Große Umfrage: Deutsche wollen die Europäische Union verlassen

Pressemitteilung

Zwei Tage lang hat ScienceFiles, das am häufigsten gelesene deutsche Wissenschaftblog, seine Leser gefragt, ob sie lieber in der Europäischen Union verbleiben oder die Europäische Union verlassen wollen. 1.189 Leser von ScienceFiles haben sich bislang an der Umfrage beteiligt. 91% (1.087 Leser) haben die Frage: “Soll Deutschland in der EU bleiben?” mit “nein” beantwortet. 67 Leser (6%) votieren dafür, dass Deutschland in der Europäischen Union verbleibt.

Soll Deutschland in der EU bleiben

Die Ergebnisse sind selbst für Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein von der ScienceFiles-Redaktion, die sich seit Jahren mit den Tiefen und Untiefen der empirischen Sozialforschung befassen, unerwartet: “Wir haben viele kritische Leser auf ScienceFiles und einen Intellektuellen-Bias, aber dieses Ergebnis hätten wir dennoch nicht erwartet”, so bringen beide ihre Überraschung auf den Punkt.

“Dass die Europäische Union in den letzten Jahren an Reputation und Unterstützung eingebüßt hat, das kommt sogar in den Eurobarometer-Umfragen der Union zum Vorschein, die sich ansonsten nicht unbedingt dadurch auszeichnen, dass sie versuchen, die Meinung der Europäer akkurat und methodisch einwandfrei abzubilden“, sagt Dr. habil. Heike Diefenbach, die über eine langjährige Erfahrung in empirischer Sozialforschung als Primärforscher verfügt und die an den Universitäten Chemnitz, Leipzig und München Studenten Statistik und Methoden der empirischen Sozialforschung beigebracht hat.

“Anlässlich der Bundestagswahl 2014″, so erzählt Michael Klein, “haben wir unsere Leser gefragt, welche Partei sie voraussichtlich wählen werden. Damals ist es uns gelungen, das Ergebnis der Bundestagswahl mit einer Abweichung von knapp 3% vorherzusagen. Insofern fragen wir uns schon, was in Deutschland los ist. Wenn 91% der ScienceFiles-Leser, die sich an der Befragung beteiligt haben, aus der EU austreten wollen, dann liegt etwas massiv im Argen”, sagt Michael Klein, der jahrelang mit den Daten des Eurobarometers und für die Europäische Union gearbeitet hat.

“Es hilft alles nichts”, so Heike Diefenbach, “unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass es in Deutschland eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die aus der Europäischen Union austreten wollen. Ein Blick auf die 16 Leser, die von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, eine eigene Antwortalternative zu formulieren, gibt einen Hinweis auf die Gründe für diese EU-Müdigkeit. Die meisten dieser 16 Leser wollen den politischen Apparat der EU abbauen und zurück zur Wirtschaftsgemeinschaft. Der beabsichtigte politische Ausbau der Europäischen Union ist anscheinend nicht populär”, so Heike Diefenbach.

Entsprechend kann man zwei Dinge feststellen: Im Vereinigten Königreich wird über einen möglichen Austritt aus der EU in einem Referendum zum Ende des Jahres 2017 abgestimmt werden. Die Umfragen zeigen, die britische Bevölkerung ist über die Frage eines Verbleibs in der EU geteilter Ansicht. In Deutschland wird es kein entsprechendes Referendum geben. Niemand fragt die Deutschen, ob sie in der EU bleiben wollen. Würde man sie fragen, die Antwort wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht geteilt, sondern negativ.

Besser man fragt sie nicht.

Gott ist mit den Arbeitslosen

Wer regelmäßig zum Gottesdienst geht, der leidet weniger unter dem Verlust seines Arbeitsplatzes. Clemens M. Lechner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Thomas Leopold, University of Amsterdam, sind für dieses Ergebnis verantwortlich und zudem der Ansicht, sie hätten die wichtige Rolle von Religioisität belegt, wenn es darum geht, mit kritischen Lebensereignissen umzugehen.

Starten wir bei den Prämissen:

Wer arbeitslos wird, der hat unglücklich zu sein, gesundheitlich zu leiden oder doch zumindest: es darf ihm nicht gut gehen, denn Arbeitslosigkeit ist kurz vor dem Tod das größte Unglück, das einem rechtschaffenden Bürger in Deutschland widerfahren kann. So will es die Folklore, wie sie von Universitäten dröhnt.

unemployment line godMan könnte zwar auch der Ansicht sein, dass die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses eine Chance darstellt, eine Chance, sich zu beweisen, sich nach einem neuen Arbeitsplatz umzusehen, sich am Ende selbständig zu machen, aber, nicht in Deutschland. Hier ist Arbeitslosigkeit ein Verdammnis, das nicht nur von den Gewerkschaften, die alles tun, um Arbeitslose aus tariflichen Arbeitsverhältnissen fernzuhalten, beklagt wird.

Nun gut: Arbeitslosigkeit macht unglücklich oder doch zumindest unzufrieden. Bleiben wir bei unzufrieden, denn die Lebenszufriedenheit ist als Frage in den Wellen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) enthalten. Lechner und Leopold rechnen mit dem SOEP, also untersuchen sie den Einfluss von Religiosität auf Lebenszufriedenheit.

Was uns zum nächsten Problem bringt: Wie misst man Religiosität? Hat Religiosität etwas mit dem Aufsuchen von Kirchen zu tun?

Hat es, so sagen Lechner und Leopold, denn im SOEP ist die Frage nach der Häufigkeit des Kirchgangs enthalten. Lechner und Leopold müssen daher auf diese Variable zurückgreifen, weshalb die Kirchgangshäufigkeit zur Religiosität erklärt und mit der Lebenszufriedenheit korreliert wird.

Und siehe da: Wer häufiger in die Kirche geht, dessen Lebenszufriedenheit sinkt, nachdem er arbeitslos geworden ist, weniger als die Lebenszufriedenheit seltener Kirchgänger oder gar vom Kirchgang Abstinenter und sie erholt sich auch schneller: nach rund 3 Jahren Arbeitslosigkeit und wöchentlichem Kirchgang ist die Lebenszufriedenheit wieder da, wo sie vor der Arbeitslosigkeit war.

So ist das.

Mehr ist auf den acht Seiten des Beitrags von Lechner und Leopold, der im Journal for the Scientific Study of Religion gedruckt wurde, nicht an Aussage enthalten.

Nicht nur ist nicht mehr Aussage enthalten, es fehlen auch grundlegende Angaben zur Verteilung der Antworten, deskriptive Statistiken für die genutzten Variablen zum Beispiel. Das ist misslich, denn der Effekt von Arbeitslosigkeit auf Lebenszufriedenheit, den man aus Abbildung 1 heraus schätzen muss, bewegt sich im Bereich von relativ zufrieden (6,7 von 10). Zur Erinnerung: Die Lebenszufriedenheit wird auf einer Skala von 0 bis 10 eingeordnet, je höher der Wert, desto höher die Zufriedenheit.

Diejenigen, die im SOEP arbeitslos werden, geben vor der Arbeitslosigkeit eine Lebenszufriedenheit von 6,7 an, im ersten Jahr nach der Arbeitslosigkeit eine, von 6,3 bei wöchentlichem Kirchgang, und eine von rund 6 bei Kirchgangs-Abstinenz. Das ist kein großer Unterschied, von dem man gerne gewusst hätte, ob er zwischen den Gruppen der Kirchgänger signifikant ist, was, da er sich im Bereich von 4% bis 8% der Gesamtskala abspielt, eher unwahrscheinlich ist.

In jedem Fall muss man feststellen, dass Personen, die arbeitslos werden, nach dem Eintritt der Arbeitslosigkeit weniger zufrieden sind als zuvor. Das legt nicht unbedingt nahe, dass Arbeitslosigkeit mit erheblichen Einschnitten in das jeweilige Leben einhergeht. Wäre das so, man würde einen Absturz der Lebenszufriedenheit sehen. Wäre Arbeitslosigkeit wirklich die Katastrophe in der Lebensführung, die Lebenszufriedenheit, sie würde auf Werte um 2-3 abstürzen, sich nicht im Miniaturbereich relativer Zufriedenheit verändern.

Aber sei’s drum.

Häufiger Kirchgang führt, so Lechner und Leopold, nicht nur dazu, dass diejenigen, die arbeitslos werden, auch nach Eintritt der Arbeitslosigkeit kaum Einbußen in ihrer Lebenszufriedenheit hinnehmen, er führt auch dazu, dass sie in kurzer Zeit (2 – 3 Jahre) wieder zur vollen Höhe ihrer Lebenszufriedenheit gelangen, obwohl sie weiterhin arbeitslos sind.

Und jetzt, da sich die Frage nach dem warum, warum ist das so, geradezu aufdrängt, jetzt ist der Text von Lechner und Leopold zu Ende.

Also ist es wieder an uns, Hypothesen darüber zu bilden, warum häufiger Kirchgang die vorhandene Zufriedenheit von Arbeitslosen steigert.

Was zunächst einfällt, ist natürlich das Matthäus-Evangelium, 6: 26:

“Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?”

Wenn Vögel ohne Arbeit satt werden, dann natürlich Menschen erst recht, denn: “Seid ihr … nicht viel mehr denn” Vögel? Es fehlt hier natürlich die Angabe der unterscheidenden Kriterien, die Menschen zu mehr machen, aber wir nehmen das als Offenbarung Gottes hin und sehen: Kirchgang erhöht die Wahrscheinlichkeit die Grundlagen eines christlichen Sozialstaates vermittelt zu bekommen: “Sorget nicht für euer Leben”, euer himmlischer Vater vertreten durch die anderen Steuerzahler, die sich entgegen dem Rat des “himmlischen Vaters” doch um ihr Leben sorgen, sie ernähren euch doch.

