Zweierlei Maß im Verharmlosungs- oder Hämejournalismus

Nachdem Lügenpresse zum Wort des Jahres gekürt wurde (oder war es das Unwort des Jahre?), kann man ein weiteres Wort in die Phalanx der Beschreibungen nach-moderner Versuche, Presse zu betreiben, einfügen: Den Verharmlosungs- oder Hämejournalismus.

Verharmlosungs- oder Hämejournalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er einen Skandal zu einer Begegebenheit reduziert, die eigentlich nicht weiter erwähnenswert ist, keiner Aufregung würdig ist, entsprechend keiner weiteren Aktivitäten bedarf und der denen, die er betrifft, sowieso recht geschieht.

Ein besonders krasses Beispiel hat die FAZ gerade geliefert, die in einer nicht mehr akzeptablen Art und Weise Forschungsergebnisse die einen Tsunami belegen, darstellt, als wäre das Wasserglas in Nachbarhaus übergeschwappt.

MPIfG_LutterAusgangspunkt ist die von Mark Lutter und Martin Schröder durchgeführte und unter dem Titel “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” als MPIfG Discussion Paper 14/19 publizierte Untersuchung, die wir vor einigen Tagen vorgestellt haben. Es ist die erste Untersuchung, die klipp und klar belegt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie diskriminiert werden:

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Das nennt man eine krasse Diskriminierung. Es ist ein Verstoß gegen jede Version eines Leistungsprinzips, das gewährleisten soll, dass die besten und leistungsfähigsten Bewerber in Positionen gelangen, und es ist eine Verletzung des Prinzips der Meritokratie mit allen negativen Effekten, die diese Verletzung auf die Bereitschaft leistungsfähiger Männer hat, sich im Fach Soziologie zu engagieren.

Man muss kein Prophet sein, um vorhersehen zu können, dass die Soziologie über kurz oder lang zu einem Market for Lemons verkommen wird, wenn die Diskriminerung von Männern nicht beendet wird (aber vielleicht ist sie auch schon ein Market for Lemons, immerhin hat die Soziologie den höchsten Anteil von Gender Studies aller Fachbereiche an Hochschulen).

Eigentlich ist das Ergebnis von Lutter und Schröder also eine Katastrophe für eine Gesellschaft, die Wohlstand zur Zielsetzung hat und immer noch behauptet, im Bildungssystem und der Gesellschaft als Ganzes ginge es um Meriotokratie. Eigentlich ist das Ergebnis von Lutter und Schröder ein Ergebnis, das man in Superlativen beschreiben müsste.

Eigentlich.

Uneigentlich wird bei der FAZ ein Verharmlosungs- und Hämeartikel daraus, der es einem wirklich schwer macht, sich nicht zu übergeben.

Es beginnt schon im Untertitel:

“Wer in der Sozialwissenschaft in den Professorenrang aufsteigen will, muss noch immer vor allem vielfältige Veröffentlichungen vorweisen. Aber es schadet auch nicht, eine Frau zu sein – im Gegenteil.”

Statistik verstehenManche Journalisten schaffen es bereits im ersten Satz, ihre komplette Unkenntnis in genau ein Wort zu fassen, hier: Sozialwissenschaften. Für den Fall, dass es Philosophen, Politikwissenschaftler oder Literaturwissenschaftler o.a. nicht wissen: Ihr seid alle Anhängsel der Soziologie, denn die Soziologie ist die einzige Sozialwissenschaft, jedenfalls nach Kenntnis des kenntnisarmen Redakteurs der FAZ, der wohl aus guten Gründen nicht namentlich genannt werden will.

Man stelle sich vor, die Untersuchung von Lutter und Schröder hätte das Ergebnis erbracht, dass Frauen mehr publizieren müssen als Männer und länger auf eine Professur warten müssen als Männer, was wäre wohl passiert? Hätte ein unkenntnisreicher Redakteur der FAZ dann von “es schadet auch nicht, ein Mann zu sein – im Gegenteil” geschrieben? Oder wären ihm dann die Superlative eingefallen, die ihm nicht einfallen, wenn derselbe Skandal dummerweise Männer trifft?

Ob hier Feigheit bei Redakteuren dazu führt, dass Ergebnisse nicht als das dargestellt werden, was sie sind, dass verharmlost und beschwichtigt und Häme ausgeschüttet wird, oder ob Redakteure die herausragenden Exemplare dessen sind, was Harold Garfinkel “Cultural Dopes” genannt hat, Akteure, die nicht selbständig, sondern nur im Rahmen vorgegebener Bahnen denken könnne, ist bislang eine offene Frage.

Im FAZ Beitrag folgt eine Darstellung der Arbeit von Lutter und Schröder, die einerseits vermuten lässt, wie selten statistische Kenntnisse unter Redakteuren zu sein scheinen, andererseits das Ergebnis der Analyse der beiden Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts fast auf den Kopf stellt:

“Die Studie bestreitet auch die gängige Annahme, dass akademische Leistungen von Frauen in der Soziologie weniger anerkannt würden als die von Männern: Frauen müssen für eine Professur im Schnitt deutlich weniger publizieren. Bei sonst gleichen Faktoren liegt ihre Chance auf eine Professur 1,4 Mal höher.”

Was hier beschrieben wird, ist die Diskriminierung von Männern. Die Diskriminierung von Männern kommt jedoch nicht als Diskriminierung von Männern daher, nein, sie wird dargestellt als wäre sie ein erfreuliches Ergebnis, denn: Frauen werden in der Soziologie gar nicht “weniger anerkannt”. Darüber müssen wir uns doch freuen, auch dann, wenn die nicht geringere Anerkennung mit der Diskriminierung von Männern, der 1,4fachen Diskriminierung erkauft wird. Und damit auch niemand diesen vom Redakteur der FAZ vermutlich als erfreulich gesehenen Schlag in das Gesicht eines jeden, der noch denkt, Leistung lohne sich, falsch versteht, kommt im nächsten Abschnitt das unvermeitliche Framing, der Psalm, der die Grundlage für weitere Männerdiskrimierung liefern soll:

“Trotzdem waren unter den Befragten, die eine feste Professur erreichten, nur 31 Prozent weiblichen Geschlechts. Der Anteil von Frauen an der Gesamtuntersuchung hatte noch bei 41 Prozent gelegen.”

