Die guten Sitten – Neues aus der Anstalt

Die Sozialpsychologie kennt das Framing. Framing sagt letztlich, dass man durch die Formulierung von Aussagen, durch den Einbau negativer oder positiver Begriffe, bei den Adressaten der Aussagen bestimmte Wahrnehmungen und Bewertungen hervorrufen kann. Die Sozialpsychologie kennt die Projektion, die letztlich eine Form der Neurose darstellt, bei der die eigenen Befürchtungen nach außen verlagert und Dritten unterstellt werden. Die International Classification of Diseases (ICD-10) kennt die Manie (F30.1), die sich unter anderem in Wahrnehmungsstörungen niederschlägt;

Perceptual disorders may occur, such as the appreciation of colours as especially vivid (and usually beautiful), a preoccupation with fine details of surfaces or textures, and subjective hyperacusis. The individual may embark on extravagant and impractical schemes, spend money recklessly, or become aggressive, amorous, or facetious in inappropriate circumstances…

Soweit zur Theorie, nun zur Diagnose.

Die Diagnose beginnt im §8 Abs. 1 der Verordnung über die Zulassung von Fahrzeugen im Straßenverkehr:

Nuts in Bedlam(1) Die nach Landesrecht zuständige Behörde (Zulassungsbehörde) teilt dem Fahrzeug ein Kennzeichen zu, um eine Identifizierung des Halters zu ermöglichen. Das Kennzeichen besteht aus einem Unterscheidungszeichen (ein bis drei Buchstaben) für den Verwaltungsbezirk, in dem das Fahrzeug zugelassen ist, und einer auf das einzelne Fahrzeug bezogenen Erkennungsnummer. Die Zeichenkombination der Erkennungsnummer sowie die Kombination aus Unterscheidungszeichen und Erkennungsnummer dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen.

Die weitere Diagnose führt uns in die juristische Anstalt und die Frage, was als Verstoß gegen die guten Sitten anzusehen ist:

LU-MP“Die sog. Sittenwidrigkeit liegt vor, wenn etwas gegen die guten Sitten verstößt. Nach Ansicht der Rechtsprechung ist etwas sittenwidrig, wenn es gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht denkenden Menschen verstößt (BGH 10, 232; 69 297).” Oder: “Definition: Sittenwidrig ist das, was der herrschenden Rechts- und Sozialmoral entgegensteht.” Oder: “a) objektiv: auffälliges Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung. b) subjektiv: Unerfahrenheit, Willensschwäche, Mangel an Urteilsvermögen oder Zwangslage des Ausgebeuteten. c) Ausbeutung = Ausnutzung der Situation.”

Wie kann ein gegen die guten Sitten verstoßendes Kennzeichen aussehen?

Woran ist es zu erkennen?

Daran: DE – PP – 88 oder daran: STA – SI- 89 oder daran: SE – D – 89 oder daran: WAN – ZE – 99 oder daran: NK – WD – 47?

Weit gefehlt.

Man erkennt die sittenwidrigen Kennzeichen daran:

  1. KZ
  2. und dran: NS
  3. und daran: SA
  4. und daran: HJ
  5. und daran: AH
  6. und daran: SS
  7. und daran: HH
  8. und daran: N-PD
  9. und daran: N-SU
  10. und daran: IZ-AN
  11. und daran: HEI-L
  12. und daran: 18
  13. und daran: 88
  14. und daran: 14

Haben Sie die Sittenwidrigkeit erkannt?

Hier die Auflösung:

  1. ROW-DYKZ bedeutet natürlich Konzentrationslager und nicht etwa KennZeichen.
  2. NS bedeutet nicht Neue Sachlichkeit sondern natürlich Nationalsozialismus, was sonst?
  3. SA bedeutet SturmAbteilung nicht SonderAngebot;
  4. HJ bedeutet HitlerJugend und somit Pech für alle Hans-Jürgen, die ohne Wunschkennzeichen bleiben müssen. bad luck!
  5. AH ist nicht die Altherrenmannschaft sondern Adolf Hitler, für alle die es nicht wussten.
  6. SS ist die Sturmstaffel und nicht der SendeSchluss;
  7. HH, ja, da haben Sie gedacht, das sei Hansestadt Hamburg, aber nein, es ist Heinrich Himmler!
  8. NPD
  9. und NSU können wir überspringen, weil offensichtlich: NPD = Norwegian Petroleum Directorate und NSU ist Näh- und Strickunion;
  10. IZ-AN ist Nazi rückwärts, für alle, die es nicht gemerkt haben und wohl ein Präzedenzfall für ZK und AS;
  11. 18 ist: AH in Verkleidung, als Code, wenn man so will, nämlich der erste und der achte Buchstabe des Alphabets und AH, also 18 ist natürlich Adolf Hitler;
  12. in gleicher Unlogik ist 88 natürlich wieder der Hühnerzüchter aus München und
  13. 14 ist, nein nicht AD, sondern das als “14 Words bekannte rassistische Glaubensbekenntnis der White-Power-Bewegung der USA”.

Wir kannten die 14 Words nicht, entsprechend harmlos ist uns die Zahl 14 bislang vorgekommen. Aber nun haben wir ja eine Kleine Anfrage der Linken, aus der dies alles hervorgeht.

KI-NGEs gibt in Deutschland tatsächlich Landkreise bzw. Städte, die die Zeichenkombinationen, die oben dargestellt sind, nicht verwenden, die Zahlenkombinationen wie die oben dargestellten 18, 88, 14, nicht zulassen, weil damit ein geheimes Wissen einhergeht, das jedem Verkehrsteilnehmer sofort einleuchtet oder das “von Neonazis als Erkennungscode genutzt werden kann”. Man fragt sich wirklich, ob die entsprechenden Verwaltungsmenschen nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als ihre Einbildung in Kennzeichen zu lesen?

Für alle, die sich gefragt haben, ob sie von einem Sack voller Narren regiert und verwaltet werden, dürfte die Frage nunmehr beantwortet sein. Bleibt nur noch die Frage, welche der oben dargestellten Formen mentaler Störung bei den entsprechenden Verwantwortlichen vorhanden ist.

Wir haben dazu nur eines zu sagen: IQ – KA – 70 oder 22 14 19 9 14 14.

Übrigens die geheime Nachricht in den Lottozahlen dieser Woche, die die Nazis hineingeheimnist haben, lautet: YZCCBC-IDF (hat also offensichtlich etwas mit Israel zu tun!)

Öffentliche Verkehrsmittel sind schuld an Bildungsungleichheit

Eine Revolution, ein Paradigmenwechsel in der Bildungsforschung bahnt sich an!

Unglaublich wichtige Erkenntnisse aus der Welt der Bildungsforschung haben heute unser Augenmerk erregt. Dabei ist das Ergebnis einer Untersuchung, nein, was sage ich, einer “korrelativ angelegten Studie” (wenn jemand weiß, was das ist, dann soll er sich bitte bei uns melden, denn wir kennen nur quantitative Befragungen, die in einen Datensatz münden, der in Zeilen und Spalten organisiert ist und es z.B. erlaubt, Kreuztabellen oder Korrelationen zu berechnen. Insofern ist jeder Datensatz grundsätzlich der Berechnung von Korrelationen zugänglich, was die Frage, was eine “korrelativ angelegte Studie” ist, umso dringlicher macht), also eine “korrelativ angelegte Studie” hat ein besonders interessantes Ergebnis gebracht, nämlich den Stein der Bildungsweisen, nein, die Erklärung für alles, worauf die Bildungsforschung seit Jahrzehnten gewartet hat: Die Erklärung für Bildungsungleichheit.

Universitaet_zu_Koeln-SiegelBildungsungleichheit, also z.B. die soziale Stratifizierung von Bildungsabschlüssen: je höher der Bildungsabschluss desto weniger Kinder aus Arbeiterhaushalten, oder die Stratifizierung nach Geschlecht: Jungen machen seltener ein Abitur als Mädchen, dafür bleiben sie häufiger ohne Schulabschluss als Mädchen, oder die Stratifizierung nach Herkunft: Migranten, egal, wie viele Generationen vor ihnen die Einwanderung nach Deutschland stattfand, schneiden im deutschen Schulssystem schlechter ab als nicht-Migranten, all diese Formen der Bildungsungleichheit sind auf einen Schlag und mit einer “korrelativ angelegten Studie”, die Ralf Rummer, Professor für Allgemeine Psychologie und Instruktionspsychologie an der Unversität Erfurt und Petra Herzmann, Professor für Empirische Schulforschung an der Universität Köln durchgeführt haben, gelöst.

Schlechte Schulnoten, so eine (idealistische) Annahme, sind ursächlich für schlechte Schulabschlüsse und ursächlich für Grundschulempfehlungen, die auf Hauptschulen und nicht auf Gymnasien verweisen. Bildungsungleichheit resultiert (idealtypisch und) somit aus schlechten Schulnoten und den sich daraus ergebenden Schulwahlen. Entsprechend ist die Ursache schlechter Schulnoten mittelbar ursächlich für die Bildungsungleichheit in Deutschland (das ist eine einfach Anwendung der Transitivität der Implikation). Und nach langer Suche haben deutsche Forscher nun die mittelbare Ursache für die Bildungsungleichheiten gefunden: Öffentliche Verkehrsmittel sind schuld! Schlimmer noch: je mehr Zeit Schüler in öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten, desto negativer die Wirkung der öffentlichen Verkehrsmittel auf die schulische Leistung.

Uni erfurtDieses revolutionäre Ergebnis haben Ralf Rummer und Petra Herzmann bisher nur als Pressemeldung über die Universität Erfurt lanciert. Eine Veröffentlichung behalten sich die beiden Revolutionäre der Bildungsforschung offensichtlich noch vor, denn auch der Bitte von ScienceFiles, doch Näheres über die Ergebnisse und die Art und Weise, wie sie zustande gekommen sind, mitzuteilen, wurde von Ralf Rummer bislang mit Schweigen begegnet. Und so müssen wir die Brocken kommentieren, die uns die Pressemitteilung der Universität Erfurt bereitstellt.

Der Umsturz in der Bildungsforschung, dieser Paradigmenwechsel, der die Suche nach den an der Bildungsungleichheit Schuldigen ein für alle Mal von Schülern oder Lehrern oder von den Eltern von Schülern auf die öffentlichen Verkehrsmittel konzentriert, basiert auf den Angaben von “137 Schülerinnen und Schüler[n] der 6. Jahrgangsstufe eines großen, im ländlichen Raum angesiedelten Gymnasiums in Nordrhein Westfalen”, die Rummer und Herzmann “ins Visier” genommen haben. Erlegt haben sie dabei, wie schon gesagt, die bisherige Bildungsforschung, mit einer “korrelativ angelegten Studie”, wie bereits festgestellt (Ich kann die Studenten der Universität Köln, an der Petra Herzmann “empirische Schulforschung” lehrt, nur ermuntern, die Vorlesungen insbesondere zu “Methoden der empirischen Schulforschung” zu besuchen, denn dort werden scheinbar Geheimnisse ausgebreitet und revolutionäre Neuerungen eingeführt – man merkt, ich bin immer noch nicht über die “korrelativ angelegte Studie” weg gekomemn).

