Frauen und Kooperation: Die Ikone des Staatsfeminismus verliert ihren Heiligenschein

Fangen wir mit Lamentos an:

z.B. einem Lamento des Fachverlags Thieme:

Kooperation statt konkurrenz“Männer sind noch immer eher Konkurrenzsituationen ausgesetzt als Frauen, und noch immer gilt es als typisch männlich, sich mit dem Ellenbogen in der Hierarchie nach oben zu kämpfen. Gleichzeitig reagieren Männer jedoch empfindlicher als Frauen auf Konkurrenzdruck und sozialen Stress. Auf diese für Männer gesundheitsgefährdende Konstellation weist Professor Dr. Bertram Szagun, Gesundheitswissenschaftler an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, in der Fachzeitschrift “Das Gesundheitswesen” (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) hin.”

Es gibt dieses Lamento nicht nur in der Helferindustrie, die Menschen vom Fluch der Konkurrenz heilen wollen, mit immer neuen Konzepten, von denen sie sich erhoffen, einen Vorsprung vor der Helfer-Konkurrenz zu erzielen, sondern auch im Feld des Anti-(Neo-)liberalismus, denn Liberalismus ist ja für manche deshalb so furchtbar, weil er die Konkurrenz der Ideen und Individuen als Triebkraft einer Gesellschaft ansieht. In seiner globalisierten Variante liest sich das anti-liberale Lamento wie folgt:

Kooperation statt konkurrenz II“Eine zentrale Forderung in der globalen Bewegung gegen neoliberale Globalisierung lautet, dass eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von Reich zu Arm erfolgen muß. Wie kann eine Umverteilung von Reich zu Arm erfolgen, wenn der Reichtum durch die Armen, besser Arbeiterinnen, geschaffen wird? Müssen konsequenterweise nicht die Armen, also die Arbeiterinnen, selbst bestimmen, was mit dem von ihnen produzierten Reichtum passiert? Gilt das nicht für Frauen und Männer, also für Arbeiterinnen und Arbeiter gleichermaßen? An der Produktion sind Männer als auch Frauen beteiligt. Sie erarbeiten gemeinsam den Reichtum, den sich Unternehmer, Spekulanten usw. aneignen. Würde die Hälfte des Reichtums und der Macht an die Frauen gegeben werden, wird sich an diesen Verhältnissen sich nichts grundlegendes ändern. Es würde nur mehr Unternehmerinnen und Spekulantinnen geben als Folge davon, daß sich eine produzierende Frauenwelt nicht von der der Männer isolieren kann und weiterhin unter Konkurrenzbedingungen produzieren müßte. [Fehler sind aus dem Original übernommen.]“

Einmal von den Fehlschlüssen in diesem Absatz abgesehen, finden wir hier die Verbindung von mythologischen Vorstellungen darüber, wie Frauen seien, mit der Ablehnung von Konkurrenz als Ordnungsprinzip einer Gesellschaft. Was an die Stelle der Konkurrenz in dieser heilen linken Traumwelt tritt, kann man anhand der Stereotype, die in dieser Traumwelt über Frauen verbreitet sind, gut vermuten: Frauen wollten, im Gegensatz zu Männern, nicht konkurrieren (nicht einmal um Männer), Frauen sind mehr “caring”, wie es neuerdings heißt, sozialer und vor allem kooperativer als Männer. Die Mythologie des neuen sozialistischen Menschen, der nur entlang einer mythologisch konzipierten Weiblichkeit formuliert werden kann, die auf einer Verteilung von Ressourcen basiert, deren Ausmaß und Empfänger von Außererwählten bestimmt werden, findet man in Reinkultur bei der Feministischen Partei Deutschlands:

Kooperation statt konkurrenz III“Im Feminismus gibt es im Vergleich zum Patriarchat einen Wandel der Werte: Im Mittelpunkt steht die Lebensqualität alles Lebendigen. Statt zynischer Konzepte wie Konkurrenz und Ausbeutung setzen wir auf Kooperation und gerechte Teilhabe. Dem pyramidenförmigen, hierarchischen Aufbau der Gesellschaft setzen wir den Kreis oder die Spirale als Modell gegenüber, die Gleichwertigkeit und zyklisches Denken als wesentliche Elemente beinhaltet.”

Obwohl die Feministische Partei mit anderen Parteien um Stimmen konkurriert, finden die feministischen Parteiler Konkurrenz zynisch, was man verstehen kann, angesichts des geringen Stimmanteils, den die Partei zu erreichen im Stande ist. Könnte man die Wahl der Feministischen Partei zur Pflicht machen und das “zynische” Konzept der Konkurrenz zu Gunsten einer generellen Kooperation der Wähler mit der Feministischen Partei, z.B. durch Beendigung des Parteienwettbewerbs (also ein Verbot der anderen Parteien) beenden, es wäre zum Wohle der “Lebensqualität alles Lebendigen”. Kleinere Ungereimtheiten wie z.B. die nicht-hierarchische Spirale lassen wir einmal unberücksichtigt.

Der kurze Ausflug in die Welt der Anti-Konkurrenz zeigt mehrerlei: Für uns von Relevanz sind die Behauptungen, dass Konkurrenz zynisch, menschenfeindlich ist, Menschen krank macht, hilfsweise kann angenommen werden, dass Konkurrenz von Menschen nicht positiv bewertet wird, und in jedem Fall ist Konkurrenz eine männliche Erfindung, die zu Kriegen, Ausbeutung und angeblich ungerechter Verteilung führt, wie die Vergangenheit zeigt, weshalb es für alle Beteiligten besser ist, wenn die kooperativen und sozialen, die Konkurrenz ablehenenden und entsprechend in der Evolutions-Spirale der Feministischen Partei weiter entwickelten Frauen, ganz unhierarchisch das Zepter in die Hand nehmen, um durch caring Gutes zu tun.

Und jetzt kommen J. Matias Kivikangas, Jari Kätsyri, Simo Järvelä und Niklas Ravaja, die keinerlei Respekt vor politischer Korrektheit zu haben scheinen, und zeigen, dass Frauen fast genau so gerne konkurrieren wie Männer und, wichtiger noch, dass Frauen Kooperation der Konkurrenz nicht vorziehen.

In ihrem Beitrag “Gender Differences in Emotional Response to Cooperative and Competitive Game Play” räumen die vier Finnen mit dem Mythos der kooperativen und nicht-kompetitiven Frauen auf, den feministische Organisationen so gerne beschwören, um damit ihren globalen Sozialismus durchzusetzen.

Kivikangas, Kätsyri, Järvelä und Ravaja beginnen ihre Untersuchung mit zwei Hypothesen und einer Forschungsfrage:

  • Männer erleben Konkurrenz positiver als Kooperation.
  • Frauen erleben Kooperation positiver als Konkurrenz.
  • Ist Konkurrenz mit mehr negativen Emotionen verbunden als Kooperation?

Wie die Formulierung von Forschungsfrage und Hypothesen zeigt, interessieren sich die Autoren für die Emotionen, die mit bestimmten Handlungen verbunden sind, was die Frage aufwirft, wie die Autoren “Emotionen” messen.

Bomberman

Bomberman

Sie messen Emotionen auf zwei Wegen: Einmal durch eine Selbsteinschätzung der Teilnehmer an ihren beiden Experimente, 48 im ersten Fall, 100 im zweiten Fall, einmal durch die Messung vorhandener physischer Reaktionen bei den Teilnehmern der Experimente, während und nach den Experimenten. So wurde mit einer elektromyographischen Messung die Muskelbewegung im Gesicht gemessen. Dabei wurde im Bereich der Muskeln “zygomaticus major” und “orbicularis oculi” gemessen, für die beide gezeigt werden konnte, dass Muskelbewegungen mit positiven Emotionen im Zusammenhang stehen.

Die beiden Experimente der vier Finnen fanden in einer Spielsituation statt, einmal während des Spielens von Bomberman, dessen Ziel darin besteht, sich den Weg aus einem Labyrinth freizubomben und dabei gleich noch ein gegnerisches Team zu eliminieren, einmal während des Spielens von Hedgewars, einem Spiel, bei dem das Ziel darin besteht, ein gegnerisches Team mit allerlei Waffen zu eliminieren. Im Gegensatz zu Bomberman ist Hedgewars ein rundenbasiertes Spiel, das entsprechend für die Spieler mit weniger Stress verbunden ist.

hedgewars

Hedgewars

Beide Spiele sind Teamspiele, so dass es einfach ist, ein Design zu wählen, das einmal zwei Menschen im Team gegen ein Computerteam kooperieren sieht, ein anderes Mal zwei gemischte Mensch/Computer-Teams miteinander konkurrieren sieht. Zudem ermöglich es die Anlage des Experiments geschlechtshomogene Teams zu bilden, so dass untersucht werden kann, ob männliche Teilnehmer anders empfinden als weibliche Teilnehmer.

Interessanter Weise zeigt sich, dass die Selbsteinschätzung der Emotionen, die Teilnehmer von sich berichteten (gemessen über “SAM – Self-Assessment Manikins” und “Positive and Negative Affect Scale – Pandas“) nicht von den gemessenen Emotionen abweichen, was ein Beleg für die Validität der Messungen darstellt.

Und die folgenden Ergebnisse berichten Kivikangas et al.:

  • Sowohl für Männer als auch für Frauen sind Konkurrenzsituationen nicht negativ belegt, vielmehr berichten beide mehr positive als negative Emotionen und für beide wurden auch positive Emotionen in Konkurrenzsituation gemessen.
  • Männliche Teilnehmer bewerteten Konkurrenz etwas positiver als weibliche Teilnehmer und positiver als Kooperation.
  • Für weibliche Teilnehmer ergab sich keinerlei Unterschied in der Bewertung von Konkurrenz oder Kooperation.

In der Zusammenfassung von Kivikangas et al.:

The results … do not support the view that females are more cooperative than males, even if they are less competitive, implying that – contrary how they are sometimes discussed – cooperation and competition are not polar opposites”.

Damit ist ein weiterer Mythos, auf dem sozialistische und feministische Ideologen ihre Traumwelten aufbauen, zerstört. Weder sind Kooperation und Konkurrenz Gegensätze noch sind Frauen kraft biologischer Determination kooperativer als Männer. Das weibliche Wesen, an dem die Welt im Rahmen des feministischen Singsangs genesen soll, hat – de facto – keine der höheren Qualitäten, die ihm regelmäßig angedichtet werden.

collaborationNun gibt es sicher diejenigen, die – wie immer bei experimentellen Untersuchungen – versuchen, die Ergebnisse insofern aus der Welt zu reden, als man sie nicht auf die reale Welt übertragen könne. Und obwohl eine solche Behauptung zumindest ein Argument dafür benötigt, warum menschliche Emotionen kontextabhängig sein sollten, wollen wir an dieser Stelle einmal den Spieß umdrehen und fragen, wie die nicht-Übertragbarkeits-Apostel die heftige Konkurrenz unter Frauen um (gutverdienende) Männer erklären, eine Konkurrenz, die an Biestigkeit zuweilen kaum zu überbieten ist und sich im deutschen Sprachraum im Begriff der “Stutenbissigkeit” niedergeschlagen hat?

Fazit: Schlechte Nachrichten für alle, die den globalen Sozialismus anstreben. Frauen sind als stilisierter Über-oder Damen-Mensch nicht brauchbar.

 

Kivikangas, J. Matias, Kätsyri, Jari, Järvelä, Simo & Ravaja, Niklas (2014). Gender Differences in Emotional Response to Cooperative and Competive Game Play. Plos One.

Fremdschämen: Einbildung ist auch eine (moralische) Bildung

Wir schämen fremd (Präsens, Plural, Indikativ); Ich schäme fremd (Präsens, Singluar, Indikativ); Du schämest fremd (Präsens, Singular, Konjunktiv I); Wir schämten fremd (Präteritum, Plural, Indikativ); Fremdschämend (Partizip I); Fremdzuschämen (Infinitiv); Schäme Dich fremd (Indikativ).

Haben Sie sich schon einmal fremd geschämt?

Seit 2009 ist das in korrektem Deutsch möglich und seit 2010 sogar mit einer entsprechenden Belobigung, war das Wort “Fremdschämen” doch Wort des Jahres 2010 in Österreich.

