sort of, um…
  • Donor: Yeah, yeah, I know what it is, but, um… I’m using it.
  • Howard: [the second doctor] *sigh* Come on sir, don’t mug us about. [pulls card out of donor's shirt]
  • Max: What’s this, then?
  • Donor: A liver donor’s card…
  • Max: Need we say more?
  • Donor: Now listen, I can’t give it to you now! It says ‘in the event of death’!
  • Max: [pushes donor on the table] Nobody’s ever taken out their liver for US to survive.
  • Howard: Don’t worry, this is only gonna take a minute. (drives knife into donor’s stomach)
  • Donor: GAAAHHHHH! AAAAAHHHHHH! HAWHAWHAWHAW! GAAAAHHHHHH!

aus: Monty Pythons the Meaning of Life, 1983

Hill, Patrick L. & Turiano, Nicholas A. (2014). Purpose of Life as a Predictor of Mortality Across Adulthood. Psychological Science 25(7): 1482-1486.

Macht das Bildungssystem kurzsichtig?

Der Nerd, Inbegriff des neunmalklugen Internet-Freaks, der sich hyperintellektuell gibt, trägt eine. In bestimmten Schichten der Bevölkerung ist es schick, eine zu tragen, um intellektuell zu erscheinen. Lemmi von den Schmökern, der Bücherwurm, den manche noch aus ihrer Jugend kennen, er musste natürlich auch eine haben. Die Rede ist von einer Brille, die Brille, die bis heute als Symbol für Intellektualität gilt, sofern sie nicht als Sonnenbrille daherkommt, die am Ende maskulin oder cool wirken könnte.

NerdDie Symbolik hinter der Brille, also der Glaube, man könne sich durch eine Brille mehr geistigen Gehalt verschaffen, als man tatsächlich hat, ein Glaube, der durch die Optiker Meise Reklame auf unangenehme Weise befördert wird und zuweilen bis zum ersten gesprochenen Wort reicht, diese Symbolik scheint einen wahren Kern zu haben, denn Kurzsichtigkeit weist einen Zusammenhang mit Bildung auf.

Aus Deutschland kommt eine Untersuchung, die Alireza Mirshahi und sieben weitere Autoren in “Opththalmology” veröffentlicht haben. Die Untersuchung trägt den Titel: “Myopia and Level of Eduction”, sie ist gut gemacht, behauptet keine Zusammenhänge, wo keine sind, problematisiert Schwächen an der eigenen Untersuchung und ist eine wohltuende Abwechslung von all den Studien, die aus kaum existenten Zusammenhängen weitreichende und aberwitzige Konsequenzen ziehen, zumeist deshalb, weil sie den Autoren ideologisch passen, wie dies z.B. in der Studie über gleichgeschlechtliche Eltern, die wir vor einigen Tagen besprochen haben, der Fall war.

Mirshahi und seine Koauthoren haben zu acht einen Text verfasst, der auf fünf Seiten kurz und knapp die Ergebnisse einer Analyse berichtet, die auf Grundlage von 4658 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren erstellt wurde. Alle 4658 Personen leben in der Rhein-Main-Region und haben sich bereit erklärt, an der Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS) teilzunehmen.

Für die vorliegende Untersuchung wurde die Sehkraft der Befragten untersucht. Dabei haben sich 1.780 der Studienteilnehmer (38,2%) als kurzichtig erwiesen. Um den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsstand der Teilnehmer zu untersuchen, haben die Autoren zwei Variablen gebildet, die einmal den erreichten Schulabschluss und einmal die Geschichte der beruflichen Bildung zusammenfassen. Von den 4658 Personen haben 26 (0,6%) keinen Schulabschluss erreicht, 1916 (41,1%) einen Hauptschulabschluss, 1008 (21,6%) einen Realschulabschluss und 1553 (33,3%) eine Hochschulreife. Keine Berufsausbildung haben im Anschluss an ihre Schulzeit 368 (7,9%) Befragte aufgenommen, 2157 (46,3%) haben eine Berufsschule, 773 (16,6%) eine Berufsfachschule und 1118 (24,0%) eine Universität besucht.

BrillenDie Auszählung der Sehkraft nach Bildungsabschluss und Berufsausbildung stellt erste Indizien für einen Zusammenhang bereit: 50,9% der Personen, die eine Hochschulreife erreicht haben, sind kurzsichtig – gegenüber 41,6% bzw. 27,1% der Schüler mit Realschul- bzw. Hauptschulabschluss. Dasselbe Bild ergibt sich bei der Berufsbildung: Universitätsabsolventen weisen zu 53% eine Kurzsichtigkeit auf, während Berufsfachschüler und Berufsschüler nur den Anteil von je 34,8% und 34,7% Kurzsichtige umfassen.

Nun muss man einwenden, dass die Ergebnisse auf Basis aller Befragten ausgezählt wurden, d.h. die jeweiligen Gruppen enthalten Alte wie Junge. Da Kurzsichtigkeit mit dem Alter zunimmt, ist es demnach sinnvoll, nach dem Alter zu kontrollieren, es in einer Regressionsanalyse konstant zu halten. Also haben die Autoren Alter konstant gehalten und denselben Effekt festgestellt, der gerade aufgezeigt wurde:

Mit steigender allgemeiner und beruflicher Bildung sinkt die Sehkraft, steigt der Anteil der Kurzsichtigen.

Man muss also feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Sehkraft gibt, dass Bildung anscheinend einen negativen Effekt auf Sehkraft und einen positiven auf Kurzsichtigkeit hat. Man kann dies die “dark side of education” nennen und sich angesichts der erheblichen Kosten, die mit einer Kurzssichtigkeit und ihren Folgen, von Ablösung der Netzhaut bis zu grünem Star einhergehen, fragen, ob es nicht notwendig wäre, Abiturienten und Studenten gegen diese Folgen von Bildung in einer privaten und obligatorischen Versicherung zu sichern, schon um nicht diejenigen, die keine höhere Bildung anstreben und entsprechend besser sehen, für die Behandlungskosten der Höhergebildeten bezahlen zu lassen.

Besonders findige Rechtsanwälte mit Sehschwäche, die sich nach 8 Semestern Rechtsstudium fast zwangsläufig einstellen muss, könnten sich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, die OECD, die die Werbetrommel für höhere Bildung weltweit rührt und das Ziel für Deutschland auf 40% Abiturienten und damit ungefähr den OECD Durchschnitt anheben will, haftbar zu machen für die dadurch verursachten höheren Kosten, die individuell und im Aggregat durch die mit der Zunahme höher Gebildeter einhergehende Zunahme der Kurzsichtigkeit verursacht werden.

moleDenn dass ein Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsnievau besteht, steht außer Frage. Allerdings stellt sich die Frage, welcher Art dieser Zusammenhang ist, d.h.: stellt sich die Kurzsichtigkeit als Folge der Bildung ein, also der mit dem längeren Besuch von Bildungsinstitutionen einhergehenden Notwendigkeit, z.B. länger in Bücher oder Computer zu sehen, die direkt vor der Nase des Schülers oder Studenten stehen? Die Erklärung der Verbindung zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsniveau über das Starren in Bücher oder das Starren in Computer ist plausibel. Aber mehr ist sie bislang noch nicht. Der Beleg dafür, dass Kurzsichtigkeit von längerer Verweildauer in Bildungsinstitutionen verursacht wird, fehlt bislang.

