Heute schon gelacht, z.B. über Christine Lüders?

scully facepalmWir werden jetzt gnadenlose und gendergerechte zudem geschlechtssensible, weil von einem männlichen und einem weiblichen Redaktionsmitglied geprüfte Logik zur Anwendung bringen, um uns über Christine Lüders nicht lustig zu machen, nein, um Nachhilfe zu geben, immer in der Hoffnung, dass auch Leiter von Bundesbehörden, in diesem Fall die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, lernfähig sind. Dass Lüders lernfähig ist, muss man zu ihren Gunsten annehmen, auch wenn es Bestrebungen gibt, die Unschuldsvermutung aufzugeben und durch den Unschuldsnachweis zu ersetzen (das ist jetzt eine heftige Übertragungsleistung, die hier gefordert wird, aber sie zu erbringen, ist möglich). Jedoch wäre das Konzept des lebenslangen Lernens, das Bundesregierung und Politiker ihrer Bevölkerung überstülpen wollen, als defizitär ausgewiesen, träfe es ausgerechnet auf Politiker und Mitglieder der Bundesregierung nicht zu.

Nun zur Nachhilfe.

Christine Lüders stellt heute den Ersten und den Zweiten Bericht der Antidiskrminierungsstelle vor und hat vorab schon einmal ein paar Empfehlungen unter das Politikervolk gebracht. Wir zitieren:

“Nach Ansicht Lüders´ schützt das AGG nicht ausreichend vor sogenannten mehrdimensionalen Benachteiligungen und vor Diskriminierungen im Bildungsbereich. Das AGG verbiete zwar Benachteiligungen wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexueller Identität, aber in der juristischen Praxis würden meist nur Diskriminierungen aus einem Grund anerkannt. In der Realität seien Menschen aber immer wieder Opfer von Benachteiligungen aus verschiedenen Gründen. Lüders nannte das Beispiel von Frauen mit Migrationshintergrund, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen. Gut die Hälfte aller deutschen Betriebe würden keine Kopftuchträgerinnen einstellen wollen. Lüders sprach sich vor dem Ausschuss dafür aus, den Aspekt der mehrfachen Diskriminierung explizit im AGG zu verankern. Nur so könnten beispielsweise höhere Schadensersatzansprüche wegen mehrfacher Diskriminierungen geltend gemacht werden.”

abgezocktEinerseits sind wir als Mehrfachdiskriminierte zwar der Ansicht, dass mehr, anstelle von weniger Schadensersatz immer gut ist, sofern man nicht mit ethischen und moralischen Problemen geschlagen ist, was wir dummerweise sind, so dass wir das unseriöse Angebot von Frau Lüders, doch mehrfach zu profitieren, wo bislang nur ein einmaliges Handaufhalten möglich ist, mit aller Bestimmtheit zurückweisen.

Andererseits wird in der zitierten Passage eine Denk-Unfähigkeit deutlich, die man nicht ungestraft vorbeiziehen lassen kann, schon deshalb nicht, weil die logischen Bestandteile der deutschen Sprache regelrecht um Hilfe schreien.

Nehmen wir das, was Lüders vorträgt, auseinander.

  • Das AGG verbietet Diskriminierung wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexueller Identität.
  • In der Realität sind Menschen Opfer von Benachteiligungen aus verschiedenen Gründen.
  • Frauen mit Migrationshintergrund, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen = dreifache Diskriminierung, denn: ethnische Herkunft, Geschlecht und Religion.
  • Deshalb muss Mehrfachdiskriminierung im AGG verankert werden.

Implizit sagt Lüders damit:

  • Wenn jemand mehrfach diskriminiert wird, dann wird er nicht diskriminiert, da das AGG eine Mehrfachdiskriminierung nicht vorsieht.
  • Hilfsweise: Wenn jemand mehrfach diskriminiert wird, dann ist das schlimmer als wenn jemand einfach diskriminiert wird.
  • Und warum ist es schlimmer: Weil man nur für eine Diskriminierung Schadensersatz einklagen kann und nicht für mehrere.
  • Bevor wir überhaupt zur Berechnung des Schadensersatzes gelangen, muss die Menge der möglichen Mehrfachdiskriminierungen aus (1) ethnischer Herkunft, (2) Geschlecht, (3) Religion, (4) Weltanschauung, (5) Behinderung, (6) Alter und (7) sexueller Orientierung bestimmt werden. Nach aller Kombinatorik ergeben sich hier 119 zusätzliche Diskriminierungsmöglichkeiten, zu den sieben bereits vorhandenen, die als 119 zusätzliche Seiten an das AGG anzufügen sind.
  • Dumm nur, dass niemand sagen kann, warum z.B. ein homosexueller evangelischer Rollstuhlfahrer nicht als Erzieher in einem katholischen Kindergarten eingestellt wird. Entsprechend müsste man, nähme man Lüders mit ihrer Mehrfachdiskriminierung ernst, erst Horden von Juristen damit beschäftigen, die wahre Ursache der Diskriminierung herauszufinden, um dann eine Diskriminierungshierarchie zu erstellen: Also die Ablehnung des homosexuellen evangelischen Rollstuhlfahrers ist zu 75% auf das Evangelische, zu 15% auf den Rollstuhl und zu 5% auf die Homosexualität zurückzuführen. Alles, was jetzt noch notwendig ist, ist die Bestimmung der Entschädigungssummen und deren prozentuale Verrechnung.
  • Dazu müsste bestimmt werden, was schlimmer ist, also mehr Schadensersatz wert ist: Ist eine weibliche Migrantin mit religiösem Kopftuch mehr wert als ein männlicher homosexueller Rollstuhlfahrer, oder gibt es für einen linksextremen Alten, der denkt, er sei ein Trans und deshalb ein Kopftuch trägt, aus religiösen Gründen versteht sich, mehr als für eine geistig behinderte, lesbische Asiatin, die der AfD nahe steht?

Ob Frau Lüders auch nur die Spur einer Vorstellung davon hat, wovon sie redet?

Und der verwertbare Teil dessen, was Frau Lüders von sich gibt, zum Ende:

“Zu Diskriminierungen komme es bereits im Kindergarten und dies ziehe sich bis an die Hochschulen fort. So würde Migrantenkindern in der Grundschule trotz gleicher Eignung oftmals keine Empfehlung für das Gymnasium ausgestellt.”

Wenn es für Migrantenkinder eine Diskriminierung darstellt, dass bei gleichen Leistungen wie nicht-Migrantenkinder keine gleiche Grundschulempfehlung ausgestellt wird, dann muss festgestellt werden, dass Jungen in deutschen Grundschulen auch diskriminiert werden, denn wie die LAU und die ELEMENT Studie gezeigt haben, erhalten Jungen auch bei gleicher Leistung wie Mädchen seltener eine Grundschulempfehlung für ein Gymnasium als Mädchen.

Wir hoffen, es hagelt entsprechende Beschwerden von Eltern bei der Antidiskriminierungsstelle, wobei: “Das AGG gelte aber leider nicht für das öffentliche Bildungswesen, dies müsse verändert werden”, heißt es weiter. Praktisch – oder? Da, wo am meisten diskriminiert wird, gilt das AGG nicht. Deshalb: Unterstützen wir Christine Lüders doch dabei, diesen nachgewiesenen öffentlichen Hort der Einfach- und Mehrfachdiskriminierung, die Schulen, im HInblick auf Migranten und im Hinblick auf Jungen an den für den Rest der Republik geltenden Standards zu messen.

Update: Männerdiskriminierung durch das Professorinnenprogramm

BlacklistDie Blacklist der Universitäten, die Männer bei der Bewerbung auf W-Professuren diskriminieren hat einen neuen Eintrag. Ein Leser hat uns auf eine Ausschreibung der Hochschule Ostwestfalen-Lippe aufmerksam gemacht. Auf den ersten Blick ist die Ausschreibung vorsichtiger formuliert als die brachiale und keinen Zweifel an der beabsichtigten Diskriminierung aufkommen lassende Ausschreibung der Universität Bielefeld. (Die Ausschreibung der Uni Bielefeld ist zwischenzeitlich aus dem Internet verschwunden. Wir warten noch auf die Stellungnahme der Universität Bielefeld und die Stellungnahme des BMBF, also darauf, wie beide versuchen, die Diskriminierung von Männern zu etwas Anderem zu machen. Die entsprechende Aufforderung an das BMBF und die Universität Bielefeld durch die Antidiskriminierungsstelle ist bislang offensichtlich unbeantwortet geblieben. Vielleicht fällt den Gender-Bewegten in Ministerium und Universität ja nichts ein, was nicht schon auf den ersten Blick als Unsinn enttarnt werden kann…:).

Zurück zur Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

logo-hs-owlAusgeschrieben ist eine W2-Professur für Crossmedia-Journalismus. Der Aufzählung der üblichen Qualifikationen, die die gesuchte “Persönlichkeit” mitbringen muss, folgt die folgende Beschreibung der Einstellungsvoraussetzungen.

“Die Hochschule Ostwestfalen-Lippe vertritt das Prinzip Qualität durch Vielfalt und wünscht sich daher eine Erhöhung des Frauenanteils beim wissenschaftlichen Personal. Im Falle der Berufung einer Frau wird eine Finanzierung aus dem Professorinnenprogramm angestrebt.”

Warum man, wenn man “Diversität” erhöhen will, ausgerechnet auf Geschlecht setzt, was nun wirklich keine große Varianz aufweist, wird sich mir nie erschließen. Wenn die Ostwestfalen-Lipper sich “Qualität durch Vielfalt” wünschen, dann schlage ich vor, sie versuchen die IQ-Verteilung ihrer Dozenten im rechten Teil der Normalverteilung anzusiedeln. Aber, was ich wieder sage, Intelligenz, als bräuchte man im Zeitalter der Schlüsselkompetenzen noch etwas anderes als “soziale Kompetenz”, “Mediennutzungs-” und “Kommunikationskompetenz”, also das, womit man hofft, andere plattreden zu können, selbst mit dem größten Unsinn.

ProfessorrinnenprogrammDas wirklich perfide an der Ausschreibung aus Ostwestfalen-Lippe ist, dass so getan wird, als sei der Ausgang des Berufungsverfahrens offen und als hätten Männer, die sich auf die W2-Professur bewerben, eine faire Chance. Die haben sie nicht. Dies zu sehen ist einfach, denn welche Institution wird bei der Berufung eines Professors darauf verzichten, eine weibliche Bewerberin, selbst wenn sie weniger qualifiziert ist als ein männlicher Konkurrent, zu berufen, wenn der Institution die Kosten der Stellenfinanzierung abgenommen werden, vom Professorinnenprogramm. Also: Wenn Sie die Wahl haben, zwischen einem Bewerber, der zwar besser ist, aber rund 240.000 Euro im Jahr kostet und einem Bewerber, der schlechter ist, aber den sie umsonst bekommen, welchen Bewerber wählen Sie dann? Eben!

Deshalb sollten sich nur Männer auf die W2-Professur “Crossmedia-Journalismus” der Hochschule Ostwestfalen-Lippe bewerben, die bereit sind, gegen ihre Nichtberücksichtigung zu klagen – der Gerechtigkeit, der Fairness halber.

Die Sonderschule als Abstellplatz für (zu) männliche Schüler?

StammsitzDie heiße Phase des Umzugs liegt nun hinter uns. Wir sind an unserem neuen Sitz (siehe Bild) angekommen und reverse-packing ist derzeit unsere Hauptbeschäftigung. In Kürze gibt es also wieder aktuelle ScienceFiles-Beiträge. Bis dahin setzen wir unser Umzugs-Dossier fort.

Bislang haben wir den Rückzug der Männer aus der Schule beschrieben, die negativen Konsequenzen für Jungen, die sich daraus ergeben, dargestellt, sowie die Nutzung des Catch-All Konzepts der sozial-emotionalen Störung, um Jungen aus der Schule fernzuhalten, offen gelegt. Trotz der zunehmenden Nutzung der Diagnose "sozial-emotionale Störung", um Jungen von einer Einschulung zurück zu stellen, gelingt es unpassenden Jungen, sich in den schulischen Alltag an Grundschulen einzuschleichen und die hier mehrheitlich weiblichen Grundschullehrer vor Probleme zu stellen, die ihre pädagogischen Fähigkeiten sowie die Fähigkeiten der allgegenwärtigen Schulpsychologen um Längen übersteigen. Entsprechend kommt das "soziale-emotionale Störungs-Verdikt" in Grundschulen abermals zum Einsatz, dieses Mal um vornehmlich Jungen, die sich als zu männliche Schüler erweisen, auf Sonderschulen abzuschieben.

Die Sonderschule als Abstellplatz für (zu) männliche Schüler?

von Dr. habil Heike Diefenbach und Michael Klein

Sonderschueler201112Es gibt in Deutschland wohl kaum ein schlimmeres Verhängnis, das einen Schüler ereilen kann, als auf eine Sonderschule überwiesen zu werden. Wer auf eine Sonderschule abgeschoben wird, der ist nicht nur stigmatisiert, seine Bildungskarriere ist bereits zu Ende noch ehe sie begonnen hat.  So haben im Schuljahr 2011/2012 rund 75% der Absolventen von Sonderschulen dieselbe ohne jeglichen Schulabschluss verlassen, gut 23% haben einen Hauptschulabschluss, 2,5% einen Realschulabschluss und 0,2% eine Hochschulreife erreicht. Diese Zahlen, die den Euphemismus, der hinter der politisch korrekten Bezeichnung “Förderschule” steht, als eben solchen, nein als Zynismus entlarven, sind der Grund dafür, dass wir nicht von Förder- sondern von Sonderschulen sprechen. Es mag politisch korrekt sein, von Förderschulen zu reden, es ist empirisch korrekt, von Sonderschulen zu sprechen, denn gefördert wird hier niemand, hier wird lediglich ausgesondert: Am Ende der Sonderschule stehen 75% Absolventen ohne gültigen Abschluss, ein Ergebnis, das sie mit Sicherheit auch ohne die vermeintliche  Förderung erreicht hätten.

