ScienceFiles-Wahlprognose 2013 – Eine Wahl der Überraschungen?

Wir haben das Online-Wahllokal für die ScienceFiles-Wahlumfrage geschlossen und bedanken uns bei 1274 Wählern, die unsere Umfrage legitimiert haben und dabei geholfen haben, die Grenze der Anzahl von Befragten zu überschreiten, die bei Meinungsforschungsinstituten gewöhnlich die vermeintliche Repräsentativität ihrer Umfragen sicher stellen soll, nämlich 1.000 Befragte (So befragt Infratest Dimap im Auftrag der ARD regelmäßig zwischen 1012 und 1050 Personen). Im Gegensatz zu Meinungsforschungsinstituten gibt es bei uns niemanden, der keine Angaben macht oder die Angaben verweigert, so dass wir 1274 valide Antworten und keine “missing values” in unserer Befragung haben.

Und das Ergebnis der ScienceFiles-Wahlumfrage sieht wie folgt aus:

ScienceFiles_Wahlumfrage_2013

Geht es also nach den Lesern von ScienceFiles, die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, dann hat der nächste Bundestag ein ganz anderes Aussehen als der jetzige. Aber, so hört man die institutionalisierten Wahlforscher schon unisono und im Chor einwenden: die ScienceFiles-Umfrage ist ja gar nicht repräsentativ.

Wir haben an anderer Stelle bereits gezeigt, dass Repräsentativität mehr ein Fetisch als ein wissenschaftliches Konzept ist und dass die geheimnisvolle Gewichtung eine spezifische Form der Datenmanipulation ist, die mehr oder weniger große Ähnlichkeiten mit dem Lesen von Kaffeesatz aufweist, aber gut: Wir wollen an dieser Stelle das Manko, das unsere Umfrage in den Augen der institutionalisierten Volksbefrager hat, beseitigen und unsere eigene Form der Repräsentativität durch informiertes Schätzen herstellen.

Wir haben dies in einem strukturierten und hierarchischen Entscheidungsmodell gemacht, das wir als ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool bezeichnen. Es funktioniert wie folgt (im Folgenden ist eine Reihe von Prognosefaktoren genannt, es sind nicht alle Prognosefaktoren genannt):

  • Wir nehmen an, dass unsere Wählerschaft progressiv ist und einen Wandel will, darauf folgt, dass neue Parteien wie die AfD in unserer Umfrage überschätzt sind.
  • Parteien wie die CDU/CSU und die SPD, das zeigt die amtliche Wahlstatistik, haben die höchsten Anteile unter alten Wählern. Alte Menschen sind seltener im Internet zu finden. Entsprechend haben wir die Anteile von CDU/CSU und SPD unterschätzt.
  • Jüngere Wählergruppen sind eher aufgeschlossen für kleinere Parteien und Parteien, die nicht im Bundestag vertreten sind. Unsere Leser gehören mehrheitlich zu den unter 40jährigen, und entsprechend werden bei uns kleinere Parteien über- und etablierte Parteien unterschätzt.
  • Ausweislich der letzten amtlichen Wahlstatistik wählen Männer überproportional FDP und die Linke, während Frauen überprportional CDU und B90/Grüne wählen. Die Mehrzahl unserer Wähler sind männlich, entsprechend haben wir die Anzahl der Stimmen für FDP und LINKE überschätzt und die Anzahl der Stimmen für CDU und B90/Grüne unterschätzt.
  • Wir sind ein liberales blog. Entsprechend sollten liberale Leser auf ScienceFiles überrepräsentiert sein. Die FDP und andere liberale Parteien (z.B. PARTEI DER VERNUNFT) sind in unserer Umfrage entsprechend überschätzt.
  • Die Zahl derjenigen, die von sich sagen, Sie werden nicht wählen gehen und die Anzahl derjenigen, die beabsichtigen ungültig zu wählen, ist mit rund 10% unterschätzt, denn: an der Bundestagswahl 2009 beteiligten sich lediglich 72,2% der Wahlberechtigten (die Anzahl ungültiger Zweitstimmen betrug 2009 1,4%).
  • Aufgrund dieser und anderer Annahmen weichen unsere Ergebnisse von allen veröffentlichten Wahlumfragen, die wir kennen, mehr oder weniger deutlich ab. Entsprechend haben wir einen “random walk” über die anderen Wahlumfragen unternommen und unser Ergebnis mit der wahrscheinlichsten Verteilung verrechnet.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Kriterien, die wir im Sciencefiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool berücksichtigt haben. Nun wollen wir unsere Leser aber nicht mehr länger auf die Folter spannen.

Hier kommt das Ergebnis, die ScienceFiles-Wahlprognose 2013.

Das ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool sagt den Ausgang der nächsten Bundestagswahl wie folgt voraus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Stimmanteil

Nach unserer Wahlprognose ist die AfD mit Sicherheit im nächsten Bundestag vertreten. Die CDU/CSU erhält den höchsten Anteil an Stimmen, gefolgt von der SPD. Die FDP schafft es mit Hängen und Würgen in den Bundestag, in dem neben den genannten Parteien noch die LINKE sowie Bündnis90/die Grünen vertreten sind.

Im Vergleich zur Bundeswahl 2009 sagt unsere Prognose die folgenden Veränderungen voraus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Gewinn und Verlust

CDU/CSU und SPD können leichte Gewinne verbuchen. Der Gewinner der vorliegenden Wahl ist jedoch die AfD, die aus dem Stand in unserer Wahlprognose auf 6,1% der Stimmen kommt. Dagegen muss die FDP erhebliche Verluste einstecken, ein Minus von 9,1% ergibt sich in unserer Prognose. Ihren Stimmanteil schwinden, sehen auch die LINKE und Bündnis90/Die Grünen, während die Piraten zwar leichte Zugewinne im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 verzeichnen, in unserer Prognose aber nicht einmal in die Nähe der 5%-Hürde gelangen.

AUf der Basis dieser Wahlprognose haben wir die Sitzverteilung im nächsten Bundestag berechnet. Dabei sind wir von 598 zu vergebenden Sitzen ausgegangen, haben also die Flut an Überhang- und Ausgleichsmandaten, die das neue Wahlrecht mit hoher Wahrscheinlichkeit verursachen wird (und die die Steuerzahler bezahlen werden) nicht berücksichtigt. Folglich sieht unser nächster Bundestag wie folgt aus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Sitzverteilung

Nach unserer Wahlprognose gibt es im nächsten Bundestag keine Mehrheit für schwarz-gelb, es gibt keine Mehrheit für rot-rot-grün und alles nur wegen der AfD. Eine Koalition zwischen CDU/CSU, FDP und AfD hätte eine parlamentarische Mehrheit von 21 Abgeordneten, während eine große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD sich auf eine Mehrheit von 115 Abgeordneten stützen könnte. Ausgehend von unserer Wahlprognose wird es daher spannend, und das wahrscheinlichste und konsequenteste Ergebnis aus unserer Wahlprognosse wird eine große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD und somit zwischen Parteien sein, die sich ohnehin kaum voneinander unterscheiden.

Gewichtung von Umfragedaten: Magisches aus Meinungsforschungsinstituten

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Die geringen Prozentwerte, die z.B. die ARD in den von ihr bezahlten Infratest Dimap Umfragen für die Alternative für Deutschland ausweist, haben zu einer Diskussion darüber geführt, wie diese Umfrageergebnisse überhaupt zu Stande kommen. Dabei spielt vor allem die Frage der Gewichtung von Rohdaten eine wichtige Rolle. So hat der Chef der AfD im Handelsblatt Folgendes behauptet:

sonntagsfragel„Es gibt ein Problem mit den Meinungsumfragen“, sagte Lucke im Interview mit dem Handelsblatt (Freitagausgabe). „Die Forschungsinstitute nutzen den Spielraum der statistischen Analyse, um uns kleinzurechnen“, kritisierte der AfD-Chef. „Sie wollen offenbar ihre Hauptauftraggeber, die etablierten Parteien, nicht verärgern.“ Er habe für seinen Vorwurf „eindeutige Hinweise von Mitarbeitern der Wahlforscher“, sagte Lucke. „In den Rohdaten von Allensbach und Forsa liegen wir deutlich über fünf Prozent.“

infratest-dimap-01Natürlich haben Wahlforscher dem heftig widersprochen, von: hier wird weder herunter- noch hochgerechnet bis zur Drohung mit einer Unterlassungsklage reichen die Reaktionen. Trotz aller Bekundungen wollen die kritischen Stimmen nicht verstummen, und die Frage, was bei der Auswertung der Daten von Wahlumfragen nun wirklich passiert, ist plötzlich für viele von Interesse.