Wenn das nicht zufrieden macht?

Der verlorene SohnUnd nicht genug damit, gibt es doch noch das Gleichnis des verlorenen Sohnes, das ein nicht näher genanntes Mitglied der Redaktion von ScienceFiles schon in ihrer Jugend verärgert hat: Sie kennen das Gleichnis des verlorenen Sohnes, des nichtsnutzigen Sohnes, der sich seinen Erbteil ausbezahlen lässt, ihn durchbringt, dann, abgebrannt bis auf sein letztes Hemd reuig zurückkommt, und von seinem Vater erfreut aufgenommen wird?

Etwa so: “Alles ist vergeben und vergessen. Drehen wir die Uhr zurück, tun so, als sei Dein Erbteil gar nicht ausbezahlt worden und leben ab sofort und üppig von den Früchten der Arbeit Deines Bruders. Der Trottel hat nämlich all die Jahre, die Du gebraucht hast, um Dein Erbe durchzubringen, gearbeitet und die Ressourcen angesammelt, die wir nun, da Du zurück gekehrt bist, fröhlich verbrauchen werden.”

Kein Wunder, dass man als Arbeitsloser durch häufigen Kirchgang mit seinem Leben zufriedener wird, wird doch die christliche Einsicht vermittelt, dass es nichts macht, anderen zur Last zu fallen, im Gegenteil: Es gehört sich so. Der himmlische Vater, der will das so.

Wie immer sind wir für andere Hypothesen offen.

Lechner, Clemens M. & Leopold, Thomas (2015). Religious Attendance Buffers the Impact of Unemployment on Life Satisfaction: Longitudinal Evidence from Germany. Journal for the Scientific Study of Religion 54(1): 166-174.

Marx aktualisieren: Klassenkampft 2015f

Seit einiger Zeit schon denken wir darüber nach, Karl Marx und seine Theorie des Klassenkampfes zu aktualisieren – schon weil diejenigen, die sich derzeit in den Fußstapfen des Trierers wähnen, der falschen Fährte folgen.

Denn: Der Klassenkampf hat sich entwickelt, findet nicht mehr zwischen Arbeitern und Kapitalisten bzw. Produktivkräften und Inhabern der Produktionsmittel statt. Der Klassenkampf hat eine Tertiarisierung erfahren.

Karl MarxDoch zurück zu den Anfängen im Urkommunismus, in dem, so haben sich Friedrich Engels und Karl Marx erinnert, die Gleichheit der Menschen gegeben war. Warum? Nun, weil kein Mehrwert erwirtschaftet wurde, und wenn kein Mehrwert erwirtschaftet wird, wenn man nur von der Hand in den Mund lebt, so die beiden Paläo-Klassentheoretiker, dann gibt es keine Macht- und keine Herrschaftsstrukturen. Wenn jeder von der Hand in den Mund lebt, dann gibt es nichts, was man sich aneignen kann. Ganz so romantisch, wie der Urkommunismus zuweilen dargestellt wird, scheint die Gestalt, die er in den Gehirnen von Marx und Engels angenommen hat, nicht gewesen zu sein.

Mit dem Mehrwert kommt die Herrschaft und die Macht: Überschussproduktion, so haben Marx und Engels theoretisiert, führe zur Herausbildung von zwei Klassen: eine, die den Überschuss produziert, die Produktivkräfte, und eine, die sich den Überschuss aneignet. Besser, man gehört zur zweiten Gruppe.

Und so hat sich der historische Materialismus, den Marx und Engel hier erdacht haben, über die Jahrhunderte entwickelt, vom Antagonismus zwischen Sklaven und Sklavenhaltern, über den zwischen Feudalherren und Bauern bis zu den Bonzen und den Arbeitern. Und von letzterer Idee sind die Linken noch heute beseelt – ganz so, als habe Karl Marx nicht im 19. Jahrhundert gelebt, ganz so, als beschreibe sein Historischer Materialismus kein Entwicklungsgesetz, ganz so, als sei die Zeit stehen geblieben und mit ihr das Denken der Linken.

Mit anderen Worten: Die Linken hinken der Entwicklung hoffnungslos hinterher. Sie sind veraltet und bedürfen einer dringenden Modernisierung.

Das Entwicklungsgesetz des Historischen Materialismus besagt, dass Produktivkräfte der Motor der Entwicklung sind, dass Umwälzung nur dann stattfindet, wenn die Entfaltung der Produktivkräfte durch die Inhaber der Produktionsmittel behindert wird. Aus diesem Spannungsverhältnis, so hat Karl Marx erwartet, ergebe sich das Ende für den bürgerlichen Kapitalismus und nach einer Phase, in der das Proletariat per Diktatur regiere, gehe die Menschheit ein, in den Garten Eden des Kommunismus, kehre zurück in den Zustand der Gleichheit, der den Urkommunismus ausgezeichnet hat, als man keinen Mehrwert produziert und von der Hand in den Mund gelebt hat.

Nun warten die Linken seit rund 150 Jahren, und was ist passiert?

Nichts!

Und warum? Weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Marx hat sich geirrt und Engels sowieso.

Nicht die Diktatur des Proletariats ersetzt den Antagonismus von Arbeitern und Kapital, sondern der Antagonismus der Mehrwertschaffenden und der Mehrwertverbrauchenden.

Insofern kehren wir auch nicht zurück in den Urkommunismus, sondern in eine neue Variante antiker Gesellschaft, in der es eine Klasse von Menschen gibt, die den Mehrwert erwirtschaften, und eine Klasse von Menschen, die den von anderen geschaffenen Mehrwert verbraucht.

Mehrwertschaffende Menschen sind nach wie vor Arbeiter, aber auch Selbständige und Unternehmer. Sie erwirtschaften Lohn, Einkommen und Umsatz durch die Herstellung von Produktivgütern.

Mehrwertverbrauchende Menschen sind all diejenigen, die vom Lohn, Einkommen oder Umsatz der mehrwerterschaffenden Menschen leben ohne selbst (nennenswert) zur Schaffung von Mehrwert beizutragen.

Darunter:

  • Professional spongerDie Gruppe der Politiker, die sich dafür bezahlen lässt, dass sie den Mehrwertschaffenden vorgaukelt, in deren Interesse zu handeln.
  • Die Gruppe der Funktionäre, die nicht nur den von anderen geschaffenen Mehrwert verbrauchen, sondern dafür sorgen, dass der Anteil des Mehrwerts, der den Mehrwertschaffenden zukommt, kontrolliert wird. Sie tun dies z.B. dadurch, dass sie kollektive Lohnverhandlungen führen und individuelle Mehrwertschaffende daran hindern, einen ihren Fähigkeiten angemessenen Preis für ihre Arbeitskraft zu erhalten. Sie tun dies dadurch, dass sie die über kollektive Lohnverhandlungen die Anzahl der Mehrwertschaffenden, die in Arbeitslosigkeit geparkt werden, künstlich hochhalten, um auf diese Weise ein Druckmittel gegenüber den Mehrwertschaffenden in Arbeit zu gewinnen.
  • Die Gruppe der Aktivisten, die von anderen geschaffenen Mehrwert dafür verbrauchen, dass sie gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen, dass sie Arbeiter gegen Unternehmer aufhetzen, Männer gegen Frauen, Alte gegen Jungen, Kranke gegen Gesunde, Dicke gegen Dünne, der Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.
  • Die Gruppe der Lebens-Berater, die von anderen geschaffenen Mehrwert dadurch verbrauchen, dass sie Entscheidungen für Dritte treffen, diese Dritten entmündigen, z.B. indem Sie deren Zugang zu Drogen begrenzen, den Preis von Konsumgütern mit Steuern erhöhen, weil sie der Ansicht sind, die entsprechenden Konsumgüter seien für andere schädlich usw.
  • Die Gruppe der schlichten Nutznießer, die einfach nur durch andere geschaffenen Mehrwert verbrauchen. Sie entspricht der von Marx als Lumpenproletariat bezeichneten Gruppe findet sich heute aber vornehmlich unter den Transferexistenzen der Mittelschicht.

All die Genannten leben von dem, was die Mehrwertschaffenden erwirtschaften. All die Genannten versuchen auf die eine oder andere Weise, durch Gesetze, durch Tarifvereinbarungen, durch Vorschriften zum richtigen Leben, durch Transferverpflichtungen für die Mehrwertschaffenden, Letztere zu kontrollieren, wobei die Kontrolle dazu dient, die Mehrwertschaffenden auch weiterhin ausnutzen zu können.

Dabei spielt, wie immer im Marxismus, das Bewusstsein eine entscheidende Rolle. Marxismus gehört in das Lager des Hegelschen Materialismus und entsprechend wird dem Sein eine bewustseinschaffende Funktion zugewiesen.

Nun ist im modernen Marxismus nicht das Bewusstsein der Produktivkräfte, nicht das Bewusstsein der Mehrwertschaffenden fehlerhaft, sondern das Bewusstsein der Mehrwertverbrauchenden. Ihre materielle Existenz vermittelt ihnen das Bewusstsein, dass man auch ohne einen Mehrwert zu schaffen, ohne produktiv zu sein, ein sorgenfreies und üppiges Leben führen kann. Da sie im Gegensatz zu den malochenden Mehrwertschaffenden, nicht malochen müssen, hat sich bei Ihnen ein Bewusstsein von Überlegenheit eingestellt, d.h. die Ansicht, sie seien den Mehrwertschaffenen überlegen, könnten für diese Entscheiden, z.B. darüber, wie viel ihres Lohns, Einkommens oder Umsatzes sie an die Mehrwertverbraucher abzugeben haben.

Dabei merken die Mehrwertverbraucher nicht, dass sie am eigenen Ast sägen, da Ressourcen endlich sind, d.h. man die Mehrwertschaffenden nicht endlos belasten kann. Anders formuliert: Der Weg zurück in die Sklavengesellschaft der Antike ist nur bedingt möglich.

