Unglaublich: Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, gibt Briten Wahlempfehlung

Wer in den 1980er Jahren Politikwissenschaft studiert hat, hatte eine gute Chance, über Dolf Sternberger und seine Schriften zum Politischen zu stolpern. In diesen Schriften hat Sternberger, den man vermutlich besser als politischen Philosophen, denn als Politikwissenschaftler klassifiziert, eine höchst moralische Sicht auf die Politik eingenommen, nicht nur dadurch, dass er die Bewahrung des Friedens als oberstes Politikziel ausgegeben hat, sondern auch dadurch, dass er Werte wie Amtsneutralität, Fairness im Umgang miteinander und Legitimität politischer Entscheidungen in den Mittelpunkt seiner Argumentation gestellt hat, einer Argumentation, wie sie sich z.B. in Büchern, wie dem 1962 erschienen: Grund und Abgrund der Macht. Kritik der Rechtmäßigkeit heutiger Regierungen” findet.

Sternberger MachtNun ist Dolf Sternberger lange tot. Nur noch der Dolf-Sternberger-Preis, den die gleichnamige Gesellschaft wohl al gusto vergibt, denn Kriterien, nach denen der Preis vergeben wird, sind nicht bekannt, erinnert an den ehemaligen Verfassungspatrioten Sternberger.

Die von Dolf Sternberger vertretenen Werte von Fairness im Umgang miteinander, Amtsneutralität oder Legitimität politischer Entscheidung, sie scheinen, wie Sternberger selbst, in Vergessenheit geraten zu sein, wie man täglich aufs Neue am Umgang von Politikern mit ihrer Bevölkerung sehen kann.

Ein besonderes Exemplar, an dem sich der Verlust von politischer Moral und Fairnessvorstellungen aufzeigen lässt, ist Martin Schulz, der seit Jahren das Amt des Präsidenten des Europäischen Parlaments besetzt. Präsidenten von Parlamenten, so will es nicht nur die Tradition, sondern auch der Anstand, sie sind zur Neutralität verpflichtet, zur Zurückhaltung und insbesondere dazu, die Würde des Amtes zu bewahren.

Letzteres ist natürlich ein Problem, setzt die Würde eines Amtes doch die Würde des Amtsinhabers voraus.

Nehmen wir daher die Amtsneutralität, mit der sich geringere Probleme verbinden. Die Amtsneutralität, die z.B. in der Behauptung des Bundeskanzlers, Schaden vom deutschen Volk und nicht nur von den Wählern der CDU/CSU abwenden zu wollen, zum Ausdruck kommt, sie hat zur Folge, dass man als Amtsinhaber zuweilen seinen Mund halten muss, insbesondere hat sie zur Folge, dass man sich nicht in politische Streits oder Wahlen zu Gunsten einer (Streit-)Partei einmischen darf. Im Gegenzug wird z.B. der Präsident des Europäischen Parlaments besser bezahlt als der herkömmliche Europaabgeordnete. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass das zusätzliche Entgelt wie eine moralische Verpflichtung, die Würde des Amtes zu bewahren, wirkt – also zumindest die Symbolik, mit der man sich umgibt, soll stimmen.

Nun, wir haben die Rechnung ohne Martin Schulz gemacht. Martin Schulz spielt gerne den Staatsmann, lässt sich gerne in seiner Funktion als Präsident des Europäischen Parlaments ablichten und ansprechen, aber er kann dennoch seinen Mund nicht halten, und vor allem kommt er nicht über seine mangelnde Erziehung zu Fairness hinweg. Weshalb er der Ansicht ist, er müsse sich in den Britischen Wahlkampf einmischen, und zwar mit einer Form der Dachlattensuggestion, die geeignet ist, Briten in Rage zu versetzen (uns mit Sicherheit).

Gegenüber dem WDR/NDR hat der Schulz nach Angaben der Tagesschau Folgendes in Worte gefasst:

Martin Schulz“Wenn David Cameron gewinnen sollte, wird er sein Versprechen eines Referendums halten müssen. Das bringt möglicherweise Großbritannien und die EU in eine sehr schwierige Situation”, warnt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. […] Schulz fürchtet, dass das Konsequenzen haben könnte: “Er wird davon möglicherweise nicht mehr herunterkommen. Er selbst ist jemand, der in der EU bleiben möchte unter allen Umständen. Und hat sich damit eine Kampfzone eingehandelt, in der er nicht immer Herr des Verfahrens ist. Und das ist für den Premierminister eines so bedeutenden Landes wie Großbritannien schwierig”, sagt der EU-Parlamentspräsident im Interview mit dem WDR/NDR-Hörfunk.”

Also Ihr Briten, wählt Miliband, auch als #EdStone bekannt, denn wenn ihr Cameron wählt, dann wird David Cameron etwas tun, was Martin Schultz unvorstellbar ist: Er wird ein Versprechen, das er Wählern gegeben hat, einhalten und ein Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU abhalten.

Dass ein Politiker ehrlich sein könnte, dass er sich an sein Versprechen halten könnte, das ist Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, offensichtlich vollkommen unvorstellbar und so sinniert er darüber, welche Möglichkeiten es für Cameron dennoch geben könnte, sein Versprechen zu brechen, davon, wie Schulz sagt, herunterzukommen.

Als wäre die Schulzsche Prämisse, dass Politiker nicht zu ihren Versprechen stehen sollen, nicht ehrlich sein sollen, versuchen müssen, von Versprechen “herunterzukommen”, nicht schon ausreichend, wird es noch schlimmer, wenn man die davon bedingte Prämisse betrachtet, die da lautet: Es darf auf keinen Fall ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union stattfinden, oder eingeschränkter: Es darf im Vereinigten Königreich auf keinen Fall ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union geben.

Heftig.

Da stellt sich doch der Präsident des Europäischen Parlaments hin und verkündt in aller Öffentlichkeit deutscher Medien, dass man Bürger auf keinen Fall an Entscheidungen beteiligen darf. Dass es vielmehr notwendig sei, alles zu tun, um die Beteiligung von Bürgern an Entscheidungen zu verhinden. Und war man so unvorsichtig, die Beteiligung von Bürgern an Entscheidungen zu versprechen, dann, so empfiehlt Martin Schulz, muss man versuchen, von diesem Versprechen “herunterzukommen”.

Es ist gut, dass Philosophen wie Dolf Sternberger tot sind und nicht miterleben müssen, wie ihr Traum einer moralischen Politik platzt wie eine Seifenblase und wie sich die realistische Sicht, die Anthony Downs vor gut 60 Jahren entwickelt hat, als die richtige Sicht erweist: Die meisten Politiker sind Opportunisten, die in Wahlkämpfen alles versprechen, um gewählt zu werden und dann, wenn sie gewählt sind, keinerlei Erinnerung mehr haben, was sie versprochen haben oder versuchen, von den Versprechen “herunterzukommen”, wie Martin Schultz es nennt, den man nach allem, was wir hier an Kriterien zusammengetragen haben, wohl als Präsidenten der Opportunisten ansehen muss.

Logik-Rätsel zur Auflockerung

Hier stehen wir und schauen in den Abyss.

Unsere kleine Umfrage zur GDL und speziell zur Frage, ob die GDL eine terroristische Vereiningung ist, hat – wie ein Professor der Soziologie, der zwischenzeitlich emeritiert ist, einmal gesagt hat – Abgründe aufgetan.

Die Frage, ob sich die GDL anhand von vorgegebenen Kriterien, die wir aus der entsprechenden Definition der Europäischen Union entnommen haben, als terroristische Vereinigung qualifiziert, ist eine Frage, die leicht zu beantworten ist.

Man nimmt die Kriterien und prüft, ob die Kriterien anwendbar sind und auf die GDL zutreffen oder nicht.

Aristotle logicDas ist eine formale Aufgabe, die spätestens jeder Fünftklässler beherrschen sollte, wenn er versucht, z.B. Gesetze der Geometrie anzuwenden.

Und es ist eine einfache Frage der Logik, keine Frage, die etwas mit den Inhalten zu tun hat, mithin eine Frage, die man anhand des Verstands und nicht anhand des Gefühls, das sich im Solar Plexus bildet, beantworten muss.

Um die Kenntnisse in Logik, die offensichtlich bei einigen Kommentatoren nicht einmal rudimentär vorhanden sind, zu schulen und zu schärfen, machen wir ein kleines Rätsel.

Im Folgenden gibt es sechs logische Schlüsse in Form von Syllogismen, und die Frage, die sich mit jedem Schluss verbindet lautet: Ist de Schluss richtig oder falsch.

1. Fliegende Häuser (Barbara):

Alle Vögel fliegen.
Alle Häuser sind Vögel.
Alle Häuser fliegen.

Richtig = 100000 Punkte
Falsch = 900000 Punkte

2. Lügende Gewerkschaftler

Alle Gewerkschaftler sind Lügner
Ich bin ein Gewerkschaftler

Paradox (aber richtig) = 10000 Punkte
Blödsinn = 90000 Punkte

3. Funktionäre und Gier (Darii)

Alle Funktionäre sind gierig.
Manche Deutsche sind Funktionäre.
Manche Deutsche sind gierig.

Richtig = 1000 Punkte
Falsch = 9000 Punkte

4. Gewerkschaftler und Verstand (Bocardo)

Manche Gewerkschaftler haben keinen Verstand.
Alle Gewerkschaftler sind Linke.
Manche Linke haben keinen Verstand.

Richtig = 100 Punkte
Falsch = 900 Punkte

5. Gott ist Liebe

Gott ist Liebe.
Liebe ist blind.
Steve Wonder ist blind.
Steve Wonder ist Gott.

Richtig = 10 Punkte
Falsch = 90 Punkte

6. Ich bin blind

Ich bin Niemand.
Niemand ist perfekt.
Gott ist perfekt.
Also bin ich Gott.
Aber: Steve Wonder ist Gott.
Also bin ich Steve Wonder.
Um Gottes Willen: Ich bin blind!

Richtig = 1 Punkt
Falsch = 9 Punkte.

Nun wird es kompliziert:

Addieren Sie die Punkte für die sechs Rätsel und geben Sie die Summe in die Befragung ein.

Die Auflösung kommt bald auf ScienceFiles.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Konstruktivismus fördert den moralischen Verfall

Werner J. Patzelt ist gerade mit seinem Steckbrief konfrontiert. Der Steckbrief steckt voller falscher Behauptungen und kursiert derzeit an der Universität Tübingen, wo als der “Pegida-Versteher” etikettierte Patzelt demnächst einen Vortrag halten wird.

constructivism IAlexander Ulfig hat in einem Beitrag über den inhärenten Widerspruch, den viele Linke inkorporiert haben und der darin besteht, dass man rechte Gewalt ganz furchtbar findet und linke Gewalt in viel größerem Ausmaß dagegen setzt, diesen inhärenten Widerspruch auf das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung zurückgeführt.

An Universitäten stehen konstruktivistische Ansätze in voller Blüte. Sie zeichnen sich nicht nur durch eine feindliche Haltung gegenüber der Ratio aus, sondern vor allem dadurch, dass sie die soziale Konstruktion von Wahrheit und nicht nur deren Überformung durch die Wahrnehmung, von allem, was Realität ausmacht, behaupten. Entsprechend wird für soziale Konstrukteure alles, Wahrheit wie Realität, zur Verhandlungssache.