Fremdschämen besteht darin, dass man sich z.B. für etwas schämt, was ein anderer getan hat, der sich nicht notwendiger Weise selbst dafür schämt. Fremdschämen kann auch dann gegeben sein, wenn man sich schlicht für jemand anderen schämt. Der (sprachliche) Zweck des Fremdschämens besteht also offensichtlich darin, sich schämen zu können ohne sich eigentlich zu schämen, ohne die Verwantwortung für den Anlass des Schämes übernehmen zu müssen.

Fremdschaemen

Undeutsches Verhalten?

Schämen (de)light, wie man auch sagen könnte, denn das, was die Scham eigentlich ausmacht, nämlich die persönliche Involviertheit, die persönliche Betroffenheit vom dem, was die Scham verursacht, die eigene Verantwortung für das Beschämende, diese Verantwortung kann beim Fremdschämen abgegeben werden. Entsprechend wird das Fremdschämen zu einer Form der Surrogatexistenz, in der man seine Identität nicht mehr durch Grenzen für die eigene Handlung zieht, sondern dadurch, dass man Grenzen für die Handlungen anderer zieht, sich angeblich für das schämt, was andere getan haben, auch wenn man diese Anderen nur vom Hörensagen kennt und in den wenigsten Fällen auch nur ansatzweise negative Externalitäten durch den vermeintilch beschämenden Akt hat.

Im Gegenteil: Fremdschämen hat den Vorteil, dass man sich nicht peinlich berührt in ein Loch verkriechen will, ob einer beschämenden eigenen Aktion, nein, man kann sich durch fremdschämen moralisch erhöhen und gleichzeitig Handlungen Dritter als beschämend deklarieren, ob sie das nun sind, oder nicht.

Fremdschämen scheint entsprechend der neueste Versuch einer sich zur moralischen Elite zählen wollenden Bevökerungsschicht, ihre moralische Überlegenheit dadurch zu demonstrieren, dass sie andere erniedrigt, sich stellvertretend für diese anderen und angeblich schämt.

Angeblich deshalb, weil die Fremdschämer natürlich eines nicht tun: sich schämen. Wer sich schon einmal geschämt hat, der weiß, dass man froh ist, wenn die Umwelt die Ursache der eigenen Scham wieder vergessen hat oder doch zumindest keinen Anlass gibt, zu denken, sie wäre sich des Beschämenden noch bewusst. Wie ist also eine Scham zu werten, die in die Welt posaunt wird, die anderen aufgenötigt wird, ohne dass sie das wissen wollten, darum gebeten hätten?

Die Antwort ist offensichtlich: Fremdschämen hat nichts mit Scham, aber viel mit dem Versuch, sich selbst eine moralische Oberhoheit gegenüber allem, was einem gerade nicht passt, einzuräumen. Es ist abermals einer dieser jämmerlichen Versuche, sich ohne eigene Leistung und auf Kosten Dritter zu profilieren und sich eine moralisch überlegene Position zuzuweisen. Dies wird schnell deutlich, wenn man z.B. die Einträge durchstöbert, die sich bei #fremdschämen auf Twitter angesammelt haben:

Ein weiteres wird deutlich, wenn man diese beiden Beispiele betrachtet. Fremdschämen hat ein kollektives Fundament, denn wie sollte man sich für andere schämen, wenn man keine seltsame, transzendente und über eingebildete Variablen bestehende Verbindung herstellen würde? Man schämt sich fremd, weil man sich einer Gruppe zuordnet (z.B. der Gruppe der Schweizer) und nun denkt, das Verhalten aller, die zu dieser Gruppe gezählt werden (von wem auch immer), falle auf einen zurück.

Wie kommt man auf die Idee, man müsse sich für das Verhalten von anderen, unbekannten anderen, räumlich getrennten anderen, für die man nicht verantworlich ist, schämen? Man kann deren Verhalten kritisieren, man kann es bedauern, aber man kann sich nicht dafür schämen. Man muss schon eine stark übersteigerte soziale Identität ausgebildet haben, wenn man denkt, das Verhalten von Gruppenmitgliedern, die ein Merkmal aufweisen, das man selbst auch trägt, wirke auf einen selbst zurück. Das erinnert fast schon an den Hexenglauben des Mittelalters oder Erzählungen über den bösen Blick.

Fremdschämen, das ist der Schluss, zu dem wir kommen, spricht zwei soziale Störungen an, die durch das Fremdschämen behoben werden sollen:

  • Fremdschämen-ist-wie-körperliche-Schmerzen

    Wanna feel the difference?

    Einerseits soll die eigene Identität darüber geschaffen werden, dass man sich durch das Fremdschämen zu einer moralisch höheren Existenzform erklärt. Fremdschämen als Mittel sozialer Differenzierung, das die Unmöglichkeit, die eigene Identität positiv, durch eigene Leistung und vor allem mit eigener Verantwortung zu definieren, vertuschen soll.

  • Andererseits ist das Fremdschämen Ausdruck eines übersteigerten Zugehörigkeitsbewusstseins zu einem Kollektiv, das fast schon als Paranoia zu bezeichnen ist, was letztlich dazu führt, dass man aus Gründen der Differenzierung vorgibt, zwar unausweichlich zum entsprechenden Kollektiv zu gehören, aber sich dafür zu schämen, dass manche aus diesem Kollektiv sich verhalten, wie sie das tun.

Kurz: Wer sich fremdschämt, der hat ein Problem.

Und wie immer, wenn in der deutschen Sprache affektbeladene Worte auftauchen, werden sie genutzt, um alles, was einem nicht passt, zu diskreditieren.

Ein paar Beispiele:

Ein Journalist der Jungen Welt fremd schämt sich für ein Video der Thüringer Linksjugend.

Ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers findet ein Video, in dem Christiano Ronaldo Werbung für eine japanische Kosmetikfirma macht, zum Fremdschämen.

Ein Journalist des Westens findet den Iserlohner Stadtwald zum Fremdschämen.

Sabine Hockling findet auf ZEIT Online Tipps, die den Erfolg von Präsentationen sichern sollen und dabei z.B. auf eine Fahrradklingel setzen, vermutlich um die Zuhörer zu wecken, zum Fremdschämen.

Schließlich lädt die Berliner Zeitung ihre Leser unter der Überschrift, “Für Geld zum Affen gemacht” zum Fremdschämen ein, und treibt damit die Unlogik auf die Spitze, denn wenn Fremdschämen darin besteht, sich vermeintlich peinliche Situationen anderer anzusehen und sich darüber zu ereifern, dann ist Fremdschämen von Schadenfreude oder schlichter Missgunst kaum mehr zu unterscheiden. Einzig der Versuch, sich selbst und dadurch, dass man sich für andere angeblich schämt, als moralisch überlegen zu klassifizieren, bleibt als Unterschied, quasi der Versuch des kleinen Wichts, seine Fiesheit als etwas Besseres auszugeben. Das nennt man auch Heuchelei.

Stupid on Top: Warum gelangen Ungeeignete in Positionen?

In Medien finden sich Beiträge, bei denen man sich fragt, wie sie möglich waren: Was bringt manche Journalisten dazu, Unsinn, wie den, den Stefan Bach derzeit verbreitet, unkritisch und ungeprüft zu übernehmen?

media-feedBei Hypes wie dem Gender-Hype, bei dem Lügen und Falschaussagen an der Tagesordnung sind, die Basis des Hype darstellen, fragt man sich, wie kann es geschehen, dass Menschen auf diesen Unsinn, den man schon mit wenig Nachdenken als solchen entlarven kann, hereinfallen?

Wenn Funktionäre im Brusttom der Überzeugung schwadronieren, was “Wir” brauchen, fragt man sich, wieso “Wir minus Funktionär” nicht aufstehen, und diesen Funktionär für seine Anmaßung, uns eben einmal zu entmündigen und für uns zu sprechen, ohrfeigen?

Wenn Politiker ihren neuesten Spleen auf Kosten von Steuerzahlern verbreiten und ihn damit zu legitimieren suchen, dass Sie die Welt in düsteren Farben zeichnen, z.B. als eine Welt des Rassismus und der Diskriminierung, um dann ihren Spleen als General-Arznei zu verkaufen, an der die Welt gesunden wird, dann fragt man sich, wieso gehen ihnen viele auf den Leim, glauben den Unsinn, den Politiker verbreiten?

Und, schließlich: Warum gehen immer noch Menschen wählen, trotz einer Geschichte von Jahrzehnten, die zeigt, dass Sie als Stimmvieh missbraucht und nach der Wahl benutzt werden, um das Friends-and-Family-Programm der Politiker zu legitimieren, die sich munter selbst bedienen und auch ihre Freunde nicht vergessen, wenn es darum geht, Steuergelder zu verteilen?

All diese Fragen harren bislang einer Beantwortung.

Bislang.

Denn nun gibt es eine gut gemachte, fundierte und überzeugende wissenschaftliche Untersuchung, die zeigt, warum viele Politikern, Funktionären, Aktivisten und sonstigen Palaverern auf den Leim gehen.

Shakti Lamba und Vivek Nityananda von der Exeter University bzw. der Queen Mary University in London sind für diese Untersuchung verantwortlich, die das Rätsel, wie Dumme oder Ungeeignete es in Positionen schaffen können, ein für alle Mal löst.

Die beiden haben für ihre Untersuchung Studenten rekrutiert, 73 an der Zahl, die sich in Tutorien getroffen und in den meisten Fällen dort zum ersten Mal gesehen haben. Über sechs Wochen wurden die Studenten verfolgt und zu Beginn und zum Ende gebeten, ihre eigene und (unter vier Augen) die Leistung ihrer Komilitonen vorherzusagen. Am Ende des Tutoriums gab es zudem einen Leistungstest, den ein Tutor bewertet hat, ohne zu wissen, wessen Leistung er gerade bewertet.

Aus diesen wenigen Informationen haben die Autoren eine klassische Untersuchung zusammengestellt, in dem sie Selbsttäuschung als Differenz zwischen der für sich selbst vorhergesagten Leistungen und der tatsächlichen Leistung gemessen haben. Täuschung als Differenz der durchschnittlichen Vorhersage für einen Studenten durch seine Komilitonen und seiner tatsächliche Leistung. Schließlich haben die Autoren die Anfälligkeit für Täuschung als Differenz des Mittelwerts der Abweichung zwischen den von Studenten für ihre Komilitonen vorhergesagten Leistungen und deren tatsächlicher Leistung berechnet. Folglich haben die Autoren drei Maße bestimmt:

Selbsttäuschung, Täuschung und Anfälligkeit für Täuschung. Selbsttäuschung liegt vor, wenn jemand seine Leistung besser/schlechter einschätzt als sie tatsächlich ist. Täuschung liegt vor, wenn Studenten die Leistung eines Kommilitonen besser/schlechter einschätzen als sie tatsächlich ist. Anfälligkeit für Täuschung liegt vor, wenn ein Student die Leistung seiner Kommilitonen besser/schlechter einschätzt als sie tatsächlich ist.

Die Ergebnisse, die dieses einfache Forschungsdesign ermöglicht, sind bemerkenswert:

  • overconfidenceStudenten, die sich selbst besser einschätzten als sie sind, die – mit anderen Worten – eine ungerechtfertigte Aura der Kompetenz verbreiten, die in Selbstüberschätzung basiert, wurden von ihren Kommilitonen ebenfalls besser eingeschätzt als sie tatsächlich waren.
  • Studenten, die sich selbst als schlechter einschätzten als sie sind, wurden auch von ihren Kommilitonen schlechter eingeschätzt.
  • Auch nach sechs Wochen, in denen die Studenten miteinander Erfahrung machen konnten, änderte sich nichts daran, dass Studenten, die ihre Leistung überschätzt haben , auch von ihren Kommilitonen und in ihrer Leistung überschätzt wurden, während Studenten, die sich selbst unter Wert verkaufen, in der schlechten Einschätzung ihrer Person weiterhin Unterstützung durch ihre Kommilitonen erfahren haben.
  • Für Studenten, die sich besser eingeschätzt haben, als sie es tatsächlich sind, gab es keinerlei Korrelation zwischen der Einschätzung ihrer Leistung und ihrer tatsächlichen Leistung, das gleiche gilt für die Einschätzung ihrer Leistung durch Kommilitonen.
  • Schließlich konnten die Autoren zeigen, dass Studenten, die sich selbst überschätzen auch mit der Einschätzung anderer Studenten Schwierigkeiten haben.

