Vom Niedergang der Vernunft: bösartiger Feminismus

Seit mehreren Jahrtausenden haben Philosophen den Wert von Vernunft und Rationalität formuliert. Vernunft als Fähigkeit, zu denken und entsprechend zu handeln, unter Kalkulation möglicher Folgen und Ergebnisse, zielgerichtetes, zweckrationale Handeln, wie Max Weber geschrieben hat, war zu allen Zeiten die Grundlage, die Menschen von Tieren unterscheiden soll, die Grundlage, die menschliche Errungenschaften in Wissenschaft und Technologie möglich gemacht hat.

Aber dann kam der Feminismus.

Der Feminismus ist mitnichten der erste Angriff auf die Vernunft, aber der neueste. Die Verherrlichung von Emotion und Intuition, die der Feminismus auf Kosten der doch angeblich so kalten und vor allem männlichen Rationalität oder Vernunft vornimmt, ist in ähnlicher Form in der deutschen Romantik zu finden, beide Romantik und Feminismus können insofern als Degenerationserscheinungen einer Gesellschaft gewertet werden.

Vernunft ist für Hume u.a. die Grundlage menschlicher Verständigung und menschlichen Zusammenlebens, und Hobbes erklärt ihre Funktionsweise als eine Form der Kalkulation:

Leviathan.hobbes“Denken heißt nichts anderes als die Gesamtsumme durch Addition von Teilen oder einen Rest durch Subtraktion einer Summe von einer anderen vorstellen. Geschieht dies durch Wörter, so ist es ein Vorstellen dessen, was sich aus dem Namen des Ganzen und seines Teils für den Namen des anderen Teils ergibt. [...] Wo Addition und Subtraktion am Platze sind, da ist auch Vernunft am Platze, und wo sie nicht am Platze sind, hat Vernunft überhaupt nichts zu suchen. [...] Denn Vernunft in diesem Sinne ist nichts anderes als Rechnen, das heißt Addieren und Subtrahieren, mit den Folgen aus den allgemeinen Namen, auf die man sich zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken geeinigt hat. [...] Nutzen und Zweck der Vernunft bestehen nicht darin, dass man die Summe von Wahrheit einer oder mehrer Folgen findet, fern von den ersten Definitionen und festgesetzten Bedeutungen von Namen, sondern darin, dass man bei diesen beginnt und von einem Schluß zum anderen fortschreitet” (Hobbes 1989[1651]: 31-32, Hervorhebungen in kursiv im Original, fett von uns).

Die Botschaft von Hobbes ist sehr klar: Vernunft besteht im systematischen Beziehen von Worten aufeinander, sie ist eine Ordnungsfähigkeit. Wer nicht in der Lage ist, Worte in systematischer Weise aufeinander zu beziehen, hat keine Vernunft. Worte unterscheidet Hobbes in allgemeine Namen und Definitionen, die zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken dienen, und auf die wir uns geeinigt haben. Sprache wird somit zu einer Konvention, zu einem Normensystem der Verständigung, auf das sich Menschen geeinigt haben. Vernunft gewährleistet die Einhaltung der Konvention und somit Verständigung.

Kant hat wie Hume bekanntlich zwischen einer reinen und einer praktischen Vernunft unterschieden, wobei die reine Vernunft, weitgehend das umschreibt, was Hobbes Rechnen genannt hat, während die praktische Vernunft auf normenkonforme Anwendung der eigenen Vernunft durch individuelles Handeln abzielt. Nicht umsonst hat Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft seinen bekannten kategorischen Imperativ entwickelt, handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

Was würden all die Philosophen wohl sagen, könnten sie sich heute zu dem Äußern, was als Feminismus durch Deutschland geistert, was im Dunkeln an der Vernunft nagt, wie der wahnsinnige Azathoth in den Geschichten von H.P. Lovecraft?

Wie müssen die Angriffe auf die vermeintlich kalte Rationalität wirken, die aus den Reihen von Feministen geführt werden, wie die Ablehnung von Rationalität und Vernunft und das Beharren auf Intuition und irrationalen Gefühlen? Wenn man Revue passieren lässt, was über Hobbes, Hume und Kant berichtet wurde, liegt die Antwort auf der Hand: Für alle drei wäre der entsprechende Anschlag auf die Vernunft gleichzusetzen mit dem Niedergang menschlicher Gesellschaftsfähigkeit, mit dem Ende menschlicher Interaktion und dem Aussterben der Spezies.

Kant praktische VernunftUnd die Anzeichen dieses Niedergangs sind deutlich sichtbar.

Vernunft und die Konventionen, die praktische Vernunft im Sinne von Kant als Normen, wie man heute sagen würde, anleiten, machen Verständnis und Zusammenleben erst möglich. Ohne die Regeln, die das Rechnen, das Hobbes als Grundlage von Vernunft ansieht, ermöglichen, ist es nicht möglich, eine Verständigung mit anderen zu erreichen. Ohne eine gemeinsame Konvention verschwindet jede Handlungssicherheit, weil es nichts gibt, auf das man sich verlassen kann. Ohne eine gemeinsame Sprachkonvention degeneriert eine Gesellschaft zu einem Haufen irrer Brabbler, die etwas von sich geben, das anderen nicht verständlich ist. Das Ende ist nahe, und es besteht in Wahnsinn, Wahnsinn, wie er z.B. einmal mehr von der Humboldt Universität kommt, die mittlerweile nur noch als Humbug Universität bekannt ist.

Dort hat sich eine Reihe Verwirrter aufgemacht, die deutsche Sprache als Verständigungsinstrument zu beseitigen und die Deutschen zu einer Ansammlung wirrer Brabbler zu machen, etwa durch:

Ag Sprachhandeln

Gar nicht – und Sie?

  • “Studierx, Studierxs und Lehrx, Lehrxs: Das ‚x‘ signalisiert ein Durchkreuzen herkömmlicher → gegenderter Personenvorstellungen. Diese Form wird angewendet, wenn die Frage, ob die gemeinten Personen weiblich, männlich oder → trans* sind, in einem Kontext keine Rolle spielt oder keine Rolle spielen soll.
  • in re_produzieren: Hier deutet der Unterstrich an, dass jedes Produzieren ein Reproduzieren ist und gleichzeitig jedes Reproduzieren ein Produzieren. Der Unterstrich spiegelt dieses reflexive Verhältnis von Produktion und Re_produktion wider.
  • Bildung von Substantiven: Alle ‚-er‘-Endungen werden durch die Endung ‚-a‘ ersetzt bzw. im Plural durch ‚-as‘. Die ‚-a‘-Endung lässt sich beispielsweise für Dinge produktiv nutzen, um konventionalisiert männlich assoziierte ‚-er‘-Endungen zu vermeiden, wie z.B. bei Türöffna, Computa oder Drucka: Diese Form greift ebenfalls die Idee von einer herausfordernden, stärkeren → Frauisierung von Sprache auf, um mit männlich geprägten Assoziationen zu brechen”.

Es ist dies ein Angriff auf die Vernunft, der an den Grundfesten menschlicher Gesellschaft rührt, der Verständigung und der Sprachsicherheit. Er zeigt die morbide Qualität, die dem deutschen Feminismus inne wohnt in aller Deutlichkeit, sie zielt darauf ab, die eigene Todessehnsucht zum Anlass zu nehmen, um ein normales und produktives Zusammenleben aller zu verunmöglichen, und als solches muss den bisherigen Varianten des Feminismus eine Metavariante zugesellen: den bösartigen Feminismus.

Philosophie zum Wochenende – Hans Albert: Erkenntnis und Engagement

Hans Albert (1921 -) hat wie kein anderer zur Verbreitung des kritischen Denkens und der Methode des kritischen Rationalismus’ wie ihn Karl Raimund Popper entwickelt hat, in Deutschland beigetragen. Hans Albert ist bis heute ein engagierter Kämpfer gegen die Irrationalität und gegen all jene, die von sich behaupten, sie seien im Vollbesitz der Wahrheit oder doch zumindest im Besitz einer Methode, die unweigerlich zur Wahrheit führt und könnten sich auf dieser Basis für die Gesellschaft engagieren und dort nur Gutes bewirken.

Hans_Albert_2005Zwangsläufig war und ist Hans Albert damit der größte Gegenspieler der Frankfurter Schule in der Variante, die u.a. Jürgen Habermas daraus gemacht hat, also nicht in der Variante, die noch unter der Leitung von Max Horkheimer das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) auszeichnete, als noch empirische Studien wie z.B. die über Autorität und Familie durchgeführt und erstellt wurden.

Was man von der Wende, die das IfS unter unter dem Einfluss von Habermas genommen hat, zu halten hat, wird einem schnell deutlich, wenn man z.B. die Titel der derzeitigen Projekte betrachtet, Titel wie “Bürger_in aus Betroffenheit?”, “Erwerbsarbeit und psychische Erkrankung”, “Bedeutung des öffentlichen Integrationsdiskurses für das Selbstverständnis, die Selbstpositionierung und das Integrationshandeln von Migrant_innen. Eine biographieanalytische Untersuchung” oder “Prekäre Autonomie – Die Arbeit von SchriftstellerInnen im flexiblen Kapitalismus”.

Aus heutiger Sicht kann man Hans Albert auch als einen vehementen Gegner aller Heilsbringer oder wie wir heute sagen würden: Gutmenschen sehen, die ihre Heilsbotschaft über ihre Opfer ausgießen, ihre einfachen Botschaften, für die sie Wahrheit reklamieren, zur Grundlage nehmen, um in die Leben anderer Menschen, die sie für inferior halten, zu intervenieren und dort für ihre Ordnung zu sorgen und alles zu dem zu wenden, was sie für das Beste halten. Diese Form der Entmündigung im Namen einer ersponnenen Wahrheit, kulminiert für Albert im wissenschaftsfeindlichen Offenbarungsmodell, jenem Model, das nicht nur die katholische Kirche zur Grundlage ihrer Existenz gemacht hat und das darauf basiert, dass Erleuchteten, wie z.B. dem Papst, beim Lesen der heiligen Schrift ein Licht aufgeht, oder im Schlaf ein Engel mit der Nachricht erscheint, die fortan als Wahrheit verkündet werden soll.

Aber nicht nur die katholische Kirche fährt auf dieser Fahrkarte, um Verbreitung zu finden, Macht zu sichern und zu gewinnen und um die eigenen Taschen zu füllen, auch Kalvinismus, Kommunismus, Faschismus und Feminismus teilen strukturelle Prinzipien mit der katholischen Kirche, die sie zu Feinden von Freiheit, Autonomie, Toleranz und Liberalismus und vor allem von Vernunft machen.

Der folgende Text von Hans Albert aus der Einleitung zu seinem Traktat über kritische Vernunft, widmet sich diesem Totalitarismus der Gutmenschen. Ausgangspunkt ist die nicht zuletzt von Habermas geäußerte Ansicht, dass Erkenntnis und Entscheidung voneinander zu trennen seien (eine Idee, die man sich wirklich genauer überlegen sollte, damit einem klar wird, womit man es bei der post-Habermasschen Frankfurter Schule wirklich zu tun hat).

Albert Traktat“[...] Existenzielle Probleme sind, so scheint man oft anzunehmen, nicht rational zu behandeln, weil sie echte Entscheidungen verlangen, die der kalkulierende Verstand nicht liefern kann. Andererseits scheint es im Bereich der Erkenntnis zwar rationale Analyse zu geben, aber keine Entscheidung und kein Engagement, und den Problemen, die auf diese Weise zu lösen sind, kommt offenbar eo ipso keine existenzielle Bedeutung zu. Während die Verfechter der analytischen und der hermeneutischen Vernunft nicht selten Auffassungen formulieren, die solchen Thesen nahekommen, sind sich die der dialektischen Vernunft oft der Vereinbarkeit von Erkenntnis und Engagement so gewiß, dass in ihrem Denken die politische Stellungnahme sich mitunter ziemlich gradlinig – man möchte sagen: überraschenerweise gar nicht so dialektisch – aus der philosophischen Konzeption ergibt [Anhänger der dialektischen Vernunft  sind z.B. Habermas oder andere post-marxistische Sozialphilosophen].

