Sprachspiele statt Wissenschaft?

Empirische Befragungen, Umfragen oder auch Meinungsumfragen genannt, haben sich seit dem Jahre 1940 als Paul F. Lazarsfeld, Bernard F. Berelson und Hazel Gaudet mit der Erie County Study die Grundlagen nicht nur quantitativer empirischer Sozialforschung gelegt haben, zu einem festen Bestandteil der Erforschung menschlichen Handelns und vor allem menschlicher Einstellungen entwickelt.

Voting BerelsonDie Popularität der Erforschung durch Befragung hat dazu geführt, dass die methodischen Probleme, die mit dieser Art der Datenerhebung verbunden sind, in den Hintergrund getreten sind und fast jeder, der in der Lage ist, Fragen oder Aussagen zu formulieren, heutzutage der Ansicht ist, er könne eine Befragung durchführen und die Ergebnisse hinterher als Stein der Weisen verkaufen.

Vor allem die Einstellungsforschung hat in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung erlebt, der selbst die Kursentwicklung der Aktie von Apple in den Schatten stellt.

Kaum eine Institution, die sich nicht für Einstellungen der einen oder anderen Art interessiert.

Die Europäische Kommission interessiert sich für die Einstellungen der Europäer zu Europa und zur Europäischen Union und finanziert mit dem Eurobarometer eine regelmäßige Befragung, die sich immer mehr zum Fragenmoloch entwickelt hat.

Unternehmen interessieren sich für die Einstellungen von Kunden zu Produkten, zu ihrem Unternehmen, sie interessieren sich für Kundenzufriedenheit, die richtige Art und Weise der Mitarbeiterführung, die richtige Mitarbeitermotivation und vieles mehr.

Nicht zu vergessen, die ganzen Parteien und politischen Institutionen, die sich für die politische Einstellung von wem auch immer interessieren. All die Konstrukte von Rechtsextremismus bis Anomie, von Emotion bis politischer Identifikation, von Religiosität bis Technophobie, vom politischer Partizipation bis zum Repressionspotential, sie alle wären nicht möglich, gäbe es nicht entsprechende Einstellungsskalen, die die Messung von Konstrukten, die in der empirischen Sozialforschung als latente Variablen bezeichnet werden, und zwar deshalb, weil man sie nicht direkt messen kann – sondern konstruiert werden müssen, möglich machen sollen (denn Rechtsextremismus gibt es nicht als solchen, er ist ein erdachtes Konstrukt, was oft und gerne vergessen wird, aber jeder merkt, wenn er versucht, ein Kilo Rechtsextremismus zu kaufen.).

Und weil man derart Konstrukte nicht direkt messen kann, muss man sie indirekt erschließen. So wird eine rechtsextreme Einstellung durch eine Reihe von sogenannten Items erfasst, d.h. von Aussagen, für die man annimmt, dass sie eine gemeinsame Dimension, die man als Rechtsextremismus beschreiben kann, umfassen. Wer sich ein Bild darüber machen will, welche Bedeutung und Verbreitung Skalen zur Messung von Einstellung in der empirischen Sozialforschung haben, der soll sich ein wenig Zeit nehmen und sich durch das ZUMA Informationssystem (ZIS) klicken.

Wer dies tut, findet eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Skalen, die zur Messung der unterschiedlichsten Einstellungen entwickelt wurden, Skalen wie die folgende, mit der Umweltbewusstsein gemessen werden soll.

Umweltbewusstsein

Andere Einstellungen wie Rechtsextremismus, Anomie oder politische Partizipation oder politisches Engagement oder transformationaler Führungsstil oder Motivation werden mit ähnlichen, zuweilen umfangreicheren Aussage-Skalen erhoben. Mit statistischen Verfahren, vornehmlich mit der von Cronbach entwickelten Reliabilitätsanalyse und mit der Faktorenanalyse werden die Antworten auf die Aussagen dann zusammengefasst und zu der Einstellung gebündelt, die man damit messen wollte.

Diese Zusammenfassung von im Beispiel Aussagen, die Umweltbewusstsein messen sollen, basiert auf drei Annahmen:

  • Schnell hill esser neuDie Aussagen, die zur Messung der Einstellung genutzt werden, sind voneinander hinlänglich unabhängig.
  • Die Antworten von sagen wir 1000 Befragten auf die Aussagen, zeigen eine hinreichende Konsistenz, so dass es möglich ist, Umweltbewusstsein zu erschließen. Im vorliegenden Beispiel erwartet man z.B., dass ein Befragter, der der Aussage zustimmt,”Wissenschaft und Technik werden viele Umweltprobleme lösen, ohne dass wir unsere Lebensweise ändern müssen”,  der Aussage “Wir vertrauen zu sehr der Wissenschaft und der Technik und zu wenig unseren Gefühlen” nicht zustimmt. Die erste Aussage ist übrigens ein Item für negatives Umweltbewusstsein, die zweite für positives Umweltbewusstsein, was die Konfundierung von Einstellungsforschung mit Ideologie deutlich macht. Aber das ist ein anderes Problem.
  • Die Aussagen, die die latente Variable konstituieren, sind trennscharf gegenüber anderen Aussagen, die in der selben Befragung genutzt werden, um andere Einstellungen zu messen.

Soweit die schöne Welt der Einstellungsforschung. Nun zu den Gewitterwolken, die sich nicht erst seit kurzem zusammengebraut haben, vielmehr gibt es seit mehreren Jahrzehnten heftige Kritiker (z.B. Clyde Coombs), die Einstellungsforschung als moderne Form des Blicks in die Glaskugel ansehen oder, wie Dr. habil. Heike Diefenbach gewöhnlich sagt, als eine Fleischwolf-Methode, bei der man durch die Formulierung von Fragen sicherstellt, dass das, was man vorne hereintut auch hinten herauskommt. Diese Gewitterwolken haben sich nun per Blitz entladen und die ersten Einschläge haben eine Reihe von Skalen zur Messung von Einstellungen getroffen und, soweit man derzeit sagen kann, in ihrer bisherigen Form vernichtet. Es bleibt, um im Bild zu bleiben, nur Rauch und Asche, denn: keine der drei Annahmen trifft zu.

Verantwortlich für diese Verwüstung sind Jan Ketil Arnulf, Kai Rune Larsen, Oyvind Lund Martinsen und Chih How Bong. Die vier Wissenschaftler hatten nicht nur eine gute Idee, sie haben auch neue Analyseverfahren zur Verfügung, um ihre Idee umzusetzen.

Die gute Idee kann man als Befürchtung formulieren:

Was, wenn wir mit Einstellungsskalen nicht die Einstellung der Befragten zu, sagen wir, Rechtsextremismus, oder zur Bundesregierung oder zur Europäischen Union messen, sondern den sprachlichen Zusammenhang unter den Aussagen, mit denen diese Einstellung erhoben werden soll? Was, wenn die Ergebnisse nicht inhaltlich interpretiert werden können, weil sie keinen Aufschluss über die Einstellung der Befragten zum jeweiligen Thema geben?

Wie prüft man so eine Idee ?

Bis vor einiger Zeit (Mitte/Ende der 1990er Jahre) hätte man sie kaum bis gar nicht prüfen können. Aber jetzt gibt es Verfahren wie Latent Semantic Analysis (LSA) oder MI, die semantische Ähnlichkeiten in Texten aufstöbern und quantifizieren. Jeder kennt die Wortwolken, die durch die Größe und Dicke eines dargestellten Begriffs auf dessen Häufigkeit und Wichtigkeit z.B. auf ScienceFiles hinweisen wollen. LSA und MI funktionierren ähnlich, wenngleich elaborierter. Beide Verfahren basieren auf der Erstellung einer “lexikalischen Datenbank”, die Worte und Begriffe aus einer Reihe von Quellen erfasst und deren semantische Nähe angibt.

Die vier Autoren haben für ihre Zwecke eine umfangreiche lexikalische Datenbank aus Texten im Wall Street Journal, Business Week, Forbes und Future, der New York Times, der Washington Post, PR Newswire und etlichen anderen Quellen erstellt, wobei sie sich ihrem spezifischen Forschungsgegenstand entsprechend auf Texte zur Ökonomie und zum Management beschränkt haben. Die resultierende Datenbank erlaubt es Worte, Begriffe und Aussagen nach semantischer Nähe zu bewerten und sogar unterschiedliche Ausdrücke im Hinblick auf ihre semantische Nähe miteinander zu korrelieren.

Der Einschlag und die Spur der Verwüstung, die die vier Autoren mit ihrer Analyse zu verantworten haben, beruht auf semantischer, auf sprachlicher Nähe, und er betrifft zunächst nur den MLQ einen Fragebogen, der aus einer Vielzahl von Aussagen besteht, die genutzt werden, um einen transformationalen Führungsstil zu messen.

Erfolgt die Konstruktion dieses transformationalen Führungsstils auf Basis der Antworten von 1.649 Befragten, wie im Beispiel der vier Autoren, dann ist diese Konstruktion im Hinblick auf ihre Validität und im Hinblick auf ihre Erklärkraft nur minimal besser als eine Konstruktion auf Grundlage semantischer Nähe der Aussagen, die genutzt wurden, um das latente Konstrukt “transformationaler Führungsstil” zu messen. Mit anderen Worten: Man braucht keine Befragten, um deren Einstellung zu im vorliegenden Fall transformationalem Führungsstil zu messen, man kann die Einstellung über die semantische Nähe der benutzten Aussagen vorhersagen.

Das ist der Supergau für die Einstellungsforschung, bedeutet es doch nicht mehr und nicht weniger, als dass Einstellungsforscher mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Einstellungen messen, die sie messen wollen, sondern die Einschätzung der sprachlichen Nähe der Aussagen, die sie benutzen, um die Einstellungen zu messen, durch ihre Befragten. Das ist nicht nur schlecht, es ist verheerend. Denn würde sich das Ergebnis von Arnulf, Larsen, Martinsen und Bong als generalisierbar, als ausweitbar auf alle anderen Bereiche der Einstellungsforschung erweisen, und bislang gibt es keinen Grund, dies nicht anzunehmen, es hätte erhebliche Konsequenzen:

  • lightning strokeDie Europäische Kommission könnte keine Erfolgsmeldungen mehr über die europafreundliche Einstellung der Mehrheit der Europäer verbreiten.
  • Regierungen könnten ihre politischen Vorhaben nicht mehr mit der Einstellung in der Bevölkerung, deren Umweltbewusstsein oder deren Technikfeindschaft begründen.
  • Politische Institutionen und andere Organisationen könnten sich nicht mehr der Umfrageforschung bedienen, um Rechtsextremisten oder sonstige Feinde ihrer eigenen politischen Einstellung zu brandmarken, jedenfalls so lange nicht, so lange nicht sichergestellt wäre, dass die entsprechende Einstellung valide gemessen wurde.
  • Meinungsforschungsinstitute könnten nicht einfach Fragen erfinden und behaupten, damit bestimmte latente Konzepte, bestimmte Einstellungen zu messen.
  • Empirische Sozialforscher wären wieder gezwungen, mehr Wert auf methodische Aspekte zu legen, was zur Folge hätte, dass sich die Spreu vom Weizen trennt.