Doch zurück zu den “bahn”brechenden Ergebnissen, dazu verrät uns die Pressemeldung:

Schulbus“Erstaunlich: Die Daten weisen signifikante korrelative Zusammenhänge [das sind dann wohl Zusammenhänge, wie man sie nur in korrelativ angelegten Studien finden kann...?] zwischen dem in öffentlichen Verkehrsmitteln absolvierten Schulweg [ich habe meinen Schulweg immer mit, nie in öffentlichen Verkehrsmittel absolviert...] und der Gesamtdurchschnittsnote und der Durchschnittsnote der Kernfächer aus: Je länger Schüler in Bussen, Bahnen oder Pkw unterwegs waren, desto schlechter fielen ihre Schulnoten aus”. Aber: “Darüber hinaus zeigte sich, dass Kinder mit langen Fahrzeiten sogar mehr Zeit auf die Erledigung der Hausaufgaben … verwendeten als Kinder mit kürzeren Anfahrtszeiten”. Und: “Interessanter Weise zeigt sich kein Effekt der zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad zurückgelegten Zeiten”. Und deshalb: “Rummer: ‘Basierend auf weiteren statistischen Analysen haben wir festgestellt, dass nicht in erster Linie fehlender Schlaf oder weniger häusliche Lernzeit für die beeinträchtigende Wirkung langer Fahrzeiten verantwortlich ist, sondern dass sich die in Bussen und Bahnen oder Pkw verbrachte Zeit direkt in negativer Weise auf die Schulleistungen auswirkt”.

Damit haben wir die Hauptschuldigen: alles, was mit Motorkraft betrieben wird, ist schuld an der Bildungsungleichheit und nicht nur öffentliche Verkehrsmittel, nein, auch der Pkw ist schuld, während Fahrrad fahren und zu Fuß gehen als zumindest nicht leistungsbeeinträchtigend identifiziert sind. Schlimmer noch: Wer mit Motorkraft und in (öffentlichen) Verkehrsmitteln zur Schule kommt, dem hilft auch ein Mehr an Aufwand zur Erledigung der Hausaufgaben nicht, um die negative Wirkung der Verkehrsmittel zu kompensieren.

Was folgt aus diesen Ergebnissen? Zunächst muss man Vorsicht walten lassen, denn es ist nicht klar, wie lange die schädlichen Fahrzeiten eigentlich sind, da die Pressemeldung ohne ein relevantes Datum veröffentlicht wurde. Aber ignorieren wir diese Hürde, so ist die Forderung klar: Hausunterricht muss her oder Schüler müssen wieder per Rad oder zu Fuß zur Schule fahren/laufen. Wie Charles Dickens berichtet, war es z.B. im 18. Jahrhundert üblich, dass Schüler mehrere Stunden auf sich nahmen, um zu Fuß zur Schule zu kommen. Und natürlich wirkt sich diese Leibesertüchtigung nicht nur positiv auf die schulische Leistung aus, wie uns die Forscher aus Erfurt und Köln gerade gezeigt haben, nein, sie wirkt sich auch positiv auf Adipositas und körperliche Tüchtigkeit aus und: mens sana in corpore sano!

Schulweg_ErfurtLeider gibt es in der Pressemeldung einen abschließenden Satz, der den Paradigmenwechsel in Frage stellt und den Verdacht nährt, dass hier Artefakte berichtet werden und die öffentlichen Verkehrsmittel gar nicht schuld sind: bei Kindern mit überdurchschnittlichen Leistungen hat ein in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegter Schulweg keinen negativen Effekt auf die schulische Leistung. Also wirkt sich der Schulweg “korrelativ” auf die Leistung aus bzw. er wirkt sich nicht auf die schulische Leistung aus, jedenfalls dann, wenn die Leistungen “überdurchschnittilch” sind. Man fragt sich zunehmend, was die beiden Forscher da eigentlich gerechnet haben, und noch mehr frage ich mich, was man im Rahmen der “empirischen Schulforschung” an der Universität Köln eigentlich so lernt.

Bleibt abschließend noch darauf hinzuweisen, dass der nach wie vor mögliche Paradigmenwechsel bislang dadurch erschwert ist, dass es keinerlei theoretische Grundlage für den gemessenen Zusammenhang gibt. Wie (öffentliche) Verkehrsmittel Bildungsungleichheit verursachen, ist bislang ein Rätsel, leistungsmindernde Abgase oder leistungsmindernde und wenig kognitiv erbauliche Landschaften sind zwei ad-hoc Hypothesen, deren Gültigkeit erst noch zu klären sein wird. Aber es besteht kein Zweifel, dass irgend ein Forscher an irgend einer Universität in Deutschland einen “korrelativen” Datensatz hat oder gerade ein paar Fragen im Kopf hat, die er schon immer einmal stellen wollte und die dann, sind sie erst “korrelativ” untersucht, ganz wichtige, ja revolutionäre Erkenntnisse liefern. Wir haben dann eine weitere Antwort auf der Suche nach der passenden Frage.

Lass’ uns eine Sucht erfinden – Heute: Eßsucht –

Öfter einmal etwas Neues, so habe ich mir heute gedacht, und ausgerechnet einen alten Bekannten aus der Forschung zur Internetsucht gefunden: Dieselbe Skala, die zur Messung von Internetsucht und Spielsucht benutzt wird, wird nunmehr auch benutzt, um Eßsucht zu messen – unter dem Namen Yale Food Addiction Scale. Klingt doch gleich viel besser als Eßsucht – oder?

Nun aber ernsthaft, auch wenn die neuen Süchte aus dem Boden schießen, wie Pilze nach dem Regen. Die neue Suchtschwämme passt perfekt in dieses Zeitalter des Paternalismus, in dem sich selbsternannte Wächter über das Körpergewicht, den Teergehalt der Lunge, den Promillespiegel des Blutes an allen Ecken und Ende zu Wort melden, immer mit der Prämisse im Hinterkopf, dass Otto Normalverbraucher nicht in der Lage ist, das richtige Quantum Fett, Nikotin oder Alkohol selbst für sich zu bestimmen. Diese schleichende Entmündigung schlägt sich in Regulierungen nieder, die Otto Normalverbraucher daran hindern sollen, sich über Gebühr zu betrinken (es sei denn, es ist gerade Kölner Karneval). Und sie schlagen sich darin nieder, dass immer neue Süchte erfunden werden, die zum einen Süchtige, also Kranke, schaffen, denen man dann zum anderen, und zwar auf Kosten der Steuerzahler helfen kann.

Und die neueste Erfindung ist die Eßsucht. Vorbei sind die Zeiten eines Igor Maslow, in denen die Nahrungsaufnahme noch als Grundbedürfnis angesehen wurde. Vorbei die Zeiten, in denen Nahrungsaufnahme ein geselliges Ereignis war, bei dem die Bewohner Gallischer Dörfer um ein großes Feuer saßen. Auch die Nahrungsaufnahme wird heutzutage reglementiert, anhand von Angaben zu Kohlenhydraten, Kalorienmenge und ungesättigten Fettsäuren, und die Folgen der Nahrungsaufnahme werden als Body-Mass-Index (BMI) kategorisiert. Der BMI rangiert von zu dünn bis zu fett, und ab einer gewissen Grenze, wird der BMI-Träger zu einem Fall für diejenigen, die sich gerne um sein Wohlbefinden kümmern wollen.

EsssuchtDer neueste Schrei auf diesem Gebiet ist, wie gesagt, die Eßsucht, die anhand der Yale Food Addiction Scale (YFAS) gemessen wird. Die YFAS ist eine aufgepeppte Variante der Internet Addiction Scale (Eine der Skala zur Messung von “Internetsucht” finden interessierte Leser hier), was an sich schon die mannigfaltige Einsetzbarkeit der Sucht belegt. Und weil es so schön ist, hier ein paar Fragen aus der YFAS, mit denen Eßsucht gemessen werden soll.

Als Antwortkategorien für diese Fragen stehen (1) nie, (2) einmal im Monat, (3) 2 bis 4 Mal im Monat, (4) 2 bis 3 Mal in der Woche und (5) 4 Mal in der Woche bis täglich zur Verfügung.

    1. Ich esse bis ich mich unwohl fühle.
    2. Mein Eßverhalten sorgt für erhebliche Probleme.
    3. Meine Eßgewohnheiten verursachen mir erhebliche psychische Problemen, z.B. Depressionen, Angst, Selbst-Verachtung und Schuldgefühle.
    4. Ich habe festgestellt, dass ich immer größere Mengen von Nahrung aufnehmen muss, um das gute Gefühl zu erreichen, das ich mit Essen erreichen will oder um negative Gefühle zu unterdrücken.
    5. Wenn ich damit anfange, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann esse ich immer mehr als ich geplant habe.
    6. Zuweilen esse ich bestimmte Nahrungsmittel obwohl ich gar nicht nicht hungrig bin.
    7. Wenn ich bestimmte Nahrungsmittel nicht im Haus habe, dann fahre ich in einen Laden, um sie zu kaufen, und zwar auch dann, wenn ich andere Nahrungsmittel zuhause habe.
    8. Es gab Zeiten, da habe ich private oder berufliche Treffen gemieden, weil ich dort bestimmte Nahrungsmittel nicht bekommen habe.
    9. Wenn ich damit aufhöre, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann habe ich das heftige Verlangen danach, die entsprechenden Nahrungsmittel zu mir zu nehmen.
    10. Ich habe erhebliche Schwierigkeiten, in meinem täglichen Leben zu funktionieren (tägliche Routine, Beruf, Schule, soziale Aktivitäten, Familie), und zwar wegen meiner Eßgewohnheiten.

Und so geht das weiter. Wer die gesamte YFAS nachlesen will, der kann dies hier tun. Wer sich dafür interessiert, wie aus den Einzelitems eine Einteilung nach Eßsucht und nicht-Eßsucht gezaubert wird, der kann sich hier kundig machen.

GesundheitsfoederungWie ich schon oben bemerkt habe, finden sich nahezu identische Items zur Messung von Internetsucht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass an den Stellen, die sich oben auf Nahrung beziehen, Internet, im Internet sein usw. steht. Die entsprechenden Items sind also multifunktional, und wer gerne eine eigene Abhängigkeit erfinden will, der ist herzlich dazu eingladen uns die entsprechende Abhängigkeit nebst den zugehörigen Items zu schicken. Denkbar wäre z.B. eine aus dem Fenster-Schau-Sucht (auch als Hans-Guck-in-die-Luft-Syndrom bekannt), eine #Aufschrei-Sucht (auch als Gender-Sucht bekannt), eine Unsinn-Sucht (auch als das unter Funktionären weitverbreitete Spruchbeutelsyndrom bekannt) und vieles mehr. Wer Spass hat, kann die drei Süchte, die wir hier vorgeschlagen haben, gerne in die Items der YFAS packen und wie gesagt an uns schicken. Wir leiten Sie dann an die WHO und die American Psychiatric Association weiter und beantragen die Aufnahme der neuen Sucht in das DSM bzw. den ICD-10.