Damit ist das Rätsel, wie prätentiöse, häufig inkompetente und vermutlich nicht sonderlich intelligente Personen in Positionen gelangen können, gelöst: Sie sind gut darin, andere zu täuschen und viele dieser anderen lassen sich von hoher, aber ungerechtfertigter Selbstsicherheit, die auf Selbstüberschätzung basiert, von der Fassade, hinter der sich schlicht nichts oder nur sehr wenig findet, täuschen. Je pompöser also z.B. Funktionäre oder Politiker oder Aktivisten auftreten, desto erfolgreicher sind sie darin, ihre Zuhörer, Adressaten oder Mitglieder zu täuschen. Je mehr Kompetenz sie mitbringen und je zurückhaltender sie sich ausdrücken, eben weil sie mehr Kompetenz haben, desto geringer sind die Chancen von Personen, überhaupt in Positionen, die durch Wahl besetzt werden, zu gelangen.

Das also ist des Pudels Kern.

Doch damit nicht genug:

“Our findings have implications for many types of social interactions but especially for those involving partner-choice (e.g. choosing mates, hiring people for jobs), suggesting that we may be rewarding overconfidence and penalizing underconfidence irrespective of an individual’s capability. Furthermore, if overconfident individuals are more likely to be risk-prone [11] then by promoting such individuals we may be creating institutions such as banks, trading floors and armies, that are also more vulnerable to risk. From our smallest interactions to the institutions we build, self-deception may play a profound role in shaping the world we inhabit”. (5)

Es ist demnach in allen Lebenslagen besser, diejenigen zu goutieren und denjenigen zu vertrauen, die sich nicht durch eine Selbstüberschätzung auszeichen, die nicht prätentiöse sind und vorgeben, sie könnten im “Wir” reden oder für andere entscheiden, wüssten, was für andere gut ist.

pretentiousnessUnd wie merkt man, ob man es mit jemandem zu tun hat, der sich selbst überschätzt und dessen Selbstsicherheit entsprechend auf Inkompetenz basiert, darauf, dass er nicht weiß, was er alles nicht weiß, der vielmehr meint, alles genau zu wissen? Nun, die Antwort auf diese Frage ist einfach: Indem man prüft, ob das, was er sagt, irgend einen Gehalt, irgend eine Verbindung zur Wirklichkeit hat, nachvollziehbar ist. Es reicht in der Regel schon, die Aussagen von wertenden Adjektiven zu befreien, um festzustellen, dass derjenige, der mit der vollen Einbildung seiner Kompetenz schwadroniert, nichts zu sagen hat.

Das Forschungsergebnis von Lamba und Nityananda bestätigt ein Forschungsergebnis zu Inkompetenz, das wir bereits auf ScienceFiels besprochen haben.

Lamba, Shakti & Nityananda, Vivek (2014). Self-Deceived Individuals Are Better at Deceiving Others. Plos One

Was in Gaza fehlt: Deutsche Konfliktberatung

Wir haben einen Konflikt – keinen Gaza-Konflikt im kleinen, auch keinen Beziehungs-Konflikt oder einen Arbeitskonflikt oder einen Interessenkonflikt, nein, wir haben einen Konflikt mit Konfliktberatung, einen intellektuellen Konflikt, ein Konflikt, in dem sich Gehirn auf der einen, und Geschreibe auf der anderen Seite gegenüberstehen, unversöhnlich, wie es scheint: Ein Fall für Konfliktberatung.

Reittherapie

©pferdegestützte Beratung

Konfliktberatung ist eines dieser Modefächer, das an Universitäten eine Vielzahl von Coaches hervorbringt, die dann in die Welt ziehen, um dieselbe nicht nur nach zu lösenden Konflikten abzugrasen, nein, um Konfliktteilnehmer zur Konfliktlösung zu beraten. Denn: In der heutigen Zeit braucht man einen Berater, um Konflikte lösen zu können. Würden die Israelis und Hamas das endlich erkennen und deutsche Universitätsabsolventen, z.B. aus Oldenburg endlich als Berater engagieren, der Gaza-Konflikt wäre längst gelöst, einvernehmlich und für beide Seiten zufriedenstellend.

Aber: Im Nahen Osten konfligiert man lieber, und entsprechend sind die Konfliktberater in heimischen Gefilden unterwegs, beraten sie hier so lange, bis Konfliktparteien aufgeben, Konfliktpartei zu sein. Und doch: Irgend etwas ist hier seltsam: Konflikte in Deutschland sind andere Konflikte als Konflikte in der Ukraine oder im Nahen Osten, so meint man.

Konflikt ist ein recht vielfältiger Begriff.

Konflikte entstehen aus der Interaktion von Menschen. Ohne menschliche Interaktion keine Konflikte. Das greift zu kurz, denn jeder kennt den Konflikt, den er mit sich selbst austrägt, z.B. wenn er vor der Wahl steht, noch ein Bier zu trinken oder kein Bier mehr zu trinken. Ausgezeichnet ist dieser intrapersonale Konflikt dadurch, dass man mit sich nicht im Reinen ist und zwei Reize (trinken, nicht trinken) darum konkurrieren, welcher dominant ist. Bei interpersonalen Konflikten ist das auch so: Hier konkurrieren mindestens zwei Menschen oder mindestens zwei Gruppen von Menschen darum, wer dominant ist, wer seine Interessen durchsetzen kann und wer seine Interessen nicht durchsetzen kann, wer dem anderen seine Werthaltung aufzwingen kann, und wer dem anderen seine Werthaltung nicht aufzwingen kann.

Die Versuche, schulische Curricula unter dem Vorwand von Akzeptanz und Toleranz mit linker Ideologie anzureichern, sind Beispiel solcher Wertkonflikte, bei denen eine bestimmte Gruppe einer anderen Gruppe ihre Interessen und ihre Werthaltung aufzwingen will.

Coser soziale KonflikteZiel des Aufzwingens der eigenen Interessen ist es, sich Zugang zu Ressourcen zu verschaffen oder sich Einfluss zu verschaffen, der genutzt werden kann, um Zugang zu Ressourcen zu gewinnen. Und da Ressourcen begrenzt sind, gibt es Konflikt, denn Versuche, anderen etwas aufzuzwängen, sei es ein Windrad auf dem Bergrücken oder eine Beratung über gesundes Leben, entsprechen einem Nullsummenspiel: Das, was derjenige, der seine Interessen durchsetzt, gewinnt, verliert derjenige, gegen den diese Interessen durchgesetzt wurden. Lewis A. Coser hat dies in seiner Konflikttheorie zusammengefasst. Er postuliert, dass Gesellschaften nicht auf Konsensus, sondern auf Zwang aufgebaut sind, Zwang, der mit sozialer Ungleichheit einhergeht und eine Gruppe, z.B. rot-grüne Landespolitiker in die Lage versetzt, einer anderen Gruppe, z.B. Eltern, Schülern und Lehrern, ihre Interessen aufzuzwingen.

Nun verhalten sich nicht alle passiv, wenn ihnen die Interessen anderer aufgezwungen werden sollen. Manche wehren sich. Und weil sich manche wehren, gibt es z.B. im Nahen Osten kriegerische Auseinandersetzungen und in Deutschland nicht, denn in Deutschland hat sich die herrschende Klasse etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um Ressourcenkonflikte nicht gewaltsam austragen zu müssen.

Einerseits wird Individuen das Recht abgesprochen, sich zur Not auch mit Gewalt gegen Übergriffe und Versuche zu wehren, sie zu Handlungen zu zwingen, die sie nicht ausführen wollen. Andererseits wird Gewalt und Aggression in einer beispiellosen konzertierten Aktion verteufelt und z.B. als Ergebnis von zu viel Testosteron oder anderer Fehlentwicklungen dargestellt. Gewalt und Aggression werden stigmatisiert, sie werden diskriminiert, denn man darf sich ihrer nicht mehr als legitimes Mittel oder auch letztes Mittel bedienen, um z.B. den Interessenübergriffen durch Dritte eine Grenze zu ziehen.

Als besonders wichtig im Bemühen, Gewalt und Aggression zu ächten, haben sich Berater, Coaches, Konfliktmanager erwiesen, Mitglieder aus der Mittelschicht, extra an Universitäten und auf Kosten der Arbeiterschicht ausgebildet, um Konflikte zu schlichten, um “Zoff” z.B. am Arbeitsplatz zu verhindern .

Conflict-ManagementDie Prämissen, auf denen Konfliktmanagement basiert, lauten: Konflikte sind außergewöhnliche Ereignisse, die nur selten vorkommen. Sie sind Ereignisse, die es zu vermeiden gilt und vor allem: Sie sind Ereignisse, bei denen Außenstehende eingreifen müssen, um den Konflikt zu beseitigen oder zu bewältigen. Und natürlich gibt es Strategien, um Konflikte zu lösen, was notwendig darauf hinweist, dass Konflikte generell lösbar sind, eine eher seltsame Sichtweise, wenn man bedenkt, dass Konflikte entstehen, weil Ressourcen ungleich verteilt sind. D.h. die Lösung eines Konflikts, z.B. zwischen der Arbeiterschicht, die das Studium der Kinder aus der Mittelschicht finanziert und der Mittelschicht, bestünde darin, den Besuch von Universitäten über Studiengebühren und nicht über Steuermittel zu finanzieren. Auf diese Weise bezahlen diejenigen für Universitäten, die/denen sie auch nutzen, nicht diejenigen, die/denen sie nicht nutzen. Aber: Konfikt! Allein das Wort “Studiengebühr” trägt schon den Konflikt in sich. Ulkiger Weise einen Aufrichtigkeitskonflikt: Studiengebühren schaden den sozial Schwachen. Die können dann nicht mehr studieren, so wird behauptet, ganz so, als täten sie es derzeit. Angehörige der Mittelschicht behaupten das, sie, die derzeit umsonst studieren und natürlich ein Interesse haben, das auch weiterhin zu tun. Und um dieses Interesse durchzusetzen, ist man sich auch nicht zu schade, diejenigen, die den Schaden haben, zu instrumentalisieren und zu behaupten, man nutznieße zu ihrem Besten.

Wie aber Konflikte lösen, wenn ihnen Interessen und Herrschaftsstrukturen zu Grunde liegen?

Gar nicht. Im Deutschland des Jahres 2014 werden Konflikte nicht gelöst, sondern bearbeitet, weggeschwätzt, es wird für Akzeptanz bei denen gesorgt, denen Interessen aufgezwungen werden sollen und, wenn sich die Konfliktparteien nicht bearbeiten und beschwatzen lassen, dann werden sie entfernt, dann gehören sie “nicht ins Boot”, wie man einem fast schon lustigen Beitrag über Arbeitspsychologie in der Welt entnehmen kann. Drei Psychologen-Konflikt-Coach-Coaches haben an diesem Beitrag mitgewirkt, den man wie folgt zusammenfassen kann:

Wir sitzen alle in einem Boot.

Wenn es Konflikte gibt, dann müssen wir reden.

Es ist das Beste, Lösungen für Probleme dann zu finden, wenn es die Probleme gibt, nicht etwa umgekehrt.

Und wer nicht spurt, der muss sich ein anderes Boot suchen.

Natürlich ist das zu krude und nicht die Weise, in der Konfliktmanagement, also der Versuch, Menschen nicht nur um den Verstand, sondern auch um ihre eigenen Interessen zu reden, funktioniert. Er funktioniert vielmehr so:

“Konflikte lassen sich am besten beseitigen, wenn alle Beteiligten in einer gemeinsamen Runde zur Lösung beitragen. Und wenn der Chef selbst Teil des Teams und des Problems ist? ‘Dann gehört er mit ins Boot’, sagt Jansen.”

“Alleingänge eines Teammitglieds sind auch keine Lösung, ebenso wenig wie Vier-Augen-Gespräche. ‘Wenn jemand eine fertige Lösung aus dem Hut zieht, schafft das neuen Konfliktstoff, weil es die Interessen der Teammitglieder verletzt”, sagt der Coach Axel Janßen aus Hamburg.

Ob der Leerformel, die uns Janßen hier als “fertige Lösung” präsentiert, haben wir den oben angesprochenen intellektuellen Konflikt, den Konflikt zwischen Gehirn und Geschwätz. Aber: wir lernen. Wenn es Konflikte gibt, dann muss man ein Boot mieten und alle hineinsetzen, auch den Chef. Aber: beim Bootfahren darf man nicht Titanic spielen:

“Die Ursachen für Konflikte liegen meist nicht offen zutage. ‘Das ist wie mit einem Eisberg: Wir sehen nur die Spitze, die aus dem Wasser ragt, doch die eigentlichen Auslöser lauern unter der Oberfläche'”.

