Ein Volk von Triebtätern

Seit einiger Zeit läuft, weitgehend unkommentiert von Mainstream-Medien, eine Posse zwischen der Bundesregierung und den Landesfürsten auf der einen Seite und der EU-Kommission auf der anderen Seite. Gespielt wird um den Einsatz von ein paar Milliarden Euro. Gegenstand des Spiels ist der “Staatsvertrag zum Glücksspiel in Deutschland (Glücksspielstaatsvertrag – GlüStV), der im Wesentlichen dazu da ist, das Monopol der Länder auf Einnahmen aus dem Glückspiel gegen Konkurrenz zu verteidigen.

TotoDer Glücksspielstaatsvertrag ist einerseits eines jener Gesetze, das an Heuchelei nicht zu überbieten ist, z.B. wenn fabuliert wird, dass ein staatliches Monopol auf Toto und Lotto notwendig ist, um “Glücksspiel- und Wettsucht zu verhindern”. Anderseits ist der Glücksspielstaatsvertrag eines jener Gesetze, die nur so vor Paternalismus triefen, und die, wenn man sie liest, ärgerlich machen, ob der anmaßenden Überheblichkeit, mit der “die Bevölkerung” darin behandelt wird.

So heißt es gleich unter §1 “Ziele des Staatsvertrages”:

“Ziele des Staatsvertrages sind gleichrangig:

  1. das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen,
  2. durch ein begrenztes, eine geeignete Alternative zum nicht erlaubten Glücksspiel darstellendes Glücksspielangebot den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken sowie der Entwicklung und Ausbreitung von unerlaubtem Glücksspiel in Schwarzmärkten entgegenzuwirken,
  3. den Jugend- und Spielerschutz zu gewährleisten,
  4. sicherzustellen, dass Glücksspiele ordnungsgemäß durchgeführt, die Spieler vor betrügerischen Machenschaften geschützt, die mit Glücksspielen verbundene Folge- und Begleitkriminalität abgewehrt werden …”

Ein Mittel im Arsenal des kritischen Denkens ist das Aufspüren von impliziten Prämissen, also von Prämissen, die notwendig sind, um die oben dargestellten Aussagen machen zu können, da sie ohne diese Annahmen keinen Sinn machen. Hier eine kleine Auswahl der impliziten Prämissen:

  1. Absatz:
    • sklGlückspielsucht und Wettsucht sind existente Krankheitsbilder.
    • Ein Staatsvertrag, der die Erlöse aus Glücksspielsteuern auf Länder verteilt, ist geeignet, Glückspielsucht und Wettsucht zu unterbinden.
    • Es ist die Aufgabe der Vertreter des Bundes und der Länder, Glücksspielsucht und Wettsucht zu bekämpfen.
  2. Absatz:
    • Die deutsche Bevölkerung hat einen Spieltrieb, Deutschland ist ein Volk der Zocker.
    • Ohne den Staatsvertrag bricht sich dieser Spieltrieb Bahn und die Deutschen verspielen der Oma ihr klein Häuschen.
    • Deshalb müssen Deutsche generell überwacht werden und von unerlaubtem Glücksspiel auf Schwarzmärkten abgehalten werden.
    • Unerlaubtes Glücksspiel auf Schwarzmärkten ist Glücksspiel, das zwar den Spieltrieb der Bevölkerung bedient, aber an dem die Finanzeminister der Länder nichts verdienen.
    • Staatlich beaufsichtigtes Glücksspiel ist eine Alternative zum staatlich nicht beaufsichtigten Glückspiel.
    • Die Vertreter von Bund und Ländern wissen um den Spieltrieb aus eigener Erfahrung, oder sie gehören nicht zur Bevölkerung.
  3. Absatz:
    • Wer das Häuschen der Oma im staatlichen Lotto verspielt, tut dies auch dann, wenn er minderjährig ist nur unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle.
    • Spielbank Baden BadenOrdnungsgemäßes Glücksspielt ist staatlich überwachtes und kontrolliertes Glücksspiel an dem die Finanzminister der Länder verdienen.
    • Wer einen Spieltrieb hat, hat auch einen Kriminalitätstrieb (was Sinn macht, denn die Teilnahme an unerlaubten Glücksspielen auf Schwarzmärkten ist hier Ausdruck des Spieltriebs und gleichzeitig delinquentes Verhalten. Wenn man zwei Dinge als identisch definiert ist es zwangläufig so, dass sie auch miteinander korrelieren.).

Dabei wollen wir es für’s Erste belassen. Wem jetzt noch nicht die Galle hochgekommen ist, ob der unglaublich paternalisierenden Art und Weise, in der Vertreter von Bund und Ländern die triebgeleitete Bevölkerung behandeln, die für die entsprechenden Vertreter scheinbar die Willensstärke von Kleinkindern hat, hier noch ein bischen Terminologie.

Zunächst zum Trieb:

“Trieb (drive) wird in der Psychologie gewöhnlich gebraucht, um die Handlungsmotivation auszudrücken, die wie etwa beim Hunger primäre biologische Voraussetzungen hat” (Zimbardo, 1995: 407).

RentenlottoDer Glücksspiel- und Wetttrieb, der im Glücksspielstaatsvertrag eben einmal der ganzen Bevölkerung untergschoben wird, ist also dem biologischen Bedürfnis nach Essen oder Trinken gleichzusetzen, was notwendig zur Folge hat, dass Mitglieder der deutschen Bevölkerung, die nicht Lotto oder Toto spielen oder nicht wetten, dass der 1. Fc Kaiserslautern auch diese Saison nicht in die Bundesliga aufsteigen wird, irgendwie gestört sind, denn sie lassen ihren Glücksspiel- und Wetttrieb unbedient.

Und nochmals zum Trieb:

“Das Wort ‘drive’ wurde zum erstenmal von Woodworth 1918 zur Beschreibung einer hypothetischen Kraft oder Energie benutzt, von der man gemeinhin angenommen hat, dass sie nicht erlernt und hinsichtlich der Situation, in der sie auftritt, unspezifisch ist, dass sie eine allg. physiol. Grundlage hat und auf keine bestimmte Art des Verhaltens ausgerichtet ist, jedoch das Verhalten von Tieren und Menschen aktiviert (motiviert)” (Bolles, 1994: 2361).

Wenn also die Bevölkerung einen Glücksspiel- und Wetttrieb hat, dann hat die Bevölkerung einen solchen, und er wird sich Bahn brechen. Folglich ist die Nachfrage nach Glücksspielen das, was man in der Ökonomie eine nicht-elastische Nachfrage nennt. Sie ist unabhängig von den Randbedingungen vorhanden, und man kann sie perfekt benutzen, um den Nachfragern überhöhte Preise aufzuzwingen, z.B. im Rahmen staatlicher Glücksspielangebote, deren Ziel darin besteht, die Länderkassen zu füllen, mit zuletzt 3,3 Milliarden Euro jährlich.

Die Klassifikation der mentalen Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, die ja ansonsten jeden Firlefanz als Krankheit enthält, kennt die Wett- und Glücksspielsucht, von der im Glücksspielstaatsvertrag die Rede ist, nicht. Einzig das pathologische Spielen ist im ICD-10 bekannt:

“Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.”

Wuthering HeightsBereits Emile Bronte hat in Wuthering Heights die Folgen beschrieben, die mit Glücksspiel verbunden sind, wobei man sich streiten kann, ob die beschriebenen Folgen (Heathcliffe gewinnt im Spiel den Hof von Hindley Earnshaw) so negativ sind, wie immer behauptet wird. Insbesondere muss man sich fragen, ob die gesellschaftlichen Kosten, die durch eine staatliche Kontrolle und Überwachung angeblich Spielsüchtiger sowie deren Behandlung, Therapie und sonstige Bearbeitung durch die Hilfeindustrie entstehen, geringer sind, als es ein Ausleben der vermeintlichen Spielsucht gewesen wäre.

Der Verdacht, dass der Schutz vor  der angeblichen Glücksspiel- und Wettsucht durch ein staatliches Glücksspielmonopol und wenn der Schutz nicht gelingt, die nachgelagerte Finanzierung von Betreuungs- und Hilfeangeboten für die vermeintlich Spielsüchtigen nur vorgeschoben sind, um Steuereinahmen zu generieren, liegt nahe. Schon die Annahme, dass das Heer von Therpeuten, das als Teil der Bevölkerung doch auch mit einem “natürlichen Spieltrieb” ausgestatt ist, dennoch in der Lage sein soll, anderen und besonders Spieltrieb-Gesteuerten den Spieltrieb auszutreiben, ist ein Widerspruch in sich. Oder wie ist es mit dem Widerspruch, dass Glückspiele angeboten werden, um vor Glücksspielsucht zu schützen?

Wie so oft haben sich staatliche Steuer-Absahner und am Tropf des Staates hängende Hilfeabsahner zusammengeschlossen, um sich willige Opferzu suchen, denen sie dann auf Kosten der Allgemeinheit helfen können.

Da wir in einem Zeitalter der Petitionen leben, wie wäre es mit einer Petition, deren Ziel darin besteht, Politikern ein für alle Mal ihren Paternalismus-Trieb auszutreiben bzw. sie dann, wenn sie ihren entsprechenden Trieb nicht beherrschen können, in die Obhut einer geschlossenen Anstalt zu überführen?

Schau Hin! [...] – “Was für ein Dreck!” (O-Ton, Dr. habil. Heike Diefenbach)

Im Speckgürtel des Bundesministerium für FSFJ hat sich eine Aktion eingenistet, die Eltern zeigt, wie man richtig mit neuen Medien und mit alten Medien umgeht. SCHAU HIN! heißt die Aktion, deren Initiatoren ganz offensichtlich davon ausgehen, dass Eltern behinderte Deppen sind, die keinerlei eigenes Urteilsvermögen und keinerlei Kenntnisse in der Erziehung ihrer Kinder haben, schlimmer noch: Eltern könnten eigene von den staatlichen Vorgaben abweichende Erziehungsvorstellungen haben – wehret den Anfängen!

Schau besser nicht hinNachdem ich auf der Seite von SCHAU HIN! etwas herumgesurft habe und leider nicht sehen konnte, welche Antworten man erhält, wenn man der Aufforderung “Fragen Sie Frau Langer” folgt, um herauszufinden, was denn nun ein kindgerechter Umgang mit Medien ist, und mir wieder einmal den kollektiven Frust geholt habe, weil ich wieder einmal auf einer Seite des Bundesministerium zur Förderung aller Arten von Gleichmacherei feststellen musste, dass es wirklich Leute gibt, die der Ansicht sind, es gebe ein Grundrezept zur Behandlung aller Kinder, denn Diversität findet sich bestenfalls in Geschlecht, nicht jedoch im Individuum, wie gesagt, nachdem ich diesen Unsinn abermals als allumfassende Prämisse auf dieser “Gutmenschen-Seite” gefunden habe, hat mich der Frust dazu verleitet, den auf der Seite angebotenen Medienpass zu erwerben.

Meine Reise durch Fernsehland (Deutschland), Internetanien (Mauretanien, #Neuland), Gamespol (Interpol) und Handyitalien hat indes nur bis Gamespol geführt, dann hat es mir gereicht, gereicht ob der unglaublichen Stupidität, der primitiven Stereotype und der wirklich kaum mehr zu ertragenden Paternalisierung, die hier auf die Medienpasserwerber hereinprasselt.

Diese Form des Übergriffes kann man nur damit beantworten, dass man denkt, die Macher des Medienpasses müssen das, was sie da verzapfen, für relevant halten und was das über die geistige Verfassung dieser Macher sagt, will ich hier lieber nicht thematisieren.

Statt dessen hier meine Erfahrungen mit dem Medienpass.

