Alternative für Deutschland im Verschwörungsbrei untergerührt

Die Zutaten für den Verschwörungsbrei, den Dieter Plehwe und Matthias Schlögl gerade angerührt haben, sind schnell benannt: Man nehme die Alternative für Deutschland, ergänze neoliberal in vielfacher Ausprägung und würze mit einem Schuß Rechtspopulismus, Neue Rechte und nicht zu viel Neo-Konservatismus, nehme eine Prise Europakritik, viel Wettbewerb und nicht zu viel politischen Nationalismus, verkoche das Ganze bis zur Unkenntlich- und Geschmacklosigkeit, und fertig ist der Verschwörungsbrei.

WZBEuropäische und zivilgesellschaftliche Hintergründe der euro(pa)skeptischen Partei Alternative für Deutschland“, so lautet die Überschrift des Rezeptes, das Plehwe und Schlögl da zusammengestellt haben, um die AfD nicht nur zu zurichten, sondern  auch zu verdauen.

Das Szenario für den Verschwörungsbrei enthält zunächst unverdauliche Happen:

  • Die AfD ruhe auf einer deutsch-britischen Achse. “Das einigende Band ist die neoliberale Kombination eines politischen Nationalismus (gegen grenzüberschreitende Umverteilung, europäischen Wohlfahrtsstaat) mit ökonomisch-kosmopolitischem Denken” (26).

Was man von den neoliberalen britischen Tories (4) zu halten hat, weiß man offensichtlich als: nicht neoliberaler, rechtspopulistischer oder neurechter Deutscher, aber dazu später. Derzeit genügt die Feststellung, dass neoliberale deutsch-britische Inhaltsstoffe nicht ohne die Kombination aus politischem Nationalismus und ökonomisch-kosmopolitischem Denken auskommen. Ersteres meint dabei, dass man gegen das angebliche Füllhorn sozialistischer wir-geben-allen-ein-bißchen-Politik, ist. Letzteres meint, dass Märkte gegen staatliche Einflussnahme gesichert werden müssen, also gegen die sozialistischen Eingriffe, die Märkte durch Planung zu ineffizienten Orten ruinieren.

Der unverdauliche Happen wird gewürzt durch eine Reihe von Aperitifs, die die AfD als politisches Programm darbietet: gegen den zentralistischen europäischen Staat, für mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung (was von David Cameron nachdrücklich unterstützt wird, wie die Autoren feststellen), Betonung des Rechtsstaats und der Bildung, ergänzt durch eine Einwanderungspolitik nach kanadischem Vorbild (27-28). Hinzu kommt ein Wermutstropfen für nicht neoliberal, rechtspoppulistisch, neue Rechte, jedenfalls im Rezept der Autoren, die Ablehnung des Gender Mainstreaming, was den Wermut als Produkt eines konservativen Abfüllers ausweisen soll.

In diesen Brei, den die Autoren angerührt haben, wird nun alles an Zutaten geworfen, was der linke Haushalt als nicht seinen Essgewohnheiten entsprechend identifiziert hat: Die Mont Pelerin Gesellschaft, neoliberale Think-Tanks, die Initiative für eine neue soziale Marktwirtschaft (INSM), von Arbeitgeberverbänden finanziert, ein neoliberales Frankfurter Institut, der Kronberger Kreis, eine Handvoll neoliberale Ökonomen, die Friedrich von Hayek Gesellschaft, Roland Vaubel, Joachim Starbatty, das FreieWelt.net blog, die FPÖ und Jörg Haider, ein Verleger, Finanzexperte und Kolumnist und Mövenpick-Eigner August von Finck, nicht zu vergessen Hans-Olaf Henkel, Public Choice und ein Stockholm-Netzwerk, das Freiburger Walter Eucken Institut und Carl Christian von Weizäcker, Karl Albrecht Schachtschneider, Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht und schließlich Alfred Müller Armack und die Ludwig-Erhard-Stiftung. Fertig ist die konspirative Mischung, die die Autoren ihren Lesern als Verschwörungsbrei schmackhaft machen wollen.

Es ist wirklich erschreckend, wie einfach die Welt heutzutage funktioniert. Die Mitglieder der Mont Pelerin Gesellschaft, werden eben einmal vom Neoliberalismus über den Rechtspopulismus in die Ecke der Neuen Rechten geschoben, weil den Autoren offensichtlich jedes Konzept von Liberalismus, das ist die Lehre, die dem Individuum Handlungsfreiheit und Autonomie zugesteht, fehlt.

Mont PelerinDas hätten sich Friedrich August von Hayek, Milton Friedman, George Stigler, James M. Buchanan, Maurice Allais, Ronald Coase, Gary Becker und Vernon Smith auch nicht träumen lassen, dass sie einmal als Rechtspopulisten und Neue Rechte enden, jedenfalls in der Welt, die Dieter Plehwe und Matthias Schlögel bevölkern. Und was hat sich die Nobelpreis-Kommission dabei gedacht, diesen Neuen Rechten den entsprechenden Nobel-Preis zu verleihen? Scheinbar ist die Nobelpreis-Kommission auch in die Verschwörung zur Abschaffung der EU, die die Autoren in ihrem Brei verrühren, verwickelt. Ja, genau, es gibt doch diese Stockholm-Connection, oder war es die Stockholm Gesellschaft oder das Stockholm-Netzwerk, egal, irgend was in der Nähe von Oslo halt.

Und weil sie gerade dabei sind, wird die Friedrich Hayek Gesellschaft, Hayek war schließlich Gründer, erster Präsident und Mitglied der Mont Pelerin Gesellschaft gleich mit verwurstet, nicht zu vergessen das Ordo-Liberale Walter Eucken Institut in Freiburg. Ordo-Liberal? Neo-Liberal? Alles ein Brei, ein liberaler Brei, ein neo-ordo-liberaler Brei eben. Und rechtspopulistisch natürlich.

Alle haben sie den Boden bereitet, auf dem die AfD derzeit gedeiht. Vermutlich ist die Mont Pelerin Gesellschaft nur gegründet worden, um die AfD ins Leben zu rufen, damals, im Jahre 1947. Heißt es nicht ausdrücklich in den Gründungsstatuten:

“This group, being desirous of perpetuating its existence for promoting further intercourse and for inviting the collaboration of other like-minded persons …”

Perpetuating the existence”, obwohl im Jahre 1947 geschrieben, zeigt deutlich, die Gesellschaft war auf Dauer angelegt. Und “collaboration of other like-minded persons” deutet schon auf die von langer Hand geplante Gründung und Unterstützung der AfD hin. Überhaupt, das Statement ist in englischer Sprache: Die deutsch-britische Achse! Schon 1947 hat sie geplant, die Europäische Union zu untergraben und die großflächige Umverteilung von Kapital, also das Abgreifen bei denen, die es verdient haben, und das Umverteilen zu denen, die daran partizipieren sollen, europaweit zu verhindern. Fehlt nur noch der Finanzier. Arbeitgeberverbände und Mövenpieck-Eigner, das reicht, um den Verschwörungsbrei abzurunden und die AfD zur neo-liberalen, nein rechtspopulistischen, nein, Neuen Rechten, nein, rechts-konservativen, was auch immer, in jedem Fall zu etwas Fruchtbarem, also etwas, was nicht wir, also die Autoren und ihre Weltanschauung sind, zu machen.

Conspiracy TheoriesWas der ganze Verschwörungsbrei mit Wissenschaft zu tun hat, hat sich uns allerdings nicht erschlossen. Aber er kommt aus dem Wissenschaftszentrum Berlin und könnte entsprechend eine Übung in Politrethorik oder eine Auftragsarbeit sein, oder es handelt sich um eine (erneute) radikale politische Grenzziehung aus den Katakomben von Berlin (alles schon mal da gewesen), quasi eine in der Sprache der Autoren: “para”-wissenschaftliche (22) Veröffentlichung, bei der man sich fragen müsste, was die Anbindung der Autoren an das WZB über deren Reputation und Gesinnung aussagt, liese man sich auf dieselbe hanebüchenen Rabulistik ein, die die Autoren in ihrem Text betreiben, besteht doch die vermeintliche Methodologie des Beitrags darin, die (ehemalige) institutionelle Anbindung namhafter Personen, die mit der AfD in Verbindung stehen oder stehen sollen, zu studieren und auf die Anbindungen, die die Autoren nicht mögen, wilde, nicht neoliberale Phantasien zu gründen .

 

Die mysteriösen Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung

Wer heute die Welt der Pressemeldungen, die von sich behaupten, aus der Wissenschaft zu stammen oder wissenschaftliche Ergebnisse zu verbreiten, querliest, der findet einen alten Ladenhüter, den diejenigen, die ihn an den Mann bringen wollen, so dringend loswerden wollen, dass sie ihn zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten in das Schaufenster ihres Etablissements stellen, um sich dann zu wundern, dass keine Kunden kommen.

logo_wsiDie Rede ist von den Frauen in den Chefetagen Europäischer Konzerne, in denen sie nach Erkenntnissen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung nur eine kleine Minderheit sind. “Noch extremer ist die Männerdominanz bei den Vorsitzenden der höchsten Entscheidungsgremien”, so wird lamentiert, ganz so als habe Geschlecht auch nur entfernt etwas mit Fähigkeit, Leistungsvermögen oder  Intelligenz zu tun. Aber scheinbar glaubt man das, bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Lassen wir sie in ihrem Glauben und wenden wir uns der Frage zu, wer die Hans-Böckler-Stiftung eigentlich finanziert bzw. wie sich die Hans-Böckler-Stiftung finanziert – eine nicht ganz unerhebliche Frage, wenn man z.B. untersuchen will, warum sich die Hans-Böckler-Stiftung mit bestimmten Themen und nicht mit anderen Themen beschäftigt.

Zunächst zur Hans-Böckler-Stiftung als solcher. Was ist die Hans-Böckler-Stiftung eigentlich? Die offizielle Selbstbeschreibung hilft hier weiter:

“Die Hans-Böckler-Stiftung ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderwerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Stiftung arbeitet mit den Mitgliedsgewerkschaften des DGB projektbezogen zusammen, ist aber nicht von ihnen abhängig.”

Damit das klar ist: Die Hans-Böckler-Stiftung gehört organisatorisch zum Deutschen Gewerkschaftsbund. Mit ver.di oder der GEW arbeitet man zusammen, aber daraus erwachsen keine Ansprüche der Einzelgewerkschaften auf z.B. das bei der Hans-Böckler-Stiftung gehortete Kapital.

Und vermutlich, weil ver.di und GEW nicht zu trauen ist, hält die Hans-Böckler-Stiftung ihre Finanzen weitgehend geheim. Die offizielle Verlautbarung zu den Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung liest sich wie folgt:

“Der Jahresetat [2011] der Hans-Böckler-Stiftung beträgt rund 55 Millionen Euro. Zwei Drittel davon stammen aus den Beiträgen der Förderer. Den größten Posten auf der Ausgabenseite bilden die Förderbeträge für Studierende mit gut 20 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln”.

logo_hbsNa wenn das keine Auskunft ist! Die Bilanz der Hans-Böckler-Stiftung lautet: Es gibt Einnahmen und Ausgaben. Nicht auszudenken irgend ein Unternehmen oder gar ein internationaler Konzern käme auf die Idee, seine Einnahmen und Ausgaben auf diese Art und Weise zu verschleiern, die Vermutung, hier solle Arbeitnehmern oder der Öffentlichkeit etwas Wichtiges vorenthalten werden oder hier seien dunkle Machenschaften am Werk, wäre sicher ganz schnell bei der Hand, sicher auch oder gerade von Seiten der Gewerkschaften.

Aber: Für manche unter den Gleichen gelten bekanntlich andere Regeln, und entsprechend findet man beim DGB wohl nichts dabei, die Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung weitgehend vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Aber wir sind ungerecht. Die Hochglanzbroschüre, die der Außendarstellung dient, ist natürlich aufgepeppt und auszugsweise. Man will die Öffentlichkeit ja nicht mit Zahlen langweilen und hat sich die entsprechende Aufstellung für den Jahresbericht vorbehalten.

Nur, die Aussagen zu den Finanzen der Hans-Böckler-Stiftung, die der Jahresbericht enthält, sind auch nicht umfassender:

“Der Haushalt 2011/2012″, so steht am Seitenrand, “hatte ein Gesamtvolumen von 63,1 Mio. Euro”. Die Aussage wird ergänzt durch den folgenden Hinweis: “Gemäß Beschluss des DGB-Bundesausschusses führen Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten, Arbeitsdirektoren sowie Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer gewerkschaftlicher Unternehmen bestimmte Teile ihrer Vergütungen oder Einkünfte an die Hans-Böckler-Stiftung ab. Zusammen mit Zuwendungen sonstiger Förderer erreichten die Förderbeiträge 2011/12 ein Gesamtvolumen von 37,8 Mio. Euro”.