Folglich ist es im aktuellen Klassenkampf, die Aufgabe der Mehrwertschaffenden, den Mehrwertverbrauchenden das richtige Bewusstsein zu verschaffen, z.B. durch Formen des passiven Widerstands, Formen der Abgabe- bzw. Steuerverweigerung oder Formen der Verweigerung von Unterhalt und Transferzahlungen.

Im Gegensatz zu früheren Klassenkämpfen haben die Mehrwertschaffenden alle Trümpfe auf ihrer Seite, denn: Sie verfügen über Produktivkräfte und Produktionsmittel, die Mehrwertverbrauchenden verfügen bestenfalls über gesellschaftliche Positionen, die vielleicht auch mit Macht einhergehen, aber letztlich austrocknen bzw. absterben, wenn Mehrwertschaffende sie nicht mehr finanzieren.

©ScienceFiles, 2015

Soziale Ungleichheit macht Kinder glücklich!? In armen Ländern sind die Kinder glücklicher als in Deutschland

Die Umfrageforschung kennt keine Bevölkerungsgruppe, die nicht zumindest ansatzweise erforscht wird. Auch Kinder entgehen den repräsentativen Studien nicht: 53.164 Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren wurden im Auftrag der Jakobs Stiftung für den “Children’s World Survey, 2013-14″ in 15 Ländern, darunter auch Deutschland befragt. Neben Kindern aus Deutschland sind auch Kinder aus Algerien, Kolumbien, Estland, Äthiopien, Israel, Nepal, Norwegen, Polen, Rumänien, Südafrika, Südkorea, Spanien, der Türkei und dem Vereinigten Königreich befragt worden, unter anderem zu Ihrer Lebenszufriedenheit und dazu, wie glücklich sie in den letzten zwei Wochen waren.

Childrens world SurveyKenner der Materie wissen, hier kommen die berüchtigten Satisfaction of Life und Happiness Skalen zum Einsatz, die einen Wertebereich von 0 bis 10 haben. Je zufriedener oder je glücklicher die Befragten (hier: Kinder) sich einschätzen, um so höher der Wert.

Gehen wir einmal konform (einmal!) mit der Mehrzahl der Lebenszufriedenheits- und Happiness-Forscher und unterstellen, die Frage nach der Lebenszufriedenheit und dem Glück in den letzten zwei Wochen, gebe tatsächlich einen Aufschluss darüber, wie die Lebenszufriedenheit bzw. das Glück unter Kindern von 8 bis 12 Jahren in einem Land durchschnittlich verteilt sind, so dass man Vergleiche zwischen den 15 Ländern, aus denen die 53.164 Kinder stammen, die an der Befragung teilgenommen haben, anstellen kann.

Dann kommt man zu den folgenden Ergebnissen:

  • Nur in Südkorea sind die befragten Kinder weniger glücklich als in Deutschland.
  • Nur in Südafrika, Nepal, Polen, dem Vereinigten Königreich und Südkorea sind Kinder mit ihrem Leben als solchem unzufriedener als in Deutschland.

Die Unterschiede sind relativ groß und bewegen sich bei der Einschätzung des Glücklichseins zwischen 9,4 in Rumänien (Wertebereich 0 bis 10) und 7,5 in Südkorea bzw. zwischen 9,5 in Rumänien und 7,6 in Südkorea bei der Einschätzung der allgemeinen Lebenszufriedenheit (siehe Abbildung). Zwischen dem ersten und dem letzten der jeweiligen Skala liegen somit immerhin 19% des Wertebereichs.

Children Happiness

Nun stellt sich die Frage, woran es liegt, dass Kinder in Rumänien, in Kolumbien oder Israel im Durchschnitt glücklicher sind als Kinder in Deutschland?

Vermutlich gibt es jetzt wieder welche, die behaupten, Deutschland sei eine kinderfeindliche Gesellschaft. Einen derartigen Einwurf nehmen wir jedoch erst dann ernst, wenn die entsprechenden Behaupter angeben, wie man “kinderfeindliche Gesellschaft” operationalsieren und messen kann, dann sehen wir weiter.

Einstweilen haben wir die Daten genutzt, die man erheben kann und die auch erhoben wurden, z.B. die Daten zur Ausstattung des kindlichen Lebens mit den Annehmlichkeiten, die zu einem Kinderleben zu gehören scheinen, also:

  • gute Kleidung;
  • Computer;
  • Zugang zum Internet;
  • Mobitltelefon;
  • eigenes Zimmer;
  • Bücher;
  • ein Auto in der Familie;
  • Musikabspielgerät
  • eigener Fernseher

Betrachtet man die Ergebnisse für Deutschland, dann zeigt sich u.a., dass 21% der Kinder angeben, keinen Zugang zu Büchern zu haben, 16% haben keinen eigenen Computer, 11% müssen ihr Kinderzimmer teilen und 8% haben kein Mobiltelefon. Dagegen haben 62% der algerischen Kinder kein eigenes Zimmer, 86% der äthiopischen Kinder haben kein Mobiltelefon, 38% der Kinder in Südafrika keinen Computer, und 29% der Kinder in Kolumbien keine Bücher.

Die durchschnittliche Anzahl der Gegenstände aus der Liste der neun Gegenstände, auf die Kinder in Deutschland verzichten müssen, beträgt 0,8, sie beträgt in Kolumbien 2,4, in Algerien 3,6, in Nepal 4,2 und in Äthiopien 6,3.

Und dennoch sind die Kinder in den angegebenen Ländern glücklicher als deutsche Kinder.

Wir haben die Daten der Jakobs-Stiftung genommen und eine Regression gerechnet: Zwischen dem Ausmaß des Glücklichseins, das Kinder sich zuschreiben, und dem Fehlen von Gegenständen aus der Liste, die oben zusammengestellt ist, besteht ein Zusammenhang von r = 0.25, d.h. je weniger Gegenstände aus der Liste Kinder in ihrem Besitz haben, desto glücklicher sind sie.

Macht soziale Ungleichheit am Ende glücklich und nicht soziale Gleichheit, wie Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem Buch “The Spirit Level” behaupten?

Testen wir weiter. Dazu haben wir die Daten des HDI, des Human Development Index der UN genutzt. Der HDI beschreibt den Entwicklungsstand eines Landes im Hinblick auf u.a. die Lebenserwartung, den Lebensstandard, den Zugang zu Bildung, die Analphabetenquote usw. Auf dem HDI nimmt Norwegen Platz 1 ein, Deutschland steht auf Rang 6, Äthiopien auf Rang 173, Algerien auf Rang 93, Kolumbien auf Rang 98, um nur einige zu nennen.

Glück HDI KinderWir berechnen abermals eine Regression für die 15 Länder, aus denen die Kinder im Children’s World Survey stammen, und erhalten dieses Mal einen Zusammenhang von r = 0,26 zwischen dem durchschnittlichen Nievau an Kinderglück und dem Entwicklungsniveau: Je schlechter ein Land auf dem HDI abschneidet, je schlechter die Lebensbedingungen, je geringer die Lebenserwartung, je mehr Analphabeten in einem Land vorhanden sind, desto glücklicher sind die Kinder.

Das sagen die Ergebnisse des Children’s World Survey.

Damit deuten die Ergebnisse in eine Richtung, die in modernen Sozialstaaten vollkommen unvorstellbar ist: Die Lebenszufriedenheit und das Glück, das Kinder empfinden, könnte nicht damit zusammenhängen, ob sie mit Designer-Klamotten versorgt werden, ein Mobiltelefon haben und auch ansonsten einen Anspruch auf so ziemlich alles haben, was man als Kind so haben will, warum auch immer. Nein, Glück und Lebenszufriedenheit könnten ganz unabhängig von der Konsumfähigkeit und den vorhandenen finanziellen Ressourcen sein, was ein schwerer Schlag für die Neidindustrie wäre, die uns einzureden versucht, soziale Ungleichheit mache unglücklich und sei nicht etwa ein Ansporn für Kinder, etwas aus sich zu machen.

Unsere Ergebnisse begründen berechtigte Zweifel daran, dass eine gleiche materielle und finanzielle Ausstattung nicht nur von Kindern einen positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit und das Glück von Menschen hat. Letztere, so unsere Hypothese, hängen eher von der Selbstwirksamkeit, von der Möglichkeit, sich als eigenständigen und erfolgreichen Akteur zu erleben, ab, woraus man dann den Schluss ziehen müsste, dass das verregelte Leben in Deutschland Kinder unglücklich macht (samt ihrer Eltern).

Die Gleichheitsindustrie

Der Aufstieg der Gleichheitsindustrie, so hat Peter Saunders ein Buch überschrieben, das 2011 bei Civitas in London (The Rise of the Equality Industry) erschienen ist. Peter Sauders ist emeritierter Soziologie-Professor, der u.a. an der University of Essex gelehrt hat.

Peter SaundersSaunders hat der Universität und der institutionalisierten akademischen Welt zwischenzeitlich den Rücken gekehrt und dies mit “I used to be a Sociologist, but I’m alright now” zusammengefasst. Seit 2009 arbeitet und forscht Saunders selbständig, ein Unterfangen, das ihm durch die in angelsächsischen Ländern vorhandene Kultur privater Forschungsförderung erleichtet wird.

So hat Saunders 2011 sein Buch “The Rise of the Equality Industry” als “Fellow” beim Londoner Civitas: Institute for the Study of Civil Society verfasst.