Wir sehen: dass Männer diskriminiert werden, und zwar ganz konkrete Männer, die sich auf eine ganz konkrete Professur beworben haben, dient einem höheren Ganzen, dem heiligen Ziel der Gleichstellung, der 50:50 Verteilung, denn trotz der Diskriminierung von Männern gibt es immer noch nur 31% weibliche Professoren. (Seltsamerweise werden Genozide auch immer damit begründet, dass sie einem höheren Ganzen dienen.)

Hätte der Redakteur auch nur einen blassen Schimmer von statistischen Methoden, er hätte das Ergebnis der Untersuchung nicht in der Weise verkehrt, wie er es hier getan hat, denn: dass es noch 69% männliche Professoren gibt, ist der Grund dafür, dass der Redakteur der FAZ verkünden kann, dass “noch immer vor allem vielfältige Veröffentlichungen” den Weg zur Professur bahnen.

Unter diesem generellen Trend, verbirgt sich jedoch ein anderer Trend, der diesen Zusammenhang mit jedem weiblichen Bewerber, der auf eine Professur berufen wird, abschwächen wird: Frauen müssen weniger Publikationen vorweisen als Männer und erhalten schneller als Männer eine Professur, und weil dem so ist, muss man kein Prophet sein, sondern einfach nur Kenntnisse statistischer Methoden haben, um vorhersagen zu können, dass die derzeitige Diskriminierung von männlichen Bewerbern in 5 vielleicht in 10 Jahren dazu geführt haben wird, dass die “vielfältigen Veröffentlichungen” nicht mehr die Erklärung für eine Berufung darstellen, sondern die Erklärung dafür, dass eine Berufung nicht erfolgt ist.

Wir haben an dieser Stelle schon öfter die Frage gestellt, wie moralisch verkommen man eigentlich sein muss, um konkrete Individuen aufgrund der Tatsache, dass sie männlich sind, zu diskriminieren, um der Gruppe der Frauen als Gesamt vermeintlich Vorteile zu verschaffen.

Es bleibt daher nur die Frage anzufügen, was diejenigen, die derzeit Gender Sponging auf Kosten des gesellschaftlichen Wohlstands betreiben, denken, wer ihre Rente und ihr Auskommen zahlen wird, wenn sie nicht mehr direkt vom Nutznießen leben können, denn zwei Dinge sind klar: Wenn deutlich ist, dass Leistung sich nicht lohnt, dann werden immer mehr Leistungsfähige zu Leistungsunwilligen, denn warum sollen sie leisten, es bringt doch sowieso nichts. Und wer sich dennoch nicht von dem Leisten-Wollen trennen kann, der wir dahin gehen, wo seine Leistung nach wie vor einen Unterschied macht: Ins Ausland.

Als Ergebnis finden sich mittelmäßige Hänger auf Lehrstühlen und ein einst vielversprechendes Fach wird der politischen Korrektheit geopfert.

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

  • Prof. Dr. Peter A. Berger,
  • Prof. Dr. Nicole Burzan,
  • Prof. Dr. Stephan Lessenich,
  • Prof. Dr. Michaele Pfadenhauer,
  • Prof. Dr. Uwe Schimank,Prof. Dr. Paula-Irene Villa,
  • Prof. Dr. Georg Vobruba,

schweigt nach wie vor zur Untersuchung aus dem MPI. Dass männliche Bewerber diskriminiert werden, so muss man daraus schließen, ist den Mitgliedern des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vollkommen egal, wenn sie es nicht gar befürworten.

Wer das nicht glauben will, der kann einen hier verlinkten Text, in dem die Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie um eine Stellungnahme gebeten werden, per eMail an die Mitglieder verschicken (eMail-Adressen sind zum Cut and Paste ebenfalls vorhanden) und warten, ob er eine Antwort erhält.

I had a dream

I had a dream.

I had a dream that social scientists would be scientist.

I had a dream that social scientists would unite in the quest for knowledge.

Get up stand upI had a dream that they would rise and fight for freedom and fight those who want to use science for other purposes than acquiring knowledge.

I had a dream that social scientists would take their social responsibility seriously.

Und dann bin ich aufgewacht.

Und die Realität mit all ihrer grauen Phantasielosigkeit des deutschen universitären Alltags war zurück. All die Gestalten, die sich auf Lehrstühlen herumdrücken und darauf warten, dass sich die eine Idee einstellt, auf die sie nun schon seit Jahrzehnten erfolglos warten, all die Aktivisten, die Lehrstühle besitzen, um von der Ikea-Kanzel aus das Heil der Welt zu verkünden, und all die Opportunisten, die Wissenschaft nutzen, um sich in Positionen zu sonnen, die sie nicht einmal ausfüllen würden, wenn sie adipös wären, all sie, sie sind mir wieder in den Sinn gekommen.

Und nicht nur sie, auch die Professoren, die sich an Universitäten durchzudrücken versuchen, ohne ein klares Statement darüber zu geben, wie sie es mit den Versuchen, Universitäten zu Stätten, an denen man zu Straftaten aufrufen kann, oder den Versuchen, Universitäten zu Stätten institutionalisierter Diskriminierung von Männern zu machen, halten.

Sie schweigen lieber und nehmen in Kauf, dass man sie für Feiglinge und Drückeberger hält. Und das, das nehmen wir nicht mehr hin:

We have a dream, den Traum des erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftlers mit Rückgrat und sozialer Verwantwortung.

BeccariaNun sollte dieser Traum-Sozialwissenschaftler eigentlich die Norm sein, so dass man viele der derzeitigen Sozialwissenschaftler als Abweichung von der Norm, als Deviante ansehen muss. Das erleichtert die Aufgabe, die vor uns liegt. Denn: Auf dem Weg zum erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung können wir uns Ergebnisse der Devianzforschung zu Nutze machen, die schon Cesare Beccaria im 18. Jahrhundert formuliert hat.-

Damit Akteure ihr abweichendes Verhalten unterlassen, muss man ihnen die Kosten für abweichendes Verhalten erhöhen und den Nutzen von nicht-abweichendem Verhalten deutlich machen oder steigern. Nun sollte die Vorstellung, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, eigentlich schon Nutzen genug sein, ist es aber nicht, wenn die Feigheit, die Angst davor, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, größer ist.

Was also tun?

Zurück zu Beccaria: abweichendes Verhalten wird von denen gezeigt, die keine Entdeckungswahrscheinlichkeit fürchten, weil sie z.B. denken, die Position, die sie besetzen, schütze sie vor bestimmten Sanktionen, erlaube es ihnen z.B. eMails zu ignorieren, denn: in ihrer Position wähnen sie sich zu wichtig, als dass sie sich mit schnöden eMails von Personen beschäftigen würden, die ihnen aus ihrer (irrigen) Sicht und in ihrem verbeamteten Status keine Kosten verursachen können (selbst dann, wenn es sich dabei um Fachkollegen handelt oder wenn es Bürger sind, die mit ihren Steuermitteln die Position der entsprechenden Inhaber finanzieren).