Nun ist Wahrheit ein geschundener Begriff.

Betrachtet man ihn zunächst als Begriff, der an einen Bezugsrahmen gebunden ist, dann ist etwas immer mit Bezug auf diesen Rahmen wahr oder falsch. Im Rahmen der Mathematik gilt “25 / 5 = 5″. Insofern das Ergebnis der Berechnung richtig ist, ist die in Anführungszeichen gesetzte Aussage wahr.

Auch im Rahmen des täglichen Lebens kann man Dinge, die wahr sind, leicht entscheiden: Wenn A über B sagt, er sei ein Idiot, und C sagt B, dass A ihn als Idioten bezeichnet hat, dann sagt C die Wahrheit. Daran gibt es nichts zu drehen und nichts zu konstruieren.

Konstruieren kann man eigentlich nur am Rahmen, an Theorien, weshalb Diskussionen über Wahrheit, wenn sie mehr sein wollen als die Diskussion von Offensichtlichkeiten, immer Diskussionen über Theorien, deren Geltungsbereich und deren Bestätigungsgrad sein müssen.

Deshalb sind Genderisten, wenn sie mit ihren 1000 Geschlechtern des Wegs kommen, so lächerlich. Das tägliche für die Fortpflanzung relevante Leben kennt nur zwei Geschlechter. Deshalb wirken Sozialisten, wenn sie ihre Planspiele durchsetzen wollen, so lächerlich, denn dass eine Gesellschaft der Gleichen eine Drohung und kein erstrebenswerter Zustand ist, das ist allen klar, die ein Bild von Menschen als Individuum und nicht als Herdentier haben.

Wenn wir über Wahrheit streiten, dann geht es also immer um den Bezugsrahmen, der das, was wir für wahr halten, vorgibt. Kreationisten, die denken, die Welt sei durch Gott geschaffen, leiten ihre sonstigen Aussagen von dieser Aussage ab. Astronomen und Physiker, die denken, die Datenlage spreche für den Beginn unserer Zeitrechnung in einem Big Bang, gehen eben von diesem aus und beurteilen ihre Aussagen in Bezug auf den Big Bang und der Entwicklung, wie sie sich auf Grundlage physischer Gesetze bzw. von Naturgesetzen rekonstruieren und vorherberechnen lässt.

Popper objektive ErkenntnisDass es zwei Fraktionen wie Kreationisten und Physiker gibt, hat aber nichts damit zu tun, dass Wahrheit konstruiert wäre, wie es Konstruktivisten glauben. Wahrheit ist, wie Karl Raimund Popper einmal gesagt hat, eine regulative Idee: Auch wenn wir nie sicher sein können, dass wir Wahrheit gefunden haben, so brauchen wir die Wahrheit als Kriterium für Wissensfortschritt. Wahrheit wird daher zur Übereinstimmung mit der Realität, wie sie unabhängig voneinander wahrnehmende Akteure zur selben Zeit und am selben Ort und im selben Ausmaß wahrnehmen können.

Und diese regulative Idee haben Konstruktivisten aufgegeben. Für sie ist alles dieselbe Soße. Die Brocken in der Soße ergeben sich aus kommunikativer Übereinkunft. Wir kommen überein, die Brocken als vorhanden anzusehen und ab sofort zu behaupten, dass es 1000 Geschlechter gibt, denn: Alles ist verhandelbar und wird von den Grillen abgeleitet, die diejenigen gerade haben, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Grillen gerade in den öffentlichen Diskurs tragen dürfen oder können. Entsprechend gibt es für Konstruktivisten keine Wahrheit, sondern Wahrheits-Moden. Derzeit halten sie heute die 1000 Geschlechter für wahr, morgen werden sie einen anderen Spleen verfolgen.

Nun stellt sich angesichts der Anhänger, die der Konstruktivismus gefunden hat, die Frage, was so attraktiv daran ist, die Existenz von Wahrheit zu leugnen. Die Antwort kommt dieses Mal aus Israel (aber nicht in Form von 10 Geboten und Steintafeln…).

Dort haben Andrea Pittarello, Margarita Leib, Tom Gordon-Hecker und Shaul Shalvi eine Reihe interessanter Experimente durchgeführt, bei denen es darum geht, die Abhängigkeit von Wahrheit bzw. eher Wahrheitsliebe von bestimmten Situationen zu untersuchen. Es geht also um soziale Situationen und die Frage, wie diese sozialen Situationen bestimmt und bewertet werden können.

Herausgekommen ist, dass in ambivalenten Situationen, also in Situationen, die sich dadurch auszeichnen, dass man nicht sofort erkennen kann, was wahr ist, Lügen häufiger vorkommen als in eindeutigen Situationen. Anders formuliert: Es gibt eine Reihe von Zeitgenossen, die unklare Situationen dazu ausnutzen, ihre eigenen Interessen, ihren eigenen Vorteil zu verfolgen, Zeitgenossen, die nicht über die ethisch-moralische Integrität verfügen, eine sie bevorteilende Lüge zu unterlassen, wenn sie der Ansicht sind, eine Entdeckung dieser Lüge sei nicht wahrscheinlich.

Ambivalenz ist das Kredo des Konstruktivismus, dessen Anhänger geradezu die Unklarheit von Situationen zu zelebrieren scheinen, jedenfalls dann, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen. Ambivalenz wird im Rahmen des Konstruktivismus brachial hergestellt: Dadurch, dass man behauptet, Wahrheit sie das Ergebnis sozialer Verhandlungen (wobei die Wahrheit dieser Behauptung von Konstruktivisten seltsamerweise vorausgesetzt wird…). Der Vorteil dieser Behauptung: Die eigenen Konstruktionen müssen nicht mit der Realität übereinstimmen, und von der eigenen Konstruktion abweichende Positionen, also aus Sicht der Konstruktivisten andere (am Ende falsche?) Konstruktionen, können mit sprachlichen Mitteln und ohne Rücksicht auf die Wahrheit angepöbelt werden.

Das ist die Situation, in der sich Werner J. Patzelt gerade befindet, der sich mit der Realität gegen die falschen Behauptungen “des Gastes (der Autor des Steckbriefes versteckt sich hinter diesem Pseudonym)” wehrt, der in Tübingen einen Steckbrief voller Falschheiten über Patzelt verbreitet.

Die Verleumdung und Diskreditierung von Personen mit anderen Meinugen floriert im Konstruktivismus, denn die Anhänger der unterschiedlichen Sozialkonstruktionen, seien sie Sozialismus-Mystiker, Genderismus-Verklärte oder nachhaltige Klimaretter (Die nachhaltigste Entlastung des Klimas ist übrigens der Selbstmord der um das Klima Besorgten. Die Einsparungen an Folgekosten, die durch die Selbstentsorgung der entsprechenden Existenzen entstehen, sind immens.), diese Anhänger sind bar jeglicher moralischer oder ethischer Erwägungen.

Weder haben Sie moralische Prinzipien noch leben sie eine praktische Ethik, denn: beides ist entscheidbar, ist bindend.

Ethics and importanceD.h.: Wer sich zu bestimmten moralischen Prinzipien bekennt, z.B. zur Fairness, die ausschließt, dass man über Dritte Unwahrheiten in die Welt setzt oder Personen mit anderer Meinung diffamiert, der schließt damit bestimmte Handlungsweisen, die nicht seinen moralischen Prinzipien entsprechen, aus. Steckbriefe, wie der, dem sich Werner Patzelt gegenüber sieht, sind ein Indiz für die Abwesenheit moralischer Prinzipien und ein Indiz für das Fehlen einer praktischen Ethik, denn Ethik meint nichts anderes, als im Einklang mit den eigenen, für sich selbst beanspruchten moralischen Prinzipien, also authentisch und im Hinblick auf die eigenen moralischen Prinzipien wahrhaftig zu handeln.

Das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung, das Alexander Ulfig konstatiert, kann somit auf die willkürliche Herbeiführung von Ambivalenz, wie sie durch den Konstruktivismus erfolgt, zurückgeführt werden, womit auch erklärt wäre, warum die entsprechend Befallenen vornehmlich im Dunstkreis von Hochschulen zu finden sind, blühen doch gerade an Hochschulen in den letzten Jahren Irrationalismen und offen die Rationalität ablehnende Konstruktivismen, wie der Genderismus und der Sozialismus in all seinen Spielformen.

Wie die Kausalität verläuft, ist indes unklar:

Ziehen Ideologien, die behaupten, die Wirklichkeit sei eine ambivalente Brühe, die man nach eigenem Gutdünken interpretieren könne, schwache Persönlichkeiten an, die eine Surrogatidentität suchen, die es ihnen erlaubt, individuelles Nichts und kollektives Etwas zugleich zu sein, wobei die Voraussetzung zum individuellen Nichts darin besteht, keine Moral und keine Ethik, eben keine Person zu besitzen? Oder ist es so, dass sich die entsprechenden Nichtse zusammenfinden, um zum kollektiven Etwas zu transzendieren, das sich dadurch auszeichnen muss, Identität zu verleihen ohne die individuelle Nichtigkeit zu gefährden, ein Kunststück, das nur der Konstruktivismus vollbringen kann?

Wie auch immer die Kausalität verläuft, sie verläuft zwischen individuellem Nichts und kollektivem Etwas.

Zur Studie:

Pittarell, Leib, Gordon-Hecker und Shalvi haben eine Vielzahl von Probanden, regelmäßig zwischen 7 und 40, unterschiedlichen Experimenten unterzogen, mit denen sie u.a. die Frage klären wollten, in welchen Situationen es besonders wahrscheinlich ist, dass ein Proband eine Lüge erzählt. Die Probanden saßen dazu vor Computern, auf denen regelmäßig sechs Würfel an sechs Orten dargestellt wurden. Aufgabe der Probanden war es, jeweils den Wert des Würfels, der sich am nächsten an Ort X befunden hat, zu berichten. Die Probanden erhielten für ihre Teilnahme eine Vergütung in Abhängigkeit vom Würfelergebnis, wobei sie in zwei Gruppen geteilt waren: Die Vergütung in Gruppe A wuchs mit der Höhe der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Die Vergütung in Gruppe B wuchs mit der Akkuratheit der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Probanden in Gruppe A häufiger logen als die Probanden in Gruppe B, was offensichtlich darauf zurückzuführen ist, dass Probanden in Gruppe A einen pekuniären Vorteil mit ihren Lügen erreichen konnten. Das Ausmaß an Lügen stieg in Gruppe A mit der Ambivalenz der dargestellten Ergebnisse: War zwar entscheidbar, welcher Würfel am nächsten zum Ort X lag, die Situation aber insofern ambivalent als ein zweiter Würfel recht nahe bei X, wenngleich weiter entfernt als der erste Würfel lag, dann erhöhte dies die Anzahl der Lügen.

Die Experimente, die Versuchsanordnung und die Daten der Experimente sind hier vollständig dokumentiert. Wer Lust hat, die Ergebnisse der Experimente zu prüfen, der kann dies also tun – was zeigt, Pittarello et al. sind keine Anhänger des Konstruktivismus.