Böse Jungen

Das erste Stereotyp, das einem anspringt, ist das des bösen Jungen. Fragen, die sich auf Jungen beziehen, thematisieren Probleme, Jungen als Probleme:

  • FernsehstundenplanMein 9-jähriger Sohn spielt jeden Tag 4 Stunden Computer, ist er deshalb süchtig?
  • Ich beobachte seit einiger Zeit, dass mein 12-jähriger Sohn Videos ins Internet stellt, die seine Mitschüler in peinlichen Situationen zeigt [zeigen], ist das noch Spaß oder sollte ich eingreifen?
  • Ich habe meinen 11-jährigen Sohn erwischt, wie er sich Filme aus dem Netz heruntergeladen hat, für die er noch viel zu jung ist. Wie soll ich mich verhalten?
    • Richtige Antwort: Sie verbieten ihm, solche Filme herunter zu laden und erklären Ihre Gründe dafür. Vereinbaren Sie mit Ihrem Sohn, dass er Sie in jedem Fall vorher fragen soll, wenn er etwas herunterladen möchte.
  • Manchmal, wenn ich beispielweise koche oder etwas erledigen muss, ist es ganz hiflreich, wenn unser 9-jähriger Sohn sich alleine mit Fernsehen beschäftigt. Ist das ok!
    • Richtige Antwort: Sobald die Besorgungen mehr als ein paar Minuten dauern, sollte ihr Kind beim Fernsehen nicht allein in der Wohnung gelassen werden.

Merke: Jungen sind ein Problem. Man darf sie nie unbeaufsichtigt lassen, denn sie nutzen die kontrolllose Zeit, um Filme herunterzuladen, Online-Spiele zu spielen und Mitschüler in peinlichen Situationen online zu outen.

Das nette Mädchen, das Anleitung braucht

Natürlich gibt es mit Mädchen keine Probleme. Sie sind nicht länger als gut für sie im Internet, stellen nichts ins Internet, was Mitschüler kompromittieren könnte, und natürlich laden Mädchen nie, perish the thought, Filme aus dem Internet, für die sie noch zu jung sind.

Nein: Mädchen sind führungsbedürftig, bedürfen der Anleitung:

  • schau_hin_appUnsere 8-jährige Tochter hat bald Geburtstag. Wir wollen ihr gern ein Computerspiel schenken. Was müssen wir beachten?
    • Richtige Antwort: Achten Sie auf die USK-Kennzeichung auf der Verpackung. Diese gibt Ihnen eine erste Orientierung, welche Spiele für welches Alter geeignet sind.
  • Meine 13-jährige Tochter spielt Onlinespiele auf Schüler-VZ [Wo sonst?]. Auf was sollte sie dabei achten?
    • Richtige Antwort: Achten Sie auf Spieleerweiterungen und Aktualisierungen, die hohe Kosten verursachen könnten.

Merke: Mädchen nutzen nur passiv. Sie bekommen die richtigen Spiele, wo Jungen einfach Online spielen, und Mädchen sind natürlich verantwortungsbewusst, würden nie 4 Stunden am Stück spielen, wie Jungen, wegen der Kosten bei Schüler-VZ. Plumper geht es kaum mehr.

Doch in diesem stereotypen Idyll gibt es neben Jungen noch andere Probleme: Großeltern! Großeltern sind ja dement und der Moderne nicht gewachsen, wie die Macher des Medienpasses wissen, und vor allem sind Großeltern nicht so gleichgeschaltet, wie dies gerade mit Eltern versucht wird. Entsprechend könnte es Großeltern geben, die nichts auf die staatlichen USK-Kennzeichnung geben und sich ein eigenes Urteil zutrauen, ob ein Computerspiel für ihre Enkel geeignet ist oder nicht (und vielleicht schenken Sie auch ein Computerspiel, das sich ihr Enkel gewünchst hat…?). Das kann nicht hingenommen werden:

  • Zum Schulbeginn haben die Großeltern unserem Kind (7) ein Spiel geschenkt, welches erst ab 12 Jahren freigegeben ist? Was sollen wir jetzt tun?
    • Richtige Antwort: Geben Sie das Geschenk den Großeltern zurück. Erklären Sie Ihnen, warum Sie das Spiel an Ihr Kind nicht weitergeben möchten und worauf die Großeltern beim nächsten Kauf achten sollten. Bitten Sie darum, sich vorher mit ihnen abzusprechen.

Auch eine Art, Großeltern zu sagen, dass sie sich aus der Erziehung des kostbaren Nachwuchses, dessen Wohlergeben schon die staatliche Agenda schmückt, heraushalten sollen. Großeltern als subversive Störer der richtigen Erziehung – öfter Mal was Neues.

Und natürlich sind Kinder Kinder, und deshalb müssen sie spielen, und zwar keine Lernspiele, nein:

    • Man hört sehr viel von Lernspielen für Kinder. Muss ich mein Kind auch noch nach der Schule dem Leistungsdruck durch anspruchsvolle Lern- und Denkspiele aussetzen?

Man beachte die Sprache. Kinder werden anspruchsvollen Lern- und Denkspielen ausgesetzt und natürlich wollen richtige Eltern das nicht müssen. Lernen außerhalb des schulischen Curriculum ist offensichtlich nicht erwünscht:

    • Richtige Antwort: Auch Kinder haben ein Recht auf Entspannung und sollen einfach nur Spaß am Spielen haben.

Wer es bislang als Kinderbesitzer noch nicht wusste, der weiß es jetzt:

Kinder sollen nicht außerhalb von Schulen mit Lernstoff konfrontiert werden, den das Ministerium nicht abgesegnet hat. Das sind die Anfänge von Anarchie. Großeltern sind von der Erziehung von Kindern fernzuhalten, denn Großeltern tragen den Keim der Überzeugung, als erwachsener Mensch verfüge man über eigenes Urteilsvermögen in sich. Das ist der Ursprung von Anarchie. Mädchen sind leicht anleitbare Puppen, die man richtig steuern kann, keine Gefahr von Anarchie. Dagegen ist Jungen nicht zu trauen, sie sind insbesondere von Großeltern und deren Geschenken fernzuhalten. Schließlich sind Eltern wirklich Deppen, denn man kann sie mit nichts alleine lassen, wie die Macher des Medienpasses wissen, schon gar nicht mit der Erziehung ihrer Kinder.

Wieso laufen Eltern eigentlich nicht Sturm gegen eine Seite wie “Schau Hin”, die versucht, sie zu staatstreuen Deppen zu degenerieren?

uskWäre es nicht an der Zeit, dass die Damen und Herren, die aus ihrer Sicht pädagogisch wertvolle Ratschläge wie die dargestellten geben, und von denen niemand weiß, welche Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrungen sie dazu befähigen, ihre Qualifikationen und die wissenschaftliche Fundierung ihrer Ansichten an die Öffentlichkeit weitergeben?

Wäre es nicht an der Zeit, dass diejenigen, die Kinderspielzeug nach USK bewerten, ihre Kriterien, dies zu tun, angeben. Also mehr als: “(“USK) ist eine von den Verbänden der Computerspielewirtschaft getragene Institution und hat ihren Sitz in Berlin. Ihr Träger ist die „Freiwillige Selbstkontrolle Unterhaltungssoftware GmbH“.  Gesellschafter dieser gemeinnützigen GmbH sind die Industrieverbände der Spiele entwickelnden, produzierenden und in Deutschland vertreibenden Industrie (BIU e. V. – Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware und  G.A.M.E. e. V. – Bundesverband der Entwickler von Computerspielen)”. Immerhin wird hier ein lukrativer Markt etabliert, der nicht nur die Kontrolle von Eltern, sondern auch den Verdienst an Eltern ermöglicht, und da wüsste man schon gerne, nach welchen Kriterien dies erfolgt.

Es gutmenschelt wieder: dieses Mal geht es Nutella an den Kragen

NutellaNa, haben Sie heute Ihr Brötchen mit Nutella bestrichen? Wenn ja, dann genießen Sie es, so billig wie bislang, bekommen Sie Ihren Zucker in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn es nach der Deutschen Diabetes Gesellschaft geht. Dieselbe in Person Ihres Vorsitzenden, Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, fühlt sich nämlich berufen, die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD, die doch bereits mit so weltbewegenden Themen wie einer Frauenquote überladen sind, mit einer weiteren Absurdität zu überfrachten, nämlich der Forderung nach einer Kaloriensteuer:

Berlin – Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt Überlegungen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD, künftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben. „Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen“, heißt es in einem Brief der DDG an die Verhandlungsführer beider Parteien im Ausschuss Gesundheit, Jens Spahn und Karl Lauterbach. Die Fachgesellschaft schlägt gleichzeitig vor, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Die Kaloriensteuer soll helfen, Ernährungsgewohnheiten zu verändern und Übergewicht zu bekämpfen. Übergewicht ist eine der Ursachen für Diabetes mellitus.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Ärger und gesundheitlichen Schädigungen? Wenn ja, dann fordere ich, den Herrschaften von der DDG den Mund zu verbieten, als Form der Primärprävention und meiner Gesundheit zuliebe.

DDGWieder einmal sind also Gutmenschen angetreten, andere zu bevormunden und zu verhindern, dass andere in freier Entscheidung ihr Nutella wählen und den lahmen, nachhaltigen und nach nichts schmeckenden Brotaufstrich, den die DDG wohl empfehlen würde, abwählen. Das darf nicht sein und überhaupt, so weiß Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel: “Der bloße Appell an Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert.” Ja sowas auch. Da sagt man erwachsenen Menschen, dass es nicht gut ist, Nutella zentimeterdick, ja überhaupt auf sein Brötchen zu schmieren, und was passiert? Ignoriert wird man! Das geht nicht, nicht mit einem Dr. med. Erhard Siegel, nicht mit einer DDG! All diejenigen, die nicht so wollen, wie die DDG, die werden schon sehen, was sie davon haben: Die DDG hat die Politiker zur Hilfe gerufen. Mt einer Kaloriensteuer, so frohlockt Siegel “hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen”.

Das ist erstaunlich, was der Herr Dr. med da behauptet, so erstaunlich, dass man gerne wüsste, wo er seine Erkenntnis über die Wirksamkeit von Steuern auf Kaloriern (!sic) herhat. Alle Forschung, die vor allem im englischsprachigen Ausland und im Hinblick auf die so genannten Sin-Taxes durchgeführt wird, zeigt nämlich einträchtig, dass

  • die entsprechenden Steuern vor allem eines sind: wirkungslos im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung;
  • die entsprechenden Steuern sozial ungerechte Steuern sind, die in erster Linie die sozial Schwachen treffen, denen Gutmenschen doch normalerweise so zugetan sind;
  • die angebliche Entlastung der Gesundheitssysteme eine Illusion ist, da die frühere Mortalität der Kalorienfresser dazu führt, dass hohe Alterskosten, wie sie dem Gesundheitssystem z.B. durch Demenz oder Alzheimer oder Pflegebedürftigkeit entstehen, nicht anfallen;
  • die entsprechenden Steuern eine Form der paternalistischen Selbstbeweihräucherung sind, die langsam unerträglich wird;

Medical paternalismUnd darüber hinaus sind die entsprechenden Steuern nur als Fürsorge verpackt, denn sie dienen in erster Linie dazu, das Steuersäcklein zu füllen, und wozu sie in zweiter Linie dienen, kann man nur vermuten. Seltsamerweise haben Steuern, die einem Finanzminister und einem Etat zu Gute kommen, die also keinerlei direkten Nutzen für diejenigen haben, die sie fordern, eine wohltuende Wirkung auf die entsprechenden Forderer, fast so, als ginge von der Besteuerung Dritter eine Form der Genugtuung aus, die fast schon an Schadenfreude grenzt (oder auch nicht fast), aber das ist natürlich sozial nicht verträglich. Es ist schon besser, sich als besorgt um die Gesundheit Dritter, denen man im täglichen Leben eher aus dem Weg geht, als dass man sich im Zug auch nur für eine Station neben sie setzen würde, darzustellen.

