Der Zweck heiligt die Mittel: Klimawandel rechtfertigt auch Lügen

Alea iacta est, soll Julius Caesar gesagt haben, als er den Rubikon in Norditalien überschritten hat, um einen Bürgerkrieg zu beginnen. Der Rubikon ist seither das Symbol für einen “point of no return”, einen Punkt, von dem aus es kein Zurück gibt.

KuhnAuch in den Wissenschaften gibt es derartige “points of no return”. Sie sind sogar wichtig, denn neue Erkenntnisse können, wie Thomas Kuhn das sehr anschaulich beschrieben hat, wissenschaftliche Revolutionen auslösen, die die Welt in einem anderen Licht zeigen und von denen aus es in der Tat kein Zurück gibt.

Doch nicht jede Überschreitung des Rubicon hat positive Effekte, wie schon der Urschritt Caesars zeigt. Manche Dinge gehen in der Tat zu weit, und man wünscht sich selbst als Liberaler, sie wären nie publiziert wurden. Der angeblich liberale Paternalismus, den Cass Sunstein und Richard Thaler propagieren, ist ein solcher Rubikon, jedenfalls für Liberale, behauptet er doch, dass man “im Namen des Guten” die Willensfreiheit von Menschen etwas biegen dürfe, um sie in die Richtung des vorgeblich Guten zu “nudgen”.

Dieser vermeintlich liberale Paternalismus hat die Tore geöffnet für all diejenigen, die nichts dabei finden, wenn sie Dritte im “Namen des Guten”, also immer im Namen dessen, was sie für gut halten, manipulieren, ja belügen. Ein besonders krasses Beispiel dieser Form wissenschaftlicher Unlauterkeit macht derzeit die Runde in der US-amerikanischen Bloggosphere und u.a. Rothbardian hat darauf hingewiesen.

Das Beispiel ist ein Beitrag von Fuhai Hong und Xiaojian Zhao, veröffentlicht in der Aprilausgabe des American Journal of Agricultural Economics, und es ist betitelt mit: “Information Manipulation And Climate Agreements”.

Was man unter diesem Titel zu lesen bekommt, spottet jeder wissenschaftlichen Lauterkeit.

Das Ausgangsproblem ist ein ökonomisches, das als Free-Rider-Problem bekannt ist und besonders im Zusammenhang mit International Environmental Agreements diskutiert wird. Die Anreize, diesen Abkommen nicht beizutreten, sind nämlich sehr hoch, denn diejenigen Länder, die sich verpflichten z.B. ihren Ausstoß an CO2 zu reduzieren, reduzieren automatisch für die Länder mit, die sich nicht dazu verpflichten. CO2 hält sich nicht an die Landesgrenzen, in welcher Menge es auch immer ausgestoßen wird. Entsprechend kommt eine Reduzierung durch wenige allen zu Gute, eine Situation wie gemacht für das Trittbrettfahren.

Wohlgemerkt, die Prämisse, auf der diese ganze Argumentation basiert, lautet: Es ist wichtig und vorteilhaft, internationale Umweltabkommen zu schließen, wichtig und vorteilhaft für alle.

Hong und Zhao starten von dieser Prämisse und der damit verbundenen Behauptung, dass ein internationales Abkommen zum Umweltschutz, das dem Klimawandel vorbeugen soll, sinnvoll ist. Das setzt zwangsläufig voraus, dass die Autoren den Klimawandel als gegeben annehmen und die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, ebenfalls.

Nun beobachten die Autoren Spannendes:

“… it appears that many of the points made in the film [Al Gores Film: An Inconvenient Truth] are controversial, and some have argued that it exaggerated the threat of global warming. … The IPCC [Intergovernmental Panel on Climate Change] has tended to over-generalize its research results and accentuate the negative side of climate change. Following its lead the mainstream media has gone even further. It is a routine and accepted practice that elements in the IPCC reports that indicate the possibility of high levels of crop damage in certain African countries are reported by the media without any qualifying considerations … Taken together, considerable evidence suggests that international mainstream media and pro-environmental organizations have the tendency to accentuate or even exaggerate the damage caused by climate change” (851-852).

Nudging-Science-CliffWer nun denkt, er hat hier einen kritische Beitrag vor sich, dessen Ziel darin besteht, den Alarmismus, die Hysterie und die Art und Weise, in der versucht wird, eine Klimapanik herbei zu manipulieren, offen zu legen, der sieht sich getäuscht. Hong und Zhao sind nämlich angetreten, die “Betonung (accentuation)” oder gar “Übertreibung (exaggeration)” die Medien, Umweltorganisationen, Regierung oder Al Gore betreiben, zu rechtfertigen. Und sie tun dies auf eine bestimmte ökonometrische Weise, bei der man zuerst Begriffe in Buchstaben und Zahlen übersetzt, z.B. N, N-1 und p (am besten hoch i), die so geschaffene Denotation in Gleichungen überträgt, die sicherstellen, dass das, was man vorne hineinsteckt, auch hinten herauskommt und dann zu dem unglaublichen Ergebnis kommt, dass dann, wenn man zwei Länder annimmt, von denen das eine die Darstellung der Schäden, die durch Klimaerwärmung entstehen, übertreibt, das andere nicht, dass man dann sagen kann: Wenn die Übertreibung dazu führt, dass Land zwei (das nicht übertreibende Land) einem Klimaabkommen mit dem ersten Land zustimmt, dass sich dann für alle ein positiver Wohlfahrtseffekt ergibt. Der positive Wohlfahrtseffekt soll sich dann ergeben, wenn die Berichterstattung über die Folgen der Klimaerwärmung übertrieben ist (post hoc-Argument). Allerdings, so die Autoren, könne man nicht sagen, wie die Übertreibung der Folgen durch das eine, vom anderen Land aufgenommen werde (ex-ante Argument), was dazu führt, dass die Folgen der Übertreibung als unklar eingeschätzt werden müssen.

In den Worten der Autoren:

“In equilibrium we find that the message sender may have a strict incentive to exaggerate the damages of climate change when it is less severe, which eventually increases the global welfare ex post. Interestingly, relying on information manipulation will give rise to a negative externality for all the players in the other state when the climate problem is more severe. Intuitively, in this state people will be aware of the message sender’s suppression, and exhibit rational scepticism even if the problem of climate change is indeed severe. Thus, from the ex ante viewpoint, it is not clear whether such information manipulation is welfare enhancing or not.” (852-853)

Also: “When the media or pro-environmental organizations have private information on the damage caused by climate change, in equilibrium they may manipulate this information to increase pessimism regarding climate change, even though the damage may not be as great. Consequently, more countries (with overpessimistic believes about climate damage) will be induced to participate in an IEA (International Environmental Agreement]  in this state, thereby leading to greater global welfare ex post” (859)

Der Zweck heiligt demnach die Mittel. Und um den euphemistischen Begriff der “Informationsmanipulation”, den die Autoren nutzen, einmal in das zu übersetzen, was er eigentlich meint: Es ist demnach gerechtfertigt, die Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels zu belügen, weil auf lange Sicht die Folgen des angenommenen Klimawandels durch die Folgen der Lüge, also den Beitritt zu internationalen Klimaabkommen auch durch Länder, die dem Klimawandel und seinen Folgen pessimistisch gegenüberstehen, ihn z.B. als nicht wissenschaftlich fundiert ablehnen, einen positiven Wohlfahrtseffekt für alle ergeben.

Man sieht hier schön, wie hinten herauskommt, was vorne hereingesteckt wurde, denn wenn wir nur einen Moment annehmen, Umweltabkommen hätten einen Wohlfahrts-schädlichen Effekt, weil sie Innovationen verhindern und Wachstum reduzieren, dann ergibt sich, dass das Belügen der Öffentlichkeit sich ex ante und ex post negativ auf die Wohlfahrt auswirkt.

save the planetDas Ergebnis hat Konsequenzen: Wenn ich die Öffentlichkeit und über Mainstream Medien über z.B. die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas belüge, um die Anbindung an die NATO zu stärken, dann kann ich, wenn es am Ende des dritten Weltkrieges mehr Überlebende in den Ländern der NATO als in den Ländern, die Russland folgen, gibt, darauf verweisen, dass die Lüge einen Wohlfahrtseffekt erzielt hat, oder so.

Wir sind derzeit noch unschlüssig darüber, what we find more disgusting, die Tatsache, dass Wissenschaftler sich anschicken, die Informations-Manipulation durch Mainstream Medien und NGOs zu rechtfertigen oder die Tatsache, dass man heutzutage der Öffentlichkeit auch sagen kann, dass man sie belügt, ohne dass man vor eben dieser Öffenlichkeit Angst haben muss.

Hong, Fuhai & Zhao, Xiaojian (2014). Informaton Manipulation and Climate Agreements. American Journal of Agricultural Economics 96(3): 851-861.

Medienpropaganda und die Pervertierung von Wissenschaft (nicht nur durch Journalisten):

Ein Beispiel mit Bezug auf den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Selbstmordgefährdung

Wir alle glauben es zu wissen: Die Medien, besonders die so genannten Alten Medien, erfüllen schon lange nicht mehr die Funktion, Menschen möglichst korrekt zu informieren, sondern stehen im Dienst der Manipulation oder gar der systematischen Propaganda für die (Um-/)Erziehung, die diejenigen, die derzeit politische Ämter besetzen, ihren Bürgern gerne angedeihen lassen würden, um die gesellschaftliche Utopie zu erreichen, die ihnen vorschwebt. Wenn diese Vermutung mehr sein soll als eine Verschwörungstheorie, die der psychologischen Hygiene dient insofern als man alles Missliebige, was man in den Medien zu hören oder zu lesen bekommt, als Manipulationsversuch oder schlichte Lüge abtun kann, dann kommt man nicht umhin, empirische Belege für die Existenz solcher Manipulationsversuche in den Medien  zu bringen.

ManipulationstechnikenIrrtümliche Berichterstattung oder die Verbreitung falscher Informationen aufgrund schlechter Recherche hat es wohl immer gegeben. Wenn man sich in den Medien aber auf wissenschaftliche Studien beruft, die man nicht eingesehen oder nicht verstanden hat, und behauptet, diese Studien hätten just gezeigt, was zu bestimmten Partei- oder Regierungsideologien bzw. –politiken passt, dann darf man wohl davon ausgehen, dass es sich hier um echte Täuschungsversuche handelt, die eigentlich den Tatbestand des Betrugs erfüllen.

Ein Beispiel hierfür ist der Missbrauch einer wissenschaftlichen Studie über den Zusammenhang von Homosexualität und Suizidgefährung, die im Februar 2013 in den deutschsprachigen Printmedien die Runde gemacht hat und vielleicht (und u.a.) dafür verantwortlich ist, dass es eine Menge Leute gibt, die meinen, sie seien über diesen Zusammenhang unterrichtet und könnten sich deshalb über ihn äußern – wie dies gerade in der Petitionenschlacht im Zusammenhang mit dem Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg der Fall ist.

Unser Beispiel-Text stammt aus dem schweizerischen Tagesanzeiger vom 22.02.2013, dessen Wortlaut wir hier wiedergeben:

„Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet

Gemäss einer neuen Studie hat jeder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich. Besonders gefährdet sind junge Homosexuelle zum Zeitpunkt des Coming Out.“

“Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, zeigt eine Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai. Letztere fordert mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen.

Die Analyse untersuchte Daten von drei Studien aus dem Jahr 2002 zur Gesundheit von Jugendlichen allgemein, Rekruten und Homosexuellen. Sie zeigt, dass die Hälfte der Suizidversuche noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt werden. Sie geschähen häufig zum Zeitpunkt des Coming Out, wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde, sagte Mitautor Jen Wang von der Universität Zürich vor der Presse.

Sexuelle Orientierung nicht systematisch erhoben

Einer von drei jungen Schwulen mit Suizidgedanken versucht demnach, sich das Leben zu nehmen. Bei den Heterosexuellen sei es nur einer von 34, fügt Wang hinzu. Der Wissenschaftler bemängelt, dass in Studien zur öffentlichen Gesundheit in der Schweiz nicht systematisch nach der sexuellen Orientierung gefragt werde, wie dies in den USA und Grossbritannien der Fall sei.

«Sich selbst als Homosexuellen zu akzeptieren, erzeugt eine enorme Spannung, die im Moment des «Coming Out» verstärkt wird: Die Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden, können jemanden zum Suizid verleiten», erklärte Michael Häusermann von Dialogai.