Insgesamt sind die Konsequenzen eher positiv zu nennen, und es wäre wünschenswert, dass sie eintreten. Die Chancen dafür stehen gut, denn Forschung, wie die von Arnulf, Larsen, Martinsen und Bong kann nicht mehr weg ge-peer-reviewed oder totgeschwiegen werden durch eine stille Konspiration der Einstellungsforscher im Feld, die keine Lust haben, ihre Methoden hinterfragen zu lassen. Die Forschung ist “out in the open”, open access Zeitschriften wie Plos One machen es möglich. Entsprechend werden sich Einstellungsforscher nach der methodischen Güte ihrer Forschung fragen lassen müssen, und sie werden wohl oder übel sicherstellen müssen, dass sie auch wirlich Einstellungen und nicht sprachliche Artefakte messen, und zwar dadurch, dass sie Aussagen zu Aussagen-Skalen kombinieren, die nicht durch sprachliche Nähe bereits eine entsprechende Skala abbilden und bevor sie mit den Aussagen ins Feld gehen, sicherstellen, und zwar mit LSA oder MI oder anderen Programmen, dass sie keine sprachliche Nähe aufweisen.

Das Feld der empirischen Sozialforscher wird sich entsprechend lichten. Es wird überschaubarer. Und das ist gut so.

Arnulf, Jan Ketil, Larsen, Kai Rune, Martinsen, Oyvind Lund & Bong, Chih How (2014). Predicting Survey Responses: How and Why Semantics Shape Survey Statistics on Organizational Behavior. Plos One.

Die neue Grüne Freiheit?

Die Grünen und ihr Anhängsel aus dem Jahre 1990 versuchen sich gerade neu zu erfinden. Genauer. Ein Turnaround soll geschafft werden, der die Partei des Grünen Diktats, der Reglementierung, Erziehung und Vorgabe, zur Partei der Freiheit macht.

Kein Witz!

Ralf Fücks, der beim Grünen Heinrich-Böll-Verein sein Geld verdient, hat dazu eigens einen Beitrag geschrieben: Grüne Freiheit, ist er betitelt.

Auch kein Witz.

Die entscheidende Passage Grüner Freiheit findet sich im vierten Absatz dieses Textes:

“Der klassische Liberalismus postuliert den Zusammenhang zwischen politischer Freiheit (Demokratie) und einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung. Für die Grünen ist das eher ein fremder Gedanke. Wenn das Stichwort “Markt” fällt, antworten wir mit “Regulierung”, Unternehmertum verbinden wir gern mit Gier und Wettbewerb mit Rücksichtslosigkeit. Dafür gibt es allzu viele Belege. Dennoch verkennt diese Sicht die produktive Kraft, die in Marktwirtschaft und Unternehmergeist liegt. “Grüner Ordoliberalismus” könnte eine Antwort auf die Frage sein, wie Regulierung und Selbstverantwortung, Staat und Markt auszubalancieren sind.”

Eucken NationaloekonomieAlso, Grüne: klassischer Liberalismus ist nicht ganz böse, nicht nur Gier und nicht nur Wettbewerb. Nehmen wir das böse Wort in den Mund: Marktwirtschaft, steigern wir das böse Wort: freie Marktwirtschaft, freie Marktwirtschaft ist auch nicht ganz böse, ebenso wenig wie Grüne und 1990 Gebundene ganz gut sind. An beidem, am Feindbild und an der eigenen Heiligkeit gilt es, geht es nach Ralf Fücks, Abstriche zu machen. Und nach den Abstrichen erhalten wir, was? Einen Grünen Ordoliberalismus.

Die Freiburger Schule der Grünen Freiheit, so zu sagen. Die Walter Euckens und ihre Grundlagen der grünen Marktwirtschaft, die Wilhelm Röpkes und ihr soziales Rahmenwerk des grünen Marktes, die grünen Alexander Rüstows, immer zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Ja, man mag es kaum glauben und weil man es kaum glauben mag, stellt sich die Frage, ob hier ein Missverständnis vorliegt.

Ordo-Liberalismus ist nämlich nur wenig von Hayeks freier Marktwirtschaft unterschieden. Ordo-Liberale wollen Sorge tragen, dass keine Monopolbildung auf Märkten stattfindet und keine Privilegien auf Märkten vergeben werden, wo Hayek auf die Kräfte des Marktes vertraut, wollen sie ein Rahmenwerk der Wirtschaftpolitik schaffen. Mehr wollen Ordo-Liberale nicht. Vor allem wollen sie nicht in den Markt eingreifen, ihn lediglich mit rechtlichem Rahmen vor Eingriffen sichern, Eingriffen wie staatlichen Beihilfen, Subventionen, staatlicher Unterstützung notleidender Industrien usw usf.

Weiß Herr Rücks das?

Roepke against the tideWenn ja, was meint er mit “Grünem Ordoliberalismus”? – mithin ein Begriff, der keinen Sinn macht, denn Ordoliberalismus gibt es entweder als Ordoliberalismus, oder es gibt ihn nicht. In keinem Fall gibt es ihn in farblichen Abstufungen, denn der Eingriff von Politikern, das war es gerade, was Walter Eucken, der Vater des Ordo-Liberalismus, verhindert wollte: Die Versuche von Politikern, den Markt zu beeinflussen, ihn zu dirigieren, ihn zu ihrem Spielzeug zu machen und dadurch nachhaltig, wie es so heißt, zu zerstören.

Es steht zu befürchten, dass die Grünen versuchen, die Konkursmasse der FDP nicht nur aufzukaufen, sondern auch zu besetzen, liberale Begriffe für sich in Anspruch zu nehmen und mit etwas anderem zu füllen. Grüner Ordoliberalismus z.B. als Begriff für den direkten Zugriff dessen, was Grüne als richtige und gute Eingriffe in den Markt ansehen, als Reglementierung in anderer Verpackung, als Freiheitsentzug, der als Grüne Freiheit getarnt ist.

Zeit, die liberale Konkursmasse vor dem grünen Geierfonds in Sicherheit zu bringen.

Eins noch zum Schluss:

“Der klassische Liberalismus postuliert den Zusammenhang zwischen politischer Freiheit (Demokratie) und einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung. Für die Grünen ist das eher ein fremder Gedanke.”

Wer es schwarz auf weiß benötigt, dass für die Grünen politische und wirtschaftliche Freiheit nichts miteinander zu tun haben, man also wahlweise auf das eine oder das andere verzichten kann: Hier stehts!

Der Geruch der Politiker: Olfaktorische Marker politischer Ideologie

Im Volksmund gibt es schon seit langem die Wendung: “jemanden nicht riechen können”, eine Wendung, die darauf hinweist, dass Abneigungen mit einem entsprechendem Geruch einhergehen, vielleicht von diesem entsprechenden Geruch verursacht werden.

Was in die eine Richtung geht, geht auch in die andere Richtung,  haben sich Rose McDermott, Dustin Tingley und Peter K. Hatemi wohl gedacht und untersucht, in welcher Weise eine geteilte politische Ideologie und entsprechend eine Sympathie mit als Wohlgeruch empfundenen Ausdünstungen einhergeht.

Was zunächst wie ein Scherz klingt, ist keiner: Die Soziobiologie macht es möglich, und der Link zwischen dem Geruch und der politischen Ideologie erfolgt über die Partnerwahl:

“… individuals tend to be more attracted to the odor of those whose major histocompatibility complex (MHC) offers optimal complementarity to one’s own” (2)”

olfactory bulbMit dem MHC wird beschrieben, dass zwischen dem Bulbus olfactorius im Gehirn, bei dem die Gerüche ankomme,n und den Amygdala, dem Zentrum der Emotionen sowie dem Hippocampus, der zentralen Erinnerungsstelle im Gehirn eine direkte Verbindung besteht, woraus manche geschlossen haben, dass es evolutionär von Vorteil ist, wenn man gleichriechende Partner auswählt, weil ein gleicher Geruch soziale und andere Kompatibilität verrät, die sich in der Aufzucht des Nachwuchses als positiv herausgestellt haben.

Von hier bis zur politischen Ideologie ist es, folgt man McDermott, Tingley und Hatemi, nur ein kurzer Weg:

“… olfactory signals communicate important characteristics of mate quality, providing an efficient evolutionary mechanism by which to enhance reproduction. In this way, attraction to the smell of those with similar attitudes may reflect the ontological remnants of a more primitive behavioral adaption designed to ensure reproductive success” (3).

Kurz: der Geruch der politischen Einstellung zieht gleichriechende, politische Eingestelltean und stößt anders riechende, politisch Eingestellte ab. Der entsprechende Mechanismus soll ein evolutionäres Erbe darstellen, denn was geschehen wäre, wenn ein linker Neanderthaler sich in einen rechten Neanderthaler verliebt hätte, man mag es sich kaum vorstellen.

“For example, greater disgust sensitivity, which is intimately interconnected with the neural substrates of smell, predicts more conservative positions, particularly around issues involving morality and sexual reproduction”. (2)

skunk pepeDas erklärt doch einiges – oder? McDermott, Tingley und Hatemi haben nicht nur behauptet, was wir berichtet haben, nein, sie haben es auch getestet. Einundzwanzig Zielsubjekte, zehn konservativ, elf liberal wurden von 125 Probanden erschnüffelt und nach dem Geruchserlebnis, wurde der Geruch auf einer Likert-Skala bewertet. Ergebnis: Der Geruch von ideologisch nahestehenden Personen wurde besser bewertet als der Geruch von ideologisch fernstehenden Personen.

Wir können feststellen: Die Auswahl von Partnern, Freunden, die ideologische Zuordnung erfolgt über den Geruch, über geruchliche Signale, die von einander ideologisch nahestehenden Personen ausgehen und entsprechend empfangen werden.

Das hat uns zu denken gegeben, und wir haben uns überlegt, wie man die Ergebnisse aus dem de facto Zweiparteiensystem der USA (konservativ – liberal) auf das Mehrparteiensystem Deutschlands übertragen könnte.

Die Antwort ist einfach. Im folgenden haben wir die geruchlichen Signale, die olfaktorischen Marker zusammengestellt, die Politiker, Anhänger und Mitläufer deutscher Parteien gemeinsam haben, die Wiedererkennungswerte, die dazu führen, dass man sich gegenseitig erkennt und attraktiv und als ideologisch auf der gleichen Wellenlänge findet.