Nun gibt es zwei Formen der fürsorglichen Besteuerer, solche wie Edgar Franke (SPD) und Erwin Rüddel (CDU), die fordern, die Steuern auf Nahrungsmittel, die mehr als 275 Kalorien pro 100 Gramm aufweisen, generell um 50% zu erhöhen. Davon wären Nutella, Kartoffelchips und Schokoriegel und Fast Food und Softdrinks und und und betroffen. Die andere Form der fürsorglichen Besorgnis, die dem netten Dieb-Syndrom entspricht (der Dieb, der erst 100 Euro stiehlt und dann, weil er ein schlechtes Gewissen hat, einen Euro zurückgibt), geht von Status Quo der Besteuerung aus, nimmt mit zunehmender Kalorienzahl mehr und lässt dafür bei den Nahrungsmitteln, die als gesund und (wie könnte es anders sein) nachhaltig angesehen werden, ein wenig nach. Das ist es dann wohl, was Richard Thaler und Cass E. Sunstein liberalen Paternalismus nennen, ein Unding, für das die beiden Sozialwissenschaftler verantwortlich sind und für das sie eigentlich aus der wissenschaftlichen Zunft ausgeschlossen werden müssten.

cartoon cavemenDenn sie geben allen Arten von Gutmenschen die Möglichkeit, eigene Versuche des rent seeking hinter angeblicher Fürsorge zu verstecken. Politiker tun das noch am ehrlichsten, indem sie generell nur in höheren Steuern zu denken in der Lage sind. Fürsorger wie diejenigen von der DDG tun dies im Verborgenen, und zwar über die Kriterien, die bestimmt werden müssen, um die nachhaltigen und vermeintlich gesunden Nahrungsmittel zu identifizieren. Bei dieser Bestimmung wollen die DDGler natürlich mitreden, und sie sind natürlich keiner Einflussnahme von Seiten Dritter zugänglich und haben natürlich auch keinerlei eigenen Nutzen davon, dass sie Dritten vorschreiben, was ihr jeweiliger Lebensstil kostet. Sie sind die puren Altruisten, die reinen Gutmenschen, die vor lauter Fürsorge über Dritte, dahinschmelzen wie der Schnee, der im Moment noch die Black Mountains ziert. Bei so viel Gutheit wird es mir regelmäßig so schlecht, dass ich darüber nachdenke, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, eine Gutmenschen-Steuer einzuführen. Pro Gutmenschen-Vorschlag werden 100.000 Euro fällig, zu zahlen an diejenigen, die Gegenstand des Gutmenschen-Vorschlag sind.

Die Gesundheit der anderen – Gutmenschen-Galore

Ein Kommentar

Das EU-Parlament hat gerade einer Revision der Tabak-Richtlinie der EU zugestimmt. Entsprechend sollen z.B. Menthol-Zigaretten komplett verboten und die Verpackungen der verbliebenen Tabakprodukte mit abschreckenden Fotos verziert werden, die nach Erkenntnissen, wie sie z.B. David Hammond (2011) über verschiedene Studien gesammelt hat, vor allem junge Raucher vom Rauchen abhalten sollen.

EUtobacco

Die Gesundheitswächter in Brüssel haben also wieder zugeschlagen. Wenn es darum geht, den Europäern die Freiheit zu nehmen, durch den Genuss von Nikotin langfristig die eigene Gesundheit zu ruinieren, dann kennt die EU-Kommission kein Pardon, nicht einmal das Pardon, das mancher Finanzminister gerne gewähren würde.

Folglich wird reglementiert und limitiert, der Teer-Gehalt, der Nikotin-Gehalt und der Gehalt an Kohlenmonoxid und die Fläche der Packung (65%), die ein nettes Bildchen von z.B. einer gesunden und geschädigten Lunge einnehmen muss, und Beschreibungen wie “light” sind gleich ganz verboten, nicht damit ein Raucher denkt, light sei gesundheitlich unbedenklich.

Brand_x_x_filesDer Verbraucher, vor allem der Europäische Verbraucher, ist nämlich ein Idiot, der nicht in der Lage ist, die Folgen seines Handelns abzuschätzen. Wie gut, dass es die Europäische Union und all die vielen Gutmenschen gibt, die sich im Europaparlament zusammengefunden haben, um die Gesundheit ihrer Bürger gegen die suggestiven Kräfte der Zigaretten-Industrie zu verteidigen. Diese Industrie, so muss man wissen, arbeitet nämlich mit ganz schäbigen Tricks, verkauft Zigaretten im vollen Bewusstsein ihres Suchtpotentials und schafft sich auf diese Weise fixe Kunden, Kunden, die gar nicht anders können als zu rauchen, da sie süchtig nach dem Glimmstengel sind. Kunden vor allem, die völlig ahnungslos ob des Suchtpotentials und der gesundheitlichen Folgen in die ihnen gestellte Tabak-Falle tappen.

Aber jetzt gibt es ja die europäischen Gutmenschen, die der Sucht ein Ende bereiten, und zwar mit abschreckenden Bildern, die so heftig sind, dass sie selbst den 20-Zigaretten-am-Tag-Raucher zum Umdenken zwingen – oder doch nicht? Doch nicht, weil es gerade das Markenzeichen einer Sucht ist, dass man sich nicht beherrschen kann und entsprechend raucht, egal, was auf der Packung abgebildet ist?

Gut. Bereits Süchtige sind auch mit Bildchen nicht erreichbar, aber Jugendliche kann man abschrecken, ihnen kann man deutlich machen, dass sie dabei sind, der Zigarettenindustrie auf den Leim zu gehen und eine Abhängigkeit zu begründen, die sich als fixe Einnahme berechnen lässt. Und natürlich sind Jugendliche noch größere Idioten als Erwachsene, die noch viel weniger wissen, was sie tun, wenn sie rauchen, als Erwachsene. Deshalb ist es besonders wichtig, Jugendliche vom Rauchen abzuschrecken, auf ihrem Weg zum eigenständigen, urteilskräftigen und selbstverantwortlichen Erwachsenen. Oder etwa nicht?

Wen stört schon der Widerspruch zwischen der Paternalisierung durch die EU, der Reduzierung von Konsumenten auf unverantwortliche, die Folgen des eigenen Handelns nicht abschätzen könnende Idioten, die der Führung, Lenkung und Pflege durch die Gutmenschen in der Europäischen Union und ihrer Institutionen bedürfen, damit sie sich zum gesunden, eigenständigen, urteilskräftigen und selbstverantwortlichen Erwachsenen entwickeln bzw. derselbe sein können?

Metallica_Master_Of_PuppetsAber man kann Bürger so wenig zur Mündigkeit erziehen, wie man ihnen die Verantwortung abnehmen kann, um sie dadurch zu verantwortlichem Handeln zu ermutigen. Allerdings ist der mündige Bürger, der sich auf freien Märkten bewegt und dort nach eigenen Gutdünken Produkte auswählt, auch nicht das Ziel all der Gutmenschen, die sich auf ihn stürzen, um seine Gesundheit vor ihm selbst zu schützen. Sie wollen den uneigenständigen, den lenk- und kontrollierbaren Bürger, sie wollen, so wie die Zigarettenindustrie, den abhängigen Bürger, abhängig von ihren Vorgaben, denn mit abhängigen Bürgern lässt sich leichter kalkulieren. Sie sind berechenbar und überraschen EU-Bürokraten nicht urplötzlich mit Ausbrüchen unvorhergesehener Individualität, wie sie sich z.B. in der Freiheit niederschlägt, die eigene Gesundheit durch Zigaretten zu ruinieren, wenn einem die Lust danach packt.

Mehr zu Rauchen auf Sciencefiles:
Tabaksteuer: sozial ungerecht und heuchlerisch
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Gutmenschen-Files

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, “green” zum “default”, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere “nudge”, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von “nudge” ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur “richtigen” Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses “nudgen” aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der “grüne” Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der “grüne” Tarif ist teurer als ein weniger “grüner” Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur “richtigen” Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den “richtigen” Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

“Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule”(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem “Choice Architect” nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch “The Road to Serfdom” bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als “Choice Architect” wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was “richtig” und “gut” ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.

Blanker Rassismus: FU-Berlin betreibt offene Diskriminierung

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Die Diskriminierung von Männern ist gängige Praxis an Universitäten, jedenfalls an den deutschen Universitäten, an denen das Professorinnenprogramm umgesetzt wird und männliche Bewerber explizit von der Bewerbung auf Professuren ausgeschlossen werden. Mit 150 Millionen Euro finanziert das Bundesministerim für Bildung und Forschung diese offene Diskriminierung.

fu_logoDer FU-Berlin geht diese Form der Diskriminierung offensichtlich nicht weit genug. In einer unglaublich offenen und dummen Art und Weise werden an der FU-Berlin “Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten”, “chronisch Kranke”, Behinderte” “internationale Stduenten” und selbstverständlich “Studenten mit Migrationshintergrund” als Problemstudenten stereotypisiert und als Konsequenz diskriminiert, und zwar in einer Art und Weise, die man kaum mehr von Rassismus unterscheiden kann.

Edwin M. Lemert hat vor Jahrzehnten (es war im Jahre 1951) den Begriff der sekundären Devianz eingeführt. Sekundäre Devianz folgt – logischer Weise – der primären Devianz, also einer Abweichung in Form von (je nach Zeitgeist) Homosexualität, Kriminalität, Drogengebrauch usw. Als Folge seiner Abweichung wird der Abweichende als deviant stigmatisiert, und: „Ist das Individuum einmal als deviant stigmatisiert oder etikettiert, dann wird es durch die Reaktion der anderen, konformen Mitglieder der Gemeinschaft gezwungen, sich mit diesem Etikett auseinanderzusetzen. Eine wichtige Rolle spielt deren Stereotyp von Devianz, ihre Vorstellung von dem, was Abweichung ist und wie man sich einem Abweicher gegenüber zu benehmen habe“ (Lemert, 1975, S.435). Ist ein Devianter auf Grund einer primären Devianz erst einmal als Devianter stereotypisiert, dann folgt die sekundäre Devianz quasi automatisch, da die Konformen es dem Devianten durch Stereotypisierung verwehren, sich in die Normalgesellschaft wieder einzugliedern.

Edwin M LehnertWas derzeit an der FU-Berlin geschieht, ist in unseren Worten eine sekundäre Stereotypisierung, analog zur sekundären Devianz, wie sie Lemert formuliert hat. Die sekundäre Stereotypisierung weicht insofern von der Beschreibung Lemerts ab, als Devianz bei Lemert eine abweichende Handlung durch einen Devianten voraussetzt. Die FU-Berlin hat die Handlungen von Individuen durch Zuschreibungen ersetzt. Man muss nicht mehr deviant sein, man wird zum Devianten gemacht, zum besonders Pflegebedürftigen, zum Abweichler von der (Mittelschichts-)Norm, die man an der FU-Berlin als essentielle Wahrheit zementieren will. Damit erfüllt die FU-Berlin alle Kriterien von Rassismus, und der Gegenstand dieses Rassismus, dieser sekundären Stereotypisierung sind Studenten aus Nichtakademiker-Haushalten, behinderte Studenten und Studenten mit Migrationshintergrund. Sie alle, so wollen es die Didaktischen Empfehlungen zur “Diversität in der Lehre”, über die sich bereits Dr. Dr. Peter Riedlberger auf Telepolis aufgeregt hat, sind besonderer Pflege bedürftig, denn sie sind anders.

Wie so oft, wenn offen diskriminiert werden, ja, wenn andere zum Gegenstand von Rassismus werden, steht Diversität Pate. So ist es im Professorinnenprogramm, mit dem vermeintlich Diversität hergestellt werden soll, so ist es bei den Didaktischen Empfehlungen der FU-Berlin, mit der Diversität behandelt werden soll. Beiden ist die Willkür gemeinsam, die der je spezifischen Definition von Diversität unterliegt. Während im Professorinnenprogramm Geschlecht als Merkmal von Diversität gilt, ist die Liste der Abweichung, die die FU-Berlin bemüht, länger, umfasst die soziale Herkunft, umfasst Behinderungen aller Art, und sie umfasst die ethnische Herkunft. Interessanter Weise sind mentale und kognitive Fähigkeiten, die an Universitäten von besonderer Bedeutung sein sollten, kein Gegenstand, der problematisiert werden soll.

