ScienceFiles-Aphorismen (für Sammler): Warum der Mainstream langweilig ist

Heute sind wir über ein Zitat von Bertrand Russell gestolpert, das, wie so vieles, was Bertrand Russell in der ihm eigenen Art und Weise, die nicht nur Karl Raimund Popper bewundert hat, sagt, pointiert, punktgenau und: zitier- wie anschlussfähig ist.

Wir wollen es unseren Lesern nicht vorenthalten.

Betrand Russell“Ich wiederhole, in Lockes Theorie der Regierung findet sich wenig Originelles. Hierin gleicht Locke der Mehrzahl der Menschen, die wegen ihrer Ideen berühmt geworden sind. In der Regel ist derjenige, der als erster eine Idee hat, seiner Zeit so weit voraus, dass jeder ihn für töricht hält, so dass er unbekannt bleibt und bald vergessen ist. Dann wird die Welt langsam reif für die Idee, und derjenige, der sie im günstigen Augenblick verkündet, erntet die volle Anerkennung” (Russell, 1999: 633).

Niemand schafft es wie Russell, in wenigen Sätzen einen Philosophen wie John Locke einzuordnen, als wenig originell zu beschreiben und gleichzeitig eine Erklärung dafür zu liefern, warum der Mainstream immer langweilig sein muss.

Unsere Hochachtung, Herr Russell.

Russell, Bertrand (1999). Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. München: Europa Verlag.

Öffentlich-rechtliche Brandstifter: Logische und psychologische Einblicke in die Berichterstattung

Ganz klar: Die Anschläge in Kopenhagen haben einen islamistischen Hintergrund!

Das war schon nach kurzer Zeit geteiltes Wissen der deutschen Medien. Warum? Nun, der Anschlag galt einer Veranstaltung in einem “Kulturcafé im wohlhabenden Kopenhagener Stadtteil Österbro” und den Teilnehmern einer . Diskussionsveranstaltung mit dem Titel “Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit”.

Ich war eine DoseWer, wenn nicht Islamisten sollte sich eine derartige Veranstaltung überfallen, an der auch Lars Vilks, seines Zeichens Kartoonist, der noch heute davon zu leben scheint, Mohammed im Jahre 2007 als Hund dargestellt zu haben, teilgenommen hat?

Anschließend so berichten die Printmedien im selben Wortlaut: “fielen dann Schüsse vor einer Synagoge in der Hauptstadt. Dabei wurden ein Mann getötet und zwei Polizisten verletzt. Polizisten erschossen wenig später den mutmaßlichen Attentäter.”

Wer, wenn nicht Islamisten sollte Synagogen überfallen und dort Menschen erschießen?

Der Rückschluss von der Tat bzw. dem Tatobjekt auf den Täter, er liegt deutschen Journalisten sehr nahe, so nahe, dass man fast von einem Reflex sprechen könnte, wenn man es behavioristisch erklären wollte. Träfe die behavioristische Erklärung, nach der bestimmte Taten den “das-waren-Islamisten-Reflex” bei Journalisten auslösen, zu, dann könnte man Journalisten durch entsprechende Reflex-Maschinen ersetzen, denn das, was Journalisten einst auszeichnete, nämlich dass sie recherchieren und nicht alles, was dpa in die Welt setzt, ungeprüft und wortgenau abdrucken, das gibt es nicht mehr und somit gibt es auch keine Notwendigkeit mehr, Journalisten zu beschäftigen, es sei denn, man will vortäuschen, dass recherchiert wird.

stimulus responseAus sozialpsychologischer Sicht ist der Rückschluss von der Tat auf den Täter ein interessantes Phänomen, zeigt er doch ein Framing, das es in ähnlicher Weise bei deutschen Journalisten gibt, wenn es um Feminismus oder Homosexualität geht. So wie für viele deutsche Journalisten Kritik am Feminismus nur von Rechtsextremen und Kritik an Homosexualität nur von Homophoben geäußert werden zu können scheint, so muss alles, was sich gegen einen Kartoonzeichner, der einmal Mohammed als Hund dargestellt hat, zu richten scheint, alles, was sich gegen Meinungsfreiheit zu richten scheint, alles, was sich gegen Juden zu richten scheint, die Wirkung der Ursache “Islamistischen Terrors” sein.

Offensichtilch sind Journalisten gar nicht mehr in der Lage, andere Ursachen als einen “islamistischen Hintergrund” zu berücksichtigen. Dass ein Geheimdienst versucht, seinem Ministerpräsidenten ein Forum zu verschaffen, um eine internationale Operrolle zu kreieren, von der er zu profitieren glaubt, dass es Trittbrettfahrer geben könnte, die mit Islamismus so viel zu tun haben, wie der Chefredakteur der ARD, dass es die unterschiedlichsten Motive für Anschläge geben könnte, die zu denselben Ergebnissen führen, das ist deutschen Journalisten nicht vorstellbar.

Sie sind auf Islamismus programmiert und funktionieren nur im Modus Islamismus. Wer sich noch an die Zeiten von Schallplatten erinnert, der kennt das Phänomen einer Nadel, die in einer Rille hängen geblieben ist. Dieses Phänomen beschreibt den deutschen Journalismus in Teilen sehr gut: Er ist hängen geblieben in der Rille des Islamismus. Journalisten sehen überall Islamismus. Alles, was ihnen irgend wie zu passen scheint und sie aus unerfindlichen Gründen bzw. aus Gewohnheit mit Islamismus assoziieren, wird im Rahmen von Islamismus interpretiert. Anderes ist nicht vorgesehen, ganz so, als wollten deutsche Journalisten mit Gewalt herbeischreiben, dass alles, was schlecht ist, nur vom Islamismus, wenn nicht vom Islam ausgehen kann.

So stark ist der Frame der geistigen Selbstbeschränkung, innerhalb dessen Journalisten in Deutschland zu arbeiten scheinen, dass nicht einmal falsifizierende Informationen zur Kenntnis genommen werden. So steht bei der ARD Folgendes zu lesen:

islamistischer Hintergrund“Der mutmaßliche Täter hatte am Samstagnachmittag Dutzende Kugeln auf ein Kulturcafé abgefeuert, in dem eine Debatte zum Thema “Kunst, Gotteslästerung und Freie Rede” stattfand. Dabei wurde ein Gast getötet. Der Angriff galt vermutlich dem schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks, der die Veranstaltung organisiert hatte – deshalb wurde rasch ein islamistischer Hintergrund vermutet. Vilks überlebte den Anschlag äußerlich unbeschadet, genau wie der ebenfalls anwesende französische Botschafter.”

Der mutmaßliche Täter, so ist zum Zeitpunkt, zu dem dies geschrieben wurde, bekannt, ist gebürtiger Däne. Das sollte eigentlich ausreichen, um “den Islam”, der das heutige Äquivalent für “die Juden” der Geschichte ist, als das, was im oben beschriebenen Reflex regelmäßig als Ursache von Anschlägen ausgemacht wird, auszuschließen. Nicht bei der ARD. Dort ist man resistent gegen Fakten und veröffentlicht die zitierte Passage unter der Zwischenüberschrift:

“Vieles spricht für einen islamistischen Hintergrund”

Das Bedürfnis, hier etwas zusammen zu biegen, ist so stark, dass vorhandene Fakten, selbst wenn sie gerade berichtet wurden, ignoriert werden, um das eigene Vorurteil aufrecht erhalten zu könnne. Dieser Versuch, mit einer kognitiven Dissonanz zu leben, kann zwei Ursachen haben: Absicht oder Dummheit. Ist der Versuch, eine Verbindung herzustellen, wo keine ist, Absicht, dann muss man im vorliegenden Fall vom journalistischen Versuch der Brandstiftung sprechen, der in kaum etwas entsprechenden Versuchen im Stürmer nachsteht. Ist der krampfhafte Versuch, eine Verbindung zwischen Islamismus/Islam und dem Attentäter in Kopenhagen herzustellen, Dummheit, dann ist es der Öffentlichkeit nicht mehr länger zuzumuten, als Mülleimer für die Ergüsse dummer Journalisten zu dienen.

In jedem Fall ist der Versuch, eine Verbindung beizubiegen, wo keine ist, ein logischer Fehlschluss. Das sollte eigentlich ausreichen, um die entsprechenden Journalisten zu diskreditieren. Aber in einem Zeitalter, in dem logische Fehlschlüsse Feste feiern, ist einer mehr nur ein weiterer Ausdruck für den geistigen Niedergang.

Beim angesprochenen Fehlschluss handelt es sich um den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens.

Das Schulbeispiel, an dem der Fehlschluss deutlich gemacht wird, lautet:

  • Wenn es regnet, dann ist die Straße nass.
  • Die Straße ist nass.
  • Also hat es geregnet.

Selbst Schulkinder sind in der Lage zu verstehen, dass der Schluss “Also hat es geregnet” ein Fehlschluss ist, denn es gibt mehr Ursachen für eine nasse Straße als Regen.

Da selbst Schulkinder diesen Zusammenhang zu verstehen im Stande sind, sollte man von Journalisten verlangen können, dass sie den folgenden Fehlschluss unterlassen:

Logik f dummies

  • Islamisten haben schon einmal Anschläge auf Synagogen und auf Islamkritiker verübt.
  • Es gab einen Anschlag auf einen Islamkritiker und eine Synagoge.
  • Also haben Islamisten diesen Anschlag verübt.

Der Fehlschluss ist so offensichtlich, dass man sich fragt, warum man überhaupt ein Wort darüber verlieren muss, warum Journalisten nicht selbst auf die Idee kommen, dass es noch andere Personengruppen außer Islamisten (wer auch immer sie sein mögen) geben kann, die ein Interesse an einem Anschlag haben, der Synagogen oder Islamkritiker zum Ziel hat, ein Interesse, das z.B. darin besteht, den oben beschriebenen Reflex nebst zugehörigen Framings bei Journalisten, die einfachster logischer Schlüsse nicht fähig sind, auszunutzen. Gruppen wie Geheimdienste, der Mossad fällt hier ein. Aber man muss gar kein politisches Komplott annehmen, es soll Amokläufer geben, die ganz ohne “islamistischen Hintergrund” auskommen, eine Tatsache, die an den Redakteuren der ARD vorbeigeht, obwohl sie regelmäßig über die Amokläufer in den USA berichten, dann natürlich im Belehrungs-Frame: “Seht Ihr, das kommt davon, wenn man Waffenbesitz zulässt”, und der hat keine Verbindung zum “islamistische Attentäter-Frame”.

Es gibt Demokratietheoretiker, die sehen in Medien die vierte Gewalt, eine Kontrollinstanz in der Demokratie, die die anderen drei Gewalten von Exekutive, Legislative und Judikative kontrolliert ……………………………………………………………………

Weiter sind wir nicht gekommen, vor Lachen!

Der Mensch ein Tier, das Tier ein Mensch?

Angeblich unterscheiden sich Menschen dadurch von Tieren, dass sie zur Selbstreflexion fähig sind. Also dadurch, dass sie u.a. über sich und ihr Verhältnis zur Umwelt nachdenken können. Die Selbstreflexion ist auch die Grundlage der Ausbildung einer Moral, etwa in der Weise, wie sie Kant in seinem kategorischen Imperativ formuliert hat. Ohne die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, ist es kaum möglich, die Sichtweise anderer zu übernehmen, Empathie zu zeigen oder sich schlicht danach zu fragen, wie man andere behandeln will oder andere behandeln soll.

