Was macht den Menschen zur Person?

In unserer kleinen Reihe zum Wert des Menschen, sind wir heute bei Peter Singer angekommen und der Frage, was macht aus einem Menschen, also einem Angehörigen der Spezies “Homo sapiens”, eine Person. Diese Frage ist insofern von großer Relevanz, als die Zugehörigkeit zur Spezies “Homo sapiens” den intellektuellen Überlegenheitsanspruch über andere Spezies, z.B. über Wanzen, den Menschen geltend machen, nicht begründen kann.

Insofern stellt sich die Frage, was den Menschen zur Person macht und ihn – hoffentlich – intellektuell über das Stadium einer Wanze hinausführt.

Peter Singers Antwort:

Singer Praktische Ethik“Eine andere Verwendung des Begriffs ‘menschlich’ wurde von Joseph Fletcher vorgeschlagen, einem protestantischen Theologen, der viel über moralische Probleme publiziert hat. Fletcher hat eine Liste mit ‘Indikatoren des Menschseins’ aufgestellt, die folgendes umfasst: ‘Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle [ein K.O-Kriterium für viele], Sinn für Zukunft, Sinn für Vergangenheit, die Fähigkeit, mit anderen Beziehungen zu knüpfen [das nächste K.O.-Kriterium für viele], sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier. Diese Bedeutung des Begriffs haben wir vor Augen, wenn wir von jemandem sagen, er sei ein ‘wirklich menschliches Wesen’ oder zeige ‘wahrhaft menschliche Eigenschaften’. Damit meinen wir natürlich nicht, dass die Person der Spezies Homo sapiens angehört, was eine biologische Tatsache ist und kaum in Zweifel gezogen wird; wir implizieren vielmehr, dass menschliche Wesen gewisse charakteristische Eigenschaften besitzen und dass die betreffende Person sie in einem hohen Maße besitzt.
[…]
Das Wort ‘Person’ stammt ursprünglich von lateinisch persona, dem Wort für die Maske, die die Schauspieler im antiken Drama trugen. Indem die Schauspieler eine Maske benützten, zeigten sie an, dass sie eine Rolle spielten. In der Folgezeit erhielt ‘Person’ dann die Bedeutung eines Menschen, der eine Rolle im Leben spielt, eines Handelnden. Nach dem Oxford Dictionary lautet eine der gegenwärtig gebräuchlichsten Bedeutungen des Begriffs Person: ‘ein selbstbewusstes und rationales Wesen’. In diesem Sinne ist der Begriff in der Vergangenheit von untadeligen Philosophen verstanden worden. John Locke definiert eine Person als ‘ein denkendes intelligentes Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann, als dasselbe denkende Etwas in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten.
[…]
Auf jeden Fall schlage ich vor, ‘Person’ in der Bedeutung eines rationalen und selbstbewussten Wesen zu gebrauchen, um jene Elemente der landläufigen Bedeutung von “menschliches Wesen” zu erfassen, die von ‘Mitglied der Spezies Homo sapiens” nicht abgedeckt werden”.

Als Konsequenz der Forderung, dass sich eine Person durch Selbstbewusstsein und Rationalität auszeichnet, wie dies von Singer dargelegt wurde, ergibt sich zweierlei:

  • Mitglieder der Spezies “Homo sapiens” sind nicht zwangsläufig oder automatisch Person. Erst wenn sie die oben genannten Merkmale aufweisen, können sie als Person gewertet werden und erwarten, auch entsprechend behandelt zu werden.
  • Nichtmitglieder der Spezies “Homo sapiens”, Tiere, können Person sein, nämlich dann, wenn sie die Merkmale aufweisen, die oben dargestellt wurden.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Der Wert eines Menschen

Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen? Was macht sein Menschsein, seinen Wert aus? Haben alle Menschen den gleichen Wert, sind somit gleichwertig? Wenn ja, wieso gibt es dann Gesellschaften, deren Mitglieder danach streben, sich von anderen zu differenzieren? Sind alle Menschen gleich? Wieso formulieren dann manche Menschen Regeln, die für alle Menschen gelten sollen? Ist man als Mensch a-priori ein Wert an sich oder muss man sich sein Menschsein und somit seinen Wert erst verdienen? Gibt es eine Mindestanforderung an den Status “Mensch” oder ist alles Mensch, was wie ein Mensch aussieht?

Wir beginnen mit diesem Post eine Reihe zum Wert von Menschen, Posts, die in loser Folge unterschiedliche Perspektiven, wie sie Philosophen durch die Jahrhunderte auf die Fragen gerichtet haben: Was ist der Wert eines Menschen? Was macht den Mensch zum Menschen?

Und weil wir heute schon einmal Thomas Hobbes zitiert haben, geben wir dem alten Philosophen (1588 geboren) aus Englands Süden (genau aus Wiltshire) doch abermals das Wort.

Vorweg schicken müssen wir, dass für Hobbes jeder Mensch das ist, was man am besten als eine Ansammlung von natürlichen und zweckdienlichen Kapazitäten bezeichnen kann. Erstere, die natürlichen Kapazitäten (wie Intellekt, Körperkraft), die hat man von Geburt an, letztere, die zweckdienlichen Kapazitäten (Wissen oder Kampftechnik), die muss man sich erwerben. Beide Formen von Kapazitäten muss man nutzen, um sie zum eigenen Vorteil einzusetzen, wobei man die zweckdienlichen Kapazitäten erst erwerben muss, ehe man sie nutzen kann. Vorteile, die ein Mensch aufgrund seiner natürlichen Kapazitäten vor einem anderen hat, können jederzeit durch zweckdienliche Kapazitäten, die sich Letzterer aneignet, ausgeglichen oder umgekehrt werden. Kurz: Was ein Mensch ist, sein Wert, das ist letztlich die Frage danach, was ein Mensch im Laufe seines Lebens geleistet hat bzw. aus seinen natürlichen Kapazitäten gemacht hat.

In den Worten von Hobbes liest sich das wie folgt:

Leviathan.hobbesDie Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde […]

Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. Das heißt, er richtet sich danach wieviel man für die Benützung seiner Macht bezahlen würde und ist deshalb nicht absolut, sondern von dem Bedarf und der Einschätzung eines anderen abhängig. Ein fähiger Heerführer ist zur Zeit eines herrschenden oder drohenden Krieges sehr teuer, im Frieden jedoch nicht. Ein gelehrter und unbestechlicher Richter ist in Friedenszeiten von hohem Wert, dagegen nicht im Krieg. Und wie bei anderen Dingen, so bestimmt auch bei den Menschen nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer. Denn mag jemand, wie es die meisten Leute tun, sich selbst den höchsten Wert beimessen, so ist doch sein wahrer Wert nicht höher als er von anderen geschätzt wird”.

Liefert Thomas Hobbes hier nicht eine hervorragende Erklärung für Wert-Inszenierungen, wie sie z.B. im Rahmen der derzeitigen öffentlichen Diskussionen stattfinden, in denen der Wert, den bestimmte Personen z.B. Flüchtlingen zuweisen, mit dem Unwert, den sie denen zuweisen, die ihre Wertsetzung nicht teilen, aufgerechnet wird. Ziel ist es natürlich, den eigenen Preis und den Preis des eigenen Leistungsspektrums für z.B. Arbeit mit Flüchtlingen in die Höhe zu treiben, und den Wert all derer, die wiederum am Wert der entsprechenden Leistungen zweifeln, in Abrede zu stellen?

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Münsteraner Parodie auf Ethik: “Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben”

Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben“, das fordert die “Sozialethikerin und katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‘Religion und Politik’ der Uni Münster”.

Vom Exzellenzcluster! Wir hoffen, Sie sind hinreichend beeindruckt, denn Exzellenzcluster, das meint Exzellenz, Exzellenz in was auch immer, vielleicht Exzellenz in Weltfremdheit?

Spaemann_moralische GrundbegriffeBevor wir diese Frage beantworten, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass wir durch die intensive Lektüre von Rpbert Spaemann, die Dr. habil. Heike Diefenbach derzeit vornimmt und in der letzten Zeit vorgenommen hat, einen gewissen Standard von Ethik und Argumentation gewohnt sind, einen Standard, wie man ihn bei Spaemann (über den wir nun regelmäßig diskutieren) findet, einen hohen Standard von Denken, logischer Schlussfähigkeit, Urteilskraft und Abstraktionsvermögen.

