Die guten Sitten – Neues aus der Anstalt

Die Sozialpsychologie kennt das Framing. Framing sagt letztlich, dass man durch die Formulierung von Aussagen, durch den Einbau negativer oder positiver Begriffe, bei den Adressaten der Aussagen bestimmte Wahrnehmungen und Bewertungen hervorrufen kann. Die Sozialpsychologie kennt die Projektion, die letztlich eine Form der Neurose darstellt, bei der die eigenen Befürchtungen nach außen verlagert und Dritten unterstellt werden. Die International Classification of Diseases (ICD-10) kennt die Manie (F30.1), die sich unter anderem in Wahrnehmungsstörungen niederschlägt;

Perceptual disorders may occur, such as the appreciation of colours as especially vivid (and usually beautiful), a preoccupation with fine details of surfaces or textures, and subjective hyperacusis. The individual may embark on extravagant and impractical schemes, spend money recklessly, or become aggressive, amorous, or facetious in inappropriate circumstances…

Soweit zur Theorie, nun zur Diagnose.

Die Diagnose beginnt im §8 Abs. 1 der Verordnung über die Zulassung von Fahrzeugen im Straßenverkehr:

Nuts in Bedlam(1) Die nach Landesrecht zuständige Behörde (Zulassungsbehörde) teilt dem Fahrzeug ein Kennzeichen zu, um eine Identifizierung des Halters zu ermöglichen. Das Kennzeichen besteht aus einem Unterscheidungszeichen (ein bis drei Buchstaben) für den Verwaltungsbezirk, in dem das Fahrzeug zugelassen ist, und einer auf das einzelne Fahrzeug bezogenen Erkennungsnummer. Die Zeichenkombination der Erkennungsnummer sowie die Kombination aus Unterscheidungszeichen und Erkennungsnummer dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen.

Die weitere Diagnose führt uns in die juristische Anstalt und die Frage, was als Verstoß gegen die guten Sitten anzusehen ist:

LU-MP“Die sog. Sittenwidrigkeit liegt vor, wenn etwas gegen die guten Sitten verstößt. Nach Ansicht der Rechtsprechung ist etwas sittenwidrig, wenn es gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht denkenden Menschen verstößt (BGH 10, 232; 69 297).” Oder: “Definition: Sittenwidrig ist das, was der herrschenden Rechts- und Sozialmoral entgegensteht.” Oder: “a) objektiv: auffälliges Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung. b) subjektiv: Unerfahrenheit, Willensschwäche, Mangel an Urteilsvermögen oder Zwangslage des Ausgebeuteten. c) Ausbeutung = Ausnutzung der Situation.”

Wie kann ein gegen die guten Sitten verstoßendes Kennzeichen aussehen?

Woran ist es zu erkennen?

Daran: DE – PP – 88 oder daran: STA – SI- 89 oder daran: SE – D – 89 oder daran: WAN – ZE – 99 oder daran: NK – WD – 47?

Weit gefehlt.

Man erkennt die sittenwidrigen Kennzeichen daran:

  1. KZ
  2. und dran: NS
  3. und daran: SA
  4. und daran: HJ
  5. und daran: AH
  6. und daran: SS
  7. und daran: HH
  8. und daran: N-PD
  9. und daran: N-SU
  10. und daran: IZ-AN
  11. und daran: HEI-L
  12. und daran: 18
  13. und daran: 88
  14. und daran: 14

Haben Sie die Sittenwidrigkeit erkannt?

Hier die Auflösung:

  1. ROW-DYKZ bedeutet natürlich Konzentrationslager und nicht etwa KennZeichen.
  2. NS bedeutet nicht Neue Sachlichkeit sondern natürlich Nationalsozialismus, was sonst?
  3. SA bedeutet SturmAbteilung nicht SonderAngebot;
  4. HJ bedeutet HitlerJugend und somit Pech für alle Hans-Jürgen, die ohne Wunschkennzeichen bleiben müssen. bad luck!
  5. AH ist nicht die Altherrenmannschaft sondern Adolf Hitler, für alle die es nicht wussten.
  6. SS ist die Sturmstaffel und nicht der SendeSchluss;
  7. HH, ja, da haben Sie gedacht, das sei Hansestadt Hamburg, aber nein, es ist Heinrich Himmler!
  8. NPD
  9. und NSU können wir überspringen, weil offensichtlich: NPD = Norwegian Petroleum Directorate und NSU ist Näh- und Strickunion;
  10. IZ-AN ist Nazi rückwärts, für alle, die es nicht gemerkt haben und wohl ein Präzedenzfall für ZK und AS;
  11. 18 ist: AH in Verkleidung, als Code, wenn man so will, nämlich der erste und der achte Buchstabe des Alphabets und AH, also 18 ist natürlich Adolf Hitler;
  12. in gleicher Unlogik ist 88 natürlich wieder der Hühnerzüchter aus München und
  13. 14 ist, nein nicht AD, sondern das als “14 Words bekannte rassistische Glaubensbekenntnis der White-Power-Bewegung der USA”.

Wir kannten die 14 Words nicht, entsprechend harmlos ist uns die Zahl 14 bislang vorgekommen. Aber nun haben wir ja eine Kleine Anfrage der Linken, aus der dies alles hervorgeht.

KI-NGEs gibt in Deutschland tatsächlich Landkreise bzw. Städte, die die Zeichenkombinationen, die oben dargestellt sind, nicht verwenden, die Zahlenkombinationen wie die oben dargestellten 18, 88, 14, nicht zulassen, weil damit ein geheimes Wissen einhergeht, das jedem Verkehrsteilnehmer sofort einleuchtet oder das “von Neonazis als Erkennungscode genutzt werden kann”. Man fragt sich wirklich, ob die entsprechenden Verwaltungsmenschen nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als ihre Einbildung in Kennzeichen zu lesen?

Für alle, die sich gefragt haben, ob sie von einem Sack voller Narren regiert und verwaltet werden, dürfte die Frage nunmehr beantwortet sein. Bleibt nur noch die Frage, welche der oben dargestellten Formen mentaler Störung bei den entsprechenden Verwantwortlichen vorhanden ist.

Wir haben dazu nur eines zu sagen: IQ – KA – 70 oder 22 14 19 9 14 14.

Übrigens die geheime Nachricht in den Lottozahlen dieser Woche, die die Nazis hineingeheimnist haben, lautet: YZCCBC-IDF (hat also offensichtlich etwas mit Israel zu tun!)

Öffentliche Verkehrsmittel sind schuld an Bildungsungleichheit

Eine Revolution, ein Paradigmenwechsel in der Bildungsforschung bahnt sich an!

Unglaublich wichtige Erkenntnisse aus der Welt der Bildungsforschung haben heute unser Augenmerk erregt. Dabei ist das Ergebnis einer Untersuchung, nein, was sage ich, einer “korrelativ angelegten Studie” (wenn jemand weiß, was das ist, dann soll er sich bitte bei uns melden, denn wir kennen nur quantitative Befragungen, die in einen Datensatz münden, der in Zeilen und Spalten organisiert ist und es z.B. erlaubt, Kreuztabellen oder Korrelationen zu berechnen. Insofern ist jeder Datensatz grundsätzlich der Berechnung von Korrelationen zugänglich, was die Frage, was eine “korrelativ angelegte Studie” ist, umso dringlicher macht), also eine “korrelativ angelegte Studie” hat ein besonders interessantes Ergebnis gebracht, nämlich den Stein der Bildungsweisen, nein, die Erklärung für alles, worauf die Bildungsforschung seit Jahrzehnten gewartet hat: Die Erklärung für Bildungsungleichheit.

Universitaet_zu_Koeln-SiegelBildungsungleichheit, also z.B. die soziale Stratifizierung von Bildungsabschlüssen: je höher der Bildungsabschluss desto weniger Kinder aus Arbeiterhaushalten, oder die Stratifizierung nach Geschlecht: Jungen machen seltener ein Abitur als Mädchen, dafür bleiben sie häufiger ohne Schulabschluss als Mädchen, oder die Stratifizierung nach Herkunft: Migranten, egal, wie viele Generationen vor ihnen die Einwanderung nach Deutschland stattfand, schneiden im deutschen Schulssystem schlechter ab als nicht-Migranten, all diese Formen der Bildungsungleichheit sind auf einen Schlag und mit einer “korrelativ angelegten Studie”, die Ralf Rummer, Professor für Allgemeine Psychologie und Instruktionspsychologie an der Unversität Erfurt und Petra Herzmann, Professor für Empirische Schulforschung an der Universität Köln durchgeführt haben, gelöst.

Schlechte Schulnoten, so eine (idealistische) Annahme, sind ursächlich für schlechte Schulabschlüsse und ursächlich für Grundschulempfehlungen, die auf Hauptschulen und nicht auf Gymnasien verweisen. Bildungsungleichheit resultiert (idealtypisch und) somit aus schlechten Schulnoten und den sich daraus ergebenden Schulwahlen. Entsprechend ist die Ursache schlechter Schulnoten mittelbar ursächlich für die Bildungsungleichheit in Deutschland (das ist eine einfach Anwendung der Transitivität der Implikation). Und nach langer Suche haben deutsche Forscher nun die mittelbare Ursache für die Bildungsungleichheiten gefunden: Öffentliche Verkehrsmittel sind schuld! Schlimmer noch: je mehr Zeit Schüler in öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten, desto negativer die Wirkung der öffentlichen Verkehrsmittel auf die schulische Leistung.

Uni erfurtDieses revolutionäre Ergebnis haben Ralf Rummer und Petra Herzmann bisher nur als Pressemeldung über die Universität Erfurt lanciert. Eine Veröffentlichung behalten sich die beiden Revolutionäre der Bildungsforschung offensichtlich noch vor, denn auch der Bitte von ScienceFiles, doch Näheres über die Ergebnisse und die Art und Weise, wie sie zustande gekommen sind, mitzuteilen, wurde von Ralf Rummer bislang mit Schweigen begegnet. Und so müssen wir die Brocken kommentieren, die uns die Pressemitteilung der Universität Erfurt bereitstellt.

Der Umsturz in der Bildungsforschung, dieser Paradigmenwechsel, der die Suche nach den an der Bildungsungleichheit Schuldigen ein für alle Mal von Schülern oder Lehrern oder von den Eltern von Schülern auf die öffentlichen Verkehrsmittel konzentriert, basiert auf den Angaben von “137 Schülerinnen und Schüler[n] der 6. Jahrgangsstufe eines großen, im ländlichen Raum angesiedelten Gymnasiums in Nordrhein Westfalen”, die Rummer und Herzmann “ins Visier” genommen haben. Erlegt haben sie dabei, wie schon gesagt, die bisherige Bildungsforschung, mit einer “korrelativ angelegten Studie”, wie bereits festgestellt (Ich kann die Studenten der Universität Köln, an der Petra Herzmann “empirische Schulforschung” lehrt, nur ermuntern, die Vorlesungen insbesondere zu “Methoden der empirischen Schulforschung” zu besuchen, denn dort werden scheinbar Geheimnisse ausgebreitet und revolutionäre Neuerungen eingeführt – man merkt, ich bin immer noch nicht über die “korrelativ angelegte Studie” weg gekomemn).

Doch zurück zu den “bahn”brechenden Ergebnissen, dazu verrät uns die Pressemeldung:

Schulbus“Erstaunlich: Die Daten weisen signifikante korrelative Zusammenhänge [das sind dann wohl Zusammenhänge, wie man sie nur in korrelativ angelegten Studien finden kann...?] zwischen dem in öffentlichen Verkehrsmitteln absolvierten Schulweg [ich habe meinen Schulweg immer mit, nie in öffentlichen Verkehrsmittel absolviert...] und der Gesamtdurchschnittsnote und der Durchschnittsnote der Kernfächer aus: Je länger Schüler in Bussen, Bahnen oder Pkw unterwegs waren, desto schlechter fielen ihre Schulnoten aus”. Aber: “Darüber hinaus zeigte sich, dass Kinder mit langen Fahrzeiten sogar mehr Zeit auf die Erledigung der Hausaufgaben … verwendeten als Kinder mit kürzeren Anfahrtszeiten”. Und: “Interessanter Weise zeigt sich kein Effekt der zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad zurückgelegten Zeiten”. Und deshalb: “Rummer: ‘Basierend auf weiteren statistischen Analysen haben wir festgestellt, dass nicht in erster Linie fehlender Schlaf oder weniger häusliche Lernzeit für die beeinträchtigende Wirkung langer Fahrzeiten verantwortlich ist, sondern dass sich die in Bussen und Bahnen oder Pkw verbrachte Zeit direkt in negativer Weise auf die Schulleistungen auswirkt”.

Damit haben wir die Hauptschuldigen: alles, was mit Motorkraft betrieben wird, ist schuld an der Bildungsungleichheit und nicht nur öffentliche Verkehrsmittel, nein, auch der Pkw ist schuld, während Fahrrad fahren und zu Fuß gehen als zumindest nicht leistungsbeeinträchtigend identifiziert sind. Schlimmer noch: Wer mit Motorkraft und in (öffentlichen) Verkehrsmitteln zur Schule kommt, dem hilft auch ein Mehr an Aufwand zur Erledigung der Hausaufgaben nicht, um die negative Wirkung der Verkehrsmittel zu kompensieren.

Was folgt aus diesen Ergebnissen? Zunächst muss man Vorsicht walten lassen, denn es ist nicht klar, wie lange die schädlichen Fahrzeiten eigentlich sind, da die Pressemeldung ohne ein relevantes Datum veröffentlicht wurde. Aber ignorieren wir diese Hürde, so ist die Forderung klar: Hausunterricht muss her oder Schüler müssen wieder per Rad oder zu Fuß zur Schule fahren/laufen. Wie Charles Dickens berichtet, war es z.B. im 18. Jahrhundert üblich, dass Schüler mehrere Stunden auf sich nahmen, um zu Fuß zur Schule zu kommen. Und natürlich wirkt sich diese Leibesertüchtigung nicht nur positiv auf die schulische Leistung aus, wie uns die Forscher aus Erfurt und Köln gerade gezeigt haben, nein, sie wirkt sich auch positiv auf Adipositas und körperliche Tüchtigkeit aus und: mens sana in corpore sano!