Risiko bleibt auch später

Das erhöhte Suizid-Risiko verschwindet nicht mit der Zeit. Gemäss der Studie bleibt es bei Homosexuellen oder Bisexuellen höheren Alters genauso hoch.

Die Vereinigung hält es für unerlässlich, die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren. Homo- und bisexuelle Beziehungen seien dabei als gleichwertige Lebensformen darzustellen wie heterosexuelle. Pilotprojekte in den Kantonen Genf und Waadt in diese Richtung seien ermutigend. Sie müssten in der ganzen Schweiz gefördert und ausgebaut werden, sagte Häusermann.

Die drei analysierten Studien sind die Smash-Studie zur Gesundheit von Jugendlichen in der Schweiz, CH-X, eine eidgenössische Befragung von Rekruten zu Gesundheitsfragen, und die Gesundheitbefragung schwuler Männer in Genf. Gemäss Wang ist die Schweiz Pionierin in Europa, indem sie sich bereits Anfang der Nullerjahre mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Die Studie ist im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen.(mw/sda)

JPsyResWir haben uns auf die Suche nach der „Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai“ gemacht, die „im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen“ ist, und mit Erleichterung haben wir festgestellt dass es sie tatsächlich gibt: Es handelt sich um eine Studie von Jen Wang, Michael Häusermann, Hans Wydler, Meichun Mohler-Kuo und  Mitchell G. Weiss aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probability Surveys“, und erschienen ist die Studie in Band 46, Heft 8 des Journal of Psychiatric Research.

Vergleicht man die Darstellung im Tagesanzeiger mit dem Inhalt der Studie, dann stellt man allerhand Fragwürdigkeiten und Falschheiten in der Darstellung im Tagesanzeiger fest.

Sie beginnen bereits mit der Überschrift: „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ wirft die Frage auf: häufiger als wer?, denn „häufiger“ ist ein zweistelliger Funktor, der als solcher ohne Aussage ist, wenn nicht angegeben wird, wer mit wem verglichen wird. Der Folgetext im Tagesanzeiger bringt hier keine Klärung. Man kann plausiblerweise vermuten, dass es hier um den Vergleich junger Schwuler mit jungen Nicht-Schwulen geht, aber geschrieben wird das im Tagesanzeiger nirgendwo. Ließe sich das an den Daten in der Studie ablesen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man wissen, dass in der Studie insgesamt drei verschiedene Stichproben berücksichtigt und ausgewertet wurden, nämlich Daten des ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) aus dem Jahr 2002, des Swiss Multicenter Adolescent Survey on Helath (SMASH) aus demselben Jahr und des zweiten Schweizerischen Rekruten-Survey (Swiss Recruit Survey; ch-x) aus 2002/2003 (Wang et al 2012: 981/982). Im ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) sind überhaupt keine heterosexuellen Männer vertreten, weshalb sich ein Vergleich der Suizidgefährdung von Homo- und Heterosexuellen logischerweise nicht auf die Daten aus dem GGMHS beziehen kann.

Bleiben noch die beiden anderen Stichproben. Und wenn man sie betrachtet, kann man tatsächlich in der Studie die Ergebnisse finden, die mit der Aussage in Einklang stehen, sie aber in der Allgemeinheit  („Junge Schwule …“) nicht rechtfertigen, denn in diesen beiden Stichproben haben sich nur jeweils relativ wenige Befragte als Nicht-Heterosexuelle identifiziert, nämlich jeweils 1,6 Prozent der Befragten (Wang et al. 2012: 982), und wenn man unter diesen Befragten diejenigen betrachtet, die von Selbstmordgedanken, -plänen oder –versuchen berichten, dann ist deren Zahl noch kleiner. Wie viele genau das sind, ist der Studie nicht direkt zu entnehmen, die durchgängig mit der Angabe prozentualer Anteile arbeitet.

Voodoo ScienceWarum sie das tut, wird verständlich, wenn man die absoluten Anzahlen auf der Basis der von den Autoren mitgeteilten prozentualen Anteile errechnet: Dann zeigt sich, dass neun von 64 der homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im SMASH irgendwann in ihrem noch kurzen Leben nach eigener Angabe einen Selbstmordversuch gemacht haben, und 15 der 296 homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im ch-x. Diese wenigen Befragten werden jeweils mit denjenigen Befragten verglichen, die in derselben Altersklasse, aber heterosexuell sind, und heraus kommt tatsächlich, dass heterosexuelle junge Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren zu geringeren prozentualen Anteilen irgendwann in ihrem Leben einen Selbstmordversuch gemacht haben. (Mit Bezug auf Selbstmordversuche in den vergangenen 12 Monaten verringern sich diese Fallzahlen noch mehr; so haben nur zwei der Homo-/Bisexuellen im SMASH angegeben, sie hätten in den vergangenen 12 Monaten einen Selbstmordversuch gemacht, im ch-x trifft dies wohl auf keinen der Homo-/Bisexuellen zu, was die Autoren in der Studie unter dem „NA“ für „not available“ versteckt haben, was wiederum normalerweise für fehlende Daten steht, aber nicht für die Tatsache, dass kein Befragte/r in die entsprechende Kategorie fällt.

Nun kann man sagen, dass Selbstmordversuche die harte Form der Suizidgefährdung darstellen. Für die Frage nach Suizidplänen sieht das Bild aber noch düsterer aus: Hier sind fast nur „NA“s angegeben, und selbst bei Suizidgedanken als weichem Indikator für Suizidgefährdung sind die Fallzahlen dort, wo kein „NA“ steht, sehr gering: So stehen hinter den 29,2 Prozent homo-/bisexueller junger Männer aus dem SMASH, die in den vergangenen 12 Monaten Suizidgedanken hatten, 19 Befragte.

Wenn der Tagesanzeiger also titelt „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ (als junge Heterosexuelle), dann kann man das aufgrund der Studienergebnisse mit viel gutem Willen zwar nachvollziehen, d.h. es ist nicht direkt falsch, aber völlig irreführend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie gering die Fallzahlen sind, auf denen der Vergleich in der Studie basiert.

Die Aussage, nach der „[j]eder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich“ hat, ist ebenfalls nachvollziehbar, aber so nicht zutreffend: Erstens handelt es sich um Homosexuelle in einem bestimmten Datensatz, nämlich dem GGMHS, zweitens würde „jeder fünfte“ 20 Prozent entsprechen, aber die entsprechende Angabe in der Studie lautet 18,6 Prozent, und drittens müsste es korrekt heißen: 18,6 Prozent der im Rahmen des GGMHS befragten homosexuellen Männer haben angegeben, irgendwann in ihrem Leben einmal einen Selbstmordversuch gemacht zu haben; die entsprechenden Selbstmordversuche sind nicht auf irgendeine Weise zu objektivieren versucht worden.

Wenn der Text fortfährt: „Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen“, dann werden die beiden oben berichteten Befunde unzulässig kombiniert, so dass die Aussage einfach falsch ist. Nirgendwo wird für „junge Homosexuelle“, also gemäß der Logik der Studie für Homosexuelle von 16 bis 20 Jahren, ein Prozentsatz von 20 Prozent (oder etwas weniger) ausgewiesen, die im Verlauf ihres Lebens einen Selbstmordversuch gemacht hätten (und selbst wenn das so wäre, wäre das Ergebnis aufgrund der niedrigen Fallzahlen von Homosexuellen mit  Selbstmordversuchen nicht aussagekräftig).

Wenn im Bericht des Tagesanzeigers suggeriert werden soll, dass diese Daten die Grundlage dafür sein könnten, dass die Vereinigung Dialogai „mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen“ fordere, dann grenzt dies an das Lächerliche oder ist tatsächlich böse Täuschungsabsicht (was einem das Lachen im Hals stecken bleiben ließe).

Die Aussage, dass die Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, mag einer der Autoren der Studie, Jen Wang, zwar „vor der Presse“ tatsächlich geäußert haben. Dann stellt sich aber die Frage, wie sich diese Äußerung zu dem verhält, was in der Studie steht, nämlich: „Given the stigmatization of homosexuality, men do not always report homosexual attraction or activity until they have largely completed the process of coming to terms with a stigmatized identity. The median age for initial disclosure of homosexual orientation in GGMHS is 21 years which means that less than half of the men in the 16-20 year age group have reached that point” (Wang et al 2012: 984).

median_mean_modeGemäß des GGMHS liegt der  Median des Coming outs bei 21 Jahren, also nicht vor dem 20. Lebensjahr, und deshalb können Suizidversuche, -pläne oder –gedanken, wenn sie so häufig vor dem 20. Lebensjahr zu beobachten sind, auch nicht auf das Coming Out zurückgeführt werden, ganz davon abgesehen, dass auch dann, wenn die Zahlenwerte andere wären, dennoch nur eine Korrelation und keine Kausalität auf der Grundlage der Daten behauptet werden könnte. (Allerdings wundert man sich einigermaßen darüber, dass die Autoren hier den Median als Lagemaß angegeben haben; der Median gibt an, bei welchem Wert die beobachtete Verteilung in zwei gleich große Hälften geteilt wird, hier: bei 21 Jahren, und es bleibt unklar, warum nicht der Modus als der Wert, der in einer Verteilung der häufigste ist, oder der Mittelwert, also der Durchschnittswert des Alters des Coming Out angegeben sind.)

Weil außerdem sowohl die Erhebung von Homosexualität und Bisexualität als auch die Messung der Suizidgefährdung in den drei verschiedenen Datensätzen, die von den Autoren benutzt werden, unterschiedlich ist, und weil jede der drei Stichproben eine spezifisch selegierte Stichprobe ist, lassen sich die Stichproben kaum aufeinander beziehen, so dass wir uns hier im wundersamen Reich der Kaffeesatz-Leserei befinden.

Jedenfalls kann die Behauptung, dass Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, nicht (auch nur einigermaßen) zuverlässig durch die Daten gestützt werden.

Ebenso verhält es sich mit den vom Tagesanzeiger zitierten Bemerkungen eines anderen Mitautoren, Michael Häusermann von der Vereinigung Dialogai: Seine Spekulationen über die „enorme Spannung, die im Moment des ‚Coming Out‘ verstärkt“ werde, und die ebenso wie „[d]ie Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden“ „jemanden zum Suizid verleiten können“, mögen einem plausibel erscheinen oder auch nicht, jedenfalls sind sie durch die Studie in keiner Weise gestützt, weil in den für die Studie verfübaren Daten keine Ängste, missfallen oder abgelehnt zu werden, fügbar sind (oder berücksichtigt worden sind).

Der Text von Wang et al. enthält lediglich eine Passage, in der die Autoren Ergebnisse einer anderen Studie von Wang und Häusermann sowie einem anderen Kollegen nennen und diese Ergebnisse in einen Zusammenhang bringen mit den Werten (Mediane), die sie in ihrer aktuellen Studie für den ersten Selbstmordversuch und für das Coming Out – wohl gemerkt: alle aus unterschiedlichen Stichproben – ermittelt haben. Sie konstruieren aus diesen aus völlig unterschiedlichen Stichproben stammenden Lagemaßen einen “life-course approach“ (Wang et a. 2012: 984), also eine Sequenz im Lebensverlauf, zu der sie schreiben: „This sequence appears [!] to suggest [!] that the circumstances and stress encountered at each milestone may trigger depression and/or suicidality among some [!] gay men“ (Wang et al 2012: 985).

Dem kann man zustimmen: Ja, es scheint, dass es bei einigen so sein kann, womit die Aussage nahzu ohne jeden Inhalt ist. Es sei angefügt, dass nirgendwo im Text, nicht in diesem Abschnitt, nirgendwo vorher und auch nicht in den Schlussfolgerungen, die Worte „Diskriminierung“, „Vorurteile“, „Benachteiligung“  „Stigma“ o.ä. vorkommen. Und die Autoren erklären selbst auf S. 984:„Addressing the multiple risk factors for increased suicidality among gay men lies beyond the scope of the current paper“ (Wang et al. 2012: 984). Als Leser wünscht man sich, sie hätten die Konsequenz hieraus gezogen und nicht versucht, auf methodologisch völlig inakzeptable Weise und indirekt einen Zusammenhang zu konstruieren, der es irgendwie erlauben könnte, Rückschlüsse auf einen der „multiple risk factors“, die im übrigen von den Autoren nicht einmal benannt und durch Literaturhinweise angezeigt werden, zu ziehen.