Nun gibt es ohne Zweifel Zusammenhänge zwischen Erkenntnis und Engagement, zwischen rationalem Denken und existenzieller Entscheidung, zwischen Philosophie und Politik, aber sie sind nicht so einfach, wie sie sich engagierten Denkern oft darstellen. Bestimmte Arten des Engagements korrumpieren nämlich das Denken und leisten infolgedessen auch keinen vernünftigen Beitrag zur Lösung von Problemen, ob es sich dabei nun um kognitive, ethische oder auch soziale und politische oder gar um religiöse Probleme handelt. Es gibt ein totales Engagement, das die unvoreingenommene Wahrheitssuche und das kritisch-rationale Denken beseitigt oder zumindest beeinträchtigt und das im Endeffekt – gleichgültig, ob es im Namen des Glaubens und einer göttlichen Macht, im Namen der Geschichte oder in dem der Vernunft in Erscheinung tritt – immer wieder zu totalitären Konsequenzen geführt hat. Nicht allen, die ein solches Engagement für richtig halten, scheint das bewußt zu sein, aber es gibt viele, die es wissen könnten, weil sie die Geschichte kennen. Mir liegt nichts an zeitgeschichtlichen Totalitarismus-Definitionen, die den Sinn haben, die säkularen politischen Religionen und die durch sie geprägten institutionellen Strukturen als Entartungserscheinungen gegen die politisch-religiösen Traditionen des christlichen Abendlandes abzugrenzen, denn die Geschichte ist voll von totalitären Exzessen, die im Namen des Christentums stattgefunden haben, und zwar bis in die neueste Zeit. Es kommt hier vielmehr darauf an, dass unter gewissen strukturellen Gesichtspunkten Katholizismus, Kalvinismus, Kommunismus und Faschismus [und Staatsfeminismus] zusammengehören, nicht etwa, weil alle diese historisch sehr komplexen Phänomene in jeder Hinsicht gleichartig oder auch nur gleichwertig wären, sondern weil in ihnen das extreme Gegenteil der im analytischen Denken postulierten Neutralität wirksam war oder ist: die blinde Parteilichkeit, der gehorsame Glaube, das unkorrigierbare Engagement. es gibt hier also strukturelle Gemeinsamkeiten, und zwar keineswegs solche, die als oberflächlich beiseite geschoben werden können. Gemeinsamkeiten, die nicht nur psychologisch oder soziologisch von Interesse sind, sondern darüber hinaus erkenntnistheoretisch, ethisch und sozialphilosophisch. Diese Züge gilt es zu erkennen, und zwar unabhängig von den unterschiedlichen Sympathien, die man diesen Erscheinungen entgegenbringen mag.

Viele, die diese Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge durchschauen müssten, versäumen vielfach, darauf aufmerksam zu machen, mitunter aus leicht verständlichen ‘existenziellen’ Gründen, oft auch deshalb, weil sie ihre Art des totalen Engagements als etwas gänzlich Verschiedenes von den anderen Varianten absetzen möchten, etwa, weil die in ihrem Denken enthaltene utopische Komponente sie selbst und andere zu der Illusion verleitet, dieses Engagement müsse, wenn es sich in kollektive Aktion umsetzte, prinzipiell andersartige Konsequenzen haben, als wir sie aus der Geschichte kennen. Aber das ist romantisch-illusionäres Denken, auch wenn es von philosophischen oder theologischen Lehrstühlen herunter gepredigt und von Unzufriedenen willig aufgenommen wird, weil sie mit seiner Hilfe ihre Situation ohne die Anstrengung sachlich-rationaler Analyse und damit ohne die Berücksichtigung der sozialen Kosten der von ihnen propagierten Aktionen artikulieren zu können glauben. Begeisterung für eine heilige Sache führt, wie wir wissen, nicht selten zu Faschismus und Intoleranz, zur Diabolisierung des Gegners und schließlich zu Terror und Gewalt. Das totale Engagement, auch wenn es zur Stützung seiner Ansprüche und Forderungen den Namen einer dialektischen oder kritischen Vernunft [das ist eine Anspielung auf die nach Ansicht von Habermas "kritische" Frankfurter Schule] ins Spiel bringt, kann uns also keineswegs die Rettung vor jenem Irrationalismus bringen, dem ein unter der Neutralitätsforderung stehendes analytisches oder ein an Überlieferungen irgendwelcher Art sich auslieferndes hermeneutisches Denken freien Raum zur Entfaltung geben mögen, und zwar deshalb, weil es selbst nur eine Form dieses Irrationalismus ist.

Es besteht aber keine Notwendigkeit, zwischen völliger Neutralität und totalem Engagement zu wählen, wenn man bereit ist, eine weitere Möglichkeit zu sehen, die es erlaubt, Rationalität und Engagement mit einander zu verbinden: nämlich einen kritischen Rationalismus, wie er sich vor allem in der Philosophie Karl Poppers und in verwandten philosophischen Auffassungen präsentiert. Dieser neue Kritizismus, der die Neutralität des analytischen Denkens überwindet und dem totalen Engagement theologischer und quasi-theologischer Denkweisen mit seinen anti-liberalen Implikationen ein kritisches Engagement für rationales Denken und für die unvoreingenommene Suche nach der Wahrheit und nach offenen Problemlösungen entgegensetzt, die im Lichte neuer Gesichtspunkte jeweils revidierbar sind, knüpft tasächlich an eine alte Tradition an, die sich bis in die griechische Antike zurückverfolgen lässt, die sich in der Entstehungsgeschichte der neuzeitlchen Naturwissenschaft wieder zur Geltung gebracht und in der Periode der Aufklärung für einige Zeit das allgemeine Bewusstsein geprägt hat, die aber seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts den durch den Einbruch neuer Irrationalismen [z.B. Hegel und die Deutsche Romantik] hervorgerufenen Belastungen ausgesetzt war” (Albert, 1991: 4-7; fett gesetzte Hervorhebungen von uns, kursive Hervorhebungen im Original).

Abert, Hans (1991). Traktat über Kritische Vernunft. Tübingen: Mohr Siebeck.

Was ist Religion?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten. Dieser Unterschied ist die Quelle vieler Missverständnisse, vor allem, wenn es sich beim Bezeichnenden um einen abstrakten Begriff, z.B. um Religion, Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit handelt. Jeder, der die Begriffe “Religion” oder “Gerechtigkeit” hört, hat seine eigenen Assoziationen davon, was gerade bezeichnet wurde.

religionFür uns bezeichnet der Begriff Religion ein institutionalisiertes Glaubenssystem, das auf als wahr behaupteten Aussagen über das “Übernatürliche” basiert, die nicht empirische geprüft werden können, also z.B. die Existenz Gottes. Religion ist für uns entsprechend eine soziale Erscheinung, eine Lobbyverband, der der Durchsetzung der eigenen Glaubensinhalte im sozialen Leben gewidmet ist und der sich die organisatorische Verfasstheit einer Kirche gegeben hat.

Viele scheinen unter Religion alle möglichen Formen moralischer Überzeugungen zu verstehen, die sie selbst haben oder denen sie selbst anhängen. Sie scheinen Religion als persönlichen Glauben zu verstehen, der ihnen Anleitung im täglichen Leben gibt. Das ist jedoch nicht Religion, sondern persönliche oder besser: religiöse Überzeugung, ihr persönlicher Glaube, es ist von der institutionalisierten Variante eines Glaubessystems, auf dem Religion basiert, zu unterscheiden. Die fehlende Unterscheidung ist die Grundlage für Ausnutzbarkeit und Unfreiheit, denn man muss nur mit Religion und Glauben kommen, und schon kann man seine Schäfchen für die absurdesten Ideen hinter sich sammeln, ohne dass es Letzteren klar wäre, für welche Sache sie sich gerade einsetzen lassen.

Die empirische Sozialforschung kennt die Unterscheidung zwischen Gläubigkeit und Religiosität. Gläubigkeit bezieht sich auf die Ausgestaltung eines eigenen Glaubens, sofern vorhanden, während Religiösität sich auf die Teilnahme an institutionalisierten Glaubensritualen bezieht, also auf die teilnehmende Legitimation bestimmter Kirchen.

Bertrand Russell, dessen Erklärung dafür, warum er kein Christ ist, wir auszugsweise zum Gegenstand des letzten Posts gemacht haben (und die bei einer Reihe von Lesern für genau das Missverständnis gesorgt hat, das wir oben beschrieben haben), ist Philosoph, er ist ein Philosoph, der sich wie kaum ein anderer mit den sozialen Erscheinungen seiner Zeit beschäftigt hat und dafür von manchen seiner Zeitgenossen verfolgt wurde. Russell, wie viele der großen Philosophen, hat einen soziologischen Blick auf die Gesellschaft, entsprechend sieht er Religion nicht als die Glaubensüberzeugung Einzelner, sondern als das soziale Herrschaftsinstrument, das es nun einmal ist.

Russell hat sehr deutlich beschrieben, was er unter Religion versteht. Wir lassen ihn daher noch einmal zu Wort kommen:

Betrand Russell“Meine eigene Ansicht über die Religion deckt sich mit der des Lukretismus. Ich betrachte sie als Krankheit, die aus Angst entstanden ist, und als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass sie einige Beiträge zur Zivilisation geleistet hat. In alter Zeit half sie, den Kalender festzulegen, und sie veranlaßte ägyptische Priester, die Sonnenfinsternisse mit solcher Sorgfalt aufzuzeichnen, dass sie mit der Zeit lernten, sie vorauszusagen. Diese beiden Dienste bin ich bereit anzuerkennen, aber andere kenne ich nicht.

Das Wort “Religion” wird heute in einer sehr allgemeinen Bedeutung verwendet. Unter dem Einfluss des extremen Protestantismus verstehen manche darunter alle ernsthaften persönlichen Überzeugungen in bezug auf Moral oder die Beschaffenheit des Universums. Dieser Gebrauch des Wortes ist völlig unhistorisch. Religion ist in erster Linie eine soziale Erscheinung. Die Kirchen mögen ihren Ursprung Lehrern mit starken persönlichen Überzeugungen verdanken, aber nur selten hatten diese Lehrer großen Einfluss auf die Kirchen, die sie gründeten, wogegen die Kirchen einen ungeheuren Einfluss auf die Gemeinden hatten, in denen sie wirkten. Um den Fall herauszugreifen, der für die Angehörigen der westlichen Zivilisation am interessantesten ist: Die Lehre Christi, wie sie in den Evangelien steht, hat mit der Ethik der Christen außerordentlich wenig zu tun. Vom sozialen und historischen Standpunkt aus betrachtet, ist für das Christentum nicht Christus, sondern die Kriche von Größter Wichtigkeit, und daher dürfen wir unser Material nicht in den Evangelien suchen, wenn wir das Christentum als soziale Macht beurteilen wollen. Christus lehrte, man solle seinen Besitz den Armen geben, man solle nicht kämpfen, man solle nicht zur Kirche gehen und man solle den Ehebruch nicht bestrafen. Weder Katholiken noch Protestanten haben ein besonderes Verlangen gezeigt, seiner Lehre in einem dieser Punkte zu folgen. Wohl haben einige Franziskaner versucht, die Doktrin apostolischer Armut zu lehren, aber sie wurden vom Papst verurteilt und ihre Lehre als ketzerisch bezeichnet. Oder betrachen Sie eine Stelle wie: ‘Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet’, und fragen Sie sich, welchen Einfluss ein solcher Text auf die Inquisition und den Ku-Klux-Klan hatte.

