Die Neu-Entdeckung des Bekannten

Kennen Sie dieses dejá vu Gefühl, wenn Ihnen jemand etwas bahnbrechend Neues anbietet und alles, was Sie zu sehen im Stande sind, ist … ein Telefon oder ein Fahrrad? Das Geheimnis der Neuentdeckung von Bekanntem scheint in Sprache zu liegen, in der Kunst, das Gleiche anders darzustellen, anders zu benennen, etwa wenn aus dem Türklinkenputzer ein Vertreter und dann eine Sales-Representative wird oder wenn Sekretärinnen jetzt Assistent des Managements heißen.

paradigm-shiftDie Sozialwissenschaften scheinen für diese Form der sprachlichen Neu-Entdeckung des Bekannten besonders anfällig zu sein – vor allem im Zuge des Konstruktivismus, dessen Kern ja die sprachliche Konstruktion, zumeist in Nominalverbindungen wie: “durch Bezug auf naturgegebene Körperlichkeit, Polarisierung, Ausgrenzung und Abwertung … mit der tendenziellen Rebiologisierung  … die Restabilisierung der hegemonialen Männlichkeit” (wer uns schreibt, von wem dieser Unsinn kommt, bekommt eine ScienceFiles-Mug von uns), ist.

So hat man vor einiger Zeit die Intersektionalität entdeckt, ein Konzept, das man schon seit Jahrtausenden kennt, und nicht erst die alten Ägypter waren in der Lage, zwei oder gar drei Variablen (Höhe und Länge und Breite) mit einander in Verbindung zu bringen. Die Moderne zeichnet sich nunmehr durch vermeintliche Wissenschaftler aus, die die Intersektionalität neu und doch nur wieder entdecken, jene unbekannte Größe, die sich in der bahnbrechenden Erkenntnis äußert, dass Männer nicht nur Mann, sondern auch Angehörige einer Ethnie sind. Warten wir noch ein Jahrzehnt und die entsprechenden Intersektionalitäts-Künstler werden sich zu der Erkenntnis vorgearbeitet haben, dass es neben Geschlecht, Ethnie, vielleicht Klasse und Alter noch eine wichtige Variable gibt, die bislang vernachlässigt wurde: Bildung… oder so.

Neben der Intersektionalität hat sich ein weiteres neues Konzept über die letzten Monate in die Diskussion eingeweihter Kreise geschlichen: die “Dual-Use-Problematik”. Diese Dual-Use-Problematik besteht in der für manche völlig neuartigen Erkenntnis, dass in “nahezu allen Wissenschaftsgebieten … die Gefahr [besteht], dass Forschungsergebnisse zu schädlichen Zwecken missbraucht werden” (zum Beispiel wenn die Bundesregierung sie in einem Programm umsetzt). Eine wirklich erstaunliche Erkenntnis, vor der die Trümmer von Karthago, jener Stadt, die römischer Belagerungstechnik zum Opfer gefallen ist, verschwinden, im Orkus der Geschichte.

LeopoldinaNeue Erkenntnisse, wie die Dual-Use-Problematik müssen natürlich erst einmal diskutiert werden. Und wie immer, wenn es darum geht, neue Erkenntnisse zu diskutieren, ist die Leopoldina an vorderster Front und dieses Mal in Trio mit Ethikrat und DFG, die nicht fehlen dürfen, wenn top-moderne Fragen, die bislang vermeintlich noch niemand gestellt hat, gestellt werden: Was sind die Chancen und Risiken, die sich mit Forschung z.B. zu Viren verbinden? Welche Risiken und Nebenwirkungen, und welche Nutzen verbinden sich mit 3D-Druckern? Diese Fragen, die Gebrauch und Missbrauch betreffen und die schon den Entdecker des Feuers geplagt haben, diese top-aktuellen Fragen werden von Leopoldina und Ethikrat und DFG und unter dem Titel “Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftsverantwortung” diskutiert.

Und spätestens hier endet der Spass, denn: “Es wird die Frage aufgeworfen, wie sinnvoll Publikationsbeschränkungen sind, und wer darüber entscheiden sollte. Zudem werden die Teilnehmer über die möglichen Konsequenzen diskutieren, wenn bestimmte Forschungsarbeiten untersagt werden.”

Wie ausgemacht es schon zu sein scheint, dass “bestimmte Forschungsarbeiten untersagt werden”. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, zu welchem Ergebnis das Symposium zu Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftsverantwortung kommt: Die Verantwortung, die der Wissenschaft zugeschoben wird, wird die Wissenschaftsfreiheit in einem Meer von Regulation und Verboten ersticken, Verbote, die Forschung, deren Ergebnis nicht bekannt sind, weil die entsprechende Forschung noch nicht durchgeführt wurde, verunmöglichen werden. Verbote, die Forschung, die als anti-feministisch angesehen wird und Forschung, die Technologien umfasst, die gerade ungeliebt sind, verunmöglichen werden – ein Ergebnis, das man dann als Fortschritt durch Stillstand verkaufen wird. Nicht vergessen: Wir leben im Konstruktivismus: Es gilt das gesprochene Wort, nicht das, was in der Realität vorhanden ist.

Witziger Weise ist uns heute, just als die Ankündigung des Symposiums zu diesem neuartigen Thema, dem sich Leopoldina, Ethikrat und DFG nun widmen, eintraf, eine Drucksache aus dem Bundestag ins Haus geflattert. Drucksache 18/2940. Eine Unterrichtung der Bundesregierung: Zwischenbericht der Bundesregierung über die Rüstungsexporte im ersten Halbjahr 2014.

Auch die Bundesregierung übt sich im Konstruktivismus:

“Bei Rüstungsexportentscheidungen in sogenannte Drittstaaten sind die im Jahr 2000 beschlossenen strengen ‘Politischen Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern’ für unser Regierungshandeln verbindlich”.

Rüstungsgüter sind ein sensibler Gegenstand, also sind politische Grundsätze für den Export von Kriegswaffen als streng zu bezeichnen, einfache Grundsätze reichen nicht aus. Und natürlich wird nur exportiert, wenn bekannt ist, was aus den Rüstungsgütern wird. Sicherung des Endverbleibs nennt sich das:

“Der Prüfung und Sicherstellung des Endverbleibs kommt eine besondere Bedeutung zu. Nach den exportkontrollpolitischen Grundsätzen werden Genehmigungen für die Ausfuhr von Rüstungsgütern nur erteilt, wenn zuvor der Endverbleib dieser Güter im Endempfängerland sichergestellt ist.”

Vielleicht führt Israel deshalb die Liste der Länder an, in die Kriegsgerät exportiert wird. Dort weiß man nicht nur, wo es geblieben ist, sondern auch, wer damit getötet wurde. Überhaupt sind ein paar Daten aus der Unterrichtung ganz interessant.

Ruestungsexporte

Insgesamt belaufen sich die Rüstungsexporte im ersten Halbjahr 2014 auf 2,2 Milliarden Euro – ein erkleckliches Sümmchen. 210 Millionen der Rüstungsexporte betreffen Munition, und für Munition ist der Endverbleib ja in jedem Fall klar.

Die sicheren Drittstaaten oder wichtigesten Abnehmer deutscher Rüstungsgüter, die allesamt sicher und gegen jede Form von Missbrauch gefeit sind, führen zurück zur Dual-Use-Problematik, mit der sich Leopoldina, Ethikrat und DFG in ihrer virtuellen Welt herumschlagen, einer virtuellen Welt, in der das Gute vom Bösen getrennt ist, in der es sprachlich möglich ist, die gute wissenschaftliche Nutzung von der schlechten wissenschaftlichen Nutzung, die Gefahr in der Anwendung vom Nutzen der Anwendung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu trennen. Nicht nur das: Es ist sogar möglich vorherzubestimmen, welche Forschung so gefährlich ist, dass man sie besser verbietet. So wie es der Bundesregierung durch ihre “strengen politischen Grundsätze” möglich ist auszuschließen, dass Munition, die in den Libanon, nach Kasachstan oder in die Russische Föderation geliefert wird, im falschen Körper endet.

Die post-rationale Moderne entdeckt nämlich nicht nur ständig Bekanntes von anno dazumal in neuem Gewandt und unter neuem Namen wieder, nein, die post-rationale Moderne kann auch alles, was nicht gut und richtig ist, ausschließen und kontrollieren – sprachlich zumindest, und das ist doch, was zählt: die sprachliche Kontrolle, die in der Sprachwelt etwas vorgaukelt, was es in der wirklichen Welt nicht gibt, etwa so, wie der Begriff “Wissenschaftsverantwortung” vorgaukelt, dass Wissenschaftler die Verantwortung für ihre Entdeckungen hätten, eine absurde Idee von Herbert Marcuse, die in der post-rationalen Moderne wieder en vogue ist und dazu genutzt wird, Kontrolle auszuüben, Kontrolle, die über die Sprache funktioniert und durch die Beseitigung von Möglichkeiten, in die Realität wirkt, der Leopoldina sei Dank!

Es gibt für Wissenschaftler übrigens nur eine Verantwortung und die hat ein scruffy mind in den x-Files formuliert: Not to share their knowledge with an immoral government!

Gerechtigkeit ist…

Es kommt selten etwas Besseres nach, so eines dieser ewigen Pfälzer Sprichworte, die einem immer dann einfallen, wenn man damit konfrontiert ist, dass, na was: selten etwas Besseres nachkommt. Nachgekommen ist mit der neuen Regierung eine neue Ministerin für Familie und all die anderen (minus Männer) und wer über die Pressemitteilungen liest, der hat nicht den Eindruck, es habe sich etwas zum Besseren verändert – in Gegenteil.

Aber, und damit sind wir bei einer anderen Pfälzer Weisheit, die ein leider zwischenzeitlich verstorbener und heftig vermisster Pfälzer gerne geäußert hat: Es ist nichts so schlecht, als dass es nicht für ebbes gut ist! (digital remastered high-germanized version)

So auch die Pressemeldung unter dem Titel: “Förderung für ungewollt kinderlose Paare wird aufgestockt”. Gerade diese Pressemeldung eignet sich hervorragend, um ein paar (sozio-)logische Erkenntnisse zu verbreiten.

Beginnen wir mit dem Textteil des Bundes:

succesful cloning“Kinderwünsche dürfen keine Kostenfrage sein”, sagt die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig. “Gerade für Paare mit kleinen und mittleren Einkommen stellen die hohen Behandlungskosten von mehreren Tausend Euro oft ein großes Problem dar. Familienpolitik beginnt bereits vor der Geburt eines Kindes.”

Soziologie umfasst einen Bereich, der gemeinhin als Sozialstrukturanalyse beschrieben wird. Die Sozialstrukturanalyse hat z.B. die folgenden Ergebnisse erbracht: Familien, die sich Kinder eigentlich nicht leisten können, für die Kinder entsprechend eine Kostenfrage sind, produzieren mehr Kinder für die Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit, und dies vor allem deshalb, weil sie durchschnittlich später eingeschult werden, weil sie häufiger sitzen bleiben oder auf Sonderschulen landen, weil sie häufiger eine Hauptschulabschluss, wenn überhaupt einen Abschluss erreichen, kurz: Die Paare, die sich einen Kinderwunsch aus Kostengründen nicht erfüllen können, sind auch die Paare, deren Kinder eine höhere Wahrscheinlichkeit haben als Kinder anderer Paare, eine Karriere auf Transferzahlungen zu starten.