 Und vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass zwar nirgendwo in der Studie davon die Rede ist, dass „die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren“ wäre – warum auch? auf die Daten lässt sich eine solche Forderung nun wirklich und beim besten Willen nicht gründen. Aber just dies wird von der Vereinigung Dialogai „für unerlässlich“ gehalten, wie der Tagesanzeiger berichtet. Immerhin gehört einer der Autoren der Studie der Vereinigung an!

TagesanzeigerMan muss davon ausgehen, dass der Tagesanzeiger, wenn nicht seine Leser bewusst  täuschen wollte, so sich doch bereitwillig vor den Karren der Vereinigung Dialogai und der Anliegen der anderen Autoren der Studie hat spannen lassen, die sie selbst am Ende ihres Textes wie folgt beschreiben: „Additional European research and monitoring on this issue would be particularly welcome, given possible regional differences and the modest evidence base to date. More urgently, we hope such findings will motivate key stakeholders to support measures addressing suicidality among sexual minorities. Gay organizations need to continue their efforts in raising awareness about this issue both inside the gay community as well as among policy and professional stake-holders. Suicide prevention and mental health programs need to address the relevance of sexual orientation in their work”.

Park Junk ScienceDass die Studie selbst all dies in keiner Weise zeigt oder unterstützt, sollte inzwischen klar geworden sein. Dass die Autoren der Studie dies großzügig übersehen und damit ihren eigenen Daten Gewalt antun, kann nicht dem Tagesanzeiger angelastet werden. Verantwortlich ist der Journalist/sind die Journalisten beim Tagesanzeiger aber zumindest dafür, dies alles für bare Münze genommen zu haben, obwohl ihm/ihnen mehr oder weniger klar gewesen sein muss, dass hier eine wissenschaftliche Studie dazu missbraucht werden soll, Lobby-Arbeit zu betreiben, so dass eine besonders kritische Prüfung des Inhaltes der Studie angezeigt gewesen wäre. Diese Prüfung ist aber nicht erfolgt oder lag außerhalb der Kompetenzen des/der Journalisten, der/die es problemlos in Kauf genommen hat/haben, die Leser des Tagesanzeigers in die Irre zu führen.

Es scheint, dass sowohl auf die Autoren dieser Studie (und viele andere Autoren vieler anderer Studien) als auch auf den/die Journalisten, der/die den Artikel im Tagesanzeiger (und viele andere Journalisten in vielen anderen Medien) zutrifft, was Schnurr und Steinacker über Soziale Arbeit bzw. Pädagogik im Dritten Reich geschrieben haben:

Erziehungsverhaeltnisse NS„Gefragt waren vor allem solche (sozial-) pädagogischen Arrangements, in denen Erkenntnis wenig, Erlebnis und Bekenntnis aber alles waren. Zur Realisierung der weitreichenden utopischen Phantasien einer ‚Vergesellschaftung‘ durch Erziehung wurden Erziehungsansprüche und Erziehungsversuche in die Alltagssphären des volksgemeinschaftlichen Lebens ausgedehnt“ (Schnurr & Steinacker 2011: 259; Hervorhebung im Original).

Auch den Autoren der Studie und dem/den Journalisten des Tagesanzeigers ging es offensichtlich eher um Bekenntnis als Erkenntnis, und wer ein „guter“ Medienrezipient ist, der fragt nicht lange und akzeptiert, was er aufgetischt bekommt, denn einem „guten“ Medienrezipienten geht es ebenfalls eher um ein Bekenntnis als um Erkenntnis. Und es ist insofern erfreulich, dass immer weniger Menschen konsumieren wollen, was ihnen in den Alten Medien aufgetischt wird.

Von ihnen werden sich viele fragen: Aber wie verhält es sich denn nun tatsächlich mit dem Zusammenhang zwischen Homosexualität und mentaler Gesundheit bzw. Krankheit und Suizidgefährdung? Diese Frage wird – aus gegebenem Anlass – Gegenstand eines der nächsten Beiträge auf ScienceFiles sein.

Literatur:

Schnurr, Stefan & Steinacker, Sven, 2011: Soziale Arbeit im Nationalsozialismus – Auslese und Ausmerze im Dienste der Volkspflege. S. 253- 274 in: Horn, Klaus-Peter & Link, Jörg-W. (Hrsg.): Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und Erziehungswirklichkeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Wang, Jen, Häusermann, Michael, Wydler, Hans, Mohler-Kuo, Meichun & Weiss, Mitchell, G., 2012: Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probabilty Surveys. Journal of Psychiatric Research 46,8: 980-986.

Die Fleischwolfmethode: Herauskommt, was man reinsteckt

Ich glaube, es ist mittlerweile rund 20 Jahre her, dass ich die damals noch nicht habilitierte und promovierte Heike Diefenbach habe von der Fleischwolfmethode der empirischen Sozialforschung sprechen hören. Die Fleischwolfmethode ist schnell erklärt: Sie besagt, dass bei einer Forschung hinten heraus kommt, was man vorne hineingesteckt hat. Wobei das, was man hineinsteckt, in Form von Werten, in Form von Ausschnitten aus der Wirklichkeit oder in Form von Vorgaben an Befragte vorhanden sein kann.

FleischwolfDie Fleischwolfmethode eignet sich vor allem für empirische Sozialforscher, die sicherstellen wollen, dass die öffentliche Meinung, die sie abfragen werden, auch die öffentliche Meinung ist, die sie abfragen wollen. Durch eine geschickte Reduktion des Forschungsgegenstand, ein paar subtile Kleinigkeiten, eingestreut in Fragen oder durch Auslassungen, kann man die “öffentliche Meinung” perfekt manipulieren und zu Ergebnissen kommen, die das, was man selbst gerne als Ergebnis hätte, bestätigen.

Wir haben auf ScienceFiles schon eine Reihe von Beiträgen publiziert, in denen wir gezeigt haben, wie z.B. die Europäische Kommission den Eurobarometer, also die zweimal jährlich stattfindende Befragung von je 1000 Befragten in den Mitgliedsstaaten der EU (in Luxemburg nur 300 – mangels Anzahl) dazu einsetzt, um ihr genehme Ergebnisse zu erreichen und als öffentliche Meinung verkaufen zu können.

Ein neues Beispiel, das ein Schulbuchbeispiel dafür ist, wie man mit Umfrageforschung Ergebnisse vorstrukturiert, habe ich gerade beim IfD (Institut für Demoskopie) in Allensbach gefunden. Unter dem Titel “Albert Schweitzer ist auch heute für sehr viele Menschen Vorbild” steht dort Folgendes zu lesen: “Die Anziehungskraft der humanistischen Botschaft Albert Schweitzers wirkt bis heute fort. Fast 50 Jahre nach seinem Tod ist Albert Schweitzer noch 88 Prozent der deutschen Bevölkerung bekannt, und 26% zählen ihn zu den drei wichtigsten Vorbildern”.

AllensbachIst es nicht wunderschön. Wir sind kurz vor Weihnachten und diese Botschaft – wenngleich sie schon älter ist – lässt einem das Herz aufgehen. Humanismus, Albert Schweitzer, Gutes tun, sich kümmern und so, und 26% sehen ihn als ihr Vorbild. Wie schön!

Ein näherer Blick auf das Allensbacher Befragungsidyll zeigt indes eine eher verstörende Realität, die einem die Nackenhaare zu Berge stellt, und zwar beginnend mit der Frage:

“Hier sind noch einmal die Karten mit den Persönlichkeiten, von denen Sie schon einmal gehört haben. Welche davon können Ihrer Meinung nach heute ein Vorbild sein? Bitte nennen Sie mir nicht mehr als drei Namen.” (Vorlage eines Kartenspiels, Mehrfachangaben)

Die Vorbilder werden also vorgegeben, auf einer Liste, die Namen enthält, die wiederum von den Allensbachern zusammengestellt wurden. Die Frage ist demnach eine geschlossene Frage, Befragte haben gefälligst ihre Vorbilder unter den Vorgaben auszusuchen. Und das sind die Vorgaben:

  1. Mutter Teresa
  2. Nelson Mandela
  3. Helmut Schmidt
  4. Mahatma Ghandi
  5. Albert Schweitzer
  6. Dalai Lama
  7. Willy Brandt
  8. Konrad Adenauer
  9. Sophie Scholl
  10. Barack Obama
  11. Martin Luther
  12. John F. Kennedy
  13. Bill Gates
  14. Rosa Luxemburg
  15. Papst Benedikt XIV
  16. Steffi Graf
  17. Otto von Bismarck
  18. Michael Schumacher
  19. Che Guevara
  20. Keine davon

Ist es ein Wunder, dass sich Albert Schweitzer auf dieser Liste der Allensbacher durchgesetzt hat? Aber hat er das wirklich?

IFD Vorbilder

Nein, hat er nicht. Um genau zu sein, er ist nicht einmal auf das Treppchen der Top-Drei-Deutschen-Vorbilder gelangt. Er bleibt deutlich hinter Mutter Teresa, was man vielleicht damit erklären kann, dass es immer schwierig ist, gegen weibliche Heilige zu konkurrieren. Er bleibt aber auch hinter Nelson Mandela und die Befragung war lange vor dessen Tod, ein Trauerbonus fällt demnach aus. Schweitzer bleibt auch hinter Helmut Schmidt, dem rauchenden Sinnbild für eine ungesunde Lebensweise, was besonders erschreckend für Gesundheitsapostel sein wird, und er bleibt hinter Mahatma Ghandhi, warum auch immer. Immerhin lässt Albert Schweitzer Steffi Graf und Che Guevara hinter sich und kann sich auch gegen Willy Brandt und Konrad Adenauer durchsetzen.

Man könnte dieses Spiel endlos fortsetzen und käme doch immer zum selben Ergebnis: Die Befragung der Allensbacher ist schlicht sinnlos. Wollte man die Vorbilder von Deutschen abfragen, man müsste dies mit einer offenen Frage, also ohne Vorgaben zu machen, tun. Nicht nur das, man müsste ein Filterfrage vorschalten, denn es soll Menschen geben, die haben keine Vorbilder – wirklich!

So wie die Allensbacher hier gefragt und untersucht haben, kann man das Ergebnis nur zur Grundlage nehmen, um ein Psychogramm der Allensbacher Berichtsautoren zu erstellen. Da die Liste keinerlei Wissenschaftler enthält (Schweitzer zähle ich als Arzt) und ansonsten von Politikern (Mandela, Gandhi, Brandt, Adenauer, Obama) beherrscht wird, zu denen sich ein paar Stray-People, wie Michael Schumacher und Steffi Graf gesellen, kann man davon ausgehen, dass die Autoren der Untersuchung einen gewissen Bias haben, der Aufschluss über die Auftrags-Welt gibt, in der sie sich bewegen, aber nichts über die Vorbilder von Deutschen aussagt.

Vorbild1Deutlich wird der Bias auch an einer Auslassung, die Sophie Scholl als Mitglied der Weißen Rose eben einmal aussondert und für sich stellt, ganz so, als sei Sophie Scholl die “Weiße Rose”. Damit beteiligen sich die Allensbacher an einem Geschichtsreduktionismus, der die Widerstandsgruppe der Weißen Rose zunächst von einer Gruppe mit rund 23 Mitgliedern auf ein Geschwister-Paar herunter romantisiert hat, dem gelegentlich noch professorale Hilfe durch Kurt Huber zugestanden wird, auf nunmehr ausschließlich Sophie Scholl.

Da sie unbedingt Humanismus als Wert und Ergebnis ihrer Vorbild-Umfrage präsentieren wollten und beides offensichtlich auch keinen religiösen Hintergrund haben darf, setzen sich die Allensbacher mit ihrer Zusammenfassung der Ergebnis eben einmal über die tatsächlichen Ergebnisse hinweg und erklären Albert Schweitzer zum Sieger, obwohl er nicht einmal auf das Treppchen gelangt ist.

Als Wissenschaftsblog machen wir das natürlich besser, und deshalb fragen wir nunmehr unsere Leser nach Ihren/Ihrem Vorbild/ern, sofern Sie eines haben. Bitte geben Sie die Antwort über die Kommentarfunktion, denn Poll-Daddy, unser Umfragetool, lässt keine offenen Fragen zu – vermutlich haben die Allensbacher die Programmierer beraten.

