Griechenland ist an linker Vetternwirtschaft, nicht an Austerität gescheitert

Während Linke in Deutschland und anderswo einen Opferkult um die Griechen bauen und Syriza, Tsipras und Varoufakis zu neuen Schutzheiligen linker Ideale ernennen, gibt es eine wachsende Zahl von Kommentatoren, die – wie wir auch – die Renaissance der Griechischen Tragödie, quasi als adaptierte und verkürzte Fassung der “Sieben gegen Theben” von Aischylos, nicht mehr mitansehen können – die den Operkult, der um die en masse von der Austerität dahingerafften Griechen betrieben wird, nicht mehr ertragen können und deshalb das Theater, das sich um Griechenland abspielt, einer grundlegenden empirischen Kritik, einer Theaterkritik unterziehen.

Griechische TragoedieKristian Niemietz, Mitarbeiter im Londoner Institute for Economic Affairs, ist einer, dem es reicht, und einer, der sich wundert. Jedes Mal, wenn er in einen Buchladen geht und die Büchertische vor sich sieht, die sich unter der Last linker Wirtschaftspolitik-Experten von Thomas Piketty bis George Monbiot biegen, wundert er sich darüber, dass Linke nach wie vor behaupten, ihre Ideen seien unorthodox, gehörten nicht dem Mainstream an, seien gegen die neoliberale Hegemonie gerichtet.

Die neoliberale Hegemonie!

Wenn das, was wir heute an Ideen zur Wirtschaftspolitik diskutieren, so Niemietz, wenn das, was heute an Wirtschaftspolitik umgesetzt wird, neoliberale Hegemonie darstellt, dann werde ihm Angst und Bange, wenn er sich eine linke Hegemonie vorstelle.

Wo er Recht hat, da hat er Recht: Niemand schafft es wie Linke, Wirtschaftspolitik zu betreiben und alle negativen Folgen davon dem angeblich herrschenden Neoliberalismus oder ganz generell dem Kapitalismus in die Schuhe zu schieben. Griechenland ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Kein Land kann mit Griechenland mithalten, wenn es um die Eingriffe in den Markt geht. Kaum ein anderes Land wird derart beherrscht von ökonomischer Stagnation und der staatlichen Unterbindung auch noch des letzten ökonomischen Impulses durch staatliche Gängelung wie Griechenland.

Seit 1981, so Niemitz, sei die linke Hegemonie in Griechenland ungebrochen. Mit dem Wahlsieg von PASOK habe das begonnen, was man unter linken Regierungen immer beobachten könne: Klientelpolitik, denn: Linke Regierungen kaufen sich ihre Wähler, und linke griechische Regierungen sind hier keine Ausnahme. PASOK hat den Wählerkauf fest etabliert. Andere Parteien haben das Erfolgsrezept kopiert, so Niemietz. Als Ergebnis ist die Staatsverschulung von unter 20% des Bruttosozialprodukts zu Beginn der 1970er Jahre auf mehr als 100% des Bruttosozialprodukts zu Beginn der 1990er Jahre angestiegen.

Wie alle linken Regierungen, so haben sich auch die linken Regierungen von Griechenland mit ihrem Geschäftsmodell über kurz oder lang in einen Finanzierungsengpass manövriert. Klientelpolitik, also mehr oder weniger offener Wählerkauf, ist teuer und wird mit jeder Gruppe, die hinzukommt, teurer, nicht nur, weil die neue Gruppe finanziert werden will, sondern weil die alte Klientel nach Hinzukommen der neuen Günstlinge mehr verlangt als sie bislang erhalten hat.

Dass Griechenland chronisch knapp bei Kasse war, ist kein Geheimnis, dass die entsprechende Knappheit dadurch gelöst wurde, dass die Griechische Zentralbank Geld gedruckt hat und die Regierung an Kapitalmärkten als Schuldenbuckel bekannt war, ist auch kein Geheimnis. Dass die Mitgliedschaft in der Eurozone die griechische Regierung in die Lage versetzt hat, Kapital in einer Größenordnung und zu günstigen Konditionen zu leihen, wie nie zuvor, ist noch viel weniger ein Geheimnis.

Dass man nicht ewig leihen kann, dass Kreditgeber zuweilen ihr Geld zurückverlangen, das hat die griechische Regierung zwischenzeitlich erfahren, dass dies selbst für IWF und EZB gilt, muss in Griechenland wohl erst verdaut werden.

Und Griechenland ist in keiner Weise gerüstet, um die Schulden zurückzuzahlen. Das ist das offensichtlichste Nicht-Geheimnis: “The Greek economy had become a rent-seeking economy, in which economic activity is not about creating wealth, but about extracting wealth from others through the political process. If you are afraid of dog-eat-dog capitalism, you haven’t seen dog-eat-dog socialism yet”.

So beschreibt Niemietz den griechischen Sozialismus als – wie man sagen könnte: Schnorrer-Ökonomie, in der es nicht darum geht, Mehrwert zu produzieren, sondern darum, sich im Vergleich zu anderen und auf deren Kosten besser zu stellen. In der Ökonomie werden derartige sich selbstauffressende Gesellschaften, seit Gordon Tullock den Begriff geprägt hat, als “rent-seeking society” bezeichnet, als Gesellschaft, die über kurz oder lang da ankommen muss, wo die griechische Gesellschaft nun angekommen ist: im Staatsbankrott.

Varoufakis modern economicsEin vollkommen logisches Ende, denn man kann nicht dauerhaft mehr ausgeben als man einnimmt. Die Jahre unterschiedlicher linker Regierungstätigkeit, die “50 shades of red”, wie sie Kristian Niemietz nennt, sie spiegeln sich deutlich in den wirtschaftlichen Daten das Landes wider: Egal, ob der “Ease of Doing Business-Index” der Weltbank, der “Economic Freedom Index” der Heritage Foundation oder der World-Competitiveness Index des World Economic Forum zur Grundlage der Betrachtung gemacht wird: Immer findet sich Griechenland am Ende des Feldes der Industriestaaten und – wie im World-Competitveness Index (Platz 81 von 144) umringt von Ländern wie Algerien, Uruguay, Moldawien und dem Iran.

Griechenland ist in der Tat ein Land, dem ein linkes Denkmal gesetzt werden muss. Jahrzehntelange linke Regierungen haben das Land zu einer Schnorrer-Ökonomie degradiert, in dem sich die politische Klasse Stimmen kauft, so lange, bis kein Geld zum Stimmenkauf mehr da ist.

Insofern kann man sich Kristian Niemietz nur anschließen, wenn er den GREXIT als die für Griechenland auf lange Sicht beste Lösung ansieht: deutlich fallende Preise und Löhne, ein kompletter Ausschluss des Landes aus dem Kapitalmarkt, sie würden dazu führen, dass die politische Klasse von ihrer Gewohnheit der Wählerbestechung ablassen muss: “Greece’s political class would run out of excuses, and that can only be a good thing”.

Und die Griechische Tragödie, sie hätte doch ein Ende.

David Cameron: GREXIT jetzt!

Wir schreiben das Jahr 2016.

Yanis Varoufakis spielt weiterhin Hühnchenspiele mit seinen Partnern in der Eurozone.

Die Europäische Zentralbank bricht einen neuen Überweisungsrekord: 2000 Milliarden Euro hat sie zwischenzeitlich nach Griechenland überwiesen und damit doppelt so viel, wie Griechen Spareinlagen haben.

Game Theory

Wie Yanis Varoufakis spielt

Bei der deutschen Bundesregierung vermutet man langsam, dass Alexis Tsipras sich gar nicht mit den Länderchefs und Finanzministern der Eurozone einigen will, sondern mit den EZB-Milliarden einen schwunghaften Bondhandel betreibt.

Und in Britannien sitzt ein David Cameron und wundert sich.