Wo es eine Skala gibt, da gibt es natürlich auch Forschung, und entsprechend findet sich bei Plos One ein Beitrag von 12 Autoren (eigentlich müsste man hier von einer Zusammenarbeits-Sucht sprechen), die gemeinsam einen sechseitigen Beitrag mit dem Titel “Food Addiction: Its Prevalence and Significant Association with Obesity in the General Population” verfasst haben (jeder Autor hat demnach eine halbe Seite beigesteuert), in dem so erstaunliche Dinge stehen wie:

      • 5,4% der Neufundländer (in Kanada) sind Eß-Süchtige. Eß-Süchtige finden sich häufiger unter Frauen (6,7%) als unter Männern (3%).
      • 88,6% der Eß-Süchtigen sind adipös, aber (das haben die Autoren vergessen, auszurechnen, deshalb habe ich es nachgeholt) nur 7,7% der Adipösen sind eßsüchtig.
      • “The third major finding from the current study is the significant correlation between ‘food addiction’ and the severity of obesity in the general Newfoundland population” (4). Die “general Newfoundland population” besteht im vorliegenden Fall aus 237 Männern und 415 Frauen. Wikipedia behauptet, auf Neufundland würden rund 479.000 Menschen leben, so dass hier eine gewisse Diskrepanz zu den Angaben der Autoren besteht.

cartoon cavemenSo ist das. Wer zu viel ißt, ist nicht etwa selbst verantwortlich, dass er zuviel in sich hineinstopft, nein, er ist süchtig nach Essen und weil er das ist, muss ihm geholfen werden, und zwar ärztlich, psychologisch, er braucht einen Gesundheitscoach, einen direkten Ansprechpartner bei der Krankenkasse, einen extra Vertrausmann im Unternehmen, sofern er arbeitet, wenn nicht ist der Vertrauensmann beim Arbeitsamt anzusiedeln, die WHO muss eine task force “food addiction” einrichten, die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Sonderforschungsbereich mit dem Titel “Warum eß’ ich nur so viel?”, mit dem Bewusstsein gebildet wird, finanzieren, und das BMFSFJ muss ein Forschungsprojekt in Auftrag geben, das den besorgniserregenden Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Geschlecht im neugegründeten Forschungsgang “Gender Fatness” untersucht.

Niemand ist derzeit so erfolgreich wie Sozialbesorgte, sich mit steuerzahlerfinanzierten Tätigkeiten zu versorgen. Fast, dass man den Hut ziehen müsste, wäre es nicht so offenkundig, so durchschaubar und methodisch so abgrundtief schlecht.

Herz-Schmerz-Opus: Die ARD verfälscht munter Daten

Armut macht krankHeute findet sich auf Tagesschau.de ein Herz-Schmerz-Opus, in dem sich Sandra Stalinski über die fetten und diabetischen Armen auslässt. Die selbsternannte Reglementiererin der Armen wartet in ihrem Beitrag mit einer Reihe von Behauptungen, Daten und vermeintlichen Erkenntnissen auf, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind falsch. Einmal mehr zeigt sich, dass Journalismus in Deutschland zum Betroffenheits-Fabulieren selbsternannter Möchtegern-Weltverbesserer geworden ist, einmal mehr zeigt sich, dass es derzeit in bestimmten Kreisen schick zu sein scheint, auf die fetten und rauchenden Unterschichtler zu schimpfen. Das ist natürlich meine deutliche Sprache, im Tagesschau.de geeigneten Deutsch heißt das: “Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen ein Schichten und Bildungsproblem”, so wird Frank Ulrich Montgomery zitiert, der darüber hinaus alarmiert darüber sein soll, dass die “Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander” gehe, was wie er woher auch immer weiß, dazu führen müsse, dass sich “die Gesundheitsprobleme” [Gesundheitsprobleme halt, arme Unterschichtler werden schon ein Gesundheitsproblem haben, das man vermarkten kann] verschärfen.

Fangen wir damit an, dass “Armut krank macht”, wie der unsinnige Titel des ARD-Beitrags behauptet. Nun ist Armut ein Zustand, der als Zustand nicht krank machen, also einen anderen Zustand herbeiführen kann. Man muss die unsinnige Überschrift also transferieren, etwa in: “Arme sind häufiger krank als Nicht-Arme” oder “Kranke sind häufiger arm als Nicht-Kranke”. Beide Aussagen sind voneinander verschieden, und beide Aussagen geben keine Kausalität an. Genau das behauptet aber die Überschrift: Armut sei kausal für Krankheit. Entsprechend war schon meine Operationalisierung ein Entgegenkommen, denn die im unlogischen Raum frei flottierende Autorin impliziert allen Ernstes, dass wer nicht arm ist, nicht krank werden kann, denn Armut macht krankt, nicht Nicht-Armut.

Da es Kranke gibt, die nicht arm sind, ist diese Aussage offenkundig falsch. Mehr noch: Sie stimmt nicht einmal für Arme, denn, wie das Statistische Bundesamt endgültig festgestellt hat:

„Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Stalinski in der ARD fabuliert, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Diese “relative Armut” ist der Gegenstand der “zahlreichen Studien” von denen Stalinski im ersten Absatz fabuliert, nicht absolute Armut wie Stalinski suggeriert.

Aber Stalinski beruft sich nicht auf die “zahlreichen Studien” zu relativer Armut: Um ihre unsinnge Behauptung zu stützen, dass nämlich Armut krank macht, missbraucht sie Daten aus der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” (DEGS1), wobei interessanter Weise kein Beleg angegeben ist, damit niemand nachprüft, vermutlich. Hier zunächst, was Stalinski der “soeben veröffentlichten Studie des RKI [Robert Koch Institut] zum Thema [Armut macht krank]” entnommen haben will:

ARD Datenfaelschung“36,2% Prozent der Frauen mit niedrigem sozialen Status [sind] adipös, also fettleibig (Männer 28,8 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem soziale Status nur 10,5 Prozent (Männer 15,5 Prozent) sind. Ähnlich verhält es sich bei Diabetes mellitus. 11,8 Prozent der sozial benachteiligten Frauen erkranken daran (Männer: 11 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem sozialen Status nur 3,2 Prozent sind (Männer: 6,3 Prozent).” Weitere Ergebnisse finden sich in einer Tabelle, die ich hier als Abbildung eingefügt habe.

Wie gesagt, Frau Stalinski gibt die Quelle ihrer Erkenntnis, die entsprechende Veröffentlichung des RKI, der sie den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit entnommen haben will, nicht preis. Wer die Reihe DEGS1 des RKI kennt, weiß, dass sie eine Vielzahl von Einzelpublikationen enthält, so dass man das Fehlen eines konkreten Belegs im Beitrag von Frau Stalinski als bewusste Unterschlagung werten muss. Unter diesen Einzelpublikationen findet sich eine Publikation mit dem Titel “Sozioökonomischer Status und Gesundheit”, von T. Lampert et al. und im Bundesgesundheitsblatt 56 (Mai 2013) veröffentlicht. Und es ist auf Seite 816 dieser Publikation, dass die Suche nach dem Ursprung der Daten von Stalinski erfolgreich ist.

Zunächst zum Gegenstand. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Lampert et al. ihren Beitrag mit “Sozioökonomischer Status …” überschrieben haben und eben nicht mit “Armut”. Sozioökonomischer Status oder SES wiederum ist aus Veröffentlichungen von WHO und OECD bestens bekannt und wird, wie Lampert et al. in ihrem Beitrag so deutlich schreiben, dass es selbst Frau Stalinski gelesen haben könnte, wie folgt berechnet:

Armut

Armut

“Der sozioökonomische Status wird in DEGS mithilfe eines Index erfasst … Der sog. SES-Index wird auf Basis von Informationen zur schulischen und beruflichen Bildung, zur beruflichen Stellung sowie zum Netto-Äquivalenzeinkommen als mehrdimensionaler Punktsummenscore berechnet. Dabei werden die 3 Ausgangsvariablen zunächst in metrische Skalen überführt, die Werte zwischen 1,0 und 7,0 annehmen können. Da die 3 Dimensionen mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung des SES-Index eingehen, reicht der Wertebereich von 3,0 bis 21,0. Ausgehend von dem Index wird für die Analysen eine verteilungsbasierte Abgrenzung von 3 Statusgruppen vorgenommen, wobei die niedrige und hohe Statusgruppe jeweils 20% der Bevölkerung und die mittlere Statuusgruppe 60% der Bevölkerung umfasst” (815) [Hervorhebung von mir].

Es ist eine Eigenart dieser Berechnung, dass eine Hausfrau mit Abitur, die – weil auf Elterngeld und in der Ausbildung – unter 60% des Median-Einkommens liegt, zu den unteren 20% im SES-Index zählt, ebenso wie der Bundeswehrsoldat, der Hauptschulabschluss hat und knapp über der 60%-Grenze des Nettoäquivalenzeinkommens liegt. Auch Studenten, die von Bafög und Gelegenheitsjobs leben, haben eine gute Chance, sich in der niedrigen Kategorie von SES wiederzufinden. Kurz: Ein niedriger sozio-ökonomischer Status hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Man sollte von einer Journalistin erwarten können, dass sie in der Lage ist, diesen Unterschied zu erkennen bzw. erkennen zu wollen. Aber natürlich ist dazu eine Transferleistung vonnöten und wie die PISA-Studien gezeigt haben, hapert es mit Transferleistungen bei deutschen Schülern und offensichtlich, so muss man ergänzen, auch oder gerade bei Journalistinnen.

Nun zu den Daten, die belegen sollen, dass Armut krank macht. Ich bitte die Leser sich noch einmal die Tabelle anzusehen, in der von Frauen und Männern und von sozial benachteiligten Frauen und Männer die Rede ist. Es reicht, die Prozentwerte zum schlechten subjektiven Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dazu heißt es in der Publikation des RKI (Lampert et al., 2013):

“Nach den DEGS1-Daten schätzen 25,3% der 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland ihren allgemeinen Gesundheitszustand als “mittelmäßig”, “schlecht” oder “sehr schlecht” ein. Auf Frauen trifft dies mit 27,1% häufiger zu als auf Männer mit 23,4%.” Vermutlich sehen sie andere Prozentwerte in der Tabelle von Frau Stalinski – falsche! Denn: “Frauen mit niedrigem SES schätzen zu 43,5% ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht ein. In der mittleren und höheren Statusgruppe sind es 26,2% bzw. 11,8%. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 36,7% in der niedrigen, 22,3 in der mittleren und 14,2 in der hohen Statusgruppe” (816).