MassentierhaltungDie beschriebenen Fähigkeiten sollen eine Grenze aufrichten, die zwischen Mensch und Tier verläuft, denn, so die Annahme, im Gegensatz zu Menschen sind Tiere nicht zur Selbstreflexion und zur Ausbildung einer Moral fähig. Die Trennlinie zwischen Mensch und Tier bringt für Menschen eine Verantwortung mit sich, denn sie müssen zeigen, dass sie tatsächlich die höher entwickelte Lebensform sind, z.B. dadurch, dass sie andere Lebewesen nicht zu Objekten degradieren, die der menschlichen Bedürfnisbefriedigung und nur dieser dienen, dass also das Fressen gerade nicht vor der Moral kommt.

Neuere Entwicklungen haben die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwimmen lassen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Tiere zur Selbstreflexion fähig sind, sich sogar moralisch verhalten können und dass sie darüber hinaus mit einem Bewusstsein und einer Erinnerungs- und Leidensfähigkeit ausgestattet sind, die den entsprechenden menschlichen Eigenschaften sehr ähnlich ist. Die Grenze verschwimmt auch von der anderen Seite, denn bei manchen Personen, die zur Gattung Mensch gezählt werden, fragt man sich, ob sie je aus dem Stadium des unbewussten Fressens oder des sich anderer Bedienens herausgekommen sind – ob sie – zur Selbstreflexion und zur Reflexion ihrer Handlungen überhaupt in der Lage sind, ob Empathie zu ihrem Verhaltensrepertoire gehört.

Sind Menschen zur Empathie und zur Reflexion fähig, dann stellt sich ihnen eine ganze Reihe von Fragen:

  • Was rechtfertigt die Reduzierung von Lebewesen auf Nahrungsmittel, und wo verläuft die Grenze einer Nahrungsmittelindustrie?
  • Warum sind Hunde “des Menschen bester Freund” und entsprechend keine Delikatesse im Restaurant, während Lämmer letztere darstellen und sich nicht als Freund des Menschen qualifizieren?
  • Warum sind Chinesen im Hinblick auf die Frage, ob Hunde ein Nahrungsmittel sind, anderer Meinung als z.B. Deutsche?
  • Warum finden es Inder barbarisch, Rinder zu schlachten, und warum finden es Araber barbarisch, Schweine zu essen?
  • Was ist die Qualität, die ein Menschenleben so wichtig macht, dass ihm unzählige andere Lebewesen geopfert werden?

Massentierhaltung_huehnerUnd welche Lebewesen dürfen zum Erhalt eines beliebigen Menschenlebens geopfert werden? Delphine, Wale, Affen, Pferde, Esel? Wo, mit anderen Worten, verläuft die Grenze zwischen Mensch und Tier, und warum ist die Grenze so abivalent und so flüchtig?

Und welche moralischen Fragen ergeben sich daraus, dass nicht (mehr) eindeutig zu bestimmen ist, wer Mensch und wer Tier ist?

Dies sind Fragen, die u.a. auf dem 4. Wittener Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie diskutiert werden sollen. Das Kolloquium: Der Mensch ein Tier – das Tier ein Mensch, findet vom 13. bis zum 14. März an der Universität Witten/Herdecke statt.

Interessierte werden Vortäge zu hören bekommen, die sich mit den ethischen und anthropologischen Herausforderungen der modernen Mensch-Tier-Beziehung beschäftigen oder die fragen, ob der Unterschied zwischen Mensch und Tier ein Problem der Fakten oder ein Problem des Urteilsvermögens darstellt oder die die zentrale Frage betreffen: Wie gehen wir würdig mit Tieren in die Zukunft?

Den Zweck der Veranstaltung bringt Prof. Peter Heusser, Leiter am Institut für Integrativmedizin der Universität Witten/Herdecke wie folgt auf den Punkt:

Witten herdecke„Die Industrialisierung und Ausbeutung der Tiere für die Ernährung, die Massenzucht für den Zweck der Forschung, das weltweite Artensterben – all das zeigt ein Mensch Tier-Verhältnis, das dringend Besinnung, Verantwortung und Moral fordert, d.h. gerade diejenigen Fähigkeiten, welche wir im Tierreich nicht oder nur im Ansatz finden. Das bedeutet also: Nur wenn der Mensch seine besondere Eigenart und Fähigkeit gegenüber dem Tier erkennt und ausbildet, vermag er, dem Tier – und nicht zuletzt der Natur im Ganzen – die notwendige Würde zu verleihen.“

Kant hat das Menschsein als Entwicklungsaufgabe konzipiert. Zentraler Bestandteil der Entwicklung zum Menschen ist die Entwicklung einer Moral, die sich nach seiner Auffassung am kategorischen Imperativ orientieren muss. Entsprechend muss man mit Kant feststellen, dass das Menschsein weit mehr Anspruch stellt, um erreicht zu werden, als den Griff in die Tiefkühltruhe des Supermarkts, um abgepackte Leichenteile daraus zu entnehmen.

Irrationalismus ist ein Verbrechen!

Die Offene Gesellschaft wird 70 Jahre.

Geschrieben in Neuseeland und während des Zweiten Weltkriegs hat Karl Raimund Popper sein epochales Werk im Jahre 1945 bei Routledge in London in zwei Bänden und unter dem Titel “The Open Society and Its Enemies” veröffentlicht.

Open society originalWir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, um eine Passage aus der Offenen Gesellschaft wiederzugeben, in der sich Popper mit dem Irrationalismus auseinandersetzt, jenem Irrationalismus auf dem alle Glaubenssystem basieren und jener Irrationalismus, der auch Ideologien wie den Sozialismus und den Feminismus mit ihrer Ablehnung von Vernunft und Rationalität hervorgebracht hat. In dieser Passage führt Popper aus, warum Irrationalismus ein Verbrechen ist und erklärt u.a., warum Irrationalisten über kurz oder lang bei Hass, Zwang und Gewalt ankommen müssen: Bei Hass auf alle, die ihre Ideologie nicht teilen und bei Zwang und Gewalt all denen gegenüber, die sich nicht bekehren lassen wollen.

Geschrieben unter dem Eindruck der Herrschaft von Sozialismus (in u.a. der Sowjetunion) und Nationalsozialismus (in Nazi-Deutschland) ist die Analyse weiterhin aktuell, denn sie kann 1:1 auf den Genderismus und auf Gutmenschen im Allgemeinen übertragen werden.

Die zitierte Passage entstammt dem 24. Kapitel der Offenen Gesellschaft, Band II.

“Untersuchen wir zuerst die Konsequenzen des Irrationalismus. Der Irrationalist behauptet, dass Gefühle und Leidenschaften, nicht aber die Vernunft, die wichtigsten Triebkräfte der menschlichen Handlungen sind. Die Antwort des Rationalisten, dass wir dennoch mit aller Kraft versuchen sollten, diese Situation zu verbessern, und dass wir versuchen sollten, dem Verstand eine möglichst große Rolle zuzuteilen, wir der Irrationalist (wenn er sich zu einer Diskussion herablässt) entgegenhalten, dass eine solche Einstellung hoffnungslos unrealistisch ist. Denn sie zeigt nicht die Schwachheit der ‘menschlichen Natur’ in Betracht, die schwache intellektuelle Ausrüstung der meisten Menschen und die Tatsache, dass die meisten Menschen ganz offenkundig von Gefühlen und Leidenschaften abhängen.

Offene GesellschaftEs ist meine feste Überzeugung, dass dieses irrationale Hervorheben von Gefühlen und Leidenschaften schließlich zu etwas führen muss, das man nur als ein Verbrechen bezeichnen kann. Diese Überzeugung lässt sich begründen durch den Hinweis, dass eine solche Einstellung (…) zu einem Appell an die Gewalt und an gemeine Kraftanwendung als den letzten Richter in jeder Auseinandersetzung führen muss. Denn die Tatsache, dass ein Disput entstanden ist, bedeutet, dass positive Gefühle und Leidenschaften, wie die Verehrung, die Liebe, die Ergebenheit einer gemeinsamen Sache gegenüber, die im Prinzip zu seiner Überwindung beitragen könnten, sich unfähig gezeigt haben, das Problem zu lösen. Aber wenn das der Fall ist – was bleibt da dem Irrationalisten anderes übrig, als an andere und weniger konstruktive Gefühle und Leidenschaften zu appellieren – an die Furcht, den Hass, den Neid und schließlich an die Gewalt? Diese Tendenz wird durch eine andere und vielleicht noch wichtigere Einstellung verstärkt, die gleichfalls mit dem Irrationalismus verbunden ist, nämlich durch den Nachdruck, den er auf die Ungleichheit der Menschen legt.

Man kann natürlich nicht leugnen, dass die menschlichen Individuen wie alle anderen Dinge in unserer Welt, in vielfacher Hinsicht ungleich sind. Noch besteht ein Zweifel darüber, dass diese Ungleichheit sehr wichtig und oft sogar höchst wünschenswert ist. (…). Aber das hat mit der Frage überhaupt nichts zu tun, ob wir uns entschließen sollten, die Menschen insbesondere in politischen Dingen als gleichwertig oder doch wenigstens als annähernd gleichwertig zu betrachten; das heißt, es berührt nicht die Frage, ob wir zugeben sollen, dass die Menschen gleiche Rechte und gleichen Anspruch auf gleiche Behandlung besitzen; und auch die Frage, ob wir die politischen Institutionen dementsprechend einrichten sollten, steht damit in keinem Zusammenhang. Die ‘Gleichheit vor dem Gesetz’ ist keine Tatsache, sondern eine politische Entscheidung, die auf einer moralischen Entscheidung beruht; und sie ist ganz unabhängig von der – wahrscheinlich falschen – Theorie, dass ‘alle Menschen gleich geboren sind’. […] ich lege Wert auf die Feststellung, dass der Irrationalismus es kaum vermeiden kann, in eine Handlung verstrickt zu werden, die der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen zuwiderläuft. Das hängt eng damit zusammen, dass er den Gefühlen und Leidenschaften eine so große Rolle zuschreibt; denn wir können nicht jedem Menschen gegenüber dieselben Gefühle empfinden. Gefühlsmäßig sind die Menschen eingeteilt in Individuen, die uns nahestehen, und Individuen, die uns fernstehen. Die Einteilung der Menschheit in Freund und Feind leuchtet allen gefühlsmäßig sofort ein; sie wird sogar im christlichen Gebot ‘Liebe deine Feinde’ anerkannt. Auch der beste Christ, der wirklich diesem Gebot entsprechend lebt (…), kann nicht gleiche Liebe für alle Menschen empfinden. Wir können nicht wirklich ‘in abstracto’ lieben; wir können nur jene Menschen lieben, die wir kennen. Daher kann auch der Appell an unsere besten Gefühle, der Appell an die Liebe und an das Mitleid, nur zu einer Aufteilung der Menschheit in verschiedene Kategorien führen. Und das ist in noch weit höherem Maße der Fall, wenn die niedrigen Gefühle und Leidenschaften aufgerufen werden. Unser ‘natürliche’ Reaktion wird darin bestehen, dass wir die Menschheit in Freund und Feind; in jene Menschen, die unserem Stamme, unserer emotionalen Gemeinschaft angehören, und in jene Menschen, die außerhalb dieser Gemeinschaft stehen; in Gläubige und Ungläubige; in Mitbürger und Fremde; in Klassengenossen und Klassenfeinde [in Feminsten und ‘Maskus’], und in Führer und Geführte.
[…]
Die Abschaffung der rationalistischen Einstellung, des Respekts vor Vernunft, Argument und der Meinung des anderen, das Hervorheben der ‘tieferen’ Schichten der menschlichen Natur [Hervorhebung durch uns], all dass muss zur Ansicht führen, dass das Denken nur eine etwas oberflächliche Manifestation von etwas ist, das in jenen irrationalen Tiefen verborgen liegt. Es muss fast immer eine Einstellung hervorbringen, die die Person des Denkers und nicht seine Gedanken in Betracht zieht. Es muss zum Glauben führen, dass ‘wir mit unserem Blute denken’ oder ‘mit unserem nationalen Gut’ oder ‘mit unserer Klasse’ [oder mit unserem Geschlecht]. Diese Ansicht kann sich in einer materialistischen wie auch in einer sehr spirituellen Form manifestieren; in diesem Fall wird die Idee, dass wir ‘mit unserer Rasse denken’, erstezt etwa durch die Idee der auserwählten oder erleuchteten Seelen, die ‘aus Gottes Gnade’ denken.