Lassen wir es nicht so weit kommen, so mag sich Cameron denken. Und um das beschriebene Szenario zu vermeiden und das Affentheater, das mittlerweile fast täglich in Brüssel gastiert, aufzulösen, hat er einem Amtskollegen aus der Eurozone anvertraut, was niemand auszusprechen wagt:

Es wäre das Beste, so David Cameron, wenn Griechenland aus der Eurozone ausscheiden würde, das Beste für alle Beteiligten, [mit Ausnahme von Mario Draghi vielleicht, dem Präsidenten der EZB, der sich dann einen neuen Adressat für die Milliarden, die er so freigiebig aus dem Fenster wirft, suchen müsst]:

“On Greece, the PM wondered if it was wise for Angela Merkel to allow the discussion with Greece to take place at PM level and mused that it might be better for Greece to leave the eurozone in order to sort its economy out – though also accepted that there were major risks in that too.”

Das berichtet der Guardian.

Also besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!

Wer soll das bezahlen? Sozialausgaben machen Kommunen handlungsunfähig

Wer im Vereinigten Königreich lebt, der zahlt seine County Tax. Die Höhe der County Tax bestimmt sich über die Größe des bewohnten Hauses, wächts also mit der Größe des Hauses. Aus der County Tax werden die Polizei, die Ausgaben für Schulen und Bildungseinrichtungen, die Verkehrsinfrastruktur und die Abfallentsorgung finanziert. Über die Ausgaben legen die Local Councils jährlich jedem privaten Haushalt Rechnung.

Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die Abgaben von Hausbesitzern oder Mietern auch der Verbesserung der Infrastruktur zu Gute kommen, die wiederum Hausbesitzern und Mietern zu Gute kommt, dass sie nicht für Leistungen bezahlen, die sie nicht in Anspruch nehmen oder bezahlen und keine Gegenleistung dafür erhalten [Die Mehrzahl der Briten lebt im eigenen Haus. Mieter sind die Minderheit].

In deutschen Kommunen ist das anders. Hier gehen die kommunalen Abgaben wie Gewerbesteuer oder Grundsteuer A und B gemeinsam mit den kommunalen Anteilen am Steueraufkommen in ein Säckchen, aus dem heraus und ohne Zweckbindung die Ausgaben finanziert werden.

Und in diesen Beutel greifen so viele Hände, dass kommunale Leistungen wie die Müllentsorgung oder die Erhaltung der Infrastruktur in manchen Kommunen nur mit Schwierigkeiten erbracht werden können. Das Schlagloch in der Straße ist hier der gewohnte Anblick geworden, an die ständig steigenden Müllgebühren und Anliegerkosten hat man sich fast schon gewöhnt.

Grund für die klamme Lage der Kommunen sind, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, Sozialausgaben:

  • Kommunale SozialausgabenDie Sozialausgaben machen bis zu 58% kommunaler Haushalte aus;
  • Die Sozialausgaben der Kommunen sind in 10 Jahren um 50% gewachsen, von 51 Mrd. Euro auf 78 Mrd Euro.
  • Einer der größten Ausgabenposten sind die Leistungen aus dem SGB II, d.h. Leistungen für Heizung und Unterkunft (Wohngeld). Sie addierten sich bundesweit im Jahr 2013 auf 14 Mrd. Euro.

Dass den Kommunen, das Wasser bis zum Hals steht, hat also (mindestens) einen Grund: Sozialausgaben.

Betrachtet man Nordrhein-Westfalen genauer, das Bundesland mit der durchschnittilch höchsten Belastung der Kommunen durch Sozialausgaben, dann ergeben sich folgende Ausgabenrekorde im Jahr 2013:

  • Ausgaben für Sozialhilfe: 6,74 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Unterkunft und Heizug: 3,57 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Jugendhilfe: 2,29 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Arbeitslosengeld II: 1,30 Mrd. Euro;
  • Sonstige soziale Leistungen: 0,81 Mrd. Euro;
  • Asylbewerberleistungen: 0,35 Mrd. Euro;
  • Eingliederung von Arbeitsuchenden: 0,19 Mrd. Euro;
  • Bildung und Teilhabe sowie einmalige Leistungen an Arbeitsuchende je: 0,14 Mrd. Euro

Insgesamt belaufen sich die kommunalen Sozialausgaben in Nordrhein-Westfalen auf 15,5 Mrd. Euro im Jahr 2013. Im Jahr 2005 waren es noch 10,9 Mrd. Euro. In acht Jahren sind die Sozialausgaben somit um 42% angewachsen.

Bedenkt man, dass Sozialausgaben eigentlich Luxusausgaben sind, die dann entstehen können, wenn die dringenden Ausgaben, die zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur, zur Bereitstellung kommunaler Versorgungsleistungen usw. notwendig sind, getätigt wurden, dann sind die präsentierten Zahlen erschreckend.

Anders formuliert: Bevor partikulare Leistungen, die bestimmten Gruppen zu Gute kommen, erbracht werden, müssen die Leistungen erfüllt sein, die allen Gruppen zu Gute kommen, also Leistungen in Infrastruktur, Versorgung usw. Schließlich sind diese Leistungen die Grundlage der Produktivität, die es erst ermöglich, Sozialleistungen überhaupt zu erbringen.

Marx aktualisieren: Klassenkampft 2015f

Seit einiger Zeit schon denken wir darüber nach, Karl Marx und seine Theorie des Klassenkampfes zu aktualisieren – schon weil diejenigen, die sich derzeit in den Fußstapfen des Trierers wähnen, der falschen Fährte folgen.

Denn: Der Klassenkampf hat sich entwickelt, findet nicht mehr zwischen Arbeitern und Kapitalisten bzw. Produktivkräften und Inhabern der Produktionsmittel statt. Der Klassenkampf hat eine Tertiarisierung erfahren.

Karl MarxDoch zurück zu den Anfängen im Urkommunismus, in dem, so haben sich Friedrich Engels und Karl Marx erinnert, die Gleichheit der Menschen gegeben war. Warum? Nun, weil kein Mehrwert erwirtschaftet wurde, und wenn kein Mehrwert erwirtschaftet wird, wenn man nur von der Hand in den Mund lebt, so die beiden Paläo-Klassentheoretiker, dann gibt es keine Macht- und keine Herrschaftsstrukturen. Wenn jeder von der Hand in den Mund lebt, dann gibt es nichts, was man sich aneignen kann. Ganz so romantisch, wie der Urkommunismus zuweilen dargestellt wird, scheint die Gestalt, die er in den Gehirnen von Marx und Engels angenommen hat, nicht gewesen zu sein.

Mit dem Mehrwert kommt die Herrschaft und die Macht: Überschussproduktion, so haben Marx und Engels theoretisiert, führe zur Herausbildung von zwei Klassen: eine, die den Überschuss produziert, die Produktivkräfte, und eine, die sich den Überschuss aneignet. Besser, man gehört zur zweiten Gruppe.

Und so hat sich der historische Materialismus, den Marx und Engel hier erdacht haben, über die Jahrhunderte entwickelt, vom Antagonismus zwischen Sklaven und Sklavenhaltern, über den zwischen Feudalherren und Bauern bis zu den Bonzen und den Arbeitern. Und von letzterer Idee sind die Linken noch heute beseelt – ganz so, als habe Karl Marx nicht im 19. Jahrhundert gelebt, ganz so, als beschreibe sein Historischer Materialismus kein Entwicklungsgesetz, ganz so, als sei die Zeit stehen geblieben und mit ihr das Denken der Linken.

Mit anderen Worten: Die Linken hinken der Entwicklung hoffnungslos hinterher. Sie sind veraltet und bedürfen einer dringenden Modernisierung.

Das Entwicklungsgesetz des Historischen Materialismus besagt, dass Produktivkräfte der Motor der Entwicklung sind, dass Umwälzung nur dann stattfindet, wenn die Entfaltung der Produktivkräfte durch die Inhaber der Produktionsmittel behindert wird. Aus diesem Spannungsverhältnis, so hat Karl Marx erwartet, ergebe sich das Ende für den bürgerlichen Kapitalismus und nach einer Phase, in der das Proletariat per Diktatur regiere, gehe die Menschheit ein, in den Garten Eden des Kommunismus, kehre zurück in den Zustand der Gleichheit, der den Urkommunismus ausgezeichnet hat, als man keinen Mehrwert produziert und von der Hand in den Mund gelebt hat.

Nun warten die Linken seit rund 150 Jahren, und was ist passiert?

Nichts!

Und warum? Weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Marx hat sich geirrt und Engels sowieso.