Obwohl ein solches Ergebnis, wie es die Abbildung darstellt, eigentlich dazu führen müsste, dass Sonderschulen beseitigt werden, da sie ein Lebenschancen-Killer par excellence sind und darüber hinaus keinerlei positiver Nutzen bestimmbar ist, der daraus erwachsen würde, dass man Kinder auf Sonderschulen überweist, sind Sonderschulen ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems, und wie Dr. Diefenbach immer sagt: “Wenn erst einmal institutionelle Plätze für was auch immer geschaffen sind, dann werden diese Plätze auch gefüllt, egal, ob Bedarf besteht oder nicht”. Schließlich, so könnte man anschließen, hängen Arbeitsplätze von Sonderschullehrern davon ab, dass der Nachschub an Sonderschülern auch fließt.

Kottmann SonderschuleNun sollte man meinen, dass Lehrer dann, wenn sie Kinder auf Sonderschulen überweisen, besonders sorgfältig und verantwortungsbewusst sind. Immerhin geht mit der Überweisung so gut wie sicher ein Ende der beruflichen Karrieremöglichkeiten und ein erheblicher Einschnitt in die Lebenschancen,  des von der Überweisung betroffenen Kindes einher, wie die Zahlen oben deutlich belegen. Diese Annahme stellt sich jedoch als frommer Wunsch heraus, wie ein genauer Blick auf die Überstellung an Sonderschulen, den Brigitte Kottmann (2006) angestellt hat, zeigt. Die Überweisung auf Sonderschulen scheint sich auf soziale Determinanten wie Geschlecht, soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit und auf disziplinarische Erwägungen zu gründen. Das Wohl des betreffenden Kindes scheint eher keine, bis eine marginale Rolle zu spielen.

Dazu passen Ergebnisse, die Heike Diefenbach unlängst im von Michael Matzner und Wolfgang Tischner herausgegebenen Sammelband “Handbuch Jungenpädagogik” veröffentlicht hat. Die Ergebnisse zeigen, dass die Kritierien, die eine Überstellug auf eine Sonderschule rechtfertigen, über die letzten Jahrzehnte immer weicher geworden sein müssen, da u.a. eine Verlagerung stattgefunden hat, vom “Förderschwerpunkt Lernen” auf den “Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung”. So werden zwischenzeitlich rund 40.000 Kinder jährlich wegen angeblicher Defizite ihrer emotionalen Jungenpaedagogik 2Auflund sozialen Entwicklung auf Sonderschulen abgeschoben, rund 85% davon sind Jungen. Dies ist nicht nur ein Indiz dafür, dass Sonderschulplätze zunehmend mit weichen und kaum nachvollziehbaren, weil nicht explizit formulierten Kriterien gefüllt werden, es ist auch ein Indiz dafür, dass die Institution “Sonderschule” ihren Anteil an den vorhandenen Ressourcen von Schulkinder fordert, koste es, was es wolle. Der Hunger nach Sonderschülern, den die Institution “Sonderschule” entwickelt, wird zu 67% mit Jungen gefüllt, und da Jungen diejenigen sind, denen in Schulen die größten disziplinarischen Probleme nachgesagt, zugewiesen oder angedichtet werden, liegt der Verdacht nahe, dass Sonderschulen regelrecht dazu genutzt werden, um Kinder abzuschieben, die dem, was Lehrer als Idealbild vom guten Schüler haben, nicht entsprechen.

Und obwohl wir angesichts dieser Vorgeschichte auf einiges gefasst waren und obwohl Heike Diefenbach bereits mehrfach darauf hingewiesen hat, dass der Anteil der Jungen unter den Sonderschülern bemerkenswert stabil ist, ist das, was wir im Folgenden darstellen werden, nicht nur unglaublich, sondern ein Ergebnis, das wir in unseren langen Karrieren als Sozialforscher in dieser Dramatik und Konsistenz bislang nur einmal gesehen haben.

Die folgende Abbildung (links) zeigt die Entwicklung der Anzahl der Kinder, die sich auf Sonderschulen befinden, und zwar für den Zeitraum von 1993 bis 2012. Wie sich zeigt, sind die nominalen Schwankungen in der Anzahl der Kinder, die auf Sonderschulen überwiesen werden, beträchtlich, was die Abbildung auf der rechten Seite noch deutlicher macht.

Sonderschueler nach GeschlechtSonderschueler Veraenderung

Im Durchschnitt verändert sich die Anzahl der Sonderschüler im Beobachtungszeitrum um jährlich 6.986 Schüler. Die Schülerzahlen auf Sonderschulen verändern sich damit im Durchschnitt um jährlich zwei Prozent. Man sollte annehmen, dass sich diese Veränderung auch auf das Verhältnis von Jungen und Mädchen auf Sonderschulen auswirkt. Wie die nächste Abbildung zeigt, ist dies aber nicht der Fall.

Sonderschueler Anteile

Die Anteile von Jungen und Mädchen, die über einen Zeitraum von 20 Jahren auf Sonderschulen überwiesen wurden, sind stabil. Sie variieren lediglich im Nachkommabereich, zwischen 63,17% und 63,81% bei Jungen und zwischen 36,83% und 36,19% bei Mädchen. Der Mittelwert beträgt über 20 Jahre hinweg 63,47% für den Anteil männlicher und 36,53% für den Anteil weiblicher Sonderschüler. Die Standardabweichung beträgt für den Anteil männlicher und weiblicher Jugendlicher 0,20, über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Dies ist ein Ergebnis, das einen empirischen Sozialforscher die Stirn runzeln lässt und wären die Daten keine amtlichen Daten, sondern Befragungsdaten, er würde nach einem Bias oder nach einer sonstigen Art von Fehler suchen, der bei der Erhebung bzw. der Erfassung der Daten gemacht worden sein könnte.

Hier handelt es sich aber um amtliche Daten. Jeder Sonderschüler, der über den betrachteten Zeitraum auf eine Sonderschule überwiesen wurde, ist hier erfasst. Die Tatsache, dass die Anteile von Jungen und Mädchen über den Beobachtungszeitraum standardisiert zu sein scheinen, muss also anders erklärt werden, aber wie?

Es ist weitgehend ausgeschlossen, dass ein Verlauf, wie ihn die letzte Abbildung zeigt, durch Zufall und ohne das standardisierende Zutun von Menschen zu Stande kommt. Wenn aber Zufall ausgeschlossen und sozial verursachte Systematik angenommen werden muss, dann bleibt nur die Erklärung, dass entweder die Stereotype, die von deutschen Lehrern landauf landab gepflegt werden, so erstaunlich identisch sind, dass die Anteile von Jungen, die bundesweit auf Sonderschulen überwiesen werden, in Bremerhaven wie in Hof nahezu identisch sind, oder es bleibt die Erklärung, dass die Zuweisung auf Sonderschulen nach einem fest vorgegebenen Schlüssel, nach einer fest vorgegebenen Quote erfolgt, d.h. per Vorgabe an Schulen der Art: Im Schuljahr 2012/2013 müssen x Jungen und y Mädchen auf die Sonderschule überwiesen werden.

Was auch immer der Fall ist, angesichts der Tatsache, dass ein Sonderschulbesuch das Ende des Traums von der Berufskarriere bedeutet und die Lebenschancen der Betroffenen in umfassender Weise beeinträchtigt, ihnen ein Leben in Abhängigkeit von Jugend-, Sozial- und sonstigen -arbeitern vorgibt, sind die vorliegenden Ergebnisse wohl auf eine Form von Zynismus bzw. böser systemischer Banalität zurückzuführen, die sprichwörtlich über Leichen geht, und der institutionellen Notwendigkeit, Sonderschüler zugewiesen zu bekommen, die Leben der entsprechenden Quoten-Sonderschüler opfert.

Rund 25.000 der gut 400.000 Schüler auf deutschen Sonderschulen wurden wegen Seh-, Hörbehinderung oder wegen einer nicht weiter spezifizierten Krankheit auf die Sonderschule überwiesen, d.h. rund 375.000 Sonderschüler finden sich auf Sonderschulen weil ihnen eine Lernschwäche, ein Rückstand in ihrer sozio-emotionalen, ihrer körperlichen oder ihrer geistigen Entwicklung attestiert wird. Wie oben bereits festgestellt, nehmen die Überweisungen wegen sozio-emotionaler Entwicklungsrückstände stetig zu, haben sich im Beobachtungszeitraum fast verdoppelt. Die Förderschwerpunkt übergreifenden Überweisungen auf Sonderschulen haben sich nahezu um das Sechsfache gesteigert.

Diesen Überweisungsgründen, die wachsenden Überweisungszahlen trotz zurückgehender Schülerzahlen aufweisen, ist gemein, dass die Kritierien, die zur entsprechenden Überweisung auf eine Sonderschule führen, unbekannt und nicht objektivierbar sind. Es gibt keinerlei Vorgaben dazu, wann und warum eine Überweisung auf eine Sonderschule erfolgen soll und welche objektivierbaren Kriterien erfüllt sein müssen, um eine solche Überweisung zu veranlassen, schon weil es, wie gesagt, keine objektivierbaren Kriterien gibt.

Angesichts der Folgen, die eine Sonderschulüberweisung für den Betroffenen hat, ist dieses Ausmaß an Willkür unglaublich, und es macht eigentlich nur Sinn, wenn man annimmt, dass es eben nicht darum geht, Schüler zu fördern, sondern darum, die Plätze an Sonderschulen zu füllen.

Krude Diskriminierung von männlichen Bewerbern: Das Professorinnenprogramm in Aktion

ProfessorrinnenprogrammIn letzter Zeit haben wir auf ScienceFiles drei Beiträge zum Professorinnenprogramm veröffentlicht (1: Gleichberechtigung durch Bevorzugung? Das Professorinnenprogramm ist ein eklatanter Bruch mit dem Grundgesetzt, 2: Master of Funds oder: eine Hand wäscht die andere; 3: Weitere 150 Millionen Euro für die Bevorzugung von Frauen an Universitäten), in denen wir zeigen, dass das Professorinnenprogramm ein Mittel ist,

  • um die staatsfeministische Agenda einer Gleichschaltung von Universitäten und einer erhöhten Kontrolle der Universitäten durchzusetzen,
  • um Universitäten zu entprofessionalisieren und von Stätten der Bildung und Ausbildung, zu Stätten der Kinderbetreuung zu machen und
  • dass es einen eklatanten Bruch mit dem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes darstellt, da das Programm eindeutig die Bevorzugung von weiblichen Bewerbern auf Lehrstühle und die entsprechende Benachteiligung, d.h.: Diskriminierung männlicher Bewerber zum Ziel hat.

In einem vierten Beitrag “Gleichstellung an Universitäten: Die Worte und die Wirklichkeit” haben wir dann gezeigt, dass sich die eklatante Diskriminierung von männlichen Bewerbern um Lehrstühle an Universitäten bereits in der Wahrscheinlichkeit niederschlägt, mit der männliche im Vergleich zu weiblichen Bewerber auf Lehrstühle berufen werden.

Die Diskriminierung männlicher Bewerber um Professuren ist demnach in vollem Gange. Ein weiterer Beleg dafür wurde uns von einem Leser geschickt, den wiederum sein Sohn auf diesen Beleg aufmerksam gemacht hat und der ungenannt bleiben möchte, weil sein Sohn im universitären Business noch etwas werden will. Soweit hat es der Staatsfeminismus in Deutschland bereits gebracht, dass die freien deutschen Bürger Nachteile oder Repräsalien erwarten, wenn sie auf Belege hinweisen, denen klar und deutlich die Diskriminerung von Männern um Stellen an Universitäten zu entnehmen ist. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Staatsfeminismus nichts anderes ist als eine totalitäre Ideologie, die keinerlei Widerspruch duldet.

unibi_logoWie offen und deutlich die Diskriminierung von männlichen Bewerbern derzeit an deutschen Universitäten betrieben wird, ist der folgenden Ausschreibung der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld zu entnehmen. Ausgeschrieben ist eine W3-Professur und somit die höchste derzeit von Professoren erreichbare Besoldungsgruppe. Der Lehrstuhl ist ausgeschrieben für “Allgemeine Literaturwissenschaft/Neuere Deutsche Literatur im transnationalen Kontext”. Die Ausschreibung enthält die übliche Beschreibung der Ansprüche, denen ein Bewerber auf den entsprechenden Lehrstuhl zumindest nach außen hin genügen soll. Der vorletzte Absatz der Ausschreibung, der Absatz, in dem früher der Gleichstellungsunsinn “bei gleicher Eignung werden … vorgezogen” stand, lautet zwischenzeitlich wie folgt:

Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung durch das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich. … Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.

Die Offenheit, mit der hier potentiellen männlichen Bewerbern mitgeteilt wird, dass sie sich nicht zu bewerben brauchen, wird nur überboten von der Offenheit, mit der offengelegt wird, dass das Professorinnenprogramm zu keinem anderen Zweck ins Leben gerufen wurde, als einen Bewerbungs-Stopp für männliche Bewerber auf Professuren durchzusetzen. Wer vor diesem Hintergrund, wie dies ein Kommentator im Hinblick auf den von uns bereits früh aufgezeigten Bruch mit dem Grundgesetz getan hat, meint, er könne die Dinge schön reden, ähnlich wie dies im Dritten Reich im Sinne von “so schlimm wird es schon nicht kommen/sein” getan wurde, nur um dann von der Realität überrannt zu werden, den kann man nur als fahrlässig und unverantwortlich bezeichnen.