Geissler SozialstrukturWarum das so ist, ist eine andere Frage, deren Antwort man als Konflikttheoretiker damit geben könnte, dass die Mittelschicht ständig neues Fleisch in der Unterschicht braucht, auf das sie heruntersehen kann, um sich ihre eigene Überlegenheit zu bestätigen. Entsprechend wäre die Finanzierung, die den Paaren angedeihen gelassen wird, die sich wegen zu geringer Einkommen, ihren “Kinderwunsch” nicht erfüllen können, Geld, das zur Psycho-Hygiene der Mittelschicht eingesetzt wird. Und damit es auch klappt, sorgen Mittelschichtsinstitutionen wie sie die Schulen oder das BMFSFJ darstellen dafür, dass Kinder aus der Unterschicht auch nicht in die Weidegründe der Mittelschicht vordringen.

Weiter geht es im Text, und da die Förderung ungewollt kinderloser Paare in Sachsen-Anhalt stattfindet, kommt auch ein Vertreter der dortigen politischen Kaste zu Wort, ein Norbert Bischoff. Er hat auch besonderes Wissen, das er an den Leser bringen will:

“Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, ungewollt kinderlose Paare nicht über Gebühr mit der Finanzierung für notwendige Behandlungen allein zu lassen. Über die Kosten darf keine Sozialauswahl erfolgen.”

Norbert Bischoff

Norbert Bischoff: Schaffer der Bischoff-Gerechtigkeit

Wir sehen: nicht nur die Bundesministerin ist uninformiert über einfache gesellschaftliche Zusammenhänge, auch der Landesminister. Zwei, die sich gesucht und gefunden haben, ein nettes Paar, so zu sagen. Gerechtigkeit ist also, wenn ein Wunsch, der mangels finanzieller Ressourcen nicht erfüllt werden kann, durch die Allgemeinheit erfüllt wird. Ist das so? Nun, dann hätten wir gerne einen Dienst-Ferrari. Oder gilt das Wunschkonzert nur für “notwendige Behandlungen”, wie der Minister einschränkt?

Nun, falls dem so ist, trifft eine logische Keule, denn die Behandlungen sind gar nicht notwendig: Es gibt kein Naturgesetz, das die künstliche Befruchtung zur lebenserhaltenden Maßnhme werden lässt. Das würde sich auch mit dem vermeintlichen Kinderwunsch ins Gehege kommen, denn wäre die Behandlung notwendig, der Kinderwunsch wäre ein Kinderzwang. Der Herr Minister hat offensichtlich keine Ahnung, wovon er spricht, auch nicht davon, was Gerechtigkeit ist.

Gerechtigkeit ist nämlich nicht, wenn andere für meine Wünsche zahlen. Das mag Politikern aufgrund ihrer hohen Gehälter, die viele trotz intellektueller Mittelmäßigkeit (im besten Fall) beziehen, so vorkommen, aber es ist nicht so. Gerechtigkeit ist, wenn man für eine Anstrengung und im Vergleich zur Anstrengung eines anderen, eine der Anstrengung und ebenfalls im Vergleich zum anderen entsprechende Auszahlung erhält. Wenn zwei Arbeiter die gleiche Arbeit in gleicher Intensität verrichten und der eine 5 Stunden, der andere aber 7 Stunden arbeitet, dann ist es gerecht, dass derjenige, der länger gearbeitet hat, auch mehr Lohn erhält.

(Wir wollten eigentlich ein Beispiel mit Politikern machen, aber hier versagt die Equität, denn Politiker werden ja für ihre Existenz und nicht für ihre Leistung bezahlt. Wen wundert es da noch, dass sie keinerlei Ahnung davon haben, was als Gerechtigkeit anzusehen ist.).

red ferrariAber für Herrn Bischoff ist Gerechtigkeit, wenn ein Wunsch erfüllt wird, der mit so hohen Kosten verbunden ist, dass ihn sich der Wünschende nicht selbst erfüllen kann. Diese, nennen wir sie Bischoff-Gerechtigkeit, wollen wir zum Anlass nehmen, um ein kleines Wunschkonzert zu starten. Also, Liebe Leser von ScienceFiles, wünschen Sie sich etwas aus dem breiten Angebot der Bischoff-Gerechtigkeit.

Gibt es etwas, das sie gerne hätten, das Sie sich aber nicht leisten können und für das Sie der Meinung sind, dass es keine Sozialauswahl geben darf? Dann teilen Sie es uns und dem Herr Bischoff mit. Nutzen Sie dazu sein eigens eingerichtetes Kontaktformular und ergänzen Sie das Stichwort: Bischoff-Gerechtigkeit.

Wir haben uns von Herrn Bischoff eine einsame Insel gewünscht, auf der man keine Nachrichten aus Deutschland empfangen kann.

island in the sun
Und Sie?

Nachtrag

Ist es nicht erstaunlich, dass in einem Land, in dem der Ausstieg aus der furchtbaren Kerntechnik beschlossen ist, in einem Land, in dem die Gentechnologie mit mystischen Kräften, die allesamt Schreckliches hervorbringen, verbunden und entsprechend abgelehnt wird, dennoch und über Steuergelder finanziert an Erbgut herumexperimentiert werden darf. Und ist es nicht erstaunlich, dass in einem Land, in dem das so genannte ungeborene Leben (ein netter Widerspruch) von so vielen Beschützern verteidigt wird, befruchtetes Erb-Material dem Absterben preisgegeben oder auf Eis gelegt wird? Und ist es nicht erstaunlich, mit welcher Vasallentreue sich die heftigen Kinderwünscher Dritten anvertrauen, sich unter deren Obhut begeben und keine Sekunde daran zweifeln, dass das, was da in ihnen heranwächst auch wirklich ihres ist?

Im Krefelder Rathaus grassiert der Wahnsinn

KrefeldEin Leser von ScienceFiles, dem wir an dieser Stelle herzlich danken, hat uns ein besonderes Kleinod zugespielt, ein Kleinod, das den Wahnsinn, der in öffentlichen Verwaltungen endemisch zu sein scheint und der sich in “Programmen” niederschlägt, die auch den standhaftesten Leser durch ihre logischen Fehler, den darin enthaltenen, gesammelten Unsinn und den allgegenwärtigen Kampf mit den Fällen der deutschen Sprache niederstrecken, in komprimierter Weise vorführt.

Nun ist das “Programm zur Chancengleichheit” der Stadt Krefeld, das “Maßnahmen zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern bei der Stadtverwaltung Krefeld” enthält und damit schon im Titelblatt zu erkennen gibt, dass die Schreiber des Programms, genauso wie diejenigen, die es verabschiedet haben, nicht wissen, wovon sie reden, die Grundlage der Einstellungen, die die Stadt Krefeld als Dienstleister vornimmt.

Krefeld ChancengleichheitInsofern ist die Vermengung von Chancengleichheit und Gleichberechtigung vielleicht kein Zufall, denn Chancengleichheit hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun da erstere z.B. auf gleiche Chancen beim Zugang zu Positionen abzielt, während letztere die Behandlung von Bewerben auf Positionen beschreibt. Chancengleichheit baut somit auf vorhandenen individuellen Merkmalen, während Gleichberechtigung auf zugewiesenen kollektiven Merkmalen basiert und damit notwendigerweise indivdiuelle Merkmale diskriminiert. Die weitere Lektüre des Programms zeigt jedoch, dass die Vermengung vermutlich nicht intentional ist, denn die Schreiber des Programms sind nicht nur der deutschen Sprache hoffnungslos ausgeliefert, sie führen auch und ganz offensichtlich einen Kampf mit Begriffen und versuchen, Leser durch die Verwendung möglichst vieler zumindest für sie gelehrt klingender Begriffe zu erschlagen.

Aus diesem Bemühen resultieren dann so aufschlussreiche Sätze wie: “Diversity Management ist in erster Linie ein ‘Human-Ressource-Ansatz'”. Boah ey! Die Hülse, die man auch als Grumpf ist in erster Linie ein Mampf-Ansatz umschreiben kann, hakt indes daran, dass der Schreiber sich, wie Buridans Esel, nicht zwischen deutscher und englischer Sprache entscheiden kann. Entsprechend ist Diversity Management entweder in erster Linie ein “Human-Resource-Approach” oder ein “Human-Ressourcen-Ansatz”.

Das bringt uns zum Thema deutsche Sprache.

Der verlorene Kampf mit der Sprache

Duden GrammatikDer Kampf mit der deutschen Sprache ist allgegenwärtig im Krefelder Programm zur Chancengleichheit der Verwaltungs-Legastheniker, die man ja auch nicht diskriminieren darf, nur weil sie nicht wissen, wie man z.B. Konjunktionen richtig verwendet:

“Familienfreundlichkeit der Kommune nach außen und innen trägt dazu bei, sowohl ihr Ansehen in der Bevölkerung als auch ihre Attraktivität als Arbeitgeberin zu erhöhen und gleichzeitig als Vorbild für andere (auch private) Arbeitgeber/innen zu sein (24).”

Möglicherweise könnte Heidegger dieser Seinsbetrachtung etwas abgewinnen, wenn er noch leben würde. Als normaler Sprecher der deutschen Sprache muss man jedoch darauf bestehen, dass das dritte “als” nicht vom infinitiv erweiterten Sein gefolgt wird oder, wenn man auf das Sein besteht, ersatzlos entfällt.

Auch Relativsätze haben es schwer im Programm der Krefelder:

“Da das Programm zur Chancengleichheit auf einem Ratsbeschluss beruht, haben sich auch die Stadt Krefeld und die Fraktionen an ihn gebunden” (10).

Dass man grammatikalisch männlichen Personalpronomen in einem Programm zur … Sie wissen schon, ablehnend, ja fast feindlich gegenübersteht, rechtfertigt nicht, sie willkürlich einzusetzen. Oder wollen die Schreiber tatsächlich betonen, dass die Stadt Krefeld und die Fraktionen sich an die Beschlüsse halten, die sie selbst treffen? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass der Schreiber abermals von den Möglichkeiten der deutschen Sprache überwältigt wurde. Vielleicht war es ihm auch peinlich, den Ratsmitgliedern zu sagen, dass sie für den Unsinn, der im Programm zur Chancengleichheit steht, verantwortlich sind.

Der verlorene Kampf mit der Logik

Was die Schreiber an Defiztiten in der Verwendung der deutschen Sprache offenbaren, machen sie quasi wieder wett, durch einen umfassenden Einsatz logischer Fehler. Aber: Sprache hat etwas mit Logik zu tun. Wäre dem nicht so, man hätte Schwierigkeiten, sich zu verständigen. Etwas solche:

“Und es geht doch: Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden, Achim Exner, hat einige Zeit sein Amt in Teilzeit ausgeübt, um sein Kind selbst betreuen zu können” (16).

Logik f dummiesMan kann nur vermuten, dass mit dem trotzigen “Und es geht doch”, etwas gezeigt werden soll, was von den Schreibern des Programms positiv bewertet wird. Also nicht, was sie zeigen, nämlich dass Achim Exner nach der Teilzeit, die er genommen hat, um “sein Kind selbst betreuen zu können”, zum “ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden” geworden ist. Demnach, wäre “es geht doch” als Möglichkeit gemeint, Oberbürgermeister, die sich nur mit halber Kraft ihrem Amt widmen, loszuwerden.