Nicht die Diktatur des Proletariats ersetzt den Antagonismus von Arbeitern und Kapital, sondern der Antagonismus der Mehrwertschaffenden und der Mehrwertverbrauchenden.

Insofern kehren wir auch nicht zurück in den Urkommunismus, sondern in eine neue Variante antiker Gesellschaft, in der es eine Klasse von Menschen gibt, die den Mehrwert erwirtschaften, und eine Klasse von Menschen, die den von anderen geschaffenen Mehrwert verbraucht.

Mehrwertschaffende Menschen sind nach wie vor Arbeiter, aber auch Selbständige und Unternehmer. Sie erwirtschaften Lohn, Einkommen und Umsatz durch die Herstellung von Produktivgütern.

Mehrwertverbrauchende Menschen sind all diejenigen, die vom Lohn, Einkommen oder Umsatz der mehrwerterschaffenden Menschen leben ohne selbst (nennenswert) zur Schaffung von Mehrwert beizutragen.

Darunter:

  • Professional spongerDie Gruppe der Politiker, die sich dafür bezahlen lässt, dass sie den Mehrwertschaffenden vorgaukelt, in deren Interesse zu handeln.
  • Die Gruppe der Funktionäre, die nicht nur den von anderen geschaffenen Mehrwert verbrauchen, sondern dafür sorgen, dass der Anteil des Mehrwerts, der den Mehrwertschaffenden zukommt, kontrolliert wird. Sie tun dies z.B. dadurch, dass sie kollektive Lohnverhandlungen führen und individuelle Mehrwertschaffende daran hindern, einen ihren Fähigkeiten angemessenen Preis für ihre Arbeitskraft zu erhalten. Sie tun dies dadurch, dass sie die über kollektive Lohnverhandlungen die Anzahl der Mehrwertschaffenden, die in Arbeitslosigkeit geparkt werden, künstlich hochhalten, um auf diese Weise ein Druckmittel gegenüber den Mehrwertschaffenden in Arbeit zu gewinnen.
  • Die Gruppe der Aktivisten, die von anderen geschaffenen Mehrwert dafür verbrauchen, dass sie gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen, dass sie Arbeiter gegen Unternehmer aufhetzen, Männer gegen Frauen, Alte gegen Jungen, Kranke gegen Gesunde, Dicke gegen Dünne, der Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.
  • Die Gruppe der Lebens-Berater, die von anderen geschaffenen Mehrwert dadurch verbrauchen, dass sie Entscheidungen für Dritte treffen, diese Dritten entmündigen, z.B. indem Sie deren Zugang zu Drogen begrenzen, den Preis von Konsumgütern mit Steuern erhöhen, weil sie der Ansicht sind, die entsprechenden Konsumgüter seien für andere schädlich usw.
  • Die Gruppe der schlichten Nutznießer, die einfach nur durch andere geschaffenen Mehrwert verbrauchen. Sie entspricht der von Marx als Lumpenproletariat bezeichneten Gruppe findet sich heute aber vornehmlich unter den Transferexistenzen der Mittelschicht.

All die Genannten leben von dem, was die Mehrwertschaffenden erwirtschaften. All die Genannten versuchen auf die eine oder andere Weise, durch Gesetze, durch Tarifvereinbarungen, durch Vorschriften zum richtigen Leben, durch Transferverpflichtungen für die Mehrwertschaffenden, Letztere zu kontrollieren, wobei die Kontrolle dazu dient, die Mehrwertschaffenden auch weiterhin ausnutzen zu können.

Dabei spielt, wie immer im Marxismus, das Bewusstsein eine entscheidende Rolle. Marxismus gehört in das Lager des Hegelschen Materialismus und entsprechend wird dem Sein eine bewustseinschaffende Funktion zugewiesen.

Nun ist im modernen Marxismus nicht das Bewusstsein der Produktivkräfte, nicht das Bewusstsein der Mehrwertschaffenden fehlerhaft, sondern das Bewusstsein der Mehrwertverbrauchenden. Ihre materielle Existenz vermittelt ihnen das Bewusstsein, dass man auch ohne einen Mehrwert zu schaffen, ohne produktiv zu sein, ein sorgenfreies und üppiges Leben führen kann. Da sie im Gegensatz zu den malochenden Mehrwertschaffenden, nicht malochen müssen, hat sich bei Ihnen ein Bewusstsein von Überlegenheit eingestellt, d.h. die Ansicht, sie seien den Mehrwertschaffenen überlegen, könnten für diese Entscheiden, z.B. darüber, wie viel ihres Lohns, Einkommens oder Umsatzes sie an die Mehrwertverbraucher abzugeben haben.

Dabei merken die Mehrwertverbraucher nicht, dass sie am eigenen Ast sägen, da Ressourcen endlich sind, d.h. man die Mehrwertschaffenden nicht endlos belasten kann. Anders formuliert: Der Weg zurück in die Sklavengesellschaft der Antike ist nur bedingt möglich.

Folglich ist es im aktuellen Klassenkampf, die Aufgabe der Mehrwertschaffenden, den Mehrwertverbrauchenden das richtige Bewusstsein zu verschaffen, z.B. durch Formen des passiven Widerstands, Formen der Abgabe- bzw. Steuerverweigerung oder Formen der Verweigerung von Unterhalt und Transferzahlungen.

Im Gegensatz zu früheren Klassenkämpfen haben die Mehrwertschaffenden alle Trümpfe auf ihrer Seite, denn: Sie verfügen über Produktivkräfte und Produktionsmittel, die Mehrwertverbrauchenden verfügen bestenfalls über gesellschaftliche Positionen, die vielleicht auch mit Macht einhergehen, aber letztlich austrocknen bzw. absterben, wenn Mehrwertschaffende sie nicht mehr finanzieren.

©ScienceFiles, 2015

Sozialismus macht dünn – Freiheit erfordert Verantwortung

auch beim Essen …

Davide Dragone und Nicolas R. Ziebarth haben ein Arbeitspapier veröffentlicht, das überschrieben ist mit:

Economic Development, Novelty Consumption, and Body Weight: Evidence from the East German Transition to Capitalism.

Ein interessantes Arbeitspapier mit einer Reihe von zum Teil bekannten Ergebnissen:

banana revolutionDie sogenannte friedliche Revolution in der DDR hat wohl doch Bananen zur Ursache, wie sich daran zeigt, dass Dragone und Ziebarth eine sprunghafte Zunahme des Konsums tropischer Früchte bei Ostdeutschen von 1989 bis 1991 feststellen. Vielleicht ist es auch die Flucht vor der Kartoffel, die die Ostdeutschen zum Marsch auf dem Leipziger Ring veranlasst hat, denn der Konsum von Kartoffeln ist nach Öffnung der Grenzen zu Westdeutschland stark zurück gegangen.

Der veränderte Konsum ist zukunftsweisend, kreiert eine Gewohnheit, denn auch 1998 und 2005 zeigen Ostdeutsche die Konsummuster, die sie sich 1991 angewöhnt haben und: andere Essgewohnheiten als Westdeutsche.

Nicht ganz unproblematische Essgewohnheiten, wie es scheint, denn:

Nicht nur der Verzehr tropischer Früchte hat sprunghaft zugenommen, auch der Verzehr von Fertiggerichten, deren Attraktivität darin besteht, dass sie die Zubereitung von Speisen vereinfachen und beschleunigen und den Aufwand reduzieren. Davon haben in der Vergangenheit vor allem Ehefrauen profitiert, die die neu gewonnene Freiheit in mehr Körpergewicht investiert haben, wie Cutler, Glaeser und Shapiro (2003) für den Zeitraum von 1970 bis 1990 zeigen.

Offensichtlich muss man lernen, mit der neuen Freiheit, sowohl was die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln als auch das Mehr an Zeit angeht, umzugehen.

Für diese Annahme spricht auch, was Dragone und Ziebarth für Ostdeutsche zeigen können. Nach der Wende haben viele Ostdeutsche ihre Nahrung umgestellt: Deutlich weniger Kartoffeln, mehr tropische Früchte und vor allem: mehr Fertiggerichte und entsprechend: mehr Gewicht, mehr Übergewicht, mehr Adipositas, höhere Cholesterol-Werte, höherer Blutdruck und eine Zunahme von Diabetes (Typ II), und alles im Vergleich zu Westdeutschen.