Hund_RassismusSo wäre es doch naheliegend, didaktische Empfehlungen zum Nachhilfe-Unterricht für Mittelschichtskinder, die kognitiv dem Lehrstoff nicht folgen können, anzubieten, aber auf diese Idee kommen die Mittelschichtsangehörigen, die an der FU u.a. die soziale und ethnische Zugehörigkeit problematisieren, nicht. Sie sind Essentialisten, sie sehen Diversität als einerseits vererbt und entsprechend nicht veränderbar und andererseits als Ausdruck von Mangel: Arbeiterkind = abweichend von der Mittelschichtsnormalität und somit problematisch, Migrantenkind = abweichend von der Mittelschichtsnormalität und somit problematisch, Sehbinderter = abweichend von der Mittelschichtsnormalität und somit problematisch, Höhrbehinderter = abweichend von der Mittelschichtsnormalität und somit problematisch, Gehbehinderter = abweichend von der Mittelschichtsnormalität und somit problematisch usw. usf. Man beachte, dass die Problematisierung von Diversität mit einer Hierarchisierung einhergeht, denn die Probleme entstehen aus der Abweichung von der Mittelschichtsnormalität, die als non plus ultra gesetzt wird. Das nennt man normalerweise Rassismus, wir nennen es zudem sekundäre Stereotypisierung, weil dieser Begriff deutlich macht, dass Dritten etwas angetan wird.

Studenten mit Migrationshintergrund, Studenten aus Nichtakademiker-Haushalten, Hör-, Seh- und Gehbehinderte werden von den Verantwortlichen an der FU-Berlin, die sich nach unserer Ansicht als Rassisten qualifizieren, als Problemkinder stigmatisiert, die einer besonderen Behandlung bedürfen. Die Stigmatisierung erfolgt nicht etwa auf Grundlage von Verhalten, von Leistungsdefiziten, nein die Leistungsdefizite werden den entsprechenden Studenten aufgrund ihrer vermeintlichen Andersartigkeit askribiert. Sie sind ein Problem für Universitäten, weil sie einen Migrationshintergrund haben, weil sie aus Nichtakademiker-Haushalten kommen, weil sie Hör-, Geh- oder Sehbehindert, weil sie anders sind. Zu keinem Zeitpunkt kommt den Verantwortlichen an der FU-Berlin der Gedanke, man müsse erst prüfen, ob jemand ein Problem an der Universität hat und entsprechend die Wirklichkeit konsultieren. Zu keinem Zeitpunkt kommen sie auf die Idee, dass die Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten, mit Migrationshintergrund, mit Hör-, Geh- oder Sehbehinderung offensichtlich so leistungsfähig, so resilient gegen Versuche der Stereotypisierung durch Mittelschichts-Gutmeiner sind, dass sie es bis an die Universität geschafft haben, obwohl man bereits in Grundschulen versucht, sie mit Verweis auf ihre Herkunft und ihr Elternhaus und ihre Probleme, vom Besuch weiterführender Schulen abzuhalten (z.B. im Rahmen der Grundschulempfehlung). Weil diese “primäre Stereotypisierung” offensichtlich nicht funktioniert hat, weil es die entsprechenden Kinder dennoch auf die Universität geschafft haben, werden sie nunmehr zum Opfer sekundärer Stereotypisierung, in einer besonders perfiden Art und Weise, die die Vorurteile, den Rassismus offenlegt, den Mittelschichts-Gutmeiner anderen entgegentragen.

Ein Blick auf die Didaktischen Empfehlungen für Dozenten genügt:

  • Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten stellen nach Meinung der Mittelschichts-Rassisten häufig “dumme Fragen”, nur so macht der Hinweis Sinn, Dozenten sollten den entsprechenden Kindern aus Nichtakademiker-Haushalten sagen, dass es keine “dummen Fragen” gebe. Kinder mit Migrationshintergrund sind genauso dumm, denn bei ihnen findet sich derselbe Hinweis.
  • Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten sind illiterat, flegmatisch und lernbehindert, denn sie sind nach Ansicht der Mittelschichts-Rassisten nicht in der Lage, Fremdwörter und Fachbegriffe zu verstehen, es ist ausgeschlossen, dass sie entsprechende Begriffe kennen und noch mehr ausgeschlossen ist es, dass sie, wenn sie die Begriffe nicht kennen, die entsprechenden Begriffe nachschlagen. Sie sind eben Angehörige einer zurückgebliebenden Spezies, die man mit besonderer Sorgfalt anfassen muss.
  • Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten und mit Migrationshintergrund sind nach Ansicht von Mittelschichtler-Rassisten zu schüchtern, um sich zu Wort zu melden und erstarren vor Ehrfurcht, wenn sie die Mittelschichtsbildungs-Institution “Universität” betreten, diese fremde Welt voller genialer Mittelschichts-Dozenten und Mittelschichtsstudenten. Und während sie erstarren, beginnen sie zu zweifeln, und deshalb muss man ihnen sagen, dass “sie in der Hochschule genau am richtigen Ort sind, sich für das richtige Studienfach entschieden haben”. Paternalistischer und dümmer geht es nicht mehr.

NichtakademikerhaushaltWir sind beide Kinder aus Arbeiterfamilien, diejenigen, die mit dem Hinweis auf die “Nichtakademiker-Haushalte” eigentlich gemeint sind, diejenigen, von denen die Mittelschichts-Rassisten denken, dass sie an Universitäten eigentlich völlig fehl am Platze sind, aber wo sie schon einmal da sind, ganze 15% von Ihnen nach der neuesten Erhebung des Studentenwerks, kann man sie sich auch zu Nutze machen und Projektgelder für die Förderung all dieser Behinderten einsetzen, all derjenigen, die von der Mittelschichtsnorm abweichen, die ein Merkmal aufweisen, das für Mittelschichts-Rassisten als Behinderung gilt, also: soziale, ethnische Herkunft, körperliche Behinderung, chronische Erkrankung oder Geburt im Ausland, um sich selbst ein entsprechendes Auskommen zu sichern. Derrartiger Paternalismus, derartiger Rassismus, der nur dazu dient, sich selbst auf Kosten Dritter zu produzieren, ist widerwärtig, dumm und schon einmal da gewesen.

FU_EmpfehlungenMan sieht es Arbeiterkindern in der Regel nicht an, dass sie aus Arbeiterfamilien kommen. Man sieht es Kindern mit Migrationshintergrund nach nunmehr vier Generationen in der Regel nicht an, dass ihre Ur-Großeltern aus der Türkei oder Griechenland oder Spanien eingewandert sind. Man sieht es Hörgeschädigten nicht an, dass sie schlecht hören, Sehgeschädigten in der Regel nicht, dass sie schlecht sehen, internationalen Studenten nicht, dass sie aus dem Ausland kommen. Diese Nicht-Visibilität haben all diese Gruppen, die man an der FU-Berlin auserkohren hat, um sie als Problemkinder zu stigmatisieren, gemeinsam. Wie also erkennt man als Dozent, der all die hehren Vorschläge beherzigen soll, die die Mittelschichts-Gutmeiner zusammengeschustert haben, die Zielgruppe? Ein gelber Stern wäre eine Möglichkeit. Aber gelbe Sterne sind aufgrund ihrer Geschichte obsolet. Man könnte unterschiedliche Farben von Sternen verteilen, grüne Sterne für Migrationshintergrund, rote für Arbeiterkinder, schwarze für Sehbehinderte usw., aber selbst das haben die Nazis bereits diskreditiert.

Die Problematik, die sich mit der Identifizierung der Problemkinder verbindet, zeigt abschließend und deutlich, dass die “Didaktischen Empfehlungen” blanker Rassismus sind, der auf Essentialismus aufbaut, wie ihn auch die Nazis hatten. Somit stellt sich abschließend die Frage, wie viele Generationen man zurückgehen muss, um z.B. eine soziale Abstammung, die keinen Migrationshintergrund mehr beinhaltet bzw. arbeiterfrei ist, nachzuweisen. Drei? Zwei? Sicher haben die Verantwortlichen an der FU-Berlin auf diese Frage eine Antwort.

Sozialpaternalismus: Herrschaft durch Entmündigung

Sozialpaternalismus ist eine Wortschöpfung, die ich gerade vorgenommen habe. Ja, und wo ich gerade dabei bin, den Begriff zu reklamieren, muss ich einräumen, dass ich zu schnell gewesen bin, mit meinem Innovations-Anspruch: Eine Suche in Google Scholar bringt für Deutschland immerhin 31 Einträge, eine Suche nach dem englischen Korrespondenten “social paternalism” erbingt immerhin 421 Einträge. Es gibt also schon einige Wissenschaftler vor mir, denen dieser Begriff in den Sinn gekommen ist. Das ist schön, da fühlt man sich nicht so alleine.

free to chooseUnter Sozialpaternalismus verstehe ich den Versuch, andere Menschen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie nicht gezeigt hätten, hätte man sie ihrem freien Willen entsprechend handeln lassen. In anderen Worten, Sozialpaternalismus ist für mich eine bewusste Manipulation der Willensfreiheit anderer mit dem Ziel, diese anderen zu einem Verhalten zu bewegen, das man selbst für “besser”, “günstiger” oder “nützlicher” hält, wobei noch zu klären wäre für wen das entsprechende Verhalten dann “besser”, “günstiger” oder “nützlicher” ist. Soweit ich sehe, ist die Betonung der Willensfreiheit eine Zutat, die bei den meisten anderen, die den Begriff benutzen, fehlt oder zumindest nicht betont wird. So betrachtet ist Sozialpaternalismus ein aggressiver Akt der Beeinträchtigung der Willensfreiheit anderer.

Unter Sozialpaternalismus fallen Versuche, Menschen zu gesundem Essen zu bewegen, also zu dem, was der “Versucher” als gesundes Essen ansieht. Darunter fallen Aufrufe, wie der der Bundesärztekammer, die Werbung für Tabakprodukte zu verbieten. Darunter fallen Steuern, wie die dänische Fettsteuer, die, nachdem sie von der Versucher-Lobby nach ihrer Einführung gefeiert wurde (Oktober 2011), nach gut einem Jahr, in dem die Steuer weitgehend nichts als Kosten verursacht hat, im November 2012 wieder abgeschafft wurde. Kurz: Sozialpaternalismus beschreibt jede Form eines Versuches, autonome Individuen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie von sich aus nicht gezeigt hätten.

nudgeAusgerechnet Ökonomen, Richard Thaler und Cass Sunstein, haben sich zu Anwälten eines Sozialpaternalismus gemacht. Dabei bauen Sie nach ihrer Ansicht auf Forschungsergebnissen auf, die weitgehend von Amos Tversky und Daniel Kahneman produziert wurden. Demnach handeln Menschen nicht, wie die klassische Ökonomie dies in ihrem Ideal des “economic man” angenommen hat, rational und voll-informiert. Vielmehr, so hat Herbert Simon argumentiert, in einem Zustand, der mehr oder minder Informiertheit, der ihnen nur rationale Entscheidungen (einer bounded rationality) im Rahmen ihres Wissens ermöglicht. Und ganz so als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Menschen, also z.B. Politiker und Ärzte, die sozialpaternatlistisch anderen vorschreiben wollen, was gut und richtig für sie ist, auf Grundlage von Halb- oder Viertelinformation Entscheidungen treffen, nein, Tversky und Kahneman haben zudem gezeigt, dass die dann getroffenen Entscheidungen oftmals nicht optimal sind, nicht den Rationalitätsannahmen entsprechen, die Ökonomen Menschen zu Gute halten.

Z.B. kann man durch negative oder positive Formulierung Ergebnisse beeinflussen, wie Tversky und Kahneman am Beispiel einer Behandlungsmethode gezeigt haben. In zwei völlig identischen Szenarien betonen sie einmal, dass die Behandlungsmethode z.B. 320 von 400 Menschen rettet, einmal 80 von 400 Menschen sterben werden. In der ersten Formulierung findet die Behandlungsmethode weite Akzeptanz, in der zweiten Formulierung nicht.

Aus diesem Beleg dafür, dass man Menschen mit der Art und Weise, in der man Dinge formuliert, beeinflussen kann,  sowie aus der Tatsache, dass viele Menschen uninformierte und wenig rationale Entscheidungen treffen, leiten Thaler und Sunstein die Berechtigung ab, einen Sozialpaternalismus zu predigen, dessen Ziel darin besteht, die “dummen” und “irrationalen” Menschen in die richtige Richtung zu “nudgen”, zu drängen, also etwa zum Verzicht auf den Schokoriegel, weil er dick macht, zum Verzicht auf die Zigarette, weil das Krebsrisiko steigt, zum Verzicht auf das dritte Bier, weil es die Leber schädigt, zur Organspende, zur Riester-Rente, zum Verzicht auf Konsum und vieles anderes mehr, was gerade als opportun gilt.

