Hitliste der Sprachonanie: Was ist das am häufigsten missbrauchte Wort?

Jährlich versammelt sich eine Gruppe von Personen, die von sich denken, sie seien in irgend einer Weise dazu qualifiziert, das vermeintliche Unwort des Jahres zu bestimmen, um eben dieses zu tun.

Täglich wird man nicht nur in Medien mit salbungsvollen Worten beglückt, die dazu dienen, gewünschte Effekte, besser: Affekte beim Zuhörer, Adressaten auszulösen. Ziel in beiden Fällen ist die Manipulation dessen, an den die Worte gerichtet sind.

Während die Unwort-Bestimmer versuchen, ihre Bewertung von Worten anderen unterzuschieben, sind die Wortonanierer, die sich bestimmter Worte bedienen, um bestimmte, von ihnen gewünschte Wirkungen zu erzielen, davon beselt, Andere glauben zu machen, jemand kümmere sich um ihre Belange, weil sie von diesem Glauben persönlich profitieren können.

In beiden Fällen werden Worte missbraucht, ihrer ursprünglichen Bedeutung, sofern sie eine solche hatten, beraubt und eingesetzt, um die Adressaten der Worte krude und in vielen Fällen plumb zu manipulieren bzw. das zu versuchen.

Wir haben im Folgenden unsere Hitliste der 12 am meisten missbrauchten Worte der deutschen Sprache zusammengestellt. Wir begründen unsere Wahl und geben anschließend unseren Lesern die Wahl: Welches aus dieser Liste ist das am meisten in Sprachonanie missbrauchte Wort? (Wem die Liste nicht ausreicht, der kann sein in Onanie missbrauchtes Wort im Kommentarbereich zur Abstimmung vorschlagen, wir nehmen es dann in die Liste auf).

Kapitalismus

Williamson_MOhrKapitalismus bezeichnet eine Wirtschaftsform – sonst nichts. Im Kapitalismus konkurrieren Anbieter auf freien Märkten um Nachfrager. Aus dem harmlosen Begriff ist ein Feinbild geworden, das auf Neid aufbaut und mit dem manche versuchen, sich auf Kosten der Leichtgläubigen, die denken, ihre Position im Leben (vielleicht auch ihr Versagen im Leben) sei nicht Eigen- sondern Fremdschuld, einen Vorteil zu verschaffen. Kapitalismusonanierer spielen mit Neid und Versagen. Jeder, der ihnen auf den Leim geht, ist Profit für sie (cash-in, wie man im Englischen sagt).

Würde und Ehre

Wow, ist das rechts. Würde und Ehre hat man nur noch als Rechtsextremer oder als Türke, der Ehrenmord betreibt oder gut findet. Vielen ist Würde, also das sich selbst an eigene Prinzipien Binden und das entsprechende Handeln, nur noch als Teil des Konjunktiv II bekannt, wenn überhaupt. Gleiches gilt für die Ehre, also die Grenzziehung, die nach außen und gegenüber anderen erfolgt: Heutzutage legt man sich nicht fest, macht man sich nicht verlässlich, sagt anderen nicht, wo die Grenzen dessen verlaufen, was man sich zumuten lässt, was einem gegen die Ehre geht. Die resultierende Willkürlichkeit macht es möglich, Individuen Würde und Ehre (nicht nur als Konzept) zu entziehen und missliebigen Individuen als Abziehbild und in derogativer Absicht zu unterstellen.

Frauen

Einer der am meisten missbrauchten Begriffe ist sicherlich Frauen, ein Begriff, der in der Regel im Singular als “die Frau” vorkommt. Die Frau ist ein Gegenstand, dem eine Reihe von Dingen zugeschrieben werden können: Benachteiligung, Opferstatus, Hilflosigkeit, Unterdrückung, usw. Als Ergebnis zeigt sich die Frau als hilfoses, zu keiner eigenen Regung und schon gar nicht zu eigener Aktion fähiges Zerrbild auf eine physische Existenz, das immer dann hervorgeholt wird, wenn damit Fördergelder oder andere Formen der Vorteilsnahme erreicht werden sollen.

Diversität

Diversität meint Vielfalt, Pluralismus und ist entsprechend ein individualistisches Konzept. Der Missbrauch des Begriffs hat dazu geführt, dass Diversität zu Uniformität verkommen ist. Diversität meint ausschließlich Gruppen und ist auf einen festen Kanon von Kriterien beschränkt. Diversität ist nicht etwa die Diversität von Menschen, ihre unterschiedliche Lebensgeschichte, ihre unterschiedlichen Kenntnisse, ihr unterschiedliches Aussehen, ihre unterschiedlichen Interessen und Vorlieben. Das alles ist keine Diversität. Diversität im Sinne der heutigen Missbraucher des Wortes, ist reduziert auf Gruppen, die durch ihr Geschlecht, ihren Migrationsstatus und ihre sexuelle Orientierung bestimmt sind. Eine ärmlichere Variante von Diversität kann man sich kaum vorstellen.

Gleichhheit

Peoples_Dice_of_EqualityMit der armseligen Vorstellung von Diversität korrespondiert die ebenso armselige, wenn nicht gar primitive Vorstellung davon, was Gleichheit sein soll. Gleichheit, einst ein Recht für Individuen, das ihnen eine gleiche Behandlung vor dem Gesetz oder einen chancengleichen Zugang zu Ressourcen gewähren sollte, ist zu einem Konzept gruppenbasierter Vorteilsnahme verkommen, bei dem an die Stelle eigener Leistung die Forderung nach Teilhabe an der Leistung anderer getreten ist. Für nutznießende Existenzen ist die Forderung nach Gleichheit, gemeint ist damit Ergebnisgleichheit, somit zum Surrogat für eigene Leistung geworden, zur Forderung nach Zugang zu von anderen erwirtschafteten Ressourcen.

Rechte

Rechte sind etwas, was man hat, so jedenfalls sehen es die meisten Philosophen, denn jeder Mensch ist frei geboren. In den angeblich so modernen Gesellschaften ist dies anders. Hier hat niemand Rechte von sich aus, vielmehr werden hier Rechte gnädig gewährt, und zwar nur an Gruppen. Rechte auf Arbeit, Rechte auf Sozialleistung, Kinderrechte usw. Rechte für wen auch immer zu fordern ist schick, eine erfolgreiche, die Naivität bei den Adressaten ausnutzenden Strategie. Sie mündet regelmäßig in den Aufbau einer Industrie, die denen, denen gnädigerweise Rechte gewährt wurden, angeblich dabei helfen soll, die Rechte auch durchzusetzen, und zwar gegen andere Gruppen, wie: Arbeitende, Steuerzahler oder Eltern.

Hilfe

Hilfe, ein Begriff, den Gutmenschen für sich gepachtet zu haben glauben, ist von der Bezeichnung spontaner Aktion, die z.B. darin besteht, einem Bettler am Wegrand völlig uneigennützig eine Münze in den Hut zu werfen, zu einer administrativen Funktion geworden. Hilfe wird verwaltungstechnisch aufbereitet und setzt die Gewährung von Rechten voraus. Hilfe besteht nicht darin, das Los dessen, dem geholfen werden soll, zu erleichten oder gar zu verbessern, sondern darin, ihn von der Hilfeindustrie abhängig zu machen, damit ihm auf Dauer geholfen werden und Dritte dazu verurteilt werden können, die Hilfe der Hilfeindustrie auf Dauer zu finanzieren.

Erziehung

Eng verzahnt mit Hilfe ist Erziehung. Erziehung ist von der Vermittlung der notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zu einem Begriff einer Indoktrinationsbürokratie geworden, unter dessen Schutz jede noch so absurde Form vermeintlicher Erziehung, zumeist in Form von “Erziehung zur …” verpackt werden kann. Man wird zur Mündigkeit und Selbständigkeit erzogen, obwohl dies ein Widerspruch in sich ist, soll durch intolerante Vermittlung der richtigen Weltsicht zur Toleranz erzogen werden und natürlich zu einem guten Bürger der sein Engagement für die Demokratie ernstnimmt und sich in die Gemeinschaft der vermeintlichen Demokraten einordnet, ohne darüber nachzudenken.

Toleranz

Toleranz ist eines dieser Erziehungsziele. Toleranz ist gut, und Toleranz wird generell eingefordert, generell von Anderen. Toleranz ist vom “Gewährenlassen” zu einer Form geforderten Verständnisses für Übergriffe Dritter geworden, für Personen, die sich nicht an vorhandene Konventionen oder Regeln halten wollen oder die Dritten etwas aufzwingen wollen, was diese partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dabei hat Toleranz eine eigenartige Verteilungsschiefe erhalten, denn sie umfasst nur bestimmte Handlungen und gilt nicht für Unternehmer, die keine Frauen im Vorstand haben wollen, Fussballspieler, die nur Fussball spielen und sich nicht als schützenwertes Opfer outen wollen oder Eltern, die nicht einsehen, warum man ihren Kindern in der Schule Kenntnisse über Analverkehr vermitteln sollte.

Solidarität

im_here_to_helpDieselbe Einseitigkeit, die Toleranz auszeichnet, zeichnet auch Solidarität aus. Der Begriff, der ursprünglich auf eine Gruppe von Menschen gezielt hat, die sich in der selben Lebenslage befinden, z.B. als Bergarbeiter, hat eine erhebliche Verönderung erfahren. Der Ruf nach Solidarität erschallt immer dann, wenn Steuerzahler oder eine andere finanzkräftige Gruppe dazu gezwungen werden sollen, die Launen von Dritten zu finanzieren. Wer sich solidarisch zeigt, vergibt entsprechend eine frei zu nutzende Einzugsermächtigung, von der er nichts, aber auch gar nichts hat, im Gegensatz zu denen, die den Begriff der Solidarität geprägt haben, und die Solidarität mit einem kranken Kumpel geübt haben, wohlwissend, dass dann, wenn sie selbst krank werden, die anderen Gruppenmitglieder mit ihnen solidarisch sind.

Armut

Armut bezeichnet einen Zustand physischer Mittellosigkeit. Man hat das Bild eines zerlumpten Menschen vor Augen, der versucht, sich mit Nahrung zu versorgen. Armut ist ein instrumenteller politischer Kampfbegriff, geworden, der eingesetzt wird, um Affekte auszulösen und Vorteile zu erheischen, entweder durch die Schaffung eines Hilfemarktes oder durch politische Mandatierung. Entsprechend gelten heute Menschen mit einem Nettoeinkommen von 1.250 Euro monatlich, denen die Wohnung finanziert wird und die eine Vielzahl sonstiger Vergünstigungen aus Steuermitteln erzielen, als arm. Ein Hohn auf all diejenigen, die wirklich arm sind.

Wissenschaft

Von der Armut bis zur Wissenschaft ist es nur ein kurzer Weg. Leider. Einst war Wissenschaft ein methodisches Unterfangen, das dem Erkenntnisgewinn gewidmet ist. Die Fortschritte der Menschheit basieren auf Wissenschaft, darauf, dass Vorstellungen über das Funktionieren bestimmter Dinge an die Welt herangetragen und überprüft werden. Wissenschaft ist nachprüfbar, der Nutzen von Wissenschaft ist klar angebbar. Das jedenfalls war er früher. Heute gelten andere Maßstäbe. Heute ist alles Wissenschaft, was Wissenschaftlichkeit behauptet, als wissenschaftlich bezeichnet wird oder an Orten der Wissenschaft betrieben wird. Im Zeitalter des radikalen Konstruktivismus, der es geschafft hat, auch noch die letzte Bedeutung so lange zu dekonstruieren, bis nichts davon übrig geblieben ist als Willkürm ist Wissenschaft ein Vehikel der Manipulation geworden, das zu Legitimationszwecken missbraucht wird. Man will eine Maßnahme durchsetzen? Ein angeblich wissenschaftliches Gutachten belegt den Wert der Maßnahme. Man will sicherstellen, dass die Günstlinge der Maßnahme auch nach Ablauf der für ihre Durchführung vorgesehenen Zeit duchgefüttert werden? Sogenannte wissenschaftliche Begleitforschung liefert die Blanko-Verlängerung der Maßnahme. Die Willkür, die sich des Etiketts “Wissenschaft” bedient, ist kaum mehr zu überbieten, was heute als wissenschaftliche Studie oder wissenschaftliche Expertise verkauft wird, hat in der Mehrzahl der Fälle weder etwas mit einer wissenschaftlichen, also methodischen, nachprüfbaren und falisifizierbaren Studie zu tun, noch mit Expertise, also Kenntnissen und Fähigkeiten, die eine Person erst dazu befähigen, ein Experte mit einer ausgewiesenen Expertise in einem Feld zu sein und entsprechend eine wissenschaftliche Expertise erstellen, seine Expertise geben zu können.

 

Damit haben wir unsere 12 Worte zusammen. Ein 13. Wort, das auf den ersten Blick in die Reihe gehört, nämlich die Nachhaltigkeit, haben wir nicht aufgenommen, denn auf den zweiten Blick erweist sich der Begriff als grundlegend unsinnig. Angesichts des Platzes, den die Erde im Universum einnimmt, und dem vorhersehbaren Ende, das die Erde nehmen wird, wenn sich die Sonne einst ausdehnt, sofern nicht zuvor ein Meteorit entsprechender Größe der Nachhaltigkeit ein Ende bereitet, wird deutlich, dass der Begriff nicht anders als normativ gemeint sein kann, und entsprechend auch nie anders als als Möglichkeit, von Dritten einen Vorteil zu erheischen, genutzt wurde.

Jetzt sind unsere Leser an der Reihe:

Gesucht ist der am häufigsten missbrauchte Begriff und Anführer der Hitliste der Sprachonanie:

Welcher Begriff ist der am häufigsten missbrauchte Begriff?

Die Zerstörung der Soziologie als Wissenschaft oder: Warum machen Soziologen nicht den Mund auf?

Seit der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Solidaritätsadresse für Soziologen wie Gerhard Amendt, die Hasskampagnen ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, gibt es in einigen Blogs eine Diskussion darüber, ob Soziologie überhaupt eine Wissenschaft darstellt oder nicht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Diskussion, die im Blog von Hadmut Danisch geführt wird.

Eine Anzahl von Kommentatoren, fühlt sich dazu berufen, der Soziologie als Ganzem den Wissenschaftsstatus abzusprechen. Andere kritisieren, dass sofern es Soziologen gibt, die noch Wissenschaftler sind, sich diese nicht zu Wort melden. Generell wird dabei Soziologie irrtümlicher Weise mit Geschlechterforschung und Geschlechterforschung mit Genderismus gleichgesetzt, d.h. in der Außenwahrnehmung vieler gibt es keine Soziologie ohne Genderismus mehr.