Schulweg_ErfurtLeider gibt es in der Pressemeldung einen abschließenden Satz, der den Paradigmenwechsel in Frage stellt und den Verdacht nährt, dass hier Artefakte berichtet werden und die öffentlichen Verkehrsmittel gar nicht schuld sind: bei Kindern mit überdurchschnittlichen Leistungen hat ein in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegter Schulweg keinen negativen Effekt auf die schulische Leistung. Also wirkt sich der Schulweg “korrelativ” auf die Leistung aus bzw. er wirkt sich nicht auf die schulische Leistung aus, jedenfalls dann, wenn die Leistungen “überdurchschnittilch” sind. Man fragt sich zunehmend, was die beiden Forscher da eigentlich gerechnet haben, und noch mehr frage ich mich, was man im Rahmen der “empirischen Schulforschung” an der Universität Köln eigentlich so lernt.

Bleibt abschließend noch darauf hinzuweisen, dass der nach wie vor mögliche Paradigmenwechsel bislang dadurch erschwert ist, dass es keinerlei theoretische Grundlage für den gemessenen Zusammenhang gibt. Wie (öffentliche) Verkehrsmittel Bildungsungleichheit verursachen, ist bislang ein Rätsel, leistungsmindernde Abgase oder leistungsmindernde und wenig kognitiv erbauliche Landschaften sind zwei ad-hoc Hypothesen, deren Gültigkeit erst noch zu klären sein wird. Aber es besteht kein Zweifel, dass irgend ein Forscher an irgend einer Universität in Deutschland einen “korrelativen” Datensatz hat oder gerade ein paar Fragen im Kopf hat, die er schon immer einmal stellen wollte und die dann, sind sie erst “korrelativ” untersucht, ganz wichtige, ja revolutionäre Erkenntnisse liefern. Wir haben dann eine weitere Antwort auf der Suche nach der passenden Frage.

Lass’ uns eine Sucht erfinden – Heute: Eßsucht –

Öfter einmal etwas Neues, so habe ich mir heute gedacht, und ausgerechnet einen alten Bekannten aus der Forschung zur Internetsucht gefunden: Dieselbe Skala, die zur Messung von Internetsucht und Spielsucht benutzt wird, wird nunmehr auch benutzt, um Eßsucht zu messen – unter dem Namen Yale Food Addiction Scale. Klingt doch gleich viel besser als Eßsucht – oder?

Nun aber ernsthaft, auch wenn die neuen Süchte aus dem Boden schießen, wie Pilze nach dem Regen. Die neue Suchtschwämme passt perfekt in dieses Zeitalter des Paternalismus, in dem sich selbsternannte Wächter über das Körpergewicht, den Teergehalt der Lunge, den Promillespiegel des Blutes an allen Ecken und Ende zu Wort melden, immer mit der Prämisse im Hinterkopf, dass Otto Normalverbraucher nicht in der Lage ist, das richtige Quantum Fett, Nikotin oder Alkohol selbst für sich zu bestimmen. Diese schleichende Entmündigung schlägt sich in Regulierungen nieder, die Otto Normalverbraucher daran hindern sollen, sich über Gebühr zu betrinken (es sei denn, es ist gerade Kölner Karneval). Und sie schlagen sich darin nieder, dass immer neue Süchte erfunden werden, die zum einen Süchtige, also Kranke, schaffen, denen man dann zum anderen, und zwar auf Kosten der Steuerzahler helfen kann.

Und die neueste Erfindung ist die Eßsucht. Vorbei sind die Zeiten eines Igor Maslow, in denen die Nahrungsaufnahme noch als Grundbedürfnis angesehen wurde. Vorbei die Zeiten, in denen Nahrungsaufnahme ein geselliges Ereignis war, bei dem die Bewohner Gallischer Dörfer um ein großes Feuer saßen. Auch die Nahrungsaufnahme wird heutzutage reglementiert, anhand von Angaben zu Kohlenhydraten, Kalorienmenge und ungesättigten Fettsäuren, und die Folgen der Nahrungsaufnahme werden als Body-Mass-Index (BMI) kategorisiert. Der BMI rangiert von zu dünn bis zu fett, und ab einer gewissen Grenze, wird der BMI-Träger zu einem Fall für diejenigen, die sich gerne um sein Wohlbefinden kümmern wollen.

EsssuchtDer neueste Schrei auf diesem Gebiet ist, wie gesagt, die Eßsucht, die anhand der Yale Food Addiction Scale (YFAS) gemessen wird. Die YFAS ist eine aufgepeppte Variante der Internet Addiction Scale (Eine der Skala zur Messung von “Internetsucht” finden interessierte Leser hier), was an sich schon die mannigfaltige Einsetzbarkeit der Sucht belegt. Und weil es so schön ist, hier ein paar Fragen aus der YFAS, mit denen Eßsucht gemessen werden soll.

Als Antwortkategorien für diese Fragen stehen (1) nie, (2) einmal im Monat, (3) 2 bis 4 Mal im Monat, (4) 2 bis 3 Mal in der Woche und (5) 4 Mal in der Woche bis täglich zur Verfügung.

    1. Ich esse bis ich mich unwohl fühle.
    2. Mein Eßverhalten sorgt für erhebliche Probleme.
    3. Meine Eßgewohnheiten verursachen mir erhebliche psychische Problemen, z.B. Depressionen, Angst, Selbst-Verachtung und Schuldgefühle.
    4. Ich habe festgestellt, dass ich immer größere Mengen von Nahrung aufnehmen muss, um das gute Gefühl zu erreichen, das ich mit Essen erreichen will oder um negative Gefühle zu unterdrücken.
    5. Wenn ich damit anfange, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann esse ich immer mehr als ich geplant habe.
    6. Zuweilen esse ich bestimmte Nahrungsmittel obwohl ich gar nicht nicht hungrig bin.
    7. Wenn ich bestimmte Nahrungsmittel nicht im Haus habe, dann fahre ich in einen Laden, um sie zu kaufen, und zwar auch dann, wenn ich andere Nahrungsmittel zuhause habe.
    8. Es gab Zeiten, da habe ich private oder berufliche Treffen gemieden, weil ich dort bestimmte Nahrungsmittel nicht bekommen habe.
    9. Wenn ich damit aufhöre, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann habe ich das heftige Verlangen danach, die entsprechenden Nahrungsmittel zu mir zu nehmen.
    10. Ich habe erhebliche Schwierigkeiten, in meinem täglichen Leben zu funktionieren (tägliche Routine, Beruf, Schule, soziale Aktivitäten, Familie), und zwar wegen meiner Eßgewohnheiten.

Und so geht das weiter. Wer die gesamte YFAS nachlesen will, der kann dies hier tun. Wer sich dafür interessiert, wie aus den Einzelitems eine Einteilung nach Eßsucht und nicht-Eßsucht gezaubert wird, der kann sich hier kundig machen.

GesundheitsfoederungWie ich schon oben bemerkt habe, finden sich nahezu identische Items zur Messung von Internetsucht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass an den Stellen, die sich oben auf Nahrung beziehen, Internet, im Internet sein usw. steht. Die entsprechenden Items sind also multifunktional, und wer gerne eine eigene Abhängigkeit erfinden will, der ist herzlich dazu eingladen uns die entsprechende Abhängigkeit nebst den zugehörigen Items zu schicken. Denkbar wäre z.B. eine aus dem Fenster-Schau-Sucht (auch als Hans-Guck-in-die-Luft-Syndrom bekannt), eine #Aufschrei-Sucht (auch als Gender-Sucht bekannt), eine Unsinn-Sucht (auch als das unter Funktionären weitverbreitete Spruchbeutelsyndrom bekannt) und vieles mehr. Wer Spass hat, kann die drei Süchte, die wir hier vorgeschlagen haben, gerne in die Items der YFAS packen und wie gesagt an uns schicken. Wir leiten Sie dann an die WHO und die American Psychiatric Association weiter und beantragen die Aufnahme der neuen Sucht in das DSM bzw. den ICD-10.

Wo es eine Skala gibt, da gibt es natürlich auch Forschung, und entsprechend findet sich bei Plos One ein Beitrag von 12 Autoren (eigentlich müsste man hier von einer Zusammenarbeits-Sucht sprechen), die gemeinsam einen sechseitigen Beitrag mit dem Titel “Food Addiction: Its Prevalence and Significant Association with Obesity in the General Population” verfasst haben (jeder Autor hat demnach eine halbe Seite beigesteuert), in dem so erstaunliche Dinge stehen wie:

      • 5,4% der Neufundländer (in Kanada) sind Eß-Süchtige. Eß-Süchtige finden sich häufiger unter Frauen (6,7%) als unter Männern (3%).
      • 88,6% der Eß-Süchtigen sind adipös, aber (das haben die Autoren vergessen, auszurechnen, deshalb habe ich es nachgeholt) nur 7,7% der Adipösen sind eßsüchtig.
      • “The third major finding from the current study is the significant correlation between ‘food addiction’ and the severity of obesity in the general Newfoundland population” (4). Die “general Newfoundland population” besteht im vorliegenden Fall aus 237 Männern und 415 Frauen. Wikipedia behauptet, auf Neufundland würden rund 479.000 Menschen leben, so dass hier eine gewisse Diskrepanz zu den Angaben der Autoren besteht.

cartoon cavemenSo ist das. Wer zu viel ißt, ist nicht etwa selbst verantwortlich, dass er zuviel in sich hineinstopft, nein, er ist süchtig nach Essen und weil er das ist, muss ihm geholfen werden, und zwar ärztlich, psychologisch, er braucht einen Gesundheitscoach, einen direkten Ansprechpartner bei der Krankenkasse, einen extra Vertrausmann im Unternehmen, sofern er arbeitet, wenn nicht ist der Vertrauensmann beim Arbeitsamt anzusiedeln, die WHO muss eine task force “food addiction” einrichten, die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Sonderforschungsbereich mit dem Titel “Warum eß’ ich nur so viel?”, mit dem Bewusstsein gebildet wird, finanzieren, und das BMFSFJ muss ein Forschungsprojekt in Auftrag geben, das den besorgniserregenden Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Geschlecht im neugegründeten Forschungsgang “Gender Fatness” untersucht.

Niemand ist derzeit so erfolgreich wie Sozialbesorgte, sich mit steuerzahlerfinanzierten Tätigkeiten zu versorgen. Fast, dass man den Hut ziehen müsste, wäre es nicht so offenkundig, so durchschaubar und methodisch so abgrundtief schlecht.

Die kleine Welt der Genderisten – Netzwerkforschung auf ScienceFiles

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Six Degrees of Separation

Jeder Mensch hat Bekannte, Leute die er besser kennt und solche, die er vielleicht lieber nicht kennen würde. Sozialwissenschaftler nennen die Menge von Bekannten ein soziales Netzwerk. Wie groß ist ein soziales Netzwerk, und wie sehr ist es in sich geschlossen? Diese Fragen haben sich die amerikanischen Sozialpsychologen Jeffrey Travers und Stanley Milgram bereits in den 1960er Jahren  gestellt und beantwortet. Dazu benötigten sie einen Börsenmakler aus Boston und Personen, die diesen nicht kannten und so weit wie möglich von ihm entfernt waren, sozial wie räumlich. Travers und Milgram fanden diese Personen in Nebraska und gaben ihnen eine Aufgabe. Sie sollten einen Brief zum Bostoner Börsenmakler befördern. Allerdings nicht per Post, sondern durch ihre Bekannten: “Geben Sie den Brief an einen ihrer Bekannten, den sie mit dem Vornamen anreden und von dem sie glauben, er könne den Brief selbst oder über einen weiteren Bekannten dem Börsenmakler übergeben.” Die Bedingung lautete auch hier: Derjenige, der letztlich den Brief übergibt, muss den Börsenmakler mit dem Vornamen anreden. Tatsächlich kam eine erkleckliche Anzahl von Briefen in Boston an. Erstaunlicher war jedoch, was Travers und Milgram in der Folge herausfanden: Im Durchschnitt ging ein Brief lediglich durch sechs Hände, ehe er am Ziel ankam. Ein erstaunliches Ergebnis angesichts von 250 Millionen US-Amerikanern.

Die Welt ist ein Dorf

WattsIm Jahr 1998 haben die Physiker Duncan Watts und Steven Strogatz eine Renaissance von Travers und Milgrams alter Forschung bewirkt und zu hektischer Betriebsamkeit unter Wissenschaftlern Anlaß gegeben. Die Betriebsamkeit, die bis heute anhält, hat den “small-world-effect” zum Gegenstand. Ist dieser am Werk, dann wird aus einer unüberschaubaren Menge von Menschen, die nichts mit einander zu tun zu haben scheinen, eine kleine Welt, in der jeder mit jedem verbunden werden kann. So zeigten Watts und Strogatz, dass es durchschnittlich nur dreier Bekannter bedarf, um jeden der 200.000 Schauspieler, die in der Movie-Data-Base abgelegt sind, mit jedem anderen zu verbinden. Doch nicht nur beim Film gibt es kleine Welten, auch in der Wirtschaft: Die Ökonomen Bruce Kogut und Gordon Walker (1999) haben für Deutschland gezeigt, wie klein die Welt der 500 größten Unternehmen ist: Fünf Bekannte sind im Schnitt notwendig, um jedes beliebige deutsche Großunternehmen mit jedem anderen zu verbinden.

Schnittstellen und Inhalte

Die beschriebenen Forschungen sind ähnlich und doch trennt sie ein entscheidender Punkt. Travers und Milgram waren an der generellen Durchlässigkeit der Sozialstruktur, der generellen Verknüpfung der amerikanischen Gesellschaft interessiert und wählten nicht umsonst die größtmögliche räumliche Entfernung und variierten nicht umsonst die soziale Position ihrer  Ausgangspersonen im Vergleich zum Börsenmakler. Watts und Strogatz oder Kogut und Walker beschäftigen sich mit insofern “geschlossenen Gesellschaften” als die Gruppen, die sie untersuchen, ein gemeinsames Merkmal aufweisen, das sie bereits innerhalb der Struktur ihrer Gesellschaft verortet. Sie geben somit das soziologische an der Forschung von Milgram auf und interessieren sich nur noch für den Verknüpfungsgrad.