Hier die Ergebnisse:

Partei Olfaktorischer Marker
Alternative für Deutschland Rasierwasser (nicht zu teuer), Kleiderstärke, Calvin Klein “Man”, Auto-Lufterfrischer “Ocean Fresh”
Christlich Demokratische Union Kölnisch Wasser, Babypuder, L’eau de Caméléon
Christlich Soziale Union Bierzelt, Achselschweiß, Tabak, Fettgeruch (Bratwurst und Sauerkraut)
Freie Demokratische Partei Verwesungsgeruch, Mottenkugeln
Grüne/Bündnis 90 Dung, Fusschweiß, abgestandener Pullovergeruch, Kernseife und Braunkohle-Duft (DDR-Geruch)
Piraten Toilettensteine, Benzin, Brandbeschleuniger

Das ist natürlich nur eine Auswahl der wichtigsten Gerüche. Wer aus eigener Erfahrung noch Gerüche beisteuern will, für die genannten oder von uns noch nicht berücksichtigte Parteien, der kann das gerne tun. Wir leisten hier Pionierarbeit für die Olfaktorische Theorie der Demokratie.

 

McDermott, Rose, Tingley, Rose & Hatemi, Peter K. (2014). Assortative Mating on Ideology Could Operate Thorugh Olfactory Cues. American Journal of Political Science (Online First)

Samuel Salzborn: Der neue Stern unter den Bildungsimaginierern

Samuel SalzbornSamuel Salzborn hat es von der Gewerkschaft zur ARD geschafft. Sein Gastspiel in der Gegenblende des DGB, das dadurch gekennzeichnet war, dass er einen himmelschreienden Unsinn über Max Weber und Adam Smith verbreitet hat, hat ihn dazu qualifiziert, als “Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität in Göttingen”, in der ARD als Experte über die AfD, ihre Wähler und ostdeutsche Nichtwähler und jeden, der nicht so will, wie er es sich vorstellt, herzuziehen. Ganz im Sinne eines eingebildeten Demokraten verbreitet er unfundierte, unbegründete Behauptungen und bewertet auf einer Basis von Nichts, ganz so wie es ihm gefällt.

Wir haben es bei Salzborn ganz offensichtlich mit dem zu tun, was manche Professoren der alten Garde eine neue Generation von Wissenschaftler nennen, keine Ahnung von irgend etwas, aber eine unangemessen große Klappe.

Hier ein paar Kostproben im Originalton:

(1) “Es war zu erwarten, dass bei der Europawahl oder bei Landtagswahlen in östlichen Bundesländern eine Partei erfolgreich sein kann, die vor allem eine demokratieferne Klientel bedient…”.

(2) “… es gibt auch sehr viele Bürgerinnen und Bürger, die nicht partizipieren wollen, die sich schlichtweg weigern, die demokratischen Angebote zu nutzen. … Wähler, die vor allem meckern statt sich aktiv und kontinuierlich zu beteiligen … Wähler, die sich beklagen, dass nicht alles genauso läuft, wie sie es sich vorstellen…”

(3) “Viele Forderungen in der dünnen Programmatik der AfD sind kaum realistisch …, Wirtschaftspolitisch widersprechen sich AfD-Forderungen … das ist ein heilloses Chaos…”

(4) “Das Nichtwählen kann Ausdruck einer extremen Passivität sein, wonach es den Bürgerinnen und Bürgern zunehmend egal ist, was passiert, weil man im Großen und Ganzen zufrieden ist. Denn wenn man nicht wählt, ist man nicht willens, irgendetwas zu verändern. Das Nichtwählen ist ein politischer Akt, denn wer nicht wählt, unterstützt letzendlich die Mehrheitsverhältnisse”.

Die neue Kunst in der Politikwissenschaft besteht offensichtlich darin, unbegründete Behauptungen aufzustellen und Teile der Bevölkerung zu beleidigen, welche? Das ist einfach:

(5) “Mit der Wahlpflicht könnte man sozial schwache und bildungsferne Schichten stärker einbinden und aktivieren….”

Wie gut, dass wir den sozial starken Bildungsimaginierer Samuel Salzborn haben, der es auf einen Lehrstuhl geschafft hat, obwohl er denkt, der im 18. Jahrhundert lebende Adam Smith sei verantwortlich dafür, dass die Bankenrettung der letzten Jahre auf Kosten der Bevölkerung gegangen sei, denn Salzborn weiß, wo das Problem sitzt: Nichtwähler sind sozial schwache und bildungsferne, die nicht wissen, was Demokratie eigentlich ist, die denken, alles müsse genau so laufen, wie sie das wünschen (und nicht etwa, wie Salzborn es sich wünscht) und wenn nicht, dann stellen sie sich in die Schmollecke, meckern und gehen nicht wählen.

SS deportiert SozialdemokratenOder, schlimmer noch, sie gehen wählen und wählen die AfD, jene Partei aus Widersprüchen, die Salzborn geortet hat, aber die er nicht mitteilen kann, jene Partei des Chaos, das so chaotisch ist, dass es Salzborn behaupten, aber nicht in seinen Inhalten vermitteln kann, jene Partei einer dünnen Programmatik, die aber dennoch zu komplex für Salzborn zu sein scheint, denn nicht einmal dem Dünnen, kann er einen Beleg für seine Behauptungen entnehmen.

Und die Lösung des Problems ist für Salzborn die Wahlpflicht, denn da gibt es welche, die “sich schlichtweg weigern, demokratische Angebote zu nutzen”. Wo kommen wir hin, wenn demokratische Angebote nicht angenommen werden? Am Ende denkt noch jemand, die derzeitigen demokratischen Angebote, die ihm gemacht werden, seien nicht gut genug, denkt, er habe Besseres verdient, ein anderes Angebot zum Beispiel. Nicht mit Salzborn! In Salzborns Demokratie herrscht Ordnung, und es wird gewählt, was auf den Tisch kommt, und dass die AfD ihre Suppe nicht anbieten kann, dafür wird Salzborn persönlich Sorge tragen.

Wie? Indem er eine Demokratie-Nähe-Prüfung der Wahl vorschaltet. Denn: Vergessen wir nicht, Salzborn weiß, dass die AfD eine “demokratieferne Klientel” anzusprechend in der Lage ist (man kann sich richtig vorstellen, wie Salzborn diesen demokratiefernen Abschaum aus sozial schwachem bildungsfernem Niveau und mit einem “faulen Standpunkt”, diese Unterdemokraten verabscheut). Entsprechend wird nach Salzborn die Wahlpflicht eingeführt und vor der Stimmabgabe müssen die Wähler die Liste der richtigen Parteien auswendig aufsagen. Wer es nicht kann oder eine falsche Partei, z.B. die AfD nennt, der wird von der Wahl ausgeschlossen und ins Internierungslager gesteckt, wo er dann zum richtigen demokratienahen, zum echten Salzborn-Demokraten erzogen wird.

Wer solche bildungsimaginierende Professoren für Grundlagen der Sozialwissenschaften hat, der braucht keine Faschisten mehr.

Nachtrag;

Der Witz an der Demokratie besteht übrigens darin, dass jeder politische Angebote machen kann und jeder politische Angebote wahrnehmen oder nicht wahrnehmen kann. Wer politische Angebote diffamiert oder Wähler bestimmter Angebote abwertet, hat nicht nur keinerlei Respekt für die freie Entscheidung anderer, er hat auch keine Ahnung davon, was eine Demokratie ausmacht. Wie die Dinge so liegen, qualifiziert ihn das heutzutage für einen Lehrstuhl im Fachbereich Politikwissenschaft.

Protestwähler: Die Schmuddelkinder des deutschen demokratischen Versuches

Neue Parteien wie die AfD oder Anfang der 1980er Jahre die Grünen sind für etablierte Parteien eine massive Bedrohung, nicht nur, weil die etablierten Parteien den Kuchen der Wahlkampfkostenerstattung mit einer neuen Partei teilen müssen, auch, weil die neue Partei vermutlich dauerhaft am politischen Markt mitmischen will, am Ende Anspruch auf Regierungs- und somit Machtbeteiligung erheben kann, was immer mit einem Machtverlust etablierter Parteien einhergeht.

AfdUnd wer ist schuld daran, dass das Macht- und Parteiengefüge, der politische Sumpf, an den sich die etablierten Parteien so sehr gewöhnt haben, derzeit von einer Partei, die sich Alternative für Deutschland nennt, durchgeschüttelt wird? Protestwähler!

Protestwähler sind die Schmuddelkinder des deutschen Versuches, eine demokratische politische Ordnung herzustellen, und zwar deshalb, weil sie falsch wählen, einfach von etablierten Parteien abwandern und ihre Stimme einer Partei geben, die ein anständiger Wähler nicht wählt. Zwar ist die Abgabe einer Stimme bei Wahlen, frei und geheim, das heißt aber nicht, dass man seine Stimme einfach so außerhalb des etablierten Spektrums der Parteien abgegeben kann, die sich auf Kosten von Steuerzahlern ein Oligopol aufgebaut haben.

Eine derartige Abweichung von den etablierten politischen Marken kann nur eine Erkläung haben: Protest – folglich sind Wähler nicht etablierter Parteien Protestwähler.

Der Begriff des Protestwählers ist eine bedachte Floskel, trägt er doch die Idee der zeitlichen Befristung in sich. Protestwähler sind eigentlich Wähler etablierter Parteien, Leibeigene etablierter Parteien, die früher oder später zu ihrer eigentlichen Partei zurückfinden. Protestwähler sind Verführte, die dem Sirenengesang einer populistischen Partei auf den Leim gegangen sind. Protestwähler sind Enttäuschte, Verdrossene, Irregeleitete, Wähler eben, die nicht wissen, wie man sorgsam mit der eigenen Stimme und deren Wert von gut zwei Euro Euro pro Parteien umgeht.

Protestwähler sind zudem ein Phänomen, das Politikwissenschaftler, auch solche, die sich mit Wahlen befassen, lange Jahre ignoriert haben. Bis heute gibt es keine Definition dessen, was als Protestwähler anzusehen ist. Die Benutzung des Begriffs durch Politikwissenschaftler ist entsprechend willkürlich:

von Aleman“Geht man von der Grundanahme aus, dass sich der Verdrossenheitsbegriff aus einer Distanz zwischen Bürger und Staat entwickeln konnte, dann sind Nicht- und Protestwähler zunächst einmal als Personen zu verstehen, die sich auf diesem Weg so weit wie möglich von den politischen Institutionen distanzieren wollen” (Huth, 2004: 221-222).

Der Definitionsversuch, den Iris Huth hier vorlegt, ist in seiner Zirkularität fast bemerkenswert, denn die Verdrossenheit mit Politik wird von empirisch tätigen Politikwissenschaftlern gewöhnlich mit genau denselben Indikatoren erfasst, die zur Klassifikation Protest- oder Nichtwähler herangezogen werden: Wahl nicht-etablierter Parteien oder Nichtwahl. Immerhin kann man festhalten, dass Protest darin besteht, sich von politischen Institutionen, also von etablierten Parteien, um deren Wahl es hier geht, zu distanzieren, durch Nichtwahl oder die Wahl einer nicht etablierten Partei.