[...]

RussellDiese Unstimmungkeit zwischen einer Kirche und ihrem Gründer besteht nicht zufällig. Sobald man annimmt, dass in den Aussprüchen eines bestimmten Menschen absolute Wahrheiten enthalten sind, bildet sich eine Schar von Sachverständigen, die seine Aussprüche auslegen. Unweigerlich erlangen diese Sachverständigen Macht, da sie den Schlüssel zur Wahrheit besitzen. Wie jede andere privilegierte Schicht verwenden sie die Macht zu ihrem eigenen Vorteil. In jeder Hinsicht sind sie jedoch schlimmer als jede andere privilegierte Schicht, da es ihre Aufgabe ist, eine unveränderliche Wahrheit auszulegen, die ein für allemal in höchster Vollkommenheit offenbart wurde, so dass sie zwangsläufig Gegner jedes geistigen und moralischen Fortschritts werden. Die Kirche bekämpfte Galilei und Darwin, heute bekämpft sie Freud. In den Tagen ihrer größten Macht ging sie in ihrer Opposition gegen das geistige Leben noch weiter. Papst Gregor der Große schrieb einem gewissen Bischof einen Brief, der mit den folgenden Worten begann: ‘Uns hat ein Bericht erreicht, den Wir nicht ohne zu erröten erwähnen können, nämlich dass Du einigen Freunden die Grammatik auslegst’. Der Bischof wurde durch päpstlichen Erlass gezwungen, von diesem bösen Tun abzulassen, und der lateinische Stil konnte sich bis zur Renaissance nicht mehr erholen. Aber nicht nur auf geistigem, sondern auch auf moralischem Gebiet richtet die Religion Schaden an. Damit will ich sagen, dass sie sittliche Regeln lehrt, die dem menschlichen Glück nicht förderlich sind.” [Hervorhebungen durch uns]

Man kann also zusammenfassen, dass Religion für Russell ein Machtsystem darstellt, das in einer Kirche organisiert ist und dessen Ziel darin besteht, den Status Quo festzuhalten und denjenigen, die Funktionäre der Kirche sind, einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, und zwar auf Kosten des Glücks und der Lebenschancen all derer, die nicht zu den unmittelbaren Nutznießern der Kirche gehören, weil sie nicht in ihrer Hierarchie eingebunden sind.

Als solches ist Religion also das Fundament eines organisierten Lobbytums, eine soziale Erscheinung, deren Ziel darin besteht, Ressourcen zu sichern und unter den Mitgliedern aufzuteilen und die sich nur im Inhalt von anderen Glaubenssystemen unterscheidet, die das selbe Ziel verfolgen. Daher qualifizieren sich alle Glaubenssysteme, die von sich behaupten, sie seien wahr oder der einzige Weg zum Heil, alle Glaubenssysteme, die keine Kritik an ihren Inhalten zulassen und die gegen Kritiker vorgehen, als Kirche im Sinne von Russell. Das schließt explizit Feminismus oder angeblich säkularisierte Formen des Glaubens mit ein.

“Warum ich kein Christ bin” – Bertrand Russell zum Wochenende

Nietzsche zum Wochenende hat sich als beliebte Lektüre vieler Leser von ScienceFiles erwiesen. Ehrlich gesagt, hat uns das zunächst gewundert. Philosophen, noch dazu Philosophen vom Schlage eines Friedrich Nietzsche schaffen es nur noch an wenigen Universitäten überhaupt in das Vorlesungsverzeichnis, so dass man denken könnte, die Nachfrage nach Nietzsche ist, da er zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint, nein besser: da zunehmend das, was er geschrieben hat, in Vergessenheit zu geraten scheint und nur noch ein Zerrbild des Philosophen übrig bleibt, eher gering.

So kann man sich täuschen. Möglicherweise ist es gerade umgekehrt: Dass wir in einer Zeit leben, in der öffentliche Diskurse sich vornehmlich durch dünngeistige Langeweile und Wiederkauen des ewig Selben auszeichnen, schafft gerade die Nachfrage nach neuen Ideen, nach witzigen Einfällen, klaren Gedankengängen, nach Abwechslung vom Mainstream-Allerlei, das selbst dem flegmatischsten Betrachter irgendwann auf die Nerven gehen muss.

Wir haben uns deshalb entschlossen, die Philosophen, deren Werke unsere Bibliothek bestücken, in unregelmäßigen Abständen zu Wort kommen zu lassen. Und nachdem Nietzsche den Anfang gemacht hat, wollen wir heute mit Bertrand Russell, von dem Popper einmal gesagt hat, er beneide ihn um die Leichtigkeit seiner Sprache (nicht um das Zwingende seiner Argumentation…) weitermachen. Bertrand Russell hat in seinem leben viele Kämpfe ausgefochten, und wer seine Bücher liest, der kann bis heute am eigenen Schmunzeln nachvollziehen, was Popper gemeint hat.

Die Passage aus dem Werkt von Russell, die wir ausgewählt haben, stammt aus dem Vortrag, “Warum ich kein Christ bin”, der 1957 erstmals erschienen ist. Wir geben hier Teile der letzten drei Abschnitte wieder. Sie enthalten ein flammendes Plädoyer für Emanzipation, Individualität, gegen Kollektivismus und gegen die Fesseln, die die Religion dem menschlichen Geist auferlegt.

Russell“Wenn man sich auf der Welt umsieht, so muss man feststellen, dass jedes bischen Fortschritt im humanen Empfinden, jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zur Verminderung der Kriege, jeder Schritt zur besseren Behandlung der farbigen Rassen oder jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde durchweg von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurde. Ich sage mit vollster Überlgung, dass die in ihren Kirchen organisierte christliche Religion der Hauptfeind des moralischen Fortschritts in der Welt war und ist.

Wie die Kirchen den Fortschritt verzögert haben

Vielleicht sind Sie der Meinung, ich gehe zu weit, wenn ich behaupte, dass das noch immer so ist. Ich bin nicht dieser Ansicht. [...] Es gibt viele Methoden, mit denen gegenwärtig die Kirche durch ihr Beharren auf ihrer sogenannten Sittenlehre allen möglichen Menschen unverdientes und unnötiges Leiden zufügt. Und natürlich ist sie, wie wir wissen, zum größten Teil immer noch ein Gegner des Fortschritts und aller Verbesserungen, die das Leiden in der Welt verringern könten, weil sie unter Moral eine Vielzahl von Verhaltensregeln versteht, die mit menschlichem Glück überhaupt nichts zu tun haben. Wenn man sagt, dies oder jenes müsse geschehen, da es zum menschlichen Glück beitragen würde, so findet die Kirche, das habe mit der Sache überhaupt nichts zu tun. ‘Was hat menschliches Glück mit der Sittenlehre zu tun? Es ist nicht das Ziel der Sittenlehre, die Menschen glücklich zu machen’.

Angst als Grundlage der Religion

Die Religion stützt sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. Teils ist es die Angst vor dem Unbekannten und teils, …, der Wunsch, zu fühlen, dass man eine Art großen Bruder hat, der einem in allen Schwierigkeiten und Kämpfen beisteht. Angst ist die Grundlage des Ganzen – Angst vor dem Geheimnisvollen, Angst vor Niederlagen, Angst vor dem Tod. Die Angst ist die Mutter der Grausamkeit, und es ist deshalb kein Wunder, dass Grausamkeit und Religion Hand in Hand gehen, weil beide aus der Angst entspringen. Wir beginnen nun langsam die Welt zu verstehen und sie zu meistern, mit Hilfe einer Wissenschaft, die sich gewaltsam Schritt für Schritt ihren Weg gegen die christliche Religion, gegen die Kirche und im Widerspruch zu den überlieferten Geboten erkämpft hat. Die Wissenschaft kann uns helfen, die feige Furcht zu überwinden, in der die Menschheit seit so vielen Generationen lebt. Die Wissenschaft, und ich glaube auch unser eigenes Herz, kann uns lehren, nicht mehr nach einer eingebildeten Hilfe zu suchen und Verbündete im Himmel zu ersinnen, sondern vielmehr hier unten unsere eigenen Anstrengungen darauf zu richten, die Welt zu einem Ort zu machen, der es wert ist, darin zu leben, und nicht zu dem, was die Kirchen in all den Jahrhunderten daraus gemacht haben.

Was wir tun müssen

Betrand RussellWir wollen auf unseren eigenen Beinen stehen und die Welt offen und ehrlich anblicken – ihre guten und schlechten Seiten, ihre Schönheit und ihre Hässlichkeit; wir wollen die Welt so sehen, wie sie ist, und uns nicht davor fürchten. Wir wollen die Welt mit unserer Intelligenz erobern und uns nicht nur sklavisch von dem Schrecken, der von ihr ausgeht, unterdrücken lassen. Die ganze Vorstellung von Gott stammt von den alten orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die freier Menschen unwürdig ist. Wenn man hört, wie sich die Menschen in der Kirche erniedrigen und sich als elende Sünder usw. bezeichnen, so erscheint das verächtlich und eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Wir sollte uns erheben und der Welt frei ins Antlitz blicken. Wir sollten aus der Welt das Bestmögliche machen, und wenn sie nicht so gut ist, wie wir es wünschen, so wird sie schließlich immer noch besser sein als das, was die anderen in all den Zeitaltern aus ihr gemacht haben. Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut; sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft und eine freie Intelligenz. Sie braucht Zukunfthoffnung, kein ständiges Zurückblicken auf eine tote Vergangenheit, von der wir überzeugt sind, dass sie von der Zukunft, die unsere Intelligenz schaffen kann, bei weitem übertroffen wird”

Genetischer Fehlschluss: Die Basis von Gesinnungs-Sekten

Im letzten Post haben wir am Beispiel des Fehlschlusses ad-hominem dargestellt, wie der entsprechende Fehlschluss eingesetzt werden kann, um Gesinnungs-Sekten zu konstituieren. Eine Gesinnungs-Sekte ist für uns ein Zusammenschluss von Gleich-Gläubigen, die sich um einen Glaubensinhalt, z.B. eine politische Ideologie oder ein anderes religiöses Überzeugungssystem ansammeln. Die Migliedschaft in Gesinnungs-Sekten hat für einige der Mitglieder den Anreiz, sich durch die Bereitstellung von Glaubensinhalten einen persönlichen Nutzen, z.B. in From politischer Ämter zu verschaffen. Für die Mehrzahl der Mitglieder in Gesinnungs-Sekten ist es die Bereitstellung eines sozialen Nutzens, der den Anreiz zur Mitgliedschaft darstellt.

Tajfel. social identityDer soziale Nutzen kann mit Tajfel und Turner als soziale Identität beschrieben werden, als Möglichkeit, durch Zugehörigkeit zu einer Gesinnungs-Sekte die nicht vorhandene persönliche Identität zu kompensieren. Die entsprechenden Mitglieder sind in der Regel nicht in der Lage, sich selbst einen Lebenssinn, ein Lebensziel, eben eine personale Identität zu geben, die sie von ihrer Umwelt unterscheidet. Entsprechend nehmen sie das erstbeste Angebot, das ihnen eine Surrogat-Identität verspricht, an und werden Mitglied einer Gesinnungs-Sekte. Wie die von uns besprochene Forschung zu den Mitgliedern von al-Kaida gezeigt hat, ist die Frage, welche Organisation die gesuchte soziale Identifikation bereit stellt, dem Zufall oder der sozialen Umgebung geschuldet, was abermals die Beliebigkeit der gewählten Surrogat-Identität deutlich macht und zudem die Möglichkeit eröffnet, über den Trend zu Mitgliedschaften in Gesinnungs-Sekten die intellektuelle Stimmung innerhalb einer Gesellschaft zu beschreiben.