Aber es gibt recht gute Indizien, die Mirshahi in einer guten Untersuchung zusammengetragen haben. Dass die Untersuchung nur gut und nicht sehr gut ist, liegt darin begründet, dass es nicht wirklich gelungen ist, intervenierende Variablen auszuschließen: Die Befragten sind zum Befragungszeitpunkt zwischen 35 und 74 Jahren alt. Die Kurzsichtigkeit kann sich irgendwann während, vor oder nach der Schulzeit eingestellt haben, d.h. es ist durchaus möglich, dass nicht berücksichtigte Variablen den Zusammenhang zwischen Sehkraft und Bildung vermitteln oder im schlimmsten Fall direkt erklären. Es hätte, um die Frage zu entscheiden, wie groß die Gefahr ist, durch nicht berücksichtigte Variablen, das gesamte Ergebnis wegzuerklären, geholfen, die erklärte Varianz der linearen Modelle zu berichten. Das haben die Autoren leider nicht getan.

Entsprechend kann die OECD (vorerst) aufatmen, und all diejenigen, die mit Brille einen Intellekt vortäuschen wollen, den sie nicht haben, müssen weiter hoffen, dass die Symbolkraft von Brillen über die nicht kausale Erklärkraft entsprechender wissenschaftlicher Modelle hinwegträgt.

Mirshahi, Alireza et al. (2014). Myopia and Level of Education. Results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology (online first).

 

Headbanging III: MOTÖRHEAD und Headbanging

Headbanging I: Enge Kulturen

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Headbanging III

Wem es noch nicht reicht, dem kann geholfen werden. Ariyan Pirayesh Islamian, Manolis Polemikos und Jochim K. Kraus haben im Lancet einen Beitrag von genau einer Seite Länge veröffentlicht, der mit “Chronic subdural heamatoma secondary to headbanging” überschrieben ist und wie folgt endet:

Motörhead“This case serves as evidence in support of Motörhead’s reputation as one of the most hardcore rock’n’roll acts on earth, if nothing else because of their contagious speed drive and the hazardous potential for headbanging fans to suffer brain injury” (102).

Wir befinden uns in Gutmenschen-Terrain.
Opfer: Dieses Mal nicht Nutella, sondern Motörhead.
Gegenstand der Besorgnis: Dieses Mal nicht Adipositas, sondern ein Hämatom im Gehirn
Objekt der Besorgnis: ein 50 Jahre alter Mann.
Tatort: Klinik für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover

Ein 50 Jahre alter Mann hat sich im Januar 2013 am Zentrum für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover vorgestellt und über Kopfschmerzen geklagt, die immer stärker würden.

Die Klage war zunächst ein Rätsel. Der Mann sei bislang neurologisch nicht auffällig gewesen, habe bestritten, Drogen zu nehmen und neurologische Standarduntersuchungen hätten gezeigt: nichts, jedenfalls nichts, was für die Kopfschmerzen als Verursacher dingfest gemacht werden konnte, so berichten die Autoren.

Eine Computertomographie brachte es dann an den Tag: Ein sudurales Hämatom, also eine Ansammlung von Blut zwischen Schädel und Gehirn. Das Hämatom wurde entfernt, und der Kopfschmerz verschwand. Die Ursache der Kopfschmerzen war damit dingfest gemacht: das subdurale Hämaton.

Aber was ist die Ursache des subduralen Hämatoms? Start headbanging!

Vier Wochen bevor der 50 Jahre alte Mann sich in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, hat er sich auf ein Konzert von Motörhead verirrt und dort vermutlich aufs Heftigste, so wie man das als 50jähriger eben noch kann, geheadbangt.

Zwei Wochen, bevor sich der 50 Jahre alte Mann in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, haben Kopfschmerzen bei ihm eingesetzt.

Damit ist klar: Motörhead ist schuld.

HeadbangingDas durchschnittliche Motörhead headbanging verursachte, subdurale Hämatom benötigt vier Wochen um voll in Erscheinung zu treten und zwei Wochen, um sich zu einem ständig steigenden Kopfschmerz zu entwickeln. Das Motörhead headbanging Hämatom kann nur durch Headbanging bei Motörhead verursacht werden, weshalb demnächst Motörhead-Konzertkarten nur noch mit einem Warnhinweis verkauft werden: Motörhead-Konzert-Headbanging kann (oder wird) bei einem der 50jährigen Besucher dieses Konzerts zu einem subduralen Hämatom führen, das ihn dazu veranlassen wird, vier Wochen nach dem Konzert in der Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover vorstellig zu werden.

Denn: Motörhead ist die härteste der Hardrock-Bands, weshalb das headbanging für 50jährige aus oder aus der Umgebung von Hannover besonders gefährlich ist.

Wer denkt, die Hannoveraner Neurochirurgen wären vielleicht übergeneralisierend und ihnen am Ende einen Fehlschluss der hasty generalization unterstellt, der unterschätzt die Notwendigkeit, in Zeiten knapper Kassen auch als Neurochirurg Marketing in eigener Sache zu betreiben. Und vor allem die geniale Verbindung des subduralen Hämatoms mit dem headbanging bei Motörhead, hat garantiert, dass die Meldung um die Welt ging und dass sich selbst Mikkey Dey zu einer Stellungnahme genötigt sah.

Dabei auf der Strecke geblieben ist, dass die drei Hannoveraner Neurologen die Kausalität des Motörhead Konzertes für ihren Einzelfall trotz einer Zyste, die sich in der mittleren Schädelgrube des 50 jährigen Mannes findet, behaupten.

Und jetzt darf geheadbangt werden, es sei denn, sie sind 50 Jahre alt, aus oder aus der Gegend von Hannover, haben eine Zyste in der mittleren Schädelgrube und tragen sich mit der Absicht, in vier Wochen die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover aufzusuchen.

Macht Ungerechtigkeit krank? Von einer Persiflage auf Wissenschaft

Gleich vorweg: Gerechtigkeit wird in der Regel als Equität aufgefasst, d.h. ein subjektives Gerechtigkeitsempfinden ergibt sich als Ergebnis eines Vergleichs der Bewertung des Verhältnisses eigener Anstrengung im Verhältnis zu dem damit erzielten Nutzen mit dem Verhältnis von Anstrengungen und Nutzen relevanter Vergleichspersonen.

equityDiese Konzeptionalisierung macht sehr deutlich, dass Gerechtigkeit kein absolutes, sondern ein relationales Maß ist. Man kann dies angesichts der Legionen unsinniger Publikationen, die Begriffe und Konzepte wild durcheinander werfen und von Chancengerechtigkeit bis Ergebnisgleichheit willkürlich nominale Verbindungen herstellen, nicht oft genug betonen.