Dabei nimmt die nicht pöbelnde Kritik z.B. die folgende Form an:

Danisch“Ein zentraler Fehler der Soziologie ist dabei, dass sie gar nicht das Ziel hat, wissenschaftlich und beschreibend zu sein, sondern dass sie politisch ist, politische Ziele verfolgt, und sich nur darum dreht, wie sie die Gesellschaft gerne sehen und haben möchte. Keine andere Fakultät (außer noch den Juristen) ist so eng mit der Politik verflochten, ist so weit von Wissenschaft entfernt.”

oder:

“Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Wissenschaft hat, merkt bei Lesen soziologischer Schriften sofort, dass das mit Wissenschaft nichts zu tun hat, dass es nur ein „so tun als ob”, eben das Nachäffen des Gehabes ist. Zentrales Kernmerkmal dafür ist, dass Soziologie nicht auf Wissen, sondern auf Autoritäten beruht. Nie wird etwas inhaltlich-wissenschaftlich begründet.”

oder:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Beginnt man der Reihe nach, so muss zunächst ein Fehler beseitigt werden: Soziologen, wie alle Sozialwissenschaftler,  wollen nicht nur beschreiben, sie wollen auch erklären. Emile Durkheim, der Begründer der Soziologie, hat versucht, Selbstmord in seinen Formen zu erklären, er hat Methoden zur Erklärungen sozialer Tatbestände entwickelt. Insofern ist z.B. der Anspruch der Soziologie ein weitergehender als er hier gemutmaßt wird: Die berühmte Definition des Gegenstands von Soziologie, die Max Weber gegeben hat, lautet entsprechend: “Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988: 542).

Weber WissenschaftslehreDamit ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Zweck darin besteht, soziale Fakten zu verstehen und zu erklären, z.B. zu erklären, wie es dazu kam, dass der Genderismus an deutschen Universitäten Fuss fassen konnte. Um dies erklären zu können, muss man zunächst den Genderismus als die Ideologie, das religiöse Gebäude, das auf der unbelegten Behauptung, Frauen seien benachteiligt, basiert, verstehen, den Genderismus als die religiöse Heilslehre sehen, das politische Programm, die/das er ist. Entsprechend stellt sich nunmehr die Frage: Wie konnte es sein, dass sich eine religiöse Heilslehre wie der Genderismus an Universitäten und u.a. in den Instituten der Soziologie ausbreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage wäre entsprechend die von Weber eingeforderte Erklärung sozialer Phänomene.

Um soziale Tatsachen zu verstehen und zu erklären, gibt es einen methodischen Kanon, den wir in unserem Grundsatzprogramm zusammengestellt haben. Er sieht es vor, von allgemeinen Aussagen (Theorien) über soziale Fakten auszugehen und Hypothesen über konkrete soziale Gegenstände zu bilden, die prüfbar sein müssen und damit die Gefahr in sich tragen, an der Realität zu scheitern. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Soziologie im Besondern und Sozialwissenschaften im Allgemeinen hat Karl-Dieter Opp in seinem Buch “Methodologie der Sozialwissenschaften” ausführlich dargestellt, so dass jeder, der von sich behauptet, Sozialwissenschaftler oder Soziologe zu sein, nicht gleichzeitig Unkenntnis über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Soziologie heucheln kann. Wenn er Unkenntnis kund tut, dann verfolgt er offensichtlich andere als sozialwissenschaftliche oder soziologische Zwecke.

Die zur empirischen Prüfung notwendigen Methoden in qualitativer wie quantitativer Form finden sich in unzähligen Bänden, die dem Thema der Methoden der empirischen Sozialforschung gewidmet sind. Sie finden sich in qualitativer und in quantitativer Form, sie finden sich als Technik zur Fragebogenkonstruktion, als Methoden zur Datenerfassung, als Methoden zur Vermeidung eines Befragungs-Bias, als Darstellung suggestiver Befragungstechniken, die mit einem ethischen Bann belegt sind, schließlich finden sich Legionen von Darstellungen einzelner statistischer Methoden, von univariaten Auszählungen über die Darstellung bivariater Zusammenhänge bis zu multivariaten Verfahren.

RityerDie Soziologie als Fach, ist somit eines der wenigen Fächer der Sozialwissenschaften, die über einen theoretischen Korpus verfügen, den Forscher wie Jeffrey Alexander, Herbert Blumer, Gary Becker, Peter Blau, James Coleman, Randall Collins, Ralf Dahrendorf, Emile Durkheim, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Michael Hechter, George C. Homans, Talcott Parsons, Karl-Dieter Opp, Heinrich Popitz,  und viele mehr gelegt haben. Zudem verfügt die Soziologie über eine wissenschaftstheoretische Basis, die von Hans Albert, Karl Raimund Popper, Imre Lakatos oder Thomas Kuhn gelegt wurde und deren Tenor darin besteht, dass wissenschaftliche Aussage nachvollziehbar und vor allem nachprüfbar sein müssen. Aussagen, die nicht an der Realität scheitern können, sind entsprechend keine wissenschaftlichen Aussagen. Schließlich verfügt die Soziologie über eine Vielzahl von Methoden zur empirischen Prüfung, von der Datenerhebung bis zur Datenanalyse.

Kurz und mit Thomas Kuhn gesprochen: Die Soziologie ist eine der wenigen Sozialwissenschaften, die den Sprung aus dem, was Kuhn die vorwissenschaftliche Phase nennt, in die Phase der Normalwissenschaft vollzogen haben.

Und dann kam der Genderismus.

Dann kam die Unterminierung der Soziologie durch eine Religion, die keinerlei theoretische Grundlage hat, statt dessen auf der Verkündung, Frauen seien benachteiligt, aufbaut, wie jede Religion auf einem mystischen Schöpfungsakt aufbaut. Der Genderismus hat keinerlei wissenschaftstheoretische Basis, die den rudimentärsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, im Gegenteil: Nicht Nachvollziehbarkeit oder Nachprüfbarkeit ist das Credo des Genderismus, sondern politische Einflussnahme, so nachzulesen in dem, was prätentiös als feministische Wissenschaftstheorie benannt wird, ein Sammelsurium aus Versuchen, Werturteile, natürlich nur feministisch basierte Werturteile, zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen. Werturteile im wissenschaftilchen Erkenntnisprozess waren schon für Max Weber (1988: 609) das Ende von Wissenschaft, und sie sind es bis heute geblieben.

Aber: Genderismus ist ja auch keine Wissenschaft, sondern eine Religion, die die eigenen Werturteile als richtige Werturteile verbreiten will. Da die Zielsetzung von Genderismus darin besteht, die eigenen Werturteile als richtig in der Gesellschaft zu etablieren, gibt es auch keine wissenschaftlichen Methoden und Techniken der Datenerhebung. Die Intuition, die auf der Basis des Gefühls, Recht zu haben, fusst, ersetzt das nachprüfbare und methodengeleitete Vorgehen, das Wissenschaft auszeichnet. Kurz: Genderismus ist eine Heilslehre, eine Religion, die mit Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialwissenschaft im Besonderen nichts zu tun hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Genderismus dennoch an Universitäten und hier besonders im Bereich der Soziologie einnisten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Es gibt bislang keine Forschung, die untersuchen und darstellen würde, wie es gelungen ist, eine Religion an Universitäten zu etablieren. Entsprechend muss man, ganz in soziologischer Tradition, Hypothesen bilden, Hypothesen, die von einem Rational-Choice-Ansatz ausgehen, der wiederum, um mit Max Weber zu sprechen, annimmt, dass Akteure zielgerichtet und zweckrational handeln.

Homo sociologicusDa Genderismus eine Religion ist, die nicht nur die Konsequenz hat, Wissenschaft zu zerstören, sondern auch die Konsequenz, eine Wissenschaft wie die Soziologie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ein Unterfangen, das wie die Zitate oben zeigen, schon recht erfolgreich gewesen ist, liegt es nahe anzunehmen, dass eben diese Diskreditierung der Soziologie das Ziel ist, das mit der Unterwanderung der Soziologie durch den Genderismus erreicht werden soll.

Die Frage nach dem Warum, ist leicht zu beantworten: Vor dem Einfall des Genderismus war Soziologie ein Fachbereich, in dem eine Mehrheit klare methodische Standards und wissenschaftstheoretische Grundlagen geteilt hat. Soziologie war eine kritische Wissenschaft (das hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, eher im Gegenteil: Soziologie war trotz Habermas kritisch). eine Wissenschaft, die Ergebnisse auf geprüfter empirischer Basis erzielt hat, Ergebnisse, die im Gegensatz zu den Machtverhältnissen in der deutschen Gesellschaft und den Ideologien von Politikern standen.

So betrachtet, wäre die Zersetzung der Soziologie, ihre Zerstörung durch staatstreue Genderisten ein gezieltes Vorhaben, eine Hypothese, die nun der Prüfung harrt (Diese Hypothese ist prüfbar und das ist, was sie von einer Verschwörungstheorie unterscheidet).

Und warum haben die alten Soziologen, diejenigen, die dem wissenschaftlichen Korpus der Soziologie verpflichtet sind, dabei zugesehen, wie ihre Wissenschaft zerstört und durch feministischen Kauderwelsch ersetzt wurde, einen Kauderwelsch der die Soziologie, wie die Zitate oben zeigen, in der Außenwahrnehmung so sehr beherrscht, dass Soziologie mittlerweile mit Genderismus gleichgesetzt wird?

Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beanwtorten. Vermutlich ist hier ein Prozess am Werk, wie ihn Soziologen beschreiben, die sich mit emergenten Effekten beschäftigen. Jeder Soziologie-Professor ist seine eigene Insel. Die Kosten für eine Organisation von Soziologie-Professoren, die Kosten für die Organisation von Widerstand sind zu hoch, als dass sie überwunden werden könnten. Also sehen sich die Einzelkämpfer-Professoren einem organisierten Auftrieb gegenüber, der als angeblicher politischer Wille, Genderismus in die Wissenschaft implementiert, und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.

Dass Fächer per politischem Willen in Universitäten implementiert wurden und nicht aufgrund einer entsprechenden Entscheidung der scientific community ist recht selten: Neben dem Genderismus, gibt es wenige Beispiele, am bekanntesten ist der Marxismus-Leninismus, den die religiösen Herrscher des erfolgreichsten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der immerhin 40 Jahre den Mangel verwaltete, ehe ihm die Banane den Garaus machte, etabliert haben, und das ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Religionen.

Damit sind wir zurück beim einem der drei Zitaten von oben:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Das schreibt Hadmut Danisch und damit will er im Umkehrschluss belegen, dass es keine seriösen Wissenschaftler in der Soziologie gibt. Das ganze Argument krankt zwar daran, dass es auf einer Tautologie aufbaut, aber das Anliegen, das dieses Argument hervorgebracht hat, ist legitim, beschreibbar als Frage: Warum machen Soziologen, also die wenigen Wissenschaftler, die es in der institutionalisierten Soziologie noch gibt, nicht den Mund auf (freien Wissenschaftler, wie der Soziologin Dr. habil. Heike Diefenbach kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie würde nicht den Mund aufmachen)?

FestingerWir haben, ehrlich gesagt, keine Antwort auf diese Frage. Eine Hypothese, die wir anbieten können, basiert auf der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die bekanntlich vier mögliche Strategien der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen sieht, kognitiver Dissonanzen, wie sie sich unwillkürlich einstellen, wenn ein Soziologe, der Wissenschaft betreiben will, mit Vertreter der Genderreligion konfrontiert ist:

(1) Der Soziologieprofessor kann sich einreden, die Gefahr, die von der Gender Sekte in seinem Fachbereich und für seine Wissenschaft ausgeht, sei nur gering, sei vernachlässigbar, die Soziologie als solche vom Genderglauben nicht tangiert.

(2) Er kann sein Verhalten ändern und seinen Beruf als Soziologe an den Nagel hängen.

(3) Er kann sein eigenes Verhalten neu einschätzen und sich sagen, dass er die Methodik und Wissenschaftlichkeit von Soziologie vielleicht zu eng sieht.

(4) Er kann seine Sicht auf Genderismus ändern und sich einreden, dass Genderismus gar keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist.

Wir sehen Alternative (1) als die wahrscheinlichste Alternative an. Egal, welche der Alternativen das profunde Schweigen von Soziologen erklärt, mit dem sie der Zerstörung ihrer Wissenschaft zusehen, es bleibt die kognitive Dissonanz. Egal, welche Alternative einzelne Wissenschaftler für sich wählen, die Dissonanz geht davon nicht weg. Sie mag zeitweise in den Hintergrund treten, sie mag abgemildert werden, doch sie kehrt wieder, regelmäßig, und zwar so lange, so lange es noch Wissenschaftler unter den Soziologen gibt, wobei die Außenwahrnehmung der Soziologie, wie der Sozialwissenschaften insgesamt, den Eindruck vermittelt, als wäre es den Genderisten längst gelungen, beide, Soziologie wie Sozialwissenschaften, in der Meinung der Bürger gründlich zu diskreditieren.

Land der Phantasten und Affektredner

Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Phantasten und Affektredner geworden.

Bereits in der Vergangenheit haben wir in einem Beitrag einen Punkt angetippt, den wir als Nukleus der Zerstörung einer auch in Deutschland noch rudimentär vorhandenen Wissenschafts- und demokratischen Kultur ansehen: Die Ausbreitung von Affektrednern nun auch in Universitäten, nachdem Sie bereits weite Bereiche des öffentlichen Lebens durchsetzt haben.

Affektredner, das sind für uns Menschen, die Behauptungen aufstellen, die ihnen (a) gut gefallen, an denen sie (b) emotional hängen oder von denen sie sich (c) einen Vorteil versprechen und von denen sie (d) keinerlei Ahnung haben, ob sie richtig sind.

Logik der ForschungDer entscheidende Punkt an dieser Definition ist Punkt (d). Er beschreibt das mutwillige Aufstellen von Behauptungen, für die nicht einmal die Spur eines Beleges vorhanden ist: Vollmundiges Angeben hat man das früher genannt, von Menschen, die den Mund zu voll nehmen, hat man früher gesprochen. Heute scheint das den-Mund-zu-voll -Nehmen die Normalität geworden zu sein, und was besonders fatal ist, es scheint die Normalität in der Wissenschaft geworden zu sein.

Wer sich mit den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Themen beschäftigt, von Fragen der Bildung über soziale Ungleichheit, von politischer Ideologie bis zur Ökonomie, von Managementlehren bis zu Fragen erneuerbarer Energien, der kommt über kurz oder lang nicht umhin eine Gemeinsamkeit zu finden, die alle Bereiche überspannt: Empirische Untersuchungen, in denen eine Fragestellung entwickelt und geprüft wird, sind Mangelware. Wenn es sie überhaupt gibt, dann finden sie sich zumeist in grauen Papieren oder internationalen, nicht jedoch oder so gut wie nicht, in deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften.