offene gesellschaft bdIIIch lehne es aus moralischen Gründen ab, mich von solchen Unterschieden beeindrucken zu lassen; denn all diese intellektuell unbescheidenen Ansichten sind sich darin in entscheidender Weise ähnlich, dass sie einen Gedanken nicht nach seinem eigenen Verdienst beurteilen. Indem sie so die Vernunft abschaffen, spalten sie die Menschen in Freund und Freind; in die wenigen, die an Vernunft den Göttern gleich sind, und in die vielen, die es nicht sind (wie Platon sagt); in die wenigen, die uns nahestehen, und die vielen, die uns fernstehen; in diejenigen, die die unübersetzbare Sprache unserer eigenen Gefühle und Leidenschaften sprechen, und in die übrigen, deren Sprache nicht die unsere ist. Und wenn das einmal geschehen ist, dann ist die politische Gleichberechtigung praktisch unmöglich geworden.

Es ist diese Einstellung – die Ablehnung der Idee der Gleichberechtigung im politischen Leben [wie sie z.B. in Quoten ihren Niederschlag findet], das heißt im Gebiet jener Probleme, die die Gewalt von Menschen über andere Menschen betreffen [Hervorhebung durch uns] – die ich verbrecherisch nenne. Denn eine solche Einstellung liefert eine Rechtfertigung für die Idee, dass Menschen verschiedener Kategorie verschiedene Rechte besitzen [wie z.B. im Professorinnenprogramm]; dass der Herr das Recht hat, den Sklaven in Ketten zu legen; dass einige Menschen das Recht haben, andere als ihr Werkzeug zu verwenden. Schließlich dient sie, wie bei Platon, zur Rechtfertigung des Mordes” (Popper, 1994: 273-276).

Diversität der Moral – “Komm’ wir bestellen uns ein Kind!”

Polygesellschaftliche Perspektive, Diversität, Vielfalt der Lebensentwürfe, all diese Begriffe sind deskriptive Begriffe, die – so will es die moderne politische Korrektheit – mit dem affektiven Wert “gut” verbunden werden. In ganz und gar nicht diverser Art und Weise wird behauptet, alles was divers, polyperspektivisch oder vielfältig ist, müsse immer und in jedem Zusammenhang gut sein.

Zumindest im Zusammenhang mit  Moral haben wir so unsere Zweifel. Zumindest im Zusammehang mit Moral können wir der herrschenden Vielfalt, die man auch als a-Moralität bezeichnen kann, nichts abgewinnen. Schon deshalb nicht, weil die Polyperspektiven und die Diversität im Bereich der Moralität zu einer Situation führen, die Thomas Hobbes mit seinem Naturzustand beschrieben hat und die sich dadurch auszeichnet, dass Menschen instrumentalisiert werden, dass manche Menschen zum Mittel zum Zweck von anderen werden, dass sie von diesen anderen benutzt werden.

BGHEin Beispiel dafür liefert das Urteil XII ZB 463/13 des Bundesgerichtshofes, das heute veröffentlicht wurde. Gegenstand des Urteils ist ein Wunschkind, das von einer “Leihmutter” ausgetragen wurde und nach Geburt den “Bestelleltern” übergeben wurde. “Leihmutter” und “Bestelleltern”, das sind Begriffe, an die man sich wird gewöhnen müssen.

Die Bestelleltern, das sind im vorliegenden Fall zwei Schwule, die ihr Schwulsein nicht so ernst nehmen, als dass sie sich nicht als Eltern verwirklichen wollten, ein Projekt, das durch die biologische Notwendigkeit, auf der Fortpflanzung nun einmal basiert, erschwert wird.

Aber: Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden, und entsprechend haben sich die beiden schwulen Männer in den USA eine Leihmutter gekauft und ein Kind bestellt, das sie aus den Spermien eines der Männer und dazu bestellten anonymen Eizellen zusammenrühren ließen. Nach Geburt wurde das Kind aus der Petri-Schale den Bestelleltern übergeben, die es nunmehr nach Deutschland gebracht haben und hier vom Standesamt verlangt haben, dieses Mal als Eltern und nicht als Bestelleltern eingetragen zu werden. Ein Wunsch, der erst- und zweitinstanzlich abgelehnt und erst vom Bundesgerichtshof gewährt wurde, und zwar mit der Begründung,

dass die in den USA zwischzeitlich eingetragene Elternschaft der beiden schwulen Bestelleltern “den wesentlichen Grundsätzen des deutschen Rechts jedenfalls nicht in einem solchen Maß widerspricht, das eine Anerkennung der entsprechenden Entscheidung als im Ergebnis untragbar erscheinen ließe. … Vielmehr spricht das Kindeswohl eher für als gegen eine Anerkennung”.

Man kann das Urteil auch so interpretieren, dass der 12. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes vor der normativen Kraft des Faktischen kapituliert hat, und dem juristischen Streit auf dem Rücken des Kindes ein Ende setzen wollte, ein Ende, zu dem die liebenden Bestelleltern im Vorfeld offensichtlich nicht bereit waren.

ein Herz fuer KinderMan muss wirklich nicht homophob sein, um sich zu fragen, ob zwei Homosexuelle, die sich fraglos eine Leihmutter kaufen, um sich eben einmal den Wunsch nach einem Spielzeug zu erfüllen, denn als Sache wird man den Gegenstand der Transaktion, das Kind, wohl auffassen müssen, dazu geeignet sind, dieses Kind zu erziehen – schon weil man sich fragt, was mit dem Kind passiert, wenn sie den Spass an ihrem neuen Spielzeug verlieren.

Man muss auch kein Hellseher sein, um zu wissen, aus welcher sozialen Schicht Leihmütter in den USA, in Kalifornien im vorliegenden Fall, stammen (was unseren engagierten Linken offensichtlich egal ist), die sich auf einen Handel einlassen, der eine neue Form der Prostitution konstituiert und die entsprechenden Leihfrauen zum Instrument der Wünsche Dritter objektiviert.

Hier findet eine neue soziale Stratifizierung statt, mit einer Unterklasse, die in jeder körperlichen Hinsicht ausgebeutet werden darf: Man kann sie als Brut- und Gebärkasten für die eigenen Kinderwünsche gebrauchen, sich ihre Organe besorgen, sofern ein eigener Mangel besteht. Welche weiteren Möglichkeiten, die polyperspektivische Gesellschaft noch bereit hält, man wagt es sich nicht vorzustellen.

Wenn die neue diverse Gesellschaft sich dadurch auszeichnet, dass die Instrumentalisierung von Menschen nicht mehr Staatssache, sondern Privatsache wird, im Rahmen eines neuen Prozesses, den man als neue Form der Sklavenhaltung oder doch zumindest neue Form der Ausnutzung beschreiben kann, dann müssen wir wirklich feststellen, dass wir froh sind, das Alter erreicht zu haben, das wir erreicht haben. Das was sich hier ankündigt, ist nichts, worauf die Menschheit dann, wenn sie wieder zu Verstand gekommen ist, stolz sein wird.

Der Teufel und das Weihwasser …

Vertreterinnen der Gender Studies illustrieren vor breitem Publikum (einmal mehr) ihre Unwissenschaftlichkeit

Dr. habil. Heike Diefenbach zerlegt einmal mehr Vertreter der Gender Studies 

Sabine Hark und Paula Villa haben im Tagesspiegel einen neuen Angriff gegen alle Personen getätigt, die sich fragen, worin die Wissenschaftlichkeit von Gender Studies oder auch nur deren Nutzen bestehen soll. Die Autorinnen des Textes “Das dubiose Gender”, von dem wir auf ScienceFiles bereits berichtet haben, zeigen mit ihrem Text auf eindringliche Weise, was sie vermutlich gerade zurückweisen wollten: wie dubios nicht “gender”, sondern die Gender Studies sind, jedenfalls dann, wenn sie als Kandidat für ein wissenschaftliches Fach gelten wollen.

Und dies zeigt sich in vielen Hinsichten in ihrem Text. Ich werde im Folgenden nur auf einige von ihnen eingehen können, von denen ich meine, dass sie die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies bzw. ihrer Vertreter (hoffentlich aber nicht ALLER Ihrer Vertreter!) besonders deutlich erkennen lassen, die wir aber in unserem ersten Text über das outing von Sabine Hark und Paula Villa als wissenschaftlich unbedarft nicht hinreichend würdigen konnten.

Hier also vier Punkte, anhand der die wissenschaftliche Unbedarfheit der Autorinnen besonders deutlich wird:

Punkt 1: Die Diffamierung von Kritik statt die Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten, oder: der Fehlschluss ad hominem – zum x-sten Mal!

Logik SalmonDer erste Teil des Textes, der beiden genannten Autorinnen, beide Lehrstuhlbesetzerinnen an deutschen Universitäten, besteht allein aus Beschimpfungen und Unterstellungen gegenüber denen, die sie als Kritiker der Gender Studies wahrnehmen. Da ist die Rede von “Anwürfen”, von “Antifeministen”, von “misogyne[n], sexistische[n] und auch [! es gibt nur “und” oder “auch”, aber nicht “und auch”!] Positionen” und davon, dass die Gender Studies “diskreditiert” würden. Die Kritik der Kritiker wird als solche keines Wortes gewürdigt; sie wird einfach in Bausch und Bogen verworfen, weil sie von Leuten kommt, die die Autorinnen in der Weise verunglimpfen, in der sie es tun, und die Verunglimpfung von Personen oder Auffassungen für sie anscheinend dasselbe ist wie eine vernünftige Gegenargumentation.

Wie jeder mehr oder weniger regelmäßige Leser von Sciencefiles weiß, ist das der alte Hut vom Fehlschluss ad hominem und daher eben das: ein nicht ernstzunehmender Fehlschluss, denn (um es wieder einmal zu erklären):

selbst dann, wenn eine Kritik geäußert würde, weil derjenige, der sie äußert, misogyn, sexistisch, antifeministisch oder sonst irgendetwas unflätiges wäre, würde das über die Kritik als solche überhaupt nichts aussagen. Auch, wenn es Vertreterinnen von Gender Studies schwerfällt, es zu verstehen oder zu akzeptieren: auch jemand, der misogyn oder sexistisch … [Beliebiges einsetzen!] ist, kann eine berechtigte Kritik äußern oder eine sachlich berechtigte Frage stellen!