Konfliktmanagement

Konfliktmanagement

Also stellen Sie sich vor, sie sind Inhaber von Lehrstuhl A und haben mit dem Inhaber von Lehrstuhl B eine gemeinsame Sekretärin. Damit gehören Sie zu den Lehrstuhlinhabern, die in Deutschland derzeit als privilegiert anzusehen sind, denn sie haben immerhin Zugriff auf 50% Sekretärin. Theoretisch heißt das. Praktisch belegt Lehrstuhlinhaber B die Sekretärin mit mehr Aufgaben als seinem 50% Anteil entsprechen. Konsequenter Weise kommt es zum Konflikt um die Nutzung der gemeinsamen Ressource. Und weil moderne Gesellschaften aus Idioten bestehen, die nicht mehr sehen, was vor ihren Augen ist, deshalb wissen sie als Lehrstuhlinhaber A nicht, was nun die Ursache des Konfliktes mit Lehrstuhlinhaber B ist. Zwei Drittel des Konflikt-Eisberges, so wissen sie als einschlägiger Leser von Konfliktmanagementbüchern, liegen unter der Oberfläche. Grund genug, einen Konfliktberater, einen Coach, der sie zur Konfliktbeseitigung befähigen will, zu engagieren und Lehrstuhlinhaber A und Lehrstuhlinhaber B und den Coach in ein Boot zu setzen. Die Sekretärin kocht hoffentlich Kaffee, damit Sie auf der Bootsfahrt auch etwas zu trinken haben und los geht’s. Jetzt wird der Konflikt gelöst, und zwar so, wie der Coach das will. Und wer sich dem, was der Coach als Lösung vorschlägt, nicht fügt, der fliegt raus, aus dem Boot:

“Stört ein Kollege Lösungsversuche oder verweigert der Vorgesetzte seine Unterstützung … und wenn … alles nicht funktioniert, ‘würde ich mir einen neuen Arbeitgeber suchen'”

Die ultimative Konfliktlösung: Schwanz einziehen und Feld räumen, ganz so, wie dies im aggressionsfreien und gewaltverängstigten Deutschland im Jahre 2014 die Regel ist. Vielleicht gibt es ja doch einen Grund dafür, dass deutsche Konfliktmanager im Nahen Osten nicht gefragt sind.

Der Sinn des Lebens

Heute machen wir eine Umfrage:

Geben Sie bitte auf einer Skala von 1 “stimme gar nicht zu” bis 7 “stimme voll zu”, an, wie sehr sie den folgenden Aussagen zustimmen:

Manche Menschen leben ziellos vor sich hin, ich bin einer davon.

Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht an die Zukunft.

Manchmal denke ich, dass ich alles getan habe, was es im Leben zu tun gibt.

Addieren Sie nun die Punkte der Antworten,die sie gegeben haben. Wer auf weniger als 7 Punkte kommt, lebt länger!

Denn: Wer in seinem Leben einen Sinn hat, der hat eine höherer Lebenserwartung als derjenige, der in seinem Leben keinen Sinn hat. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Patrick L. Hill und Nicholas A. Turiano (2014) in Psychological Science veröffentlicht haben.

sinndeslebensDie Untersuchung basiert, wie dies für Untersuchungen aus den USA regelmäßig der Fall ist, auf einem fetten Datensatz, in dem sich 7.108 Befragte im Alter von 20 bis 75 Jahren befinden, die 1994 erstmals befragt wurden und die für die nächsten 14 Jahre von Sozialforschern verfolgt wurden. In dieser Zeit sind 569 der Befragten verstorben, so dass es möglich ist, so genannte Hazard-Rates dafür zu berechnen, dass jemand im Beobachtungszeitraum stirbt und dabei gleich zu untersuchen, welche Variablen die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen.

Neben dem Lebenssinn, den wir Eingangs in der Weise dargestellt haben, in der er erhoben wurde, haben Hill und Turiano noch die Frage sozialer Einbindung, also Menge und Intensität sozialer Beziehungen untersucht, sie haben untersucht, wie sich affektive Befindlichkeiten, positive wie negative, auf die Sterbewahrscheinlichkeit auswirken und noch eine Reihe sozialdemographischer Variablen berücksichtigt.

Und hier die Ergebnisse:

Alter hat einen Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit, anders formuliert: Je älter man ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Dieses Ergebnis ist beruhigend, denn hätte es sich nicht eingestellt, man hätte an der eigenen Berechnung oder der Art und Weise, in der die Daten abgelegt sind, zweifeln müssen – oder – noch eine Möglichkeit: sich seine Befragten genauer ansehen müssen.

Männer haben ein höheres Sterberisiko als Frauen, und zwar ein deutlich höheres Sterberisiko, was eine andere Form der Darstellung der höheren Lebenserwartung von Frauen ist, eine dramatisch andere und abermals eine, die die Gleichstellungsfanatiker nicht interessieren wird.

Je höher das erreichte Bildungsniveau, desto geringer die Sterbewahrscheinlichkeit. Auch dieses Ergebnis wird wieder und wieder repliziert. Es fasst die Tatsache in Zahlen, dass ein Maurer, der sich täglich körperlich beansprucht, seinen Körper mehr abnutzt als eine Mausschubserin, die halbtags am Schreibtisch sitzt.

Schließlich erklärt der Lebenssinn. Wer einen Sinn in seinem Leben hat, ein Ziel, das er erreichen möchte, einen Daseinszweck, der hat eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit als jemand, der keinen Sinn für sein Leben benennen kann.

meaning_of_lifeKeinerlei Effekt auf die Sterbewahrscheinlichkeit hat die soziale Einbindung, was überraschend ist, angesichts der behaupteten Wohltaten, die von sozialen Kontakten und sozialer Einbindung ausgehen sollen. Wenngleich Zweifler wie wir sowieso eher angenommen hätten, dass die Anzahl der sozialen Kontakte und die Intensität der sozialen Kontakte, die Sterbewahrscheinlichkeit eher erhöht als senkt, weil man mehr Gelegenheit hat, sich über seine Nächsten zu ärgern und somit mehr Gelegenheit, einen Herzinfarkt zu erleiden. Aber: wir liegen zumindest in der Operationalisierung, die Hill und Turiano gewählt haben, falsch. Gemessen wird von den Autoren soziale Eindung als Zustimmung zu: “Ich habe nicht viele Beziehungen zu anderen erlebt, die von menschlicher Wärme und Vertrauen geprägt waren”. “Die Leute würden mich als eine offene Person beschreiben, die bereit ist, Zeit mit anderen zu teilen.” “Enge Beziehungen zu unterhalten, hat sich für mich als schwierig erwiesen.”

Schließlich tragen auch positive oder negative affektive Befindlichkeiten nichts zur Erklärung des Sterberisikos bei. Ob jemand von sich sagt, es sei in den letzten 30 Tagen vor dem Befragungstermin überwiegend freudig, in guter Stimmung, glücklich, ruhig und zufrieden oder voller Leben gewesen, hat ebenso wenig einen Effekt wie überwiegende Nervosität, Traurigkeit oder Unruhe.

Kurz: Männer, die einen Sinn in ihrem Leben haben, können ihre Lebenserwartung steigern. Sie erreichen damit immer noch nicht die Lebenserwartung von Frauen, aber der Abstand kann zumindest zu Frauen verkürzt werden, die keinen Sinn im Leben haben.

Das Problem, das sich nun stellt: Wo bekommt man einen Sinn im Leben her, um länger zu überleben?

Ein häufig gewähltes Mittel: Hass auf andere als Antriebskraft, hat insofern vermutlich negative Auswirkungen als damit die erhöhte Abnutzung von Blutgefäsen und der erhöhte Ausstoß von Adrenalin einhergeht, was wiederum die Gefahr vorzeitigen Ablebens mit sich bringt.

Konsum, als weiteres Mittel, scheint ebenfalls nicht geeignet, denn, mit jeder Konsumeinheit sinkt der Wert jeder neuen Konsumeinheit, was vorhersehbar zu einem hektischen Konsum führen wird, der den Zweck, langes Leben durch Lebenssinn unterminiert.

Manche wählen die Fortpflanzung in ihrer Verzweiflung, einen Lebenssinn zu finden. Auch dieses Mittel dürfte sich nach einiger Zeit abnutzen, da spätestens mit der Übergabe der Kinder an das institutionalisierte Erziehungswesen, die Sinnzuschreibung mit Dritten geteilt werden muss, was den Wert des Sinnstifters “Kind” massiv reduziert.

Letztlich bleibt nur der institutionalisierte Dienst am Nächsten, also die Sinnstiftung dadurch, dass man für andere nützlich ist:

  • LiveOrganDonationDonor: [hears a ring at the door] Don’t worry dear. I’ll get it. [opens door] Yes?
  • Max: [the first doctor] Hello, can we have your liver?
  • Donor: What?
  • Max: Your liver. It’s a large glandular organ in your abdomen.
  • Donor:
  • Max: You know, it’s reddish-brown, sort of, um…
  • Donor: Yeah, yeah, I know what it is, but, um… I’m using it.
  • Howard: [the second doctor] *sigh* Come on sir, don’t mug us about. [pulls card out of donor's shirt]
  • Max: What’s this, then?
  • Donor: A liver donor’s card…
  • Max: Need we say more?
  • Donor: Now listen, I can’t give it to you now! It says ‘in the event of death’!
  • Max: [pushes donor on the table] Nobody’s ever taken out their liver for US to survive.
  • Howard: Don’t worry, this is only gonna take a minute. (drives knife into donor’s stomach)
  • Donor: GAAAHHHHH! AAAAAHHHHHH! HAWHAWHAWHAW! GAAAAHHHHHH!

aus: Monty Pythons the Meaning of Life, 1983

Hill, Patrick L. & Turiano, Nicholas A. (2014). Purpose of Life as a Predictor of Mortality Across Adulthood. Psychological Science 25(7): 1482-1486.

Rassismus-Voyeuristen und Rassismus-Blockwarte

Affentheater bei der Fussball-WM in Brasilien, do-gooders on the loose, wie man in Britannien sagt.

NO FIFA 2014Zunächst ein Geständnis: Keiner der Redakteure von ScienceFiles hat bislang auch nur eine Minute von der Fussball-Weltmeisterschaft gesehen und das obwohl die meisten von uns Fussball-Fans sind oder besser: waren. Denn: die politische Korrektheit hat den Fussball übernommen. FIFA und UEFA sind offensichtlich der Ansicht, sie könnten sich durch politisch korrektes Verhalten vom Verdacht der Korruption und Bestechung freikaufen, und entsprechend kann man kein Fussballspiel mehr ansehen, ohne gemahnt zu werden, dass Rassismus im Sport nichts zu suchen hat. Nicht nur das: Seit die Mittelschicht den Fussball entdeckt hat, ist er zur körperlosen Sportart verkommen, bei der nicht mehr getackled werden darf, denn wer seinen Gegenspieler berührt, wird geahndet. Herausgekommen ist ein steriler Sport, der kaum mehr Unterhaltungswert hat. Folglich sind wir zum Rugby abgewandert und Scarlet-Supporters geworden…

Nun zum Affentheater.

Manche Leser werden sich an das Konzept der Salience erinnern, das wir auf ScienceFiles schon einmal besprochen haben. Es wurde u.a. von Paul Slovic (1992) in die Sozialpsychologie eingeführt, und seine Erforschung hat eine Reihe interessanter Ergebnisse erbracht.

Salience beschreibt die Tatsache, dass Akteure dazu tendieren, Ereignisse, die prominent und herausgehoben sind, höher zu bewerten und länger zu erinnern als alltägliche Ereignisse; Die Folgen von Contergan sind entsprechend bekannter als die (quantitativ erheblicheren) Nebenwirkungen von Salizylsäure (Aspirin) (Ferner, 1992, S.126)

Salience verzerrt  die Wahrnehmung und führt dazu, dass bestimmte Dinge, z.B. Risiken, die sich mit bestimmten Verhaltensweisen verbinden, abweichend von deren tatsächlichem Risiko bewertet werden. Slovic Fischhoff und Lichtenstein (1981: 20) haben untersucht, warum bestimmte Dinge z.B. als prominenter oder als wichtiger oder als verbreiteter wahrgenommen werden als sie es tatsächlich sind. Eine der wichtigsten Variablen, die sie dabei entdeckt haben: einseitige Berichterstattung in den Medien.