An dieser Beobachtung ändert auch der häufiger anzutreffende Versuch nichts, Daten in welcher Form auch immer in eine Arbeit einzubauen. Die entsprechenden Versuche sind in der Regel von keinerlei Sachverstand über Fragen der Datenerhebung getrübt. An die Stelle des entsprechenden Sachverstands tritt die Überzeugung, dass man eklektizistisch ein paar Dinge aus der Empirie entnehmen könne, um die eigene Behauptung zu bestätigen. Mit empirischer Sozialforschung hat dies soviel zu tun wie das Morgengebet im Vatikan mit wissenschaftlichem Fortschritt.

An Stelle empirischer Arbeiten, die einer Fragestellung und der Prüfung gewidmet sind, findet man eine typisch deutsche Version vermeintlich wissenschaftlicher Arbeiten, die von einem Anliegen des Schreibers getrieben sind und keinerlei Versuch unternehmen, dieses Anliegen mit empirischen Fakten zu konfrontieren. Diese Form deutscher vermeintlicher Wissenschaft gibt es als Verlautbarungswissenschaft und als Affektwissenschaft.

Verlautbarungswissenschaft kommt regelmäßig in dem Tenor daher: “Ich aber sage euch” (und ihr glaubt es gefälligst). Verlautbarungswissenschaft nimmt ihre Legitimation daraus, dass der Verlautbarer denkt, er habe eine wissenschaftliche Position inne und müsse entsprechend Wissenschaftler sein. Das bedeutet, dass er dem, was er von sich gibt, einen höheren Stellenwert zuweist, als dem, was ein Normalbürger von sich gibt. Wodurch diese Arroganz gerechtfertigt ist, ist unklar, denn Verlautbarungswissenschaftler können in der Regel keinen Grund angeben, warum das, was sie sagen, relevanter sein soll als das, was andere, die keine wissenschaftliche Position inne haben, sagen.

SokalUm über diesen Umstand hinwegzutäuschen, bedienen sich die Verlautbarungswissenschaftler einer Sprache, die so gesteltzt ist, dass selbst sie beim nächsten Lesen Schwierigkeiten haben, zu benennen, was sie eigentlich in den vielen von ihnen benutzen Worten ausdrücken wollten. Sätze wie: “In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen verfolge ich ein Verständnis, das Diskurse als institutionalisierte Regelsysteme von Bedeutungen und Wissen versteht, die sich als handlungsleitend für Subjekte konstituieren und sowohl Macht strukturieren als auch institutionell materiell werden” (Claus, 2014, 102). Bei solchem verbalen Unsinn hat man regelmäßig den Eindruck, der Autor verfolge im wahrsten Sinne des Wortes einen Ansatz, allerdings ohne ihn jemals einzuholen.

Die treibende Kraft hinter Verlautbarungswissenschaftlern ist ihr Auftrag. Dabei handelt es sich entweder um einen ideologischen Auftrag, der sich in der entsprechenden Gesinnung niederschlägt oder um einen Auftrag, der ihnen von einer sie bezahlenden Institution zugewiesen wurde.

Neben den Verlautbarungswissenschaftlern, die ihren Unsinn in wortreiche Satzkonstruktionen durchsetzt mit Nomen und nominalen Konstruktionen verpacken, so dass naive Zeitgenossen der Meinung sind, hier handle es sich um wichtige Gedanken (Wohl niemand hat den Affektrednern so sehr die Luft abgelasen wie Karl Raimund Popper in seiner Übersetzung von Habermas, gibt es noch Affektwissenschaftler. Sie nutzen ihre Texte dazu, um einem vermeintlich tiefen Empfinden, das sie zu haben sich einbilden, von dem sie aber nicht wissen, warum sie es haben, Ausdruck zu verleihen, und damit eine Leserschaft zu beglücken, in der niemand weiß, was ihm die emotionalisierte Anekdote sagen will, sofern er nicht selbst von einer tiefen Emotion, die gerade anschlussfähig ist, weggespült wird.

Diese beiden Formen von institutionalisierten Wissenschaftlern, bei denen es sich nicht um Wissenschaftler, sondern um Scharlatane handelt, finden sich zu Hauf an deutschen Universitäten (Beispiele finden sich z.B. hier und hier). Die Verbreitung der “wie es mir beliebt” oder “wie kommt mir die Welt vor” oder “was mir gefällt” Wissenschaft hat zur Folge, dass wissenschaftliche Standards sinken und jeder, der schreiben kann, meint, er habe zu bestimmten Themen etwas mitzuteilen, sei deshalb ein Experte mit Expertise, weil ihm der Auftrag erteilt wurde, eine Expertise zu erstellen.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat in einem Kommentar sehr deutlich gemacht, dass gerade das, was das Erstellen eines interessanten und informierten wissenschaftlichen Textes erst möglich macht, nämlich das Vorhandensein von Expertise, von Wissen und Erfahrung beim Schreiber, in Deutschland kaum mehr mit einem wissenschaftlichen Text  oder einer Expertise in Verbindung gebracht wird. Wie viele Begriffe, so ist auch der Begriff der Expertise völlig sinnentlehrt. Folglich kann ein Student der Genderwissenschaft, der alle Kenntnisse über Methoden und wissenschaftliche Standards vermissen lässt, dem Glauben anheimfallen, er sei Experte und könne wissenschaftliche Texte verfassen, die sich durch Expertise auszeichnen.

AndreskiDie Aushöhlung der Begriffe und die damit notwendig verbundene Beseitigung von Standards hat bereits dazu geführt, dass man in Deutschland Texte als wissenschaftliche Beiträge veröffentlichen kann, die in anderen Ländern und in der dortigen Wissenschaftscommunity lediglich zu Erheiterung führen würden. Die Konsequenzen dieser Zerstörung von Normen und Standards sich jedoch weitreichender.

Die Konfrontation von Aussagen mit der Wirklichkeit ist der einzige Weg, um überhaupt etwas zu lernen, um Fortschritt und Erkenntnis zu erzielen. Wer diese Konfrontation meidet oder gar nicht weiß, was man von ihm will, wenn man ihn nach Belegen für seine Behauptungen fragt, nimmt entsprechend einen mentalen Regress. Eine Gesellschaft, in der die Standards so weit gefallen sind, dass es möglich ist, unfundierte Behauptungen als wissenschaftliche Aussagen auszugeben, eine Gesellschaft, in der der Öffentliche Diskurs nicht darüber geführt wird, ob eine Behauptung mit der Realität im Einklang steht, sondern darüber, ob eine bestimmte Behauptung ideologisch wünschenswert und gut ist oder nicht, in einer solchen Gesellschaft vollziehen sich ein kognitiver Regress und ein Brain-Drain der besonderen Art: Diejenigen, die die alten Standards noch kennen und auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Wert legen, wandern ab oder äußern sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Als Folge degeneriert der öffentliche Diskurs weiter. Konsequenterweise finden sich Leute ein, die behaupten, um des Behauptens Willen. Schließlich wird eine Gefahr Wirklichkeit, die kein Demokratietheoretiker thematisiert hat: In kognitiv regressiven oder degenerierenden Gesellschaften, in Gesellschaften in denen der Diskurs von spontan verbalisierenden Affektrednern berherrscht wird,  herrschen Unvernunft und Unverstand. Sie regieren gegen die Wirklichkeit an, mit allen Konsequenzen, die dies für diese Gesellschaften hat und solange es sich eben durchhalten lässt.

Insofern machen sich die Wissenschaftler, die am Rande stehen und der Zerstörung ihrer Wissenschaft durch Ideologen, Genderisten, Sozialisten, durch Verlautbarungs- und Affektwissenschaftler zusehen, nicht nur an der Wissenschaft, sondern an der Gesellschaft als Ganzer schuldig. Aber: Schweiger ist der meisten deutschen Wissenschaftler beste Rolle. Österreicher, zum Beispiel, bringen den Mund auf, wo deutsche Wissenschaftler schweigen, schweigen, weil sie zwar nicht den Mund, dafür aber die Hosen voll haben.

©ScienceFiles,2014

Genetischer Fehlschluss: Die Basis von Gesinnungs-Sekten

Im letzten Post haben wir am Beispiel des Fehlschlusses ad-hominem dargestellt, wie der entsprechende Fehlschluss eingesetzt werden kann, um Gesinnungs-Sekten zu konstituieren. Eine Gesinnungs-Sekte ist für uns ein Zusammenschluss von Gleich-Gläubigen, die sich um einen Glaubensinhalt, z.B. eine politische Ideologie oder ein anderes religiöses Überzeugungssystem ansammeln. Die Migliedschaft in Gesinnungs-Sekten hat für einige der Mitglieder den Anreiz, sich durch die Bereitstellung von Glaubensinhalten einen persönlichen Nutzen, z.B. in From politischer Ämter zu verschaffen. Für die Mehrzahl der Mitglieder in Gesinnungs-Sekten ist es die Bereitstellung eines sozialen Nutzens, der den Anreiz zur Mitgliedschaft darstellt.

Tajfel. social identityDer soziale Nutzen kann mit Tajfel und Turner als soziale Identität beschrieben werden, als Möglichkeit, durch Zugehörigkeit zu einer Gesinnungs-Sekte die nicht vorhandene persönliche Identität zu kompensieren. Die entsprechenden Mitglieder sind in der Regel nicht in der Lage, sich selbst einen Lebenssinn, ein Lebensziel, eben eine personale Identität zu geben, die sie von ihrer Umwelt unterscheidet. Entsprechend nehmen sie das erstbeste Angebot, das ihnen eine Surrogat-Identität verspricht, an und werden Mitglied einer Gesinnungs-Sekte. Wie die von uns besprochene Forschung zu den Mitgliedern von al-Kaida gezeigt hat, ist die Frage, welche Organisation die gesuchte soziale Identifikation bereit stellt, dem Zufall oder der sozialen Umgebung geschuldet, was abermals die Beliebigkeit der gewählten Surrogat-Identität deutlich macht und zudem die Möglichkeit eröffnet, über den Trend zu Mitgliedschaften in Gesinnungs-Sekten die intellektuelle Stimmung innerhalb einer Gesellschaft zu beschreiben.

Da Gesinnungs-Sekten auf einem Überzeugungs-System basieren, das nicht rational, sondern emotional begründet ist, da die Wahl der Mitgliedschaft in einer Gesinnungs-Sekte nur bei denen, die damit einen Unterhalt erwirtschaften wollen, eine rationale Wahl ist, die Inhalte aber dennoch ein Glaubensystem darstellen, das durch empirische Fakten rasch zum Einsturz gebracht werden kann (Man stelle sich vor, Globalisierungsgegner müssten die Existenz des “Finanzkapitals” oder die gemeinsame Agenda des Finanzkapitals belegen, oder Linke müssten nachweisen, dass sich nicht Funktionäre, sondern Unternehmer über Gebühr bereichern, oder Rechtsextremisten müssten zeigen, dass Ausländer einen negativen Effekt auf das Bruttosozialprodukt haben…) , ist es von entscheidender Wichtigkeit, das Glaubenssystem nicht mit empirischen Fakten zu konfrontieren, es gegen empirische Fakten abzuschirmen.

Zu diesem Zweck kommen logische Fehlschlüsse zum Einsatz. So haben wir im letzten Post dargestellt, dass der Fehlschluss ad hominem ein Mittel darstellt, um nicht über Argumente diskutieren zu müssen. Statt dessen wird versucht, die Person zu diskreditieren. Ein weiterer Fehlschluss, der geeignet ist, das eigene Überzeugungssystem der Gesinnungs-Sekte erst gar nicht in Kontakt mit kritischen Argumenten kommen zu lassen, ist der genetische Fehlschluss.

Der genetische Fehlschluss besteht in einer Vermengung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang. Umstände, die die Entdeckung z.B. einer Theorie betreffen, werden auf die Theorie übertragen und als Beleg für deren Falschheit gewertet.

Logik Salmon“Zum Beispiel: Die Nazis verwarfen die Relativitätstheorie, weil Einstein, ihr Entdecker, ein Jude war.
Das ist ein ganz klarer Fall eines genetischen Fehlschlusses. Das nationale oder religiöse Umfeld, aus dem derjenige kommt, der eine Theorie aufstellt, ist sicherlich nur für den Entdeckungszusammenhang von Bedeutung. Die Nazis bewerteten so etwas, als ob es zum Begründungszusammenhang gehört” (Salmon, 1983: 28).

Der Entdeckungszusammenhang bezieht sich auf die Umstände, unter denen eine Entdeckung gemacht wurde. Er rekurriert auf z.B. kulturelle Gründe, die die Archäologie z.B. über Opfergefäße nicht hinauskommen sieht oder Politikwissenschaft und Soziologie von Wissenschaften, deren Ziel die Beobachtung und Kontrolle der sozialen und politischen Auswirkungen bestimmter Akteurskonstellationen (oder Regierungsysteme) war, zu Legitimationswissenschaften eben dieser Akteurskonstellationen gemacht hat, oder er rekurriert auf religiöse Umfeldvariablen, die z.B. zu Galileos Zeiten die Erforschung bestimmter Inhalte unter Strafe gestellt haben. Variablen des Entdeckungszusammenhangs konstituieren den Möglichkeitsraum für Entdeckungen. Sie haben überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Entdeckung, die Beobachtung, die Theorie, die Aussage über die Welt richtig ist.

Die Richtigkeit von Aussagen über die Welt, von Beobachtungen oder Theorien zu prüfen, ist Gegenstand des Begründungszusammenhangs. Die Prüfung der Richtigkeit hat ausschliesslich das zum Gegenstand, was über die Welt ausgesagt wird. Nichts anderes. Entsprechend ist es mehr als offensichtlich, dass die Schuhgröße, die Nationalität, die Wahlteilnahme, die Augenfarbe, die sexuelle Orientierung (heute ja so wichtig), die Fremdsprachenkenntnisse oder die Tatsache, dass der Entdecker einer Theorie in einem Anfall von Wut seinen lärmenden Nachbarn erschlagen hat, überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Aussagen über die Welt richtig oder falsch sind. Wer dies dennoch behauptet, begeht einen genetischen Fehlschluss.

Eigentlich sollte man denken, dieser Zusammenhang ist offensichtlich und dennoch gibt es Zeitgenossen, die Aussagen ablehnen, gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, weil sie aus einem “neoliberalen Kontext” kommen, weil sie von einem Wissenschaftler stammen, der quantitativ arbeitet, weil ein religiöser Terrorist sie gemacht hat, dem die Römer habhaft werden konnten und  der wie Adam Smith denkt, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei Empathie (sympathy bei Adam Smith), also die Überzeugung, dass man durch Kooperation einen höheren Nutzen erwirtschaften kann als ohne Kooperation und – abgesehen davon – ist sei besser, sich Menschen zum Freund und eben nicht zum Feind zu machen.

flies around a lightDie Anziehungskraft, die der genetische Fehlschluss ausübt, führt zurück in die Sozialpsychologie und zum Problem, dass man als Mensch eine Identität ausbilden muss, ein Bild von sich. Dieses Problem nutzen die Bereitsteller von Gesinnungs-Inhalten, um die sich Gesinnungs-Sekten bilden können, geschickt und zur eigenen Bereicherung aus und dieses Problem ist es, was ihnen letztlich Mitglieder zutreibt, Herdentiere auf der Suche nach einer Identität. Die Gesinnungs-Sekte bietet diese Identität, man ist wer, wenn man sich als Kämpfer gegen die Globalisierung, als moderner Robin Hood, als Mitläufer in der Regierungspartei, als Mitglied in der Jugendbande, postulieren kann. Es zeigt den anderen, welche Glaubens-Inhalte man vertritt und macht es zugleich notwendig, die entsprechenden Inhalte gegen Kritik zu immunisieren, wie Hans Albert wohl sagen würde. Die wirksamste Form, die Folgen von Kritik zu vermeiden, besteht darin, Kritik zu delegitimieren oder sie gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.