Um die Frage nach den “bestimmte[n] Teile[n]” zu klären, die die “Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten usw. abführen, um ein Gefühl für die Größenordnungen von Einkünften aus Aufsichtsratsmandaten zu bekommen, hier einige Informationen aus einem Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung:

  • einfache Aufsichtsratsmitglieder führen
    • BöcklerHansbei Vergütungen bis 3.500 Euro im Jahr pro Ausichtsratsmandat 10 Prozent des Bruttobetrages ab;
    • bei Vergütungen über 3.500 Euro bis 32.500 Euro sind zusätzlich zu dem unter Ziffer 1 genannten Betrag 95 Prozent der über 3.500 Euro liegenden Vergütungsbestandteile abzuführen;
    • bei Vergütungen über 32.500 Euro, ist alles, was über 32.500 Euro liegt, abzuführen;
  • Aufsichtsratsvorsitzende führen
    • bei Vergütungen bis 7.000 Euro im Jahr 10 Prozent des Bruttobetrages ab;
    • bei Vergütungen über 7.000 Euro bis 65.000 Euro werden zusätzlich 95% der über 7.000 Euro liegenden Vergütungsbeträge abgeführt;
    • bei Vergütungen über 65.000 Euro ist alles, was über 65.000 Euro liegt, abzuführen.

Die Summen, die von Gewerkschaftsfunktionären ganz nebenbei durch ihre Mitgliedschaft als Arbeitnehmervertreter in z.B. den Aufsichtsräten von Daimler (z.B: Jörg Hofmann oder Sabine Maaßen) oder der Deutschen Post DHL AG (z.B. Andrea Kocsis oder Andreas Schädler) bewegt werden, sind durchaus erheblich.

Allein die Abgaben an die Hans-Böckler-Stiftung summieren sich auf 37,8 Millionen Euro für das Bilanzierungsjahr 2011/2012, abzüglich der nicht ausgewiesenen Zuwendungen ungenannter “sonstiger Förderer”. Zu diesen 37,8 Millionen Euro tragen Steuerzahler über das Bundesministerium für Bildung und Forschung noch die Kleinigkeit von 22,2 Millionen Euro bei, so dass die Steuerzahler 35,2% der Mittel bereitstellen, die die Hans-Böckler-Stiftung verbraucht.

Von den 63,1 Millionen Gesamtvolumen des Jahreshaushalts 2011/2012  ist die Herkunft von nunmehr 60 Millionen Euro zumindest ansatzweise geklärt. Bleiben noch 3,1 Millionen Euro, die sich zu 0,8 Millionen über eingeworbene Drittmittel, von wem auch immer, erklären. Die nunmehr noch verbleibenden 2,3 Millionen Euro stammen zu 95,6% (2,2 Millionen) aus Zinseinnahmen, der Rest entstammt aus Rücklagen, die aufgelöst wurden.

labor-unionZinseinnahmen in Höhe von 2,2 Millionen Euro zeigen, dass die Hans-Böckler-Stiftung sich über die Jahre ihres Bestehens (seit 1977) zu einem kleinen Finanzimperium entwickelt hat, das über mehr Kapital(anlagen) verfügt als die meisten mittleren und kleinen Unternehmen als Jahresumsatz erwirtschaften. Selbst wenn man annimmt, dass die Geldanlagen der Hans-Böckler-Stiftung in konservativer Weise erfolgen, d.h. der Anteil des Kapitals, das in Aktienspekulationen investiert wird, eher gering ist, kommt man bei eben dieser konservativen Schätzung auf Basis eines Zinssatzes von nur rund 4% zu einem Guthaben von 55 Millionen Euro.

Wir sind bei unserer Berechnung davon ausgegangen, dass die Hans-Böckler-Stiftung als gemeinnützige Stiftung anerkannt ist und entsprechend keine Kapitalertragssteuer abführt.

Und gemeinnützig ist das, was die Hans-Böckler-Stiftung tut, natürlich, oder wollen Sie etwa auf die reguläre Veröffentlichung von Ladenhüter-Informationen über den Anteil von Frauen in Chefetagen verzichten? Oder auf die Durchführung von Fachtagungen wie:

  • WSI-Herbstforum 2011: Gespaltene Gesellschaft
  • Betriebsräte Tagung: Energiewende
  • Abrbeit – sicher aber fair!
  • Feministische Kritik in Zeiten der Prekarisierung
  • Aktionsforschung: Erfahrung, Kritik, Perspektiven
  • Betriebsräte als Innovationsbegleiter und Treiber betrieblicher Innovationsprozesse
  • Beschäftigung, Gleichstellung, Soziale Sicherheit
  • Prekarisierung und Sozialkritik (Autorinnenworkshop)
  • Habermas und der kritische Materialismus
  • Prekäre Arbeitsverhältnisse
  • Arbeitnehmerbewusstsein und Demokratie
  • New Sociology Childhood
  • Demokratie, Feministische Perspektiven auf Emanzipation und Demokratisierung

Darüber hinaus fördert die Hans-Böckler-Stiftung auch Studenten und Doktoranden mit entsprechenden Stipendien, wobei die Förderung eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder ein gesellschaftspolitisches oder gewerkschaftliches Engagement voraussetzt. Anders formuliert: Die Hans-Böckler-Stiftung rekrutiert über die Vergabe von Stipendien den eigenen Nachwuchs, nein, nicht die Hans-Böckler-Stiftung, die Steuerzahler tun dies, denn die 22,2 Millionen, die dem Haushalt der Stiftung im Jahre 2011/2012 zugeflossen sind, sind zweckgebunden, an die Studienförderung.

Wer sich darüber ärgert, dass es Filz, Nutznießernetzwerke und Kaderschmieden wie z.B. die Humboldt-Universität gibt, der hat nunmehr eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun: Steuern nur noch zweckgebunden zahlen und sich versichern lassen, dass weder die Hans-Böckler-Stiftung noch die eingetragenen Vereine der Parteien, die von sich behaupten, die Stiftung von Konrad Adenauer, Friedrich Ebert, Heinrich Böll, Friedrich Naumann  oder Rosa Luxemburg zu sein, über die eigenen Steuerzahlungen finanziert werden – alternativ kann man natürlich auch eine Petition verfassen, deren Ziel darin besteht, die Finanzierung aus Steuermitteln von ideologischen Stiftungen oder Parteienvereinen zu verbieten.

Es gibt keinen Staat und kein Gesetz

Über die letzten Wochen waren wir gelegentlich mit Kommentatoren konfrontiert, die sich durch einen seltsamen Glauben an abstrakte Begriffe ausgezeichnet haben, die der Ansicht sind, es gebe einen real existierenden Staat und dieser Staat sei eine Art Übervater, besser: Übermutter, der/die für seine/ihre Schäfchen sorgt, oder es gebe ein real existierendes Gesetz, z.B. als Strafgesetzbuch und darin sei unverrückbar niedergeschrieben, was es über Straftaten zu wissen gibt, so wie in den 10 Geboten niedergeschrieben ist, was es über katholische Straftaten zu wissen gibt.

Wie kann man derart kuriose und religiöse Vorstellungen über die Welt mit sich herumtragen, obwohl es bislang noch niemandem gelungen ist, ein Gesetz oder einen Staat zu materialisieren?

Commentments CommentsUm diese Frage zu beantworten, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen und den Universalienstreit neu führen, den Streit, den Scholastiker, Realisten und Nominalisten, miteinander geführt haben, und in dem sie die Frage untersucht haben, ob abstrakte Begriffe wie Gott, Mensch, Natur, eine Existenz außerhalb menschlicher Gehirne haben oder nicht. Anders formuliert: Gibt es etwas, was man nicht mit den Menschen eigenen Sinnesorganen warhnehmen kann oder noch allgemeiner und unabhängig von Menschen: Ist etwas, was nicht wahrnehmbar ist, existent.

Gibt es Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, Dysmorphie, Resilienz, Modernisierung, Rechtsextremismus, Klimawandel, den Historikerstreit, Menschen, Tiere?

Diese Frage, in allgemeinerer Form haben sich u.a. David Hume und Thomas Hobbes gestellt. Hobbes ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur Einzeldinge geben kann und dass alle abstrakten Begriffe, Formationen des menschlichen Geistes sind, die in der Wirklichkeit nicht vorkommen.

Hume unterscheidet zwei Quellen der Information: (1) Eindrücke (impressions), die auf sinnlichen Erfahrungen basieren, und (2) Vorstellungen (ideas), die er als „Abbilder unserer Eindrücke“ beschreibt. Dem menschlichen Geist ist die Fähigkeit eigen, den Stoff, den uns Sinne und Erfahrung liefern, zu kombinieren, umzustellen, zu vermehren oder zu vermindern, Ideen zu entwickeln. Die Qualität zusammengesetzter Vorstellungen hängt davon ab, ob es gelingt, sie mit Eindrücken in Verbindung zu bringen, was häufig nicht der Fall ist:

„Haben wir daher Verdacht, dass ein philosophischer Ausdruck ohne irgendeinen Sinn oder eine Vorstellung gebraucht werde, was nur zu häufig ist, so brauchen wir bloß nachzuforschen, von welchem Eindruck stammt diese angebliche Vorstellung her?“ (Hume, 1984: 22).

Hume treatiseVon hier gelangt Hume bekanntlich zu seiner Zerstörung der Kausalität, in dem er zeigt, dass Vorstellungen, Ergebnisse von Verstandestätigkeit sind, die auf Annahmen über Ursache und Wirkung basieren, die nicht belegt werden können. Das Humesche Problem hat Karl Raimund Popper mit seinem Falsifikationismus dahingehend gelöst, dass aus abstrakten Vorstellungen, singuläre oder Einzelaussagen abgeleitet werden müssen, die wiederum genutzt werden können, um zu prüfen, ob die abstrakte Vorstellung einen Widerhall in der Realität findet.

Soweit so gut.

Was bedeutet das nun für die Frage, ob Gesetz oder Staat existent sind.

Für Hobbes können beide nicht existent sein, denn sie sind abstrakte Begriffe, die in der Natur nicht vorkommen. Folglich ist er Rechtspositivist und sieht Gesetze als menschliche Konventionen an, ähnlich wie Staaten erst durch einen Gesellschaftsvertrag und somit als eine Anwendung menschlicher Konventionen gegründet werden können. Ausgangspunkt für beides, Gesetz wie Staat ist für Hobbes der Einzelne.

Für Hume und Popper sind Gesetze und Staaten Vorstellungen, die keinerlei Verbindung zur Realität aufweisen und deren Sinn deshalb, wie Popper argumentiert, an der Wirklichkeit getestet werden muss.

Dass Gesetze und Staaten entsprechend geprüft werden müssen, setzt voraus, dass man sich ein Bild davon macht, zu welchem Zweck Gesetze und Staaten denn als die sprachlichen Konventionen, die sie darstellen, geschaffen wurden.

Zunächst zu Gesetzen:

Gesetze sind sprachliche Konventionen über Verhaltensweisen.

law1Gesetze wie z.B. das Strafgesetzbuch dienen dem Zweck, bestimmte Verhaltensweisen, die denjenigen, die die Gesetze verabschiedet haben, missfallen, unter Strafe zu stellen oder zu regulieren. Folglich sind Gesetze in ihrer Formulierung vom aktuellen Wissen und vom aktuellen Geschmack im Hinblick auf missliebige Verhaltensweisen abhängig. Deutlich sichtbar an der Entkriminalisierung von z.B. Homosexualität. Aber da Gesetze sprachliche Konventionen darstellen, die zwischen Menschen ausgehandelt werden müssen, sind Gesetze auch immer ein Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse, der Fähigkeit z.B. kleiner Gruppen der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen, sichtbar z.B. in der gesetzlichen Verpflichtung zu einer Frauenquote in den Aufsichtsräten großer Unternehmen.

Weil dem so ist, wäre es eigentlich die Aufgabe von Sozialwissenschaftlern, die vorhandenen Gesetze auf ihre Zweckerfüllung, die darin abgebildete Machtstruktur und ihre Übereinstimmung mit dem Mehrheitswillen zu überprüfen. Das haben Sozialwissenschaftler in den 1970er und 1980er Jahren auch getan. Aber seither haben sie kapituliert und das Feld den vielen Lobbyisten überlassen, die ihre Sichtweise darüber, was z.B. strafbar sein soll und was nicht, anderen aufzwingen wollen. Vielleicht denken deshalb manche, dass Gesetze in Stein gemeißelt und auf Bergen verteilt werden, dass sie Existenzen in eigenem Recht sind und eben nicht geschaffene Konventionen, die keinerlei empirische Existenz haben.