Ausgehend von diesem Standard waren wir natürlich gespannt auf die Einlassungen zur Flüchtlingskrise, die die “katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‘Religion und Politik’ der Uni Münster” von sich gegeben hat.

Und ausgehend vom Spaemannschen Standard sind wir sehr stark enttäuscht worden.

Es beginnt damit, dass die Sozialethik von Heimbach-Steins Begriffe enthält wie, “niederschmetternd”, “verheerend”, “perfide”, “anhaltende humanitäre Katastrophe”. Wenn man eine Ethik begründen will, also eine Anleitung zum richtigen Handeln, dann ist es problematisch, Handlungen, die als ethisch gut bewertet werden sollen, ihrerseits durch Bewertungen zu begründen. Man begibt sich damit in einen infiniten Regress, in dem eine Bewertung die nächste ersetzt. Von einem Sozialethiker, der sein Geld wert ist, erwartet man, dass ihm dieses Problem der Begründung bewusst ist. Wenn es ihm bewusst ist, dann verzichtet er auf Begriffe wie “niederschmetternd”, “perfide”, “verheerend” oder “anhaltende humanitäre Katastrophe” um damit seine Ansicht der richtigen Handlung zu begründen.

Ein Sozialethiker, der sich überlegt hat, was er schriftlich an andere richtet, der vermeidet auch Sätze wie die folgenden:

“Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”, so sagt Heimbach-Steins und ergänzt: “Das gemeinsame Menschsein wiegt schwerer als politische Grenzen”.

Vielleicht gibt es für derartige Aussagen Browniepoints im Himmel der Gutmenschen, in der Realität kann man über diese Sätze nur den Kopf schütteln. Gerade einem angeblichen Sozialethiker sollte die Schwierigkeit ethisches Verhalten zu begründen, die sich aus der Begrenztheit von Ressourcen ableiten lässt, bekannt sein. Wenn man aber weiß, dass Ressourcen begrenzt sind, dass es keinen Free Lunch gibt, wie Milton Friedman gesagt hat, denn das, was A gegeben wird, das steht für B nicht mehr zur Verfügung oder muss von B (zusätzlich) aufgebracht werden, dann kann man deratige Sätze nicht von sich geben. Das ist elementare Sozialphilosophie. Ein Sozialethiker, der meint, andere zur Aufgabe nationaler Egoismen anhalten zu müssen, sollte das wissen.

Hat man die Begrenztheit von Ressourcen erst einmal akzeptiert, dann muss man nicht lange weiterdenken, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Aussage “Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”, ausgemachter Unsinn ist, denn wenn Jeder den entsprechenden Anspruch hat, dann ist es eine Frage der Zeit, dass der menschenrechtliche Anspruch auf Hilfe mit dem menschenrechtlichen Anspruch auf ein gutes Leben derjenigen in Konflikt gerät, die die Hilfe geben sollen. Ressourcen sind nun einmal begrenzt. Daran ändern auch vielleicht gut gemeinte, aber unsinnige Sätze, wie der von Heimbach-Steins nichts.

Folglich kommt man zu dem Schluss, dass nicht “jeder” einen Anspruch auf Hilfe haben kann, sondern nur manche, was zunächst die Tragweite des Anspruch modifiziert und zu einer freiwilligen Hilfeleistung derer, die Hilfe gewähren, verändert, zum anderen die Frage aufwirft, wie die Manchen, denen Hilfe gewährt werden soll, ausgewählt werden. Diese Frage müsste man öffentlich diskutieren. Absurde Proklamationen wie die eines menschenrechtlichen Anspruchs auf Hilfe für jeden, machen dies unmöglich.

Entsprechende Forderungen sind schon deshalb absurd, weil Menschen doch alle gleich sind – oder? Und wenn alle Menschen gleich sind, wie kann es dann sein, dass manche Menschen Rechte für andere formulieren, sich also über diese anderen erhöhen. Und wie kann es sein, wenn alle Menschen gleich sind und die Ressourcen begrenzt sind, dass einige nicht nur anderen Rechte einräumen, sondern wieder andere dazu bestimmen, die Kosten der eingeräumten Rechte zu tragen?

Ein Sozialethiker, der über Zusammenhänge nachgedacht hat, sollte von selbst zu solchen Einsichten gelangen und nicht Unsinn verbreiten wie: “Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”.

Aber Heimbach-Steins hat wohl nicht nachgedacht, sondern ihr Buch, das in einer Pressemitteilung beim idw beworben werden soll, vermutlich weil jeder Autor einen menschenrechtlichen Anspruch auf Tantiemen hat, vielmehr dazu genutzt, um politisch-korrekten Unsinn von sich zu geben, der dem Zeitgeist entsprechend bei manchen, die gerne ohne an sich zu arbeiten, ohne nachzudenken und ohne Aufwand gleichwelcher Art, gut sein wollen, auf fruchtbaren Boden fällt, der aber nichts anderes als politisch-korrekter und anbiedernder Unsinn ist, wie man einige Absätze weiter unten in der Pressemitteilung feststellen kann:

Overcrowded beach“Wer jedoch pauschal darauf pocht, dass die Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht seien, betreibt einen Alarmismus, der Ängste erst schürt”, so Heimann-Steins. “Rechte politische Kräfte betrieben ein ‘perfides Spiel mit der Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung’.”

Was für eine armselige Sozialethik das, was Heimann-Steins uns hier verkaufen will, doch ist. Wer aufgrund der Begrenztheit von Ressourcen darüber diskutieren will, ob Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht sind, betreibt Alarmismus und schürt Ängste, denn in der sozialethischen Parodie von Heimann-Steins schürt man Ängste mit Feststellungen.

Und dann erinnern wir uns an das “gemeinsame Menschsein”, von dem Heimann-Steins noch zu Beginn der Pressemitteilung der Ansicht war, es wiege schwerer als politische Grenzen. Das tut es offensichtlich nur, wenn die politischen Grenzen nicht zwischen links und rechts verlaufen, denn rechts steht der Feind, den die angebliche Sozialethikerin in ihrem armseligen Versuch, Sozialethik zu betreiben, ausgemacht hat. Entsprechend erstreckt sich das gemeinsame Menschsein weder auf die “rechten politischen Kräfte” noch auf die Unsicheren “in Teilen der Bevölkerung”. Erstere sind zum Verstummen zu bringen und Letzteren ist die Unsicherheit z.B. durch staatliche Enteignung zu nehmen, denn wer sein Eigentum erst verloren hat, der muss weder Angst davor haben, es zu verlieren, noch unsicher in seine Zukunft schauen.

Nun schaut die Sozialethik auf eine lange Tradition zurück. Und jedes der philosophischen Werke, die Sozialethik zum Gegenstand haben, ist lesenswerter als das, was im Exzellenzcluster in Münster fabriziert worden ist. Sozialethik ist nämlich etwas anderes als die Äußerung einer unbegründeten Meinung, durch ein Mitglied in einem Ezellenzcluster für was auch immer. Letztlich will Sozialethik Anleitung zum richtigen Leben geben und wenn Heimann-Steins so betroffen vom Alarmismus und von den perfiden Rechten ist, warum spendet sie dann nicht ihr komplettes Gehalt, verkauft ihr Eigentum und spendet den Erlös der Flüchtlingshilfe, um zu demonstrieren, dass Jeder ein Menschenrecht auf Hilfe hat, koste es, was es wolle (oder wie man im Vereinigten Königreich sagt: Put your money were your mouth is!).

Spaemann ist übrigens der Ansicht, dass die Voraussetzung eines gelungen Lebens darin besteht, sein Handel, auch das verbale Handeln am Respekt für andere und der Bedeutung, die Handlungen und Aussagen für andere haben können, auszurichten, kurz: (verbales) Handeln soll sich durch Sorgsamkeit für die Empfindungen und Interessen anderer auszeichnen. Insofern Heimann-Steins meint, Rechte als perfide und ängstlich und in jedem Fall falsch ausgrenzen und denunzieren zu müssen, lässt sie jede Form von Sorgfalt für die Interessen und Bedürfnisse der entsprechenden Menschen, denen sie konsequenterweise auch ihr Menschsein absprechen muss, schon um ihnen kein Menschenrecht auf eigene Interessen zugestehen zu müssen, vermissen. Insofern liefert sie ein Armutszeugnis für einen angeblichen Sozialethiker.