Hier helfen der Fehlschluss ad hominem und der genetische Fehlschluss. Ersterer, indem er die Abwertung und Beleidigung dessen, der ein Argument vorbringt, an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Argument setzt, Letzterer, indem er ganze Gruppen von Argumenten gleich ganz ausschließt, weil sie von Menschen geäußert werden, die ein negativ bewertetes Merkmal, eine negativ bewerte Eigenschaft aufweisen, die zu einem negativ bewerteten Zeitpunkt gelebt haben, in einer negativ bewerteten Organisation Mitglied sind … Die Möglichkeiten der Kritik-Immunisierung, die der genetische Fehlschluss eröffnet, sind schier endlos.

Der stärkste Beleg dafür, dass Fehlschluss ad hominem und genetischer Fehlschluss ausschließlich dazu dienen, eine Diskussion über Argumente zu vermeiden, ist übrigens die schlichte Existenz beider: Hätten die Nutzer von ad hominem Fehlschlüssen, die Gebraucher von genetischen Fehlschlüssen nicht Angst vor Argumenten oder das Bestreben, einer Argumentation zu entgehen, sie würden mit Sicherheit nicht auf die Verwendung von ad hominem Fehlschlüssen oder genetischem Fehlschluss zurückgreifen, sondern sich den entsprechenden Argumenten stellen.

Wer Argumente hat, scheut nicht die Auseinandersetzung mit anderen vorgebrachten Argumenten – im Gegenteil: er sucht sie!

 

Ad hominem – weit verbreitete persönliche Diskreditierung

Er ist allgegenwärtig, der Fehlschluss ad hominem: “Britischer Rechtspopulist Farage gewinnt Fernsehduell”, “Putin, der Polit-Macho in Moskau, ist schwer berechenbar”, “Das Institut der Wirtschaft hat halt auch seine eigene Agenda. Ich kennen da auch andere Zahlen…”, Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen”. Jemand, der nicht selbst betroffen ist, kann das nicht beurteilen, “der ist ja ein Antifeminist, Neoliberaler, Macker, Homophober, Xenophober… . Die Beispiele für den Fehlschluss ad hominem sind Legion. Eine beliebige Seiten von Mainstream-Medien im Internet, eine beliebige Rede von Politikern im Bundestag wird entsprechend zur Fundgrube, für diesen in Deutschland doch weit verbreiteten Fehlschluss.

Logik SalmonWie Wesley C. Salmon schreibt, zeichnet es den Fehlschluss ad hominem aus, dass versucht wird, jemanden, der ein Argument vorgebracht oder eine Aussage gemacht hat, schlechtzumachen, “indem man seine Person, seinen Charakter oder seine Herkunft attackiert. … Es ist vollkommen klar, dass die nationale, soziale und religiöse Herkunft desjenigen, der eine Theorie aufstellt, für deren Wahrheit oder Falschheit ohne Bedeutung ist” (Salmon, 1983: 195).

Der Fehlschluss ad hominem kommt, wie Robert Paul Churchill (1990: 465) unterscheidet, als “abusive ad hominem” daher und als “circumstancial ad hominem”. Ersterer ist eine persönliche Attacke gegen eine Person, deren Kern aus der Unterstellung besteht, diese Person weise persönliche Defizite auf, so dass alles, was diese Person sagt, falsch sein müsse. Letzteres ist eine Attacke, die sich gegen die Situation richtet, in der eine bestimmte Person sich befindet. Wer z.B. Parteivorsitzender einer EU-kritischen Partei ist, dessen Aussagen zur EU müssen falsch sagen.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Variante des Fehlschlusses ad hominem identifiziert, den Fehlschluss der politischen Korrektheit, der eine vermittelte Form des ad hominem ist. In diesem Fall richtet sich der Angriff nicht gegen die Person des Aussagenden, sondern gegen eine dritte Person oder dritte Personen, die sich die Aussagen zu eigen gemacht haben und die “böse” sind.

In jedem Fall zeichnet sich ein Fehlschluss ad hominem dadurch aus, dass nicht die Aussage des Gegenüber Gegenstand der Betrachtung ist, sondern der Aussagende. Die angebliche Falschheit der Aussage soll über das Hilfskonstrukt des derogativen Umgangs mit dem Aussagenden belegt werden.

Nun ist der Fehlschluss ad hominem, so aufgelöst, nicht unbedingt ein ausgefeiltes Unterfangen. Vielmehr ist er ein so primitives und offenkundiges Unterfangen, dass man sich fragt, warum er (a) angewendet wird und (b) warum er zuweilen erfolgreich zu sein scheint bzw. bei wem er erfolgreich sein kann.

Churchill_LogicWer einen Fehlschluss ad hominem benutzt, versucht zu manipulieren. Er versucht sein Gegenüber, seine Zuhörer, seine Leser vom Argument, das gemacht wurde, abzulenken und statt dessen die Person des Argumentierenden in den Mittelpunkt zu stellen. Er tut dies entweder, um von der Tatsache abzulenken, dass das gemachte Argument, das seiner eigenen Sache nicht förderlich ist, valide ist, oder er tut es, um von der Tatsache abzulenken, dass er selbst über keinerlei Argument verfügt, um gegen ein vorgebrachtes Argument zu argumentieren.

Wer einen Fehlschluss ad hominem hört und glaubt oder ihn sich zu eigen macht, ist offensichtlich leichter über emotionale als über intellektuelle Kanäle ansprechbar. Um sein Verhalten zu erklären, muss man entsprechend in die Sozialpsychologie wandern und von dem Ausflug die Forschung von Amos Tversky und Daniel Kahneman mitbringen.

Auf deren Grundlage bietet es sich an, den Fehlschluss ad hominem als Form der Manipulation zu betrachten, deren Ziel darin besteht, den Ankereffekt auszunutzen und die Reaktion bei Zuhörern in einer für die eigenen Behauptungen positiven Weise zu rahmen (Framing). Ankereffekte ebenso wie das Framing beeinflussen die Wahrnehmung von Menschen. Geschickt gesetzte Anker (Rechtspopulist) können die Einschätzung bei einem Publikum manipulieren. Geschickt geframte Aussagen (der unberechenbare Politi-Macho Putin) können dazu führen, dass Leser oder Zuhörer sich von offensichtlichen Alternativen ablenken lassen, dieselben nicht mehr in Rechnung stellen. In beiden Fällen besteht das Ziel darin, die Aufmerksamkeit der Zuhörer bzw. Leser zu dirigieren und für die eigenen Zwecke zu leiten.

Wer ist nun anfällig für Fehlschlüsse ad hominem?

Die Frage ist einfach zu beantworten, wenn man sie neu stellt: Wem reicht es aus, Autoren in Wort und Schrift als homophob, rechtspopulistisch, antifeministisch, dumm, usw. zu titulieren ohne sich mit dem, was sie sagen oder schreiben auseinanderzusetzen? Wem reicht es aus, Betroffenheitsbehauptungen der Art, wer das nicht erlebt hat, kann nicht mitreden, gelten zu lassen?

In der Regel handelt es sich entweder um Personen, die sich einen privaten Vorteil verschaffen wollen, indem sie eine Diskussion über vorhandene Argumente im Keim zu ersticken versuchen und statt dessen auf die Person des Argumentierers ausweichen. Und in der Regel handelt es sich bei den Rezipienten, auf die ein Fehlschluss ad hominem erfolgreich angewendet werden kann, um dass, was Julian Rotter als Personen mit einem externen Locus of Control bezeichnet hat. Sie sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden und ständig auf der Suche nach Führung.

Rotter personalityDie entsprechende Führung kann keine intellektuelle sein, denn würden sie auf intellektuelle Führung reagieren, sie könnten auch eigene Urteile fällen, bräuchten also keine Vorgaben.  Es handelt es sich also um eine emotionale Manipulation im Sinne des hie vor einigen Tagen besprochenen Sapir Handelman. Die entsprechende Führung ist also eine emotionale, die Begriffe liefert, die im Wertsystem der Geführten alle oben rangieren und wichtig sind. So löst z.B. die Bezeichnung einer Person als homophob bei Ihnen nicht die Frage aus, auf welcher Grundlage diese Aussage getroffen wurde, sondern ein korrespondierendes Gefühl, das von einfacher Ablehnung bis zu Hass reicht.

Ein Fehlschluss ad hominemkann nicht nur negativ motiviert sein, er kann auch positiv formuliert sein (dann spricht man von einem Fehlschluss ad autoritatem). In diesem Fall soll vom Fehlen eines Arguments dadurch abgelenkt werden, dass z.B. auf bestimmte übermenschliche Fähigkeiten eines Führers rekurriert wird, wie dies im Dritten Reich der Fall war, oder die Wahrheit von Aussagen auf einem Offenbarungsmodell basiert (wie dies Hans Albert genannt hat), bei dem sich einem Erleuchteten die Wahrheit mitteilt, die er dann an seine Jünger weitergibt, die wiederum die Wahrheit des Weitergegebenen mit Verweis auf den Erleuchteten belegen (im Kern ist der ad hominem Fehlschluss ein Zirkelschluss).

Damit kommen wir bei den Gefahren der Fehlschlüsse ad hominem an, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • Fehlschlüsse ad hominem vergiften die Atmosphäre und fördern die Grüppchen- der Sektenbildung;
  • Fehlschlüsse ad hominem appellieren an niedere Instinkte und führen die entsprechende Sektenbildung somit auf Basis niederer Instinkte herbei, oder Fehlschlüsse ad hominem appellieren an übermenschliche Erleuchtung und führen die entsprechende Sektenbildung auf Basis eines irrationalen Glauben-Wollens herbei;
  • Fehlschlüsse ad hominem sollen eine sachliche Auseinandersetzung mit Argumenten verhindern und verhindern entsprechend das Lernen, denn Lernen setzt eine Auseinandersetzung mit kontroversen Gegenständen voraus, sonst ist es ein stupides Repetieren;
  • Fehlschlüsse ad hominem sind somit eine Gefahr für die so oft beschworene Zivilgesellschaft und befördern statt dessen eine Kultur der Ablehnung und des Abschlusses in Gesinnungs-Sekten.

Aus einer weiten Verbreitung von Fehlschlüssen ad hominem und einer entsprechend weit verbreiteten Bereitschaft, persönliche Attacken vor inhaltliche Diskussionen zu stellen, muss man also schließen, dass keine demokratische Diskussionskultur vorhanden ist. Rhetorikbücher mit Titeln wie: “Wie behalte ich in jedem Fall recht”, deren Ziel in der Manipulation des Gegenüber und in seiner Überredung oder Mundtotmachung besteht und somit nicht in der Schaffung einer lebhaften Diskussion über ein Thema sind entsprechend Gift für eine demokratische Diskussionskultur.

Gerechtigkeit ist…

Es kommt selten etwas Besseres nach, so eines dieser ewigen Pfälzer Sprichworte, die einem immer dann einfallen, wenn man damit konfrontiert ist, dass, na was: selten etwas Besseres nachkommt. Nachgekommen ist mit der neuen Regierung eine neue Ministerin für Familie und all die anderen (minus Männer) und wer über die Pressemitteilungen liest, der hat nicht den Eindruck, es habe sich etwas zum Besseren verändert – in Gegenteil.

Aber, und damit sind wir bei einer anderen Pfälzer Weisheit, die ein leider zwischenzeitlich verstorbener und heftig vermisster Pfälzer gerne geäußert hat: Es ist nichts so schlecht, als dass es nicht für ebbes gut ist! (digital remastered high-germanized version)

So auch die Pressemeldung unter dem Titel: “Förderung für ungewollt kinderlose Paare wird aufgestockt”. Gerade diese Pressemeldung eignet sich hervorragend, um ein paar (sozio-)logische Erkenntnisse zu verbreiten.

Beginnen wir mit dem Textteil des Bundes:

succesful cloning“Kinderwünsche dürfen keine Kostenfrage sein”, sagt die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig. “Gerade für Paare mit kleinen und mittleren Einkommen stellen die hohen Behandlungskosten von mehreren Tausend Euro oft ein großes Problem dar. Familienpolitik beginnt bereits vor der Geburt eines Kindes.”

Soziologie umfasst einen Bereich, der gemeinhin als Sozialstrukturanalyse beschrieben wird. Die Sozialstrukturanalyse hat z.B. die folgenden Ergebnisse erbracht: Familien, die sich Kinder eigentlich nicht leisten können, für die Kinder entsprechend eine Kostenfrage sind, produzieren mehr Kinder für die Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit, und dies vor allem deshalb, weil sie durchschnittlich später eingeschult werden, weil sie häufiger sitzen bleiben oder auf Sonderschulen landen, weil sie häufiger eine Hauptschulabschluss, wenn überhaupt einen Abschluss erreichen, kurz: Die Paare, die sich einen Kinderwunsch aus Kostengründen nicht erfüllen können, sind auch die Paare, deren Kinder eine höhere Wahrscheinlichkeit haben als Kinder anderer Paare, eine Karriere auf Transferzahlungen zu starten.

Geissler SozialstrukturWarum das so ist, ist eine andere Frage, deren Antwort man als Konflikttheoretiker damit geben könnte, dass die Mittelschicht ständig neues Fleisch in der Unterschicht braucht, auf das sie heruntersehen kann, um sich ihre eigene Überlegenheit zu bestätigen. Entsprechend wäre die Finanzierung, die den Paaren angedeihen gelassen wird, die sich wegen zu geringer Einkommen, ihren “Kinderwunsch” nicht erfüllen können, Geld, das zur Psycho-Hygiene der Mittelschicht eingesetzt wird. Und damit es auch klappt, sorgen Mittelschichtsinstitutionen wie sie die Schulen oder das BMFSFJ darstellen dafür, dass Kinder aus der Unterschicht auch nicht in die Weidegründe der Mittelschicht vordringen.

Weiter geht es im Text, und da die Förderung ungewollt kinderloser Paare in Sachsen-Anhalt stattfindet, kommt auch ein Vertreter der dortigen politischen Kaste zu Wort, ein Norbert Bischoff. Er hat auch besonderes Wissen, das er an den Leser bringen will:

“Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, ungewollt kinderlose Paare nicht über Gebühr mit der Finanzierung für notwendige Behandlungen allein zu lassen. Über die Kosten darf keine Sozialauswahl erfolgen.”