Ein weiteres Konzept, das mit Salience eng verwoben ist, wird von uns in der Regel als Helfersyndrom bezeichnet. Man kann es konzeptionell wie folgt fassen: Helfer, die sich z.B. um Gruppen delinquenter Jugendlicher kümmern, machen sich selbst zum integralen Bestandteil dieser Jugendgruppen und sorgen dafür, dass die entsprechenden Jugendlichen einen Anreiz haben, in ihrer Gruppe zu verbleiben. Ohne den entsprechenden Anreiz hätten sich die entsprechenden Jugendgruppen vermutlich längst aufgelöst.

Schließlich benötigen wir noch das Phänomen der negativen Stereotypisierung, die Stereotypisierung dadurch hervorbringt, dass sie regelmäßig vor den Folgen von Stereotypisierung warnt, was voraussetzt, dass mit Stereotypen herumhantiert werden muss: Wer gegen Rassismus agitieren will, muss notwendig und ständig Rassismus beschwören.

SwastikasUnd damit sind wir endgültig beim Affentheater.

Zwei deutsche Fans, so berichtet Spiegel Online , also zwei (2), seien in Brasilien und im Spiel gegen Ghana dadurch aufgefallen, dass sie sich die Gesichter schwarz angemalt hätten. Davon berichtet auch die Daily Mail, aber offensichtlich hat die Daily Mail einen anderen Bilderlieferanten, denn die beiden deutschen Fans von Spiegel Online und Daily Mail stimmen nicht miteinander überein.

Einigkeit besteht darüber, dass derjenige, der im Spiel zwischen Deutschland und Ghana für eine Spielunterbrechung gesorgt hat, seinen Oberkörper mit Zeichen bemalt hat, die man einerseits als Telefonnummer und email-Adresse interpretieren kann, anderseits als Zahlen und Buchstaben, die rund um zwei SS-Runen angeordnet sind.

Wir reden also von diesen drei Fans, und es sind diese drei Fans, die bei FARE, einem Netzwerk, dessen Mitglieder gegen Diskriminierung und für Inklusion streiten, für Aufregung gesorgt haben. Die beiden Deutschen, die ihre Gesichter angemalt haben, erinnern die FAREler an Blackfacing, von dem man wiederum bei Spiegel Online , folgendes zu wissen meint:

“Bei dieser Schauspielpraxis aus dem 19. Jahrhundert schminkten sich in den Südstaaten der USA weiße Darsteller das Gesicht schwarz, um sich in stereotypen Darstellungen über Schwarze lustig zu machen.”

Wie einfach die Welt für manche doch ist, vor allem, wenn sie gegen Rassismus zu Feld ziehen und dabei ihren eigenen Rassismus so offen zur Schau stellen. Natürlich muss es für Spiegel-Online der Süden der USA sein, in dem Blackfacing betrieben wurde, denn der Süden der USA, das waren die Staaten, in denen auch Sklaven gehalten wurden, von weißen Rassisten: Weiße rassistische Südstaaten eben. Nur mit der Realität hat das ganze nichts zu tun, denn Blackfacing ist nicht per se eine Methode komischer Ku-Klux-Klan-Mitglieder, um sich über Schwarze lustig zu machen. Nein, Blackfacing ist etwas, was man sich bei Spiegel Online und bei sonstigen einfach gestrickten Anti-Rassisten nicht vorstellen kann, Blackfacing ist ein Mittel weißer Komödianten, das eingesetzt wurde, um sich über die weiße Mehrheitsgesellschaft und ihre Mitglieder lustig zu machen, also z.B. über die jenigen, die damals mit Redakteuren von Spiegel-Online vergleichbar waren.

Behind the cork maskWilliam J. Mahar, der mit Sicherheit deutlich mehr über Blackfacing weiß, als Spiegel-Redakteure und alle, die sich heute darüber aufregen, zusammengenommen, schreibt in seinem Buch “Beyond The Burned Cork”, das das Phänomen des Blackfacing zum Gegenstand hat:

“Even though racism was its underlying reason for exploiting the low status of African Americans as a comic device, blackface comedy stressed the use of caricatures and stereotypes because they provided the best vehicles for criticizing the differences between what society promised and what it delivered. The sketches overemphasized the importance of perceived and real racial differences to ridicule the contradictions lower- or middle-class Americans found in their daily lives …” (186).

Soweit zum Blackfacing.

Zurück zu den drei Fans, die FARE Aktivisten aufgefallen sind und von den Aktivisten genutzt werden, um bei der FIFA zu protestieren. (Den kolumbianischen Fan, der mit einer Mönchkutte bekleidet gesehen wurde, auf der angeblich Hakenkreuz-Schmierereien zu sehen waren, lassen wir einmal außen vor. Das Hakenkreuz, die Swastika ist übrigens in vielen Kulturen ein religiöses Symbol…).

Wem wären die drei aufgefallen, wenn es nicht FARE-Aktivisten gäbe?

Welchen Niederschlag in der internationalen Presse hätten die drei Aktivisten gefunden, gäbe es nicht geradezu eine Sucht auf Fans, die ihrer Aufmachung nach den Verdacht begründen könnten, hier handele es sich um Rassisten?

Und selbst wenn es sich bei den Dreien um Rassisten handelt: Welche Bühne für ihren Rassismus hätte sich ihnen ohne die vielen Rassismus-Voyeure, die sich selbst als Antirassisten bezeichnen, geboten, die die Fussballweltmeisterschaft nur aus einem Grund anzusehen scheinen: In der Hoffnung einen Fan zu sehen, den man dann als Rassisten brandmarken und international durch die Presse treiben kann?

Drei Figuren sind heute in der Lage, die internationale Presse dazu zu veranlassen, die Schlechtigkeit der Welt zu besingen und den Rassismus-Notstand auszurufen. Drei Figuren sorgen dafür, dass eine Horde von Rassimus-Hysterikern, die sich als Blockwarte am Eingang ins antirassistische Paradies zu verstehen scheint, auffährt und mit lautem Geschrei durch die Gegend läuft.

Man hat nicht nur irgendwie das Gefühl, hier wedelt der Schwanz mit dem Hund, hier wedelt der Schwanz mit dem Hund: Hier wird eine Begebenheit, die vollkommen belangslos ist, weil die zwei Figuren mit schwarzem Gesicht nur denen aufgefallen wären, die in ihrer unmittelbaren Nähe sind, wenn sie nicht von Rassismus-Voyeuren prominent gemacht worden wären, zum moralischen Monstrum aufgebläht. Die Anti-Rassisten von FARE und ihre Helfer bei internationalen Medien, die mehr am Publikum als am Fussball interessiert sind, machen also Rassismus erst prominent. Sie sorgen für Salience, dafür, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Welt ist voller Rassisten.

ScarletsUnd das muss die Welt ja auch sein, schließlich müssen Gelder losgeeist werden, um den Kampf gegen Rassismus zu finanzieren, und Zeitungen, so scheinen manche zu denken, verkauften sich auch besser, wenn man darin politisch korrekt den furchtbaren Rassismus der Proleten vor Ort, die sich Fan nennen, zur Schau stellt. Wir finden das eine so widerlich wie das andere, und während man den Fans, so sie denn nicht nur dumm, sondern auch rassistisch sind, nur ankreiden kann, dass sie dumm und rassistisch sind, muss man denen, die versuchen mit ihnen Geschäfte zu machen, einen sekundären Rassismus, gepaart mit Voyeurismus und Heuchelei zum Vorwurf machen. Schließlich reden sie eine Kleinigkeit zum Problem hoch, um es dann dazu zu benutzen, sich zuerst als moralisch überlegen auszuweisen, wo sie doch nichts anderes sind als kleine Spanner, und dann zu beklagen, dass nichts gegen den Rassismus getan wird – was auch immer, man weiß nicht so richtig, was ihnen vorschwebt, aber vermutlich wären sie der Idee, vermeintliche Rassisten im Namen der guten Welt standrechtlich zu erschießen, nicht abgeneigt.

Es sind diese Widerlichkeiten, die sich in den Fussball eingeschlichen haben, seit die Mittelschicht den ehemaligen Proletensport entdeckt hat, die uns den Spaß am Fussball vergällt haben. Sie werden durch die FIFA-Heucheleien und politischen Korrektheiten rund um das Spielfeld verstärkt und durch den Voyeuerismus derjenigen, die sich für Kämpfer gegen den Rassismus halten und der Medienschaffenden, die mehr Interesse daran haben, die Kamera ins Publikum zu richten und daran, die Verwandtschaftsverhältnisse der Spieler zu verbreiten, als daran, von einem Spiel zu berichten verstärkt.

Man muss vor diesem Hintergrund Mitleid mit Fussballspielern haben. Sie sind die modernen Gladiatoren, die von vielen, die ihnen zusehen, für ganz andere Zwecke benutzt werden. Sie sind nur der Anlass der genutzt wird, um ganz andere Dinge als das Spiel der 22 Mannen zu verbreiten, andere Dinge, die bei politischer Korrektheit beginnen und bei öffentlicher Entrüstung über einen vermeintlichen Biss, der in Lynchjustiz mündet, die selbst die bislang berichteten Widerlichkeiten noch toppt, nicht endet – aber natürlich ist es etwas anderes, wenn Gutmenschen öffentlich hinrichten, intentional zumindest.

Deshalb haben wir keinerlei Interesse an der Fussballweltmeisterschaft.

P.S. Ein Season Ticket für die Scarlets (RABO-Direct) kostet £150.

P.P.S. Vielen Dank an den Leser von ScienceFiles, der uns auf die Berichterstattung in Spiegel Online hingewiesen hat.

Ferner, R. E. (1992). Hazards, Risks and Reality. British Journal of Clinical Pharmacology 33: 155-128.

Slovic, Paul (1992). Perception of Risk: Reflections on the Psychometric Paradigm. In: Krimsky, Sheldon & Golding, Dominic (eds.). Social Theories of Risk. Westport: Praeger, pp.117-152.

Slovic, Paul, Fischhoff, Baruch & Lichtenstein, Sarah (1980). Facts and Fears: Understanding Perceived Risk. In: Schwing, Richard C. & Albers, Walter A. (eds.). Societal Risk Assessment: How Safe is Safe Enough? New York: Plenum Press, pp.181-211.

 

 

Macht Ungerechtigkeit krank? Von einer Persiflage auf Wissenschaft

Gleich vorweg: Gerechtigkeit wird in der Regel als Equität aufgefasst, d.h. ein subjektives Gerechtigkeitsempfinden ergibt sich als Ergebnis eines Vergleichs der Bewertung des Verhältnisses eigener Anstrengung im Verhältnis zu dem damit erzielten Nutzen mit dem Verhältnis von Anstrengungen und Nutzen relevanter Vergleichspersonen.

equityDiese Konzeptionalisierung macht sehr deutlich, dass Gerechtigkeit kein absolutes, sondern ein relationales Maß ist. Man kann dies angesichts der Legionen unsinniger Publikationen, die Begriffe und Konzepte wild durcheinander werfen und von Chancengerechtigkeit bis Ergebnisgleichheit willkürlich nominale Verbindungen herstellen, nicht oft genug betonen.

Demgemäß lösen sich unsinnige Konzepte wie “soziale Gerechtigkeit” von selbst auf, denn es kann keine Gerechtigkeit als absolute Größe geben, denn dummerweise ist das Empfinden von Menschen bislang nicht durch staatliche Reglementierung steuerbar. Gerechtigkeit ist ein zutiefst individuelles Konzept, das sich nur auf Individuen richten kann und daher keine soziale Ausprägung annehmen kann. Wird Gerechtigkeit sozialisiert, sollen Gruppen z.B. unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit bevorzugt werden, dann geht damit unweigerlich ein Verstoß gegen das Gerechtigkeitsempfinden der Mitglieder der Gruppen, die entsprechend benachteiligt werden, einher. So einfach ist es, Programme zur Förderung von Gruppen wie Frauen als Programme institutionalisierter Ungerechtigkeit zu identifizieren, deren Ziel nicht in Gerechtigkeit besteht, sondern in Bevorzugung und das hat mit Gerechtigkeit nun gar nichts zu tun, aber mit Ungerechtigkeit.