Um diesen Fehlschluss aus falscher Selbstzuschreibung von Arroganz für diejenigen, die ihm erliegen, aufzuklären, ist es daher notwendig, das was Beccaria Härte und Geschwindigkeit der Strafe nennt, für die vorliegende Aufgabe zu operationalisieren, und zwar auf eine Weise, die geeignet ist, den Fehlschluss deutlich sichtbar und damit bearbeit- und beherrschbar zu machen.

Wir haben die perfekte Möglichkeit gefunden, den vom Fehlschluss Betroffenen zu helfen und fordern hiermit alle unsere Leser auf, uns bei der Therapie zur Hand zu gehen.

Wie?

Ganz einfach.

Im folgenden haben wir zwei Textbausteine erstellt.

Textbaustein 1 enthält die eMail-Adressen der Professoren, bei denen der oben beschriebene Fehlschluss das längst fällige Coming-Out verhindert.

Textbaustein 2 enthält den eMail-Text mit den Fragen, die wir von den entsprechenden Professoren beantwortet haben wollen. Wie sich Stammleser erinnern werden: Es geht darum, dass eine Untersuchung nachgewiesen hat, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in der Soziologie diskriminiert werden. Wir verlangen einfach nur eine Stellungnahme von den Positionsinhabern, die den Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie besetzen.

Die Therapie besteht nun darin, so viele wie nur möglich eMails mit dem Bausteintext von oben, an die Positionsinhaber zu schicken, um sie von ihrer irrigen Vorstellung, sie seien zu wichtig, als dass sie sich mit berechtigten Fragen von außen auseinander setzen müssten, zu heilen.

Hier die Cut und Paste-Textbausteine

Textbaustein 1: eMail-Adressen:

peter.berger@uni-rostock.de; nicole.burzan@fk12.tu-dortmund.de; stephan.lessenich@soziologie.uni-muenchen.de; michaela.pfadenhauer@univie.ac.at; uwe.schimank@uni-bremen.de; Paula.Villa@soziologie.uni-muenchen.de ;vobruba@sozio.uni-leipzig.de; sciencefiles@textconsulting.net

Textbaustein 2: eMail-Text:

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

1. Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.

2. Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.

3. Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhaltbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Ich nehme diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?

3. Wenn ja, warum?
4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?

5.Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?

6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?

7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Ich bedanke mich für Ihre Antworten und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Wir haben die eMail-Adresse von ScienceFiles zum Zweck der Generierung von Leverage angefügt, wie man das im Englischen nennt.

“If you are a big tree, we are a small axe, ready to chop you down, to chop you down.”

Der widersprechende Mund und das Rückgrat: Zwei Desiderate der Wissenschaft

In der Soziologie wird diskriminiert.

Männer werden diskriminiert, und zwar systematisch.

Und was passiert?

Nichts.

Warum?

Nun, wir haben die letzten Tage eine Reihe von Argumenten gehört, die rechtfertigen sollen, warum sich bislang kein Widerstand unter Soziologen regt und nicht nur unter Soziologen, denn die Diskriminierung von Männern an Hochschulen ist nicht nur ein Problem der Soziologie.

Für die Soziologie ist hieb- und stichfest belegt, dass diskriminiert Professorrinnenprogrammwird. Es wäre aber verwunderlich, wenn die entsprechende Diskriminierung eine Absonderlichkeit der Soziologie wäre, schon deshalb, weil nicht nur die Soziologie mit Polit-Kommissaren, die über Gleichstellung wachen sollen, durchsetzt ist, sondern alle Wissenschaften, und auch deshalb, weil mit dem Professorinnenprogramm ein staatlich finanziertes Mittel geschaffen wurde, um Männer aktiv zu diskriminieren – und zwar fachübergreifend.

Wir sind übrigens der Meinung, dass der Kampf gegen die Diskriminierung von Männern an Universitäten nicht nur eine Angelegenheit von Männern ist. Es ist vielmehr eine Frage von Anstand und Moral, und da wir davon ausgehen, dass Männer und Frauen in gleicher Weise mit Anstand und Moral ausgestattet sind, gehen wir auch davon aus, dass es für anständige und moralische Frauen ebenso wie für anständige und moralische Männer ein Gebot der Stunde ist, dem Gender Mainstreaming oder wie die Versuche der Vorteilsnahme auch immer heißen, die Stirn zu bieten, d.h. Rückgrat zu zeigen und den Mund aufzumachen.

dgs2Dies hat zur Konsequenz, dass aus unserer Sicht Befürworter und Profiteusen des Gender-Spongings ebenso wie Mitläufer, die dabei zusehen, wie mittels Gender-Sponging Meritokratie und Leistung zerstört werden, sich durch einen Mangel bzw. ein vollständiges Fehlen von Anstand und Moral auszeichnen. (Sponging ist der englische Ausdruck für die umgangssprachliche Formulierung von Nutznießen und kommt von Schwamm-Auswringen .)

Und deshalb ist es – wie Immanuel Kant es wohl vormuliert hätte – die Pflicht jedes mit einer Moral ausgestatteten Menschen, wobei die moralische Ausstattung das ist, was den Menschen zum Menschen macht, sich gegen das Gender-Sponging zu stellen und den Mund aufzumachen.

Aber, wie wir gehört haben, geht das nicht, und zwar aus einer Reihe von vermeintlich guten Gründen, die wir in drei Klassen einteilen können:

  • leviathanj

    Der Verwaltungsleviathan und mutige Wissenschaftler

    Es geht nicht, weil es keinen Sinn hat, da man einer schweigenden Mehrheit gegenübersteht.

  • Es geht nicht, weil die Verwaltung, die zu einem wahren Seeungeheuer aufgeblasen wird, das den Leviathan blass aussehen lässt, eine Einheitsfront gegen alle, die den Mund aufmachen würde, wäre da nicht die Einheitsfront der Verwaltung, bildet.
  • Es geht nicht, weil Widerstand von z.B. Professoren zu Lasten der Studenten ginge oder man zum Querulanten wird, wenn man den Mund aufmacht.

Das also ist die Leidensgeschicht des Mundaufmachens und des Rückgratzeigens.