Norbert Bischoff

Norbert Bischoff: Schaffer der Bischoff-Gerechtigkeit

Wir sehen: nicht nur die Bundesministerin ist uninformiert über einfache gesellschaftliche Zusammenhänge, auch der Landesminister. Zwei, die sich gesucht und gefunden haben, ein nettes Paar, so zu sagen. Gerechtigkeit ist also, wenn ein Wunsch, der mangels finanzieller Ressourcen nicht erfüllt werden kann, durch die Allgemeinheit erfüllt wird. Ist das so? Nun, dann hätten wir gerne einen Dienst-Ferrari. Oder gilt das Wunschkonzert nur für “notwendige Behandlungen”, wie der Minister einschränkt?

Nun, falls dem so ist, trifft eine logische Keule, denn die Behandlungen sind gar nicht notwendig: Es gibt kein Naturgesetz, das die künstliche Befruchtung zur lebenserhaltenden Maßnhme werden lässt. Das würde sich auch mit dem vermeintlichen Kinderwunsch ins Gehege kommen, denn wäre die Behandlung notwendig, der Kinderwunsch wäre ein Kinderzwang. Der Herr Minister hat offensichtlich keine Ahnung, wovon er spricht, auch nicht davon, was Gerechtigkeit ist.

Gerechtigkeit ist nämlich nicht, wenn andere für meine Wünsche zahlen. Das mag Politikern aufgrund ihrer hohen Gehälter, die viele trotz intellektueller Mittelmäßigkeit (im besten Fall) beziehen, so vorkommen, aber es ist nicht so. Gerechtigkeit ist, wenn man für eine Anstrengung und im Vergleich zur Anstrengung eines anderen, eine der Anstrengung und ebenfalls im Vergleich zum anderen entsprechende Auszahlung erhält. Wenn zwei Arbeiter die gleiche Arbeit in gleicher Intensität verrichten und der eine 5 Stunden, der andere aber 7 Stunden arbeitet, dann ist es gerecht, dass derjenige, der länger gearbeitet hat, auch mehr Lohn erhält.

(Wir wollten eigentlich ein Beispiel mit Politikern machen, aber hier versagt die Equität, denn Politiker werden ja für ihre Existenz und nicht für ihre Leistung bezahlt. Wen wundert es da noch, dass sie keinerlei Ahnung davon haben, was als Gerechtigkeit anzusehen ist.).

red ferrariAber für Herrn Bischoff ist Gerechtigkeit, wenn ein Wunsch erfüllt wird, der mit so hohen Kosten verbunden ist, dass ihn sich der Wünschende nicht selbst erfüllen kann. Diese, nennen wir sie Bischoff-Gerechtigkeit, wollen wir zum Anlass nehmen, um ein kleines Wunschkonzert zu starten. Also, Liebe Leser von ScienceFiles, wünschen Sie sich etwas aus dem breiten Angebot der Bischoff-Gerechtigkeit.

Gibt es etwas, das sie gerne hätten, das Sie sich aber nicht leisten können und für das Sie der Meinung sind, dass es keine Sozialauswahl geben darf? Dann teilen Sie es uns und dem Herr Bischoff mit. Nutzen Sie dazu sein eigens eingerichtetes Kontaktformular und ergänzen Sie das Stichwort: Bischoff-Gerechtigkeit.

Wir haben uns von Herrn Bischoff eine einsame Insel gewünscht, auf der man keine Nachrichten aus Deutschland empfangen kann.

island in the sun
Und Sie?

Nachtrag

Ist es nicht erstaunlich, dass in einem Land, in dem der Ausstieg aus der furchtbaren Kerntechnik beschlossen ist, in einem Land, in dem die Gentechnologie mit mystischen Kräften, die allesamt Schreckliches hervorbringen, verbunden und entsprechend abgelehnt wird, dennoch und über Steuergelder finanziert an Erbgut herumexperimentiert werden darf. Und ist es nicht erstaunlich, dass in einem Land, in dem das so genannte ungeborene Leben (ein netter Widerspruch) von so vielen Beschützern verteidigt wird, befruchtetes Erb-Material dem Absterben preisgegeben oder auf Eis gelegt wird? Und ist es nicht erstaunlich, mit welcher Vasallentreue sich die heftigen Kinderwünscher Dritten anvertrauen, sich unter deren Obhut begeben und keine Sekunde daran zweifeln, dass das, was da in ihnen heranwächst auch wirklich ihres ist?

Krise der Sozialwissenschaften – Einige Thesen gegen den Niedergang

Aus Anlass der Australian Science Communicators Conference 2014 ist in Australien eine Diskussion darüber ausgebrochen, warum es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen will, Mneschen für Wissenschaft zu begeistern und – mehr noch – warum es eine Gruppe von Menschen gibt, die in Umfragen konstant von sich sagen, sie seien nicht an Wissenschaft interessiert – ein für manche australische “Science Communicators” irritierendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Menschen mit den Ergebnissen von Wissenschaft und Forschung in ihrem täglichen Leben umgeben sind wie nie zuvor.

Während die australischen Science Communicators das in Teilen der Bevölkerung vorhandene Desinteresse zum Anlass nehmen, um ihre Methoden zu hinterfragen, mit denen sie Wissenschaft und wissenschaftliche Ergebnisse vermitteln, wollen wir diese Diskussion zum Anlass nehmen, um für Deutschland und bezogen auf die Sozialwissenschaften zu fragen, wo es im Argen liegt [Wobei wir uns den Hinweis nicht sparen können, dass es in anderen Ländern ein Problem darstellt, wenn es Wissenschaftlern nicht gelingt, ihre Forschung in der Bevölkerung zu legitimieren.].

Albert TraktatUnser kleines Traktat beginnt mit dem Eurobarometer 340, der im Jahr 2010 im Feld war. Damals haben 32%der befragten Deutschen angegeben, Sie seien an wissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Entwicklungen sehr interessiert (30% im EU-27 Durchschnitt, 51% der befragten Deutschen sagen von sich, sie seien etwas interessiert) und 70% haben voll und ganz oder eher der Aussage zugestimmt, dass Wissenschaftler nicht die Wahrheit sagen, “da sie in finanzieller Hinsicht mehr und mehr von der Industrie abhängig sind” (58% im EU-27 Durchschnitt).

Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass Wissenschaft und wissenschaftliche Ergebnisse in der Öffentlichkeit auf ein reges Interesse stoßen, wenngleich eine pessimistische Grundhaltung zu überwiegen scheint, die wissenschaftliche Ergebnisse zunächst einmal entgegen gebracht wird. Dass diese pessimistische Grundhaltung hier am Beispiel einer finanziellen Abhängigkeit von der Industrie abgefragt wird, ist eine der Eigenarten des Eurobarometers, der keinerlei kritische Fragen gegenüber den Versuchen von Regierungen, wissenschaftliche Ergebnisse in ihrem Sinne zu verzerren enthält.

Wenn man davon ausgeht, dass viele Menschen in Deutschland an Wissenschaft interessiert sind und wenn man die beschriebene skeptische Grundhaltung einmal als gegeben annimmt, dann stellt sich die Frage, warum dennoch bestimmte Bereiche der Wissenschaft eher belächelt werden, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden, und warum man in Foren und Blogs regelmäßig auf eine Haltung trifft, die z.B. Sozialwissenschaften als unfundierte ideologische Veranstaltung abtut, die nur dazu da ist, ideologische Moden und Trends zu rechtfertigen.

scientificmethodDie Antwort auf diese Frage scheint sich von selbst aufzudrängen: Deutsche Sozialwissenschaften sind in Teilen ideologische Veranstaltungen und Forschungen werden immer häufiger als Auftragsforschung z.B. der Bundesregierung durchgeführt, die dazu dienen soll, bestimmte, ideologisch gewünschte Ergebnisse zu produzieren. Wir selbst haben mehrfach darüber berichtet. Mehr noch: Manche Besetzer sozialwissenschaftlicher Lehrstühle sehen es als ihre Aufgabe oder Bestimmung an, ihre Sicht der Welt quasi wie ein Evangelium an Studenten und alle, die ihnen zuhören mögen, zu verbreiten und verstärken damit ein Bild in der Öffentlichkeit, das Sozialwissenschaften als willkürliche al-gusto-Veranstaltung darstellt. Und selbstverständlich hat die Unterminierung der Sozialwissenschaften durch Politkomissare des Genderismus und die Zersetzung wissenschaftlicher Fakultäten durch Lehrstühle der Frauen- oder Geschlechterforschung nicht dazu geführt, die Sozialwissenschaften reliabel und vertrauenswürdig zu machen. Ganz im Gegenteil tragen die universitären Positionen, die eigens geschaffen wurden, um Frauen ein Auskommen zu verschaffen, dazu bei, die wissenschaftliche Professionalität restlos zu beseitigen.

Vor diesem Hintergrund haben wir einige Thesen aufstellen, die das Elend der deutschen Sozialwissenschaften beschreiben und Wege aus der Krise aufweisen sollen:

  • Die Sozialwissenschaften haben eine Methode und dennoch führen sich viele Sozialwissenschaftler auf, als wären sich in der von Thomas Kuhn beschriebenen Vor-Wissenschaft.
    1. Einst war eine methodologische Grundausbildung ebenso wie die Wissenschaftstheorie ein fester Bestandteil des sozialwissenschaftlichen Curriculums. Heute herrscht methodologische Willkür, und eine wissenschaftstheoretische Ausbildung findet an den meisten Universitäten nicht mehr statt.
    2. TopitschAls Konsequenz hat sich ein methodologisches “anything goes” entwickelt, das selbst Paul Feyerabend das Fürchten lehren würde und das dazu führt, dass sich Sozialwissenschaftler aus der Außenansicht oftmals wie ein Haufen von Beseelten, um nicht zu sagen Besessenen darstellen, die ohne Ziel und Zweck Dinge erforschen, von denen niemand weiß, geschweige denn sie selbst, warum.
    3. Nicht nur ist die Rigorosität der Forschung einer methodischen Beliebigkeit gewichen, die die Korrelation von Variablen zum heiligen Kalb erkohren hat, das an die Stelle der theoretischen Ableitung getreten ist, auch die aus dieser Rigorosität folgende theoretische Begründung von Forschung ist verschwunden. Anything goes gilt nicht nur im Hinblick auf die Forschungsmethoden, sondern auch im Hinblick auf die häufig skurrilen und keinerlei Erkenntnisgewinn bringenden Themen.
    4. In diesem Sumpf aus methodischer Willkür und methdologischer Unkenntnis gedeihen esoterische Nutznießer der Sozialwissenschaften sowie Bekenntnis- und Gesinnungsforscher, die ihren Sinn und Zweck darin sehen, ihre geistige Verfassung, ihren geistigen Frame, das was sie für richtig halten, an die Welt heranzutragen und – wenig überraschend – in der Welt wiederzufinden.
  • Die Sozialwissenschaften tun als Fächergruppe überhaupt nichts, um einen einheitlichen Standard der Wissenschaftlichkeit durchzusetzen.
    1. Für einen neutralen Beobachter müssen sich die Sozialwissenschaften an deutschen Universitäten wie ein bunt zusammengewürfeltes Durcheinander wilder Ideen darstellen, das nichts Gemeinsames hat. Das sozialwissenschaftliche Schriftum hält für jeden noch so ausgefallenen Wunsch etwas bereit: Wer eine Berechtigung sucht, Forschung al-gusto zu betreiben, um machen zu können, was er will ohne sich der Gefahr einer Kontrolle auszusetzen, wird in manchen der so genannten Lehrbücher zur qualitativen Sozialforschung, z.B. unter dem Stichwort “Experteninterviews” fündig. Wer eine Rechtfertigung dafür sucht, dass er den ideologischen Kampf für die vermeintlich Armen aufnehmen und die Einflüsse des “menschenverachtenden Kapitalismus” zurückdrängen will, wird ebenfalls fündig. Wer seine Karriere als Politiker mit dünngeistigen Sätzen oder der Bildung von Netzwerken vorbereiten will, der ist ebenfalls in den Sozialwissenschaften gut aufgehoben. Selbst Bundesverfassungsrichter werden schon in den Sozialwissenschaften gemacht.
    2. Sozialwissenschaftler, die einer Methode verpflichtet sind und ernsthaft Sozialwissenschaft betreiben, wenden sich nicht gegen das wilde Treiben, das sie umgibt. Viele forschen in ihrem Elfenbeinturm und sind nach wie vor der Ansicht, Medienkontakte würden die eigene Foschung inkubieren und darüber hinaus sei es ihnen nicht zuzumuten, mit denjenigen, die ihre Forschung bezahlen, Kontakt aufzunehmen, sie für ihre Forschung zu interessieren.
    3. Und viele Sozialwissenschaftler sehen dabei zu, wie ihre Fächer von Ideologen und Politkommissaren aller Art überlaufen und übernommen werden. Sie stehen am Rand und lassen geschehen.

Um Sozialwissenschaften in Deutschland auch in der öffentlichen Wahrnehmung zu etwas zu machen, das ernsthaft betrieben wird und mit gesicherten Ergebnissen aufwarten kann, sehen wir die folgenden Maßnahmen für unverzichtbar:

  • Eine verpflichtende Ausbildung von Studenten in Logik, Methoden und Methodologie der Sozialwissenschaften und damit die Schaffung eines gemeinsamen Standards der Wissenschaftlichkeit und vor allem der intersubjektiven Prüfbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse.
  • Die Verpflichtung aller Fachbereiche auf die Regeln der formalen Logik und die Einhaltung methodischer Standards, die sich auf die Form der Forschung, nicht auf deren Inhalt beziehen.
  • Die Durchsetzung dieser klaren Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens an Universitäten und die Schließung aller Fachbereiche und Beseitigung aller Lehrstühle, die nicht im Stande sind, Ergebnisse zu produzieren, die nachprüfbar sind oder einen Erkenntnisgewinn insofern bereitstellen, dass nützliches Wissen bereitgestellt wird, das dadurch definiert ist, dass es andere in die Lage versetzt, Probleme zu lösen.
  • Eine Verpflichtung für Wissenschaftler nicht nur alle eigenen Daten und Methoden offenzulegen, sondern der Öffentlichkeit ein Dialogangebot zu machen, d.h. über die vielfältigen Formen sozialer Netzwerke die eigene Forschung zur Diskussion zu stellen.
  • blogger comicDa nicht zu erwarten ist, dass öffentliche Medien plötzlich die Sozialwissenschaften entdecken, wird es notwendig sein, eine eigene Plattform für die Diskussion mit der Öffentlichkeit zu schaffen.
  • Schließlich muss Wissenschaft und Forschung unabhängig von politischen Institutionen und Auftraggebern betrieben werden. Ministerien mögen Forschungsanfragen an Sozialwissenschaftler stellen, eine Finanzierung der Forschung muss aber unabhängig von Ministerien erfolgen. Das Ziel muss entsprechend eine unabhängige Finanzierung von Hochschulen sein, was letztlich nur über Bildungsfonds und Studiengebühren erfolgen kann, wobei die Studiengebühren über Bildungsgutscheine, die an Studenten ausgegeben werden und die eine Freiheit der Wahl der Universität beinhalten, finanziert werden.