Aber so wird es vermutlich nicht gemeint sein. Vielmehr soll Exner vermutlich als Beispiel für die Möglichkeit der zumindest kurzfristigen Ämterführung in Teilzeit angestrengt werden. Und damit stellt sich die Frage: Und? Das Beispiel zeigt, dass Achim Exner Teilzeit Oberbürgermeister war – mehr nicht. Soll es mehr zeigen? Nun, wenn das die Absicht hinter “es geht doch” ist, dann handelt es sich hier um einen individualistischen Fehlschluss, denn aus der Tatsache, dass Exner Teilzeit-OB war, ergibt sich schlicht und ergreifend nichts, was sich auf andere Oberbürgermeister oder wen auch immer übertragen ließe.

Nicht nur den individualistischen Fehlschluss beherrschen die Schreiber des Programms zur Chancengleichheit der Stadt Krefeld, nein, auch den ökologischen Fehlschluss beherrschen sie:

“Frauen haben in der Regel die besseren Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse. Mit externen Ausschreibungen kann dieses Potenzial auch für die Stadtverwaltung Krefeld erschlossen werden.” (14)

Der ökologische Fehlschluss ist unter Genderisten allseits beliebt, doch ändern die Vielzahl der Fehlschließerinnen nichts daran, dass es sich um einen Fehlschluss handelt. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass 70% der Beschäftigten der Stadt Krefeld in der Lage sind, die deutsche Sprache in ausreichendem Maße als Instrument so zu handhaben, dass eine Verständigung mit ihnen im Prinzip möglich ist, während dies für 30% der Beschäftigten nicht der Fall ist. Greifen wir nunmehr einen wahllosen Beschäftigten heraus. Können wir sicher sein, dass er die deutsche Sprache in ausreichendem Maße beherrscht und entsprechend nicht an der Formulierung des Programmes zur Chancengleichheit beteiligt war? Nein, denn die Wahrscheinlichkeit, einen nicht des Deutschen mächtigen Beschäftigen zu erwischen, beträgt 30%.

Jetzt wird es schwierig. Wie kann man die gewonnene Erkenntnis auf die zitierte Textstelle übertragen?Wenn Frauen in der Regel bessere Bildungsabschlüsse erreichen als Männer, dann ist dies eine Aussage im Aggregat, die nicht gewährleistet, dass die Frau, die sich gerade bei der Stadt Krefeld bewirbt, auch einen besseren Bildungsabschluss hat als männliche Bewerber (vielmehr mag das Krefelder Programm als Hinweis darauf dienen, dass es sich eher umgekehrt verhält). Und einmal mehr erweist sich ein Satz im Programm als Unsinn.

Die Wahrheit

Die Wahrheit findet sich auf S.18 des “Programms”, hier räumen die Schreiber mit “Missverständnissen” auf – ein für alle Mal:

“Entgegen vielen Missverständnissen sorgt die Gleichstellungsstelle nicht dafür, dass Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt werden” [Hervorhebung durch uns]

TruthNa bitte. Damit sind hoffentlich all diejenigen, die fabulieren, dass Frauen nur wegen ihres Geschlechts bevorzugt werden, ruhig gestellt. Allerdings stellt sich nunmehr die Frage, wegen was Frauen in Krefeld sonst noch bevorzugt werden. Leider gibt es im “Programm zur Chancengleichheit” hierzu keine weiteren Ausführungen, so dass wir den Ball an unsere Leser weiterspielen müssen und deren investigative Fähigkeiten anfragen:

An alle Leser:

Bitte finden Sie heraus, durch was, außer durch ihr Geschlecht, Frauen, die bei der Stadt Krefeld beschäftigt sind oder sein wollen noch (vermutllich gegenüber männlichen Bewerbern und Angestellten) bevorzugt werden.

Bleibt abschließend noch festzustellen, dass im Zeitalter des Employer Brandings (So ist das nicht, wir können auch mit Begriffen werfen…) die Stadt Krefeld für normal intelligente Menschen kein attraktiver Arbeitgeber ist, muss man als normal intelligenter Mensch doch nicht nur damit rechnen, mit unsinnigen und unlogischen Programmen konfrontiert zu werden, sondern auch mit Ratsherren und einer Verwaltungsspitze, die diesen Unsinn verabschiedet haben und sich nun “daran gebunden” fühlen.

Um aller Götter Willen – Eine Pressemeldung aus Berlin

Haben Sie heute schon Vielfalt gespürt? Oder hat ihnen Integration bereits eine wie auch immer geartete Empfindung verschafft? Nein? Nun, dann geht es Ihnen wie Dr. Maria Wünsche, die für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der SRH Hochschule in Berlin verantwortlich ist. Sie hat die folgende höchst interessante Empfindung nicht gehabt:

SRH_berlin

“Von Vielfalt und Integration ist in der Medien- und Kommunikationsbranche wenig zu spüren. Dadurch geht viel Potential und Kreativität verloren, findet Prof. Dr. Anabel Ternès und engagiert sich für Chancengleichheit.”

Nicht nur, regieren Gefühle und nicht Wahrnehmungen an der SRH Berlin. Die Gefühle werden auch gleich durch Empfindungen als nicht ausreichend gewichtet. Und wie immer, wenn Gefühle regieren, ist die Assoziationskette von Vielfalt und Integration über die Kommunikationsbranche zu Potential und Kreativität höchts willkürlich oder wie Dr. habil. Heike Diefenbach kommentiert: Weil Fische nicht Fahrrad fahren können, ist der Weltfriede in Gefahr. Ist doch offensichtlich, oder haben Sie etwa andere Empfindungen?

Und es geht weiter mit Unsinn in der Pressemeldung aus Berlin:

“Die viel gepriesene Vielfalt in unserer Gesellschaft ist insbesondere in Kommunikationsberufen deutlich unterrepräsentiert.”

Ich finde, wir sollten eine Quote für Vielfalt einrichten. Sagen wir 40% Vielfalt in den Führungsetagen von Bürokratien und nur noch 60% Einfalt in den Presseabteilungen von Universitäten.

Hoecker_nonne_Wer es noch nicht bemerkt hat, in der Pressemitteilung aus Berlin geht es um “Nachwuchstalente nicht-deutscher Herkunft”, also um “PR-Managerinnen mit Kopftuch”, wie man der Überschrift der Pressemeldung entnehmen kann. Die Vielfalt in der PR-Branche braucht nämlich “Frauen mit Kopftuch”.

Das ist ein interessanter Ansatz, Vielfalt durch die Förderung einer bestimmten Klientel herstellen zu wollen. Und warum Frauen mit Kopftuch? Keine Ahnung oder: warum nicht? Ich meine, in der Welt der Empfindungen, die Dr. Maria Wünsche (nomen est omen) und Prof. Dr. Anabel Temés zu teilen scheinen, hat sich halt ein positives starkes Gefühl eingestellt als von Frauen mit Kopftüchern die Rede war. Und dann haben die beiden sich in der PR-Welt umgesehen und gesagt: “Hey, hier gibt es gar keine Frauen mit Kopftuch. Dabei ist Vielfalt doch wichtig. Deshalb müssen wir Frauen mit Kopftuch in die PR-Welt bringen, damit Vielfalt hergestellt ist.”

Ja.

Und warum fehlt in der PR-Branche die Kopftuch-Vielfalt?

Anabel Ternès, Professorin für Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule Berlin, [...]. „Viele junge Menschen aus Einwandererfamilien wollen lieber in klassische Ingenieurberufe gehen. Sie sehen in [der] Kommunikationsbranche keine Perspektive. Eine türkisch-stämmige Schülerin gestand mir, sie interessiere sich sehr für PR-Arbeit, sorge sich aber, ob sie als Frau mit Kopftuch in dieser Branche akzeptiert würde.

Wenn eine türkisch-stämmige Schülerin im Beichtstuhl von Anabel Ternès sitzt und gesteht, dass sie lieber in die PR-Branche ginge, aber nicht sicher ist, ob sie als Frau mit Kopftuch in dieser Branche akzeptiert würde, dann ist das natürlich eine ausreichende Grundlage für eine Verallgemeinerung. Denn, wo es eine türkisch-stämmige Frau mit Kopftuch gibt, sind bekanntlich mehr und alle sind Potential für die PR-Branche und natürlich schon deshalb geeignet, weil sie weiblich und nicht-deutsch sind, wegen der Vielfalt, Sie erinnern sich?

Interessanter Weise scheinen die Sorgen um die Akzeptanz, die sich türkisch-stämmige Frauen mit Kopftuch machen, für klassische Ingenieursberufe nicht zu gelten, woraus man in der Logik der Genderisten messerscharf schließen muss, dass das maskuline Klima, wie es in der männlich dominierten Ingenieurswissenschaft vorherrscht, für Frauen mit Kopftuch und türkischer Abstammung – jedenfalls in deren eigener Wahrnehmung – günstiger ist als das mit hohem Frauenanteil durchsetze Klima in der PR-Welt.

Ich habe die klare Empfindung, dass ein zu hoher Frauenanteil schlecht ist für Frauen mit Kopftuch. Offensichtlich haben Frauen mit Kopftuch Bedenken, dass sie von Frauen ohne Kopftuch nicht akzeptiert werden. Aber jetzt gibt es ja Prof. Dr. Anabel Ternès, die ausgezogen ist, um zu ändern und um Vielfalt herzustellen:

big bubba“Um das [das halt!] zu ändern, setzt sich Anabel Ternès als Mentorin bei verschiedenen Initiativen aktiv für mehr Vielfalt und Chancengleichheit ein. Im Stipendien- und Mentorenprogramm der Deutschlandstiftung Integration „Geh deinen Weg“ unterstützt sie junge Menschen mit Migrationshintergrund, die sich durch besonderes gesellschaftliches, kulturelles oder sportliches Engagement auszeichnen [weshalb man das Programm besser "Geh' unseren vorgegebenen Weg" oder "Geh' unsere ausgetretenen Pfade" nennen würde]. Die „Neuen Deutschen Medienmacher“ ist ein Verbund von Medienschaffenden, die sich für mehr Vielfalt in den Medien stark machen. Als Mentorin begleitet die Professorin eine junge Frau mit türkischem Hintergrund auf ihrem Weg zu einer erfolgreichen PR-Managerin.”

Vielfalt, Chancengleichgeit, gut, mehr Vielfalt, mehr Migrationshintergrund, gut. Mentorin, Migrantionshintergrund, Kopftuch?, Engagement, gut, PR-Managerin, gut. Gelegenheit, Auskommen, Verdienst, prima. Das ist meine Zusammenfassung der letzten Absätze, wer will, der kann passende Verben und Artikel einsetzen und die Sätze entsprechend vervollständigen.

do-you-cloneDie große Einfalt hat sich der Vielfalt bemächtigt. Vielfalt ist, wenn weibliche Menschen in Positionen gehievt werden, denn weibliche Menschen sind von Natur aus Vielfalt. Im Gegensatz zu männlichen Menschen, die von Natur aus, nicht Vielfalt sind oder zumindest nicht weiblich oder nicht gut oder was auch immer, jedenfalls nicht Vielfalt. Vielfalt ist nicht mehr ein Ergebnis, sondern eine Zutat. Man nehme zwei Frauen, eine mit, eine ohne Kopftuch, ergänze eine behinderte Frau, eine Frau, die mit 14 Jahren der Gewerkschaft Verdi beigetreten ist, und noch eine, die nicht Verdi beigetreten ist, aber bei den Grünen mitarbeitet und schon hat man Vielfalt – oder vielleicht nicht Vielfalt, aber einen Grund Fördergelder anzufordern, von irgend einer Vereinigung die gut sein will und deshalb Vielfalt fördert, also die beschriebene Vielfalt.