Die Mittel zur Durchsetung des Sozialpaternalismus sind mannigfaltig. Sie beginnen bei Steuern und Abgaben, mit denen ein Verhalten wie z.B. das Rauchen von Zigaretten verteuert wird, und sie reichen bis zu Verboten von Werbung für ein Produkt oder von bestimmten Verhaltensweisen, wie z.B. dem Rauchen von Cannabis.

Gegen Thaler und Sunstein sind schon viele Argumente vorgebracht worden, auch auf ScienceFiles haben wir uns zu beider Paternalismus schon geäußert. Ich will deshalb den Punkt machen, den ich oben angsprochen habe und der mir in der bisherigen Diskussion untergegangen zu sein scheint (sofern er überhaupt gemacht wurde): Sozialpaternalismus ist ein aggressiver Akt der Einschränkung der Willensfreiheit anderer.

Diese Kritik gliedert sich in zwei Teile:

  • Sozialpaternalismus basiert auf einer usurpierten moralischen und Informationshoheit, für die es keinerlei Begründung gibt. Und er basiert auf einer Entmündigung anderer, die als unterlegen und sich selbst gegenüber unverwantwortlich etikettiert werden.
  • Sozialpaternalismus enthält Individuen gerade die Informationen vor, die sie benötigen würden, wollten sie eine informierte Entscheidung treffen.

Mir ist keine Argumentation bekannt, in der Sozialpaternalisten, die sich darin gefallen, anderen zu sagen, was gut für sie ist, die Grundlage ihrer vermeintlichen Informations-Überlegenheit offenlegen. So warte ich immer noch darauf, dass die Befürworter von Organspenden auf die Schwierigkeiten hinweisen, den Eintritt des Todes zweifelsfrei festzustellen, darauf, dass sie offen erklären, warum Organe von jungen Menschen nachgefragter und besser zu verwerten sind als Organe von alten Menschen, und vor allem warte ich darauf, dass jemand die Verdienstkette bei Organtransplantationen offenlegt: Wer verdient was und wie an gespendeten Organen?

Medical paternalismDiese Informationen wären notwendig, damit Individuen eine informierte Entscheidung, eine rationale Entscheidung darüber fällen können, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Dennoch werden die Informationen nicht bereitgestellt. Warum nicht? Weil es Sozialpaternalisten opportuner erscheint, Menschen zu erzählen, es sei in ihrem Interesse, Organe zu spenden? Weil man verhindern will, dass sie informierte Entscheidungen treffen? Weil es dann nicht so einfach wäre, eigene Interessen durchzusetzen? Sozialpaternalismus erweist sich hier als Mittel, um eigene Interessen unter dem Deckmantel des, “ich will nur Dein Bestes” durchzusetzen und wie sich zeigt, ist die Ignoranz derjenigen, die dem Sozialpaternalismus unterzogen werden sollen, die Voraussetzung für den Erfolg dieses Vorhabens.

Damit bin ich beim entscheidenden Punkt angelangt: Sozialpaternalismus ist eine Herrschaftsform, die davon lebt, Menschen in Unmündigkeit zu halten bzw. sie zu entmündigen, ihre Willensfreiheit zu ignorieren und sie zu abhängigen, nicht zur eigenständigen Führung ihres Lebens fähigen dahin vegetierenden Lebensformen zu machen, deren Wohl und Wehe davon abhängig ist, was Sozialpaternalisten gerade als zu behandelnden Gegenstand ansehen. Wohin man andere “nudged”, wo man anderen notwendige Informationen vorenthält, ist dann eine Frage des eigenen Vorteils . Warum fordert die Bundesärztekammer z.B. ein Verbot der Tabakwerbung, aber keine Pflicht zur umfänglichen Information über die Risiken einer Organspende? Warum will die deutsche Regierung so vehement gegen Dicke vorgehen und hat kein Problem damit, wenn jährlich Tausende von Jungen in deutschen Schulen benachteiligt werden? Warum dieser Versuch, Bürger zu entmündigen und ihre Willensfreiheit zu missachten, wenn man durch die Bereitstellung von Informationen dazu beitragen könnte, dass Bürger eine informierte Entscheidung treffen, die dann natürlich auch darin bestehen kann, eventuell ein paar Lebensjahre gegen vergnüglichen Tabakkonsum zu tauschen oder mehr Schokoladenriegel zu essen, als politisch korrekt?

Sozialpaternalismus ist Herrschaft durch Entmündigung, informierte Bürger stören dabei.

Neoliberalismus

Für alle, die es noch nicht bemerkt haben, ScienceFiles ist ein liberales blog und ich gestehe, ich bin ein Liberaler. Nicht nur ich, nein, bei ScienceFiles wimmelt es von Liberalen. Das ganze Büro von SciencFiles sitzt voller Liberaler: Zwei Erwachsene und vier Katzen, Katzen, die individualistischsten Wesen, die es gibt, echte Liberale eben. Nicht nur sind wir Liberale, wir sind Neoliberale. Und um den Begriff ein und für alle Mal zu klären: Neoliberal bezieht sich auf die Wiederaufnahme liberaler Ideen nach dem Zweiten Weltkrieg, als es auch in Deutschland, in Westdeutschland, Menschen gab, die dachten, 1000 Jahre nationaler Kollektivismus sind genug, wir sollten es einmal wieder mit Freiheit und Inidividualität versuchen. Bereits damals hatte die Idee individueller Freiheit wenig Anziehungskraft auf die Sozialisten in Ostdeutschland, die an die Stelle individueller Freiheit und individueller Kreativität lieber die sozialistische Planung und – zwangsläufig Mangelverwaltung gesetzt haben. Also um es klar und deutlich vorweg zu nehmen: Neoliberalismus beschreibt “verschiedene Bemühungen zur Wiederbelebung des klassischen liberalen Gedankenguts, also der Ideen von Hume, Mill oder Smith” (Söllner, 2012, S.238).

Hume treatiseAllen diesen liberalen Denkern ist es eigen, dass sie für Kollektivisten, denen es darum geht, individuelle Freiheit zu beschneiden und dem “Kollektiv” unterzuordnen, Individuen also zu entmündigen, weil man entmündigte und untergeordnete Individuen besser beherrschen kann als freie und selbstverantwortliche Individuen, schwer verdauliche Sätze schreiben, wie z.B.: “Also können wir unter Freiheit nur verstehen: eine Macht zu handeln oder nicht zu handeln, je nach den Entschließungen des Willens; das heißt, wenn wir in Ruhe zu verharren vorziehen, so können wir es; wenn wir vorziehen, uns zu bewegen, so können wir dies auch” (Hume, 1984, S.113). David Hume sieht somit den Ort aller Freiheit im Individuum und den Willen von Individuen als den Ausgangspunkt aller Freiheit. Und davor, vor der Freiheit, willentlich zu handeln, haben Kollektivisten Angst. Adam Smith überträgt die Freiheit von Individuen auf das, was Menschen von je her immer und immer wieder miteinander getan haben: tauschen.  Tauschen wird bei Adam Smith erstmals systematisch als Verhalten, das auf Märkten stattfindet, beschrieben. Märkte sind entsprechend Orte, an denen Menschen tauschen, was Nachfrage findet, und Märkte sind darüber hinaus die Orte, an denen Angebot und Nachfrage in einem Preis resultieren.

Diese Fähigkeit des Marktes, einen Preis als Funktion von Angebot und Nachfrage als emergentes Ergebnis zu produzieren, hat F. A. von Hayek fasziniert und er hat diese Fähigkeit als Katallaxie des Marktes bezeichnet und ausgeweitet: Ein Markt ist für Hayek nunmehr ein Ort, an dem eine Vielzahl von Individuen mit einer Vielzahl von Ideen und Fähigkeiten nach Tauschpartnern Ausschau halten, die nachfragen, was sie anzubieten haben oder anbieten, was sie nachfragen wollen. Dieser Markt ist ein geordnetes Chaos, wenn man so will, als dessen emergenter Effekt z.B. die von Schumpeter beschriebenen Innovationen mit ihrer Kraft kreativer Destruktion fungieren, die bisher Dagewesenes hinwegschwemmen und mit Neuem ersetzen.

Hayek SerfdomDie neoliberale Welt besteht also aus freien Individuen, die auf je nach Lesart des Neoliberalismus freien Märkten (Hayek) oder wie in der ordoliberalen Variante Walter Euckens bedingt freien Märkten mit einander tauschen und durch das Spiel von Angebot und Nachfrage nicht nur Wohlstand, sondern auch Neues hervorbringen. Dies ist der Kern neoliberaler Gedanken und diesen Kern, die Trias: freie Individuen, (bedingt) freie Märkte , freier Tausch, diese Trias ist all denen ein Dorn im Auge, denen Freiheit ein Dorn im Auge ist. Sie ist denen ein Dorn im Auge,  die ihr Geld damit zu verdienen suchen, dass sie andere in Unfreiheit hineinreden, sie zu Opfern stilisieren und ihnen dadurch ihre Würde nehmen, dass sie sie zum Spielball mystischer und als kapitalistisch bezeichneter Mächte erklären. Selbsterständlich sind die entsprechenden Gegner, besser: Feinde des Neoliberalismus ausgesuchte Menschenfreunde, deren eigener Altruismus sie dazu zwingt, für die Armen Opfer der Märkte, deren Existenz für sie so grundlegend wichtig ist, in die Bresche zu springen, in dem sie sich vor den Zug der Geschichte auf die Gleise des Neoliberalismus werfen, um den Zug selbstlos und heldenhaft zu stoppen.

Ich gebe zu, das war pathetisch, aber es trifft den Habitus, mit dem diese selbsternannten Retter der “Armen” auftreten, die wiederum die meisten dieser Retter nur vom Hörensagen kennen. Und ich gebe zu, ich habe keinerlei Toleranz mehr übrig, für diese kleinen möchtegern Mephistos, die durch die Welt laufen, um denjenigen “Armen”, die versuchen, etwas aus sich zu machen, Worte wie “Neoliberalismus” ins Ohr zu hauchen, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen und sie für sich als Verfügungsmasse zu sichern, über die man auch weiterhin die eigene Gutheit ausgießen kann. Ich bin genau dann bereit, meinen Abscheu, den ich diesen “Gutmenschen” gegenüber empfinde, zumindest versuchsweise zu überwinden, wenn ich den ersten Feind des Neoliberalismus getroffen habe, der etwas getan hat, also mit seinen Händen, nicht mit seiner Klappe, um die furchtbare Situation der “Armen”, die er so herablassend bedauert, zu verbessern (also z.B. sich in einer Armenküche engagiert, sich um Wohnsitzlose kümmert, eine Obdachlosenunterkunft organisiert oder den “Armen” Fähigkeiten vermittelt, die sie selbständig und selbstsicher und vor allem unabhängig von “Gutmenschen” wie ihm machen.).

MaulheldAber, die Forderung, dass sich die Feinde des Neoliberalismus nicht nur in Wort, sondern in Wort und Tat, um die “Armen”, deren Obliegenheiten ihnen so am Herzen liegen, kümmern, dass sie diese “Armen” in die Lage versetzen, ein eigenständiges und kein gönnerhaft zugestandenes Leben führen zu können, kann man leicht aufstellen, denn es besteht keine Gefahr, dass diese Forderung erfüllt wird. Die Feinde des Neoliberalimus, sind Feinde von Individualismus und Freiheit, sie brauchen entsprechend eine große Gruppe unfreier und leicht manipulierbarer Objekte, um die eigene Ideologie aufrecht zu erhalten. Und worin besteht nun genau diese eigene Ideologie des “anti-Neoliberalismus”, der Feindschaft gegenüber Freiheit und Individualismus?

Eine Recherche in Google Scholar bringt hier Klarheit. Wenn man sich durch den vom Grin-Verlag publizierten Unsinn studentischer Arbeiten gefressen hat, der Titel wie: “Der Neoliberalismus und seine Folgen: Zunahme egoistischer Tendenzen” oder “Neoliberalismus und Neue Freiheit für Konzerne” trägt und einem  das kalte Grausen ob dessen und der Qualität dessen, was an deutschen Universitäten gelehrt und gelernt wird, befallen hat, stößt man auf zwei Bücher, die von Christoph Butterwegge, Bettina Lösch und Ralf Ptak in einem Fall verfasst, in einem Fall herausgegeben wurden.