Herrschaft durch Sprache: Wie man Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten redet

Wir haben auf ScienceFiles schon viele Beispiele verbaler Onanie besprochen, Beispiele die alle eines gemein haben, es wird nicht konkret gesprochen. Die Sprecher oder Schreiber nominalisieren, reden oder schreiben von Abstrakta, fordern Solidarität, Toleranz, Nachhaltigkeit, Gleichstellung, Gerechtigkeit, phantasieren von Mentalitätsfragen, um von konkreten Problemen zu abstrahieren (oder abzulenken), attestieren der “gesellschaftlichen Totalität ein Eigenleben, fordern “Rasissmus oder Sexismus abzubloggen” oder sind, eher profan, angesichts der vorherigen Beispiele, damit beschäftigt, Zuhörer oder Leser mit Gleichstellung, Gerechtigkeit und Ergebnisgleichheit in synomymer Weise zu beschwatzen.

linke-plakatEine Erklärung dafür, dass mit Begriffsungetümen hantiert wird, deren Sinn höchst fragwürdig oder als völlig irrelevant behandelt wird, eine Erklärung für diesen willkürlichen Umgang mit abstrakten Begriffen liegt sicher darin, dass diejenigen, die diese Begriffe im Mund führen oder zu Papier bringen, keine Kognition auslösen wollen: Sie wollen keinen Inhalt vermittelt. Vielmehr geht es ihnen darum, einen Affekt auszulösen. Leser und Zuhörer sollen mit Begriffen zu positiven oder negativen Affekten manipuliert werden. Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, sie alle werden genutzt, um in Verbindung mit bestimmten Objekten Affekte auszulösen, z.B. negative in Verbindung mit Männern und positive in Verbindung mit Frauen. Es ist mehr als eine These zu sagen, dass der gesamte Staatsfeminismus auf einem affektiven Gebäude basiert, das sofort zusammenfällt, wenn man nach der empirischen Gültigkeit dieses affektiven Gebäudes fragt, wenn man fragt, ob Frauen tatsächlich benachteiligt sind, an welchen konkreten Bedingungen sich dies ablesen lässt und welche negativen Konsequenzen die vermeintliche Benachteiligung für konkrete Frauen hat.

AdenauerAlle behaupteten Benachteiligungen finden auf abstrakter Ebene in Worten statt, in Worten wie Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antifeminismus usw. alle Opfer dieser Benachteiligung durch Begriffe sind Gruppen und niemals Individuen. Nun fragt man sich, wie kann so etwas funktionieren? Wie kann es klappen, Hilda F. und Franz H. zu vermitteln, dass sie etwas davon haben, dass Dritte gegen Sexismus einen lukrativen Kampf führen oder von der EU gefördert werden, um Rassismus in Hintertupfingen, in der Südstraße 5 zu bekämpfen? Eine neue Studie, die Marlone D. Henderson im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht hat, vor allem die Ergebnisse der Studie helfen hier weiter (Marlone, 2013).

Henderson untersucht den Zusammenhang zwischen konkretem und abstraktem Denken und der Akzeptanz vorgegebener Wahlmöglichkeiten. Er untersucht mit anderen Worten, ob man das menschliche Grundbedürfnis aus so vielen Alternativen wie nur möglich auszuwählen, durch ein bestimmtes Mindset reduzieren kann. Sein Ergebnis ist beeindruckend: Man kann!

SPD-Plakat_1919In vier Experimenten zeigt Henderson, dass Personen, die in abstrakten oder eben konkreten Bahnen denken, sich erheblich darin unterscheiden, aus welcher Menge an Alternativen sie auswählen wollen. So nahmen an einem Experiment 146 Personen – unterteilt in zwei Gruppen zu je 64 und 57 Personen teil. Dabei mussten Personen in Gruppe 1 36 Objekte des täglichen Lebens anderen konkreten und ähnlichen Objekten zuordnen, während Personen in Gruppe 2 Überkategorien bilden mussten und z.B. eine Flasche Wasser der Klasse der Flüssigkeiten zuordnen. Anschließend wurde den Teilnehmern beider Gruppen ein kurzer Text über die Verwüstungen präsentiert, die ein Tornado in Texas angerichtet hat, und sie wurden informiert, dass zwei Hilfsorganisationen mit Hilfsvorschlägen um Spenden werben, wobei eine Hilfsorganisation 6 Hilfsoptionen vorgegeben hatte, die andere 35 Hilfsoptionen.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Teilnehmer der Gruppe, die eine abstrakte Aufgabe zu erfüllen hatte (Zuordnung zu Kategorien), die ein abstraktes Mindset hatten, deutlich seltener das Angebot der Hilfsorganisation nachfragten, die mehr Wahlmöglichkeiten präsentiert hat als Teilnehmer der Gruppe, die die konkrete Aufgabe zu erledigen hatte. Insgesamt zeigen alle vier Experimente von Henderson, dass mit einem abstrakten Mindset eine verringerte Nachfrage nach Wahlmöglichkeiten einhergeht: “more abstract construals reduce individuals’ general attraction to larger choice-sets” (Henderson, 2013, S.681).

Was bedeuten diese Ergebnisse? Zunächst ist festzustellen, dass es offensichtlich möglich ist, die Nachfrage nach alternativen Wahlmöglichkeiten dadurch zu reduzieren, dass man Menschen in ein abstract Mindset versetzt. Eine Reduzierung der Wahlmöglichkeiten wiederum, ist sehr nützlich, wenn man Kontrolle ausüben und sicherstellen will, dass Menschen nur bestimmte Alternativen überhaupt in Betracht ziehen. Um Kontrolle auszuüben, muss man entsprechend in Abstrakta sprechen, z.B. in Abstrakta darüber, dass die Gesellschaft das Soziale benötige, um zu funktionieren, darüber, dass Frauen im gesellschaftlichen Alltag benachteiligt seien, darüber, dass die Banker schuld daran sind, dass die Staatsfinanzen danieder liegen und vieles mehr.

FDP_plakate_53_5Ergänzt man nun noch einen weiteren Aspekt, nämlich dass die Reduktion von Alternativen auch bei Erklärungen oder Deutungsangeboten funktioniert, dann wird die Wahl abstrakter Begriffe zum Herrschaftsinstrument, das geeignet ist, Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten zu reden. Abstraktes Geschwätz über gläserne Decken, die Wichtigkeit von Schulsozialarbeit, die Bedeutung von Hilfe, Wandel, Innovation, von Gerechtigkeit und Gleichstellung, Freiheit und Einheit wirkt gleichsam als Alternativentöter und führt dazu, dass die Zuhörer, die sich beschwatzen lassen oder die Leser, die sich den entsprechenden Lesestoff antun, in ein abstraktes Mindset abgleiten, das sie gar nicht mehr nach alternativen Erklärungen oder Deutungsmustern fragen lässt. Die Behauptung, dass Frauen als Gruppe und somit alle diskriminiert werden, wird ebensowenig anhand alternativer Deutungsmuster überprüft, wie die Behauptung, dass das Soziale alles Heil in eine Gesellschaft bringe.

Die Abstrakta starten ein Eigenleben, und dieses Eigenleben führt nicht nur zu den gewünschten affektiven Reaktionen bei vielen Zuhörern und Lesern, es führt auch dazu, dass viele gar nicht mehr bemerken, dass es alternative Deutungsmöglichkeiten gibt. Vermutlich ist dies der Grund dafür, dass z.B. in sozialistischen Gesellschaften ein so großer Zinnober um Volk, Volkseigentum, Solidarität, Genossen und die Einheit der Arbeiterklasse gemacht wurde. Je mehr abstrakte Konzepte nämlich besungen werden, desto weniger offenkundig wird es, dass die Wahlmöglichkeiten in sozialistischen Gesellschaften im Vergleich zu kapitalistischen Gesellschaften auf ein Minimum reduziert sind.

Einheit NSDAPEinheit KPDNun ist das Problem, das hier beschrieben wurde, sicher nicht das Denken in Abstrakta, sondern das Denken ausschließlich in Abstrakta und die Beseitigung der Verbindung zwischen Bezeichnendem (Abstrakta) und dem konkret Bezeichneten, wie dies z.B. bei Rassismus der Fall ist, einem Wort, das ausschließlich derogativ gebraucht wird und dessen Bestimmung affektiv und eben nicht kognitiv erfolgt. Rassismus ist, was dem Gebraucher des Begriffs als solcher vorkommt, nicht das, was kognitiv als Rassismus gefasst wird. Kommunikation wird somit zum Abklatsch von Affekten, der Gebrauch von Abstrakta zum wirren Versuch, die fehlende Verbindung zur Realität zu übertünchen.

Der beste Schutz gegen diesen wirren Gebrauch von Abstrakta und der beste Schutz davor, sich in einen Zustand der Benommenheit reden zu lassen, in dem die Wahlmöglichkeiten verschwimmen, besteht darin, nach konkreten Belegen, Beispielen und Fakten zu fragen, die kritische Methode anzuwenden, die wir auf ScienceFiles kultiviert haben, um Schwätzer zu entlarven, die vollmundig Begriffe nutzen, deren SInn sich ihnen nicht einmal auf Nachfrage erschließt.

Henderson, Marlone D. (2013). When Seeing the Forest Reduces the Need for Trees: The Role of Construal Level in Attraction to Choice. Journal of Experimental Social Psychology 49: 676-683.

Täuschung mit Methode: Munteres Datenmanipulieren im BMBF

Eine Erfolgsmeldung aus dem Ministerium, das angeblich für Bildung und Forschung zuständig ist, hat heute meine Aufmerksamkeit erregt:

Immer mehr Frauen promovieren,

so heißt es in der Pressemeldung. Und zu lesen, ist u.a. Folgendes:

BMBF“Insbesondere Frauen nutzen vermehrt ihre Bildungschancen. Dies zeigt sich auch auf der Ebene der Promotionen: Bei den unter 45-Jährigen ist der Frauenanteil an den Promovierten mit 41 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Altersgruppe der über 55-jährigen (22 Prozent). Im Jahr 2011 waren in Deutschland rund 752.000 Personen promoviert. Über alle Altersstufen hinweg betrug der Anteil der Frauen daran 31 Prozent. Mit 52% stammt etas mehr als Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”.

Was denken Sie? Sind die 752.000 Promovierten, von denen hier die Rede ist, die Grundgesamtheit, die Datenbasis, auf der die dargestellten Prozentwerte errechnet wurden? Die Pressemitteilung erweckt jedenfalls diesen Eindruck. Aber dieser Eindruck ist falsch, wie sich herausstellt, wenn man die Publikation des Statistischen Bundesamts, auf die sich die Erfolgspressemeldung des BMBF bezieht, zu Rate zieht.

Dass 752.000 Personen in Deutschland im Jahre 2011 promoviert waren, ist ein Ergebnis aus dem Mikrozensus. Der Mikrozensus ist eine 1%tige Bevölkerungsstichprobe, von der aus das Statistische Bundesamt seit Jahren munter auf die rund 80 Millionen Deutschen hochrechnet. Wenn man wissen will, zu wie vielen Haushalten und Personen tatsächlich Informationen im Mikrozensus enthalten sind, dann ist GESIS die beste Informationsadresse:

GESIS“Insgesamt nehmen rund 370 000 Haushalte mit 820 000 Personen am Mikrozensus teil; darunter etwa 160 000 Personen in rund 70 000 Haushalten in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost. … Befragt werden alle Personen im Haushalt. Fremdauskünfte für andere Haushaltsmitglieder sind unter bestimmten Voraussetzungen zulässig.”

Es ist also mitnichten so, dass im Mikrozensus Daten zu allen 752.000 Promovierten enthalten sind. Es ist vielmehr so, dass im Mikrozensus ein kleiner Teil der Promovierten enthalten ist, von dem aus die vermutliche Gesamtzahl errechnet oder hochgerechnet wird. Aber, die Aussagen, die in der Erfolgspressemitteilung des BMBF verbreitet werden, basieren nicht einmal auf dem Mikrozensus, sondern auf einer eigens angestellten Erhebung, in deren Verlauf je 10.000 promovierte und 10.000 nicht promovierte Personen angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert wurden. Tatsächliche haben sich 6.782 nicht promovierte Personen und 8.250 promovierte Personen an der Befragung beteiligt (Statistisches Bundesamt, 2013, S.6).