Die schweigende Mehrheit

Wenn die schweigende Mehrheit, die scheinbar interesselos Versuchen, am Status Quo des Gender Mainstreamings etwas zu ändern, gegenübersteht, es verhindert, dass man als z.B. Soziologieprofessor den Mund aufmacht und gegen die Diskriminierung von Männern protestiert, dann fragt man sich, wie konnte es jemals zu einer Veränderung des Status Quo kommen?

Schließlich lautet die Prämisse hinter dem Argument mit der schweigenden Mehrheit, dass es wegen dieser schweigenden Mehrheit unmöglich ist, etwas am Status Quo zu ändern. Da Menschen eine gewisse Trägheit auszeichnet, und man sicher sein kann, dass diese Trägheit nicht erst heute eine Eigenschaft von Menschen ist, stellt sich tatächlich die Frage, wie es überhaupt jemals zu Veränderung, zu Fortschritt kommen konnte, da jedes Aufbehren gegen den Status Quo doch von der schweigenden Mehrheit verhindert wird?

Die Antwort: Jemand muss, trotz der schweigenden Mehrheit den Mund aufgemacht haben, und zwar so lange und so beständig, bis die schweigende Mehrheit zu einer zustimmenden, unterstützenden Mehrheit geworden ist.

Offensichtlich ist das Argument mit der schweigenden Mehrheit falsch.

Die Einheitsfront der Verwaltung

Die Geschichte geht so: Wissenschaftler sind hoch indviduelle Wesen, die aufgrund eigener Individualität nicht unter einen gemeinsamen Hut zu bringen sind, der sie z.B. dazu befähigen würde, sich gegen den gemeinsamen Gegner zu solidarisieren. Im Gegensatz dazu stellt die Verwaltung ein geschlossenes Kollektiv aus Klonen dar, die alle nur eines wollen: Wissenschaftler traktieren. Es sind Klone, für die gilt, was HG Wells am Anfang seines Krieges der Welten schreibt:

Jeff Waynes War of the Worlds“No one would have believed in the last years of the nineteenth century that this world was being watched keenly and closely by intelligences greater than man’s and yet as mortal as his own; that as men busied themselves about their various concerns they were scrutinised and studied, perhaps almost as narrowly as a man with a microscope might scrutinise the transient creatures that swarm and multiply in a drop of water. … Yet across the gulf of space, minds that are to our minds as ours are to those of the beasts that perish, intellects vast and cool and unsympathetic, regarded this earth with envious eyes, and slowly and surely drew their plans against us. And early in the twentieth century came the great disillusionment.”

Die Marsianer von Wells sind die Verwalter, die der Wissenschaft feindlich und wie ein Block gegenüberstehen – bekanntlich werden die Marsianer bei Wells von der Grippe dahingerafft, aber lassen wir das.

Für die Verwaltung gilt wie für alle eingebildeten Entitäten, dass es sie nicht gibt. Die Verwaltung besteht aus Individuen, Sachbearbeiter, die mit Aufgaben betraut sind, und mit denen man entweder reden kann oder denen man soziale Kosten verursachen kann, wenn man nicht mit ihnen reden kann. Allerdings muss man dazu den Mund aufmachen. Will man das nicht, dann bietet es sich an, die vielen einzelnen Sachbearbeiter, die die Verwaltung ausmachen, zu einer Horde von Klonen zu stilisieren, die in etwa so gefährlich sind, wie die Marsianer bei Wells.

Gibt es eigentlich jemanden, der diese Stilisierung von zumeist Halbtagstätigen nicht lächerlich findet?

Querulantentum zu Lasten von Studenten

Querulanten sind in dieser Definition alle, die Kritik am Status Quo üben. Macht ein Professor deutlich, dass er die Diskriminierung von Männern nicht mitträgt und sich deshalb nur an Berufungskommissionen beteiligt, bei denen Bewerber nach Leistung und nicht nach Geschlecht bestimmt werden, dann gilt er nach diesem Scheinargument als Querulant.

Bliebe man in der Logik dieses Arguments, dann wäre es ratsam, die Gedenktage für diejenigen, die versucht haben, Hitler zu ermorden, die Stauffenbergs und die Goerdelers und Leuschners, zu streichen, handelt es sich dabei doch um samt und sonders Querulanten, die versucht haben, den Status Quo des Dritten Reiches zu verändern.

Schließlich das Argument, das einem die Wut ins Gesicht treibt: Wenn sich Professoren wehren, dann geht das zu Lasten der Studenten, z.B. dann, wenn man als Professor nicht den Affen mit sich machen lässt und deshalb die Prüfungsabnahme nach Vorschrift und nicht nach Anzahl der Studenten erfolgt.

cowardStimmt, zuweilen geht das zu Lasten der Studenten, aber auch Studenten sind mit einem Mund und einem Rückgrat ausgestattete Wesen (zumindest theoretisch), die für sich reklamieren, erwachsen und volljährig zu sein. Folglich kann man von Ihnen erwarten, dass sie sich um ihre eigenen Belange kümmern, denn mit dem Erwachsensein-Wollen kommt Verantwortung.

Kurz: Es gibt keinen validen Grund dafür, den Mund nicht aufzumachen. Entsprechend kann man die Weigerung, denselben aufzumachen nur mit Feigheit erklären, ein durchaus legitimes Motiv, verlangt aber, dass der entsprechende Feigling dazu steht, dass er lieber darauf verzichtet, sich als mit Anstand und Moral ausgestatteter Mensch zu erkennen zu geben.

Soziologen, setzt Euch zur Wehr gegen systematische Diskriminierung!

Gestern haben wir die Ergebnisse der Unterschung von Mark Lutter und Martin Schröder  “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” dargestellt. Die Ergebnisse von Lutter und Schröder basieren auf einer Analyse aller Lehrstuhlbesetzungen für den Zeitraum 1980 bis 2013 für das Fach Soziologie und entsprechend auf Informationen über 1.260 Soziologen und 297 ordentliche Lehrstuhlbesetzungen.

PopitzSoziologen, das sind (oder waren einmal) WIssenschaftler, die sich unter anderem mit Fragen der sozialen Ungleichheit oder der Sozialstruktur befasst haben, die untersucht haben, wie vertikale Mobilität verhindert wird, also dafür gesorgt wird, dass Kinder aus Unterschichtsfamilien selbst Unterschichts- und nicht MIttelschichtsfamilien gründen, oder die die Mechanismen des alltäglichen Lebens untersucht haben, mit denen z.B. in Bildungsinstitutionen für soziale Segregation gesorgt wird. Entsprechend war Soziologie eine kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Prozesse analysiert und unerwünschte Entwicklungen aufgezeigt hat.