New Beginning

SciencefilesWir auf ScienceFiles wollen die Forschung von Travers und Milgram wieder beleben, und zwar in ihrer ursprünglichen Version. Wir gehen davon aus, dass die Methode von Travers und Milgram eine geeignete Methode ist, um Netzwerke unterschiedlicher sowohl räumlicher als auch sozialer Distanz/Nähe aufzuspüren, Netzwerke ersten, zweiten und x-ten Grades. Wenn z.B. ein Angestellter im Bauamt der Stadt X, dem Schreiner Y, der ihm persönlich bekannt ist, einen Hinweis auf eine Ausschreibung gibt, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Wenn der Schreiner einem bekannten Maler den Tipp des Angestellten im Bauamt weitergibt, dann ist dies ein Netzwerk zweiten Grades usw. Wenn ein Leiter eines Fachbereichs einer politischen Stiftung einem Bekannten einen Tipp auf eine Veröffentlichung in seinem Fachbereich gibt, in der Erwartung, der Bekannte werde die Veröffentlichung weitertragen, sich, wie Dr. habil. Heike Diefenbach dies nennt, als Multiplikator betätigen, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Unsere Modellierung  hat zudem den Vorteil, dass man unabhängig von der Gradierung des Netzwerks, “Gedankenwelten” erforschen kann, also nicht nur soziale und räumliche, sondern auch die Nähe im Hinblick auf das, was Philip E. Converse (1964) Überzeugungssysteme (belief systems) genannt hat.

Während die Bestimmung des Grades der Nähe zum Ausgangspunkt in einem Netzwerk ab einem bestimmten Punkt in der Zeit, problematisch wird, weil die Komplexität der Geflechte so groß geworden sein kann, dass man keine klare Trennung mehr zwischen den einzelnen Entfernungsgraden zum Ausgangspunkt herstellen kann, so kann man doch sagen, dass alle, die sich dem Netzwerk anschließen oder anschließen lassen, eine gewisse Gedankenwelt teilen.

Die Gedankenwelt der Genderisten und der Gender-Kritiker

Die letzte Veröffentlichung aus der ideologischen Schmiede der Heinrich-Böll-Stiftung (HB-Stiftung), dem Gunda-Werner-Institut, ist perfekt geeignet, um unsere neue Methode deutlich zu machen.

Die Veröffentlichung des Werkes:

Frey, Regina, Gärtner, Marc, Köhnen, Manfred & Scheele, Sebastian (2013). Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie. Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung, Gunda-Werner Institut.

hat eine Reihe von Reaktionen nach sich gezogen, und es hat auf Seiten der Genderismus-Kritiker eine recht schnelle Verbreitung gefunden.

Beiträge, die auf eine Vernetzung ersten Grades schließen lassen und einer gemeinsamen Gedankenwelt der Gender-Kritik entspringen, finden sich auf

  1. Alles Evolution
  2. Genderama
  3. ScienceFiles
  4. Danisch
  5. Zettels Raum
  6. Feuerbringer-Magazin
  7. Spiegel Online
  8. Telepolis

Die Blog-Betreiber und Redakteure finden sich in einer gemeinsamem Gedankenwelt zusammen und sind miteinander über bestimmte moralische Vorstellungen, wissenschaftliche Standards und methodische Kenntnisse verbunden. Wer sich die Mühe macht, die Links oben zu klicken, wird feststellen, dass alle Kritiker sich mit dem Werk aus der HB-Stifung argumentativ auseinandersetzen und in zumeist elaborierter Weise auf die vielen Fehler, Auslassungen und Fehlschlüsse im Werk der HB-Stiftung hinweisen. Ein deutlicher Beleg, der wissenschaftlichen Standards verpflichteten Gedankenwelt, die sie teilen.

Der Gedankenwelt der Kritiker der neuesten Veröffentlichung aus dem Hause Heinrich-Bölls, stehen diejenigen gegenüber, die das Werk nicht wegen seiner Mängel kritisieren, sondern im Gegenteil, die die darin vertretene Gedankenwelt teilen. Die Liste der Bekanntschaften ersten Grades, die eine gemeinsame Gedankenwelt teilen, ist jedoch recht kurz. Trotz einer intensiven Recherche ist es uns nicht gelungen, mehr als drei Bekannte ersten Grades zu finden, die mit dem Werk aus der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen:

  1. GZ Uni PaderbornAuf der Seite des Zentrum für Geschlechterstudien der Universität Paderborn findet ich ein Verweis auf das Werk aus der HB-Stiftung als “Tipp der Woche”. Warum der Tipp der Woche, Tipp der Woche ist, wird nicht begründet. In der Gedankenwelt der Genderisten kommen Argumente und Begründungen nicht vor, sie werden durch affektive Bindungen, Emotionen und “Argumentationshilfen” ersetzt.
  2. Legal Gender HBAuf den Seiten der Legal Gender Studies , die der Universität Hamburg zugeordnet sind, weist Dr. jur. Ulrike Lembke, Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies an der Universität Hamburg, auf die “lesenswerte Argumentationshilfe” aus der HB-Stiftung hin und behauptet, die “lesenswerte Argumentationshilfe” würde zeigen, wie sehr die Kritik des Genderismus als unwissenschaftlich auf “einem Doppelstandard” basiere. Der Doppelstandard wird  leder nicht näher spezifiziert , ein Doppelstandard halt (Die Wirkung von Doppelstandard soll nach Ansicht von Juniorprofessorin Lembke wohl über die affektive Konnotation “Doppelstandard = schlecht” erfolgen).
  3. neue WegeHBDie letzte Nennung des Werkes aus der HB-Stiftung, die letzten Bekannte ersten Grades der HB-Stiftung findet sich – ausgerechnet – auf den Seiten von neue Wege für Jungs.. Dort heißt es: “Die Publikation geht dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nach und gibt Argumente für eine Auseinandersetzung an die Hand. Im Schlagwort “Genderismus” zum Beispiel werden unterschiedlichste Sachverhalte aus Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik vermischt. Mit dieser Publikation möchten wir OrganisationsvertreterInnen und AktivistInnen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind, dabei unterstützen, in Kampagnen gegen (pro)feministische Veröffentlichungen die entsprechenden Anwürfe zu verorten und sachbezogen zu reagieren.” Das sachliche Reagieren auf Anwürfe wäre sicher glaubwürdiger, wenn Kritik am Genderismus nicht generell als Anwürfe bezeichnet würde. Man kann eben nicht verbergen, wes’ Geistes Kind man ist, und totalitäre Geister oder closed minds können eben nicht anders als Kritik am eigenen Glaubenssystem, eben weil sie affektiv und nicht rational daran hängen, als “Anwurf” abzuwehren. Und wes’ Geistes Kind hinter der Seite “Neue Wege für Jungs” steht, wird auch mehr als deutlich. Fragt sich nur, wer hier wen bezahlt…

Die Liste derjenigen, die öffentlich mit der Gedankenwelt der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen, ist nicht lang, aber die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich: Keine Argumente und weil man keine Argumente hat, erwartet man sich Hilfe von einer “Argumentationshilfe”  (oder wie Heike Diefenbach sagt: “Wer etwas argumentieren will, wofür ihm eine Argumentationshilfe zur Verfügung gestellt werden muss, dem ist  nicht mehr zu helfen), und weil man keine Argumente hat, gibt es nur affektive und keinerlei rationale Reaktionen oder den schlichten “Tipp”. Kurz: Genderisten zeigen wieder einmal deutlich, dass sie eine Sekte und nicht anderes als eine Sekte sind, die sich um einen gemeinsamen emotionalen Kern reiht, der vielleicht gefühlt wird, aber eines sicher nicht: rational argumentiert.

©ScienceFiles, 2013

Literatur

Converse, Philip E. (1964). The Nature of Belief Systems in Mass Public. In: Apter, David E. (ed.). Ideology and Discontent. London:  Free Press, pp.206-261.

Kogut, Bruce & Walker, Gordon (1999). The Small World of Firm Ownership in Germany. Social Capital and Structural Holes in Large Firm Acquisition – 1993-1997.

Travers, Jeffrey & Milgram, Stanley (1969). An Experimental Study of the Small World Problem. Sociometry 32(4): 425-443.

Watts, Duncan J. & Strogatz, Steven H. (1998). Collective Dynamics of ‘Small-World’ Networks. Nature 393: 440-442.

Sind Frauen die besseren Autofahrer?

AXAInteressanter Weise ist die Frage, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, eine Frage, die nicht nur die Gemüter zu erhitzen scheint, sondern eine Frage, auf die eine bzw. mehrere Antworten periodisch wiederkehrend durch die Medien geistern. Die Folge X dieses Evergreens wurde gerade durch eine Befragung eingeleitet, die im Auftrag der AXA unter dem Label “AXA Verkehrssicherheits-Report 2012″ durchgeführt wurde, wobei “gerade” zu relativieren ist, denn die Pressemitteilung unter der Überschrift “Frauen fahren besser Auto” stammt vom 13. Juni 2013, während die telefonische Befragung zwischen dem 4. und 15. Juli 2012 durchgeführt wurde. Den 1.102, davon 541 männliche und 561 weibliche Befragten wurden eine ganze Reihe von Fragen zur “Verkehrssicherheit” gestellt, darunter Fragen zu Maßnahmen zur Unfallvorbeugung, zum Verhalten deutscher Autofahrer, zum Strafmaß in der Straßenverkehrsordnung und vielem mehr, in die Öffentlichkeit hat es indes lediglich die Einschätzung der 1.102 Deutschen darüber, wer denn nun besser Auto fährt, Frauen oder Männer, geschafft (Fragetext: Wer sind Ihrer Meinung nach die besseren Fahrer: Männer oder Frauen?).

24% der Befragten sind der Ansicht, Männer seien die besseren Fahrer, 38% der Befragten sind der Ansicht, Frauen seien die besseren Fahrer und 35 Prozent sehen keinen Unterschied. Dieses unscheinbare Ergebnis dazu, was 1.102 im Auftrag der AXA Befragte meinen, ist, was Medienschaffende zu interessieren scheint.

Bereits die Pressemitteilung titelt: “Umfrage: Frauen fahren besser Auto”. Die WELT titelt unter “Verkehrssicherheit” “Die Jungspunde mögen noch scherzen, die älteren Autofahrer haben es längst erkannt: Frauen sind  die besseren Autofahrer. Das haben sie in einer Umfrage jetzt auch zugegeben”. Und der Focus schreibt in einem Beitrag, der mit der Meldung in der WELT fast identisch ist: “Frauen fahren besser Auto als Männer – glauben Männer”.

BadDRiverEs ist schon erstaunlich, wie leicht es Meinungen über die Realität gelingt, die Realität zu verdrängen und sich selbst an ihre Stelle zu setzen, wenn sie als “Umfrage” daherkommen. Um es noch einmal zu betonen: Gefragt wurden 1.102 Deutsche wer nach ihrer Meinung besser Auto fährt. Damit ist keinerlei Aussage darüber gemacht, wer tatsächlich besser Auto fährt. Vielmehr ist unter Einstellungsforschern hinlänglich bekannt, dass Fragen nach Meinungen vom eigenen Verhalten und von den sozialen Normen, die den Befragten umgeben, beeinflusst werden. Entsprechend spielen Stereotype bei diesen Meinungen eine große Rolle, Stereotype wie sie aus den selben Medien, die nunmehr die Frage danach, wer besser Auto fährt, beantwortet haben wollen, täglich verbreitet werden, Stereotype von vorsichtigen und sorgenden Frauen und draufgängerischen und egoistischen Männern. Was misst vor einem solchen kulturellen Hintergrund wohl eine Frage wie die oben zitierte?

Die Befragung, die von Welt und Focus zitiert wird, hat also überhaupt nichts mit der Frage zu tun, wer besser Auto fährt, sondern damit, was wer glaubt, wer besser Auto fährt. Das hat man beim Focus scheinbar auch erkannt und behauptet, Männer würden glauben, dass Frauen besser Auto fahren. Wie ein Blick in die Befragungsergebnisse (Seite 21) zeigt, ist dies schlicht falsch, denn 31% der Männer glauben, dass Männer die besseren Fahrer sind, während 24% der Männer der Ansicht sind, Frauen wären die besseren Autofahrer. Dagegen sind 17% der Frauen der Ansicht, Männer wären die besseren Autofahrer und 52% sind der Ansicht, Frauen seien die besseren Autofahrer. Diese geschlechtshomogenen Antworten deuten einmal mehr darauf hin, dass das öffentliche Klima von einer Dichotomie durchzogen ist, die männliche Eigenschaften negativ und weibliche Eigenschaften positiv bewertet.

Die WELT insinuiert im oben zitierten Abschnitt (der sich wortgleich im Focus wiederfindet), dass ältere Autofahrer längst erkannt hätten, dass Frauen die besseren Autofahrer seien, was notwendig voraussetzt, dass es eine feststehende Erkenntnis dahingehend gibt, dass Frauen die besseren Fahrer sind (und nebenbei hätte man Längsschnittdaten benötigt, um einen Erkenntnisprozess zu modellieren). Wenn dies aber so wäre, dann hätte es der AXA-Befragung nicht bedürft und die WELT hätte sich ihren Beitrag sparen können (was vielleicht auch besser gewesen wäre). Tatsächlich sinkt mit dem Alter der Befragten der Anteil derjenigen, die der Ansicht sind, Männer seien die besseren Fahrer, und zwar von 43% bei den 18- bis 24-jährigen auf 14% bei über 65-jährigen. Da mit einem steigenden Alter der Befragten in Umfragen unweigerlich ein steigender Anteil weiblicher Befragter einhergeht, weil es mehr weibliche als männliche Alte gibt, ist dieses Ergebnis kaum überraschend. Vielmehr bestätigt es abermals den oben vermuteten kulturellen Bias in den Daten. In keinem Fall, es sei abermals betont, sagt die Meinung von über 65-jähringen darüber, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, etwas darüber aus, wer tatsächlich der bessere Autofahrer ist.

Dies wirft die Frage auf, anhand welcher Kriterien man überhaupt bestimmen kann, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind. Ich gehe einfach einmal davon aus, dass die Frage, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, eine Frage ist, die interessant ist, obwohl ich daran erhebliche Zweifel habe. Aber gut, wie operationalisiert man “guter Autofahrer”?

Eine ganze Reihe von Variablen kommt einem in den Sinn:

  • unfallfreies Fahren,
  • umsichtiges, andere nicht gefährdendes Fahren,
  • zügiges, andere nicht hinderndes und nervendes Fahren,

LKWFür die genannten drei Kriterien des guten Fahrens (es gibt sicher noch mehr, aber belassen wir es dabei), ist Fahr-Erfahrung eine Variable, die sich positiv auf alle drei Kriterien auswirkt. Entsprechend müsste man in die Bestimmung des guten Fahrers auch seine Fahr-Erfahrung einrechnen, seine Kilometerleistung pro Jahr. Zudem ist ein guter Fahrer in der Lage, nicht nur mit dem Peugeot 106, sondern auch mit einem Mercedes Sprinter oder vielleicht mit einem 7.5 Tonnen LKW sicher zu fahren. Zur Fahrmenge kommt somit die Art des Fahrzeugs, um zu bestimmen, ob ein Fahrer ein guter Fahrer ist.