Pittarello, Andrea, Leib, Margarita, Gordon-Hecker, Tom & Shavi, Shaul (2015). Justifications Shape Ethical Blind Spots. Psychological Science. DOI:10.1177/0956797615571018

Sozialismus macht dünn – Freiheit erfordert Verantwortung

auch beim Essen …

Davide Dragone und Nicolas R. Ziebarth haben ein Arbeitspapier veröffentlicht, das überschrieben ist mit:

Economic Development, Novelty Consumption, and Body Weight: Evidence from the East German Transition to Capitalism.

Ein interessantes Arbeitspapier mit einer Reihe von zum Teil bekannten Ergebnissen:

banana revolutionDie sogenannte friedliche Revolution in der DDR hat wohl doch Bananen zur Ursache, wie sich daran zeigt, dass Dragone und Ziebarth eine sprunghafte Zunahme des Konsums tropischer Früchte bei Ostdeutschen von 1989 bis 1991 feststellen. Vielleicht ist es auch die Flucht vor der Kartoffel, die die Ostdeutschen zum Marsch auf dem Leipziger Ring veranlasst hat, denn der Konsum von Kartoffeln ist nach Öffnung der Grenzen zu Westdeutschland stark zurück gegangen.

Der veränderte Konsum ist zukunftsweisend, kreiert eine Gewohnheit, denn auch 1998 und 2005 zeigen Ostdeutsche die Konsummuster, die sie sich 1991 angewöhnt haben und: andere Essgewohnheiten als Westdeutsche.

Nicht ganz unproblematische Essgewohnheiten, wie es scheint, denn:

Nicht nur der Verzehr tropischer Früchte hat sprunghaft zugenommen, auch der Verzehr von Fertiggerichten, deren Attraktivität darin besteht, dass sie die Zubereitung von Speisen vereinfachen und beschleunigen und den Aufwand reduzieren. Davon haben in der Vergangenheit vor allem Ehefrauen profitiert, die die neu gewonnene Freiheit in mehr Körpergewicht investiert haben, wie Cutler, Glaeser und Shapiro (2003) für den Zeitraum von 1970 bis 1990 zeigen.

Offensichtlich muss man lernen, mit der neuen Freiheit, sowohl was die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln als auch das Mehr an Zeit angeht, umzugehen.

Für diese Annahme spricht auch, was Dragone und Ziebarth für Ostdeutsche zeigen können. Nach der Wende haben viele Ostdeutsche ihre Nahrung umgestellt: Deutlich weniger Kartoffeln, mehr tropische Früchte und vor allem: mehr Fertiggerichte und entsprechend: mehr Gewicht, mehr Übergewicht, mehr Adipositas, höhere Cholesterol-Werte, höherer Blutdruck und eine Zunahme von Diabetes (Typ II), und alles im Vergleich zu Westdeutschen.

Daraus kann man schließen, dass der ostdeutsche Sozialismus seine Bürger so ausgedorrt hat, dass sie sich, gleich dem fast Verdursteten, der eine Oase erreicht, auf das Angebot an neuen Waren, das ihnen der Kapitalismus zugänglich gemacht hat, gestürzt haben, es in vollen Zügen und mit vollen Mägen genossen und – wie man im Englischen sagt – dabei overindulged haben.

Das an sich wäre nicht schlimm, ergäbe sich daraus keine Gewohnheit. Aber: Es hat sich für viele Ostdeutsche eine Gewohnheit, eine Essgewohnheit ergeben: Scheinbar aus Angst davor, wieder in den ausgemerkelten Zustand sozialistischer Plan-Leere im Konsum-Laden gestürzt zu werden, hat sich eine “was-man-hat,-hat-man-Mentalität” durchgesetzt, durchaus auf Kosten der eigenen Gesundheit, wie die Ergebnisse von Dragone und Ziebarth zeigen: Im Gegensatz zu Westdeutschen sind Ostdeutsche dicker, übergewichtiger und kränker, gemessen an den drei Indikatoren von Cholesterolwert, Höhe des Blutdrucks und Diabetes.

Kampf gegen Adipositas in Venezuela

Kampf gegen Adipositas in Venezuela

Kurz: Sozialismus schafft bei denen, die ihm ausgesetzt sind, Entzugserscheinungen, die der einer Drogenabhängigkeit gleichen. Werden Waren, die im Sozialismus entzogen sind, zugänglich, dann führt dies zu einem entsprechenden Torschlusspanik- und Überkonsum, der sich in einer  Konsumtradition festsetzt, die Auswirkungen auf die Gesunheit der so Konsumierenden hat.

Nicht nur, dass sozialistische Systeme ihren Bürger Konsum vorenthalten, sie machen viele ihrer Bürger auch unfähig, dann, wenn der Sozialismus, wie er das regelmäßig tut und wie man es gerade wieder in Venezuela beobachten kann, an der Realität scheitert, normale Konsummuster und Umgangsweisen mit den Produkten zu entwickeln, die ihnen im Sozialismus vorenthalten waren. Entsprechend ist die höhere Adipositas unter Ostdeutschen eine fortdauernde Folge sozialistischer Unmündigkeit, ein kulturelles Erbe sozialistischer Magerkur.

Daten und Methoden
Die Ergebnisse von Dragone und Ziebarth basieren auf einer breiten Datengrundlage, nämlich dem nationalen Gesundheitssurvey von 1990 und 1992 (2.160 ost- und 4.390 westdeusche Befragte), der Folgestudie zum Gesundheitssurvey von 1996 (2.216 ostdeutsche und 4.203 westdeutsche Befragte) sowie dem Mikrozensus von 2005 (1% der deutschen Bevölkerung, derzeit rund 380.000 Haushalte und rund 820.000 Befragte). Die Analysen werden zum einen mit subjektiven Selbsteinschätzungen, z.B. im Hinblick auf die Veränderung der Konsumgewohnheiten nach der Wende, zum anderen mit objektiven Maßen, Cholesterolspiegel, Bludruck, BMI durchgeführt. Die Autoren rechnen Regressionsanalysen (OLS) mit unterschiedlichen abhängigen und unabhängigen Variablen.

Cutler, David M., Glaeser, Edward L. and Shapiro, Jesse M. (2003). Why have Americans become more obese? Journal of Economic Perspectives 17(3), 93–118 (und NBER, siehe Link).

Dragone, Davide & Ziebarth, Nicolas R. (2015). Economic Development, Novelty Consumption, and Body Weight: Evidence from East German Transition to Capitalism. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No.8967.

Akademie der Wissenschaften: Ist Deutschland das Land der irrationalen Schwärmer?

Die Frage in der Überschrift könnte man bejahen, nähme man die Pressemeldung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg ernst, die Folgendes verkündet:

Akademie Wissenschaften Hamburg“Die nüchterne, rationale Entscheidung ist eine Fata Morgana. Was auch immer wir entscheiden, Emotionen spielen dabei eine Rolle. Daran lassen Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften und die alltäglichen Erfahrungen keinen Zweifel. Diese und weitere wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu berücksichtigen, bedeutet in der Praxis am Menschen vorbei zu wirtschaften. Hat das Bild des Homo Oeconomicus, das viele gesellschaftliche Prozesse prägt, als Konzept also ausgedient? Was kommt stattdessen? Dies sind einige der Fragen, die am 22. April 2015 ab 19 Uhr im Elbe-Saal der Handelskammer Hamburg im Rahmen der neuen Reihe “Akademie im Gespräch” beantwortet werden sollen.”

Wer auch immer diesen Text verfasst hat, wird also nicht erwarten, dass man seinem Text mit nüchternen und rationalen Erwägungen zu Leibe rückt, denn “nüchterne, rationale Entscheidungen” sind “eine Fata Morgana”. Es gibt sie also nicht, denn die Neurowissenschaft haben es gezeigt. Die Neurowissenschaften, das sind diejenigen, die Gehirne in bunten Farben abbilden und dann – offensichtlich gar nicht nüchtern und auch nicht rational (Fata Morgana! Wir erinnern uns) behaupten, nüchterne, rationale Entscheidungen gebe es nicht – jedenfalls, wenn man demjenigen, der die Pressemeldung zu verantworten hat, Glauben schenken will (was nach Auffassung des Verfassers nur auf affektiver Hingabe, nicht auf rationaler Entscheidung basieren kann).

Wie auch immer die Ergebnisse der Neurowissenschaftler zustande gekommen sind, die zeigen, dass es keine nüchterne, rationale Entscheidung gibt, sie werfen in der Tat Fragen nach dem Alltagsverstand der entsprechenden Neurowissenschaftler auf, die zudem behaupten, jeder von uns wisse: Emotionen würden bei Entscheidungen eine Rolle spielen, nicht rationale, nüchterne Erwägungen. Das wisse jeder aus seiner alltäglichen Erfahrung.

Wie hat man sich die entsprechende alltägliche Erfahrung vorzustellen?

Man fährt mit dem Rad bei strömendem Regen zum Arbeitsplatz, weil man die 35 Kilometer vom Wohnort nicht mit dem Auto zurücklegen will – der Umwelt zuliebe?

Man kauft Nahrungsmittel beim 120 Kilometer entfernten Bauern ein, weil man die nachhaltige Bewirtschaftung und nicht die Rewe-Gruppe, die den Supermakt um die Ecke betreibt, unterstützen will?

Man geht zur Veranstaltung der Hamburger Akademie der Wissenschaften, obwohl bereits in der Ankündung steht, dass man weder mit rationalen noch mit nüchternen Aussagen rechnen kann, da alles aus dem Bauch heraus in Emotion getränkt ist, wie auch immer die entsprechende Emotion am Tag der Veranstaltung aussehen wird?

Ja, vielleicht ist es der Thrill, der daraus erwächst, dass man nicht weiß, ist Prof. Dr. Andreas K. Engel, der Sprecher der Akademie-Arbeitsgruppe Neurowissenschaften der Akademie der Wissenschaften gut oder schlecht gelaunt. Denn der Inhalt seines sinniger Weise als “Impulsreferat” bezeichneten Vortrags hängt vom affektiven Impuls ab, der ihn gerade beherrscht. Ob ihn Ärger oder Freude, Melancholie oder Misanthropie bei seinem Vortrag getrieben haben, die Zuhörer werden es erfühlen.

Spass beiseite.

Der Homo Oeconomicus kann nicht sterben!

Denn der Homo Oeconomicus ist ein Idealtypus, wie ihn Max Weber beschrieben hat. Niemand, außer denen, die ihn jetzt beerdigen wollen, hat jemals gedacht, dass menschliche Entscheidungen immer dem Idealbild des Homo Oeconomicus gerecht werden. Wie Tversky und Kahneman in einer Vielzahl von Experimenten gezeigt haben, nutzen viele Menschen Heuristiken, um Entscheidungen zu treffen, die dem strengen Maßstab objektiver Rationalität nicht gerecht werden. Sie lassen sich bei Ihren Entscheidungen von allerlei Dingen beeinflussen, die sich in ihrer Umwelt finden oder die sie für entscheidungsrelevant halten.