Zwischenzeitlich ist Soziologie in vielen Teilen zu einer Legitimationswissenschaft verkommen, d.h. Soziologen sehen es nicht mehr als ihre Aufgabe an, die Folgen politischer Entscheidungen auf die Gesellschaft zu analysieren. Die meisten Soziologen sehen es heute als ihre Aufgabe an, die nämlichen politischen Entscheidungen zu legitimieren.

Als Folge hat sich die Soziologie von einer empirischen zu einer Lehnstuhl-Wissenschaft entwickelt. An die Stelle der Analyse dessen, was ist, ist die mehr oder weniger gelangweilte Betrachtung darüber getreten, was man gerne hätte.

Diese Entwicklung von einer kritischen zu einer selbstgefälligen und langatmigen Wissenschaft, deren Vertreter der sie umgebenden Welt nichts mehr zu sagen haben, hat nach unserer Ansicht u.a. mit dem Staatsfeminismus zu tun, mit der Installation von Gender Studies in der Soziologie und mit einer systematischen Untergrabung der Standards der Soziologie dadurch, dass nicht mehr nach Leistung in Positionen berufen wird, sondern nach Geschlecht.

Das hat, wie Lutter und Schröder mit ihrer Untersuchung deutlich gemacht haben, dazu geführt, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in Soziologie massiv und systematisch diskriminiert werden:

  • MPIfG_LutterWeibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Eine solche Situation in einem Fach, zu dessen wichtigsten Aufgaben einmal die Analyse sozialer Ungleichheitsstrukturen gehört hat und nach Anspruch der Soziologen, die von sich behaupten, sie würden nach wie vor soziale Ungleichheit oder gar Diskriminerung untersuchen, immer noch gehört, ist der Gipfel der Ironie. Sie wirkt auf uns als wäre ein Gärtner, dessen Aufgabe darin bestanden hat, Unkraut aus einem Park zu entfernen, dazu übergegangen, das Unkraut systematisch anzupflanzen.

Aber ganz davon abgesehen, dass es gerade für die Soziologie eine erstaunliche Transformation darstellt, vom Kritiker sozialer Ungleichheit und von Diskriminierung zum praktischen und Legitimations-Ort sozialer Ungleichheit und Diskriminierung geworden zu sein, ist Diskriminierung und soziale Ungleichheit, da wo sie nicht durch das meritokratische Prinzip gerechtfertigt ist, also dadurch, dass ein Bewerber, der einem anderen vorgezogen wird, nachvollziehbar besser ist als der Bewerber, dem er vorgezogen wurde, immer eine Frage von Moral und Anstand.

Moral insoweit, als es moralisch verwerflich ist, Dritte wegen Eigenschaften zu benachteiligen, die für die vorliegende Entscheidung irrelevant sind. Anstand insoweit, als ein anständiger Mensch sich nicht der Beihilfe zur Diskriminierung schuldig macht.

Deshalb haben wir die Ergebnisse von Lutter und Schröder zum Anlass genommen, um alle Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie anzuschreiben und zu fragen, wie sie zu der systematischen Benachteiligung von Männern in der Soziologie stehen, was sie jungen Männern, die die Soziologie als Ausbildungsfach gewählt haben, raten und welche Schritte sie einzuleiten gedenken, um die systematische Benachteiligung von Männern in der Soziologie zu beenden.

Sehr geehrter …

dgs2

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhalbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Wir nehmen diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?
  2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?
  3. Wenn ja, warum?
  4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?
  5. Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?
  6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?
  7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Wir bedanken uns für Ihre Antworten und verbleiben mit kollegialen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein
ScienceFiles.org

Die eMail ging an:
Peter Berger, Universität Rostock;
Nicole Burzan, Technische Universität Dortmund;
Stephan Lessenich, Ludwig-Maximilians-Universität München;
Michaela Pfadenhauer, Universität Wien;
Uwe Schimank, Universität Bremen;
Paula Irene Villa, Ludwig-Maxilimians-Universität München;
Georg Vobruba, Universität Leipzig;

Die überforderte Generation

Schelsky_skeptische GenerationAls Helmut Schelsky die Jugendlichen der Nachkriegsgeneration als “skeptische Generation” typologisiert hat, hat er vermutlich nicht geahnt, welchen Boom an Generationenbildern er damit auslösen würde. Die Liste der Generationen umfasst zwischenzeitlich die Generationen X, Y und Z, es findet sich die Facebook-Generation neben der goldenen Generation, die hoffnungsvolle Generation hat die heimatlose Generation abgelöst. Die unterschätzte Generation konkurriert mit der Online oder Internet-Generation, was wiederum der Maybe-Generation relativ egal ist, während es nicht dabei hilft, die verlorene Generation wiederzufinden oder die belogene Generation aufzuklären. Zu all diesem Durcheinander der Generationen hat sich nunmehr eine neue Generation gesellt: die überforderte Generation.

Die überforderte Generation, die haben der Methusalem der Soziologie, Hans Bertram, und Carolin Deuflhard im Mikrozensus des Statistischen Bundesamts entdeckt. Die überforderte Generation zeichnet sich dadurch aus, dass sie überfordert ist. Von wem sie überfordert wird, das weiß man nicht so richtig, aber dass sie überfordert ist und von was sie überfordert ist, das wissen Betram und Deuflhard genau, denn: Die überforderte Generation sieht sich mit einer im Vergleich zu früheren Generationen längeren Ausbildungsdauer konfrontiert, und deshalb ist die überforderte Generation nach beider Ansicht genötigt, “in der kurzen Zeitspanne etwa zwischen dem 28. und dem 35. Lebensjahr … die beiden zentralen Lebensanforderungen von beruflicher Integration und Familiengründung zeitgleich [zu] bewältigen”.

Das also ist das Schicksal der überforderten Generation: Sie muss zwei vermeintlich zentrale Lebensanforderungen, nämlich Beruf und Familie unter einen Hut bringen.