Ulrich von Alemann, der immer für eine Hoppla-Definition gut ist, hat in einem seiner vielen Bücher Protestwähler wie folgt beschrieben:

“Protestwähler sind mehrheitlich ideologisch nicht festgelegt. In ihrer Wahlpräferenz schwanken sie zwischen Rechts- und Linkspopulisten sowie der Nichtwahl. Sie reagieren mit ihrer Wahlentscheidung auf reale oder scheinbare landes- oder bundespolitische Missstände.” (Alemann, 2010: 247).

Das ist ein wahrer von Alemann: Protestwähler sind demnach rationale Wähler, denn im Gegensatz zu anderen Wählern scheinen sie auf etwas zu reagieren. Sie sind rationale Wechselwähler, die sich nicht ideologisch und irrational an eine Partei binden. Wären da nicht der Verweis auf Links- und Rechspopulisten, man könnte fast den Eindruck gewinnen, von Alemann würde die rationale Protestwahl zumindest nicht negativ bestimmen. Aber natürlich kann der Verweis auf das Sirenengeheul der Populisten nicht fehlen, schließlich sind Protestwähler zwar rational, aber eben fehlgeleitet. Sie geben dem Werben einer neuen politischen Marke nach, von der die Vertreter der etablierten politischen Marken behaupten, dass sie nicht so weiß wäscht, wie die eigene Marke.

Bislang sind Protestwähler also enttäusche und verdrossene, aber auch rationale Wähler (oder Nichtwähler), die populistischen Werbern auf den Leim gehen. Es fehlt noch die Bestimmung von Protestwählern als Deprivierte, die per Stimmabgabe um Hilfe rufen:

“Die Protestwähler wollen immerhin noch mit der Abgabe ihrer Stimme auf ihre Lage aufmerksam machen. Wenn dies nicht wirkt, flüchten sie in die Nichtwahl” (Henning, 2013: 130).

Das sind ziemlich ambivalente Vorstellungen, die in der institutionalisierten Politikwissenschaft über Protestwähler kursieren: verdrosen sind sie und enttäuscht, depriviert und um Hilfe rufend, rational, aber anfällig für Rattenfänger – kurz aus welchen Gründen auch immer irregeleitete Wähler, die vom richtigen Pfad der Wahltugend abgekommen sind und nun eine nicht-etablierte Partei wählen. Tatsächlich kann man sich keine neue oder ehedem kleine Partei vorstellen, die Zulauf von Wählern hat und nicht als Protestpartei, die von Protestwählern gespeist wird, beschrieben werden kann.

SPD EuropaDemgemäß ist der Protestwähler auch das Hauptthema, mit dem der Erfolg der AfD in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erklärt werden soll. Die Wähler der AfD hätten öfter als die Wähler anderer Parteien angegeben, ihre Wahlentscheidung sei aus Enttäuschung erfolgt (worüber auch immer) und, oh Wunder, 97% der in einer Umfrage befragten AfD-Wähler, stimmten der Aussage zu, “Es geschieht anderen Parteien recht, dass die AfD die Politik aufmischt”.

Tatsächlich bestimmt das Thema der AfD-Wahl der Enttäuschten die Medienanalyse. So ist Jörg Schönborn an einer Stelle der Ansicht: Enttäuschung über andere Parteien sei das Motiv zu Wahl der AfD, während er an anderer Stelle die AfD kurzerhand zur Protestpartei erklärt, was automatisch alle AfD-Wähler zu Protestwählern macht. Selbst Bernd Lucke, Frontmann der AfD, lässt sich den Protestwähler-Diskurs vorgeben, bestreitet aber, dass das “Protestwählerpotential” bei mehr als einem Viertel der AfD-Wähler liege.

Ist das nicht seltsam, dass nicht einmal der AfD-Chef Protestwähler haben will? Sie sind tatsächlich die Schmuddelkinder der Demokratie. Deshalb unterstellen die etablierten Parteien, die AfD setze sich überwiegend aus Protestwählern zusammen, während die AfD sich gegen die Unterstellung, die Mehrheit der eigenen Wähler seien Protestwähler, wehrt. Man reibt sich verwundert die Augen und fragt sich einerseits, was aus der empirischen Wahlforschung geworden ist, andererseits, was aus der politischen Kultur in Deutschland, so es sie je gegeben hat, geworden ist.

Zur politischen Kultur:

Finden Sie es nicht seltsam, wenn Wähler einer Partei generell als eindimensional, nämlich durch Protest motiviert definiert werden? So als wären sie unfähig, ihre Wahlentscheidung anders als negativ, als Abwahl etablierter Parteien zu beschreiben, ganz so, als wären Protestwähler die Idioten unter den mündigen Wahlbürgern.

Die Partei Merkel ist doofUnd ist es nicht seltsam, dass enttäuschte und verdrossene Wähler zwar als Protestwähler klassifiziert werden, sich aber niemand fragt, warum sie enttäuscht und verdrossen sind, wogegen sich ihr Protest richtet, welche Themen diesem Protest zu Grunde liegen, welche Abneigung gegenüber den etablierten Parteien diesen Protest treibt? Solche Fragen sind natürlich immer gefährlich, man könnte Antworten bekommen.

Dies leitet über zur empirischen Wahlforschung, in der es seit spätestens 1960, dem Jahr, in dem Angus Campbell, Philip E. Converse, Warren E. Miller und Donald E. Stokes das epochemachende Werk “The American Voter” veröffentlicht haben, den rationalen Wähler, der seine Wahlentscheidung nach Themenangeboten trifft, gibt. Gewählt wird, welche Partei die Themen (issues), die dem entsprechenden Wähler wichtig sind, am besten vertritt.

Das Konzept der Themenwahl (issue voting) hat es nie so richtig nach Deutschland geschafft, setzt es doch einen rational entscheidenden Wähler voraus, der keine Parteibindung aufweist. Das ist nicht zu vereinbaren mit dem in Deutschland herrschenden Wählerbild, das Stammwähler gedankenlos zur Warnurne traben sieht, Wechselwähler kennt, die vermutlich weil ihnen die Nase des Spitzenkandidaten oder sein Oberhemd gefällt, die Partei wechseln und eben jene Protestwähler, die psychologisch anfällig sind, die sich in einem Zustand befinden, den man als demokratische Depression oder als affektive Störung, die die vorhandene intensive Bindung zu einer etablierten Parteien beeinträchtigt, beschreiben kann. Die entsprechend Gestörten sind entsprechend anfällig für politische Rattenfänger, die sie ins Straucheln, vom guten und richtigen, vom demokratischen Wahlweg abbringen: Sie laufen daher dem Sirenengesang nach, den sie als erstes hören.

Derart fest verwurzelt ist das Bild des irrationalen und affektiv an Parteien gebundenen Wählers, dass es niemandem in den Sinn kommt, Wähler der AfD als Wähler ernst zu nehmen, die aus gutem Grund eine Stimmentscheidung getroffen haben, die keine etablierte Partei zum Gegenstand hatte. Da etablierte Parteien den Zustand eines demokratischen Paradieses beschreiben, können Protestwähler nur Naive sein, die faule Äpfel fressen, die ihnen von der AfD-Schlange angeprießen werden.

Dieser Umgang ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Vertreter etablierter Parteien und ihre Helfershelfer in den Medien das Wahlvolk als tumbe Masse darstellen, das nur dann für Interesse sorgt, wenn es anders als erwartet wählt. Mit Respekt vor Wählern oder gar Respekt vor der eigenen Bevölkerung hat das nicht einmal entfernt etwas zu tun.

Literatur

Alemann, Ulrich von (2010). Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Campbell, Angus, Converse, Philip E., Miller, Warren E. & Stokes, Donald E. (1960). The American Voter. Berkeley: University of California Press.

Huth, Iris (2004). Politische Verdrossenheit. Erscheinungsformen und Ursachen als Herausforderung für das politische System und die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland im 21. Jahrhundert. Münster. LIT.

Nase, Henning (2013). Deutschland wählt. Analysen und Prognosen zur Bundestagswahl 2013. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag.

Glaubens-Shift: Vom Paradies über die Hölle zu zukünftigen Generationen

Ein Plädoyer für das gute Leben im Diesseits

Gruene annweiler flyer_zentral_2014_21Angeblich haben wir die Erde nur geliehen, nur von unseren Kindern geborgt, wie z.B. die Grünen in Annweiler verkünden. Dass die Grünen hier ein Problem mit der Kausalität offenbaren, das grundsätzlicherer Natur ist, wollen wir einmal unberücksichtigt lassen. Uns reicht der Hinweis darauf, dass der logische Stellenwert der Aussage: “Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt” dem der Aussage entspricht, im Jahre 5000 v. Christus haben Prostetnis Vogon Jeltz und der Herrscher der Shogghoten, die damals die Erde bewohnt haben, einen Vertrag darüber abgeschlossen, dass Jeltz die Erde für 7214 Jahre und gegen eine Pacht von jährlich fünf schlechten Gedichten verborgt hat.

Dass die Aussage “eines geborgten Planeten” logischer Unsinn ist, vor allem, weil der Planet als Ganzes geborgt, aber offensichtlich so parzelliert wurde, dass eine Haftung für den ganzen Planeten ausgeschlossen ist, führt zu der Frage: Warum sollte man einen derartigen Unsinn behaupten?

Die erste Antwort: Weil man etwas will, und zwar von anderen.

Die zweite Antwort: Weil man das, was man von anderen will, zwecks besserer Akzeptanz bei eben diesen anderen in religiösen Floskeln verpackt.

Die dritte Antwort: Weil man sich selbst zu etwas Besserem stilisieren will.

Der geborgte Planet kommt in der Regel mit der Verantwortung für nächste Generationen daher, ein Unding für Individualisten, die schon genug damit zu tun haben, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ein Unding deshalb, weil diejenigen, die für die nächste Generation Verantwortung übernehmen wollen, sich in der Regel dadurch auszeichnen, dass sie für die derzeit lebende Generation keinerlei Verantwortung übernehmen.

Im Gegenteil, die derzeit lebende Generation wird hemmungslos geplündert und darauf hingewiesen, dass ihr Lebenszweck darin besteht, der nächsten Generation zu Diensten zu sein, nicht darin, sich selbst zu Diensten zu sein. Und so zahlt die derzeitige Generation den Preis dafür, dass sie für die nächste Generation und die übernächste Generation und die überübernächste Generation verantwortlich ist. Sie zahlt den Preis in Abgaben, Steuern und damit, einen Lebensstandard zu haben, der – müsste man sich nicht um die nächste Generation kümmern – deutlich höher sein könnte. Aber: Verzicht ist die Aufgabe der Stunde, und das hehre Ziel besteht darin, zu Gunsten der nächsten, übernächsten und überübernächsten Generation und so weiter zu verzichten.

Die Einschränkungen im täglichen Leben werden damit begründet, dass der Fortbestand der Menschheit auf dem Spiel steht – ein religiöser Glaube, der durch Technikfeindlichkeit gespeist wird. Man könnte ebenso dem Glauben anhängen, dass man in Saus und Braus leben kann, weil die nächste Generation die übergebenen Probleme spielend und mit neuer Technologie bewältigen kann.