Daraus kann man schließen, dass der ostdeutsche Sozialismus seine Bürger so ausgedorrt hat, dass sie sich, gleich dem fast Verdursteten, der eine Oase erreicht, auf das Angebot an neuen Waren, das ihnen der Kapitalismus zugänglich gemacht hat, gestürzt haben, es in vollen Zügen und mit vollen Mägen genossen und – wie man im Englischen sagt – dabei overindulged haben.

Das an sich wäre nicht schlimm, ergäbe sich daraus keine Gewohnheit. Aber: Es hat sich für viele Ostdeutsche eine Gewohnheit, eine Essgewohnheit ergeben: Scheinbar aus Angst davor, wieder in den ausgemerkelten Zustand sozialistischer Plan-Leere im Konsum-Laden gestürzt zu werden, hat sich eine “was-man-hat,-hat-man-Mentalität” durchgesetzt, durchaus auf Kosten der eigenen Gesundheit, wie die Ergebnisse von Dragone und Ziebarth zeigen: Im Gegensatz zu Westdeutschen sind Ostdeutsche dicker, übergewichtiger und kränker, gemessen an den drei Indikatoren von Cholesterolwert, Höhe des Blutdrucks und Diabetes.

Kampf gegen Adipositas in Venezuela

Kampf gegen Adipositas in Venezuela

Kurz: Sozialismus schafft bei denen, die ihm ausgesetzt sind, Entzugserscheinungen, die der einer Drogenabhängigkeit gleichen. Werden Waren, die im Sozialismus entzogen sind, zugänglich, dann führt dies zu einem entsprechenden Torschlusspanik- und Überkonsum, der sich in einer  Konsumtradition festsetzt, die Auswirkungen auf die Gesunheit der so Konsumierenden hat.

Nicht nur, dass sozialistische Systeme ihren Bürger Konsum vorenthalten, sie machen viele ihrer Bürger auch unfähig, dann, wenn der Sozialismus, wie er das regelmäßig tut und wie man es gerade wieder in Venezuela beobachten kann, an der Realität scheitert, normale Konsummuster und Umgangsweisen mit den Produkten zu entwickeln, die ihnen im Sozialismus vorenthalten waren. Entsprechend ist die höhere Adipositas unter Ostdeutschen eine fortdauernde Folge sozialistischer Unmündigkeit, ein kulturelles Erbe sozialistischer Magerkur.

Daten und Methoden
Die Ergebnisse von Dragone und Ziebarth basieren auf einer breiten Datengrundlage, nämlich dem nationalen Gesundheitssurvey von 1990 und 1992 (2.160 ost- und 4.390 westdeusche Befragte), der Folgestudie zum Gesundheitssurvey von 1996 (2.216 ostdeutsche und 4.203 westdeutsche Befragte) sowie dem Mikrozensus von 2005 (1% der deutschen Bevölkerung, derzeit rund 380.000 Haushalte und rund 820.000 Befragte). Die Analysen werden zum einen mit subjektiven Selbsteinschätzungen, z.B. im Hinblick auf die Veränderung der Konsumgewohnheiten nach der Wende, zum anderen mit objektiven Maßen, Cholesterolspiegel, Bludruck, BMI durchgeführt. Die Autoren rechnen Regressionsanalysen (OLS) mit unterschiedlichen abhängigen und unabhängigen Variablen.

Cutler, David M., Glaeser, Edward L. and Shapiro, Jesse M. (2003). Why have Americans become more obese? Journal of Economic Perspectives 17(3), 93–118 (und NBER, siehe Link).

Dragone, Davide & Ziebarth, Nicolas R. (2015). Economic Development, Novelty Consumption, and Body Weight: Evidence from East German Transition to Capitalism. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No.8967.

Gewerkschaft: Männer arbeiten 30% länger als Frauen – im Durchschnitt

Da schau her!

Ausgerechnet das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung hat einen Bericht veröffentlicht, der die Realität der Erwerbstätigen in Deutschland abbildet und geeignet ist, Mythen wie dem Gender Pay Gap, das von einer Schar Gläubiger nach wie vor in öffentlichen Andachten gepredigt wird, den Garaus zu machen.

Hat man sich bei der Hans-Böckler-Stiftung am Ende daran erinnert, dass die Mehrzahl der Gewerkschaftsmitglieder männlich ist?

Der WSI-Report ist überschrieben mit “Gender News: Große Unterschiede in den Arbeitszeiten von Frauen und Männern”.

Die großen Unterschiede addieren sich zu dem im Titel genannten Ergebnis: Männer arbeiten im Durchschnitt 30% länger als Frauen. Die wöchentliche Arbeitszeit für Männer beträgt im Durchschnitt 39,6 Stunden, die von Frauen im Durchschnitt 30,3 Stunden. [Beim WSI hat man es vorgezogen, die Pressemeldung aus der Sicht von Frauen aufzuziehen, was dazu führt, dass sich die Prozentuierungsbasis ändert, und Frauen um 23% weniger arbeiten als Männer. So ganz kann man die Manipulation zu Gunsten von Frauen beim WSI offensichtlich doch nicht lassen.]

Unter diesem Gesamtergebnis verbergen sich eine Vielzahl interessanter Einzelergebnisse:

WSI_Arbeitszeit frauen
Bei abhängig beschäftigten Frauen wird die Teilzeitarbeit immer beliebter: Während 1991 noch 68,1% der abhängig beschäftigten Frauen mehr als 35 Stunden pro Woche gearbeitet haben, waren es 2013 nur noch 46,5%. Die Füllhornpolitik der Bundesregierung zeigt hier Wirkung: Viele Frauen haben es weder für Rentenansprüche noch für ihren unmittelbaren Unterhalt nötig, mehr als 35 Stunden zu arbeiten.

Dagegen ist der Anteil der Männer, die wöchentlich 40 Stunden und mehr arbeiten, von 44,9% im Jahre 1991 auf 63,7% im Jahre 2013 gestiegen. Wer die Kosten der Umverteilung in die Taschen von Frauen, die Kosten der Füllhornpolitik, steigender Abgaben und Steuern zu zahlen hat, wird anhand dieser Zahlen mehr als deutlich.

Je höher die Qualifikation, desto länger die Arbeitzszeit. Im Durchschnitt arbeiten hochqualifizierte Männer 42,6 Stunden pro Woche, während hochqualifizierte Frauen es auf 40,8 Wochenstunden bringen und somit auf ungefähr die selbe Anzahl von Wochenstunden, auf die mittel-qualifizierte Männer kommen.

WSI_Arbeitszeit maennerDiese Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache, nicht nur darüber, wer die Steuerlast und die Wohltaten finanziert, die es immer mehr Frauen erlauben, sich auf Teilzeitbeschäftigung zu beschränken, während Männer immer länger arbeiten müssen, um den Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Wir sehen hier eine völlig neue Variante des Alleinernährers. Waren Männer in der Mittelschicht früher häufig Alleinernährer, so sind sie heute die  zwei-Drittel-Ernährer, wobei ihnen früher eine normale Arbeitswoche von nicht mehr als 40 Stunden gereicht hat, um den Lebensstandard auch bei Untätigkeit ihrer Frauen zu sichern.

Heute gehen viele Frauen aus der Mittelschicht einer Teilzeitbeschäftigung oder einer Alibi-Beschäftigung nach, gleichzeitig sind immer mehr Männer genötigt, den Opportunismus oder moral hazard ihrer Frauen durch Arbeitswochen von 45 und mehr Stunden zu kompensieren. Entsprechend ist der Anteil der Männer, die mehr als 45 Stunden arbeiten, von 8,7% der abhängig beschäftigten Männer im Jahre 1991 auf 13,7% der abhängig beschäftigten Männer im Jahr 2013 gestiegen.

Fazit:

Männer arbeiten im Durchschnitt 30% länger als Frauen. Immer mehr Männer arbeiten mehr als 45 Stunden in der Woche, immer weniger Frauen arbeiten mehr als 35 Stunden in der Woche.