Unberechtigt ist die Frage sicher nicht: So basiert die letzte von der ARD veröffentlichte Umfrage auf den Angaben von 1008 Wahlberechtigten, die eine repräsentative Stichprobe für alle Wahlberechtigten abgeben sollen. Letzteres soll durch die Auswahlmethode gewährleistet sein: Die “repräsentative Zufallsauswahl / Dual Frame”.

Wie können Angaben von 1.008 Personen repräsentativ für rund 61 Millionen Wahlberechtigte sein? Nun, fragt man z.B. die beiden empirischen Sozialfoscher, die ScienceFiles betreiben, dann lautet die Antwort: Sie können es gar nicht. Wir kennen beide keinen einzigen Datensatz, der trotz aller versierter Zufallsauswahlmethoden auch nur in die Nähe einer Repräsentativität gekommen wäre. Und wir haben beide mit einer Vielzahl von Datensätzen gearbeitet, angefangen bei Datensätzen von IPOS (Institut für Praxisorientierte Sozialforschung), dem Sozialforschungsableger der Forschungsgruppe Wahlen, über den Eurobarometer, die Daten des International Social Survey Programme, das SOEP, die European Election Studies, den World Value Survey bis hin zu einer Reihe von Datensätzen, an deren Erhebung wir beteiligt waren. Aufgrund dieser Erfahrungen sind wir beide der Ansicht, dass Repräsentativität ein Fetisch ist, mit dem Meinungsforschungsinstitute wedeln, um ihre Ergebnisse verlässlicher erscheinen zu lassen. Warum wir bislang keinem “repräsentativen Datensatz begegnet sind und auch in Zukunft keinem begegnen werden, das wollen wir hier kurz ausführen.

Was ist eine Zufallsauswahl?

random sampleWie der Name schon sagt, erfolgt bei einer Zufallsauswahl die Auswahl der Befragten zufällig. Wichtig bei einer Zufallsauswahl ist es, dass jedes Element der Grundgesamtheit, im vorliegenden Fall alle Wahlberechtigten, die gleiche Chance hat, befragt zu werden. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Die erste Frage: Wie kommt man an Daten zu allen Wahlberechtigten? Dies geht z.B. über die Ordnungsämter oder den Bundeswahlleiter, in dem man Daten der Wahlberechtigten bzw. Daten der über 18-jährigen Deutschen nachfragt. Man kann auch einfach loslaufen und in verschiedenen Gegenden Deutschlands Personen über 18 Jahre fragen, ob sie wahlberechtigt sind, um Migranten, die nicht wahlberechtigt sind, auszuschließen. Meinungsforschungsinstitute tun in der Regel dann, wenn es um Wahlumfragen geht, nichts davon: Sie telefonieren, d.h. ihre Mitarbeiter telefonieren. Sie rufen Personen an, die sie in einem Pool gesammelt haben, z.B. weil die entsprechenden Personen bereits in der Vergangenheit befragt wurden und ergänzen diesen Pool durch zufällig ausgewählte weitere Befragte (Telefonnummern kann man entweder zufällig generieren oder aus einem digitalen Telefonbuch zufällig ziehen).

Wie auch immer die Auswahl der Befragten erfolgt, das Ergebnis ist nie repräsentativ. Die Rohdaten sind immer verzerrt. Warum? Die Antworten sind einfach: Wahlberechtigte halten sich nicht zur selben Zeit am selben Ort auf, um sich dort von Meinungsforschern befragen zu lassen. Wahlberechtigte sind einfacher oder schwieriger zu erreichen. Manche Wahlberechtigte sind gar nicht zu erreichen, weil sie im Urlaub, im Krankenhaus, im Führerhaus ihres Lkws oder mit der Bundeswehr in Afghanistan sind. Kurz: Die geforderte gleiche Möglichkeit, für jeden Wahlberechtigten zufällig in die Befragung zu gelangen, ist nicht erfüllbar. Die Zufallsauswahl ist keine Zufallsauswahl. Sie ist nur ein mehr oder weniger gutes Abbild der Grundgesamtheit aller Wahlberechtigten, und eines sicher nicht: repräsentativ.

forsaWas tun? Das Statistische Bundesamt und bestimmte Rückerinnerungsfragen helfen vermeintlich weiter. Das statistische Bundesamt hat Daten, die die Anteile von Wahlberechtigten nach Alter, Geschlecht und Bildung, nach Beruf oder nach Wohnort ausweisen. Jede Befragung enthält einen sogenannten demographischen Teil, in dem Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Wohnort und Beruf der Befragten abgefragt werden. Stellt man nun fest, dass im Datensatz 10% unter 30jähriger Männer enthalten sind, unter den Wahlberechtigten der Anteil der unter 30jährigen Männer, aber: sagen wir 20% beträgt, dann ist der erste Gewichtungsfaktor bereits gefunden: Männer unter 30 Jahren im Datensatz werden verdoppelt, d.h. mit dem Faktor 2 multipliziert.

Nun geht es bei “Wahlprognosen” um die Wahlentscheidung, und deshalb wird in der Regel nach der letzten Wahlentscheidung gefragt, in diesem Fall bei der Bundestagswahl 2009. Die Ergebnisse werden aggregiert und mit dem tatsächlichen Wahlergebnis der letzten Bundestagswahl verglichen. Sagen 30% der aktuell Befragten, sie hätten das letzte Mal CDU gewählt, die CDU hatte aber 33,8% der Stimmen bei der Bundestagswahl 2009 , dann besteht hier eine Diskrepanz von 3,8%, so dass die Stimmen von ehemalgen CDU-Wählern im Datensatz mit dem Faktor 33,8/30 = 1,13 gewichtet werden. So, jedenfalls, beschreibt es Dr. Thomas Petersen auf der Achse des Guten und so will er die Behauptung des Mitgründers der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen (FGW), Wolfgang Gibowski, dass alle Meinungsforschungsinstitute außer der FGW ihre Hochrechnungsprozedur, ihre jeweilige Form der Gewichtung hüten wie ein Staatsgeheimnis, entkräften.

Hier die Lüftung des Geheimnisses durch Thomas Petersen:

Gewichtung“Hat eine Partei A bei der letzten Wahl 50 Prozent der Stimmen erhalten und kommt bei der Rückerinnerungsfrage auf den zu tiefen Wert von 45 Prozent, so ergibt sich ein Gewichtungskoeffizient von 50 : 45 = 1,11. Das heißt, die 45 Prozent Befragten, die die Partei gewählt haben, werden so gezählt, als würden sie 50 Prozent derer ausmachen, die bei der letzten Wahl gewählt und eine konkrete Angabe gemacht haben. Hundert Personen mit diesen Merkmalen zählen soviel, als wären sie 111 Befragte.”

Dass dieses Beispiel so nicht stimmen kann bzw. nur einen Teil der Wahrheit darstellt, kann jeder für sich selbst feststellen, wenn er sich drei Fragen stellt:

  • Warum soll ausgerechnet die Rückerinnerung an die letzte Wahlentscheidung dabei helfen, einen Datensatz richtig zu gewichten? Was, wenn die Rückerinnerung falsch oder schlicht unwahr ist? Was, wenn die Anzahl derjenigen, die sich rückerinnern wollen, verzerrt ist, also nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit? 
  • Was ist mit Nichtwählern? Wie werden Nichtwähler, die 2009 nicht gewählt haben, 2013 aber eine Wahlangabe machen, gewichtet? [Und für Insider: Wie gehen die Meinungsforscher damit um, dass Rückerinnerungsfragen immer und ausnahmslos die Anteile der Partei überschätzen, die gewonnen hat?]
  • Was ist mit neuen Parteien, die mit der Frage nach der letzten Wahlentscheidung nicht erhoben werden können, weil es sie bei der letzten Wahl schlicht noch nicht gab?

Dass das von Petersen dargestellte Verfahren so nicht funktionieren kann, ist spätestens jetzt klar. Somit stellt sich die Frage, was beim Gewichten wirklich passiert und mit dieser Frage ist man bei der Aussage von Wolfgang Gibowski: Niemand außerhalb der entsprechenden Institute weiß es so genau. Was genau geschieht ist ein gut behütetes Geheimnis, das man jedoch aufgrund der aus der empirischen Sozialforschung bekannten Praktiken zumindest teilweise lüften kann.