SmartAll diese Determinanten des “guten Fahrers” misst die Frage, die in der Befragung der AXA gestellt wurde, nicht. Sie misst statt dessen, die Meinung der Befragten und um sich zu vergegenwärtigen wie unsinnig dieses Verfahren ist, wie ungeeignet es ist, um den “guten Fahrer” zu bestimmen, muss man sich nur die Antwort vergegenwärtigen, die die Fahrerin des Kleinwagens, die es auf der Autobahn nie über die mittlere Spur hinaus schafft und dieselbe für die gesamte Autobahnfahrt blockiert, gibt, die sieht, dass sie ständig von männlichen “Rasern” überholt wird, obwohl sie bereits mit 100 am Limit dessen fährt, was sie für vertretbar hält. Man muss fragen, welche Antwort der Papa gibt, der immer gerne einen Peugeot 206 RC gefahren wäre, aber aufgrund familialer Verprlichtungen es nie über den Opel Astra hinausgeschafft hat, er, der aus Sorge um den Nachwuchs die 80 Kilometer Marke auf Landstraßen nicht überschreitet und ständig von rasenden Einzelfahrern überholt wird, zuweilen sogar von einem LKW, dessen Fahrer es einfach nicht mehr ausgehalten hat?

Man stelle sich die Frage danach, was die Frage “Wer sind Ihrer Meinung nach die besseren Fahrer: Frauen oder Männer?” misst, vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Klimas, das Arne Hoffmann bereits vor Jahrzehnten zu dem Buchtitel “Sind Frauen die besseren Menschen” veranlasst hat und vor diesem Hintergrund kann man dann eigentlich nur erstaunt sein, erstaunt darüber, dass “nur” 38% der Befragten der Ansicht sind, Frauen seien die besseren Autofahrer.

Dass Befragungen immer häufiger von Personen durchgeführt werden, die von Methoden empirischer Sozialforschung nicht viel bzw. keine Ahnung haben, daran haben wir uns bei ScienceFiles mittlerweile leider gewöhnen müssen. Dass nunmehr auch “Spezialisten” am Werk sind, die den Unterschied zwischen einer Meinung und einem Faktum nicht mehr kennen oder nicht mehr kennen wollen, ist für uns jedoch eine neue Qualität oder ein weiterer Schritt auf dem Weg in den konstruktivistischen Wahnsinn.

Herz-Schmerz-Opus: Die ARD verfälscht munter Daten

Armut macht krankHeute findet sich auf Tagesschau.de ein Herz-Schmerz-Opus, in dem sich Sandra Stalinski über die fetten und diabetischen Armen auslässt. Die selbsternannte Reglementiererin der Armen wartet in ihrem Beitrag mit einer Reihe von Behauptungen, Daten und vermeintlichen Erkenntnissen auf, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind falsch. Einmal mehr zeigt sich, dass Journalismus in Deutschland zum Betroffenheits-Fabulieren selbsternannter Möchtegern-Weltverbesserer geworden ist, einmal mehr zeigt sich, dass es derzeit in bestimmten Kreisen schick zu sein scheint, auf die fetten und rauchenden Unterschichtler zu schimpfen. Das ist natürlich meine deutliche Sprache, im Tagesschau.de geeigneten Deutsch heißt das: “Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen ein Schichten und Bildungsproblem”, so wird Frank Ulrich Montgomery zitiert, der darüber hinaus alarmiert darüber sein soll, dass die “Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander” gehe, was wie er woher auch immer weiß, dazu führen müsse, dass sich “die Gesundheitsprobleme” [Gesundheitsprobleme halt, arme Unterschichtler werden schon ein Gesundheitsproblem haben, das man vermarkten kann] verschärfen.

Fangen wir damit an, dass “Armut krank macht”, wie der unsinnige Titel des ARD-Beitrags behauptet. Nun ist Armut ein Zustand, der als Zustand nicht krank machen, also einen anderen Zustand herbeiführen kann. Man muss die unsinnige Überschrift also transferieren, etwa in: “Arme sind häufiger krank als Nicht-Arme” oder “Kranke sind häufiger arm als Nicht-Kranke”. Beide Aussagen sind voneinander verschieden, und beide Aussagen geben keine Kausalität an. Genau das behauptet aber die Überschrift: Armut sei kausal für Krankheit. Entsprechend war schon meine Operationalisierung ein Entgegenkommen, denn die im unlogischen Raum frei flottierende Autorin impliziert allen Ernstes, dass wer nicht arm ist, nicht krank werden kann, denn Armut macht krankt, nicht Nicht-Armut.

Da es Kranke gibt, die nicht arm sind, ist diese Aussage offenkundig falsch. Mehr noch: Sie stimmt nicht einmal für Arme, denn, wie das Statistische Bundesamt endgültig festgestellt hat:

„Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Stalinski in der ARD fabuliert, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Diese “relative Armut” ist der Gegenstand der “zahlreichen Studien” von denen Stalinski im ersten Absatz fabuliert, nicht absolute Armut wie Stalinski suggeriert.

Aber Stalinski beruft sich nicht auf die “zahlreichen Studien” zu relativer Armut: Um ihre unsinnge Behauptung zu stützen, dass nämlich Armut krank macht, missbraucht sie Daten aus der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” (DEGS1), wobei interessanter Weise kein Beleg angegeben ist, damit niemand nachprüft, vermutlich. Hier zunächst, was Stalinski der “soeben veröffentlichten Studie des RKI [Robert Koch Institut] zum Thema [Armut macht krank]” entnommen haben will:

ARD Datenfaelschung“36,2% Prozent der Frauen mit niedrigem sozialen Status [sind] adipös, also fettleibig (Männer 28,8 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem soziale Status nur 10,5 Prozent (Männer 15,5 Prozent) sind. Ähnlich verhält es sich bei Diabetes mellitus. 11,8 Prozent der sozial benachteiligten Frauen erkranken daran (Männer: 11 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem sozialen Status nur 3,2 Prozent sind (Männer: 6,3 Prozent).” Weitere Ergebnisse finden sich in einer Tabelle, die ich hier als Abbildung eingefügt habe.

Wie gesagt, Frau Stalinski gibt die Quelle ihrer Erkenntnis, die entsprechende Veröffentlichung des RKI, der sie den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit entnommen haben will, nicht preis. Wer die Reihe DEGS1 des RKI kennt, weiß, dass sie eine Vielzahl von Einzelpublikationen enthält, so dass man das Fehlen eines konkreten Belegs im Beitrag von Frau Stalinski als bewusste Unterschlagung werten muss. Unter diesen Einzelpublikationen findet sich eine Publikation mit dem Titel “Sozioökonomischer Status und Gesundheit”, von T. Lampert et al. und im Bundesgesundheitsblatt 56 (Mai 2013) veröffentlicht. Und es ist auf Seite 816 dieser Publikation, dass die Suche nach dem Ursprung der Daten von Stalinski erfolgreich ist.

Zunächst zum Gegenstand. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Lampert et al. ihren Beitrag mit “Sozioökonomischer Status …” überschrieben haben und eben nicht mit “Armut”. Sozioökonomischer Status oder SES wiederum ist aus Veröffentlichungen von WHO und OECD bestens bekannt und wird, wie Lampert et al. in ihrem Beitrag so deutlich schreiben, dass es selbst Frau Stalinski gelesen haben könnte, wie folgt berechnet:

Armut

Armut

“Der sozioökonomische Status wird in DEGS mithilfe eines Index erfasst … Der sog. SES-Index wird auf Basis von Informationen zur schulischen und beruflichen Bildung, zur beruflichen Stellung sowie zum Netto-Äquivalenzeinkommen als mehrdimensionaler Punktsummenscore berechnet. Dabei werden die 3 Ausgangsvariablen zunächst in metrische Skalen überführt, die Werte zwischen 1,0 und 7,0 annehmen können. Da die 3 Dimensionen mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung des SES-Index eingehen, reicht der Wertebereich von 3,0 bis 21,0. Ausgehend von dem Index wird für die Analysen eine verteilungsbasierte Abgrenzung von 3 Statusgruppen vorgenommen, wobei die niedrige und hohe Statusgruppe jeweils 20% der Bevölkerung und die mittlere Statuusgruppe 60% der Bevölkerung umfasst” (815) [Hervorhebung von mir].

Es ist eine Eigenart dieser Berechnung, dass eine Hausfrau mit Abitur, die – weil auf Elterngeld und in der Ausbildung – unter 60% des Median-Einkommens liegt, zu den unteren 20% im SES-Index zählt, ebenso wie der Bundeswehrsoldat, der Hauptschulabschluss hat und knapp über der 60%-Grenze des Nettoäquivalenzeinkommens liegt. Auch Studenten, die von Bafög und Gelegenheitsjobs leben, haben eine gute Chance, sich in der niedrigen Kategorie von SES wiederzufinden. Kurz: Ein niedriger sozio-ökonomischer Status hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Man sollte von einer Journalistin erwarten können, dass sie in der Lage ist, diesen Unterschied zu erkennen bzw. erkennen zu wollen. Aber natürlich ist dazu eine Transferleistung vonnöten und wie die PISA-Studien gezeigt haben, hapert es mit Transferleistungen bei deutschen Schülern und offensichtlich, so muss man ergänzen, auch oder gerade bei Journalistinnen.

Nun zu den Daten, die belegen sollen, dass Armut krank macht. Ich bitte die Leser sich noch einmal die Tabelle anzusehen, in der von Frauen und Männern und von sozial benachteiligten Frauen und Männer die Rede ist. Es reicht, die Prozentwerte zum schlechten subjektiven Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dazu heißt es in der Publikation des RKI (Lampert et al., 2013):

“Nach den DEGS1-Daten schätzen 25,3% der 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland ihren allgemeinen Gesundheitszustand als “mittelmäßig”, “schlecht” oder “sehr schlecht” ein. Auf Frauen trifft dies mit 27,1% häufiger zu als auf Männer mit 23,4%.” Vermutlich sehen sie andere Prozentwerte in der Tabelle von Frau Stalinski – falsche! Denn: “Frauen mit niedrigem SES schätzen zu 43,5% ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht ein. In der mittleren und höheren Statusgruppe sind es 26,2% bzw. 11,8%. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 36,7% in der niedrigen, 22,3 in der mittleren und 14,2 in der hohen Statusgruppe” (816).

Wie sich zeigt, werden auf Tagesschau.de entweder Daten mutwillig gefälscht oder es werden willkürlich irgendwelche Daten präsentiert, in der Erwartung, dass sie niemand nachprüft. So gibt es im Bericht des RKI keine Daten für “sozial benachteiligte” Männer oder Frauen, es gibt keine Daten für einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. Und die Werte, die in der Tabelle für Männer und Frauen angegeben werden, sind falsch, denn es handelt sich um die Werte für Männer und Frauen in der oberen 20%-SES-Gruppe.

Wer nun denkt, damit wäre die Verbreitung falscher Daten am Ende, der sei an das Zitat aus dem Bericht der ARD erinnert: “nur” 11,8% der sozial benachteiligten Frauen, so heißt es da, erkranten an Diabetes mellitus, nur 3,2 Prozent der Frauen mit hohem sozialen Status und die entsprechenden Zahlen für Männer sind 11 Prozent und 6,3%. Was nun steht im Original? Welche Ergebnisse haben die Forscher des RKI tatsächlich veröffentlicht:

“Die Lebensprävalenz für Diabetes mellitus liegt in der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung bei 7,4%, wobei nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen (7,5% gegenüber 7,2%). Mit zunehmendem Alter steigt die Verbreitung von Diabetes mellitus deutlich an, bis auf 17,5% bei 65- bis 79-jährigen Frauen und 21,4% bei gleichaltrigen Männern”. Nun der vermeintlich von Stalinski zitierte Teil: “Von den Frauen mit niedrigem SES wurde bei 11,8% schon einmal Diabetes festgestellt. Die Vergleichswerte für Frauen mit mittlerem und hohem SES betragen 7,3% und 3,2%. Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen. Die Prävalenz beträgt in dieser Gruppe 11,0%, während sie bei Männern mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status bei 6,1% bzw. 6,3% liegt” (816).

counterfeiterMan beachte, dass die zitierte Passage die Daten in einen Rahmen einordnet, der keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt. Man beachte ferner, dass “soziale Benachteiligung” im Text des RKI nicht vorkommt. Beides entstammt der Phantasie von Frau Stalinski, die sich offensichtlich wünscht, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer und es gerne sähe, würden Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status benachteiligt. Außer Frau Stalinski wünscht sich das jedoch (hoffentlich) niemand, und deshalb beschreibt der soziale Status eine Lebenssituation (die sich ändern kann), er beschreibt einen gegenwärtigen Zustand und keine Handlung Dritter, die Inhaber des entsprechenden sozioökonomischen Status’ benachteiligen oder diskriminieren. Wie gesagt dies alles entspringt der erschreckenden Phantasie von Frau Stalinski.

So einfach ist Meinungsmache in Deutschland. Man stellt eine unsinnige Behauptung auf: Armut macht krank, zitiert dazu eine Person, die vielleicht als “kompetent” durchgeht, die etwas behauptet, was irgendwie unter das Rubrum “Armut macht krank” passt. z.B. weil ähnlich klingende Begriffe verwendet werden. Man sucht im nächsten Schritt Daten, die passen könnten, unterschlägt , dass die Daten nicht Armut sondern sozioökonomischen Status messen (oder versteht den Unterschied nicht), unterschlägt weiter, dass nicht “schlechter Gesundheitszustand”, sondern mittelmässig bis sehr schlechter Gesundheitszustand dargestellt wird, macht aus dem Zustand “niedriger SES” eben einmal “sozial benachteiligt” und schon ergibt sich ein veritabler Brei von Unsinn, der zwar nicht der Empirie entspricht, sondern schlicht fabuliert ist, aber der sich trefflich von denen nutzen lässt, die sowieso und ständig auf der Suche nach Munition für ihre ideologischen Schlachten sind.

Öffentliche Medien haben eine Sorgfaltspflicht. Falsche Informationen, Propaganda und ideologische Verfälschungen haben in Medien, die von Gebührenzahlern finanziert sind, keinen Platz, und entsprechend sollte sich die ARD schnellstens daran machen, diesen falschen Bericht richtig zu stellen und Frau Stalinski zu entlassen, denn wer dermaßen unbedarft ans Werk geht, vor dem muss die lesende Welt geschützt werden.