Wenn man nun bedenkt, dass es in Deutschland Aktivisten gibt, die von einem Gender Pay Gap faseln und es als Beleg für ungerechte Entlohnung anführen, dann muss man nunmehr die Existenz eines Gender Time Gap konstatieren und fordern, dass Männer entsprechend der Mehrzeit, die sie für Arbeit aufwenden, kompensiert werden, z.B. durch Ruhetage, Tage, an denen es Genderisten verboten ist, den Mund aufzumachen.

P.S.

Der Bericht basiert auf den Daten des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts.

Den Seinen nimmt’s der Staat im Schlaf

Richtig informative und interessante Statistiken haben es heute schwer, wenn es darum geht, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Öffentlichkeit wird in Unsinns-Statistiken ertränkt, mit denen Gender Pay Gaps herbeigelogen werden sollen oder erfasste Straftaten in Kriminalität umgedeutet werden sollen.

DestatisDabei veröffentlicht irgend ein subversiver Mensch beim Statistischen Bundesamt immer einmal wieder eine Statistik, die es so richtig in sich hat.

“Durchschnittliche Rückerstattung lag bei 873 Euro”, so lautet eine dieser Pressemeldungen, die bislang ohne Wirkung verpufft sind.

Warum?

Eine Erklärung dafür, dass relevante Statistiken keine Wirkung zeitigen, liegt darin begründet, dass Sozialwissenschaftler ihre Arbeit verweigern. Die meisten von ihnen sind von innovativen Denkern und Kritikern am Status Quo zu Verteidigern des Status Quo und nützlichen Instrumenten in den Händen von Politikern degeneriert, die gerade einen Sozialwissenschaftler benötigen, um ihre neueste Marotte zu rechtfertigen.

Sozialwissenschaften, deutsche Sozialwissenschaften, sie hatten einst einen gesellschaftlichen Einfluss, sie waren von Vordenkern und Querdenkern durchsetzt, die gesellschaftliche Routinen in Frage gestellt haben. Um gesellschaftliche Routinen in Frage zu stellen, muss man natürlich in der Lage sein, einen Schritt zurück zu treten und das, was einem als Normalität präsentiert wird, gegen den Strich zu bürsten, eine Fähigkeit, der Kindern und Jugendlichen durch die Vorgabe des richtigen Denkens weigehend beraubt werden, und eine Fähigkeit, die in den Sozialwissenschaften, die von genderistisch-staatslegitimierend-sozialistischer Langeweile erstickt werden, mit Sicherheit nur noch vereinzelt vorhanden ist.

Und so bleiben Pressemeldungen, wie die oben zitierte, unbearbeitet, versinken im Meer der unsäglichen, stupiden und uninformativen Pressemeldungen.

Doch aus diesem Meer haben wir sie herausgefischt:

Destatis_Steuer“2010 gab es in Deutsch­land rund 13,1 Millionen unbeschränkt Steuer­pflichtige mit Einnahmen aus nicht­selbst­ständiger Arbeit und eventuell Kapital­einkünften. 11,4 Millionen dieser Steuer­pflichtigen erhielten im Rahmen der Einkommen­steuer­veranlagung eine Steuer­erstattung. Diese lag im Durch­schnitt bei 873 Euro. Besonders häufig waren Rück­erstattungen zwischen 100 und 1 000 Euro (62 %). Bei rund 10 % der Betroffenen fiel die Rück­zahlung geringer als 100 Euro aus. Beträge über 5 000 Euro erstatteten die Finanz­ämter in 1 % der Fälle.

Eine Nach­zahlung an das Finanz­amt mussten 1,4 Millionen Steuer­pflichtige leisten – der durch­schnittliche Betrag lag bei 897 Euro.”

Mit anderen Worten: Der deutsche Finanzminister, dessen Häscher sehr kleinlich und mit Gebührenforderungen reagieren, wenn bei ihnen nicht zum korrekten Termin eine Zahlung eingeht, von der sie denken, sie würde ihnen zustehen, arbeitet monatelang seinerseits mit Geld, das ihm nicht zusteht.

Der Zahlungsirrtum zu Gunsten des Finanzministers findet in 87% aller Fälle statt und summiert sich auf rund 10 Milliarden Euro. Gnädiger Weise geben die Finanzämter diese 10 Milliarden, die sie zu Unrecht kassiert haben, an diejenigen zurück, die eine Steuererklärung erstellen, auf Antrag und nicht freiwillig. Ein Zustand, der mündige Bürger eigentlich auf die Palme bringen müsste, eigentlich.

Den 10 Milliarden Steuergeldern, die die Finanzämter vorsorglich zu viel kassieren, die sie nur auf Antrag und ohne Zinsen zurückgeben (bei nur 2% Verzinsung müssten die Finanzämter 890 Euro und nicht 879 Euro im Durchschnitt zurücküberweisen), womit sie sicherstellen, dass die entsprechenden Bürger mit Sicherheit finanziell geschädigt wurden, stehen gut 1,2 Milliarden Euro gegenüber, die nachgezahlt werden müssen.

Ein eklatantes Missverhältnis.

Aber: Wo kein Kläger ist, ist bekanntlich kein Richter, und auf den Sozialwissenschaftler, der darauf hinweist, dass Statistiken, wie die berichtete, zeigen, dass deutsche Finanzämter abhängig beschäftigte Bürger bestehlen und finanziell dadurch schädigen, dass sie dann, wenn sie beim Diebstahl ertappt werden, nicht einmal eine Zinsentschädigung erstatten, vielmehr erwarten, dass Bürger ihren Diebstahl mit Hilfe vorgegebener Formulare und unter Einsatz von Zeit und Geld, häufig für einen Steuerberater, erst aufdecken, auf diesen Sozialwissenschaftler warten wir bis heute vergeblich.

Es soll ja Deutsche geben, die gerne Steuern zahlen, die entsprechend kein Problem damit haben, ganz uneigennützig zu geben, dem Finanzamt im vorliegenden Fall.

Gut-Sein hat seinen Preis – für andere: Wie erneuerbare Energien soziale Ungleichheit verschärfen

Deutschland ist das Land der grünen Energie.

nuclear-smilies (1)Wo andere Länder billigen Strom aus Kernkraft gewinnen, weht in Deutschland das Windrad bzw. scheint die Sonne, wenn sie denn scheint, auf Photovoltaik. Wind und Sonne, das sind die beiden Elemente der grünen Stromrevolution in Deutschland und das sind die beiden Probleme der grünen Stromrevolution. Beide sind nicht verlässlich genug, weshalb es konventionelle Kraftwerke auch weiterhin geben muss, um den Strombedarf dann zu decken, wenn Windflaute und bedeckter Himmel die Produktion von Strom gerade erschweren.

Aber was sind schon derartige kleine Probleme, die z.B. dazu führen, dass in Deutschland von 8760 Stunden, die eine Photovoltaik Anlage ausgelastet Strom produzieren könnte, es gerade einmal 900 Stunden sind, in denen die entsprechenden Anlagen tatsächlich ausgelastet mit der Produktion von Strom sind?

Das sind kleine Probleme, die man durch mehr (entsprechend ineffiziente) Photovoltaik und zusätzliche (gleichermaßen ineffiziente) Windräder beheben kann.

Das kostet natürlich Geld, viel Geld.

Und das lassen sich die Deutschen ihre grüne Ernergie dann auch kosten: Viel Geld.

  • Zwischen 2000 und 2013 haben sich die Stromkosten mehr als verdoppelt, von 13.94 auf 28.84 ct/kWh.
  • Ein typischer Haushalt mit einem Stromverbrauch von 3.500 kWh im Jahr zahlt im Jahr 2013 520 Euro mehr als im Jahr 2000.
  • Die Kosten für die Anlagen zur Gewinnung grünen Stroms addieren sich zwischen 2000 und 2013 für die Steuerzahler auf 110 Milliarden Euro.
  • In der Europäischen Union ist Deutschland führend, beim Strompreis jedenfalls: Nicht einmal die Dänen erreichen mit 22.04 ct /kWh das deutsche Niveau von 28.84 ct/kWh

Ja, die Deutschen lassen sich ihre Angst vor Kernkraft und ihre fast schon irrationale Liebe zu einer ineffizienten Energieform, deren Jahresauslastung nicht einmal 11% der Kapazität der entsprechenden Anlagen beträgt, etwas kosten.