Damit in dieser Zeit, in der angebliche Sozialethiker sich als eine Art Super-Human inszenieren, der über andere richten und bestimmen darf, ein wenig Realität einzieht, hier ein kurzer Abschnitt aus Thomas Hobbes’ Leviathan:

Leviathan.hobbes“Und weil sich die Menschen, wie im vorhergehenden Kapitel dargelegt, im Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden befinden, was bedeutet, dass jedermann von seiner eigenen Vernunft angeleitet wird, und weil es nichts gibt, das er nicht möglicherweise zum Schutze seines Lebens gegen seine Feinde verwenden könnte, so folgt daraus, dass in einem solchen Zustand jedermann ein Recht auf alles hat, selbst auf den Körper des anderen. Und deshalb kann niemand sicher sein, solange dieses Recht eines jeden auf alles besteht, die Zeit über zu leben, die die Natur dem Menschen gewöhnlich einräumt, wie stark und klug er auch sein mag. Folglich ist dies eine Vorschrift oder allgemeine Regel der Vernunft: “Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht. Kann er ihn nicht herstellen, darf er sich alle Hilfsmittel des Kriegs verschaffen und sie benützen”. Der erste Teil dieser Regel enthält das erste und grundlegende Gesetz der Natur: Suche Frieden und halte ihn ein. Der zweite Teil enthält den obersten Grundsatz des natürlichen Rechts: Wir sind befugt, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen”.

Wer Rechte für Menschen begründen will, der muss dies in einer Form tun, die auf alle Menschen in gleicher Weise zutrifft. Das schließt die Gewährung von Rechten für Menschen durch Menschen aus und hat zur Konsequenz, dass es nur gleiche Individualrechte geben kann.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Medienkrise: Universitätsprofessor glaubt seiner Tageszeitung nicht mehr!

Der “Medienjournalist, Autor und Dozent” Fritz Wolf hat heute.de ein Interview gegeben, ein Interview zum Thema “Medien in der Krise” und ein Interview, das von Vorurteilen und Fehlschlüssen nur so strotzt.

Stellen Sie sich ein Mitglied der journalistischen Mittelschicht vor, wie es leger in einen Sessel gestreckt, die Stirn in die zur Vorspiegelung eines wachen Intellekts angemessene Anzahl von Falten gelegt, Fragen beantwortet, die mehr den Status von Stichworten haben.

Fritz Wolf dürfte in diese Pose passen. Stellen wir ihn uns also vor, wie ihm in besagter legerer Pose ein Stichwort zugeworfen wird:

Stichwort “Medienkritik”.

Was gibt es dazu an Vorurteilen bei Fritz Wolf?

  • Die Kritik an Medien ist so massiv, weil es das Internet gibt.
  • Misstrauen an Medien gibt es schon länger, eine Zuspitzung der Kritik erst, seit “man sich im Internet zu einer fünften Gewalt aufschwingen kann”.
  • Kritiker an Medien sind Systemkritiker.
  • Kritiker an Medien waren früher rechts.
  • Kritiker an Medien sind heute rechts und aus der bürgerlichen Mitte.
  • Journalisten äußern sich “pointiert”, Kritiker von Journalisten sind “Shitstormer”

heute wolfDer Feind der Medien, die Systemkritiker, sie sitzen rechts und finden sich auch in der bürgerlichen Mitte. Folgerichtig muss man schließen, dass für Fritz Wolf die Medien, zum einen Systemmedien sind, denn nur wenn die Medien Systemmedien sind, macht sein Hinweis auf die rechten Systemkritiker Sinn. Zum anderen müssen diese Systemmedien aus der Logik von Frits Wolf heraus, links sein, denn die Kritik an den Systemmedien kommt ja von rechts und aus der bürgerlichen Mitte.

In der Eigenwahrnehmung mancher Journalisten, ist es demnach so, dass sie sich plötzlich in der Kritik sehen, eine Kritik, deren Ausmaß erst durch das Internet möglich geworden ist, in dem sich nach Ansicht von Wolf Schreihälse zur “fünften Gewalt” aufschwingen können.

Da die Politikwissenschaft und insbesondere die Regierungslehre nur drei Gewalten kennt, nämlich Legislative, Exekutive und Judikative, wäre es interessant zu erfahren, wem Wolf die vierte Gewalt zugedacht hat. In jedem Fall sind Schreihälse im Internet bestenfalls fünfte Gewalt für ihn, eine zweite Öffentlichkeit, mit der sich Journalisten, die es doch bislang gewohnt waren “Torwächter” zu sein, d.h. darüber zu bestimmen, was berichtet wird und was nicht, nun herumschlagen müssen.

Schlimmer noch:

“Wolf: Systemkritiker von rechts gab es schon immer. Neu ist, dass das Misstrauen in die bürgerliche Mitte rutscht. Ich habe neulich mit einem Universitätsprofessor zu tun gehabt, der glaubt plötzlich dem Internet und nicht mehr seiner Tageszeitung und dem Fernsehen. Ich hatte immer noch gedacht, das sei die Geisteshaltung einer Minderheit. Da baut sich eine gesellschaftliche Opposition auf, von der wir noch nicht wissen, wo sie hinführen kann.”

Wie viele Fehlschlüsse kann man eigentlich in einem so kurzen Absatz unterbringen?

Falsche bzw. ungeprüfte Annahmen:

  1. Alle Universitätsprofessoren sind aus der bürgerlichen Mitte.
  2. Ein Universitätsprofessor steht für die gesamte bürgerliche Mitte.
  3. Alle Tageszeitungen schreiben die Wahrheit.
  4. Das Fernsehen berichtet die Wahrheit.
  5. Das gesamte Internet lügt.
  6. Ein Universitätsprofessor steht nicht nur für die gesamte bürgerliche Mitte, sondern auch für eine Geisteshaltung der Mehrheit.

Fehlschluss der unzulässigen Verallgemeinerung; Fehlschluss der Bejahung des Konsequens; Fehlschluss ad auctoritatem; Fehlschluss der unzureichenden Statistik; Post-hoc Fehlschluss … Fritz Wolf ist eine wahre Fundgrube für Fehlschlüsse aller Art.

Logik SalmonEntsprechend empfehlen wir ihm die Lektüre von Wesley C. Salmons kleinem Büchlein “Logik”, vor allem die Darstellung der Fehlschlüsse ist in diesem Büchlein hervorragend.

Und vielleicht kann Wolf dann ja in Zukunft auch Widersprüche vermeiden wie den folgenden.

In der ersten Hälfte, sagt Wolf auf ein ihm zugeworfenes Stichwort: “Solange Journalisten zurückdenken können, waren sie die Torwächter. Bei ihnen gingen alle Informationen ein, wurden bewertet, aussortiert, aufgeblasen.”

Hier ist Wolf also der Meinung, dass von den eingehenden Informationen, dass es alle Informationen waren, die bei Journalisten eingingen, ist ein weiterer Fehlschluss, welche “aussortiert” wurden. Dass Journalisten also eine Auswahl treffen und nicht über alles berichten, was bei ihnen eingeht, ist Wolf zu diesem Zeitpunkt des Interviews noch bewusst.

Zwei Minuten später hat er es vergessen. Nun reagiert er auf die Stichworte “Schweigekartell” und “CSU” wie folgt:

“Diese angeblichen Tabus gibt es nicht. Es wird doch über alles geredet, geschrieben, gesendet.”

Mit anderen Worten: Journalisten sortieren nicht aus, sondern geben alles (den neuerlichen Fehlschluss unzulässiger Verallgemeinerung nehmen wir einmal hin) weiter, sind also Durchleiter und nicht Torwächter.