Deshalb haben Ökonomen wie u.a. Leonard Savage oder Herbert Simon vor nunmehr 61 Jahren bzw. 42 Jahren die Subjective Expected Utility geprägt, also ein Modell des Homo Oeconomicus, in das die Realität nicht in der Weise einfließt, wie sie sich einem unabhängigen objektiven Beobachter darstellt, sondern so, wie sie sich demjenigen darstellt, der die Entscheidung trifft.

Das ist der Grund dafür, dass sich Soziologen und Ökonomen, die Entscheidungsmodelle aufstellen, seither bemühen, die Randbedingungen, unter denen Akteure entscheiden, zu erfassen. Es ist der Grund für die Entwicklung des strukturell-individualistischen Forschungsprogramms, das James S. Coleman, Michael Hechter, Peter Hedsträm, Siegwart Lindenberg, Karl-Dieter Opp,  Richard Swedberg und viele andere erarbeitet und seit mehreren Jahrzehnten verfeinert haben.

ColemannNur an Neurowissenschaftlern und ihren bunten Bildchen vom Gehirn scheint die Entwicklung dessen, was sie kritisieren wollen, gänzlich vorbei gegangen zu sein. Mehr noch, sie kritisieren ein Modell, einen Homo Oeconomicus, den es nie gegeben hat. Niemand hat jemals behauptet, dass sich Menschen immer und überall objektiv rational verhalten. Vielmehr haben Wissenschaftler Modelle entworfen, um die subjektive Rationalität des Verhaltens, die Gründe und in manchen Modellen auch die Motive, die ursächlich für eine bestimmte Handlungsentscheidung sind, zu modellieren.

Die einzigen, die tatsächlich zu glauben scheinen, der Homo Oeconomicus sei ein empirisches und kein normatives Modell, sind qualitative Verstehens-Fetischisten und nun auch ungenannte Neurowissenschaftler von der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Sie sind angetreten, um noch den letzten Rest Nachvollziehbarkeit, Verallgemeinerbarkeit und Aussagekraft aus den Sozialwissenschaften und den Menschenwissenschaften auszutreiben und, ganz nebenbei, das neue Bild des Menschen zu erschaffen.

Dieser neue Mensch ist aus ihrer Sicht ein Wahnsinniger, der nicht auf Randbedingungen reagiert, denn das wäre rational (und Rationalität ist ja eine Fata Morgana). Statt dessen reagiert er auf seine Emotionen, und wenn ihm seine Emotionen sagen: Spring vom 10-Meter-Brett in das Schwimmbecken, dann tut er dies ungeachtet der Tatsache, dass es Winter ist und das Schwimmbecken leer und er außerdem nicht schwimmen kann, was allerdings im vorliegenden Beispiel irrelevant ist, aber vielleicht fühlt er das nicht. Vielleicht vermitteln ihm seine Gefühle die Fata Morgana von 30 Grad im Schatten und mit Wasser gefülltem Schwimmbecken. Wer weiß?

Aber wir wollten den Spaß beiseite lassen – auch wenn es schwer fällt.

Derartige Versuche, wie der der Hamburger Akademie der Wissenschaften, Rationalität in Misskredit zu bringen, sind nicht lustig. Sie schaffen ganz nebenbei die Willensfreiheit und die Gesellschaftsfähigkeit von Menschen ab. Beide setzen Rationalität nämlich voraus:

Schlegel

Kostprobe romantischer Unsinns-Aphorismen – Friedrich Schlegel: “Wer ein System hat ist so gut wie geistig verloren, als wer keins hat. Man muss eben beides verbinden.” (aus der Kritischen Ausgabe seiner Werke)

Willensfreiheit setzt Rationalität voraus, denn die Formulierung eines Willens ist ein rationaler Prozess, muss sich der Wille doch in Handlung übersetzen, d.h. der Verstand ist zwangsläufig beteiligt, da der Wille formuliert und umgesetzt werden muss. Emotionen laufen am Verstand vorbei und machen Menschen zum Büttel des oder derjenigen, die gerade die Emotionen ausgelöst haben. Folglich handeln Menschen nicht aus ihrem eigenen Willen, denn das setzt Überlegung voraus, sondern auf Grundlage von Reizen, die bestimmte Emotionen bei Ihnen ausgelöst haben: Die Rückkehr der klassischen Konditionierung, dieses Mal für Menschen, nicht für Hunde.

Gesellschaftsfähigkeit meint die Fähigkeit, mit anderen eine Interaktion aufzunehmen und zu kooperieren. Beide, Interaktion und Kooperation, setzen Berechenbarkeit (Erwartungssicherheit) voraus. Wenn man guten Tag als Begrüßung zu jemandem sagt, muss man sicher sein, dass die Antwort nicht aus einer Ohrfeige besteht, weil dem Begrüßten gerade danach war. Wenn man zum Bäcker geht, um ein Brot zu kaufen, wird man nicht erwarten, dass der Bäcker die Polizei ruft, weil er gerade eine Angstepisode durchmacht und sich von Kunden bedroht fühlt.

Wer derart unverantwortlich mit Rationalität umgeht, wie die Akademie der Wissenschaften in Hamburg, der ist eine Gefahr für die Gesellschaft, wohlgemerkt, die Gesellschaft, nicht für die Lieblingsvorstellung der Deutschen, die Gemeinschaft, jenes romantisch verklärte, organische Etwas, das Ferdinand Tönnies in der Nachfolge der romantischen Fichte, Schelling und Schleiermacher der technischen oder mechanischen Gesellschaft gegenübergestellt hat.

Gemeinschaft wird entsprechend erfühlt, Gesellschaft muss geschaffen werden, durch rationale und nüchterne Entscheidungen. Es scheint, Deutschland gleitet immer weiter in die Welt der irrationalen Gefühls-Gemeinschaft ab, in der Emotionen regieren und Gesellschaft unmöglich ist.

Kann man Tote misshandeln?

Auf den Seiten von scinexx, der Online-Wissenschaftsseite von Springer und MMCD New Media, findet sich heute ein Beitrag über Neandertaler.

scinexxEin reißerischer Beitrag, der die moralische Integrität der und die menschliche Empatie, die man mit den guten alten Neandertalern haben konnte, “systematisch zerstückelt”, um mit dem Beitrag zu sprechen, denn: Die Neandertaler sind Leichenschänder!

Oder im Original: “Nicht gerade pietätvoll: In Frankreich haben Archäologen Neandertaler-Überreste entdeckt, die nach dem Tod systematisch zerstückelt und geschlagen wurden. Auch von anderen Fundstellen in Europa sind solche posthumen Misshandlungen bekannt. Ob dies als Teil eines Rituals geschah oder es von Kannibalismus unter den Neandertalern zeugt, ist bisher allerdings rätselhaft.”

Deshalb titelt der Beitrag: “Neandertaler misshandelten ihre Toten”.

Der Titel, wie der ganze Text, ist bestens geeignet, um einerseits den Fehlschluss der hasty generalization darzulegen und andererseits die Frage zu diskutieren, ob man Tote misshandeln kann, wie auf scinexx behauptet wird.

Vorschnelle Verallgemeinerung

Die Ergebnisse, die auf scinexx als Beleg für die Misshandlung von Toten durch Neandertaler bewertet werden und die Gewissheit begründen, dass Neandertaler ihre Toten misshandelt haben, basieren auf drei, 3, Knochen, nämlich einer Speiche (also einen Unterarmknochen), einem Wadenbein und dem Fragment eines Oberschenkelknochens. An zweien davon finden sich Schnitte und Frakturen, die von den Forschern, die diese Funde analysiert und berichtet haben, auf posthume neandertalische Einwirkung zurückgeführt werden.

Geralda Neanderthal

© Geralda, Maureille & Vandermeersch (2014: 102)

Die Forscher, Maria Dolores Garralda, Bruno Maureille und Bernard Vandermeersch haben ihre Analysen im American Journal of Physical Anthropology (Heft 1, 2014) und unter dem Titel “Neanderthal Infant and Adult Infracranial Remains from Marillac (Charente, France) veröffentlicht.

Der größte Teil des Beitrags ist der Frage gewidmet, ob die drei Knochen Neandertalern überhaupt zugerechnet werden können. Eine Frage, die die drei Forscher auf der Grundlage von “mainly … the archaeological context and the chronology” beantworten, also durch den Fundort und die Bodenschicht, in der die Knochen entdeckt wurden, sowie durch einen Vergleich mit anderen Knochen, die Neandertalern zugerechnet werden.

Selbst wenn man die Schlussfolgerungen von Garralda, Maureille und Vandermeersch teilt, nach denen die drei Knochen von Neandertalern, zwei Erwachsenen und einem Kind stammen, so scheint der Schluss darauf, dass die Neandertaler ihre Toten misshandelt haben, den man bei scinexx unbedingt ziehen zu wollen scheint, etwas weit hergeholt. In der Logik spricht man von einer übereilten Generalisierung wenn auf Grundlage von z.B. drei Knochen, die vielleicht Neandertalern zugeordnet werden können, auf alle Neandertaler und ihre Begräbnisriten geschlossen wird.

Aber das sind vermutlich für scinexx nur leichte Dehnungen der Belege, die vorhanden sind, denn: “auch von anderen Fundstellen in Europa sind solche posthumen Misshandlungen bekannt”. Garralda, Maureille und Vandermeersch kennen Schnitte und Frakturen, die toten Neandertalern beigebracht wurden, nur von Fundstellen in Spanien, also aus genau einem Land Europas (Seite 111 ihres Beitrags). Wenn man schon dabei ist, heftig und auf keiner empirischen Basis zu generalisieren, so mag sich der Schreiber bei scinexx gedacht haben, dann kommt es auf die kleine Übertreibung auch nicht mehr an.

Misshandlung von Toten

Bleibt noch die Frage, ob man Tote misshandeln kann, eine Frage, die sich eigentlich selbst als unsinng beantworten müsste, setzt doch eine Misshandlung, die vom Strafgesetzbuch z.B. zum Tatbestand der Köperverletung gezählt wird, ein Opfer voraus, das die Misshandlung auch erfahren kann. Aber nicht nur deshalb ist es nicht möglich, Tote zu misshandeln, es ist aus demselben Grund nicht möglich, aus dem man Tote nicht mehr beleidigen kann: Die merken nichts mehr!

Ach ja: “Zerstückelt” haben die Neadertaler ihre Toten auch nicht, den die Knochen, die von Garralda, Maureille und Vandermeersch untersucht wurden, sind weitgehend vollständig, einzige Ausnahme, der Oberschenkelknochen, der nur als Fragment gefunden wurde.

Neanderthal manFast scheint es, als sei die morbide Phantasie hier mit dem scinexx-Autor durchgegangen, vermutlich aus Enttäuschung, weil die Indizien, die Garralda, Maureille und Vandermeersch zusammengetragen haben, dagegen sprechen, dass die Neandertaler ihre Toten nicht nur “misshandelt”, sondern auch gegessen haben. Folglich kann man die Neandertaler nicht als Kannibalen beschimpfen. Zu dumm.