Und die Kritik bzw. die Frage stehen weiter im Raum – mit oder ohne Diffamierung derer, die die Kritik äußern oder die Frage stellen.

Entweder Frau Hark und Frau Villa sind in ihrer Bildungsbiographie noch nicht soweit vorgedrungen, dass sie logische Schlussfolgerungen von Fehlschlüssen zu unterscheiden gelernt hätten [aber was haben Sie dann als Dozierende an einer Hochschule verloren?], oder sie greifen auf diesen plumpen Täuschungsversuch zurück, weil sie damit die Tatsache verdecken wollen, dass sie nicht im Stande sind, der Kritik inhaltlich zu begegnen, also keine Gegenargumente vorbringen können, keine Argumente auf ihrer Seite haben.

In jedem Fall gehen Wissenschaftler genauso mit Kritik NICHT um, denn für Wissenschaftler ist Kritik etwas Produktives und für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt Notwendiges.

Punkt 2: Und noch ein Fehlschluss: der Schluss von sich auf andere, und die Verwechslung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang

Beckermann LogikMöglicherweise sind sich Hark und Villa selbst nicht ganz sicher, ob der plumpe Trick mit dem ad hominem funktioniert. Also setzen sie noch eins drauf: Kritiker sind misogyn, sexistisch etc, aber die Autorinnen unterstellen ihnen gleichzeitig – doppelt gemoppelt hält bekanntermaßen besser, oder!? – “Statusangst”. Da die Autorinnen schwerlich als ausgewiesene Psychologinnen gelten können und m.W. keinerlei entsprechende empirische Forschung betrieben haben, muss man sich fragen, wie sie auf die Idee kommen, ihren Kritikern “Statusangst” zu unterstellen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es ein solches Konstrukt in der Psychologie überhaupt gibt, und so scheint es naheliegend als Quelle der Idee von der “Statusangst” die Gefühlslage der Autorinnen zu vermuten.

Wenn das zutrifft, so muss die Angst der Autorinnen vor dem sozialen Abstieg oder dem Verlust des “warm glow” der Wissenschaftlichkeit als der Entdeckungszusammenhang der “Statusangst” gelten. Aber wie jeder Wissenschaftler weiß sind Entdeckungszusammenhang und Begründungszusammenhang unabhängig voneinander! D.h. wenn die Autorinnen aufgrund ihrer eigenen Ängste auf die Idee kommen, es könne so etwas wie “Statusangst” geben, das eine Person andere Auffassungen irrational und ungeprüft ablehnen lässt, dann kann das Anlass sein zu prüfen, ob es sich vielleicht nicht nur bei ihnen selbst, sondern auch bei den Kritikern so verhält, aber es ersetzt nicht die entsprechende Prüfung!

Einfach zu behaupten, andere Leute hätten “Statusangst” und jeden Beleg hierfür oder auch nur eine Plausibilisierung dieser Unterstellung anzubieten (wie ich das gerade mit Bezug auf die Autorinnen getan habe), ist vollkommen unwissenschaftlich. Kein Wissenschaftler würde statt mit Belegen mit schlichten Unterstellungen argumentieren wollen, und vor allem wissen Wissenschaftler gewöhnlich, worin sie kompetent sind und worin nicht. Oder anders gesagt: es scheint, dass Hark und Villa sich nicht darüber im Klaren sind, dass sie zumindest in Sachen Psychologie keine Kompetenzen haben, sonst würden sie sich wohl kaum zu einer psychologischen Hobby-Analyse ihrer Kritiker versteigen.

Punkt 3: Fehschlüsse, Fehlschlüsse und noch mehr Fehlschlüsse: diesmal der Fehlschluss ad auctoritatem zur Verschiebung von Verantwortung und zur Vermeidung von Begründungen

Logik f dummiesWenn man sich den Text von Hark und Villa zumutet, dann fällt einem auf, dass er eine positive Argumentation durch die Berufung auf andere Leute, die auch schon gesagt haben, was man selbst gerne sagt, ersetzt. Schon der allererste Absatz des Textes enthält einen solchen Versuch, statt einer Begründung ein argumentum ad auctoritatem zu bringen: wir erfahren, dass im Jahr 1902 eine Schriftstellerin, Intellektuelle und Aktivistin aus Berlin ihre Kritiker beschimpft hat und ihnen “Furcht vor dem weiblichen Geschlecht” unterstellt hat, die deren Position als “dümmliche Verteidigung von Machtansprüchen” entlarve.

Wie unter Punkt 2 erklärt wird natürlich nichts dadurch als “dümmliches” Irgendetwas “entlarvt”, also ein Begründungszusammenhang aufgeklärt, dass jemandem irgendeine Furcht unterstellt wird, also – bestenfalls – auf den Entdeckungszusammenhang rekurriert wird. Das bemerken Frau Hark und Frau Villa aber gar nicht. Sie übernehmen es unkritisch und – noch schlimmer – sie meinen anscheinend, dass die Tatsache, dass jemand, den sie mögen, einmal ähnliche Beschimpfungen und Unterstellungen geäußert habe wie sie, gleichzeitig dieser Person und ihnen selbst Recht gäbe – in was genau auch immer.

Es handelt sich hier um den Fehlschluss ad auctoritatem, bei dem die Autorinnen meinen, das, was sie selbst nicht begründen, sondern nur unterstellen können, dadurch begründen zu können, dass sie auf jemanden verweisen, der auch schon nur unterstellt, aber nicht begründet hat. Das ist eine besonders dumme Form des Fehlschlusses ad auctoritatem. Der “einfache” ad auctoritatem soll eine Art Kurzformel für eine Begründung sein: man verweist auf jemanden, den man als eine Autorität ansieht und lastet sozusagen ihm die Begründung für den eigenen Standpunkt an, bleibt die Begründung aber selbst schuldig (obwohl sie doch angebbar sein muss, wenn man angeblich von jemandem weiß, der so überzeugende Gründe vorgebracht hat; man müsste sich doch dann an diese Gründe erinnern können).

Der sagen wir: degenerative Fehlschluss ad auctoritatem, den Frau Hark und Frau Villa begehen, bezieht sich aber gar nicht auf eine Begründung, die man selbst nicht geben kann, weshalb man an die Autorität weitervermittelt, sondern bloß auf Beschimpfungen und Unterstellungen, die jemand anders auch schon geäußert hat, sozusagen eine Autorität in Ausfälligkeiten.

Zumindest in dieser verschärften Form unterläuft der Fehlschluss ad auctoritatem sicherlich keinem Wissenschaftler.

Das soll nicht heißen, dass die Autorinnen nicht auch den einfachen Fehlschluss ad auctoritatem pflegen. So verweisen Sie, um eine Einschätzung von jemandem, den sie zu den eigenen Reihen zählen, zu begründen, auf einen Naturwissenschaftler, der das auch sage (oder Ähnliches), was in den Augen der Autorinnen anscheinend bedeuten muss, dass das auch richtig so sein müsse.

Dummerweise wirft das die folgende Frage auf: wenn es Naturwissenschaftler und Philosophen gibt, die all das gesagt haben, was die Vertreter von Gender Studies (gewöhnlich in weit unklarerer Sprache) zu sagen haben, wozu sollte dann das Fach “Gender Studies” noch notwendig oder nützlich sein?

Das ist der Fallstrick des Fehlschlusses ad auctoritatem: er verweist immer zurück auf die Überflüssigkeit der eigenen Person – man verkündet ja bloß das. was man für Erkenntnisse anderer Leute hält. Das ist die klassische Tätigkeit des Wasserträgers oder wie man heute so schön sagt: des Multiplikatoren, wissenschaftliches Arbeiten hat aber etwas mit Eigenleistung zu tun!

Punkt 4: Erkenntnistheorie und inhaltliche Einsichten: Verirrungen und Verwirrungen zwecks “name dropping”!?

Frau Hark und Frau Villa benutzen in ihrem Text das Wort “erkenntnistheoretisch”, was ein Wort ist, das normalerweise in wissenschaftlichen Zusammenhängen vorkommt und von ihnen vermutlich adaptiert wurde, um Wissenschaftlichkeit zu suggerieren. Im Zuge der Diffamierung ihrer Kritiker finden die Autorinnen sogar die eigene Einsicht, “[w]as Natur ist und welche Rolle sie für die menschliche Identität und Gesellschaft spielt”, – zu Recht – “völlig trivial”, allerdings nicht einfach so, also inhaltlich besehen, sondern “erkenntnistheoretisch völlig trivial”. Eine inhaltliche “Einsicht” ist also nicht “trivial”, weil offenkundig, sondern “erkenntnistheoretisch” trivial – aha!

Ernst ErkenntnistheorieWas mag das bedeuten? Frau Villa, an der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft Ihrer Universität, vertritt man eine Auffassung von “Erkenntnistheorie”, die – fast, die Ausnahme sind anscheinend Frau Hark und Frau Villa – uneingeschränkt geteilt werden dürfte. Sie lautet:

“Die Erkenntnistheorie verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen die Natur, der Ursprung und der Umfang menschlicher Erkenntnis aufgeklärt werden, zum anderen soll die Möglichkeit von Erkenntnis erklärt und verteidigt werden.”

Als “erkenntnistheoretisch” ist also zu bezeichnen, was sich auf die Möglichkeit der menschlichen Erkenntnis bzw. die Erkenntnisfähigkeit und den Vorgang der Erkenntnisgewinnung (oder -konstruktion, für die, die’s lieber mögen) bezieht. Eine erkenntnistheoretische Einsicht könnte daher z.B. sein, dass Menschen die Realität niemals direkt wahrnehmen können, sondern sie nur eben durch ihren Wahrnehmungsapparat gefiltert wahrnehmen oder erschließen können.

Die Autorinnen schreiben:

“Was Natur ist und welche Rolle sie für die menschliche Identität und Gesellschaft spielt, ist eben historisch wandelbar. Diese erkenntnistheoretisch völlig triviale Einsicht stellt allerdings für viele … eine schwer zu schluckende Kröte dar”.

Verstehen Sie das? Ich nicht.

Wenn jemand der Meinung ist, dass die Rolle, die Natur für die menschliche Identität spielt, wandelbar ist, dann ist das erstens keine Einsicht, sondern eine These, zweitens ist die “Einsicht” anscheinend doch nicht trivial, denn sie ist doch nach Aussage der Autorinnen eine “schwer zu schluckende Kröte”, und drittens ist sie keine erkenntnistheoretische “Einsicht”; die “Einsicht” hat mit Erkenntnistheorie überhaupt nichts zu tun. Eine “Einsicht” wie die folgende hätte vielleicht etwas mit Erkenntnistheorie zu tun: “Was Natur ist und welche Rolle sie für die menschliche Erkenntnisfähigkeit spielt, ist nicht historisch wandelbar, aber empirisch prüfbar”, aber das ist es eben: hier ginge es um die Möglichkeit und Praxis menschlicher Erkenntnis(findung). Just darum geht es den Autorinnen aber offenkundig nicht.

Das Adjektiv “erkenntnistheoretisch” wird hier also völlig falsch und ohne erkennbaren Anlass benutzt. Es ist anscheinend ein eher hilfloser Versuch, sich wissenschaftlichen Vokabulars zu bedienen, um zu suggerieren, man hätte irgendeine Ahnung von Wissenschaft, man könnte wissenschaftliche Begründungen formulieren, wenn man nur wollte. Gerade die falsche Verwendung von unverstandenen Konzepten macht aber deutlich, dass es sich um Wissenschaftslaien handelt.