Kann man von einem Medienjournalisten, Autor und Dozenten heutzutage nicht mehr erwarten, dass er sich innerhalb von zwei Minuten nicht widerspricht? Scheinbar nicht. Daraus könnte man die Hypothese ableiten, dass nicht die Medien in der Krise sind, sondern Journalisten, und zwar in einer Glaubwürdigkeitskrise, die einerseits aus den Widersprüchen folgt, die manche von ihnen innerhalb von wenigen Zeilen aufzustellen im Stande sind, die andererseits damit zusammenhängt, dass die Arbeit von Journalisten transparenter geworden ist: Es gibt nunmehr die Möglichkeit, das, was Journalisten schreiben oder als “Torwächter” nicht durchlassen, im Internet zu prüfen bzw. nachzulesen und sie damit zu konfrontieren.

Und das irritiert “Medienjournalisten, Autoren und Dozenten” wie Fritz Wolf erheblich. Sind die schönen Zeiten, wo man noch ungestraft schreiben konnte, was und worüber man wollte tatsächlich vorbei? Sie müssen es sein, denn selbst Universitätsprofessoren glauben nicht mehr, was in Tageszeitungen steht.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Die Schule der Unaufrichtigkeit

Dr. habil. Heike Diefenbach liest derzeit Robert Spaemann, mit viel Spass und der Konsequenz, dass in der Redaktion von ScienceFiles oft über Spaemann und seine Philosophie gesprochen wird, denn: Seine Ideen sind bemerkenswert und seine Philosophie ist eine faszinierende, stringent argumentierte Philosophie.

Robert Spaemann ist ein deutscher Philosoph, der in den wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands kaum rezipiert wird, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das seiner Philosophie und seiner Arbeit gerecht werden würde. Dagegen sind die Arbeiten von Spaemann ins Englische übersetzt und Spaemann gewinnt international die Anerkennung, die ihm in Deutschland bislang versagt bleibt.

Der Grund dafür, dass Spaemann’s Werk in Deutschland nur selten rezipiert oder bearbeitet wird, liegt wohl in der Geradlinigkeit seiner Argumentation und den Inhalten seiner Argumentation, die Gutmenschen und allen, die sich als gut inszenieren wollen, und davon gibt es in Deutschland wahrlich Legionen, nicht gefallen können.

Spaemann_moralische GrundbegriffeSo ist Spaemann der Ansicht, dass Handlungen, Einzelhandlungen, zwar in einem Kontext erfolgen, immer aber für sich stehen und als solche “diskrete Entitäten” alleine die Möglichkeit eröffnen, ethische Urteile über die Handlungen anderer Menschen, über die Sittlichkeit von deren Handlung zu sprechen.

Dies kann Leuten nicht in den Kram passen, die Dritte z.B. dazu zwingen wollen, etwas zu tun, was diese Dritten nicht tun wollen und dies damit rechtfertigen, dass die Handlung das Beste für diese Dritten sei. Als Einzelhandlung betrachtet, stellt der Handlungszwang, dem Dritte unterworfen werden, eine unmoralische Handlung dar und führt dazu, wie Spaemann stringent argumentiert, dass das entsprechende ethische Urteil über den Zwingenden oder den Gutmenschen in unserer Diktion negativ ausfallen muss, mehr noch: die Behauptung eine schlechte Handlung sei im Rahmen eines größeren guten Kontextes notwendig, wird von Spaemann im Anschluss an Pascal als “Schule der Unaufrichtigkeit” offengelegt.

Wir geben im Folgenden Teile seines Beitrags über Einzelhandlungen wider, in dem Spaemann diese Argumentation ausbreitet.

“Wir fragen uns nicht ganz allgemein ‘Wohin soll mein Leben gehen?’, sondern: ‘Was soll ich jetzt tun?’. Und diese Frage beantworten wir durch Benennung eines bestimmten Inhalts, der eine bestimmte Handlung zu dem macht, was sie ist, eines bestimmten ‘Objekts’, wie es in der Sprache der Scholastik hieß. Dieser Inhalt der Handlung ist es, der sie zu einer solchen Handlung macht, und nur indem sie eine solche Handlung ist, ist sie überhaupt eine identifizierbare Handlung.
Nur über solche, durch Universalien bestimmte und identifizierbare Handlungen können wir uns miteinander verständigen. Und nur solche Handlungen können wir voreinander rechtfertigen. Rechtfertigung aber ist jedenfalls dort unverzichtbar, wo andere von den Folgen meines Handelns betroffen sind. Wäre nur das Ganze einer Lebenspraxis beurteilbar, und dies zudem nur unter dem Gesichtspunkt einer universellen Optimierungsstrategie, dann wäre ein die Praxis begleitender sittlicher Diskurs, dann wären auch sittliche Äußerungen wie Lob und Tadel gar nicht möglich. Wir könnten einander nicht in die Karten schauen, und auch jede Mitteilung über den Sinn unseres Handelns, ja jede Kommunikation stünde, statt unter dem Wahrheitsanspruch, unter dem Gebot der Weltoptimierung, also unter einer strategischen Absicht.
[…]
Die menschliche Lebenspraxis aber ist eine Form von Sprache. Handelnd geben wir einander etwas zu verstehen. Ja, handelnd lernen wir erst, uns selbst zu verstehen.
[…]
Im übrigen herrscht eine eigentümliche Asymmetrie zwischen Wahrheit und Falschheit. Für die Wahrheit komplexer Sätze gilt: Eine Konjunktion von Teilsätzen wird durch die Falschheit eines Teilsatzes als Ganze falsch, durch die Wahrheit eines Teilsatzes aber nicht wahr.
[…]
Eine ihrem Typus nach schlechte Einzelhandlung kann nicht durch einen übergreifenden Kontext gutgemacht werden, wohl aber die übergreifende, von einer guten Absicht geleitete Handlungssequenz durch eine schlechte Einzelhandlung schlecht. Mit – ihrem Typus nach – guten Einzelhandlungen verhält es sich umgekehrt: Sie werden durch den schlechten Charakter der Handlungssequenz – also durch deren schlechten ‘Zweck’ – selbst korrumpiert, statt umgekehrt den sittlichen Charakter des Komplexes zu sanieren. Mit anderen Worten, der schlechte Zweck verdirbt das gute Mittel, aber der gute Zweck heiligt nicht das schlechte.
[…]
Es gibt Handlungen, deren moralische Verwerflichkeit deshalb ohne Ansehung des Kontextes von außen beurteilbar ist, ohne dass deshalb über die Gesinnung, also die moralische Qualität der handelnden Person, ein definitives Urteil gefällt werden muss. Über die Lobwürdigkeit einer Handlung kann – aufgrund des Handlungstypus – häufig ebenfalls von außen geurteilt werden, allerdings nur im Sinne eines prima facie Urteils, das durch die Aufdeckung eines korrumpierenden Kontextes revisionsbedürftig werden kann. Worauf es mir ankommt ist, zu zeigen, dass die Annahme von Einzelhandlungen als diskreten Entitäten die Bedingung eines die Lebenspraxis begleitenden ethischen Diskurses ist.
[…]
Fast jede Handlung steht in einer Anzahl verschiedener Kontexte. […] Jeder dieser Kontexte kann dazu dienen, die Handlung zu beschreiben. Komplexe Handlungen sind Handlungen, die wir beschreiben, indem wir sagen, dass jemand etwas tut, indem er etwas anderes tut oder unterlässt.
[…]
Spaemann personenWichtig ist hier, dass es sich nicht um eine zeitliche Folge von Ursachen und Wirkungen, von Mitteln und Zwecken handelt, sondern um eine Integration von Bedeutung. Das Gelingen des Lebens verhält sich zu den Handlungen, die diesem telos dienen, nicht wie der Zweck zu den Mitteln, sondern wie das Ganze zu den Teilen. Die Teile erfüllen eine Funktion für das Ganze, aber sie bilden zusammen selbst dieses Ganze. Die einzelne Handlung aber ist nur dadurch Teil des Ganzen eines gelungenen Lebens, dass sie selbst bereits ein Ganzes ist, indem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt die handelnde Person zur Erscheinung bringt. Der Mensch ist der, der dies – und das heißt, der ’so etwas’ – tut.
Die Beschreibung der Handlung, also die Definition des ’so etwas’ kann, wie wir sahen, verschieden sein, aber sie ist nicht beliebig. Ich kann, …, von jemandem sagen: ‘Er hat Peter eine Mitteilung gemacht’ oder ‘er hat Hans beleidigt’ oder ‘er hat sich gerächt’. Aber diese Beschreibungen stehen in einem eindeutigen Verhältnis der Über- und Unterordnung zueinander. Er hat sich gerächt, indem er Hans beleidigte, und er hat Hans beleidigt, indem er gegenüber Peter bestimmte Äußerungen tat. Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar. Vor allem aber: die jeweils spätere Beschreibung hebt die jeweils frühere, grundlegendere nicht auf. Man kann mit Bezug auf sie nicht, wie es der amerikanische Moraltheologe McCormick tut, von einem ‘expanded object’ sprechen, das es erlaubt, eine an sich unsittliche Handlung umzudefinieren und in eine sittliche zu verwandeln: so also zum Beispiel die Handlung der Tötung von zehn unschuldigen Menschen in die Handlung der Rettung von 100 anderen, die, wenn diese Tötung verweigert worden wäre, hätten sterben müssen. Diese konsequentialistische oder ‘proportionalistische’ Sicht läßt nicht nur die identifizierbaren Einzelhandlungen in einem Bedeutungskontinuum untergehen, sie ist auch, worauf schon Pascal hinwies, eine Schule der Unaufrichtigkeit. Die Kunst, die sie lehrt ist: ‘diriger l’intention’. Wem es am besten gelingt, dem, was er tun will, eine gute Absicht zu unterlegen und alles andere zu verdrängen, der hat einen Freibrief, zu tun, was er will. Die einzelne Handlung hat als solche gar keine Identität und daher auch keine sittliche Qualität.”