Demgemäß lösen sich unsinnige Konzepte wie “soziale Gerechtigkeit” von selbst auf, denn es kann keine Gerechtigkeit als absolute Größe geben, denn dummerweise ist das Empfinden von Menschen bislang nicht durch staatliche Reglementierung steuerbar. Gerechtigkeit ist ein zutiefst individuelles Konzept, das sich nur auf Individuen richten kann und daher keine soziale Ausprägung annehmen kann. Wird Gerechtigkeit sozialisiert, sollen Gruppen z.B. unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit bevorzugt werden, dann geht damit unweigerlich ein Verstoß gegen das Gerechtigkeitsempfinden der Mitglieder der Gruppen, die entsprechend benachteiligt werden, einher. So einfach ist es, Programme zur Förderung von Gruppen wie Frauen als Programme institutionalisierter Ungerechtigkeit zu identifizieren, deren Ziel nicht in Gerechtigkeit besteht, sondern in Bevorzugung und das hat mit Gerechtigkeit nun gar nichts zu tun, aber mit Ungerechtigkeit.

Dies gesagt, gibt es eine auf den ersten Blick interessante Untersuchung zu berichten, die Reinhard Schunck, Carsten Sauer und Peter Valet (2013) erstellt haben. Die Autoren untersuchen den Zusammenhang zwischen empfundener Gerechtigkeit und subjektiver Einschätzung der eigenen Gesundheit. Die Legitimation für die Untersuchung dieses Zusammenhangs entnehmen sie aus dem “Konzept der sozialen Gratifikationskrise”, das unter pompösem Begriffsaufbau die schlichte Erwartung formuliert, dass Personen, die eine Ungerechtigkeit zwischen Aufwand und Ertrag z.B. beim Einkommen empfinden, aus dieser Dissonanz Stress entwickeln und nachfolgend eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, krank zu werden.

Ob eine empfundene Ungerechtigkeit des Einkommens mit einer schlechteren Einstufung der eigenen Gesundheit einhergeht, ist eine empirische Frage, eine Frage, die die Autoren auf der Grundlage der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zu beantworten suchen. Und hier beginnen, wie immer, wenn mit dem SOEP gerechnet wird, die Probleme:

  • SOEP 662Die im SOEP enthaltene Frage nach der empfundenen Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, ist keine Frage, die einen Vergleich beinhaltet, vielmehr wird schlicht gefragt: “Ist das Einkommen, das Sie in Ihrer jetzigen Stelle verdienen, aus ihrer Sicht gerecht?” Man muss also hoffen, dass Befragte bei Ihrer Antwort den Vergleich zwischen Aufwand und Ertrag und mit Vergleichspersonen anstellen, der im Konzept gefordert ist.
  • Die Frage nach dem Gesundheitszustand lautet: “Wie würden Sie ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben? Sehr gut, gut, zufriedenstellend, weniger gut, schlecht.” Das ist eine typische Form von Manipulation in einer Befragung, die darauf zielt, ein paar Befragte rechts der Mitte, also bei der schlechten Einschätzung der eigenen Gesundheit zu haben. Korrekt wären ab zufriedenstellend die Antwortalternativen schlecht und sehr schlecht.
  • Irgendwie hat sich die Kenntnis, dass das SOEP ein Paneldatensatz ist, dass es also theoretisch pro Befragtem zu mehr als einem Zeitpunkt Antworten gibt, bei den meisten Autoren, die damit rechnen, gesetzt. Die Art und Weise, in der die Paneldaten genutzt werden, ist jedoch, trotz pompöser Begriffe wie: Hybrid-Modell oder “random effect Regressionsmodell” eher rustikal und reduziert sich darauf, die mehrfachen Angaben von Befragten einfach zu addieren und so zu tun, als hätte man einen Befragten, der zu zwei Zeitpunkten etwas gesagt hat, doppelt. Der Nutzen eines Paneldatensatzes geht damit weitgehend verloren und, die Aussagekraft der Ergebnisse ist schlechter als sie sein könnte.
  • Schließlich zeigt sich in den Analysen von Schunck, Sauer und Valet, was sich bei Analysen mit dem SOEP immer zeigt: Man startet voller Zuversicht und stellt rasch fest, dass bei näherer Betrachtung nicht viel bleibt – vom Panel. Magere 2 Beobachtungen pro Befragtem sind für die Analysen von Schunck, Sauer und Valet vorhanden, es ist, mit anderen Worten, nicht viel Panel übrig geblieben, was die Erklärung dafür zu sein scheint, dass die Autoren ihren Datensatz nicht wirklich als longitudinalen Datensatz behandeln.

Dies gesagt, hier die Ergebnisse – Zunächst für die Frage: Wer ist der Ansicht, die Höhe seines Einkommens sei ungerecht?

  • Ein Drittel aller 12.268 Befragten ist der Ansicht, ihr Einkommen sei nicht gerecht.
  • Die Wahrscheinlichkeit, das eigene Einkommen als ungerecht zu empfinden, sinkt mit geringer werdendem Einkommen.
  • Personen mit mittlerer und niedrigerer Bildung haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihre Einkommen als ungerecht zu bewerten als Personen mit hoher Bildung.
  • Vollzeiterwerbstätige haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihr Einkommen als ungerecht zu empfinden, als Teilzeiterwerbstätige.
  • Ostdeutsche empfinden ihr Einkommen mit höherer Wahrscheinlichkeit als ungerecht als Westdeutsche.
  • Es gibt keinerlei Unterschied zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf die Bewertung des eigenen Einkommens

ZufriedenstellendWas die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes angeht und den Zusammenhang mit der Einschätzung der Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, so ist vorwegzuschicken, dass die Ergebnisse auf 57,4% der Befragten basieren, die ihren Gesundheitszustand als “gut” oder “sehr gut” einschätzen, und 42,6%, die ihren Gesundheitszustand als “zufriedenstellend”, “weniger gut” oder “schlecht” bezeichnen. [Warum zufriedenstellend zu "schlecht" und nicht zu "gut" geschlagen wurde, ist eine offene Frage, deren Antwort vermutlich: Fallzahl lautet. Wären alle, die ihre Gesundheit als zufriedenstellend bezeichnen, der Kategorie "gut" zugeschlagen worden, dann wären vermutlich nicht viele Befragte für die Kategorie "schlecht" übrig geblieben.] Untersucht wird demnach nicht, guter und schlechter Gesundheitszustand sondern bestenfalls besser im Vergleich zu schlechter eingeschätzer Gesundheitszustand. Wie so oft, bewegen wir uns im Bereich der Daten-Ambiguität, die verhindert, dass man so richtig weiß, was man eigentlich gemessen hat – geschweige denn, wie man es interpretieren soll.

Auf Basis dieser Daten-Ambiguität kann festgestellt werden, dass zwischen denen, die ihre Einkommen als gerecht empfinden und denjenigen, die ihr Einkommen als nicht gerecht empfinden, ein Unterschied im Hinblick auf die Einschätzung ihrer Gesundheit als besser oder schlechter von gerade einmal 3,9% (60,9% im Vergleich zu 57%) besteht.