The Rise of the Equality Industry ist ein Buch, das die Etablierung der Gleichmacher, derjenigen, die für Ergebnisgleichheit eintreten, die wollen, dass nicht mehr Leistung, sondern Gruppenzugehörigkeit darüber entscheidet, welche Auszahlung, welchen Lohn jemand erhält, nachzeichnet. Wie wir bei ScienceFiles, so sieht Saunders die Gleichheitsindustrie als anachronistische Industrie, die gegen eine nicht oder nicht mehr vorhandene Benachteiligung gesellschaftlicher Gruppen von Migranten über Homosexuelle bis zu Frauen agitiert.

Mag der Kampf für Gleichberechtigung in den 1960er Jahren noch seine Berechtigung gehabt haben, so schreibt Saunders an einer Stelle in seinem Buch, so ist diese Berechtigung lange beseitigt: Kein Gastwirt weigert sich heute noch, Schwarze zu bewirten, kein Arbeitgeber bezahlt Frauen für gleiche Arbeit einen schlechteren Lohn als Männern, sofern dies je der Fall gewesen sein sollte.

Mission accomplished – und eigentlich sollte man erwarten, dass sich die Gleichheitsindustrie nun auflöst.

Doch das tut sie nicht – im Gegenteil.

Wie alles, was es zu einer Institutionalisierung geschafft hat, partizipiert die Gleichheitsindustrie an öffentlichen Fördermitteln, ist sie verwoben mit Politikern und wie eine Krake in unterschiedliche gesellschaftliche Prozesse verstrickt, und sie zeigt nun, da ihre vorgebliche Mission abgeschlossen ist, ihr eigentliches Gesicht, das Saunders mit einem Rückbezug auf Antonio Gramsci wie wir, und wie vor allem Dr. habil. Heike Diefenbach, es regelmäßig geschrieben haben, als eine sozialistische Fratze ansieht, eine sozialistische Fratze im neuen Gewandt, denn, so Saunders, Gramsci habe eingesehen, dass es nicht möglich sei, den Kapitalismus zu überwinden, denn dafür sei der Kapitalismus einfach zu erfolgreich.

Entsprechend habe Gramsci eine Methode des kulturellen Kampfes propagiert, dessen Ziel darin besteht, den Kapitalismus von innen heraus zu zersetzen, sich quasi wie eine Schmarotzerpflanze an ihn anzulagern, von ihm zu leben und in langsam mit sozialistischen Techniken zu erdrosseln, seine Freiheit und seinen Möglichkeitsraum immer weiter einzuschränken, bis der alte Baum des Kapitalismus abgestorben ist und die sozialistische Schmarotzerpflanze triumphiert, jedenfalls solange bis sie feststellt, dass der Ernäherer verschwunden ist.

Eine besondere Rolle dabei, die individuelle Freiheit, die dem Liberalismus so wichtig ist, zu ersticken, spielen für Gramsci und alle die Jünger, die im nachgefolgt sind, Institutionen wie Schulen, Universitäten Medien, Kirchen, Familien, alle Institutionen, von denen Gramsci angenommen hat, dass sie eine prägende Wirkung auf das Bewusstsein von Individuen haben, jenes Bewusstsein, das Gramsci und seine Nachfolger gerne für ihre Zwecke manipuliert hätten.

Entsprechend, so schreibt Saunders, gehe es der Gleichheitsindustrie heute nicht mehr darum, als z.B. Homosexueller toleriert zu werden, die Gleichheitsindustrie ist auf die Durchsetzung der Hegemonie ihrer Werte fixiert, darauf, diejenigen, die diese Werte nicht unterschreiben wollen, zu kriminalisieren, darauf, Freiheit zu ersticken und einen kulturellen Wandel zu bewerkstelligen, der letztlich den Kapitalismus zerstört und, eine unabsichtliche Nebenfolge aller sozialistischen Erfolge, die Quelle, an der man sich Jahrzehnte lang gelabt hat, beseitigt.

Wir empfehlen unseren Lesern das Buch von Peter Saunders. Als kleinen Teaser hier noch einmal in seinen Worten, was wir kurz zusammengefasst haben.

Saunders hat als Brite sein Material aus der britischen Gesellschaft entnommen, was er wohl geschrieben hätte, wäre er mit dem deutschen Alltag konfrontiert gewesen?

Saunders equalities industry“For 50 years, the equalities industry in Britain has been on the front foot, driving forward its definitions of ‘fairness’ in terms of equal outcomes, and chipping away at the liberal ideal of formal equality. Almost nobody has stood up to it during this period, so resistance to its ideas and objectives now that the industry has established itself in thousand of different organisations across the country will be that much more difficult. Any political challenge will almost certainly be met by loud and vociferous claims that opponents of the equalities industry are seeking to defend ‘unfairness’ and reinforce ‘privilege’. Such claims can only be countered by a vigorous defence of the alternative, liberal conception of fairness which emphasises the principle of equal treatment under a common set of rules, and which is therefore concerned with processes rather than outcomes.

Politicians, whose instinct is to ally with the equalities industry, rather than mounting a robust challenge to its growing influence and hegemony, should understand that it is not some neutral force for good in British politics. We have seen that it has its own anti-liberal agenda, championing group identity over individual responsibility and equality of outcomes over equality before the law. As David Green suggests: ‘No doubt there are many naive champions of victim groups who think they are simply being ‘nice’, but it is no coincidence that many activists of the hard left who previously tried to inflame class divisions have switched their attention to victim groups as potentially more promising sources of hostility to liberalism’. The rhetoric of their banners may still refer to equality, but unlike the French and American revolutionaries of the eighteenth century, their agenda today is not the defence of liberal capitalism, but its dismantling.

Back in the 1920s, the Italian Marxist Antonio Gramsci realized that the industrial proletariat was never going to overthrow capitalism, as Marx had promised, and that the capitalist economic system was certainly not going to collapse under the weight of it own historical contradictions, as Marx had prophesised. Gramsci therefore proposed that a long class war against capitalism should be fought, not in the factories, but in and across the cultural institutions of modern societies – the schools, the media, the family, the churches and any other institutions which play a part in maintaining and reproducing a society’s sense of itself and its core values. The aim was to ‘transform popular consciousness’ by fostering a ‘revolutionary counter-hegemony’. In plain language, capitalism could be subverted from the inside, and intellectuals would play the leading role in undermining the foundations.

[…]

Since the 1960s, as these culture wars have been progressing, so the equalities industry has moved from ‘outsider’ to ‘insider’ status, and from the defensive to the offensive. Fifty years ago, the aim was simply to achieve tolerance for diversity – e.g. by decriminalising consensual acts of homosexuality in private, or by stopping pubs and restaurants from imposing colour bars. This was an agenda consistent with classical liberalism. But today, emboldened by their acceptance into the heart of the British establishment, radical egalitarians seek nothing less than hegemony for their moral values and beliefs and this requires the unconditional surrender of their adversaries. It is no longer sufficient that homosexuality should be tolerated for example; now the aim is to criminalize those who oppose it.

Egalitarians seek to establish their hegemony by writing their morality into the law of the land and into the rulebook of every organisation of civil society. They can then use this institutional power to purge their opponents. If you have been wondering, … why the equalities industry seems to side with the atheist against Presbyterians, or with the gays against the Pentacostalists, then here is your answer. Despite the rhetoric, modern equalities discource is not neutral. It is tied to a wider and deeper political agenda, and it is bent to its purpose. If this agenda is not opposed with a clearly-articulated, alternative conception of fairness rooted in the liberal tradition of equal treatment under a single set of rules, then liberalism itself will eventually crumble and fade away”.

Konstruktivismus fördert den moralischen Verfall

Werner J. Patzelt ist gerade mit seinem Steckbrief konfrontiert. Der Steckbrief steckt voller falscher Behauptungen und kursiert derzeit an der Universität Tübingen, wo als der “Pegida-Versteher” etikettierte Patzelt demnächst einen Vortrag halten wird.

constructivism IAlexander Ulfig hat in einem Beitrag über den inhärenten Widerspruch, den viele Linke inkorporiert haben und der darin besteht, dass man rechte Gewalt ganz furchtbar findet und linke Gewalt in viel größerem Ausmaß dagegen setzt, diesen inhärenten Widerspruch auf das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung zurückgeführt.

An Universitäten stehen konstruktivistische Ansätze in voller Blüte. Sie zeichnen sich nicht nur durch eine feindliche Haltung gegenüber der Ratio aus, sondern vor allem dadurch, dass sie die soziale Konstruktion von Wahrheit und nicht nur deren Überformung durch die Wahrnehmung, von allem, was Realität ausmacht, behaupten. Entsprechend wird für soziale Konstrukteure alles, Wahrheit wie Realität, zur Verhandlungssache.

Nun ist Wahrheit ein geschundener Begriff.

Betrachtet man ihn zunächst als Begriff, der an einen Bezugsrahmen gebunden ist, dann ist etwas immer mit Bezug auf diesen Rahmen wahr oder falsch. Im Rahmen der Mathematik gilt “25 / 5 = 5″. Insofern das Ergebnis der Berechnung richtig ist, ist die in Anführungszeichen gesetzte Aussage wahr.

Auch im Rahmen des täglichen Lebens kann man Dinge, die wahr sind, leicht entscheiden: Wenn A über B sagt, er sei ein Idiot, und C sagt B, dass A ihn als Idioten bezeichnet hat, dann sagt C die Wahrheit. Daran gibt es nichts zu drehen und nichts zu konstruieren.

Konstruieren kann man eigentlich nur am Rahmen, an Theorien, weshalb Diskussionen über Wahrheit, wenn sie mehr sein wollen als die Diskussion von Offensichtlichkeiten, immer Diskussionen über Theorien, deren Geltungsbereich und deren Bestätigungsgrad sein müssen.