Aus: Spaemann, Robert (2000). Einzelhandlungen. Zeitschrift für philosophische Forschung 54(4): 514-531.

Bei Arte wollen Sie uns um den Verstand schwätzen

Arte Originaltext:

Arte Verstand“Der französische Philosoph jüdischer Abstammung Vladimir Jankélévitch (1903-1985) sagte, Gutes tue man nie genug, Böses hingegen immer ein Mal zu viel. Woher kommt dieses Ungleichgewicht? Sollte man nicht viel mehr denken, Gut und Böse seien zwei symmetrische Pole, die Koordinaten menschlichen Handelns?
Aber wo beginnt das Böse, wenn das Gute relativ und für den Menschen grundsätzlich mit dem Erstrebenswerten gleichzusetzen ist? Ist das Böse ein Fakt und das Gute Fiktion? Warum muss der Mensch das Paradies verlassen und von verbotenen Frucht kosten? Gibt es das “absolut Böse”? Kann ein Mensch tatsächlich Böses um des Bösen willen anstreben?  Und was wäre, wenn Gutes in Wahrheit schlecht wäre?

Arte fragt, wir antworten:

Arte: “Woher kommt dieses Ungleichgewicht?”

ScienceFiles: “Das wissen wir nicht. Wir wissen das deshalb nicht, weil es kein Ungleichgewicht ist. Wen man von x nie genug macht bzw. y immer einmal zu viel ist, dann ist nicht ausgeschlossen, dass x = y, z.B. 2, 2 mal Böses wäre demnach einmal Böses zu viel und 2 mal Gutes wäre mindestens einmal Gutes zu wenig und alles zusammen wäre Unsinn.

Arte: “Sollte man nicht viel mehr denken, Gut und Böse seien zwei symmetrische Poole, die Koordinaten menschlichen Handelns?”

ScienceFiles: “Was jetzt, Pole, symmetrisch oder Koordinaten? Pole liegen einander gegenüber, am jeweils anderen Ende einer Strecke. Wir sagen nur Süd- und Nordpol! Symmetrisch ist etwas im Bezug auf etwas anderes, ein Gesicht kann symmetrisch sein, wenn von der Nase aus betrachtet, die linke Gesichtshälfte genau so weit nach links reicht, wie die rechte Gesichtshälfte nach rechts. Koordinaten finden sich in allen möglichen Variationen, z.B. 27 Grad Gute Handlung und 82 Grad böse Handlung. Pole, Symmetrie und Koordinaten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich voneinander unterscheiden, drei separate Begriffe, die Unterschiedliches bezeichnen, was gut ist, denn sonst wäre alles eins und wozu bräuchte man dann verschiedene Begriffe?

Arte: “Aber wo beginnt das Böse, wenn das Gute relativ und für den Menschen grundsätzlich mit Erstrebenswertem gleichzusetzen ist?”

ScienceFiles: “Wir vermuten, das Böse beginnt gleich hinter Dortmund, während das Gute relativ zum Bösen da beginnt, wo das Böse relativ zum Guten aufhört – vermutlich kurz vor Bad Dürkheim. In jedem Fall ist es erstrebenswert, das Relative des Guten mit dem Relativen des Bösen zu relativieren. In keinem Fall darf das Relative des Guten mit dem nicht-Relativen des Bösen relativiert werden.

Arte: “Ist das Böse ein Fakt und das Gute Fiktion?”

ScienceFiles: “Das Böse ist real, das stimmt. Man muss nur auf Arte blicken, um es zu sehen. Das Gute kann natürlich die Fiktion des Bösen sein, wenngleich das bedeuten könnte, dass das Böse seinerseits eine Fiktion wäre, und was hieße das für Arte?

Arte: “Warum muss der Mensch das Paradies verlassen und von der verbotenen Frucht kosten?”

ScienceFiles: “War die Kausalität nicht umgekehrt, erst kosten und dann verlassen? Gegenfrage: Was hat das Paradies mit dem Guten zu tun?

Arte: “Gibt es das “absolut Böse”?

ScienceFiles. “Gibt es Arte? Wir hoffen doch, dass Arte nur eine Fiktion, eine Vorstellung von einem Sender ist und nicht wirkliche Wirklichkeit.

Arte: “Kann ein Mensch tatsächlich Böses um des Bösen willen anstreben?”

Nuts in BedlamScienceFiles: “Eine einfache Frage. Gehen wir davon aus, geistige Hygiene sei etwas Gutes. Gehen wir weiter davon aus, einen Sender in die Luft zu sprengen, sei etwas Böses. Gehen wir schließlich davon aus, Arte sei ein Sender. Dann wäre es dem Guten förderlich, Arte in die Luft zu sprengen.”

Arte: “Kann ein Mensch tatsächlich Böses um des Bösen willen anstreben?”

ScienceFiles: “Kann ein Sender tatsächlich Unsinn um des Unsinns willen verbreiten?”

Arte: “Und was wäre, wenn Gutes in Wahrheit schlecht wäre?”

Sciencefiles: “Dann hätten wir Arte irrtümlich in die Luft gesprengt!”

Verschwörer gegen Verschwörungstheorien

Monumente wie Stonehenge, die Pyramiden in Ägypten oder Südamerika konnten nur mit Hilfe von Aliens gebaut werden.

ISIL VTISIS/ISIL ist eine Kreation des Mossad, des israelischen Geheimdienstes.

Der Anschlag auf das World Trade Center in 2001 ist eine Aktion, die CIA und Mossad gemeinsam durchgeführt haben.

Die Mondlandung hat es nie gegeben.

Die Bilderberger regieren die Erde. Politiker sind nur Marionetten.

Alles was schlecht und böse ist, wird vom Teufel ausgeheckt.

Die bösen Bonzen wollen über freien Handel die nationalen Völker zerstören.

Die bösen internationalen Bonzen wollen über freien Handel die Rechte von Arbeitnehmern beseitigen.

AIDS geht auf einen chemischen Kampfstoff zurück, den die USA in Afrika erproben wollten.

Kapitalismus ist eine patriarchalische Verschwörung, deren Ziel darin besteht, Frauen zu unterdrücken.

Und so weiter…

Es gibt einen scheinbar nicht enden wollenden Strom an so genannten Verschwörungstheorien. Und hier fängt schon das Problem an. Warum sind die oben zusammengestellten Beispiele Beispiele für eine Verschwörungstheorie?