Da Gesinnungs-Sekten auf einem Überzeugungs-System basieren, das nicht rational, sondern emotional begründet ist, da die Wahl der Mitgliedschaft in einer Gesinnungs-Sekte nur bei denen, die damit einen Unterhalt erwirtschaften wollen, eine rationale Wahl ist, die Inhalte aber dennoch ein Glaubensystem darstellen, das durch empirische Fakten rasch zum Einsturz gebracht werden kann (Man stelle sich vor, Globalisierungsgegner müssten die Existenz des “Finanzkapitals” oder die gemeinsame Agenda des Finanzkapitals belegen, oder Linke müssten nachweisen, dass sich nicht Funktionäre, sondern Unternehmer über Gebühr bereichern, oder Rechtsextremisten müssten zeigen, dass Ausländer einen negativen Effekt auf das Bruttosozialprodukt haben…) , ist es von entscheidender Wichtigkeit, das Glaubenssystem nicht mit empirischen Fakten zu konfrontieren, es gegen empirische Fakten abzuschirmen.

Zu diesem Zweck kommen logische Fehlschlüsse zum Einsatz. So haben wir im letzten Post dargestellt, dass der Fehlschluss ad hominem ein Mittel darstellt, um nicht über Argumente diskutieren zu müssen. Statt dessen wird versucht, die Person zu diskreditieren. Ein weiterer Fehlschluss, der geeignet ist, das eigene Überzeugungssystem der Gesinnungs-Sekte erst gar nicht in Kontakt mit kritischen Argumenten kommen zu lassen, ist der genetische Fehlschluss.

Der genetische Fehlschluss besteht in einer Vermengung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang. Umstände, die die Entdeckung z.B. einer Theorie betreffen, werden auf die Theorie übertragen und als Beleg für deren Falschheit gewertet.

Logik Salmon“Zum Beispiel: Die Nazis verwarfen die Relativitätstheorie, weil Einstein, ihr Entdecker, ein Jude war.
Das ist ein ganz klarer Fall eines genetischen Fehlschlusses. Das nationale oder religiöse Umfeld, aus dem derjenige kommt, der eine Theorie aufstellt, ist sicherlich nur für den Entdeckungszusammenhang von Bedeutung. Die Nazis bewerteten so etwas, als ob es zum Begründungszusammenhang gehört” (Salmon, 1983: 28).

Der Entdeckungszusammenhang bezieht sich auf die Umstände, unter denen eine Entdeckung gemacht wurde. Er rekurriert auf z.B. kulturelle Gründe, die die Archäologie z.B. über Opfergefäße nicht hinauskommen sieht oder Politikwissenschaft und Soziologie von Wissenschaften, deren Ziel die Beobachtung und Kontrolle der sozialen und politischen Auswirkungen bestimmter Akteurskonstellationen (oder Regierungsysteme) war, zu Legitimationswissenschaften eben dieser Akteurskonstellationen gemacht hat, oder er rekurriert auf religiöse Umfeldvariablen, die z.B. zu Galileos Zeiten die Erforschung bestimmter Inhalte unter Strafe gestellt haben. Variablen des Entdeckungszusammenhangs konstituieren den Möglichkeitsraum für Entdeckungen. Sie haben überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Entdeckung, die Beobachtung, die Theorie, die Aussage über die Welt richtig ist.

Die Richtigkeit von Aussagen über die Welt, von Beobachtungen oder Theorien zu prüfen, ist Gegenstand des Begründungszusammenhangs. Die Prüfung der Richtigkeit hat ausschliesslich das zum Gegenstand, was über die Welt ausgesagt wird. Nichts anderes. Entsprechend ist es mehr als offensichtlich, dass die Schuhgröße, die Nationalität, die Wahlteilnahme, die Augenfarbe, die sexuelle Orientierung (heute ja so wichtig), die Fremdsprachenkenntnisse oder die Tatsache, dass der Entdecker einer Theorie in einem Anfall von Wut seinen lärmenden Nachbarn erschlagen hat, überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Aussagen über die Welt richtig oder falsch sind. Wer dies dennoch behauptet, begeht einen genetischen Fehlschluss.

Eigentlich sollte man denken, dieser Zusammenhang ist offensichtlich und dennoch gibt es Zeitgenossen, die Aussagen ablehnen, gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, weil sie aus einem “neoliberalen Kontext” kommen, weil sie von einem Wissenschaftler stammen, der quantitativ arbeitet, weil ein religiöser Terrorist sie gemacht hat, dem die Römer habhaft werden konnten und  der wie Adam Smith denkt, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei Empathie (sympathy bei Adam Smith), also die Überzeugung, dass man durch Kooperation einen höheren Nutzen erwirtschaften kann als ohne Kooperation und – abgesehen davon – ist sei besser, sich Menschen zum Freund und eben nicht zum Feind zu machen.

flies around a lightDie Anziehungskraft, die der genetische Fehlschluss ausübt, führt zurück in die Sozialpsychologie und zum Problem, dass man als Mensch eine Identität ausbilden muss, ein Bild von sich. Dieses Problem nutzen die Bereitsteller von Gesinnungs-Inhalten, um die sich Gesinnungs-Sekten bilden können, geschickt und zur eigenen Bereicherung aus und dieses Problem ist es, was ihnen letztlich Mitglieder zutreibt, Herdentiere auf der Suche nach einer Identität. Die Gesinnungs-Sekte bietet diese Identität, man ist wer, wenn man sich als Kämpfer gegen die Globalisierung, als moderner Robin Hood, als Mitläufer in der Regierungspartei, als Mitglied in der Jugendbande, postulieren kann. Es zeigt den anderen, welche Glaubens-Inhalte man vertritt und macht es zugleich notwendig, die entsprechenden Inhalte gegen Kritik zu immunisieren, wie Hans Albert wohl sagen würde. Die wirksamste Form, die Folgen von Kritik zu vermeiden, besteht darin, Kritik zu delegitimieren oder sie gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.

Hier helfen der Fehlschluss ad hominem und der genetische Fehlschluss. Ersterer, indem er die Abwertung und Beleidigung dessen, der ein Argument vorbringt, an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Argument setzt, Letzterer, indem er ganze Gruppen von Argumenten gleich ganz ausschließt, weil sie von Menschen geäußert werden, die ein negativ bewertetes Merkmal, eine negativ bewerte Eigenschaft aufweisen, die zu einem negativ bewerteten Zeitpunkt gelebt haben, in einer negativ bewerteten Organisation Mitglied sind … Die Möglichkeiten der Kritik-Immunisierung, die der genetische Fehlschluss eröffnet, sind schier endlos.

Der stärkste Beleg dafür, dass Fehlschluss ad hominem und genetischer Fehlschluss ausschließlich dazu dienen, eine Diskussion über Argumente zu vermeiden, ist übrigens die schlichte Existenz beider: Hätten die Nutzer von ad hominem Fehlschlüssen, die Gebraucher von genetischen Fehlschlüssen nicht Angst vor Argumenten oder das Bestreben, einer Argumentation zu entgehen, sie würden mit Sicherheit nicht auf die Verwendung von ad hominem Fehlschlüssen oder genetischem Fehlschluss zurückgreifen, sondern sich den entsprechenden Argumenten stellen.

Wer Argumente hat, scheut nicht die Auseinandersetzung mit anderen vorgebrachten Argumenten – im Gegenteil: er sucht sie!

 

Ad hominem – weit verbreitete persönliche Diskreditierung

Er ist allgegenwärtig, der Fehlschluss ad hominem: “Britischer Rechtspopulist Farage gewinnt Fernsehduell”, “Putin, der Polit-Macho in Moskau, ist schwer berechenbar”, “Das Institut der Wirtschaft hat halt auch seine eigene Agenda. Ich kennen da auch andere Zahlen…”, Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen”. Jemand, der nicht selbst betroffen ist, kann das nicht beurteilen, “der ist ja ein Antifeminist, Neoliberaler, Macker, Homophober, Xenophober… . Die Beispiele für den Fehlschluss ad hominem sind Legion. Eine beliebige Seiten von Mainstream-Medien im Internet, eine beliebige Rede von Politikern im Bundestag wird entsprechend zur Fundgrube, für diesen in Deutschland doch weit verbreiteten Fehlschluss.

Logik SalmonWie Wesley C. Salmon schreibt, zeichnet es den Fehlschluss ad hominem aus, dass versucht wird, jemanden, der ein Argument vorgebracht oder eine Aussage gemacht hat, schlechtzumachen, “indem man seine Person, seinen Charakter oder seine Herkunft attackiert. … Es ist vollkommen klar, dass die nationale, soziale und religiöse Herkunft desjenigen, der eine Theorie aufstellt, für deren Wahrheit oder Falschheit ohne Bedeutung ist” (Salmon, 1983: 195).

Der Fehlschluss ad hominem kommt, wie Robert Paul Churchill (1990: 465) unterscheidet, als “abusive ad hominem” daher und als “circumstancial ad hominem”. Ersterer ist eine persönliche Attacke gegen eine Person, deren Kern aus der Unterstellung besteht, diese Person weise persönliche Defizite auf, so dass alles, was diese Person sagt, falsch sein müsse. Letzteres ist eine Attacke, die sich gegen die Situation richtet, in der eine bestimmte Person sich befindet. Wer z.B. Parteivorsitzender einer EU-kritischen Partei ist, dessen Aussagen zur EU müssen falsch sagen.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Variante des Fehlschlusses ad hominem identifiziert, den Fehlschluss der politischen Korrektheit, der eine vermittelte Form des ad hominem ist. In diesem Fall richtet sich der Angriff nicht gegen die Person des Aussagenden, sondern gegen eine dritte Person oder dritte Personen, die sich die Aussagen zu eigen gemacht haben und die “böse” sind.

In jedem Fall zeichnet sich ein Fehlschluss ad hominem dadurch aus, dass nicht die Aussage des Gegenüber Gegenstand der Betrachtung ist, sondern der Aussagende. Die angebliche Falschheit der Aussage soll über das Hilfskonstrukt des derogativen Umgangs mit dem Aussagenden belegt werden.

Nun ist der Fehlschluss ad hominem, so aufgelöst, nicht unbedingt ein ausgefeiltes Unterfangen. Vielmehr ist er ein so primitives und offenkundiges Unterfangen, dass man sich fragt, warum er (a) angewendet wird und (b) warum er zuweilen erfolgreich zu sein scheint bzw. bei wem er erfolgreich sein kann.

Churchill_LogicWer einen Fehlschluss ad hominem benutzt, versucht zu manipulieren. Er versucht sein Gegenüber, seine Zuhörer, seine Leser vom Argument, das gemacht wurde, abzulenken und statt dessen die Person des Argumentierenden in den Mittelpunkt zu stellen. Er tut dies entweder, um von der Tatsache abzulenken, dass das gemachte Argument, das seiner eigenen Sache nicht förderlich ist, valide ist, oder er tut es, um von der Tatsache abzulenken, dass er selbst über keinerlei Argument verfügt, um gegen ein vorgebrachtes Argument zu argumentieren.

Wer einen Fehlschluss ad hominem hört und glaubt oder ihn sich zu eigen macht, ist offensichtlich leichter über emotionale als über intellektuelle Kanäle ansprechbar. Um sein Verhalten zu erklären, muss man entsprechend in die Sozialpsychologie wandern und von dem Ausflug die Forschung von Amos Tversky und Daniel Kahneman mitbringen.