Die berichteten Daten entstammen einem Beitrag aus dem RWI (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung) in Essen. Sie entstammen einem Beitrag von Manuel Frondel, Stephan Sommer und Colin Vance, einem sehr guten Beitrag, der zeigt, dass es auch in Deutschland noch gute Sozialforscher gibt. “The Burden of Germany’s Energy Transition – An Empirical Analysis of Distributional Effects” ist in englischer Sprache erschienen, was gut ist, kann der Beitrag doch auf diese Weise weite Verbreitung im englischsprachigen Ausland finden und als Warnung vor den Folgen “grüner Energiegewinnung” dienen.

RWI BurdenDie oben zusammengestellten Kostensuperlative der grünen Energie sind nur ein Teil des Beitrags von Frondel, Sommer und Vance. Es gibt noch mehr, können Sie doch auf Daten von rund 7800 Haushalten zurückgreifen, die zu drei Zeitpunkten im Rahmen des Deutschen Energie Konsumenten Survey befragt wurden. In diesem Survey haben die Befragten Angaben u.a. zu der Höhe der Kosten, die ihrem Haushalt durch Strom, Wasser, Heizung usw. entstehen, gemacht.

Damit nicht zufrieden haben sich die drei Autoren mit dem beschäftigt, was deutsche Politiker so gerne im Munde führen: Mit sozialer Ungleichheit. Soziale Ungleichheit ist ein Mode-Thema unter Gutmenschen, die ihr Geld damit verdienen, Personen, die sie als bildungsfern bezeichnen, auch weiterhin vom Zugang zu formaler Bildung abzuhalten, die ihr Geld damit verdienen, dass sie gemeinsam mit Hartz-IV-Empfängern jammern, anstatt Wege in Beruf und Einkommen zu zeigen oder die damit ihr Geld verdienen, dass sie Statistiken zusammenschustern, die zeigen sollen, wie viele Kinder in Armut leben oder in relativer Armut leben oder von Armut bedroht sind. Die entsprechenden Kennzahlen sind so gestaltet, dass man selbst unter einer Bevölkerung von Millionären immer einen bestimmten Anteil finden wird, der in relativer Armut lebt, so dass das Auskommen der Armutsbearbeiter in der Sozialindustrie auf Dauer gesichert ist.

Frondel, Sommer und Vance haben sich die Armutsgefährdungsgrenze zu Nutze gemacht, um die Verteilung der Finanzierungslasten für die grüne Phantasie deutscher Politiker zu bestimmen, und damit können sie die Bigotterie und Heuchelei deutscher Politiker in einer fast schon dramatisch zu nennenden Deutlichkeit zeigen.

Erinnern sie sich an die letzte Sonntagsrede eines Politikers oder eines Funktionärs, in dem er die soziale Benachteiligung von Bevölkerungsschichten, die vermeintliche Bildungsferne der Ärmsten oder die Armut, in der Kinder in Deutschland angeblich aufwachsen, bejammert hat. Erinnern sie sich, wie ihm die Tränen in den Augen standen, ob der sozialen Kälte, die in Deutschland gerade den Ärmsten der armen Armen ins Gesicht weht?

windkraftgegenerNun wechseln wir die Baustelle und erinnern uns an eine Rede des entsprechenden Politikers zu grüner Energie, zur rosigen Zukunft Deutschlands, von einer Menschenpromenade, die über die grünen Wiesen zieht und sich dabei zwischen den Pfeilern der Windkrafträder durchwindet, von dem Dank der nächsten Generationen, dem Dank dafür, dass die Energiewende vollzogen und die Natur gerettet wurde, vor was auch immer und davon, dass der deutsche Sonderweg bei der Energiegewinnung, wie alle Sonderwege zuvor, der richtige Weg ist.

Die beiden Baustellen leben davon, dass sie nicht mit einander in Verbindung gebracht werden.

Aber genau das haben Frondel, Sommer und Vance in ihrem Beitrag, den man nicht anders als als politisch unkorrekt bezeichnen kann, getan. Sie haben die grüne Energiewende mit der sozialen Ungleichheit zusammengebracht, und siehe da:

  • Je mehr grüne Energiewende, desto mehr soziale Ungleichheit!
  • Warum? Weil die Kosten der grünen Energiewende, weil die höchsten Strompreise in Europa überproportional am Einkommen ausgerechnet der Ärmsten unter den Armen, jener Klientel zehren, für die Politiker besonders gerne – zumindest verbal – da sind.
  • 5,5% des Einkommens von Haushalten, die die Definitionsgrenze der Armutsgefährdung erreichen, die also 60% des Median-Nettohaushaltseinkommens verdienen, müssen für Strom ausgegeben werden und damit ungefähr so viel, wie für die Beheizung der Wohnung.
  • Dagegen gibt ein Haushalt mit durchschnittlichem Einkommen in Deutschland 2,6% des Einkommens für Strom aus.
  • Seit 2000 ist der Anteil, den die Stromkosten vom Haushaltseinkommen fressen, stetig gewachsen, und da die Bundesregierung bis 2030 plant, Haushalten 50% grüne und teure Energie aufzuzwingen, ist absehbar, dass die finanzielle Belastung weiterhin steigen wird.
  • Da Haushalte mit einem geringen EInkommen proportional einen höheren Anteil ihres Einkommens für Strom aufwenden als Haushalte mit einem durchschnittlichen oder einem hohen Einkommen, führt die Energieutopie der Bundesregierung und die konkrete Politik, die sich damit verbindet, zu einer Verstärkung sozialer Ungleichheit.

Kurz: Die Energiewende verschärft die soziale Ungleichheit, öffnet die Schere zwischen gring- und durchschnittlichverdienenden Haushalten immer weiter.

Daran sollten sich alle erinnern, wenn sie den nächsten Politiker von sozialer Ungleichheit fabulieren hören und vor allem wenn sie Funktionäre beim Brunnenvergiften erwischen, also dann, wenn z.B. Gewerkschaftsfunktionäre erzählen, dass es die bösen arbeitgebenden Kapitalisten sind, die auf Kosten der Arbeiter immer reicher werden, die dafür sorgen, dass Letztere immer weniger Anteil am gesellschaftlichen Reichtum haben.

Frondel, Manuel, Sommer, Stephan & Vance, Colin (2015). The Burden of Germany’s Energy Transition – An Empirical Analysis of Distributional Effects. Essen: Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung; Ruhr Economic Papers #542.

Die geradezu grotesken Folgen der Energiewende zeigt Klaus Peter Krause anhand des Irrsinns von Irsching, wo der Welt modernste und effizienteste Gasturbine still steht.

Hochschulmarketing: Ganz wichtige Tipps

Hochschulmarketing gibt es übrigens wirklich. Eine ganze Reihe von Autoren hat dazu sogar so viel zu sagen, dass ganze Bücher gefüllt werden.

Hochschulmarketing ist:

hochschulmarketing„eine bewusst marktorientierte Führung der gesamten Hochschule mit der Ausrichtung der Koordination aller Aktivitäten auf die Bedürfnisse der relevanten Zielgruppen, um einen Vorteil im Hochschulwettbewerb zu erlangen” (Loevenich, 2009: 20)

oder:

[die] „strategische und zielorientierte Herbeiführung und Gestaltung von Austauschprozessen mit externen und internen Partnern auf Absatz- und Beschaffungsmärkten sowie dem Markt der allgemeinen Öffentlichkeit“ (Wefers, 2007: 59).

Kurz: Hochschulmarketing ist das “strategische und zielorientierte” Wortgeklingel, mit dem z.B. Abiturienten erzählt werden soll, dass man an der Universität X ganz toll studieren kann, weil es besonders viele Kneipen im Umfeld der Universität gibt (relevante Bedürfnisse der Zielgruppe), und zwar viel mehr als im Umkreis von Hochschule Y (Wettbewerbsvorteil) und dass nicht nur für das leibliche Wohl gesorgt ist, sondern auch dafür, dass die Bewertungen stimmen (Gestaltung von Austauschprozessen), was schon deshalb der Fall ist, weil die Dozenten strategisch so ausgewählt wurden, dass sie dem Ziel, jedem Studenten einen Abschluss zu verschaffen, förderlich sind.