Empirische WahlforschungDa alle Stichproben von der Grundgesamtheit der deutschen Bevölkerung oder der Wahlberechtigten im Hinblick auf sozialstrukturelle Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung oder Wohnort abweichen, müssen die verzerrten Stichproben wie dies oben dargestellt wurde, begradigt werden. Dies erfolgt durch schlichte Multiplikation, so dass die Verteilung in der Stichprobe anteilig der Verteilung in der Grundgesamtheit entspricht. Nun geht es zudem darum, dass die Wahlentscheidung “repräsentativ” sein soll und entsprechend werden anhand der letzten Wahlentscheidung die Wähler sozio-demographisch gewichtet. Wenn die CDU beim letzten Mal 25% Wähler unter hochgebildeten selbständigen Männern hatte, im Datensatz aber nur 20%, dann werden hochgebildete selbständige Männer unter den CDU-Wählern mit dem Faktor 25/20 gewichtet, also mit 1,25 multipliziert. Dass Gewichtung entsprechend ein beharrendes Element hat und deshalb neue Parteien immer unterschätzt werden, ist mehr als deutlich geworden, und so betrachtet hat der Chef der AfD einen Punkt, wenn er behauptet, die AfD würde heruntergerechnet. Sie wird es vermutlich nicht absichtlich, aber als Folge der Gewichtung der Daten. Dass neue Parteien schlechter dastehen, als sie es tatsächlich tun, wird entsprechend billigend in Kauf genommen, immer in der Hoffnung, die tatsächliche Abweichung vom ausgewiesenen Prozentsatz bewege sich innerhalb des statistischen Fehlers von 2 Prozent.

Wer wählt wen? Eine Übung in Eindimensionalität

Der neue DIW-Wochenbericht enthält einen Beitrag von Stefan Bach und Markus M. Grabka, der mit dem Titel “Parteianhänger: Wohlhabende neigen zu Union und FDP und zu den Grünen” überschrieben ist.

diw_logoWie gewöhnlich im DIW-Wochenbericht, so basiert auch der Beitrag von Bach und Grabka auf den Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) des DIW und hier auf zwei Fragen nach der Parteipräferenz. Beide Fragen wurden in den SOEP-Wellen der Jahre 2009 bis 2011 gestellt und entsprechend von den Autoren aggregiert. Die Analysen repräsentieren somit keine aktuellen Daten.

Parteiindentifikation

Dargestellt ist die Entwicklung der Parteiidentifikation in Deutschland

Macht auch nichts, sagen die Autoren, denn die Parteipräferenz oder Parteibindung, so einig über die Begriffswahl sind sich die beiden Autoren offensichtlich nicht, also die Parteibindung, die langfristige Parteibindung, ist dauerhaft, deshalb langfristig, sie gibt im Gegensatz zur Frage nach der Wahlentscheidung, Sie wissen schon: Wenn am Sonntag Wahl wäre,…, eine “stabile Neigung bezüglich der Anhängerschaft von Parteien wieder” (13). Die “stabile Neigung bezüglich Anhängerschaft” (was für eine verquere Wortansammlung) wird im SOEP wie folgt erfragt:

“Viele Leute in der Bundesrepublik neigen längere Zeit einer bestimmten Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen: Neigen Sie einer bestimmten Partei in Deutschland zu?” Wer jetzt ja sagt, den trifft die Folgefrage: Und welcher Partei neigen Sie zu?

Die Parteibindung ist also eine Neigung zu Gunsten einer Partei, die sich nicht unbedingt in der Wahl der entsprechenden Partei niederschlägt. Man könnte nun fragen, was man mit einem Konzept soll, dessen Effekt auf die Realität höchst fragwürdig ist, denn was nützt es der CDU, wenn 40% eine Parteineigung zu Gunsten der CDU behaupten, aber nur 25% die CDU wählen? Aber mit derartigen Fragen lassen sich manche empirischen Datensammler nicht gerne penetrieren, und entsprechend wollen wir verfolgen, was Bach und Grabka in ihren Analysen zu Tage befördern.

Dem mit multivariaten Modellen Verwöhnten wird hier eher biedere Hausmannskost in Form bivariater Auszählungen serviert, die dem Zweck hier nicht angemessen ist. Auszählungen, die einmal den Anteil derjenigen, die behaupten, sie würden Partei X zuneigen mit dem Nettohaushaltseinkommen kreuztabulieren, einmal mit dem Nettovermögen, wie es im Jahre 2007 vorhanden war. Nicht nur, ist die bivariate Vorgehensweise insofern seltsam, als es – wie noch zu zeigen sein wird – bekannt ist, dass Wähler nicht eindimensional sind und aufgrund von Einkommen entscheiden, sondern eine ganze Reihe mehr Variablen notwendig ist, um eine ungefähre Idee der sozialstrukturellen Verteilung der Wähler einer Partei zu erhalten. Nebenbei bemerkt fehlen im gesamten Beitrag Angaben zur Fallzahl, so dass man eigentlich bereits mit dieser Feststellung die Diskussion dieses Werks von Bach und Grabka mit der Bemerkung, wissenschaftlich ungenügend beenden müsste. Aber folgen wir dennoch dem, was uns die Autoren vorsetzen und blicken auf die beiden Kreuztabulierungen, denen Folgendes zu entnehmen ist:

  • 31,4% der Wähler, die sich unter den unteren 20% der Nettohaushaltseinkommenverteilung befinden, geben an, der CDU/CSU zuzuneigen, 3,4% geben die FDP, 12,5% die Grünen, 33,7% die SPD, 12,9% die Linke und 6% geben andere Parteineigungen an.
  • 46% der Top 5% der Nettohaushaltsverteilung geben an, der CDU/CSU zuzuneigen, 23,1% geben die FDP, 15,3% die Grünen, 21,1% die SPD 2,8% die Linke und1,6% geben andere Parteien als die Parteien an, denen sie zuneigen.
  • Dieses Muster, dass die Wähleranteile der CDU/CSU und der FDP unter den oberen 5% der Haushaltseinkommensbezieher und auch unter den oberen 20% der Haushaltseinkomensbezieher höher sind als unter den unteren 20%, während es bei der SPD und der Linken umgekehrt ist, wiederholt sich für die Verteilung der Vermögen. Die Zuneiger der Grünen haben dagegen höhere Einkommen bei wenig Vermögen.

Mit anderen Worten, die Analysen von Bach und Grabka zeigen, dass die Neigung zu CDU/CSU, Grünen und FDP bei Beziehern hoher Einkommen höher ist als bei Beziehern geringer Einkommen und dass es bei SPD und Linken umgekehrt ist. Wohlgemerkt, die Parteibindung (-neigung) hat mit der letztlichen Wahlentscheidung nur entfernt etwas zu tun.

Dieses Ergebnis ist alles andere als neu und unter Wahlforschern seit Jahrzehnten bekannt. Ebenso ist unter Wahlforschern bekannt, dass das Einkommen nur eine aus einer Reihe von Variablen ist, die in einem Zusammenhang mit der Wahlentscheidung stehen und darüber hinaus keine sonderlich gute, da das Einkommen von einer Reihe anderer Variablen beeinflusst wird.

WahlstatistikSo kann man dem Heft 4 der amtlichen Wahlstatistik, die “der Bundeswahlleiter” regelmäßig nach Wahlen veröffentlicht, entnehmen, dass CDU/CSU und SPD von Wählern, die das 60. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben, 2009 proportional (d.h. gemessen am Gesamtanteil) häufiger gewählt wurden, als von jüngeren Wählern, während Grüne, FDP und Sonstige tendenziell unter jüngeren Wählern überproportional häufig gewählt wurden (Tabelle 1.10). Eine weitere Tabelle zeigt, dass Männer bei der Bundestagswahl 2009 überproportional die FDP und die Linke gewählt haben, während Frauen proportional häufiger CDU und CSU gewählt haben.

Wenn man zudem die Kirchgangshäufigkeit kontrolliert oder die Gewerkschaftsmitgliedschaft oder den Wohnort, dann stellt man fest, dass CDU/CSU Wähler nach wie vor häufiger unter Kirchgängern und auf dem Land zu finden sind als SPD Wähler, während SPD Wähler anteilig häufiger unter Gewerkschaftsmitgliedern zu finden sind, als CDU und CSU Wähler. Für Grüne finden sich Wählerklumpungen unter Angestellten des öffentlichen Dienstes und unter Angestellten in sozialen Berufen.