Dies gesagt, gibt es eine auf den ersten Blick interessante Untersuchung zu berichten, die Reinhard Schunck, Carsten Sauer und Peter Valet (2013) erstellt haben. Die Autoren untersuchen den Zusammenhang zwischen empfundener Gerechtigkeit und subjektiver Einschätzung der eigenen Gesundheit. Die Legitimation für die Untersuchung dieses Zusammenhangs entnehmen sie aus dem “Konzept der sozialen Gratifikationskrise”, das unter pompösem Begriffsaufbau die schlichte Erwartung formuliert, dass Personen, die eine Ungerechtigkeit zwischen Aufwand und Ertrag z.B. beim Einkommen empfinden, aus dieser Dissonanz Stress entwickeln und nachfolgend eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, krank zu werden.

Ob eine empfundene Ungerechtigkeit des Einkommens mit einer schlechteren Einstufung der eigenen Gesundheit einhergeht, ist eine empirische Frage, eine Frage, die die Autoren auf der Grundlage der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zu beantworten suchen. Und hier beginnen, wie immer, wenn mit dem SOEP gerechnet wird, die Probleme:

  • SOEP 662Die im SOEP enthaltene Frage nach der empfundenen Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, ist keine Frage, die einen Vergleich beinhaltet, vielmehr wird schlicht gefragt: “Ist das Einkommen, das Sie in Ihrer jetzigen Stelle verdienen, aus ihrer Sicht gerecht?” Man muss also hoffen, dass Befragte bei Ihrer Antwort den Vergleich zwischen Aufwand und Ertrag und mit Vergleichspersonen anstellen, der im Konzept gefordert ist.
  • Die Frage nach dem Gesundheitszustand lautet: “Wie würden Sie ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben? Sehr gut, gut, zufriedenstellend, weniger gut, schlecht.” Das ist eine typische Form von Manipulation in einer Befragung, die darauf zielt, ein paar Befragte rechts der Mitte, also bei der schlechten Einschätzung der eigenen Gesundheit zu haben. Korrekt wären ab zufriedenstellend die Antwortalternativen schlecht und sehr schlecht.
  • Irgendwie hat sich die Kenntnis, dass das SOEP ein Paneldatensatz ist, dass es also theoretisch pro Befragtem zu mehr als einem Zeitpunkt Antworten gibt, bei den meisten Autoren, die damit rechnen, gesetzt. Die Art und Weise, in der die Paneldaten genutzt werden, ist jedoch, trotz pompöser Begriffe wie: Hybrid-Modell oder “random effect Regressionsmodell” eher rustikal und reduziert sich darauf, die mehrfachen Angaben von Befragten einfach zu addieren und so zu tun, als hätte man einen Befragten, der zu zwei Zeitpunkten etwas gesagt hat, doppelt. Der Nutzen eines Paneldatensatzes geht damit weitgehend verloren und, die Aussagekraft der Ergebnisse ist schlechter als sie sein könnte.
  • Schließlich zeigt sich in den Analysen von Schunck, Sauer und Valet, was sich bei Analysen mit dem SOEP immer zeigt: Man startet voller Zuversicht und stellt rasch fest, dass bei näherer Betrachtung nicht viel bleibt – vom Panel. Magere 2 Beobachtungen pro Befragtem sind für die Analysen von Schunck, Sauer und Valet vorhanden, es ist, mit anderen Worten, nicht viel Panel übrig geblieben, was die Erklärung dafür zu sein scheint, dass die Autoren ihren Datensatz nicht wirklich als longitudinalen Datensatz behandeln.

Dies gesagt, hier die Ergebnisse – Zunächst für die Frage: Wer ist der Ansicht, die Höhe seines Einkommens sei ungerecht?

  • Ein Drittel aller 12.268 Befragten ist der Ansicht, ihr Einkommen sei nicht gerecht.
  • Die Wahrscheinlichkeit, das eigene Einkommen als ungerecht zu empfinden, sinkt mit geringer werdendem Einkommen.
  • Personen mit mittlerer und niedrigerer Bildung haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihre Einkommen als ungerecht zu bewerten als Personen mit hoher Bildung.
  • Vollzeiterwerbstätige haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihr Einkommen als ungerecht zu empfinden, als Teilzeiterwerbstätige.
  • Ostdeutsche empfinden ihr Einkommen mit höherer Wahrscheinlichkeit als ungerecht als Westdeutsche.
  • Es gibt keinerlei Unterschied zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf die Bewertung des eigenen Einkommens

ZufriedenstellendWas die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes angeht und den Zusammenhang mit der Einschätzung der Gerechtigkeit des eigenen Einkommens, so ist vorwegzuschicken, dass die Ergebnisse auf 57,4% der Befragten basieren, die ihren Gesundheitszustand als “gut” oder “sehr gut” einschätzen, und 42,6%, die ihren Gesundheitszustand als “zufriedenstellend”, “weniger gut” oder “schlecht” bezeichnen. [Warum zufriedenstellend zu "schlecht" und nicht zu "gut" geschlagen wurde, ist eine offene Frage, deren Antwort vermutlich: Fallzahl lautet. Wären alle, die ihre Gesundheit als zufriedenstellend bezeichnen, der Kategorie "gut" zugeschlagen worden, dann wären vermutlich nicht viele Befragte für die Kategorie "schlecht" übrig geblieben.] Untersucht wird demnach nicht, guter und schlechter Gesundheitszustand sondern bestenfalls besser im Vergleich zu schlechter eingeschätzer Gesundheitszustand. Wie so oft, bewegen wir uns im Bereich der Daten-Ambiguität, die verhindert, dass man so richtig weiß, was man eigentlich gemessen hat – geschweige denn, wie man es interpretieren soll.

Auf Basis dieser Daten-Ambiguität kann festgestellt werden, dass zwischen denen, die ihre Einkommen als gerecht empfinden und denjenigen, die ihr Einkommen als nicht gerecht empfinden, ein Unterschied im Hinblick auf die Einschätzung ihrer Gesundheit als besser oder schlechter von gerade einmal 3,9% (60,9% im Vergleich zu 57%) besteht.

Und nun kommt die fast schon unvermeidliche logistische Regression, dieses Mal im Gewand einer logistischen Hybrid Panelregression (klingt gut, oder?). Die logistische Hybrid Panelregression ergibt, dass eine bessere Einschätzung der eigenen Gesunheit:

  • vom Einschätzung, ein ungerechtes Einkommen zu erhalten, beinträchtigt wird,
  • von der Zufriedenheit mit dem eigenen Arbeitsplatz befördert wird,
  • von mittlerer und höherer Bildung befördert und
  • von geringerem Alter behindert wird.

Anders formuliert: Zwischen der Einschätzung des eigenen Einkommens als gerecht und der Einschätzung der eigenen Gesundheit, scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Das ist ein Ergebnis der Analysen, die Schunck, Sauer und Valet gerechnet haben.

Diese Analysen haben sie unter dem Titel “Macht Ungerechtigkeit krank? Gesundheitliche Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit” publiziert. Eine grobe Fälschung oder sagen wir eine innovative und von ihren Ergebnissen in keiner Weise gestützte Interpretation, die man wohl der Tatsache zurechnen muss, dass die Analysen von der Hans Böckler Stiftung finanziert wurden. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um eine grobe Verfälschung ihrer Ergebnisse, denn die Autoren haben “Ungerechtigkeit” weder untersucht noch gemessen, und sie haben auch keine gesundheitlichen Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit gemessen.

forgerySie haben die subjektive Einschätzung, ob das eigenen Einkommen gerecht ist und die subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit untersucht. Wer die eigene Gesundheit als “zufriedenstellend” einschätzt, ist sicher nicht krank, nicht einmal eine Einstufung von “weniger gut” hat notwendig eine Krankheit zur Ursache. Und empfundende Einkommensgerechtigkeit hat in der Regel überhaupt nichts mit realer Einkommensungerechtigkeit zu tun. Erstere liegt dann vor, wenn ein Arbeiter seine Leistung im Vergleich zu anderen als besser bewertet, sein Einkommen im Vergleich zu anderen jedoch nicht. Letztere ist dann gegeben, wenn ein Arbeiter für die selbe Leistung ein geringeres Gehalt erzielt, was die “Einkommensgerechtigkeit” als das normative und weltfremde Makrokonzept ausweist, das sie nun einmal ist, denn: wo finden sich denn die identischen Menschen mit gleicher Leistung, die unterschiedlich bezahlt werden? Was die Fälschung und die Suggestion, die mit dem Titel versucht wird, noch ärgerlicher macht, ist die klägliche Qualität der Logistischen Hybrid Panelregression, die in einem Nagelkerke R-Quadrat von .133 ausgewiesen ist. Da Nagelkerkes R-Quadrat schon von Haus aus der Notnagel für schlechte Modelle ist, ist die Tatsache, dass nicht einmal dieser Wert eine relevante Höhe erreicht, für das gerechnete Modell weitgehend tötlich.

Dass die phantasierten Makro-Gerechtigkeitskonzepte keine Basis in der realen Welt haben und eigens dazu erfunden werden, um z.B. über ein phantasiertes Gender Pay Gap diskriminierende Maßnahmen wie eine Frauenquote zu fordern, wird sogar in den Ergebnissen von Schunck, Sauer und Valet deutlich:

“Interessanterweise unterscheiden sich Männer und Frauen nicht hinsichtlich der Berwertung ihres Einkommens: Sowohl ein Drittel der männlichen Beschäftigten als auch ein Drittel der weiblichen Beschäftigten geben an, dass ihr Erwerbseinkommen, gemessen an den Leistungen, die sie erbringen, zu gering sei. Angesichts des sogenannten gender-wage-gaps … war dieser Befund nicht erwartbar” (8).

Erwartbar ist dieser Befund dann, wenn man das Gender-Wage-Gap oder Gender-Pay-Gap als die Erfindung von Ideologen akzeptiert, die es nun einmal ist und die Realität, wie sie sich aus den Antworten von Befragten ergibt, dagegen stellt. Dann bleibt vom erfundenen Gender-Pay-Gap ebenso wenig wie von Phantasmen einer Makro-Gerechtigkeit oder sozialen Gerechtigkeit, die angeblich Gruppen und nicht Individuen zu gute kommen sollen.

Und was heißt das Ganze nun für die Eingangs gestellte Frage, ob Ungerechtigkeit krank macht? Nichts, denn leider wurde nicht Krankheit, sondern das subjektive Gesundheitsempfinden gemessen, und es wurde nicht Ungerechtigkeit, sondern Gerechtigkeitsempfinden gemessen. Entsprechend kann nur gesagt werden, dass es wohl unter denen, die sich subjektiv und im Hinblick auf ihr Einkommen ungerecht behandelt vorkommen und denjenigen, die von sich sagen, ihre Gesundheit sei zufriedenstellend, weniger gut oder schlecht, eine schwache Korrelation gibt.

Get Up – Stand Up: Die Kreativität ist mit den Stehenden

Warum wird der Unterricht in deutschen Schulen immer miserabler? Warum lernen Schüler immer weniger? Warum sind die Universitäten voller Studenten, die ihre Langeweile in mittelmäßigen Veranstaltungen nur mäßig verbergen können? Warum kommen keine Ideen aus Lehrerkollegien, aus Sitzungen des Fakultätsrates? Warum sind Verwaltungen und die dort Beschäftigten das lebende Antidot für Kreativität und Innovation? Warum zeichnen sich Richter, Beamte, alle Berufsgruppen, die Tätigkeiten in Verwaltungen ausüben, durch einen Mangel an Phantasie und Empathie aus, der nur schwer mit der Tatsache vereinbar ist, dass sie zur Spezies Mensch gehören? Warum sitzen Bundestagsabgebordnete ihr Mandat im Bundestag ab und warten Legislaturperiode um Legislaturperiode auf die eine Idee, die sich doch nicht einstellen mag?

GauckKeine Idee?

Nun, die Antwort ist so unglaublich und doch so trivial, dass man vermutlich deshalb nicht von selbst darauf gekommen ist, dass es einer Studie von Andrew P. Knight und Markus Baer bedurft hat, um das Offensichtliche für alle sichtbar zu machen. Möglicherweise haben auch Wegbereiter der grundlegenden Erkenntnis, die Knight und Baer (2014) nun publiziert haben, die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung gelenkt.