Wer gedacht hat, Vielfalt beziehe sich auf das Ergebnis, der sieht sich enttäuscht in seiner Hoffnung, dass das Programm öffentlich-rechtlicher Sender in Zukunft besser wird als es heute ist: Vielfalt ist, wenn derselbe Langweiler von Frauen-Vielfalt produziert wird.

Anonymität und das Betreiben von Blogs

Eigentlich ist heute ein Tag, an dem man es sich gut gehen lassen sollte, und das werden wir auch, wenn dieses Post veröffentlicht ist und wir “on the road” sein werden, tun. Es ist ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Im GowerSüdosten sieht man den Gower, im Nordosten tauchen gerade die Brecon Hills aus dem Dunst auf, kurz: Ein Tag zum Genießen. Vor den Genuss gaben die Götter bekanntlich die Arbeit gesetzt und so will ich mich heute und in aller Kürzen mit etwas Beschäftigen, das mich schon seit längerem stört: Anonymität und Scheinheiligkeit.

Beides stört mich nicht, nein, es ärgert mich, jedenfalls dann, wenn ich gerade Lust habe, mich zu ärgern und jetzt gerade habe ich Lust mich zu ärgern (und dann ist gut!).

ScienceFiles ist über die letzten zwei Jahre, die es das blog nun gibt, stetig gewachsen. Derzeit haben wir täglich und im Durchschnitt 1.500 Besucher, bei nach wie vor steigender Tendenz. Mit dieser zunehmenden Bekanntheit geht nicht nur eine größere Verbreitung von unseren Inhalten einher, die zunehmende Bekanntheit hat auch die Konsequenz, dass es zu bestimmten Themen kaum mehr möglich ist, in den Kommentarspalten zu Beiträgen in Süddeutscher Zeitung, ZEIT, Spon, Welt oder FAZ keinen Link auf ScienceFiles zu finden, Letztere, wie kaum anders zu erwarten, in kritischer Absicht, um der heilen Welt der Ideologie im Artikel einen Schuss Realität von ScienceFiles entgegen zu setzen.

Entsprechend bleiben die Versuche, ScienceFiles zu diskreditieren nicht aus, wobei ich sagen muss, sie sind erstaunlich selten, was wir darauf zurückführen, dass unsere Argumentation eine wissenschaftliche Basis hat, und es entsprechend notwendig ist, uns mit Argumenten zu begegnen. Argumente, wiederum, benötigen eine Erkenntnisgrundlage, eine empirische Basis, und wo soll man eine empirische Basis herbekommen, die unseren Argumenten widerspricht, unsere Argumente in Frage stellt? Dazu müsste man sich um Fakten kümmern, sich in die von uns behandelten Materien einarbeiten und, viel schwieriger, uns einen Fehler in der Argumentation nachweisen.

Aber, vereinzelt gibt es Kommentatoren in Foren oder den entsprechenden Spalten von Zeitungen, die versuchen, ScienceFiles in Misskredit zu bringen und zwar auf eine Art und Weise, die mich deshalb ärgert, weil sie dumm ist und offen logische Fehler in die Welt schreit. Da gibt es z.B. den Kommentator Der Weisse Wal, bei der Süddeutschen Zeitung. Moby Dick, wenn man so will. Er meint folgendes vorbringen zu können, um ScienceFiles zu diskreditieren:

Okay … was jemand in seinem anonymen Blog schreibt [gemeint ist ScienceFiles], gilt ab dann automatisch als bewiesene Tatsache, das leuchtet ein.

SZ-LogoBei so viel Unsinn auf wenig Platz, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Also erstens ist das ein Fehlschluss ad hominem, denn ob jemand grün, gelb, blau, anonym, betrunken oder Kaffeetrinker ist, hängt in keiner Weise mit der Gültigkeit seiner Argumente zusammen. Erster Fehler. Zweiter Fehler, wenn man anonymen Quellen nicht trauen könnte, wie Der Weisse Wal sagt, was heißt das wohl für seinen gerade geschriebenen Text, den er als Anonymer schreibt. Er kreiert hier ein Kreter-Paradox (der Kreter, der sagt: Alle Kreter lügen), denn wenn man anonymen Quellen nicht trauen kann, dann ist der Aussage vom anonymen weißem Wal, wonach man anonymen Quellen nicht trauen kann, selbstreferentiell, dann kann man ihm auch nicht trauen usw.  Schließlich ist ScienceFiles kein anonymes blog, wie jeder weiß, der lesen kann.

MIgrantenfamilienScienceFiles wird von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein mit Unterstützung einer Reihe von Lesern und Informanten betrieben und zu behaupten, wir seien anonym oder so unbekannt, wie der Weisse Wal, der sich nicht einmal traut, seinen unbedeutenden Klarnamen anzugeben, ist Unsinn. Ich darf mit Stolz vermelden, dass Dr. habil. Heike Diefenbach und ich es geschafft haben, die Genderisten-Gemeinde 2002 mit einem Beitrag in helle Aufruhr zu versetzen, und bis heute haben Sie sich nicht davon erholt. Dr. Diefenbach ist die bedeutendste deutsche Soziologin, die nicht nur im Marquis Who is Who in the World seit Jahren einer der wenigen vertretenen deutschen Sozialwissenschaftler ist, sie blickt vielmehr auf eine große Anzahl von Publikationen zu Bildungsthemen, Themen soziologischer Theoriebildung sowie methodische Beiträge. Wer vor diesem Hintergrund der Ansicht ist, wir seien ein anonymes blog, an dessen Geisteszustand muss gezweifelt werden.

PsiramZweifel am Geisteszustand bringen mich zum nächsten Kommentatoren, der meint, er könne ScienceFiles diskreditieren. Der anonyme, ich wäre gern groß, aber leider muss ich mich in meiner virtuellen Welt mit dem Nickname “General Winter” begnügen, findet sich im Forum von Psiram. Psiram ist ein Wiki für “notwendigen Realismus zu den Themen Esoterik, Religion, Gesundheit, und hilft Ihnen dabei, Ihren Geldbeutel zu schonen”.

Dazu sage ich jetzt nichts, schon weil der einizge notwendige Realismus, der mir zum Thema “Esoterik” einfällt mit “Un” anfängt und “sinn” aufhört. Statt dessen will ich den Gedankengang von General Winter, mit dem er die Frage beantwortet, was von ScienceFiles zu halten ist, verfolgen. Er beginnt wie folgt:

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen. Die Links zu Amazon sind noch das Harmloseste. Ganz unten steht zwar dies:

Es folgt ein Verweis auf die Möglichkeit, ScienceFiles zu spenden. Für alle, die es noch nicht entdeckt haben, die Möglichkeit befindet sich ganz unten, also: scrollen, scrollen und spenden! Und der Eindruck, den General Winter von ScienceFiles gewonnen hat, wird dadurch verstärkt, dass wir auf unsere Seiten Textconsulting, auf der man wissenschaftliche Leistungen aller Art nachfragen kann, sowie Vortrag und Rede, auf der man Reden und Vorträge nachfragen kann, verlinken. So also entsteht der Eindruck, mit ScienceFiles solle Geld verdient werden.

Ich fange einmal hinten an und wiederhole mich: ad hominem. General Winter, selbst wenn mit ScienceFiles Geld verdient werden sollte, würde dies nichts an der Qualität der Argumente ändern. Wenn Sie so große Probleme mit dem Geldverdienen haben, General Winter, dann suchen Sie bitte keinen Arzt mehr auf und versterben Sie bitte an der nächsten Gripppe, denn Ärzte machen ihren Job, um Geld zu verdienen.

Ich weiß natürlich nicht, wie das in einer esoterischen Welt ist, vielleicht lebt man in esoterischen Welten ja von Luft und Hass, aber ich glaube, dem ist nicht so. Eher lebt man in esoterischen Welten auf Kosten Dritter, die dafür aufkommen, dass man sich selbst mit dem Schein von “Unentgeltlichkeit” umgeben und die entsprechende Scheinheiligkeit zur Schau tragen kann.

ScheidungstransmissionWie dem auch sei, wir bei ScienceFiles geben ganz offen zu, dass wir von etwas leben müssen. Wir geben ganz offen zu, dass wir unseren Lebensunterhalt immer selbst und nie über Transferleistungen finanziert haben, darauf sind wir sogar stolz und, noch was, General Winter, wir geben sogar zu, dass es uns Geld kostet, ScienceFiles zur Verfügung zu stellen. WordPress will Geld, die Zeit, die wir für ScienceFiles aufwenden, können wir nicht für Kunden aufwenden. Das mag in der General Winter Welt, in der man durch die Umsonst-Angebote schmarotzt ohne selbst etwas beizusteuern, anders sein, aber in der wirklichen Welt ist es nun einmal so, dass nichts umsonst ist, there is no free lunch. Und die Kosten, die ScienceFiles derzeit verursacht, übersteigen den finanziellen Nutzen, den wir daraus ziehen, bei weitem, aber wir haben natürlich einen Nutzen davon, virtuellen Generalen wie Winter, einen Fehlschluss nachzuweisen. Wir geben zu, dabei genießen wir eine intrinsische Belohnung. In jedem Fall  will ich nicht zu tief in diese Welt zivilbürgerlichen Engagements, die General Winter so unbekannt ist, einsteigen. Aber: General Winter, hören Sie auf zu schmarotzen und beteiligen sie sich, leisten Sie ihren Beitrag zum Gemeinwesen, fangen Sie mit ScienceFiles an. Wo der Link zur Spende für ScienceFiles ist, wissen Sie ja, und sie dürfen beim Spenden sogar anonym bleiben.

Haften Gastwirte für ihre Gäste?

SSQAls Betreiber eines Wissenschaftsblogs will man sich zuweilen auch mit “leichterer Kost” beschäftigen. Das heißt, eigentlich wollte ich über einen neuen Beitrag von Rodrigo Praino, Daniel Stockemer und Vincent G. Moscardelli schreiben, in dem die drei Autoren die Halbwertszeit von Skandalen untersuchen und sich fragen, wie lange muss ein Politiker auf Tauchstation gehen, ehe die Folgen eines Skandals, in den er verwickelt ist/war, abgeebt sind und er sich wieder Aussicht auf Wählerstimmen in nennenswertem Umfang machen kann. Und obwohl diese Fragestellung für all die Politiker relevant ist, die sich mit Plagiaten erst zum Doktortitel und dann aus der Politik befördert haben, müssen die Schavans, von Guttenbergs und wie sie alle heißen, noch etwas auf die Auflösung warten. Nur soviel: Es dauert einige Zeit, die kurze Verzögerung, die daraus entsteht, dass ich erst demnächst über den Beitrag von Praino et al. schreiben werde, fällt entsprechend nicht ins Gewicht.