©ScienceFiles, 2014

Die Pseudo-Moralität der Moderne

Wenn die derzeitige politische Klasse sich durch etwas auszeichnet, dann durch eine Regelungswut, die bis in die letzten Winkel des privaten Lebens der Regelungs-Opfer reicht. Die Regelungswut, deren Zweck nicht darin besteht, Dinge zum Besseren zu verändern, sondern darin, geregelt zu haben und über die Regelung einen Herrschaftsanspruch und eine moralische Überlegenheit zu reklamieren, greift dabei immer tiefer in individuelle Lebensentscheidungen ein und schafft eine Art der zugelassenen öffentlichen Pseudo-Moralität.

DiMaggio und Powell (1983) haben eine Entwicklung beschrieben, die die Legitimität eines administrativen Aktes nicht über die Wirkung bzw. das Ergebnis bestimmt, sondern den administrativen Akt selbst als Legitimität setzt, so dass nicht die Verbesserung eines als relevant belegten Mißstandes, sondern der Erlass eines Gesetzes zur Verbesserung eines lediglich von Lobbyisten als relevant behaupteten und durch keinerlei empirische Fakten belegten Mißstandes Legitimität verschafft und Aktivismus an die Stelle der Problemlösung tritt.

Wir wollen in diesem post untersuchen, was diese Pseudo-Legitimität trägt, was dazu führt, dass eine Pseudo-Legitimität an die Stelle von Legitimität tritt.

Bourdieu Theorie der PraxisUnter Rückgriff auf die Kapitalientheorie von Pierre Bourdieu (2009) stellen wir die These auf, dass das, was diese Pseudo-Legitimität ermöglicht, nicht der Austausch herkömmlicher Kapitalien zwischen Akteuren ist, dass soziale Differenzierung in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen entsprechend nicht über kulturelles Kapital (hohe Bildung) oder ökonomisches Kapital (Reichtum) erfolgt, sondern durch die Übernahme einer von uns als Pseudo-Moralität bezeichneten Haltung, die einen Selbstwert verspricht, der nicht auf Leistung oder Kompetenz gegründet ist. Wir entwickeln hier also unsere eigene Gesellschafsttheorie, unsere Beschreibung der Post-Moderne.

Die Pseudo-Moralität, die manche als politische Korrektheit beschreiben, zielt auf Wohlverhalten, definiert die Gruppe der guten Staatsbürger und dient als Integrationsklammer um eine Gruppe, die sich nicht mehr durch Leistung oder Kompetenz, sondern nur noch durch affektive Abgrenzung von anderen differenzieren kann. Die Kapitalien, die unter der Ägide dieser Pseudo-Moralität getauscht werden, zeichnen sich durch zweierlei aus: (1) Sie sind nicht materiell und (2) ihr Tausch findet nicht zwischen gleichberechtigten Individuen statt. Vielmehr ist es ein asymmetrischer Tausch der Individuen sich der vorgegebenen Pseudo-Moralität unterordnen sieht.

Aus diesem Grund greift die Bezeichnung “politische Korrektheit” zu kurz, denn es geht nicht nur darum, Sprache als Machtmittel einzusetzen, es geht auch darum, die richtige Sprachform als moralischen Kodex und Zuordnungsmerkmal der Gruppe der “Guten” zu etablieren, einen Schirm der Pseudo-Moralität bereitzustellen, unter dem sich die Guten sammeln, ein Schirm, der ihnen eine soziale Identität verleiht (und in vielen Fällen ein materielles Auskommen). Die Pseudo-Moralität offeriert entsprechend ein neues und immaterielles Kapital, das zugeschrieben wird, sich ausschließlich auf Wohlverhalten gründet und keinerlei Aspekte von Leistung und Kompetenz umfasst.

Sherif Robbers caveDas Angebot, Status durch bloße Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, der Pseudo-Moralität zu erzielen, ist aus sozialpsychologischer Perspektive das Angebot, eine soziale Identität zu übernehmen. Wie Tajfel (1982) und Turner (1987) gezeigt haben, ist ein solches Angebot vor allem für Individuen interessant, die keine eigene personale Identität entwickelt haben. Ihnen bietet die Pseudo-Moralität eine aufwandlose Identität. Sie werden jemand, ohne etwas tun zu müssen und können die fehlende personale Identität durch die Übernahme der angebotenen sozialen Surrogat-Identität (Heitmeyer 1992) kompensieren.

Folgerichtig wird jeder Angriff auf die Pseudo-Moralität zum Angriff auf die übernehmenen Individuen, die nunmehr die Pseudo-Moralität mit Zähnen und Klauen und einer (vorst noch) verbalen Gewaltbereitschaft verteidigt, die sich im umgekehrt proportionalen Maß zur wahrgenommenen Fragilität der eigenen Persönlichkeit steigert (ganz so wie dies Sherif et al., 1961 in ihren Experimenten gezeigt haben).

Pseudo-Moralität gibt denen, die sie sich zu eigen machen, somit ein Zugehörigkeitsgefühl. Sie stehen auf der richtigen Seite, kämpfen für die richtige Sache. Der Kanon dessen, was das Richtige und Gute der Pseudo-Moralität ausmacht, kennt nur wenige Bestandteile: Zentraler Bestandteil ist eine überbewertete Sexualität, die seit Jahrhunderten das Kennzeichen fragiler Persönlichkeiten, die viel reden und wenig bis nichts erfahren, ist, ganz so, wie Frederic Perls dies beschrieben hat (Perls, Hefferline & Goodman, 1991).

Um diesen Kern lagern sich Themen wie der Mythos der Frauenbenachteiligung, die Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus, oder die Technologiefeindschaft, vor allem gegen Kernkraft und Gentechnik an, deren zentrale Bedeutung für die Formung autoritärer Persönlichkeiten von Forschern wie Milton Rokeach (1980) gezeigt wurde.

Die so bestimmte Pseudo-Moralität bedarf ständiger öffentlicher Zelebrierung, um als affektives Bindeglied nutzbar zu sein, denn sie basiert auf nichts anderem als einem Gefühl, dem Gefühl “gut” zu sein, das die Pseudo-Moralität als einziges Angebot an ihre Jünger macht.

Gefühle sind rationalen Erwägungen generell unterlegen, da rationale Erwägungen nach außen gerichtet sind, während Gefühle nach innen gerichtet sind und somit höchstens Mitteilbarkeit aber keine Teilbarkeit mit sich bringen. Die Richtigkeit von Gefühlen kann im Gegensatz zur Richtigkeit von Argumenten nicht unabhängig und inter-individuell geprüft werden. Deshalb bedarf es der kollektiven und gegenseitigen Vergewisserung darüber, dass man das richtige Gefühl hat, dass man gut ist, wenn man schon sonst nichts ist.

triumph-will-leni-riefenstahlIm Dritten Reich leisteten Massenaufmärsche und die mediale Inszenierung derselben die Aufgabe, für Gruppenzusammenhalt unter der Herrschaft des richtigen Gefühls zu sorgen (Lüsebring & Riesz, 1984). Heute sind Massen-Aufregungen und Massen-Hysterien, wie sie unter Hashtags bei Twitter oder in öffentlich-rechtlichen Medien inszeniert werden, das Surrogat der in Verruf geratenen Massenaufmärsche. Die Funktion ist dieselbe.

Demenstprechend sehen wir regelrechte Kreuzzüge gegen alle, die als falsch, böse oder einfach nur von der Pseudo-Moralität abweichend wahrgenommen werden. Sie müssen aufgeklärt, erzogen oder bekämpft werden. Die Themen der Aufklärung, Erziehung oder des Kampfes sind durch den engen Kanon der Pseudo-Moralität vorgegeben. Sie richten sich entsprechend gegen alle, die einen Lebenstil bevorzugen, der von dem, was die Pseudo-Moralität vorgibt, abweicht. Sie richten sich gegen Kapitalismus, gegen Technik und mithin gegen Rationalität, so dass man den Kern der Pseudo-Moralität auch als Morbidität und Selbsthass beschreiben könnte, denn diejenigen, die ihr anhängen, sägen mit allen verfügbaren Mitteln an dem Ast, auf dem sie sitzen.

[Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Feinde des Kapitalismus erst durch den Erfolg des Kapitalismus möglich gemacht werden. Produzierte Letzterer nicht Überschüsse, es wäre schlicht unmöglich, seinen Lebensunterhalt nicht durch eigene Leistung, sondern durch Dritte bestreiten zu lassen. Dieses Phänomen hat bereits von Hayek in seinem Buch "Road to Serfdom" (1944 erstveröffentlicht) beschrieben.]

Diese Morbidität findet auch darin ihren Niederschlag, dass anerkannte Werte in ihr Gegenteil verkehrt werden. Gerechtigkeit wird durch die Ungerechtigkeit der gleichen Auszahlung bei unterschiedlichen Anstrengungen ersetzt, Toleranz wird in Intoleranz gegen alle Abweichung von der Pseudo-Moralität verkehrt, und Offenheit wird zu einem Synonym für Beschränktheit, für eine geistige Haltung, die schon alles weiß und den Zweifel nicht kennt.

Lebenssinn IndustriegesellschaftDie herrschende Pseudo-Moralität entlarvt sich somit selbst als Un-Moral, die dazu dient, ein psychologisches Eigenbedürfnis auf Kosten Anderer zu befriedigen und die dazu dient, die nicht vorhandene Achtung vor sich selbst durch Zuflucht zu einer kollektiven Idee des Besser-Seins zu überwinden. Dass bei dieser Zuflucht die Achtung vor Anderen auf der Strecke bleiben muss, ist zwangsläufig, denn die emotionale Zuflucht, die die Pseudo-Moralität anbietet, appelliert an Selbstsucht. Sie gedeiht nur, wenn die Rechte Anderer bestritten werden.

Die Pseudo-Moralität ist eine vorgegaukelte Moralität, die vor allem für Individuen attraktiv ist, die ihren Wert nicht aus sich heraus bestimmen können und die entsprechend auf die soziale Salbung angewiesen sind. Sie ist die Zuflucht der Mittelmäßigen, derjenigen, denen nur eine Gruppenbindung Persönlichkeit und Lebenssinn gibt, weil eigene Leistung und Selbstbewusstsein fehlen. Und weil Letztere fehlen, weil ihre Persönlichkeit daran hängt, dass ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, ihre Untertänigkeit unter die entsprechende Pseudo-Moralität nicht in Frage gestellt ist, bekämpfen sie alles, was auch nur ansatzweise Kritik an ihrer Pseudo-Moralität darstellen könnte.

Hier nun schließt sich der Kreis, der mit DiMaggio und Powell und Bourdieu seinen Ausgang genommen hat:

  • Die herrschende Pseudo-Moralität bietet immaterielle Kapitalien für diejenigen, die selbst über keine eigenen Kapitalien verfügen, um sich zu differenzieren.
  • Das angebotene immaterielle Kapital gibt es anstrengungslos und durch Unterordnung, die zudem eine soziale Surrogat-Identität bereitstellt.
  • Der Zulauf von Individuen, für die das Angebot einer anstrengungslosen immateriellen Kapitalie nebst sozialer Identität attraktiv ist, legitimiert die Pseudo-Moralität in ihrem hegemonialen Anspruch und sorgt für eine Schließung der Gesellschaft.
  • Als Folge tritt affektives Freund-Feind-Denken an die Stelle rationaler oder wertrational begründerter, zivilisierter Interaktionsformen, die noch eine moralische Selbstbindung und Reziprozität zum Kern hatten.
  • Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine Verunmöglichung spontaner, nicht erzwungener oder unter der Ägide der Pseudo-Moralität vorgegebener Kooperation, also von Kooperation zur Lösung von Sachproblemen und somit eine Verunmöglichung von Gesellschaft.

©ScienceFiles, 2014

Zitierweise: Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2014). Die Pseudo-Moralität der Moderne. ScienceFiles: http://sciencefiles.org/die-pseudo-moralitat-der-moderne/

Literatur

Bourdieu, Pierre (2009). Entwurf einer Theorie der Praxis: auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Heitmeyer, Wilhelm (1992). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. Weinheim: Juventa.

Lüsebrink, Hans-Jürgen & Riesz, Jánosz (1984). Feindbild und Faszination: Vermittlerfiguren und Wahrnehmungsprozesse in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen (1789-1983). Frankfurt a.M.: Diesterweg.

Perls, Frederic S., Hefferline, Ralph F. & Goodman, Paul (1991). Gestalttherapie. München: dtv.

Rokeach, Milton (1980). The Open and Closed Mind: Investigations Into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Sherif, Muzafer, Harvey, O.J., White, B. Jack, Hood, William R. & Sherif, Carolyn W. (1961). The Robbers Cave experiment : intergroup conflict and cooperation. Middleton: Harper & Row.

Tajfel, Henri (1982)(ed.). Social Identity and Intergroup Relations. London: Cambrigde University Press.

Turner, Jonathan (1987). Rediscovering the Social Group: A Self-Categorization Theory. Oxford: Basil Blackwell.

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Das Kultusministerium Baden-Württembergs steht auf Kriegsfuss mit Fairness, Logik und Toleranz

Gerade haben wir die Diffamierungs-Spirale veröffentlicht und darin die diskreditierende Behauptung, die völlig unbelegt daher kommt und einzig und allein an Gefühle appelliert, als Ursache für den Verfall öffentlicher politischer Kultur in Deutschland dingfest gemacht, da kommt aus dem Kultusministerium in Baden Württemberg eine Stellungnahme, die die Mechanismen, die einer Diffamierungs-Spirale zu Grunde liegen, noch einmal deutlich macht.

BaWue KultusministeriumDa die Stellungnahme nicht nur gegen jede Form von Fairness und Anstand im Umgang miteinander verstößt, sondern auch zeigt, dasss die Herrschaften im Kultusministerium offensichtlich gar nicht anders können als Menschen mit anderer Meinung nicht zu tolerieren, sondern zu stereotypisieren und auszugrenzen, wollen wir die Stellungnahme als Übungstext ansehen, anhand dessen die gravierendsten logischen Fehler dargestellt werden können – zu Lernzwecken (man soll ja nie ausschließend, dass selbst Mitarbeiter in Kultusministerin bis hin zu demjenigen, der gerade den Kultusminister gibt, lernen).

Los geht’s (die “Stellungnahme findet sich hier“)

“Das Kultusministerium weist die in der Petition ‘Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens’ aufgenommenen Behauptungen zum neuen Bildungsplan als falsch und diskriminierend gegenüber Minderheiten zurück.”