Wie sich zeigt, werden auf Tagesschau.de entweder Daten mutwillig gefälscht oder es werden willkürlich irgendwelche Daten präsentiert, in der Erwartung, dass sie niemand nachprüft. So gibt es im Bericht des RKI keine Daten für “sozial benachteiligte” Männer oder Frauen, es gibt keine Daten für einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. Und die Werte, die in der Tabelle für Männer und Frauen angegeben werden, sind falsch, denn es handelt sich um die Werte für Männer und Frauen in der oberen 20%-SES-Gruppe.

Wer nun denkt, damit wäre die Verbreitung falscher Daten am Ende, der sei an das Zitat aus dem Bericht der ARD erinnert: “nur” 11,8% der sozial benachteiligten Frauen, so heißt es da, erkranten an Diabetes mellitus, nur 3,2 Prozent der Frauen mit hohem sozialen Status und die entsprechenden Zahlen für Männer sind 11 Prozent und 6,3%. Was nun steht im Original? Welche Ergebnisse haben die Forscher des RKI tatsächlich veröffentlicht:

“Die Lebensprävalenz für Diabetes mellitus liegt in der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung bei 7,4%, wobei nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen (7,5% gegenüber 7,2%). Mit zunehmendem Alter steigt die Verbreitung von Diabetes mellitus deutlich an, bis auf 17,5% bei 65- bis 79-jährigen Frauen und 21,4% bei gleichaltrigen Männern”. Nun der vermeintlich von Stalinski zitierte Teil: “Von den Frauen mit niedrigem SES wurde bei 11,8% schon einmal Diabetes festgestellt. Die Vergleichswerte für Frauen mit mittlerem und hohem SES betragen 7,3% und 3,2%. Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen. Die Prävalenz beträgt in dieser Gruppe 11,0%, während sie bei Männern mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status bei 6,1% bzw. 6,3% liegt” (816).

counterfeiterMan beachte, dass die zitierte Passage die Daten in einen Rahmen einordnet, der keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt. Man beachte ferner, dass “soziale Benachteiligung” im Text des RKI nicht vorkommt. Beides entstammt der Phantasie von Frau Stalinski, die sich offensichtlich wünscht, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer und es gerne sähe, würden Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status benachteiligt. Außer Frau Stalinski wünscht sich das jedoch (hoffentlich) niemand, und deshalb beschreibt der soziale Status eine Lebenssituation (die sich ändern kann), er beschreibt einen gegenwärtigen Zustand und keine Handlung Dritter, die Inhaber des entsprechenden sozioökonomischen Status’ benachteiligen oder diskriminieren. Wie gesagt dies alles entspringt der erschreckenden Phantasie von Frau Stalinski.

So einfach ist Meinungsmache in Deutschland. Man stellt eine unsinnige Behauptung auf: Armut macht krank, zitiert dazu eine Person, die vielleicht als “kompetent” durchgeht, die etwas behauptet, was irgendwie unter das Rubrum “Armut macht krank” passt. z.B. weil ähnlich klingende Begriffe verwendet werden. Man sucht im nächsten Schritt Daten, die passen könnten, unterschlägt , dass die Daten nicht Armut sondern sozioökonomischen Status messen (oder versteht den Unterschied nicht), unterschlägt weiter, dass nicht “schlechter Gesundheitszustand”, sondern mittelmässig bis sehr schlechter Gesundheitszustand dargestellt wird, macht aus dem Zustand “niedriger SES” eben einmal “sozial benachteiligt” und schon ergibt sich ein veritabler Brei von Unsinn, der zwar nicht der Empirie entspricht, sondern schlicht fabuliert ist, aber der sich trefflich von denen nutzen lässt, die sowieso und ständig auf der Suche nach Munition für ihre ideologischen Schlachten sind.

Öffentliche Medien haben eine Sorgfaltspflicht. Falsche Informationen, Propaganda und ideologische Verfälschungen haben in Medien, die von Gebührenzahlern finanziert sind, keinen Platz, und entsprechend sollte sich die ARD schnellstens daran machen, diesen falschen Bericht richtig zu stellen und Frau Stalinski zu entlassen, denn wer dermaßen unbedarft ans Werk geht, vor dem muss die lesende Welt geschützt werden.

Ich habe meinerseits eine Email an das RKI geschrieben und eine Stellungnahme angefordert. Hier meine Email an den Präsidenten des RKI:

Sehr geehrter Herr Burger,
die heutige Ausgabe von Tagesschau.de enthält einen Text, in dem unter der Überschrift “Armut macht krank” Daten des RKI präsentiert werden. Nahezu alle präsentieren Daten sind falsch bzw. verfälscht, und es wird der Eindruck erweckt, das RKI werde von einer Anzahl methodisch illiterater Forscher bevölkert, die nicht wissen, was Sie erhoben und ausgwertet haben. Der Beitrag ist für das RKI in höchstem Maße rufschädigend, und ich halte es von daher für ratsam, wenn Sie eine Richtigstellung veranlassen.
Hier der ARD-Beitrag:

http://www.tagesschau.de/inland/armutgesundheit100.html

und hier meine Besprechung des ARD-Textes auf dem Wissenschaftsblog ScienceFiles:

http://sciencefiles.org/2013/05/28/herz-schmerz-opus-die-ard-verfalscht-munter-daten/

P.S.

Man kann natürlich auch das RKI nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Was die Forscher dazu verleitet hat, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als “mittelmäßig” mit den Einschätzungen “schlecht” und “sehr schlecht” zu kombinieren, ist ein Frage, deren Antwort zu finden jedem selbst überlassen ist. Methodisch Versierte werden vermutlich vermuten, dass die Mittelkategorie (wie zumeist) “mittelmäßig” deutlich stärker besetzt ist als die beiden Extremkategorien, und falls dies der Fall sein sollte, haben die RKI-Forscher ihren Teil zur Irreführung der Öffentlichkeit beigetragen. Zudem verkaufen uns die Forscher eine Korrelation als Kausalität “Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen.” Das ist ebenfalls ein massiver Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit, aber ich befürchte, es ist heutzutage dem Fehlen einer Methodenausbildung an den meisten Universitäten anzulasten.

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Studie zu anonymen Bewerbungen: Methode miserabel – Schlussfolgerungen falsch

Vor einigen Tagen ging es wie ein Lauffeuer durch die Presse: Anonyme Bewerbungen reduzieren die Diskriminierug. Wenn Bewerber nicht wissen, dass Lieschen Müller und Ali Karomoglu sich bewerben, dann haben beide eine höhere Wahrscheinlichkeit, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Das war die Nachricht, die die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, in die Welt verbreitete, und das war auch die Nachricht, die die deutschen Medien ungeprüft und brav übernommen haben: “Anonyme Bewerbung nützt Frauen und Migranten”, titelte die Welt, “Besser anonym bewerben”, empfahl die FAZ, “Anonyme Bewerbung erhöht Chance für Frauen”, wusste das Hamburger Abendblatt, “Anonyme Bewerbung hilft Frauen”, titelte die Rheinische Post und “Anonyme Bewerbung: Das Vorurteil unmöglich machen”, moralisierte die Frankfurter Rundschau.

Mediendeutschland ist sich somit einig: anonyme Bewerbungen verbessern die Chancen zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Keiner der deutschen Medienschaffenden hat sich die Mühe gemacht, das Ergebnis, zu dessen Verbreitung er sich bereitwillig eingefunden hat, zu prüfen, keiner gar die Notwendigkeit gesehen, das vermeintlich eindeutige Ergebnis zu hinterfragen. Das ist schade und belegt einmal mehr, wie wichtig das kritische Denken und die Kritik sind, die wir in unserem Grundsatzprogramm beschrieben haben. Beide, kritisches Denken und Kritik, helfen dabei, nicht zum willfährigen Propagandainstrument für ideologisch gewünschte, wissenschaftlich aber nicht einmal ansatzweise vertretbare Ergebnisse zu werden.

Kritisches Denken

Wären die Journalisten, die das Ergebnis der Antidiskriminierungsstelle verbreitet haben, das sie  über dpa oder direkt über den Presseverteiler der Antidiskriminierungsstelle erreicht hat, kritisch, sie hätten zumindest gefragt, warum sie glauben sollen, was hier behauptet wird. Und wenn sie sich diese Frage gestellt hätten, wer weiß, der ein oder andere von Ihnen hätte vielleicht in die bereitgestellte Zusammenfassung der Ergebnisse geblickt, die belegen sollte, was die Antidiskriminierungsbeauftragte Lüders da behauptet. Hätten diese fiktiven und kritischen Journalisten in die “Zusammenfassung der Ergebnisse” geblickt, sie hätten sich vielleicht darüber gewundert, dass die Zusammenfassung aus einer “Ausgangssituation” besteht, die in allgemeiner Form berichtet, was es zu anonymisierten Bewerbungsverfahren aus anderen Ländern zu berichten gibt und Vorschläge macht, wie man anonymisierte Bewerbungsverfahren durchführen kann und aus einem Kapitel “Fazit und Ausblick”, auf dessen vier Seiten sich eine dreiviertel Seite findet, die sich mit den Ergebnissen einer empirischen Untersuchung, einer “Pilotstudie” beschäftigt und in der die  von der Antidiskriminerungsbeauftragten verkündeten Ergebnisse  formuliert sind. Wären die fiktiven kritischen Journalisten darüber hinaus noch bereit gewesen, die präsentierten Erbnisse zu reflektieren, sie wären an Formulierungen wie den Folgenden gestrauchelt:

(1) Innerhalb der verschiedenen anonymisierten Bewerbungsverfahren war die Chance für Frauen und Personen mit Migrationshintergrund, eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bzw. Eignungstest zu erhalten, genauso hoch wir für andere Gruppen. (2) Frauen haben im Vergleich zum herkömmlichen Verfahren tendenziell bessere Chancen, zu einem Einladungsgespräch eingeladen zu werden. (3) Die ermittelten Effekte anonymisierter Bewerbungen sind dabei allerdings nicht als repräsentativ zu betrachten, da die Mehrheit der teilnehmenden Organisationen bereits zuvor aktive Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt ergriffen hatten. (4) Hatten Bewerbende mit Migrationshintergrund zuvor schlechtere Chancen auf eine Einladung, haben sich diese nach der Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren verbessert.

In aller Kürze:  Aussage (1) basiert auf der Prämisse, das Frauen aktiv benachteiligt werden. Diese Prämisse muss man prüfen, man kann sie nicht einfach voraussetzen, insbesondere nicht in Unternehmen, die (3) bereits aktiv die “Vielfalt” fördern, oder wollen die Autoren tatsächlich nahelegen, bei Teilnehmern der Studie wie L’Oreal, der Deutschen Telekom, der Deutschen Bundespost oder dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, würden Frauen aktiv benachteiligt? Wie können Effekte in einem anonymisierten Verfahren dadurch beeinträchtigt werden, dass Unternehmen (3) aktiv Vielfalt fördern? Der Witz an anonymisierten Verfahren besteht doch gerade darin, dass bei anonymisierte Bewerbungen “Charakteristika der Person” NICHT in Rechnung gestellt werden. Schließlich: wenn zutrifft, was in (4) steht, dann müssen dieselben Migranten sich wiederholt beim selben Unternehmen auf die selbe Stelle beworben haben, was eher ungewöhnlich ist.