Kaderschmiede HU

Und sie wiederholt sich doch, die Geschichte…

Wir erleben derzeit nicht nur eine Entprofessionalisierung von Universitäten, sondern eine komplette Übernahme von Universitäten durch den Staatsfeminismus. Entsprechend werden sich Universitäten in den nächsten Jahren noch weiter, als sie das sowieso schon haben, von der Suche nach Erkenntnis, der Produktion von Wissen und der ideologischen Freiheit von Forschung und Lehre entfernen. Sie sind auf dem besten Weg, zu Kaderschmieden zu werden, an denen organisierte Gruppen dafür sorgen, dass keinerlei von einer staatsfeministischen Ideologie abweichende Meinungen vertreten oder gar gelehrt werden können und die sich endgültig von einer Stätte der Wissensfindung und Wissensvermittlung zu einer Stätte der ideologischen Indoktrination von und durch Halbtagskräfte entwickeln.

Man muss diese Entwicklung einerseits bedauern, andererseits zur Grundlage eigener Entscheidungen machen und Konsequenzen ziehen: Wer eine Ausbildung jenseits der staatsfeministischen Ideologie will, muss sie außerhalb von Deutschland an Universitäten im Vereinigten Königreich oder in den USA suchen. Wer sich als männlicher Bewerber auf einen Lehrstuhl nicht diskriminieren lassen will, muss sich im Ausland auf entsprechende Stellen bewerben, und wer ein Zeichen setzen will, dass ihm die Richtung, in die sich die deutsche Universitätslandschaft entwickelt, nicht gefällt, der sollte Universitäten wie die Universität Bielefeld, die sich freiwillig zum Erfüllungsgehilfen staatsfeministischer Zerstörer von Universitäten machen, meiden wie die Pest.

Weitere Infos zur Grundgesetzwidrigkeit des Professorinnenprogramms gibt es bei Prof. Dr. Günter Buchholz.

Gibt es eine inoffizielle Jungenquote für Sonderschulen?

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Sonderschueler201112Es gibt in Deutschland wohl kaum ein schlimmeres Verhängnis, das einen Schüler ereilen kann, als auf eine Sonderschule überwiesen zu werden. Wer auf eine Sonderschule abgeschoben wird, der ist nicht nur stigmatisiert, seine Bildungskarriere ist bereits zu Ende noch ehe sie begonnen hat.  So haben im Schuljahr 2011/2012 rund 75% der Absolventen von Sonderschulen dieselbe ohne jeglichen Schulabschluss verlassen, gut 23% haben einen Hauptschulabschluss, 2,5% einen Realschulabschluss und 0,2% eine Hochschulreife erreicht. Diese Zahlen, die den Euphemismus, der hinter der politisch korrekten Bezeichnung “Förderschule” steht, als eben solchen, nein als Zynismus entlarven, sind der Grund dafür, dass wir nicht von Förder- sondern von Sonderschulen sprechen. Es mag politisch korrekt sein, von Förderschulen zu reden, es ist empirisch korrekt, von Sonderschulen zu sprechen, denn gefördert wird hier niemand, hier wird lediglich ausgesondert: Am Ende der Sonderschule stehen 75% Absolventen ohne gültigen Abschluss, ein Ergebnis, dass sie mit Sicherheit auch ohne die vermeintliche  Förderung erreicht hätten.

Obwohl ein solches Ergebnis, wie es die Abbildung darstellt, eigentlich dazu führen müsste, dass Sonderschulen beseitigt werden, da sie ein Lebenschancen-Killer par excellence sind und darüber hinaus keinerlei positiver Nutzen bestimmbar ist, der daraus erwachsen würde, dass man Kinder auf Sonderschulen überweist, sind Sonderschulen ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems, und wie Dr. Diefenbach immer sagt: “Wenn erst einmal institutionelle Plätze für was auch immer geschaffen sind, dann werden diese Plätze auch gefüllt, egal, ob Bedarf besteht oder nicht”. Schließlich, so könnte man anschließen, hängen Arbeitsplätze von Sonderschullehrern davon ab, dass der Nachschub an Sonderschülern auch fließt.

Kottmann SonderschuleNun sollte man meinen, dass Lehrer dann, wenn sie Kinder auf Sonderschulen überweisen, besonders sorgfältig und verantwortungsbewusst sind. Immerhin geht mit der Überweisung so gut wie sicher ein Ende der beruflichen Karrieremöglichkeiten und ein erheblicher Einschnitt in die Lebenschancen,  des von der Überweisung betroffenen Kindes einher, wie die Zahlen oben deutlich belegen. Diese Annahme stellt sich jedoch als frommer Wunsch heraus, wie ein genauer Blick auf die Überstellung an Sonderschulen, den Brigitte Kottmann (2006) angestellt hat, zeigt. Die Überweisung auf Sonderschulen scheint sich auf soziale Determinanten wie Geschlecht, soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit und auf disziplinarische Erwägungen zu gründen. Das Wohl des betreffenden Kindes scheint eher keine, bis eine marginale Rolle zu spielen.

Dazu passen Ergebnisse, die Heike Diefenbach unlängst im von Michael Matzner und Wolfgang Tischner herausgegebenen Sammelband “Handbuch Jungenpädagogik” veröffentlicht hat. Die Ergebnisse zeigen, dass die Kritierien, die eine Überstellug auf eine Sonderschule rechtfertigen, über die letzten Jahrzehnte immer weicher geworden sein müssen, da u.a. eine Verlagerung stattgefunden hat, vom “Förderschwerpunkt Lernen” auf den “Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung”. So werden zwischenzeitlich rund 40.000 Kinder jährlich wegen angeblicher Defizite ihrer emotionalen Jungenpaedagogik 2Auflund sozialen Entwicklung auf Sonderschulen abgeschoben, rund 85% davon sind Jungen. Dies ist nicht nur ein Indiz dafür, dass Sonderschulplätze zunehmend mit weichen und kaum nachvollziehbaren, weil nicht explizit formulierten Kriterien gefüllt werden, es ist auch ein Indiz dafür, dass die Institution “Sonderschule” ihren Anteil an den vorhandenen Ressourcen von Schulkinder fordert, koste es, was es wolle. Der Hunger nach Sonderschülern, den die Institution “Sonderschule” entwickelt, wird zu 67% mit Jungen gefüllt, und da Jungen diejenigen sind, denen in Schulen die größten disziplinarischen Probleme nachgesagt, zugewiesen oder angedichtet werden, liegt der Verdacht nahe, dass Sonderschulen regelrecht dazu genutzt werden, um Kinder abzuschieben, die dem, was Lehrer als Idealbild vom guten Schüler haben, nicht entsprechen.

Und obwohl wir angesichts dieser Vorgeschichte auf einiges gefasst waren und obwohl Heike Diefenbach bereits mehrfach darauf hingewiesen hat, dass der Anteil der Jungen unter den Sonderschülern bemerkenswert stabil ist, ist das, was wir im Folgenden darstellen werden, nicht nur unglaublich, sondern ein Ergebnis, das wir in unseren langen Karrieren als Sozialforscher in dieser Dramatik und Konsistenz bislang nur einmal gesehen haben.

Die folgende Abbildung (links) zeigt die Entwicklung der Anzahl der Kinder, die sich auf Sonderschulen befinden, und zwar für den Zeitraum von 1993 bis 2012. Wie sich zeigt, sind die nominalen Schwankungen in der Anzahl der Kinder, die auf Sonderschulen überwiesen werden, beträchtlich, was die Abbildung auf der rechten Seite noch deutlicher macht.

Sonderschueler nach GeschlechtSonderschueler Veraenderung

Im Durchschnitt verändert sich die Anzahl der Sonderschüler im Beobachtungszeitrum um jährlich 6.986 Schüler. Die Schülerzahlen auf Sonderschulen verändern sich damit im Durchschnitt um jährlich zwei Prozent. Man sollte annehmen, dass sich diese Veränderung auch auf das Verhältnis von Jungen und Mädchen auf Sonderschulen auswirkt. Wie die nächste Abbildung zeigt, ist dies aber nicht der Fall.

Sonderschueler Anteile

Die Anteile von Jungen und Mädchen, die über einen Zeitraum von 20 Jahren auf Sonderschulen überwiesen wurden, sind stabil. Sie variieren lediglich im Nachkommabereich, zwischen 63,17% und 63,81% bei Jungen und zwischen 36,83% und 36,19% bei Mädchen. Der Mittelwert beträgt über 20 Jahre hinweg 63,47% für den Anteil männlicher und 36,53% für den Anteil weiblicher Sonderschüler. Die Standardabweichung beträgt für den Anteil männlicher und weiblicher Jugendlicher 0,20, über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Dies ist ein Ergebnis, dass einen empirischen Sozialforscher die Stirn runzeln lässt und wären die Daten keine amtlichen Daten, sondern Befragungsdaten, er würde nach einem Bias oder nach einer sonstigen Art von Fehler suchen, der bei der Erhebung bzw. der Erfassung der Daten gemacht worden sein könnte.

Hier handelt es sich aber um amtliche Daten. Jeder Sonderschüler, der über den betrachteten Zeitraum auf eine Sonderschule überwiesen wurde, ist hier erfasst. Die Tatsache, dass die Anteile von Jungen und Mädchen über den Beobachtungszeitraum standardisiert zu sein scheinen, muss also anders erklärt werden, aber wie?

Es ist weitgehend ausgeschlossen, dass ein Verlauf, wie ihn die letzte Abbildung zeigt, durch Zufall und ohne das standardisierende Zutun von Menschen zu Stande kommt. Wenn aber Zufall ausgeschlossen und sozial verursachte Systematik angenommen werden muss, dann bleiben nur die Erklärung, dass entweder die Stereotype, die von deutschen Lehrern landauf landab gepflegt werden, so erstaunlich identisch sind, dass die Anteile von Jungen, die bundesweit auf Sonderschulen überwiesen werden, in Bremerhaven wie in Hof weitgehend identisch sind, oder es bleibt die Erklärung, dass die Zuweisung auf Sonderschulen nach einem fest vorgegebenen Schlüssel, nach einer fest vorgegebenen Quote erfolgt, d.h. per Vorgabe an Schulen der Art: Im Schuljahr 2012/2013 müssen x Jungen und y Mädchen auf die Sonderschule überwiesen werden.

Was auch immer der Fall ist, angesichts der Tatsache, dass ein Sonderschulbesuch das Ende des Traums von der Berufskarriere bedeutet und die Lebenschancen der Betroffenen in umfassender Weise beeinträchtigt, ihnen ein Leben in Abhängigkeit von Jugend-, Sozial- und sonstigen -arbeitern vorgibt, sind die vorliegenden Ergebnisse wohl auf eine Form von Zynismus bzw. böser systemischer Banalität zurückzuführen,, die sprichwörtlich über Leichen geht, und der institutionellen Notwendigkeit, Sonderschüler zugewiesen zu bekommen, die Leben der entsprechenden Quoten-Sonderschüler opfert.

Rund 25.000 der gut 400.000 Schüler auf deutschen Sonderschulen wurden wegen Seh-, Hörbehinderung oder wegen einer nicht weiter spezifizierten Krankheit auf die Sonderschule überwiesen, d.h. rund 375.000 Sonderschüler finden sich auf Sonderschulen weil ihnen eine Lernschwäche, ein Rückstand in ihrer sozio-emotionalen, ihrer körperlichen oder ihrer geistigen Entwicklung attestiert wird. Wie oben bereits festgestellt, nehmen die Überweisungen wegen sozio-emotionaler Entwicklungsrückstände stetig zu, haben sich im Beobachtungszeitraum fast verdoppelt. Die Förderschwerpunkt übergreifenden Überweisungen auf Sonderschulen haben sich nahezu um das Sechsfache gesteigert. Allen den Überweisungsgründen, die wachsenden Überweisungszahlen trotz zurückgehender Schülerzahlen aufweisen, ist gemein, dass die Kritierien, die zur entsprechenden Überweisung auf eine Sonderschule führen, unbekannt und nicht objektivierbar sind. Es gibt keinerlei Vorgaben dazu, wann und warum eine Überweisung auf eine Sonderschule erfolgen soll und welche objektivierbaren Kriterien erfüllt sein müssen, um eine solche Überweisung zu veranlassen, schon weil es, wie gesagt, keine objektivierbaren Kriterien gibt. Angesichts der Folgen, die eine Sonderschulüberweisung für den Betroffenen hat, ist dieses Ausmaß an Willkür unglaublich, und es macht eigentlich nur Sinn, wenn man annimmt, dass es eben nicht darum geht, Schüler zu fördern, sondern darum, die Plätze an Sonderschulen zu füllen.

Gleichstellung an Universitäten: die Worte und die Wirklichkeit

dangerous jobsFalls es sich noch nicht bis zu Ihnen herumgesprochen hat: Frauen sind in Deutschland benachteiligt. Wie und vom wem, das ist bislang ein Geheimnis, aber dass sie benachteilgt sind steht fest, so fest, dass sich eine Unmenge von “guten” Menschen zusammengerottet hat, um mit Programmen, Hilfsaktionen und Förderung dafür zu sorgen, dass die vielen Frauen, die aus eigener Kraft nicht vorankommen, in die Positionen gelangen, die die “guten” Menschen für erstrebenswert halten.

Natürlich sind die “guten Menschen”, die Frauen helfen, aufgrund von Verdienst in die Position gelangt, in der sie nunmehr Frauen helfen wollen und (um?) sich selbst ein Verdienst (zu) verschaffen, und natürlich haben die entsprechenden “guten” Menschen rein altruistische Motive und sind nur mit dem gesellschaftlichen Wohl, dem Wohl und Wehe anderer, mit dem Wohl aller außer dem eigenen beschäftigt. Und sie sind nötig, diese Menschen, die Frauenquoten fordern, Frauenförderung planen, Gutachten in Auftrag geben, um zu untersuchen, wie man die vermeintliche Benachteiligung von Frauen am profitabelsten für alle an der Frauenförderung Verdienenden nutzen kann (Dass als Ergebnis der ganzen Frauenförderung Frauen als Dummchen dargestellt werden, die aus eigener Kraft keinen Fuß auf den Boden bekommen, muss wohl als Kollateralschaden der Gutheit dieser “guten” Menschen angesehen werden).