Ich habe meinerseits eine Email an das RKI geschrieben und eine Stellungnahme angefordert. Hier meine Email an den Präsidenten des RKI:

Sehr geehrter Herr Burger,
die heutige Ausgabe von Tagesschau.de enthält einen Text, in dem unter der Überschrift “Armut macht krank” Daten des RKI präsentiert werden. Nahezu alle präsentieren Daten sind falsch bzw. verfälscht, und es wird der Eindruck erweckt, das RKI werde von einer Anzahl methodisch illiterater Forscher bevölkert, die nicht wissen, was Sie erhoben und ausgwertet haben. Der Beitrag ist für das RKI in höchstem Maße rufschädigend, und ich halte es von daher für ratsam, wenn Sie eine Richtigstellung veranlassen.
Hier der ARD-Beitrag:

http://www.tagesschau.de/inland/armutgesundheit100.html

und hier meine Besprechung des ARD-Textes auf dem Wissenschaftsblog ScienceFiles:

http://sciencefiles.org/2013/05/28/herz-schmerz-opus-die-ard-verfalscht-munter-daten/

P.S.

Man kann natürlich auch das RKI nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Was die Forscher dazu verleitet hat, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als “mittelmäßig” mit den Einschätzungen “schlecht” und “sehr schlecht” zu kombinieren, ist ein Frage, deren Antwort zu finden jedem selbst überlassen ist. Methodisch Versierte werden vermutlich vermuten, dass die Mittelkategorie (wie zumeist) “mittelmäßig” deutlich stärker besetzt ist als die beiden Extremkategorien, und falls dies der Fall sein sollte, haben die RKI-Forscher ihren Teil zur Irreführung der Öffentlichkeit beigetragen. Zudem verkaufen uns die Forscher eine Korrelation als Kausalität “Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen.” Das ist ebenfalls ein massiver Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit, aber ich befürchte, es ist heutzutage dem Fehlen einer Methodenausbildung an den meisten Universitäten anzulasten.

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Wahlprüfsteine und Stolpersteine: Das Rollenverständnis des Bundesforum Männer

Bald sind Wahlen, also die Ereignisse, bei denen Stimmzettel in Wahlurnen gesammelt, gezählt und als Legitimation für alles missbraucht werden, was später folgt – im Namen der Wähler versteht sich.  Entsprechend ist die einzige Macht, die ein Wähler tatsächlich hat, die, der Wahl fern zu bleiben. Nur so kann er verhindern, dass nach der Wahl mit seiner (Zu)Stimm(ung)e Schindluder getrieben wird. Aber das nur vorweg.

Wahlen sind nicht nur nekrophile Handlungen an einem morbiden Regierungssystem, ihr Vorfeld ist auch der Anlass dafür, dass eine ganze Reihe von “pressure groups” oder von “single interest groups” versuchen, sich in Szene zu setzen. Eine dieser Gruppen ist das Bundesforum Männer, jene Interessenvertretung für Männer, die am Tropf des Ministeriums für alle außer Männer hängt. (In modernen Zeiten finanzieren die Regierungen Lobby-Gruppen gleich selbst, das hat den Vorteil, dass man nicht mit Ansprüchen konfrontiert wird, mit denen man nicht konfrontiert werden will bzw. nicht schon im Vorfeld gerechnet hat.). Das Bundesforum Männer hat die bevorstehende Bundestagswahl zum Anlass genommen, um Wahlprüfsteine zu veröffentlichen, Wahlprüfsteine, in denen wichtige Themen, die Männer bewegen oder betreffen, angesprochen sein sollen.

ArneWer sich mit “Männerthemen” beschäftigt, dem fallen eine Menge Themen ein, die Männer betreffen. Die Reihe reicht von der im Vergleich zu Frauen niedrigeren Lebenserwartung von Männern über die Nachteile von Jungen im Bildungssystem, das Abschieben von Jungen auf Sonderschulen bis zum Prostatakrebs. dessen Früherkennung immer noch brachialer Fingermethoden bedarf. Es gibt also eine Vielzahl von Themen, die Männer betreffen und von denen man erwarten würde, dass sie eine Organisation, die sich als Interessenvertretung von Männern sieht, aufgreift. Die wohl umfangreichste Zusammenstellung dieser Männerthemen findet sich immer noch in  Arne Hoffmanns Buch “Sind Frauen die besseren Menschen?”

Beim Bundesform ist alles anders. Beim Bundesforum “Männer” interessiert man sich nicht um schnöde Fragen des Lebensalltags von Männern (von dem Monsterproblem “Beschneidung”, über das sogar steuerzahlerfinanzierte Tagungen abgehalten werden müssen, einmal abgesehen), beim Bundesforum Männer interessiert man sich für die Agenda des Staatsfeminismus, macht man sich zur fünften Kolonne des Staatsfeminismus. Dies war die Behauptung, der Beleg folgt auf dem Fuss, und zwar per Dokumentenanalyse.

Die Dokumentenanalyse ist eines der nützlicheren Instrumente qualitativer Sozialforschung, vornehmlich deshalb, weil man prüfen kann, ob eine Interpretation einem Dokument Gewalt antut. Eine ziemlich umfassende und bei umfangreichen Dokumenten unhandliche bis kaum nutzbare Methode, der Dokumentenanalyse wurde von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt, um, wie man sagen könnte, der theoretischen Basis, dem unausgesprochenen Hintergrund, dem, was eine Gedankenfolge zusammenhält, auf die Spur zu kommen. Man kann die Methode entsprechend nutzen, um dem, was hinter vielen Worten steht, aber nie direkt ausgesprochen wird, auf die Spur zu kommen. Und genau in dieser Weise habe ich die Grounded Theory und im Hinblick auf die Wahlprüfsteine des Bundesforum Männer benutzt.

Grounded TheoryMethodischer Einschub: Grounded Theory ist eine umfangreiche und schnell ausufernde Methode, die Sätze und Aussagen in fünf Elemente zerlegt, nämlich Phänomene (das, was die Aussagen, Sätze verbindet), kausale Zustände (das, was vom Phänomen verursacht wird), den Kontext (das, in dessen Rahmen kausale Zustände nur Sinn machen), Handlungsstrategien (das, was gemacht werden soll, um ein Phänomen zu “bearbeiten”) und intervenierende Zustände (das, was die Bearbeitung des Phänomens erschwert oder vereinfacht). Die so zerlegten Sätze werden dann über stufenweise komplexerwerdende Kodierformen (offen, axial und selektiv) zu einer Geschichte verwoben, die eine Theorie darüber aufstellt, was die analysierte Gedankenwelt im Innersten zusammenhält.

Der Wahlprüfsteine des Bundesforums Männer sind nicht allzu viele, so dass die Grounded Theory angewendet werden kann, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Entsprechend habe ich die Gedankenwelt, in der die Mannen des Bundesforums leben, wie folgt und durch axiales Kodieren auf drei Kategorien reduziert:

  1. Traditionale Männerbilder sind schlecht und müssen verändert werden;
  2. Männer wollen Kinder und haben ein Vereinbarkeitsproblem;
  3. Umerziehung ist das Mittel um 1 und 2 umzusetzen, dazu braucht es hauptamtliche “Männerhelfer”;

Dieses “Männerbild” ist – wenig überraschend – dasselbe Männerbild, das vom Bundesministerium für FSFJ, allen Aktivisten der staatsfeministischen Bewegung und allen denjenigen geteilt wird, die sich bei feministischen Netzwerken (diejenigen, die über die öffentliche Finanzierung verfügen) andienen wollen. Das Bundesforum Männer wird hier seiner Stellung als Satellit in finanzieller Umlaufbahn zum BMFSFJ voll und ganz gerecht.

Doch zu den Fundstellen im Einzelnen:

Bundesforum_Maenner_gross1“Jungen, Männer und Väter stehen vor großen Herausforderungen. Traditionelle Rollenmuster passen vielfach nicht mehr zu heutigen Anforderungen und Bedürfnissen [wessen?]. … Eine konsequente Gleichstellungspolitik sollte helfen, eineingende Geschlechterrollen zu überwinden. … setzt voraus, dass sie vielfältige Formen von Männlichkeit erleben können … Das Bundesforum Männer fordert entsprechend geschulte Fachkräfte, die Jungen und ihren Bezugspersonen die Möglichkeit bieten, sich mit tradierten Geschlechtervorstellungen auseinanderzusstzen …, um ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. .. Gewalthandeln ist Teil traditioneller Männlichkeitsstrukturen. … Männern muss allgemein zugestanden werden, dass sie verletztbar sind. (…) Nur so können traditionelle Männlichkeitsrollen erweitert, kann erlerntes gewalttätiges Verhalten hin zu einer gewaltfreien Sozial- und Konfliktkompetenz verändert werden. … Väter haben Vereinbarkeitsproblem. Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. … Dazu gehören verlässliche Betreuungsangebote für Kinder, Arbeitszeitmodelle, die an Phasen und Ereignisse des Lebens orientiert sind… “.

Die Belege für die drei oben genannten Kategorien zeigen nicht nur deutlich, dass es dem Bundesforum Männer nicht um Männer oder Jungen geht, denn dazu müsste man Männer und Jungen als solche Ernst nehmen, sie respektieren, was voraussetzt, dass man auch Männer mit traditionellem Rollenverständnis respektiert, sondern darum, die staatsfeministische Agenda, nach der Männer vom, wie man formulieren könnte, hegemonialen Mannskerl zum devoten Waschlappen, der die einengende Geschlechterrolle traditionaler Männlichkeit, mit der tief in Falten gelegten hohen Stirn und ansonsten angsterfüllter Untätigkeit getauscht hat, transformiert werden. Devote Waschlappen sind für Herrschaftssysteme von allergrößtem Wert, weil von ihnen kein Widerspruch zu erwarten ist, man kann sich ihrer etwa in der Weise sicher sein, wie sich das BMFSFJ sicher sein kann, dass vom Bundesforum Männer nichts kommt, was kritisch oder kontrovers oder der BMFSFJ-Vorgabe widersprechend ist. Soviel zum traditionalen Männerbild.

Obwohl der neue Mann des Bundesforums nicht traditional ist, hat er doch einen massiven “traditionalen Bias” wie man sagen könnte, denn er ist nur als Vater und trotz allem Ausprobierens von verschiedenen Formen der Männlichkeit denkbar. Aber da ein hegemonal männlicher Vater ein bread winner oder main income earner ist, kann der neue Mann, der mit der hohen Stirn und dem verlorengegangenen Lebenssinn, nur einer sein, der sich am Vereinbarkeitsproblem beteiligt, das Frauen seit Jahrzehnten angedichtet wird. Der neue Mann hat den Wunsch zu haben, nicht nur Kinder zu produzieren, sondern sich auch um sie zu kümmern, am besten als halbtagskraft in der “Kita”, damit “absurde” Träume an z.B. ein einsames Haus am See auch gar nicht erst aufkommen und das lebenslange Leben am Tropf der “Gemeinschaft”, als Transfer-Lebensentwurf gewährleistet ist.

chickenelectionUnd wo wir gerade beim Tropf der Gemeinschaft sind: Natürlich braucht der neue Mann Unterstützung und Beratung und Hilfestellung und all das fordert das Bundesforum Männer für seinen “neuen Mann” und legt damit die Grundstruktur erfolgreichen Nutznießens frei: (1) Man erfinde ein Problem, z.B. eines mit hegemonialer Männlichkeit, (2) man mache das Problem bei Politikern populär (denn Politiker glauben bekanntlich jeden Unsinn) und (3) fordere die Einrichtung von Beratungs- oder Hilfestellen, um das gerade erst geschaffene Problem dauerhaft im öffentlichen Diskurs zu verankern und sich selbst eine weitere Einnahmequelle zu verschaffen. Dies Form des Nutznießens ist in “modernen Gesellschaften” endemisch. Das Bundesforum Männer ist nur eine Ausprägung davon.

P.S.

Das Bundesforum Männer behauptet  in seinen “Wahlprüfsteinen”, dass traditionelle Männlichkeit mit Gewalt einhergeht: “Gewalthandeln ist Teil traditioneller Männlichkeitskonstruktionen”. Ich habe im Text darauf verzichtet, diesen staatsfeministischen Unsinn zu thematisieren, will aber an dieser Stelle nicht darauf verzichten, Frauen, die von sich nicht der Ansicht sind, dass sie zu keinerlei körperlicher Form von Gewalt oder Selbstverteidigung fähig und entsprechend friedfertige Dummchen sind, aufrufen, nach Berlin, zum Bundesforum zu fahren, und einem der Anwesenden “neuen Männer” eine Kostprobe weiblicher Gewalt zu geben, etwa in Form einer Ohrfeige. Keine Sorge, eine Anzeige wegen “einfacher Körperverletzung” wird es nicht geben, denn Gewalt ist Teil traditioneller Männlichkeit, und entsprechend kann eine Ohrfeige, von einer Frau an ein Mitglied des Bundesforum verteilt, nur eine Form der Liebkosung oder was auch immer, jedenfalls keine Gewalt sein.

P.P.S.
Dr. habil. Heike Diefenbach, Expertin u.a. in Fragen hegemonialer Männlichkeit, ist nach Lektüre des Textes zum Schluss gelangt, dass es an der Zeit wäre, Männer am Diskurs über Männer zu beteiligen, also nicht Männer, die sich als neue Männer inszenieren, sondern normale Männer (statistisch normal versteht sich), die männliche Lebensentwürfe, z.B. als Dachdecker, Bauarbeiter oder Leiter eines Unternehmens leben. Aber Sie sieht ja auch ein grundsätzliches Demokratiedefizit in der Verfasstheit der Republik.

Mehr vom Bundesforum Männer: Manege frei für das Bundesforum Männer

Internationaler Frauentag

womens dazDas beste am internationalen Frauentag (8. März 2013) war, dass man kaum bemerkt hat, dass es ihn gibt. Wären da nicht die politischen Funktionäre in westlichen Ländern, die sich gegenseitig auf die Schultern schlagen und feiern, weil sie denken, es würde in der Welt jemanden interessieren, man hätte den Internationalen Frauentag gut und gerne übersehen können. Ich muss zum Anlaß des Frauentages gestehen, dass ich Niklas Luhmann in einem Punkt nicht nur verstehe, sondern ihm sogar zustimme: In Luhmanns Systemtheorie sind Akteure in geschlossenen Systemen dabei, miteinander einen Diskurs zu führen, und dieser Diskurs hat keine Verbindung zur Außenwelt. Luhmanns Systeme sind geschlossene Anstalten. Und wer die Reaktionen vornehmlich politischer Akteure zum Internationalen Frauentag, den die UN verkündet hat, weil sie sonst in ihrer Belanglosigkeit nichts zu verkünden hat (die UN kann ja nicht einmal für die Sicherheit ihrer Blauhelme sorgen), der kann nicht anders, als Luhmann in Bezug auf seine geschlossenen Anstalten bzw. Systeme Recht zu geben.