Wir haben uns – als alte Marketingexperten, die es geschafft haben, ein noch vor vier Jahren unbekanntes, weil noch nicht gegründetes Blog innerhalb von nur kurzer Zeit zur Nr. 1 der deutschen Wissenschaftsblogs zu machen (und das ganz ohne institutionelle Anbindung oder irgend eine Form der finanziellen Förderung), dazu durchgerungen, deutschen Hochschulen vor allem im Hinblick auf ihr Abschneiden in einem Hochschulranking unentgeltliche Expertentipps zu geben.

Tipps, wie man sich zielorientiert und strategisch und taktisch und in jedem Fall gut und effizient und natürlich exzellent und nur bei der relevanten Zielgruppe, also ohne Marketing-Ausschuss, gut verkauft – als Hochschule.

Stellen wir uns die folgende Ausgangssituation vor:

An einem Hochschulranking haben Hochschulen aus U (N=10), G (N=5) und D (N=5) teilgenommen. Unser Zielobjekt der Marketinganstrengungen ist Hochschule D0 aus der Menge D.

Das Ranking hat folgende Ergebnisse erbracht (siehe Abbildung):
Ranking

Das Marketingproblem für D0 ist einfach umschrieben: Wie macht man aus einem vergleichsweise schlechten Abschneiden, ein gutes Abschneiden machen bzw. wie kann man ein vergleichsweise schlechtes Abschneiden dennoch nutzenbringend ausschlachten?

Nichts einfacher als das.

Wir haben für jede Gemütsverfassung das richtige Motto für eine strategische und selbstverständlich zielgerichtete Marketingkampagne:

Der offensive Ansatz

  • D0: Spitze unter den D’s!
  • D0: Wieder unter den Top 20!
  • D0: An dritter Stelle hinter den Us und Gs!

Der defensive Ansatz

  • D0: Trotz des guten Abschneidens – es ist noch Raum für Verbesserung!
  • D0-Chef: “Ich danke allen Mitarbeitern, ohne die dieses Ergebnis nicht möglich gewesen wäre”.
  • D0: Im Vergleich zum Vorjahr vier Plätze zugelegt!

Der Team-Ansatz

  • D0-Chef: “Ranking-Erfolg beweist, dass wir auf dem richtigen Weg sind.”
  • D0-Chef: “Ich danke allen Mitarbeitern, ohne die dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre.”
  • D0-Chef: “Einigkeit macht stark!

Der Stärken-Ansatz

  • D0-Chef: “Es war immer die Stärke von D0, sich nicht vorzudrängen.”
  • D0-Chef: “Exzellente Ausbildung findet nicht nur an der Spitze statt!”
  • D0-Chef: “Das gute Ergebnis ist ein Beleg für die Bedeutung des Wissenschafts-Standorts D0.”
  • D0-Chef: “Ich danke allen Mitarbeitern, die durch ihre Kompetenz und ihren unermüdlichen Einsatz dieses Ergebnis erst möglich gemacht haben.”

Der resignierte Ansatz

  • D0-Chef: “Dabei sein ist alles.”
  • D0-Chef: “Die Ökonomisierung der Hochschulen ist schuld!”
  • D0-Chef: “Exzellenz kommt nicht von entsprechend benannten Programmen.”
  • D0-Chef: “Ich danke allen Mitarbeiter, die durch ihre Kompetenz und ihren Einsatz dieses Ergebnis zu verantworten haben.”

Der widerspenstige Ansatz

  • D0-Chef: “Viele haben es gar nicht erst ins Ranking geschafft!”
  • D0-Chef: “Dafür sind wir familienfreundlich!”
  • D0-Mitarbeiter: “Jetzt erst recht!”

Der kreative Ansatz

  • D0: Ergebnis zeigt: öffentliche Förderung zu gering!
  • D0-Chef: “Mit einer Frauenquote wäre das nicht passiert!”
  • D0-Chef: “Mindestens 30 neue Stellen notwendig um in der Weltspitze mithalten zu können!”
  • DO-Chef: “Auch der unermüdliche Einsatz und die Kompetenz der Mitarbeiter hat an diesem Ergebnis nichts ändern können.”

Der Soziologie-Ansatz

  • Das Ranking ist Mist, die Kriterien sind unklar, alles ist Schiebung, außerdem ist der Kapitalismus schuld, und wir machen ab sofort nicht mehr mit.

Literatur

Loevenich, Hermann (2009). Konstruktives Hochschulmarketing. Ludwig-Maximilians-Universität München: Arbeitspapier.

Wefers, Ulrike (2007). Hochschulmarketing in Deutschland: Chancen und Herausforderungen. Hamburg: Diplomica.

“Kunstwerke verkaufen und Steuern senken!” oder: Braucht eine zivile Gesellschaft Kunstwerke?

Durch Zufall sind wir auf die Tatsache aufmerksam geworden, dass Bund und Länder viel Steuergeld dafür ausgeben, vermeintliche Kunstwerke anzukaufen.

Warhol

Wir bevorzugen Baxters.

So befinden sich, wie aus einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hervorgeht, rund 8.300 vermeintliche Kunstgegenstände im Besitz der Landesregierung. Um was es sich dabei handelt, kann die Landesregierung eines Landes, das im Länderfinanzausgleich zu den Bettlern gehört, leider nicht angeben, da das Einverständnis der Künstler für eine Veröffentlichung notwendig sei und in vielen Fällen nicht vorliege. Ob die Landesregierung Sachsen-Anhalt bei jedem Kauf unbekannter Kunstwerke von unbenannten Künstlern das Einverständnis der Steuerzahler eingeholt hat, wird aus der Antwort auf die Kleine Anfrage leder nicht deutlich.

Dass sich im Besitz der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zwei Warhols befunden haben, ist dadurch ans Tageslicht gelangt, dass die Landesregierung die beiden Werke in New York für die Kleinigkeit von 151,5 Millionen US-Dollar hat versteigern lassen.

Und dass manche es geradezu als Aufgabe von Landes- und Bundesregierung ansehen, das, was sie als Kunstwerke ansehen, aufzukaufen, hat die Stammlesern von ScienceFiles bereits bekannte Monika Grütters gerade ausgeplaudert. Bei der Gelegenheit hat sich sich an einer Neubestimmung von ökonomischem Wert versucht, die Mill, Marx und Ricardo im Trio rotieren und Adam Smith die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ließe.

Wir zitieren:

“In der Politik droht neuerdings leider eine eindimensionale Sicht auf den Marktwert der Kunst hoffähig zu werden. Der bisherige Konsens, wonach der Staat dem Wert der Kunst, dem Schutz kultureller Werte verpflichtet ist, hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nicht davon abgehalten, zwei Warhols unter den Auktionshammer zu bringen. Für die Zukunft gilt es, einen Dammbruch für Verkäufe national wertvoller Kunstwerke aus öffentlichem Besitz zu verhindern. Denn wo die Preise, die sich mit Kunst erzielen lassen, politisch höher bewertet werden als ihr Wert, wird sie zum dekorativen Luxus, den wir uns nur in guten Zeiten leisten und den wir in schlechten Zeiten zur Disposition stellen, um Haushaltslöcher zu stopfen.”

Wert und Preis von Kunstgegenständen ist also eine Frage der politischen Bewertung. Ist Kunst oder das, was man als Kunst betrachtet, ein dekorativer Luxus, dann wird das bei Grütters ihrem Wert ebenso wenig gerecht als es der Verkauf der Kunstswerke, um Haushaltslöcher zu stopfen, wird. Indes, auch wenn Grütters in aller ökonomischen Ahnungslosigkeit, zu der sie fähig ist, Preise zu etwas Empirischem und Werte zu etwas Eingebildeten stilisiert, so scheint dies doch nicht wirklich als Grundlage einer neuen Werttheorie zu taugen.