Ersteres ist mit “Kritik des Neoliberalismus” betitelt und beinhaltet zumindest in seinen ersten Kapiteln zumindest den Versuch, sich mit dem Gegenstand “Neoliberalismus” zu beschäftigen. Dies ist mehr als man gemeinhin von entsprechenden “Kritiken” erwarten kann. Dass das Buch dann zu einer “Abrechnung” degeneriert, die mit viel Behauptungen und wenig Substanz geführt wird, ist um so bedauerlicher. Das zweite Buch, herausgegeben von Butterwegge, Lösch und Ptak ist ein anderes Kaliber. Es ist ein Flickenteppich, den man unter die Überschrift, was mir zum Neoliberalismus einfällt und was ich schon immer einmal dagegen vorbringen wollte, stellen kann und in dem mit jeder neuen Seite die Idee der Wissenschaft, wie wir sie in unserem Grundsatzprogramm beschrieben haben, aufs Neue verraten wird. Aber, der oftmals bemühte weise Pfälzer hat es gesagt: Es ist nichts so schlecht, als dass es nicht für etwas gut ist, und entsprechend kann man dem von Butterwegge, Lösch und Ptak herausgegebenen Buch doch zumindest entnehmen, warum die versammelten Autoren so eine große Angst vor Neoliberalismus haben.

Da schreibt z.B. ein Alex Demirovic folgende bemerkenswerte Leerformel:

“Ich schlage vor [warum auch nicht], den Neoliberalismus als eine praktische Ideologie der gibberishAkteure des Kapitals zu begreifen. Als solche ist er vor allem (gegen) revolutionär und zerstörerisch: er organisiert die Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse unter kapitalistischen Bedingungen. … Neoliberalismus ist der Versuch, den Kapitalismus, den Wettbewerb und das Leistungsprinzip als Lösung der Gerechtigkeitslücken auszuweisen …” (Demirovic, 2008, S.19-20).

Ich schlage meinerseits vor, das Grumpf als praktische Ideologie der Akteure des Mampf zu begreifen. Als solche ist es vor allem (gegen) revolutionär und zerstörerisch: es organisiert die Transformation der gesellschaftichen Verhältnisse unter den Bedingungen des Grumpf. Offensichtlich hängt der Inhalt der Aussage davon ab, was man als Grumpf und Mampf ansieht, und so wie ich es den Lesern überlassen habe, die Bedeutung von Grumpf und Mampf selbst zu bestimmen und zu bewerten, so hat Demirovic es seinen Lesern überlassen, unter Neoliberalismus und Akteure des Kapitals zu verstehen, was sie mögen und vor allem zu bewerten, was sie mögen. Demirovic schreibt hier nichts Wissenschaftliches, sondern er legt affektive Köder: Also: Alle die auf “Neoliberalismus” und “Akteure des Kapitals” hören, so wie Pawlows Hund auf die Türglocke hört, bitte anbeißen. Ziemlich durchsichtiger Versuche der Manipulation, aber er soll klappen, wie man hört. [Und um zu zeigen, wie revolutionär Neoliberale sind, hier ein Vorschlag von ScienceFiles: Alle Autoren des von Butterwegge u.a. herausgegebenen Buches, mögen sich zusammenfinden, um die Hälfte ihres Gehalts dafür zu spenden, dass "Armen" die Gelegenheit gegeben wird, ein besseres Leben zu führen. Alternativ mögen sie nach Arbeitsschluss gemeinnützige Arbeit in einem Obdachlosenheim oder bei der Lebenshilfe verrichten.]

Nachdem Demirovic diejenigen gesammelt hat, die ihm affektiv folgen, kommt, was ihm eigentlich nicht passt am “Neoliberalismus”, nämlich: Wettbewerb und Leistungsprinzip. Den Gerechtigkeitssermon lasse ich außen vor, er dient sowieso nur zur emtionalen Onanie. Was kann man gegen Wettbewerb und Leistungsprinzip haben? Mill libertyOder, anders gefragt, wer kann etwas gegen Wettbewerb und Leistungsprinzip haben? Die Fragen sind einfach zu beantworten: Gegen Wettbewerb haben alle etwas, die meinen nichts anzubieten zu haben, und gegen das Leistungsprinzip haben alle etwas, die nichts leisten wollen oder meinen, nichts leisten zu können. Und schon erweisen sich die Feinde des Neoliberalismus als Personen, die sich nach eigener Ansicht besser stellen, wenn sie nicht mit anderen konkurrieren müssen und die sich besser stellen, wenn nicht Leistung, sondern unabhängig von Leistung belohnt wird. Wenn man nun aber nicht sagen will, dass man Angst vor Wettbewerb hat, weil man nichts anzubieten hat und auch das Leistungsprinzip eher negativ bewertet, ob der Furcht, dabei schlecht anzuschneiden, was macht man dann? Man macht sich zum Anwalt einer Gruppe von Menschen, denen man die eigene Ansicht oktroyiert, dass sie Opfer sind, Opfer des Neoliberalismus. Man selbst ist natürlich kein Opfer, und wäre jederzeit wettbewerbs- und leistungsfähig, aber, weil es die vielen Opfer des Neoliberalismus gibt, und man selbst so verantwortungsbewusst und altruistisch ist, versagt man sich die reichen Früchte des Wettbewerbs und kämpft statt dessen für die “Armen”.

Im Kern sind Feinde des Neo-Liberalismus also das, was man im Englischen Sponger nennt: Personen, die auf Kosten von anderen ihre ideologischen Schlachten führen und versuchen für sich eine konkurrenzfreie Zone zu schaffen, schon weil in konkurrenzfreien Zonen niemand fragt, ob der Preis, der von der Gesellschaft z.B. für Universitätsprofessoren zu entrichten ist, deren Leistung dann in Analysen über den Neoliberalismus ihren Niederschlag findet, nicht zu hoch ist.

Ich für meinen Teil finde es schäbig, sich auf dem Rücken von Armen zu profilieren, auf dem Rücken von Armen ideologische Schlachten zu führen, Arme zu unfreien Opfern zu stilisieren, und sie in jeder nur erdenklichen Weise für den eigenen ideologischen Kampf auszunutzen, in dem nur eines nicht vorgesehen ist, ein eigenständiges und selbstverantwortliches, sich selbst respektierendes Individuum. Und dass ein solches Individuum von den Feinden des Neoliberalismus nicht vorgesehen ist, hat einen einfachen Grund: freie, eigenverantwortliche und sich selbst respektierende Individuen sind nur im Neoliberalismus vorgesehen.

Literatur:

Butterwegge, Christoph, Lösch, Bettina & Ptak, Ralf (2008). Kritik des Neoliberalismus. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Demirovic, Alex (2008). Neoliberalismus und Hegemonie. In: Butterwegge, Christoph, Lösch, Bettina & Ptak, Ralf (Hrsg.). Neoliberalismus. Analysen und Alternativen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Hume, David (1984). Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Hamburg: Meiner.

Söllner, Fritz (2012). Die Geschichte des ökonomischen Denkens. Wiesbaden: SpringerGabler.

 

Unsinn der Woche: Die sprachliche Armut der Nationalen Armutskonferenz

scully facepalmDie Versuche, in die Sprachgewohnheiten und das Sprechen an sich, einzugreifen, oder anders formuliert: Aggressive Tendenzen die Sprachgewohnheiten von Deutschen zu zensieren bzw. zu manipulieren, sind in letzter Zeit ziemlich häufig geworden, und sie umfassen eine Anzahl unterschiedlicher Akteure. Dass Genderisten versuchen, die deutsche Sprache so zu verunstalten, dass eine Verständigung weitgehend ausgeschlossen ist, daran hat man sich fast schon gewöhnt. Aber diese Versuche, das grammatikalische Geschlecht eines Wortes zur Essenz zu erklären und mit dem biologischen Geschlecht gleichzusetzen, so unbeholfen und bar jeder Kenntnis davon, was eine Sprache ausmacht, sie auch sind, sind keine vereinzelten Versuche. Nein, sie sind Teil eines – wäre man Anhänger einer Konspirationstheorie, dann würde man sagen: großangelegten Versuchs, die deutsche Sprache als Mittel der Verständigung unbrauchbar zu machen und zu einem Herrschaftsinstrument umzufunktionieren, wie dies z.B. die Kommunisten unter Stalin getan haben, als bestimmte Sprachregelungen eingehalten werden mussten, wollte man nicht vom NKWD abgeholt werden.

Da findet sich das Bundesfamilienminist, das von das Gott spricht und hofft, andere tuen es ihm gleich, da finden sich Wortfetischisten in Darmstadt, die regelmäßig kundtun, welche Worte sie in der deutschen Sprache nicht wünschen, da finden sich Juristen, die regelmäßig versuchen, Worte ihres Sinns zu entkernen und zu willkürlichen Ansammlungen von Buchstaben zu machen, deren Sinn dann natürlich juristisch festgestellt und mit der entsprechenden Kostennote verbunden werden muss, usw. Die deutsche Sprache ist zu einem Wunschkonzert geworden, so scheint es, an dem sich jeder dahingehend beteiligen kann, dass er die Begriffe beisteuert, die er gerne entfernt hätte.

nakUnd so ist auch die Nationale Armutskonferenz angetreten, um die Welt mit ihren Erkenntnissen über “soziale Unwörter” zu beglücken (nationale Armutskonferenz findet sich auf der Liste übrigens nicht). Die entsprechende Liste wird eingeleitet von einer Satzansammlung, die sich mit dem “Unwort” “sozial Schwache” beschäftigt und in der u.a. zu bedenken gegeben wird, dass “sozial Schwache” nicht sozial schwach seien, weil sie nicht sozial veranlagt seien. Diese bemerkenswert engstirnige Sicht wird durch Thomas Beyer mit einer Erkenntnis angereichert, auf die die Sprachwelt gewartet hat: “Sprache ist nicht neutral”, so weiß er zu verkünden: “Sprache bewertet”, so fährt er fort und kommt zu dem Ergebnis dass wir (also sie und ich) “Sprache so nutzen [sollten], dass sie keine Klischees (re)produziert”. Nun könnte man geneigt sein, zu fragen, wo Thomas Beyer das Klischee hernimmt, sie oder ich, also wir, benötigten seine Erkenntnisse und hätten es notwendig, seinen normativen Ausführungen zu lauschen, aber diese Frage verblasst vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Problems, das uns ereilt hat, während wir in Wales unterwegs waren.

red houseIn Wales steht nämlich ein Haus. Dieses Haus ist rot gestrichen. Als wir an diesem Haus, es war Höhe Cardiff, vorbeigefahren sind, haben wir unwillkürlich an Thomas Beyer denken müssen und seine Erkenntnis, dass Sprache, also alle Sprache, bewertet. Wenn wir nun an diesem Haus vorbeifahren, und ich sage zu Dr. Diefenbach, “wow, that is quite red, isn’t it?”, was habe ich dann gesagt. Dass ich Rot mag, oder nicht mag, dass das Haus mein Missfallen erregt hat, dass ich festgestellt habe, das Haus ist rot, dass der Eigentümer des Hauses wohl ein Anhänger von Cardiff City, F.C. ist? Wie, so haben wir uns gefragt, ist noch Verständigung möglich, wenn demonstrative Aussagen im Meer der von Beyer gesehenen Bewertung versinken. Das ist wirklich ein Problem, oder ist Beyers Aussage schlicht essentialistischer Unsinn?

Man könnte denken, es sei Unsinn, wenn man in Rechnung stellt, dass – mit Ausnahme von Thomas Beyer und der Nationalen Armutskonferenz versteht sich – kaum mehr jemand der Ansicht ist, dass Sprache sich mitteile, eine im Raum flottierende Entität darstelle, die sich wie der heilige Geist auf Sprechende niederlässt, sich ihnen kundtut. Nein, die Mehrheit der Menschen und alle Sprachwissenschaftler sind der Ansicht, Sprache und sprachlicher Austausch stellten einen Prozess dar. Einer sagt etwas, ein anderer hört etwas. Ob derjenige, der etwas hört, das hört, was derjenige, der etwas gesagt hat, gesagt hat, ist Ergebnis dessen, was man als Sprachverhandlung ansehen könnte. Und diese Sprachverhandlung hat Anlass zu einer großen Zahl soziologischer Untersuchungen gegeben.