Was in der zitierten Pressemitteilung verkündet wird, basiert also nicht auf Daten über alle Promovierte, sondern auf den Angaben von 8.250 Promovierten, deren Aussagen unter der Annahme, dass die auf Grundlage des Mikrozensus errechnete Zahl von 752.000 Promovierten richtig ist, auf eben diese 752.000 geschätzten Promovierten hochgerechnet wurden.

Hochrechnungen sind so etwas wie Kaffeesatzlesen für Fortgeschrittene. Dabei werden bekannte Verteilungen, wie z.B. die Verteilung der Bildungsabschlüsse, die Verteilung nach Wohnsitz in Stadt oder auf dem Land oder die Verteilung nach Alter der Bevölkerung genutzt, um die vorhandenen Daten proportional hochzurechnen. Im vorliegenden Fall wird die Hochrechnung der Angaben der 8.250 Promovierten jedoch nicht auf tatsächliche Verteilungen in der deutschen Bevölkerung vorgenommen, sondern auf die geschätzten Verteilungen der deutschen Bevölkerung, wie sie auf Grundlage des Mikrozensus hochgerechnet wurden. Dies ist eine Form des Gebraucht-Kaffeesatzlesens, bei der die Ergebnisse von Kaffeesatzleser 1 die Grundlage dessen bilden, was Leser 2 in seinem Kaffeesatz findet. In jedem Fall ist es eine Irreführung der Öffentlichkeit, wenn so getan wird, als lägen Daten für alle Promovierten in Deutschland vor.

Regelmäßig enstehen bei dieser Art von Hochrechnung mehr oder weniger große Diskrepanzen, und entsprechend finden sich dann mehr oder weniger willkürliche Zusammenfassungen von Daten. Haben Sie sich eigentlich gewundert, dass der Anteil der Promovierten unter 45 Jahren mit dem Anteil der Promovierten über 55 Jahren verglichen wurde? Was ist z.B. mit den Promovierten im Alter von 46 bis 54 Jahren? Wieso wurden alle unter 45 Jahren und nicht alle unter 44 oder 40 Jahren zusammengefasst? Eine Antworte auf diese Fragen ist eine methodische, und sie kommt aus dem Statistischen Bundesamt:

Destatis“Ein Vergleich der Befragtenstruktur der Erhebung mit dem Mikrozensus 2011 zeigt, dass die Altersstruktur der Befragten nicht der der Bevölkerung entspricht. So sind jüngere Altersgruppen (Personen bis unter 45 Jahren) bei den Befragten weniger stark vertreten als in der Grundgesamtheit. Ältere Befragte sind dagegen stärker vertreten. Dies wurde zwar durch die Hochrechnung ausgeglichen, so dass die hochgerechneten Ergebnisse die Altersstruktur in der Bevölkerung widerspiegeln. Die Fallzahlen hinter den jüngeren Altersgruppen und somit auch die Auswertungsmöglichkeiten sind allerdings geringer. Die Altersgruppen unter 45 Jahren wurden aus diesem Grund bei der Hochrechnung und auch bei der Ergebnisdarstellung zusammengefasst” (20).

Die Zusammenfassung der Angaben aller unter 45-Jährigen ist demnach aus der Not geboren, weil ansonsten dem Chefstatistiker beim Statistischen Bundesamt die Haare noch steiler zu Berge gestanden hätten als sie das eh schon tun. Festzustellen ist, dass die Basis der Erfolgsaussage, also die Daten über jüngere Promovierte mehr als wackelig ist. So wackelig, dass selbst Daten die mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 10% hochgerechnet wurden, in der Erfolgsmeldung verwurstet sind, wie ein Blick auf “Tab 1A” im Anhang der Publikation des Statistischen Bundesamts zeigt. Normalerweise macht man bei einer Fehlerwahrscheinlichkeit von maximal 5% einen Schnitt, weil Aussagen jenseits einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% einfach zu fehleranfällig sind. Nicht so, wenn das BMBF einen Erfolg vermelden will. Dann werden selbst Daten von 8.250 Promovierten, die auf Angaben von 820.000 Personen hochgerechnet wurden, die wiederum auf 80 Millionen Deutsche hochgerechnet wurden, eben einmal als Vollerhebung ausgegeben.

Warum der Vergleich zwischen den weiblichen Promovierten, die unter 45 jahren alt sind und den weiblichen Promovierten, die über 55 Jahre alt sind? Nun, hätte man andere Vergleichsgruppen gewählt, es wäre keine “Verdoppelung” des Anteils der Promovierten dabei herausgekommen, wie die folgende Abbildung, die die Anteile der Promovierten nach Geschlecht darstellt, wie sie aufgrund der Angaben von 8.250 Promovierten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden, zeigt.

Promovierte DESTATIS

Statistsiches Bundesamt, 2013, S.25

Bleibt noch der letzte Satz aus der zitierten Sequenz der Pressemitteilung: “Mit 52 Prozent stammt etwas mehr als die Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”. Beim Statistischen Bundesamt liest sich dies anders:

Destatis“Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass fast die Hälfte der Promovierten selbst aus Akademikerfamilien stammt (48 %) (vgl. Tab. 2 und Tab. 3A). Nur 4 % stammen aus Familien, in denen kein Elternteil eine berufliche Ausbildung abgeschlossen hat. Auch im Hinblick auf den höchsten allgemeinbildenden Abschluss der Eltern zeigen Promovierte eine deutliche Tendenz hin zu höheren Abschlüssen: 55 % stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil die Fachhoch-/Hochschulreife als höchsten Abschluss aufweist. Selbst verglichen mit der Struktur der Hochqualifizierten insgesamt weisen Promovierte höhere Anteile von Eltern mit Fachhoch-/Hochschulreife bzw. Fachhoch-/Hochschulabschluss auf” (27-28).

framingWer bislang gelaubt hat, die Form der Manipulation, wie sie in der vorliegenden Pressemitteilung enthalten ist, sei Zufall und der Unkenntnis geschuldet, die in Ministerien herrscht, wenn es um die Realität geht, der sieht sich getäuscht. Die Täuschung hat Methode, und wenn es darum geht, die angeblich so hervorragende Politik der Begünstigung von Frauen an deutschen Universitäten in Lobeshymnen zu besingen, dann ist die Tatsache, dass Promovierte eine sozial höchst stratifizierte Gruppe darstellen, in die Kinder aus Arbeiterfamilien nicht vorstoßen, gute Stimmung zerstörend. Offensichtlich will man das Feiern der eigenen Illusionen nicht von der Realität in Deutschland trüben lassen, die darin besteht, dass Kinder aus klassichen Arbeiterfamilien, kaum eine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere haben und dass entsprechend, wenn man unbedingt fördern wollte, es Kinder aus Arbeiterfamilien wären, denen man einen besseren Zugang zu Universitäten und Promotionen ermöglichen müsste, aber mit Sicherheit nicht Frauen. Wie gesagt, dass Promovierte eine weitgehend sich selbstrekruitierende soziale Gruppe sind, die fast hermetisch gegenüber unteren sozialen Klassen abgeschlossen ist, das interessiert das BMBF und allen voran die derzeitige Ministerin Wanka nicht. Sie will sich feiern:

“Diese Entwicklungen sind erfreulich. Die Zahlen steigen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Insbesondere verdeutlichen sie, dass es uns gelingt, immer mehr Frauen zu ermutigen, ihre Potentiale auch auszuschöpfen”.

Einmal davon abgesehen, dass dies eine Leerformelsammlung ist (erfreulich, Zahlen steigen, auf dem richtigen Weg), muss man dann wohl feststellen, dass Ministerin Wanka an den Potentialen von Arbeiterkindern kein Interesse hat oder vielleicht denkt sie auch, Arbeiterkinder sind dumm, sonst wären sie keine Arbeiterkinder geworden…

Statistisches Bundesamt (2013). Hochqualifizierte in Deutschland. Erhebung zu Karriereverläufen und internationaler Mobilität von Hochqualifizierten. Wiesbaden: destatis.

Ewiges Leben durch freiwilliges Helfen?

Altruism half offWir leben in einer Welt, in der wir täglich mit dem Mythos des altruistischen Menschen, der ganz selbstverständlich gegen den “egoistischen Menschen” gestellt wird, berieselt werden. Hilfe, selbtslose Hilfe, versteht sich, ist zum Markenzeichen von “richtigen” Menschen geworden. Wer seine eigenen Interessen und Ziele verfolgt, der gilt als minderwertig. Vollwertig ist nur, wer andere mit seiner Hilfsbereitschaft verfolgt – ganz altruistisch versteht sich. Wie weit der Mythos schon in der Gesellschaft verankert ist, zeigt ein Beitrag bei “radio Stimme Russland”, auf den uns ein Leser von ScienceFiles hingewiesen hat. Unter der Überschrift: “Freiwilliges Helfen verlängert das Leben – Wissenschaftler” ist dort Folgendes zu genießen:

STIMME RUSSLANDS: Anderen Menschen freiwillig zu helfen, kann deutlich die Psyche stärken sowie die Lebensdauer verlängern, behaupten englische Wissenschaftler in einem Artikel, der in der Fachzeitschrift “BMC Public Health” veröffentlicht wurde.
Forscher der Medizinischen Fakultät der Universität haben Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung verglichen. Ferner stellten die Wissenschaftler fest, dass freiwillige Helfer deutlich weniger unter Depressionen leiden, sie leben zufriedener und fühlen sich glücklicher.

Der Zweisatz-Unsinn ist abglegt unter “Wissenschaft – Forschung – Gesellschaft” und soll offensichtlich ein Weiteres zum Altruismus-Mythos beitragen. Interessanter Weise ist es ein uregoistisches Motiv, das den Altruismus der freiwilligen Hilfe versüßen soll, das fast ewige Leben. Gute Menschen kommen also erst mit Verspätung in den Himmel, während schlechte Menschen im D-Zug in die Hölle fahren (and have fun).

Der Beitrag in der Stimme Russlands stammt offensichtlich aus den Kaderschmieden, die bereits zu Zeiten des Kalten Krieges versucht haben, Information durch Desinformation unmöglich zu machen. So fällt dem genau Lesenden des Beitrags der Stimme Russlands Folgendes auf:

  1. stimme russlandsDie Überschrift behautet eine Kausalität von freiwilligem Helfen auf längeres Leben, im Text wird aus der Kausalität eine Möglichkeit “kann”;
  2. Das Forschungsergebnis stammt von offensichtlich der Redaktion nicht namentlich bekannten “englischen Wissenschaftlern”,
  3. die einen Artikel, dessen Überschrift der Redaktion offensichtlich genauso unbekannt ist,
  4. in irgendeiner Ausgabe der, das wissen die Redakteure der Stimme Russlands genau: “Fachzeitschrift” BMC Public Health veröffentlicht haben.
  5. Die Autoren sind gleichzeitig Forscher einer medizinischen Fakultät an irgendeiner Universität (es gibt mehr als eine Universität in England),
  6. und diese Forscher-Autoren haben irgendwelche Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung verglichen, die zeigen, dass
  7. freiwillige Helfer “deutlich weniger unter Depressionen leiden, zufriedener leben und glüchlicher sind”, wobei sich fragt: als wer? Deutsche? Unfreiwillige Helfer? Sklaven? Öffentliche Bedienstete? Autofahrer? Genderisten? Polizisten (die Freunde und Helfer)? Amerikaner? Depressive?

Wer die oben wiedergegebene Meldung gelesen hat und beim Lesen nicht spätestens nach dem fünften Wort angefangen hat, den Kopf zu schütteln, dem sei eine kritischere Einstellung gegenüber Veröffentlichungen in vermeintlichen “Presseorganen”, die der Information dienen, empfohlen.

BMCIch habe mich auf Grundlage der nicht vorhandenen Informationen in der “Stimme Russlands” auf die Suche nach dem Artikel gemacht, auf den sich der Beitrag beziehen könnte, und auf einen Beitrag von Caroline E. Jenkinson und acht Ko-Autoren, mehrheitlich von der University Essex (Wissenschaftler an einer Universität in England) gestoßen, der den Titel trägt: “Is Volunteering a Public Health Intervention? A Systematic Review and a Meta-Analysis of the Health and Survival of Volunteers”. Bereits der Titel des Textes zeigt, hier werden keine eigenen Daten analysiert, auch keine Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung, nein, hier werden Studien analysiert, die sich mit dem Zusammenhang von freiwilligem Engagement und Gesundheit beschäftigen, das, was man gemeinhin eine Meta-Analyse nennt.