Schließlich fällt es jedem auf, der sich ein wenig mit empirischen Studien auskennt, dass Fazit und Ausblick des Abschlussberichts des “Pilotprojekts” nicht eine einzige Zahl enthalten. Wie vielen Bewerbungen wurden untersucht? Wie viele der Bewerber hatten einen Migrationshintergrund? Wie viele waren weiblich? Wie wurde untersucht, ob anonyme Bewerbungen einen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit haben, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden? Alle diese Fragen bleiben unbeantwortet, und, wäre man ein kritischer Journalist, man würde sich fragen, warum?

Als kritischer Wissenschaftler geht man noch weiter und sucht den Abschlussbericht in Gänze, um zu untersuchen, wie die seltsamen Ergebnisse zustande gekommen sind. Die Suche, die nach einiger Anstrengung tatsächlich mit dem Abschlussbericht “belohnt” wird, erbringt Erstaunliches: Nicht nur, zeigen die Ergebnisse des Pilotprojekts nicht, was gemeldet wurde, sie zeigen das Gegenteil.

Methodische Kritik

Die Hypothese, die eigentlich geprüft werden soll, lautet wie folgt: Anonyme Bewerbungsverfahren haben gegenüber nicht-anonymen Bewerbungsverfahren den Vorteil, dass die Wahrscheinlichkeit zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, nicht von Faktoren beeinflusst wird, die nichts mit den Fähigkeiten und Kenntnissen des Bewerbers zu tun haben. Methodisch betrachtet, erfordert es diese Fragestellung, zwei Kontrastgruppen zu bilden: anonyme Bewerber und nicht-anonyme Bewerber. Für beide Gruppen ist dann die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, zu untersuchen. Damit die Ergebnisse auch valide und reliabel sind, ist es zudem notwendig, die Umfeldeinflüsse zu kontrollieren, was man am einfachsten dadurch gewährleisten kann, dass man Bewerbungen, die im selben Unternehmen und für die selbe Stelle eingehen, zufällig in zwei Stapel teilt, ein Stapel wird im weiteren Verlauf anonymisiert, der andere nicht. Letzteres stellt ein quasi-experimentelles Design dar, für das mit der höchsten Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass es valide Ergebnisse erbringt.

Die Autoren der Pilotstudie machen nichts dergleichen. Zwar umgeben sie sich mit einer gelehrten Sprache, die – wäre sie vom Wortgebrauch in den empirischen Sozialwissenschaften nicht so weit entfernt (so sprechen sie von Verfahren und meinen Stichproben) – fasst den Eindruck von Professionalität erwecken könnte, aber sie haben offensichtlich keine Ahnung davon, wie man empirisch saubere Forschung durchführt. Das war die Behauptung, nun folgt der Beleg:

Den Autoren stehen insgesamt 9 verschiedene Stichproben zur Verfügung. Für die 9 Stichproben wird im ersten Schritt untersucht, in welcher Weise die Wahrscheinlichtkeit, im anonymisierten Verfahren zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, durch Geschlecht und Migrationshintergrund vorhergesagt werden kann. Dabei zeigt sich in 4 von 9 Fällen, dass Frauen eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden als Männer, in 2 von 9 Fällen zeigt sich, dass ein Migrationshintergrund die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, reduziert. In den restlichen Stichproben ergeben sich keine Effekte auf die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, weder für Geschlecht noch für Migrationshintergrund.

Ein Blick auf die einzelnen Stichproben zeigt, dass sie sich im Hinblick auf die Anzahl der Bewerber, die berücksichtigt werden und im Hinblick auf die Verteilung der beiden “erklärenden Variablen” Geschlecht und Migrationshintergrund unterscheiden. Dabei fällt auf, dass ein weibliches Geschlecht sich immer dann positiv auf die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, auswirkt, wenn die Bewerber sowieso in ihrer Mehrzahl weiblich sind. Die Anteile von weiblichen Bewerbern variieren in den relevanten Stichproben zwischen 64% und 80%. Angesichts dieser Mehrzahl weiblicher Bewerber ist die Tatsache, dass weibliche Bewerber zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, eigentlich ein klarer Hinweis darauf, dass männliche Bewerber benachteiligt werden. Dies würde einem als Sozialforscher auffallen, wäre man an den Ergebnissen interessiert und nicht and er Ideologie.

Sodann erinnern sich die Autoren offensichtlich daran, dass die bisherigen Analysen nicht dazu geeignet sind, zu belegen, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren eine Chancengleichheit herzustellen im Stande sind. Denn, wie aus der oben formulierten Hypothese hervorgeht, braucht es eine Konstrast- oder Kontrollgruppe, damit man Aussagen darüber machen kann, wie und ob sich anonymisierte Bewerbungsverfahren von nicht-anonymisierten Bewerbungsverfahren im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit auswirken, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Hätte man dies zu Anfang der “Pilotstudie” bedacht, es wäre sicher möglich gewesen, die einzelnen Stichproben in zwei Bewerbergruppen, anonyme und nicht-anonyme, zu teilen. Aber offensichtlich ist diese Notwendigkeit erst im Verlauf der “Pilotstudie” erkannt worden, weshalb notdürftig geflickt wird, was ursprünglich vergessen wurde. Dazu werden Daten nicht-anonymisierter Bewerbungsverfahren aus der Bewerbungsvergangenheit des entsprechenden Unternehmens, aus einer parallelen Stellenausschreibung oder einer anderen Region zusammengeklaubt, und mit den Daten aus den anonymisierten Bewerbungsverfahren zusammengespielt , und es wird getestet, wie sich die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, zwischen anonymisierten und nicht-anonymisierten Bewerbern unterscheidet. Abermals gibt es 9 Stichproben und die folgenden Ergebnisse.

  • Stichprobe 1: Bei anonymisierter Bewerbung werden weniger Bewerber eingeladen als bei nicht anonymisierter Bewerbung. Keine weiteren Effekte.
  • Stichprobe 2: Bei anonymisierter Bewerbung werden weniger Bewerber eingeladen als bei nicht anonymisierter Bewerbung, und es werden weniger Bewerber mit Migrationshintergrund eingeladen als bei nicht anonymisierter Bewerbung.
  • Stichprobe 3 und 4 sind aus der Analyse verschwunden
  • Stichprobe 5: anonymisierte Bewerbungsverfahren reduzieren die Anzahl der Bewerber, die zur Bewerbung eingeladen werden, was vor allem zu Lasten von Bewerbern mit Migrationshintergrund geht.
  • Stichprobe 6: Bei anonymisierter Bewerbung werden weniger Bewerber eingeladen als bei nicht anonymisierter Bewerbung. Keine weiteren Effekte.
  • Stichprobe 7: keinerlei Effekte einer anonymisierten Bewerbung.
  • Stichprobe 8: Bei anonymisierter Bewerbung werden mehr Bewerber eingeladen, und es werden mehr Frauen eingeladen bzw. bei anonymisierter Bewerbung ergeben sich keinerlei Unterschiede im Vergleich zu nicht-anonymisierten Bewerbungen
  • Stichprobe 9: Bei anonymisierter Bewerbung werden mehr Bewerber eingeladen als bei nicht anonymisierter Bewerbung. Keine weiteren Effekte.

Die Aufstellung zeigt, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren in drei von sieben Stichproben dazu führen, dass weniger Bewerber eingeladen werden als in nicht anonymisierten Bewerbungsverfahren, dass in zwei Stichproben ein Effekt von Migrationshintergrund zu finden ist, und zwar ein negativer, d.h. anonymisierte Verfahren reduzieren die Wahrscheinlichkeit für Personen mit Migrationshintergrund zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, und dass in sechs von sieben Stichproben keinerlei Effekt von Geschlecht zu finden ist. Lediglich in einer (Teil-)Stichprobe, Stichprobe 8, findet sich eine positive Wirkung anonymisierter Bewerbungen auf die Wahrscheinlichkeit weiblicher Bewerber, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Interessanter Weise verraten die Autoren der “Pilotstudie” nicht, wie sich die Bewerber auf die beiden Geschlechter verteilen, so dass man allerspätestens an dieser Stelle den Eindruck nicht mehr los wird, dass hier ganz offen die Daten, nun, sagen wir ideologisch gedehnt wurden.

Es bleibt festzustellen, dass den Daten des Pilotprojekts keinerlei Evidenz dafür zu entnehmen ist, dass sich anonymisierte Bewerbungsverfahren positiv auf die Wahrscheinlichkeit von Migranten auswirken, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Es finden sich etliche Belege dafür, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren keinerlei Effekt auf die Wahrscheinlichkeit von Frauen haben, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, und es finden sich Indizien dafür, dass männliche Bewerber von den Unternehmen, die an der Pilotstudie teilgenommen haben und die ja bereits “Vielfalt fördern” benachteiligt werden. Männer, die sich in den letzten Jahren bei der Deutschen Post, der Deutschen Telekom, L’Oreal, Procter & Gamble, dem Bundesfamilienministerium, der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen, der Stadtverwaltung Celle oder bei MYDAYS beworben haben und nicht zum Einstellungsgespräch eingeladen wurden, sollte sich entsprechend an die Antidiskriminierungsstelle wenden!

Ich habe schon viele schlechte Studien gesehen. Auch Studien, bei denen deutlich wurde, dass die Macher von empirischer Sozialforschung nicht allzu viel Ahnung haben, sind schon in großer Zahl über meinen Schreibtisch gegangen. Aber diese Studie, die von der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ausgeführt wurde, schlägt wirklich alles bisher dagewesene. Die methodische Unbedarfheit grenzt an Ignoranz und die Interpretation der Ergebnisse an Betrug oder kollektives Halluzinieren. Das ganze Machwerk ist eine Schande für die Gemeinde der empirischen Sozialforscher. Und deshalb finde ich es unglaublich, dass das Institut zur Zukunft der Arbeit, wie es auf dem Deckblatt heißt, und das zu den wenigen deutschen Instituten gehört, die international angesehen sind, sich an dieser Schmach der empirischen Sozialforschung beteiligt hat.

Epilog

Was der Unbedarftheit oder Ignoranz der Autoren dieser “Pilotstudie” die Krone aufsetzt, ist das vollständige Fehlen von Kontrollvariablen (außer deren “nominaler” Berücksichtigung), wie z.B. Bildungsabschluss oder Berufserfahrung in der Analyse und somit das Fehlen zentraler Variablen, von denen man annehmen muss, dass sie einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, haben – unglaublicher methodischer Dilettantismus!

Bildnachweis:
Personalwirtschaft

Erfolgreich Altern mit dem DIW!

Wie altert man erfolgreich? Über diese Frage bin ich im Zusammenhang mit dem Gender Life-Expectancy Gap schon einmal gestolpert. Männer in Bewegung, war damals das Motto; Männer in Bewegung leben länger, war die Meldung und, weil Männer zu wenig in Bewegung sind, leben sie fünf Jahre kürzer als die allzeit joggenden und sich bewegenden Frauen, das war die Botschaft, die die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung gerne unter das Volk gebracht hätte. Was davon zu halten ist, habe ich hier besprochen.