Bleibt nur die Misshandlung in den Worten des scinexx-Autoren, die Misshandlung von Toten, die man heute z.B. noch in Tibet findet, wo Tote zerstückelt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen werden. Man nennt das auch ein religiöses Ritual, d.h. diejenigen, die außerhalb kultureller Engstirnigkeit und kleinbürgerlicher Bornierung zu denken im Stande sind, nennen es so. Leute, die zu diesen Gedanken fähig sind, sind auch diejenigen, die sich vorstellen können, dass Archäologen, wenn sie in 2000 Jahren auf die Überreste christlicher Kulturen stoßen, denken werden, Christen seien eine männerfeindliche Horde gewesen, hätten Männeropfer an Kreuzen gebracht, in rituellen Zusammenkünften das Blut ihrer Opfer getrunken und seien auch ansonsten sehr gewalttätige und blutrünstige Monster gewesen.

Aber lassen wir das.

Garrralda, Maria Dolores, Maureille, Bruno & Vandermeersch, Bernard (2014) Neanderthal Infant and Adult Infracranial Remains from Marillac (Charente, France). American Journal of Physical Anthropology 155(1): 99-113.

Akademische Gotteskrieger

Vermutlich als Erbe der Romantik hat sich in den deutschen Sozialwissenschaften eine Tradition gehalten, die man als schwärmerischen Versuch, Wissenschaft zu betreiben, charakterisieren kann. So wie Romantiker versucht haben, mit der Natur eins zu werden, so versuchen schwärmerische Akademiker in ein Gebiet einzutauchen und hoffen, dass ihr Zustand des geistigen Abtauchens mit einer Offenbarung belohnt wird, einer Offenbarung über Wichtigkeit und Richtigkeit.

Da die Schwärmer auf Intuition vertrauen, sind sie bar jeder wissenschaftlichen Methode, kennen kein geordnetes oder strukturiertes Vorgehen und beherrschen keinerlei Methodologie, die es ihnen erlaubt, sich einem Forschungsgegenstand zu nähern. Entsprechend wären sie verloren im Meer der wahrnehmbaren Dinge, hätten sie nicht etwas, woran sie sich festhalten können, etwas, was ihnen Orientierung und Halt in der feindlichen Welt gibt: Ihren Glauben.

Dieser Glaube ist auf von außen nicht nachvollziehbare Weise geformt. Vermutlich sind sozialisatorische Einwirkungen für seine Formation verantwortlich. Der schwärmerische Akademiker ist auf irgendeine Weise zu seinem Glauben gekommen und vor lauter Freude, endlich etwas gefunden zu haben, das ihm Halt und Orientierung gibt, verteidigt er seinen Glauben gegen alles, was ihn in Frage stellt. Entsprechend versucht er die Welt von all den Kritikern und Faktenversessenen, die seinen Glauben gefährden, zu reinigen. Er wird zum akademischen Gotteskrieger.

Im Englischen gibt es die Unterscheidung zwischen “academic” und “scientific”. Letzteres bezeichnet Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit, ersteres wird regelmäßig in der Bedeutung “müßig”, “überflüssig” oder “sinnlos” gebraucht. Wann immer es keinen Sinn (mehr) hat, über etwas zu streiten oder darüber nachzudenken, weil z.B. die Zeit eine entsprechende Entscheidung überholt hat, hat man eine gute Chance den Ausdruck “It’s academic” zu hören. Und in dieser Funktion haben wir ihn zu schätzen gelernt, erlaubt es der Begriff academic oder akademisch doch, institutionalisierte Lehrstuhlinhaber, die Wissenschaftler spielen, von richtigen Wissenschaftlern zu unterscheiden. Und in dieser Weise benutzen wir den Begriff “akademisch”.

Entsprechend sind akademische Gotteskrieger Personen, die es irgendwie an Universitäten geschafft haben, die sich dort mit dem Mantel der Wissenschaft maskieren, obwohl er ihnen zu groß ist und unter dem Schutz ihrer Bemantelung versuchen, ihren Glaubens zu verbreiten.

Rolf Pohl ist ein solcher akademischer Gotteskrieger.

Rolf Pohl besetzt einen Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Hannover. 1996 hat Pohl habilitiert und die Venia Legendi für Sozialpsychologie erhalten, d.h. er ist berechtigt, Sozialpsychologie zu lehren. Sozialpsychologie ist eines der Fächer, deren Korpus an Erkenntnis auf Experimente zurückgeht. Tatsächlich hat die Sozialpsychologie eine lange Tradition herausragender Experimente: Gordon Allport, Stanley Milgram, Muzafer Sherif, Amos Tversky, Daniel Kahneman, sie haben die Sozialpsychologie durch ihre Experimente geprägt. Eine Sozialpsychologie ohne Experimente, ohne empirische Forschung ist nicht vorstellbar.

Entsprechend irritiert ist man beim Lesen der Veröffentlichungsliste von Rolf Pohl. Pohl schreibt zur

    • “Aktualität der Freudschen Sexualtheorie”,
    • zu “Männlichkeit, Destruktivität und Kriegsbereitschaft”,
    • zu “Geil auf Gewalt”,
    • zu “Angst, Lust und Zerstörung”,
    • zu “Normalität und Pathologie”,
    • er schreibt über “Paranoiode Kampfhandlung, über Fremdenhass und Gewaltbereitschaft bei männlichen Jugendlichen”,
    • zum “Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen”,
    • über “Vater ist der Beste. Über die Wiedergeburt eines Helden im sozialwissenschaftlichen Famliendiskurs”,
    • über “Genitalität und Geschlecht. Überlegungen zur Konstitution der männlichen Sexualität”,
    • über die “Männliche Sexualität und ihre Krise”,
    • über “Männer, das benachteiligte Geschlecht -Weiblichkeitsabwehr im Diskurs über die Krise der Männlichkeit”,
    • zur “Sozialpsychologie des Krieges: Der Krieg als Massenpsychose und die Rolle der militärisch-männlichen Kampfbereitschaft”,
    • über “Das ‘eigene’ und das ‘andere’ Geschlecht. Adoleszenz, Männlichkeit und Gewaltbereitschaft”,
    • über die “Zerstörung der Frau [welcher?] als Subjekt” und
    • über “Militarisierte Männlichkeit im Spannungsfeld von Krieg und Frieden”.

    Anhand dieser Veröffentlichungstitel hat man schon einen recht guten Eindruck davon, welcher Glaubensrichtung Rolf Pohl anhängt. Er gehört offensichtlich zu denjenigen, die Sexualität überall lauern sehen, die Männlichkeit und männliche Sexualität problematisieren, nur in Verbindung mit Gewalt zu denken in der Lage sind und von hier nur einen kurzen Schritt machen müssen, um bei Krieg und Nationalsozialismus anzukommen. Eine einfache Welt, die Rolf Pohl da bewohnt.

    Die Studenten von Rolf Pohl lernen über den Nationalsozialismus und seine Ursachen, von der neuen Segregation der Geschlechter, von Ärzten im Nationalsozialismus, von der Sozialpsychologie des Antisemitismus, und sie lesen “Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir.

    Was beim Blick über die Tätigkeiten von Rolf Pohl ins Auge sticht, ist nicht in erster Linie die Fixierung auf Männlichkeit, Sexualität und Nationalsozialismus, es ist vielmehr das Fehlen von allem, was Sozialpsychologie ausmacht: Hypothesen, empirische Studien, Experimente, die Prüfung von Hypothesen, das, was Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialpsychologie im Besonderen charakterisiert, das ist bei Rolf Pohl, der einen Lehrstuhl für Sozialpsychologie verwaltet, wie er schreibt, nicht vorhanden.

    Gollwitzer SozialpsychoDas wäre an sich nicht weiter schlimm. Es gibt Wissenschaftler, die sich mit der Zusammenfassung und der Vermittlung der Arbeiten, die andere geleistet haben, beschäftigen, die Lehrbücher verfassen, in denen sie den Kenntnisstand ihres Faches wiedergeben, in denen sie einen Überblick darüber geben, was in ihrem Fach geleistet wurde und welche Ergebnisse das Fach vorzuweisen hat.

    Doch das macht Ralf Pohl auch nicht.

    Was macht er dann?

    Ralf Pohl reklamiert für sich die Rolle eines auktorialen Erzählers, der in die Welt blickt, Dinge erblickt, die ihm nicht gefallen, der genau weiß, warum es die Dinge gibt, die er sieht und warum sie ihm nicht gefallen, und der diese Dinge geißelt, denn: Er hängt einem festen Glauben an, von dem aus er die Welt bewertet. Er ist ein akademischer Gotteskrieger par excellence, der die Welt mit seinen Einsichten, die zu ihm kommen, wie die Offenbarung zum Propheten, beglückt.

    Dies wird deutlich in einem Interview, das Pohl der Taz gegeben hat und bei dem es sich um einen Extrakt aus einem Vortrag handelt, in dem Pohl über “Männer – das benachteiligte Geschlecht?” sinniert. Zeichnet sich schon sein Vortrag dadurch aus, dass er aus persönlichen Einsichten und Betrachtungen anstelle von Fakten, Hypothesen, logischen Analysen oder empirischen Ergebnissen besteht, so ist sein Interview das Konzentrat seiner persönlichen Eindrücke über das Universum, das Leben und vor allem die Männlichkeit.

    Denn: Um uns herum ist alles hegemoniale Männlichkeit, so erklärt er. Wenn Sie denken, Angela Merkel sei ein weiblicher Bundeskanzler, dann denken Sie das nur, weil sie die männlichen Rollenerwartungen, die an das Amt des weiblichen Bundeskanzlers gestellt werden, nicht berücksichtigen. Da nützt es Merkel nichts, dass sie weiblich ist, denn sie ist umgeben von feindlichen männlich hegemonialen Rollenerwartungen.

    Das glauben Sie nicht?

    Nun, das liegt daran, dass die männliche Hegemonie Erkenntnissen von Pohl zufolge “unbewusst stattfindet”, männliche Hegemonie ist für Pohl also eine Hegemonie, die man nicht bemerkt, jedenfalls nicht bewusst, so wie man nicht bemerkt, das wir alle zur Zeit vom Osterhasen beherrscht werden – aber das nur am Rande.

    Truth leaksMännliche Hegemonie ist fies, denn sie unterdrückt diejenigen, die sich Pohl nur als passive Rezipienten, unfähige Idioten und ewige Sklaven der männlichen Hegemonie, als Zellhaufen ohne Eigeninitiative vorstellen kann: Frauen (ob hier seine männliche Hegemonie ganz unbewusst mit ihm durchgegangen ist?), denn: “Männer generieren auch Macht in ihrer Beziehung, indem sie Aufmerksamkeit verweigern, hinhalten, Aufgaben vergessen, Bedürfnisse ihrer Partnerin ignorieren”, so weiß Rolf Pohl.