WissenschaftsratEine dieser Versammlungen von “guten” Menschen (oder selbsternannten Gutmenschen) ist der Wissenschaftsrat. Der Wissenschaftsrat hat schon früh einen Mangel an Frauen in “Führungspositionen der Wissenschaft” ausgemacht und vor allem das Fehlen von weiblichen Professoren beklagt. Die Wissenschaft ist ihrem Anspruch nach die Institution, in der Leistung und Qualifikation zum Vorankommen befähigt, in der Meritokratie herrscht. Daher ist es seltsam, dass der Wissenschaftsrat ausgerechnet Wissenschaftler verdächtigt, weibliche Bewerber um ihre Professorenstellen zu bringen. Aber der Wissenschaftsrat, in dem ja auch vermeintliche Wissenschaftler sitzen, muss das natürlich wissen. Und weil die Wissenschaftsradler das wissen, haben sie eine “Offensive für Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern” gestartet. Das, was ich fett gesetzt habe, ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig.

Diese Offensive hatte 2011 ihr Fünfjähriges. Und damit auch alle etwas von dem Fünfjährigen haben, hat der Wissenschaftsrat ein Gutachten in Auftrag gegeben und bezahlt, in dem Ziele wiederholt und der Bestand des Erreichten aufgenommen wurde:

“Sie [gemeint sind die Allianzorganisationen zur Offensive für Chancengleichheit] werden verstärkt darauf hinarbeiten, den Frauenanteil bei der Neubesetzung von Entscheidungs- oder Führungspositionen dem jeweiligen Anteil an habilitierten oder entsprechend hoch qualifizierten Wissenschaftlerinnen in den verschiedenen Fächergruppen anzugleichen (8).”

Wie gesagt, das Gutachten wiederholt nicht nur, es nimmt auch Bestand auf, und die Autoren, wer auch immer sie gewesen sein mögen, denn namentlich genannt, sind sie nicht, kommen bei der Aufnahme des Bestands zu folgendem Ergebnis:

“Die erzielten Verbesserungen sind jedoch maßgeblich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Von einer deutlichen Erhöhung des Anteils von Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen, der zentralen Zielstellung der Offensive für Chancengleichheit, kann nicht die Rede sein. Zwar gibt es insgesamt eine positive Entwicklung, von einer dem weiblichen Bevölkerungsanteil und dem weiblichen Studierendenanteil angemessenen Repräsentanz ist Deutschland aber noch deutlich entfernt. Dies belegt, dass die Ziele der Offensive für Chancengleichheit noch nicht erreicht und weitere Anstrengungen erforderlich sind” (21).

Ich möchte die Leser auf zwei Dinge aufmerksam machen: Der Anteil der “Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen” wird mit dem “weiblichen Bevölkerungsanteil” verglichen, und die Ziele der Offensive, den Anteil der “Wissenschaftlerinnen” mit eben diesem “weiblichen Bevölkerungsanteil” kongruent zu bekommen, sind nicht erreicht worden (weshalb mehr Steuergeld dafür geopfert werden muss, das zu erreichen, was die Offensive in den vergangenen fünf Jahren nicht erreicht hat).

GWkWir wollen uns an dieser Stelle bei Michael Matzner bedanken, der uns auf einen Bericht der “Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz – GWK”, sinnigerweise in der Friedrich-Ebert-Allee in Bonn ansässig, hingewiesen hat. Der Bericht trägt den Titel “Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung”, präsentiert sich als 16. (!sic) Fortschreibung des Datenmaterials (2010/2011) zu Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen” und ist offensichtlich ein Bericht, von dem wiederum der Wissenschaftsrat nichts weiß, sonst hätte er keine eigene Bestandsaufnahme in Auftrag gegeben, denn die guten Menschen im Wissenschaftsrat wollen ja nicht das Geld der Steuerzahler vergeuden – oder?

Der Bericht der GWK ist nur ein weiterer im kontinuierlich prasselnden Lamento der fehlenden Frauen, falsch: der benachteiligten Frauen, die  in den Führungspositionen der Wissenschaft nicht ankommen. Er ist entsprechend eine weitere Einnahmequelle für professionelle Frauenbenachteiligungs-Datensammler und ein weiteres schwarzes Loch, das Steuergelder anzieht und verschlingt. Aber: Er beinhaltet Informationen, die Michael Matzner und uns in Verzückung versetzt haben, Informationen zu den Anteilen weiblicher Bewerber auf z.B. Professuren an Universitäten (W1 bis W3). Die folgende Abbildung zeigt die prozentualen Anteile von weiblichen Bewerbern auf eine Professur, den prozentualen Anteil der Frauen, an allen, die es auf eine Liste geschafft haben und den Anteil der Frauen unter denen, die schließlich berufen wurden.

Bewerbungen Berufungen

Ein Blick auf die Abbildung zeigt, dass in fast allen Bundesländern, der Anteil der weiblichen Bewerber auf eine Professur, weit hinter dem “weiblichen Bevölkerungsanteil” zurückbleibt. Die entsprechenden Anteile weiblicher Bewerber liegen in den Bundesländern regelmäßig deutlich unter 30% und betragen im Bundesdurchschnitt und für 2011 24,2 %. Frauen haben offensichtlich kein Interesse an einer Professur, das dem von Männern vergleichbar wäre. Weiter zeigt sich, dass der Anteil von Frauen, die es auf eine Liste schaffen, höher ist als der Anteil weiblicher Bewerber, was einen ersten Hinweis auf die bervorzugte Platzierung von Frauen gibt. Deutschlandweit wurden 2011 27,8 Prozent der Listenplätze an Frauen vergeben. Bei den Berufungen auf eine Professur ist der Frauenanteil abermals höher: Frauen stellen 29,1% der auf eine Professur Berufenen, was ein weiterer Hinweis darauf ist, dass Frauen bevorzugt werden. Wie stark die Bevorzugung ausfällt, welcher Vorteil Frauen aus ihrem Geschlecht erwächst, wenn es um die Berufung auf eine Professur geht, macht die folgende Abbildung deutlich. Die Balken stellen prozentuale Wahrscheinlichkeiten dar: Für Deutschland als Ganzes ergibt sich z.B. das weibliche Bewerber auf eine Professur eine um 20,25% höhere Wahrscheinlichkeit haben, auf eine Professur berufen zu werden – ein Ergebnis, das nicht so recht zu den Zielen und Ankündigungen passen will, wie sie der Wissenschaftsrat in den oben zitierten Passagen gemacht hat.

Berufungsvorteile

Wie die Abbildung zeigt, gibt es nur wenige Bundesländer, in denen weibliche Bewerber gegenüber männlichen Bewerbern nicht erhebliche Vorteile bei der Berufung auf eine Professur haben. Die Vorteile reichen von einer 46,7% höheren Wahrscheinlichkeit für weibliche Bewerber, berufen zu werden in Sachsen-Anhalt bis zu einer 2,31% höheren Wahrscheinlichkeit, auf eine Professur berufen zu werden, in Bremen. Deutschlandweit haben weibliche Bewerber eine um 20,25% höhere Wahrscheinlichkeit, auf eine Professur berufen zu werden.

Affirmative ActionDie Daten zeigen einerseits, dass der verglichen mit ihrem Bevölkerungsanteil geringere Anteil von Frauen unter den Professoren darauf zurückzuführen ist, dass sich deutlich weniger Frauen als Männer um die entsprechende Position bewerben (und dies obwohl der Anteil weiblicher Studenten höher ist als der Anteil männlicher Studenten). Sie zeigen darüber hinaus, dass es großer Unsinn ist, anzunehmen, Frauen würden sich entsprechend ihres Bevölkerungsanteils auf Professuren bewerben. Warum ein Gremium wie der Wissenschaftsrat, in dem zumindest auch vermeintliche Wissenschaftler sitzen, sich den Anteil von Frauen in der Bevölkerung zum Maßstab nimmt, ist mir sowieso nicht nachvollziehbar, der Anteil der Personen aus der Arbeiterschicht, an Universitäten in jeder Hierarchiebene und unter den Studenten deutlich unter dem Anteil der Arbeiterschicht an der Bevölkerung, genießt jedenfall keine entsprechende Prominenz unter den Wissenschaftsradlern. Schließlich zeigen die Daten, was sich hinter der angestrebten Gleichstellung an Universitäten wirklich verbirgt: die Begünstigung weiblicher Bewerber und die Diskriminierung männlicher Bewerber. Wie dies mit dem hehren Ziel, für Chancengleichheit von Wissenschaftlerinner und Wissenschaftlern offensiv sein zu wollen, vereinbart werden kann, ist mir nicht nachvollziehbar.

Für männliche Bewerber, die sich auf eine Professur bewerben wollen und die einer Diskriminierung entgehen wollen, seien die Universitäten und Fachhochschulen der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen empfohlen. Ansonsten kann man männlichen Bewerbern eigentlich nur davon abraten, sich an einer deutschen Hochschule zu bewerben, denn, wie sich zeigt, erfolgt die Auswahl geeigneter Bewerber nicht nach meritokratischen Prinzipien, sondern nach Geschlecht und dies allein sagt schon eine ganze Menge über die deutsche Wissenschaftslandschaft aus, in der schweigende Professoren dabei zusehen, wie alles, was Wissenschaft ausmacht, dem Wahnsinn des Staatsfeminismus geopfert wird.

Das Folgende ist ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach, der mir zu wichtig war, als dass ich ihn im Kommentarbereich belassen wollte:

Zum Beitrag zu ergänzen wäre, glaube ich, dass sich angesichts der 16. Fortschreibung des Datenmaterials zu Frauen in Hochschulen …, die mit “Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung” betitelt ist, jedem, der sich einmal halbwegs ernsthaft mit Gleichheit oder Gerechtigkeit in irgendeinem Bereich beschäftigt hat, und insbesondere Bildungsforschern graue Haare wachsen oder sich die Fußnägeln ringeln sollten, denn es sollte doch wohl zumindest diesen Personen klar sein, dass von der Betrachtung von ERGEBNISgleichheit nicht auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von CHANCENgleichheit geschlossen weden kann, denn Chancengleichheit impliziert keineswegs, dass ein Gut, auf das alle die gleichen Chancen haben, am Ende zu gleichen Anteilen auf alle verteilt sein muss. Genau diese Letztere wird aber im Papier betrachtet, in dem es doch eigentlich um Chancengleichheit gehen soll.

Ich verstehe nicht, wie man einen so dummen Denkfehler machen kann. Wie, bitte, kommt man denn überhaupt auf die seltsame Idee, dass Chancengleichheit zu Ergebnisgleichheit führen müsste? Die einzig denkbare logische Verbindung ist herstellbar, wenn man annimmt, dass es keine verschiedenen Menschen gibt, sondern Klone oder Zombies oder irgendwelche Einheiten, die sich in keinerlei Eigenschaften voneinander unterscheiden oder am besten überhaupt keine Eigenschaften haben außer, dass sie Einheiten vom selben sind. Denn nur dann, wenn alle dasselbe wollen und dasselbe machen ist es überhaupt vorstellbar, dass alle bei gegebenen gleichen Chancen die gleichen Wahlen treffen, die sich in Ergebnisgleichheit niederschlagen würden.

Es sollte doch nun wirklich nicht so schwierig sein, das zu verstehen, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt! Man könnte meinen, das Papier sei eine bewusste Irreführung, aber ich bin ziemlich sicher, dass es einfach ein Produkt von Ignoranz gepaart mit dem ewig stupide und gebetsmühlenhaft wiederholten Mantra “Frauen sind benachteiligt – Frauen müssen vom Staat gefördert werden – Frauen sind benachteiligt – Frauen ….” ist.

Denn auch, wenn es mir fernliegt zu behaupten, die Mehrheit der Kollegen Sozialwissenschaftler an deutschen Universitäten würde die konzeptionellen Unterschiede zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit, Nachteilen und Benachteiligung etc. auch nur ansatzweise verstehen (oder sich, obwohl es ihr Job ist, auch nur dafür interessieren), sollte man nämlich in Rechnung stellen, dass der so genannte Wissenschaftsrat alles andere als ein Rat von Wissenschaftlern ist und noch weniger ein Rat von Leuten, die irgendein klares Konzept von Wissenschaft haben. Vielmehr ist die Bezeichnung “Wissenschaftsrat” so irreführend wie der Titel des Papiers, das angeblich von “Chancengleichheit” handelt; in ihm sind nämlich neben Leuten, die einen Job an der Uni haben, “Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens” zugange, also Leute, die aus keinerlei erfindlichem Grund etwas mit Wissenschaft zu tun haben könnten, aber einen Nebenerwerb gebraucht haben und sich anscheinend durch die Vorsilbe “Wissenschaft” im Rat mit einer Aura der Fachkompetenz umgeben zu können glauben.

Vielleicht erklärt das, warum diese Leute Konzepte nicht verstehen und sich um Kopf und Kragen reden, und das Ganze hat unbestreitbar einen gewissen Unterhaltswert, aber dennoch ist nicht zu entschuldigen, was dieser “Rat” meint, von sich geben zu müssen – nicht nur wegen der sachlich falschen und polemischen Aussagen, sondern auch und vielleicht vor allem, weil er dazubeiträgt, Wissenschaft und vor allem Sozialwissenschaften zu einer noch größeren Lachplatte zu machen als sie ohnehin schon sind.

Habe ich als Sozialwissenschaftlerin denn kein Recht auf Chancengleichheit, nämlich die gleiche Chance wie andere Leute in Professionen, noch Ernst genommen werden zu können??????