Deshalb sind Genderisten, wenn sie mit ihren 1000 Geschlechtern des Wegs kommen, so lächerlich. Das tägliche für die Fortpflanzung relevante Leben kennt nur zwei Geschlechter. Deshalb wirken Sozialisten, wenn sie ihre Planspiele durchsetzen wollen, so lächerlich, denn dass eine Gesellschaft der Gleichen eine Drohung und kein erstrebenswerter Zustand ist, das ist allen klar, die ein Bild von Menschen als Individuum und nicht als Herdentier haben.

Wenn wir über Wahrheit streiten, dann geht es also immer um den Bezugsrahmen, der das, was wir für wahr halten, vorgibt. Kreationisten, die denken, die Welt sei durch Gott geschaffen, leiten ihre sonstigen Aussagen von dieser Aussage ab. Astronomen und Physiker, die denken, die Datenlage spreche für den Beginn unserer Zeitrechnung in einem Big Bang, gehen eben von diesem aus und beurteilen ihre Aussagen in Bezug auf den Big Bang und der Entwicklung, wie sie sich auf Grundlage physischer Gesetze bzw. von Naturgesetzen rekonstruieren und vorherberechnen lässt.

Popper objektive ErkenntnisDass es zwei Fraktionen wie Kreationisten und Physiker gibt, hat aber nichts damit zu tun, dass Wahrheit konstruiert wäre, wie es Konstruktivisten glauben. Wahrheit ist, wie Karl Raimund Popper einmal gesagt hat, eine regulative Idee: Auch wenn wir nie sicher sein können, dass wir Wahrheit gefunden haben, so brauchen wir die Wahrheit als Kriterium für Wissensfortschritt. Wahrheit wird daher zur Übereinstimmung mit der Realität, wie sie unabhängig voneinander wahrnehmende Akteure zur selben Zeit und am selben Ort und im selben Ausmaß wahrnehmen können.

Und diese regulative Idee haben Konstruktivisten aufgegeben. Für sie ist alles dieselbe Soße. Die Brocken in der Soße ergeben sich aus kommunikativer Übereinkunft. Wir kommen überein, die Brocken als vorhanden anzusehen und ab sofort zu behaupten, dass es 1000 Geschlechter gibt, denn: Alles ist verhandelbar und wird von den Grillen abgeleitet, die diejenigen gerade haben, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Grillen gerade in den öffentlichen Diskurs tragen dürfen oder können. Entsprechend gibt es für Konstruktivisten keine Wahrheit, sondern Wahrheits-Moden. Derzeit halten sie heute die 1000 Geschlechter für wahr, morgen werden sie einen anderen Spleen verfolgen.

Nun stellt sich angesichts der Anhänger, die der Konstruktivismus gefunden hat, die Frage, was so attraktiv daran ist, die Existenz von Wahrheit zu leugnen. Die Antwort kommt dieses Mal aus Israel (aber nicht in Form von 10 Geboten und Steintafeln…).

Dort haben Andrea Pittarello, Margarita Leib, Tom Gordon-Hecker und Shaul Shalvi eine Reihe interessanter Experimente durchgeführt, bei denen es darum geht, die Abhängigkeit von Wahrheit bzw. eher Wahrheitsliebe von bestimmten Situationen zu untersuchen. Es geht also um soziale Situationen und die Frage, wie diese sozialen Situationen bestimmt und bewertet werden können.

Herausgekommen ist, dass in ambivalenten Situationen, also in Situationen, die sich dadurch auszeichnen, dass man nicht sofort erkennen kann, was wahr ist, Lügen häufiger vorkommen als in eindeutigen Situationen. Anders formuliert: Es gibt eine Reihe von Zeitgenossen, die unklare Situationen dazu ausnutzen, ihre eigenen Interessen, ihren eigenen Vorteil zu verfolgen, Zeitgenossen, die nicht über die ethisch-moralische Integrität verfügen, eine sie bevorteilende Lüge zu unterlassen, wenn sie der Ansicht sind, eine Entdeckung dieser Lüge sei nicht wahrscheinlich.

Ambivalenz ist das Kredo des Konstruktivismus, dessen Anhänger geradezu die Unklarheit von Situationen zu zelebrieren scheinen, jedenfalls dann, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen. Ambivalenz wird im Rahmen des Konstruktivismus brachial hergestellt: Dadurch, dass man behauptet, Wahrheit sie das Ergebnis sozialer Verhandlungen (wobei die Wahrheit dieser Behauptung von Konstruktivisten seltsamerweise vorausgesetzt wird…). Der Vorteil dieser Behauptung: Die eigenen Konstruktionen müssen nicht mit der Realität übereinstimmen, und von der eigenen Konstruktion abweichende Positionen, also aus Sicht der Konstruktivisten andere (am Ende falsche?) Konstruktionen, können mit sprachlichen Mitteln und ohne Rücksicht auf die Wahrheit angepöbelt werden.

Das ist die Situation, in der sich Werner J. Patzelt gerade befindet, der sich mit der Realität gegen die falschen Behauptungen “des Gastes (der Autor des Steckbriefes versteckt sich hinter diesem Pseudonym)” wehrt, der in Tübingen einen Steckbrief voller Falschheiten über Patzelt verbreitet.

Die Verleumdung und Diskreditierung von Personen mit anderen Meinugen floriert im Konstruktivismus, denn die Anhänger der unterschiedlichen Sozialkonstruktionen, seien sie Sozialismus-Mystiker, Genderismus-Verklärte oder nachhaltige Klimaretter (Die nachhaltigste Entlastung des Klimas ist übrigens der Selbstmord der um das Klima Besorgten. Die Einsparungen an Folgekosten, die durch die Selbstentsorgung der entsprechenden Existenzen entstehen, sind immens.), diese Anhänger sind bar jeglicher moralischer oder ethischer Erwägungen.

Weder haben Sie moralische Prinzipien noch leben sie eine praktische Ethik, denn: beides ist entscheidbar, ist bindend.

Ethics and importanceD.h.: Wer sich zu bestimmten moralischen Prinzipien bekennt, z.B. zur Fairness, die ausschließt, dass man über Dritte Unwahrheiten in die Welt setzt oder Personen mit anderer Meinung diffamiert, der schließt damit bestimmte Handlungsweisen, die nicht seinen moralischen Prinzipien entsprechen, aus. Steckbriefe, wie der, dem sich Werner Patzelt gegenüber sieht, sind ein Indiz für die Abwesenheit moralischer Prinzipien und ein Indiz für das Fehlen einer praktischen Ethik, denn Ethik meint nichts anderes, als im Einklang mit den eigenen, für sich selbst beanspruchten moralischen Prinzipien, also authentisch und im Hinblick auf die eigenen moralischen Prinzipien wahrhaftig zu handeln.

Das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung, das Alexander Ulfig konstatiert, kann somit auf die willkürliche Herbeiführung von Ambivalenz, wie sie durch den Konstruktivismus erfolgt, zurückgeführt werden, womit auch erklärt wäre, warum die entsprechend Befallenen vornehmlich im Dunstkreis von Hochschulen zu finden sind, blühen doch gerade an Hochschulen in den letzten Jahren Irrationalismen und offen die Rationalität ablehnende Konstruktivismen, wie der Genderismus und der Sozialismus in all seinen Spielformen.

Wie die Kausalität verläuft, ist indes unklar:

Ziehen Ideologien, die behaupten, die Wirklichkeit sei eine ambivalente Brühe, die man nach eigenem Gutdünken interpretieren könne, schwache Persönlichkeiten an, die eine Surrogatidentität suchen, die es ihnen erlaubt, individuelles Nichts und kollektives Etwas zugleich zu sein, wobei die Voraussetzung zum individuellen Nichts darin besteht, keine Moral und keine Ethik, eben keine Person zu besitzen? Oder ist es so, dass sich die entsprechenden Nichtse zusammenfinden, um zum kollektiven Etwas zu transzendieren, das sich dadurch auszeichnen muss, Identität zu verleihen ohne die individuelle Nichtigkeit zu gefährden, ein Kunststück, das nur der Konstruktivismus vollbringen kann?

Wie auch immer die Kausalität verläuft, sie verläuft zwischen individuellem Nichts und kollektivem Etwas.

Zur Studie:

Pittarell, Leib, Gordon-Hecker und Shalvi haben eine Vielzahl von Probanden, regelmäßig zwischen 7 und 40, unterschiedlichen Experimenten unterzogen, mit denen sie u.a. die Frage klären wollten, in welchen Situationen es besonders wahrscheinlich ist, dass ein Proband eine Lüge erzählt. Die Probanden saßen dazu vor Computern, auf denen regelmäßig sechs Würfel an sechs Orten dargestellt wurden. Aufgabe der Probanden war es, jeweils den Wert des Würfels, der sich am nächsten an Ort X befunden hat, zu berichten. Die Probanden erhielten für ihre Teilnahme eine Vergütung in Abhängigkeit vom Würfelergebnis, wobei sie in zwei Gruppen geteilt waren: Die Vergütung in Gruppe A wuchs mit der Höhe der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Die Vergütung in Gruppe B wuchs mit der Akkuratheit der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Probanden in Gruppe A häufiger logen als die Probanden in Gruppe B, was offensichtlich darauf zurückzuführen ist, dass Probanden in Gruppe A einen pekuniären Vorteil mit ihren Lügen erreichen konnten. Das Ausmaß an Lügen stieg in Gruppe A mit der Ambivalenz der dargestellten Ergebnisse: War zwar entscheidbar, welcher Würfel am nächsten zum Ort X lag, die Situation aber insofern ambivalent als ein zweiter Würfel recht nahe bei X, wenngleich weiter entfernt als der erste Würfel lag, dann erhöhte dies die Anzahl der Lügen.

Die Experimente, die Versuchsanordnung und die Daten der Experimente sind hier vollständig dokumentiert. Wer Lust hat, die Ergebnisse der Experimente zu prüfen, der kann dies also tun – was zeigt, Pittarello et al. sind keine Anhänger des Konstruktivismus.