Auf deren Grundlage bietet es sich an, den Fehlschluss ad hominem als Form der Manipulation zu betrachten, deren Ziel darin besteht, den Ankereffekt auszunutzen und die Reaktion bei Zuhörern in einer für die eigenen Behauptungen positiven Weise zu rahmen (Framing). Ankereffekte ebenso wie das Framing beeinflussen die Wahrnehmung von Menschen. Geschickt gesetzte Anker (Rechtspopulist) können die Einschätzung bei einem Publikum manipulieren. Geschickt geframte Aussagen (der unberechenbare Politi-Macho Putin) können dazu führen, dass Leser oder Zuhörer sich von offensichtlichen Alternativen ablenken lassen, dieselben nicht mehr in Rechnung stellen. In beiden Fällen besteht das Ziel darin, die Aufmerksamkeit der Zuhörer bzw. Leser zu dirigieren und für die eigenen Zwecke zu leiten.

Wer ist nun anfällig für Fehlschlüsse ad hominem?

Die Frage ist einfach zu beantworten, wenn man sie neu stellt: Wem reicht es aus, Autoren in Wort und Schrift als homophob, rechtspopulistisch, antifeministisch, dumm, usw. zu titulieren ohne sich mit dem, was sie sagen oder schreiben auseinanderzusetzen? Wem reicht es aus, Betroffenheitsbehauptungen der Art, wer das nicht erlebt hat, kann nicht mitreden, gelten zu lassen?

In der Regel handelt es sich entweder um Personen, die sich einen privaten Vorteil verschaffen wollen, indem sie eine Diskussion über vorhandene Argumente im Keim zu ersticken versuchen und statt dessen auf die Person des Argumentierers ausweichen. Und in der Regel handelt es sich bei den Rezipienten, auf die ein Fehlschluss ad hominem erfolgreich angewendet werden kann, um dass, was Julian Rotter als Personen mit einem externen Locus of Control bezeichnet hat. Sie sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden und ständig auf der Suche nach Führung.

Rotter personalityDie entsprechende Führung kann keine intellektuelle sein, denn würden sie auf intellektuelle Führung reagieren, sie könnten auch eigene Urteile fällen, bräuchten also keine Vorgaben.  Es handelt es sich also um eine emotionale Manipulation im Sinne des hie vor einigen Tagen besprochenen Sapir Handelman. Die entsprechende Führung ist also eine emotionale, die Begriffe liefert, die im Wertsystem der Geführten alle oben rangieren und wichtig sind. So löst z.B. die Bezeichnung einer Person als homophob bei Ihnen nicht die Frage aus, auf welcher Grundlage diese Aussage getroffen wurde, sondern ein korrespondierendes Gefühl, das von einfacher Ablehnung bis zu Hass reicht.

Ein Fehlschluss ad hominemkann nicht nur negativ motiviert sein, er kann auch positiv formuliert sein (dann spricht man von einem Fehlschluss ad autoritatem). In diesem Fall soll vom Fehlen eines Arguments dadurch abgelenkt werden, dass z.B. auf bestimmte übermenschliche Fähigkeiten eines Führers rekurriert wird, wie dies im Dritten Reich der Fall war, oder die Wahrheit von Aussagen auf einem Offenbarungsmodell basiert (wie dies Hans Albert genannt hat), bei dem sich einem Erleuchteten die Wahrheit mitteilt, die er dann an seine Jünger weitergibt, die wiederum die Wahrheit des Weitergegebenen mit Verweis auf den Erleuchteten belegen (im Kern ist der ad hominem Fehlschluss ein Zirkelschluss).

Damit kommen wir bei den Gefahren der Fehlschlüsse ad hominem an, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • Fehlschlüsse ad hominem vergiften die Atmosphäre und fördern die Grüppchen- der Sektenbildung;
  • Fehlschlüsse ad hominem appellieren an niedere Instinkte und führen die entsprechende Sektenbildung somit auf Basis niederer Instinkte herbei, oder Fehlschlüsse ad hominem appellieren an übermenschliche Erleuchtung und führen die entsprechende Sektenbildung auf Basis eines irrationalen Glauben-Wollens herbei;
  • Fehlschlüsse ad hominem sollen eine sachliche Auseinandersetzung mit Argumenten verhindern und verhindern entsprechend das Lernen, denn Lernen setzt eine Auseinandersetzung mit kontroversen Gegenständen voraus, sonst ist es ein stupides Repetieren;
  • Fehlschlüsse ad hominem sind somit eine Gefahr für die so oft beschworene Zivilgesellschaft und befördern statt dessen eine Kultur der Ablehnung und des Abschlusses in Gesinnungs-Sekten.

Aus einer weiten Verbreitung von Fehlschlüssen ad hominem und einer entsprechend weit verbreiteten Bereitschaft, persönliche Attacken vor inhaltliche Diskussionen zu stellen, muss man also schließen, dass keine demokratische Diskussionskultur vorhanden ist. Rhetorikbücher mit Titeln wie: “Wie behalte ich in jedem Fall recht”, deren Ziel in der Manipulation des Gegenüber und in seiner Überredung oder Mundtotmachung besteht und somit nicht in der Schaffung einer lebhaften Diskussion über ein Thema sind entsprechend Gift für eine demokratische Diskussionskultur.

Nietzsche zum Wochenende: Die Unmöglichkeit von Altruismus

Wie wäre es mit etwas Friedrich Nietzsche zum Wochenende? Ein kurzer Text aus der “fröhlichen Wissenschaft” überschrieben mit:

A n  d i e  L e h r e r  d e r  S e l b s t l o s i g k e i t:

der ein flammendes Plädoyer dafür enthält, sich nicht in die Falle des Altruismus locken zu lassen. Es ist ein Text, der Egoismus und Individualismus preist, weil beide die einzigen Möglichkeiten darstellen, um der Ausnutzung durch “die Gesellschaft” oder “die Lehrer der Selbstlosigkeit” zu entgehen.

NIetzsche froehliche Wissenschaft“Man nennt die Tugenden eines Menschen g u t, nicht in Hinsicht auf die Wirkungen, welche sie für ihn selber haben, sondern in Hinblick auf die Wirkungen, welche wir von ihnen für uns und die Gesellschaft voraussetzen: – man ist von jeher im Lobe der Tugenden sehr wenig ‘selbstlos’, sehr wenig ‘unegoistisch’ gewesen! Sonst nämlich hätte man sehen müssen, dass die Tugenden (wie Fleiss, Gehorsam, Keuschheit, Pietät, Gerechtigkeit) ihren Inhabern meist s c h ä d l i c h sind, als Triebe, welche allzu heftig und begehrlich in ihnen walten und von der Vernunft sich durchaus nicht im Gleichgewicht zu den anderen Trieben halten lassen wollen.

Wenn du eine Tugend hast, eine wirkliche ganze Tugend (und nicht nur ein Triebchen nach einer Tugend!) – so bist du ihr O p f e r! Aber der Nachbar lobt eben desshalb deine Tugend! Man lobt den Fleissigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleisse schädigt; man ehrt und bedauert den Jüngling, welcher sich ‘zu Schaden gearbeitet hat’, weil man urtheilt: ‘Für das ganze Grosse der Gesellschaft ist auch der Verlust des besten Einzelnen nur ein kleines Opfer! Schlimm, dass das Opfer Noth thut! Viel schlimmer freilich, wenn der Einzelne anders denkt und seine Erhaltung und Entwicklung wichtiger nehmen sollte, als seine Arbeit im Dienste der Gesellschaft!” Und so bedauert man diesen Jüngling. nicht um seiner selbst willen, sondern weil ein ergebenes und gegen sich rücksichtsloses W e r k z e u g – ein sogenannter ‘braver Mensch’ – durch diesen Tod der Gesellschaft verloren gegangen ist. Vielleicht erwägt man noch, ob es im Interesse der Gesellschaft nützlicher gewesen sein würde, wenn er minder rücksichtslos gegen sich gearbeitet und sich länger erhalten hätte – ja man gesteht sich wohl einen Vortheil davon zu, schlägt aber jenen anderen Votheil, dass ein O p f e r gebracht und die Gesinnung des Opferthiers sich wieder einmal a u g e n s c h e i n l i c h bestätigt hat, für höher und nachhaltiger an.

Es ist also einmal die Werkzeug-Natur in den Tugenden, die eigentlich gelobt wird, und sodann der blinde in jeder Tugend waltende Trieb, welcher durch den Gesamt-Vortheil des Individuums sich nicht in Schranken halten lässt, kurz: die Unvernunft in der Tugend, vermögen deren das Einzelwesen sich zur Function des Ganzen umwandeln lässt. Das Lob der Tugenden ist das Lob von etwas Privat-Schädlichem, – das Lob von Trieben, welche dem Menschen seine edelste Selbstsucht und die Kraft zur höchsten Obhut über sich selber nehmen. – Freilich: zur Erziehung und zur Einverleibung tugendhafter Gewohnheiten kehrt man eine Reihe von Wirkungen der Tugend heraus, welche Tugend und Privat-Vortheil als verschwistert erscheinen lassen, – und es giebt in der That eine solche Geschwisterschaft!

Der blindwüthende Fleiss zum Beispiel, diese typische Tugend eines Werkzeugs, wird dargestellt als der Weg zu Reichthum und Ehre und als das heilsamste Gift gegen die Langeweile und die Leidenschaften: aber man verschweigt seine Gefahr, seine höchste Gefährlichket. Die Erziehung verfährt durchweg so: sie sucht den Einzelnen durch eine Reihe von Anreizen und Vortheilen zu einer Denk- und Handlungsweise zu bestimmen, welche, wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist, w i d e r  s e i n e n  l e t z t e n  V o r t h e i l, aber ‘zum allgemeinen Besten’ in ihm und über ihn herrscht. Wie oft sehe ich es, dass der blindwüthende Fleiss zwar Reichthümer und Ehre schafft, aber zugleich den Organen die Freiheit nimmt, vermöge deren es einen Genuss an Reichthum und Ehren geben könnte, ebenso, dass jenes Hauptmittel gegen die Langeweile und die Leidenschaften zugleich die Sinne stumpft und den Geist widerspänstig gegen neue Reize macht. (Das fleisigste aller Zeitalter – unser Zeitalter – weiss aus seinem vielen Fleisse und Gelde Nichts zu machen, als immer wieder mehr Geld und immer mehr Fleiss: es gehören eben mehr Genie dazu, auszugeben, als zu erwerben! Nun, wir werden unsere ‘Enkel’ haben!)

Gelingt die Erziehung, so ist jede Tugend des Einzelnen eine öffentliche Nützlichkeit und ein privater Nachtheil im Sinne des höchsten privaten Zieles, – gar der frühzeitige Untergang: man erwägt der Reihe nach von diesem Gesichtspuncte aus die Tugend des Gehorsams, der Keuschheit, der Pietät, der Gerechtigkeit. Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften – also Desjenigen, der nicht seine ganze Kraft und Vernunft auf s e i n e Erhaltung, Entwicklung, Erhebung, Förderung, Macht-Erweiterung verwendet, sondern in Bezug auf sich bescheiden und gedankenlos, vielleicht sogar gleichgültig oder ironisch lebt, – dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen.

NietzscheDer ‘Nächste’ lobt die Selbstlosigkeit, weil e r  d u r c h  s i e  V o r t h e i l e  h a t! Dächte der Nächste selber ‘selbstlos’, so würde er jenen Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu s e i n e n Gunsten abweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, dass er dieselbe  n i c h t  g u t nennte! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem P r i n c i p e!

Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralischen! Der Satz ‘ du sollst dir selber entsagen und dich zum Opfer bringen’ dürfte, um seiner eigenen Moral nicht zuwiderzugehen, nur von einem Wesen decretirt werden, welches damit selber seinem Vortheil entsagte und vielleicht in der verlangten Aufopferung der Einzelnen seinen eigenen Untergang herbeiführte. Sobald aber der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus u m  d e s  N u t z e n s  w i l l e n anempfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz ‘du sollst den Vortheil auch auf Unkosten alles Anderen suchen’ zur Anwendung gebracht, also in einem Athem, ein ‘Du sollst’ und ‘Du sollst nicht’ gepredigt!”

Damit ist auf klassische Weise gezeigt, warum es das Soziale, das selbstlose oder altruistische Tun nicht geben kann, denn diejenigen, die zum selbstlosen Tun aufrufen, dafür werben, dass man sich in den Dienste der Gemeinschaft stellt, dürften nicht aufrufen, müssten vielmehr selbst und wortlos tun, wozu sie andere anhalten wollen, und diejenigen, die sich in den Dienste des Sozialen stellen wollen, kann es ohne die, die zum Dienst am Sozialen aufrufen, schlicht nicht geben.

Regelungspsychopaten: Die Angst vor Pluralismus

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass diejenigen, die am lautesten nach Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz rufen, diejenigen sind, die am wenigsten in der Lage sind, Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz zu ertragen?

WohngebietNein, wir wollen heute gar nicht das Neubau-Wohngebiet-Argument machen. Sie wissen schon. Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität ist vor allem in der Mittelschicht schick, aber wehe, ein Türke, dessen Frau ein Kopftuch trägt, kauft das Nachbarhaus, stört die Monotonie aus Vorgarten und Kinderspielburg durch Abweichung, durch Pluralität.

Nein, wir haben heute am Frühstückstisch über etwas diskutiert, was im Neo-Institutionalismus und mit Bezug auf Erving Goffman als Vorder- und Hinterbühne bekannt ist. Neo-Institutionalisten gehen davon aus, dass Erwartungen und Normen, die in Form von Institutionen an Akteure herangetragen werden, deren Verhalten beeinflussen, wenn nicht determinieren. Da Erwartungen, die von unterschiedlichen Institutionen ausgehen, die dumme Eigenschaft haben, nicht homolog zu sein, führen Akteure eine Trennung zwischen dem ein, was sie auf der Vorderbühne darstellen, den anderen erzählen, und dem, was sie auf der Hinterbühne ausführen.

Man kann das auch Heuchelei nennen, aber irgendwie klingt die neo-institutionalistische Darstellung besser.

Goffman TheaterWie dem auch sei: Viele Deutsche geben auf der Vorderbühne den Toleranten, den sich an Diversität Freuenden, den Pluralismus-Enthusiasten, den Akzeptanz-Fetischisten, um dann auf der Hinterbühne zum intoleranten Akteur zu werden, dessen einziges Ziel darin besteht, Pluralismus einzuschränken, Diversität zu unterbinden, Akzeptanz auf die Dinge zu beschränken, die ihm genehm sind, und Toleranz für sich einzufordern, aber nicht anderen entgegen zu bringen.

Hier ein paar Beispiele

  • Seit Jahren wird gegen ein Feindbild zu Felde gezogen, das unter den Bekämpfern als Maskulinität bekannt ist. So hat Joane Nagel im Jahr 1998 einen Beitrag zusammengeschrieben, in dem sie Maskulinität, Nationalismus und Militarismus als Ausgeburt derselben Quelle dingfest macht. Ein wahres Fest für alle Intoleranten, die nunmehr losgezogen sind, um Maskulinität mit den unterschiedlichsten negativ konnotierten Ismen und sonstigen Verwerflichkeiten zu füllen: von Stolz und Ehre bis zu Standhaftigkeit und Prinzipientreuen, von Machismo bis Hanteltraining. Daraus haben sie dann die Notwendigkeit abgeleitet, Maskulinität und alles, was sie als Äußerung davon ansehen, zu bekämpfen. Wir finden hier zwei psycho-pathologische Prozesse am Wirken: Einerseits wird die eigene Angst und Abwehr von Dingen, die als fremd und gefährlich wahrgenommen werden, unter einem übernommenen Label, hier Maskulinität, gesammelt, andererseits wird die Behauptung, Maskulinität sei schlecht und z.B. über die Verbindung mit Nationalität anti-pluralistisch, anti-divers oder intolerant gegenüber anderen, zum Anlass für eine eigene Projektion genommen, die sich gegen das, was man als Maskulinität versteht, richtet, ihm mit Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenübertritt und somit die Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen zerstört. Die Lehre vom neuen, gleichgeschalteten Mann löst die Vielfalt früherer Entwürfe von Männlichkeit ab. Der dürre mittelalte Familienvater ohne erkennbare Züge (you would pass him on the street without noticing) tritt an die Stelle des markanten Kerls.
  • Kleine Hexe unzensiertDer Zeitgeist will es so, dass Normalitäten früherer Jahre heute als Rassismus oder Frauenfeindlichkeit oder was auch immer interpretiert werden. Wieder wird die Etikettierung konkreter Inhalte, wie z.B. der Zeichnungen in Tim und Struppi, der Worte “Neger” oder “Zigeuner” als Rassismus, also eine Zuschreibung durch Betrachter, Leser oder Zuhörer, benutzt, um Vielfalt, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus zu feiern und die Feier der Vier zum Anlass zu nehmen, sie einzuschränken, wenn z.B. Neger und Zigeuner als Begriffe aus Kinderbüchern beseitigt werden oder abwertende Zeichnungen von z.B. Schwarzen zum Anlass genommen werden, um Kinderbücher umzuschreiben oder gleich ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Haben Kinder eigentlich kein Recht auf Geschichte, kein Recht darauf, zu sehen, dass zu anderen Zeiten bestimmte Ansichten geherrscht haben, die man heute als falsch oder rassistisch ansieht? Ist es wirklich notwendig, den Zeitgeist und die eigene Zuschreibung dessen, was z.B. rassistisch oder frauenfeindlich sein soll, so zu überhöhen, dass sie für andere zum Gesetz wird und deren Freiheit auf Wahrnehmung einschränkt, ihnen eine brave new world vorgaukelt, die es nicht gibt und nie gegeben hat?Man muss sich unwillkürlich fragen, wie weit die entsprechenden Gutmenschen ihre eigene Psychose eigentlich treiben wollen, wie lange es dauert, bis sie merken, dass sie nicht sonderlich glaubwürdig sind, wenn sie auf der Vorderbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität verkünden und auf der Hinterbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität bekämpfen.
  • Nehmen wir die Baden-Württembergische Landesregierung und ihren Bildungsplan 2015 als letztes Beispiel. Die Akzeptanz und Toleranz der Baden-Württembergischen Landesregierer, ihre Achtung vor dem Freien Willen ihrer Bürger und deren Fähigkeit, selbständig zu denken, ist so groß, dass sie bestimmte Gegenstände erst gar nicht zulassen wollen. Die Vorstellung, es könnte Menschen geben, die weder Homosexuelle noch Intersexuelle mögen, ist ihnen so ein Graus, dass sie die Entsprechenden stigmatisieren und zu Abnormitäten deklarieren, denen man nicht tolerant gegenüber treten könne, die man nicht akzeptieren könne. Der Ruf nach Akzeptanz und Toleranz gegenüber nicht-Herosexuellen führt dazu, dass die Welt in Schulbüchern bereinigt wird und diejenigen, die nicht-Heterosexuelle ablehnen, einfach getilt werden.

Die drei Beispiele zeigen, wie vermeinliche Kämpfer für Toleranz, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus, das, wofür sie zu kämpfen vorgeben, in ihrem Kampf beseitigen und Gleichstellung betreiben: Gleichstellung des richtigen Mannes, der richtigen Art, wie ein neuer Mann sich zu gerieren hat. Abweichung ist nicht vorgesehen; Gleichstellung der Geschichte, indem Darstellungen vergangener Jahrhunderte gefälscht werden und eine Auseinandersetzung mit anderem Denken verunmöglicht wird, Gleichstellung der sozialen Welt, indem das Recht, bestimmte Lebensstile nicht zu mögen, beseitigt wird.

Es ist schon seltsam, wie emsig die vermeintlichen Pluralisten an der Beseitung von Pluralismus arbeiten, wie sie die Diversität immer dann, wenn sie ihnen nicht passt, durch Normierung des einzig Richtigen beseitigen und Akzeptanz und Toleranz immer da verweigern, wo im Ergebnis soziale Gleichschaltung vermieden würde.

age-trickUnd ganz schnell sind die Kämpfer mit dem Ruf nach oder dem Entwurf einer Regelung bei der Hand, sind sie bereit, die Einschränkungen, die sie dem Leben anderer auferlegen wollen, verbindlich zu machen. Regelungen und Gesetze sind kodifizierte Handlungserwartungen. Wenn Rassismus unter Strafe gestellt wird, verbindet sich damit die Erwartung, dass niemand mehr rassistisch ist (was immer das auch konkret bedeuten mag). Regelungen sorgen für Sicherheit im Alltagsleben. Die Erwartungen, die man dem Verhalten Dritter entgegenbringt, haben nun eine hohe Wahrscheinlichkeit, erfüllt zu werden. Und damit sind wir am Kern der ganzen Psychose, die viele Kämpfer für Toleranz und Akzeptanz, für Pluralismus und Diversität anzutreiben scheint: Es ist ihre eigene Angst vor den Konsequenzen von Toleranz und Akzeptanz, ihre Angst für Pluralismus und Diversität.

Man stelle sich den Einbruch afrikanischer Lebensfreude in ein schniekes Wohngebiet in Paderborn vor, oder das Erschrecken des Pluralisten, wenn er mit einem Polizeibeamten konfrontiert ist, dessen Eltern aus Angola nach Deutschland gekommen sind. Stellen Sie sich die Schwierigkeit vor, die es dem selbsterklärten Intellektuellen bereitet, seinem Kind bestimmte Darstellungen in Kinderbüchern in ihren historischen Bezügen zu erklären. Schlimmer noch: Was tun, wenn die Tochter einen Freund mit nach Hause bringt, der nach allem äußeren Anschein aus dem Maghreb stammt?

Nein, zuviel Diversität und Pluralismus, zu viel Akzeptanz und Toleranz ist nicht gut für die Seele und den Geist der Kämpfer für Diversität und Pluralismus und Akzeptanz und Toleranz. Zuviel davon bringt ihr inneres Gleichgewicht durcheinander und ihre Angst davor, dass etwas anders als erwartet sein könne, in Wallung. Deshalb: Verbieten, alles verbieten, vor allem Diversität und Pluralismus.

Eigentlich ist es logisch recht einfach zu argumentieren, warum ein allumfassendes Gut wie “Freiheit”, “Diversität” oder “Pluralismus” nicht eingeschränkt werden kann, denn es gibt keine %ige Freiheit, kein richtiges Maß für Diveristät und keine korrekte Menge an Pluralismus. Es gibt alles nur uneingeschränkt. Eingeschränkte Freiheit ist keine Freiheit, reglementierte Diversität ist keine Diversität und normierter Pluralismus kein Pluralismus. Wenn logische Zusammenhänge, die derart offensichtlich sind, dennoch nicht eingesehen werden, dann gibt es in der Regel zwei Erklärungen: Entweder die Nicht-Einsichtigen sind krank oder sie wollen Dritte beherrschen. Bitte wählen Sie!

Nagel, Joane (1998): „Masculinity and Nationalism: Gender and Sexuality in the Making of Nations”. In: Ethnic and Racial Studies, Nr. 21, S. 242-269.