    “Männliche Identität ist so konstituiert”, so verkündet der männliche Pohl und fährt fort: “Zu dieser Identität gehört das unbewusste Bedürfnis, sich aufzuwerten, indem Frauen abgewertet werden”. Hier muss die Selbsterkenntnis mit Pohl durchgegangen sein, der den Unsinn, den er in seiner hegemonialen Männlichkeit erzählt, offensichtlich dadurch aufwerten will, dass er Frauen zu unfähigen und zu keiner Reaktion, geschweige denn Missfallenskundgebung fähigen Statisten erklärt – eine Hypothese, die er leicht falsifizieren könnte, wenn er seine Angst vor Frauen überwände, die er fälschlicherweise allen Männern zuschreibt, und sich in die Gesellschaft einer Frau trauen würde. Wir schlagen Dr. habil. Heike Diefenbach vor, sofern sie dazu Lust hat, denn eine einzige Anmerkung derart, Frauen würden durch hegemoniale Helden wie Rolf Pohl unterdrückt, würde vermutlich ausreichen, um handfest oder argumentativ, je nach Tagesform, des Gegenteils belehrt zu werden.

    Das ganze unsägliche Interview, in dem Pohl seine Probleme mit seiner Männlichkeit zu bearbeiten scheint (das ist eine Hypothese, die wir gerne am lebenden Pohl prüfen würden), ist – wie gesagt – ein Konzentrat eines Vortrags mit dem Titel “Männer – das benachteiligte Geschlecht“.

    Im Gegensatz zum Interview, in dem sich Pohl nur als Wissenschaftler geben muss, erhebt er mit dem Vortrag den Anspruch, Wissenschaftler zu sein, als Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

    Und er versagt auf der ganzen Linie.

    Pohl füllt 22 Seiten mit Betrachtungen über (abermals) das Universum, das Leben und Männlichkeit. Niemand weiß, warum er seine Betrachtungen anstellt. Niemand weiß, warum seine Betrachtungen relevant sein sollen. Niemand kann dem Text entnehmen, welchen Erkenntnisgewinn man aus den Betrachtungen von Pohl hat. Das einzige, was man nach dem Lesen des Vortrags weiß, ist, wie Rolf Pohl die Welt sieht und vor allem: wie er sie bewertet – oder bewältigt.

    Warum er die Welt sieht, wie er sie sieht, wie er seine Sichtweise begründet, belegt und damit nachvollziehbar macht, wie er seine Betrachtungen aus dem Status subjektiven Geschreibsels in den Status wissenschaftlicher Erkenntnis überführen will, ist so unklar wie die Methode, die Pohl zu seinen Bewertungen und Betrachtungen geführt hat.

    Das ist auch kein Wunder, denn Pohl benutzt keine Methode. Er braucht keine Methode, denn es geht ihm nicht um Erkenntnis. Es geht ihm um Bewertung. Er hat kein Interesse daran, seine Betrachtungen auf Richtigkeit hin zu prüfen, denn er weiß, dass sie richtig sind. Sie stimmen mit seinem Glauben überein, also müssen sie richtig sein. Aus dem selben Grund muss alles, was seinem Glauben widerspricht, falsch sein.

    Rolf Pohl ist ein akademischer Gotteskrieger, dessen Auftrag darin besteht, Ausschau nach Kritik zu halten und nach Widerspruch zu seinem Glauben zu fahnden, den entsprechenden Widerspruch, die entsprechende Kritik abzuwerten, abzutun, zu diskreditieren, nicht etwa, sich damit auseinander zu setzen. Dazu wären Argumente notwendig, was wiederum die Bereitschaft voraussetzt, den eigenen Glauben in Frage zu stellen, eine Bereitschaft, die akademische Gotteskrieger wie Rolf Pohl nicht haben.

    Sie haben nur das Ziel zu diskreditieren und dabei überlegen, erhaben und gut zu erscheinen (es geht ausschließlich um den Schein, mit dem leichtgläubige Gemüter getäuscht werden sollen. Dass sich Pohl unter Wissenschaftlern diskreditiert und lächerlich macht, sollte klar sein.). Und dazu ist jedes Mittel recht, wie die folgende Passage aus seinem vermeintlich wissenschaftlichen Vortrag zeigt:

    Unter der Überschrift “Die Kampagne gegen den ‘Verdammungsfeminismus'” bemängelt Rolf Pohl das Folgende:

    “Dazu gehört die Tatsache, dass historische Kontexte systematisch entweder vernachlässigt, umgedeutet oder monokausal, mit klaren Schuldzuweisungen verkürzt werden, dass soziologische Differenzierungen ebenso fehlen, wie irgendeine Beschäftigung mit Theorien und Kontroversen der neueren Geschlechterforschung und dass jede kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ungleichheitslagen auf das manichäistische Weltbild eines die Männer beherrschenden und unterdrückenden Feminats zusammenschrumpft. Besonders auffällig sind dabei der (fast) durchgängig polemische Stil, ein aggressiver Anklagegestus und eine projektiv erzeugte, von starken Affekten begleitete Feindbildkonstruktion.”

    Leser mögen ihr Augenmerk vor allem auf die monokausalen Schuldzuweisungen, den fehlenden historischen Kontext, die kritische Auseinandersetzung mit Ungleichheit, den polemischen Stil, den aggresiven Anklagegestus und die Feindbildkonstruktion legen.

    Der Mangelliste folgt der Versuch einer Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Gerhard Amendt, den Pohl wie folgt abschließt:

    “Amendts abenteuerliche Behauptungen sind zu großen Teilen pseudowissenschaftliche Konstrukte, die durch ihre selektiven Wahrnehmungsverzerrungen, ihre projektiven Realitätsumdeutungen, ihren manichäistischen Welterklärungscharakter und ihre verschwörungstheoretische Annahmen sowie durch den aggressiven antifemininen Abwehrgestus Züge eines paranoid eingefärbten Hirngespinstes tragen. Es geht um eine medienwirksame irrationale Kampagne in der Sprache des Ressentiments, die mit missionarischem Eifer geführt wird. Nun ist diese Kampagne nicht allein Amendts Privatfeldzug. Seine Positionen sind nicht nur für die sogenannten „Malkulisten“ [Fehler im Original] attraktiv (vgl. http://www.maskulist.de), für die der vom „Femifaschismus“ beabsichtigte „Genozid an den Männern“ spätestens seit der Einführung des Scheidungsrechts ausgemachte Sache zu sein scheint.”

    Aggresiver Stil, Polemik, Behauptungen ohne Begründung, Bewertungen ohne Begründung, keinerlei Bezug auf den gesellschaftlichen Rahmen und seine Ungleichheitsstrukturen, ein aggresiver Anklagegestus, eine Feindbildkonstruktion und monokausale Schuldzuweisungen, die sind offensichtlich nur dann erlaubt, wenn sie Rolf Pohl macht. Mehr noch, ihm ist darüber hinaus die Schmähung, Beleidigung und Diffamierung derer erlaubt, die er als seine Feinde identifiziert hat.

    Und während man bei Nicht-Wissenschaftlern hier an das Glashaus denken würde, aus dem heraus man keine Steine werfen soll, kann man bei jemandem, der Wissenschaftler zu sein vorgibt, der Studenten ausbildet, nur betroffen sein, ob der Ärmlichkeit seines Vortrags, ob der nicht vorhandenen wissenschaftlichen Standards und ob des gänzlich fehlenden, Menschen eigentlich auszeichnenden Anstands.

    Aber wozu sollte Rolf Pohl wissenschaftliche Standards einhalten? Er ist ein akademischer Gotteskrieger, der für seinen Glauben kämpft, und deshalb alle bekämpft, die nicht seinem Glauben anhängen – mit welchen Mitteln auch immer und ohne Rücksicht auf Anstand, Ethik oder Moral. Zumindest wissen wir jetzt, warum es immer mehr Studenten gibt, die denken “Cross Tabs” sei eine bewussteinserweiternde Tablette (und nicht etwa ein Befehl in SPSS), und warum es immer mehr Studenten gibt, die gar nicht wissen, was man von ihnen will, wenn man sie nach einer Begründung für ihre Behauptungen fragt.

    Akademische Gotteskrieger, die sich als Soziologen oder Sozialpsychologen in Hannover, Berlin, München oder anderswo ausgeben, sind dafür verantwortlich.

    Langsam nimmt die Zahl derer, die an Hochschulen ihre persönlichen Probleme bewältigen und Feldzüge gegen diejenigen führen, denen sie die Schuld an ihrer Misere zuweisen, in einer Weise zu, dass es selbst den Vertretern der Profession auffallen müsste. Entsprechend sollten Fächer wie die Soziologie oder die Politikwissenschaft, die vor Jahren noch dem, was Thomas Kuhn die normalwissenschaftliche Phase genannt hat, am nächsten gekommen sind, langsam Schritte einleiten, um die Standards des Faches durchzusetzen und zu verhindern, dass Positionen in der institutionalisierten Wissenschaft für persönliche Vendetten missbraucht werden.

    Und wenn es die Fachvertretungen nicht schaffen, dann wird Kultusministerien nichts anderes übrig bleiben als ihrerseits einzuschreiten. Immerhin sollen an Universitäten junge Menschen ausgebildet werden. Es sollen ihnen Erkenntnis und Methoden zur Erkenntnisgewinnung vermittelt werden, sie sollen nicht Zeugen psychiatrischer Selbstversuche werden, mit denen die entsprechenden Stelleninhaber versuchen, ihre Komplexe zu bearbeiten. Junge Menschen sollen an Hochschulen auch nicht in Therapiegruppen zusammengefasst werden, die dem Zweck dienen, die Probleme des Dozenten zu sozialisieren, um dann in die Welt geschickt zu werden und das Übel, das sie über den Dozenten befallen hat, aus kathartischen Zwecken zu beklagen.

    Die gesellschaftlichen Kosten, die von jungen Menschen ausgehen, die im Verlauf ihrer wissenschaftlichen Ausbildung so beschädigt werden, dass sie nur noch als Aktivisten und ohne Sinn und Zweck durch die Welt laufen, sind eigentlich zu hoch – sollte man meinen.

Szenen eines Lebens: Die Luise hinter der Pusch

Eine historische Erklärung, so hat es Carl Hempel formuliert, muss bei Gesetzen beginnen, bei allgemeinen Handlungsgesetzen und die Situation, in der gehandelt wird, in Rechnung stellen. In ähnlicher Weise hat es Karl-Raimund Popper im 10. Kapitel der Offenen Gesellschaft am Beispiel seiner Analyse von Platon durchexerziert: Die Analysen der vorausgehenden neun Kapitel lassen für Popper nur den Schluss zu, dass Platon “ein totalitärer Parteipolitiker war, dem bei seinen unmittelbaren praktischen Unternehmungen der Erfolg versagt blieb …” (Popper, 1992: 203).

Offene GesellschaftMit anderen Worten: Platon ist für Popper eine gescheiterte Existenz. Platons einziges Bestreben geht entsprechend dahin, “die ihm verhaßte Zivilisation zum Stillstand zu bringen, ja sogar zu vernichten” (Popper, 1992: 203). Damit verweist Popper auf eine psychologische Erklärung, die Platon letztlich als psych-pathologische Persönlichkeit modelliert.

Da Platon nicht mehr lebt, kann sein psychischer Zustand natürlich nicht untersucht werden. Und das war auch in der ersten Hältfe des 20. Jahrhunders nicht mehr möglich, in der Popper seine Offene Gesellschaft geschrieben hat.

Was tun?