  • Das ist zunächst einmal Unsinn, denn ein Kultusministerium hat keinerlei physische Existenz, kann also auch nichts zurückweisen. Wenn sich im Kultusministerium niemand gefunden hat, der in persona die Verantwortung für die Stellungnahme übernehmen wollte und das muss man wohl folgern, dann ändert dies nichts daran, dass es kein Kultusminsterium gibt, das etwas zurückweisen kann.
  • Sodann werden Behauptungen nicht aufgenommen, sondern aufgestellt, eine Formulierung, wie die in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium impliziert, wenn man normalen deutschen Sprachgebrauch zu Grunde legt, dass die Stellungnehmer annehmen, die Behauptungen in der Petition, von denen sie reden, seien nicht in der Petition aufgestellt worden, sondern von Dritten übernommen, aufgenommen eben. Ob es sich bei diesen Dritten dann um Personen aus dem Kultusministerium handelt, wäre entsprechend zu klären.
  • zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089Aufgestellte Behauptungen kann man widerlegen bzw. man kann zumindest versuchen, sie zu widerlegen. Wenn ich behaupte, dass morgen Montag ist, dann kann man zeigen, dass diese Behauptung falsch ist, und zwar an allen Tagen außer dem Sonntag.
  • Die Behauptung, dass alle Behauptungen, die in eine Petition “aufgenommen” worden sind, flasch sind, ist eine Meta-Behauptung, die wiederum einen Beleg braucht, den man allerdings vergeblich in der Stellungsnahme sucht.
  • Anstelle eines Beleges dafür, dass die “aufgenommenen Behauptungen” alle falsch sind, der ja nicht schwierig sein dürfte, wenn sie tatsächlich falsch sind, findet sich in der der Stellungsnahme eine Diskreditierung, und zwar mit der Formulierung “diskriminierend gegenüber Minderheiten”. Was diskriminierend gegenüber Minderheiten ist, können die Schreiber der Stellungnahme offensichtlich ebenso wenig benennen, wie sie sagen können, welche Behauptungen falsch sind.
  • Auch die Behauptung, dass die vermeintlich in die Petition “aufgenommenen Behauptungen” diskriminierend gegenüber Minderheiten seien, bleibt ohne Beleg und erfüllt somit den logischen Tatbestand einer Diskreditierung, die man letztlich wohl auf Vorurteile im Kultusministerium gegenüber den Urhebern der Petition zurückführen muss.

An die Stelle der fehlenden Belege tritt in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium Baden-Württembergs eine weitere Behauptung, die abermals nicht auf Belege gebaut wird, sondern auf den Wohlklang der Worte:

“Der neue Bildungsplan 2015 soll in den Schulen Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit vermitteln. Diese Werte bilden eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Das Thema ‘Akzeptanz von Sexueller Vielfalt’ ist im Bildungsplan im Zusammenhang allgemeiner Erziehungsziele aufgenommen. Es ist eines von mehreren Themen, die Kinder und Jugendliche darin bestärken sollen, sich selbst und ihr Gegenüber mit Wertschätzung und vorurteilsfrei zu betrachten und so zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranzuwachsen. Der Bildungsplan will so Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in der Gesellschaft fördern.”

  • Es wäre sinnvoll, die Herrschaften im Kultusministerium würden damit anfangen, Toleranz und Akzeptanz für die Vielfalt von Meinungen zu entwickeln, denn die Petition gegen den Bildungsplan 2015 ist nichts anderes als eine Übung in freier Meinungsäußerung, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, sofern man tolerant ist und andere als die eigene Meinung akzeptiert.
  • Venn diagramDarüber hinaus wäre es sinnvoll, man würde sich im Ministerium mit Venn-Diagrammen vertraut machen. Venn-Diagramme beschreiben logische Räume. Toleranz und Akzeptanz gegenüber Vielfalt ist ein umfassender logischer Raum. Er entspricht einer All-Aussage: Ich akzeptiere und respektiere und toleriere alle Anderen, alle Meinungen, allen Unsinn. Man kann nun diese Allaussage nicht nach Belieben einschränken und den Gegenstand der Toleranz vorgeben, denn damit sagt man, dass man nur eine bestimmte Form von Toleranz akzeptiert, nämlich die, die vorgegeben ist, und damit stellt man sich selbst als Intolerant dar. Dies ist eine klassische reductio ad absurdum.
  • Da es nur möglich ist, umfassend tolerant zu sein, nicht aber tolerant im einschränkenden Sinne von tolerant gegenüber XY, schränkt der Bildungsplan Toleranz ein. Toleranz wird zu dem, was der Bildungsplan als Toleranz vorsieht. Das jedoch ist keine Toleranz, sondern Indoktrination und Intoleranz gegen alles, was nicht im Bildungsplan als Toleranz vorgesehen ist – z.B. andere Meinungen, wie sie in der Petition zum Ausdruck kommen.
  • Folglich will der Bildungsplan keine “Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in unserer Gesellschaft fördern”, sondern Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenüber allen vielfältigen Erscheinungsformen, die im Bildungsplan nicht toleriert und akzeptiert werden.
  • Schließlich werden abermals nur Behauptungen aufgestellt, die nicht belegt sind. Wo ist der Beleg dafür, dass “Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit … eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft” bilden? Wo ist der Beleg dafür, dass “sexuelle Vielfalt” in diesen Wertekanon gehört? Wo ist der Beleg dafür, dass sexuelle Vielfalt überhaupt etwas mit dem “guten” Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu tun hat?

Sodann versucht die Stellungnahme eine Quadratur des Kreises vorzunehmen, was man in der Logik mit dem Versuch gleichsetzen kann, den Satz des ausgeschlossenen Dritten, dass etwas nicht sich selbst oder sein Gegenteil gleichzeitig sein kann, zu widerlegen (Die bisherigen Versuche führten ausnahmslos ins Irrenhaus.):

“Die Petition suggeriert, dass die vorgesehenen Leitprinzipien in ihrer Gesamtheit unter dem Aspekt der sexuellen Vielfalt betrachtet werden sollen. Das ist maßlos übertrieben, da dies lediglich ein Thema unter vielen anderen ist. Zudem macht die Petition nicht nur Stimmung gegen Offenheit und Toleranz, sie zeichnet Zerrbilder und versucht Ängste gegenüber dem neuen Bildungsplan zu schüren. Vollkommen absurd ist eine Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser. Sie ist unverantwortlich und hat nichts mit einer demokratischen Diskussion zu tun.”

Dieser Absatz ist eine Momentaufnahme, die zeigt, wie sich jemand um den Verstand schreibt.

Denn:

  • Logik f dummiesWenn es nicht die Absicht des Bildungsplans 2015 ist, Kinder umzuerziehen, sie also für die Vielfalt der sexuellen Orientierungen zu öffnen, wozu ist der Bildungsplan dann notwendig? Wenn die entsprechende Offenheit bereits vorhanden ist und keine Umerziehung notwendig ist, ist der Bildungsplan hinfällig und kann eingestampft werden. Wenn aber der Bildungsplan notwendig ist, dann basiert er notwendig auf der Prämisse, dass die Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen bei Schülern nicht vorhanden ist und entsprechend anerzogen werden muss. Also ist das Ziel des Bildungsplans zumindest die Anerziehung einer Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen, und da diese Anerziehung etwas ersetzt, was zuvor da war, ist sie eine Umerziehung.
  • Zudem ist das Ziel, Kinder per Anleitung zur Selbständigkeit zu erziehen, schlichter Unsinn, der dem Versuch entspricht, einer Marionette das selbständige Laufen beizubringen. Es ist ein Widerspruch, denn man ist entweder selbstbestimmt und selbständig oder man bedarf der Anleitung.
  • Wenn etwas als maßlos übertrieben bezeichnet wird, dann verweist dies auf die Übertreibung eines Sachverhalts, nicht auf dessen Falschheit.
  • Interessant ist auch die Wortwahl: “maßlos übertrieben”, “zeichnet Zerbilder”, “versucht, Ängste … zu schüren”, unverantwortlich, dogmatischer Hintergrund…. Hier wird Wortmagie betrieben, um die Tatsache zu verschleiern, dass in der Stellungnahme nicht eine Begründung vorhanden ist: Womit, wird versucht, Ängste zu schüren (Beispiel)? Wo werden Zerrbilder wovon gezeichnet (Beispiel)? Welche Wortwahl ist warum unverantwortlich? Man sieht sehr deutlich, dass den Stellungnehmern im Kultusministerium kein Argument eingefallen ist, um die Petition zu diskreditieren, also versuchen sie es durch den Rekurs auf negativ konnotierte Begriffe.
  • Damit erklären die Stellungnehmer aus dem Kultusministerium alle, die die Stellungnahme Ernst nehmen und “gut finden” zu Deppen, denn die ganze Stellungnahme basiert auf einem zirkulären argumentum ad auctoritatem: “Ich, der Kultusminister, der gleich nach Gott kommt, sage Euch, was ihr von dieser Petition zu halten habt. Und wenn ihr mich fragt, warum ihr das davon halten sollt, dann sage ich Euch: weil ich es gesagt habe”. Wer sich mit derartig Dünngeistigem zufrieden gibt, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer denkt, er komme mit derartig Dünngeistigem durch, der sollte schnellstens in eine Nachschulung in Respekt und Akzeptanz, Respekt vor den Bürgern, die regelmäßig höhere IQs aufzuweisen scheinen als die Stellungnehmer und Akzeptanz der Tatsache, dass man Bürger nicht mit jedem Unsinn beschwatzen kann.
  • “… das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser”. Lassen wir einmal die geheuchelte Aufregung beseite und wenden uns dem dogmatischen Hintergrund zu. Dogmatisch meint: das Dogma betreffend. Und Dogma meint im katholischen Sprachgebrauch einen gültigen Glaubenssatz, es meint dann, wenn es abwertend gemeint ist, den Anspruch der absoluten Wahrheit oder Gültigkeit. Das ist sicher nicht, was die Stellungnehmer sagen wollen, und gerade deshalb ist dieser Satz in der Stellungnahme so aufschlussreich, zeigt er doch die Intention, mit der die Stellungnahme abgefasst wurde: Es geht einzig und allein um die Abwertung und Diskreditierung der Verfasser der Petition und das hat dann in der Tat mit einer Diskussion, die den Regeln von Fairness und Akzeptanz und Toleranz verpflichtet ist, nichts zu tun.

Fazit:

  • Die Stellungnahme aus dem Kultusministerium besteht ausschließlich aus Behauptungen.
  • Sie enthält keinerlei Belege für die Behauptungen.
  • Die Stellungnahme enthält eine Vielzahl von derogativen Adjektiven, die die Petition abwerten sollen.
  • Die Stellungnahme erwartet von ihren Lesern, dass sie das glauben, was behauptet wird, und entsprechend die Petition ablehnen. Sie ist eine Beleidigung für den Intellekt jedes Menschen, der selbst denkt.
  • Ganz offensichtlich ist den Stellungnehmern kein einziges Argument eingefallen, das sie gegen die Petition vorbringen können. Wenn ihnen eines eingefallen wäre, sie hätten es sicher genannt.
  • Schließlich durchzieht die gesamte Stellungnahme eine Intoleranz und Nichtakzeptanz der Meinung anderer, die deutlich macht, dass die Baden-Württembergischen Kultusministeriellen soviel von Toleranz und Akzeptanz wissen, wie eine Qualle von Knochen, und sie zeigt in eindrücklicher Weise, wo die Feinde von Toleranz und Akzeptanz zu finden sind.

Weitere Texte zum Thema:
Die Diffamierungsspirale
Die Nutznießer der Diffamierungs-Spirale
`Wer sich selbst ein Bild von der Online Petition gegen den Bildungsplan 2015 machen will, der kann das hier tun.

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Toleranz und ihr verzerrtes Spiegelbild

EU-Experten für logische Widersprüche und Totalitarismus empfehlen Intoleranz zur Förderung von Toleranz!

ECTRVor allem in der Blogosphäre spricht es sich so langsam herum: Die EU hat sich einen Entwurf für ein Statut zur Förderung von Toleranz zu eigen gemacht, das – so kann man dem Statut entnehmen – von einer Reihe von Experten verfasst wurde und das zur Umsetzung in den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU vorgesehen ist. Wofür die Verfasser des Entwurfs Experten sind oder sein sollen, bleibt ihr Geheimnis bzw. das der EU, aber sie gehören dem European Council on Tolerance and Reconciliation (ECTR), also dem Europäischen Rat für Toleranz und Versöhnung, an, der – anders als die Bezeichnung suggerieren mag  – eine Nicht-Regierungs-Organisation ist, die im Jahr 2008 in Paris durch den ehemaligen Präsidenten Polens, Aleksander Kwasniewski, und den Präsidenten des Europäischen Jüdischen Kongresses, Viatcheslave Moshe Kantor, gegründet wurde. Der Selbstbeschreibung des
ECTR
kann man Folgendes entnehmen:

“The ECTR consists of prominent political and public leaders, scientists, Nobel Prize laureates and individuals who have gained global recognition for their outstanding achievements in the humanitarian sphere and promotion of tolerance.” [Das ECTR setzt sich aus prominenten Politikern, Wissenschaftlern, Nobelpreisträgern und Personen zusammen, die weltweite Anerkennung für ihr Engagement im humanitären Bereich und für die Verbreitung von Toleranz erhalten haben.]

Statue of tolerance

Auf irgendeine Weise scheint man beim ECTR der Auffassung zu sein, dass Professionalität und die Anerkennung für Engagement im humanitären Bereich allein schon eine Expertise impliziere oder ein Experte sein müsse, wer sich lange genug für ein bestimmtes Feld interessiert und engagiert hat.

Immerhin besteht aber die Möglichkeit, dass jemand nur so lange auf einem bestimmten Feld und in einem bestimmten Netzwerk in einer bestimmten Position herumdilettiert hat, dass er zur Altlast geworden ist, die man bei der Vergabe von weiteren Pöstchen und lobenden Worten gewohnheitsmäßig beglückt, oder dass zwar tatsächlich einmal Expertise angesammelt wurde, diese aber aufgrund mangelnden Kontakts mit der (realen) Außenwelt in die berühmt-berüchtigte Betriebsblindheit oder auch nur den ebenso berühmt-berüchtigten Tunnelblick umgeschlagen ist.

Intolerance.will not be toleratedjpgUnd anders kann man sich schwerlich rationalisieren, wie es sein kann, dass Personen, die sich selbst anscheinend als Experten für humanitäre Fragen und Toleranz betrachten, zu der perversen Idee versteigen können, Toleranz könne dadurch hergestellt werden, dass man sie zuerst nach eigenem gusto inhaltlich fülle und das Füllhorn dann ungebeten und ohne empirisch begründeten Anlass über den Bürgern der EU ausschütte – ob sie wollen oder nicht, so dass die totale Toleranz erreicht sei, wenn sich keiner mehr traue, sich in irgendeiner Weise abweichend von dem zu äußern, was gerade inhaltlich als tolerant definiert ist.