Bob Marley und Peter Tosh zum Beispiel, wenn sie singen: “Get Up – Stand Up, Stand Up for Your Right”, und im weiteren Verlauf ihres Liedes den Eindruck erwecken, dass Ismen und Schismen aller Art, Menschen benebeln und vom richtigen Leben, davon, dieses richtige Leben in die Hand zu nehmen, ablenken. Derart Verweis auf die politische Kraft des Aufstehens, hat dazu geführt, dass die sonstigen Kapazitäten und Wohltaten, die sich mit dem Aufstehen verbinden, nicht erkannt wurden und dass vor allem eines nicht erkannt wurde: die negativen Effekte des Sitzens!

Knight und Baer haben diese negativen Effekte des Sitzens eindeutig belegt: in einem Experiment, an dem 214 Studenten teilgenommen haben (Studenten sind die am besten erforschte Population der Erde und die am meisten missbrauchte…). Die 214 Studenten, die zu 52% männlich waren, mussten demographische Fragen beantworten, sie mussten einen Sensor um ihr Handgelenk schnüren, der wiederum Schweiß als Indikator von Aufregung oder Erregung gemessen hat, und sie mussten in Gruppen von bis zu 4 Personen eine halbe Stunde damit verbringen, in einem Raum an einem Werbevideo für ihre Universität zu arbeiten.

Get UpUnd jetzt kommt die experimentelle Situation: Die Hälfte der Studenten musste dies in einen Raum mit Tisch und fünf Stühlen, die andere Hälfte musste dies im selben Raum, aber ohne Stühle. Die Aktivitäten der Studenten wurden gefilmt und von unabhängigen Beobachtern danach beurteilt, ob die Interaktion innerhalb der Gruppe durch Aufmerksamkeit und regen Informationsaustausch geprägt wurde. Eine andere Gruppe von unabhängigen Beobachtern bewertete das Video, das die jeweiligen Studentengruppen am Ende der 30 Minuten vorzuweisen hatten, und der kleine Sensor um das Handgelenk der Studenten hat gemessen, wie aufgeregt sie waren.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Sitzen tötet Kreativität und Gruppenperformanz:

Studenten die standen, waren:

  • freigiebiger mit ihren Ideen,
  • hatten einen regeren Austaussch,
  • waren aufgeregter oder haben doch zumindest mehr Schweiß produziert,
  • hatten einen besseren Informationsaustausch und eine effizientere Interaktion,
  • und schließlich wurden ihre Videos besser bewertet

als dies alles für Studenten, die im Sitzen an ihrem Video gebastelt haben, der Fall war.

Wieder einmal hat ein Experiment, das an subjektiven Bewertungen kaum zu toppen ist, ein Ergebnis erbracht, das die Welt revolutionieren wird.

Man denke nur an die vielen guten Ideen, die aus Ministerien kommen, wenn diejenigen, die dort ihre Zeit absitzen, zweimal am Tag in Teams und in einem Raum für, sagen wir, 45 Minuten stehen. Bundestagsabgeordnete werden zu wahren Quellen der Kreativität, und vielleicht sogar zu Quellen nützlicher und sinnvoller Kreativität, wenn man sie in Zukunft regelmäßig und für z.B. 1 Stunde dazu zwingt, in Gruppen zu je 4 Personen in einem Zimmer zu verbringen. Da die besseren Ergebnisse im Stehen, die Knight und Baer berichten, in enem Zimmer von 4,1 Meter mal 2,6 Meter erzielt wurden, ist es vorerst ratsam, die Zimmergröße beizubehalten.

Und selbstverständlich haben die Ergebnisse von Knight und Baer eine Reihe von Forderungen zur Folge:

no chair1) Stühle sind aus Lehrerzimmern vollständig zu entfernen.

2) Graduiertenkollegs, deren Ziel in der Produktion neuer Erkenntnis besteht, sind nicht mehr mit Stühlen auszustatten.

3) Wer mehr als zwei Wochen lang keine gute Idee hatte, der muss sich 30 Minuten in eine “Ideen-Ecke” stellen.

4) Richter und wer immer mit der Auslegung von Schriftgut beschäftigt ist, Priester z.B., müssen nicht nur ihr Urteil oder ihre Predigt im Stehen verkünden, sondern den kompletten Prozess der Urteilsfindung oder Verfassung der Predigt im Stehen durchlaufen.

5) Schließlich gilt für Regierungschefs/Staatschefs, die sich zu Sitzungen von z.B: G7 oder EU-Ministerrat treffen, ein absolutes Sitzverbot. Auch Arbeitsessen werden nur noch im Stehen eingenommen, was dem Adipositas-Problem, das mit der Übernahme von Staatsämtern einherzugehen scheint und eines der am meisten vernachlässigten Forschungsgebiete darstellt, ein Ende bereiten wird, schließlich sind Regierungschefs role models für Kinder, und entsprechend gehalten, auf ihren Bauch- und sonstigen Umfang zu achten.

6) Wo wir gerade bei Adipositas sind, die in westlichen Gesellschaften endemisch ist, vermutlich weil die hohe Staatsquote immer mehr Mitglieder der Mittelschicht zu sitzenden Tätigkeiten zwingt, in deren Verlauf sie ermündende, monotone und weitgehend irrelevante Aufgaben ausführen, so scheint die Einführung einer Steh-Stunde in Verwaltungen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Knight, Andrew P. & Baer, Markus (2014). Get Up, Stand Up: The Effects of a Non-Sedentary Workspace on Information Elaboration and Group Performance. Social Psychology and Personality Science 5(5): 1-8.

Die Angst, Dinge beim Namen zu nennen

Uns scheint, in Deutschland herrscht in bestimmten Kreisen eine immense Angst vor der Realität. Nur so ist es zu erklären, dass manche ein gebrochenes Verhältnis zu eben dieser Realität haben.

Ein paar Beispiele:

Inhaber wissenschaftlicher Positionen verstecken sich hinter Begriffsen, die sie davor schüzen sollen, mit Realität konfrontiert zu werden. Entsprechend schreibt man lieber über die Armut, anstatt sich konkret mit armen Menschen zu beschäftigen. Das hat den Vorteil, dass man nicht damit konfrontiert ist, dass sich zumindest in westlichen Nationen keine armen Menschen mehr finden lassen und dass man nicht damit konfrontiert ist, dass es dennoch Menschen gibt, neben denen man nicht wohnen wollte. Unbelastet von der Realität können diese Inhaber wissenschaftlicher Positionen darüber schwadronieren, wie furchtbar die Armut doch ist, wie schrecklich sie sich auswirkt und müssen dabei ihrer Phantasie keinerlei Schranken der Realität auferlegen.

language 1Kommentatoren mögen keine Kategorisierungen, warum auch immer. Vermutlich steht dahinter eine Scheu, die doch so verschiedenen Menschen in eine Kategorie einzuordnen, die in der tiefen essentialistischen Überzeugung begründet liegt, dass die entsprechenden Menschen damit verschwinden, aufhören, Individuum zu sein. Auf die Idee, dass Kategorisierungen dazu dienen, eine disperse Gruppe aufgrund zumeist weniger Merkmals und wegen dieser wenigen Merkmale zu kategorisieren, kommen diese Kategorien-Nichtmöger nicht. Für sie umfasst Kategorisierung den ganzen Menschen, beschreibt sein Wesen; ein Reduktionismus, der es den entsprechenden Kategorien-Nichtmögern erlaubt, die Welt dennoch zu klassifizieren: Denn es ist ihre Idee, dass Hartz-IV nicht nur Menschen wegen des Bezugs von Hartz-IV klassifiziert, sondern wegen noch anderer Dinge. Es ist ihre Idee, dass eine Klassifizierung einem ewigen Verdikt gleichkommt, das unveränderlich, weil vom Kategorisierungs-Gott in Stein gemeißelt, ist. Es ist entsprechend ihre Prämisse, dass es wenige, wenn nicht nur einen essentiellen Baustein gibt, der ausreicht, um Menschen komplett zu beschreiben und über diese Beschreibung auf ewig zu verdammen.

Wieder andere sind der Ansicht, eine wissenschaftliche Sprache müsse abstrakt sein, dürfe keine Worte benutzen, die dem alltäglichen Sprachgebrauch entnommen sind, sehen Wissenschaft also vornehmlich als das, was Ludwig Wittgenstein ein Sprachspiel genannt hat, dessen Zweck darin besteht, die Wissenschafts-Gemeinde zu unterhalten, nicht darin, die Realität zu beschreiben, geschweige denn Dritten, die nicht am Wissenschaftsspiel beteiligt sind, vermittelbar zu sein oder gar einen Nutzen für sie zu produzieren. Sie treffen sich mit den oben benannten Inhabern wissenschaftlicher Positionen, deren einziger Daseinszweck in Sprachspielen besteht, die, damit Dritte nicht merken, dass sich damit keinerlei Konsequenzen für die Realität verbinden, am Beispiel affektiv bewerteter Objekte ausgeführt werden. Die genannte Armut ist ein Beispiel, Rechtsextremismus, die angebliche Benachteiligung von Frauen, die komplette Verleugnung der Bildungsnachteile von Jungen sind andere Beispiele.

reality checkAffekte wiederum sind, wie wir gerade in einem Post und mit Bezug auf die entsprechende sozialpsychologische Forschung gezeigt haben, bestens geeignet, um Rationalität zu beseitigen und Entscheidungen aus dem Bauch an die Stelle einer rationalen Erwägung von Handlungskonsequenzen und einer entsprechenden Entscheidung mit Blick auf die Handlungskonsequenzen treten zu lassen. Abermals ein Mechanismus, der nützlich ist und der keine Realität zulässt: Wer würde schon von sich behaupten, er sei nicht gegen die Beseitigung von Armut. Die entsprechende “Ich bin …” -Aussage ist gefahrlos zu treffen, da nicht damit gerechnet werden muss, dass die Armen, denen man angeblich helfen will, am nächsten Tag vor der Tür stehen und um die versprochene Hilfe bitten. Die entsprechende Diskussion hat keinerlei Folgen außer, dass man sich gut fühlen kann, gut in seiner Traumwelt.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach am Beispiel des so genannten “Rechts auf Vergessen” gezeigt, wie leicht es möglich ist, die Angst, die Dinge beim Namen zu nennen, für die eigenen Zwecke zu nutzen. Der gesamte Diskurs über das Recht auf Vergessen, der unter “Datenschutz” geführt wird, könnte auch ganz anders geführt werden, z.B. wie wir das getan haben als Diskurs über das Recht sich wie ein Schwein zu benehmen ohne die Folgen davon tragen zu müssen. Wie sonst kann man erklären, dass Richter wahre Informationen aus dem Internet löschen lassen wollen, nicht die Informationen, sondern die Links von Google, über die die Informationen gefunden werden können? Entsprechend werden die 12.000 Anträge, die Google bereits von Löschaspiranten vorliegen hat, nicht zu Gesuchen, die Privatsphäre zu schützen, sondern zu Eingeständnissen, dass man Dreck am Stecken hat, der in Zukunft vor der Öffentlichkeit verborgen werden soll.

Vier Beispiele, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • Wissenschaftler diskutieren im Elfenbeinturm über Abstrakta und binden die Abstrakta nicht auf die Realität zurück.
  • Kommentatoren haben vor den eigenen Prämissen so sehr Angst, schämen sich so sehr für ihren eigenen Essentialismus, dass sie Kategorisierungen generell ablehnen.
  • Andere sind der Ansicht, Wissenschaft müsse sich in erhabener Sprache üben und dürfe Dinge nicht beim Namen nennen.
  • Und schließlich gibt es gezielte Versuche, die Wahrheit hinter abstrakten Floskeln zu verstecken und die Diskussion über die Realität zu verunmöglichen, sie von ihrem tatsächlichen Gegenstand zu entfernen und in eine fiktive Scheinwelt zu übertragen.

Allen beschriebenen Verhaltensweisen ist gemeinsam, dass sie durch eine tiefe Scheu, Dinge beim Namen zu nennen, ausgezeichnet sind, sie sind spezifische Formen der Realitätsflucht.