Das, was man über Palton weiß, das, was er geschrieben hat, das was andere über ihn gesagt haben, sammeln, den historischen Kontext rekonstruieren und, jetzt kommt die spezifische Wendung, die Popper der Wissenschaft gegeben hat: Versuchen, die Annahme, Platon sei ein Psychopath, der die Zivilisation vernichten will, zu widerlegen.

Erst wenn es nicht gelingt, die Annahme zu widerlegen, kann man davon ausgehen, dass Platon ein Psychopath war.

Manche Vorschläge, die heutzutage vorgebracht werden, führen bei uns zu der Überzeugung, dass derjenige, der sie vorbringt, entweder (1) nicht weiß, wovon er redet oder (2) nicht alle Tassen im Schrank hat oder (3) sich nicht überlegt hat, was er da sagt oder (4) eine neurotische oder auch psychopatische Persönlichkeit ist, die auf Basis des Scheiterns der eigenen Existenz, der eigenen Hoffnungen und Wünsche und Ziele, wild um sich schlägt und versucht zu verhindern, dass es anderen besser geht.

Nehmen wir z.B. Luise Pusch und ihren Vorschlag, in Cockpits eine Frauenquote durchzusetzen, ein Vorschlag, zu dem wir alles geschrieben haben, was es dazu für uns zu sagen gibt. Bleibt die wissenschaftlich interessante Frage zu klären: Wer ist der Mensch hinter der Forderung, die Luise hinter dem Pusch? Welche Motivation treibt Luise Pusch, welche der vier Annahmen über entsprechende Motivationen, die wir im vorherigen Absatz zusammengestellt haben, trifft auf sie zu? Trifft überhaupt eine zu?

PhysikerEin Bekannter, der in Heidelberg Pädagogik lehrt, hat uns auf ein Interview mit Luise Pusch aufmerksam gemacht und dieses Interview bereits mit seiner Bewertung an uns geschickt, eine Bewertung, die wir hier nicht weitergeben, um unsere Leser nicht bereits auf eine bestimmte Interpretation der Fakten zu stoßen.

Nein, wir wollen von unseren Lesern, dass sie die folgenden O-Töne von Luise Pusch lesen, werten und sich dann fragen, welche der vier Annahmen oben dadurch falsifiziert sind (Die Kommentarfunktion ist für die Antworten offen). Alle Zitate stammen aus einem Interview, das Luise Pusch der Taz gegeben hat.

“Ich war ja in meinem Fach immer sehr angesehen, habe alle Preise abgeräumt … und war eben die eine, die nicht berufen wurde. … Es hat sich zum Guten entwickelt. Aber akademischen Auswuchs ausbilden konnte ich nie … Unsere Studentinnen waren verwiesen an die antifeministischen Linguisten, die uns rausgeschmissen hatten. … Die Reaktion der Uni hat mich aufgeweckt und radikalisiert. Ich bin friedfertig. Aber es gibt Ungerechtigkeiten, die mich wütend machen, schon als Kind: Einmal habe ich gesehen, wie ein dicker Junge ein kleines Mädchen in die Pfütze gestoßen hat. Da habe ich mich auf ihn gestürtzt und ihm zwei Zähne ausgeschlagen. … Also habe ich geantwortet, um den Eindruck zu erwecken: Da ist nicht nur eine einzelne Verrückte, da muss ein Nest sein. … Nein, Märtyertum liegt mir nicht. … Außerdem hatte ich eine schwere Angstneurose. Ich ging täglich eine Stunde zur Psychoanalyse. Zum großen Teil war das bedingt durch die Angststrukturen der Männer-Uni. Die waren für eine ängstliche Frau, Neurotikerin und Lesbe in der damaligen Zeit geradezu tödlich. … Aber ich wurde immer mürber unter dem Druck der Gesellschaft. Wahrscheinlich war das mein erster Radikalisierungsschritt – der Selbstmord meiner Partnerin. … Erst einmal muss der politische Wille da sein, die Sprache als krank und reparaturbedürftig anzuerkennen. Wenn wir im Parlament 52% Frauen hätten, wie in der Bevölkerung, könnte ich mir vorstellen, dass diese Lösung durchgesetzt würde. …”

Anmerkungen:

Bei den antifeministischen Linguisten, die Luise Pusch “rausgeschmissen haben” handelt es sich u.a. um Rolf Krumsiek.

Die Lösung, die durchgesetzt werden soll (letzter Abschnitt) ist die freie Wahl von Artikeln, ob man der Depp, die Depp oder das Depp sagt, ist entsprechend dem Depp egal.

Längst überfällig: Intelligenzquote für Redaktionen!

Emma!

Vier Hinweise auf einen Beitrag in “Emma” finden sich heute in unserer Mailbox.
Am Wochenende!
Und auch Arne Hoffmann weist auf Emma hin.

EmmaEmma. Der Name Emma, steht für einen erstaunlichen intellektuellen Verfall. Einst hat Jane Austen “Emma” als Titel einer ihrer brillianten Novellen gewählt, ihrer Novellen voller Gesellschaftskritik und freundlichem Spott, voller intelligenter Analysen gesellschaftlicher Regeln und Normen. Heute ist “Emma” der Name einer Zeitschrift für alternde Genderisten, in der sich die Irrationalität ein Stelldichein gibt. Nichts ist geblieben, von der intellektuellen Brillianz, dem gutmütigen Spott und der subtilen Ironie, die noch Jane Austen’s Emma auszeichnen.

Statt dessen gibt es einen brachialen Unsinn, der jedem halbwegs mit Verstand Begabten Schmerzen bereitet und nach einer Intelligenz-Quote für die Emma-Redaktion rufen lässt.

Wir sind mittlerweile gestählt und erfahren im Analysieren von Unsinn. Wir haben uns daran gewöhnt, das man Unsinn dann, wenn er genderistisch daherkommt, tatsächlich steigern kann. Bei weniger erfahrenen und abgehärteten Lesern mag dies nicht der Fall sein. Deshalb schalten wir dem folgenden Text eine Warnung vor: Ihr Verstand kann um Hilfe schreien, wenn sie den folgenden Unsinn, Unsinn aus Emma, Unsinn von Luise Pusch lesen.

Seien Sie gewarnt.

“Amoktrips sind Männersache. Und die Lufthansa hat 94 Prozent männliche Piloten. Das sollte sie ändern, meint Luise Pusch. 14 der 16 im Airbus zerschellten “Schüler” sind Schülerinnen und die zwei “Lehrer” sind Lehrerinnen. Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich.”

Die Logik kennt den Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. Aber der Pusch-Fehlschluss, den wir hier vor uns sehen, ist ein Fehlschluss, der bislang noch nicht erfasst wurde. Die Erklärung ist wohl die, dass Logiker, die Fehlschlüsse beschrieben und gesammelt haben, mit Verstand begabte Wesen sind, und mit Verstand begabte Wesen finden sich regelmäßig, wenn es um Unsinn geht, mit einer Grenze dessen, was sie sich noch vorstellen können, konfrontiert. Nennen wir sie die Pusch-Grenze.

Während Luise Pusch diese Grenze nach unten problemlos zu nehmen im Stande ist, sperrt sich der herkömmliche Verstand, und zwar aus gutem Grund: An Bord von Germanwings 4U9525 waren 150 Menschen. Pusch weiß von 16 davon, dass Sie weiblich waren, daraus schließt sie: “Die Opfer sind überweigen Frauen”.

Das macht sprachlos. Denn es stellt u.a  die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf den Kopf und führt die Pusch-Wahrscheinlichkeit ein, die es erlaubt, von 5% Information auf die fehlenden 95% zu schließen. Ein völlig neues Verfahren, das Luise Pusch in Windeseile reich machen würde, denn die Kenntnis von nur einer richtigen Zahl im Lotto, erlaubte ihr den Schluss auf die restlichen sechs. Erlaubte, wäre der Pusch-Schluss nicht derart monströser Unsinn.

Niemand in der Öffentlichkeit weiß, wie viele Männer und Frauen an Bord von Flug 4U9525 waren, denn das Passagier-Manifest ist nicht veröffentlicht.

Ob mehr Männer oder Frauen gestorben sind, das interessiert außer geübten zwischen die Beine Blickern, die sich für nichts zu schäbig sind, auch niemanden. Denn im Tod sind alle gleich.

Nur für Luise Pusch nicht.

Sie versucht sogar Tote noch zu missbrauchen und ihre Leichenfledderei führt sie zu immer neuen Höhen der Geschmacklosigkeit:

“Ich möchte einen Vorschlag machen. Die Lufthansa sollte sich nicht nur für ihren Aufsichtsrat, sondern auch für ihre Cockpits eine Frauenquote verordnen. Höchste Zeit ist es allemal, denn zur Zeit gibt es bei der Lufthansa nur 6 Prozent Pilotinnen.”

Was Luise Pusch nicht weiß: Man kann nicht einfach zu Carsten Spohr gehen und sagen: Du, Carsten, ich will Pilotin werden. Pilot ist ein Ausbildungsberuf und wie bei MINT-Berufen, wollen sich mehr Männer der entsprechenden Ausbildung unterziehen als Frauen. Und Quotenfrauen als Pilot würden wir nur für Flugzeuge zulassen, in denen Luise Pusch und sonst niemand sitzt.

Warum Pusch eine Frauenquote im Cockpit will, sagt sie auch noch – wie gesagt, ihr ist nichts zu schäbig:

“Amokläufe […] sind Verbrechen, die nahezu ausschließlich von Männern begangen werden. Für Amokflüge, die offenbar häufiger vorkommen, als der Öffentlichkeit bewusst ist, gilt dasselbe. Die Lufthansa sucht verzweifelt nach Maßnahmen, um Katastrophen wie die mutmaßlich durch ihren Germanwings-Co-Piloten verursachte in Zukunft auszuschließen oder wenigstens unwahrscheinlicher zu machen. Auf das Nächstliegende – Frauenquote im Cockpit erhöhen – kommt niemand.”

Nun ist Luise Pusch auf diese ihr “nächstliegende” Idee gekommen, ist aber dennoch der Meinung, niemand komme auf dieses “Nächstliegende”, was nur den Schluss zulässt, dass Luise Pusch sich für niemand hält.

Nun zur Behauptung, Amokflüge kämen anscheinend häufiger vor, als der Öffentlichkeit bewusst ist. Dies Behauptung bedeutet schlicht: Frau Pusch hat keine Ahnung, wie oft derartige Amokflüge vorkommen, will das aber zum einen nicht zugeben, zum anderen will sie es nutzen, um Angst zu verbreiten, Angst vor den suizidalen Männern in den Cockpits.

Wäre Frau Pusch in der Lage, das Internet zu bedienen (und der englischen Sprache mächtig), sie käme möglicherweise irgendwann auf der Seite des Aviation Safety Networks an. Hier werden Flugunfälle und dergleichen dokumentiert. Auch so genannte Pilotenselbstmorde. Seit 1976 gibt es derer acht, bei denen außer dem Piloten noch mindestens eine weitere Person umgekommen ist, wobei Germanwings schon mit eingerechnet ist. Seit 1976 sind 39 Jahre vergangen, das macht einen Pilotenselbstmord rund alle 5 Jahre.