Und nun kommt die fast schon unvermeidliche logistische Regression, dieses Mal im Gewand einer logistischen Hybrid Panelregression (klingt gut, oder?). Die logistische Hybrid Panelregression ergibt, dass eine bessere Einschätzung der eigenen Gesunheit:

  • vom Einschätzung, ein ungerechtes Einkommen zu erhalten, beinträchtigt wird,
  • von der Zufriedenheit mit dem eigenen Arbeitsplatz befördert wird,
  • von mittlerer und höherer Bildung befördert und
  • von geringerem Alter behindert wird.

Anders formuliert: Zwischen der Einschätzung des eigenen Einkommens als gerecht und der Einschätzung der eigenen Gesundheit, scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Das ist ein Ergebnis der Analysen, die Schunck, Sauer und Valet gerechnet haben.

Diese Analysen haben sie unter dem Titel “Macht Ungerechtigkeit krank? Gesundheitliche Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit” publiziert. Eine grobe Fälschung oder sagen wir eine innovative und von ihren Ergebnissen in keiner Weise gestützte Interpretation, die man wohl der Tatsache zurechnen muss, dass die Analysen von der Hans Böckler Stiftung finanziert wurden. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um eine grobe Verfälschung ihrer Ergebnisse, denn die Autoren haben “Ungerechtigkeit” weder untersucht noch gemessen, und sie haben auch keine gesundheitlichen Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit gemessen.

forgerySie haben die subjektive Einschätzung, ob das eigenen Einkommen gerecht ist und die subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit untersucht. Wer die eigene Gesundheit als “zufriedenstellend” einschätzt, ist sicher nicht krank, nicht einmal eine Einstufung von “weniger gut” hat notwendig eine Krankheit zur Ursache. Und empfundende Einkommensgerechtigkeit hat in der Regel überhaupt nichts mit realer Einkommensungerechtigkeit zu tun. Erstere liegt dann vor, wenn ein Arbeiter seine Leistung im Vergleich zu anderen als besser bewertet, sein Einkommen im Vergleich zu anderen jedoch nicht. Letztere ist dann gegeben, wenn ein Arbeiter für die selbe Leistung ein geringeres Gehalt erzielt, was die “Einkommensgerechtigkeit” als das normative und weltfremde Makrokonzept ausweist, das sie nun einmal ist, denn: wo finden sich denn die identischen Menschen mit gleicher Leistung, die unterschiedlich bezahlt werden? Was die Fälschung und die Suggestion, die mit dem Titel versucht wird, noch ärgerlicher macht, ist die klägliche Qualität der Logistischen Hybrid Panelregression, die in einem Nagelkerke R-Quadrat von .133 ausgewiesen ist. Da Nagelkerkes R-Quadrat schon von Haus aus der Notnagel für schlechte Modelle ist, ist die Tatsache, dass nicht einmal dieser Wert eine relevante Höhe erreicht, für das gerechnete Modell weitgehend tötlich.

Dass die phantasierten Makro-Gerechtigkeitskonzepte keine Basis in der realen Welt haben und eigens dazu erfunden werden, um z.B. über ein phantasiertes Gender Pay Gap diskriminierende Maßnahmen wie eine Frauenquote zu fordern, wird sogar in den Ergebnissen von Schunck, Sauer und Valet deutlich:

“Interessanterweise unterscheiden sich Männer und Frauen nicht hinsichtlich der Berwertung ihres Einkommens: Sowohl ein Drittel der männlichen Beschäftigten als auch ein Drittel der weiblichen Beschäftigten geben an, dass ihr Erwerbseinkommen, gemessen an den Leistungen, die sie erbringen, zu gering sei. Angesichts des sogenannten gender-wage-gaps … war dieser Befund nicht erwartbar” (8).

Erwartbar ist dieser Befund dann, wenn man das Gender-Wage-Gap oder Gender-Pay-Gap als die Erfindung von Ideologen akzeptiert, die es nun einmal ist und die Realität, wie sie sich aus den Antworten von Befragten ergibt, dagegen stellt. Dann bleibt vom erfundenen Gender-Pay-Gap ebenso wenig wie von Phantasmen einer Makro-Gerechtigkeit oder sozialen Gerechtigkeit, die angeblich Gruppen und nicht Individuen zu gute kommen sollen.

Und was heißt das Ganze nun für die Eingangs gestellte Frage, ob Ungerechtigkeit krank macht? Nichts, denn leider wurde nicht Krankheit, sondern das subjektive Gesundheitsempfinden gemessen, und es wurde nicht Ungerechtigkeit, sondern Gerechtigkeitsempfinden gemessen. Entsprechend kann nur gesagt werden, dass es wohl unter denen, die sich subjektiv und im Hinblick auf ihr Einkommen ungerecht behandelt vorkommen und denjenigen, die von sich sagen, ihre Gesundheit sei zufriedenstellend, weniger gut oder schlecht, eine schwache Korrelation gibt.

Krieg als Mittel gegen Alkoholmissbrauch

Selbstverständlich ist die Überschrift eine pointierte Aussage, die wir auf Grundlage eines in der Juniausgabe der Zeitschrit “Drug and Alkohol Dependence” veröffentlichten Beitrages gemacht haben. Selbstverständlich wird die WHO ihren Kampf gegen den Akolholmissbrauch nun nicht neu orientieren, obwohl man bei der WHO eigentlich über nichts richtig sicher sein kann, wie auch immer: die Untersuchung von Russell, Russell, Riviere, Thomas, Wilk und Bliese (2014) kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:

Soldaten, die im Kampfeinsatz einen Feind erschoßen haben, haben nach dem Kampfeinsatz weniger getrunken als vor dem Kampfeinsatz.

Es ist eben nichts so schlecht, als dass es nicht für etwas gut ist, und selbst die Untersuchung von Russell et al (2014) hat noch ein Ergebnis erbracht und dies, obwohl der Beitrag der sechs Autoren mit einer klassischen Tautologie beginnt. Ein traumatisches Ergebnis, so schreiben die Autoren, kann auf den, der es hat, negative, positive und keine Folgen haben (47).

Tautology clubDiese Tautologie bringt das ganze Elend induktiver Datenhuberei sehr gut auf den Punkt, denn das einzige, was die entsprechenden Forscher wissen, ist was sie gerne als Ergebnis hätten, nicht, was man theoretisch erwarten kann. Entsprechend hat ein traumatisches Erlebnis negative Folgen zu produzieren, denn ein traumatisches Erlebnis ist negativ und kann entsprechend nichts Positives zur Folge haben, wäre dem so, man würde alle Fördermittel zur Bekämpfung der Folgen traumatischer Erlebnisse verlieren. Deutlich macht man diese Erwartung, von der man nicht so recht weiß, warum man sie hat, mit dem Zusatz: potentiell. Ab sofoert gibt es nur noch potentiell traumatische Erlebnisse, so wie es z.B. nur potentiell fähige Lehrer gibt. Und wenn etwas potentiell ist, man also nicht weiß ob dieses etwas tatsächlich ist, muss man forschen bzw. hat man einen guten Vorwand, zu forschen (Und wer weiß, vielleicht kommt ja etwas dabei heraus, etwas, das man in eine entsprechende Forderung nach Therapie, Unterstützung, Hilfsangeboten und sonstigem mehr umsetzen kann.).