Schichtzugehörigkeit als Ursache schulischer Diskriminierung

Von Dr. habil. Heike Diefenbach

Schulgesetz NRWBekanntermaßen hat das Bildungssystem in Deutschland wie in anderen Ländern das selbstgesetzte Ziel, Schüler individuell nach ihren Neigungen und ihrem Leistungsvermögen zu fördern. So heißt es beispielsweise in Absatz 2 von §1 des Schulgesetzes von Nordrhein-Westfalen: „Die Fähigkeiten und Neigungen des jungen Menschen sowie der Wille der Eltern bestimmen seinen Bildungsweg. Der Zugang zur schulischen Bildung steht jeder Schülerin und jedem Schüler nach Lernbereitschaft und Leistungsfähigkeit offen“. Und in Absatz 2 von §48 desselben Schulgesetzes heißt es weiter: „Die Leistungsbewertung bezieht sich auf die im Unterricht vermittelten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Grundlage der Leistungsbewertung sind alle von der Schülerin oder dem Schüler im Beurteilungsbereich ‚Schriftliche Arbeiten‘ und im Beurteilungsbereich ‚Sonstige Leistungen im Unterricht‘ erbrachten Leistungen“.

Radke_GomollaDie Belege dafür, dass diese Prinzipien in der Praxis häufig verletzt werden und die Leistungsbewertung durch andere Eigenschaften der Schüler als durch deren Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie im Unterricht erworben haben, beeinflusst wird, wachsen ständig. (Die detaillierteste Studie, die m.W. bislang in Deutschland diesbezüglich durchgeführt worden ist, ist diejenige von Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke über „Institutionelle Diskriminierung“ von Migrantenkindern.) Aber dennoch ist der bildungspolitische Diskurs – bedauerlicherweise mit freundlicher Unterstützung von Personen, die sich selbst gerne als Bildungsforscher verstehen, an wissenschaftlich lauterer Forschung aber eher wenig oder gar nicht interessiert sind, – geprägt von der Vorstellung, dass die Bildungsinstitutionen täten, was sie könnten, um die Schüler aus allen Bevölkerungsgruppen zu fördern, und wenn Schüler aus bestimmten Bevölkerungsgruppen – Migrantenkinder, Jungen, Kinder aus der Arbeiterschicht – in der Schule nicht erfolgreich sind, so wäre die Erklärung hierfür bei den Schülern oder ihren Familien selbst zu suchen, denen es am Willen fehle, das zu tun, was für die Förderung der Kinder und eine optimale Vorbereitung auf die Schule und Begleitung in der Schulzeit notwendig sei, oder denen es an den Kenntnissen darüber fehle, wie man Kinder richtig erziehe, fördere, auf ihre Schulkarriere vorbereite und sie begleite.

Bourdieu Theorie der PraxisUm dies zu beschreiben, wird gewöhnlich auf die Konzepte des kulturellen und sozialen Kapitals verwiesen, die der Theorie der Reproduktion sozialer Ungleichheit von Pierre Bourdieu entnommen sind. Beide Kapitalsorten würden den Schulerfolg von Kindern beeinflussen, und in Familien bildungserfolgreicher Kinder sei eben mehr von diesen Kapitalien vorhanden und in den Familien bildungsunerfolgeicher Kinder weniger. Dabei wird davon ausgegangen, dass als „Kapital“ das zählt, was im Bildungssystem Wert hat bzw. das, worauf im Bildungssystem Wert gelegt wird. Alles andere ist entweder kein Kapital oder gerade das „falsche“ Kapital. (Diese Vorstellung wird Bourdieus Theorie zwar nur teilweise gerecht, aber sei‘s drum ….)

Tatsächlich kann in Untersuchungen anhand quantitativer Daten z.B. beobachtet werden, dass der Schulerfolg von Kindern statistisch mit der Bildng der Eltern, ihrem Einkommen und von der elterlichen Kooperation mit der Schule zusammenhängt. Oft werden hieraus die Schlussfolgerungen gezogen, dass der Schulerfolg von Kindern vorrangig von dem familialen Hintergrund bzw. den Eigenschaften der Eltern und ihrem Engagement in der und für die Schule ihrer Kinder abhänge.  Gerade für Kinder aus “bildungsfernen” Familien, d.h. von Eltern mit vergleichsweise niedriger Bildung und vergleichsweise niedrigem Einkommen sei die Kooperation zwischen Schule bzw. Lehrkräften und Eltern wichtig, um die Eltern über den Lernstand des Kindes auf dem Laufenden zu halten und um auf sie dazu zu motivieren, mit den Kindern zuhause so umzugehen, wie es die Schule erwartet und Schulerfolg erfordert. Ob diese Schlussfolgerungen allerdings sachlich richtig sind, kann anhand quantitativer Befragungen nicht entschieden werden. Will man feststellen, ob und ggf. warum sich die Kooperation von Schule und Eltern positiv auf den Bildungserfolg von Kindern auswirkt, bietet es sich vielmehr an, qualitativ zu forschen. Die Ergebnisse einer solchen Forschung sind zwar nicht verallgemeinerbar, geben aber Aufschluss über die Existenz bestimmter Mechanismen und damit ggf. darüber, wie und warum das Bildungssystem gemessen an seinem in Schulgesetzen festgehaltenen Auftrag fehlfunktioniert.

south-bank-university-logoVal Gillies, “Pofessor of Social Research” an der London South Bank University, hat das getan und die Ergebnisse ihrer Forschung bereits im Jahr 2005 im Band 39 der Zeitschrift „Sociology“ veröffentlicht. Die Interviews mit 25 Müttern und elf Vätern von Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren in 27 Haushalten in England und Schottland, die Gillies ausgewertet hat, wurden im Rahmen eines umfassenden Forschungsprojektes über Erziehungsziele und -praktiken in Familien durchgeführt. Als Hauptergebnis dieser Auswertung hält Gillies fest, dass sich die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Schichten (Gillies schreibt von „middle class“ und „working class“) erheblich auf die Bildungschancen und den Bildungserfolg von Kindern auswirkt, und dass dies nicht auf die Erziehungsziele und -praktiken oder Eigenschaften der Eltern, die der einen oder der anderen Schicht angehören, als solche zurückzuführen ist, sondern auf die Interpretationen, die Repräsentanten der Schule mit Bezug auf die familiale Situation und die Eigenschaften der Kinder aus der Arbeiter- und der Mittelschicht vornehmen.

Dies illustriert Gillies anhand einer Reihe von Familien bzw. anhand von Äußerungen der Eltern in den Interviews, die hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden können. Es sollen hier lediglich zwei Fälle herausgegriffen werden, deren Vergleich das Ergebnis von Gillies vielleicht am besten nachvollziehbar macht. In beiden Fällen geht es um neunjährige Kinder, Zoe und Craig, die Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Lesen haben und diesbezüglich deutlich hinter dem Stand ihrer Mitschüler zurückbleiben und außerdem beide dadurch auffallen, dass sie den Unterricht stören. Aufgrund ihrer Lese- und Schreibschwächen und ihres Verhaltens in der Schule sind beide besondere Kinder (Gillies spricht von “special children”), aber diese besonderen Kindern erfahren aufgrund ihrer Schichtzugehörigkeit ganz unterschiedliche Behandlungen, denn ihre Besonderheit wird unterschiedlich interpretiert.

BildungserziehungspartnerschaftundsoZoe ist ein Mittelschichtskind. Ihre Mutter ist praktizierende Anwältin. Craig ist ein Arbeiterschichtskind. Er ist der Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Zoes Mutter wird nicht von der Lehrkraft auf die Schwierigkeiten ihrer Tochter angesprochen, sondern wird zum Handeln durch ein Poster angeregt, das auf Schreibschwächen von Kindern hinweist. Sie sucht selbständig einen Spezialisten aus und auf, der Zoe eine leichte bis mittelschwere Dyslexie (eine Sprach-, Lese- und Verständnisschwäche) bescheinigt und den Eltern empfiehlt, die Schule hierum wissen zu lassen, damit sie diesem Umstand mit Bezug auf Zoes Leistungen Rechnung tragen kann. Was das Verhalten Zoes im Unterricht betrifft, so betont ihre Mutter, dass Zoe eine sehr hohe Intelligenz und eine für ihr Alter große Reife habe und es für die Lehrkräfte und die anderen Kinder in der Klasse manchmal schwierig sei, mit diesen besonderen Eigenschaften Zoes umzugehen. Die Diagnose des Spezialisten und ihren Status und ihre Erfahrungen als Rechtsanwältin nutzt Zoes Mutter dazu, in Gesprächen mit den Lehrkräften durchzusetzen, dass Zoe als Kind mit Dyslexie, aber auch mit sehr hoher Intelligenz und großer Reife, angesehen wird, auf dessen spezielle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen sei.

Craigs Schreib- und Leseschwäche wird im Rahmen einer klinischen Untersuchung festgestellt, die wegen seiner Verhaltensprobleme in der Schule durch die Sozialdienste vermittelt (oder erzwungen, so genau ist das dem Text leider nicht zu entnehmen) wurde. Craigs Mutter ist in keiner Weise in der Position, dafür zu werben, dass Craigs spezielle Bedürfnisse in der Schule zu berücksichtigen seien. Sie agiert von Anfang an unter der Prämisse, dass Craig in der Schule eines unter vielen Kindern ist und er keinen Anspruch auf eine besondere Behandlung habe, insbesondere vor dem Hintergrund, dass er den Unterricht stört. Ihre Interaktion mit Craigs Schule besteht vor allem in Versuchen, den Verweis ihres Sohnes von der Schule zu verhindern. Die Lösung, die gefunden wird, ist die, dass Craig nur noch am Vormittag in die Schule geht (die englischen Schulen sind Ganztagsschulen) und am Nachmittag zuhause bleibt. Seine Mutter soll ihre Zeit dazu nutzen, zuhause mit ihm Lesen und Schreiben zu üben, um seine diesbezüglichen Entwicklungsrückstände aufzuholen. Sie erhält hierfür keinerlei materielle Hilfe, aber als Fördermaßnahme wird der Mutter auferlegt, an einem Elternkurs teilzunehmen, und Craig muss seinerseits regelmäßig bei einem Psychologen vorstellig werden.

ErziehungspartnerschaftblahObwohl also beide Kinder dieselbe Diagnose erhalten und beide den Unterricht stören, bedeutet dies für das Mittelschichtskind Zoe, ein besonderes  Kind zu sein, nicht nur oder nicht vorrangig, ein defizitäres Kind zu sein. Die Probleme dieses Kindes werden als Resultat einer von Kind und Eltern unverschuldeten Dyslexie und der hohen Intelligenz und Reife des Kindes angesehen, also auch von positiven Eigenschaften, mit denen Lehrkräfte und andere Kinder Schwierigkeiten hätten – aber nicht umgekehrt. Ein besonderes Kind zu sein, bedeutet dagegen für das Arbeiterkind Craig vor allem, Verhaltensprobleme konstatiert zu bekommen, die im Rahmen sozialer Dienste bearbeitet werden und die im Verbund mit seinen Defiziten im Lesen und Schreiben schließlich zu seinem teilweisen Ausschluss aus der Schule führen. Oder kurz: Das Mittelschichtskind Zoe ist ein schwieriges Kind, das Rücksichtnahme in der Schule verdient, das Arbeiterkind Craig ein Problemkind, das außerhalb der Schule gefördert werden muss, bis es sozusagen schulgerecht aufbereitet ist.

Gillies wertet dies – m.E. zurecht – als eine soziale Ungerechtigkeit, denn das kulturelle, soziale und ökonomische Kapital, über das typischerweise die Mittelschicht verfügt, wird hier zum Maßstab für alle Familien bzw. Kinder gemacht, bzw. die Bildungschancen aller Kinder werden von den spezifischen Kapitalien abhängig gemacht, über die die Mittelschicht, aber nicht die Arbeiterschicht (im selben Ausmaß) verfügt. Fördermaßnahmen betreffen dementsprechend typischerweise Kinder aus der Arbeiterschicht, also Kinder, die oder deren Familien diesem Maßstab nicht gerecht werden. Die Fördermaßnahmen müssen vor diesem Hintergrund als Versuche gewertet werden, Erziehungsziele und –praktiken zu regulieren und zu vereinheitlichen und gleichzeitig mangelnden Bildungserfolg der Arbeiterschichtskinder als selbstverschuldet darzustellen und damit zu legitimieren.

Kottmann SonderschuleFür Deutschland steht eine direkt vergleichbare Forschung aus, aber vorliegende Forschung über die institutionelle Diskriminierung von Migrantenkindern, von Kindern Alleinerziehender und von Jungen in Deutschland (Diefenbach 2007; Gomolla & Radtke 2009; Kottmann 2006; Lehmann et al. 1997) lässt es zumindest als keineswegs ausgeschlossen erscheinen, dass es auch eine institutionelle Diskriminierung von Kindern aus der Arbeiterschicht gibt. Eigentlich sollte es im Interesse der für Bildungspolitik Verantwortlichen sein, hierüber Bescheid zu wissen und ggf. dagegen vorzugehen, wenn  in Leistungsbewertungen Eigenschaften, Kenntnisse und Fähigkeiten von Kindern einfließen, die außerhalb des Unterrichts erworben wurden. Und eigentlich sollte man von Bildungsforschern erwarten dürfen, dass sie die entsprechenden Untersuchungen durchführen.

Spricht man mit Bildungsforschern, so stellt man fest, dass für einige die Mechanismen schulischer Diskriminierung sozusagen “ein alter Hut” sind, so dass sie eine Erforschung derselben für nicht weiter notwendig erachten, und dass es für viele andere derzeit anscheinend bequemer und karrieretechnisch vorteilhaft ist, prinzipiell davon auszugehen, dass diejenigen, die Bildungsnachteile haben, sie insofern selbst verursacht haben als sie sich dem Bildungssystem nicht hinreichend angepasst haben. Beide Positionen sind bedauerlich: Erstere werden ihrem Auftrag nicht gerecht, nicht nur sich selbst, sondern auch die Öffentlichkeit und die für  Bildungspolitik Verantwortlichen über Mechanismen schulischer Diskriminierung, die ja zumindest zum Teil in bester Absicht erfolgt, aufzuklären; und bei Letzteren gewinnt Opportunismus die Oberhand über ihren Beruf und ihre Position. Beide nehmen in Kauf, dass es so aussieht, als sei die Mehrheit der Bildungsforscher der Auffassung, Menschen hätten sich den Institutionen anzupassen und nicht die Institutionen den Menschen, die sie nutzen und die sie finanzieren. Zumindest mit einer Wissenschaft, die einen kritischen Anspruch hat, ist dies schwerlich  zu vereinbaren.