Somit folgt rein rechnersich und unter Berücksichtigung der Pusch-Wahrscheinlichkeit, dass Luise Pusch alle fünf Jahre den Flug identifizieren muss, in dem durch eine Frauenquote der Selbstmord des Piloten verhindert werden muss.

body countAuch wenn die logischen Konsequenzen, die aus dem Unsinn, den Pusch verbreitet, folgen, zum Lachen anregen, so vergeht dieses Lachen, wenn man bedenkt, mit welchem Weltbild Pusch herumläuft, welche impliziten Prämissen sie in ihrem Schädel formt (mit was auch immer). Die frappanteste Prämisse lautet: Frauen wären nicht in der Lage, Selbstmord zu begehen und ein Flugzeug in einen Berg zu flliegen.

Verallgemeinert man diese Prämisse, dann wird daraus die Überzeugung von Pusch, dass alles, was schlecht (oder alles, was Mut erfordert, je nach Betrachtungsweise) ist, von Männern ausgeht, alles was gut ist, von Frauen.

Diese Prämisse ist offensichtlich falsch, wie man mit einem einfachen Blick in die Welt feststellen kann. Aber man muss gar nicht in die Welt blicken, denn die Schäbigkeit, mit der Luise Pusch versucht, den Tod von 150 Menschen für ihre Genderista auszuschlachten, ist ausreichender Beleg dafür, dass auch Frauen zu Schlechtigkeit (oder zu abgrundtiefer Dummheit) fähig sind.

Wenn etwas derart intellektuell heruntergekommen ist, ein derart unterirdisches Niveau aufweist, wie Emma, ist es an der Zeit, die Konsequenzen zu ziehen und die Zeitschrift einzustellen. Da es nicht mehr tiefer geht, gibt es ja auch nichts mehr, was noch erreicht werden könnte. Was könnte noch unter dem erbärmlichen, widerwärtigen und schäbigen Versuch, aus dem Tod von Männer und Frauen ideologisches Kapital zu schlagen angesiedelt sein?

Eben.

Deshalb: “Emma – stell’ Dein Erscheinen ein! Es geht nicht mehr tiefer.”

Alternativ: Eine Männerquote in der Redaktion von Emma wäre ein MIttel, um intellektuelle Katastrophen wie diese zu verhindern.

Her Majesty the Baby: Infantilismus im 21. Jahrhundert

Von erwachsenen Menschen erwartet man unter anderem, dass sie über Urteilsvermögen verfügen, dass sie Dinge beurteilen können, z.B. aufgrund ihrer Erfahrung und dass sie über eine moralische und sittliche Reife verfügen, die dieses Urteilsvermögen erst möglich macht.

angrzBlickt man in die Runde und nimmt diejenigen ins Visier, die Repräsentanten von Wählern sein wollen, dann kommen die ersten Zweifel an der moralischen und sittlichen Entwicklung, die Menschen, die alle körperlichen Anzeichen eines Erwachsenen aufweisen, auszeichnen soll, und wenn die entsprechenden Repräsentanten dann den Mund aufmachen, dann kommen auch erhebliche Zweifel am Urteilsvermögen auf [Wie kann z.B. jemand auch nur rudimentäre Spuren von Urteilsvermögen haben, der versucht, sinnlose Gewalttaten zu rechtfertigen?]

Die Retardierung, die man bei den angesprochenen Repräsentanten feststellen kann, ihr Verbleiben oder ihre Rückkehr in eine infantile Haltung, findet sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, wo die vernünftige Argumentation dem primitiven Palaver gewichen ist, das regelmäßig der derogativen Wortonanie weicht, die dann nicht nur sprichwörtlich an das Baby erinnert, das mit hochrotem Kopf schreit, weil es nicht bekommt, was es will.

Die in Deutschland verbreitete Vorstellung, man könne Reziprozität verweigern und sich in die Arme des alimentierenden Staates flüchten, die Idee, man könne andere, deren Meinung gerade nicht passt, ausgrenzen und beleidigen und sicher sein, dass man nicht eines Tages mit eben diesen Menschen konfrontiert ist, in einer Interaktion konfrontiert ist, in der man auf deren Kooperation angewiesen wäre, diese Idee ist zu komplex, als dass sie für viele denkbar scheint. Das Verharren in einem Stadium kindlicher Verantwortungslosigkeit gepaart mit der infantilen Gier, alles in den Mund zu stecken, was mit den Händen erreicht werden kann, ist weit verbreitet.

Mit dieser Diagnose stehen wir mitnichten allein.

Einer, der sie bereits 1995 in einem Buch niedergeschrieben hat, ist Pascal Bruckner, den wir gerade wieder lesen. Wir wollen unseren Lesern die Passage, in der Bruckner die verbreitete Lust, im Stadium der Infantilität zu verharren, bespricht, nicht vorenthalten.

Bruckner“In unserer Gesellschaft gibt es zahlreiche Anzeichen für einen allgemeinen Vergnügungswillen, ein allgemeines Zurückgleiten zu Wiege und Rassel: viele erfolgreiche Filme haben Säuglinge zu Hauptpersonen, die schon Helden sind, bevor sie Milchzähne haben, Babys als Mannequins, junge Idole, die mit sieben bereits Multimillionäre sind, launisch und affektiert wie alte Stars […], Miniatursänger von vier Jahren, der Homunkulus, der zum Publikumsliebling wird und stotternd seinen Lebensüberdruß zum Ausdruck bringt. […] Dieser Einbruch der Kinder in die Rock- und Varietészene, das Kino, die früher Jugendlichen vorbehalten waren, diese Blüte von Akteuren und Schnulzensängern erreicht massenhaft jedes Publikum. Allenthalben überbieten sich Knirpse an Affektiertheit, um unsere Herzen zu rühren. Die Babys sind im Kleinformat die Götter unseres Universums, und sie haben die Teenager entthront, die noch gerade gut genug für die Rente sind. Der Imperialismus des Kleinkinds kennt keine Grenzen mehr, die kleinen Herren und Damen beherrschen uns in Sabberlätzchen und Windeln.

Die Erwachsenen säumen nicht, in die Kindheit zurückzufallen, die Uhren rückwärts zu stellen, das Geschehen umzukehren wie die Finger eines Handschuhs. […] ‘Bald ist Schluss mit dem Altern’, titelt eine Illustrierte. Eine unglaubliche Nachricht. Wenn das Altwerden schon nicht mehr eine Zeitfrage ist, wenn es möglich ist, nicht nur die Falten verschwinden zu lassen, die Figur zu verbessern, Haare zu implantieren, die Vergreisung aufzuhalten, vor allem aber, die biologische Uhr zurückzudrehen, dann müsste demnächst auch der letzte Feind, der Tod, besiegt sein. Alle Definitionen von normal und pathologisch werden umgekehrt: Nicht krank sein ist noch das geringste. Man muss uns zuerst von jener tödlichen Krankheit heilen, die Leben heißt, da dies eines Tages zu Ende ist. Man unterschiedet nicht mehr zwischen den Dingen, die gemildert werden können – Aufhalten des körperlichen Verfalls, Verlängerung des Lebens – und dem Unvermeidlichen, der Endlichkeit und dem Tod. Dieser ist nicht mehr das normale Ende des Lebens, sozusagen die Bedingung dafür, dass es das Leben gibt, sondern ein Scheitern der Therapien, die vor allem anderen verbessert werden müssen. Die Maschinen und die Wissenschaft behaupten, sie befreien uns von Zwängen und Mühsal; nun wollen wir uns vom Werden freimachen. Die Moderne gaukelt uns die baldige Beherrschung des Lebens vor, das Vordringen zu einer ‘zweiten Schöpfung’, die nicht mehr von den Zufällen der Natur abhängig ist. Nicht, dass wir sie anstreben, erscheint und irrig, wohl aber die Tatsache, dass sie durch diverse Hindernisse erst so spät realisiert werden kann.

Das aberwitzige Streben nach Vernatwortungslosigkeit zeigt sich auf prosaischere Weise im Fernsehen oder im Radio am Überhandnehmen von schlechtem Niveau (Witzen über Körperteile, schlüpfrigem Humor, dummen Sprüchen und Pennälerwitzen […]). Es ist, als sollten die Zuschauer, von überkandidelten Spaßmachern angeheizt, gemeinsam alle Hemmungen ablegen, ein paar Stunden lang Gewohnheiten und Konventionen vergessen und sich ausgiebig einem glückseligen Schwachsinn hingeben. Wie das zweijährige Kind […], das eine elektromagnetische Ladung abbekommen hat, ein mehrere Meter hoher Riese wird, über Häuser und Gebäude steigt, Wagen und Busse mit seinen kleinen Füßen zertritt und die ganze Stadt tyrannisiert, sind auch wir aus Versehen groß geworden, ohne dass unser Geist mitgewachsen ist, und wir weichen vor keinem Mittel zurück, unsere Kindheit zu verlängern, die durch zu starke Belichtung weiter in uns existiert. Da sich das eigentliche Leben vorher abspielt, verüben wir an uns selbst eine wahre Verführung Minderjähriger und wenden den Lauf der Zeit nach rückwärts, zum Land der ewigen Jugend.

Man wird einwenden, dass es sich hierbei um Verrücktheiten handelt, die viel zu grell und auffällig sind, als dass man ihnen Bedeutung zumessen könnte. Damit jedoch solche seltsamen Dinge möglich sind, müssen wir schon so sehr von Infantilismus durchdrungen sein, dass unsere ganze Umgebung von ihm beeinflusst wird und er sich uns mit einer Selbstverständlichkeit präsentiert, die wir gar nicht mehr bemerken. Es ist, als müsse die Kindheit, in der ersten Person zu sprechen, mit einer furchtbaren Strafe bezahlt werden. Der neue abendländische, nach rückwärts gewandte Adam zerstört sich genüßlich in kindlicher Dummheit, Verwöhnung und Albernheit, Hauptsache, er genießt die Wohltaten dieser Zeit ohne die Fesseln, die eigentlich von ihr zu erwarten sind. Die ‘Kindlichkeit’ unserer Gesellschaft hat nichts mit der zu tun, die es in der traditionellen Welt gab, sie ist nachgeahmt und parodistisch, eine Abweichung von der durch Weißheit und Erfahrung gesetzten Norm. […]
Der Infantilismus des Abendlandes hat nichts mit der Liebe zur Kindheit zu tun, sondern mit der Suche nach einem Zustand außerhalb von Raum und Zeit, in dem alle Symbole dieses Alters hochgehalten werden, um sich daran zu berauschen. Er ist eine Fälschung, eine fratzenhafte Usurpierung, er verunglimpft die Kindheit ebenso, wie er auf dem Reifsein herumtrampelt und bewirkt eine schädliche Verwirrung zwischen dem Kindlichen und dem Kind. Das Baby wird zur Zukunft des Menschen, wenn der Mensch keine Verantwortung mehr für die Welt und für sich übernehmen will.” (Brucker, 1999: 109-113)

Brucker, Pascal (1999). Ich leide also bin ich. Die Krankheit der Moderne. Berlin: Aufbau Taschenbuch-Verlag.