Wo wir gerade bei traumatischen Erlebnissen sind: Was ist eigentlich ein potentiell traumatisches Erlebnis? Ein Krieg ist ein potentiell traumatisches Erlebnis. Ein Kampfeinsatz, so schließen die Autoren, ist ein potentiell traumatisches Erlebnis, bietet ein Kampfeinsatz doch die Möglichkeit, zu kämpfen, zu töten, in Gefahr zu geraten, den Tod oder die Verletzung anderer zu sehen und die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen (48). Deshalb ist er potentiell traumatisch, etwa in der Weise, in der die Beteiligung an einer Antifa-Demonstration potentiell traumatisch ist, z.B. für diejenigen, deren Eigentum zerstört wird oder diejenigen, die vor dem schwarzen Mob um ihr Leben laufen. Dagegen hat eine Antifa-Demonstration für die Mitglieder der Antifa wohl eher positive Erlebnisqualitäten, die z.B. aus der Zerstörung fremden Eigentums resultieren.

National Guard Combat UnitDie Welt ist eben komplex, zu komplex, als dass es gerechtfertigt wäre, einen Kampfeinsatz als traumatisches Erlebnis zu klassifizieren, das entsprechend dazu führen muss, dass diejenigen, die ihn erlebt haben, dieses traumatische Erlebnis in Alkohol ertrinken. Eine solche Vorstellung von Forschern an Soldaten herangetragen, sagt eigentlich schon alles, macht die Entfremdung zwischen denen, die das Idyll der guten Menschen bewohnen und denen, die in der wirklichen Welt unterwegs sind, sehr deutlich. Erstere verniedlichen einen Krieg, reduzieren ihn zu einer Art Erlebnisurlaub, in dessen Verlauf es passieren kann, dass man Zeuge schlimmer Dinge wird oder gar töten muss. Die entsprechenden Erfahrungen werden dann zum Betriebsunfall, dem eine Horde von shrinks, wie man im Englischen sagt, zu Leibe rücken muss, damit die negativen Folgen beseitigt werden, es zu keinem Alkoholmissbrauch kommt.

Gepaart wird diese Verniedlichung von Kriegen, in denen es in erster Linie für Soldaten um das eigenen Überleben geht, was mit dem Abenteuerurlaub, der manchen Forschern vorzuschweben scheint, recht wenig gemein hat, mit der Überzeugung, dass bestimmte Handlungen von Menschen nicht willentlich erfolgen, sondern durch eine geheime Macht der Sucht geleitet werden, so als wäre der Griff zum Alkohol dann irgendwann keine Entscheidung mehr sondern eine Art der Fernsteuerung, durch z.B. die Alkoholindustrie, die ihren Flaschen süchtigmachende Attribute beigibt, auf die man nicht anders reagieren kann als dadurch, die Flasche zu öffen und leer zu trinken. Eine Handlung, von der dann wiederum eine Vielzahl anderer ein gutes Auskommen hat, denn was täten all die Psychiater und Psychologen, die sich darauf spezialisiert haben, anderen einzureden, sie wären dem Teufel, Dämon, Willenbeseitiger Alkohol ausgeliefert und bräuchten Hilfe, um wieder davon loszukommen, wenn es niemanden gäbe, der Alkohol trinkt und der sich bereitwillig entsprechendes einreden lässt?

Doch zurück zur Untersuchung von Russell et al. (2014). Ihre Ergebniss basieren auf den Angaben von irgendwo zwischen 273 und 1868 Soldaten (genau kann man das den Angaben der Autoren nicht entnehmen) einer Kampfeinheit der National Guard der US Army, die im Irak zum Einsatz gekommen sind. Sie wurden vor ihrem Einsatz und nach ihrer Rückkehr, sofern sie zurückgekehrt sind, gefragt, ob sie gekämpft oder getötet habe, in Gefahr geraten sind, Opfer gesehen haben oder positive Erfahrungen gemacht haben. Darüber hinaus wurden sie gefragt, ob sie nie oder bis zu vier- oder mehrmals in der Woche trinken und ob sie dann, einen oder zwei oder bis zu 10 und mehr Gläser Alkohol zu sich nehmen. Die Kombination beider Fragen ergab einen Index mit einem Wertebereich von 0 “Abstinenter” bis 20 “Säufer”. Der Mittelwert der Trinkerskala, wie wir sie einmal nennen wollen, den die Autoren aus welchen Gründen auch immer, nirgends thematisieren, liegt bei 1,55 vor dem Einsatz bzw. 4,08 nach dem Einsatz, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass vor dem Einsatz Abstinente nach dem Einsatz Alkohol trinken. Die Menge des durchschnittlich getrunkenen Alkohols entspricht dabei im Durchschnitt dem Trinken von vier Mal in der Woche einem einzigen Glas Alkohol.

Vor dem Hintergrund dieser Verteilung Aussagen über Alkoholmissbrauch machen zu wollen, grenzt an Datenfälschung und so ist es gut für die Autoren, dass ihre Analysen keine der Ergebnisse erbringen, die sie erwartet haben. Im Gegenteil: Ein Kampfeinsatz steht nicht nur nicht in Zusammenhang mit einer nachfolgenden Zunahme von Akoholkonsum, Soldaten, die während des Kampfeinsatzes einen Feind getötet haben, haben nach dem Einsatz weniger getrunken als davor. Ein Krieg, so könnte man formulieren, ist eine ernüchternde Erfahrung selbst für Soldaten, die darauf trainiert werden, zu töten.

junk scienceNun haben die Autoren ein ganz anderes Ergebnis von ihren Daten erwartet oder erhofft und entsprechend geht es nicht, die eigenen Prämissen in Frage zu stellen: “Clearly”, so schreiben sie, “combat is a potentially stressful experience. … Of particular interest is the finding that killing CEs [combat experiences] are inversely related to alcohol misuse. This is an unexpected finding and suggests that the relationship between exposure to potentially traumatic events and alcohol use is complex, particularly when modelled and conceptualized for changes over time.” (50-51)

Und schon hat man weitere Forschung legitimiert und die Notwendigkeit, der Finanzierung weiterer Forschung begründet und dies, ohne die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen, die da lauten:

  • Entweder ist ein Kampfeinsatz im Allgemeinen und das Töten im Rahmen eines Kampfeinsatzes im Besonderen kein traumatisches Erlebnis oder,
  • wenn man dann daran festhalten will, dass ein Kampfeinsatz ein traumatisches Erlebnis ist, dann sind die Folgen dieses traumatischen Erlebnisses, sofern sie den Missbrauch von Alkohol betreffen, nicht relevant bzw. nicht vorhanden.

Beide Fälle haben natürlich zur Folge, dass eine Vielzahl von Hilfs- und Therapieprogrammen eingestellt und viele Trauma-Folgen-Bekämpfer als Traumtänzer anzusehen wären, was der Nestbeschmutzung gleichkäme. Und weil Krähen untereinander keine Augen aushacken, wird ein komplexes Verhältnis zwischen traumatischem Kampfeinsatz und Alkoholmissbrauch herbeiphantasiert – wohlwissend, dass ein Blick auf Mittelwert und Standardabweichung der Variable, die Alkoholmissbrauch misst, nur den Schluss zulässt, dass Alkoholmissbrauch unter den befragten Soldaten ein extrem seltenes Ereignis ist, wenn es ihn überhaupt gibt.