Mit etwas Abstand betrachtet, sind alle so genannten Verschwörungstheorien Behauptungen über die Realität. Der Zusatz “Verschwörung” dient offensichtlich dazu, sie zu klassifizieren, eine Gemeinsamkeit mancher Theorien zu betonen, die darin besteht, dass hinter ihnen die Annahme steht, dass bestimmte Ereignisse von Personen oder Gruppen von Personen mit bestimmten Interessen herbeigeführt wurden oder werden sollen, um sich einen Vorteil zu verschaffen und in der Regel die Betrachter der Ereignisse zu täuschen und zu manipulieren.

So verhält es sich mit der Mondlandung, die in den Augen mancher ein Fake sein soll. So ist es bei der Erklärung der Ursache von 9/11, die manche nicht in Al-Kaida sehen. So ist es bei den Monumentalbauten, die gar nicht von Menschen, sondern von Aliens errichtet worden sein sollen, beim Kampfstoff AIDS und bei der Ansicht, es gebe ein kapitalistisches Patriarchat, das anstatt Gewinn zu machen, Frauen unterdrücken wolle.

Jenseits dieser Gemeinsamkeit wird der Begriff “Verschwörungstheorie” häufig dazu genutzt, um eine Theorie zu diskreditieren, denn eine Verschwörungstheorie ist keine wirkliche Theorie, so soll suggeriert werden, vielmehr eine absurde Theorie oder eine Theorie, wie sie nur im Geist von Gestörten oder Dummen entstehen kann: Wer glaubt noch an den schwarzen Mann?

Indes, wer entscheidet, welche Behauptung über die Realität eine Verschwörungstheorie ist? Was unterscheidet die Ansicht, es gebe einen von Menschen gemachten Klimawandel von der Ansicht, der Mossad stecke hinter den Anschlägen von 9/11 und hinter ISIS?

Auf den ersten Blick würde man sagen: Was eine Verschwörungstheorie von einer nicht-Verschwörungstheorie unterscheidet, ist nicht nur der oben beschriebene Bezug auf Drahtzieher und Interessen, die hinter Ereignissen stecken stecken, sondern auch die empirische Unhaltbarkeit der entsprechenden Verschwörungstheorie.

Sciencefiles

Wenn jedoch das Kriterium empirischer Bewährung herangezogen wird, um die Theorie des Klimawandels von der Theorie des Mossad-finanzierten ISIS/ISIL zu differenzieren, dann braucht man keine Bezeichnung “Verschwörungstheorie”, dann reicht es, auf die empirische Bestätigung für beide Behauptungen zu schauen.

Da es vielen nicht reicht, auf die empirische Bestätigung von Behauptungen, die als Theorien daherkommen, zu schauen, sie vielmehr darauf bestehen, von Verschwörungstheorien zu sprechen, muss man annehmen, dass es den entsprechenden Verschwörungstheorie-Sprechern darum geht, die von ihnen als Verschwörungstheorie bezeichneten Theorien zu diskreditieren.

Und warum tun sie das? Die einzige Antwort, die auf diese Frage möglich ist, lautet: Weil die Aussage der entsprechenden Theorien ihren Interessen widerspricht, weil sie ein Interesse daran haben, Theorien nicht zu prüfen bzw. nicht an ihrem empirischen Gehalt zu messen, sondern vorab zu diskreditieren. Denn: Was wäre leichter als die Evidenz zur Behauptung, “der Mossad finanziert ISIL” zu betrachten und festzustellen, es gibt keine? Was wäre leichter als den Unsinn des kapitalistischen Patriarchats, das Frauen unterdrückt, aufgrund der fehlenden empirischen Belege aus der Welt zu schaffen?

Wenn beides, trotz der damit verbundenen Einfachheit, nicht erfolgt, dann muss man annehmen, dass es Interessen gibt, die die entsprechende Aufklärung verhindern und somit den entsprechenden Interessenvertretern die Möglichkeit geben, neuerlich von einer Verschwörungstheorie zu sprechen, der nämlich, die wir gerade aufgestellt haben, und auf diese Weise zu verhindern, das jemand die Frage, welche Interessen hinter der Nicht-Prüfung so genannter Verschwörungstheorien steht, stellt, untersucht und beantwortet.

Somit ist klar: So genannte Verschwörungstheorien sind ganz normale Theorien, die man an der Realität prüfen könnte und anschließend entweder als falsch oder als bewährt bewerten könnte. Die Bezeichnung “Verschwörungstheorie” ist somit unnötig und dient einzig dazu, die entsprechenden Behauptungen zu diskreditieren.

Deshalb wäre es ein interessantes Unterfangen, den Ursprung, die Verbreitung und die Behandlung so genannter Verschwörungstheorien zu untersuchen. Ein Forschungsnetzwerk, so haben wir heute gelesen, das an der Universität Tübingen koordiniert wird, soll genau dieses tun, so hatte es auf den ersten Blick jedenfalls den Anschein. Doch der Anschein trügt:

“‘Verschwörungstheorien können zur Radikalisierung von Extremisten beitragen, Spannungen zwischen Nationen befeuern und das Vertrauen in demokratische Institutionen und Medien unterlaufen’, sagt Butter. Und gerade in Zeiten des Internets verbreiten sie sich rasend schnell.”

Ob es sich bei der Behauptung, dass Verschwörungstheorien zur Radikalisierung von Extremisten beitragen können, um eine Verschwörungstheorie im Einklang mit der Verwendung, die der Begriff im Rahmen des Forschungsnetzwerkes findet, handelt, konnten wir nicht klären.

Dafür konnten wir klären, wer das Forschungsnetzwerk finanziert: Die Europäische Union, die sich nun auch in die Reihe derer eingereiht hat, die überall Extremismus sehen und beobachten und erkunden und erklären und vermeiden und beseitigen und dazu beitragen wollen, dass es verunmöglicht wird, über Behauptungen auf einer normalen Basis zu diskutieren, weil sie bereits als Verschwörungstheorie gebrandmarkt sind und die Arbeit des Forschungsnetzwerkes dazu geführt hat, Verschwörungstheorien generell in die Extremismusecke zu schieben.

Es ist dies ein weiterer Schritt auf dem Weg in die totalitäre Gesellschaft, in der die öffentliche Diskussion zusehens von allem gereinigt wird, das abweichend und nicht gemainstreamed ist. Die pure politisch-korrekte Langeweile, sie winkt schon in Sichtweite, ebenso wie die gesellschaftliche Sprachlosigkeit, die sich einstellen muss, wenn alles, was vom Mainstream abweicht als extremistisch und als Verschwörungstheorie aussortiert wurde.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Das Geschäft mit den Flüchtlingen: Nicht ohne uns!

Unter Verbänden, Organisationen und Vereinen macht sich eine Torschlusspanik breit, drohen sie doch, bei der Verteilung der öffentlichen Milliarden (nach letzter Schätzung 66), die in den kommenden Jahren für die Eingliederung von Flüchtlingen ausgegeben werden sollen, nicht berücksichtigt zu werden. Und so hat ein richtiger Run eingesetzt, im Schweinsgallop sind die unterschiedlichsten Verbände, Organisationen und Vereine auf dem Weg zum Trog, in dem die Steuermittel verfüttert werden.

Zum Beispiel der Hochschulerband für interkulturelle Studien.

snouts_in_the_trough_3

The Snout in the Trough

Die Interkulturellen, das sind diejenigen, die allen, die zuhören, erzählen wollen, dass Menschen aus anderen Kulturen ganz und nicht nur halb, nein ganz anders sind. Kulturell anders heißt das, und kulturell anders, ist ganz anders, so anders, dass eine Verständigung nicht möglich ist, weil man eben nicht versteht. Dabei ist die sprachliche Barriere, sofern vorhanden, noch das geringste Problem.

Ein größeres Problem der Interkulturellen besteht darin, dass kulturelle Erwartungen zwischen Kulturfremden variieren und es deshalb zu Missverständnissen, Irritationen, ja Konflikten kommen kann. Ganze Völker sollen schon ausgelöscht worden sein, weil es den Ausgelöschten nicht in den Sinn gekommen ist, dass z.B. für Spanier Gastfreundschaft darin besteht, die Gastgeber zu ermorden und zu bestehlen.

Das Schicksal der Azteken, es hätte vermieden werden können, hätte es 1519 schon interkulturelle Experten gegeben, die Moctezuma beraten und ihm die wahren kulturellen Hintergründe der Gier, die Hernán Cortéz nach allem hatte, was Gold war, erklärt hätten.