GarfinkelSymbolische Interaktionisten haben gezeigt, dass im Verlauf einer sprachlichen Interaktion erst Sinn geschaffen wird, der Sinn eines Dialogs also am Ende des sprachlichen Austausches, nicht an seinem Anfang steht. Ethnomethodologische Studien haben gar gezeigt, dass eine Kommunikation darin bestehen kann, dass die daran Beteiligten ihre jeweils eigene symbolische Bedeutung in die Kommunikation lesen und aus der Kommunikation herausnehmen und dass die jeweiligen Bedeutungen in keiner Weise übereinstimmen müssen. So lange die Erwartungen, der miteinander Sprechenden erfüllt werden, fällt es in der Regel nicht auf, dass die Teilnehmer einer Kommunikation aneinander vorbei reden. Das Tröstliche an diesen Forschungsergebnissen ist die Tatsache, dass eine Kommunikation eine Interaktion unter Freien ist: Einer sagt etwas, und einer hört etwas. Und so wie derjenige, der etwas sagt, die Freiheit hat, das, was er sagen will, zu formulieren, so hat derjenige, der etwas hört, die Freiheit, das zu hören, was er hören will. Verständnis wird auf diese Weise zu einem Prozess, an dem Sprecher und Hörer abwechselnd beteiligt sind, Verständnis ist etwas, das sich einstellt, nicht etwas, das unabhängig von Sprecher und Hörer vorhanden ist.

blithering_idiotGenau diesen Essentialismus pflegen aber Thomas Beyer und seine Armutskonferenz. Dort glaubt man tatsächlich, dass Wortbedeutungen in Stein gemeiselt sind und vermutlich im Buch Abrahams stehen, von wo aus sie sich mitteilen. Die Freiheit eines Hörers, sich gegen die von einem Sprechenden offensichtlich insinuierte Bedeutung zu wenden, ist bei Beyer und seiner Armutskonferenz nicht vorgesehen. Damit treten sie in die Fussstapfen all der Juristen, die dem Glauben anhängen, eine Beleidigung sei ein per se feststehender Akt. Wenn ich also Trottel zu einem Juristen sage, dann ist das per se eine Beleidigung, die unser Jurist auch als solche ansehen muss. Die sprachliche Welt ist determiniert und individuelle Freiheit ist ausgeschlossen. Entsprechend ist ausgeschlossen, dass der Jurist, den ich als Trottel bezeichnet habe, ein Verhalten gezeigt hat, das mit allen Kriterien im Einklang steht, an denen man gemeinhin einen Trottel bemisst. Ebenso ist ausgeschlossen, dass unser Jurist der Ansicht ist, jemand wie ich könne jemanden wie ihn überhaupt nicht beleidigen. Er hat beleidigt zu sein, und ich habe die Absicht zu haben, zu beleidigen, wenn ich das Wort “Trottel” in den Mund nehme. Die Freiheit, die mit Sprache, Sprachverwendung und Sprachanwendung gemeinhin verbunden ist, wird durch solchen Unsinn und zum Nutzen der Einkommen von Juristen eingeschränkt.

Doch zurück zur nationalen Armutskonferenz, bei der man der Meinung ist, man müsse sich zum Pater Familias aufschwingen, um die Armen, die man unter seine Obhut genommen hat, zu schützen, denn dazu sind die Armen nach Ansicht der paternalisierenden Konferenz nicht selbst im Stande. Entsprechend müssen die Armen vor Sprache, vor Worten geschützt werden, Worten wie:

  1. Alleinerziehend, denn alleinerziehend sage nichts über mangelnde Einbettung oder gar Erziehungsqualität aus. Beides werde aber häufig mit “alleinerziehend” assoziiert.
  2. Arbeitslos/Langzeitarbeitslos sollte nach Ansicht der Armutskonferenz nun erwerbslos heißen, weil es viele Arbeitsformen gebe, die kein Einkommen sichern.
  3. Bildungsferne Schichten sollten als fern vom Bildungswesen oder vom Bildungswesen nicht Erreichte umschrieben werden.
  4. Behindertentransport ist falsch, da Menschen nach Ansicht der Armutskonferenz befördert werden, während Tiere transportiert würden.
  5. Flüchlingsfrauen sei überflüssig, denn der Begriff Flüchtlinge umfasse beide Geschlechter.
  6. Missbrauch sei eine “ungute Vokabel”, weil damit ein schwerwiegender sexueller Straftatbestand assoziiert werde.

Ich will es bei diesen Beispielen belassen und den interessierten Leser auf die Liste der Armutskonferenz verweisen. Aber natürlich kann ich den Unsinn, der von der Armutskonferenz verbreitet wird, so nicht stehen lassen.

  1. Alleinerziehend beschreibt die Tatsache, dass in der deutschen Kultur das Bild der Kleinfamilie vorherrscht, in der Kinder mit zwei Eltern aufwachsen. Werden Kinder nur von einem Elternteil traktiert, dann beschreibt man dies mit Blick auf den entsprechenden allein verantwortlichen Elternteil mit dem Begriff alleinerziehend. Dass Menschen, wenn sie Begriffe hören, Assoziationen formen, manche an die Qualität der Erziehung denken, wenn sie “alleinerziehend” hören, ist ein normaler Bestandteil des sozialen Lebens, den man nicht unterbinden kann und den man vor allem nicht dem Begriff anlasten kann. Wer dies dennoch tut ist von Sinnen und sollte einen Psychiater aufsuchen, denn er hat offensichtlich eine Wortphobie.
  2. Arbeitslos beschreibt Menschen ohne Arbeit. Nun soll arbeitslos falsch sein, weil es Arbeitsformen gibt, die kein Einkommen sichern. Die entsprechend Arbeitenden wären dann, was? Erwerbslos? Oder erwerbstätig? Oder erwerbslose Arbeitende? Und was machen wir, wenn wir arbeitslos gestrichen haben, mit der Tatsache, dass es Personen gibt, die keine Erwerbsarbeit finden (wollen)? Mir scheint dies eine fortgeschrittene Form von Denkverwirrung zu sein, denn einerseits sind die Herrschaften bei der Armutskonferenz offensichtlich der Ansicht, dass sich Arbeit nur über das Einkommen definieren lasse, was sie ablehnen, andererseits ersetzen sie Arbeit durch Erwerb, was notwendigerweise dieselben Probleme mit sich bringen wird, denn auch der Erwerb richtet sich auf etwas, das erworben werden soll. Und was das Ganze mit der Tatsache zu tun hat, dass es Personen gibt, die weder einer Arbeit noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nun, ich weiß es nicht.
  3. Mein Lieblingsbegriff (oh, diese wertende Sprache) ist “Bildungsferne Schicht”. Daraus soll nach Ansicht der Armutskonferenz, jener Ansammlung von Personen, die von sprachlicher Bildung bislang nicht erreicht wurden, “vom Bildungswesen nicht Erreichte” werden. Man weiß nicht ob man weinen oder lachen soll, ob dieses Unsinns. Und dass in Deutschland Schulpflicht ist, es daher nicht möglich ist, vom Bildungswesen nicht erreicht zu werden, sei nur am Rande erwähnt.
  4. Behindertentransport – die Logik, dass Menschen befördert und Tiere transportiert werden, ist einzigartig. Ich nutze entsprechend nie wieder öffentliche Transportmittel. Und Krankentransporte werden zur Krankenbeförderung, was die Frage aufwirft, wohin die Kranken befördert werden, hoffentlich nicht ins Jenseits. Und zu allem Überfluss zeigt sich bei der Post keine Bereitschaft künftig Pakete nicht mehr zu befördern, vielmehr besteht die Post auf Beförderung der Pakete, was dem Zustand, in dem die Pakete ankommen, dennoch nicht immer zuträglich ist.
  5. 132aWar “Bildungsferne Schicht” mein Lieblingswort, so ist der Begriff “Flüchtlingsfrau” nicht weit dahinter. Ich bin natürlich damit einverstanden, dass die Armutskonferenz fordert mit diesem Innen-Blödsinn aufzuhören und die grammatikalischen Geschlechter von Worten nicht zum Anlass zu nehmen, um seine eigenen biologisch inspirierten Wunschvorstellungen in Worte zu projezieren. Also lassen “wir” diesen Unsinn, die Armutskonferenz hat es beschlossen.
  6. Die ungute Vokabel “Missbrauch” gibt es bei der nationalen Armutskonferenz nur als “sexuellen Missbrauch”. Einerseits sollte man diese Aussage mit einer Warnung verbinden, denn normale Menschen, sollten sich nicht mit Mitgliedern der nationalen Armutskonferenz einlassen, das kann in unguten Vokabeln enden. Andererseits können wir nach Ansicht der Armutskonferenz also Adjektive streichen, denn die nähere Bestimmung von Nomen wie “Missbrauch” ist – wie man bei der Armutskonferenz weiß – nicht mehr nötig, da jeder der Missbrauch hört, weiß, dass es sich nur um sexuellen Missbrauch handeln kann. Wie fixiert auf ein Thema kann man eigentlich sein?

Das Ausmaß von Unsinn, das die nationale Spracharmutskonferenz einem zumutet, ist so groß, es kann einfach nicht an einem vorbei gehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und bei uns hat es Spuren hinterlassen, tiefe Rillen im Profil der eigenen Sprache. Deshalb wollen auch wir uns am Wunschonzert beteiligen und rufen die Leser von ScienceFiles auf, sich ebenfalls am Wunschkonzert zu beteiligen. Wer also ein Wort kennt, das er schon immer loswerden wollte, jetzt ist die Zeit, es zu sagen.

Wir fangen mit den folgenden Unworten an, die wir auf den Index der deutschen Sprache gesetzt sehen wollen:

  1. Gleichstellung – Euphemismus, hinter dem sich der Versuch versteckt, die Gesellschaft nach sozialistischen Vorstellungen gleichzuschalten, d.h. die Unterschiede, die durch Motivation, Leistung und Engagement erzielt werden, nicht mehr zu honorieren;
  2. Solidarität – fiese Methode, um von denen, die etwas zu haben, etwas zu bekommen.
  3. Tolerenz – noch fiesere Methode, um sich die Möglichkeit zu verschaffen, anderen auf die Nerven zu gehen.
  4. Repräsentative Demokratie – aller fieseste Methode, um das Einverständnis von Menschen dafür zu erzielen, sie über den Tisch zu ziehen.
  5. Neoliberal – Behauptung, Freiheit sei zeitveränderlich; Versuch, Freiheit dadurch einzuschränken, dass man sie zum Gegenstand von Parteipolitik macht.

Nun sind Sie an der Reihe.

Gutmenschen-Elend: Denn sie wissen nicht, wovon sie reden

, aber sie wollen in jedem Fall schon einmal helfen.

Viele Zeitgenossen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie anderen erzählen, sie wären um deren Wohl besorgt, gelangen über kurz oder lang bei der Notwendigkeit an, Forderungen aufzustellen, von denen sie zwar denken, sie wären “populär”, “gut”, “Beleg ihrer Verantwortung für …[die Schöpfung, die nachwachsende Generation, Kinder, Jugendliche, Adipöse, Raucher, die Erde, die Dritte Welt (aber die ist gerade out - oder?) - bitte das ideologisch Passende bitte eintragen] , die sich aber im krassen und direkten Widerspruch befinden zu allem, was man als Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ansehen kann.