Wir haben es wieder einmal mit einem Beispiel für Junk Science zu tun.

Russell, Dale W., Russell, Cristel Antonia. Riviere, Lyndon A., Thomas, Jeffrey L., Wilk, Joshua E. & Bliese, Paul D. (2014). Changes in Alcohol Use After Traumatic Experiences: The Impact of Combat on Army National Guardsmen. Drug and Alcohol Dependence 139(4): 47-52.

Scheidung und Scheidungsfolgen – Viel Gerede und kein Wissen

Die elterliche Scheidung ist eines jener Themen, mit denen es sehr leicht möglich ist, emotionale Reaktionen auszulösen. Etwa so: Die Scheidung von Eltern kann für Kinder ein Segen sein oder so: Die Scheidung von Eltern hat insgesamt betrachtet keinerlei negative Folgen für die davon betroffenen Kinder. Oder auch so: Wenn elterliche Scheidungen negative Konsequenzen für Kinder haben, dann deshalb, weil Beobachter der Scheidung die von ihnen erwarteten Folgen an die Kinder herantragen, sie fortan als Scheidungskinder stigmatisieren.

Tatsächlich kommt Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer Dissertation zum Thema “Intergenerationale Scheidungstransmission in Deutschland”, die auf den umfangreichen Daten der Mannheimer Scheidungsstudie basiert, zu folgendem Schluss: “In etwas provokanter Formulierung lässt sich daher die Hypothese aufstellen, dass die elterliche Scheidung für ein Kind lediglich insofern langfristige Folgen hat als es von da an für den Rest seines Lebens mit dem Merkmal, ein Kind geschiedener Eltern zu sein, ausgestattet ist” (Diefenbach, 2000: 276).

HD ScheidungstransmissionScheidung hätte entsprechend einen sozialen Effekt wie z.B. eine Verurteilung wegen einer Straftat. Es erfolgt eine gesellschaftliche Stereotypisierung, wenn nicht Stigmatisierung schon weil nunmehr z.B. Lehrern bekannt ist, dass das Kind, das bislang nicht auffällig war und seine Aufgaben zuverlässig erledigt hat, nunmehr und als Folge einer Scheidung bei nurmehr einem Elternteil lebt, was dazu führt, dass dieses Kind besonderer Beobachtung unterzogen wird, einer besonderen Beobachtung deren Ergebnis darin bestehen kann, Besonderheiten bei diesem Kind zu beobachten, die zwar bereits vor der Scheidung vorhanden waren, nunmehr aber bemerkt und bedenklich gefunden werden. Dies ist dann der zweite Teil der Stereotypisierung, die sekundäre Stereotypisierung, die den entsprechenden Kindern als Scheidungsfolge durch ihre Umwelt aufgebürdet wird.

Warum ist das so? Weil eine Scheidung an einer Heilsvorstellung kratzt, die historisch verankert, katholischen Ursprungs und voller affektiver Ladung ist, heute mehr so als früher. Die Heilsvorstellung geht etwa wie folgt: Eine Ehe ist ein institutionalisiertes Arrangement zwischen zwei Menschen, die sich lieben und sich ausschließlich positiv begegnen. Die Ehe wird durch Kinder erhöht, quasi in den Zustand der gesellschaftlichen Heiligkeit versetzt und ist fortan eine Kleinfamilie, die nicht nur gut ist, sondern ausschließlich aus gutem Wirken besteht. Kinder sind in Kleinfamilien geborgen, wachsen behütet auf, werden zu guten und arbeitsamen Mitgliedern der Gesellschaft und kommen auf keine schlechten Pfade. Alles Unheil beginnt damit, dass die Heiligkeit der Familie durchbrochen wird, weil sich die Eltern scheiden lassen.

Unverbunden mit dieser Vorstellung familiärer Idylle stehen die Diskurse, die man eigentlich als Widerlegung dieser Vorstellung ansehen müsste: Die Diskussion über häusliche Gewalt, die Diskussion über vernachlässigte Kinder, die Diskussion über gescheiterte oder zerrüttete Familien, die Diskussion über die Transmission von Kriminalität in Familien und vieles mehr. Sie beschreiben die Realität, und entsprechend sind sie mit der Heilsvorstellung der guten und wichtigen Familie nicht zu vereinbaren, werden ausgelagert in die kalte Welt außerhalb der eigenen wohligen Phantasie.

Die Familie steht nicht nur unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes und seit Josef mit Esel und Maria durch die Wüste gezogen ist, auch unter dem Schutz von gelegentlich einfliegenden Engeln, sie steht auch unter dem Schutz von Wissenschaftlern, oder solchen, die sich dafür halten und die ihre Hauptaufgabe darin sehen, gesellschaftliche Stereotype zu reproduzieren.

Happy familiyDeshalb ist es für sie normal, von zerrütteten Familien zu schreiben, wenn das Faktum, das sie vor sich haben lediglich aussagt, dass ein Kind, das Kind geschiedener Eltern ist und bei einem Elternteil oder mit einem Stiefelternteil aufwächst. Man hat sich fast an derart dumme und unfundierte Einordnungen gewöhnt, die auf der ungeprüften Prämisse basieren, dass mit dem Akt vor dem Standesbeamten alle negativen Effekte aus der Welt von Familien verbannt werden, quasi von magisch-staatlicher Hand, die, sofern das staatlich vergebene Band der Familie gebrochen ist, mit voller Wucht zurückkehren, um nunmehr die Kinder zu treffen und vom rechten Pfad der Tugend abzubringen.

Und weil die schöne Idee vom Heil der Familie so weit verbreitet ist, ist es unter manchen Wissenschaftlern, vor allem solchen, die empirische Daten zur Verfügung haben, in denen der Familienstand erfragt wurde, normal geworden, die unterschiedlichen Familienstände mit allem und jedem zu korrelieren. Die höchste Weihe politischer Korrektheit erzielen dabei diejenigen, die Scheidung mit anderen negativen Effekten, die der Staatspaternalismus nicht wünscht, in Verbindung bringen. Adipositas ist so ein negativer Effekt. Staaten und ihre nachgeordneten Wasserträger haben nämlich beschlossen, dass sie Dicke nicht wollen, und deshalb wird massiv gegen Dicke agitiert, Adipöse, wie es politisch korrekt heißt.

In den Reigen der für Staatspaternalismus nützlichen Wissenschaftler haben sich unlängst Anna Biehl und fünf Ko-Autoren eingereiht. Sie haben untersucht, wie Scheidung mit Adipositas zusammenhängt. Und siehe da: Sie haben einen Zusammenhang gefunden: 1.54 Mal häufiger sind Kinder geschiedener Eltern adipös als Kinder nicht geschiedener Eltern. Genauere Analysen haben gezeigt, dass nur Jungen geschiedener Eltern adipöser sind als Kinder nicht geschiedener Eltern, während Mädchen geschiedener Eltern nicht adipöser sind als Mädchen nicht geschiedener Eltern.