  • reality 1Die genannten Inhaber wissenschaftlicher Positionen fürchten die Realität, weil die Realität sie als die Schwätzer enttarnen kann, die sie nun einmal sind.
  • Die genannten Kommentatoren fürchten die Realität, weil die Realität ihre Prämissen schonungslos offenlegt und deutlich macht, dass ihre vermeintliche Gutheit nur vorgeschützt ist, um die vorhandene Angst vor Menschen und ihrer Vielfalt zu verdecken.
  • Die genannten Anderen wollen ihre Traumwelt von Wissenschaft nicht gestört sehen und verhindern, dass verständliche Begriffe die Übertragung dessen, was gerade diskutiert wird, auf die Realität vereinfachen. Sie wollen den Schein bewahren, dass der Gegenstand von Wissenschaft, wie Jürgen Habermas einmal sinngemäß gesagt hat, so kompliziert ist, dass man ihn nicht mit einfachen Worten beschreiben kann. Aber, was soll man mit einer angeblichen Wissenschaft, deren Erkenntnisse nicht mitteilbar sind?
  • Schließlich benutzen wieder andere die Scheu vor der Realität für ihre Zwecke, in dem sie Maßnahmen, die sie getroffen haben, in einen positiv konnotierten Zusammenhang stellen, z.B. “Datenschutz” (wer wäre schon gegen Datenschutz) und ihn mit einer irreführenden Floskel benennen (Recht auf Vergessen). Eine der einfachsten Formen der Manipulation, die nur gelingen kann, weil kaum jemand die Floskeln mit der Realität abgleicht.

Es gibt somit vier treibende Ängste, die dafür sorgen, dass Realität nicht vorkommt:

  • Die Angst, als leerer Schwätzer enttarnt zu werden.
  • Die Angst, als Essentialist offenbart zu werden, der Angst davor hat, dass Menschen unterschiedlich sind.
  • Die Angst, nicht Teil einer erhabenen und überlegenen Klasse zu sein, die sich durch erhabene und überlegene Sprache vom Rest der Gesellschaft abhebt.
  • Die Angst, als der kleine Manipulator aufzufliegen, der versucht, mit kruden und plumpen Mitteln, seine Interessen durchzusetzen.

Wundert es noch jemanden, wenn die Realität, das was wirklich ist und mit ihr die Wahrheit über Dinge in Deutschland so häufig auf der Strecke bleiben? – Dass es möglich ist, Kontrolle als Datenschutz, Paternalismus als Hilfe und Plünderung von Einkommen oder Rentenkassen als Dienst an der Gemeinschaft zu verkaufen?

Schule und Persönlichkeit: kein Effekt

An Universitäten, aber nicht nur dort, ist ein Typ Sozialforscher verbreitet, den man als Datenhuber bezeichnen kann. Er lebt für seine Daten. Ein SPSS-Befehl bereitet ihm große Freude und ein signifikanter Wert als Output einer Regression macht ihn fast ekstatisch.

SOEP 658Regelmäßig startet der Datenhuber, wenn wir diesen Typus einmal sterotypsieren dürfen, mit großen Erwartungen in seine Datenhuberei, keine theoretischen Erwartungen, nein, das wäre zu wenig empirisch, Erwartungen, Ergebnisse aus seinen Daten zu kitzeln, die gesellschaftlich relevant sind, aus denen man Schlüsse ziehen kann, die für die Gesellschaft Gutes bewirken, die von Politikern berücksichtigt werden müssen, die – ja, einfach zu wichtig sind, als dass man sie links liegen lassen könnte, Schlüsse wie den folgenden:

“Put differently, our findings may therefore point to the necessity for educational policies to take the impact of educational changes on personality traits into consideration” (Dahmann & Anger, 2014: 38).

Das ist das Mindeste, eine Empfehlung an die Politik, eine Empfehlung, die natürlich die Regelung eines Bereiches zum Gegenstand hat und die auf dem Ergebnis der eigenen Anstrengungen basiert, der Datenhuberei.

Sarah Dahmann und Silke Anger sind wohl angehende Datenhuber, jedenfalls muss man das ihrem Beitrag mit dem Titel “The Impact of Education on Personality – Evidence from a German High School Reform” entnehmen.

Der Beitrag startet mit Ambitionen. Die deutsche “High School Reform”, also die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahren in fast allen Bundesländern (Thüringen und Sachen hatten nie mehr als 12 Jahre und Rheinland-Pfalz hat sich bislang nur an manchen Schulen zum Abitur in 12 Jahren durchringen können), diese Reform, wenn man es denn Reform nennen will, habe das Curriculum unverändert gelassen, so Dahmann und Agner. Gleiches Curriculum in weniger Zeit, so ihre Überlegung, muss zu mehr “workload” führen, also für sie zu mehr Stress bei Schülern (Ob die Arbeitsbelastung tatsächlich gestiegen ist bzw. ob Schüler nach der Reform nicht einfach ausgelasteter waren als davor, prüfen die Autoren nicht).

Gleichzeitg, so die Autoren weiter, gehe die verkürzte Schulzeit mit mehr Unterricht einher, d.h. mit mehr Zeit in der Schule. Und da Schule gut ist, muss auch mehr Zeit in der Schule gut sein, mehr Interaktion zwischen Schülern und zwischen Schülern und Lehrern zur Folge haben. Das ist auch gut, führt zu Kooperation und vielen anderen von den Autoren als positiv bewerteten Dingen.

Die zentrale Hypothese lautet somit: Die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur wirkt sich positiv und negativ aus.

Die Frage ist, worauf wirkt sich die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur positiv und negativ aus? Die naheliegende Antwort lautet wie immer: die Schüler. Nun kann man Schüler nicht messen und Datenhuber wollen ja vor allem eines: Messen, Daten miteinander in Verbindung bringen und Zahlen in andere Zahlen transformieren, die man dann interpretieren kann oder auch nicht.

causation 3Zum Glück für Datenhuber gibt es das Konzept der BIG FIVE Persönlichkeitsfaktoren, das Costa und McCrae im Jahre 1988 dadurch popularisiert haben, dass sie das NEO PI-R, ein Persönlichkeitsinventar eingeführt haben, das es erlaubt, die fünf Persönlichkeitsfaktoren, von denen angenommen wird, sie reichten aus, um alle Menschen dieser Erde zu klassifizieren, über fünf Sub-Faktoren zu messen. Dahmann und Anger haben die Daten des SOEP zur Verfügung und entsprechend nur drei Subfaktoren, aber man muss die Daten nehmen, die man bekommen kann.

Weiteres Glück steht in der Tatsache bereit, dass Cunha und Heckman im Jahre 2007 ein Modell entwickelt haben, das die Entwicklung einer Persönlichkeit als Hinzufügen neuer Erfahrungen zu bereits vorhandenen Erfahrungen beschreibt. Und je weniger Erfahrung man bereits hat, desto wichtiger ist neue Erfahrung, was wiederum Kinder und Jugendliche zu interessanten Forschungsobjekten macht und eine Verbindung zur Schule als institutioneller Form der Erfahrungsvermittlung herstellt, sofern man annimmt, dass in der Schule tatsächlich Erfahrungen gemacht werden.

Fehlt noch der Schluss des Kreises: Persönlichkeit formiert sich auf der Grundlage von Erfahrung (manche wie z.B. der oben zitierte McCrae behaupten zudem, dass Persönlichkeit einen genetischen Anteil hat, aber das stört nur beim Datenauswerten, weil man es kaum messen kann, deshalb lassen wir das einfach beiseite) und schuwpp-die-wupp haben wir die Hypothese, dass Schule sich auf Persönlichkeit auswirkt und dass dann, wenn man an der Variable “Schule” etwas ändert, man deterministisch wie die Beziehung nun einmal ist, auch etwas an der Variable “Persönlichkeit” ändert.

Geändert wurde die Zeit, die bis zum Abitur zur Verfügung steht. Und daraus konstruieren die Autoren die Vermutung, dass sich dieses eine Jahr und vor allem der hohe “workload” auf die Persönlichkeit der betroffenen Schüler auswirkt. Warum? Wegen des höheren workload! Warum? Niemand weiß es.

Doch weiter im Text und zu den Big Five. Die großen Fünf setzen sich aus der Offenheit für Neues, der Umgänglichkeit (agreeableness), der Gewissenhaftigkeit (conscientiousness), der Extrovertiertheit (extraversion) und dem Neurotizismus zusammen (auch als emotionale Stabilität bekannt bzw. als Fehlen derselben). Mit diesen fünf Faktoren rechnen die Autoren. Zudem rechnen sie mit “locus of control”, einem Konzept von Julian Rotter, von dem sie annehmen, dass es von u.a. dem höheren worklaoad negativ beeinflusst wird (12). Und das ist dann das Letzte, was wir vom locus of control gehört haben, jedenfalls in der Arbeit von Dahmann und Anger.

Und dann ergibt sich ein Problem. Wenn sich die Verkürzung der Schulzeit auf die Persönlichkeit auswirken soll, dann wird damit eine kausale Beziehung behauptet. Kausalität in Daten zu finden, ist jedoch ein schwieriges bis fruchtloses Unterfangen. Aber man kann zumindest so tun, als würde man Kausalität messen, etwa so:

Reform formel

causation 2cartoonDie zentrale Variable “Reform” nimmt den Wert 1 an, wenn die Person, für die Angaben ausgewertet werden, im Alter von 17 Jahren an einem Gymnasium war, an dem das Abitur mit 12 Jahren abgelegt wurde, der Wert 0 wird zugewiesen, wenn das Abitur erst nach 13 Jahren erreicht wurde/werden konnte. Geschätzt wird dann nicht mehr und nicht weniger als eine Korrelation zwischen z.B. Alter oder Geschlecht oder Bildung des Vaters (Xi), unter Kontrolle des Bundeslands und des Jahres der Einschulung. Was das Ganze mit Kausalität zu tun hat, wie die Autoren behaupten, ist nicht nachvollziehbar, schon weil keine theoretische Fundierung vorhanden ist.

Aber es muss auch nicht nachvollzogen werden, weil die Sterne, die das Herz von Datenhubern erfreuen, weil sie eine signifikante Korrelation (!sic) beschreiben, in den Tabellen, in denen die Ergebnisse präsentiert werden, weitgehend durch Abwesenheit glänzen und keines der Modelle mehr als 7% der gesamten Varianz erklärt. Und so bleibt den Autoren nur festzustellen, dass nach der Reform

  • männliche Schüler umgänglicher sind als weibliche Schüler,
  • ostdeutsche Schüler weniger umgänglich sind als westdeutsche und zudem neurotizistischer,
  • Schüler aus einer nicht-intakten Familie (was auch immer das sein mag) offener und extrovertierter sind als Schüler aus einer intakten Familie,
  • eine arbeitende Mutter sich negativ auf die Offenheit von Schülern auswirkt und
  • Schüler mit Migrationshintergrund gewissenhafter sind als Schüler ohne Migrationshintergrund.

Ja.

Und was bedeuten diese Ergebnisse?

Causation1Nun, Sie zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsfaktoren nach der Schulreform einen bestimmten Wert annehmen. Mehr nicht. Es sei denn, man will die oben abgebildete Formel unbedingt kausal interpretieren und einen Effekt der Reform herauslesen, wobei Kausalität sich daraus ergeben soll, dass Schüler, die vor der Reform Abitur gemacht haben, sich in ihren Angaben zu den Big Five von Schülern unterscheiden, die nach der Reform Abitur gemacht haben. Daraus eine Kausalität zu konstruieren, ist dem Versuch gleich, ein Sternenbild für den Charakter von unter ihm Geborenen verantwortlich zu machen, aber bitte, es ist nichts, was Datenhuber davon abhält, eben dieses zu tun:

“Our estimates show that shortening the high school track, which was associated with a compression of the curriculum, caused [!sic] students to be more extroverted and less emotionally stable” (37)

Kausalität, so muss man dieser Interpretation entnehmen, ist eine Konstruktion im Kopf von Datenhubern, was insofern mit den Ergebnissen von David Hume übereinstimmt, als dieser auch der Meinung war, dass abstrakte Konstrukte wie Kausalität in keinerlei Verbindung zur Realität stehen. Aber die fehlende Verbindung hindert Dahmann und Anger nicht daran, weitreichende Schlüsse für “educational policies” zu ziehen.

Wenn diese Studie eine Empfehlung begründet zur Folge hat, dann die Empfehlung, Logik, Statistik und Methodenlehre zur Pflicht an Universitäten zu machen.

 

Costa, Paul T. & McCrae, Robert R. (1988). Personality in Adulthood: A Six Year Longitudinal Study of Self-Reports and Spouse Ratings on the NEO Personality Inventory. Journal of Personality and Social Psychology 54(5): 853-863.

Cunha, Flavio & Heckman, James (2007). The Technology of Skill Formation. American Economic Review 97(2): 31-47.

Dahmann, Sarah & Anger, Silke (2014). The Impact of Education on Personality – Evidence from a German High School Reform. Berlin: DIW, SOEP-Papers #658