Den selbsternannten Experten mag das wie eine geniale Lösung des Ordnungsproblems vorkommen; Inhabern politischer Ämter und administrativer Positiönchen mag das wie das Feigenblatt vorkommen, von dem sie geträumt haben, um Manipulation und Kontrolle über ihre Mitmenschen schamhaft zu bedecken – zumindest an EINEM Punkt –; den nicht mit Betriebsblindheit oder Tunnelblick Geschlagenen und den Nicht-Nutznießern aus Manipulation und Kontrolle muss es aber vorkommen, als seien sie im falschen Film:

Gegeben werden soll doch angeblich ein Stück mit dem Titel „Toleranz“, der Entwurf der ECTR formuliert aber das genaue Gegenteil.

So soll auf der Basis der Zuschreibung von Gruppenzugehörigkeiten und Gruppenidentitäten eine Rechtslage geschaffen werden, die individuelle Menschen in diese Gruppen wie in Schubladen einordnet. Das ist eine janusköpfige Angelegenheit für die Eingeordneten, denn sie – im Prinzip; in der Realität vermutlich eher: die vermeintlichen Repräsentanten der vermeintlichen Interessen der so konstruierten Gruppen –  werden einerseits mit dem Recht ausgestattet, mit Verweis auf eine Gruppenzugehörigkeit andere Menschen mundtot zu machen oder sich individuelle Vorteile zu verschaffen, andererseits verlieren sie als individuelle Menschen ihre Individual- und Grundrechte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber auch den Anspruch auf Chancengleichheit, denn Toleranz wird von der ECTRlern als Anspruch und Recht bestimmter Gruppen gegen andere definiert, und der einzelne Mensch kann Toleranz einfordern nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zu diesen Gruppen:

„Guarantee of tolerance must be understood not only [aber auch!] as a vertical relationship (Government-to-individuals) [man beachte die Großschreibung von ‚Government‘ und die Kleinschreibung von ‚individuals‘!] but also as a horizontal relationship (group-to-group and person-to-person)“. [Die Ganratie für Toleranz muss nicht nur als vertikale Beziehung vestanden werden (Regierung zu Individuen), sondern auch als horizontale Beziehrung (Gruppe zu Gruppe und Person zu Person)]

So wird z.B. im Entwurf in section 3 (a) vom ECTR u.a. netterweise das Recht auf „Freedom of expression“ [Meinungsfreiheit] eingeräumt, aber in section 4 werden die Einschränkungen der zugestandenen Rechte formuliert, so z.B.

„… it must be understood that demonstrations (in exercise of freedom of assembly) need not be tolerated when they are likely to degenerate into riots or infringe on the rights of others“. [Es muss deutlich werden, dass Demonstration (als ausgeübtes Recht auf Versammlungsfreiheit) nicht toleriert werden müssen, wenn wahrscheinlich ist, dass sie in Krawalle ausarten oder die Rechte anderer verletzen.]

Und da völlig unklar ist, wer aufgrund welcher Kriterien die Wahrscheinlichkeit für diese “Degeneration” im Vorfeld bestimmt, ist damit die Möglichkeit geschaffen, Demonstrationen grundsätzlich und in jedem Fall, in dem es der Verwaltung opportun erscheint, zu verbieten. Das ist das Aus für das Demonstrationsrecht. Leider führen die selbsterklärten Experten für humanitäre Fragen nicht aus, inwiefern diese grobe Form der Intoleranz Toleranz befördern soll oder wie sie gedenken, den Missbrauch der Einschränkungsmöglichkeiten von Individualrechten unter Berufung auf die Förderung von Toleranz zu verhindern.

Vermutlich sind sie eben einfach tolerant für den Missbrauch von Maßnahmen zur Förderung von Toleranz. Wir anscheinend Intoleranten sind dies aber nicht und konstatieren hier schlicht groben Unfug.

Nuts in BedlamAber mit dieser Beschreibung bleiben wir weit hinter dem zurück, was der ECTR als Entwurf für das tolerante Zusammenleben in der EU ausgeheckt hat, nämlich nicht einfach groben Unfug, sondern Wahnsinn mit Methode.

So gesteht er – wieder großzügigerweise – auf S. 4 „freedom of religion and belief, expressed either individually or in community with others,  …” zu, stellt aber auf S. 6 klar: „… tolerance does not denote acceptance of such practices as female circumcision, forced marriage, polygamy or any form of exploitation or domination of women” [Toleranz erstreckt sich nicht auf die Akzeptanz von Pratiken wie Frauenbeschneidung, arrangierte Ehen, Polygamie oder jede Form der Ausbeutung oder Dominanz0 von Frauen]

Die Mehrehe als im Islam akzeptierte Praxis ist damit aus der Freiheit des Ausdrucks der Religion ausgeschlossen, und zwar wegen der „höheren“ Moral, die sich die ECTRler selbst bescheinigen – wie tolerant von ihnen!

Offensichtlich sind die ECTRler in Wahrheit davon überzeugt, dass wir EU-Bürger nicht nur weniger intolerant sind als sie uns gerne darstellen, sondern sogar überaus tolerant, denn wie sonst könnten sie davon ausgehen, dass wir ihnen das durchgehen lassen und ihre „höhere“ Moral als solche akzeptieren?

Die ECTRler trauen uns, besonders den männlichen EU-Bürgern, aber noch viel größere Toleranz zu, wenn sie meinen, es sei tolerabel, wenn sich Toleranz auf die Ausbeutung und Dominanz von Frauen erstreckt, aber zumindest offen bleibt, ob die Ausbeutung und Dominanz von Männern – im Zuge der Toleranz, versteht sich – geduldet oder gar gutgeheißen werden kann.

alchemist catSchließlich können die Alchemisten vom ECTR Intoleranz in Toleranz verwandeln, indem sie von ihnen behauptete historische Intoleranz mit heutiger Intoleranz begegnen, also korrigierende Intoleranz walten lassen, was sich im Zylinder der Zauberlehrlinge – schwupp – zu Toleranz transformiert:

„special protection afforded to members of vulnerable and disadvantaged groups may imply a preferential treatment. … Still, the present provision is justified by the linkage between historical intolerance and vulnerability” (S. 8). [Der besondere Schutz den Mitgliedern verletzbarer und benachteiligter Gruppen genießen, kann deren Bevorzugung erfordern. ... Die entsprechende Maßnahme wird durch die Beziehung zwischen historischer Intoleranz und Verletzbarkeit gerechtfertigt.]

Zumindest können wir EU-Bürger nicht behaupten, wir wären hiervon überrascht, denn derlei Doppelmoral zum Zweck der Vorteilsnahme sind wir ja schon gewöhnt, und so verwundert es auch nicht, dass die ECTRler meinen, dass es mit unserem Toleranzniveau vereinbar sei, wenn sie offen schreiben, dass der Zweck des Entwurfs u.a. darin bestehe,

„[to] [t]ake concrete action to combat intolerance, in particular with a view to eliminating racism, colour bias, ethnic discrimination, religious intolerance, totalitarian ideologies [!!!], xenophobia, anti-Semitism, anti-feminism and homophobia“ (S. 3).[konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um Intoleranz zu bekämpfen insbesondere um Rassismus, Diskriminierung nach Hautfarbe, ethnische Diskriminierung, religiöse Intoleranz, totalitärer Ideologie [!!!], Fremdenfeindlichkeit, Anti-Semitismus, Anti-Feminismus und Homophobie zu eliminieren.]

Es müssen also wieder die alten armen, geschundenen Packesel herhalten, um die Kontrollsucht der Experten in Sachen Humanitäres zu tragen; dabei sind sie aus Altersschwäche kurz vor dem Zusammenbruch, und dann? Hat sich dann die Notwendigkeit der Förderung von Toleranz erledigt? Anscheinend ist das so.

Aber bis dahin wollen die ECTRler unser Toleranzniveau einer echten Belastungsprobe unterziehen, denn sie meinen anscheinend, dass es EU-Bürger tolerieren werden, wenn als Mittel zur Förderung von Toleranz Umerziehung, Propaganda und Zwangsmittel als rechtsstaatlich abgesegnete Praktiken etabliert werden sollen. So sollen verbale Beleidigungen oder Verleumdungen von Gruppen (!) zukünftig verschärfte Straftaten („aggravated crimes“; S. 9) sein, ebenso wie öffentliche Gutheißung des Holocaust oder die öffentliche Gutheißung von Genoziden, die als solche von einem internationalen Gerichtshof oder Tribunal (ja, das steht so auf S. 9) identifiziert wurden.

D.h. die Experten für Humanitäres möchten einerseits bestimmte Auffassungen aus dem öffentlichen Raum verbannen, egal, ob jemand sie begründet oder nicht, und andererseits die Deutungshoheit für Verbrechen an der Menschheit allein einigen Juristen zugestehen, die vermutlich in ihrer eigenen Betriebsblindheit, aber mit Sicherheit in Netzwerken von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen befangen sind, auf dass sie ungehemmt und den Bürgern der EU in keiner Weise verantwortlich die Äußerungen derselben in der Öffentlichkeit kontrollieren können.

Die ECTRler sind nicht tolerant genug, um „der Öffentlichkeit“ und Juristen an internationalen Gerichtshöfen Meinungsvielfalt zuzumuten. Nur gut, dass wir EU-Bürger so tolerant sind, sie für ihren Entwurf nicht wegen eines Verbrechens gegen die (vorläufig: EU-)Menschheit anzuzeigen!

re-educationImmerhin könnten wir aber fordern, dass die ECTRler  einem Rehabilitationsprogramm unterzogen werden, um in ihnen das zarte Pflänzchen einer „Kultur der Toleranz“ heranzuziehen, denn schließlich sehen sie selbst solche Programme „designed to instill in them a culture of tolerance“ [konzipiert um eine Kultur der Toleranz hervorzurufen] für Jugendliche vor, die eines der „Verbrechen“ („crimes“; S. 9) begehen, die die ECTRler gerade erfunden haben. Und auch mit ihrer Forderung nach „[t]raining and tolerance awareness courses“ für „different strata of society, with an emphasis on professional groups“ (S. 10) [Trainings und Toleranz-Bewusstwerdungs-Kurse für unterschiedliche Schichten der Gesellschaft, mit besonderem Schwerpunkt auf Berufsgruppen] stünde es im Einklang, wenn man sie in einen Unterricht-in-Liberalität und Humanität-Zwangskurs einweisen würde.

Und falls das nicht abschreckend genug ist, dann könnten wir drohen, die ECTRler in Regress zu nehmen. Nach ihren Vorstellungen soll es nämlich möglich sein, „[to] have a legal standing to bring a case against the perpetrators, as well as a right to redress“ (S. 10) [Strafanzeige gegen diejenigen, die gegen die Toleranz-Pflicht verstoßen, zu stellen und sie auf Entschädigung und Wiedergutmachung zu verklagen.]

Und ihre Kinder schicken wir in Umerziehungsschulen: “Schools, from the primary level upwards, will introduce courses encouraging students to accept diversity and promoting a climate of tolerance as regards to the qualities and cultures of others” (S. 10) [Schulen, von der ersten Klasse an aufwärts, werden Kurse einführen, in denen die Schüler dazu angehalten werden, Diversität zu akzeptieren und in denen ein Klima der Toleranz mit Blick auf Eigenschaften und Kulturen anderer befördert wird]. Schließlich gilt: “The principle has been accepted for many years…” (S. 10) [Das Prinzip ist seit vielen Jahren akzeptiert]. Und das stimmt ja auch: von so bedeutenden Staatsmännern und Pädagogen wie Stalin und Hitler ist das hinreichend bekannt.

Und überhaupt: Gemäß den ECTRlern gilt: „There is no need to be tolerant to the intolerant” (S. 6; Hervorhebung d.d.A.) [Es gibt keine Pflicht zur Toleranz gegenüber Intolerentanten].  Das ist gut zu wissen; so müssen wir den ECTRlern und der EU, die sich ihren Entwurf zu Eigen macht, also mit keinerlei Toleranz begegnen!

intolerant toleranceAber – nein, wir EU-Bürger sind tolerant. Und deshalb sollten wir vielleicht überlegen, ob es nicht genügt, die ECTRler für einen bestimmten prozentualen Anteil ihrer Lebenszeit einer TV- oder Radiosendung auszusetzen, die in ihnen ein Mindestmaß an Toleranz und Respekt vor anderen Menschen kultiviert – auch das würden sie zweifellos akzeptieren, denn sie selbst fordern das für die EU-Medien (auf S. 11). Nur mit dem Internet gibt es noch Probleme: „There is a related issue of Internet abuse through the spreading of intolerance. However, initiatives to bring about legal regulation of cyberspace are currently debated in a wider context. … “ (S. 12) [Auch im Internet wird missbräuchlich Intoleranz verbreitet. Initiativen, um Regelungen für den Cyberspace zu erwirken, werden derzeit in einem breiteren Zusammenhang diskutiert...].

Na, dann ist es doch in Ordnung, wenn wir EU-Bürger zur Förderung der Toleranz in der EU und zur Vermeidung von Missbrauch des „cyberspace“  fordern, dass der Entwurf der ECTRler von den Internetseiten der EU genommen wird, oder!?

Wie gut für die ECTRler und all diejenigen, die sich an den EU-Bürgern durch Zustimmung zu diesem vorläufigen Höhepunkt an Totalitarismus schuldig machen, dass die EU-Bürger (noch) deutlich toleranter sind als sie selbst: noch sind sie gesprächsbereit und verzichten auf drastische Maßnahmen nach dem Vorbild der ECTRler, noch spielt bei ihrem Urteil auch die Moral und nicht nur die Ideologie und die  auf Grundlage geschaffenen oder zu schaffenden Rechtslage eine Rolle. Noch belassen sie es dabei, die Freunde des Totalitarismus daran zu mahnen, was sie selbst im Munde führen, nämlich dass
Logik f dummies

tolerance postulates an open mind to unfamiliar ideas and ways of life“ (S. 1; Hervorhebung d.d.A.) [Toleranz bedeutet ungewöhnlichen und fremden Ideen und Lebensweisen offen gegenüber zu treten.]

Wie wäre es, sie würden versuchen, einmal ganz kurz ihren Geist der fremden Idee der Toleranz und des Respektes vor den Bürgern zu öffnen? Oder sogar der gänzlich fremden Idee der Logik, gemäß derer es nun einmal ausgeschlossen ist, Toleranz durch Intoleranz zu erzwingen, ganz so,  wie es bekanntermaßen nicht möglich ist, jemanden mit vorgehaltener Waffe dazu aufzufordern, jetzt einmal ganz spontan oder ganz entspannt zu sein. Wir sind dafür, dass an allen Bildungsinstitutionen und für bestimmte Berufsgruppen, vor allem für Juristen, Logik-Kurse angeboten werden – auf freiwilliger Basis, versteht sich; wir sind ja tolerant!