Leichte Kost findet man in den unterschiedlichsten Quellen. Mich verschlägt es zuweilen zu openpr. Dort findet man die vielfältigsten Pressemeldungen und, was wichtiger ist, man findet Pressemeldungen von Institutionen, Organisationen, Unternehmen und Privatleuten, die man bei Agenturen wie DPA mit Sicherheit nicht findet. Und man findet bei openpr eine neue Gattung von Pressemitteilung, man könnte sie die Pressemitteilungs-Werbeanzeigen von Anwaltskanzleien nennen. Anwaltskanzleien dürfen ja bekanntlich nicht für sich werben, und deshalb werben sie auch nicht, sondern verbreiten Pressemitteilungen, z.B. auf openpr.

Besonders agil im Verbreiten von Pressemitteilungen sind die Rechtsanwälte Schutt und Waetke, und einen wahren Nugget an Pressemitteilung, erstellt von Thomas Waetke, Rechtsanwalt, habe ich für die Leser von ScienceFiles ausgewählt. Die Pressemitteilung trägt die Überschrift:

Straftaten durch Alkoholmissbrauch – die Verantwortung des Gastwirts?

wirtIst das nicht eine interessante Frage? Wenn ich in das Pub bei mir um die Ecke gehe, mich mit Felingfoel abfülle bis ich kaum mehr stehen kann und dann mit meinem Nachbarn in Streit darüber gerate, ob Gareth Bale oder Jürgen Klinsmann der beste Spieler ist, den Tottenham je hatte (alles rein hypothetisch), und im Verlauf des Streits beginnen wir damit, das Pub zu zerlegen und uns gegenseitig zu bearbeiten – ist dann der Wirt haftbar? Immerhin hat uns der Wirt mit Ale versorgt, bis wir den Zustand erreicht haben, den wir erreicht haben. Haftet also ein Wirt für seine Gäste, etwa in der Weise, wie Eltern für ihre Kinder haften? Diese Frage fragt sich Thomas Waetke, und er beantwortet sie zunächst mit einem “grundsätzlich”.

“Grundsätzlich”, so schreibt er, “kann der Gastwirt nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sein Gast sich bei ihm betrinkt, dann das Haus verlässt und irgendwo eine Straftat begeht”. Es ist dies ein juristisches “grundsätzlich”, und grundsätzlich bei Juristen heißt, es gibt Ausnahmen. Z.B., so erkennt Waetke, könnte man dem Gastwirt einen Strick daraus drehen, dass er an “erkennbar Betrunkene” Alkohol ausgeschenkt habe, was ihm nach § 20 Nr. 2 des Gaststättengesetzes nicht erlaubt sei.

Wohlgemerkt, so fährt Waetke fort, es ist dem Gastwirt nicht erlaubt. Wenn also Schankhilfe Peter ausschenkt, dann ist der Wirt fein raus. Denkt man. Aber nein, sinniert Waetke weiter: Wenn der Wirt aus Gründen des Umsatzes seine Schankhilfe angewiesen hat, auch an Betrunkene auszuschenken, dann ist er wieder dran. Gibt es also eine entsprechende Schankpolitik, oder hängt an der Wand ein Plakat “Wir versorgen auch Besoffene mit Alkohol bis zum Abwinken”, dann ist der Wirt wieder in der Haftung.

Und weil es noch nicht reicht, überlegt unser Rechtsanwalt weiter, ob man nicht, angenommen ein Gastwirt hat eine entsprechende Schankpolitik und das entsprechende Plakat hängt an der Wand, dem entsprechenden Gastwirt gleich ganz das Handwerk legen könne, denn bei wiederholten Verstößen, so weiß er, “könnte … die zuständige Behörde ansetzen und dem Treiben Einhalt gebieten”. Das müsse allerdings auch politisch gewollt sein, ergänzt Waetke und endet mit der Feststellung, dass ein Ansatzpunkt die Unzuverlässigkeit des Gastwirtes sein könnte, die er durch hohe Steuerschulden oder wiederholte Verstösse gegen das Jugendschutzgesetz unter Beweis gestellt hat.

Wohlgemerkt (das ist jetzt mein wohlgemerkt), die Ausgangsfrage war: Haften Wirte für ihre betrunkenen Gäste, und zwar dann, wenn die betrunkenen Gäste eine Straftat begehen? Von dieser Ausgangsfrage hat es Rechtsanwalt Waetke in seiner Pressemitteilung doch weit getragen, so dass man fast den Eindruck haben könnte, er hat ein Problem mit Wirten, mag sie am Ende nicht. Aber das steht hier nicht zur Debatte, vielmehr ist die Pressemitteilung von Thomas Waetke aus mehreren Gründen sehr interessant.

modern drunkardZum einen zeigt sie, wie unstrukturiertes Denken, bei dem sich der vermeintliche Denker von einer Assoziation zur nächsten hangelt, von einer eng umrissenen Frage zu einer vollumfänglichen Abrechnung mit Gastwirten wird. Zum anderen zeigt sie, wie unstrukturiertes Denken, das scheinbar unter manchen Anwälten endemisch ist, dazu führt, dass die eigentlich interessante Frage, überhaupt nicht behandelt wird, denn Stratftaten sind als willentliche Akte definiert. Eine (nicht fahrlässige) Körperverletzung liegt doch wohl dann vor, wenn ich mit voller Absicht einem Kritiker an meinen Texten hier im Blog auf die Nase haue und ihm dabei das Nasenbein breche. Damit der Wirt zum Mittäter wird, müsste er entsprechend  ein fieses Kalkül verfolgen, denn er muss mich in der Intention mit Alkohol bewirten, dass ich, bin ich erst einmal betrunken, einem Dritten das Nasenbein breche. (Ob man aus Fahrlässigkeit als Wirt Beihilfe zu einer Körperverletzung leisten kann, will ich mir jetzt nicht überlegen, würde es doch bedeuten, dass Wirte gegenüber ihren Gästen einen Generalverdacht haben müssten, was dem Gasthausklima eher nicht förderlich wäre.)

Das ist eine doch sehr abstruse Konstruktion und zudem eine Konstruktion, die vermutlich auch den engagiertesten Staatsanwalt davor zurückschrecken lässt, eine Anklage wegen Beihilfe zur Körperverletzung gegen einen Wirt zu erheben. Es ist schon verwunderlich, dass Rechtsanwalt Waetke nicht auf diese doch naheliegende Antwort auf seine gestellte Frage gekommen ist. Es hat ihn wohl doch zu sehr weggetragen, so sehr, dass man sich fragt, ob die Pressemitteilungs-Werbeanzeige ihren Zweck der Vermittlung von Kompetenz und der Werbung von Klienten auch wirklich erfüllt.

Endlich bleibt mir noch festzustellen, dass die Tendenz, individuelle Verantwortung für individuelle Handlungen auf Dritte abzuwälzen, sich langsam in einer Weise auswächst, die erschreckend ist. Also: Wenn Rechtsanwalt Waetke mein Text nicht gefällt, dann muss er sich an die eigene Nase fassen, denn ohne seinen Text, hätte ich meinen Text nie geschrieben, kur: er ist für meinen Text verantwortlich, nicht ich – Juristen”logik”!

Masters of Contradiction: Warum risikofreudige Politiker gut und schlecht für die Demokratie sind

“Sind Politiker risikofreudiger als das Volk?” Diese Frage haben sich Moritz Heß, Christian van Scheve, Jürgen Schupp und Gert G. Wagner gestellt, und sie haben die Frage auch beantwortet. Mit “Ja”, doch dazu später mehr.

Die Frage, so die vier Autoren, sei aus mehreren Gründen eine interessante Frage: Zum einen wolle man als Bürger gerne wissen, wie risikofreudig die Gesellen da sind, die zugriff auf Steuergelder haben. Zum anderen sei es für “das Funktionssystem der Politik, insbesondere in repräsentativen Demokratien, … grundsätzlich gut zu wissen, über welche entscheidungsrelevanten individuellen Merkmale … Politiker verfügen und ob sich diese Merkmale bzw. Kombinationen von Merkmalen systematisch von denen der repräsentierten und vertretenen Bevölkerung unterscheiden” (3). Kurz und in Deutsch: Ist die Menge der Zocker unter Politikern mit der Menge risikofreudiger Bürger, die sie repräsentieren wollen oder sollen, identisch oder gibt es mehr (oder weniger) Zocker unter den Politikern als in der Bevölkerung.

nicht oeffentlich1Um diese Frage zu prüfen mussten die vier Autoren aus Mannheim und Berlin eines der größten Probleme der Sozialforschung lösen, das sich einem empirisch tätigen Sozialforscher stellen kann: Eine Auskunft von deutschen Politikern erhalten. Seltsamerweise sind deutsche Politiker, die sich in Medien immer gesprächig geben, zumeist spachlos, wenn es darum geht, empirischen Sozialforschern eine Auskunft zu geben. Also haben die vier Sozialforscher alle Hebel in Bewegung gesetzt, die gemeinhin das Ergebnis einer, in diesem Fall schriftlichen Befragung, positiv beeinflussen. Das Ergebnis einer schriftlichen Befragung wird am Rücklauf gemessen, am Anteil der Fragebögen, die auch ausgefüllt zurückgeschickt werden. Und damit auch möglichst viele der scheuen Volksvertreter im Bundestag einen ausgefüllten Fragebogen zurückschicken, wurde nicht nur per Email jedem der Volksvertreter seine imminente Befragung angedroht, nein, dem Fragebogen wurde auch ein bereits frankierter Rückumschlag beigegeben. Ein personalisiertes Anschreiben sicherte den Abgeordneten  Anonymität zu und sicherte – doppelt gemoppelt hält besser – auch die Einhaltung des Datenschutzes zu. Weil die vier Sozialforscher dennoch nicht viel auf die Antwortmoral von Bundestagsabgeordneten gehalten haben, haben sie zudem versprochen, dass für jeden ausgefüllt zurückgeschickten Fragebogen “fünf Euro an die Deutsche Kinderkrebsstiftung der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe” gespendet werden. Da die Befragung in einer Sitzungswoche zwischen dem dritten und dem vierten Advent 2012 stattfand, versprachen sich die vier Sozialforscher eine Rücklaufquote wie sie die deutsche Sozialforschungswelt noch nicht gesehen hat.

Aber, alle Weihnachstvorfreude, alle Bilder von leuchtenden Kinderaugen bei der Leukämie-Forschungshilfe haben die Mehrzahl der deutschen Bundestagsabgeordneten nicht erweichen können. Von 3.100 Euro möglichen Spendengeldern bei Rücklauf aller 620 verschickten Fragebögen, konnten lediglich 875 Euro  gespendet werden, da nur 175 Abgeordnete sich erweichen ließen, die Fragen der Sozialforscher zu beantworten. Mit einer Rücklaufquote von 28,2 % ist die Befragung somit unter dem, was bei schriftlichen Umfragen normal ist, was belegt, dass Bundestagsabgeordnete, wenn sie die Wahl zwischen dem Verweigern von Antworten und dem Spenden für die Deutsche Kinderkrebsstiftung haben, mehrheitlich das Verweigern von Antworten wählen.

Die 175 Abgeordneten, die sich zu einer Antwort herabließen, wurden u.a. die folgenden Fragen gefragt:

RisikoDIW

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so ganz im Klaren darüber, was man mißt, wenn man Befragte fragt, wie risikobereit sie im Allgemeinen sind und wenn man sie bittet, die Frage auf einer 10-stufigen Skala zu beantworten. Ich meine, Risiko ist eine Eigenschaft von Situationen und Entscheidungen, kein allgemein vorhandener Gegenstand (sofern man nicht denkt, man sei ständig in Gefahr, von einem Ufo erschlagen zu werden, was bereits die bloße Existenz zu einem allgemeinen Risiko machen würde). Aber gut, gehen wir davon aus, man kann mit der “allgemeinen Risikobereitschaft” irgend etwas Sinnvolles, z.B. eine Disposition zum Eingehen eines Risikos messen, die sich dann auch in konkreten Situationen entsprechend niederschlägt.