Literatur

Bei der Studie von Gillies handelt es sich um:

Gillies, Val (2005). Raising the ‚Meritocracy‘: Parenting and the Individualization of Social Class. Sociology 39, 5: 835-853.

Weitere im Text erwähnte Literatur:

Diefenbach, Heike, 2007: Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. S. 101-115 in: Hollstein, W. & Matzner, M. (Eds.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München; Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

Gomolla, Mechthild, & Radtke, Frank-Olaf (2009). Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Lehmann, Rainer H. & Peek, Rainer unter Mitarbeit von Rüdiger Gänsfuß (1997). Aspekte der Lernausgangslage von Schülerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen. Bericht über die Untersuchung im September 1996. Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung.

Unsinn der Woche: Susann Fegters diskursanalytische Traumwelten

Eine Dekade nachdem Dr. habil. Heike Diefenbach und ich in “Bringing Boys Back In” auf der Grundlage amtlicher Daten und somit auf der Grundlage aller Schulabsolventen für die Schuljahre 1994/1995 bis 1999/2000 gezeigt haben, dass Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, gibt es immer noch Personen, die sich mit schulischer Bildung bzw. mit “der Krise der Jungen” befassen und behaupten, die Erde sei eine Scheibe, d.h. Jungen hätten gar keine Nachteile, jedenfalls nicht “die Jungen”. Ein neues Beispiel kommt aus Bielefeld. Dort hat die Lehrbeauftragte, Susann Fegter, einen Vortrag unter der Überschrift “‘Wir müssen Jungs wieder lieben lernen’ – Geschlecht und Generation im Mediendiskurs um die Krise der Jungen” gehalten.

Ziel dieses Vortrags ist es einerseits, den “Diskurs”, um die schulischen Nachteile von Jungen um leere Floskeln wie “Wirkmächtigkeit”, “Diskursfiguren”, “Anrufungen”, und Sätze wie den folgenden zu bereichern: “Die Kritik richtet sich dabei weniger auf Medien an sich, als auf die Reflexion von Voraussetzungen und Weisen der Wissensproduktion in einem einflussreichen Feld”. (12) Andererseits versucht Fegter mit diesem Vortrag, die schulischen Nachteile von Jungen zu delegitimieren und den “medialen Diskurs” über die Nachteile von Jungen als “Retraditionalisierung von Männlichkeit … über moralisierende Zuschreibungen schlechter Elternschaft und schlechter Pädagogik” zu diffamieren. In Deutsch: “Die” Jungen haben gar keine Nachteile bei der schulischen Bildung, und die Medien haben mit ihrer  Berichterstattung über die nicht vorhandenen Nachteile von Jungen ungerechtfertigter Weise mit dem Finger auf Versäumnisse in Elternhaus und Schule gezeigt.

Die “Diskursanalyse” von Fegter hat uns somit in das 7. Jahrhundert vor Christus zurückversetzt, in die Zeit, zu der Hesiod sein Bild des Kosmos entwickelt hat, in dem die Erde eine runde, vom Okeanos umflossene Scheibe unter dem gewölbten, eisernen Himmel ist. Zentral für die Behauptung von Frau Fegter, dass “die Jungen” im deutschen Bildungssystem keine Nachteile hätten, sind vier “korrigierende Hinweise”, die angeblich gezeigt haben, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile im deutschen Bildungssystem haben.

Die “korrigierenden Hinweise” (1) und (3) lauten wie folgt:

(1) “Nicht Jungen per se sind benachteiligt, sondern vor allem solche aus bildungsfernen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund” (3) “Jungen und Mädchen aus unterprivilegierten sozialen Schichten schneiden schlechter ab als Kinder aus sozial privilegierten Familien, d.h. auch manche Mädchengruppen haben deutliche Probleme im Zugang zu Bildung …”

Ich werde also einmal mehr (vermutlich zum rund 10. Mal) zeigen, warum die hier vorgebrachten Aussagen, nichts daran ändern, dass Jungen und nicht Mädchen im deutschen Bildungssystem Nachteile haben (Ich vermute zwar, dass die Nachteile auf Benachteiligung zurückgehen und Studien wie die Hamburger Lau-Studie oder die Berliner Element-Studie  belegen diese Vermutung, aber ich bin mir darüber nicht so sicher wie Frau Fegter, oder liegt hier eine -diskursanalytisch betrachtet – Verwechslung von Nachteil (passiv) und BEnachteiligung (aktiv) vor?). Wie immer ist dabei das in unserem Grundsatzprogramm entwickelte Instrumentarium des kritischen Denkens von besonderer Bedeutung, z.B. bei der Feststellung, dass in  (1) – obwohl es sich um eine vergleichende Aussage handelt, die Nennung der Vergleichsgruppe “Mädchen” unterbleibt, während in (3), wo das schlechtere Abschneiden von “Kindern aus sozial nicht privilegierten Familien” beklagt wird, Jungen und Mädchen genannt werden. Aber das sei nur am Rande für diejenigen bemerkt, die sich gerne mit der Psyche von Ideologinnen beschäftigen.

Nun zu den Behauptungen, es seien nicht die Jungen, sondern Jungen aus “bildungsfernen Schichten”, die Nachteile in der Schule hätten und Mädchen aus bildungsfernen Schichten hätten auch Nachteile.

Die folgende Abbildung stellt die prozentuale Verteilung von Jungen und Mädchen auf die im deutschen Schulssystem erreichbaren Abschlussarten dar. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt und umfassen ALLE Absolventen allgemeinbildender Schulen für den Schuljahrgang 2010/2011 (Fachhoschulreife und Hochschulreife wurden zusammengefasst). Wie sich zeigt, ist der Anteil der Jungen, die eine Hauptschule mit oder ohne Abschluss verlassen höher als der Anteil von Mädchen, dagegen ist der Anteil von Mädchen, die die Schule mit einer Hochschulreife verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Jungen.

Nehmen wir nun mit Fegter an, es seien vornehmlich Jungen aus bildungsfernen Schichten, und nutzen wir nicht diesen Euphemismus der Mittelschicht, sondern nennen wir die Unterschicht beim Namen, dann kann man diese Behauptung, dass es vor allem Jungen aus der Unterschicht sind, die schlechter abschneiden als Mädchen, dahingehend in die Realität umsetzen, dass der Anteil der Jungen aus der Unterschicht, die einen oder keinen Hauptschulsabschluss erreichen,   größer dargestellt wird als der Anteil der Jungen, die nicht aus der Unterschicht stammen und einen oder keinen Hauptschulabschluss erreichen. Die jeweils dunkleren und helleren blauen und roten Flächen in den Stäpelchen, die mit “männlich” unterschrieben sind, geben die entsprechenden größeren Anteile an. Und was zeigt sich, Frau Fegter? Es zeigt sich, dass sich an der Gesamtverteilung der einzenen Farbflächen in der Darstellung NICHTS (außer der Farbschattierung) ändert: Immer noch gilt, dass weniger Jungen eine Hochschulreife erreichen als Mädchen, immer noch ist der Anteil der Jungen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Mädchen.

Aber, Fegter behauptet ja auch, dass “Jungen und Mädchen” aus der Unterschicht gleichermaßen schlechter abschneiden als “Jungen und Mädchen”, die nicht aus der Unterschicht kommen. Nehmen wir diese Behauptung kurz ernst, obwohl sie im Widerspruch zu Aussage (1) steht, in der behauptet wurde, die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen seien auf das schlechtere Abschneiden von Jungen aus der Unterschicht (und Migrantenjungen, die wir der Einfachheit halber zur Unterschicht rechnen) zurückzuführen, und übertragen wir diese Behauptung abermals auf die entsprechenden Anteile, dann ergibt sich abermals keine Änderung. Wie man deutlich sehen kann, wenn man den schwarzen Linien, die die linke mit der rechten Abbildung verbinden, folgt, ändert eine Unterteilung derjenigen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss von der Schule gehen, weder bei Jungen noch bei Mädchen etwas am Gesamtanteil der entsprechenden Abgänger unter allen Abgängern allgemeinbildender Schulen, und es ändert überhaupt nichts an der Gesamtverteilung, die nach wie vor zeigt, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen deutliche Nachteile im Hinblick auf die schulische Bildung haben.

Ich habe die graphische Darstellung gewählt, weil ich weiß, dass “diskursanalytisch Fabulierende” in der Regel eine Aversion gegen Zahlen haben. Daher verbinde ich mit dieser Darstellung die Hoffnung, dass Farbflächen einer entsprechenden intellektuellen Verarbeitung eher zugänglich sind (wenn es hilft, Frau Fegter, stellen Sie sich einfach vor, es handele sich um Fingerfarben…). Nun zu den beiden verbleibenden “zentralen korrigierenden Hinweisen”, warum Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile bei der schulischen Bildung haben:

(2) “Jungen sind in den PISA Studien auch in den Spitzengruppen überrepräsentiert. Mehr Jungen als Mädchen erreichen die höchste Kompetenzstufe …”

Nun, es mag Frau Fegter entgangen sein oder nicht in den Kram passen, aber Gegenstand der PISA Studien war nicht der Schulabschluss, sondern der Leistungsstand von Schülern. Entsprechend spricht die Tatsache, dass männliche Schüler, obwohl sie, wie Frau Fegter behauptet, in der “Spitzengruppe überrepräsentiert” sind, bei den Absolventen, die eine Hochschulreife erreichen, unterrepräsentiert sind, dafür, dass Jungen benachteiligt bzw. diskriminiert werden. Wäre dem nicht so, die Überrepräsentation in der Spitzengruppe müsste sich in einer ebensolchen bei Absolventen mit z.B. Abitur niederschlagen. Aber, wie ein Blick auf die Abbildung zeigt, das tut sie gerade nicht. Warum wohl?

(4)”Wir haben es ingesamt im Bereich der gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse mit einer Situation zu tun, die sich durch Verschiebungen aber auch starke Beharrungstendenzen kennzeichnet…”

Diese Aussage ist offensichtlicher Unsinn. Ich habe sie hier zitiert, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, ideologische Selbstbenebelung in Aktion zu bewundern. Der Kampf mit der deutschen Sprache, der bei machen, die diskursanalytisch unterwegs sind, kurz vor den Wahnsinn führt, hat im vorliegenden Fall zur Folge, dass etwas es selbst und sein Gegenteil ist, denn die Situation der “gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse” ist “durch Verschiebungen, aber auch starke Beharrungstendenzen” gekennzeichnet. Frau Fegter hat damit einen Zustand erreicht, wie in manche Drogenabhängige erreichen, einen Zustand, in dem alles miteinander verschmilzt, einen Zustand, in dem die Erde zur Scheibe und der Tag zur Nacht wird, nur eine Gewissheit taucht aus dem diskursanalytisch benebelten Geist auf und steht in Stein gemeiselt: “Jungen haben verglichen mit Mädchen keine Nachteile in der schulischen Bildung”. Warum hat man nur regelmäßig das Gefühl, Ertrinkenden dabei zuzusehen, wie sie von sich behaupten, gute Schwimmer zu sein?

Epilog
Aussagen, wie die von Fegter, nach der es nicht die Jungen sind, die bei der schulischen Bildung Nachteile gegenüber Mädchen haben, führen ob ihrer Prämissen zu den folgenden Fragen: (1) Selbst wenn die Nachteile von Jungen, ausschließlich die Nachteile von Unterschichtsjungen wären (was sie nicht sind, wie Rainer Geissler (2005) gezeigt hat), wäre das dann weniger schlimm, mehr erträglich, und würde es weniger Handlungsaufforderung für Bildungspolitiker, die doch Chancengleichheit beim Zugang zu schulischer Bildung predigen, nach sich ziehen? (2) Da nicht “die Mädchen”, sondern vor allem das von Rainer Dahrendorf als Typus erfundene “katholische Bauernmädchen vom Land” in den 1950 er und 1960er Jahren Nachteile gegenüber Jungen bei der schulischen Bildung hatten, wie kommt es dann zu der kruden Verallgemeinerung, die uns Feministen wie Fegter seit Jahrzehnte vorleben und in der behauptet wird, dass “die Mädchen” und “die Frauen” Nachteile gegenüber “den Jungen” und “den Männern” hätten? (3) Und wenn man diese unterschiedliche Behandlung von Nachteilen je nach Zuschreibung zu männlichem und weiblichem Geschlecht als Hintergrund nimmt, vor dem der Titel des Fegterschen Beitrags, “Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen” gewichtet wird, dann fragt man sich, wo dieser allgemeine Hass gegenüber Jungen und Männern nur herkommen mag.

In den Worten von Fegter kann man daher folgendes Fazit ziehen: Diskursanalytisch muss man daher feststellen, dass die Wirkmächtigkeit des Hasses gegenüber Männern und Jungen in manchen feministischen Zirkeln eine  Erosion der intellektuellen Gesundheit zur Implikation hat.

Literatur

Geißler, Rainer (2005). Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, Peter A. & Kahlert, Heike (Hrsg.). Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S.71-102.