Pittarello, Andrea, Leib, Margarita, Gordon-Hecker, Tom & Shavi, Shaul (2015). Justifications Shape Ethical Blind Spots. Psychological Science. DOI:10.1177/0956797615571018

Junk Science: Homosexuelle werden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert

Nick Drydakis wird langsam zu einem Dauergast auf ScienceFiles.

In der Vergangenheit hat er bereits herausgefunden, dass die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr das Verdienst in die Höhe treibt. Warum das so sein soll? Niemand weiß es.

Dann hat Drydakis herausgefunden, dass Homosexuelle weniger mit ihrer Arbeit zufrieden sind als Heterosexuelle, umso weniger, wenn sie sich geoutet haben, und – schlimmer noch – dass Homosexuelle schlechter bezahlt werden als Heterosexuelle.

Drydakis ist “A Man on a Mission” wie es scheint.

junk_scienceNun hat Nick Drydakis die Reihe der Junk Science um einen weiteren Beitrag bereichert, in dem er aus seiner Sicht nachweist, dass Homosexuelle auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden. Der Beitrag ist in Human Relations erschienen und wird von Sage umsonst feil geboten. Wer ihn haben will: Hier ist der Link.

Die Schlussfolgerungen im Beitrag, sie sind voller Generalisierungen:

Sexuelle Minderheiten sind mit schwerwiegenden Fehlwahrnehmungen und Hürden auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert.

Schwule werden beim Versuch, einen männerdominierten Berufe zu ergreifen, diskriminiert, Lesben beim Versuch, einen frauendominierten Beruf zu ergreifen.

Es gibt einen statistisch signifikanten und negativen Effekt, der von einer homosexuellen Orientierung auf die Berufschancen ausgeht.

Kurz: Homosexuelle werden am Arbeitsmarkt diskriminiert, und zwar alle.

Diese allgemeinen und weitreichenden und hoch generalisierten Schlussfolgerungen basieren auf 5549 Bewerbungsschreiben, die 144 Studenten von 12 Universitäten im Vereinigten Königreich an potentielle Arbeitgeber verschickt haben. Dabei haben sich immer Paare von Studenten auf dieselbe Stelle beworben, Paare, die sich durch eine Angabe im Lebenslauf unterschieden haben: Einer, der beiden Studenten hatte in seinem Lebenslauf den Hinweis, er habe Fähigkeiten (finanzielle und organisationale) im Rahmen seiner Tätigkeit für die Schwulen und Lesben Union an seiner Hochschule erworben, der andere hatte entweder einen Hinweis auf die entsprechende Tätigkeit im Rahmen einer Studenten-Union, die mit Menschenrechten befasst ist oder keinen entsprechenden Hinweis, das geht aus dem Text von Drydakis nicht genau hervor.

Wie dem auch sei, Schwule und Lesben (die sind für Drydakis mit den Aktivisten in schwulen und lesbischen Studenten-Unionen identisch) werden seltener zu Job-Interviews eingeladen als die Vergleichsgruppe (wer auch immer die Vergleichsgruppe sein mag). Und dieses Ergebnis ist die Grundlage, auf der die oben zitierten weitreichenden Aussagen basieren.

Eine ziemlich dünne Grundlage.

Setzt die entsprechende Interpretation doch eine Reihe von Annahmen voraus.

Versetzen wir uns in die Rolle eines Angestellten einer Personalabteilung, denn es sind Angestellte in der Personalabteilung, im HR-Management, die die Bewerbungen lesen und nicht “Unternehmen”, wie Drydakis meint.

Dieser Angestellte ist mit einer Reihe von Bewerbungen auf Stellen konfrontiert, darunter zwei, die Herr Drydakis lanciert hat. Angesichts der Arbeitsmarktlage sind es vermutlich zwei Bewerbungen unter mindestens 50 Bewerbungen.

Unser Angestellter ist also mit in jedem Fall mehr als zwei Bewerbungen konfrontiert.

Er beginnt den Filterprozess.

Er sucht nach geeigneten Kandidaten anhand einer Kriterienliste, die er hoffentlich vorliegen hat, die er aber nicht immer anwenden kann, weil die Anschreiben und Lebensläufe, die er erhält, unterschiedlich sind, weil manche Lebensläufe Angaben, die er bräuchte, nicht enthalten, während andere die entsprechenden Angaben und noch mehr Angaben enthalten, die er für relevant und wichtig erachtet.

DrydakisIIIIrgendwann während er die Bewerbungen durchsieht, stolpert er über die beiden Bewerbungen der Drydakis-Dummies, die sich nach Ansicht von Drydakis nur darin unterscheiden, dass eine der beiden Bewerbungen, den Hinweis auf den Aktivismus in einer Schwulen und Lesben Union enthält (woraus der Personaler dann schließen muss, dass der entsprechende Bewerber schwul oder lesbisch ist).

Dass die beiden Bewerbungen zudem Lichtbilder enthalten, die nicht identisch sind, lassen wir außen vor, und dass belegte Kurse, Ethnizität und Familienstand, selbstberichtete Persönlichkeitscharakteristiken, Fähigkeiten und Freizeitaktivitäten ausreichende Kriterien sind, um zwei Studenten als gleich bis auf den schwulen oder lesbischen Aktivismus anzusehen, das wollen wir auch mit ihm zusammen annehmen.

Machen wir alle diese sehr großzügigen Annahmen, dann müssen wir für unseren Angestellten in der Personalabteilung annehmen, dass ihm diese Gleichheit im Bewerberprofil auffällt.

Wir müssen ferner annehmen, dass ihm nicht nur diese Gleichheit auffällt, sondern auch der für Drydakis entscheidende Unterschied, der in der sexuellen Orientierung, also im schwul-lesbischen Aktivismus bestehen soll.

Zudem müssen wir annehmen, dass dieser Unterschied und nur dieser Unterschied dazu führt, dass die Bewerbung des schwulen und lesbischen Aktivisten ausgesondert wird, während die des Bewerbungs-Partners nicht ausgesondert wird.

Wir müssen darüber hinaus annehmen, dass es keine anderen Gründe für diese Aussonderung gibt, dass der Angestellte in der Personalabteilung also in ähnlicher Weise auf die sexuelle Orientierung fixiert ist, wie Herr Drydakis.

Ziemlich viele Annahmen, wie wir finden.

Geht man seinen Analysen vor diesem Hintergrund etwas auf den Grund, dann ergeben sich folgende Zusammenhänge:

Für männliche Bewerber:

  • In 64,5% der Bewerbungen wurde mindestens einer der beiden Bewerber eingeladen.
  • In 58,7% der Bewerbungen wurden beide Bewerber eingeladen.
  • In 8,6% der Bewerbungen wurde nur der heterosexuelle Bewerber eingeladen.

Für weibliche Bewerber:

  • In 65,9% der Bewerbungen wurde mindestens einer der beiden Bewerber eingeladen.
  • In 60,1% der Bewerbungen wurden beide Bewerber eingeladen.
  • In 5,7% der Bewerbungen wurde nur der heterosexuelle Bewerber eingeladen.

Es sind die 8,6% bzw. die 5,7%, die Drydakis stören. Sie sind der Ausdruck von Diskriminierung, so meint er.

Nun muss man bedenken, dass die 5549 Bewerbungsschreiben von nur 144 Studenten, darunter 72 heterosexuelle und 72 homosexuell aktivistische Studenten verschickt wurden.

knoweldge gapJeder Student hat somit bis zu 39 Bewerbungen verschickt. Jeder Bewerber geht mit maximal 39 Bewerbungen in die Berechnungen von Nick Drydakis ein. Rechnerisch wäre es daher möglich, dass die insgesamt 312 Fälle, in denen kein homosexuell-aktivistischer Bewerber zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, immer die selben 8 Bewerber betroffen hat, denn 312 / 39 = 8.

Ob dem so ist, könnte man leicht prüfen, hätte Drydakis seine Ergebnisse im Hinblick darauf dokumentiert, ob sich die Einladungen über die Bewerber gleich verteilen. Das hat er aber nicht getan. Das an sich ist schon erstaunlich, denn eine Angabe der Verteilung des Einladungserfolgs über die Bewerber, z.B. als Mittelwert mit Standardabweichung, ist eigentlich Standard. Fehlt die Angabe, dann muss man Schlimmes befürchten.

Aber selbst wenn eine Gleichverteilung der Einladungen bzw. Ablehnungen über die Bewerber zu beobachten wäre, so ist die Annahme, dass es ausgerechnet der homosexuelle Aktivismus gewesen sein soll, auf den Angestellte in Personalabteilungen fixiert sind, doch eine eher gewagte Annahme.

Aber selbst wenn die Angestellten in Personalabteilungen die Fixierung von Drydakis auf die sexuelle Orientierung teilen und nicht etwa negativ auf studentische Aktivisten reagieren, dann wäre noch zu zeigen, dass Diskriminierung und nicht andere Erwägungen hinter ihrer Entscheidung stehen, vermeintlich homosexuelle Bewerber nicht einzuladen.

Möglicherweise hat man im Unternehmen negative Erfahrungen mit homosexuellen Bewerbern gemacht, negative Erfahrungen, die man nie und nimmer der sexuellen Orientierung zugeschrieben hätte. Aber seit es Aktivisten wie Drydakis gibt, haben die entsprechenden Orientierungen eine Prominenz erreicht, die für sich schon dafür sorgt, dass die Anti-Diskriminierungs-Aktivisten das Gegenteil dessen erreichen, was sie erreichen wollen.