Fazit

Um die Autorinnen – frei – zu zitieren: Selbst dann, wenn Gender Studies in irgendeiner bislang unentdeckten Hinsicht tatsächlich wissenschaftlich sein sollten, würden die “Kultur”, das “Volk”, die “Familie” oder welche Dinge auch immer den Autorinnen heilig sind, nicht und sicherlich auch nicht die Wissenschaft untergehen, wenn Gender Studies komplett aus dem Universitätsbetrieb ausgeschlossen und vielleicht in die Volkshochschulen transferiert würden.

Nur wer Statusangst hat, lehrt lieber an einer Universität als einer Volkhochschule, oder!?!

Was macht den Professor zum Wissenschaftler? Wissenschaft als Beruf

An Universitäten wird gedacht, so eine Behauptung, die uns nun schon mehrfach begegnet ist und: das Denken ist es, was den Professor vom Kanalarbeiter unterscheidet. Ersterer denk, Letzterer macht, wie man es in aller Einfachheit umschreiben könnte.

Es ist erschreckend, dass ein Unsinn, wie der, dass das bloße Denken, jeder Firlefanz, der einem menschlichen Gehirn einfallen kann, Wissenschaft sei, wenn er einem Positionsträger an einer Universität eingefallen ist, dass eine solche Travestie auf Wissenschaft im 21. Jahrhundert in Zeitungen stehen kann, dass sie von Studenten vorgetragen wird, und zwar in einem Brustton der Überzeugung, der schon von sich aus mit Wissenschaft nicht vereinbar ist, denn Wissenschaft ist ständiger Zweifel, ständiges Problemlösen, wie Thomas Kuhn es genannt hat, dass diese Irrungen von an Universitäten Gesammelten von denselben vorgetragen werden können, ohne dass sie vor Scham im Boden versinken, das ist eine der größten Katastrophen der universitären Ausbildung.

reductio ad absurdumEs ist zudem eine reductio ad absurdum, denn die, die behaupten, universitär sei es, zu denken, sind die ersten, die durch Nicht-Denken auffallen, denn würden sie denken, sie kämen sehr schnell zu der Feststellung, dass Denken als solches nicht die Qualität sein kann, die Wissenschaft konstituiert. Da sie zu diesem Denkergebnis nicht vordringen, können sie also nicht gedacht haben, und da sie selbst an Universitäten studieren oder gar lehren, kann an Universitäten, zumindest in Teilen der Universitäten nicht gedacht werden.

Doch zurück zur Frage: Was ist Wissenschaft bzw. was ist Wissenschaft, wenn es nicht nur Denken ist?

  • Wissenschaft ist die Suche nach Erkenntnis.
  • Damit man etwas als Erkenntnis ansehen kann, muss die entsprechende Erkenntnis mitteilbar sein.
  • Damit Erkenntnis mitteilbar ist, muss sie in einer verständlichen Sprache Aussagen machen, die von anderen nachvollzogen werden können.
  • Damit die Aussagen von anderen nachvollzogen werden können, ist es notwendig, prüfbare Aussagen zu machen, Aussagen, die einen Bezug zur Realität haben, die in der Realität verankert werden können, denn die Realität ist die einzige Variable, die zwei Menschen außerhalb ihres Gehirns gemeinsam haben (sollten).
    • Das kann man leicht demonstrieren: Die Aussage, “Je weniger Ahnung ein Dozent von seinem Fachgebiet hat, desto eher wird er seine Studenten mit formaler Erbsenzählerei traktieren”, ist eine Aussage, die prüfbar ist. Formale Erbsenzählerrei könnte man als Behauptung operationalisieren, dass nur eine bestimmte Art, zu zitieren, die wahre und richtige Art, zu zitieren ist (z.B. nur mit Vornamenakronymen). Die Ahnung, die ein Dozent von seinem Fachbereich hat, wäre über einen Wissenstest erhebbar, in dem z.B. die Grundlagen seines Fachs abgefragt werden.
    • Dagegen ist die folgende Aussage in keiner Weise prüfbar und entsprechend keine wissenschaftliche Aussage: “intersektionalität ist in dieser lesart dann ein akademisch privilegierter, strategischer versuch, eine komplexe gesellschaftliche realität struktureller interdependenter diskriminierungen, die durch große teile vor allem weißer statisierter ableisierter akademisierter feministischer forschung im deutschsprachigen raum in den letzten 40 jahren mehr oder weniger systematisch vereinfacht worden sind, durch eine monolithisierung der kategorie ‚frau‘ (und ‚mann‘), als auch eine ent_wahrnehmung struktureller diskriminierungen gegenüber einer setzung sozialer kategorien, jetzt als theoretischen und methodologischen und damit auch politischen komplexitätsgewinn zu verstehen.” Nur wer denkt, man schaffe Wissenschaft, wenn man einfache Sätze durch die Einführung struktureller Sachverhalte, die der systematischen Vereinfachung durch ableistierte, statisierte, interdepente und vor allem weiße Frauen zwecks Reduzierung der inhärenten Komplexität entzogen sind, kann in solchen Ansammlungen von Worten Wissenschaft sehen. Für alle anderen, die mit Wissenschaft als nachvollziehbarer und prüfbarer Methode zum Erkenntnisgewinn beschäftigt sind, ist es dagegen schlichtes, unwissenschaftliches Geschwätz.
  • Wissenschaft setzt also voraus, dass ein intersubjektives Einverständnis über Inhalt, Bedeutung und Gegenstand einer Aussage erzielt werden kann und dass dieses Einverständnis dazu genutzt werden kann, die Aussage einem empirischen Test zu unterziehen.
  • Damit Aussagen von unterschiedlichen Wissenschaftler auf ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit geprüft werden können und diese Prüfung auch relevant ist, muss Einverständnis über die Art und Weise reliabler und valider Prüfungen bestehen, und es muss eine Methode vorhanden sein, die gewährleistet, dass die entsprechenden Aussagen auch die Anforderungen an eine prüfbare Aussage erfüllen.
  • Wissenschaft ist demnach eine Methode des Erkenntnisgewinns, wobei Erkenntnis als nachvollziehbare Aussagen gefasst ist, die prüfbar sind und für die entsprechend ein Bewährungsgrad für ihre Übereinstimmung mit der Realität angegeben werden kann.
  • Deshalb kann Wissenschaft nur eine empirische Erfahrungswissenschaft sein, die sich mit einem Gegenstand befasst, der den menschlichen Sinnen und über sie der Prüfung zugänglich ist.

Alles andere ist Humbug und gehört nicht an Universitäten, wie Max Weber bereits festgestellt hat:

Wissenschaft als Beruf“Politik gehört nicht in den Hörsaal. Sie gehört nicht dahin von seiten der Studenten. Ich würde es z.B. ganz ebenso beklagen, wenn etwa im Hörsaal meines früheren Kollegen Dietrich Schäfer in Berlin pazifistische Studenten sich um das Katheder stellen und Lärm von der Art machen, wie es anti-pazifistische Studenten gegenüber dem Professor Foerster, dem ich in meinen Anschauungen in vielem so fern wie möglich stehe, getan haben sollen.
Aber Politik gehört allerdings auch nicht dahin von seiten des Dozenten. Gerade dann nicht, wenn er sich wissenschaftlich mit Politik befasst. Denn praktisch-politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellung ist zweierlei. Wenn man in einer Volksversammlung über Demokratie spricht, so macht man aus seiner persönlichen Stellungnahme kein Hehl: gerade das: deutlich erkennbar Partei zu nehmen, ist ja die verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Die Worte, die man braucht, sind dann nicht Mittel wissenschaftlicher Analyse, sondern politischen Werbens um die Stellungnahme der Anderen. Sie sind nicht Pflugscharen zur Lockerung des Erdreiches des kontemplativen Denkens, sondern Schwerter gegen die Gegner: Kampfmittel.

In einer Vorlesung oder im Hörsaal dagegen wäre es Frevel, das Wort in dieser Art zu gebrauchen. Da wird man, wenn etwa von ‘Demokratie’ die Rede ist, deren verschiedene Formen vornehmen, sie analysieren in der Art, wie sie funktionieren, feststellen, welche einzelnen Folgen für die Lebensverhältnisse die eine oder andere hat, dann die anderen nicht demokratischen Formen der politischen Ordnung ihnen gegenüberstellen und versuchen, so weit zu gelangen, dass der Hörer in der Lage ist, den Punkt zu finden, von dem aus er von s e i n e n  letzten Idealen aus Stellung dazu nehmen kann. Aber der echte Lehrer wird sich sehr hüten, vom Katheder herunter ihm irgendeine Stellungnahme, sei es ausdrücklich, sei es durch Suggestion – denn das ist natürlich die illoyalste Art, wenn man ‘die Tatsachen sprechen läßt’ – aufzudrängen.

Warum sollen wir das nun eigentlich nicht tun? Ich schicke voraus, dass manche sehr geschätzte Kollegen der Meinung sind, diese Selbstbeschneidung durchzuführen, ginge überhaupt nicht, und wenn es ginge, wäre es eine Marotte, das zu vermeiden. Nun kann man niemandem wissenschaftlich vordemonstrieren, was seine Pflicht als akademischer Lehrer sei. Verlangen kann man von ihm nur die intellektuelle Rechtschaffenheit: einzusehen, dass Tatsachenfeststellung, Feststellung mathematischer oder logischer Sachverhalte oder der inneren Struktur von Kulturgütern einerseits, und andererseits die Beantwortung der Frage nach dem W e r t  der Kultur und ihrer einzelnen Inhalte und danach: wie man innerhalb der Kulturgemeinschaft und der politischen Verbände h a n d e l n  solle – daß dies beides ganz und gar h e t e r o g e n e  Probleme sind. Fragt er dann weiter, warum er nicht beide im Hörsaal behandeln solle, so ist darauf zu antworten: weil der Prophet und der Demgagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören. Dem Propheten wie dem Demagogen ist gesagt: ‘Gehe hinaus auf die Gassen und rede öffentlich.’ Da, heißt das, wo Kritik möglich ist. Im Hörsaal, wo man seinen Zuhörern gegenübersitzt, haben sie zu schweigen und der Lehrer zu reden, und ich halte es für unverantwortlich, diesen Umstand, daß die Studenten um ihres Fortkommens willen das Kolleg eines Lehrers besuchen müssen, und daß dort niemand zugegen ist, der diesem mit Kritik entgegentritt, auszunützen, um den Hörern nicht, wie es seine Aufgabe ist, mit seinen Kenntnissen und wissenschaftlichen Erfahrungen nützlich zu sein, sondern sie zu stempeln nach seiner persönlichen politischen Anschauung.” (Weber, 1988: 600-602).

Die zitierte Passage stammt von Max Weber. Sie entstammt dem Vortrag: “Wissenschaft als Beruf”, den Weber im Jahre 1919 gehalten hat. Das Thema ist nach wie vor aktuell, denn die Scharlatane, die sich als Wissenschaftler ausgeben und ihren Studenten das Heil verkünden, sind nicht weniger geworden, eher im Gegenteil: Das weitgehende Vergessen, dem die wissenschaftliche Methode an vielen sozialwissenschaftliche Fakultäten anheim gefallen ist, macht deutlich, dass es derzeit darum gehen muss, “Wissenschaft” in SozialWissenschaft zu retten. Die Zeit dazu läuft aus, denn die Demagogen und Propheten, wie sie Weber nennt oder die Scharlatane, wie wir sie bezeichnen, jene, die Studenten ideologisieren und mit einer Sendung segnen, stören den wissenschaftlichen Betrieb und der Gefolgs-Mob, den sie anziehen, macht die Durchsetzung wissenschaftlicher Standards an sozialwissenschaftlichen Instituten und Fakultäten immer schwieriger.