Aber das müssen wir gar nicht annehmen, denn die Autoren trauen ihrer allgemeinen Risikobereitschaft offensichtlich auch nicht so ganz, denn sie fragen auch die Risikobereitschaft in spezifischen Zusammenhängen, z.B. beim Autofahren und bei der Gesundheit und beim Vertrauen in fremde Menschen. Ich habe ein generelles Problem mit solchen Fragen, denn sie sind aus meiner Sicht viel zu allgemein gestellt. Für den unsicheren Autofahrer ist es vielleicht schon ein Risiko, wenn er auf der Autobahn mehr als 80 Stundenkilometer fährt, aber da er gerade 81,5 Stundenkilometer schnell war und noch völlig im Rausch der Geschwindigkeit ist, gibt er seine Risikobereitschaft im Straßenverkehr mit 7 an und den selben Wert hat auch der BMW-Fahrer gegeben, der sich nichts Schöneres vorstellen kann als seinem Fordermann auf der Autobahn und bei Tempo 150 in den Kofferraum zu kriechen.

Ich denke, der Punkt ist klar, die Annahme, dass Befragte, die dieselben Werte der Risikobereitschaft auf der Skala wählen, eine äquivalente Risikosituation im Hinterkopf haben, wenn sie ihre Wahl treffen, ist äußerst fragwürdig, so dass man sich abermals fragen müsste, was da eigentlich gemessen wird. Aber, hier ist kein Methodenkurs, und deshalb kommt jetzt was gemessen wurde. Die folgende Abbildung stellt die Mittelwerte für die 175 Bundestagsabgeordneten, den entsprechenden Mittelwerten von rund 17.000 im SOEP Befragten und rund 1.000 im SOEP befragten Selbständigen gegenüber. Warum Selbständige? Warum nicht?

RisikoDIW2

riskbathingWie die Abbildung zeigt, schätzen Bundestagsabgeordnete ihre Risikobereitschaft durchweg höher ein als ein repräsentativer Durchschnitt der Bevölkerung. Insbesondere sind Bundestagsabgeordnete im Hinblick auf ihre Karriere, ihre Gesundheit, Sport und Freizeit sowie im Vertrauen gegenüber anderen risikobereiter als der durchschnittliche Deutsche. Spätestens hier habe ich gedacht, dass es unter Bundestagsabgeordneten ein anderes Verständnis von Risikobereitschaft geben muss als unter der Normalbevölkerung, denn wo bei der Karriere als Politiker das Risiko zu finden sein soll, ist eine Frage, die angesichts der mit dieser “Karriere” einhergehenden nicht vorhandenen Anforderungen (an die Ausbildung zum Beispiel) bei gleichzeitigen üppigen Rentenregelungen eher nicht mit Bezug auf Risiko beantwortet werden kann. Aber lassen wir das. Sehen wir lieber was unsere vier Sozialforscher aus diesem Ergebnis machen. Erstaunliches:

“Eine positive Beurteilung der gefundenen Risikoeinstellungen beruht auf der Einsicht, dass es die Politik oft mit unübersichtlichen und schwer zu entscheidenden Situationen zu tun hat. Politik ist geradezu durch Unübersichtlichkeit und “kniffelige” Probleme definiert. Insofern ist eine überdurchschnittlich risikofreudige Einstellung von … Berufspolitikern gesellschaftlich nützlich, da anderfalls wichtige Entscheidungen angesichts ständig vorhandener und kaum überschaubarer Risiken überhaupt nicht mehr getroffen würden … Diese Pesepektive lässt sich auch mit evolutionstheoretischen Argumenten untermauern, denen zufolge die Risikofreude politischer Eliten Gemeinwohl fördernd ist …” (22-23)

Aber:

“Genau an dieser Stelle sind demokratisch legitimierte sowie rechtsstaatlich verfasste Gesellschaften und politische Systeme äußerst wertvoll. Demokratien begrenzen Macht und die individuelle Risikofreude … Die strukturellen Besonderheiten demokratischer politischer Systeme … dass wichtige politische Entscheidungen in der Regel kollektiv getroffen … werden, schmälert den Einfluss der individuellen Risikoneigung” (23).

Beckermann LogikWir lernen: Die höhere Risikobereitschaft von Politikern ist gut, um überhaupt Entscheidungen zu treffen und sie hat sich evolutorisch durchgesetzt. In Deutsch: Die höhere Risikofreude macht Bundestagsabgeordnete uns Normalsterblichen gegenüber überlegen. Dem risikofreudigen Politiker gehört die Zukunft: Seine Gene werden sich durchsetzen. Aber, so lernen wir noch auf der selben Seite, die höhere Risikobereitschaft von Politikern ist gar nicht gut, denn sie muss durch die “strukturellen Besonderheiten demokratischer politischer Systeme” gebändigt werden. Also haben sich die evolutorisch überlegenen risikobereiten Politiker im demokratischen System nicht durchsetzen können, was zwangsläufig bedeutet, dass im demokratischen System keine Entscheidungen, die mit Risiko belastet sind, getroffen werden können, denn dazu benötigt man risikofreudige Politiker, die sich aber im demokratischen System nicht durchsetzen können, was die Frage aufwirft, wie sie evolutorisch überlegen sein können, wenn sie sich nicht durchsetzen können und …

Ja, das Ganze ist halt ein Widerspruch, denn etwas, kann nicht es selbst und etwas anderes sein. Das nennen Logiker den Satz des ausgeschlossenen Dritten, und der gilt auch für die vier Sozialforscher aus Mannheim und Berlin. Sie werden sich also entscheiden müssen: Ist es nun gut, dass Politiker risikofreudiger sind als ihre Bevölkerung oder ist es nicht gut. Falls die vier Sozialforscher hier die Antwort verweigern, können sie ja Politiker werden, die leben auch gut mit Widersprüchen und damit, Antworten zu verweigern.

Unsinn der Woche: Caring für Barbara Stiegler

Ich sitze hier vor meinem Computer, nachdem ich einen Teil meiner täglichen Care-Arbeit bereits hinter mich gebracht habe: Angefangen beim Zähneputzen (health caring) und Frühstück für mich und meine Frau machen (caring for others), frühstücken (noch healt caring), über das Versorgen der Katzen, (social caring) den kurzen Plausch mit dem Postboten (social relationship management/caring) bis hin zur Beantwortung von Emails (social network caring) . Mit dieser Care-Arbeit gibt es jedoch ein Problem: Sie ist unbezahlt. Barbara Stiegler ist angetreten, dies zu ändern. Als Care-Arbeit gilt ihr dabei im Wesentlichen, die Fürsorge-Arbeit, die “verborgen und überwiegend weiblich” ist, für die es “wenig präzise Daten” gibt, über die man aber dennoch seitenweise schwadronnieren kann, wenn man Barbara Stiegler ist.

Trotz dem wenigen, das über die weibliche Care-Arbeit bekannt ist, gelingt es Stiegler, die (der Götter sei Dank) nur 5 Seiten eines bemerkenswert schlechten Beitrags für einen bemerkenswert schlechten Reader der Friedrich-Ebert Stiftung mit dem Titel “Antworten aus der feministischen Ökonomie auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise” mit einer Vielzahl doch recht apodiktischer Behauptungen zu füllen, deren Berechtigung man angesichts der Stieglerschen Aussage, dass doch so wenig über die Care-Arbeit bekannt ist, nicht so recht nachvollziehen kann. Doch der Reihe nach.

Versuchen wir zunächst, der weiblichen Care-Arbeit (schminken, Haare waschen, Zähne putzen, …? Meine Frau sagt gerade, die Reihenfolge ist falsch!) in der Stieglerschen Diktion auf die Spur zu kommen. Care-Arbeit ist Versorgung der Kinder und Hausarbeit (auf Seite 28), zwischenmenschliche Arbeit, ohne Geschlechtsrollenstereotype und wird zur Fürsorgetätigkeit für Kinder, alte Menschen und Kranke (auf Seite 30), die einer “anderen Rationalität folgt, als die Arbeit, die der Herstellung von Dingen und Sachen dient” (auf Seite 28). Und: Care-Arbeit ist eine Arbeit, deren Merkmal gerade nicht darin besteht, dass man dafür Geld bekommt (auf Seite 27). Wieder fällt mir nur das Wort bemerkenswert ein, um die erstaunliche Diffusität eines doch recht simplen Begriffes zu bewerten, aber lassen wir uns auf die “Gedankenwelt” von Barbara Stiegler ein, folgen wir den Irrungen und Wirrungen ihrer “Argumente”, betreiben wir unentgeltliche Care-Arbeit in der Hoffnung, etwas Produktives möge für Stiegler dabei herauskommen.

Obwohl es ein Merkmal der “Care-Arbeit” ist, wie Stiegler zu Beginn ihres Textes (28) verkündet, dass sie nicht bezahlt wird, geht es im Rest des Textes ausschließlich um die Bezahlung der Care-Arbeit, deren Hauptproblem auf Seite 30 wie folgt beschrieben wird: “Wenn eine Hausfrau und Mutter nach jahrelanger Fürsorgetätigkeit für Kinder, alte Menschen und Kranke auf den Arbeitsmarkt kommt, so gilt diese ihre bislang geleistete Fürsorgearbeit im Rahmen der betrieblichen Qualifikationssysteme nichts”. Diese abermals bemerkenswerte Aussage lässt sich auf die Frage verdichten: Würden Sie Mutter Theresa die Leitung ihres Aufsichtsrats anvertrauen? Anders formuliert: Würden Sie Barbara Stiegler nach jahrelanger ideologischer Tätigkeit für die Friedrich Ebert Stiftung die Betreuung alter Männer mit Alzheimer im Altenheim anvertrauen? Oder ist nicht vielleicht doch ein wenig “Erfahrung” um nicht zu sagen “Kompetenz” notwendig, wenn man sich um andere kümmern will? Warum wohl, werden Alte und Kranke spätestens dann zum Gegenstand von Pflegeheimen oder ambulanter Pflege, wenn sie fachmännisch aufgerichtet und behandelt werden müssen? Braucht man vielleicht doch etwas Kenntnis, bevor man Patienten behandelt, oder kann die “Frau und Mutter” aufgrund ihrer vielfältigen Erfahrung mit Grippeerkrankungen bei Ihren Kindern, als Chefarzt im Transplantationszentrum fungieren? Ich weiß nicht in welcher Welt Barabara Stiegler lebt, aber nicht einmal ich wünsche ihr Pflege durch eine Pflegerin, deren Befähigung darin besteht, Frau und Mutter zu sein.

Neben diesem bemerkenswerten Biologismus, der die Gründungsmütter der Frauenbewegung in Höchstgeschwindigkeit rotieren lassen dürfte (in ihren Gräbern), zeichnet sich der Text von Stiegler durch logischen Unsinn aus, der seinesgleichen sucht, der bemerkenswert ist. So liest man auf Seite 28:

“Die Annahme, das Individuum sei unabhängig und autonom, wird ergänzt durch die Anerkennung, dass zum Menschen Abhängigkeit und Verfall gehören.”