Nun stellt sich die Frage, was solche Ergebnisse aussagen. Kann man daraus schließen, dass sich Eltern mit adipösen Jungen eher scheiden lassen als Eltern mit nicht-adipösen Jungen? Muss man daraus schließen, dass nach einer Scheidung Jungen gemästet und Mädchen ausgehungert werden? Oder ist es gar so, dass Jungen nach einer Scheidung ihren Kummer in Essen erkauen, während Mädchen sich dürr hungern vor Kummer, zumindest nicht adipös essen. Oder hat die Scheidung gar nichts mit der Dicke von Kindern zu tun, weil sich z.B. Eltern aus Schichten oder sozialen Netzwerken, in denen Adipositas häufiger zu finden ist als in anderen, eher scheiden lassen? Gibt es am Ende ein Gen, das nur Jungen haben und das nach einer Scheidung überessen auslöst?

Peanuts theologzAll diese Fragen kann man stellen, wenn man nicht die Überzeugung teilt, dass mit dem Ende der heiligen Institution der Ehe, alles vor die Hunde geht. Teilt man dagegen diese Überzeugung, dann stellen sich die Ergebnisse anders dar, dann kann man spekulieren, warum sich eine Scheidung, von der man zwar nicht weiß, ob sie es tut, aber von der man aus Gründen der Bequemlichkeit einfach einmal annimmt, dass sie es tut, sich negativ auf die von der Scheidung betroffenen Kinder, also die Jungen insofern auswirkt, als sie dicker werden, wobei auch die Behauptung, dass sie nach der Scheidung dicker werden, eine ungeprüfte Annahme ist, so dass man sich bei Untersuchungen wie der von Biehl et al. (2014) regelmäßig fragt, warum sich die Autoren überhaupt die Mühe machen, Daten zu erheben und Berechnungen durchzuführen. Denn: Sie hätten ihre Überzeugung, dass die elterliche Scheidung schlecht für Kinder ist, auch ohne die Daten formulieren können, und man hätte die Daten nicht einmal vermisst:

“One can speculate as to whether the changing structure of daily life has a large effect on the children of divorced parents (living with only one parent or spending half their time with the mother and/or the father). The loss of various resources, like the absence of one of the parents or the loss of a parental figure, usually the father, can explain the negative implications of divorce. A consequence might be less time for domestic tasks such as cooking and reliance on more convenient, ready-to-eat foods. As processed foods tend to be higher in fat and calories and lower in nutritional value the result is an altered, less healthy diet. The household income and support from any non-custodial parent or the welfare state is often lower than in corresponding non-disrupted families” (6).

Hätte, wäre, wenn – wir sehen hier einen typischen Vertreter der Junk-Science, die nur dazu dient, eine Überzeugung, die man hat, als Ergebnis zu präsentieren. Damit es nicht auffällt, dass man nichts anderes will, als die eigene Überzeugung legitimieren, wird so getan, als habe diese Überzeugung etwas mit Daten zu tun, was sie regelmäßig nicht hat, denn nirgends belegen die Autoren, dass Scheidung überhaupt einen Effekt auf Adipositas hat. Es handelt sich eben um Junk Science, deren einziger Zweck darin besteht, Paternalismus zu legitimieren und gesellschaftliche Heilsvorstellungen zu untermauern. Daher ist es sicher kein Zufall, dass derartige Junk Science in einem medizinischen Journal erscheint, in einem Journal der Profession, die von Paternalismus mit am meisten profitiert.

Wäre dies anders, die Autoren hätten sicher geprüft, ob nach einer Scheidung all dies als Folge eintritt, was sie im obigen Zitat phantasieren. Der Zweck von empirischer Sozialforschung besteht ja gerade darin, Ideen über einen Effekt oder einen Zusammenhang zu prüfen, nicht darin, eine willkürliche Korrelation aufzuzeigen und dann zu “spekulieren”, wieso sich die Korrelation, die gleich noch zur Kausalität erklärt wird, eingestellt hat.

Biehl, Anna, Hovengen, Ragnhild, Groholt, Else-Karin, Hjelmesaeth, Joran, Strand, Bjorn Heine & Meyer, Haakon E. (2014). Parental Marital Status and Childhood Overweight and Obesity in Norway: A National Representative Cross-sectional Study. Britisch Medical Journal Open access.

Schon die Nähe von McDonalds macht fett – oder etwa nicht?

Wer sagt, Menschen seinen Lebewesen, die mit einem freien Willen ausgestattet sind – Lebewesen, die für sich entscheiden könnten, was gut und was nicht gut für sie ist?

cartoon cavemenEinmal ehrlich, so ein freier Wille ist doch wirklich hinderlich. Er erschwert jegliche Intervention, macht die Legitimation für jede angeblich Präventions-Maßnahme hinfällig. Was machen all die Jugendgerichtshelfer, wenn die Straftat von Maik P. gar nicht durch die Gesellschaft, die Umstände, die Situation, die Peers, den trinkenden Vater oder sonstige missliche Umstände verursacht ist, sondern durch den Entschluss von Maik P., eine Eisenstange zu nehmen und das Gesicht eines Unbeteiligten damit zu traktieren (reale Straftat aus Freiberg in Sachsen)?

Was machten nur all die Sozialarbeiter, die versuchen, Schulschwänzer dazu zu überreden, zur Schule zu gehen, wenn sie einräumen müssten, dass die entsprechenden Jugendlichen der Schule nicht aus systemischen Gründen fernbleiben, sondern weil sie sich dazu entschlossen haben, nicht zur Schule zu gehen?

Und zu guter Letzt, wie wäre es um das Auskommen all derer bestellt, die sich tagein tagaus um das Wohl ihrer Mitmenschen sorgen, darum, dass Letztere nicht rauchen, nicht (zu viel) trinken, sich nicht kugelrund essen, Sport machen, vor allem Sport, damit sie nicht zur Couch Potato verkommen? Was hätten diese emsigen Arbeiter im Dienste am Wohl des Nächsten und (nebenbei natürlich) im Dienste des eigenen Unterhalts den lieben langen Tag zu tun, wenn sie zugestehen müssten, dass derjenige, der raucht, raucht, weil er rauchen will, der, der trinkt, trinkt, weil er trinken will und der der ißt, ißt, weil es ihm schmeckt?

Nicht auszudenken.

Und weil es nicht auszudenken ist, welche Folgen ein freier Wille für die Hilfeindustrie hätte, deshalb gehen wir davon aus, dass Menschen, zumindest alle diejenigen, denen von der Hilfeindustrie geholfen werden soll, unbewusste, tumbe, Trieb gesteuerte und auf jeglichen Reiz reagierende Zellhaufen sind, die man in die richtige Richtung dirigieren muss.

Wenn wir die Kuh des freien Willens vom Eis haben, dann können wir nach Lust und Laune über Menschen forschen, ohne dass wir sie als Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, so wie dies z.B. Thomas Burgoine, Nita G. Forouhi, Simon J. Griffin, Nicholas J. Wareham und Pablo Monsivais gerade getan haben. Die fünf Forscher von der Universität Cambridge in England und vom dortigen Centre for Dietary and Activity Research haben sich gefragt, was Menschen dick macht, fett, um genau zu sein, oder adipös, wie es in vornehm heißt.