Und der Staat?

Der Staat ist eine Denkfigur. Es gibt ihn nicht. Man kann den Staat weder greifen noch schmecken noch riechen. Es gibt Individuen, die behaupten, für den Staat zu arbeiten, deren Arbeitsvertrag von nicht existenten, aber per Konvention geschaffenen Entitäten wie dem Land Baden-Württemberg ausgestellt wird, das aber, weil es nicht vorhanden ist, nicht selbst unterschreiben kann und entsprechend den Referenten im Personalamt unterschreiben lässt. Letztlich lassen sich alle Institutionen des Staates auf einzelne Individuen zurückführen, die im Rahmen von Konventionen, die wieder andere Individuen, die sich als Vertreter des Souveräns, also der Wähler, und eben nicht des Staates aufführen, von wiederum ihren Referenten haben schreiben lassen, um sie verabschieden zu können.

AbgeordnetendiaetenAbermals finden sich im Kern dessen, was behauptet, Staat zu sein, Gruppen von Individuen, die versuchen, ihre Interessen durchzusetzen und anderen aufzuzwingen. Das besondere am “Staat” ist, dass er eine bifurkale Existenz führt: Er ist einerseits das Gesamt der Wähler und derjenigen, die innerhalb eines bestimmten räumlichen Gebietes leben, andererseits ist er die Sammelstelle für die Interessen, die Lobbyisten aus Parteien, Gewerkschaften und Verbänden in seinem Namen durchsetzen und dem angeblichen Souverän, also allen Bürgern im räumlichen Gebiet, aufzwingen wollen. Und um die Absurdität noch ins schier Unermessliche zu steigern, dürfen ein Teil der Bürger dafür, dass ihnen die Interessen von Lobbyisten aufgezwungen werden, auch noch selbst über ihre Steuern bezahlen, wobei Finanzbeamten die Aufgabe zugeteilt wird, ihre Mitbürger im Namen eines Staates und somit als Helfer all der Lobbyisten, die gerade den Ton angeben, auszupressen.

Kurz: Es gibt weder ein Gesetz noch einen Staat, das/der unabhängig von Machtstrukturen in einer menschlichen Gesellschaft denkbar ist. Gesetze sind in Konventionen gegossene Machtverhältnisse, Staaten sind durch Konventionen geschaffene Abstrakta, unter deren Dach sich eine Menge von Lobbyisten einfindet, um ihre Interessen durchzusetzen und – nicht zu vergessen – um sich von denen, denen die Interessen aufgezwungen werden sollen, bezahlen zu lassen.

Dass sich Staaten überhaupt als gedachte Entität halten können, die all denen, die von sich behaupten, dem Staat zu dienen, ein erquickliches Auskommen verschafft, liegt an einem Trick, den man als Doublebind bezeichnen kann. Für Hobbes waren Staaten eine von Bürger eingesetzte Macht. Um diese Macht einzustzen, haben diese Bürger auf ihre natürlichen Rechte, z.B. das natürliche Recht zu töten, verzichtet und ihrem Staat die entsprechende Gewalt übertragen, um nach außen zu schützen und nach innen Eigentum und Sicherheit zu garantieren. Moderne Staaten nutzen diese Basis aus, um einen Wust von Aufgaben an vermeintliche Staaten zu verteilen, die alle eines gemeinsam haben, sie sind mit Kosten für die Bürger verbunden, garantieren nicht deren Freiheiten und Rechte, sondern schränken beide ein und erlauben es einer Industrie von Nutznießern, sich ein Auskommen zu verschaffen.

Wie man vor diesem Hintergrund denken kann, Gesetze wären allgegenwärtige, ja heilige Texte, vor allem existente Entitäten, die von Gott oder Azathoth den Menschen geschenkt wurden oder Staaten seien große physisch greifbare Pater, die über ihre Familias herrschen, wie Moses über seine Schäfchen, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Aber natürlich ist dieser religiöse Glaube für all diejenigen nützlich, die darauf aufbauen, die anderen vorgaukeln wollen, sie würden deren Interessen vertreten, während sie sich einen eigenen Vorteil verschaffen.

Hume, David (1984). Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Hamburg: Meiner.

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Demokratie gibt es nur wegen der Frauenbewegung

WZBKennen Sie das, dass man sich wünscht man wäre König von Deutschland? Nur für einen Tag und mit allumfassender Gewalt. Was würden Sie tun, wenn Sie König von Deutschland für einen Tag wären? Keine leichte Frage! Aber eine Frage, die wir heute damit beantworten, dass eines der ersten Dinge, das wir als König von Deutschland tun würden, wäre: das Wissenschaftszentrum Berlin, WZB, aufzulösen, denn langsam ist der Unsinn, der von dort kommt, nicht mehr zu ertragen.

Gestern lautete eine Pressemeldung wie folgt:

Der große Unterschied
Eine internationale Studie zeigt: Bessert sich die Lage von Frauen, treibt das die Demokratisierung voran.

Aha, der Feminismus ist also die eigentliche Kraft hinter der Demokratisierung! Einerseits macht einen das froh, weil man, entspräche es der Wahrheit, das Blutvergießen der Französischen Revolution, jenes sinnlose Morden nunmehr dem Feminismus zuordnen könnte, anderseits macht es einen ärgerlich, ärgerlich, weil es ein allzu plumper Versuch ist, die Geschichte umzuschreiben, und noch ärgerlicher macht es einen, weil dieser Versuch, Steuerzahler zu manipulieren, auch noch auf deren Kosten erfolgt.

World Development ElsevierDoch beginnen wir am Anfang. Die Pressemeldung des WZB vom 5. März bezieht sich auf einen Artikel, den Paula Wyndow, Jianghong Li und Eugen Mattes bereits im Dezember 2013 in “World Development” veröffentlicht haben. Der Text trägt den Titel: “Female Empowerment as a Core Driver of Democratic Development” und stellt die starke These auf, Demokratie sei als Staatsform so verbreitet, weil es ein “Empowerment von Frauen” gegeben habe. Ohne Frauenbewegung – in unserer kürzeren Formulierung – keine Demokratie, Sokrates würde sich wundern.

Es ist dies, wie gesagt einer der Beiträge, die einem wünschen lassen, man wäre König von Europa und könnte Veröffentlicher wie Paula Wyndow, Jianghong Li und Eugen Mattes vor ein Panel von Sozialforschern stellen und dazu verdammen, ihren Unsinn zu verteidigen. Aber leider sind wir nicht König von Europa und deshalb müssen wir uns auf die Kritik dieses Textes beschränken:

Der Beitrag von Wyndow, Li und Mattes gehört in die Reihe der aggregierten Datenhuberei, die regelmäßig an der Grenze zum ökologischen Fehlschluss wandelt und die in diesem Fall die Grenze weit überschritten hat, so dass gilt: Gestern noch standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter.

Wenn man den Effekt von etwas auf Demokratie untersuchen will, dann muss man zuerst Demokratie operationalisieren. Für Wyndow, Li und Mattes ist Demokratie ein Regierungssystem, das freie und faire Wahlen zulässt, das die exekutive Gewalt beschränkt und ein allgemeines Wahlrecht vorsieht. Dies also ist die Definition von Demokratie, die die Autoren vorschlagen und verwenden wollen, und wir können nur hoffen, dass es auch die Definition ist, die im Polity IV Datensatz verwendet wird, um die derzeit 167 Länder zu klassifizieren, die im Datensatz vorhanden sind, denn diesen Datensatz benutzen Wyndow, Li und Mattes für ihre Berechnungen.

polity IVDie Berechnungen basieren also auf der Einschätzung der Leute vom Polity IV-Datensatz, die jährlich untersuchen, ob die von ihnen berücksichtigten Staaten alle unabhängigen Staaten mit mehr als 500.000 Einwohnern) demokratisch sind oder nicht, und somit auf einem Aggregatdatum auf der Ebene von Staaten. Diesem Datum gesellen die Autoren weitere Informationen hinzu: den Anteil der Mädchen, die eine Schule besuchen. die Fertilitätsrate und den Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind. Abermals handelt es sich also um Aggregatdaten. Die entsprechenden Angaben liegen für den Zeitraum 1980 bis 2005 vor und werden nunmehr von den Autoren mit einem statistischen Programm bearbeitet.

Dabei zeigt ein Vergleich der Jahre 1980 und 2005 und über alle im Datensatz vorhandenen Staaten, dass von 1980 bis 2005 über alle politischen Systeme, seien sie zu beiden Zeitpunkten als demokratisch eingeordnet worden, seien sie 1980 nicht, aber 2005 als demokratisch gezählt worden oder seien sie zu beiden Zeitpunkten nicht als demokratisch betrachtet worden, ein Anstieg des durchschnittlichen Anteils von Mädchen zu verzeichnen ist, die eine Schule besuchen, dass die durchschnittliche Fertilität pro Frau (also die durchschnittliche Anzahl der Kinder) zurückgeht und dass der Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind, steigt.

Und dieses Ergebnis verbiegen die Autoren nun nach Herzenslust, in dem sie es nach einer Reihe wenig neue Informationen erbringender so genannter Robustness-Tests zum Indiz dafür stilisieren, dass “women empowerment” die treibende Kraft hinter der Demokratisierung ist – und das obwohl das wie oben beschrieben operationalisierte “empowerment” über alle Regierungsformen und das heißt: weitgehend unabhängig von ihnen, größer geworden ist.

Um zu dieser Interpretation zu kommen, muss man zunächst vergessen, dass man Korrelationen gemessen hat, deren Richtung, deren Kausalität man nicht bestimmen kann. Den Autoren gelingt dies offensichtlich problemlos und in einem einzigen Satz: “This study has demonstrated that improvements in female empowerment were strongly associated with democratic development during this period” (42). Hier wird also eine Korrelation beschrieben, eine entwicklungsfähige, wie der nächste Satz zeigt: “Specifically, increases in female education and female labor force participation had a positive and causal [!] effect on movement toward democracy” (42). Potzblitz – da versuchen Sozialforscher seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, das Problem von Korrelation und Kausalität zu lösen und Wyndow, Li und Mattes machen das in einem Satz. Einfach so, in dem das Problem als nicht existent gesetzt wird. Kausalität ist demnach die Beziehung, die mir in den Kram passt: Women Empowerment bringt Demokratie hervor und nicht etwa Demokratie schafft die Voraussetzungen für Women Empowerment.

Damit ist aber nur ein Problem angesprochen. Die Daten sind Aggregatdaten und sagen entsprechend nichts über individuelles Verhalten aus. Entsprechend ist zu klären, durch welche Veränderungen auf der individuellen Ebene den bösen Autokraten, sagen wie Idi Amin, durch eine gewählte Regierung des Volkes ersetzt wurde. Anders gefragt: Wie kommt man vom Anteil der Mädchen, die eine Schule besuchen, vom Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind und von der Fertilitätsrate zur Vertreibung von Idi Amin?

So:

Nuts in Bedlam“One of the main outcomes from educating girls is to delay marriage as women seek alternative pathways outside the home in the form of further education or employment. With increased education girls are exposed to democratic values such as equality, freedom, and tolerance. However, the ability to challenge political institutions may not take full effect until they leave school and reach voting age. Through work and other informal networks women are then able to develop and practice the necessary cognitive and communication skills that enable them to agitate for political change. With two incomes parents have surplus income to invest back into their families, thus building the human capital of the next generation. Moreover, families where both parents are educated are more likely to educate their sons and daughters, again building the human capital of the next generation and expanding support for democracy. (45)

Das ist der größte Unsinn und die phantastischste Verbalisierung, mit der ein ökologischer Fehlschluss verhindert werden soll, die uns bislang untergekommen ist. Also Männer, ihr Statisten dieser Erde, damit ihr es wisst: Ohne die UN, die 1975 die UN-Decade for Women ausgerufen hat und ohne die Peking Deklaration gäbe es keine Demokratie in eurem Land. Nicht demokratische Länder wären immer noch eben dies und demokratische Länder wären wieder nicht demokratisch, schon weil nicht zu erklären ist, wie sie überhaupt und ohne women empowerment demokratisch sein konnten. Erst mit dem Women Empowerment ist die Demokratie über uns gekommen, vermutlich wurde auch die Demokratie in Peking auf der Weltfrauenkonferenz erfunden. Was in jedem Fall erfunden worden ist, ist eine neue Geschichtsschreibung und diese neue Geschichtsschreibung, die man auch als Geschichtsfälschung bezeichnen könnte, die soll nun mit allen Mitteln durchgesetzt werden, Wyndow, Li und Mattes zeigen wie.