HBosch earthly delightsAber dieser Glaube ist nicht so populär wie der gewendete Katholizismus, der heute als Verantwortung für die nächste Generation daherkommt und doch nichts anderes ist, als die Vertröstung auf das Paradies. Leid, Elend und Ungerechtigkeit, der Handel mit diesen Unbillen des Lebens, wurde über Jahrhunderte mit dem Trost, im Jenseits Gerechtigkeit und Prosperität zu erfahren, vertrieben. Die Konsequenz war das Erdulden der Unbillen im Jenseits.

Der moderne Glaube hat das gute Leben ebenfalls verschoben. Er predigt die Einschränkungen im Dieseits nicht mehr mit dem Versprechen, im Jenseits sei alles besser, sondern mit dem Versprechen, dass zukünftige Generationen es den sich Einschränkenden danken werden – oder auch nicht. Dass die derzetige Generation es durch Verzicht erreichen kann, sich von der ansonsten drohenden Hölle freizukaufen. Beiden dem traditionellen wie dem modernen Katholizismus gemeinsam ist die Entbehrung im Diesseits und die Tatsache, dass diejenigen, die davon leben, anderen den Verzicht zu predigen, selbst zumeist ein mehr als üppiges Dasein fristen.

Die einzige Reaktion auf Prediger des Verzichts, die einem das gute Leben im Diesseits vergällen wollen, besteht darin, im Diesseits gut zu leben. Die einzige rationale Reaktion besteht drain, sie mit ihren Plänen, anderen das Rauchen zu vergällen, ihnen das Trinken abzugewöhnen, sie zum Stromsparen zu zwingen, ihnen Windräder in die Aussicht zu stellen und sie für Dinge bezahlen zu lassen, von denen sie nicht einmal im Diesseits etwas haben, auflaufen zu lassen, und zwar im Namen der jetzt lebenden, jetzt aktuell z.B. in Altersheimen leidenden Bevölkerung.

Warum ziehen Menschen in den Krieg?

In den USA wird intensiv über einen Beitrag von John R. Hibbing, Kevin B. Smith und John R. Alford diskutiert, der den Titel “Differences in negativity bias underlie variations in political ideology” trägt. Kern der Diskussion ist die Frage: Was unterscheidet Rechte von Linken, Konservative von Liberalen, was macht den politischen Aktivisten aus, der für seine Sache in den verbalen und zuweilen sogar den physischen Krieg zieht? In die Worte der Autoren gefasst: “How is it that individuals and groups can be so strongly inspired by abstract configuration of ideas that they are willing to sacrifice even their own lives?” (Hibbing, Smith & Alford, 2014: 306 – mit Bezug auf Jost und Almodio (2012)).

War gazaMan könnte hier schon stoppen und fragen: Zieht der politische Aktivist denn für seine Sache physisch in den Krieg oder ist es nicht vielmehr so, dass der politische Aktivist andere an seiner Stelle in den Krieg schickt, sobald die Auseinandersetzung physische Züge annimmt? Kurz: Vermengen die Autoren hier nicht zwei Dinge miteinander, die nichts miteinander zu tun haben?

Hibbing, Smith und Alford kommt das Verdienst zu, fast alle psychologischen Schulen aufzuarbeiten, die versuchen, die politische Orientierung oder Ideologie von Menschen zu erklären. Wir finden den alten Zajonc (1980) und seine Idee, dass politische Stimuli über schnelle emotionale Reaktionen die Informationsverarbeitung beeinflussen, dass, mit anderen Worten, die Emotion und das Unbewusste der Grund der politischen Orientierung sind und der damit einhergehend verzerrten Wahrnehmung der Realität, denn das ist eine Folge der Idee Zajoncs: Emotionen verstellen den Blick für die Realität.

Nicht nur Zajonc auch die Studien zur Autoritären Persönlichkeit werden referiert, die Studien, die immer Adorno zugeschrieben werden, obwohl er den geringsten Teil der Studien betrieben hat. Die Idee ist hier, dass die politische Orientierung eine Folge der Persönlichkeit ist, also Neurotizisten sind eher links, während Gewissenhafte eher rechts und Offene eher liberal sind. Die Persönlchkeitsschule wurde von Schwartz (1992) dadurch ausgestopft, dass er nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch die persönlichen Werte einer Person als Ursache ihrer politischen Orientierung augemacht hat, oder war es anders herum?

Die Frage, was hier worauf wirkt, ist durchaus nicht trivial, vielmehr zeigt sich, dass die Setzung, das, was ein Forscher für grundlegender hält, die Kausalität bestimmt. Ist er der Ansicht, das Unterbewusste existiere und sei grundlegend, dann bestimmt das Unterbewusste die politische Orientierung. Ist er der Ansicht, das Unterbewusste werde durch tägliche Erfahrung gefüttert, dann ist die Kausalität umgekehrt.

Das alles ist wenig befriedigend. Und entsprechend ist es kein Wunder, dass Hibbing, Smith und Alford nach einer befriedigenderen Erklärung für politische Orientierung und Ideologie suchen. Sie finden sie bei dem, was sie “negativity bias” nennen. Der negativity bias trennt die meisten Konservativen vom Rest des politischen Spektrums in den USA, wobei sich abermals das Dilemma der Forschung ankündigt, denn Konservative sind die, die sich selbst als konservativ bezeichnen und zudem ist der negativity bias nicht ausschließlich, er findet sich auch bei nicht-Konservativen, wenngleich seltener.

Der negativity bias besteht in einer erhöhten Aufmerksamkeit für Negatives – negativen Dingen werden verstärkt wahrgenommen, es wird ihnen eine höhere Bedeutung zugewiesen und ihre Vermeidung oder Beseitigung wird entsprechend für wichtig befunden: “…conservatives tend to be more psychologically and physiologically sensitive to environmental stimuli generally but in particular to stimuli that are negatively valenced whether threatening or merely unexpected and unstructured” (303).

Es ist an der Zeit, die Schwäche des Beitrages von Hibbing, Smith und Alford zu beseitigen und die Beobachtung, dass es unter Konservativen mehr Menschen gibt, die für negative Stimuli aus ihrer Umwelt empfänglich sind als unter nicht-Konservativen auf Menschen auszuweiten, was sich schon deshalb anbietet, weil es außerhalb der Gesellschaft der USA, die politische Trennlinie, die Hibbing, Smith und Alford beschreiben, in der Weise nicht gibt.

Geldof indifferenceNehmen wir also an, es gibt Menschen, die mehr auf Gefahren und negative Konsequenzen achten als andere, die bei Analverkehr unter Schwulen in erster Linie an AIDS und eher nicht an Schulunterricht denken, oder die avers gegen Veränderung sind, weil sie sich von Veränderung mehr Gefahr als Chance erwarten. Gehen wir weiter davon aus, das es sich hier um eine biologische Determinante handelt, die Menschen insofern beim Überleben geholfen hat, als es besser ist, vor einer Schlange davon zu laufen als darauf zu warten, dass sie den Apfel herausrückt. Dann kommen wir zu dem Schluss, dass es Menschen gibt, die Realität vor Ideologie wahrnehmen und solche, die Realität durch die Brille der Ideologie wahrnehmen – jedenfalls und in der Regel dann, wenn sie es sich leisten können.

Eine der wichtigsten Theorien zur Erklärung politischer Orientierung, nämlich die Ökonomische Theorie der Demokratie von Anthony Downs fehlt in der Arbeit von Hibbing, Smith und Alford. Downs geht mit Max Weber davon aus, dass Akteure rational handeln und ihren Nutzen mehren wollen. Politiker tun dies, in dem sie Wählern verkaufen, was sie für mehrheitsfähig halten. Wähler tun dies, in dem sie ihre Involviertheit in Politik auf das minimal notwendige Mass reduzieren. Kommt es zur Frage, welcher Partei man sich zuordnen, welche man wählen soll, dann gibt es vier Handlungsalternativen: Man wählt die Partei, von der man sich den größten persönlichen Nutzen verspricht (zweckrationale Wahl). Man wählt die Partei, der man sich ideologisch am nächsten fühlt (wertrationale Wahl). Man wählt eine Partei, ohne zu wissen, warum man sie wählt, aus einem Affekt oder einer Laune heraus (affektive Wahl). Man wählt eine Partei, die man schon immer gewählt hat und die die Eltern schon gewählt haben und die die Freunde und Bekannten wählen (traditionale Wahl). Und diese vier Erklärungen für das Handeln von Akteuren bei Wahlen umfassen alle Theorien, die derzeit in der Politikwissenschaft angeboten werden.

Wie passt nun der negativity bias in dieses Bild, der behauptet, dass es Menschen gibt, die für Gefahren sensibler sind als andere? Indem man Persönlichkeitstheorien berücksichtigt. Die Wahrnehmung einer Gefahr macht noch keinen Angsthasen. Manche wollen die Gefahr beseitigen, wieder andere sie umgehen, ganz andere sie ignorieren. Die Frage, wie man auf eine wahrgenommene Gefahr reagiert, wird so zur Frage der Persönlichkeit und vielleicht sogar zum Unterbewussten, wie es durchzuscheinen scheint, wenn Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, Gefahren, die sich z.B. mit bestimmten Handlungsweisen wie Analverkehr verbinden, zur Kenntnis zu nehmen.

Diese Argumentation hätte zur Folge, dass die Welt in Menschen zerfällt, die die Realität und ihre Gefahren zur Kenntnis nehmen und danach entscheiden, welcher Ideologie – wenn überhaupt – sie sich zuordnen wollen und Menschen, die die Realität nur durch die Brille ihrer Ideologie wahrzunehmen gewillt sind. Letztere zeichnen sich also durch ein Wahrnehmungsdefizit aus, das entweder pathologisch oder opportunistisch motiviert ist. Die Gruppe der opportunistischen Ideologen ist aus unserer Sicht größer als die Gruppe der pathologischen Ideologen. Die Gruppe der opportunistischen Ideologen handelt in jeder Hinsicht rational, weil sie versucht, den eigenen Nutzen mit allen erdenklichen Phantasien (oder Lügen) über die Realität zu mehren. Die Gruppe der pathologischen Ideologen umfasst die Mitläufer, die im Sinne Max Webers rein affektiv und nur rein affektiv zu handeln in der Lage sind, eine Gruppe, so kann man vermuten, die erst im Wohlfahrtsstaat möglich ist, der es erlaubt auf Kosten Dritter seine Pathologie auszuleben.

Bleiben die Menschen, die in der Lage sind, Gefahren in ihrer Umwelt wahrzunehmen. Wie reagieren Sie auf diese Gefahren? Das ist einfach: zweckrational – durch Vermeidung oder Beseitigung, wertrational – durch die Betonung der Werte und Überzeugungen, die durch die Gefahr in Frage gestellt werden und die Forderung, andere mögen die Gefahr beseitigen; affektiv: – durch Flucht oder traditional – durch das jeweilige Handlungsmuster, das sich über Generationen eingegraben hat.