Medical paternalismSo haben nach einen Bericht in der WELT die beiden Professoren Hans-Georg Joost und Andreas Fritsche die Vorstellung des Ernährungsberichts 2012 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) dazu genutzt, die Einführung einer Zucker-Steuer zu fordern, um damit “vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum ungesunder Lebensmittel” abzuhalten. Hans-Georg Joost aus Potsdam, der immer dann, wenn es sich anbietet, z.B. erst kürzlich im so genannten Pferdefleisch-Skandal nach “dem Staat” ruft, damit er “den Verbraucher” vor vermutlich “der Industrie” schützt, hat beim Ruf nach einer Zucker-Steuer moralischen Beistand von Professor Andreas Fritsche aus Tübingen, der weiß, dass Verbrauchern “oft nicht klar [sei], dass Lebensmittel Zucker” enthielten, und der weiß, dass die Folgekosten von ungeregeltem Zuckerkonsum für das Gesundheitswesen aus dem Ruder geraten, wenn der Staat nicht regulierend eingreift, wie dies die Weltgesundheitsorganisation fordere.

Ein kurzer Exkurs zum Pferdefleischskandal: Es ist schon erstaunlich, welche Aufregung Pferdefleisch in Fertig-Lasagne herbeiführen kann, und zwar bei genau den selben Verbrauchern, die keinerlei Probleme mit einer Schlachtindustrie haben, die Tiere mit Antibiotika traktiert, damit sie ihr Leben in einem Stall ertragen, das einzig dem Lebensziel Schlachtung und Gefressen-Werden dient.

Nun, mit der Forderung danach, man möge doch die dummen Verbraucher davon abhalten, mehr Zucker in sich zu stopfen als von Medizinern wie Joost und Fritsche für gut befunden, und dazu eine Zucker-Steuer einführen, verbinden sich vier Probleme:

  1. Steuern wie die Zucker-Steuer, die im Englischen als Sin-Tax (Sünden-Steuer) bezeichnet werden, sind zumeist wirkungslos im Hinblick auf die Wirkung, die mit ihnen beabsichtigt ist;
  2. Steuern, wie die Zucker-Steuer, sind sozial ungerechte Steuern, da sie Arme, die Gutmenschen doch eigentlich am Herzen liegen sollten, mehr treffen als Reiche;
  3. Der Genuss von Zucker oder Tabak, bringt auf lange Sicht nicht mehr Kosten für die sozialen Sicherungssysteme, sondern weniger Kosten;
  4. Steuern wie die Zucker-Steuer sind paternalistisch und entsprechend ein Eingriff in die Selbstbestimmung;
I'm not responsible

I’m not responsible

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Sin-Taxes nicht das gewünschte Ziel erreichen, so zahlreich, dass es genügen müsste, auf sie zu verweisen. Aber, wie so oft in der empirischen Sozialforschung, sind die entsprechenden Beiträge zumeist in englischer Sprache verfasst, selbst dann, wenn sie von deutschen Autoren stammen, so dass ich an dieser Stelle auf zwei sehr gute Arbeiten verweisen will, in denen sich die nun folgende Argumentation nachvollziehen lässt und in denen sich entsprechende Belege finden lassen. Es handelt sich dabei um ein Arbeitpapier von Adam J. Hoffer, William F. Shughart II und Michael D. Thomas mit dem Titel “Sin Taxes. Size, Growth, and Creation of the Sindustry” und um Christopfer Snowdons endgültige Zerlegung aller jemals für Sin Taxes vorgebrachten “Argumente”.

Sin-Taxes, wie die Zucker-Steuer, funktionieren nicht

Nimmt man nur einen Moment lang an, Menschen im Allgemeinen und Verbraucher im Besonderen seien nicht die dummen Tölpel, die Gutmenschen wie Joost und Fritsche in ihnen sehen wollen, nimmt man also an, Verbraucher seien sehr wohl in der Lage, aus einem Angebot die Produkte auszuwählen, die sie wollen, und kommt entsprechend zu der Einsicht, dass manche Zeitgenossen gar nichts gegen den Verzehr eines, zweier, ja, oh Schreck, exzessiver dreier Mars-Riegel einzuwenden haben, dann kommt man auf diesem Weg zu dem Schluss, dass die entsprechenden Verbraucher nach einem Weg suchen werden, um die höheren Kosten, die ihnen ihr Zuckergenuß durch die Erhebung einer Zuckersteuer verursacht, zu kompensieren. In ökonomischer cartoon cavemenSprache: Sie werden substituieren, teuren Zucker durch billigeren Zucker, durch Zuckerersatz. Leidet das Zucker-Genuss-Erlebnis, dann nimmt diese Substitution etwas andere Formen an, dann wird das Geld, um das der Zuckergenuss teurer geworden ist, eben an anderer Stelle eingespart, z.B. beim Kauf von Gemüse oder Salat oder lascher Getränke, in die kein Zucker Eingang gefunden hat. Ökonomen sprechen hier von nicht elastischer Nachfrage. Eine solche nicht-elastische Nachfrage liegt vor, wenn Verbraucher nicht einfach auf den Konsum von bestimmten Gütern verzichten können bzw. wollen, z.B. weil sie von Zigaretten abhängig sind (psychisch oder physisch), weil sie auf den Gebrauch von Insulin angewiesen sind oder aber, weil sie einen bestimmten Lebensstil pflegen, den sie nicht aufzugeben bereit sind, nicht einmal durch eine Steuer auf besonders kohlenhydrat- und tanninlastige Nahrungs- und Genussmittel beim Italiener um die Ecke.

Sin-Taxes sind sozial ungerechte Steuern

Selbsternannte Gutmenschen wie Hans-Georg Joost oder Andreas Fritsche, die sich um den Körperumfang anderer sorgen, haben nicht auf der Rechnung, dass die Dicken gar kein Problem mit ihrem Dicksein haben könnten. Vielmehr gehen sie von triebgeleiteten Deppen aus, die dem Reiz eines Schokoriegels einfach nicht widerstehen können. Entsprechend muss man sie vor sich selbst schützen, und zwar durch eine Steuer. Das ist zwar nicht logisch, aber das, was immer kommt. Nun habe ich oben dargelegt, dass die Schokoriegel-Esser keine Deppen sind, sondern emanzipierte Verbraucher, die auch wissen, dass in Schokolade Zucker ist und dass Zucker zuweilen dick machen kann, die aber dennoch nicht auf ihren Genuß verzichten möchten und entsprechend die höhere Besteuerung durch Substitute zu unterlaufen suchen. Die Möglichkeit, dies zu tun, hängt wiederum vom Einkommen ab. Entsprechend haben Personen mit einem höheren Einkommen mehr Möglichkeiten, eine Zucker-Steuer zu umgehen bzw. auf alternative Produkte auszuweichen als Personen mit geringerem Einkommen, die entsprechend nach Einfuhr der Steuer einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schokoriegel aufwenden müssen. Und so entpuppen sich die Gutmenschen von oben, nunmehr als sozial diskriminerende Gutmenschen, die ihre Ideologie vom dünnen, gesunden Menschen auf dem Rücken von sozial Schwachen ausleben.

Die Einführung von Sin-Taxes entlastet die sozialen Sicherungssysteme

Die höheren Kosten, die durch Raucher, Adipöse und wer auch immer gegen den Gesundheitskodex der beiden Professoren verstößt, verursacht werden, sind im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme ein schwer zu erledigender Mythos und dies obwohl es unzählige Studien gibt, die zeigen, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher und entsprechend die Rentenkasse nicht in gleichem Umfang belasten. Anscheinend ist die geheuchelte Sorge um die Gesundheitskosten ein zu fester Bestandteil der eigenen Gutheits-Inszenierung, als dass man ihn fallen lassen könnte.

Die anyway“There is ample evidence that, on average, smokers and the obese are less of a ‘drain on public services’ than nonsmokers and the slim because they spend fewer years withdrawing pensions, prescriptions, nursing home provisions and other benefits. Their lifetime health care costs are usually lower than those who lead healthier lifestyles. If making consumers pay their way is truly the aim of public policy, the government would be more justified in placing a tax on fruits and vegetables” (Snowdon, 2012, p.2-3)

“Recent studies have shown that smokers cost governments less in social welfare than otherwise identical nonsmokers. Because smokers die younger, on average, they require fewer long-term health care services and collect fewer Social Security benefits. These savings more than compensate for the medical costs of those who become ill from smoking (Hoffer, Shughart & Thomas, 2013, S.6).”

Sin-Taxes sind paternalistisch und ein Eingriff in die persönliche Freiheit

Bis hierher ist deutlich geworden, dass Sin-Taxes kein geeignetes Mittel sind, um Verhalten von Menschen zu verändern, aber sie sind eine hervorragende und stetig sprudelnde Einkommensquelle für Regierungen, vor allem deshalb, weil sie sich die Tatsache zu Nutze machen, dass die von der Sin-Tax Betroffenen ihre Konsumgewohnheiten aufgrund der Steuer gerade nicht ändern wollen bzw. können. Insofern sind die entsprechenden Steuern eine Spitzenleistung der Heuchelei, denn sie werden mit der Sorge um “die Menschen” verkauft, zielen aber lediglich darauf ab, die immer leerer werdenden Staatssäckel durch neue Steuerinnovationen zu füllen. Dass diese Form der Heuchelei auch noch mit Paternalismus einhergeht und dass es mit Cass Sunstein und Richard Thaler zwei Autoren gibt, die sie gar als einen “liberalen Paternalismus” verkaufen wollen, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Till Grüne-Yanoff hat in einem lesenswerten Beitrag bereits gezeigt, warum es keinen liberalen Paternalismus geben kann. Der interessierte Leser sei auf seinen true powerBeitrag verwiesen.

Ich will mich an dieser Stelle darauf konzentrieren, dass es ja jemanden geben muss, der im Meer der potentiell schädlichen Verhaltensweisen diejenigen ausmacht, die besteuert werden sollen. Derzeit werden adipöse und rauchende Säue durch deutsche Dörfer getrieben. Aber warum eigentlich? Warum weist niemand darauf hin, dass bestimmte Sportarten mit gesundheitlichen Schäden einhergehen, z.B. Arthritis oder Knorpelschäden? Warum reagiert niemand auf die irritierende Studie, die mir Dr. habil. Heike Diefenbach gerade geschickt hat und deren Ergebnis darin besteht, dass zu fit sein ungesucht ist: Sportliche Betätigung, so haben die Forscher herausgefunden, erhöhte bei 10% der Aktiven den Blutdruck, und führte zu ungesunden Cholesterol und Insulin-Werten.  Warum also nicht Sport besteuern und in der Schule verbieten (weil wir uns ja bekanntlich mehr um Kinder und Jugendliche als um Erwachsene sorgen müssen, um gute Menschen zu sein.). Olivenöl enthält Weichmacher, die sich negativ auf die Gesundheit und, Gipfel des Schreckens, auf die Fertilität auswirken. Na wenn das nicht danach ruft, besteuert zu werden? Die Antibiotika, die Rindern verabreicht werden, damit sie ihr Leben ertragen können, tragen zu einer verstärkten Resistenz gegen Antibiotika bei Fleischessern und Milchtrinkern bei. Also muss man beides besteuern, damit die Fleischesser und Milchtrinker nicht am nächsten Virus verenden. Der Möglichkeit, “die Verbraucher” zu paternalisieren, sind also keine Grenzen gesetzt. Hat man Verbraucher erst einmal zu einem Haufen unmündiger Deppen erklärt, dann lässt sich immer eine Einnahmequelle für geldnotleidende Staaten finden, und die vielen Gutmenschen, die sich regelmäßig über die ungesunden Eß-, Trink-, ja Lebensgewohnheiten der anderen, der Verbraucher, beklagen, sind ein unverzichtbarer Stein im Mosaik der täglichen Entmündigung.

Wenn man schon nicht gegen Sin-Taxes ist, weil die Steuerung menschlichen Verhaltens, die die entsprechenden Steuern versprechen, nicht klappt, nie klappen wird und auch nicht klappen kann, dann sollte man zumindest aus Selbsterhaltungsgründen gegen die entsprechenden Steuern sein: Die Sucht von Gutmenschen danach, für andere zuerst Sorgen zu erfinden und diese dann durch Regulation, den Ruf nach dem Staat und in jedem Fall durch Entmündigung der Umsorgten für diese zu lösen, ist einfach zu stark, als dass man sie weiterhin ignorieren könnte.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat mich noch auf einen  Beitrag  aufmerksam gemacht, aus dem hervorgeht, dass die einfache Welt der Besorgnis, die Gutmenschen bewohnen, doch komplexer ist, als sie denken:
People can be fat, yet fit, research suggests