Aber, wir sind ein Wissenschaftsblog und deshalb kommt nunmehr der Beleg für den Binnendiskurs “Internationaler Frauentag” in der geschlossenen Anstalt politischer Akteure (Für diejenigen, die Spaß am Skurrilen haben, empfehle ich, sich auf Twitter den Hashtag #womensday anzusehen – mehr politischen Unsinn auf derart engem Raum bekommt man selten geboten. Der Blick in Twitter sei auch denen empfohlen, die das “Internationale” am Binnendiskurs analysieren wollen. Ich werde den Insassen der nationalen Diskurs-Anstalt über die Schulter schauen.). Der Beleg basiert auf einer Reihe von Fallstudien, fünf an der Zahl, die ein beredtes Zeugnis für Selbstgespräche unter politischen Akteuren abgeben.

Den Anfang der Analyse in Luhmann-Style macht das Familienminist, das zum “Internationalen Frauentag”, Folgendes zu sagen weiß:

“Für faire Chancen und für Entgeltgleichheit zu sorgen, ist nicht nur Teil der unternehmerischen Verantwortung, sondern liegt im ureigenen Interesse des Unternehmens. In Zeiten des demographischen Wandels wählen die gut qualifizierten Fachkräfte ihren Arbeitgeber sehr genau aus. Ob Familie und Beruf vereinbar sind und ob es faire Aufstiegschancen unabhängig von Geschlecht gibt, spielt dabei eine entscheidende Rolle”.

Kleine Hexe unzensiertDas Familienminist hat nie in einer richtigen oder wirklichen Arbeitswelt gearbeitet. Es ist vom universitären Schutzraum direkt in die Anstalt gewechselt, in der sich politische Akteure einfinden. Deshalb kann das Famlienminist auch nicht wissen, dass Geschlecht unter hochqualifizierten Fachkräften in der Tat keine Rolle spielt, denn die hochqualifizierten Fachkräfte werden wegen ihrer Qualifikation und unabhängig von ihrem Geschlecht von Unternehmen heftig umworben. Umworben werden also Individuen und nicht Geschlechtsteilgruppen. Und diese hochqualifizierten Individuen haben eine sehr gute Verhandlungsposition, da sie ein hoch spezialisiertes Wissen mitbringen, das man wiederum “Humankapital” nennt und das sie sich deshalb angeeignet haben, weil sie auf Fortpflanzung verzichtet haben und statt dessen in ihre Bildung, ihr Humankapital investiert haben. Und deshalb spielt für sie die Frage, ob Beruf und Familie vereinbar sind, keine Rolle, denn sie haben eine Berufung und Arbeitskollegen als Familie, Arbeitskollegen, mit denen man z.B. über die beste Antriebstechnik für #dragon diskutieren kann. Es mag für Leute in der geschlossenen Anstalt politischer Akteure schwer verständlich sein, aber es gibt Menschen, für die ist etwas anderes, als die Fortpflanzung wichtig.

Die Fallstudien zwei bis vier stammen aus den Zimmern die von DGB, GEW sowie SPD und Bündnis 90/Grüne (Link mit Bild!) in der gemeinsamen Anstalt bewohnt werden. Was Sie zum Frauentag beizutragen wissen, ist an Monotonie und Langeweile kaum zu überbieten:

Der DGB sieht Frauen in Deutschland in der Gleichstellung “nach wie vor” hinterherhinken und fordert deshalb, einen gesetzlichen Mindestlohn, eine Betreuungsinfrastruktur für Kinder, Entgeltgleichheit, einen Rechtsanspruch für die Rückkehr aus Teilzeit sowie “mehr Frauen in Führungspositionen” – warum auch nicht.

Bei der GEW ist die Bloglesern gut bekannte Anne Jenter (Unsinn des Jahres 2012-Preisträger) anlässlich des Frauentages wieder einmal unzensiert zu Wort gekommen. Und Jenter weiß, was “wir” brauchen: “Wir brauchen einen Politikmix aus: Zeit der Eltern für Kinder, guter Bildungsinfrastruktur von Anfang an, einer eigenen Existenzsicherung von Frauen und einer Kindergrundsicherung”.

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Adipositas jetzt auch unter Politikern?

SPD und Grüne warten mit etwas besonderem, einem Duo Infernale, wenn man so will, auf, das aus Sigmar Gabriel und Claudia Roth besteht. Sie wissen Folgendes zu sagen: “Ja, wir brauchen auch in Aufsichtsräten und Vorständen mehr Frauen. … Denn immer noch werden bei der gesellschaftlichen Arbeits- und Rollenaufteilung Frauen benachteiligt, allein weil sie Frauen sind. Noch immer müssen viele Frauen ihre Berufs- und Karrierewünsche zurückstellen, wenn sie Kinder haben. … Wir brauchen deshalb ein neues Verständnis der Geschlechter füreinander, unterstützt von Strukturen, die gleichberechtigte Partnerschaften ermöglichen. Dazu gehört auch: mehr Kitaplätze statt Betreuungsgeld und gleicher Lohn für gleiche Arbeit”.

Der Diskurs in der politischen Anstalt ist doch arg durch ein eher rustikales, traditionales, ja reaktionäres Rollenbild von Frauen geprägt. Diesem Rollenbild, wie es in DGB, GEW, bei SPD und Grünen vorherrscht, ist es unvorstellbar, dass Frau sein auch ohne Fortpflanzung möglich ist. Insofern stimmt, was Gabriel und Roth von sich in einem selten klaren Moment der Einsicht sagen: “Wir brauchen ein neues Verständnis der Geschlechter füreinander”. Und wenn Sigmar und Claudia dieses neue Verständnis irgendwann ereilt, dann werden sie vielleicht feststellen, dass das neue Verständnis so neu gar nicht ist, denn außerhalb ihrer Anstalt weiß man schon seit Jahrzehnten, dass die Zahl der kinderlosen Frauen, von Frauen also, die sich explizit gegen das reaktionäre “Verständnis von Geschlechtern”, das Sigmar und Claudia teilen, wehren, und nicht auf die ihnen von z.B. Sigmar und Claudia zugeschriebene Fortpflanzungsfunktion reduziert werden wollen, immer größer wird.

Den Abschluss in dieser kleinen Sammlung von Fallstudien macht “Ministerin Wanka”, deren Doktortitel nicht einmal von ihrem eigenen Ministerium ernst genommen zu werden scheint. Und die neue Ministerin für Bildung und Forschung hat anlässlich des Internationalen Frauentages unglaublich tiefe Einblicke in die Nützlichkeit der Genderforschung zu berichten:

Wanka“Werden etwa Roboter, die als Gehilfe dienen sollen, zu groß gebaut, können sie Frauen die Sicht versperren”, so fasst die Ministerin eines der herausragenden Ergebnisse der Genderforschung zusammen. Und ich frage mich seither, wie die Erfindung der höhenverstellbaren Leiter ohne Genderforschung jemals möglich gewesen ist.

Für einen Doktor der Mathematik ist es übrigens sehr erstaunlich, dass er noch nie etwas von “sum of squares within” gehört zu haben scheint, also davon, dass die Varianz innerhalb Gruppen fast immer größer ist, als die Varianz zwischen Gruppen. Oder, für die Ministerin und in aufbereiteter Form: Was machen wir mit den kleinen Männern, die nicht über die Roboter schauen können? Brauchen wir, um von ihnen zu erfahren, eine neue Gender-Studie? [Das stellt Dr. habil. Heike Diefenbach, langjährige Dozentin für u.a. Methoden und Statistik, fest und als sie das festgestellt hat, hatte sie eher einen gequälten Gesichtsausdruck.]

Und weiter geht es mit den Erkenntnissen der Neu-Ministerin: “Hier gibt es die Beobachtungen, dass Frauen beim Touchscreen eher auf Text und damit auch auf Menüleisten und Hinweise achten, während Männer sich stärker von Bildern angesprochen fühlen”. Revolutionäres Wissen, das die Ministerin da ereilt hat. Was bedeuten diese “Beobachtungen”, von denen wir zwar nicht wissen, wer sie gemacht hat, aber von denen wir wissen, dass sie die Ministerin für richtig hält, wohl für die zukünftige Gestaltung von Lohnsteuerformularen? Darf man in Zukunft mit männergerechten Lohnsteuerformularen rechnen, die aus Bildern bestehen, z.B. aus einer Hand, die in die Tasche eines nackten Mannes zu greifen versucht, als Piktogramm für die zu zahlende Steuer? Darf man in Zukunft damit rechnen, dass Fernsehgeräte für Frauen ausschließlich Bildschirmtext aufweisen, während die entsprechenden Geräte für Männer mit Bild aber ohne Bildschirmtext ausgeführt werden? Was machen wir mit tauben Männern, die Untertitel gewöhnt sind? Entwöhnen? Fragen über Fragen, die der Frauentag aufgeworfen hat.

bedlam1Der diesjährige Frauentag hat also viele neue Erkenntnisse erbracht, die indes mit dem Manko ausgestattet sind, dass sie ausschließlich für die Bewohner der Anstalt politischer Akteure von Interesse und Neuigkeitswert sind. Die Fallstudien haben gezeigt, dass die Dialoge innerhalb der Anstalt doch äußerst monoton sind, etwa der Art: Anne Jenter: “Wir” brauchen mehr Kinderbetreuungsangebote”. Antwort, Sigmar Gabriel: “Noch immer müssen Frauen wegen fehlender Kinderbetreuungsangebote eine Wahl zwischen Familie und Karriere treffen”. Reaktion Claudia Roth und DGB im Chor: “Die Betreuungsinfrastruktur ist nicht ausreichend”. Und Ministerin Wanka: “Die Genderforschung hat die Nützlichkeit höhenverstellbarer Kindersitze bewiesen”. Insofern muss man sich ernsthafte Sorgen, um den Gesundheitszustand der Insassen machen, die immer dieselben Themen miteinander austauschen und enstprechend in ernsthafter Gefahr geistiger Regression stehen. Aber das werden sie nicht merken, in ihrem geschlossenen Diskurssystem, in ihrer geschlossenen Anstalt, was immerhin ein Trost ist. Und wenn sie jetzt noch dafür sorgen könnten, dass von ihrem Diskurs nichts nach draußen, also außerhalb ihrer geschlossenen Anstalt dringt und dort auch keine Folgen nach sich zieht, dann wären – das behaupte ich jetzt einfach einmal – viele Deutsche sehr sehr dankbar. Für uns bei ScienceFiles gilt das in jedem Fall.

Die Konstruktion des Rechtsextremismus

“Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin,
und leider auch Theologie, durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar und ziehe schon an die zehen Jahr
herauf, herab und quer und krumm, meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen, bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren.”

Die Passage aus Faust, am Anfang dieses post, ist weithin bekannt, wie auch die Konsequenz bekannt ist, die der umfassend gelehrte Dr. Faust, der an die Grenzen seiner Erkenntnisfähigkeit gestoßen ist, aus seinem Bemühen, mehr zu wissen, zieht: Er schließt einen Pakt mit dem Teufel, mit Mephisto. Die Gefahr, dass Wissenschafler einen Pakt mit dem Teufel schließen, ist heute weitgehend dadurch gebannt worden, dass man den umfassend gelehrten Wissenschaftler durch Wissenschaftler ersetzt hat, die nur selten, wenn überhaupt über die Grenzen des eigenen Fachs hinaus blicken. Doch das ist nicht ganz richtig, im Osten der Republik, im Ort, an dem der Widerstand gegen die SED und ihr System seinen Ausgang genommen hat, gibt es einen Wissenschaftler, der dem Faustschen Ideal zumindest nahe kommt: Elmar Brähler. Elmar Brähler ist, verglichen mit dem durchschnittlichen deutschen Wissenschaftler (ein Typ in meiner Vorstellung), sehr breit ausgelegt. Man findet Texte, in denen er sich um “komorbide Belastungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS” kümmert, Texte, in denen er die Häufigkeit dementer Alter, die institutionalisiert werden müssen, berechnet, Texte, in denen er sich für die Verbreitung von Piercing und Tattoos interessiert, Texte, die der Untersuchung des Kinderwunsches gewidmet sind und last but not least, Texte, in denen er sich über die Verbreitung von Rechtsextremismus beklagt.

Elmar Brähler ist also wahrlich vielseitig und immer stützt er seine Texte auf Datensätze, die, wie Insider wissen, teuer sind, was die Frage aufwirft, wie die Brählersche Suche nach immer neuem Wissen, nach immer neuen Möglichkeiten, die eigenen Erkenntnisgrenzen hinauszuschieben, finanziert wird. Nun, es ist nicht Mephisto, der hier einschreitet, um das “Unmögliche” möglich zu machen, wir leben im 21. Jahrhundert. Die Mythologie ist heute prosaisch und wird weitgehend von politischen Parteien und ihren Anhängseln, im Fall von Elmar Brähler von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert.

Damit bin ich bei der gestern, also am 12. November der Presse vorgestellten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung angekommen, die den eigentümlichen Namen trägt: “Die Mitte im Umbruch – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012″ und der die ARD die folgenden Botschaften entnommen hat: Der Prozentsatz derer, die über ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild verfügen, sei von 8,2% auf 9% gestiegen (der Bundesbürger vermutlich, genau weiß man nicht, was hier berichtet werden soll) und weiter: dass Elmar Brähler und Oliver Decker, die die Untersuchung im Auftrag der “SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung” durchgeführt haben, der Ansicht sind, Rechtsextremismus sei ein Problem der “Mitte der Gesellschaft”. Nehmen wir diese Behauptungen zum Anlass, einen klärenden Blick in die von der Friedrich-Ebert-Stiftung “in Auftrag” gegebene Studie, zu werfen.