Great warInsofern vermengen Hibbing, Smith und Alford hier zwei Dinge: Die Zuordnung von Befragten in einem Fragebogen zu einer Ideologie hat nur für die wenigsten einen entsprechenden Wert, denn nach wie vor gehen die meisten Menschen einer anständigen Arbeit nach und sind nicht in Politik oder Ideologie eingebunden. Entsprechend bleibt von ihrer Forschung nur der negativity bias, die Fähigkeit, die Welt als solche und wie sie ist, vor allem aber in ihren Gefahren wahrzunehmen, eine Fähigkeit, die Ideologen von normalen Menschen trennt. Letztere müssen im Einklang mit der sie umgebenden Realität leben, während Ideologen es sich leisten können, entweder aus opportunistischen oder aus pathologischen Motiven heraus, die Realität durch die Brille der Ideologie wahrzunehmen.

Bleibt noch die Eingangs gestellte Frage: Warum ziehen Menschen für ihre Überzeugung in den Krieg? Gerade angesichts des Ersten Weltkriegs, dessen Beginn sich heute zum 100sten Mal jährt, ist dies eine wichtige Frage, die dennoch falsch gestellt ist. Denn: Menschen ziehen nicht für ihre Überzeugung in den Krieg. Die wenigsten tun das. Die meisten ziehen in den Krieg, weil sie sich dem Krieg, ihrem Wehrdienst nicht entziehen können oder nicht den Mut haben, sich zum Desserteur zu erklären, dem der Tod droht. Kriege werden auch nicht von den meisten Menschen angezettelt, sondern von einigen wenigen Ideologen, die sich einen persönlichen Vorteil davon versprechen, andere in den Krieg zu schicken, einen Krieg, den Ideologen in der Regel vom sicheren Bunker aus verfolgen. Insofern gibt es noch eine letzte Unterscheidung zwischen Ideologen und normalen Menschen einzuführen: Erstere sind regelmäßig durch und durch feige.

 

Downs, Anthony (1993). Ökonomische Theorie der Demokratie. Tübingen: Mohr Siebeck.

Hibbing, John R., Smith, Kevin B. & Alford, John R. (2014). Differences in Negativity Bias Underlie Variations in Political Ideology. Behavioral and Brain Science 37: 297-350.

Schwartz, Shalom H. (1992) Universals in the Content and Structure of Values: Theoretical Advances and Empirical Tests in 20 Countries. In: Zanna, Mark P. (ed.). Advances in Experimental Social Psychology, vol. 25, New York: Academic Press, pp.1-65.

Zajonc, Robert B. (1980) Social Psychology: An Experimental Approach. Belmont: Brooks/Cole

Wissenschaftler wollt Ihr sein? Eine pseudo-wissenschaftliche Wortorgie über die AfD

“Türöffner nach Rechts: Die Alternative für Deutschland”, so ist ein Beitrag in “Gegenblende”, dem selbst ernannten Debattenmagazin des DGB, in dem bislang keine einzige Debatte stattgefunden hat, überschrieben. Geschrieben haben den Beitrag Prof. Dr. Samuel Salzborn und Dr. Alexandra Kurth, die beide für sich in Anspruch nehmen, Politikwissenschaftler zu sein. Warum? Weil sie u.a. Politikwissenschaft studiert haben, eine Position an einer Universität einnehmen und behaupten, politikwissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte zu haben.

Gegenblende“Türöffner nach Rechts” gehört in die Kategorie von Texten, die man wohl besser als “Türöffner in den Wahnsinn” bezeichnen würde, denn er hat keinen konkreten Gehalt, ist in Teilen primitiv, arbeitet mit derogativen Adjektiven anstelle von Argumenten, offenbart ein Verständnis von Wissenschaft, das einem das kalte Grausen über den Rücken jagt, ist, mit anderen Worten, ein Pamphlet, das mit Sicherheit nicht von Wissenschaftlern geschrieben wurde.

Stammleser von ScienceFiles wissen: Wir vertreten eine klare Auffassung davon, was Wissenschaft ist und wer sich als Wissenschaftler qualifiziert. Ein Wissenschaftler wird man demnach nicht, weil man studiert hat oder auf eine Position gesetzt wurde. Wissenschaft und Wissenschaftler zeichnen sich durch wissenschaftliche Methoden und vor allem den Versuch aus, nachprüfbare Erkenntnisse zu einem Erkenntnisgegenstand zu produzieren.

Salzborn und Kurth sind nach dieser Definition keine Wissenschaftler, schon deshalb nicht, weil sie sich als Verlautbarungswissenschaftler darstellen, wie wir nun zeigen werden.

Der Beitrag auf “Gegenblende” hat die AfD zum Gegenstand (übrigens ein ziemlich einfallsloser Name für ein “Debattenmagazin”, zumal eine Gegenblende letztlich nichts anderes kann, als das zurückzugeben, was auf sie gerichtet wird. Aber vielleicht sind Gewerkschaftler ja gar nich zu eigenen Ansichten fähig, sondern nur dazu, auf anderer Menschen Ansicht zu reagieren, und dann wäre Gegenblende ja korrekt).

Die AfD, so wird uns mitgeteilt, ist gerade in das Europaparlament eingezogen, mit sieben Sitzen und 7,1% der gültigen Stimmen. Aber es sei fraglich, ob die AfD deshalb als etablierte Partei anzusehen sei. Es ist genau einen Satz lang fraglich, denn im Gegensatz zu ihren “Vorgängern”, so schreiben Kurth/Salzborn, verfüge die AfD über “deutlich mehr Finanzmittel”. Der Hinweis auf die größeren Finanzmittel der AfD im Vergleich zu ihren “Vorgängern”, macht nur dann Sinn, wenn gezeigt werden soll, dass die AfD sich im Gegensatz zu ihren “Vorgängern” etabliert hat, was im direkten Widerspruch zur von Salzborn und Kurth proklamierten Fraglichkeit derselben steht. Aber: Beide wollen in ihrem gegengeblendeten Beitrag zeigen, dass das Programm der AfD Widersprüche aufweist, und deshalb wollen sie der AfD in Punkto Widerspruch wohl nicht nachstehen.

Es ist an der Zeit, ein paar Adjektive fallen zu lassen: antisozial, gewerkschaftsfeindlich und antifeministisch, das sind die drei größten Sünden, die man nach Ansicht von Salzborn und Kurth heutzutage begehen kann (aber die drei größten Lobe in den Augen anderer), und die AfD begeht sie alle, und macht nicht einmal Anstalten, sich in einem gewerkschaftlichen Beichtstuhl einzufinden!

Die AfD, so behaupten die Salborn Kurths, gebe sich ideologiefrei, behaupte, Sachverstand, nicht Ideologie treibe die Partei. Das, so lachen die Autoren, sei doch Unsinn, denn bereits der “neoliberale Wirtschaftswissenschaftler” und “fromme evangelisch-reformierte Christ” Bernd Lucke belege das Gegenteil, und das Gegenteil zeige sich auch in den “marktradikalen”, “staatsfeindlichen”, “antiegalitären” und “antisozialen” Prämissen der AfD. Man hätte an dieser Stelle gerne noch ein paar mehr Adjektive gehabt, aber scheinbar ist das Kurth/Salzbornsche Feindbild eher beschränkt.

Wissen die beiden angeblichen Politikwissenschaftler eigenlich, was sie schreiben? Etwa dann, wenn sie Sachverstand und Ideologie in eine diametrale Stellung zueinander bringen? Nicht dass wir hier anderer Ansicht wären. Wir schreiben seit Jahren, dass man entweder Ideologe oder sachverständig, aber nicht beides sein kann. Und nun sagen zwei studierte und lehrende Politikwissenschaftler, dass Politik mit Sachverstand nicht möglich sei, sondern nur mit Ideologie. Und um ihre Ansicht zu belegen, werfen sie ihre eigene Ideologie geradezu vor die Füße der Leser. Man hat richtig den Eindruck, einem ideologischen Keuchhusten beizuwohnen, der in regelmäßigen Abständen “antisozial”, “staatsfeindlich”, “antiegalitär” und “marktradikal” hervorwürgt.

Alle vier Adjektive haben eines gemeinsam: Sie stellen eine Bewertung dar. Wie die Dinge nun einmal so liegen, sind alle vier Bewertungen Bewertungen die Salzborn-Kurthschen Ursprungs sind und somit ihre Bewertungen, die absolut nichts über die AfD aussagen. Sie sagen aus, was Kurth/Salzborn von der AfD denken, wie sie sie bewerten, und dabei bleibt es auch, denn die vermeintlichen Wissenschaftler können ihren Adjektiv-Keuchhusten mit keinerlei Belegen verbinden.

Adam Smith WealthWie heftiges Husten in der Regel ein Indiz für eine Erkrankung darstellt, so stellt der häufige Gebrauch von wertenden Adjektiven in derogativer und nicht-belegter Weise ein Indiz dafür dar, dass sich jemand im Zustand ideologischer Trance befindet, ein Zustand, der vielleicht durch eine zu große Distanz zwischen Denken und Realität, vielleicht durch neuronale Missfunktionen ausgelöst wird, wie auch immer, er führt dazu, dass sich die ideologisch Benebelten regelmäßig in ideologische Extase schreiben:

Eine Kosteprobe: “Zugleich will die AfD, ganz in der Tradition von Adam Smith, Gewinne privatisieren und Risiken und Verluste verstaatlichen und so vordergründig den “kleinen Mann” entlasten”

Erste Reaktion: Lachen.
Zweite Reaktion: lauteres Lachen.
Dritte Reaktion: Tränen aus den Augen wischen.
Vierte Reaktion: “Die wollen an der Universität sein?”

Besagter Adam Smith, dessen Hauptwerke den Titel “An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” und “Theory of Moral Sentiments” tragen, hat im 18. Jahrhundert gelebt, und mithin in einem Jahrhundert, indem sich Fragen nach der Verstaatlichung von Verlusten durch Bankenrettung nicht gestellt haben. Wenn Banken zahlungsunfähig waren, dann gingen sie Bankrott. Ein Wohlfahrtsstaat war nämlich zu Adam Smith Zeiten, der viel Papier dafür benutzt hat, die Vorteile von “sympathy” im ökonomischen Handeln, also von Empathie darzustellen, gänzlich unbekannt, bekannt war dagegen Mildtätigkeit. Und es wird Kurth/Salzborn überraschen, aber Einkommenssteuer war zu Adam Smiths Zeiten ebenso unbekannt wie Lohnsteuer. Ganz offensichtlich haben Salzborn und Kurth nicht einmal den Hauch einer Idee, wer Adam Smith ist, wann er gelebt hat, was er geschrieben hat und wozu er geschrieben hat, und man kann sich nur wiederholen: Die wollen an der Universität sein?