Es gibt keinen Staat und kein Gesetz

Über die letzten Wochen waren wir gelegentlich mit Kommentatoren konfrontiert, die sich durch einen seltsamen Glauben an abstrakte Begriffe ausgezeichnet haben, die der Ansicht sind, es gebe einen real existierenden Staat und dieser Staat sei eine Art Übervater, besser: Übermutter, der/die für seine/ihre Schäfchen sorgt, oder es gebe ein real existierendes Gesetz, z.B. als Strafgesetzbuch und darin sei unverrückbar niedergeschrieben, was es über Straftaten zu wissen gibt, so wie in den 10 Geboten niedergeschrieben ist, was es über katholische Straftaten zu wissen gibt.

Wie kann man derart kuriose und religiöse Vorstellungen über die Welt mit sich herumtragen, obwohl es bislang noch niemandem gelungen ist, ein Gesetz oder einen Staat zu materialisieren?

Commentments CommentsUm diese Frage zu beantworten, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen und den Universalienstreit neu führen, den Streit, den Scholastiker, Realisten und Nominalisten, miteinander geführt haben, und in dem sie die Frage untersucht haben, ob abstrakte Begriffe wie Gott, Mensch, Natur, eine Existenz außerhalb menschlicher Gehirne haben oder nicht. Anders formuliert: Gibt es etwas, was man nicht mit den Menschen eigenen Sinnesorganen warhnehmen kann oder noch allgemeiner und unabhängig von Menschen: Ist etwas, was nicht wahrnehmbar ist, existent.

Gibt es Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, Dysmorphie, Resilienz, Modernisierung, Rechtsextremismus, Klimawandel, den Historikerstreit, Menschen, Tiere?

Diese Frage, in allgemeinerer Form haben sich u.a. David Hume und Thomas Hobbes gestellt. Hobbes ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur Einzeldinge geben kann und dass alle abstrakten Begriffe, Formationen des menschlichen Geistes sind, die in der Wirklichkeit nicht vorkommen.

Hume unterscheidet zwei Quellen der Information: (1) Eindrücke (impressions), die auf sinnlichen Erfahrungen basieren, und (2) Vorstellungen (ideas), die er als „Abbilder unserer Eindrücke“ beschreibt. Dem menschlichen Geist ist die Fähigkeit eigen, den Stoff, den uns Sinne und Erfahrung liefern, zu kombinieren, umzustellen, zu vermehren oder zu vermindern, Ideen zu entwickeln. Die Qualität zusammengesetzter Vorstellungen hängt davon ab, ob es gelingt, sie mit Eindrücken in Verbindung zu bringen, was häufig nicht der Fall ist:

„Haben wir daher Verdacht, dass ein philosophischer Ausdruck ohne irgendeinen Sinn oder eine Vorstellung gebraucht werde, was nur zu häufig ist, so brauchen wir bloß nachzuforschen, von welchem Eindruck stammt diese angebliche Vorstellung her?“ (Hume, 1984: 22).

Hume treatiseVon hier gelangt Hume bekanntlich zu seiner Zerstörung der Kausalität, in dem er zeigt, dass Vorstellungen, Ergebnisse von Verstandestätigkeit sind, die auf Annahmen über Ursache und Wirkung basieren, die nicht belegt werden können. Das Humesche Problem hat Karl Raimund Popper mit seinem Falsifikationismus dahingehend gelöst, dass aus abstrakten Vorstellungen, singuläre oder Einzelaussagen abgeleitet werden müssen, die wiederum genutzt werden können, um zu prüfen, ob die abstrakte Vorstellung einen Widerhall in der Realität findet.

Soweit so gut.

Was bedeutet das nun für die Frage, ob Gesetz oder Staat existent sind.

Für Hobbes können beide nicht existent sein, denn sie sind abstrakte Begriffe, die in der Natur nicht vorkommen. Folglich ist er Rechtspositivist und sieht Gesetze als menschliche Konventionen an, ähnlich wie Staaten erst durch einen Gesellschaftsvertrag und somit als eine Anwendung menschlicher Konventionen gegründet werden können. Ausgangspunkt für beides, Gesetz wie Staat ist für Hobbes der Einzelne.

Für Hume und Popper sind Gesetze und Staaten Vorstellungen, die keinerlei Verbindung zur Realität aufweisen und deren Sinn deshalb, wie Popper argumentiert, an der Wirklichkeit getestet werden muss.

Dass Gesetze und Staaten entsprechend geprüft werden müssen, setzt voraus, dass man sich ein Bild davon macht, zu welchem Zweck Gesetze und Staaten denn als die sprachlichen Konventionen, die sie darstellen, geschaffen wurden.

Zunächst zu Gesetzen:

Gesetze sind sprachliche Konventionen über Verhaltensweisen.

law1Gesetze wie z.B. das Strafgesetzbuch dienen dem Zweck, bestimmte Verhaltensweisen, die denjenigen, die die Gesetze verabschiedet haben, missfallen, unter Strafe zu stellen oder zu regulieren. Folglich sind Gesetze in ihrer Formulierung vom aktuellen Wissen und vom aktuellen Geschmack im Hinblick auf missliebige Verhaltensweisen abhängig. Deutlich sichtbar an der Entkriminalisierung von z.B. Homosexualität. Aber da Gesetze sprachliche Konventionen darstellen, die zwischen Menschen ausgehandelt werden müssen, sind Gesetze auch immer ein Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse, der Fähigkeit z.B. kleiner Gruppen der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen, sichtbar z.B. in der gesetzlichen Verpflichtung zu einer Frauenquote in den Aufsichtsräten großer Unternehmen.

Weil dem so ist, wäre es eigentlich die Aufgabe von Sozialwissenschaftlern, die vorhandenen Gesetze auf ihre Zweckerfüllung, die darin abgebildete Machtstruktur und ihre Übereinstimmung mit dem Mehrheitswillen zu überprüfen. Das haben Sozialwissenschaftler in den 1970er und 1980er Jahren auch getan. Aber seither haben sie kapituliert und das Feld den vielen Lobbyisten überlassen, die ihre Sichtweise darüber, was z.B. strafbar sein soll und was nicht, anderen aufzwingen wollen. Vielleicht denken deshalb manche, dass Gesetze in Stein gemeißelt und auf Bergen verteilt werden, dass sie Existenzen in eigenem Recht sind und eben nicht geschaffene Konventionen, die keinerlei empirische Existenz haben.

Und der Staat?

Der Staat ist eine Denkfigur. Es gibt ihn nicht. Man kann den Staat weder greifen noch schmecken noch riechen. Es gibt Individuen, die behaupten, für den Staat zu arbeiten, deren Arbeitsvertrag von nicht existenten, aber per Konvention geschaffenen Entitäten wie dem Land Baden-Württemberg ausgestellt wird, das aber, weil es nicht vorhanden ist, nicht selbst unterschreiben kann und entsprechend den Referenten im Personalamt unterschreiben lässt. Letztlich lassen sich alle Institutionen des Staates auf einzelne Individuen zurückführen, die im Rahmen von Konventionen, die wieder andere Individuen, die sich als Vertreter des Souveräns, also der Wähler, und eben nicht des Staates aufführen, von wiederum ihren Referenten haben schreiben lassen, um sie verabschieden zu können.

AbgeordnetendiaetenAbermals finden sich im Kern dessen, was behauptet, Staat zu sein, Gruppen von Individuen, die versuchen, ihre Interessen durchzusetzen und anderen aufzuzwingen. Das besondere am “Staat” ist, dass er eine bifurkale Existenz führt: Er ist einerseits das Gesamt der Wähler und derjenigen, die innerhalb eines bestimmten räumlichen Gebietes leben, andererseits ist er die Sammelstelle für die Interessen, die Lobbyisten aus Parteien, Gewerkschaften und Verbänden in seinem Namen durchsetzen und dem angeblichen Souverän, also allen Bürgern im räumlichen Gebiet, aufzwingen wollen. Und um die Absurdität noch ins schier Unermessliche zu steigern, dürfen ein Teil der Bürger dafür, dass ihnen die Interessen von Lobbyisten aufgezwungen werden, auch noch selbst über ihre Steuern bezahlen, wobei Finanzbeamten die Aufgabe zugeteilt wird, ihre Mitbürger im Namen eines Staates und somit als Helfer all der Lobbyisten, die gerade den Ton angeben, auszupressen.

Kurz: Es gibt weder ein Gesetz noch einen Staat, das/der unabhängig von Machtstrukturen in einer menschlichen Gesellschaft denkbar ist. Gesetze sind in Konventionen gegossene Machtverhältnisse, Staaten sind durch Konventionen geschaffene Abstrakta, unter deren Dach sich eine Menge von Lobbyisten einfindet, um ihre Interessen durchzusetzen und – nicht zu vergessen – um sich von denen, denen die Interessen aufgezwungen werden sollen, bezahlen zu lassen.

Dass sich Staaten überhaupt als gedachte Entität halten können, die all denen, die von sich behaupten, dem Staat zu dienen, ein erquickliches Auskommen verschafft, liegt an einem Trick, den man als Doublebind bezeichnen kann. Für Hobbes waren Staaten eine von Bürger eingesetzte Macht. Um diese Macht einzustzen, haben diese Bürger auf ihre natürlichen Rechte, z.B. das natürliche Recht zu töten, verzichtet und ihrem Staat die entsprechende Gewalt übertragen, um nach außen zu schützen und nach innen Eigentum und Sicherheit zu garantieren. Moderne Staaten nutzen diese Basis aus, um einen Wust von Aufgaben an vermeintliche Staaten zu verteilen, die alle eines gemeinsam haben, sie sind mit Kosten für die Bürger verbunden, garantieren nicht deren Freiheiten und Rechte, sondern schränken beide ein und erlauben es einer Industrie von Nutznießern, sich ein Auskommen zu verschaffen.

Wie man vor diesem Hintergrund denken kann, Gesetze wären allgegenwärtige, ja heilige Texte, vor allem existente Entitäten, die von Gott oder Azathoth den Menschen geschenkt wurden oder Staaten seien große physisch greifbare Pater, die über ihre Familias herrschen, wie Moses über seine Schäfchen, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Aber natürlich ist dieser religiöse Glaube für all diejenigen nützlich, die darauf aufbauen, die anderen vorgaukeln wollen, sie würden deren Interessen vertreten, während sie sich einen eigenen Vorteil verschaffen.

Hume, David (1984). Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Hamburg: Meiner.

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Das Kultusministerium Baden-Württembergs steht auf Kriegsfuss mit Fairness, Logik und Toleranz

Gerade haben wir die Diffamierungs-Spirale veröffentlicht und darin die diskreditierende Behauptung, die völlig unbelegt daher kommt und einzig und allein an Gefühle appelliert, als Ursache für den Verfall öffentlicher politischer Kultur in Deutschland dingfest gemacht, da kommt aus dem Kultusministerium in Baden Württemberg eine Stellungnahme, die die Mechanismen, die einer Diffamierungs-Spirale zu Grunde liegen, noch einmal deutlich macht.

BaWue KultusministeriumDa die Stellungnahme nicht nur gegen jede Form von Fairness und Anstand im Umgang miteinander verstößt, sondern auch zeigt, dasss die Herrschaften im Kultusministerium offensichtlich gar nicht anders können als Menschen mit anderer Meinung nicht zu tolerieren, sondern zu stereotypisieren und auszugrenzen, wollen wir die Stellungnahme als Übungstext ansehen, anhand dessen die gravierendsten logischen Fehler dargestellt werden können – zu Lernzwecken (man soll ja nie ausschließend, dass selbst Mitarbeiter in Kultusministerin bis hin zu demjenigen, der gerade den Kultusminister gibt, lernen).

Los geht’s (die “Stellungnahme findet sich hier“)

“Das Kultusministerium weist die in der Petition ‘Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens’ aufgenommenen Behauptungen zum neuen Bildungsplan als falsch und diskriminierend gegenüber Minderheiten zurück.”