Anlass der Meta-Analyse von Jenkinson et al. ist die Behauptung, wie sie regelmäßig im Rahmen des Altruismus-Mythos aufgestellt wird, und zwar von UN, EU und nationalen Regierungen gleichermaßen, dass freiwilliges Engagement zu einer höheren Zufriedenheit und besseren Gesundheit derer führt, die sich freiwillig engagieren. Dabei wird freiwilliges Engagement definiert als:

“an act of free will that results in benefits to others (e.g., individuals, groups, the environment), outside of, or in addition to support given to close family members.” (Jenkinson et al., 2013)

Insgesamt können die Autoren 40 veröffentlichte Untersuchungen lokalisieren, in denen der Zusammenhang zwischen freiwilligem Engagement (wie oben definiert) und Gesundheit untersucht wurde. Die Durchsicht der Untersuchungen führt wiederum zu dem folgenden Ergebnis:

“Forty papers were selected: five randomized controlled trials (RCTs, seven papers); four non-RCTs; and 17 cohort studies (29 papers). Cohort studies showed volunteering had favourable effects on depression, life satisfaction, wellbeing but not on physical health. These findings were not confirmed by experimental studies. Meta-analysis of five cohort studies found volunteers to be at a lower risk of mortality (risk ratio; 0,78; 95% CI: 0.66, 0.90). There was insufficient evidence to demonstrate a consistent influence of volunteering type of intensity on outcomes” (np).

Ich habe hier absichtlich die Beschreibung der Ergebnisse, die man dem abstract des Beitrags, also der Kurzfassung der Untersuchung entnehmen kann, vorangestellt. Ein Redakteur der lesen kann, wäre durchaus in der Lage nachzulesen, dass in 17 Kohortenstudien, also in Studien, in denen Geburtsjahrgänge untersucht wurden, keinerlei Effekt von freiwilligem Engagement auf die Gesundheit gefunden wurden, während in 5 RCTs, also random controlled trials, eine verringerte Sterberate für frewillig Engagierte gefunden wurde. Das nennt man dann wohl widersprüchliche Ergebnisse, die auch nicht dadurch besser werden, dass die Kausalität der Effekte fragwürdig ist. Ein chronisch Kranker, ein Diabetiker, ein Herzinfarkt-Gefährdeter, sie alle werden wohl kaum freiwilliges Engagement im örtlichen Altenheim zeigen, so dass diejenigen, die sich engagieren, das sind, was man in der Soziologie eine selegierte, eine selbst-selegierte Population im vorliegenden Fall, nennt. Es ist plausibel anzunehmen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, eher nicht unter den Insassen von Krankenhäusern zu finden sind und dass diejenigen, die Intensivstationen beliegen, ganz und gar fehlen, so dass es kaum verwundert, wenn Korrelationen zwischen freiwilligem Engagement und Gesundheit gemessen werden.

Vermutlich hat auch Leistungssport einen positiven Effekt auf die Gesundheit und die Lebenserwartung von indischen Yogis ist deutlich höher als die Lebenserwartung von Bergarbeitern. Dennoch kommt niemand auf die Idee, Bergarbeiter dazu zu bewegen, Profifussballer zu werden oder dazu, sich von morgens bis abends mit Meditation zu beschäftigen. Kumpel sollen einfahren und ihre Arbeit machen und ansonsten will es der Mythos der selbstlosen Hilfe, dass sie sich freiwillig engagieren, damit sie auch gesund bleiben und nicht vorzeitig an einer Staublunge versterben.

ALTRUISM2Was für ein Unsinn sich allein hinter der Vorstellung, freiwilliges Engagement würde die Lebenserwartung positiv beeinflussen, steckt, wird anhand solcher Beispiele sehr deutlich. Dass die Meldung von radio Stimme Russland absoluter Unsinn ist, sollte deutlich geworden sein und dass man sich nicht von internationalen Organisationen oder seinen Regierungen dazu verpflichten lassen soll, sich freiwillig zu engagieren, sollte aus drei Gründen bekannt sein: Erstens, man kann niemand zu einer freiwilligen Tat verpflichten. Zweitens: Wenn Institutionen behaupten, etwas habe besonders gute Effekte für diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie dieses Etwas tun, dann ist etwas oberfaul, denn es mag ab und an ein altruistisches Individuum geben, den Heiligen Franz von ich weiß nicht wo, aber es gibt sicher eines nicht: altruistische Institutionen. Wenn die Vertreter von Institutionen zu etwas aufrufen, dann haben sie und ihre Institution etwas davon, dass Dritte dieses etwas tun. Drittens ist es sehr seltsam, dass man Anreize präsentieren muss, um altruistisches Verhalten zu motivieren, also längeres Leben oder Gesundheit oder Wohlbefinden, wahre Altruisten sind nicht auf Anreize angewiesen – oder?

Jenkinson, Caroline E., Dickens, Andy P., Jones, Kerry, Thompson-Coon, Jo, Taylor, Rod, S., Rogers, Morwenna, Bambra, Clare L., Lang, Iain & Richards, Suzanne H. (2013). Is Volunteering a Public Health Intervention? A Systematic Review and Meta-Analysis of the Health and Survival of Volunteers. BMC Public Health (online version).

Die Mutation einer Nachricht oder öffentlich-rechtliche Meinungsmache

Medienwirkungstheorien weisen Medien in der Regel Effekte auf den öffentlichen Diskurs zu. Medien strukturieren den öffentlichen Diskurs, in dem sie eine Agenda setzen ( die sie, nolens volens aus der Agenda des öffentlichen Diskurses entnommen haben). Medien geben bestimmten Themen Prominenz oder “Sichtbarkeit” (Salience), sie betonen bestimmte Themen vor anderen (Priming) und haben eine Gatekeeping-Funktion. Besonders die Gatekeeping-Funktion ist sehr interessant, denn die Forschung, Jaeckeldie sich dahiner versteckt, fragt danach, wie bestimmte Themen in die Medien kommen, genauer: Wie Redakteure in Medienanstalten (Anstalten!) aus der Flut der Informationen diejenigen aussortieren, die sie für berichtenswert halten. Untersuchungen in diesem Bereich, die in den USA eine lange Tradition haben, erbrachten dabei regelmäßig Ergebnisse, die die Hoffnung auf “objektive Medien” oder den Glauben an “objektive Medien” heftig erschüttert haben, in dem sie die Auswahl der Themen als Ergebnis von Vorlieben eines bestimmten Redakteurs, Weisungen, von Vorurteilen und Stereotypen, die besonders bei Medienschaffenden in endemischem Ausmaß vorhanden zu sein scheinen, ausgewiesen haben (dazu gibt es gute Abhandlungen in Kepplinger, 1989, S.9-15 und in Jäckel, 2005, S.185-210). Diese Ergebnisse bitte ich die Leser bei der nun folgenden Reise, deren Ziel darin besteht, die Mutation einer Nachricht nachzuvollziehen, im Kopf zu behalten (Übrigens gehen alle angesprochenen Theorien davon aus, dass die Nachricht, die von Medien veröffentlicht wird, irgendwie mit der Realität, über die berichtet wird, übereinstimmt. Eine Annahme, die nicht immer zutreffen muss, wie sich gleich zeigen wird.)

Ausgangsmeldung

Die Reise beginnt mit einem Informationsblatt für Medienvertreter, das auf den Seiten der “Drogenbeauftragten der Bundesregierung” zu finden ist, und mit hoher Wahrscheinlichkeit (es kommen Zahlen darin vor) von Mitarbeitern des Bundeskriminalamts erstellt wurde. Darin finden sich unter “Zahl der Drogentoten”, die folgenden Angaben:

  • Im Jahr 2012 sank die Zahl der drogenbedingten Todesfälle auf 944 (minus 4 Prozent gegenüber 2011 mit 986) und damit auf den niedrigsten Stand seit 1988 (1988: 670).
  • Haupttodesursache: Überdosis von Heroin/Morphin in Verbindung mit anderen Substanzen.
  • Der männliche Anteil der Drogentoten betrug 81 Prozent.
  • Der Altersdurchschnitt der Drogentoten lag mit über 37 Jahren leicht über dem des Vorjahres.

Mutation 1

politiciansWie immer wenn Zahlen, die etwas über einen Ausschnitt der Realität in Deutschland aussagen, veröffentlicht werden, müssen sich “Beauftragte” oder Politiker zu Wort melden, die die Daten mit ihrer jeweiligen Ideologie mischen, um die daraus entstehende Pampe “den Bürgern” servieren zu können. Im vorliegenden Fall hat sich Mechthild Dyckmans, die Rechtswissenschaft studiert hat und von der deshalb niemand erwartet, dass sie mit Zahlen oder mit Realität umzugehen vermag, an den oben dargestellten Informationen, dem darin enthaltenen Datenmaterial, versucht. Das Ergebnis steht in einer “Gemeinsamen Presseerklärung” und lautet:

“Es ist erfreulich, dass immer weniger Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums sterben. Das zeigt, dass unsere Beratungs- und Hilfsangebote sowie die zur Verfügung stehenden Angebote wirken. Aber jeder Drogentote ist einer zu viel. Deshalb müssen wir alles tun, damit diese Angebote erhalten bleiben und noch besser auf Risikogruppen zugeschnitten werden. Besonders über die Gefahren des Mischkonsums muss noch besser aufgeklärt werden. Sorge bereitet mir, dass die Zahl der verstorbenen Frauen angestiegen ist”.

Mutation 1 enthält zunächst einmal einen Fehlschluss, denn ob der Rückgang der Drogentoten etwas mit den Hilfsangeboten zu tun hat, wäre zu klären. Auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten könnte man auch davon ausgehen, dass die Zahl der Drogentoten trotz der Hilfsangebote zurückgegangen ist. Über die Wirkung von Hilfsangeboten sagen die vorhandenen Daten nämlich schlicht nichts aus. Aber der Drogenbeauftragten ist diese Wertung besonders wichtig, haben doch soziale Probleme, die geringer werden, die unangenehme Konsequenz, dass die Steuermittel, die zur Beseitigung der nämlichen sozialen Probleme eingesetzt werden, reduziert werden könnten. Und die Angst, dass die finanziellen Mittel für die eigene Organisation reduziert werden könnten, hat noch jeden Funktionär auf die Beine gebracht und seiner Phantasie Flügel verliehen. Entsprechend fliegt Dyckmans auf die Erhaltung der Angebote auch bei geringerer Nachfrage und, ja, eigentlich sind trotz Rückgang mehr Mittel notwendig, denn die Angebote müssen noch besser auf Risikogruppen zugeschnitten werden.

Schon komisch, dass dann, wen offensichtlich nicht gut zugeschnitte “Angebote” zu einem Rückgang von Drogentoten führen, die entsprechenden Angebote noch besser zugeschnitten werden müssen. Das ist zumindest legitimationsbedürftig, und was wäre besser, um Ausgaben im heutigen Klima zu legitimieren als Frauen zu instrumentalisierung und einmal mehr zu viktimisieren? Folgerichtig machen Frauen der Drogenbeauftragten Sorgen (den Anlass zur Sorge hat Ihr offensichtlich ein williger Referent aus einer Tabelle, die dem Informationsblatt für Medienvertreter angehängt ist, beschafft) und nicht etwa die 944 Drogentoten, ja nicht einmal die 177 weiblichen Drogentoten machen Frau Dyckman Sorge, sondern der Anstieg um 33 weibliche Drogentote macht ihr Sorgen. Gerechnet auf die Anzahl aller Drogentoten ist dies ein Anstieg um rund 4%, ein Anstieg, den man nicht groß genug reden kann und neben dem die Tatsache, dass 81% der Drogentoten im Jahre 2012 männlich sind, natürlich verblasst und keinerlei Anlass zur “Sorge” bereitet.