Doch damit nicht genug:

“Diejenigen, die sich trotz des Widerspruchs zwischen den beruflichen Anforderungen und der Entwicklung von Familienbeziehungen für Kinder entscheiden, sind heute ungleich höheren Anforderungen ausgesetzt als noch die skeptische Generation. Denn die skeptische Generation hatte mit dem Modell der klaren innerfamiliären Arbeitsteilung – mit dem Vater als ökonomischem Versorger und der Mutter als Hausfrau – ein eindeutiges Orientierungsmuster für die Organisation von Fürsorge. Dieses Orientierungsmuster stellt für die überforderte Generation kein Vorbild mehr dar, allerdings hat der gesellschaftliche Wandel auch kein neues Muster für die Organisation von Fürsorge hervorgebracht, sodass die Zeit für Fürsorge in jeder Partnerschaft individuell ausgehandelt werden muss. Die Anforderungen und Ansprüche der Eltern an die Sozialisation der Kinder sind demgegenüber im Kontext der höheren Bildungsanforderungen deutlich gestiegen. Paare schaffen sich den familiären Raum für Fürsorge in der Regel dadurch, dass eine Person – meistens die Mütter – ihre Präsenz am Arbeitsmarkt einschränkt.”

Die überforderte Generation ist demnach die westliche Ausformung des religiösen Märtyrers, der sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – dem Heil der nachkommenden Generation opfert.

Entsprechend nehmen es die Mitglieder der überforderten Generation auf sich, wie ihre Eltern der skeptischen Generation eine Arbeitsteilung einzuführen und denjenigen, der beiden Eltern, der am Arbeitsmarkt weniger Humankapital einzusetzen hat und deshalb weniger verdient, zur Erziehung der Kinder abzustellen, schließlich hat man die Wahl für Kinder getroffen und muss die Konsequenzen dieser Wahl tragen.

So beschrieben unterscheidet sich die überforderte Generation jedoch nicht von der skeptischen Generation, die ebenfalls durch Arbeitsteilung Kinder und Broterwerb unter einen Hut gebracht hat: Männer waren die Ernährer und Frauen die Kindererzieher, die sich um den Haushalt gekümmert haben. Wenn das heute immer noch so ist, warum ist die heutige Generation dann eine “überforderte Generation”?

Dilbert Work life balanceDie Antwort ist keine der Fakten, sondern eine der Bewertung, denn heute soll Elternschaft durch die eierlegende Wollmilchsau geleistet werden, die berufliche Karriere und Kindererziehung in jenem absurden Konzept der Work-Life-Balance vereinbaren soll, das auf der Prämisse basiert, dass es keine Beschränkung der Ressourcen und Fähigkeiten gibt und jeder alles kann, wenn er nur will. In dieser absurden Welt sind Angestellte, die halbtags arbeiten, zu den selben Leistungen in der Lage wie Angestellte, die ganztags arbeiten, die Akkumulation von Humankapital und von Fähigkeiten ist keine Funktion von Erfahrung und Leistung mehr, sondern von Wollen: Wer Genie sein will, der kann es, jedenfalls in der Welt der Work-Life-Balancer.

In der realen Welt erfährt die überforderte Generation, deren Mitglieder diesen Unsinn glauben, dass alles anders ist. Hier steht die Ideologie der Halbtags-Genies der Realität von Tagen mit 24 Stunden und Fragen der und Streits über Arbeitsteilung gegenüber. Hier sieht sich das Halbtags-Genie im Beruf mit Ganztags-Genies konfrontiert, die ihm durch die Manager-Genies vorgezogen werden. Und so fühlt sich die überforderte Generation überfordert, weil sie es nicht schafft, in der Hälfte der (Arbeits-)Zeit denselben Wert zu generieren und die selbe Leistung zu erbringen wie andere in der vollen Arbeitszeit.

Wer hätte das gedacht, dass man mit der Hälfte der Anstrengung in der Regel nur die Hälfte der Leistung erbringen kann? Und so erweist sich die überforderte Generation auch als naive, vorsichtig ausgedrückt oder realistisch ausgedrückt: dumme Generation, die sich an Vorgaben orientiert, die ein normaler Mensch für sich ablehnt, denn ein normaler Mensch weiß, dass er sich zwei Dingen nicht in der selben Intensität widmen kann, in der er sich einem Ding widmet, dass er sich mit anderen Worten entscheiden muss, zwischen Karriere und Familie im vorliegenden Fall.

Aber: in der derzeitigen Ideologie, in der alle alles können und Genies durch Wollen entstehen, ist das nicht vorgesehen. Nicht die Entscheidungen des Individuums und die Tatsachen, dass ein Tag 24 Stunden hat und nicht nur zeitliche Ressourcen beschränkt sind, ist für das Scheitern der überforderten Generation wie sie uns Bertram und Deuflhard näher bringen, verantwortlich, sondern der fiese gesellschaftliche Geist der Benachteiligung, der sich immer wieder im täglichen Leben einmischt und hier, warum auch immer, vornehmlich weibliche Menschen aussondert:

“Die Forscher zeigen für Deutschland, dass dies eng mit der schlechteren Bezahlung von Berufen zusammenhängt, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Die Entscheidung für eine Einschränkung der Arbeitsmarktpräsenz hat allerdings langfristige Benachteiligungen im Beruf zur Folge, weil beruflicher Erfolg nach wie vor eine kontinuierliche Vollzeiterwerbstätigkeit voraussetzt.”

Ist das nicht ungerecht, dass jemand, der 8 Stunden pro Tag arbeitet, bessere Berufschancen hat als jemand, der nur 4 Stunden pro Tag arbeitet? Dieses ganze Leistungskonzept ist eine einzige Diskriminierung. Diskriminiert werden diejenigen, die wenig oder gar nichts arbeiten, die Faulen und die Lethargischen, während Workoholics auch noch belohnt werden für ihre Sucht, täglich den Standard deutscher Arbeit auf dem Niveau von 8 oder doch zumindest 7 Stunden zu halten.

doing nothingIst es nicht an der Zeit eine Quote für Teilzeit und ab-und-zu-Arbeiter zu fordern? 50% der Positionen in der Parteiführung für Personen, die maximal 20 Stunden pro Woche arbiten, 50% der Nobelpreise an Halbtagskräfte, 50% der Professuren an Personen in Elternzeit, und 50% der Chefsessel bei DAX-Unternehmen für Gelegenheitsarbeiter! Warum Ergebnisgleichheit nicht zu Ende denken und der Meritokratie, dieser absurden Idee, nach der das Entgelt der Leistung und der Fähigkeit entsprechend soll, den Garaus machen?