Bildnachweis

The Pumpkin Society

Nicht-diskriminierende Geschmacklosigkeit: GEW-Broschüre “objektiv” nicht männerfeindlich

Vor einiger Zeit habe ich in einem Beitrag mit dem Titel “post-natale Geschlechtergerechtigkeit” auf das Titelbild einer GEW-Broschüre zum Elterngeld hingewiesen, das nach meiner Ansicht alle Bedingungen einer Diskriminierung von Männern und somit einer männerfeindlichen Darstellung erfüllt. Auf dem Titelblatt der GEW-Broschüre ist eine männliche Figur mit einer kindlichen Figur im Arm abgebildet, die durch einen Schlüssel, auf dem “Elterngeld” zu lesen steht, aufgezogen wird. Die Nachricht hinter dieser Abbildung ist klar: Männer sind aufziehbare Trottel, die sich dann, wenn Ihnen Elterngeld gezahlt wird, um Kinder kümmern.

Dr. habil. Heike Diefenbach und ich haben dieses Titelbild zum Anlass genommen, die Antidiskriminierungsstelle anzuschreiben, deren Tätigkeit, so denkt man, darin besteht, diskriminierende Gegenstände aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.

Unsere Email hatte den folgenden Wortlaut:

———————-

Sehr geehrte Frau Lüders,

wir bitten Sie, sich in Ihrer Eigenschaft als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit einer diskriminierenden Broschüre der GEW zu beschäftigen.

Die GEW vertreibt eine Broschüre zum Thema “Das neue Elterngeld – Tipps und Informationen für Mütter und Väter” auf deren Titelblatt eine männliche Figur abgebildet ist, die eine kindliche Figur in den Armen hält und durch einen Schlüssel, der mit dem Wort “Elterngeld” beschriftet ist, wie mechanisches Spielzeug aufgezogen wird. Dieses Bild des durch finanzielle Zuwendungen (Elterngeld) aufziehbaren und danach in der vorbestimmten Weise handelnden, also keiner eigenen Überlegung fähigen Trottels ist ein eklatanter Verstoß gegen §3 Abs. 3 AGG, in dem es heißt: “Eine Belästigung ist eine Benachteiligung, wenn unerwünschte Verhaltensweisen, die mit einem in §1 genannten Grund in Zusammenhang stehen, bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt und ein von Einschüchterung, Anfeindung, Erniedrigung, Entwürdigung oder Beleidigung gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird”.

Die Darstellung einer durch Elterngeld aufziehbaren und somit zu keiner eigenen Überlegung fähigen männlichen Figur stellt eine Erniedrigung und Entwürdigung aus Gründen des Geschlechts im Sinne des §1 AGG dar, und ist geeignet ein durch Erniedrigung, Entwürdigung oder Beleidigung gekennzeichnetes Umfeld zu schaffen.

Deshalb bitten wir Sie, die entsprechende Broschüre aus dem Verkehr zu ziehen.

Sie finden das Bild der Broschüre unter diesem Link:

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach,
Wissenschaftliche Beraterin, Autorin und Dozentin

Michael Klein
Wissenschaftler Berater
science watch

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Die Antwort der Antidiskriminierungsstelle ließ ein wenig auf sich warten, aber sie kam und hatte den folgenden Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Dr. Diefenbach, Sehr geehrter Herr Klein,

Vielen Dank für Ihre Nachricht an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, auch im Namen von Frau Christine Lüders, die mich gebeten hat Ihnen zu antworten. Ihr Unmut wird darin sichtbar.

Wir können allerdings nicht in dem gewünschten Sinne tätig werden.

Ohnehin ist die Publikation aus diskriminierungsrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden. Eine Belästigung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) liegt nicht vor. Der objektive Gehalt des Titelblatts der Broschüre erfüllt die gesetzlichen Voraussetzungen einer Benachteiligung nicht. Auf Ihre subjektive Wahrnehmung kommt es bei der rechtlichen Einordnung nicht an.

Hinzu kommt, dass die einschlägige Richtlinie 2004/113/EG, die die europarechtliche Grundlage für das AGG bildet, gar nicht anwendbar ist. Ausdrücklich heisst es in Art. 3 Abs. 3 RL 2004/113/EG: Diese Richtlinie gilt weder für den Inhalt von Medien und Werbung noch im Bereich der Bildung.

Sollten Sie sich für die Elternzeit entscheiden, wünschen wir Ihnen hierfür alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag

Dr. Alexander Sopp
Referent
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Referat Grundsatzangelegenheiten und Beratung Antidiskriminierungsstelle des Bundes

11018 Berlin
Tel.: 03018/555-1865
Fax: 03018/555-41865
E-Mail: beratung@ads.bund.de

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Auf diese “Antwortmail” hat Dr. habil. Heike Diefenbach in der folgenden Weise geantwortet:

Sehr geehrter Herr Dr. Sopp,

vielen Dank für Ihr Antwortschreiben, das Sie an Herrn Klein und mich bezüglich unserer Anzeige einer männerfeindlichen und allgemein menschenunwürdigen Darstellung gerichtet haben.

Ihr Antwortschreiben ist allerdings nicht akzeptabel, denn es enthält trotz der Kürze eine bemerkenswerte Reihe von Unklarheiten, so dass mir nichts anderes bleibt, als diesbezüglich um Aufklärung zu bitten und Sie dazu aufzufordern, Ihrer Funktion als vom Steuerzahler finanzierten Adressaten für Anzeigen von Diskriminierungen zu entsprechen und in der kommenden Woche entsprechend tätig zu werden.

Um nachvollziehbar zu machen, warum Ihr Schreiben nicht akzeptabel ist, will ich auf die folgenden Punkte hinweisen:

1. Was, bitte, meinen Sie damit, dass es Frau Lüders Unmut ausdrücke, wenn sie Sie damit beauftragt, uns zu antworten? Ist das so zu verstehen, dass zum einen unsere Anfrage per se unangenehme Arbeit bedeutet, und zum anderen Frau Lüders aus unbekannten Gründen die Gewohnheit hat, Ihnen die “Strafarbeiten” aufzugeben? Falls dem so ist, muss ich darauf hinweisen, dass ich an den internen Reibereien in Ihrer Stelle wenig interessiert bin und hierauf auch keine Rücksicht nehmen kann. Selbstverständlich hätte ich aber erwartet, dass Frau Lüders selbst antwortet, denn schließlich habe ich auch nicht meine Referentin oder Sekretärin schreiben lassen, sondern tue das selbst, obwohl ich als Selbständige nicht wie Frau Lüders von den monatlichen Überweisungen von Steuergeldern lebe, sondern für mich Zeit Geld ist. Man dürfte ihr daher, glaube ich, zumuten, dass sie Ihre Arbeit macht.

2. ‘Was meinen Sie damit, dass “[e]ine Belästigung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) nicht vorlieg[e und dass] [d]er objektive Gehalt des Titelblatts der Broschüre [...] die gesetzlichen Voraussetzungen einer Benachteiligung nicht [erfülle]“? Natürlich liegt eine Belästigung vor, aber das ist ja nur meine subjektive Überzeugung. Aber wenn es auf subjektive Wahrnehmungen nicht ankommt, dann kommt es auch auf Ihre subjektive Wahrnehmung darüber, ob das Titelblatt “gesetzliche Voraussetzungen” erfüllt oder nicht, bei der rechtlichen Einordnung doch gar nicht an, oder gelten für Sie andere Regeln als für andere Bürger der Bundesrepublik? Hier wäre ich für Aufklärung der logischen Verhältnisse sehr dankbar.

3. Wenn zutrifft, “dass die einschlägige Richtlinie 2004/113/EG, die die europarechtliche Grundlage für das AGG bildet, gar nicht anwendbar ist, [weil es] [...] in Art. 3 Abs. 3 RL 2004/113/EG [ausdrücklich heiße]: Diese Richtlinie gilt weder für den Inhalt von Medien und Werbung noch im Bereich der Bildung”, dann frage ich mich wie sicherlich sehr viele Bürger Europas, für welche Inhalte in welchen Formen der Präsentation die Richtlinie überhaupt gilt. Wenn Bürger sie nicht einfordern können, wenn ihnen Diskriminierungen begegnen, muss die Richtlinie als ein bloßes Instrument des Staates zur Durchsetzung seiner eigenen (ideologisch bedingten?) Interessen gewertet werden, statt als Instrument, Diskriminierung innerhalb der und gegen die Bevölkerung entgegenzuwirken, für das aber auf jeden Fall der Steuerzahler finanziell aufkommt, u.a. in Form des Gehaltes, das Frau Lüders und Sie beziehen. Als Bildungs- und Ungleichheitsforscherin mit einiger Publikationspräsenz interessiert mich diese Frage ganz besonders, und ich wäre für Ihre Stellungnahme bzw. die von Frau Lüders zu dieser Frage sehr, sehr dankbar, wäre sie doch für die Abfassung zukünftiger Publikationen sehr hilfreich und erhellend.

4. Ihren letzten Satz “Sollten Sie sich für die Elternzeit entscheiden, wünschen wir Ihnen hierfür alles Gute” verstehe ich schlichtweg nicht. Wer ist “wir”? Sie haben uns doch allein und ohne fremde Hilfe geschrieben, oder? Was hat die Antidiskriminierungsstelle mit der Elternzeitregelung zu tun? Wo sehen Sie den Bezug? Wir, also ich :-), sehen keinen. “Wir” haben “uns” an die Antidiskriminierungsstelle wegen eines Falls klarer menschenverachtender Darstellung gewandt, in der Menschen wie auf primitive Weise (nämlich durch die Zahlung von ein wenig Geld) manipulierbare, quasi mechanisch aufziehbare Metallmännchen dargestellt werden. Sonst nichts.

Mir ist die Bedeutung Ihres letztes Satzes also überhaupt nicht klar, aber er klingt freundlich, weil er einen guten Wunsch enthält, und selbstverständlich möchte ich eine freundliche Geste ebenso freundlich beantworten. Daher wünsche ich Ihnen probeweise viel Glück damit, Ihren Selbstwert auf irgendeine Weise erhalten zu können, falls Sie sich für die Elternzeit entschieden haben sollten und sich der von uns angesprochenen Abbildung gemäß als aufziehbares Männlein fühlen müssten.

Bitte widmen Sie sich unserer Angelegenheit in der kommenden Woche ernsthaft; sonst werde ich mich vielleicht an jemand anderen wenden müssen. Was Herr Klein in dieser Angelegenheit zu unternehmen gedenkt, entzieht sich derzeit meiner Kenntnis.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende im Kreise Ihrer Familie und verbleibe
mit freundlichen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach

_________________
Dr. phil. habil. Heike Diefenbach
– Scientific Consultant, Writer and Educator -

Entweder hat die Mail von Dr. habil. Heike Diefenbach, sowohl der Leiterin als auch ihrem Referenten die Sprache verschlagen, oder die Mühlen in der Antidiskriminierungsstelle mahlen extrem langsam, jedenfalls ist die Mail von Dr. habil. Heike Diefenbach bis jetzt unbeantwortet geblieben.

(c) rubbish press

(c) rubbish press

Der Mail von Dr. habil. Heike Diefenbach ist nichts mehr  hinzuzufügen, aber ich habe mich dennoch entschlossen, die Antwort von der Antidiskriminierungsstelle einmal in zwei Punkten ernst zu nehmen. Zum einen findet Herr Dr. Sopp, dass das Titelbild der Broschüre der GEW nicht zu beanstanden sei. Deshalb habe ich das Titelblatt etwas verändert und bitte jeden, der es hier sieht darum, es weiterzugeben und zu verteilen, damit der Gleichberechtigung im Hinblick auf nicht zu beanstandende, wenngleich geschmacklose Titelbilder Rechnung getragen wird, nicht dass im nächsten Gleichstellungsbericht konstatiert werden muss, dass “feministische” Geschmacklosigkeiten das Feld beherrschen.

Zum anderen findet Dr. Alexander Sopp, dass außer seinen subjektiven Wahrnehmungen alle anderen subjektiven Wahrnehmungen unerheblich sind, weshalb er gleich seine eigene subjektive Wahrnehmung zur objektiven Wahrnehmung erhebt. Damit ist ein philosophisches Problem gelöst, das seit Jahrtausenden zu viel Streit geführt hat und das letztlich auch darin seinen Niederschlag findet, dass sich arme deutsche Richter mühen müssen, einen möglichst objektiven Sachverhalt aus subjektiven Äußerungen von Zeugen zu rekonstruieren. Jetzt, da wir Alexander Sopp haben, ist das alles nicht mehr notwendig. Er kennt das objektiv Richtige. Er weiß, wie die Dinge stehen und deshalb sollten wir Gerichte abschaffen, Richter nach Hause schicken und den Referenten der Antidiskriminierungsstelle, Dr. Alexander Sopp, in allen Streitfragen um seine objektive Meinung bitten.

Nachteile von Jungen beim BAFöG – Stellungnahme des BMBF eingetroffen

Vor einiger Zeit habe ich über die Nachteile die männliche Auszubildende im Vergleich zu weiblichen Auszubildenden beim BAFöG-Bezug haben, berichtet. Am 31. Juli habe ich das Ministerium angeschrieben und darum gebeten, einige dringende Fragen zu beantworten, die sich aus den Ergebnissen meiner Analyse der BAFöG-Statistik ergeben. Mittlerweile ist eine erste Stellungnahme eingetroffen. Im Folgenden ist der bisherige Schriftwechsel, der mit meinem Schreiben an das Bundesministerin Dr. Annette Schavan und ihre Staatssekretäre beginnt, die Antwort des Bundesministeriums sowie meine Antwort auf die Antwort umfasst, wiedergegeben.

——————————-Mein Brief an das Bundesministerium vom 31. Juli 2011

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schavan,
sehr geehrter Herr Rachel,
sehr geehrter Herr Dr. Braun,
sehr geehrte Frau Quennet-Thielen,
sehr geehrter Herr Dr. Schütte,
Ziel des Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAFöG) ist es u.a. Chancengleichheit bei Bildung und Ausbildung herzustellen. Diese Chancengleichheit herzustellen, war das Ziel der 2007 von der Bundesregierung verabschiedeten BAFöG-Novelle. Die „Chancengleichheit“ ist es, die auch Sie, Frau Ministerin Dr. Schavan, durch die BAFöG-Förderung weiter ausbauen wollen, denn, so haben Sie am 19. Juli anlässlich der Präsentation der neuesten BAFöG-Statistik gesagt: „Mit dem BAFöG investieren wir in die Zukunft“.