Die erste Klärung betrifft die Frage, auf welche Grundgesamtheit sich die 9% mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild beziehen sollen. Es ist offensichtlich, dass es sich bei diesen 9% um 9% der von Decker, Kiess und Brähler (es gibt noch einen dritten, der ARD offensichtlich unbekannten Autoren) bzw. von ihren Interviewern Befragten handelt. Aber: Die Autoren reklamieren, dass es sich dabei um 9% der Deutschen handelt, dass ihre Befragung repräsentativ sei und deshalb die Ergebnisse auf “alle Deutschen” hochgerechnet werden könnten. Um diese Behauptung zu belegen, haben die Autoren viel Platz der Beschreibung der dreistufigen Zufallsauswahl gewidmet, die garantieren soll, dass die ausgewählten und befragten Personen auch repräsentativ für die deutschen Bundesbürger insgesamt sind (24-26). Etwas im Gegensatz zu der ausführlichen Beschreibung der Stichprobenziehung steht die kurze Erwähnung der Tatsache, dass nur 56,5% der mit viel Aufwand identifizierten Befragten auch tatsächlich befragt wurden. Ich bin ausgewiesener Maßen kein Freund von Repräsentativität und halte die entsprechenden Behauptungen für Kaffeesatzleserei, aber selbst wenn man der Idee der Repräsentativität aufgeschlossen gegenüber steht, kann man dieselbe angesichts der Tatsache, dass 43,5% der zur Repräsentativität notwendigen Befragten, sich geweigert haben, Angaben zu machen oder schlicht nicht angetroffen wurden, kaum mehr behaupten. Will man es dennoch tun, dann muss man zeigen, dass die Ausfälle nicht systematisch, sondern zufällig verteilt sind. Letzteres unterbleibt ebenso wie ein Abgleich der Verteilung sozialstruktureller Merkmale im Datensatz mit der entsprechenden Verteilung in der Gesamtbevölkerung. Ich vermute, beides wurde mit gutem Grund unterlassen, und entsprechend machen sich die Autoren der Manipulation durch Unterlassung schuldig, indem Sie es unterlassen, den Stellenwert der 9% als 9%, der von ihnen Befragten, und eben nicht 9% der Deutschen, deutlich zu machen.

9% haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, so behaupten die Autoren. Das wirft bei mir die Frage auf, auf welcher Grundlage sie diese Behauptung aufstellen. Die Grundlage der Behauptung ist eine so genannte Itembatterie, sind insgesamt 18 Aussagen, denen Befragte voll und ganz bzw. überwiegend zustimmen können, die sie völlig oder überwiegend ablehenen können oder denen sie teils zustimmen, teils nicht zustimmen können. Für Insider ist damit klar, hier wurde Likert-skaliert, um ordinales Skalenniveau zu erreichen, das man metrisch interpretieren kann, um dann multivariat rechnen zu können. Für empirische Sozialforscher, die ihren Job ernst nehmen, ist darüber hinaus sofort ersichtlich, dass hier eine Form der “Manipulation” durch Befragung angewendet wird, denn es fehlt die Möglichkeit, zu Aussagen keine Angabe zu machen oder “weiß nicht” zu sagen. Wer sich nicht sicher ist oder keine Angabe machen will, muss die Mittelkategorie wählen und “teils/teils” angeben (eine teils zustimmend, teils ablehnende Kategorie, befördert möglicherweise die Schizophrenie bei Auswertern, ist aber logisch betrachtet völliger Unsinn, denn man kann einer klaren Aussagen nicht zur Hälfte zustimmen und sie zur Hälfte ablehnen (zu welcher Hälfte?), aber das nur nebenbei).

Wer nun denkt, er sei durch seine teils/teils Zustimmung/Ablehnung vor inhaltlicher Interpretation gefeit, der sieht sich getäuscht, denn: “Neben den teilweise hohen Zustimmungswerten, auf die wir im Fogenden noch eingehen werden, ist der große Anteil an “teil/teils”-Antworten hervorzuheben. Wir vermuten hinter diesen Antworten zumindest teilweise eine versteckte bzw. latente Zustimmung zu den vorgelegten Aussagen, die nicht geäußert wird, weil den … Probanden die soziale Erwünschtheit der betreffenden Aussage … bewusst ist” (28). So ist das, als Befragter von Decker, Kiess und Brähler ist man unter Generalverdacht, und wer nicht eindeutig ablehnt, gilt als rechtsextrem bis zum Beweis des Gegenteils (Zur sozialen Erwünschtheit, mit der hier in absurder Weise argumentiert wird, komme ich unten noch zurück).

Jetzt ist es an der Zeit, sich den Aussagen zu widmen, die genutzt werden, um “rechtsextreme Einstellungen” zu messen. Wer sich jahrelang mit der Erforschung von Rechtsextremismus befasst hat, wie ich das Anfang der 1990er Jahre getan habe, der kann nicht anders als zu gähnen, finden sich doch in der Studie von Decker, Kiess und Brähler dieselben Aussagen, die schon 1981 in der von Martin Greiffenhagen zu verantwortenden Studie “5 Millionen Deutsche: “Wir sollten wieder einen Führer haben” des SINUS-Instituts zu finden sind. Es sind dies Ladenhüter wie die folgenden:

  1. Wir sollten wieder einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.
  2. Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.
  3. Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen im Ausland.
  4. Das oberste Ziel deutscher Politik soll es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.

Bereits diese 4 der insgesamt 18 Aussagen machen deutlich, dass man die Ergebnisse nur interpretieren kann, wenn man ein festgefügtes Weltbild, einen festen Rahmen, innerhalb dessen, die Aussagen nur Sinn machen, verfügbar hat. Die Zustimmung zur ersten Aussage wird z.B. durch das Wörtchen “wieder” “verwerflich”, denn das “wieder” spielt, wie könnte es anders sein, auf Adolf Hitler an. Wer es übersieht, wer denkt, etwas Führung wäre gar nicht schlecht, hat die erste Stufe zum geschlossenen rechtsextremistischen Weltbild bereits erklommen. Die Aussagen 2 bis 4 sind zusammengenommen, Indikatoren für “Chauvinismus”, wie uns die Autoren lehren. Wieder ist die Bewertung nur nachvollziehbar, wenn man die Allgemeinplätze “starkes Nationalgefühl”, “deutsche Interessen”, und “Macht und Geltung” in der Weise füllt, die die Autoren voraussetzen und die sie für verwerflich halten. Wenn starkes Nationalgefühl im Stolz auf die Demokratie besteht, deutsche Interessen dadurch gewahrt werden sollen, dass die deutschen sozialen Systeme als EU-Standard eingeführt werden, und Macht und Geltung sich auf die Exportstärke der deutschen Wirtschaft bezieht, dann haben die Autoren daran vermutlich nicht viel auszusetzen. Aber Sie denken natürlich an etwas ganz anderes bei Macht und Geltung, bei deutschen Interessen und bei Nationalgefühl und Stolz, an vornehmlich verwerfliche Dinge, deren Konkretheit sie uns leider nicht mitteilen, obgleich sie sie ihren Befragten unterstellen. Bleibt festzuhalten, dass die Interpretation der drei Aussagen als “Chauvinismus” die Interpretation der Autoren ist, aus den Fragen kann man sie nicht entnehmen, und dass die Befragten die Allgemeinplätze so füllen, wie die Autoren es behaupten, kann man schlicht nicht belegen.

Theorie des geplanten Handelns, Ajzen (1988).

Aber selbst wenn es möglich wäre, auf Grundlage der Daten, die Decker, Kiess und Brähler erhoben haben, auf rechtsextreme Einstellungen zu schließen, so macht das noch kein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, und es heißt absolut gar nichts für das Verhalten der Befragten. Die Einstellungsforschung steht seit Jahrzehnten vor dem Problem, dass die gemessenen Einstellungen nur selten ein entsprechendes Verhalten nach sich ziehen. Käufer finden Autos einer bestimmten Marke ganz toll und kaufen dennoch ein anderes, Wähler geben eine Präferenz für die SPD an und wählen die Linke…: Wann immer Einstellungen gemessen wurden, hat sich gezeigt, dass sie nur dann mit Verhalten in Verbindung gebracht werden können, wenn die Bedingungen akribisch und höchst penibel bestimmt werden, unter denen dies der Fall ist (z.B. in der Theorie rationalen Handelns von Ajzen (1988)). Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, wie ein einfaches Beispiel deutlich macht. Befragte, die an der Befragung von Decker, Kiess und Brähler teilgenommen haben, mögen an bestimmter Stelle eine Einstellung entwickelt haben, die sich in die Absicht überträgt, den Autoren das Blatt mit ihren dummen Aussagen zu essen zu geben, wären sie nur da. Aus dieser Einstellung, die man fast schon als Handlungsabsicht bezeichnen kann, würde aber selbst dann kein entsprechendes Verhalten, wenn die Autoren mutig genug gewesen wären, ihre Befragten selbst zu befragen. Dann stünden u.a. Normen, die ein entsprechendes Verhalten verbieten, der Umsetzung der Einstellung entgegen, und um diese Normen zu überwinden, wäre einiges an Ärger und Aufgebrachtheit auf Seiten der Befragten notwendig, beides wiederum müsste durch entsprechendes Verhalten der Autoren provoziert werden. Kurz: Die Messung von Einstellungen als solche, sagt absolut nichts aus. Sie hat keinerlei vorhersehbaren Effekt auf die Realität.

Deshalb muss man sie stilisieren und das tun die Autoren dann auch, indem sie zum Ende ihres Textes den Pakt, den sie mit der Friedrich-Ebert-Stiftung geschlossen haben, durch weit hergeholte Fantastereien erfüllen, die mit den gemessenen Ergebnissen in keinerlei Zusammenhang stehen. So lernt der interessierte Leser, dass wir in Zeiten des Wandels leben (112), dass der “Begriff einer gesellschaftlichen Mitte” , das bezeichnet, “was zwischen ‘oben’ und ‘unten’ ist” (113). Dass die entsprechende Mitte mit finanziellen und ökonomischen Variablen gefüllt werden muss und dass der Wandel die ökonomische und finanzielle Sicherheit gefährdet (und nicht etwa neue Möglichkeiten schafft, wie man das von Wandel auch schon gehört hat) und dass es deshalb wichtig ist, den Neoliberalismus mit seiner “Grammatik der Härte” (118) einzuschränken, um die Menschen zu befähigen, mit der “Beschleunigung der Moderne” (118) mitzuhalten, um zu verhindern, dass sie rechtsextreme Einstellungen entwickeln. Ach ja, und dazu braucht man mehr Lehrer (119), mehr Sozialarbeiter und Sozialpsychologen (119) und vor allem viel Solidarität mit den sozial Schwachen (120). Es fehlt nur die Forderung einer stärkeren Förderung der Friedrich-Ebert-Stiftung, aber das wäre vielleicht selbst den Autoren zu offensichtlich gewesen.

Bleibt mir zum Abschluss noch auf zwei methodische und einen inhaltlichen Aspekte hinzuweisen:
(1) Die Anzahl derjenigen, die den entsprechenden Aussagen in aus Sicht der Autoren “verwerflicher Weise” zustimmen, ist offensichtlich so gering, dass man Befragte, die weder zustimmen noch ablehnen wollen, z.B. weil sie dazu gar nichts sagen wollen, zu denjenigen schlagen muss, die “verwerfliche” Antworten geben. Das entsprechende Vorgehen ist methodisch und ethisch mehr als bedenklich, und wenn ich Befragter der drei Autoren wäre, würde ich mir das mit dem Essen des Fragebogens noch einmal in Ruhe überlegen.
(2) Die soziale Erwünschtheit, die die Autoren denjenigen unterstellen, die “teils/teils” antworten, sich also nicht festlegen wollen, und die auf der Annahme beruht, dass die entsprechenden Befragten, die von ihnen erwünschte Antwort nicht zu geben bereit sind (!sic, eine erstaunliche Wendung der sozialen Erwünschtheit-Diskussion, die man nur  als methodische Unbedarftheit bezeichnen kann), kann mit dem selben Recht auf diejenigen übertragen werden, die aus Sicht der Autoren, die richtigen, ablehnenden Antworten gegeben haben: Sie haben offensichtlich gedacht: “Besser Du gibst die Antwort, die von Dir erwartet wird, als dass Du Dich als rechtsextrem diffamieren lässt”. Beide Aussagen, die zu sozialer Erwünschtheit, einmal um Entdeckung zu vermeiden und einmal um Diffamierung zu vermeiden, sind konkurrierend, für keine ist festzustellen, dass sie richtig oder falsch ist. Entsprechend ist die ganze Befragung schlichweg wertlos, eine Zeit- und Geldverschwendung, die nur dadurch ihre Begründung erfahren kann, dass es nicht um saubere und gute Forschung, sondern um ideologische Munitionierung geht, wie sehr deutlich wird, wenn man das folgende inhaltliche Ergebnis betrachtet:

(3) Dummerweise ist u.a. der oben besprochene Chauvinismus unter den Wählern und Anhängern der SPD und der Grünen am weitesten verbreitet. Das ist ein Ergebnis, das so natürlich nicht stehen bleiben kann, denn weder die SPD noch die Grünen sind im Weltbild der Autoren chauvinistische Parteien, und entsprechend wird das, was bedenklich wäre, würde es von Anhängern rechter Parteien geäußert, dann, wenn es Anhänger linker Partien äußern zum Beleg für die “große Integrationskraft” der entsprechenden Parteien (45), und es ist natürlich auf kein populistisches Zugeständnis der linken Parteien an den in der Gesellschaft vermuteten Öko-Chauvinismus oder an die von Linken so gerne geforderte Durchsetzung der politischen Korrektheit mit starker Hand. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich dann, dass die Studie methodisch und mit Blick auf die Erkenntnis keinen Gewinn bringt und ideologisch das Horn bläst, das man von der Friedrich-Ebert-Stiftung erwarten würde und dass es die Autoren blasen, nunja, wes’ Wein ich trink, des Lied ich sing, das wusste schon Dr. Faust, und so ist das eben, wenn man seine wissenschaftliche Seele an politische Vereinigungen übergibt.

Literatur

Decker, Oliver, Kiess, Johannes & Brähler, Elmar (2012). Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Luppa, Melanie, Luck, Tobias, Weyerer, Siegfried, König, Hans-Helmut, Brähler, Elmar & Riedel-Heller, Steffi G. (2012). Prediction of Institutionalization of the Elderly. A Systematic Review. Age and Aging 39(1): 31-38.

Schmidt, Sören, Brähler, Elmar, Petermann, Franz & Köglin, Ute (2012). Komorbide Belastungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie 60(1): 15-26.