Genetisches Enhancement – Genetisches Doping

Religion und Politik, so die Benennung eines so gernannten Exzellenzclusters an der Universität Münster, aus dem eine interessante Arbeit zum Thema “Genetisches Enhancement” stammt, die gerade bei Springer veröffentlicht wurde.

Genetisches Enhancement oder, wie wir lieber sagen, weil es treffender ist: genetisches Doping, wird in diesem Buch, das Lioba Welling verfasst hat, wie folgt definiert:

genetisches Enhancement“Als ‘Enhancement’ werden somit Eingriffe bezeichnet, welche die menschliche Gestalt über das Maß hinaus verbessern sollen, das für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit erforderlich ist. Dies kann die Verbesserung einer Funktionsweise bedeuten, aber auch das Hinzufügen neuer Eigenschaften und Fähigkeiten umfassen (20).”

Pointiert formuliert ist unter genetischem Enhancement also eine Form des umfassenden Dopings zu verstehen, etwa so:

  • Sie sind strunzdumm, wollen aber hyperintelligent sein? Genetisches Enhancement fügt ein paar Gensequenzen ein, die für etwas mehr “Sparkle” im Gehirn sorgen.
  • Sie sind feige und wollen die Eigenschaft “Mut” ihrem Repertoire hinzufügen? Genetisches Enhancement fügt das Mut-Gen in die Sequenz der Einstellungen gegenüber der Außenwelt ein und entfernt die Angst-Sequenz.
  • Sie haben es satt, krank zu sein? Genetisches Enhancement macht sie zum ewig Gesunden.

Inwieweit diese Beispiele der Realität des genetischen Enhancements entsprechen, wie weit die Möglichkeiten genetischen Dopings bereits gediehen sind, das ist eines dieser Tabus, das im öffentlichen Diskurs besteht, so dass über das, was möglich ist, nicht diskutiert wird.

Deshalb sind Bücher, wie das von Welling wichtig, denn sie machen auf Dinge aufmerksam, zeigen Entwicklungen auf, die unter unserer aller Nase weitgehend unbemerkt stattfinden. Der Markt für genetisches Enhancement, so es denn serienreif werden sollte, ist nach Ansicht von Welling vorhanden: “Der Wunsch nach genetischen Verbesserungen”, so sagt sie, “kann bei vielen Menschen aufkommen [oder auch nicht]. … Dahinter stehen ähnliche Motive wie bei Schönheitsoperationen, Doping oder hohen Bildungsinvestitionen: die Hoffnung auf Schönheit, Gesundheit, Leistung und Erfolg”.

Wer also mit sich nicht zufrieden ist, weil seine Leistung im Fussball hinter der von Gareth Bale zurückbleibt, dem macht genetisches Enhancement Hoffnung. Na ja, indirekte Hoffnung, denn im Moment ist das alles noch Zukunftsmusik, wenngleich kurzfristige Zukunftsmusik, die sich in 10, vielleicht 20, vielleicht 30 Jahren zum realen Konzert entwickelt haben wird, und die durch das Grundgesetz nicht verboten ist. Denn: wie Welling im siebten Kapitel ihres Buches ausführt, Verbesserungen am Erbgut verletzen dann keine Grundrechte, wenn sie mit hinreichender Sicherheit ausgeführt werden können, wenn Ärzte also garantieren können, dass die Verbesserung, das genetische Doping, den gewünschten Effekt auch hat.

Gibt es also bald ein Volk bestehend aus Superfussballern und Denk-Monstern? Nun, genetisches Doping wird nicht billig. Entsprechend wird es eine soziale Schichtung bei den Gedopten geben: Wer mehr Geld hat, kann sich genetisch verbessern, wer wenig Geld hat, nicht. Eine Herausforderung für die AOK. Gleichzeitig verbinden sich mit der Ko-Existenz von Gedopten und nicht Gedopten normative Probleme, denn wie soll man die Leistung des Gedopten (des Genverbesserten) im Vergleich zur Leistung des nicht Gedopten (nicht Genverbesserten) honorieren? Ersterem fällt seine höhere Leistung ja leichter, und er hat einen unfairen Startvorteil.

Fragen über Fragen, die Welling anspricht und ansatzweise diskutiert, und es kommt ihr sicher das Verdienst zu, ein Buch veröffentlicht zu haben, das, sofern es wahrgenommen wird, dazu führen könnte, dass selbst in Deutschland die Konsequenzen aus einer Entwicklung diskutiert werden, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Nur eine Frage, die naheliegt, aber in deutscher Literatur systematisch fehlt, fehlt auch bei Welling, nämlich die Frage staatlicher Eingriffe. Wie immer, kommt der Staat nur als guter Hirte vor, der entweder seine Hände schützend über seine Schäfchen legt und das Erbgut eines Menschen für unantastbar erklärt oder seinen Schäfchen verbietet, Schöpfer ihrer selbst zu sein. Der Staat, als Konglomerat von Akteuren, die nach ihrem Vorteil suchen und somit eigene Interessen haben, kommt nicht vor, jener Staat, der genetisches Doping einsetzen könnte, um seine Gesellschaft zum Beispiel zu stratifizieren, in Arebitsdrohnen und Arbeiterverwalter, indem man Letztere genetisch verbessert und erstere genetisch verschlechtert, denn was in die eine Richtung geht, geht natürlich auch in die andere Richtung.

supersoldierUnd was wäre dienlicher als eine soziale Klasse der Arbeiterdrohnen, denen man zudem die Sprachfähigkeit genetisch ab-verbessern könnte, damit sie nicht maulen und ihr Los schweigend ertragen und sich vor allem nicht zusammenschließen und Aufwiegelungsreden halten, die all die Arbeiten tun, die diejenigen, die mit dem Verwalten beschäftigt sind und sich für zu wichtig halten, als dass sie ihre Hände benutzen könnten, nicht tun wollen, schon weil sie gerade mit erheblichen Menschheitsproblemen beschäftigt sind, z.B. mit der Frage, wie man seine eigenen Deprivationen in einen Forschungsgegenstand umwidmet, der ein Auskommen verspricht.

Und natürlich fällt x-files Kennern der Super-Soldier ein, jener genetische Mutant, der nicht schlafen muss und dem das moralische Bewusstsein ab-verbessert wurde, damit er beim Töten keine Skrupel hat. Auch eine sehr nützliche genetische Verbesserung, die einmal mehr zeigt, dass die Frage, was als genetische Verbesserung als akzeptables genetisches Doping zu gelten hat, relativ zu den Interessen derjenigen ist, die die Verbesserung vornehmen.

Und deshalb ist es so wichtig, darüber zu diskutieren, gerade in Deutschland.

Gegen die Europäischen Toleranzwächter

Wir haben bereits über das European Council on Tolerance and Reconsiliation berichtet. Dem Council gehören Yoram Dinstein, Ugo Genesio, Rein Müllerson, Daniel Thürer und Rüdiger Wolfrum an.

ECTRDas European Council on Tolerance and Reconsiliation ist ein schönes Beispiel dafür, wie heutzutage Organisationen, die aus selbsternannten Gutmenschen bestehen und die über keinerlei demokratische Legitimation verfügen, als Lobbyisten für ein Thema auftreten, das ihnen besonders am Herzen liegt und ihr Pet-Project für andere zum verbindlichen Umgangston zu machen versuchen. (Was wir unter Gutmenschen verstehen, haben wir hier definiert.)

Das European Council on Tolerance and Reconsiliation beschreibt sich selbst als eine “international NGO, established in October 2008 by Aleksander Kwasniewski, former President of Poland and Moshe Kantor, President of the European Jewish Congress. … The European Council on Tolerance and Reconciliation is a non-partisan and non-governmental institution. It is envisaged to be an opinion-making and advisory body on international tolerance promotion, reconciliation and education. It fosters understanding and tolerance among peoples of various ethnic origin; educates on techniques of reconciliation; facilitates post-conflict social apprehensions; monitors chauvinistic behaviors, proposes protolerance initiatives and legal solutions.”

Es ist das Schicksal von Themen, die in den Bereich von Ethik, Philosophie oder Sozialwissenschaften gehören, dass selbsternannte Experten glauben, sie könnten als “opinion-maker” auftreten und anderen erklären, wie man als guter Mensch zu leben hat, wie z.B. Toleranz geht, was Toleranz ist und wem gegenüber man tolerant zu seint hat. Es ist das Los von Menschen, die in Logik und Statistik geschult sind, sich derartige Widersprüche ansehen zu müssen und zu wissen, die Widersprüche ergeben sich aus der Normalverteilung von Intelligenz gepaart mit der negativen Selektion von Politikern und ergänzt um das Faktum, dass es, um die eigenen Beschränkungen zu erkennen, einer Kompetenz bedarf, die, wäre sie vorhanden, die Widersprüche, wie die, in die sich die Möchtegern-Wächter europäischer Toleranz verstricken, gar nicht erst hätte entstehen lassen

Dabei ist nicht nur keine demokratische Legitimation bei dieser Art von Gutmenschen-Lobbyismus vorhanden, es ist auch vollkommen unklar, welche Qualifikation z.B. die oben genannten Personen dazu legitimieren und ausweisen soll, anderen vorzuschreiben, was sie wie wann und wo zu tun oder zu lassen haben. Dessen ungeachtet ist das European Council on Tolerance and Reconcilliation derzeit als Toleranz-Lobbyist unterwegs und versucht, das “European Framework National Statute for the Promotion of Tolerance” für die Europäische Union verbindlich zu machen.

Wie gesagt, wir haben bereits ausführlich über dieses absurde Machwerk geschrieben. Wir wollen uns daher auf einige Highlights im Text und auf eine komprimierte Form der Darstellung der logischen Fehler in diesem “Toleranz-Statut”, dem gegenüber man, wie wir glauben, keinerlei Toleranz zeigen darf, beschränken.

Die logischen Fehler in Kürze:

Wer fühlt sich nicht an das ZK der SED erinnert?

Wer fühlt sich nicht an das ZK der SED erinnert?

Im Statut wird zunächst definiert, was als eine Gruppe anzusehen ist, nämlich alle Menschen, die ein gemeinsames Merkmal teilen (characteristic of similar nature). Besipiele entsprechender Merkmale sind Rasse, kulturelle Wurzeln, ethnische Abstammung, religiöse Anbindung und – man hat es schon vermisst: sexuelle Orientierung.

Es kann festgestellt werden: welche Menschenmenge als Gruppe gilt, ist einerseits eine Frage der Willkür, andererseits eine Frage des gelebten Rassismus, denn wenn Gutmenschen wie die vom European Council on Tolerance and Reconciliation (ECTR) darauf beharren, dass Schwarze eine eigene Rasse formen und dass das Merkmal der Hautfarbe wichtiger ist als z.B. die jeweilige individuelle Intelligenz, die – benutzte man sie als Grundlage der Gruppeneinteilung – notwendiger Weise schwarz-weiß-gelbe Gruppen von Klugen und Dummen etablieren würde, setzen sie den Rassismus voraus, den sie angeblich bekämpfen wollen. Und sie zeigen sich als Muster-Rassisten, denn sie sind diejenigen, die die Gruppenzugehörigkeit nach Hautfarbe gerade festgeschrieben haben.