Generell, so lautet der Grundsatz nach §1 BAFöG, hat jeder Anspruch auf eine Förderung, der die Kosten seiner Ausbildung nicht„anderweitig“ decken kann. Entsprechend liest man auch auf der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft: „Eine gute Ausbildung ist die Basis für beruflichen Erfolg. Jede Ausbildung bringt aber auch finanzielle Belastungen mit sich. Eine qualifizierte Ausbildung soll nicht an den fehlenden finanziellen Mitteln scheitern. Ziel des BAFöG ist es daher, allen [Hervorhebung durch mich] jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, unabhängig von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation eine Ausbildung zu absolvieren, die ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht“.

Die tatsächliche Lage, wie sie sich in den Daten der BAFöG-Statistik niederschlägt, widerspricht diesen Zielen: 497.149 der Schüler oder Studenten, die im Jahr 2009 eine Förderung nach BAFöG erhielten, waren weiblich, 375.933 männlich. Das ist ein deutlicher Unterschied von 32%. Und das Ergebnis steht im krassen Gegensatz zur beabsichtigen und gleichen Förderung „aller jungen Menschen“.

Ein Vergleich des Anteils der BAFöG-Empfänger nach Geschlecht und Schultyp zeigt, dass sich die Nachteile von Jungen nicht durch eine geschlechtsspezifische Verteilung auf verschiedenen Schultypen und Hochschulen erklären lassen. Im Gegenteil, die Nachteile von Jungen bestehen konstant auf Bildungsinstitutionen: Unabhängig von der Bildungsinstitution liegt der Anteil weiblicher BAFöG-Empfänger konstant und deutlich über ihrem Anteil an den entsprechenden Schülern oder an Studenten. So sind 51.5% aller Studenten an Universitäten weiblich, der Anteil der weiblichen Studenten an Universitäten, die BAFöG erhalten, ist mit 58.1% um 6.6% höher. An allgemeinbildenden Schulen ist der Anteil weiblicher Schüler mit 49.2% geringer als der männlicher Schüler, unter den mit BAFöG geförderten Schülern sind weibliche Schüler mit 58.9 deutlich überrepräsentiert. Dasselbe Bild ergibt sich für Berufsfachschüler. Hier übersteigt der Anteil der weiblichen BAFöG-Empfänger den Anteil der weiblichen Berufsfachschüler um satte 10.9%, der Anteil der männlichen BAFöG-Empfänger bleibt um eben diese 10.9% hinter dem Anteil männlicher Berufsfachschüler zurück.

Das Ziel, durch eine BAFöG-Förderung Chancengleichheit herstellen zu wollen, lässt sich mit der geförderten Ungleichheit, die hier zu Tage tritt, nicht in Einklang bringen. Da nicht anzunehmen ist, dass Mädchen überwiegend aus ärmeren Familien kommen als Jungen und die im Bundesausbildungsförderungsgesetz festgeschriebenen Fördervoraussetzungen nicht nach Geschlecht differenzieren, sind die dargestellten Nachteile von Jungen erklärungsbedürftig.

Um den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sich zur Handlungsgrundlage gemachten Prinzipien des Gender Mainstreaming, deren Hauptziel in der Beseitigung geschlechtsspezifischer Nachteile besteht, zur Durchsetzung zu verhelfen, ist es daher dringend notwendig, die Ursache der beschriebenen Nachteile von Jungen zu finden.

In diesem Bemühen bitten ich Sie, Frau Ministerin Dr. Schavan, um die Beantwortung der folgenden Fragen:

  • Welche Erkenntnisse liegen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung über die Ursachen der Nachteile von Jungen beim BAFöG vor?
  • Gibt es Verwaltungsvorschriften bzw. Verwaltungsgepflogenheiten, die als Ergebnis die entsprechenden Nachteile von Jungen hervorbringen können?
  • Gibt es beim Bundesministerium für Bildung und Forschung Überlegungen dazu, wie die beschriebenen Nachteile von Jungen beseitigt werden können?
  • Sieht man beim Bundesministerium für Bildung und Forschung überhaupt die Notwendigkeit, die beschriebenen Nachteile von Jungen zu beseitigen?
  • Hat das Ministerium Daten über die Anzahl der Antragsteller sowie die Anzahl der abgelehnten Anträge, die nach Geschlecht und Bundesland  aufgeschlüsselt werden können?
  • Wenn ja, ist das Ministerium bereit, die entsprechenden Daten dem Fragesteller zur unabhängigen Prüfung zu überlassen?

Ich sehe Ihrer Antwort mit Spannung entgegen und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Michael Klein

——————————-Die Antwort das Bundesministeriums vom 9. August 2011

Sehr geehrter Herr Klein,

vielen Dank für Ihre E-Mail an Frau Bundesministerin Schavan sowie die Staatssekretärin und die Staatssekretäre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Das für die Durchführung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes zuständige Fachreferat ist gebeten worden, Ihnen zu antworten.

Aufgrund eines höheren Anteils weiblicher Geförderter vermuten Sie eine Benachteiligung männlicher Auszubildender.
Im Folgenden darf ich Ihnen zunächst die Grundsätze des BAföG darlegen.

Ziel der Gewährung einer individuellen Ausbildungsförderung ist es, auf eine berufliche Chancengleichheit aller Jugendlichen hinzuwirken. Nach § 1 BAföG besteht deshalb für eine der Neigung, Eignung und Leistung entsprechende Ausbildung ein Rechtsanspruch auf Förderung nach Maßgabe des BAföG, wenn dem Auszubildenden die für seinen Lebensunterhalt und seine Ausbildung erforderlichen Mittel anderweitig nicht zur Verfügung stehen (sog. Subsidiaritätsgrundsatz). Deshalb sind nach § 11 Abs. 2 BAföG auf den förderungsrechtlichen Bedarf des Auszubildenden das eigene Einkommen und Vermögen sowie das Einkommen seines Ehegatten und seiner Eltern anzurechnen.

Was als Einkommen im Sinne des BAföG anzusehen ist, wird in den §§ 21ff. BAföG geregelt. Ausgangspunkt für die Feststellung des Einkommens nach dem BAföG ist die Summe der positiven Einkünfte im Sinne des § 2 Abs. 1 und 2 Einkommenssteuergesetz (EStG). Um den eigenen Lebenshaltungskosten der Eltern sowie den ggf. bestehenden weiteren Unterhaltsverpflichtungen für Geschwister des Auszubildenden Rechnung zu tragen enthält das BAföG in § 25 BAföG absolute und relative Freibeträge. Das Vermögen des Auszubildenden wird nach Maßgabe der §§ 27 bis 30 BAföG angerechnet. Danach bleiben vom Vermögen 5200 Euro anrechnungsfrei. Der Rest wird angerechnet mit der Folge, dass er erst aufgebraucht werden muss, bevor Leistungen nach dem BAföG in Anspruch genommen werden können. Auch vermögenden Auszubildenden Ausbildungsförderung zu gewähren, widerspräche dem o. g. Subsidiaritätsgrundsatz und wäre weder gerecht noch finanzierbar.

Ausbildungsförderung wird gemäß § 2 BAföG bei Vorliegen der Voraussetzungen geleistet für den Besuch von weiterführenden allgemeinbildenden Schulen (z.B. Haupt-, Real- und Gesamtschulen, Gymnasien) ab Klasse 10, Berufsfachschulen, Fach- und Fachoberschulklassen, Abendhauptschulen, Berufsaufbauschulen, Abendrealschulen, Abendgymnasien und Kollegs, Höheren Fachschulen und Akademien sowie Hochschulen. Nach § 8 BAföG sind neben Deutschen auch viele Ausländer/innen BAföG-berechtigt. Vom Grundsatz förderungsberechtigt sind Ausländer/innen, die eine Bleibeperspektive in Deutschland haben und bereits gesellschaftlich integriert sind. Nach § 10 BAföG kann – von Ausnahmen abgesehen – nur gefördert werden, wer die Ausbildung, für die er Förderung beantragt, vor Vollendung des 30. Lebensjahres – bzw. bei Masterstudiengängen vor Vollendung des 35. Lebensjahres – beginnt. Die nach § 9 BAföG erforderliche Eignung für die Ausbildung wird in der Regel angenommen, solange die Auszubildenden die Ausbildungsstätte besuchen oder am Praktikum teilnehmen. Auszubildende an Höheren Fachschulen, Akademien oder Hochschulen müssen zudem in der Regel zu Beginn des fünften Fachsemesters entsprechende Leistungsnachweise vorlegen (§ 48 BAföG).

Nach einem Fachrichtungswechsel oder Ausbildungsabbruch wird Ausbildungsförderung für eine andere Ausbildung nur geleistet, wenn für den Fachrichtungswechsel / Ausbildungsabbruch ein wichtiger oder unabweisbarer Grund bestand (§7 Abs. 3 BAföG). Wichtiger Grund ist z.B. die mangelnde intellektuelle Eignung oder ein schwerwiegender und grundsätzlicher Neigungswandel. Unabweisbar ist ein Grund, der den Abbruch oder Wechsel zwingend erfordert. Fachrichtungswechsel oder Ausbildungsabbruch müssen unverzüglich nach Kenntnis des wichtigen Grundes vorgenommen werden.
Bei einem Fachrichtungswechsel / Ausbildungsabbruch an Hochschulen, Höheren Fachschulen und Akademien kann ein wichtiger Grund nur bis zum Beginn des vierten Fachsemesters anerkannt werden. Ein unabweisbarer Grund ist auch später noch zu beachten. Ausbildungsförderung wird für die Dauer der Ausbildung – einschließlich der unterrichts- und vorlesungsfreien Zeit – geleistet, bei Studiengängen jedoch grundsätzlich nur bis zum Ende der Regelstudienzeit.

Die Grundsätze des BAföG enthalten, wie Sie erkennen können, keinerlei diskriminierende Elemente. Auch durch einzelne Vorschriften bzw. die Verwaltungsvorschriften zum BAföG werden männliche Auszubildende nicht benachteiligt.
Ausbildungsförderung erhält, wer die Voraussetzungen nach dem BAföG erfüllt und einen entsprechenden Antrag stellt. Selbstverständlich sind die Voraussetzungen für männliche und weibliche Antragsteller gleich.

Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Ingrid Dorschner-Wittlich

_________________________
Referat 414 – Ausbildungsförderung – Grundsatzangelegenheiten der Durchführung
Bundesministerium für Bildung und Forschung

Heinemannstrasse 2, 53175 Bonn
Tel.: 0228 99 57-2297
Fax: 0228 99 57-82297
E-Mail: Ingrid.Dorschner-Wittlich@bmbf.bund.de
Internet: www.bmbf.de

——————————-Mein neuerliches Schreiben vom 11. August 2011

Sehr geehrte Frau Dorschner-Wittlich,

vielen Dank für Ihre Antwort und die Kurz-Einführung in das BAFöG-Recht. Da es nicht selbstverständlich ist, von deutschen Behörden überhaupt eine Antwort zu erhalten, weiß ich die Antwort zu schätzen.

Ich bitte Sie jedoch, die Fragen, die Ihnen vorliegen, auch in Gänze zu beantworten, denn, wie Sie meinem Brief entnehmen können, ist es gerade vor dem Hintergrund einer für alle gleichen Rechtslage erklärungsbedürftig, dass männliche Auszubildende so viel seltener gefördert werden als weibliche Auszubildende. Ich darf an dieser Stelle auch der von Ihnen geäußerten Auffassung widersprechen, ich vermutete eine Benachteiligung von Jungen. Im gesamten Brief kommt “Benachteiligung” in nominaler Form oder als Verb nicht vor. Ich rede von Nachteilen, denn es sind Nachteile, die auf der Basis der BAFöG-Statistik von mir aufgezeigt wurden, und ich frage mich und Sie und das Ministerium, wie diese Nachteile zu Stande gekommen und wie sie zu erklären sind.

Eine aktive Benachteiligung ist eine Möglichkeit, die Nachteile zu erklären und wie das Wort schon sagt, ist eine Benachteiligung eine Handlung. Entsprechend wird man nur in den seltensten Fällen eine “Benachteiligung” in einem Gesetz formuliert finden. Deshalb richten sich meine Fragen auch auf die Rechtspraxis und nicht auf den Wortlaut im BAFöG-Gesetz. Vor diesem Hintergrund bitte ich Sie, die folgenden Fragen, die bislang von Ihnen noch nicht beantwortet wurden, zu beantworten:

  • Waren dem Bundesministerium für Bildung und Forschung die Nachteile von Jungen beim BAFöG-Bezug überhaupt bekannt?
  • Welche Erkenntnisse liegen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung über die Ursachen der Nachteile von Jungen beim BAFöG vor?
  • Gibt es beim Bundesministerium für Bildung und Forschung Überlegungen dazu, wie die beschriebenen Nachteile von Jungen beseitigt werden können?
  • Sieht man beim Bundesministerium für Bildung und Forschung überhaupt die Notwendigkeit, die beschriebenen Nachteile von Jungen zu beseitigen?
  • Hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung Daten über die Anzahl der Antragsteller sowie die Anzahl der abgelehnten Anträge, die nach Geschlecht und Bundesland aufgeschlüsselt werden können?
  • Wenn ja, ist das Bundesministerium für Bildung und Forscchung bereit, die entsprechenden Daten dem Fragesteller zur unabhängigen Prüfung zu überlassen?

Ich denke, die Klärung dieser Fragen liegt auch in Ihrem und im Interesse des Bundesministeriums.
Bereits vorab bedanke ich mich für Ihre Antworten und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Michael Klein