Nachtrag

Die Prämisse, nach der Frauen irgendwie so wählen, dass ein System, in dem sie schon wählen dürfen, (noch) demokratischer wird als es ohnehin schon ist, ist gelinde gesagt überaus problematisch. Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Und was ist überhaupt die (politische) Theorie hinter diesem Schmarrn? Dass Männer Faschismus hervorbringen und Frauen (nur) Demokratie? Na, dann ist das offensichtlich empirisch falsch, wie die Geschichte zeigt, weil z.B. in der frühen britischen Demokratie Frauen gar nicht wählen durften und ein guter Teil der Wähler der NSDAP weiblich war. Aber das Problem mit der britischen Demokratie wird von den Autoren einfach gelöst: Da kein allgemeines Wahlrecht bestand, gilt z.B. das viktorianische Britannien nicht als Demokratie. So einfach macht man das. Nur: Was ist mit den Wählerinnen der NSDAP?

Wyndow, Paula, Li, Jianghong & Mattes, Eugen (2013). Female Empowerment as a Core Driver of Democratic Development: A Dynamic Panel Model from 1980 to 2005. World Development 51: 34-54.

PS.

Dynamic Panel Model klingt beeindruckend, aber da Panel-Data sich dadurch auszeichnet, einen Zeitverlauf abzubilden, ist der Zusatz von “Dynamic” unnötig und reine Effektheischerei, denn: Zeitverlaufsdaten die statisch sind und nicht dynamisch, wurden bislang noch nicht entdeckt.

Demos-Phobia: Die Angst der angeblichen Demokraten vor der Demokratie

In der Schweiz gibt es eine Volksabstimmung: 50,3% der Schweizer, die abgestimmt haben, haben sich gegen “Masseneinwanderung”, was auch immer das sein mag, ausgesprochen. Der EU-Kommission hat der Volkswille nicht gefallen. Zu spüren bekommen es schweizer Studenten, die nunmehr nicht mehr am Erasmus-Programm der EU teilnehmen dürfen.

swiss-referendumIn Baden-Württemberg gibt es eine Petition, die  sich gegen die Pläne der Baden-Württembergischen Landesregierung richtet, die Sexualerziehung und vor allem die Toleranz und Akzeptanz von Homo-, Bi-, Trans-, Inter- und sonstigen Sexuellen zum Leitmotiv des schulischen Curriculum zu erheben. Der Landesregierung hat es nicht gefallen. Sie diskreditiert ihren eigenen Demos als homophob und weigert sich, über die eigenen Vorhaben zu diskutieren.

Thilo Sarrazin hat gerade wieder ein Buch veröffentlicht und den gesammelten Zorn der Bildungsbürger auf sich gezogen, die von sich denken, sie wüssten, was auch immer, besser als Sarrazin. Und obwohl einige Thesen von Sarrazin mit Sicherheit falsch sind, ist die Auseinandersetzung mit Sarrain ad-hominem, wird er zum Populisten, der die Seele der willenlosen Herde, die ihm nachfolgt, zu umschmeicheln und zu steuern im Stande ist. Sarrazin wird zum Demagogen mit fast mystischen Fähigkeiten aufgebaut, der einen Aufstand der Minderbemittelten orchestriert.

Die Minderbemittelten sind auch der Gegenstand einer eigens gegründeten Hilfsindustrie, die paternalisiert und zeigt, was richtig ist, um lange zu leben, gesund und fit zu bleiben, nicht mit den vielen Institutionen des Staates in Konflikt zu geraten oder, ganz allgemein, nicht aufzufallen. Die Erziehung des Narren, der Bürger ist, ist Ziel dieser Über-Narren, die es aus Sorge um die Mitbürger auf sich genommen haben, entgeltliche Hilfestellung zu geben.

Die Leitung der Minderbemittelten obliegt natürlich auch den vielen Funktionären, die obschon über keinerlei berufliche Ausbildung oder Praxis verfügend, der arbeitenden Bevölkerung mit auf den Weg geben, was sie unbedingt “braucht” oder was es enger zu schnallen gilt, und die sich in Parlamenten zusammenfinden, um dem Wahlvolk zu sagen, wo es lang geht und was gut für es ist.

demosDie fünf Beispiele stehen für eine Schizophrenie, die demokratische Systeme der westlichen Hemisphere durchzieht. Einerseits gibt es in dieser Hemisphere den Souverän, also die Wähler, die gebraucht werden, um Parlamente und Regierungen nicht nur zu wählen, sondern mit dieser Wahl auch zu legitimieren. Diese Wähler werden gewöhnlich als mündige Bürger angesprochen, als mit einem normalen Verstand und mit einer normalen Auffassungsgabe versehene Menschen, die entsprechend in der Lage sind, aus dem schmalen Angebot von Parteien, die richtige Wahl zu treffen.

Andererseits ist die zugestandene Mündigkeit der Bürger und Wähler jedoch eine sensible Angelegenheit. Bereits die Wahl einer Alternative für Deutschland oder einer Partei, die gerade nicht als Mainstream gilt, etwa die Wahl der Grünen im Jahr 1983, bringt die politische Landschaft in Wallung und denjenigen, die die aufrechten Wähler verführt haben, den Vorwurf, Populismus zu betreiben. Ganz plötzlich segmentiert sich die Wählerschaft, in solche, die richtig wählen und damit ihre Mündigkeit zum Ausdruck bringen, und solche, die verführbar sind, deren Stimme entmündigt werden muss und die auf den richtigen Pfad der Wahltugend zurückgeholt werden müssen.

Die Zuschreibung einer Nicht-Mündigkeit, kann man sich auch dadurch einhandeln, dass man der falschen politischen Lehre anhängt, einer politischen Lehre, die, wie könnte es anders sein, von populistischen Rattenfängern verkündet und von leichtgläubigen Einfältigen willig aufgenommen wird. Das Bild, das von Thilo Sarrazin aufgebaut wird, entspricht dieser Beschreibung. Er, der populistische Rattenfänger, der weiß, welche Töne er anstimmen muss, um einen Zug von Opfern hinter sich zu sammeln.

the happy voterAls unmündig kann sich ein ganzes Land erweisen, dann nämlich, wenn das Ergebnis der demokratischen Abstimmung nicht gutgeheißen wird, wenn diejenigen, die sich für eine politische Elite halten, nicht einverstanden sind. Dann ist natürlich die demokratische Wahl Ergebnis einer Verführung der Mehrheit, die Mehrheit mithin unmündig und dann ist dem gesamten Land eine Buße aufzuerlegen, etwa das wiederholte Wählen wie im Fall von Irland, so lange wiederholt, bis das “richtige” Ergebnis herauskommt.

Wer nun denkt, die richtige Wahl schütze ihn vor Entmündigung, der sieht sich getäuscht. Kaum sind die Parlamentarier, die von mündigen Bürgern gewählt wurden, zusammengekommen, um sich zu konstituieren, die Pöstchen untereinander zu verschachern und die Diäten zu erhöhen, geht es los mit der Belehrung derer, die gerade noch als mündige Bürger umworben wurden. Die konstituierende Sitzung verändert alles: Sie erhebt die Parlamentarier über ihren Demos und retardiert mündigen Bürger im selben Moment und zurück in den Status von Hilfsbedürftigen.

Den nun hilfsbedürftigen Bürgern muss fortan gesagt werden , wann sie für wieviel Geld und für wen arbeiten dürfen, wie groß die Anzahl von Zigaretten ist, die im Beisein von Dritten und an den entsprechend ausgewiesenen Stellen geraucht werden darf. Sie werden zu Sicherheitsrisiken, Akzeptanz- und Toleranzrisiken. Deshalb muss den mündigen Bürgern verheimlicht werden, sie müssen über Zusammenhänge im Unklaren gelassen werden, gleichzeitig muss ihnen gesagt werden, wem sie welche Form der Akzeptanz entgegenzubringen haben und welche Toleranz notwendig ist, um als guter Bürger durchzugehen.

Und bei all dem stellt sich die Frage, ob die politische Klasse aus einer Anzahl von Heuchlern besteht, die mündigen Bürgern, so lange sie deren Stimme benötigen, vorspielen, sie würden sie ernst nehmen, um sie nach Urnengang zu unmündigen Objekten fortwährender Erziehung zu degradieren oder ob nicht die politische Klasse das ist, was man in der Soziologie eine selegierte Population nennt, in diesem Fall eine Form der Selbsthilfegruppe, in der sich Neurotiker und Schizophrene aller Schattierungen treffen, die nichts dabei finden, sich von Menschen wählen und legitimieren zu lassen, die sie eigentlich verachten.

Eine Selbsthilfegruppe, die vereint ist in ihrer Demos-Phobie, in der Angst vor dem Demos, der Verachtung des Demos, die bei gleichzeitiger Angewiesenheit auf den Demos eine so seltsame Mischung eingehen, dass die Form von nepotistisch-autokratischen Systemen dabei herauskommt, die wir heute als demokratisch präsentiert bekommen.

©ScienceFiles, 2014

Öffentlich-rechtliche Hysterie oder schlichte Katastrophen-Geilheit?

Nachdem wir einige Zeit mit uns gerungen haben, haben wir uns doch entschlossen, einen kurzen Post im Bereich “Medienwissenschaft” und zum Thema “Agenda Setting” zu schreiben. Agenda Setting ist ja bekanntlich die Theorie, die davon ausgeht, das Medien die Themen, die dann im öffentlichen Diskus dominieren, vorgeben. Inwieweit diese Theorie zutrifft und inwieweit es nicht vielmehr umgekehrt ist, dass also erfolgreiche Medien Themen, die in der Bevölkerung wichtig sind, aufnehmen, ist weitgehend ungeklärt.

Wir bei ScienceFiles tendieren dazu, die zuletzt genannte Sichtweise zu vertreten, denn Medien, die ihre Themen nicht zu einem bestimmten Teil aus dem aufnehmen, was in der Bevölkerung diskutiert wird, können auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Tagesschau HysterieAber, Deutschland kennt die öffentlich-rechtlichen Medien und somit gelten nicht die Randbedingungen, die erfolgreiche Medien bedingen. Vielmehr gilt das, was die öffentlich-rechtlichen Medienschaffenden aus ihrm Bildungsauftrag und der ihnen durch die Zwangsgebühren gewährten finanziellen Unabhängigkeit und Konkurrenzlosigkeit ableiten.

Und deutsche Medienschaffende sehen es zu einem guten Teil als ihre Aufgabe an, Hysterie zu schüren, Hysterie gegen rechts oder Rechtsextreme, Hysterie gegen soziale Ungleichheit oder Hysterie gegen Atomkraft oder Kernenergie.

So hat Tagesschau.de heute und voller Hoffnung gemeldet: “Strahlung in britischer Wiederaufbereitungsanlage: Erhöhte Radioaktivität in Sellafield.” Das scheint in Deutschland immer ein Renner zu sein, ein affektives Fanal, das wie die Kommentare zu diesem Beitrag zeigen, die Truppen zusammentrommelt, die sich dann abwechselnd darüber freuen, dass Deutschland aus der Kernenergie aussteigt bzw. darüber, dass es die Briten getroffen hat.

Diese affektiven Reaktionen sind gewünscht und werden im Beitrag von Tagesschau.de durch die berühmten “Anführungszeichen” vorbereitet. Anführungszeichen dienen in Deutschland ja nicht dazu, ein Zitat kenntlich zu machen, sondern dazu, sich zu distanzieren oder etwas in Frage zu stellen. Entsprechend ist die Überschrift “Anlagen laufen “korrekt und normal”” von Lesern als Hinweis darauf zu interpretieren, dass diejenigen, die das behaupten, lügen und betrügen, und dass sie lügen wird schon dadurch nahegelegt, dass dem kurzen Bericht über die erhöhte Strahlung ein zeilenmäßig unverhältnismäßiger Abschnitt folgt, in dem auf vergangene Störfälle in Sellafield hingewiesen wird, ganz so, als hätte man nur darauf gewartet, endlich eine Meldung aus dem Norden Englands zu erhalten, die es erlaubt, das entsprechende Fragment anzuhängen.

Wer sich dafür interessiert, wie man unvoreingenommen über das berichtet, was in Sellafield heute war, der kann sich bei der BBC informieren. Wir haben den Beitrag verlinkt, denn auf der Website der BBC findet ihn nur der Eingeweihte. Im Vereinigten Königreich stehen die Menschen nicht sonderlich auf Hysterie, es wird hier als scaremongering bezeichnet und entsprechend negativ bewertet.