Stirn, Aqlaja, Hinz, Andreas & Brähler, Elmar (2006). Prevalence of Tattooing and Body Piercing in Germany and Perception of Health, Mental Disorders, and Sensation Seeking among Tattooed and Body-pierced Individuals. Journal of Psychosomatic Research 60(5): 531-534.

Stöbel-Richter, Ive, Beutel, Manfred E., Finck, Carolyne & Brähler, Elmar (2005). The “Wish to Have a Child”, Childlessness and Infertility in Germany. Human Reproduction 20(10): 2050-2057.

Europäische Meinungsmacher II: Manipulieren scheint in der EU-Kommission an der Tagesordnung zu sein

Ich kann mich noch entfernt an eine Konferenz an der Universität Mannheim erinnern, deren Ziel darin bestanden hat, Wissenschaftler dazu zu bewegen, die Daten des Eurobarometer für ihre Forschung zu nutzen, um dem Eurobarometer eine entsprechende wissenschaftliche Reputation zu verschaffen. In bestimmten Bereichen der empirischen Integrationsforschung hat die EU-Kommission dieses Ziel erreicht und den Eurobarometer als Datenquelle etabliert. In den letzten Jahren hat die Kommission den Eurobarometer jedoch als Mittel entdeckt, mit dem man trefflich die Öffentlichkeit manipulieren kann, in dem man Erfolgsmeldungen verbreitet, die – wie könnte es anders sein – die eigene Politik oder die Vorhaben der Europäischen Kommission legitimieren.

Die Legitimation von Entscheidungen oder Politiken ist heutzutage sehr wichtig, leben doch viele Menschen in der Illusion das politische System, das sie umgibt, sei eine repräsentative Demokratie. Aus der Repräsentation als Idee der Teilhabe, ist zwischenzeitlich die Repräsentation als Idee der Zustimmung geworden. Nicht mehr aktives Tun macht die Repräsentation aus, sondern passives sich-befragen-lassen. In diesem Sinne hat sich die Europäische Kommission mit dem Eurobarometer ein Instrument geschaffen, um das jeder Propagandaminister die EU-Kommission beneidet. Nicht nur kann die EU-Kommission nach Lust und Laune zu bestimmten Themen Umfragen “in Auftrag” geben. Auch kann sich die EU-Kommission sicher sein, dass die entsprechend beauftragten Umfragen regelmäßig mit positiven Ergebnissen aufwarten,  die Politik der Europäischen Kommission bestätigen und in jedem Fall legitimieren. In diesem Sinne haben Europäer nach Angaben der EU-Kommission u.a. einer gesetzlichen Regelung der Frauenquote durch die EU-Kommission mehrheitlich zugestimmt, sich mehrheitlich für die Schaffung einer europäischen Verfassung ausgesprochen, die Initiative der Kommisison zur Einsetzung eines EU-Außenministers begrüßt, sind mehrheitlich mit der GAP zufrieden [Gemeinsame AgrarPolitik] und vieles mehr. Was auch immer die EU-Kommission sich ausdenkt, was auch immer die EU-Kommission ihrer Generaldirektion für Kommunikation zur Legitimation übergibt, immer findet sich in Eurobarometer-Umfragen eine Mehrheit von Europäern ein, um dem jeweiligen Gegenstand auch zuzustimmen.

Die regelmäßige, mehrheitliche Zustimmung ist erstaunlich – jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist sie nicht erstaunlich, denn nicht nur gibt es eine Reihe von Techniken der Manipulation und Suggestion in Umfragen, die das Ergebnis der Befragung beeinflussen, auch finden sich alle diese Techniken in den jeweiligen Fragebögen des Eurobarometer. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, kann man den Eurobarometer als eine Umfrage ansehen, in der alle Todsünden der empirischen Sozialforschung begangen werden, so dass die Ergebnisse “biased” und nicht valide sind, oder man kann den Eurobarometer als Meisterwerk der Persuasion und Manipulation ansehen, in dem die besagten Techniken so gut eingesetzt werden, dass immer herauskommt, was herauskommen soll – fast immer.

Dies habe ich bereits im März diesen Jahres am Beispiel des Eurobarometer 376, der sich mit der Meinung der Europäer zu “Frauen in Führungspositionen” beschäftigt hat, gezeigt. Suggestive Frage, die Auslassung offensichtlicher Antwortkategorien und widersprüchlich formulierte Fragen, sie alle finden sich im Eurobarometer 376, und sie alle finden sich, um es Viviane Reding, u.a. für Justiz bei der EU-Kommission zuständig (man kann es einfach nicht oft genug betonen) zu ermöglichen, zu behaupten, dass Europäer mehrheitlich für eine gesetzliche Regelung der Frauenquote in Aufsichtsräten seien. Dass es trotz aller Suggestion und Manipulation im Fragebogen doch noch notwendig war, die Antworten der Europäer so zusammenzufassen, dass eine Zustimmung herauskommt und es darüber hinaus noch notwendig war, die befragten Europäer hinters Licht zu führen, um ihre Zustimmung zu ergaunern, zeigt, dass auch Manipulation an ihre Grenzen stößt, Grenzen, die für Frau Reding allerdings nicht gelten.

Was mit Blick auf den Eurobarometer 376 und den persönlichen Feldzug der Frau Reding wie ein Ausrutscher aussieht, ist jedoch die Regel: Die Europäische Kommission manipuliert über ihren Eurobarometer die öffentliche Meinung in Europa und nutzt die so manipulierte öffentliche Meinung, um die eigenen Tätigkeiten und Politiken zu legitimieren, um sich die demokratische Legitimation zu verschaffen, die das Gremium, da berufen und nicht gewählt (sondern nur vom Europäischen Parlament bestätigt), nun einmal nicht hat. Diese Feststellung ist das Ergebnis einer Reihe von wissenschaftlichen Beiträgen, die mir geschickt wurden bzw. auf die ich aufmerksam gemacht wurde.

Ich habe nicht oft Gelegenheit, kritische Wissenschaftler in diesem blog zu loben und will es daher und ausdrücklich tun. Die im Folgenden benannten Wissenschaftler haben sich um die Wissenschaft und um die Demokratie verdient gemacht, indem sie auf die Manipulationen der Europäischen Kommission hingewiesen, sie offengelegt haben.

Markus Pausch (2008) ist der erste in der Reihe der Wissenschaftler, die sich kritisch mit der Europäischen Kommission und ihrer Nutzung des Eurobarometer auseinandersetzen. Pausch problematisiert die Nutzung des Eurobarometer zur Legitimation politischer Entscheidungen und gründet seine Kritik in erster Linie darauf, dass Europäer (1) regelmäßig zu europäischen Politiken befragt würden, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben, (2) die Antworten der Europäer regelmäßig so zusammengefasst würden, dass eine Zustimmung zu Politiken der EU-Kommission dabei herauskommt, und (3) dass über Antwortvorgaben und den Befragungskontext, in dem bestimmte Fragen gestellt werden, bestimmte Antworten präjudiziert werden. Kurz: Pausch kritisiert, dass manipuliert wird, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen.


Sylke Nissen (2012), die mir bereits vor einiger Zeit einen Beitrag geschickt hat, in dem sie die Benutzung des Eurobarometer unter unterschiedlichen Aspekten untersucht, ist der zweite der kritischen Wissenschaftler. Nissen zeigt, dass Fragen, die seit Beginn des Eurobarometer im Jahre 1973 und seitdem zweimal jährlich gestellt werden, obwohl sich ihr Wortlaut zwischenzeitlich verändert hat, in einer Reihe dargestellt werden, ganz so als hätte sich der Fragetext nicht verändert. Am Beispiel des selbsterklärten Interesses der Europäer an europäischen Angelegenheiten demonstriert Nissen, wie unterschiedliche Frageformulierungen sich positiv auf das Interesse an europäischen Angelegenheiten auswirken und wie die Europäische Kommission unterschlägt, dass die in der Abbildung dargestellte Entwicklung des Interesses kein erhöhtes Interesse, sondern eine veränderte Frageformulierung zur Ursache hat. Auch Nissen findet eine Reihe von manipulativen und suggestiven Techniken der Frageformulierung, mit denen sichergestellt werden soll, dass die Europäer auch die richtigen Antworten geben, die Antworten, die die Politik der EU-Kommission auch legitimieren, und last but not least, zeigt Nissen Auftraggebereffekte, d.h. wer bezahlt, bestimmt das Ergebnis der Befragung, ein Effekt, der bereits im Zusammenhang mit Eurobarometer 376 und der von Viviane Reding gewünschten Zustimmung zur Zwangsfrauenquote zu sehen war. Ihre Ergebnisse fasst Nissen eher zurückhaltend wie folgt zusammen: “Der öffentliche Gebrauch des Surveys [Eurobaromter] und seiner Ergebnisse macht aus dem Eurobarometer ein Politik-Instrument, in dessen Zentrum nicht mehr die Beobachtungs-, sondern die Interventionsfunktion steht” (16).

Auf die bislang umfassendste Kritik am Eurobarometer hat mich ein Leser dieses blog aufmerksam gemacht. Verfasst wurde sie von Martin Höpner und Bojan Jurczyk (2012), und ich lege die Arbeit angehenden empirischen Sozialforschern ans Herz, denn sie ist im Hinblick auf die korrekte Formulierung von Fragen grundlegend und deutlich informativer als die einschlägigen Lehrbücher. Höpner und Jurczyk konfrontieren die Fragen der Eurobarometer 43 bis 73.4 (von 1995 bis 2010) mit den zehn Grundregeln einer sauberen Umfrageforschung und finden Verstöße gegen acht der zehn Grundregeln:

  1. Fragen sind nicht verständlich oder missverständlich formuliert.
  2. Es werden hypothetische Fragen gestellt, für die keinerlei Kontext bereitsteht und die letztlich in sozial erwünschte Antworten münden.
  3. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Befragte, die von einem Fragegegenstand keine Ahnung haben, sich zu dem entsprechenden Fragegegenstand äußern. Im Gegenteil scheint es das Bemühen der Eurobarometer-Macher zu sein, Befragte zu Dingen wie Galileo, Treibhausgasemissionen in 20 Jahren und so weiter, zu denen sie sich nicht sinnvoll äußern können, zu befragen.
  4. Fragebatterien werden genutzt, um die Zustimmungstendenz, die Befragte in Fragebatterien, in denen sie sich nacheinander zu unterschiedlichen Gegenständen äußern sollen, nun einmal haben, in positive Antworten um zu münzen (zu den Reihefolgeeffekte: (Kirschhofer-Bozenhardt & Kaplitza, 1986, S.104).
  5. Befragte werden durch Unterstellungen in Fragen manipuliert (Manche sagen, dass …).
  6. Befragte werden durch Suggestivfragen manipuliert (… den Euro erfolgreich einführen).
  7. Antwortvorgaben sind einseitig zu Gunsten positiver Antwortmöglichkeiten verzerrt.
  8. Fragen werden in einen Kontext eingebaut, um die Befragten in die Stimmung zur positiven Antwort zu versetzen.

Höpner und Jurczyk finden abschließend und völlig ungewöhnlich für deutsche Wissenschaftler sehr deutliche Worte: “Nicht um mangelnde Sorgfalt geht es uns also, sondern um den begründeten Verdacht strategischer Manipulation. Dieser Verdacht ergibt sich aus der systematischen Gerichtetheit der Verstöße gegen die Regeln guter Umfrageforschung. Denn in ausnahmslos allen Fällen waren die Verstöße so gerichtet, dass sie geeignet waren, die Ergebnisse in eine pro-europäische, integrationsfreundliche Richtung zu lenken. Dass dies ohne Intention geschah, wollen wir ausschließen. Die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen muss also mit einem großen Fragezeichen versehen werden” (345-346).

Ich denke, angesichts der Belege, die allein in diesem post zusammengetragen wurden, muss man kein Fragezeichen mehr hinter die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen setzen, man muss schlicht konzedieren, dass der Eurobarometer keine wissenschaftliche Integrität mehr hat (falls er sie je hatte). Der Eurobarometer ist ein Manipulationsinstrument, ein Mittel zur Legitimationsbeschaffung, dessen sich die Europäische Kommission bedient, um nach Belieben öffentliche Rückendeckung für ihre Politiken herbei zu manipulieren. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass das Instrument, mit dessen Hilfe die Europäische Kommission Europäer manipuliert, von den Manipulierten, finanziert wird. Es entbehrt nicht einer gewissen Würze, dass die Manipulationen vermutlich Zustimmung zu Politiken vorgaukeln, die in Wirklichkeit von einer Mehrzahl der Europäer abgelehnt werden (sofern sie sie überhaupt kennen). Und es ist letztlich zynisch, wenn eine nicht demokratisch legitimierte Institution die Manipulation des sogenannten Souveräns nutzt, um diesem Souverän vorzugaukeln, er würde eigentlich die politische Macht in Händen halten. Angesichts des Ausmaßes an Missbrauch kann man eigentlich nur fordern, den Eurobarometer zu schließen, die Steuergelder, die dafür verschwendet werden, einzusparen und die Auskunft darüber, was Europäer wollen und was nicht, Wahlen oder Volksabstimmungen zu  überlassen – damit wäre dann auch die leidige Frage der demokratischen Legitimierung ein für alle Mal beantwortet.

P.S.
Am 11. September haben wir einen Offenen Brief an den Präsidenten der EU-Kommission José Manuel Barroso geschrieben. Darin werden u.a. die Praktiken der Manipulation der Öffentlichkeit angesprochen, die Viviane Reding nutzt. Bislang hat sich Herr Barroso nicht zu einer Antwort genötigt gesehen. Und nachdem ich die Beweislage in diesem post noch einmal habe Revue passieren lassen, ist mir auch klar, warum: in dem Offenen Brief steht für ihn nichts Neues, dass die EU-Kommission scheinbar alle verfügbaren Mittel nutzt, um die Öffentlichkeit zu manipulieren, ist ihm offensichtlich längst oder bestens bekannt.

Literatur:
Höpner, Martin & Jurczyk, Bojan (2012). Kritik des Eurobarometers. Über die Verwischung der Grenze zwischen seriöser Demoskopie und interessengeleiteter Propaganda. Leviathan 40(3): 326-349.

Nissen, Sylke (2012). Beobachtung oder Intervention. Das Eurobarometer im Prozess der Europäischen Integration. Universität Leipzig: Serie Europa – Europe Series No.4/2012.

Pausch, Markus (2008). Die Eurobarometermacher auf der Zauberinsel. Konstruktion einer europäischen öffentlichen Meinung durch Umfrageforschung. SWS-Rundschau 48(3): 356-361.

Bildnachweis:
Tumeke