Adipöse Menschen sind eines der derzeitigen Lieblings-Forschungsobjekte der wissenschaftlichen Helfer der Hilfeindustrie, derjenigen also, die die vermeintliche wissenschaftliche Grundlage liefern, auf die die Hilfeindustrie dann ihre Forderungen gründet und von der aus sie nach Mitteln des Steuerzahlers, nach Geld für ihre eigenen Hilfsaktionen ruft.

Medical paternalismBurgoine und seine vier Mitforscher haben 5.594 Erwachsene im Alter von 29 bis 62 Jahren, die alle in Cambridgeshire leben, nach ihren Essgewohnheiten befragt, ihren Body-Mass-Index berechnet und dann haben die fünf Forscher ihren Befragten die Anzahl von Fast-Food-Restaurants zugespielt, die sich im Umkreis von 100 bis 500 Metern von ihrer Wohnung/ihrem Haus und ihrem Arbeitsplatz befinden. Zudem haben sie untersucht, wie viele Fast-Food-Restaurants sich auf dem Weg zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden und dann haben die Forscher die Essgewohnheiten den Body-Mass-Index und die Anzahl der Fast-Food-Restaurants miteinander in Verbindung gebracht (korreliert).

Ergebnis: Zusammenhang!

[Methodischer Einschub; Die Zuordnung von Wohnung/Haus, Arbeitsort und Fast-Food Restaurants (genau: take away food outlets) ist über das britische Postleitzahlensystem recht einfach, da sich innerhalb derselben Postleitzahl nur wenige, in der Regel nicht mehr als 15 Einheiten befinden.]

  • Je mehr Fast-Food Restaurants sich in der Nähe von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder Strecke zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden, desto häufiger haben die Befragten angegeben, Fast-Food zu essen. Der Zusammenhang gilt vor allem für den Arbeitsplatz.
  • Allerdings sind die Zusammenhänge eher gering und addieren sich über eine Woche auf eine halbe Packung McDonald French Fries. Anders formuliert: der signifikante Zusammenhang zwischen der Anzahl von Fast-Food Restaurants in der Umgebung von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder auf dem Weg zur Arbeit, summiert sich auf genau 39,9 Gramm pro Woche. Würde man alle Fast Food Läden in der Umgebung von Wohnung/Haus und Arbeitsplatz der Befragten abreißen, man würden ihnen pro Woche 39,9 Gramm Fast Food ersparen.
  • Zum Glück gibt es noch den Body-Mass-Index, der zeigt, dass: “[i]ndeed associations were generally stronger with body mass index and odds of obesity than with diet in this study …” (4)

Das alles ist recht dürftig, aber wenn es um die Gesundheit anderer Menschen geht, dann sind 39,9g Fast Food weniger pro Woche ja schon ein Anfang. Seltsam nur, dass die Autoren nicht in der Lage sind, substantielle Effekte zwischen der Anzahl von Fast Food Restaurants und den Essgewohnheiten ihrer Befragten zu finden. Seltsam auch, dass ihnen das nicht zu denken gegeben hat, schon, weil ja die Standardfrage, die sich jeder Sozialwissenschaftler angesichts einer Korrelation stellt, lautet: Was ist hier kausal für was? Body Mass Index für den Besuch von Fast Food Restaurants oder der Besuch von Fast Food Restaurants für den Body Mass Index?

Diese Frage leitet über zu einem anderen Dilemma der Sozialforschung, vor allem der Sozialforschung, die mit Aggregatdaten zu tun hat. Wenn ein Zusammenhang auf Aggregatebene besteht, dann bedeutet dies nicht, dass sich Menschen auch entsprechend verhalten. Wenn ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Fast Food Läden und dem Body Mass Index besteht, wie ihn die Autoren finden, dann heißt dies nicht, dass Erstere Letzteren in die Höhe treiben. Es gibt ja schließlich noch ganz andere Möglichkeiten, fett zu werden, vom Bier über den Rotwein, von der Schokolade über die Chips bis hin zur Pasta, die in Mengen genommen, auch der Figur nicht gut bekommen soll. Das wissen die Forscher um Thomas Bourgoine, jedenfalls kann man ihren Hinweis auf Softdrinks (Seite 4) so lesen.

Der Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) weiß es nicht. Für ihn sind die Ergebnisse von Bourgoine et al. ein willkommener Anlass, um zu fordern. Was? Geld, Maßnahmen, Eingreifen natürlich:

darwin-great“Der DDG-Geschäftsführer sieht deshalb politischen Handlungsbedarf. „Niemand kann ernsthaft fordern, Fast-Food-Läden zu verbieten“, stellt Garlichs klar. Aber die Politik ist aufgerufen, die Entscheidung für eine gesunde Kost einfacher und attraktiver zu machen. „Wir können beispielsweise durch eine Zucker-Fett-Steuer auf besonders kalorienhaltige Lebensmittel dafür sorgen, dass gesunde Ernährung günstiger ist als etwa Pommes frites“ [oder Spaghetti], so Garlichs. „Ein Mineralwasser sollte günstiger sein als ein Softdrink.“ Darüber hinaus sei eine klare Lebensmittelkennzeichnung sowie die Angabe der Kalorienmengen in Restaurants wichtig.

Und da sind wir wieder beim freien Willen, den Leute wie Dietrich Garlichs ihren Mitmenschen schlicht absprechen, und wir sind bei der daraus sich ergebenden Notwendigkeit von Gutmenschen wie Garlichs, die Bevormundung und Entmündigung der nicht frei Bewillten zu fordern und mit dieser Forderung gleichzeitig die eigene Existenz zu legitimieren. Und weil wir schon dabei sind, bauen wir an dem, was Heike Diefenbach die Schaffung eines sozialen Problems (durch Sozialforscher) genannt hat. Ein solches soziales Problem hat, ist es erst einmal geschaffen, viele Vorteile:

  • Es erlaubt ein erkleckliches Auskommen für all diejenigen, die es bekämpfen wollen.
  • Die Bekämpfung des so geschaffenen sozialen Problems ist positiv konnotiert, d.h. man kann sich noch gut dabei fühlen, wenn man Dritte entmündig und sich auf ihre Kosten Status und Prestige und Einkommen verschafft.

Und mal ehrlich: Wozu ist die Unterschicht, wozu sind die Fetten schon gut, wenn nicht dazu, wohlmeinenden und vermeintlich Bessergestellten ein Auskommen zu verschaffen. Dass man sie ob ihrer Zweckmäßigkeit entmündigen und zu Zellhaufen ohne eigenen Willen erniedrigen muss und ihnen jegliche Verantwortung für das eigene Leben absprechen muss – who cares, sicher nicht die Wissenschaftler, die wie Bourgine et al. die entsprechende Munition für die Hilfeindustrie liefern.

Burgoine, Thomas, Forouhi, Nita G., Griffin, Simon J., Wareham, Nicholas J. & Monsivais, Pablo (2014). Associations Between Exposure and Takeaway Food Outlets, Takeaway Food Consumption, and Body Weight in Cambridgeshire, UK: Population Based, Cross Sectional Study.