Kurz: Die Liste der Variablen, die im Zusammenhang mit der Wahlentscheidung stehen, umfasst bekanntermaßen weit mehr Variablen als das Einkommen oder das Vermögen. Warum man beim DIW ausgerechnet diese beiden Variablen, die massiv z.B. mit dem Alter und dem sozialen Status der Eltern konfundiert sind, ausgesucht hat, um einen Beitrag zu schreiben, ist mir nicht nachvollziehbar, aber vielleicht verfolgt das DIW ja eine eigene Agenda und teilt dieselbe der Öffentlichkeit noch vor der Bundestagswahl mit.

Bleibt mir an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass die ScienceFiles-Wahlumfrage sehr gut angelaufen ist und sich langsam in den Bereich bewegt, ab dem Wahlforscher (aber nicht wir bei ScienceFiles) von repräsentativen Ergebnissen sprechen. Auf vielfachen Wunsch stellen wir Trendmeldungen bereit, die angeben, in welche Richtung das Wahlergebnis läuft, das wir dann nach Schließung der Wahllokale veröffentlichen werden. Der derzeitige Trend sieht eine Polarisierung des Parteiensystems, die zu Lasten der Altparteien geht. Wir halten die Leser von ScienceFiles mit Tweets über die aktuellen Trends auf dem Laufenden. Wer auf Twitter unterwegs ist, findet die Tweets unter @sciencefiles, wer nicht auf Twitter unterwegs ist, findet die Updates in der rechten Leiste unter “Twitter”.

Es wahlkampft: Nichtwahl als ehrliche Wahlentscheidung

Einmal in vier Jahren entdecken die politischen Parteien ihre Bürger. Einmal in vier Jahren, immer im Schnitt einige Monate vor einem Urnengang, jenem symbolischen Akt, bei dem Wähler ihre Stimme in eine Urne werfen, damit sie gezählt und dann vernichtet wird, “wahlkampft” es. Überall stehen Plakate mit nichtssagenden Parolen, den immerselben Gesichtern, im Fernsehen finden Duelle statt und eine ganze Reihe von Anstrengungen wird unternommen, um den Wählern den Eindruck zu vermitteln, man nehme sie ernst und sei an mehr als ihrer Stimme interessiert.

Erving Goffman hätte seine Freude an dieser Form der öffenlichen Inszenierung, bei der Fassade, dramatische Gestaltung, Idealisierung und Ausdruckskontrolle von so großer Bedeutung sind.

Zunächst ein bischen Begriffsklärung:

Goffman Theater“Unter Fassade verstehe ich also das standardisierte Ausdruckrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet” (Goffman, 1983, S.23). [...] “Ich habe schon angedeutet, dass bei der Darstellung einer Rolle die Fassade einige recht abstrakte Ansprüche an das Publikum stellt, die meist auch bei der Darstellung anderer Rollen erhoben werden. Hierbei handelt es sich um eine der Methoden, durch die eine Darstellung ‘sozialisiert’, das heißt dem Verständnis und den Erwartungen der Gesellschaft, vor der sie stattfindet, angepasst wird. Ich will nun einiges über einen weiteren wichtigen Aspekt dieses Sozialisierungsprozesses ausführen: über die Tendenz der Darsteller, beim Publikum einen auf verschiedene Art idealisierten Eindruck zu erwecken” (Goffman, 1983, S.35). [...] “Die notwendige Stimmigkeit des Ausdrucks bei unseren Darstellungen weist uns auf eine entscheidende Diskrepanz zwischen dem allzu-menschlichen Selbst und dem Bild der Persönlichkeit, wie es vor der Gesellschaft erscheint, hin” (Goffman, 1983, S.52).

Kurz zusammengefasst und auf Politiker angewendet, sagt Goffman, dass eine erfolgreiche Darstellung eines Politikers dann erreicht ist, wenn es dem entsprechenden Politiker gelingt, auf der Bühne der Öffentlichkeit und vor seinem Publikum glaubwürdig seine Rolle zu spielen. Die Rolle ist eine Inszenierung der Dinge, die der Politiker glaubt, dass sie seinem Publikum bzw. dem von ihm adressierten Publikum wichtig sind. Die Idealisierung der Darstellung, also die möglichst reine Ansprache der Erwartungen, von denen ein Politiker glaubt, dass sie an ihn gerichtet werden, ist der Schlüssel zum Erfolg, denn nur wenn es einem Politiker gelingt, den Eindruck zu erwecken, er nehme das, was er denkt, dass es seinem Publikum wichtig ist, ernst, ist seine Darstellung glaubwürdig und mithin erfolgreich.

Man beachte, dass der altruistische gute Onkel und die nette Tante von nebenan, die uns Parteien als ihre Politiker verkaufen wollen, in der Beschreibung von Goffman nicht vorkommt. Goffman ist ja gerade an der Beschreibung der Realität mit all ihren Niederungen und eben nicht an der Beschreibung der Symbolik interessiert, die genutzt wird, um die Realität nicht als solche erscheinen zu lassen.

Einmal in vier Jahren gilt es für Politiker zu schauspielern, dann müssen sie zeigen, wie gut sie in der Lage sind, sich glaubwürdig zu inszenieren. Dann wird versucht, Wählern vorzugaukeln, dass das, was sie wollten, genau das ist, was ein bestimmter Politiker anbietet. Die Idealisierung Goffmans, die Anthony Downs als Reduktion auf wenige ideologische Aussagen beschrieben hat, ist deshalb so wichtig, weil kein Wähler sich der Mühe unterzieht, politische Programme zu lesen und mit dem, was er für richtig hält, zu vergleichen. Es geht entsprechend im Wahlkampf nicht darum, “den Menschen” zu zeigen, dass man für sie da ist, sondern darum, “den Menschen” vorzumachen, man verkaufe genau das Waschmittel, das sie sich schon immer gewünscht haben.

Fishermans-Friend-Plakat_02Spätestens hier schreien die Idealisten unter den Lesern, diejenigen, die (immer noch) glauben, Politiker seien tatsächlich ausgezogen, um die Welt zu verbessern und den Menschen alles Heil der Welt zu bringen und nicht etwa auf der Suche nach einer einträglichen Einkommensquelle. Und – wenig überraschend nach der Einleitung zu diesem Beitrag – muss ich feststellen, dass Idealisten diejenigen sind, die die Darstellung von Politikern als glaubwürdig ansehen, die denken, die Inszenierung eines Politikers sei keine Inszenierung, sondern echt. Politiker hätten eine Persönlichkeit, die von Charaktermerkmalen und Charakterzügen ausgezeichnet ist, die Jesus, Buddha und all die anderen Religionsstifter vor Neid hätte erblassen lassen. (Wie diese Persönlichkeit sich mit Parteilisten vereinbaren ließe bzw. mit Parteidisziplin ist eines der Mysterien, die Gläubige an den Altruismus in Politikern pflegen.)

Aber: Politiker im Allgemeinen und Berufspolitiker im Besonderen sind nicht an guten Lösungen oder an der Wohlfahrt einzelner Bürger interessiert: Sie sind an ihrer eigenen Wohlfahrt interessiert und um diese Wohlfahrt zu erreichen, vertreten sie politische Inhalte, inszenieren sie sich in einer Weise, von der sie hoffen, dass sie von möglichst vielen Bürgern geglaubt wird.

WahlbeteiligungNimmt man allerdings die Wahlbeteiligung als Indikator dafür, wie viele Bürger die Inszenierung der Politiker glauben, dann muss man feststellen, dass die Glaubwürdigkeit der Darstellung seit 1983 erheblich gelitten hat und dass vor allem jüngere Wähler nicht glauben, was Ihnen vorgemacht, was für sie inszeniert werden soll. Entsprechend findet sich auf tagesschau.de ein Beitrag mit dem Titel “Politiker erreichen junge Wähler nicht”.

Der Beitrag ist, ganz im Gegensatz zu dem, was man sonst auf Tagesschau.de findet, als informativ zu bezeichnen. Er besteht überwiegend aus dem Verweis auf andere Texte und enthält sich weitgehend der Bewertung. Insofern muss man Manuel Dauenberger, der den Text für Tagesschau.de erstellt hat, hier lobend erwähnen und sich gleich fragen, ob er bei Tagesschau.de eine Zukunft hat.