Ganz nebenbei erlaubt die Formulierung im Statut eine willkürliche Bestimmung der schützenswerten Gruppen – was die Frage aufwirft, wer die entsprechenden Gruppen bestimmen soll und mit welcher Legitimation und mit welcher Begründung, d.h. wer die schützenswerten und der Toleranz werten Gruppen bestimmen und konstruieren darf. Welche Begründung spricht zum Beispiel dafür die Gruppe der Transsexuellen als Gegenstand besonderer Toleranzbemühungen auszumachen, nicht aber die Gruppe der Golfspieler oder Banker oder Bild-Zeitungsleser?

Es geht weiter im Versuch, die Logik abzuschaffen, in dem Stereotypisierungen als “Group libel” (Gruppen-Verunglimpfung), also derogative Kommentare, Kommentare oder Bezeichnungen, die Gruppen lächerlich machen oder mit falschen Anschuldigungen belegen, unter Strafe gestellt werden sollen: Als Beispiel geben die Toleranzwächter Behauptungen an wie: “Zigeuner sind Diebe” oder “Muslime sind Terroristen”. Ergänzen ließe sich: Deutsche verstehen keinen Spass, Iren sind ein chaotischer Haufen und US-Amerikaner spielen sich als Weltpolizisten auf.

Oder wären die zuletzt genannten Aussagen etwa keine “Group-libel” (Gruppen-Verunglimpfung), wie die Toleranzwächter das nennen? Wenn nein, warum nicht? Wenn doch, dann folgt daraus, dass die Toleranzwächter jede Form der Stereotypisierung unter Strafe stellen wollen. In jedem Fall folgt, dass die Toleranzwächter nur bestimmte, von ihnen zu bestimmende Stereotypisierungen unter Strafe stellen wollen.

Nuts in BedlamLiest man das Statut in Gänze, dann wird Letzteres ganz deutlich. Die Toleranzwächter wollen anderen vorschreiben, über welche Gruppen sie Witze machen dürfen und über welche Gruppen nicht, denn Intoleranz gibt es nach ihrer Ansicht nur im Hiblick auf: Rasse, Hautfarbe, Ethnie, Religion, es gibt sie als totalitäre Ideologie, als Fremdenfeindlichkeit, als anti-Semitismus, als anti-Feminismus und als Homphobie.

Abermals findet sich ein logischer Widerspruch, der zum Himmel schreit, denn Toleranz wird von den Toleranzwächtern für ihre Zwecke nicht formal, sondern inhaltlich gefüllt, und es werden Vorgaben gemacht, welche Form der Intoleranz zu bekämpfen ist, wobei die genannten Formen vermeintlicher Intoleranz sich allesamt dadurch auszeichnen, dass niemand weiß, was damit eigentlich gemeint ist, so dass es eines Schriftgelehrten bedarf, der die Heilige Schrift der Toleranzwächter auslegt und im Einzelfall entscheidet, ob eine Aussage intolerant ist oder nicht.

Der Willkür nächster Schritt.

Und um die Idiotie auf die Spitze zu treiben, konzipieren die Toleranzwächter ihre wahre Lehre der richtigen Toleranz als totalitäre Ideologie, die durch Medien, an Schulen, an Universitäten und in öffentlichen Institutionen vertrieben werden muss. Abweichung vom Lehrplan wird nicht toleriert. Personen, die sich der Intoleranz im von den selbsternannten Toleranzwächtern bestimmten Sinne schuldig machen, werden nicht nur als Straftäter bestraft, sondern können durch die Opfer (bei denen es sich um Gruppen handelt!) zu Schadensersatz gezwungen werden. Und Jugendliche, die sich gegen die korrekte Form der Toleranz vergehen, werden in Umerziehungsprogramme gesteckt, um auf diese Weise die “Kultur der Toleranz” zu erlernen.

Diese Kultur der Toleranz ist so tolerant, dass sie unerbittlich gegen alle vorgeht, die die Setzung dessen, was korrekte und richtige Toleranz ist, nicht teilen und sich davon abzuweichen trauen, denn: “tolerance does not mean that a group can segregate itself from society as a whole, repudiating the need to interface with other groups. … tolerance does not denote acceptance of such practices as female circumcision, forced marriage, polygamy or any form of exploitation or domination of women” (Insofern es sich bei female circumcision oder polygamy um kulturelle Praktiken handelt, die in  nicht-westlichen Kulturen vorhanden sind, verstoßen die Toleranz-Wächter gegen Section 2d , Section 3b(i) und Section 4b ihres eigenen Statuts, weshalb man sie, sofern ihr Statut je in der EU in Kraft tritt, sofort auf Schadensersatz verklagen sollte.)

narrow minded peopleDas Statut zeigt sich hier ganz offen als das, was es sein soll, nämlich als ein Gängelungsinstrument, das von Engstirnigkeit nur so strotzt und in das die Gutmenschen, die es geschrieben haben, das gepackt haben, was ihnen gerade nicht gefällt. Toleranz ist jedoch ein Wert, der nicht inhaltlich bestimmt werden kann, sondern nur formal. Man kann Toleranz nicht auf die Punkte einschränken, die einem gerade in den Kram passen und alles, was einem nicht in den Kram passt als intolerant abwerten, denn auf diese Weise gerät man unwillkürlich in eine Auseinandersetzung darüber, was der Toleranz wert ist und was nicht. Dass die Statuten-Macher des ECTR dies nicht sehen, sagt viel über ihre Motivation und ihren geistigen Horizont.

Vor Jahrzehnten hat Heike Diefenbach schon formuliert: “Toleranz ist, wenn es einem egal ist”. Und genau das ist die grundlegende Charakteristik von Toleranz: Man interessiert sich nicht dafür, wie andere ihr Leben leben, was sie sagen und was sie tun, so lange sie keine Externalitäten für Dritte produzieren, wie sie z.B. das Gutmenschen-Council der Toleranzwächter für all diejenigen produziert, die weiterhin auf das Recht freier Meinungsäußerung bestehen und es nicht zur von Toleranzwächtern genehmigten Form eingeschränkter Meinungsäußerung verkommen lassen wollen.

Pluralismus und Demokratie leben von freier Meinungsäußerung und davon, dass jeder seine Meinung sagen kann, egal, wie abstrus sie ist. Eine Demokratie, die sich dadurch schützen zu müssen glaubt, dass sie bestimmte Formen der Meinungsäußerung ausschließt, hat damit den Schritt in den Totalitarismus gemacht: Die Bestimmung der auszuschließenden Formen wird zu  Widerstand und in jedem Fall zu Streit führen, schon weil es z.B. Leute gibt, die selbsternannten Gutmenschen wie den Pseudo-Toleranzwächtern vom ECTR am liebsten den Mund verbieten würden. Es führt eben kein Weg daran vorbei, dass man sich in Demokratien auch den Unsinn anhören muss, den Bewegte, die keine Argumente, aber viel Überzeung haben, von sich geben – schon weil Parlamentsdebatten im Fernsehen übertragen werden.

Es ist höchste Zeit, etwas dagegen zu tun, dass selbsternannte Lobbyisten denken, sie könnten den Europäern vorschreiben, welche Form von Toleranz sie zu pflegen und welche Art von Meinung sie zu äußern haben. (Diese Art der Bevormundung widerspricht übrigens den vom Council der Gutmenschen in ihrem Statut niedergelegten Kriterien, weshalb sie sich selbst ad-absurdum führen – der finale Widerspruch, wenn man so will).

Arendt_totalitarismusWir sind auf eine wichtige Petition aufmerksam geworden, die es seit einigen Monaten auch Change.org gibt. Die Petition trägt den Titel: Protect freedom of speech in the EU # FreeSpeechEU und ist an die Mitglieder des Europäischen Parlaments gerichtet, die über den Lobby-Toleranz-Unsinn, den das Gutmenschen Council aus selbsternannten Toleranz-Wächtern verbrochen hat, abstimmen sollen. (Es schon interessant, wie leicht es manchen Interessen-Lobbyisten fällt, zum Gegenstand parlamentarischer Erörterungen zu werden, während manche anderen, die dummerweise nur steuerzahlender Bürger und nicht Brownie-Punkte vergebende Lobbygruppe sind, keinerlei Gehör finden, obwohl sie angeblich der Souverän sind…).

Wir legen allen unseren Lesern dringend nahe diese Petition, die in englischer Sprache verfasst ist, aber im Wesentlichen die Punkte macht, die wir auch machen, zu unterstützen.

Es geht darum, den Möchtegern-Kontrolleuren das Handwerk zu legen, bevor sie Europa zu einer Festung gemacht haben, nicht gegen die, die von außen kommen, sondern gegen die, die hinter den Gittern der Festung sitzen.

Für alle, die es in sozialwissenschaftlicher Sprache hören wollen: Wir sehen hier die Banalität des Alltäglichen am Werk, die Banalität des Alltäglichen, die Hannah Arendt beschrieben hat, als Grundlage von Totalitarismus, Drittem Reich und Vernichtung all derer, denen gegenüber man nicht toleranz war, weil sie die falschen Meinung vertreten haben.

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Günter Buchholz, der uns das ECTR-Machwerk wieder in Erinnerung gerufen hat.

Vomitismus (auch: Ralphismus)

ICD-10Wir beobachten es schon länger, aber ein Beitrag von Stefan Lauer auf Vice.com hat uns in dem, was wir beobachten, so sehr bestätigt, dass wir uns entschlossen haben, die WHO aufzufordern, in den ICD-10 eine neue psychische Störung aufzunehmen: Den Vomitismus, der in seiner ausgeprägten Form zum Ralphismus wird.

Die Diagnose der Störung umfasst aus wissenschaftlicher Sicht vier Kategorien, an denen sich die Anamnese des Vomitismus orientieren sollte:

  • Emotionale Hysteria;
  • Anmaßung und Egomanie;
  • übersteigerte Irrationalität;
  • körperliche Ausscheidungen vor allem in der Mundgegend (bekannt als Schäumen);

Prävalenz

Vomitismus als Störung ist bislang unerforscht. Prävalenzraten liegen entsprechend noch nicht vor. Erste Schätzungen gehen von 1,5% bis 3% Vomiteuren in der Bevölkerung aus. Wie viele psychische Störungen, so sind die Opfer von Vomitismus vornehmlich in der Mittelschicht zu finden. Vor allem unter Medienschaffenden liegen die Prävalenzraten deutlich über dem vermuteten gesellschaftlichen Durchschnitt. Vomitismus in seiner gesteigerten Form wird als Ralphismus bezeichnet.

Emotionale Hysteria

vomiteurVomitismus äußert sich vornehmlich im übermäßigen und ungezügelten Gebrauch derogativer Adjektive. Vomiteure und Vomiteusen generalisieren ihre Gefühle, wobei es sich bei den Gefühlen vornehmlich um Abneigungenhandelt. Vomiteure sind der Ansicht, ihre Abneigungen würden von allen geteilt, seien Gegenstand der allgemeinen Betrachtung.

Vomitismus äußert sich in einer hassgesteuerten Sprache, deren Zweck die Erniedrigung ist. Abweichungen von der eigenen Meinung oder der eigenen Lebensweise werden von Vomiteuren als bedrohlich empfunden und müssen entsprechend abgewertet werden.