Das sind Fragen, die die derzeitige Soziologie beschäftigen, die derzeitige Soziologie der überforderten Generation, die komplett dazu übergegangen ist, die Gesellschaft auf die Mittelschicht zu reduzieren, denn: Wer muss denn zwischen 28 und 35 Jahren Familienplanung betreiben, weil er denkt, es gehöre zur gesellschaftlichen Aufgabe, eine Familie zu gründen? Und wer hat mit 18 seine Lehre und mit 21 seine Meisterprüfung hinter sich? Wessen Ausbildung zieht sich denn bis zum St. Nimmerleinstag, wenn auch dem Letzten klar geworden ist, dass der 40jährige in diesem Leben keinen Abschluss in Gender Studies, Anglistik der Spätromantik und Erwachsenenbildung mehr machen wird?

Die überforderte Generation ist eine Veranstaltung der Mittelschicht, denn nur der Mittelschicht kann man Stöckchen hinhalten, erzählen, es sei möglich mit halber Kraft Karriere zu machen und zugleich mit halber Kraft Kinder zu erziehen, und nur in der Mittelschicht kann man welche finden, die das glauben.

Hass (oder Angst) essen Verstand auf?

Die Diskussionen, wenn man es denn so nennen kann, der letzten Tage haben einen Eindruck bei uns hinterlassen – keinen guten, so fürchten wir.

Wo soll man beginnen?

Dabei, dass es tatsächlich Zeitgenossen gibt, die denken, wenn Attentäter und Mörder sich auf eine Religion, den Islam im vorliegenden Fall, berufen, dann führe dies dazu, dass nicht die Attentäter und Mörder als die Individuen, die sie nun einmal sind, für ihre Tat verantwortlich sind, sondern die Religion, auf die sie sich berufen?

Metallica_Master_Of_Puppets

Überhaupt: Nicht der Prophet, sondern Metallica sind Master of Puppets!

Oder soll man da beginnen, wo es notwendig die Prämisse dieser Zeitgenossen ist, dass der Islam sich dirigistisch und determinierend auf die Handlungen von Individuen auswirkt, was zweierlei zur Konsequenz hat: einerseits fragt man sich, was für diese Zeitgenossen in ihrem eigenen Leben eigentlich normal ist, schließlich können sie es sich vorstellen, dass mehr als eine Milliarde Menschen von einer Religion an der Leine geführt werden? Andererseits fragt man sich, wie es kommt, dass die Mehrzahl der an der Leine geführten Muslime, dennoch willentliche Entscheidungen treffen, andere leben zu lassen und nur ein verschwindend geringer Teil mit Gewalt agiert?

Oder wie wäre es mit der weltfremden und völlig irren Annahme, dass 1,37 Milliarden Muslime, wenn sie die Lehre des Islam hören, dasselbe verstehen und nichts anderes – wobei man sich abermals fragt, wenn alle Muslime dasselbe verstehen, warum morden und töten dann nur wenige von ihnen, wenn der Islam tatsächlich das religiöse Brainwashing ist, das diese Zeitgenossen darin sehen?

Oder soll man von dem missionarischen Eifer erschreckt sein, mit dem manche Kommentatoren uns das Dashboard zumüllen und die Mailbox gleich mit, weil sie unbedingt eine akribische Aufstellung loswerden wollen, die Links umfasst, die zeigen sollen, dass Muslime alle böse, gewalttätig und mies sind oder eine Aufstellung der Eroberungskriege, die im Namen des Islam ab dem 7. Jahrhundert ungefähr in der Weise geführt wurden, wie sie ab dem 11. Jahrhundert im Namen des Christentums geführt wurden.

Der Eifer, mit dem manche Kommentatoren versuchen, ihre Mission, ihre heilige Botschaft, dass der Islam des Teufels ist, von einem Mörder zusammengeschrieben wurde, weshalb diejenigen, die sich auf den Islam berufen alle nur Mörder sein können, zu verbreiten, ist erschreckend und provoziert die Frage: Was steckt dahinter?

Ist es Hass auf andere, die aus welchen Gründen auch immer, als Bedrohung empfunden werden?

Ist es Angst vor anderen, die nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Konkurrenz empfunden werden?

Wir haben intensiv über diese Fragen diskutiert und sind zu einem Ergebnis gekommen, das man am Beispiel der Kommentare von Michael Bürger exemplifizieren kann.

Michael Bürger findet zunächst einmal den Vergleich zwischen den katholischen Priestern, die Jungen missbraucht haben, und den beiden Attentätern, die in Paris elf Menschen umgebracht haben, ungehörig. Warum? Weil es “ein ziemlicher Unterschied [ist], ob Menschen morden und sich dabei guten Gewissens auf schriftlich fixierte, allgemeine Handlungsanweisungen ihres Propheten bzw. ‘Allah’ berufen können. Oder ob sie gegen die Gebote ihrer Religion verstoßen …”.

Hier finden wir die Frontstellung zum ersten Mal, die wie ein roter Faden die Auseinandersetzung über den Islam in einer angeblich säkularen Welt durchzieht: Der Islam ist demnach eine böse Religion, die von einem Propheten gegründet wurde, der ein Mörder ist, und das Christentum ist die Religion der Menschenliebe, die nur Gutes will (wie man unschwer an den nächstenlieben Kommentaren sehen kann :)). Im einfachsten Fall des Arguments behauptet Bürger, dass eine Religion, in der Gewalt formuliert ist, ihren Anhänger als “role model” dient, so dass sie munter morden können.

Wenn dem so ist, dann ist das schlecht für das Christentum:

    • god of old testamentDer christliche Gott bringt alle Lebewesen, mit Ausnahme derer, die Noah um sich versammelt hat, um, vom Neugeborenen bis zum kleinen Lämmchen. Genesis, 6: 7, 17
    • Derselbe Gott bringt alle Bewohner von Sodom und Gomorrah um. Genesis, 19: 24
    • Moses bringt einen Ägypter um, Exodus, 2: 11-12.
    • Der christliche Gott bringt alle Rinder in Ägypten um, Exodus, 9: 19-20.
    • Der christliche Gott bringt alle Erstgeborenen in Ägypten um, Exodus, 12: 29.

Das ist nur eine kleine Auswahl der Morde, die dem christlichen Gott oder seinen Schergen in der Bibel zugeschrieben werden. Nach der Logik von Herrn Bürger muss man sich daher vor Christen in Acht nehmen, denn sie können sich jederzeit auf die intentional böse Religion der Bibel berufen, die zu Mord und Gewalt aufruft, die Mord und Gewalt verherrlicht (bis heute hat sich keine christliche Kirche vom Alten Testament distanziert und bis heute hat kein Muslim gefordert, dass sich Christen gefälligst von dem Mordgott des Alten Testaments distanzieren.).