Markus VoethZwei der verlinkten Texte sind besonders aufschlussreich, nämlich eine Pressemeldung der Universität Hohenheim und ein Beitrag auf “Medienpolitik.net”. Die Pressemeldung der Universität Hohenheim berichtet von Erkenntnissen, die Prof. Dr. Markus Voeth gesammlt hat, und die zeigen, dass der “Facebook-Wahlkampf” die Jungwähler in Baden-Württemberg nicht erreicht. Zwei Dinge sind bemerkenswert: (1) Es gibt einen Facebook-Wahlkampf der Parteien. (2) Die “Jungwähler in Baden-Württemberg” mutieren bei näherem Hinsehen zu 814 17- bis 30jährigen, die ein Abitur oder einen Hochschulabschluss erreicht haben. Und in dieser höchst selegierten Gruppen können Politiker und Parteien nicht punkten, weshalb der Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der Universität Hohenheim, Markus Voeth, den Parteien rät, neben der Qualität des eigenen Angebots, vor allem den Wiedererkennungswert und die Unverwechselbarkeit des eigenen Angebots sicherzustellen, vermutlich in der Weise: der weiße Riese wäscht fünfmal mehr als herkömmliche Waschmittel oder Ariel lässt die Herzen von Hausfrauen höher schlagen, aber nein, es sind ja Parteien: daher: Für mehr Solidarität im WIR oder meine Mudda wird Chef und DU? Aber, so gibt der Professor für Marketing zu bedenken: “Auffällig ist, dass sehr allgemeine Statements oder Worthülsen generell als weniger passend bewertet werden als Claims, die direkt mit den Parteiinhalten in Zusammenhang stehen”. Wären wir im Britischen Unterhaus, ein Hear Hear, wäre dem Professor für Marketing sicher. Da wir ein Wissenschaftsblog sind stellen wir die Frage, ob die zitierte Aussage selbstreferentiell gemeint ist.

DreiKoepfe_ohneRahmenIm Beitrag auf Medienpolitik.net erkennen drei Autoren in einem eher kurzen Text, dass “Social Media” die Politik verändern, so sehr, dass in drei Generationen Politiker zum “Digital Native” geworden seien und in Zukunft “Diskurse über Gesetze und Reformen moderner geführt” würden. Und weil modern (was auch immer modern ist, wenn man nicht annehmen will, allein die Nutzung von #Neuland wie Twitter und Facebook durch Politiker mache Politik schon modern) gut ist, wird diese Entwicklung der “Qualität der legislativen Arbeit … zu Gute kommen”. Man fühlt sich an die selbstreferentielle (?) Aussage aus dem letzten Absatz erinnert. Besonders wichtig an sozialen Medien, so geht es weiter, sei das “Dialogische” und Politiker ihrerseits würden “immer stärker selbst zum Medium” und würden “entscheiden, welche Inhalte sie unters Volk bringen”.

Das Moderne besteht also darin, dass Politiker lernen, sich auch in sozialen Medien zu inszenieren, Themen vorzugeben, wie die Herren von Medienpolitik.net meinen (das Dialogische, das auch vorsieht, dass Politiker Themen aufnehmen, Responsivität nennen das Politikwissenschaftler, ist also zum Monologischen mutiert) bzw. Wählerschichten unverwechselbar und mit Wiedererkennungswert zu erschließen, wie man an der Universität Hohenheim lernen kann. Die Prämissen, auf denen beide Beiträge aufbauen, zeigen, wie richtig die Annahme ist, dass Wahlen Inszenierungen darstellen, die von denjenigen gewonnen werden, die sich am glaubwürdigsten vermarkten. Das spezifisch Deutsche an dieser Form der Politik-Vermarktung scheint jedoch zu sein, dass sie ausschließlich von oben nach unten stattfindet, dass Politiker vorgeben und Wähler dem folgen sollen, was ihnen vorgegeben wird.

SciencefilesUnd deshalb wollen wir von ScienceFiles hier einmal eine radikale These in mehreren Variationen in den Diskussions-Raum werfen.

  • Wer nicht wählen geht, der geht nicht wählen, weil er die Laienspielschar und ihre Inszenierung nicht noch mit Legitimität und der Illusion versorgen will, man hätte geglaubt, was sie behaupten.
  • Nichtwähler wollen Politikern nicht die Genugtuung geben, wieder einmal erfolgreich Wähler über den Tisch gezogen und getäuscht zu haben.
  • Nichtwähler rekrutieren sich zunehmend aus Hochgebildeten, die es nicht ertragen können, eine Schauspielertruppe, die in jedem Provinztheater von der Bühne gebuht würde, zu wählen und mit der Illusion zu versorgen, sie seien gebildet und ihnen würde mit Achtung begegnet.
  • Nichtwahl ist somit die ehrliche Wahlentscheidung, die Politikern deutlich zeigt, dass man ihnen nicht auf den Leim gegangen ist.

Scheinbar findet sich Ehrlichkeit in höheren Anteilen unter jüngeren Wählern.

Goffman, Erving (1983). <a href="“>Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Pieper.

Rechtsextreme, Zombies und Studienplätze für Hingabe

Drei Themen haben wir heute zu einem post verwoben, die in gewisser Weise etwas gemein haben. Es geht um die Wähler rechtsextremer Parteien, Zombies und die Studienplätze, die es für Hingabe gibt.

Rechtsextreme Wähler

SOEP565Die Frage, wie die ethnische Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in einem bestimmten Gebiet, die Wahl rechtsextremer Parteien beeinflusst, hat Verena Dill auf Grundlage von Daten des Sozio-Ökonomischen Panels, auf Basis von Daten des Statistischen Landesamts für Rheinland-Pfalz (Anteil der ausländinschen Wohnbevölkerung für die Gemeindeebene), auf Basis von Reichtstags-Wahlergebnissen, die auf hoffentlich derselben Gemeindeebene basieren und den Anteil der NSDAP bzw. DNVP Wähler für die Jahre 1924 (DNVP-Anteil) sowie 1928 bis 1933 (NSDAP-Anteil) angeben sowie auf Basis von Daten, die, hoffentlich abermals für die selben Gemeindeebenen angeben, ob im Jahre 1349 ein Judenpogrom in der entsprechenden Gemeinde stattgefunden hat, untersucht.

Es ist dies ein ambitioniertes Unterfangen, das nicht zuletzt auf der interessanten These basiert, dass es zwischen 1349 und 2009 keine Gebietsreform auf dem Gebiet, das heute Deutschland ist, gegeben hat. Aber sei’s drum. Nehmen wir an, es habe weder Gebietsreform noch eine sonstige Veränderung in der Bevölkerung gegeben und dementsprechend gebe es fremdenfeindliche oder fremdenfreundliche Kulturen, die sich seit 1349 im identischen Gebiet halten. Nehmen wir weiter an, dass man mit Aggregatdaten wie den vorliegenden die gute alte Kontakthypothese (je mehr Kontakt man mit Ausländern hat, desto weniger ausländerfeindlich ist man) prüfen kann.

Nehmen wir also alles das an, was kommt bei der Forschung von Frau Dill heraus? Zwei Dinge:

“Using an instrument variable procedure, I show that an endogeneity bias exists and that taking into account this endogeneity leads to a significant effect of ethnic concentration on extreme right-wing voting behaviour. The effect of ethnic concentration on foreigners is now significantly negative and thus provides evidence for the interethnic contact theory” (29).

Man muss sich das Hirn ein wenig verbiegen, um das zu verstehen. Endogenität meint schlicht, dass Ausländer und Inländer dazu tendieren, sich voeinander zu segregieren und wenn man Gebiete hat, in denen 99% Deutsche leben und andere Gebiete, in denen 99% Ausländer wohnen, dann ist es mit dem Kontakt zwischen beiden, unter der Annahme, dass beide nicht aus ihren Wohngebieten herauskommen, versteht sich, nicht so weit her. Wenn man diese Endogenität kontrolliert, dann zeigt sich, dass mit zunehmender Durchmischung von Inländern und Ausländern die Wahl rechtsextremer Parteien seltener wird. Und deshalb, und das ist das zweite Ergebnis, empfiehlt die Autorin der Politik, ethnische Segregation zu reduzieren. Wie? Keine Ahnung. Vielleicht durch eine Wohnquote, die in jedem Wohngebiet einen Anteil von 8% Ausländern vorschreibt, wobei jeder Deutsche mindestens einen ausländischen Nachbarn haben muss – quasi als Heilmittel gegen rechtsextremes Wahlverhalten.