Heute geht es um ein anderes Rezept des erfolgreichen Alterns. Koch sind dieses Mal drei Autoren aus dem DIW, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, einem Institut, das sich nach meiner Wahrnehmung in letzter Zeit verstärkt bei Bundesbehörden anbiedert. Aus den Hallen des Berliner Wirtschafts-Instituts stammt also das neueste Rezept “erfolgreichen Alterns”, dieses Mal mit dem Titel: “Erfolgreich Altern: Lebensbedingungen in der Kindheit und soziale Ungleichheit haben großen Einfluss”. Das sind markige Worte und fast deterministische Aussagen (es bleibt ja nur ein “kleiner Einfluss” für alles außer den Lebensbedingungen in der Kindheit und der sozialen Ungleichheit), so dass man sich als empirischer Sozialforscher sofort fragt: Mit welchen Daten belegen die drei DIWler ihre bereits in der Überschrift aufgestellte Behauptung?

Die Frage führt zunächst einmal zum erfolgreichen Altern. Bei der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung ist erfolgreiches Altern dann gegeben, wenn man alt wird. Das macht auch unmittelbar Sinn, denn von einem, der mit 40 stirbt, kann man kaum sagen, er sei erfolgreich gealtert. Beim DIW ist man jedoch nicht so bescheiden: Nicht das Altern an sich, nein die Art des Alterns macht den Erfolg im erfolgreichen Altern. Erfolgreich altert wer Krankheiten und Gebrechen vermeidet, wer eine hohe physische und kognitive Leistungsfähigkeit aufrecht erhält, wer sich kontinuierlich (sic !) in sozialen und produktiven Aktivitäten engagiert. Erfolgreich gealtert ist demnach ein Rentner, der im Alter von 79 Jahren am Stadtmarathon in Berlin teilnimmt, die Strecke aus dem Kopf kennt und die 42,195 Kilometer in weniger als drei Stunden zurücklegt. Das ist natürlich das Ideal, vermutlich machen die drei DIWler Abstriche zu Gunsten der Realität und finden auch den Opa, der sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum bundesfreiwiligen Einsatz als unentgeltlicher Fahrer für Essen auf Rädern macht, als passablen, erfolgreichen Alterer.

Brandt, Deindl & Hank (2012), S.13

Damit wäre die abhängige Variable (erfolgreiches Altern) beschrieben (wenn auch nicht geklärt ist, wie die Autoren ihre abhängige Variable gemessen haben), und die nächste Frage, die sich stellt, lautet: Wie schafft man es, einen solchen Hochleistungsrentner herbeizuzüchten. Die Antwort aus dem DIW ist eindeutig (siehe Abbildung):

Hochleistungsrentner ist,

  • wer in der Kindheit von möglichst wenigen Geschwistern belästigt wurde;
  • wer viele Bücher im Haushalt vorgefunden hat;
  • wer gute mathematische Fähigkeiten in der Schule hatte;
  • wer nicht schlechter als andere in der Kindheit sprechen konnte;
  • wer in der Kindheit gesund war;

Diese erstaunlichen Determinanten “erfolgreichen Alterns” haben die drei DIWler durch die Befragung von Menschen erreicht, die zum Befragungszeitpunkt mindestens 50 Jahre alt waren, die also nicht nach 1958 (die Befragung war 2008) geboren sind. Und natürlich sind die Ergebnisse nach Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen kontrolliert. Nur: Was bedeuten die Ergebnisse? Wie wird aus der Sammlung von Büchern von Enid Blyton oder Charles Dickens erfolgreiches Altern? Kommt man dem Geheimnis durch Lesen auf die Spur? Wieso schlägt sich der Bücherbestand nicht auf die Deutschnote nieder, und warum hat die Deutschnote keinen Anteil am erfolgreichen Altern? Wieso sind Geschwister hinderlich? Wieso ist die Mathematikleistung im Jahre 1965 ein Garant für erfolgreiches Altern 50 Jahrre später? Schaffen es Menschen, die rechnen können eher, sich und ihr Vermögen vor dem Zugriff des Sozialstaats zu sichern? Und wie hat sich die Einführung von Taschenrechnern auf das erfolgreiche Altern ausgewirkt? Fragen über Fragen. Aber lassen wir die Fragen, die wieder nur in defätistischer Weise das vollständige Fehlen einer theoretischen Fundierung zeigen und daher nur geeignet sind, die Ergebnisse als theorielose Willkür offen zu legen, was dann notwendig dazu führt, dass man mit den genannten Variablen vermutlich auch die bessere Spül- oder Abtrockenleistung im Alter erklären kann, beiseite und nehmen wir uns vor, das Ergebnis aus Berlin ernst zu nehmen. Denn: Eine Variable aus der Abbildung, die wichtigste, fehlt noch: die soziale Ungleichheit.

Soziale Ungleichheit verhindert erfolgreiches Altern, so behaupten die Berliner, und der Zahlenwert in der Abbildung belegt die Behauptung anscheinend. Allerdings ist der Gini-Koeffizient, der soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft misst, ein Koeffizient aus der Jetztzeit, der also rückwirkend auf die Kindheit der Befragten wirken muss: Das Ausmaß sozialer Ungleichheit im Jahre 2008  wirkt in der Vergangenheit, also in den Jahren 1958 bis vielleicht 1928, es ist quasi ein mit Lichtgeschwindigkeit reisendes Partikel, das obwohl heute gegeben, die Vergangenheit zu beeinflussen im Stande ist. Aber, halt, ich tue den drei DIWlern Unrecht. Sie haben nämlich bemerkt, dass ihr Gini-Koeffizient aus der Jetztzeit sich schwer tut, die Vergangenheit, also die Kindheit der Befragten zu beeinflussen. Deshalb stellen sie eine Behauptung auf, die einem sprachlos macht: “Ein aktuelles Maß der Einkommensungleichheit zum Befragungszeitpunkt, wie wir es in unserer Untersuchung verwenden, vermag … bis zu einem gewissen Grad auch die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen während der Kindheit zu reflektieren”.

Ich habe mir vorgenommen, die Autoren ernst zu nehmen. Also nehme ich sie auch ernst: Wer 1928 geboren wurde und in seiner Kindheit das Dritte Reich erlebt hat, der ist also unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen aufgewachsen wie jemand, der 2008  aufwächst, so die Autoren. Wer im Dritten Reich geboren wurde und in seiner Kindheit den Zweiten Weltkrieg durchlebt hat, für den gilt dasselbe, und wer in der Zeit des Wirtschaftswunders groß geworden ist, der hat auch keine anderen wirtschaftlichen Bedingungen vorgefunden als jemand, der 2008  seine Kindheit erlebt. Was tut man nicht alles, um einen Einfluss von sozialer Ungleichheit auf was auch immer herbei zu konsturieren. Offensichtlich ist die Not, einen negativen Effekt für soziale Ungleichheit zu konstruieren, so groß, dass man als Autor im DIW seine kognitiven Fähigkeiten verleugnet und entsprechend seine Disposition, erfolgreich zu altern, in Frage stellt (möglicherweise gelingt es, die kognitiven Defizite durch Teilnahme am Berlin-Marathon zumindest teilweise zu kompensieren…).

Und dann, auf Seite 13 des DIW-Pamplets ist es mir dann entgegen aller Vorsätze nicht mehr möglich, die Autoren ernst zu nehmen. Dort steht: “Entsprechend unserer Erwartung auf Basis früherer Befunde zeigt sich weiterhin, dass die Chancen, erfolgreich zu altern, mit zunehmendem Alter stark abnehmen”. Je älter man also wird, um so weniger erfolgreich ist man gealtert. Es sind eben solche Absurditäten, es ist ein solcher Unsinn, der dazu führt, dass Soziologie und Sozialwissenschaften in Deutschland den schlechten Ruf haben, den sie haben. Variablensoziologie ohne Sinn und Zweck, von der die Autoren zwar nicht wissen, aus welchen theoretischen Gründen, wohl aber aus welchen ideologischen Gründen sie sie durchführen, ist geeignet auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit deutscher Sozialwissenschaften zu zerstören, und deshalb wäre es an der Zeit, dass die Sozialwissenschaftler, die noch einen Funken von wissenschaftlichem Ethos im Leib haben, den Mut finden etwas gegen ideologischen Unsinn wie den aus dem DIW zu unternehmen.

Brandt, Martina, Deindl, Christian & Hank, Karsten (2012). Erfolgreich Altern: Lebensbedingungen in der Kindheit und soziale Ungleichheit haben großen Einfluß. DIW-Wochenbericht 7/2012.

Bildnachweis:
Roy Doty
Stimmel.de

Rosenbrock II: Feministischer Plagegeist

Eigentlich hatte ich nicht vor, mich noch einmal mit der “extended version” der Magisterarbeit von Hinrich Rosenbrock auseinanderzusetzen, deren Erstellung die Heinrich Böll Stiftung bezahlt hat. Aber nachdem mir die Mentorin Rosenbrocks und Lehrstuhlbesetzerin Ilse Lenz empfohlen hat das Inhaltsverzeichnis der Rosenbrockschen  Magisterarbeit zu lesen, um zu sehen, dass den Anforderungen an die wissenschaftliche Methode Rechnung getragen wurde, habe ich mir das Pamphlet also noch einmal angesehen (Die Empfehlung wurde mir durch verlässliche Quellen übermittelt, die sich in den Hochsicherheitstrakt kämpfen konnten, in dem von männlichem Wachschutz geschützt, Rosenbrock es wagte (trotz diverser Morddrohungen, die er erhalten haben will) seine Magisterarbeit “vorzustellen” .)

Ilse Lenz, die einen Lehrstuhl für Soziologie, Soziale Ungleichheit und Geschlecht [http-Adresse "femsoz.html!] an der Ruhr Universität Bochum besetzt, ist also der Meinung, die Arbeit ihres Jüngers sei methodisch in Ordnung, und dies sei durch das Inhaltsverzeichnis belegt. Nun, das Inhaltsverzeichnis enthält tatsächlich Begriffe, die an Methoden erinnern, Diskursanalyse (entfernt), quantitative Inhaltsanalyse (schon eher), aber dann kommt, was jedem Methodiker die Haare zu Berge stehen lässt: “eine Methodenreflexion”. Methodenreflexion betreibt Rosenbrock, grauslig. Methodenreflexion, das klingt wie “geordnetes Chaos” oder anschauliches Sammelsurium, es ist, kurz gesagt, ein Widerspruch. Es gibt keine Reflexion über Methoden, in der Weise, in der Rosenbrock den Begriff der Reflexion verwendet, es gibt Überlegungen zum methodischen Vorgehen. Methodisches Vorgehen beginnt mit einer Fragestellung, damit, dass man sich überlegt, wie man die Fragestellung umsetzt und prüft. Dies umfasst dann Fragen des geeigneten methodischen Vorgehens, der Auswahl der Stichprobe, auf deren Grundlage die Fragegestellung geprüft werden soll. Dies mündet in Fragen der Operationalisierung und der systematischen Art und Weise der Auswertung des Materials und zieht die Frage der Reichweite der Ergebnisse nach sich. All diese Überlegungen stellt man an, bevor man sich ans Werk macht und reflektiert nicht im Verlauf der Arbeit und höchst auszugsweise, was man  machen könnte.