Was der von der Tagesschau so gerne geschürten Hysterie die Krone aufsetzt, ist das, was tatsächlich in Sellafield gemessen wurden:

radonkarteRadon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Gas und ein Problem in vielen Ländern der Erde, auch in Deutschland. Wenn der Tagesschau die erhöhten Radonlevel in England einen Bericht wert sind, dann wird sie doch bestimmt auch über die Belastung mit Radon in Deutschland berichten. Entsprechende Daten stellt das Bundesamt für Strahlenschutz bereit und Radon als Ursprung ionisierender Strahlung, darf man nicht unterschätzen:

“High levels of radon can cause lung cancer, particularly for smokers and ex-smokers. Radon produces tiny radioactive particles in the air we breathe. Radiation from these particles damages our lung tissue, and over a long period may cause lung cancer. The higher the level and the longer the period of exposure, the greater the risk will be.”

Also, Tagesschau, wir warten auf den Beitrag, der vor den hohen Radonwerten vor allem im Bayern, Sachsen und Thüringen warnt und der dort lebenden Bevölkerung geeignete Gegenmaßnahmen empfiehlt, denn, so schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz:

“Nach aktuellen Erkenntnissen werden in Deutschland fünf bis zehn Prozent der Lungenkrebserkrankungen der Bevölkerung der Belastung durch Radon und seine Zerfallsprodukte in Gebäuden zugeschrieben. Umfangreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das Lungenkrebsrisiko bei einer Radonkonzentration von 1.000 Becquerel pro Kubikmeter gegenüber Konzentrationen unter 50 Becquerel pro Kubikmeter mehr als verdoppelt.”

Nachtrag:

Zwischenzeitlich hat man bei Tagesschau.de nachgelegt und die Tatsache, dass die erhöhten Werte auf Radon zurückzuführen sind, in einem neuen Beitrag verwoben. Unverändert ist der Tenor des Beitrags: Was strahlt ist egal, denn Sellafield ist böse, so wie alles, was mit Kernenergie zu tun hat, böse ist. Die Ausgewogenheit der Berichterstattung bei Tagesschau.de ist kaum mehr auszuhalten. Die Anregung, über erhöhte Radonwerte in Deutschland zu berichten, hat Tagesschau.de bislang nicht aufgenommen.

Offensichtlich ist dem Autoren des Hysterie-Beitrags zwischenzeitlich auch aufgefallen, dass er in seinem ersten Beitrag etliche Fehler hat.

Wenn man die beiden Texte vergleicht und sieht, wie beim zweiten Hysteriebericht nachgelegt wurde, wohl um zu verdecken, dass die ursprüngliche Meldung schlichtweg eine Farce ist, dann kann man sich richtig bildlich einen Redakteur mit Schaum vorm Mund vorstellen und man ist geneigt, ihm eine Therapie ob seiner Obsession ans Herz zu legen.

Erster Hysteriebeitrag über Sellafield Zweiter Hysteriebeitrag über Sellafield
In der Atomanlage Sellafield im Nordwesten des Landes gibt es unter anderem ein Kernkraftwerk und eine Wiederaufbereitungsanlage. Die Atomanlage Sellafield ist seit Jahrzehnten umstritten. Heute gibt es dort Aufarbeitungsanlagen für atomare Abfälle aus britischen, deutschen und weiteren Reaktoren sowie ein Brennelementewerk.
In dieser waren 2005 über mehrere Monate hinweg unbemerkt etwa 83.000 Liter einer hoch radioaktiven Flüssigkeit ausgelaufen. Grund war damals ein Leck in einer Leitung. Bei der Wiederaufarbeitung atomarer Brennstoffe wurden einst große Mengen radioaktive Stoffe in die Irische See geleitet.
Im Jahr 1957 hatte es in dem Reaktor einen Brand gegeben. Es kam damals zu einer erheblichen Freisetzung von Radioaktivität, der Verzehr von Milch aus der Region wurde zeitweise verboten. Der schwerste Zwischenfall in der Anlage ereignete sich im Oktober 1957. Damals brach Feuer in einem Reaktor aus, der zum Bau von Bombenplutonium genutzt wurde. Beim Versuch, den Brand zu löschen, entwichen radioaktive Gase in die Atmosphäre und verseuchten ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern. Zeitweilig wurde der Reaktor stillgeleg und die Milcherzeugung in der Region verboten.
Einen weiteren Skandal gab es 2005, als bekannt wurde, dass nach einem Rohrbruch etwa 20 Tonnen eines hochaktiven Uran-Plutonium-Gemisches in Salpetersäure gelöst ausgetreten waren. Für Menschen und Umwelt habe keine Gefahr bestanden, betonte der Betreiber damals.

Das Kultusministerium Baden-Württembergs steht auf Kriegsfuss mit Fairness, Logik und Toleranz

Gerade haben wir die Diffamierungs-Spirale veröffentlicht und darin die diskreditierende Behauptung, die völlig unbelegt daher kommt und einzig und allein an Gefühle appelliert, als Ursache für den Verfall öffentlicher politischer Kultur in Deutschland dingfest gemacht, da kommt aus dem Kultusministerium in Baden Württemberg eine Stellungnahme, die die Mechanismen, die einer Diffamierungs-Spirale zu Grunde liegen, noch einmal deutlich macht.

BaWue KultusministeriumDa die Stellungnahme nicht nur gegen jede Form von Fairness und Anstand im Umgang miteinander verstößt, sondern auch zeigt, dasss die Herrschaften im Kultusministerium offensichtlich gar nicht anders können als Menschen mit anderer Meinung nicht zu tolerieren, sondern zu stereotypisieren und auszugrenzen, wollen wir die Stellungnahme als Übungstext ansehen, anhand dessen die gravierendsten logischen Fehler dargestellt werden können – zu Lernzwecken (man soll ja nie ausschließend, dass selbst Mitarbeiter in Kultusministerin bis hin zu demjenigen, der gerade den Kultusminister gibt, lernen).

Los geht’s (die “Stellungnahme findet sich hier“)

“Das Kultusministerium weist die in der Petition ‘Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens’ aufgenommenen Behauptungen zum neuen Bildungsplan als falsch und diskriminierend gegenüber Minderheiten zurück.”

  • Das ist zunächst einmal Unsinn, denn ein Kultusministerium hat keinerlei physische Existenz, kann also auch nichts zurückweisen. Wenn sich im Kultusministerium niemand gefunden hat, der in persona die Verantwortung für die Stellungnahme übernehmen wollte und das muss man wohl folgern, dann ändert dies nichts daran, dass es kein Kultusminsterium gibt, das etwas zurückweisen kann.
  • Sodann werden Behauptungen nicht aufgenommen, sondern aufgestellt, eine Formulierung, wie die in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium impliziert, wenn man normalen deutschen Sprachgebrauch zu Grunde legt, dass die Stellungnehmer annehmen, die Behauptungen in der Petition, von denen sie reden, seien nicht in der Petition aufgestellt worden, sondern von Dritten übernommen, aufgenommen eben. Ob es sich bei diesen Dritten dann um Personen aus dem Kultusministerium handelt, wäre entsprechend zu klären.
  • zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089Aufgestellte Behauptungen kann man widerlegen bzw. man kann zumindest versuchen, sie zu widerlegen. Wenn ich behaupte, dass morgen Montag ist, dann kann man zeigen, dass diese Behauptung falsch ist, und zwar an allen Tagen außer dem Sonntag.
  • Die Behauptung, dass alle Behauptungen, die in eine Petition “aufgenommen” worden sind, flasch sind, ist eine Meta-Behauptung, die wiederum einen Beleg braucht, den man allerdings vergeblich in der Stellungsnahme sucht.
  • Anstelle eines Beleges dafür, dass die “aufgenommenen Behauptungen” alle falsch sind, der ja nicht schwierig sein dürfte, wenn sie tatsächlich falsch sind, findet sich in der der Stellungsnahme eine Diskreditierung, und zwar mit der Formulierung “diskriminierend gegenüber Minderheiten”. Was diskriminierend gegenüber Minderheiten ist, können die Schreiber der Stellungnahme offensichtlich ebenso wenig benennen, wie sie sagen können, welche Behauptungen falsch sind.
  • Auch die Behauptung, dass die vermeintlich in die Petition “aufgenommenen Behauptungen” diskriminierend gegenüber Minderheiten seien, bleibt ohne Beleg und erfüllt somit den logischen Tatbestand einer Diskreditierung, die man letztlich wohl auf Vorurteile im Kultusministerium gegenüber den Urhebern der Petition zurückführen muss.

An die Stelle der fehlenden Belege tritt in der Stellungnahme aus dem Kultusministerium Baden-Württembergs eine weitere Behauptung, die abermals nicht auf Belege gebaut wird, sondern auf den Wohlklang der Worte:

“Der neue Bildungsplan 2015 soll in den Schulen Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit vermitteln. Diese Werte bilden eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Das Thema ‘Akzeptanz von Sexueller Vielfalt’ ist im Bildungsplan im Zusammenhang allgemeiner Erziehungsziele aufgenommen. Es ist eines von mehreren Themen, die Kinder und Jugendliche darin bestärken sollen, sich selbst und ihr Gegenüber mit Wertschätzung und vorurteilsfrei zu betrachten und so zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranzuwachsen. Der Bildungsplan will so Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in der Gesellschaft fördern.”

  • Es wäre sinnvoll, die Herrschaften im Kultusministerium würden damit anfangen, Toleranz und Akzeptanz für die Vielfalt von Meinungen zu entwickeln, denn die Petition gegen den Bildungsplan 2015 ist nichts anderes als eine Übung in freier Meinungsäußerung, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, sofern man tolerant ist und andere als die eigene Meinung akzeptiert.
  • Venn diagramDarüber hinaus wäre es sinnvoll, man würde sich im Ministerium mit Venn-Diagrammen vertraut machen. Venn-Diagramme beschreiben logische Räume. Toleranz und Akzeptanz gegenüber Vielfalt ist ein umfassender logischer Raum. Er entspricht einer All-Aussage: Ich akzeptiere und respektiere und toleriere alle Anderen, alle Meinungen, allen Unsinn. Man kann nun diese Allaussage nicht nach Belieben einschränken und den Gegenstand der Toleranz vorgeben, denn damit sagt man, dass man nur eine bestimmte Form von Toleranz akzeptiert, nämlich die, die vorgegeben ist, und damit stellt man sich selbst als Intolerant dar. Dies ist eine klassische reductio ad absurdum.
  • Da es nur möglich ist, umfassend tolerant zu sein, nicht aber tolerant im einschränkenden Sinne von tolerant gegenüber XY, schränkt der Bildungsplan Toleranz ein. Toleranz wird zu dem, was der Bildungsplan als Toleranz vorsieht. Das jedoch ist keine Toleranz, sondern Indoktrination und Intoleranz gegen alles, was nicht im Bildungsplan als Toleranz vorgesehen ist – z.B. andere Meinungen, wie sie in der Petition zum Ausdruck kommen.
  • Folglich will der Bildungsplan keine “Akzeptanz und Toleranz gegenüber der Vielfalt in unserer Gesellschaft fördern”, sondern Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenüber allen vielfältigen Erscheinungsformen, die im Bildungsplan nicht toleriert und akzeptiert werden.
  • Schließlich werden abermals nur Behauptungen aufgestellt, die nicht belegt sind. Wo ist der Beleg dafür, dass “Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit … eine wichtige Grundlage für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft” bilden? Wo ist der Beleg dafür, dass “sexuelle Vielfalt” in diesen Wertekanon gehört? Wo ist der Beleg dafür, dass sexuelle Vielfalt überhaupt etwas mit dem “guten” Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu tun hat?

Sodann versucht die Stellungnahme eine Quadratur des Kreises vorzunehmen, was man in der Logik mit dem Versuch gleichsetzen kann, den Satz des ausgeschlossenen Dritten, dass etwas nicht sich selbst oder sein Gegenteil gleichzeitig sein kann, zu widerlegen (Die bisherigen Versuche führten ausnahmslos ins Irrenhaus.):

“Die Petition suggeriert, dass die vorgesehenen Leitprinzipien in ihrer Gesamtheit unter dem Aspekt der sexuellen Vielfalt betrachtet werden sollen. Das ist maßlos übertrieben, da dies lediglich ein Thema unter vielen anderen ist. Zudem macht die Petition nicht nur Stimmung gegen Offenheit und Toleranz, sie zeichnet Zerrbilder und versucht Ängste gegenüber dem neuen Bildungsplan zu schüren. Vollkommen absurd ist eine Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser. Sie ist unverantwortlich und hat nichts mit einer demokratischen Diskussion zu tun.”