Ein gutes Beispiel liefert Stefan Lauer:

“Es gibt diese Themen da draußen, von denen man zwar weiß, dass sie existieren, aber trotzdem ist man froh, dass man nicht darüber berichten muss. Unter anderem einfach deswegen, weil die Protagonisten schon von weitem wie die ärmsten Loser wirken, die man sich nur vorstellen kann. Und irgendwie ist es einem ja auch unangenehm in diese Verlierer-Biotope einzubrechen und auf der kleinen, widerlichen Welt rumzuhacken, die sich die Leute da aufgebaut haben. Lässt man sie halt lieber in ihrem hasserfüllten, niemals endenden Circle-Jerk gewähren …”

Die Passage macht Diagnosekriterium 1 sehr deutlich. Die eigene Welt wird absolut gesetzt und von der Außenwelt (“da draußen”) abgeschotten. Abgegrenzt von der als fremd und gefährlich empfundenen Außenwelt, fristet der Vomiteur sein Dasein, das er gegen jeden Versuch, die Außenwelt (“da draußen”) an ihn heranzutragen, verteidigt. Allerdings ist seine Beziehung zu dem “da draußen” ambivalent, denn einerseits ist das “da draußen” gefährlich, andererseits ist es anziehend und interessant, was in offenen Widersprüchen zum Ausdruck kommt, wie z.B. dem, dass über etwas berichtet wird, über das man eigentlich froh ist, nicht berichten zu müssen, was nur damit erklärt werden kann, dass das “da draußen” einen so großen Reiz auf den Vomiteur ausübt, dass er, obwohl er es nicht muss, nicht anders kann als sich damit zu beschäftigen. Damit erfüllt er das Kriterium des Kontrollverlusts, denn nicht mehr der Vomiteur steuert sein Handeln, sondern das, was ihm angeblich zuwider ist.

Anmaßung und Egomanie

imposterAnmaßung und Egomanie gehen beim Vomitismus Hand in Hand. Der Vomiteur denkt nicht nur, alle Welt interessiere sich für seine Gefühle und Deutungen, dafür, was ihm widerfahren ist, er denkt auch, eine Position, die er inne hat, transzendiere ihn gleichsam vom Positionsinhaber zum fähigen, zum qualifizierten Positionsinhaber, zum Positionsinhaber mit Urteilsvermögen. Vor allem die zuletzt beschriebene Manie wurde im Rahmen Studien, wie sie Harold Garfinkel in seiner berühmten Agnes Studie oder Erving Goffman auf grundsätzlichere Art und Weise betrieben haben, immer wieder offengelegt. Sie besteht darin, dass Personen denken, sie würden wesenhaft eins mit ihrer Position. Weil sie die Position eines Wissenschaftlers inne haben, denken sie, sie seien Wissenschaftler. Weil sie die Position eines Lehrers inne haben, denken sie, sie seien Lehrer. Weil sie die Position eines Journalisten inne haben, denken sie, sie seien Journalist.

Kern dieses Essentialismus ist es, dass nicht Leistung und Fähigkeit als definierende Kriterien zur Bestimmung herangezogen werden, sondern die schlichte Besetzung einer Position, ein Phänomen, auf das die international renommierte Bildungsforscherin Dr. habil. Heike Diefenbach bereits mehrfach hingewiesen hat. Die Egomanie, die Grundlage dieses Essentialismus ist, lässt es nicht zu, dass Vomiteure an ihren Fähigkeiten zweifeln, denn dass es jemanden geben könne, der sie anhand ihrer Fähigkeiten beurteilt, ist ihnen unvorstellbar, während es für sie völlig normal ist, durch die Welt zu schwanken und andere zu beurteilen.

Und so ist Stefan Lauer, der die Position “Redakteur” bei deutschen Ableger von Vice.com besetzt, der Ansicht, er sei ein Redakteur und als solcher in der Lage, Beiträge von allgemeinem Wert und allgemeinem Interesse zu schreiben. Entsprechend werden seine Befindlichkeiten zu einem journalistischen Text, entsprechend werden die Beschimpfungen, die er gerne mag, zu einem journalistischen Text, entsprechend werden alle Standards, die man normalerweise, als “normaldenkender Mensch”, wie Lauer wohl sagen würde, an einen journalistischen Text heranträgt, dem Vergessen anheim gestellt: Es findet keine Weitergabe von Information statt. Es gibt keine Argumentation. Es gibt keine Begründung. Es gibt keinen roten Faden im Text. Alles geht unter im überstarken Drang, ein als Gegener empfundenes Gegenüber vor aller Welt zu erniedrigen und der Lächerlichkeit preis zu geben, ein Bemühen, das mehr über den Vomiteur als über seine Gegner aussagt.

Denn: wie Garfinkel bereits am Beispiel von Agnes, einem Transsexuellen, dargestellt hat, das soziale Geschlecht ebenso wie die soziale Position wird an Ansprüchen und Erwartungen gemessen. Entsprechend muss Agnes lernen, wie sie sich nunmehr als sozial weiblich verhält, angefangen von der Art zu gehen und sich zu kleiden, bis hin zur Art zu sprechen. Gleiches gilt für die soziale Position des Journalisten: Nicht jeder, der Worte zu Papier bringen oder in den Monitor eintippen kann, ist ein Journalist. Nur der, der die sozialen Erwartungen erfüllt, die an Inhaber von entsprechenden Positionen gestellt werden, ist Journalist.

Es zeichnet Vomiteure aus, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und soziale Ansprüche, die an sie und ihre Position gerichtet sind, nicht zur Kenntnis nehmen. Sie zeichnen sich entsprechend durch eine eindeutige a-Sozialität aus.

Übersteigerte Irrationalität

Free lunchDie beiden genannten Kriterien des Vomitismus werden durch eine übersteigerte Irrationalität ergänzt, die der eigenen Zielverfolgung dient. Die Vomiteure bedienen sich kruder Vorurteile, grober Verallgemeinerungen und heftigstem Rassismus, um ihr Ziel, den von ihnen ausgewählten Feind zu erniedrigen, zu erreichen.

Wieder liefert uns Stefan Lauer hervorragendes Anschauungsmaterial:

“Man kann es sich bildlich vorstellen: deutsche, heterosexuelle Männer, die vom Leben und ihren geschiedenen Frauen enttäuscht sind, sitzen am Rechner und liefern sich hasserfüllte Diskussionen auf Wikipedia. Vermutlich im Unterhemd und mit Bierflasche und Chipstüte in Reichweite. … Aber bei Männerrechstaktivisten wird es innerhalb kürzester Zeit dermaßen unappetitlich und strohdumm, dass man nach einer halben Stunde surfen auf ihren Websites am liebsten den Bildschirm mit Scheuermilch abreiben würde. … Gott sei Dank hat man es hier größtenteils mit traurigen Trollen zu tun, deren Leben ganz anders geworden ist, als sie es sich damals ausgemalt hatten, als sie noch keine Bierbäuche hatten und ihre dritte Scheidung noch in weiter Ferne lag.”

Wie am Beispiel deutlich wird, ist der Vomiteur nicht in der Lage, seine Gedanken und seine Sprache zu kontrollieren. Entsprechend gibt er seine Phantasien von Gruppen, deren Mitglieder (Mehrzahl) er nicht kennt, ab, obwohl er keine Daten über die von ihm gehasste Gruppe hat. Der Realitätsverlust des Vomiteurs ist so ausgeprägt, dass er sich aufschwingt, auf der Basis von sehr begrenzten Informationen eine ganze Gruppe zu diffamieren, ein Vorgang, den man gewöhnlich unter dem Begriff des Rassismus fasst, der ja nichts anderes beschreibt als die negativ stereotypisierte Darstellung einer gesellschaftlichen Gruppe (alle sind: “strohdumm”, “unappetitlich”, “im Unterhemd”, “mit Bierfalsche”, “mit Chipstüte”, “mit Bierbauch” und geschieden).

Auch hier weiß der Vomiteur nicht, dass seine Aussagen mehr über das, was ihm normal vorkommt, deutlich machen als über diejenigen, die er mit seiner Emotionalität verfolgen will. So kann man z.B. über Stefan Lauer sagen, dass er aus einer Mittelschichtsfamilie kommt, in seinem Leben noch keine körperliche Arbeit ausgeübt hat, den Genußfaktor, der davon ausgeht, ein Rugby-Spiel mit Bier und Chips zu verfolgen, nicht kennt. Die Unfähigkeit, die “da draußen” anders als in derart plumpen Vorurteilen wahrzunehmen, die Unfähigkeit zum looking class self, wie es George Herbert Mead genannt hat, ist ein weiteres Charakteristikum der Vomiteure, ein weiterer Beleg für ihre a-Sozialität.

Körperliche Ausscheidungen

evolutionSchließlich kommt es in den besonders schweren Fällen des Ralphismus zum Kontrollverlust über körperliche Ausscheidungen. Ein Hinweis dazu findet sich bei Stefan Lauer z.B. wenn er schreibt, dass er “am liebsten den Bildschirm mit Scheuermilch abreiben würde”, eine Notwendigkeit, die nur dadurch entstehen kann, dass etwas aus Richtung dessen, der vor dem Monitor sitzt, auf den Monitor gelangt ist. Dies ist konsistent mit unseren Hypothesen, nach denen sich bei besonders schweren Fälle von Vomitismus, die wir als Ralphismus bezeichne, ein Kontrollverlust über körperliche Ausscheidungen einstellt, der vom Schaum vor dem Mund über das unkontrollierte Speichelbilden, bis zu sonstigen Ausscheidungen, die die Umwelt in Mitleidenschaft ziehen, etwa in der Weise, die eine Reinigung mit Scheuermilch notwendig macht, reicht.

Alles in allem muss man feststellen, dass Vomiteure die Welt mit ihrer traurigen Existenz heimsuchen und aufgrund ihrer a-Sozialität und ihrer Angst vor denen “da draußen” nicht anders können als Vomiteur zu sein, andere zu beschimpfen und dazu aufzurufen, die “da draußen” zu “dissen”, wie das heute heißt, also: “jemanden herabwürdigen, verächtlich machen, heruntermachen, diskreditieren, diskriminieren”, womit das Bild einer dissoziativen Störung, die sich als Vomitismus äußert, abgerundet wäre.

Nachtrag:

Ein letztes Kriterium, das wir bislang noch nicht angesprochen haben, hat die moralische Entwicklung von Vomiteuren zum Gegenstand. So hat Stefan Lauer seine Beleidigungs-Orgie unter dem Titel “Die traurige Welt der Antifeministen” veröffentlicht und mit einem Gorilla bebildert. Man stelle sich das entsprechende Bild in einem Text über Schwarze vor, man stelle sich die vielen derogativen Adjektive im Text in einem Beitrag über Frauen vor. Wer diese Vorstellung bilden kann und zudem in der Lage ist, eine Verbindung zu moralischer Integrität herzustellen, wird schnell bei der Erkenntnis landen, dass man sich nicht auf ein hohes moralisches Ross setzen und mit Dreck um sich werfen kann, wenn man andere als Dreckschleudern diffamieren will. Dieser letzte Punkt rundet das Bild des Vomitisten als egomanem a-Sozialen ab, der nur in seiner Schutzwelt, die vor denen “da draußen” gesichert ist, existieren kann und der keinerlei moralische Urteilfähigkeit entwickelt hat, wie es nach Ansicht von Piaget bereits Kinder im Alter von rund 10 Jahren zu bilden in der Lage sein sollten.