Mutation 2

Media distortionMedien, einst von Politikwissenschaftlern als vierte Gewalt aufgebaut und zum Kontrollorgan von politischen Parteien und Herrschaftssystem stilisiert, haben seither regelmäßig und in deutlicher Weise gezeigt, dass sie nichts von beidem sind. Weder kontrollieren Medien noch sind sie eine vierte Gewalt, bestenfalls eine vierte Kolonne. Dafür können Medien jedoch nichts, denn Medien sind einfach nur Begriffshüllen, die von Medienschaffenden bewohnt werden. Und unter diese Medienschaffende verirren sich ganz offensichtlich kaum mehr kritische Geister oder Personen, die versuchen, Nachrichten an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Die meisten Medienschaffenden scheinen ihre Aufgabe nicht in der Information, sondern in der Desinformation zu sehen, in der Vermittlung um ideologische Bewertungen angereicherter und sinnentstellter “Inhalte”. Entsprechend dieser “Agenda” ist bei der ARD aus der hier berichteten Meldung, Folgendes geworden:

Mehr Frauen sterben an Drogen. … Dramatisch allerdings ist die Situation bei den Frauen. Im vergangenen Jahr starben 177 und damit 33 mehr als im Jahr zuvor. Drogenbeauftragte Dyckmans (FDP) äußerte sich besorgt: “Hier müssen wir sehen, ob die Angebote nicht ausreichend sind.”

Ich bin mittlerweile zu der Ansicht gelangt, dass Genderismus ein Krankheitsbild darstellt. Personen, die mit Genderismus infiziert sind, zeichnen sich durch eine psychopathologische Fixierung auf das weibliche Geschlecht aus, sehen in Veränderungen von 4% dramatische Situationen und sind permanent im sozialtechnologischen Hilfemodus unterwegs. Ich habe bereits über das Frauenbild dieser selbsternannten Gutmenschen geschrieben und will mich hier nicht wiederholen. Allerdings kann ich es mir nicht verkneifen, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass derartige Formen von Wahnsinn, wie sie der Genderismus hervorbringt, früher zur Institutionalisierung oder doch zumindest zur Ruhigstellung der Befallenen geführt haben, während sie heute munter in öffentlich-rechtlichen Sendern herumzuspringen scheinen. Der von mir so gerne zitierte Bertrand Russell hat es einst furchtbar gefunden, dass die einzige Möglichkeit, den Irren, der sich für ein Rührei hält, als irr beurteilen zu können, sich daraus ergeben könnte, dass er sich in der Minderheit befindet. Was er wohl sagen würde, wäre er heute und nur für kurze Zeit deutschen öffentlich-rechtlichen Medien ausgesetzt? – Kaum vorstellbar.

Literatur

Jäckel, Michael (2005). Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Kepplinger, Hans Mathias (1989). Theorien der Nachrichtenauswahl als Theorien der Realität. Aus Politik und Zeitgeschichte B15: 3-16.

UNICEF-Studie: Kinder antworten, Erwachsene fabulieren und missbrauchen

UNICEF ist ein Anhängsel der UN, das sich die folgende Aufgabe gestellt hat:

“Unter dem Leitsatz “Gemeinsam für Kinder” setzt sich UNICEF weltweit dafür ein, die Kinderrechte für jedes Kind zu verwirklichen”.

UNICEF FUndsUm diese Aufgabe zu erfüllen, standen UNICEF im Jahre 2011 3,7 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, davon kamen rund 61% von Steuerzahlern weltweit, während 29% von privaten Spendern bzw. von Nicht-Regierungsorganisationen stammten, von denen wiederum viele aus Steuermitteln finanziert werden. Entsprechend kann man feststellen: UNICEF wird aus Steuermitteln sehr üppig finanziert, um sich weltweit für “Rechte für Kinder” einzusetzen. Dazu unterhält UNICEF in 190 Ländern Niederlassungen, um vor Ort für “Rechte für Kinder” einzutreten.

Nun gibt es einen gewissen Unterschied zwischen einem Land wie Burkina Faso mit z.B. einer Säuglingssterblichkeit von 8% und Deutschland mit einer Säuglingssterblichkeit von 0.3%, was die Dringlichkeit angeht, sich für “Rechte für Kinder” einzusetzen. Aber, vermutlich aus vorbeugenden Gründen unterhält UNICEF auch in Deutschland ein umfangreiches Hilfsangebot, das die entsprechende personelle Ausstattung und natürlich auch die entsprechende Finanzierung voraussetzt.

BFpovertyAngesichts von 200 Milliarden Euro, die jährlich in Deutschland in die Familienhilfe investiert werden, kann man jedoch nicht unbedingt behaupten, dass Kinder es in Deutschland schwerer hätten als z.B. Kinder in Burkina Faso, aber das hindert die UNICEF nicht daran, alle 3 Jahre in großem Stil die Lage der Kinder in Industrieländern zu untersuchen, und der Bericht 2013, der auf Daten aus den Jahren 2009/2010 beruht, wurde gerade der Öffentlichkeit vorgestellt, Überschrift: “Leistungsstark, aber unglücklich”. Wer diesen Bericht im englischen Original liest oder die deutsche “Kurzfassung”, der kommt nicht umhin festzustellen, dass hier versucht wird, Luxusprobleme herbeizureden. So findet sich auf Seite 4 der deutschen Zusammenfassung die folgende Darstellung:

Nur knapp 95 Prozent der Kinder werden hierzulande gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft – mit dieser Rate liegt Deutschland nur im unteren Mittelfeld (Platz 19). In Ungarn und Griechenland beträgt der Anteil rund 98 Prozent. Lediglich beim Vergleich der Todesraten von Kindern und Jugendlichen im Alter von 1-19 schneidet Deutschland etwas besser ab als der Durchschnitt der Industrieländer und belegt Platz sieben. Etwas mehr als 15 pro 100.000 Todesfälle entfallen hierzulande auf diese Altersgruppe…”.

Wie derartige Aussagen wohl einem Jugendlichen in Burkina Faso vorkommen, der auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 54 Jahren blickt. Vermutlich reibt er sich verwundert die Augen ob der Luxusprobleme, die in Deutschland bei UNICEF gewälzt werden. Aber natürlich hat eine Organisation wie UNICEF nichts davon, die Verhältnisse von Kindern in westlichen Industrienationen trotz des Elends, das Kinder in Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas teilen, als gut darzustellen, denn wenn etwas gut ist, muss man es nicht mehr verbessern. Und was macht UNICEF-Deutschland dann? Abgesehen davon gilt es den eigenen Anspruch auf den Kampf für die “Rechte für Kinder” gegen die vielen steuerfinanzierten Sozialhelfer in Deutschland durchzusetzen, die auch der Ansicht sind, sie würden für “Rechte für Kinder” kämpfen bzw. sich darum kümmern, ganz zu schweigen von den vielen Kinderärzten, -psychologen, Logopäden und all jenen, deren Einkommen aus der Aufrechterhaltung einer Kinder-Infrastruktur stammt, von der Kinder in Ländern des “globalen Südens”, wie es heute heißt, nur träumen können.

021686319-der-unicef-bericht-zur-lage-der-kinder-inUnd weil man nicht wirklich behaupten kann, in Deutschland gäbe es arme Kinder oder Kindersterblichkeit, die nennenswert wäre oder gar Probleme mit Kinderarbeit usw. hat man sich im diesjährigen Bericht etwas ganz besonderes einfallen lassen: Deutsche Kinder sind nämlich unglücklich. Diese Erkenntnis entstammt einer (vermutlich repräsentativen) Befragung, in der 11-, 13- und 15-jährigen vermutlich die folgende Frage gefragt wurde [Ich vermute, die UNICEF-Befragung enthält die folgende Standardfrage zur Lebenszufriedenheit, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass in der UNICEF-Befragung irgend etwas Innovatives zu finden ist]:

Wie zufrieden bist Du, alles zusammen genommen, mit Deinem Leben. Bitte benutze für Deine Antwort die folgende Skala, auf der “1” für sehr unzufrieden und “10” für sehr zufrieden steht. [Kenner der Materie werden feststellen, dass die Skala keine Mitte hat, was den netten Effekt hat, dass man IMMER schiefe Verteilungen erhält, da man bei einer unterstellten Normalverteilung diejenigen Befragten, die die Mitte gewählt hätten (weder zufrieden noch unzufrieden) zwingt, sich für eine Seite zu entscheiden.]

Diese Frage haben die Meinungsforscher, die für UNICEF unterwegs waren, also gefragt, und dann haben Sie alle Antworten ab und einschließlich des Skalenwerts “6” aufwärts addiert und den Anteil der Zufriedenen berechnet. Für Deutschland hat sich dabei ein Anteil von 84,x% der befragten 11-, 13- und 15-jährigen ergeben, die zufrieden sind. Katastrophe!

“Anfang der 200er Jahre gaben noch etwas mehr als 85 Prozent der 11-, 13- und 15-jährigen Deutschen einen positiven Wert von sechs oder höher an. Nach der neuesten Studie ist dieser Anteil [der Zufriedenen] auf knapp unter 85 Prozent der Jugendlichen gesunken. Im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland damit von Platz 12 (von damals 21 Ländern) auf Platz 22 (von 29) abgerutscht.”

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Normale Beobachter hätten aus der Tatsache, dass der Anteil der Zufriedenen einmal knapp über und einmal knapp unter 85% liegt, geschlossen, dass sich nichts verändert hat. Aber bei der UNICEF gibt es keine normalen Beobachter, und vor offensichtlich geht es darum, neue Felder für eigene Tätigkeiten (die natürlich mit Steuergeldern finanziert werden müssen) zu eröffnen und ideologische Arbeit zu betreiben. Dass bei UNICEF Ideologen am Werk sind, die aus einem Regentropfen eine Jahrhundertflut herbeireden zu können glauben, wird deutlich, wenn man die Bewertung der Tatsache, dass sich knapp 85% der befragten deutschen Jugendlichen als “zufrieden” bezeichnen, liest:

“Politik, Medien und Forschung dürfen Kinder nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Diese Forderung hatte UNICEF bereits nach den früheren Studien zum kindlichen Wohlbefinden erhoben. In der jetzt vorgelegten Studie stürzt Deutschland auf Platz 22 von 29 Ländern ab, wenn Jugendlichen ihre Lebenszufriedenheit bewerten. Die Mädchen und Jungen stellen damit ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus.

Die Art und Weise, wie hier die Daten fehl interpretiert werden, lässt selbst die Manipulationsversuche von Viviane Reding erblassen. Um es noch einmal zu wiederholen: Im Jahre 2000 gaben etwas mehr als 85% der befragten Jugendlichen an, zufrieden zu sein, im Jahr 2010 waren es etwas weniger als 85%. Im Jahr 2000 hatte Deutschland Platz 12 unter 21 Ländern inne und somit neun Länder hinter sich, im Jahr 2010 Platz 22 von 29 Ländern und somit sieben Länder hinter sich. Wie man daraus einen “Absturz” konstruieren kann, bleibt auf ewig das Geheimnis der UNICEF. Aber damit nicht genug: Nicht nur gibt es keinen Absturz, es gibt auch keinerlei Daten, die darauf hindeuten würden, dass Kinder in Deutschland ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt werden. Die entsprechende Behauptung ist reine UNICEF-Fiktion, und sie steht in keinerlei Zusammenhang zu dem, was die befragten Jugendlichen gesagt haben.

unicef_logoMan sieht hier deutlich, wie die Verantwortlichen der UNICEF die von ihnen befragten Kinder und Jugendlichen missbrauchen, um die eigene Agenda mit Antworten der Jugendlichen, die zwar nichts damit zu tun haben, aber dennoch entsprechend manipuliert werden, zu unterfüttern. Wenn dieses Vorgehen das Vorgehen einer Organisation ist, die für “Rechte für Kinder” eintritt, dann ist es vermutlich besser Kinder verzichten auf Rechte, wie sie der UNICEF vorschweben.

Unnötig darauf hinzuweisen, dass die kritischen Journalisten der ARD die UNICEF-Geschichte komplett geschluckt haben – schließlich geht es um Kinder, da muss man nicht recherchieren, und natürlich kommt bei der ARD niemand auf die Idee, er könne von UNICEF zum Werkzeug für deren Interessen instrumentalisiert werden.