DobbZur Erinnerung: Ökonomen und Philosophen haben sich über Jahrhunderte den Kopf darüber zerbrochen, wie man den Wert, der in die Erstellung eines Gutes eingeflossen ist, im Preis abbilden kann. John Stuart Mill hat dieses Problem einfach gelöst, in dem er angenommen hat, “dass die Dinge die Tendenz haben, eines gegen das andere sich zu solchem Werte austauschen zu lassen, dass jeder Produzent in den Stand versetzt wird, die Produktionskosten samt dem gewöhlichen Kapitalgewinn zurückerstattet zu erhalten”. Marx hat versucht, den Wert der Arbeit, die in die Produktion eines Gutes eingeflossen ist, in seiner Werttheorie besonders zu berücksichtigen und durch seine Mehrwerttheorie zu ergänzen. Beide Philosophen und eigentlich so ziemlich alle Ökonomen, die sich mit dem Wert von Gütern befassen, sind also der Meinung, der Wert eines Gutes werde über die Arbeit, das Material, die Zeit, schlicht: die Ressourcen bestimmt, die in seine Produktion eingeflossen sind. Und ob sich die Investition in den Wert eines Gutes gelohnt hat, das zeigt sich dann, wenn man es am Markt tauschen will. Tauscht man es gegen Geld, dann zeigt sich, ob das Gut die Produktion wert war, am Preis.

Nicht so bei Monika Grütters. Bei ihr ist der Wert von Kunst essentiell und nicht im Preis abzubilden. Ein Kunstwerk ist kein dekorativer Luxus, der sich am hohen Preis bemessen lässt. Ein Kunstwerk ist auch kein Mittel, um Haushaltslöcher zu schließen. Der Wert eines Kunstwerkes bestimmt sich für Grütters offensichtlich auch nicht entlang der Kosten für Leinwand, Rahmen, Ölfarben und Arbeitsaufwand des vermeintlichen Künstlers, denn wäre dem so, sie wäre nicht bereit, mehr als 1000 Euro pro Kunstwerk auszugeben. Nein, der Wert ist ideel, eine frei flottierende Entität, die sich demjenigen mitteilt, dem sie sich mitteilt. Grütters zum Beispiel, die den Wert von Kunst auch unabhängig vom Preis, den das Kunstwerk am Markt erzielen könnte, offensichtlich sofort erkennt, vermutlich weil der große Kunstgeist ihn mitteilt.

Man hat es ja schon immer geahnt, aber die Offenheit, mit der Grütters, immerhin Staatssekretär im Bundeskanzleramt und vermeintlich für Kultur zuständig, ausplaudert, dass Bund und Länder Kunstgegenstände al Gusto bepreisen und offensichtlich zu Phantasiesummen aufkaufen, die am Markt für Kunstgegenstände nie zu erzielen wären, lässt die Farbe aus dem Gesicht verschwinden. Kein Wunder, dass das Land Sachsen-Anhalt die Namen der Künstler, die von ihnen erstellen Kunstwerke und vor allem die Summen, die dafür ausgegeben wurden, diese Kunstwerke anzukaufen, nicht öffentlich machen will, denn offensichtlich ist auch das Aufkaufen von Kunstwerken ein Patronagesystem, das auf Kosten der Steuerzahler und auf Kosten der Armen, für die sich Politiker so gerne engagieren, betrieben wird.

Mit ihrer Meinung, dass der Wert eines Kunstgegenstandes nicht über den Preis bestimmt wird, den der entsprechende Gegenstand am Markt erzielt, sondern darüber, was ein Staatssekretär gerade als dessen Wert ansieht, steht Grütters übrigens nicht allein. Die absurde Idee, dass der Wert von Gegenständen eine Größe ist, die sich eigentlich gar nicht bestimmen lässt, sondern unbezifferbar ist, anders formuliert, dass neben dem Preis noch ein unglaublich hoher, in keiner Einheit messbarer, aber dennoch vorhandener ideeler Wert vorhanden ist, diese absurde Idee haben wir in einem Buch zur ausgerechnet “Politischen Ökonomie” gefunden, und zwar in der folgenden Variante:

Priddat politischeoekonomie“Das Buch erzeugt einen Zustand des Menschen, der nicht mehr identisch ist mit dem, in dem er das Buch zu lesen begann. Dies nennen wir Transformation. … Bücher dieser Couleur haben einen Mehrwert, der durch ihre Dinghaftigkeit nicht bezeugt ist. … beim Kauf … hat das Buch einen Wert, der sich im Preis nicht erschöpft. … Es kann Bücher geben, die in das Leben von Menschen so stark eingreifen, dass man ex post ein paar hunderttausend Euro nachzahlen müsste, um dem Wert einigermaßen zu entsprechen. … Wir verkaufen/kaufen Güter, deren Preis nichts über den Wert aussagt, den diese Bücher entfalten. Als Transformationsgüter sind Bücher Konsumtiva, die im Konsum ihren Wert bilden bzw. über den Preis hinaus steigen” (Priddat, 2009: 117-118).

Die Vorstellungs- oder Einbildungskraft des Herrn Priddat reicht leider nur dazu, eine Wertsteigerung zu sehen. Was aber, wenn das Lesen eines Buches, z.B. des Buches von Herrn Priddat den Wert nicht steigert, den man mit dem Preis diesem Buch zugeschrieben hat, sondern reduziert, wenn man durch das Lesen und den schockierenden Unsinn, den man lesen muss, misanthropisch und pessimistisch wird, wenn einen die Lebensfreunde verlässt, angesichts des Unsinns, der in Buchform gebracht werden kann? Soll man dann Priddat mehrere hunderttausend Euro in Rechnung stellen, für entgangene Lebensfreude und den Verlust des Glaubens an die Vernunft in Menschen?

Jemand wie Birger Priddat müsste dieser Möglichkeit eigentlich zustimmen, so dass wir jedem Leser seines Buches, der dabei intellektuellen Schaden nimmt, nur raten können: Nehmt den Priddat beim Wort und klagt die Transformation Eurer Persönlichkeit, die durch die Lektüre des Priddats eine Wende ins Schlechtere genommen hat, ein!

Ansonsten müssen wir abschließend zwei Dinge feststellen und eine Forderung formulieren:

  • Die Irrationalistät feiert in Deutschland munter Feste, nun auch in Büchern über “Politische Ökonomie” (bei Staatssekretär Grütters ist man nichts anderes gewohnt).
  • Die Behauptung, etwas habe einen Wert, den man nicht z.B. über seinen Preis bestimmen kann, ist für diejenigen bequem, die sich einer Kontrolle durch Dritte entziehen wollen. Käme z.B. der Bund der Steuerzahler, was höchst unwahrscheinlich ist, aber dennoch hier einmal angenommen werden soll, käme also der Bund der Steuerzahler auf die Idee, also einer beim Bund der Steuerzahler auf die Idee, bei bestimmten Kunstwerken die Ansicht zu vertreten, dass sie z.B. beim Land Sachsen-Anhalt zu überhöhten Preisen angekauft wurden (vorausgesetzt, man wüsste beim Steuerzahlerbund, welche Kunstwerke das Land Sachsen-Anhalt ankauft, was ja bekanntilch geheim ist), dann könnte man dieser Ansicht leicht dadurch entgegentreten, dass man den Vertreter des Bundes der Steuerzahler darauf hinweist, dass er den wahren Wert des entsprechenden Kunstwerkes nicht zu erkennen im Stande ist. Eh voilá.

Schließlich die Forderung, die mit zwei Fragen eingeleitet werden soll:

1. Müssen in öffentilchen Gebäuden Kunstwerke ausgestellt werden, die sich im Eigentum von Bund, Ländern und Gemeinden befinden?
2. Brauchen Bund, Länder und Gemeinden Eigentum an Kunstgegenständen?

Die Antwort auf Frage 1 lautet: Sie müssen es nicht. Die Antwort zu Frage 2 lautet: Sie brauchen es nicht.

Daraus resultiert die Forderung: Alle Kunstgegenstände im Besitz von Bund, Ländern und Gemeinden, die sich nicht in Museen befinden, sind zu verkaufen, und der Erlös ist zur Tilgung von Schulden zu verwenden. Wenn Künstler ihre Kunstwerke in öffentlichen Gebäuden ausstellen wollen, um sie einem breiten Publikum bekannt zu machen, dann können sie dies gegen eine geringe Gebühr tun.

Priddat, Birger, P. (2009). Politische Ökonomie. Neue Schnittstellendynamik zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.