Das ist ein bemerkenswerter Fall von Gehirnkrebs, der unbedingt der Aufmerksamkeit eines Mental-Health-Caring Professionals bedarf, denn bereits die alten Griechen kannten das tertium non datur des Mittelalters, den Satz des ausgeschlossenen Dritten. Anders formuliert, etwas kann nicht es selbst und sein Gegenteil sein. So wenig wie Barbara Stiegler dumm und nicht-dumm zugleich sein kann, kann ein Individuum unabhängig und abhängig zugleich sein. Es geht nur entweder oder – jedenfalls in einer Welt aus Logik und Rationalität (offensichtlich nicht die Welt von Stiegler).

Damit nicht genug. Ebenfalls auf Seite 28 steht für jedermann zu lesen:

“Die Annahme, Austausch und Beziehungsformen sollen ausschließlich reziprok sein, wird ergänzt durch die Anerkennung von Beziehungsformen, die die Selbstachtung des Empfangenden und die Nichtausbeutung des Gebenden sichern”.

Was, Frau Stiegler, kann eine Austauschbeziehung anderes sein als reziprok? Das Wörtchen reziprok stellt einen bemerkenswerten Fall dar, in dem sich der Duden und das Philosophische Wörterbuch über die Wortbedeutung einmal einig sind: “reziprok: wechselseitig sich bedingend”. Als nicht-reziproke Beziehungen bleiben dann nur Herrschafts- oder Machtbeziehungen übrig, bei denen der eine etwas geben MUSS, der andere auf das GEGEBENE ein Anrecht HAT. Die Transferzahlungen im Sozialsystem sind ein entsprechendes Beispiel von Herrschaftsbeziehung, bei der Steuerzahler geben MÜSSEN, damit Mütter für ihre “Care-Arbeit” mit Elterngeld vergütet werden. Hier findet kein Austausch statt, denn der Steuerzahler hat nichts davon, dass er Mütter finanziert, außer vielleicht Lärm und Geschrei in Nachbars Garten, was ihn zum erzwungenen Altruisten qualifiziert.

Die nicht-reziproke Herrschaftsbeziehung scheint genau das zu sein, was Barbara Stiegler bei ihrer Forderung nach einer Bezahlung von “Care-Arbeit” vorschwebt, denn die Care-Arbeit in Familie X (lassen wir das romantische Bild der Familienmitglieder, die füreinander sorgen, einmal bestehen, gegen all die empirischen Evidenzen von vernachlässigten Kindern und in ihrem Urin liegenden Alten) bringt nur Familie X etwas, sonst niemandem. Und dies ist dann auch der Punkt, wo das archaische Bild von Ökonomie, das Barbara Stiegler auszeichnet, deutlich zum Vorschein kommt, wenn sie schreibt: “Fürsorgearbeit ist zwischenmenschliche Arbeit, die nicht automatisiert werden kann”. Dieser verkappte Glaube an das Paradies im Pleistozän als die Urhorde noch durch die Wälder streifte, wilden kommunalen Sex hatte und ansonsten sich gegenseitig die Backen gestreichelt hat (Care-Arbeit), macht einem schaudern.

Marie Curie

Wo wäre wohl Pflegearbeit ohne all die modernen Hilfsmittel, die dabei zum Einsatz kommen? Als in erster Linie Frau, Frau Stiegler, sollten sie eigentlich um die endemischen Rückenschmerzen der hauptberuflichen Pflegekräfte wissen, die ausschließlich durch moderne Hebehilfen gemildert werden können; darum, dass weiblich-fürsorglicher Zuspruch vielleicht nicht unbedingt das Mittel ist, um Krebs zu behandeln oder Alzheimer zu lindern. Es ist auch keine “andere Rationalität” diesen Unsinn zu behaupten. Es ist Irrationalität und bleibt Unsinn, nicht mehr und nicht weniger.

Somit bleibt nur noch ein loses Ende in diesem Text wieder aufzunehmen: Die rotierenden Frauenrechtlerinnen, ein Punkt, der Dr. habil. Heike Diefenbach besonders wichtig ist. Frauenrechtlerinnen des späten 18. und des 19. Jahrhunderts haben dafür gekämpft, Zugang zu Erwerbsarbeit zu erreichen und ihre Begrenztheit auf den eigenen Haushalt zu überwinden. Sie wollten in der “Männerwelt” arbeiten. Frauen, wie Barbara Stiegler, im 21. Jahrhundert, wollen zuhause sitzen, Hausfrauenfernsehen schauen, sich um die Kinder kümmern, die in der Schule sind und die Eltern versorgen, die im Altenheim untergebracht sind, und sie wollen dafür bezahlt werden, sich dafür zwar nicht in Abhängigkeit von Männern, dafür in die Abhängigkeit des Staates begeben. Mir scheint, Barbara Stiegler sollte noch einmal über die Bedeutung des Wortes “Emanzipation” nachdenken.

Unsinn der Woche: Butterwegges Wissenschaftlichkeit – Bilanz verheerend

So manchem Lehrstuhlbesetzer scheint der Unterschied zwischen Wissenschaft und ideologischer Agitation vollkommen unbekannt zu sein. Dass Ideologie aus unbelegten Behauptungen besteht, eben das macht sie zur Ideologie, und zudem an niedrigste Instinkte (z.B. Neid) oder vermeintlich gute Gefühle (z.B. Solidarität) appelliert, während Wissenschaft aus prüfbaren Aussagen über die Wirklichkeit besteht, die entsprechend an die Rationalität von Menschen gerichtet sind, ist diesen Lehrstuhlbesetzern vollkommen unbekannt. Zu finden sind diese Vertreter eines modernen Agitprop nicht mehr auf den Lehrstühlen für Marxismus-Leninismus oder – in anderer Variante – auf den Lehrstühlen für institutionalisierte Technikfeindlichkeit und Phantasien des kulturellen Identitätsverlusts, heute findet man die entsprechenden Ideologen auf Lehrstühlen für Gender… [passendes Nomen bitte ergänzen] oder, was mir als u.a. studiertem Politikwissenschaftler besonders weh tut, auf Lehrstühlen für Politikwissenschaft.

Christoph Budderwegge ist so ein Ideologe, der an einer Universität einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft besetzt hält, ohne daraus die Verpflichtung abzuleiten, auch nur ansatzweise wissenschaftliche Aussagen von sich zu geben. Ein sehr gelungenes, weil entlarvendes Beispiel, das als Beleg für die von mir gerade gemachte Aussage dient, ist ein Interview, das Butterwegge als “Armutsforscher” dem Sender n-tv unter der Überschrift “Butterwegge: Bilanz verheerend” zu Hartz IV gegeben hat. In diesem Interview “behauptet” Butterwegge, er “glaubt”, und er ist der “Ansicht”, nur eines ist er nicht: Forscher.

Butterwegge behauptet, dass Hartz IV, das unter dem Motto “Fordern und Fördern” steht, mit der geheimen Intention des nur Forderns und des gar nicht Förderns verbunden gewesen sei. Warum er das behauptet, bleibt Butterwegges Geheimnis, denn er liefert keinerlei Belege für seine Behauptung. Möglicherweise ist Peter Hartz Butterwegge im Traum erschienen und hat ihm die Wahrheit hinter Hartz IV eingeflüstert oder der Beichtvater von Hartz ist gleichzeitig der Beichtvater von Butterwegge und hat sich einer Indiskretion schuldig gemacht. Wie auch immer, was Butterwegge behauptet, kann nicht belegt werden, entsprechend gehöhrt es ins Reich der Mythologie, nicht in die Wissenschaft.

political cartoons by Eric Allie

Butterwegge glaubt, dass die Belegschaft unter Druck nicht kreativer und  produktiver werde, wobei er mit Druck den Wettbewerb um Arbeitsplätze meint, weil er es vermutlich als Druck empfinden würde, müsste er mit anderen um einen Lehrstuhl konkurrieren. Indes, nicht alle sind so veranlagt, wie Herr Butterwegge, nein, es gibt gar Menschen, die wollen konkurrieren, zeigen, dass sie in einem bestimmten Bereich mehr leisten können als andere. Dies mag für Butterwegge unvorstellbar sein, dennoch könnte er es wissen, wäre er Wissenschaftler und würde sich z.B. mit der sehr umfangreichen Litertaur zum Thema “Human Resource Management” befassen. Da gibt es zum Beispiel einen Edward P. Lazear, den mittlerweile gealterten Jack Steel Parker Professor of Human Resources Management and Economics an der Stanford University in den USA, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Mitarbeitermotivation befassst und der aufgrund seiner empirischen Forschung immer und immer wieder zu dem Ergebnis gelangt ist, dass Arbeitnehmer konkurrieren wollen, um die mit einer besseren Leistung verbundenen extrinsischen Belohnungen, in Form von Status, höherem Einkommen, Lob oder Unternehmensbeteiligungen zu erzielen.  Ein solches Menschenbild ist Butterwegge offensichtlich fremd. Dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen wollen und nicht von Lehrstuhlinhabern wie ihm paternalisiert und zum Gegenstand von Sorge und Aufregung gemacht werden wollen, ist ihm völlig unnachvollziehbar. Solche Erkenntnisse kann man auch nur haben, wenn man offen für die Realität ist, die Empirie nicht der eigenen Ideologie anpasst, wenn man Wissenschaftler ist, was Butterwegge offensichtlich nicht ist.

Butterwegge hat auch Ansichten. Ansichten wie die folgende: “Die Zahl psychischer Erkrankungen ist meiner Ansicht nach auch ein Resultat von Hartz IV.” Warum Hartz IV? Warum nicht der Sonnenwind, die Qualität des öffentlich-rechtlichen Programmangebots? Warum nicht Bluthochdruck als Folge von Butterwegges Interview? Warum nicht die Einwirkung von falsch aufgehängten Feng Shui Devotionalien? Warum nicht das Wirken eines bösen kapitalistischen Mephisto, der den Menschen Hartz IV gibt und psychische Gesundheit im Gegenzug als Bezahlung nimmt (denn mit psychischer Gesundheit lässt sich im Andromeda Nebel ein hoher Gewinn erzielen)? Die Antwort auf diese Fragen werden wir nie erfahren, denn Butterwegges Ansicht ist eben eine Ansicht, man kann sie haben oder auch nicht. Belege für diese Ansicht Butterwegges gibt es nicht. Abermals befinden wir uns somit im Bereich der Mythologie, abermals nicht im Bereich der Wissenschaft.

Was passiert, wenn sich Ideologen auf das für sie brüchige Eis konkreter Aussagen begeben, also Aussagen machen, die man prüfen kann, wird im Interview von Butterwegge mehr als deutlich. Nachdem er sinniert hat, dass die Arbeitslosenstatistik “frisiert” wird, belegt er diesen Gedanken mit der folgenden Aussage: “Da wird mit statistischen Taschenspielertricks gearbeitet, um das Elend zu beschönigen. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass es fast doppelt so viele Bezieher von Arbeitslosengeld I und II gibt wie Menschen, die offiziell als arbeitslos gelten.” Es mag dem Armutsforscher Butterwegge entgangen sein, dass Arbeitslosengeld II aus der ehemaligen Sozialhilfe und der Arbeitslosenhilfe zusammengebaut wurde. Entsprechend erhalten nicht nur Arbeitslose Hartz IV, vielmehr umfasst der Kreis der Hartz-IV-Empfänger folgende Gruppen:

§ 7 SGB II: “(1) Leistungen nach diesem Buche erhalten Personen, die 1. das 15. Lebensjahr vollendet und die Altersgrenze nach § 7 a noch nicht erreicht haben, 2. erwerbsfähig sind, 3. hilfsbedürftig sind und 4. ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben”.