GebietsreformNebenbei bemerkt ist die Arbeit von Frau Dill unterirdisch was methodische Standards angeht. Ich habe vergeblich versucht herauszufinden, wie viele Wähler von DVU, NPD und Republikanern sich im Datensatz finden. Nach meiner Erfahrung sind es eher wenige Wähler solcher Parteien, die man mit der Sonntagsfrage ermitteln kann. Darüber hinaus fehlt jegliche Angabe dazu, wie die räumlichen Gebiete, die für die Analyse so wichtig sind, gebildet wurden, wie sichergestellt wurde, dass die Wahlkreise von 1924 bis 1933 mit den räumlichen Gebieten, für die das Statistische Landesamt Daten der ethnischen Zusammensetzung geliefert hat, identisch sind usw. Methodisch ist die Arbeit absolut unzureichend. Aber dem vollmundigen Formulieren von Vorschlägen an die Politik tut dies scheinbar keinen Abbruch.

Zombies

SCIENCE-MUSEUM-LONDONZombies haben britische Forscher in einem Spiel am Science Museum in London eingesetzt, um Fluchtverhalten zu simulieren. Teilnehmer am Spiel wurden mit einer einfachen Situation am Computer konfrontiert, in der sie aus der Vogelperspektive einen rechteckigen Raum mit zwei sich gegenüberliegenden Ausgängen und eine ganz Menge von Punkten sahen, die sich vor dem jeweiligen Ausgang drängten. Aufgabe der Spieler war es zunächst, sich ganz normal aus dem Raum zu entfernen und dann so schnell wie möglich, wobei sie die schnellste Zeit eines Konkurrenten am Computer mitlaufen gesehen haben. Auf diese Weise wollten die Forscher Stress simulieren.

Mit diesem einfachen Design gelang es den Forschern unter Messung der Reaktionszeit Folgendes herauszufinden:

  • Die Spieler tendierten dazu, den Fluchtwege zu nutzen, der ihnen bereits bekannt war.
  • Selbst wenn der bekannte Fluchtwege bereits verstopft war und der zweite aus der Vogelperspektive als deutlich weniger verstopft erkennbar war, benötigten etliche Spieler lange Zeit, um ihr Verhalten an die Umstände anzupassen, einige waren gar nicht in der Lage, ihr Verhalten entsprechend anzupassen.
  • Am schnellsten konnten Männer und jüngere Sieler ihr Verhalten anpassen, am langsamsten waren Frauen und ältere Spieler.

Die Ergebnisse wollen die Forscher dazu nutzen, um Fluchtwege effizient zu planen und dafür zu sorgen, dass es im Notfall mit hoher Wahrscheinlichkeit zu keiner Panik kommt.

Hingabe und Eignung

Panik kann einem, ganz unabhängig von Zombies, befallen, wenn man einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung liest, auf den uns Peter Mühlberg aufmerksam gemacht hat. Hingabe statt Einser-Abitur, so ist der Beitrag überschrieben, der am Beispiel beschreibt, wie man an der Ludwig-Maximilians Universität München einen Studienplatz in Landschaftsarchitektur ergattern kann, nämlich durch Hingabe an die Esoterik. Der entsprechende Bericht ist der Aufmacher zu einem Text, in dem es im Wesentlichen darum geht, dass die LMU vom Kultusministerium dazu gezwungen wird, Eignungstests bei der Vergabe von Studienplätzen abzuschaffen und statt dessen auf den guten alten Numerus Clausus zu vertrauen.

ManipulationstechnikenDer Zeitungstext hat sicher bei vielen Lesern dieselbe Wirkung, die er auch bei mir hatte. Man denkt nach den ersten Zeilen, um Gottes Willen, jetzt werden Esoterik-Spinner schon mit einem Studienplatz dafür belohnt, dass sie hingebungsvoll “Kraftorte” um München auflisten. Ein gut gesetzter affektiver Aufreger zu Beginn eines Textes, in dem es darum geht mitzuteilen, dass die Flut von Studienplatzbewerbern bitte nur mit Numerus Clausus bekämpft werden darf, denn, wie sagen nicht näher benannte Verwaltungsrichter, die im Beitrag zitiert werden: “Die Richter erklärten, die [Eignungs-]Tests höhlten den Wert des Abiturs und vergleichbarer Abschlüsse, die die ‘allgemeine Hochschulreife’ bescheinigen, aus”.

Mit anderen Worten: Es ist Schluss mit akademischer Selbstbestimmung und Auswahl hat nach Notenschnitt zu erfolgen. Dabei geben sich die Richter, die dies formulieren, als absolute Laien der deutschen Bildungslandschaft zu erkennen, die z.B. nichts davon wissen, dass ein Durchschnitt von 1.0 im Abitur aus Bremen mit demselben Schnitt, erreicht an einem Gymnasium in Bayern überhaupt nicht zu vergleichen ist. Mit seinem Beharren auf der allgemeinen Hochschulreife und dem Numerus Clausus institutionalisiert das Bayerische Kultusministerium somit eine Bildungsungerechtigkeit des föderalen Systems, von der man sich fragen muss, ob sie weniger Schaden anrichtet als die Vergabe eines Studienplatzes an einen Esoterik-Freak, der hoffentlich recht bald merkt, dass er mit Esoterik an einer Universität nur dann vorankommen kann, wenn er sich an einem Gender-Lehrstuhl bewirbt.

Literatur

Bode, Nikolai W. F. & Codling, Edward A. (2013). Human Exit Route Choice in Virtual Crowd Evacuations. Animal Behaviour (online first).

Dill, Verena (2013). Ethnic Concentration and Extreme Right-Wing Voting Behavior in West-Germany.

Hat die Wahlentscheidung etwas mit freiem Willen zu tun?

Parteistrategen werden sich jetzt die Augen reiben oder auch nicht, je nachdem, welche Hirnregion von diesem Beitrag angesprochen wird: Ist es die rechte Amygdala, dann werden sich den Parteistrategen eher die Fussnägel ringeln, und die Angst, ob der erschreckenden Inhalte, die es nun zu berichten gilt, wird ihnen ins Gesicht geschrieben sein. Ist es der cinguläre Cortex, dann werden sie sich die Hände reiben, ob der neuen Möglichkeiten, die sich ihnen eröffnen.

AngstDie neuen Möglichkeiten kommen aus einem Feld, das sich über die letzten Jahre entwickelt hat und den Neuro-Sciences zuzurechnen ist. In verstärktem Maße haben sich z.B. Forscher am University College in London oder der Rice University in Houston mit der Frage beschäftigt, ob die politische Orientierung eines Menschen in sein Gehirn eingegraben ist oder gar vererbt ist. Zu beiden Annahmen, die sich etwas mit der Annahme eines freien Willens, wie sie Politikwissenschaftler seit Jahrhunderten machen, beißen, gibt es zwischenzeitlich Studien, die sie belegen, wobei man – wie oft – über das, was die Studien eigentlich aussagen, streiten kann (wie noch zu zeigen sein wird).

Die Frage, wie eine politische Orientierung zu Stande kommt, hat Politikwissenschaftler immer fasziniert, sofern sie in der Lage waren, mit empirischen Daten umzugehen (was ca. auf 20% in Deutschland zutrifft). Lipset und Rokkan haben in den 1960er Jahren ihre Cleavage Theorie präsentiert und behauptet, Konfliktlinien in einer Gesellschaft, zwischen Stadt und Land, zwischen Religion und Atheismus, zwischen Arbeit und Kapital seien konstitutiv für politische Parteien, und die Wahl der entsprechenden Parteien sei entsprechend vom Platz in der Sozialstruktur abhängig.

WahlforschungSo nett und einfach die Theorie von Lipset und Rokkan sich auch präsentiert, sie hat für Deutschland nie so richtig gepasst. Weder haben alle Arbeiter, nicht einmal die Mehrheit der Arbeiter, die SPD gewählt noch alle Katholiken die CDU. Die Suche nach erklärkräftigeren Theorien hat zur Erklärung der Parteiwahl u.a. als Funktion einer affektiven Bindung an eine Patei, einer Parteiorientierung geführt, die vor allem von Angus Campbell, Philip E. Converse und Donald Stokes entwickelt wurde. Eine Parteiorientierung ist in der Diktion dieser Autoren eine Einstellung, die im Verlaufe der politischen Sozialisation erworben wird und anschließend stabil bleibt.