Dieser Absatz ist eine Momentaufnahme, die zeigt, wie sich jemand um den Verstand schreibt.

Denn:

  • Logik f dummiesWenn es nicht die Absicht des Bildungsplans 2015 ist, Kinder umzuerziehen, sie also für die Vielfalt der sexuellen Orientierungen zu öffnen, wozu ist der Bildungsplan dann notwendig? Wenn die entsprechende Offenheit bereits vorhanden ist und keine Umerziehung notwendig ist, ist der Bildungsplan hinfällig und kann eingestampft werden. Wenn aber der Bildungsplan notwendig ist, dann basiert er notwendig auf der Prämisse, dass die Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen bei Schülern nicht vorhanden ist und entsprechend anerzogen werden muss. Also ist das Ziel des Bildungsplans zumindest die Anerziehung einer Offenheit gegenüber sexuellen Orientierungen, und da diese Anerziehung etwas ersetzt, was zuvor da war, ist sie eine Umerziehung.
  • Zudem ist das Ziel, Kinder per Anleitung zur Selbständigkeit zu erziehen, schlichter Unsinn, der dem Versuch entspricht, einer Marionette das selbständige Laufen beizubringen. Es ist ein Widerspruch, denn man ist entweder selbstbestimmt und selbständig oder man bedarf der Anleitung.
  • Wenn etwas als maßlos übertrieben bezeichnet wird, dann verweist dies auf die Übertreibung eines Sachverhalts, nicht auf dessen Falschheit.
  • Interessant ist auch die Wortwahl: “maßlos übertrieben”, “zeichnet Zerbilder”, “versucht, Ängste … zu schüren”, unverantwortlich, dogmatischer Hintergrund…. Hier wird Wortmagie betrieben, um die Tatsache zu verschleiern, dass in der Stellungnahme nicht eine Begründung vorhanden ist: Womit, wird versucht, Ängste zu schüren (Beispiel)? Wo werden Zerrbilder wovon gezeichnet (Beispiel)? Welche Wortwahl ist warum unverantwortlich? Man sieht sehr deutlich, dass den Stellungnehmern im Kultusministerium kein Argument eingefallen ist, um die Petition zu diskreditieren, also versuchen sie es durch den Rekurs auf negativ konnotierte Begriffe.
  • Damit erklären die Stellungnehmer aus dem Kultusministerium alle, die die Stellungnahme Ernst nehmen und “gut finden” zu Deppen, denn die ganze Stellungnahme basiert auf einem zirkulären argumentum ad auctoritatem: “Ich, der Kultusminister, der gleich nach Gott kommt, sage Euch, was ihr von dieser Petition zu halten habt. Und wenn ihr mich fragt, warum ihr das davon halten sollt, dann sage ich Euch: weil ich es gesagt habe”. Wer sich mit derartig Dünngeistigem zufrieden gibt, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer denkt, er komme mit derartig Dünngeistigem durch, der sollte schnellstens in eine Nachschulung in Respekt und Akzeptanz, Respekt vor den Bürgern, die regelmäßig höhere IQs aufzuweisen scheinen als die Stellungnehmer und Akzeptanz der Tatsache, dass man Bürger nicht mit jedem Unsinn beschwatzen kann.
  • “… das Kultusministerium wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen. Eine solche Behauptung und Wortwahl zeigt den dogmatischen Hintergrund der Verfasser”. Lassen wir einmal die geheuchelte Aufregung beseite und wenden uns dem dogmatischen Hintergrund zu. Dogmatisch meint: das Dogma betreffend. Und Dogma meint im katholischen Sprachgebrauch einen gültigen Glaubenssatz, es meint dann, wenn es abwertend gemeint ist, den Anspruch der absoluten Wahrheit oder Gültigkeit. Das ist sicher nicht, was die Stellungnehmer sagen wollen, und gerade deshalb ist dieser Satz in der Stellungnahme so aufschlussreich, zeigt er doch die Intention, mit der die Stellungnahme abgefasst wurde: Es geht einzig und allein um die Abwertung und Diskreditierung der Verfasser der Petition und das hat dann in der Tat mit einer Diskussion, die den Regeln von Fairness und Akzeptanz und Toleranz verpflichtet ist, nichts zu tun.

Fazit:

  • Die Stellungnahme aus dem Kultusministerium besteht ausschließlich aus Behauptungen.
  • Sie enthält keinerlei Belege für die Behauptungen.
  • Die Stellungnahme enthält eine Vielzahl von derogativen Adjektiven, die die Petition abwerten sollen.
  • Die Stellungnahme erwartet von ihren Lesern, dass sie das glauben, was behauptet wird, und entsprechend die Petition ablehnen. Sie ist eine Beleidigung für den Intellekt jedes Menschen, der selbst denkt.
  • Ganz offensichtlich ist den Stellungnehmern kein einziges Argument eingefallen, das sie gegen die Petition vorbringen können. Wenn ihnen eines eingefallen wäre, sie hätten es sicher genannt.
  • Schließlich durchzieht die gesamte Stellungnahme eine Intoleranz und Nichtakzeptanz der Meinung anderer, die deutlich macht, dass die Baden-Württembergischen Kultusministeriellen soviel von Toleranz und Akzeptanz wissen, wie eine Qualle von Knochen, und sie zeigt in eindrücklicher Weise, wo die Feinde von Toleranz und Akzeptanz zu finden sind.

Weitere Texte zum Thema:
Die Diffamierungsspirale
Die Nutznießer der Diffamierungs-Spirale
`Wer sich selbst ein Bild von der Online Petition gegen den Bildungsplan 2015 machen will, der kann das hier tun.

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Neues EU-Harmonisierungsopfer: Deutsch soll Englisch weichen

Brüssel, 18/01/2014, rp - Wie aus einem Dokument der EU-Kommission hervorgeht, das uns zugespielt wurde, planen die für den Internen Markt, Konsumenten und Wettbewerb zuständigen Kommissare, Michel Barnier (Frankreich), Neven Mimica (Kroatien) und Joaquím Almunia (Spanien) einen gemeinsamen Harmonisierungsvorstoß. Ziel: Eine gemeinsame Europäische Sprache: Englisch - The Common Language Area.

EU directiveDieses Mal geht es der deutschen Sprache an den Kragen. Dies geht aus einem gemeinsamen Dokument dreier EU-Kommissare hervor, das uns zugespielt wurde. Sprache, so wird in dem Dokument argumentiert, sei ein Ausdruck einer entsprechenden Kultur. So assoziiere man die deutsche Kultur mit der deutschen Sprache, die französische Kultur mit der französischen Sprache und die italienische Kultur mit der italienischen Sprache. Dagegen gebe es keine gemeinsame europäische Sprache.

Das Fehlen dieser gemeinsamen europäischen Sprache wird dann dafür verantwortlich gemacht, dass die Unterstützung für die EU in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sei. Eine gemeinsame europäische Kultur, so Robert Schumann, der behauptet, in die Pläne von Michel Barnier eingeweiht zu sein, sei die Grundlage für eine “Grande Nation Europa”, ohne europäische Kulture keine “Grande Nation” und ohne europäische Sprache, keine europäische Kultur. “Wir wollen ein gemeinsames Europa bauen”, so wird der ungehaltene Michel Barnier von einem Vertrauten zitiert, “und was tun wir? Wir bauen den Turm zu Babel!”.

Auch Paul-Henri Spaak, der in der Wettbewerbs-Kommission von Joaquím Almunia seinen Dienst tut, hat ein großes Interesse an einer Einheitlichen Europäischen Sprache. “Ich weiß gar nicht”, so sagt er, “wie die Sprache als das größte Handelshindernis den bisherigen Harmonisierungsbestrebungen entgehen konnte! Wenn ein Warentransport von Deutschland nach Frankreich führt, brauchen Sie die erforderlichen Dokumente in zwei Sprachen. Wenn die EU eine Direktive erlässt, dann muss die Direktive gleich in 24 Sprachen übersetzt werden. Das EU-Parlament beschäftigt eine Unzahl von Dolmetschern und Übersetzern, damit die EU-Parlamentarier, sich verstehen könnten, wenn sie sich denn zuhören würden. Die Einsparungen, die von einer gemeinsamen Sprache ausgehen, sind immens und genau die Anschubfinanzierung, die die schwächelnde europäische Wirtschaft im internationalen Wettbewerb benötigt”, sagt Spaak.

tower of babelAuch für Konsumenten ergeben sich eine Unzahl von Vorteilen daraus, dass nach Inkrafttreten der geplanten Direktive europaweit nur noch in englischer Sprache kommuniziert wird. Endlich, so schwärmt Vladimir Nazor, Vetrauter von Neven Mimica, sei es möglich, enge nationale Sprachgrenzen zu überwinden und ein wirklich einheitliches Europa zu zelebrieren: “Grenzüberschreitende Unterhaltungen werden möglich, wo zuvor die Sprachbarriere stand,” so Nazor.

Um diese Ziele zu erreichen, sieht die Direktive “Creating a Common Language Area”, kurz CLA vor, dass bereits ab 2015 in Kindergärten und ab der ersten Klasse in allen Mitgliedsstaaten der EU nur noch in englischer Sprache unterrichtet wird. Die notwendigen Nachschulungsmaßnahmen für Eltern, Lehrer und Kindergärtnerinnen seien von den nationalen Regierung mit Inkrafttreten der Direktive umgehend zu veranlassen. Nationale Fernsehprogramme müssten ab 2015 in englischer Sprache ausgestrahlt werden, zunächst und für die Dauer einer Übergangsphase von 5 Jahren noch mit Untertiteln in den abgeschafften Landessprachen. Behördenbriefe, öffentliche Kommunikation, Debatten in Parlamenten alle Formen der öffentlichen Kommunikation sollten auf die englische Sprache umgestellt werden.

Die Initiatoren der Direktive erwarten sich durch die Sprachharmonisierung unmittelbar Einsparungen in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro bei der Europäischen Union, hauptsächlich durch die Entlassung von Dolmetschern und Übersetzern. Der Abbau von Sprachbarrieren im Warenverkehr soll weitere 37 Milliarden pro Jahr an Einsparungen erbringen. Schließlich versprechen sich die drei Kommissare von der umfassenden Sprachbildung der Europäer in englischer Sprache nicht nur eine verbesserte Wettbewerbsposition gegenüber den USA und China, sondern auch die Schaffung einer europäischen Kultur, die auf lange Sicht an die Stelle nationaler Kulturen treten kann und mittelfristig nationale Parlamente überflüssig werden lässt.

Aber warum soll ausgerechnet Englisch die europäische Kultursprache werden? “Das ist eine gute Frage”, so Paul-Henri Spaak: “Wir haben uns die Wahl nicht leicht gemacht. Drei Gründe haben uns bewogen, die englische Sprache zu wählen: (1) Englisch ist schon jetzt die am häufigsten gesprochene Sprache weltweit. (2) Hätten wir Deutsch gewählt, die damit einhergehende Genderisierung der Sprache hätte uns in der Welt lächerlich gemacht und die Dokumente der EU noch unlesbarer als sie das eh schon sind. Und die EU-Kommission ist der Transparenz verpflichtet”, so Spaak. Schließlich verfüge das Vereinigte Königreich über die einzige ernstzunehmende Armee aller EU-Mitgliedsstaaten und angesichts britischer Bestrebungen, die EU zu verlassen, sei die Durchsetzung des Europäischen Einheitlichen Sprachraums, EES, der das Ziel von CLA sei, ein Mittel, um die Briten zum Bleiben zu motivieren, zumal bekannt sei, wie ungern Briten Fremdsprachen lernen. Dem zu erwartenden Widerstand aus Frankreich werde durch eine Erhöhung der Agrar-Subventionen vorgebeugt.

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Die Diffamierungs-Spirale oder: Von der Erosion des Verstandes

Die letzten Tage und vor allem die Debatte über die “Homosexualität”, die sich, wie Heike Diefenbach regelmäßig mit Verwunderung feststellt, ziemlich auf Schwule kapriziert und Lesben weitgehend außen vor läßt, hat uns dazu angeregt, ein Instrument aus der Mottenkiste der Sozialwissenschaften zu holen, das in neuerer Zeit weitgehend verschwunden ist, gewichen den vielfältigen Formen politisch korrekter Datenhuberei, deren Ziel darin besteht, auch noch die letzte Trivialität als Korrelation zu erheben und dann als Kausalität auszugeben.

sciencefilesWir wollen die gute alte Gesellschaftskritik wieder zu Ehren kommen lassen und das Mittel der Typologisierung nutzen, um einen Prozess nachzuzeichnen und in seinen wesentlichen Bestandteilen probeweise zu generalisieren und auf diese Weise Lesern und Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, unsere Theorie zu prüfen.