Aber es kommt noch besser: Unter der Überschrift “Antiparlamentarischer Nationalgallismus” gibt es Folgendes zu lesen:

“Zugleich kokettiert die Ideologie des wirtschaftswissenschaftlichen Expertentums, das sich auf vermeintlich neutralen Sachverstand stützt, auch mit der weberianischen Idee der gelenkten und gesteuerten Demokratie, in der vermeintlich neutrale Experten Entscheidungen treffen – und nicht Mehrheiten”.

Gemeint ist hier Max Weber, der den Begriff der plebiszitären Demokratie geprägt hat, und zwar im Zuge seiner (Mit-)Arbeit an der Weimarer Verfassung, die in ihrer Liberalität die Bonner Verfassung weit in den Schatten stellt. Die Idee der Herrschaft des Sachverstands stammt dagegen von Plato, der sie als Herrschaft der Philosophen ausgeführt hat. Abermals weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, ob der völligen Ahnungslosigkeit dieser Positionsinhaber, die an Universitäten auf Studenten losgelassen werden.

Aber ganz so ahnungslos sind sie gar nicht. Es gibt etwas, wovon sie Ahnung haben, von Gender Mainstreaming haben sie Ahnung, oder besser: Sie kennen die einschlägigen Schriften zu Gender Mainstreaming, die das Bundesministerium für FSFJ veröffentlicht hat. Und daraus zitieren die Autoren ausgiebige 17 Zeilen ihres 115 Zeilen langen Beitrags. Man ist fast gewillt, Ihnen auf die Schultern zu klopfen und Fleisskärtchen zu verteilen, aber halt nur fast, denn wieder merken Salzborn-Kurth nicht, was sie schreiben.

So ist bei der AfD ganz furchtbar und antifeministisch, dass sie die “Gleichberechtigung der Geschlechter unter Anerkennung ihrer unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen- und Lebenssituationen” fordert. Das, so merken wir uns, ist antifeministisch.

Jaspers WeberIm Einklang mit der Lehre, mit Gendermainstreaming ist, was das Bundesministerium für FSFJ schreibt, so teilen Kurth Salzborn ihren Lesern mit, also: dass “bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interesse von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig” berücksichtigt werden sollen. Denn: “das Leitprinzip der Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet die politischen Akteure, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern zu analysieren und ihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur Förderung einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen”.

Sehen Sie den Unterschied zwischen den “unterschiedlichen Identitäten, sozialen Rollen und Lebenssituationen” die die AfD Männern und Frauen attestiert und den “unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern”, den “unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen von Frauen und Männern”, die Kurth/Salzborn im Auftrag des BMFSFJ favorisieren?

Wir auch nicht. Beide teilen eine Großzügigkeit, die Menschen Interessen, Bedürfnisse und Rollen zugesteht und beide sind der Ansicht, dass sich Männer und Frauen grundlegend unterscheiden, teilen somit einen entsprechenden Essentialismus und Sexismus. Offensichtlich ist die ideologische Extase, in die sich Kurth/Salzborn geschrieben haben, so umfassend gewesen, dass nichts von der Realität übrig geblieben ist und so endet ihr Beitrag, wie er begonnen hat, mit einem Widerspruch.

Was Personen wie Kurth und Salzborn an Universitäten zu suchen haben, ist uns ein Rätsel, und derzeit sind wir uns auch nicht sicher, ob sie besser im Betreuten Wohnen oder im Vorstand des DGB aufgehoben sind, in jedem Fall gehören sie nicht an eine Universität, schon weil ihnen wissenschaftliches Arbeiten ebenso fremd ist, wie die Werke von Adam Smith und Max Weber .

Letztere kennt übrigens Karl Jaspers aus dem FF und aus seiner Biographie Max Webers wollen wir zwei kurze Zitate entnehmen, die gerade sehr gut passen, und anschließend können Kurth/Salzborn dann zumindest von sich sagen, dass sie zwei Zitate von Jaspers über Weber kennen:

“Die Vernunft der politischen Denkungsart verlangt Erkenntnis. Diese rein und redlich zu vollziehen ist Bedingung der Klarheit des politischen Willens” (Jaspers, 1988: 120).

Mit anderen Worten: Politik kann gerade nicht auf Ideologie beruhen. Sie muss auf Sachverstand, Faktenkenntnis, also auf dem beruhen, was Wissenschaftler in der Vergangenheit gewöhnlich bereit stellen,

“Welche Ziele auch immer in der Politik ergriffen werden, die Politik selber gründet sich, wenn sie groß und ernst ist, jederzeit auf Verantwortung” (Jaspers, 1988: 121).

Aber nicht nur Politiker tragen eigentlich Verantwortung, auch Wissenschaftler tun dies. Wer verantwortungslos schreibt, das Ziel, seine Leser mit Falschheit und Bewertung zu manipulieren verfolgt, das Ziel, seine Leser mit Informationen zu eigener Bewertung fähig zu machen, dagegen nicht, kann entsprechend kein Wissenschaftler sein, bestenfalls ein verantwortungsloser Ideologe und für den weder in Politik noch in Wissenschaft ein Platz ist, aber vielleicht im Betreuten Wohnen.

Hetero-Umerzieher Szene und Homo-Heiler Szene: Eine kleine Anfrage an die Grünen

Ein Leser von ScienceFiles hat uns auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag aufmerksam gemacht (besten Dank!). Die Kleine Anfrage ist von einer ideologischen Binnensicht (oder Borniertheit) durchdrungen, die dazu führt, dass wir nicht anders können, als die Anfrage zur Grundlage einer eigenen nur leicht veränderten Anfrage zu nehmen, die wir unsererseits an die Grünen richten. Vorab ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass die Anfrage der Grünen sich gegen “sogenannte Homo-Heiler” richtet, die damit werben, Homosexuelle zu heilen.

Darüber echauffieren sich die Grünen, ganz so, als wäre es ihre Aufgabe für alle Homosexuellen dieser Welt zu entscheiden, dass sie gerne homosexuell sind, ganz so als wären sie in einer Position darüber zu richten, ob sich ein homosexuelles Individuum dazu entscheiden kann, eine Therapie in Richtung Heterosexualität zu beginnen oder nicht. Die Prämissen der Grünen sind überdeutlich: Homosexualität ist eine reine Daseinsform, und während es Menschen gibt, die mit ihrer Heterosexualität unglücklich sind und sich gerne als Homosexuelle outen würden, kann es keine Homosexuellen geben, die mit ihrer Homosexualität unglücklich sind und sich gerne als Heterosexuelle outen würden.

Die Grünen leben in einem ideologischen Paradies, in dem nichts ist, wie es ist, aber alles so, wie es nach linker Ideologie sein soll. Wir haben diese Form geistiger Bornierung zum Anlass genommen, um unsererseits eine Kleine Anfrage an die Grünen zu verfassen. Unsere Kleine Anfrage basiert auf der Kleinen Anfrage der Grünen, wir haben sie nur geringfügig verändert, was insofern möglich ist, als die Kleine Anfrage sich durch Floskeln, unbelegte Behauptungen und Belanglosigkeiten auszeichnet, die man einfach nutzen kann, um die Prämissen, die dahinter stehen in ihrer ganzen Erbärmlichkeit für sich selbst sprechen zu lassen.

Kleine Anfrage von ScienceFiles an die Grünen

Sogenannte Hetero-Umerzieher in Deutschland

SciencefilesIn deutschen Schulen wird zunehmend versucht, Kinder und Jugendliche, die bislang mit ihrer Sexualität kein Problem hatten, für ihre möglicherweise vorhandene Homosexualität zu sensibilisieren und ihre unhinterfragte Heterosexualität zu problematisieren. Völlig unbelegt durch wissenschaftliche Studien und im Widerspruch zu den Ergebnissen der empirischen Forschung behaupten die Vertreter eines pädagogisch forcierten Outings, dass Kinder und Jugendliche, die öffentlich zu ihrer Homosexualität stehen, in geringerer Gefahr sind, ihr Leben durch einen Suizid zu beenden als Kinder und Jugendliche, die ihre Homosexualität nicht erkennen oder gar geheim zu halten müssen glauben. Obwohl kein wissenschaftlicher Nachweis für diese Behauptungen besteht, wird die Verbreitung homosexueller Lebensweisen und die Popularisierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen in Deutschland vorangetrieben.

Neuerdings wird von den Propagandisten dieser Pseudoheilslehren beteuert, sie sähen Heterosexualität nicht als Krankheit, aber ‘manche wollten in ihrem Wunsch begleitet werden, homosexuelle Potentiale zu entwickeln’. Sie behaupten: “Heterosexuelle mit Änderungswunsch und -willen können ihre sexuelle Orientierung durch Therapie, Seelsorge oder Selbsthilfegruppen ändern”.

Zu den Organisationen, die in Deutschland dafür sorgen, homosexuelle Lebensweisen zu popularisieren und Homosexualität zur von Gott gegebenen biologischen Veranlagung zu erklären, zählen die politischen Parteien ebenso wie ihre Politischen Stiftungen, für die die sexuelle Orientierung nicht nur zu einem identitätsstiftenden Inhalt geworden ist, vielmehr wird die Verbreitung so genannter sexueller Diversität durch enstprechende Toleranzszenen betrieben und ist zu einem einträglichen Geschäft für die daran Beteiligten geworden.

Der Weltärztebund WMA, dem über 100 nationale Ärzteverbände – darunter die deutsche Bundesärztkammer – angehören, beschloss bei seiner 64. Generalversammlung im Oktober letzten Jahres eine Stellungnahme, in der vor den sog. Konversions- oder Reparations-Pseudotherapien explizit gewarnt wird: „Es gibt für sie keine medizinische Indikation und sie stellen eine ernste Gefährdung für die Gesundheit und die Menschenrechte von denen dar, die behandelt werden.“ Das Papier wurde von der Bundesärztekammer in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) erarbeitet und gemeinsam mit der französischen Ärztekammer und der British Medical Association beim Weltärztebund eingereicht.

In der Stellungnahme wird die Teilnahme an solchen Pseudotherapien von den Ärzte als „unethisch“ und „menschenrechtswidrig“ bezeichnet und gefordert, dass sie „verurteilt und mit Sanktionen und Strafen versehen  werden“  (www.wma.net/en/30publications/10policies/s13/).

Da eine Geschlechtsumwandlung alle Kriterien einer sog. Konversionstherapie erfüllt, fällt auch eine Geschlechtsumwandlung unter dieses Diktum.