Und um den Reigen zu schließen: Wenn manche Homosexuelle nicht mögen, dann ist auch das zu akzeptieren. Man kann freie Bürger ebenso wenig dazu zwingen, einem homosexuellen Aktivisten ein Zimmer zu vermieten oder einen Arbeitsplatz zu geben, wie man sie dazu zwingen kann, einem feministischen, sozialistischen, rechtsextremen oder natonalistischen Aktivisten ein Zimmer zu vermieten oder einen Arbeitsplatz zu geben. Eine Demokratie muss das aushalten und sich damit abfinden, dass für viele z.B. Personalverantwortliche bereits das Bekenntnis eines Bewerbers zu einem beliebigen Aktivismus ausreicht, um sich für andere Bewerber zu entscheiden.

Die explorative Tagung

Data speak to me!

Diese Aufforderung richten quantative Sozialforscher regelmäßig an ihre Daten, wenn sie so gar keine Ahnung davon haben, was sie einmal forschen könnten, was sie erwarten und worauf hin sie ihre Daten analysieren wollen.

SPSS FAEntsprechend wird dem Datenmaterial z.B. mit einer Faktorenanalyse, regelmäßig in der Voreinstellung ab SPSS-Werk, zu Leibe gerückt und interpretiert, was herauskommt.

Explorative Verfahren nennen quantitative Sozialforscher Methoden wie die Faktorenanalyse, die, zu ihrer Ehrenrettung sei es angemerkt, auch konfirmatorisch eingesetzt werden kann, also zur Bestätigung einer theoretischen Annahme.

Explorative Verfahren, also die Aufforderung “Data Speak to me!”, sind unter quantitativen Sozialforschern relativ schlecht angesehen. Wer sie als Allein-Statistikmittel einsetzt, nicht theoriegeleitet vorgeht und dafür keine konkreten Gründe hat, der gilt als Datenfuzzi, als einer, der dem Output in SPSS auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Explorative Verfahren sind dagegen für viele qualitative Sozialforscher zentral, denn qualitative Sozialforscher wollen oftmals verstehen, was sie nicht verstehen, lernen, was sie nicht kennen, hören, was sie angeblich nicht erwarten, denn sie beanspruchen oftmals, ihrem Forschungsgegenstand ohne jegliche Voreinstellung zu Leibe zu rücken. Wie sie, bar aller Voreinstellung, überhaupt in der Lage sind, ihren Forschungsgegenstand zu finden, ist eine Frage, die bislang unbeantwortet geblieben ist.

Und obwohl explorative Verfahren in der Findungsphase, da, wo man sich seinem Forschungsgegenstand nähert, eine Funktion als Lieferanten von Hypothesen, die man dann testen kann, erfüllen, sind sie doch in letzter Zeit arg strapaziert und auf Felder ausgeweitet worden, die advers zu jeglicher Erkenntnis sind. Sie sind zum netten Gespräch, zum Austausch unter Gleichgesinnten oder zum andächtigen Lauschen im Experteninterview verkommen und dienen regelmäßig dazu, dem Forscher, der von Methoden keine Ahnung hat, die Möglichkeit zu bieten, die Ideen, die er nicht hat, von Dritten geliefert zu bekommen.

Leider hat die qualitative Sozialforschung bislang noch keine Befragungsmethode entwickelt, die nicht nur die Ideenlieferung, sondern auch die Interpretation der Ideen leistet, aber das ist vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Explorative TagungDenn: Die Entwicklung neuer qualitativer Verfahren schreitet stürmisch voran.

Gestern hatten wir noch das Tiefeninterview, bei dem sich Befragter und Befragender darum streiten, wer auf der Couch liegen darf, heute haben wir die explorative Tagung.

Die explorative Tagung ist für alle geeignet, die:

  • finanzielle Mittel für eine Tagung ausgeben müssen, bevor sie verfallen,
  • keine Idee haben, zu welchem Thema sie eine Tagung ausrichten sollen,
  • keine Erwartung dahingehend haben, was bei der Tagung herauskommen soll,
  • sicherstellen wollen, dass eine Reihe von Beiträgen zur Tagung eingereicht wird, und zwar von Leuten, die zwar auch keine Idee haben, aber den freien Kontext der explorativen Tagung zu schätzen wissen, um zu sagen, was sie schon immer einmal sagen wollten;

Entwickelt wurde die Methode der explorativen Tagung von Pia Schmid (Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg), Eva Labouvie (Otto-von-Guericke-Universität Madgeburg) und Michaela Frohberg (Koordinierungsstelle für Frauen und Geschlechterforschung Sachsen-Anhalt).

Beschrieben wird die neue Methode des “anything goes” wie folgt:

“Für jeden Beitrag werden etwa 45 Minuten (30 Minuten Vortrag, 15 Minuten Diskussion) zur Verfügung stehen. Wir möchten bewusst auf eine thematische Einschränkung verzichten und stattdessen ein breites interdisziplinäres Spektrum an Themen zusammenführen. Alle interessierten Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich mit Forschungsthemen und der Vorstellung von Projekten an der Tagung beteiligen möchten, bitten wir um Zusendung von Arbeitspapieren (ein bis drei Seiten) bis zum 31. Mai 2015 an folgende Adresse:
Michaela.Frohberg@ovgu.de

Alle Leser, die zum “5. Landesweiten Tag der Genderforschung in Sachsen-Anhalt” einen Vortrag beisteuern wollen, welchen Vortrag auch immer, sind aufgerufen, ihre Idee an Michaela Frohberg zu richten.

Gibt es etwas, was Sie schon immer einmal sagen wollten? Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Die explorative Tagung, die das Land Sachsen-Anhalt, seines Zeichens ein Nehmerland im Länderfinanzausgleich, finanziert, macht es möglich.

Haben Sie auch keine Idee, aber die Fähigkeit, viele Worte um nichts zu machen? Melden Sie sich bei Michaela Frohberg. Wenn es darum geht, Steuergelder zu ver(sch)wenden, dann ist jedes Mittel recht.

Haben Sie zwar keine Ahnung von Wissenschaft, aber viel von Geschlecht? Ihre Idee und ihr Vortrag sind gefragt. Melden Sie sich als Nachwuchswissenschaftler unter der eMail-Adresse, die oben genannt ist.

Zuwanderung von Aussiedlern erhöht die Kriminalität

Die Frage, wie sich Zuwanderung (Immigration) auf das Ausmaß der Kriminalität im Aufnahmeland auswirkt, wird unter Wissenschaftlern seit Jahrzehnten diskutiert (auch wenn es seit neuerer Zeit politisch nicht korrekt ist, diese Frage zu untersuchen). Die Diskussionen um Ausländerkriminalität aus den 1980er und 1990er Jahren kamen zu dem Ergebnis, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik und vor allem ihr Zustandekommen keine aussagekräftige Basis darstellt, um fundierte Aussagen über Ausländerkriminalität machen zu können. Internationale und vor allem ökonomische Studien, die sich mit der Frage von Zuwanderung und Kriminalität befasst haben, haben in der Regel einen geringen bis moderaten Effekt von Zuwanderung auf Kriminalität festgestellt.

Nun gibt es eine nagelneue Untersuchung, die Marc Piopiunik und Jens Ruhose, beide am Ifo-Institut in München beschäftigt (Piopiunik darüber hinaus an der Harvard Kennedy School of Government), durchgeführt haben. Und sie kommen zu einem anderen Ergebnis:

“We find that the inflow of ethnic German immigrants strongly increased crime rates. Importantly, we find that the crime impact depends heavily on the labor market condition in a region. In a region with low unemployment, immigration does not increase crime. In contrast, in regions with high unemployment, immigration raises crime rates substantially” (20).

Die Zuwanderung von Aussiedlern erhöht demnach die Kriminalität im Zuzugsgebiet erheblich, wobei der Effekt auf Zuzugsgebiete begrenzt ist, die eine hohe Arbeitslosenquote aufweisen.

Der Reihe nach.

Daten

Piopiunik und Ruhose haben für ihre Analysen eine Situation ausgenutzt, die in der Methodenlehre als quasi-Experiment bekannt ist. Deutschstämmige Aussiedler sind seit Beginn der 1990er Jahre in großer Zahl nach Deutschland gekommen. Mehr als 3 Millionen Aussiedler haben die Möglichkeit genutzt, nach Deutschland einzuwandern und postwendend die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten (siehe die Abbildung).

Ethnic German Influx

Quelle: Piopiunik & Ruhose, 2015: 25.

In Deutschland angekommen, wurden die Aussiedler nach einem festen Schlüssel, der das Bruttosozialprodukt und die Einwohnerzahl berücksichtigt hat, auf die Landkreise und kreisfreien Städte der Bundesländer verteilt. Einmal zugewiesen, mussten die Aussiedler am ihnen zugewiesenen Ort verbleiben. Deutschstämmige Aussiedler, die sich nicht an die Zuweisung gehalten haben und den Wohnort gewechselt haben, verloren ihren Anspruch auf eine Wohnung und die ihnen gezahlten Sozialleistungen, eine erhebliche Drohung, wie Piopiunik und Ruhose zeigen, denn einer Untersuchung von Haug und Sauer zufolge (2007: 120) hätten nur 11% der Aussiedler keine Sozialleistungen bezogen, nur 36% gaben an, innerhalb der ersten drei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland gearbeitet zu haben, und 80% der Aussiedler lebten in Wohnungen, die ihnen von den Kommunen zur Verfügung gestellt wurden.

Vergleicht man die deutschstämmigen Aussiedler mit der deutschen Wohnbevölkerung, dann zeigt sich, dass die Aussiedler eine geringere Bildung aufweisen, wesentlich häufiger auf Hauptschulen zu finden sind, ein deutlich geringeres Einkommen beziehen und viel häufiger arbeitslos sind. Darüber hinaus weist die Mehrzahl von ihnen keine guten deutschen Sprachkenntnisse auf.