Die Theorie, die wir hier präsentieren, haben wir unter die Überschrift “Diffamierungs-Spirale” gestellt. Sie zeigt, wie Politiker nicht nur den öffentlichen Diskurs zu manipulieren suchen, sondern ihn auch vergiften, was regelmäßig von einer Erosion des Verstandes begleitet wird

Aufmerksame Leser werden festgestellt haben, dass wir den Begriff des Verstandes hier als Kollektivbegriff benutzen, quasi als Summe der individuellen Verstände, derer, die am öffentlichen Diskurs beteiligt sind. Wir beschreiben damit also die Informiertheit des öffentlichen Diskurses, und sind auf diese Weise in der Lage, eine Entwicklung nachzuzeichnen, die grundlegend für den Prozess ist, den wir Diffamierungs-Spirale nennen: Im Verlauf einer öffentlichen Diskussion, die sich als Diffamierungs-Spirale qualifiziert, sinkt die aggregierte Informiertheit ins schier Bodenlose, was darauf zurückzuführen ist, dass (1) Informationen absichtlich aus dem Prozess ausgeschlossen oder diskreditiert werden oder (2) Informationen durch affektive Begriffe ersetzt werden, die wiederum eine Anziehungskraft auf Uninformierte ausüben, sich im öffentlichen Diskurs mit ihren Gefühlchen zu Wort zu melden und eine rationale und vom Verstand geleitete Diskussion damit unmöglich machen.

black hole spiralDie Diffamierungs-Spirale, die wir am Beispiel der Petition “Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens” nachzeichnen, beginnt in der abgeschlossenen Welt, die Niklas Luhmann als  System beschrieben hat. Systeme sind sich selbst genügsam, die Akteure, die sich in ihnen aufhalten, braten, wenn man so will, im eigenen Saft. Sie sind mit systemimmanenten Diskursen beschäftigt und haben nur in seltenen Fällen Kontakt zur Außenwelt.

Politiker bewegen sich in einem solchen System. Das, was Politiker für die Realität halten, basiert auf dem, was ihnen erzählt wird. Politiker zu sein bedeutet, erfahrungsarm zu sein, denn Wissen und Erfahrung über das normale Leben, das die Angehörigen der Gruppe, die Politiker gewöhnlich “die Bürger” nennen, führen, ist Politikern so fremd, wie den Parteimitgliedern in George Orwells Roman 1984 das Leben der Prols bekannt ist.

Im geschlossenen System, in dem sich z.B. die Mitglieder der Baden-Württembergischen Landesregierung bewegen, gibt es ein vorherrschendes Thema: die sexuelle Orientierung oder, wie Volker Beck es nennt: die sexuelle Identität. “Die Akzeptanz der Vielfalt der Menschen ist die Grundlage für Respekt und Demokratie”, so sagt Volker Beck mit Blick auf die sexuelle Identität und outet sich damit als Träger eines bestenfalls mittelmäßigen IQs, denn die Reduktion von Menschen auf Gruppen, die anhand ihrer sexuellen Identität eingeteilt werden, ist nicht die Schaffung, geschweige denn die Akzeptanz von Vielfalt, sie ist vielmehr die Reduktion von Vielfalt und damit die Begrenzung von Akzeptanz auf Gruppen und nicht auf die “Vielfalt der Menschen”.

Luhmann_Soziale SystemeWie auch immer es Mitglieder im geschlossenen System, in dem sich Politiker wie Volker Beck bewegen, gelingt, sie schaffen es, sich über derartige Widersprüche in ihrer eigenen Logik hinwegzusetzen. Vermutlich helfen ihnen Lobbyisten und Hoffnungen darauf, mit dem Werben für die Achtung von Gruppen und eben nicht für Menschen, in den Gruppenhimmel zu kommen oder, ganz krude, sie versprechen sich einen finanziellen oder sonstigen Vorteil davon, dass sie für die Rechte von Gruppen werben.

Ein solcher Vorteil kann daraus erwachsen, dass man sich als Politiker, vor allem dann, wenn man, wie es so schön heißt, Regierungsverantwortung trägt, als aktiv und tätig, als Macher darstellen muss, um Legitimität zu erlangen. Heute ist Legitimität politischer Systeme, ganz so, wie DiMaggio und Powell das beschreiben, nicht mehr ein Resultat wirkungsvoller und effizienter Politiken, wie dies noch Max Weber geglaubt hat. Nein, heute erwächst Legitimität aus der Aktivität als solcher (gleich welcher Art) und ohne Rücksicht auf die produzierten Ergebnisse. Aktivismus oder Aktionismus ist, was Politiker suchen, und wenn der Aktivismus/Aktionismus mit etwas verbunden ist, für das sie erwarten, Gutheits-Punkte zu erhalten, dann gibt es kein Halten mehr.

Dann wird das, was man die demokratische Kausalität nennen könnte, kurzerhand umgedreht und nicht die Ideen der Bürger sind mehr für Politiker massgeblich, vielmehr sind die (fixen) Ideen von Politikern maßgeblich für ihre Bürger. Bürger werden entsprechend vom Souverän, der sie immer dann sind, wenn man sie zur Wahlurne bewegen will, zum Trottel und Erziehungsgegenstand dekradiert, dem man sagen muss, was richtig und was gut ist.

So erklärt es sich, dass ein Thema, das im täglichen Leben durchschnittlicher Menschen überhaupt keine Rolle spielt, zur Schlagzeile wird: Homosexualität. Eigentlich ist Homosexualität ein privates Thema, aber wenn man durch seine Propagierung Gutheits-Punkte, oder finanzielle Vorteile erheischen kann, dann wird es thematisiert. Es wird nicht nur thematisiert, es wird den Bürgern aufgezwungen. Wie manische Neurotiker, die jedem, den sie treffen, erzählen müssen, dass die Erde ein Großversuch der Klingonen ist, so verfolgen die entsprechenden Politiker nunmehr Bürger mit dem Thema, das ihnen so wichtig ist, im vorliegenden Fall: die sexuelle Orientierung anderer Leute.

Klaus und Peter wollen heiratenUnd wenn man Bürger von der korrekten Weise des Umgangs mit einem Thema, das die Bürger bis dato nicht einmal entfernt interessiert hat, überzeugen will, dann sind Schulen von jeher der Ort erster Wahl gewesen. Nichts eignet sich so gut wie Kinder, um mit Inhalten abgefüllt zu werden, die zwar nichts in Schulen zu suchen haben, die aber den entsprechenden Politikern so furchtbar wichtig sind, die ihrer Agenda entsprechen (Woraus auch immer sie bestehen mag). Und hier beginnt die Diffamierungs-Spirale:

  • So haben die auktorialen Herrscher in der Baden-Württembergischen Landesregierung beliebt, u.a. einen Bildungsplan 2015 zu erstellen, mit dem man sich zum Vorreiter von “Offenheit und Vielfalt” machen wollen. Offenheit und Vielfalt heißt für die entsprechenden Politiker, die Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, intersexuellen und transgender Menschen.
  • Nun haben die Baden-Württembergischen Landesregierer gehört, dass es gut wirkt, wenn man die Bürger am Prozess beteiligt. Bürger sind für sie zwar nur Lobbyisten und Vertreter von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, intersexuellen und transgender Menschen, und nicht etwa die Lehrer und die Eltern der Kinder, die in erster Linie vom Bildungsplan 2015 betroffen sind, aber die enge Welt des eigenen Systems sieht eben nicht über den eigenen Tellerrand und hat entsprechend die Bürgerbeteiligung auf diejenigen begrenzt, denen die entsprechende Regelung zum Vorteil gereichen soll.
  • Gabriel Stängle, ein Lehrer aus Baden-Württemberg, hat das mit der Bürgerbeteiligung wohl missverstanden und daher ernst genommen und, da ihn niemand aus der Landesregierung gefragt hat, hat er ein ureigenes Mittel der Demokratie gewählt, um in das geschlossene System seiner Landesregierung vorzudringen: Eine Petition. Petitionen, sofern ihnen Audienz gewährt wird (Politiker sie also zur Kenntnis nehmen), gehören zu den wenigen Dingen aus der Realität, die Politiker an sich heranlassen. Und Stängles Petition ist fundiert, sie ist argumentiert. Man muss ihr nicht in jedem Punkt zustimmen, aber man muss Stängle Respekt zollen dafür, dass er darauf hinweist, dass im schulischen Alltag die entsprechenden sexuellen Orientierungen eher nicht vorkommen. Vielmehr schreibt er u.a.:

    zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089“Eine verantwortungsvolle Pädagogik, wie sie der Bildungsplan mit seinen Leitprinzipien und Bildungsstandards vorsieht, verfolgt das Ziel, niemanden an der Schule auszugrenzen und zu diskriminieren. Gegenseitige Achtung und Respekt sind Aufgabe aller Beteiligten im Bildungsbereich. Der Bildungsplan hat eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und sollte alle relevanten Träger der Zivilgesellschaft einbeziehen. In der vorliegenden Fassung der Leitprinzipien wird der Bildungsplan zum Aktionsfeld von LSBTTIQ-Vertretern. Die Werbung, sexuelle Orientierungen zu akzeptieren und sich gegen die Diskriminierung homosexueller Jugendlicher zu engagieren, steht im krassen Gegensatz zu dem weitgehenden Verschweigen von anderen Formen von Ausgrenzung an den Schulen unseres Landes: In der aktuellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2013) sind die Diskriminierungshinweise im Bereich Bildung und „sexuelle Identität“ am niedrigsten. Man sucht dagegen in „Verankerung der Leitprinzipien“ vergeblich nach ähnlichem Engagement in den Bereichen ethnischer Herkunft, Behinderung, Alter, Geschlecht, oder Weltanschauung/Religion.”

  • Nun geschieht etwas Unvorhergesehenes. Im geschlossenen System der Baden-Württembergischen Landesregierung kommen Meldungen an, dass sich eine große Zahl von Bürgern, mittlerweile mehr als 100.000 der Petition von Stängle angeschlossen habe. Diese Unglaublichkeit erfordert Gegenmaßnahmen. Und der erste Schritt, die nächste Schleife in der Diffamierungs-Spirale besteht darin, die wohl begründete Petition von Stängle zu reduzieren, und zu behaupten, es ginge darin einzig und allein darum, das Thema Homosexualität aus dem Unterricht heraus zu halten. Entsprechend ereifern sich Mitglieder der Landesregierung, die die Petition von Stängle offensichtlich nicht kennen, darüber, dass die Petition “unterste Schublade” sei.
  • Homophobie macht die Runde und spricht all diejenigen an, die zwar keine Ahnung haben, worum es geht, es auch gar nicht wissen wollen, die aber immer zur Stelle sind, wenn es darum geht, Gefühlchen auszuleben und die eigene vermeintliche Gutheit zum Markt zu tragen. Und so werden die 100.000 Unterzeichner eben zu homophoben Monstern erklärt, die Kirchen werden zu Stätten der Homophobie, und den Politikern ist es wieder einmal gelungen, eine Diskussion darüber zu vermeiden, ob sie überhaupt ein Mandat, geschweigen denn ein Recht haben, sich in das Leben von Bürgern einzumischen und ihnen vorzuschreiben, was sie für richtig und was für falsch zu halten haben.
  • Ab jetzt regieren gefühlsgeladene Adjektive, die ohne jede Verbindung zu Argumenten und zur Realität auskommen und die man damit und mit größerem Recht als “unterste Schublade” bezeichnen könnte. Das beste Beispiel dieser Gefühls-Hysterie ist die Gegenpetition zur Petition von Gabriel Stängle, die Bastian Burger schnell hingeworfen hat. Die Petition enthält keinerlei Argument. Sie entält weder Begründung noch Beleg, beschreibt, was der Autor so für “gefährlich” oder “richtig” hält, ohne dass er in der Lage wäre anzugeben, warum er es für “gefährlich” oder “richtig” hält, sie ist mit anderen Worten nichts anderes als eine “Wie-mir-die-Welt-vorkommt”-Petition, die im einzigen Satz, der sich auf die Realität bezieht, nämlich im Hinblick auf die Suizidhäufigkeit unter Homosexuellen, wie wir im nächsten Post noch genauer zeigen werden, auch noch falsch ist.
  • Aber die Gegen-Petition signalisiert, das letzte Stadium, die letzte Schleife der Diffamierungs-Spirale: Vom ursprünglichen Anliegen ist die öffentliche Diskussion zwischenzeitlich so weit enfernt, wie man es nur sein kann. Der öffentliche Austausch ist überschwemmt von Personen, die sich nur in emotionalen Adjektiven ausdrücken können, die denken, wenn sie jemanden als “homophob” bezeichnen, dann ersetze dies die Begründung, deren Intellekt, mit anderen Worten, nicht dazu ausreicht, sich an einer Sachdebatte zu beteiligen, und die deshalb nur allzu bereit sind, sich in Hülsen und Beschimpfungen auszutauschen.
  • black hole spiralDas Ende der Diffamierungs-Spirale ist also gekennzeichnet, durch die fast vollständige Abwesenheit von sachlicher Diskussion, und das ist verheerend, spielt es den Politikern in ihrem geschlossenen System doch in die Hände. Haben sie ursprünglich versucht, die begründete Petition von Stängle zu diskreditieren und einen Chor der Claquere angestimmt, die nichts lieber tun, als z.B. “homophob” zu schreien, so hat ihnen die Gegenpetition in ihrer ganzen unbegründeten Armseligkeit noch das Mittel an die Hand gegeben, sich generell nicht mit Petitionen zu beschäftigen, denn man muss nur die Petition von Bastian Burger ansehen, um zu sehen, dass Bürger zwar Gefühlchen aber leider keine Ahnung haben. Und schon können sich Politiker aufs hohe Roß setzen, ein weiteres Einfallstor der Realität in ihr geschlossenes System abdichten und sich noch moralisch und intellektuell überlegen fühlen, denn Unsinn wie den von Bastian Burger, der einzig dazu dient, Gefühlchen-Teiler abzuernten, kann nicht ernstgenommen werden, aber er kann als Beispiel dienen, als Beispiel dafür, dass Bürger mit dem Instrument der Petition nicht umgehen können.