  • Das ist zunächst einmal Unsinn, denn ein Kultusministerium hat keinerlei physische Existenz, kann also auch nichts zurückweisen. Wenn sich im Kultusministerium niemand gefunden hat, der in persona die Verantwortung für die Stellungnahme übernehmen wollte und das muss man wohl folgern, dann ändert dies nichts daran, dass es kein Kultusminsterium gibt, das etwas zurückweisen kann.
  • Sodann werden Behauptungen nicht aufgenommen, sondern aufgestellt, eine Formulierung, wie die in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium impliziert, wenn man normalen deutschen Sprachgebrauch zu Grunde legt, dass die Stellungnehmer annehmen, die Behauptungen in der Petition, von denen sie reden, seien nicht in der Petition aufgestellt worden, sondern von Dritten übernommen, aufgenommen eben. Ob es sich bei diesen Dritten dann um Personen aus dem Kultusministerium handelt, wäre entsprechend zu klären.
  • zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089Aufgestellte Behauptungen kann man widerlegen bzw. man kann zumindest versuchen, sie zu widerlegen. Wenn ich behaupte, dass morgen Montag ist, dann kann man zeigen, dass diese Behauptung falsch ist, und zwar an allen Tagen außer dem Sonntag.
  • Die Behauptung, dass alle Behauptungen, die in eine Petition “aufgenommen” worden sind, flasch sind, ist eine Meta-Behauptung, die wiederum einen Beleg braucht, den man allerdings vergeblich in der Stellungsnahme sucht.
  • Anstelle eines Beleges dafür, dass die “aufgenommenen Behauptungen” alle falsch sind, der ja nicht schwierig sein dürfte, wenn sie tatsächlich falsch sind, findet sich in der der Stellungsnahme eine Diskreditierung, und zwar mit der Formulierung “diskriminierend gegenüber Minderheiten”. Was diskriminierend gegenüber Minderheiten ist, können die Schreiber der Stellungnahme offensichtlich ebenso wenig benennen, wie sie sagen können, welche Behauptungen falsch sind.
  • Auch die Behauptung, dass die vermeintlich in die Petition “aufgenommenen Behauptungen” diskriminierend gegenüber Minderheiten seien, bleibt ohne Beleg und erfüllt somit den logischen Tatbestand einer Diskreditierung, die man letztlich wohl auf Vorurteile im Kultusministerium gegenüber den Urhebern der Petition zurückführen muss.

An die Stelle der fehlenden Belege tritt in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium Baden-Württembergs eine weitere Behauptung, die abermals nicht auf Belege gebaut wird, sondern auf den Wohlklang der Worte:

“Der neue Bildungsplan 2015 soll in den Schulen Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit vermitteln. Diese Werte bilden eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Das Thema ‘Akzeptanz von Sexueller Vielfalt’ ist im Bildungsplan im Zusammenhang allgemeiner Erziehungsziele aufgenommen. Es ist eines von mehreren Themen, die Kinder und Jugendliche darin bestärken sollen, sich selbst und ihr Gegenüber mit Wertschätzung und vorurteilsfrei zu betrachten und so zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranzuwachsen. Der Bildungsplan will so Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in der Gesellschaft fördern.”

  • Es wäre sinnvoll, die Herrschaften im Kultusministerium würden damit anfangen, Toleranz und Akzeptanz für die Vielfalt von Meinungen zu entwickeln, denn die Petition gegen den Bildungsplan 2015 ist nichts anderes als eine Übung in freier Meinungsäußerung, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, sofern man tolerant ist und andere als die eigene Meinung akzeptiert.
  • Venn diagramDarüber hinaus wäre es sinnvoll, man würde sich im Ministerium mit Venn-Diagrammen vertraut machen. Venn-Diagramme beschreiben logische Räume. Toleranz und Akzeptanz gegenüber Vielfalt ist ein umfassender logischer Raum. Er entspricht einer All-Aussage: Ich akzeptiere und respektiere und toleriere alle Anderen, alle Meinungen, allen Unsinn. Man kann nun diese Allaussage nicht nach Belieben einschränken und den Gegenstand der Toleranz vorgeben, denn damit sagt man, dass man nur eine bestimmte Form von Toleranz akzeptiert, nämlich die, die vorgegeben ist, und damit stellt man sich selbst als Intolerant dar. Dies ist eine klassische reductio ad absurdum.
  • Da es nur möglich ist, umfassend tolerant zu sein, nicht aber tolerant im einschränkenden Sinne von tolerant gegenüber XY, schränkt der Bildungsplan Toleranz ein. Toleranz wird zu dem, was der Bildungsplan als Toleranz vorsieht. Das jedoch ist keine Toleranz, sondern Indoktrination und Intoleranz gegen alles, was nicht im Bildungsplan als Toleranz vorgesehen ist – z.B. andere Meinungen, wie sie in der Petition zum Ausdruck kommen.
  • Folglich will der Bildungsplan keine “Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in unserer Gesellschaft fördern”, sondern Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenüber allen vielfältigen Erscheinungsformen, die im Bildungsplan nicht toleriert und akzeptiert werden.
  • Schließlich werden abermals nur Behauptungen aufgestellt, die nicht belegt sind. Wo ist der Beleg dafür, dass “Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit … eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft” bilden? Wo ist der Beleg dafür, dass “sexuelle Vielfalt” in diesen Wertekanon gehört? Wo ist der Beleg dafür, dass sexuelle Vielfalt überhaupt etwas mit dem “guten” Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu tun hat?

Sodann versucht die Stellungnahme eine Quadratur des Kreises vorzunehmen, was man in der Logik mit dem Versuch gleichsetzen kann, den Satz des ausgeschlossenen Dritten, dass etwas nicht sich selbst oder sein Gegenteil gleichzeitig sein kann, zu widerlegen (Die bisherigen Versuche führten ausnahmslos ins Irrenhaus.):

“Die Petition suggeriert, dass die vorgesehenen Leitprinzipien in ihrer Gesamtheit unter dem Aspekt der sexuellen Vielfalt betrachtet werden sollen. Das ist maßlos übertrieben, da dies lediglich ein Thema unter vielen anderen ist. Zudem macht die Petition nicht nur Stimmung gegen Offenheit und Toleranz, sie zeichnet Zerrbilder und versucht Ängste gegenüber dem neuen Bildungsplan zu schüren. Vollkommen absurd ist eine Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser. Sie ist unverantwortlich und hat nichts mit einer demokratischen Diskussion zu tun.”

Dieser Absatz ist eine Momentaufnahme, die zeigt, wie sich jemand um den Verstand schreibt.

Denn:

  • Logik f dummiesWenn es nicht die Absicht des Bildungsplans 2015 ist, Kinder umzuerziehen, sie also für die Vielfalt der sexuellen Orientierungen zu öffnen, wozu ist der Bildungsplan dann notwendig? Wenn die entsprechende Offenheit bereits vorhanden ist und keine Umerziehung notwendig ist, ist der Bildungsplan hinfällig und kann eingestampft werden. Wenn aber der Bildungsplan notwendig ist, dann basiert er notwendig auf der Prämisse, dass die Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen bei Schülern nicht vorhanden ist und entsprechend anerzogen werden muss. Also ist das Ziel des Bildungsplans zumindest die Anerziehung einer Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen, und da diese Anerziehung etwas ersetzt, was zuvor da war, ist sie eine Umerziehung.
  • Zudem ist das Ziel, Kinder per Anleitung zur Selbständigkeit zu erziehen, schlichter Unsinn, der dem Versuch entspricht, einer Marionette das selbständige Laufen beizubringen. Es ist ein Widerspruch, denn man ist entweder selbstbestimmt und selbständig oder man bedarf der Anleitung.
  • Wenn etwas als maßlos übertrieben bezeichnet wird, dann verweist dies auf die Übertreibung eines Sachverhalts, nicht auf dessen Falschheit.
  • Interessant ist auch die Wortwahl: “maßlos übertrieben”, “zeichnet Zerbilder”, “versucht, Ängste … zu schüren”, unverantwortlich, dogmatischer Hintergrund…. Hier wird Wortmagie betrieben, um die Tatsache zu verschleiern, dass in der Stellungnahme nicht eine Begründung vorhanden ist: Womit, wird versucht, Ängste zu schüren (Beispiel)? Wo werden Zerrbilder wovon gezeichnet (Beispiel)? Welche Wortwahl ist warum unverantwortlich? Man sieht sehr deutlich, dass den Stellungnehmern im Kultusministerium kein Argument eingefallen ist, um die Petition zu diskreditieren, also versuchen sie es durch den Rekurs auf negativ konnotierte Begriffe.
  • Damit erklären die Stellungnehmer aus dem Kultusministerium alle, die die Stellungnahme Ernst nehmen und “gut finden” zu Deppen, denn die ganze Stellungnahme basiert auf einem zirkulären argumentum ad auctoritatem: “Ich, der Kultusminister, der gleich nach Gott kommt, sage Euch, was ihr von dieser Petition zu halten habt. Und wenn ihr mich fragt, warum ihr das davon halten sollt, dann sage ich Euch: weil ich es gesagt habe”. Wer sich mit derartig Dünngeistigem zufrieden gibt, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer denkt, er komme mit derartig Dünngeistigem durch, der sollte schnellstens in eine Nachschulung in Respekt und Akzeptanz, Respekt vor den Bürgern, die regelmäßig höhere IQs aufzuweisen scheinen als die Stellungnehmer und Akzeptanz der Tatsache, dass man Bürger nicht mit jedem Unsinn beschwatzen kann.
  • “… das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser”. Lassen wir einmal die geheuchelte Aufregung beseite und wenden uns dem dogmatischen Hintergrund zu. Dogmatisch meint: das Dogma betreffend. Und Dogma meint im katholischen Sprachgebrauch einen gültigen Glaubenssatz, es meint dann, wenn es abwertend gemeint ist, den Anspruch der absoluten Wahrheit oder Gültigkeit. Das ist sicher nicht, was die Stellungnehmer sagen wollen, und gerade deshalb ist dieser Satz in der Stellungnahme so aufschlussreich, zeigt er doch die Intention, mit der die Stellungnahme abgefasst wurde: Es geht einzig und allein um die Abwertung und Diskreditierung der Verfasser der Petition und das hat dann in der Tat mit einer Diskussion, die den Regeln von Fairness und Akzeptanz und Toleranz verpflichtet ist, nichts zu tun.

Fazit:

  • Die Stellungnahme aus dem Kultusministerium besteht ausschließlich aus Behauptungen.
  • Sie enthält keinerlei Belege für die Behauptungen.
  • Die Stellungnahme enthält eine Vielzahl von derogativen Adjektiven, die die Petition abwerten sollen.
  • Die Stellungnahme erwartet von ihren Lesern, dass sie das glauben, was behauptet wird, und entsprechend die Petition ablehnen. Sie ist eine Beleidigung für den Intellekt jedes Menschen, der selbst denkt.
  • Ganz offensichtlich ist den Stellungnehmern kein einziges Argument eingefallen, das sie gegen die Petition vorbringen können. Wenn ihnen eines eingefallen wäre, sie hätten es sicher genannt.
  • Schließlich durchzieht die gesamte Stellungnahme eine Intoleranz und Nichtakzeptanz der Meinung anderer, die deutlich macht, dass die Baden-Württembergischen Kultusministeriellen soviel von Toleranz und Akzeptanz wissen, wie eine Qualle von Knochen, und sie zeigt in eindrücklicher Weise, wo die Feinde von Toleranz und Akzeptanz zu finden sind.

Weitere Texte zum Thema:
Die Diffamierungsspirale
Die Nutznießer der Diffamierungs-Spirale
`Wer sich selbst ein Bild von der Online Petition gegen den Bildungsplan 2015 machen will, der kann das hier tun.

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