Die Berechnungen, die Piopiunik und Ruhose durchgeführt haben, basieren auf aggregierten Zahlen für 185 westdeutsche Landkreise und kreisfreie Städte und auf einem Zeitraum von 10 Jahren. Auf Ebene der Landkreise wurden Kriminalitätsraten berechnet (Anzahl der berichteten Delikte per 100.000 Einwohner). Es wurde die Zuwanderungsrate deutschstämmiger Aussiedler berechnet (Anzahl der Aussiedler per Einwohnerzahl). Das Bruttosozialprodukt für den entsprechenden Landkreis oder die entsprechende kreisfreie Stadt, die entsprechende Arbeitslosenrate und der Anteil von Immigranten, die sich bereits vor Zuwanderung der Aussiedler in dem entsprechenden Landkreis bzw. der kreisfreien Stadt befunden haben, wurden zudem in den Analysen berücksichtigt.

Ergebnisse:

  • IZA8962Eine Zuwanderungsrate von einem deutschstämmigen Aussiedler pro 1000 Einwohner erhöht die Kriminalitätsrate um 0.9% (Anders formuliert, bei 20000 Einwohnern und 2000 Delikten pro Jahr, erhöht sich die Anzahl der Delikte bei 20 Zuwanderern um 18 Delikte).
  • Erfolgt die Zuwanderung in Landkreise oder kreisfreie Städte mit hoher Arbeitslosigkeit, dann erhöht sich die entsprechende Kriminalitätsrate um 1,5% (20 Zuwanderer entsprechen 30 zusätzlichen Delikte).
  • Der Effekt der Zuwanderung von deutschstämmigen Aussiedlern auf die Kriminalitätsrate ist in Landkreise bzw. kreisfreien Städten, die bereits eine hohe Kriminalitätsrate vor der Zuwanderung hatten, besonders ausgeprägt.
  • Am deutlichsten fällt die Zunahme der Kriminalitätsraten infolge der Zuwanderung bei Einbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung aus.

Zusammengenommen kann man feststellen: Die Zuwanderung von deutschstämmigen Aussiedlern in Landkreise oder kreisfreien Städte mit hoher Arbeitslosigkeit hat einen erheblichen Effekt auf die Kriminalität, einen umso höheren, je höher die Kriminalitätsrate vor der Zuwanderung bereits war.

Was kann man aus diesen Ergebnissen schließen?

Die Ergebnisse basieren auf Aggregatdaten, d.h. es werden Zuwanderungsraten mit Kriminalitätsraten pro Landkreis oder kreisfreier Stadt ins Verhältnis gesetzt. Daraus kann man nicht schließen, dass es eine Kausalität derart gibt, dass die Zunahme der Kriminalität auf kriminelle Aussiedler zurückgeht, denn es ist denkbar, dass die Zuwanderung in ökonomisch sowieso schon angespannte Lagen die Bereitschaft zur Kriminalität bzw. die Kriminalität der bereits dort lebenden Bevölkerung erhöht. Anders formuliert: Die Zuwanderung ist der Anlass für mehr Krimninalität, die Zuwanderer aber nicht die Kriminellen.

Entsprechend muss man zwischen einem direkten Effekt und einem indirekten Effekt der Zuwanderung unterscheiden. Ein direkter Effekt liegt vor, wenn die Zunahme der Kriminalität auf kriminelle Zuwanderer zurückgeführt werden kann. Ein indirekter Effekt liegt vor, wenn die Zunahme der Kriminalität eine Reaktion von Einwohnern des Landkreises oder der kreisfreien Stadt auf die Zuwanderung ist.

Welcher der beiden Effekte zutrifft, ist eine empirische Frage, die Piopiunik und Ruhose nicht untersucht haben. Allerdings verweisen sie auf eine Reihe von Untersuchungen, die als Indiz dafür gewertet werden können, dass es einen direkten Effekt gibt, dass die Zunahme der Kriminalität von Aussiedlern verursacht ist:

  • Eine Untersuchung von 19 Jugendstrafvollzugsanstalten in Westdeutschland kommt zu dem Schluss, dass Aussiedler unter den Häftliingen zu 100% überrepräsentiert sind.
  • Statistiken des Landeskriminalamts Baden-Württemberg zeigen, dass Aussiedler unter den Tatverdächtigen überproportional häufig sind.
  • Daten aus Jugendstrafvollzugsanstalten in Baden-Württemberg zeigen für den Zeitraum von 1990 bis 2001 eine Zunahme des Anteils der Aussiedler von 0,5% auf 19,1% der Häftlinge.

Diese Indizien sprechen also dafür, dass die Zunahme der Kriminalität durch deutschstämmige Aussiedler und somit durch Zuwanderung zumindest mitverursacht wurde.

Somit stellt sich die Frage, wie die höhere Kriminalität von deutschstämmigen Aussiedlern zu erklären ist und vor allem, wie zu erklären ist, dass ihre Kriminalitätsraten die für andere Immigrantengruppen gemessenen Kriminalitätszuwächse deutlich übersteigen?

MIgrantenfamilienDie Antwort, die Piopiunik und Ruhose als Hypothese in den Raum stellen, ist ebenso einleuchtend wie naheliegend: Deutschstämmige Aussiedler erhalten mit Einwanderung die deutsche Staatsbürgerschaft, d.h. sie stehen nicht in der Gefahr einer Ausweisung, wenn sie straffällig werden: “This lowers the expected conviction costs which, in turn, are predicted to increase crime propensities” (14).

Die Untersuchung von Piopiunik und Ruhose ist ein Beispiel für eine sorgfältige, eine ausgewogene und eine Untersuchung nach den Regeln der wissenschaftlichen Kunst. Studenten, die sehen wollen, wie eine gute Untersuchung konzipiert, durchgeführt und ausgewertet wird, sei die Untersuchung ausdrücklich empfohlen. Insbesondere sei die Untersuchung Soziologen empfohlen, die langsam beschämt sein müssten angesichts der Tatsache, dass die guten und interessanten Studien zu Hausthemen der Soziologie wie Migration und Kriminalität fast nur noch von Ökonomen durchgeführt werden.

Piopiunik, Marc & Ruhose, Jens (2015). Immigration, Regional Conditions, and Crime: Evidence From an Allocation Policy in Germany.  Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No. 8962

Die Rechtfertigung von Kriegen

Wen man von Kriegen redet, dann befindet man sich als Deutscher in theoretischer und in praktischer Hinsicht auf einem Gebiet, das auf eine Vielzahl von Vorabeiten verweisen kann, etwa auf “Vom Kriege” von Carl von Clausewitz.

Darin findet sich nicht nur eine Definition von Krieg, sondern auch eine Bestimmung des Zwecks und der Mittel des Krieges.

Carl von Clausewitz“Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen.

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.

Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Künste und Wissenschaften aus, um der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen, die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte, begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen. Gewalt, d. h. die physische Gewalt (denn eine moralische gibt es außer dem Begriffe des Staates und Gesetzes nicht), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. Es vertritt den Zweck und verdrängt ihn gewissermaßen als etwas nicht zum Kriege selbst Gehöriges.”

Die Definition von Krieg als “ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen” ist spannend, zeigt sie doch, dass Krieg eine Unterkategorie von Macht darstellt oder ein Mittel zur Machtdurchsetzung, denn Macht ist definiert als Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. Joseph S. Nye macht diese Kategorisierung deutlich, wenn er zwischen hard und soft power als Mittel zur Durchsetzung von Macht unterscheidet und Krieg zur hard power zählt.

Krieg bzw. seine Rechtfertigung ist Gegenstand einer Tagung, die vom 9. bis zum 11. April 2015 in der Europäischen Akademie Olzenhausen durchgeführt wird. Die Tagung steht Studenten und der interessierten Öffentlichkeit offen. Erstere müssen sich für 35 Euro, Letztere für 80 Euro einkaufen, um ihr Interesse befriedigen zu können.

Siebenjaehriger KriegDafür werden sie mit einer Reihe interessanter Vorträge unterhalten, in denen unter anderem die Rolle der Religion als Mittel zur Rechtfertigung von Kriegen analysiert wird. Die Gepflogenheit, Religion als Rechtfertigung von Kriegen einzusetzen, ist alt. Religion wurde nicht erst in den Kreuzzügen als Vorwand genutzt. Seit den Anschlägen auf das World-Trade Center in New York erlebt die religiöse Kriegsrhetorik eine neue Blüte. Eine Reihe von Vorträgen befasst sich mit diesem vermutlich von George W. Bush angestoßenen Phänomen und verfolgt die Geschichte religiöser Legitimation des Tötens bis zum Islamischen Staat.

Andere Vorträge widmen sich der Freiheit als Legitimation des Krieges, z.B. im Kontext der Französischen Revolution, jener blutigen Angelegenheit, in deren Verlauf die ursprünglichen Ideale schnell verschwunden sind (bzw. vergessen wurden). Freiheit als Rechtfertigung von Kriegen eignet sich auch nach Beendigung des Krieges, quasi zur posthumen Legitimation. Die Griechen haben es nach dem Ende ihres Krieges gegen die Perser praktiziert und damit wirtschaftliche und territoriale Interessen unter dem Banner der Freiheit versteckt.

Schließlich gibt es eine Reihe von Vorträgen, die sich mit Begründungen für Kriege befassen, zu denen sich selbst absolutistische Herrscher genötigt gesehen haben. So hat Luduwig der XIV seinen Überfall auf die Niederlande ebenso zu legitimieren gesucht wie Friedrich der Große seinen Krieg gegen Österreich, der der Annexion von Schlesien diente – übrigens mit dem Argument der “Erbverbrüderung”, also damit, dass wegen Aussterbens des schlesischen Herrschergeschlechts nunmehr das Land und seine Leute an Preußen fallen sollen.

Eine ganze Reihe interessanter Vorträge wartet also auf die Besucher der Veranstaltung “Kriegslegitimationen in der europäischen Geschichte“.

Wer uns einen Tagungsbericht schicken will, kann dies gerne tun.