Leider hat sich die Parteiorientierung als nicht stabil erwiesen. Wähler wollten und wollen einfach nicht so wählen, wie vorhergesagt. Entsprechend wurden Ansätze entwickelt, die eine Wahlentscheidung als Vorliebe für den Spitzenkandidaten, als Ergebnis politischer “issues”, als Ergebnis einer rationalen Entscheidung oder als Freak Event erklärt haben. Allen Ansätzen ist jedoch eine Annahme gemeinsam: Wähler sind irgendwie mit einem freien Willen ausgestattete Wesen, die diesen Willen in der Wahl zum Ausdruck bringen. Letztlich basiert die gesamte Mythologie demokratischer Staaten auf dieser Annahme, also kann man diese Annahme nicht einfach fallen lassen.

American VoterWas aber, wenn sich herausstellt, dass die Wahlentscheidung nichts mit freiem Willen zu tun hat, dass sie einfach vererbt ist, wie z.B. die Studie von John R. Alford, Carolyn L. Funk und John R. Hibbing (2005) nahelegt. Was wenn sich zeigt, dass die Wahlentscheidung eine unwillentliche, ja unbewusste Handlung bestimmter Gehirnregionen ist, die sich als Funktion bestimmter Persönlichkeitsstrukturen ergibt, wie die Untersuchungen von Ryota Kanai, Tom Feilden, Colin Firth und Geraint Rees es nahezulegen scheinen?

Kanai und Kollegen haben eine Reihe von Studien durchgeführt, die interessanteste davon wurde 2011 in Current Biology veröffentlicht. Untersucht haben die Autoren, ob sich die politische Orientierung von Personen in bestimmten Gehirnarealen festmachen lässt. Wie üblich bei solchen Untersuchungen, kamen dazu magnetische Resonanzbildverfahren zum Einsatz, um die Gehirnaktivität darzustellen. Dass diese Verfahren nicht ganz unproblematisch sind, ist bereits Thema auf ScienceFiles gewesen. Für die Studien von Kanai et al. sind die Einwände gegen diese Methode jedoch insofern erst einmal nebensächlich, als sie sich für Häufungen grauer Substanz in bestimmten Gehirnregionen interessiert haben, nicht für die Verarbeitung flüchtiger Informationen durch Gehirnregionen.

Die Frage, die Kanai et al. untersucht haben, lautet: Unterscheidet sich die Gehirnstruktur von liberalen und von konservativen Personen? Die Frage, ob jemand liberal oder konservativ ist, wurde durch seine Selbsteinordnung der Testpersonen beantwortet, und zwar auf einer fünfstufigen Skala von “sehr liberal” (1) bis “sehr konservativ” (5). Bei der Bestimmung der Menge grauer Substanz im Gehirn der Testpersonen haben sich Kanai et al. auf die Amygdala, die u.a. für die Verarbeitung von Angst zuständig ist, und den cingulären Cortex, der u.a. für die Verarbeitung von Unsicherheit verantwortlich ist, konzentriert. Und das ist bei den Experimenten herausgekommen:

  • Testpersonen, die von sich sagen, sie seien liberal, haben mehr graue Substanz im cingulären Cortex;
  • Testpersonen, die von sich sagen, sie seien konservativ, haben mehr graue Substanz in der rechten Amygdala;

Stellt man die Aufgaben und Funktionen beider Bereiche im Gehirn in Rechnung, dann bedeutet dies:

  • Testpersonen, die sich als liberal bezeichnen, sind toleranter und besser gerüstet, um mit Unsicherheit und Konfliktsituationen umzugehen als Testpersonen, die sich als konservativ bezeichnen.
  • Testpersonen, die sich als konservativ bezeichnen, sind ängstlicher und fürchten Veränderung mehr als Testpersonen, die sich als liberal bezeichnen.

Kurz und knapp: Angsthasen und Veränderungsfeinde wählen konservativ, d.h. Parteien, die für keine Veränderung eintreten, also z.B. CDU und SPD. Tolerante Personen, die mit Unsicherheit umgehen können, wählen liberal, d.h., ja, was wählen eigentlich liberale und tolerante Personen in Deutschland? FDP? Vielleicht sind die entsprechenden Personen ja gehäuft unter den Nichtwählern zu finden.

Doch bedeutet dieses Ergebnis, dass die Wahl einer Partei im Gehirn festgeschrieben ist und Parteistrategen einfach an die Amygdala, z.B. durch furchtbare Bilder, auf die Konservative besonders erschreckt reagieren, appellieren müssen, um gewählt zu werden? Bedeutet es, dass man Liberale am ehesten dadurch “einfängt”, dass man an ihre Tolereanz appelliert? Und schafft man das, erfolgt dann die Wahl automatisch, weil die Gehirnstruktur die Wahl determiniert?

free choiceNein, sagen Kanai et al. (2010, S.678). Sie sind nicht der Ansicht, die Gehirnstruktur determiniere die Handlung von Individuen. Sie sind der Ansicht, die Gehirnstruktur sei ein Ergebnis der Handlung von Individuen, mit anderen Worten: Diejenigen mit mehr grauer Substanz in der rechten Amygdala, die eher konservativen, sind von Hause aus ängstlich und fürchten Veränderung, und sie verhalten sich entsprechend und als Resultat findet sich mehr graue Masse im stark beanspruchten “Furchtzentrum”. Liberale, die Veränderung mögen und in Unsicherheit schwelgen, verhalten sich entsprechend, die Häufung grauer Substanz im cingulären Cortex ist das Ergebnis ihres Verhaltens.

Die Ergebnisse von Kanai et al. sprechen demnach einerseits für die Existenz eines freien Willens, legen aber andererseits den Schluss nahe, dass es in der Macht eines freien Willens steht, sich selbst durch Angstreaktionen einzuschränken, quasi selbst abzuschaffen und eine Determinantion künftiger Wahlen, deren Beschränkung auf das, was man kennt, auf die Abwehr von Veränderung herbeizuführen. So gesehen wäre eine neue Erklärung für Stammwähler gefunden: Angst, die ihren Niederschlag in einer großen rechten Amygdala findet (Immerhin eine Erklärung, die man testen kann). Wechselwähler und Nichtwähler müssten sich entsprechend als liberaler als “Stammwähler” herausstellen. Ich bin schon gespannt, ob sich jemand findet, der diese Hypothesen testet. Wenn sich jemand findet, bitte den Verweis auf ScienceFiles nicht vergessen.

P.S.

Ich muss es einfach noch feststellen: ScienceFiles ist ein liberales blog!

Alford, John R., Funk, Carolyn L. & Hibbing, John R. (2005). Are Political Orientations Genetically Transmitted? American Political Science Review 99(2): 153-167.

Kanai, Ryota, Feilden, Tom, Firth, Colin & Rees, Geraint (2011). Political Orientations are Correlated with Brain Structure in Young Adults. Current Biology 21: 677-680.

Schönwetter-Demokratie einmal anders: Unsinn mit Methode

Wissenschaft ist jenes Unterfangen, bei dem versucht wird, den menschlichen Erkenntnisfortschritt voranzutreiben. Ressourcen, Zeit, Geld, Gehirnschmalz, werden eingesetzt, um neues Wissen zu generieren, das sich nutzenbringend einsetzen lässt. Wissenschaftliche Ergebnisse sollen die Welt verbessern, sie effizienter machen. Das ist die Theorie.

In der Praxis findet man Beiträge wie den von Michael Mutz und Sylvia Kämpfer (2011), der es in die Zeitschrift für Soziologie geschafft hat, was man damit erklären kann, dass die von Lucius & Lucius verlegte Zeitschrift Probleme hat, ihre Seiten zu füllen, damit, dass die Zeitschrift sich ab und zu einen Scherz mit ihren Lesern erlaubt oder damit, dass ein geheimes Projekt läuft, das untersucht, wie viel Unsinn man den Lesern einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zumuten kann, bis sie aufschreien. Falls letzteres der Fall sein sollte, dann bitte ich mich als “Aufschreier” zu zählen, denn die Genickstarre, die sich vom Kopfschütteln eingestellt hat, hat dazu geführt, dass ich Schmerzensverlautbarungen von mir gegeben habe, was zeigt, dass der Artikel von Mutz und Kämpfer kausal für physischen Schmerz ist und Anlaß zu Schmerzensgeldforderungen geben kann. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, das war das Framing dessen, was ich nunmehr ganz neutral darstellen werden.