Damals gab es aber keine Interkulturellen. Das Schicksal der Azteken es war besiegelt.

Lassen wir es heute nicht so weit kommen, heute, da viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, Flüchtlinge, die nicht nur “Toleranz und Diversität” der Aufnahmegesellschaft erhöhen, sondern auch die Verdienstmöglichkeiten für Interkulturelle.

Doch es ist Eile geboten. Schon seit 2014 kommen viele Flüchtlinge nach Deutschland und wegen der Weihnachtsferien und dem Neuen Jahr kann der Hochschulverband für interkulturelle Studien erst heute, am 4. Januar, zur Flüchtlingsthematik Stellung nehmen.

Gravy train

Gravy Train

Mit brennender Sorge (die anscheinend erst nach den Ferien so richtig brennend geworden ist), so scheint es, Sorge ob des bereits fahrenden Gravy Trains, der schon viele Begünstigte geladen hat, die hoffen, an Flüchtlingen und Steuerzahlern in gleicher Weise zu verdienen, mit brennender Sorge wendet sich der Hochschulverband an die Öffentlichkeit und fordert:

Mittel –

finanzielle Mittel –

für Interkulturelle –

zur Vermeidung des Schlimmsten, das daraus droht, dass Einheimische trotz ihrer großen, ja “überwältigenden Hilfsbereitschaft” an den “menschlichen Herausforderungen” scheitern und sich ihre “Zugewandtheit” zu in der Folge “in Ablehnung” der Flüchtlinge wandelt.

Damit dies nicht geschieht, braucht es Mittel, Mittel, finanzielle Mittel, “um Mitarbeitende sowohl ehrenamtlicher als auch professioneller Flüchtlingsorganisationen durch interkulturelle Trainings zu unterstützen”. Ziel der Unterstützung ist die Vermittlung “interkultureller Kompetenzen”, eine “interkulturelle Sensibilisierung”, bei der es vor allem darum geht “Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen”:

“Der durch Migration verstärkte gesellschaftliche Wandel kann kurz- und mittelfristig erhebliche Verunsicherung und Orientierungslosigkeit verursachen, wodurch die Gefahr zunimmt, dass Sicherheit und Orientierung in populistischen Ab- und Ausgrenzungs-Konzepten gesucht wird. Hier kann der Hochschulverband helfen, mit wissenschaftlich fundierten Argumenten und alltagsverständlich für Orientierung zu sorgen und die Zuversicht zu stärken, dass die Herausforderungen der Flüchtlingssituation auch langfristig bewältigt werden können.”

Schon fast ekelig, auf welch’ anbiedernde Art und Weise der interkulturelle Hochschulverband sich hier als Amadeu Anotonio-Stiftung light verkaufen will, nur um an staatliche Gelder zu kommen, die offensichtlich nur vergeben werden, wenn man im Angesicht der richtigen Ideologie ganz tief buckelt.

Aber natürlich ist etwas dran, am interkulturellen Orientierungswissen, denn es soll Menschen geben, die der Ansicht sind, in Syrien esse man mit den Füßen und lebe wie manche Inder nur von Sonne und ohne Wasser. Derartige Vorurteile müssen unbedingt beseitigt werden und darüber hinaus bedarf es natürlich der Forschung, d.h. der Mittel, der Steuermittel für Forschung, interkulturelle Forschung:

“Es gilt zum einen herauszufinden, wie aus der Perspektive von Flüchtlingen bzw. verschiedenen Flüchtlingsgruppen die gegenwärtige und zukünftige Lebenssituation, Chancen und Risiken eingeschätzt werden. Zum anderen gilt es, angewandte Forschungsprojekte durchzuführen, um im Hinblick auf konkrete Fragen bzw. Probleme (die etwa bei der Beratung und Betreuung von Flüchtlingen auftreten) Erklärungen zu finden und in Zusammenarbeit mit den Akteuren Lösungen zu erarbeiten. Der Hochschulverband empfiehlt hier die Sicherstellung einer zügigen und unkomplizierten Forschungsförderung, die eine interdisziplinäre Erfassung dieser neuartigen Phänomene ermöglicht.”

Wie bei vielen Forschungsprojekten, die die Begutachtung durch Dr. habil. Heike Diefenbach nicht überlebt haben, so stellen wir auch bei diesen Forschungsvorhaben, die Implosionsfrage: Warum?

Warum ist es wichtig “aus der Perspektive von Flüchtlingen Chancen und Risiken der gegenwärtigen und der zukünftigen Lebenssituation einzuschätzen”, und warum ist es wichtig, “im Hinblick auf konkrete Fragen”, die so konkret sind, dass man sie anscheinend nicht klar formulieren kann, Erklärungen zu finden, wo doch in der Regel Antworten auf Fragen und Erklärungen für Probleme oder Ereignisse gegeben werden?

Warum?
Weil dafür Steuergelder aufgebracht werden müssen, Steuergelder, die genutzt werden sollen, um Interkulturelle zu finanzieren, Interkulturelle, die zwar auch nicht wissen, warum Perspektiven der Flüchtlinge oder Orientierungshilfen für freiwillige Helfer wichtig sein sollen, die daran aber verdienen.

money drainDer Gravy Train der Flüchtlingshilfe, der große Run auf die Steuergelder, er fährt bereits. Höchste Zeit für die Interkulturellen, sich im Schweinsgallop daran zu beteiligen.

Um eines deutlich zu machen: Wir sind nicht dagegen, Flüchtlingen da zu helfen, wo sie Hilfe brauche. Aber wir sind dagegen, jeden Vorwand zu nutzen und Flüchtlinge auf jede erdenkliche Art und Weise zu missbrauchen und zu paternalisieren, um an Steuergelder zu gelangen. Steuergelder, die genutzt werden sollen, um eine Meute von Interkulturellen, die in ihrer Mehrheit ihrem Leben vermutlich noch kaum einen Anderskulturellen gesehen haben, geschweige denn einen Flüchtling, weil sie a) deren Sprache nicht sprechen und b) Angst vor anderen Menschen haben, zu finanzieren. Insbesondere sind wir dagegen eine angebliche Forschung, die sich aus offensichtlichen und oben zitierten Gründen auf Deutsche, die das Weltbild der Interkulturellen nicht teilen, und eben nicht auf Flüchtlinge konzentrieren wird, zu finanzieren, und es Interkulturellen damit zu ermöglichen, weiterhin in ihrem Elfenbeinturm absurde Konzepte zu entwickeln und auf Kosten von Steuerzahlern zu leben.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Mutter Angela

Kultur ist schon etwas Lustiges. Generationen von Wissenschaftlern, Anthropologen, Soziologen, Philosophen, haben sich abgemüht, zu bestimmen, was Kultur ist und doch ist die Frage, was man unter “Kultur” zu verstehen hat, nach wie vor eine offene.

HofstedeVielleicht ist Geert Hofstede mit seiner “Software of the mind” am nähesten dran, an dem, was Kultur ist: eine Art, die Welt zu sehen, die denen, die kulturelle Kollegen sind, wie Harold Garfinkel es genannt hat, gemeinsam ist.

Wer kulturelle Kollegen sind? Na diejenigen, die eine Kultur, eine Art und Weise, die Welt zu sehen, gemeinsam haben. Das ist übrigens ein Musterbeispiel für einen Zirkelschluss und ein schönes Beispiel dafür, welche Probleme sich mit der Definition von Kultur verbinden.

Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn haben mehr als 200 verschiedene Definitionen von “Kultur” verglichen. Hier ist ihr Extrakt:

“Culture consists of patterns, explicit and implicit, of and for behaviour acquired and transmitted by symbols, constituting the distinctive achievements of human groups, including their embodiment in artefacts; the essential core of culture consists of traditional (i.e. historically derived and selected) ideas and especially their attached values; culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on the other, as conditional elements of future action.” (aus: Kroeber, Alfred Louis & Kluckhohn, Clyde (1952). Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions. Cambridge: Cambridge University Press, p.181).

Handlungserwartungen sind demnach der Kern von Kultur. Man erwartet ein bestimmtes Verhalten als Reaktion auf eigenes Verhalten, geht davon aus, dass man das Verhalten von Kulturfremden auf Grundlage von Artefakten und Symboliken, von Werten und Normen ihrer Kultur erklären und verstehen kann – Voraussetzung dafür ist, dass einem die entsprechenden Werte und Normen etwas sagen.