Endlich geklärt: “Was wir essen dürfen”

LOGO_Dr-Rainer_Wild_Stiftung“Was wir essen dürfen”, darüber hat sich ein “Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung”, der von der Dr. Rainer Wild-Stiftung unterhalten wird, Gedanken gemacht. Herausgekommen ist dabei u.a. eine interessante Charakterstudie der Mitglieder des Arbeitskreises, auf die ich noch zurückkommen werde. Inhaltlich sind die Mitglieder des Arbeitskreises zu der Erkenntnis gelangt, dass das derzeitige Ausmaß an Fleischkonsum weder aus ethischen noch aus praktischen Gründen aufrecht erhalten werden kann. Da die Fleischerzeugung [was für ein furchtbarer Euphemismus für die Tatsache, dass Lebewesen einzig und allein zum Gefressen-Werden gezüchtet werden und ein Dasein fristen, das man kaum als "Leben" bezeichnen kann] nicht nur Unmengen von Ressourcen verschlinge, sondern zu viel Fleischverzehr auch nicht gesund sei, müsse auf seine Reduzierung hingewirkt werden. Und obwohl der Arbeitskreis die Durchsetzung eines vegetarischen Lebensstils weder für nötig noch für möglich hält, begrüßt er den Vegetarismus als bewusste Ernährungsweise. Auch im weiteren Teil des Textes können sich die Mitglieder des Arbeitskreises nicht entschließen, deutlich zu sagen, was wir nun essen dürfen bzw. deutlich zu machen, was sie eigentlich wollen. Das Bemühen, es nur allen Recht zu machen und nur nichts zu sagen bzw. zu schreiben, was als eine klare Stellungnahme angesehen werden könnte, ist allgegenwärtig und bringt mich zurück zur Charakterstudie, die ich oben angesprochen habe.

“Angesichts der genannten Probleme [mit der Ernährung] sieht der Arbeitskreis die Tagung [seine Tagung] nicht als Höhepunkt eines Prozesses, sondern erst als Auftakt einer sich intensivierenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung.”

Wie beruhigend, dass ein Arbeitskreis, von dessen Existenz die Mehrzahl der Deutschen mit Sicherheit noch nie gehört hat, der Ansicht ist, dass sich seine Mitglieder gerade getroffen haben, sei nicht der Höhepunkt “eines Prozesses” [welches Prozesses eigentlich?].

“Der Arbeitskreis erkennt das Konfliktpotenzial und die großen Unterschiede an, die zwischen gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen bestehen. Er sieht auch die Reibung zwischen Traditionen und kultureller Prägung und der informierten Ernährungsethik. Er akzeptiert, dass VerbraucherInnen diese Konflikte sehen und daraus je eigene Schlüsse ziehen. Zugleich sollten ethische Entscheidungen” stäker Teil des individualisierten Lebensstils sein [Hervorhebung von mir].

illuminatiWie schön, dass ein Arbeitskreis, von dem kaum jemand jemals etwas gehört hat “anerkennt” und “akzeptiert”. Ich meine, die Mitglieder könnten auch nicht “anerkennen” und nicht “akzeptieren” -oder? Und auf den zweiten Blick ist es genau das, was sie tun: nicht anerkennen und nicht akzeptieren. Die hier praktizierte spezielle Form von Mittelschichts-Sprache, die der nette Psychiater von nebenan genauso pflegt, wie der Sozialarbeiter vor Ort, ist weit verbreitet, was sie nicht minder mies und fies macht. Die Technik ist einfach. Man wiegt sein Opfer in Sicherheit, sagt ihm, man verstehe es, erkenne seine Lebensentscheidungen an, wäre an seiner Stelle vermutlich seiner Meinung, und dann kommt das ABER bzw. im vorliegenden Fall das “Zugleich”. Das “Zugleich” im vorliegenden Fall ist das “ich aber sage Euch” [denn ich bin über die richtige Ernährungsethik informiert]: Alles vorher, der ganze Epos von Konflikt und Reibung, von Tradition und kultureller Prägung ist Unsinn, denn ihr habt mehr ethische Entscheidungen [die meiner informierten Ernährungsethik entsprechen] in eurem “individualisierten Lebensstil” zu berücksichtigen. Das wirft die Frage auf, was diese ethischen Entscheidungen umfassen.

Und schon kommt die nächste höchst erstaunliche Einsicht aus den Reihen dieses obskuren Arbeitskreises:

“Ethik ist eine anthropologische Konstante, aber in ihrer Ausprägung historisch und kulturell bedingt.”

Mit anderen Worten, Ethik ist eine Hülle der Art: “Du sollst …”, alles hinter “Du sollst …” steht zur Debatte offen. Diese erstaunliche Erkenntnis scheint mir die Bedeutung von Ethik doch etwas auf den Kopf zu stellen und vor allem zu konstruktivistisch oder wollen die Mitglieder dieses innovativ-obskuren Arbeitskreises wirklich z.B. den Kantschen Imperativ, sie wissen schon, “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde” zur Dispositon stellen? Und wenn Ethik diskutabel ist, dann muss man auch über das “Du sollst nicht töten” neu verhandeln. Haben die Mitglieder dieses obskur-unbewussten Arbeitskreises nicht nachgedacht oder waren sie zu sehr mit dem Zweck ihrer Mitgliedschaft, der offensichtlich darin besteht, anderen Vorschriften zu machen, was sie essen dürfen, beschäftigt?

Persuasion DarkSo wird nämlich ein Schuh aus dem, was der Arbeitskreis predigt. Einerseits erzählt man den “VerbraucherInnen”, dass man sie versteht und weiß, in welcher Situation sie sich befinden, andererseits will man ihnen aber Vorschriften dahingehend machen, was sie essen dürfen. Dabei ist eine “offene Ethik”, die man dann als “Du sollst … essen” füllen kann, recht hilfreich, denn man kann die eigene Ansicht als ethische Vorgabe und somit als mehr als die eigene Ansicht als informierte Ernährungsethik verkaufen und andere unter moralischen Handlungszwang Levin Manipulationsetzen.

Das ihr Freimaurer des richtigen Essens, ist kein Umgang mit Menschen! Und auch wenn ich der Forderung, den Fleischkonsum einzuschränken und sich gegenüber Tieren verantwortlicher zu verhalten (den Lebenssinn von Tieren also nicht auf das von Menschen Gefressen-Werden zu beschränken) zustimme, so ist das doch keine Art mit Menschen umzugehen. Wenn man dafür werben will, dass das unbewusste Verschlingen von Tierischem aufhört und sich die Verbraucher fragen welche Folgen ihr Fleischkonsum für Tiere und Umwelt und sie selbst und andere Menschen hat, dann muss man offen darüber diskutieren, dann darf man nicht versuchen, die entsprechenden Verbraucher zu manipulieren. Aber so ist das halt in der Welt der (akademischen) Mittelschicht, die Angst vor dem anderen Menschen ist so groß, dass die einzige Form des vorstellbaren Umgangs, die fernbediente Manipulation aus dem Versteck obskurer Arbeitskreise ist.

Norton Symantec: Der Trojaner auf der Festplatte

Meinungsfreiheit wird von den meisten Philosophen als zentraler Wert, an dem die Freiheit gemessen werden kann, angesehen. Meinungsfreiheit war und ist zu allen Zeiten umkämpft gewesen. In totalitären Systemen wird sie ebenso gefürchtet, eingeschränkt und bekämpft wie in vermeintlich freien Systemen. Der Unterschied zwischen den Versuchen, die Meinungsfreiheit einzuschränken, besteht dabei in den Methoden: Totalitäre Systeme gehen offen gegen Andersdenkende vor, vermeintlich demokratische Systeme nutzen subtilere  govt-censorshipMethoden. Sie verurteilen Andersdenkende wie z.B. Thomas Lentze (dazu werde ich demnächst noch etwas schreiben), weil sie nicht nur eine kontroverse Meinung haben, sondern die entsprechende Meinung auch offen vertreten.

Angeblich offene Systeme führen Kampagnen gegen diejenigen, die anders denken. Sie versuchen, affektive Vorbehalte gegen Andersdenkende zu schüren, z.B. dadurch, dass sie Andersdenkende in eine politische Ecke rücken, die derzeit gerade geächtet ist. In Deutschland ist es derzeit die rechte Ecke, und entsprechend wird von staatsfeministischen Aktivisten, die in Diensten von GEW oder Heinrich-Böll Stiftung stehen oder sich im Schutze der Anonymität in die Reihen der Wikipedia-Autoren eingeschlichen haben, versucht, Andersdenkende, in diesem Fall Männerrechtler, die das offizielle Mantra des Staatsfeminismus nicht teilen, ihm widersprechen und die offene Form der Selbstbedienung, wie sie unter Staatsfeministen mittlerweile üblich ist, bloß- und in Frage stellen, in die rechte Ecke zu stellen.

Wer einen Zweifel daran hat, dass dieses Manöver dazu dient, diejenigen, die in die rechte Ecke gestellt worden sind, im nächsten Schritt zu kriminalisieren, um sie dann im letzten Schritt verurteilen und hoffentlich mundtot machen zu können, der kommt besser schnell in der schönen neuen Welt des Staatsfeminismus an, der schönen neuen Welt, in der ein Herr von Guttenberg, der seine Dissertation bei anderen abgeschrieben hat, ganz schnell zum Paria wird, während eine Frau Schavan, die ihre Dissertation ebenfalls bei anderen abgeschrieben hat, von öffentlichen Medien mit Samtpfoten angefasst wird, so als wäre das Delikt ein anderes.

Der Versuch, die Öffentlichkeit zu manipulieren, der Versuch, die Meinungsfreiheit einzuschränken und schließlich abzuschaffen, findet in Kinderbüchern statt, die umgeschrieben und “bereinigt” werden (warum die Bücher nicht gleich verbrannt werden, ist klar: die rechte Ecke ist schon besetzt), er findet in vielfältigen Varianten der Fehlinformation statt, wie sie z.B. Viviane Reding versucht, und er findet sich in offenen und weniger offenen Versuchen von EU-Kommission, Politikern und ihren Helfeshelfer, das Internet unter Kontrolle zu bringen. Grundlegend wichtig dafür ist es zunächst einmal, Menschen Angst vor dem Internet zu machen und ihre Furcht vor Dieben, Betrügern und sonstigen Unholden so ins Absurde zu steigern, dass sie entweder das Internet gar nicht mehr nutzen oder wenn doch, dann nur mit einem “guten” Norton_logoVirenschutzprogramm, einem von Norton Symantec zum Beispiel. Und natürlich kämpfen die Regierungen, besonders die deutsche, auch an anderer Front für ihre Bevölkerung, zum Beispiel dann, wenn sie Internetprovidern Listen zukommen lassen, auf denen Web-Seiten aufgelistet sind, die durch die Provider nicht mehr angezeigt werden dürfen. Es ist eben eine schöne neue Welt, die uns unsere Regierungen täglich aufs Neue erschaffen.

Offensichtlich haben manche Regierungen unter Unternehmen willige Vasallen gefunden, die sich am Projekt, Bürgern nur noch das zugänglich zu machen, was für gut und richtig befunden wurde, beteiligen. So berichtet die größte Seite der Männerrechtsbewegung im Internet, A Voice for Men, darüber, dass Norton Symantec, ein Unternehmen, das u.a. Virenschutzprogramme herstellt, Seiten der Männerrechtsbewegung, die sich kritisch mit dem Staatsfeminismus auseinandersetzen, als “Hass-Seiten” klassifiziert und den Zugriff auf die entsprechenden Seiten mit der Bemerkung “Access Denied” verweigert. Die vollständige Liste der Seiten, auf die Norton den Zugriff verweigert, finden sich bei MRA London.

AVGKasperskyNun könnte  man an dieser Stelle fragen, welche Form der Legitimation Norton für sich ins Feld führt, um diese Zensur von Internetseiten zu rechtfertigen, aber damit würde man den Eindruck erwecken, als hätten Unternehmen wie Norton ein wie auch immer geartetes Recht, ihren Nutzern unter der Hand eine Zensur von Seiten zu verkaufen, ihren Nutzern die Selbstbestimmung und die Meinungsfreiheit zu beschneiden. Dieses Recht haben weder Regierungen noch Unternehmen wie Norton, und deshalb kann es nur eine Reaktion geben: Wer Norton installiert hat, soll es deinstallieren und ein Konkurrenzprodukt nutzen. Ich nutze AVG und habe überhaupt keine Probleme, Seiten der Männerrechtsbewegung aufzurufen. und mit Viren habe ich auch keine Probleme. Wer umsatteln will, hier ein Link zu Amazon, um AVG zu bestellen. Eine andere Möglichkeit, um weg von Norton zu kommen, bietet Kaspersky.

Wer intensiver über dieses Thema diskutieren will, als es in diesem blog möglich ist, der ist herzlich in unser Forum eingeladen. Dort findet sich eine entsprechende Diskussionsmöglichkeit.