Methoden sind ein Hilfsmittel zum Erkenntnisgewinn und so wie man einen Schlüssel ins Schloss steckt, um eine Tür zu öffnen, so wendet man Methoden nach einem festen Kanon an, um an Erkenntnis zu gelangen. Natürlich hat diese deterministische Vorgehensweise für ideologische Gemüter einen Nachteil, denn so wie man nicht weiß, was hinter der Tür steht, die man aufsperren will, so weiß man bei der Anwendung von Methoden nicht, welche Ergebnisse einem erwarten. Nur wer sicherstellen will, dass er keine Überraschungen erlebt, reflektiert Methoden wie Rosenbrock das tut. Er begeht damit eine bewusste Verfälschung der Realität, er biegt sich die Realität zurecht, so dass sie in seinen ideologischen Kram passt. Und manche, wie Rosenbrock, sind dumm genug, das dann auch noch zu schreiben.

Rosenbrocks methodische Reflexionen dienen dem Ziel, “antifeministische Inhalte” aufzuspüren (Ein kapitaler Verstoss gegen die Lauterkeit wissenschaftlichen Arbeitens, denn Rosenbrock versucht zu verifizieren, setzt also voraus, dass es antifeministische Inhalte gibt, was doch eigentlich zu zeigen wäre). Wie stellt man sicher, dass man auch antifeministische Inhalte findet? Ganz einfach, man sichtet die Daten in der Weise wie Rosenbrock dies auf den rund 134 Seiten getan hat, die seinen methodischen Reflexionen vorausgehen und sucht dann nach etwas, von dem man weiß, dass es schon da ist. Tendenziell antifeministisch sind für Rosenbrock entsprechend Aussagen, die behaupten, “geschlechtsspezifische häusliche Gewalt käme gleichermaßen bei beiden Geschlechtern vor und/oder Frauenfeindlichkeit ausdrücken, z.B. in der Diffamierung aller Hausfrauen als faul. Der Code ‘antifeministisch’ wurde Kommentatoren zugeordnet, die zusätzlich … weitere antifeministische Argumentationen oder typisch antifeministische Begriffe (z.B. ‘Lila Pudel’) bzw. Links (z.B. http://www.manndat.de) enthielten” (Rosenbrock, 2012, S.138).

Damit wäre Herr Rosenbrock in jedem Methodenkurs durchgefallen. (1) Zunächst einmal basiert sein antifeministischer Code auf einem Zirkelschluss, denn er belegt das Explanandum, “antifeministisch”, mit einem anderen “Explanandum”. Dass Manndat “antifeministisch” ist, wäre gerade zu zeigen, wollte man tatsächlich eine wissenschaftliche Arbeit erstellen. Da bereits zu zeigen ist, dass Manndat “antifeministisch” ist, kann man nicht damit zeigen, dass jemand, der auf Manndat verweist, antifeministisch ist. (2) Herr Rosenbrock kann nicht zwischen einer faktischen Aussage und einer Bewertung trennen. Die Behauptung, alle Hausfrauen sind faul, ist zunächst einmal eine Faktenaussage, die man prüfen kann. Unlauter ist es, wenn man ohne die Realität zu kennen, einfach eine Aussage als richtig setzt, und Rosenbrock weiß ebenso wenig wie sonst jemand, ob alle Hausfrauen faul sind, ganz einfach weil die Prüfung einer solchen Aussage feministischem Hochverrat gleichkommt und deshalb der sozialwissenschaftlichen Selbstkasteiung unterliegt, und entsprechend noch nicht vorgenommen wurde. Ergo, ist weder möglich die Aussage, alle Hausfrauen sind faul noch die Aussage alle Hausfrauen sind nicht faul als falsch zu bezeichnen.

(3) Wer also behauptet, Frauen und Männer seien in gleichem Maße zur Gewalt fähig, ist für Rosenbrock ein Antifeminist. Die Prämisse dieser Rosenbrockschen Einschätzung ist die Mär von der reinen Magd, die nicht fähig ist, die Hand zu erheben und zuzuschlagen. Nicht einmal Priester im Zeitalter der Inquisition haben die Meinung vertreten, dass das Geschlecht über die Befähigung zur Gewalt (oder wozu auch immer) bestimme. Rosenbrock offenbart sich hier als Anhänger des nationalsozialistischen Vril-Kults, was die Frage aufwirft, was er in der Wissenschaft will bzw. das Verhältnis zwischen Rosenbrock und Lehrstuhlbesetzerin Lenz in einem seltsamen Licht erscheinen lässt, das ich hier nicht weiter ausbreiten will. Allerdings wäre es schon interessant zu wissen, wie Rosenbrock zum Thema seiner Magisterarbeit gekommen ist und welche Rolle Lehrstuhlinhaber Lenz dabei und bei der Vermittlung der Magisterarbeit von Rosenbrock als Expertise an die Heinrich Böll Stiftung gespielt hat. Findet hier etwa ein reger und lukrativer Handel mit Abschlussarbeiten statt? Und sind die Nebentätigkeiten der Universitätsleitung bekannt?

[Da ich die Aussage, Männer und Frauen stehen sich in Gewalttätigkeit nicht nach, für richtig, da empirisch belegt, erachte und somit für Herrn Rosenbrock als antifeministisch gelte, will ich - um die Gewichte richtig zu setzen und die Abnormität des Kults, zu dem Rosenbrock sich rechnet, deutlich zu machen, kurz auf eine unglaubliche Fleißarbeit im blog "zum Mannsein geboren" hinweisen, dessen Betreiber insgesamt 125 Studien zusammengetragen hat, die sich mit Gewalt von Frauen auseinandersetzen und deren Verfassen somit allesamt dem Lager der Antifeministen zuzurechnen sind. Ich muss sagen, wir Antifeministen haben eindeutige Stärken in empirischer Forschung. Und wenn jeder, der die entsprechenden Fragen empirisch erforscht als antifeministisch gilt, dann ist die Aussage von Rosenbrock, dass Antifeministen ein nur wenige Hundert Personen umfassendes Häuflein seien, nicht haltbar, vielmehr müsste man sich, angesichts der großen Zahl empirischer Forscher im In- und Ausland fragen, ob nicht der Feminismus zu einem Hort der Randständigen geworden ist - falls er je etwas anderes war.]

Wie dem auch sei, Rosenbrock wird bald feststellen, dass er lediglich eine Figur in einem Spiel ist, an dem er kurzfristig teilnehmen durfte, um die ideologischen Miesheiten zu verbreiten, die Jüngern zufallen, weil “Meister” sich für derart niedrige Arbeiten zu schade sind. Deutlich wird dies z.B. darin, dass die eigenen Pfründe der feministischen Rent seeker dadurch gesichert werden sollen, dass jeder Dialog, jede Auseinandersetzung und jede Kritik gleich in Vorhinein als Häresie abgekanzelt werden soll. Und wer ist willfährig genug, um diese schmutzige Arbeit zu leisten: Unser Herr Rosenbrock. Dr. habil Heike Diefenbach hat den Zweck der Dialogverweigerung und Diskreditierung in einem Kommentar auf diesem Blog perfekt auf den Punkt gebracht und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet:

“In anderen Ländern wird die Parallele zwischen Rassismus und Sexismus, der von so genannten Feministinnen vertreten wird und im Staatsfeminismus abgesichert wird, ganz klar gesehen. In Frankreich haben sich auch eher linke Autoren (wie Taguieff) gegen die Verunglimpfung der so genannten Neuen Rechten durch die so genannten „Linke“ gewehrt mit dem Hinweis darauf, dass diese Verunglimpfung genau die Praxis sei, die sie an den „Rechten“ kritisieren, nämlich dass moralisiert würde und zu dem führen müsse, was doch angeblich das Programm der Neuen Rechten sei, nämlich zu Totalitarismus und Segregation:

„The idea of absolute corruption, irreversible and complete defilement, returns in anti-racist discourse against the racist enemy from whom it has been borrowed. Thus it appears as a polemical theme common to both racism and anti-racism. This has real consequences for anti-racist action: if racists are unreformable, irredeemable, stained by their sins, then only one strategy becomes available, to dispel them, to ‘neutralise’ them, in a word, segregation“ (Taguieff, zitiert nach Bonnett 2005: 173/174).

(Wer’s nachlesen möchte: Bonnett. Alastair, 2005: Anti-racism. London: Routledge.)

Was (der eher „linke“) Taguieff hier den Antirassisten vorwirft, lässt sich genauso den so genannten Feministinnen bzw. Anti-Maskulinisten vorwerfen, nämlich die Weigerung, die Argumente derer, die (aus Gründen der Vorteilsnahme) zum politischen Gegner stilisiert werden, überhaupt nur als solche zu akzeptieren und die Kommunikation mit ihnen von vornherein als nicht möglich oder unnötig (mit „so was“ spricht man nicht) zu erklären. Und genau das tut Herr Rosenbrock ja im Interview mit Friese und von Bargen, wie man auf den Internet-Seiten der Böll-Stiftung nachlesen kann. Dort sagt er:

„Eine konstruktive Debatte ist mit den von mir untersuchten Gruppen im Normalfall nicht zu führen, da sie politisch Andersdenkende in teilweise extremer Form diffamieren und keinen inhaltlichen Austausch mit ihnen suchen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sie einfach ignorieren kann. Denn trotz ihrer geringen Anzahl (auf welche Statistik sich Herr Rosenbrock hier beruft, bleibt sein Geheimnis, so wie überhaupt alle seine Behauptungen unbelegt bleiben) gelingt es ihnen immer wieder[, hier gehört ein Komma hin, liebe Leute von der Böll-Stifgung] Geschlechterdebatten zu stören und Einzelpersonen einzuschüchtern.“

Der gute Herr Rosenbrock bemerkt nicht, dass er gerade ein Argument macht, das sich gegen ihn selbst wendet: Wenn er – teilweise in extremer Form – politisch Andersdenkende diffamiert und keinen inhaltlichen Austausch mit ihnen sucht, dann ist mit ihm keine konstruktive Debatte zu führen.

Nun ja, Herr Rosenbrock ist nicht der einzige, der nicht logisch korrekt argumentieren kann, aber er ist einer der hoffentlich immer noch Wenigen, die sich dessen nicht einmal im Ansatz bewusst sind und sich dementsprechend mit der Entschlossenheit des Unwissenden um Kopf und Kragen reden, aber dennoch meinen, sie könnten für irgendetwas Experten sein (außer für die Demonstration logischer Fehler).