Damit nicht genug:

§ 7 Abs. 2 SGB II: “Leistungen erhalten auch Personen, die mit erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in einer Bedarfsgemeinschaft leben”.

Und weiter:

§ 7 Abs. 3 SGB II: Zur Bedarfsgemeinschaft gehören 1. die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, 2. die im Haushalt lebenden Eltern oder der im Haushalt lebende Elternteil des unverheirateten erwerbsfähigen Kindes, welches das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, und die im Haushalt lebende Partnerin oder der im Haushalt lebende Partner des Elternteils, 3. als … Partner der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten a) die nicht dauernd getrennt lebende Ehegattin oder der nicht dauernd getrennt lebende Ehegatte, b) die nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartnerin oder der nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartner, c) eine Person, die mit der erwerbsfähigen leistungsberechtigten Person in einem gmeinsamen Haushalt so zusammenlebt, dass nach verständiger Würdigung der wechselseitige Wille anzunehmen ist, Verantwortung füreinander zu tragen und füreinander einzustehen.”

Kurz: Es ist nicht notwendig, arbeitslos zu sein, um Hartz-IV-Empfänger zu sein. Einem “Armutsforscher” , der sich mit Hartz IV beschäftigt haben will, sollte dies bekannt sein.

Ein letztes Kriterium, das geeignet ist, Ideologen von Wissenschaftlern zu trennen, ist die Logik. Ideologen haben es nicht so mit Logik, um genau zu sein, sie hassen Logik und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Lassen Sie sich dennoch einmal auf Logik ein, dann wird es verheerend: “Ja, es stimme, heute gebe es deutlich weniger Arbeitslose als damals [vor der Einführung von Hartz IV], die Arbeitslosenquote sei deutlich gesunken, so Butterwegge weiter. Berücksichtige man allerdings die derzeitige Weltkonjunktur, handele es sich eher um einen Scheinerfolg”.

Vermutlich alle Ökonomen werden den folgenden logischen Zusammenhang als richtig ansehen: Je besser die wirtschaftliche Konjunktur, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Wenn somit der Rückgang der Arbeitslosigkeit ein Scheinerfolg ist, der mit der Weltkonjunktur begründet wird, und man annimmt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit eine gute Weltkonjunktur vorraussetzt, dann wirft dies die Frage auf, was daran ein Scheinerfolg sein soll, denn die Arbeitslosigkeit ist ja offensichtlich und nicht nur scheinbar zurückgegangen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Weltkonjunktur seit der Finanzkrise und mitten in der Krise der Eurozone nicht rosig ist, denn stellt sich die Frage nach der Bedeutung des “Scheins” vor dem Erfolg noch dringlicher.

Die einzige Auflösung für diesen logischen Widerspruch zwischen dem vermeintlichen Schein und der realen Entwicklung “scheint” mir Leon Festinger mit seiner Theorie kognitiver Dissonanz zu liefern: Wenn man sich seit Jahrzehnten so sehr wie  Christoph Butterwegge das getan zu haben scheint, im Kampf gegen den ideologischen Feind Kapitalismus und alle seine Institutionen engagiert hat, dann kann es einfach nicht sein, dass die Realität zeigt, dass der Feind so schlecht gar nicht ist, das passt nicht zur eigenen Ideologie und muss deshalb ein Schein sein. Eine derartige Vorgehensweise, mag den ideologischen Seelenfrieden des Herrn Butterwegge wieder herstellen, sie steht jedoch im Widerspruch zur Realität und ist gänzlich unwissenschaftlich.

Deshalb und aus den oben genannten Gründen, ist das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme im Hinblick auf Butterwegges Wissenschaftlichkeit auch einfach nur verheerend. Dies mag ihn zum Bundespräsidentschaftskandidaten der Linken qualifizieren, aber nicht zum Wissenschaftler.

Bildnachweis:
Eric Allie

Diskriminierung liegt vor … wenn es mir in den Kram passt

Michael Kempter, Leser dieses blogs, hat sich einen Briefaustausch mit der Antidiskriminierungsstelle und dem den Lesern dieses blogs bereits bekannten Dr. Alexander Sopp, geliefert (und mir den Briefwechsel freundlicherweise zur Verfügung gestellt). Gegenstand des Austauschs ist Bundeswehrwerbung (siehe Abbildung), die mit den folgenden Sätzen unterschrieben ist:

Bewerbungen von Frauen sind erwünscht.
Sie werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt.


Nun ist bekannt, dass der Verteidigungsminister händeringend um Rekruten buhlt und mittlerweile bereit ist, jede/n, der sich überhaupt bewirbt, in die Bundeswehr aufzunehmen, aber die Werbeslogans gehen nach Ansicht von Michael Kempter doch über das erträgliche Maß hinaus, denn: “Männer werden benachteiligt, da sie – trotz gleicher Eignung – schlechtere Einstellungschancen haben als Frauen, ebenso können Männer von Bewerbungsversuchen … abgeschreckt werden”.

Eigentlich ist es keine Frage, ob hier eine Diskriminierung von männlichen Bundeswehrsoldaten-Bewerbern vorliegt, denn wenn ich die Wahl zwischen gleichqualifizierten Bewerbern habe und mich dafür entscheide, systematsich ein  Merkmal zum Auswahlgrund zu nehmen, dann diskriminiere ich die merkmallosen Bewerber. Damit das auch antidiskriminierende Gutmenschen verstehen können, müssten sie sich eigentlich nur vorstellen, sie hätten die Wahl zwischen einem deutsch- und einem türkisch-stämmigen, zwischen einem pickeligen und einem nicht-pickeligen Bewerber, zwischen einem mit sonorer und einem mit Piepser-Stimme. Und sie müssten, weil es das Gesetz so will, immer den pickligen, deutsch-stämmigen mit Piepser-Stimme auswählen. Krasse Diskriminierung, oder? Nein, denn wenn das heilige Geschlecht ins Spiel kommt, ist alles anders, dann gilt, wie Dr. Sopp erklärt, eine Regelung, die selbst in Schilda niemandem eingefallen wäre:

“Im Allgemeinen sind Förderhinweise als positive Maßnahme zu werten. Nach § 5 AGG können positive Maßnahmen zulässig sein, wenn hierdurch bestehende Nachteile wegen eines der genannten Gründe verhindert oder ausgeglichen werden sollen”.

Und:

“Eine Benachteiligung bzw. Diskriminierung liegt deshalb nicht vor, weil die unterschiedliche Behandlung wegen § 5 AGG zulässig sein kann. Positive Maßnahmen sind anders formuliert Rechtfertigungen einer unterschiedlichen Behandlung”.

In meinen weniger juristisch benebelten Worten heißt das: Mord an sich ist nach § 1 AGG verboten. Positive Maßnahmen, wie Mord, sind aber dann erlaubt, wenn der Mord eine positive Maßnahme nach $ 5 AGG ist. Morden für einen guten Zweck so zu sagen. Dieses logische Absurdum, das Ursache und Auslöser geistiger Demenz in einem ist, steht in voller Pracht im Antidiskriminierungsgesetz.

§ 1 Ziel des Gesetzes. Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. … § 5 Positive Maßnahmen. Ungeachtet der in den §§ 8 bis 10 sowie in § 20 genannten Gründe ist eine unterschiedliche Behandlung auch zulässig, wenn durch geeignete und angemessene Maßnahmen bestehende Nachteile wegen eines in § 1 genannten Grundes verhindert oder ausgeglichen werden sollen”

"Maßnahmen gegen bestehende Nachteile" erfordern eben Opfer - oder?

Man beachte zunächst den sprachlichen Trick, einmal von Benachteiligung und einmal von Nachteilen zu sprechen, und man beachte zudem, das unter-der-Hand-Einführen von “unterschiedlicher Behandlung” in § 5. So kommt es, dass in § 1 beabsichtigt wird, Benachteiligung wegen der genannten Gründe, also unterschiedliche Behandlung wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht usw. “zu verhindern oder zu beseitigen”, während in § 5 eben dieses, nämlich die ungleiche Behandlung wegen Herkunft, Geschlecht usw. für zulässig erklärt wird, um nunmehr nur noch Nachteile auszugleichen. Während § 1 also aktive Benachteiligung aufgrund von ethnischer Herkunft, Geschlecht usw. verbietet, erlaubt § 5 aktive Benachteiligung aufgrund von ethnischer Herkunft, Geschlecht usw. bereits dann, wenn lediglich passive Nachteile vorliegen. Um Nachteile festzustellen, genügt bereits eine Ungleichverteilung und entsprechend ist das Antidiskriminierungsgesetz nichts anderes als eine Hilfestellung zum ideologischen Missbrauch jeglicher Art, d.h. fast jeglicher Art, denn nach den bisherigen Erfahrungen mit Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle ist es angebracht, von einem Genderisten-Bias zu sprechen, d.h. Diskriminierung liegt immer dann nicht vor, wenn so genannte “positive Maßnahmen” der Frauenförderung dienen. Werden dagegen Männer wie z.B. in einer Veröffentlichung der GEW als aufziehbare Deppen dargestellt, dann ist dies keine Diskriminierung und hat auch nichts mit Geschlecht zu tun.

Aber vielleicht liege ich ja falsch, und das Antidiskriminierungsgesetz ist ein Gesetz, das den in § 1 gesetzten Zielen gewidmet ist. Dies kann man prüfen. Daher bitte ich die Leser dieses blog, Nachteile zu posten, die mit ethnischer Herkunft, Geschlecht, Weltanschauung oder Religion, Behinderung oder sexueller Identität verbunden sind und Anlaß für eine positiven Maßnahme, also eine Diskriminierung bieten. Ich mache hier mit folgenden Gesetzesinitiativen den Anfang:

  • Pfälzer (= ethnische Herkunft) sind bereits seit Jahrhunderten entweder Opfer des preußischen oder des bayerischen Hegemoniestrebens, ja ich will fast sagen, des preußisch-bajuvarischen Patriachats geworden. Dies zeigt sich z.B. daran, dass kein Pfälzer Fussballverein in der oberen Hälfte der Bundesligatabelle zu finden ist und z.B. der 1. FC Kaiserslautern bei gleicher Leistung regelmäßig verliert. Entsprechend sind Spiele, bei denen der FCK ebenbürtig ist, im Einklang mit § 5 AGG als Siege zu werten.
  • Rechtsextremisten (= Weltanschauung) dürfen in Deutschland keine öffentlichen Ämter bekleiden. Entsprechend ist im Einklang mit § 5 AGG bei gleichem IQ eine Quote für rechtsextreme Bundesminister festzusetzen.
  • Mit Ausnahme von Wolfgang Schäuble sind Rollstuhlfahrer in der Bundesregierung unterrepräsentiert. Entsprechend sind bei der Besetzung von Regierungsposten Behinderte in Zukunft bei gleicher Leistung zu bevorzugen.

Ich bin schon gespannt, welche Gesetzesinitiativen mich sonst noch erreichen!