Wir fragen die Grünen:

  1. HIVhomophobiaWelche Organisationen oder Gruppen beteiligen sich an der Popularisierung homosexueller Lebensweisen unter Kindern und Jugendlichen?
  2. Ist es ethisch und moralisch vertretbar Kinder und Jugendliche, die in der Phase der Pubertät besonders für Einflussnahme von außen anfällig sind, mit den entsprechenden Angeboten alternativer sexueller Orientierung zu manipulieren?
  3. Welche Erkenntnisse haben die Grünen darüber, dass Kinder und Jugendliche, die sich in ihrer Pubertät als homosexuell geoutet haben, im weiteren Verlauf ihres Lebens unter dieser Entscheidung gelitten haben?
  4. Wie hoch ist nach Erkenntnissen der Grünen der Anteil an HIV/AIDS Erkrankten unter denjenigen, die für homosexuelle Lebensweisen im Verlauf ihres Besuchs einer allgemeinbildenden Schule sensibilisiert wurden?
  5. Welche Organisationen a) bieten nach Kenntnis der Grünen die sogenannten Konversions- oder Reparations-Therapien mit dem Ziel einer Geschlechtsumwandlung an und b) werben nach Kenntnis der Grünen für diese Pseudotherapien?
  6. Können nach Ansicht der Grünen sogenannte Geschlechtsumwandlungen mildtätigen oder kirchlichen Zwecken dienende Tätigkeiten im Sinne der Abgabenordnung sein?
  7. Können nach Ansicht der Grünen Tätigkeiten, die auf die Veränderung einer sexuellen Orientierung abzielen, im Sinne des §52 der Abgabenordnung darauf gerichtet sein, ‘die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern?
  8. Welche Schlussfolgerungen und Konsequenzen ziehen die Grünen aus dem Umstand, dass Vereine und Ärzte, die Geschlechtsumwandlungen propagieren und durchführen, steuerbegünstigte Zwecke verfolgen, und halten die Grünen in diesem Zusammenhang eine Klarstellung gegenüber den Landesfinanzverwaltungen zur Gewährleistung einer einheitlichen Rechtsanwendung für sinnvoll?
  9. Ist den Grünen bekannt, dass es in Deutschland Ärzte gibt, die sog. Geschlechtsumwandlungen anbieten und bei dem Krankenkassen abrechnen?
  10. Sind nach Ansicht der Grünen sog. Geschlechtsumwandlungen trotz ihrer potentiellen Schädlichkeit vom Leistungskatalog der Krankenkassen erfasst?

 

Schließlich: Unsere Haltung zu Homosexualität ist die, dass wir keine haben. Was Menschen miteinander in Schlafzimmern tun, interessiert uns nicht.

Nutznießer-Spirale: Wohlfahrtsstaaten sind der Anfang vom Ende

Eine witzige und interessante Arbeit zum Thema “Wohlfahrtsstaat” kommt aus Frankreich. Verfasst haben sie Yann Algan, Pierre Cahuc und Marc Sangnier. Die Arbeit ist witzig, weil sie eine Thematik behandelt, die die meisten politisch korrekten und institutionalisierten Wissenschaftler sich nicht anzufassen trauen, und sie ist interessant, weil sie auf einfach Art und Weise zeigt, dass in Wohlfahrtsstaaten ein Gesetz der Degeneration, des gesellschaftlichen Niedergangs zu beobachten ist.

Algan, Cahuc und Sangnier gehören zu den Wissenschaftlern, die gute Ideen in einfache und kausale Annahmen zu verpacken in der Lage sind, und zwar so:

  • reichtum fuer alleGesellschaften bestehen aus Menschen, denen man vertrauen kann und Menschen, denen man nicht vertrauen kann.
  • Menschen, denen man vertrauen kann, sind kooperativ und produktiv, d.h. sie haben etwas mit anderen zu tauschen. Menschen, denen man nicht trauen kann, versuchen, Kooperationen zu ihren Gunsten auszunutzen. Sie sind nicht produktiv: sie nehmen nur, haben selbst nichts zu geben, und deshalb kann man ihnen nicht trauen.
  • Menschen, denen man vertrauen kann, die kooperativ und produktiv sind, bezeichen Algan, Cahuc und Sangnier als zivile Menschen, diejenigen, auf die diese Eigenschaften nicht zutreffen als nicht-zivile Menschen.
  • Die erste Annahme, die die Autoren auf diesem Grundmodell treffen lautet: Die Bereitschaft, Steuern an einen Wohlfahrtsstaat zu zahlen, steigt mit dem Anteil der zivilen Menschen.
  • Daraus folgt, dass auch die Unterstützung für Wohlfahrtsstaaten mit dem Anteil der zivilen Menschen in einer Gesellschaft steigt.
  • Jedoch stellen Wohlfahrtsstaaten Anreize zum Opportunistmus dar, weshalb es einen anderen Zusammenhang gibt: Wenn der Anteil der nicht-zivilen Menschen in einer Gesellschaft steigt, dann ergeben sich daraus triste Konsequenzen:
    • Die Bereitschaft, Steuern zu zahlen sinkt, die Bereitschaft, Steuern vorzuenthalten, steigt.
    • Der Anteil derjenigen, die vom Wohlfahrtstaat leben wollen und Transferzahlung anstreben, steigt.
    • Die Unterstützung für den Wohlfahrtsstaat wächst unter seinen Günstlingen, den unzivilen Menschen.
    • Gleichzeitig werden immer neue Forderungen nach Umverteilung und höheren Steuern durch nicht-zivilen Menschen erhoben: “Uncivic individuals desire more redistribution for two reasons. First, they benefit from public transfer more frequently than civic individuals since they claim benefits when their production can be hidden. Second, they do not bear the full burden of taxation since they dodge taxes when this is possible” (5).

Ab diesem Zeitpunkt ist in einem Wohlfahrtsstaat eine Nutznießer-Spirale am Werk, deren Konsequenz ein “race-to-the-bottom” ist: Immer mehr Profiteure des Wohlfahrsstaates, die unkooperativ und nicht vertrauenswürdig sind, die sich opportunistisch verhalten, fordern immer höhere Steuern und eine immer weitergehende Umverteilung von Steuermitteln und hoffen, davon zu profitieren.

Und als wäre dies nicht schon genug, werden die Horden nicht-ziviler Menschen, die versuchen, auf Kosten der zivilen Menschen zu leben, durch korrupte Bedienstete des Staates unterstützt: “Societies populated by a majority of uncivic individuals can support corrupt and ineffective welfare states that can be larger than the more effective welfare states of societies populated by a majority of civic individuals” (6).

Bis hier hat die Arbeit von Algan, Cahuc und Sagnier bereits eine große Zahl von interessanten Ideen und Konsequenzen aus den Ideen, über die es sich nachzudenken lohnt, bereit gestellt. Aber es kommt noch besser:

Die Autoren testen ihre Annahmen anhand der Daten der OECD Expediture Database, des World Value Survey und des European Social Surveys, und die Daten bestätigen jede einzelne ihrer Annahmen.D.h. Wolfahrtsstaaten tendieren dann, wenn in ihnen das Vertrauen zwischen den Menschen verschwindet und Kooperation problematisch gemacht wird, zu korrupten Selbstbedienungsanstalten für nicht-zivile Menschen zu werden, die ihren Vorteil auf Kosten Dritter suchen und mit Hilfe korrupter Regierungen immer neue Gesetze und Regelungen durchsetzen, die dem Ziel dienen, noch mehr von Umverteilung zu profitieren und immer neue Mittel in die eigene Tasche zu leiten.

“Large, corrupt and ineffective welfare states can survive thanks to the support of a majority of untrustworthy individuals. The creation of large, transparent and effective welfare states needs a large majority of trustworthy citizens. These findings might explain why it is so difficult to reform the large welfare states of Continental Europa countries despite the widespread consensus that they are less effective and transparent than their counterparts in Nordic countries.” (14)

So beenden die Autoren ihre Arbeit. Aber hier fängt es eigentlich erst an.

Wenn Gesellschaften, in denen Ideologen Unfrieden und Misstrauen säen, etwa so, wie es Sozialisten und Feministen in Deutschland tun, über kurz oder lang in ineffiziente Wohlfahrtsstaaten ausarten, in denen es vor allem darum geht, selbst auf Kosten anderer zu profitieren, dann kann man sich die Richtung, in die die deutsche Gesellschaft drifted gut vorstellen.

wohlfahtsstaatAber nicht nur das, wenn die Gefahr großer Wohlfahrtsstaaten darin besteht, dass sie von einer Meute Opportunisten übernommen werden, deren einziges Bestreben darin besteht, immer neue Umverteilung zu fordern und neue Wege zu ersinnen, wie sie an das Geld der zivilen Mitglieder der Gesellschaft kommen, dann zeigt sich hier ein Geburtsfehler repräsentativer Demokratien, stehen sie doch in der Gefahr zum demokratischen Despotismus einer Nutznießer-Oligarchie zu verkommen.

Und dass Deutschland auf dem besten Weg in den demokratischen Despotismus ist bzw. längst im demokratischen Despotismus angekommen ist, zeigt sich z.B.

  • in der Hetzjagd, die auf Menschen veranstaltet wird, die Steuern vorenthalten.
  • Es zeigt sich darin, dass kaum jemand mehr auf die Idee kommt, dass Staaten kein Existenzrecht per se haben, sondern als Dienstleister souveräner Individuen eingesetzt wurden.
  • Es zeigt sich in der Herrschaft der Mittelmäßigen, die kein Problem damit haben, Maßnahmen wie einen Mindestlohn oder eine Frauenquote zu verabschieden, die die Wirtschaft schädigen.
  • Es zeigt sich darin, dass ein überbordender Apparat der Bereicherung von Günstlingen geschaffen wurde, der staatliche Institutionen dazu einsetzt, Steuermittel einzusammeln und an befreundete Netzwerke und Günstlinge umzuverteilen. Der Gender-Sumpf ist ein Beispiel unter vielen.
  • Es zeigt sich darin, dass die Nutznießer von staatlichen Transferzahlungen die Politik der Parteien bestimmen. Dies findet seinen deutlichsten Ausdruck darin, dass es schick geworden ist, nach Umverteilung zu rufen und nicht-Leistungen wie die Fortpflanzung durch Steuermittel zu honorieren.
  • Und schließlich zeigt es sich darin, dass zivile Menschen sich immer seltener in die Politik verirren, denn Politik ist zu einem Verschiebebahnhof geworden, auf dem sich blasse Gestalten einfinden, die im offenen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, keine Chance hätten, ein Auskommen zu erwirtschaften und entsprechend den Weg in die Politik (oder neuerdings im Rahmen entsprechender Förderprogramme an Universitäten) wählen.

Der Niedergang von Wohlfahrtsstaaten, die von immer mehr Nutznießern gekapert werden und von immer weniger zivilen Menschen bevölkert werden, ist mithin eine Folge des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, denn in einer Gesellschaft in der die Nutznießer staatlicher Steuergeschenke die Mehrheit bilden, ist der Ausgang einer Wahl ebenso vorhersehbar wie die Politikangebote, die Politiker machen: hier wird umverteilt, bis es nichts mehr umzuverteilen gibt.

Wir nennen das die Nutznießer-Spirale.

©ScienceFiles,2014

Algan, Yann, Cahuc, Pierre & Sangnier, Marc (2014). Trust and the Welfare State: The Twin Peaks Curve. Bonn: Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit; Institute for the Study of Labor IZA DP No. 8277.

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