Er ist ja aber noch sehr jung und unerfahren, und es ist wohl einer großen Naivität geschuldet, dass er sich vor einen Karren hat spannen lassen, den er dann ganz allein aus dem Dreck ziehen darf, wenn’s im Argumentativen mangelt und dasselbe publik wird.

Bleibt noch zu klären, warum Rosenbrock sich überhaupt zu solchen Aussagen in Interviews versteigt. Hat er vielleicht den Auftrag erhalten, die Geschlechterdebatte durch unsinnige Beiträge zu stören oder Einzelpersonen einzuschüchtern?”

Kevin Fuchs sich hat in einem Beitrag für die Freie Welt ebenfalls mit der Rosenbrockschen Magisterarbeit auseinandergesetzt.
Dem Interview Rosenbrocks im WDR hat sich Zum Mannsein geboren gewidmet.

Schönwetter-Demokratie einmal anders: Unsinn mit Methode

Wissenschaft ist jenes Unterfangen, bei dem versucht wird, den menschlichen Erkenntnisfortschritt voranzutreiben. Ressourcen, Zeit, Geld, Gehirnschmalz, werden eingesetzt, um neues Wissen zu generieren, das sich nutzenbringend einsetzen lässt. Wissenschaftliche Ergebnisse sollen die Welt verbessern, sie effizienter machen. Das ist die Theorie.

In der Praxis findet man Beiträge wie den von Michael Mutz und Sylvia Kämpfer (2011), der es in die Zeitschrift für Soziologie geschafft hat, was man damit erklären kann, dass die von Lucius & Lucius verlegte Zeitschrift Probleme hat, ihre Seiten zu füllen, damit, dass die Zeitschrift sich ab und zu einen Scherz mit ihren Lesern erlaubt oder damit, dass ein geheimes Projekt läuft, das untersucht, wie viel Unsinn man den Lesern einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zumuten kann, bis sie aufschreien. Falls letzteres der Fall sein sollte, dann bitte ich mich als “Aufschreier” zu zählen, denn die Genickstarre, die sich vom Kopfschütteln eingestellt hat, hat dazu geführt, dass ich Schmerzensverlautbarungen von mir gegeben habe, was zeigt, dass der Artikel von Mutz und Kämpfer kausal für physischen Schmerz ist und Anlaß zu Schmerzensgeldforderungen geben kann. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, das war das Framing dessen, was ich nunmehr ganz neutral darstellen werden.

Der Artikel von Mutz und Kämpfer beginnt mit der Feststellung, dass Jürgen Rüttgers die Wahl in Nordrhein-Westfalen an einem Regentag verloren hat. Regen, so lernt der Leser im Verlauf des Beitrags, wirkt sich nicht nur über das Serontonin-Level auf Wahrnehmung und Zufriedenheit der dem Regen Ausgesetzten aus, sondern auch auf politisches Verhalten. Das zumindest suggerieren die Autoren zu Beginn ihres Beitrags, wenn sie schreiben: “Wäre der 9. Mai [der Tag der Wahlniederlage] ein sonniger und warmer Frühlingstag gewesen, hätte dies möglicherweise das knappe Wahlergebnis zugunsten der Regierungskoalition beeinflusst” (209). Es folgt über Seiten hinweg die Ausbreitung von Annahmen darüber, wie Wetter die Stimmung von Menschen beeinflusst und darüber, dass schlechtes Wetter sich negativ auf politische Einstellungen auswirkt, genauer: “Wer an einem sonnigen Tag befragt wird, schätzt die Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik überdurchschnittlich positiv ein, … ist mit der Demokratie überdurchschnittlich zufrieden … und schätzt die Arbeit der Bundesregierung überdurchschnittlich positiv ein” (214). Wer an einem regnerischen Tag befragt wird, der schätzt die drei genannten Dinge überdurchschnittlich negativ ein.

Der Weg von der Wahlniederlage Rüttgers an einem Regentag zur Beeinflussung der Einstellung von durch wen auch immer Befragten, ist ein ziemlich weiter, und wie die Autoren dahin gelangen, weiß ich nicht, aber es scheint ihnen nahe zu liegen, zu denken, Sie, ich, wir alle, seinen wetterfühlige Deppen ohne feste Meinung, die je nach Sonnenintensität die Regierungsleistung positiv oder negativ einschätzen. Und diese wetterabhängigen Einschätzungen, so reklamieren die Autoren, würden in “sozialpsychologischen Erklärungsansätzen des Wahlverhaltens … als Prädiktoren der Wahlentscheidung verstanden” (213). Was die Autoren vergessen zu erwähnen, ist, dass die entsprechenden Ansätze zwar davon ausgehen, dass es Wähler gibt, die feste Einstellungen zu politischen Themen haben und die Partei wählen, die diesen Einstellungen am nächsten kommt, dass daneben aber die Parteiidentifikation die wichtigste Variable ist, die Wahlverhalten zu erklären vermag. In jedem Fall verlangen die von den Autoren zitierten sozialpsychologischen Ansätze jedoch fixe Einstellungen, also gerade keine Einstellungen, die vom Wetter beeinflusst werden können. Dies gilt insbesondere für die von den Autoren zitierten und im Büchlein von Campbell, Converse, Miller und Stokes (1980) versammelten Konzepte.

Aber verglichen mit dem was dann kommt, ist diese Fehlinterpretation eindeutiger Forschungsergebnisse und der daraus resultierende Widerspruch, dass fixe Einstellungen mal eben als durch das Wetter veränderbar angesehen werden, eine Kleinigkeit. Was folgt ist ein methodischer und statistischer Unsinn, der einen Preis verdient. Der Unsinn gipfelt in einer Regressionsanalyse. Eine (multiple) Regressionsanalyse untersucht, in welcher Weise ein Punkteraum, der durch eine abhängige Variable, die dichotom oder metrisch zu sein hat und eine Reihe von unabhängigen Variablen aufgespannt wird, durch eine Gerade, also eine lineare Kombination abgebildet werden kann. Da man immer eine lineare Kombination finden kann, ist es wichtig, die Qualität anzugeben, mit der die gefundene Gerade die Punktewolke abbildet. Dies erfolgt durch die Angabe der erklärten Varianz. Eine erklärte Varianz, die gegen Null geht, zeigt, dass die lineare Kombination keine geeignete Darstellung der Punktewolke ist, d.h. dass die unabhängigen Variablen die abhängige Variable nicht linear zu erklären vermögen. Eine erklärte Varianz, die gegen 100% geht, zeigt, dass die Gerade die Punktewolke fast identisch abzubilden vermag.

Mutz und Kämpfer lassen ihr Statistikprogramm Regressionen rechnen und versuchen zunächst, die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, der Demokratie und der Arbeit der Bundesregierung durch das Wetter, unterschieden nach sonnigen und nach regnerischen Tagen zu erklären. Die Ergebnisse sind das, was jedem Statistiker ein “Ha!” von den Lippen gehen lässt: Die erklärte Varianz beträgt jeweils 1%, mit anderen Worten, hier besteht kein Zusammenhang. Die Einstellungen zu den genannten Bereichen und das Wetter haben nichts miteinander zu tun. Von diesem Ergebnis wenig beeindruckt, greifen die Autoren in die Trickkiste und phantasieren, dass z.B. in Stuttgart, das eine bessere wirtschaftliche Situation vorzuweisen hat als z.B. Dresden, auch mehr Sonnentage vorhanden sein können und entsprechend eine “Verzerrung” der Ergebnisse zu erwarten ist. Warum die Autoren die eigene Hypothese, nach der das Wetter einen Effekt auf die Einstellung hat, nunmehr als Verzerrung werten, kann nur gemutmaßt werden. Allerdings hat die Beseitigung der “Verzerrung” von Sonnen- und Wirtschaftsunterschieden und damit die Ansicht, dass z.B. die Einstellungen zur wirtschaftlichen Entwicklung weder mit Sonne noch mit tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung zusammenhängt, den Effekt, den derartige Datenmanipulationen immer haben: Da nunmehr die unabhängige Variable so verändert wurde, dass sie bereits enthält, was in der abhängigen Variablen erklärt werden soll, steigt die “Qualität” des Modells. Allerdings ergeben sich auch nach der Manipulation nur erklärte Varianzen von 8%, 10%, und 12%. Auch nach Manipulation der Daten weigert sich das Wetter also, einen relevanten Effekt auf die Einstellung von Befragten auszuüben.

Aber für das Ziel der Autoren, auf das hin der Beitrag geschrieben wurde, ist der winzige Sprung von “gar nichts erklären” zu “manipuliertem kaum etwas Erklären” bedeutsam: “Aber auch das politische Meinungsklima, das regelmäßig anhand von Indikatoren wie eben der Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit oder Beliebtheit einzelner Politiker dokumentiert wird, kann in geringem Maße, wie wir gezeigt haben, von Wetterlagen beeinflusst sein. Wer die politische Stimmung in Deutschland korrekt messen will, wäre also gut beraten, sowohl besonders sonnige Tage als auch regnerische Tage zu meiden, weil diese die Ergebnisse im ersten Fall beschönigen oder im zweiten Fall ‘verhageln’, also negativ verzerren können” (222). Wie sich zeigt, hat der Unsinn in diesem Artikel Methode, denn der soeben zitierte Vorschlag zur korrekten Messung politischer Stimmung in Deutschland stammt von denselben Autoren, die ihren Artikel damit begonnen haben, über den Einfluss des Regens auf die Abwahl von Jürgen Rüttger zu spekulieren. Offensichtlich wäre es, in der Eigenlogik dieses Unsinnsbeitrags gerade wichtig, um den Ausgang von Wahlen korrekt vorherzusagen,  bei schlechtem Wetter zu befragen. Entsprechend müsste man entweder das Wahlwetter vorherbestimmen oder die Wahl an Regentagen aussetzen. Aber das ist nur ein weiterer Widerspruch, der angesichts der Legion  vorausgehender Widersprüche kaum mehr ins Gewicht fällt.

Was allerdings ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass derartiger Unsinn in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wird, noch dazu in “peer reviewed” Zeitschriften, was einmal mehr deutlich mach, wie wenig zeitgemäß dieses System doch ist und einmal mehr zeigt, dass die Kriterien, die einen wissenschaftlichen Text auszeichnen, weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Schade um die Bäume, die für den Abdruck dieses Textes gefällt werden mussten, schade um die Arbeitszeit von Mitarbeitern in Produktion, Disposition und Logistik, die für Herstellung und Vertrieb dieses Unsinns notwendig gewesen ist und schade, dass mit Unsinn wie diesem, das Bild der Sozialwissenschaft, das sowieso nicht gerade das beste ist, weiter beschädigt wird.

Campbell, Angus, Converse, Philip E., Miller, Warren E. & Stokes, Donald E. (1980). The American Voter. Chicago: Chicago University Press.

Mutz, Michael & Kämpfer, Sylvia (2011). …und nun zum Wetter: Beeinflusst die Wetterlage die Einschätzung von politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten? Zeitschrift für Soziologie 40(4): 208-226.