Yushau Shuaib und Angela Merkel sind zueinander kulturfremd. Sie sind keine kulturellen Kollegen. Yushau Shuaib ist Journalist, Autor und Muslim und schreibt unter anderem für die Daily Post, die in Lagos erscheint:

May Allah bless Chancellor Merkel of Germany [Möge Allah den deutschen Kanzler Merkel segnen], so hat er gerade getitelt.

FDP Shuaibür Shuaib, der sich gleich zu Anfang als Muslim identifiziert, ist Angela Merkel eine “große Frau unserer Dekade”. Während manche arabischen und muslimischen Regenten, so schreibt Shuaib, ihre Länder mit Terror und Krieg überziehen und in blasphemischer Weise behaupten, dies im Namen von Allah zu tun, während sie Teile ihrer Bevölkerung zur Flucht zwingen, öffnet Angela Merkel, so seine Bewertung, in großherziger Weise die Grenzen von Deutschland, um einer Million Flüchtlingen Sicherheit und Hilfe zu bieten.

Sie verlangt viel von der deutschen Bevölkerung, da ist sich Shuaib mit dem Herausgeber des Time Magazin, das Angela Merkel gerade zur “Person of the Year 2015” gemacht hat, einig. Anders als der Herausgeber des Time Magazin fragt sich Shuaib jedoch, warum Merkel die Grenzen Deutschlands für eine Million Flüchtlinge geöffnet hat.

Seine Antwort zeigt, wie Kultur die Wahrnehmung und Bewertung von Fakten beeinflusst. Shuaib, wie gesagt, ist Muslim und betont die Einheit der Menschen, wie sie im Koran beschrieben ist:

“O mankind, fear your Lord, who created you from one soul and created from it its mate and dispersed from both of them countless men and women”

Ein Muslim, der im Einklang mit dem Koran lebt, ebenso wie ein Christ, der im Einklang mit der Bibel lebt, er kann für Shuaib nur ein guter Mensch, einer voller Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft sein. Und so ist es kein Wunder, dass er auf dieser kulturellen Basis eine Erwartung formt, die er als Erklärung für das von ihm als großherzig bezeichnete Verhalten von Angela Merkel anbietet: Sie sei eine praktizierende Christin, religiös nach eigener Angabe, Tochter eines Pastors und sagt von sich, sie wisse, dass ein höheres Wesen als Menschen vorhanden sei und dass man die Welt in Verantwortung für andere gestalten müsse.

Und schon ist die Erklärung – kurz vor der Heiligsprechung – fertig, die Yushau Shuaib seinen (nigerianischen) Lesern für das Verhalten von Merkel anbietet: Religiosität und Nächstenliebe, Gottesfürchtigkeit, Hilfsbereitschaft und Christentum, das sind die Zutaten seiner Erklärung.

Lauter Zutaten, die in der öffentlichen Diskussion in Deutschland keinerlei Rolle spielen, wenn es darum geht, die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge durch Angela Merkel zu erklären. Da die CDU immer noch das C für Christlich im Parteinamen trägt, ist das Fehlen jeder Referenz zum Christentum, zu Nächstenliebe und Religiosität zumindest erstaunlich.

Indes fragt in Deutschland niemand danach, warum Angela Merkel sich entschlossen hat, Deutschland auch offiziell zum Einwanderungsland zu machen. Statt Erklärungen gibt es Bewertungen: genau zwei, nämlich enthusiastisches Gutfinden der Zuwanderung und vergrätzte Katastrophenstimmung angesichts der Zuwanderung.

Nichts dazwischen.

Das sagt auch etwas über Kultur, über die politische Kultur in diesem Fall, die nur noch in Extremen möglich ist, nicht mehr in Maßen, nicht zielorientiert und schon gar nicht mit jener Zutat, die alleine Verständigung möglich macht: dem anderen etwas zu-gute-halten.

Yushau Shuaib würde sich gehörig wundern, er, der denkt, gute Handlungen müssten auf einer ethischen, in seinem Fall einer religiösen Grundlage basieren. Aber hier ist er eben kulturfremd mit den meisten Deutschen.

Während es für Menschen in Nigeria nachvollziehbar zu sein scheint bzw. Shuaib glaubt, dass es nachvollziehbar ist, wenn man auf christliche und muslimische oder humanistische Werte von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft zurückgreift, um in diesem Fall das Verhalten von Angela Merkel zu erklären, kann man in Deutschland damit keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, schon weil es niemand glauben würde.

Im sozialen und reichen Westen liegen Statusängste oder moralische Profilierungssucht als kulturelle Handlungsmuster näher als humanistische Werte und damit zwangsläufig auch als Handlungsmotiv – Hilfe gegen Auszeichnung …

Das sind kulturelle Unterschiede.

Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Kontaktieren Sie uns

ScienceFiles ist ein Non-Profit-Blog. Damit wir unser Angebot aufrechterhalten und vielleicht sogar ausbauen können, benötigen wir Ihre Unterstützung
durch eine Spende (via Paypal) durch eine Spende (via Banküberweisung) als ScienceFiles-Clubmitglied
  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Kauder: Gemeinsamer Opfertod als Zukunft Europas (in the spirit of the season …)

Politische Floskeln und Schlagworte, obwohl sie regelmäßig nicht wegen ihrer Bedeutung benutzt werden, sondern wegen ihrer emotionalen Beladung, haben dennoch und in manchen Fällen dummerweise eine solche Bedeutung.

Da ist zum Beispiel der Begriff der Solidarität, den Volker Kauder gerade als Gegensatz zum Eigeninteresse aufbauen will, weil es Mode geworden ist, so zu tun, als sei man ein Heiliger und kein normaler Mensch, der mit entsprechenden Interessen bestückt ist:

 

Wie gesagt, Begriffe haben dummerweise eine Bedeutung, zuweilen haben sie auch mehrere Bedeutungen, die sich aus ihrer Begriffsgeschichte ableiten lassen, wie z.B. Solidarität:

“Der Diskurs über Solidarität lässt sich auf zwei Traditionen zurückführen (…): Eine Quelle liegt in der theologischen Betrachtung, in der der Opfertod von Jesus als Ausdruck der Solidarität Gottes mit den Menschen interpretiert wird. Diese Sichtweise wird von der katholischen und der evangelischen Kirche gleichermaßen als Norm des Handelns vertreten. Diese Denkrichtung verankert Solidarität somit in christlichen Werten und betrachtet sie als Richtschnur der Sozialethik. Im Gegensatz zu dem wertorientierten Ansatz in der Theologie steht die zweite Quelle des Begriffs der Solidarität, die auf eigenen Interessen beruht. Dabei handelt es sich um die gewerkschaftlich-politische Bereitschaft von Arbeitnehmern, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten …” (Bierhoff & Fletchenhauer, 2001: 9)

Solidarität ist also einmal die Selbstaufgabe, die Verleugnung eigener Interessen, die letztlich im Opfertod kulminiert und einmal die Solidarität von Interessengleichen, von Akteuren, die ihre gemeinsamen und gleichen Interessen bündeln, um sie besser durchsetzen, um ihre eigenen Interessen besser durchsetzen zu können.

Volker Kauder sagt: “Nicht Eigeninteresse, sondern Solidarität bestimmt die Zukunft Europas”.

Damit schließt er die Bündelung von Interessen, die Solidarisierung ob gemeinsamer Interessen aus, denn die basiert auf Eigeninteresse. Übrig bleibt nur der Opfertod und entsprechend muss man seine Aussage wohl als bis-zur-bitteren-Neige-Aussage oder katholisches Heiratsversprechen interpretieren, als Anfang vom Ende: Gemeinsamer Opfertod als Zukunft Europas!

Bierhoff, Hans-Werner & Fletchenhauer, Detlef (2001). Solidarität: Themen und Probleme. In: Bierhoff, Hans-Werner & Fletchenhauer, Detlef (Hrsg.). Solidarität. Konflikt, Umwelt und Dritte Welt. Opladen: Leske & Budrich, S.9-22.