Und am Ende der Diffamierungs-Spirale steht, was schon am Anfang stand: Politiker zwingen Bürger, Lehrer, Eltern und Kinder sich mit ihren sexuellen Vorlieben auseinanderzusetzen und was hat sich sonst noch verändert:

  • Initiator und Unterzeichner der ursprünglichen Petition haben gelernet, dass es keinen Sinn hat, ein Mittel demokratischer Mitwirkung zu benutzen bzw. zu unterstützen, denn man hat (a) keinen Effekt, erreicht (b) keine sachgerechte Diskussion und wird (c) diffamiert.
  • Initiator und Unterzeichner der Gegenpetition haben gelernt, dass man keine Argumente oder Begründungen benötigt, wenn man etwas ablehnen will, dass es vielmehr reicht, wilde Behauptungen zu unterstützen und “homophob” zu benutzen.
  • Homosexuelle und all die Träger all der sonstigen genannten sexuellen Orientierungen haben gelernt, dass es welche gibt, die ihnen emotional zugetan sind, [So könnte man im Hinblick auf die Gegenpetition und im Anklang an die entsprechende Schlagzeile im Focus von mehreren 10.000 Homophilen sprechen] und dass es welche gibt, die ihnen emotional nicht zugetan sind. Falls sie das nicht schon wussten, wissen sie es jetzt und sind das nächste Mal vielleicht vorsichtiger mit Blick auf den Karren, vor den sie sich spannen lassen.
  • Tatsächlich homophobe Personen, sofern es sie in relevanter Anzahl gibt, werden aus der Auseinandersetzung nehmen, dass sie Homosexuellen mit anderen als verbalen Mitteln gegenübertreten müssen.
  • Und Politiker haben wieder einmal gelernt, dass es für die Durchsetzung der eigenen Ziele ausreicht, wenn man “die Bürger” mit Platituden, Begriffen und geheuchelter Entrüstung abspeist.

Letztlich ist das Beste, was eine Diffamierungs-Spirale zu erreichen im Stande ist, Anomie, also die Abkehr von allem, was öffentlicher Diskurs ist, das Schlechteste, das sich mit einer Diffamierungs-Spirale erreichen lässt, ist eine Radikalisierung und somit die Erschaffung dessen, was z.B. die Baden-Württembergischen Politiker vorgegeben haben, verhindern zu wollen.

©ScienceFiles 2014

Zurück in die Vergangenheit: Der neue Konservatismus an Universitäten

Wer wie wir seine universitäre Sozialisation in den 1980er Jahren erfahren hat, hat dies in einer Zeit, als Universitäten voller (Trend aber abnehmend) neuer Ideen waren, in einer Zeit, in der sich noch Theorien und Ideen gefunden haben, die den Status Quo in Frage stellen und in einer Zeit als Wissenschaftler noch an Erkenntnisgewinn interessiert waren.

absolutely_nothing_road_signWer heute an deutsche Universitäten und die sozialwissenschaftlichen Fakultäten dort schaut, den erwartet ein weitgehend tristes Bild der Einfallslosigkeit, die sich nicht besser äußern könnte als in der Vielzahl der langweiligen und komplett erkenntnislosen Beiträge, die ein “Gender” im Titel tragen, in der Vielzahl der Beiträge, die sich mit Work-Life-Balance befassen oder in der Vielzahl der Beiträge, die aus sozialistischer Perspektive den angeblich herrschenden Neoliberalismus bejammern.

Da, wo früher Neues, Interessantes und Aufregendes zu finden war, hat man heute eine hohe Wahrscheinlichkeit traditionales Denken, das nicht einmal im 18. Jahrhundert neu war, zu finden, uninteressante Beiträge, die die heile Welt beschwören, von der man sich unwillkürlich fragt, wann es sie denn wo gegeben hat, und Beiträge, die so aufregend sind, wie ein Goldfisch im Aquarium.

Man findet Beiträge wie z.B. den von Timo Hener, Helmut Rainer und Thomas Siedler, der an Traditionalität kaum zu übertreffen ist, nein, den man als reaktionär bezeichnen muss. Man findet Beiträge wie den von Hener, Rainer und Siedler, die nicht kritisch mit politischen Institutionen ins Gericht gehen, sondern sich staatstragend andienen, um dem politischen System seine fehlende Legitimation dadurch zu geben, dass man die Ursache des Fehlens bei den Bürgern verortet. Man findet vermeintliche Wissenschaftler, die sich nicht vorstellen können, dass Erklärungen vor allem struktureller Variablen bedürfen, denn Akteure handeln nicht im luftleeren Raum, sondern unter Randbedingungen. Und man findet entsprechend Wissenschaftler, bei denen man die fehlende methodologische Ausbildung schon in der Fragestellung erkennen kann, denn wer methodologisch ausgebildet ist, der denkt vom allgemeinen Satz über die Randbedingung zum konkreten Explanandum und ist seinem Forschungsgegenstand entsprechend nicht derart ausgeliefert, wie dies regelmäßig der Fall ist.

SOEP#612Hener, Rainer und Siedler erforschen politisches oder wie sie meinen: ziviles Engagement. Letzteres ist zurückgegangen und das ist, wie die Autoren befinden, schlecht, denn eine funktionierende Demokratie, so erfährt der Leser, brauche engagierte Bürger. Ohne engagierte Bürger machen die angeblichen politischen Eliten nämlich, was sie wollen.

Ja.

Das politische oder zivile Engagement ist also über die letzten Jahrzehnte immer geringer geworden. Und weil das politische System, so wie es sich derzeit darstellt, der Stein der Weisen und in jedem Fall unverrückbar ist, desshalb darf man keine kritischen Fragen in Richtung politisches System richten und muss entsprechend die Kritik bei denen anbringen, die sich nicht wehren können. Nicht wehren können sich z.B. die Befragten des SOEP, die derzeit für allerlei Unfug herhalten müssen.

Bei Hener, Rainer und Siedler müssen sie als Schuldige für das von den Autoren als mangelhaft bewertete politische, nein, zivile Engagement der Deutschen herhalten. Nicht alle natürlich, nein, nur ein Teil der Befragten, diejenigen, die in einer “nicht intakten Familie” aufgewachsen sind. Ein nettes Konstrukt, eine “nicht intakte Familie”, macht die Bezeichnung doch unmissverständlich die Wertbasis der Autoren klar: Intakt kann eine Familie nur sein, wenn Papa, Mama und die Kinderlei sich über Jahrzehnte anöden, fies und hintenrum bekämpfen, aber in jedem Fall verheiratet sind und nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel machen (z.B. per beleuchtetem kletterndem Nikolaus an der Esse  - zur Erbauung des Nachbarn und Erhellung seines Schlafzimmers). Scheidung ist nämlich schlecht, vermutlich weil sie der katholischen Kirche nicht gefällt (einen anderen Grund weiß ich nicht, aber vielleicht ist ja einer der Autoren bereit zu erklären, warum Scheidung die Intaktheit einer Familie zerstört und vor allem wie und in welcher Hinsicht sie das tut: Was also hat verheiratet sein mit einer intakten Familie zu tun?).

Bislang ist der Beitrag nur traditional, nicht reaktionär. Reaktionär wird das Werk von Hener, Rainer und Siedler da, wo die nicht intakte Familie auf Familien erweitert wird, in denen die Kinder außerhalb einer  (auch später geschlossenen) Ehe geboren wurden. An dieser Stelle habe ich nicht zum ersten Mal gedacht, dass die Autoren ihre Berufung verfehlt haben. Sie wären in einem katholischen Kontext deutlich besser aufgehoben als an Universitäten oder im ifo-Institut.

Nachdem nun klar ist, dass nicht-intakte Familien, also Scheidungsfamilien und solche Familien, die aus nicht verheirateten oder “zu spät” verheirateten Eltern bestehen, anzusehen sind, muss noch gezeigt werden, warum die entsprechenden “nicht intakten Familien” schlecht sind. Deshalb:

Kinder aus dieser Art nicht intakter Familie:

  • unions-suckhaben ein geringeres Interesse in Politik als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • identifzieren sich seltener mit einer politischen Partei als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • sind seltener Mitglied in Gewerkschaften oder Parteien oder anderen gesellschaftlichen Organisationen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • engagieren sich seltener freiwillig in Vereinen oder sozialen Einrichtungen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien

Kurz: Wer will, dass sich die Deutschen wieder stärker für Politik interessieren, den schrumpfenden Parteien wieder Mitgliederbeiträge bringen, sich mit Parteien und deren Ideologie wieder identifizieren und zum Parteiherdentier werden und wer will, dass Bürger sich wieder vermehrt sozial und in Vereinen engagieren, der muss die Scheidung verbieten und die Geburt von Kindern an die Voraussetzung einer geschlossenen Ehe koppeln. Ich habe selten einen reaktionäreren Text gelesen und im Jahre 37 nach Ronald Inglehart muss ich feststellen, dass sein Wertwandel gerade in die andere Richtung läuft und dieser “backlash” von Universitäten ausgeht.

Unsere drei Helden wollen zwar staatstragend sein, aber der Mut reicht doch nicht, um die Konsequenzen ihrer “Forschung” auch in der Weise zu formulieren, wie ich das oben getan habe. Sie verstecken sich, wie das für staatstreue Untertanen im Wissenschaftlerkostüm die Regel ist, hinter ihrem Staat und empfehlen: “that schools or community organizations, which reach children across socioeconomic strata, might need to offer more opportunities for civic and political learning to counteract some of the negative effects on civic engagement stemming from the break-up of families” (22). [Ganz nebenbei wird hier eine Kausalität behauptet, wo sie nur eine Korrelation gemessen haben.]

Wo Wissenschaftler sich früher gefragt hätten, was mit einem politischen System nicht in Ordnung ist, dem seine Bürger den Rücken kehren, fragen sich heutige “Wissenschaftler”, was mit den Bürgern nicht in Ordnung ist, dass sie dem politischen System den Rücken kehren. Wo früher die Frage gestellt worden wäre, wie man politische Systeme so verändern, so verbessern kann, dass sie für Bürger attraktiv werden, werden heute Manipulationsmethoden gesucht, um die Bürger so zu erziehen, dass sie ihr politisches System auch ganz toll finden und sich von morgens bis abends dafür engagieren.

Wissenschaftler, wie Hener, Rainer und Siedler machen sich zum willfährigen Helfer eines politischen Systems, sehen sich als staatstragend und ihre Aufgabe darin, die Defizite der Bevölkerung im Hinblick auf das politische System, das ihnen heilig ist, aufzuarbeiten und zu beseitigen. Warum Hener, Rainer und Siedler nicht in Kirchen predigen, ich weiß es nicht – aber vielleicht sind sie den dortigen Priestern ja auch zu reaktionär und nur noch für Universitäten geeignet?

Hener, Timo, Rainer, Helmut & Siedler, Thomas (2013). Political Socialization in Flux? Linking Family Non-Intactness During Childhood to Adult Civic Engagement. Berlin: DIW, SOEPpapers #612