Der Artikel von Mutz und Kämpfer beginnt mit der Feststellung, dass Jürgen Rüttgers die Wahl in Nordrhein-Westfalen an einem Regentag verloren hat. Regen, so lernt der Leser im Verlauf des Beitrags, wirkt sich nicht nur über das Serontonin-Level auf Wahrnehmung und Zufriedenheit der dem Regen Ausgesetzten aus, sondern auch auf politisches Verhalten. Das zumindest suggerieren die Autoren zu Beginn ihres Beitrags, wenn sie schreiben: “Wäre der 9. Mai [der Tag der Wahlniederlage] ein sonniger und warmer Frühlingstag gewesen, hätte dies möglicherweise das knappe Wahlergebnis zugunsten der Regierungskoalition beeinflusst” (209). Es folgt über Seiten hinweg die Ausbreitung von Annahmen darüber, wie Wetter die Stimmung von Menschen beeinflusst und darüber, dass schlechtes Wetter sich negativ auf politische Einstellungen auswirkt, genauer: “Wer an einem sonnigen Tag befragt wird, schätzt die Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik überdurchschnittlich positiv ein, … ist mit der Demokratie überdurchschnittlich zufrieden … und schätzt die Arbeit der Bundesregierung überdurchschnittlich positiv ein” (214). Wer an einem regnerischen Tag befragt wird, der schätzt die drei genannten Dinge überdurchschnittlich negativ ein.

Der Weg von der Wahlniederlage Rüttgers an einem Regentag zur Beeinflussung der Einstellung von durch wen auch immer Befragten, ist ein ziemlich weiter, und wie die Autoren dahin gelangen, weiß ich nicht, aber es scheint ihnen nahe zu liegen, zu denken, Sie, ich, wir alle, seinen wetterfühlige Deppen ohne feste Meinung, die je nach Sonnenintensität die Regierungsleistung positiv oder negativ einschätzen. Und diese wetterabhängigen Einschätzungen, so reklamieren die Autoren, würden in “sozialpsychologischen Erklärungsansätzen des Wahlverhaltens … als Prädiktoren der Wahlentscheidung verstanden” (213). Was die Autoren vergessen zu erwähnen, ist, dass die entsprechenden Ansätze zwar davon ausgehen, dass es Wähler gibt, die feste Einstellungen zu politischen Themen haben und die Partei wählen, die diesen Einstellungen am nächsten kommt, dass daneben aber die Parteiidentifikation die wichtigste Variable ist, die Wahlverhalten zu erklären vermag. In jedem Fall verlangen die von den Autoren zitierten sozialpsychologischen Ansätze jedoch fixe Einstellungen, also gerade keine Einstellungen, die vom Wetter beeinflusst werden können. Dies gilt insbesondere für die von den Autoren zitierten und im Büchlein von Campbell, Converse, Miller und Stokes (1980) versammelten Konzepte.

Aber verglichen mit dem was dann kommt, ist diese Fehlinterpretation eindeutiger Forschungsergebnisse und der daraus resultierende Widerspruch, dass fixe Einstellungen mal eben als durch das Wetter veränderbar angesehen werden, eine Kleinigkeit. Was folgt ist ein methodischer und statistischer Unsinn, der einen Preis verdient. Der Unsinn gipfelt in einer Regressionsanalyse. Eine (multiple) Regressionsanalyse untersucht, in welcher Weise ein Punkteraum, der durch eine abhängige Variable, die dichotom oder metrisch zu sein hat und eine Reihe von unabhängigen Variablen aufgespannt wird, durch eine Gerade, also eine lineare Kombination abgebildet werden kann. Da man immer eine lineare Kombination finden kann, ist es wichtig, die Qualität anzugeben, mit der die gefundene Gerade die Punktewolke abbildet. Dies erfolgt durch die Angabe der erklärten Varianz. Eine erklärte Varianz, die gegen Null geht, zeigt, dass die lineare Kombination keine geeignete Darstellung der Punktewolke ist, d.h. dass die unabhängigen Variablen die abhängige Variable nicht linear zu erklären vermögen. Eine erklärte Varianz, die gegen 100% geht, zeigt, dass die Gerade die Punktewolke fast identisch abzubilden vermag.

Mutz und Kämpfer lassen ihr Statistikprogramm Regressionen rechnen und versuchen zunächst, die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, der Demokratie und der Arbeit der Bundesregierung durch das Wetter, unterschieden nach sonnigen und nach regnerischen Tagen zu erklären. Die Ergebnisse sind das, was jedem Statistiker ein “Ha!” von den Lippen gehen lässt: Die erklärte Varianz beträgt jeweils 1%, mit anderen Worten, hier besteht kein Zusammenhang. Die Einstellungen zu den genannten Bereichen und das Wetter haben nichts miteinander zu tun. Von diesem Ergebnis wenig beeindruckt, greifen die Autoren in die Trickkiste und phantasieren, dass z.B. in Stuttgart, das eine bessere wirtschaftliche Situation vorzuweisen hat als z.B. Dresden, auch mehr Sonnentage vorhanden sein können und entsprechend eine “Verzerrung” der Ergebnisse zu erwarten ist. Warum die Autoren die eigene Hypothese, nach der das Wetter einen Effekt auf die Einstellung hat, nunmehr als Verzerrung werten, kann nur gemutmaßt werden. Allerdings hat die Beseitigung der “Verzerrung” von Sonnen- und Wirtschaftsunterschieden und damit die Ansicht, dass z.B. die Einstellungen zur wirtschaftlichen Entwicklung weder mit Sonne noch mit tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung zusammenhängt, den Effekt, den derartige Datenmanipulationen immer haben: Da nunmehr die unabhängige Variable so verändert wurde, dass sie bereits enthält, was in der abhängigen Variablen erklärt werden soll, steigt die “Qualität” des Modells. Allerdings ergeben sich auch nach der Manipulation nur erklärte Varianzen von 8%, 10%, und 12%. Auch nach Manipulation der Daten weigert sich das Wetter also, einen relevanten Effekt auf die Einstellung von Befragten auszuüben.

Aber für das Ziel der Autoren, auf das hin der Beitrag geschrieben wurde, ist der winzige Sprung von “gar nichts erklären” zu “manipuliertem kaum etwas Erklären” bedeutsam: “Aber auch das politische Meinungsklima, das regelmäßig anhand von Indikatoren wie eben der Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit oder Beliebtheit einzelner Politiker dokumentiert wird, kann in geringem Maße, wie wir gezeigt haben, von Wetterlagen beeinflusst sein. Wer die politische Stimmung in Deutschland korrekt messen will, wäre also gut beraten, sowohl besonders sonnige Tage als auch regnerische Tage zu meiden, weil diese die Ergebnisse im ersten Fall beschönigen oder im zweiten Fall ‘verhageln’, also negativ verzerren können” (222). Wie sich zeigt, hat der Unsinn in diesem Artikel Methode, denn der soeben zitierte Vorschlag zur korrekten Messung politischer Stimmung in Deutschland stammt von denselben Autoren, die ihren Artikel damit begonnen haben, über den Einfluss des Regens auf die Abwahl von Jürgen Rüttger zu spekulieren. Offensichtlich wäre es, in der Eigenlogik dieses Unsinnsbeitrags gerade wichtig, um den Ausgang von Wahlen korrekt vorherzusagen,  bei schlechtem Wetter zu befragen. Entsprechend müsste man entweder das Wahlwetter vorherbestimmen oder die Wahl an Regentagen aussetzen. Aber das ist nur ein weiterer Widerspruch, der angesichts der Legion  vorausgehender Widersprüche kaum mehr ins Gewicht fällt.

Was allerdings ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass derartiger Unsinn in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wird, noch dazu in “peer reviewed” Zeitschriften, was einmal mehr deutlich mach, wie wenig zeitgemäß dieses System doch ist und einmal mehr zeigt, dass die Kriterien, die einen wissenschaftlichen Text auszeichnen, weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Schade um die Bäume, die für den Abdruck dieses Textes gefällt werden mussten, schade um die Arbeitszeit von Mitarbeitern in Produktion, Disposition und Logistik, die für Herstellung und Vertrieb dieses Unsinns notwendig gewesen ist und schade, dass mit Unsinn wie diesem, das Bild der Sozialwissenschaft, das sowieso nicht gerade das beste ist, weiter beschädigt wird.

Campbell, Angus, Converse, Philip E., Miller, Warren E. & Stokes, Donald E. (1980). The American Voter. Chicago: Chicago University Press.

Mutz, Michael & Kämpfer, Sylvia (2011). …und nun zum Wetter: Beeinflusst die Wetterlage die Einschätzung von politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten? Zeitschrift für Soziologie 40(4): 208-226.