Die autoritäre Persönlichkeit, die Adorno und andere in ihrem epischen Werk zur Erklärung des nationalsozialistischen Gefolgsmann konstruieren, zeichnet sich durch zwei markante Eigenschaften aus: Die autoritäre Persönlichkeit hat keinerlei Ambiguitätstoleranz, wie Wilhelm Heitmeyer das später nannte. Sie ist nicht in der Lage, Grautöne in ihrem Schwarz-Weiß-Bild wahrzunehmen.

In den Kommentaren von Michael Bürger findet sich dieser Punkt im Vorwurf, wir seien Relativierer und Verharmloser, weil wir darauf hinweisen, dass der Islam nicht mehr oder weniger eine böse Religion ist als das Christentum. Und vor allem weisen wir darauf hin, dass Menschen Herren über ihre eigenen Entscheidungen sind, dass Menschen einen freien Willen haben und sich entsprechend entscheiden können, etwas zu tun oder etwas zu lassen.

Das wiederum ist ein Gedanke, den Bürger in guter Tradition der autoritären Persönlichkeit nicht zu kennen scheint. Er kennt nur die deterministische Beziehung zwischen der Obrigkeit, die sich im Islam ausdrückt und der Gefolgschaft, die vom Islam zu Gewalttaten dirigiert wird. Deshalb ist es für ihn unerlässlich, dass die Frage geklärt wird, “inwieweit die islamische Religion … Gewalt fördert oder erzeugt”.

Neben der autoritären Persönlichkeit treffen wir hier abermals die absurde Vorstellung, eine Lehre, eine Idee, eine Religion, was auch immer, könne die Handlungen von Individuen determinieren, eine Idee, die an die Beschwörungsformeln des Mittelalters erinnert, mit denen aus Stroh Gold herbeigesprochen werden sollte. Zauberformeln, es ist offensichtlich, haben für manche Zeitgenossen ihren Reiz nicht verloren, und weil dem so ist, deshalb beschwören Sie das Böse, das sich im heiligen Buch der Fremdgruppe offenbaren soll.

anti-balakaDas bringt uns wieder zurück zu der Frage, was die rationale Bestandsaufnahme dessen, was gerade von manchen angeblich im Namen des Islam durchgeführt wird, behindert. Warum denken manche lieber, eine Religion sei die Ursache von Handlungen, als dass sie den naheliegenden Gedanken fassen, dass Mörder und Attentäter, die mit ihrer Aktion Aufmerksamkeit erreichen wollen, das Vehikel nutzen, auf das die westliche Presse nur allzu gerne springt: den Islam?

Eine Beziehung zum Islam herzustellen, das macht aus einem Mord einen besonderen Mord. Berufung auf den Islam garantiert publicity, macht aus einer der vielen unbekannten Terrorgruppen, eine besondere Terrorgruppe, namens Boko Haram. Sähe Boko Haram sich christlich, animistisch oder ideologisch, niemand würde sie einer Bemerkung würdigen, so wie das dereit mit Anti-Balaka, einer christlich-animistischen Terrorgruppe in Zentralafrika oder dem “National Socialist Council of Nagaland“, einer maoistischen Terrorgruppe in Indien der Fall ist.

Letztlich ist es also die große Aufmerksamkeit, die den Terrorgruppen gewidmet wird, die sich auf den Islam berufen, wofür der Islam jedoch nichts kann, die dazu führt, dass sich Personen wie Michael Bürger nicht nur vom Islam bedroht fühlen, sondern ein Feindbild entwickeln, das konstitutiv für die eigene Identität zu sein scheint und somit wichtig, um sich abgrenzen zu können.

Damit kommen wir abermals zur autoritären Persönlichkeit, die Adorno et al. in ihren Studien gefunden haben, jener autoritären Persönlichkeit, die nicht in der Lage ist, sich positiv zu definieren, und weil sie das nicht ist, deshalb kann sich die autoritäre Persönlichkeit nicht ausstehen, und weil sie sich nicht ausstehen kann, braucht sie jemanden, auf den der Hass auf sich selbst, auf das eigene Scheitern projiziert werden kann, ein Feindbild, das nicht konkret sein darf, denn wenn es konkret ist, dann kann es sich schnell als falsch erweisen. Besser ist ein amorphes, ein unkonkretes und weitläufiges Feindbild, eines, das man füllen kann, wie man will: der Islam, das Judentum, die Rechten, was auch immer, Hauptsache es hilft dabei, die eigene Unfähigkeit, eine Persönlichkeit zu entwickeln, zu überdecken.

Wir hätten nie gedacht, dass wir einmal auf die psycho-analytische Erklärung von Frenkel-Brunswick zurückkommen. So kann man sich täuschen…

Die Katastrophe besteht nicht darin, dass autoritäre Persönlichkeiten sich am Islam abarbeiten, um etwas zu werden. Die Katastrophe besteht darin, dass autoritäre Persönlichkeiten so einfach zu manipulieren sind. Man kann ihnen die wahrnehmbare Welt auf Islamismus reduzieren, man kann ihren Hass und Ärger auf den Islam und alle, die ihm zuordenbar sind, richten und sie am Nasenring durch die Manege führen.

Zu sehen, wie leicht sie sich ausgerechnet von Islamisten instrumentalisieren lassen, zu sehen, wie einfach sie die hingeworfene Brotkrume fressen und ihre Menschlichkeit vor lauter Hass auf den Islam vergessen, jene Menschlichkeit, die ihnen eigentlich sagen sollte, dass die meisten Menschen, welchem Glauben auch immer sie angehören, ihre Ruhe und ein angenehmes Leben wollen, das ist erschreckend.

Experiment zum Islam

Heute machen wir ein Experiment mit unseren Lesern, also mit denen, die am Experiment teilnehmen wollen.

Das Design des Experiments ist ganz einfach: Im Folgenden geben wir einen Text wieder, den wir aus einer Quelle, die wir demnächst öffentlich machen, entnommen haben.

Wir wollen nun von unseren Lesern wissen:

1) Halten Sie den Text für authentisch? (ja, nein)

2) Basiert der Text auf Fakten? (ja, nein)

3) Ist der Text glaubwürdig? (ja, nein)

4) Würden Sie den Text verbreiten? (ja, nein)

Hier der Text über den Islam:

“Als wesentliches Merkmal bei der Beurteilung des Islam in seiner Stellung zur Frage der menschlichen Kultur muss man sich immer vor Augen halten, dass es eine Kunst des Islam niemals gab und demgemäß auch heute nicht gibt, dass vor allem die beiden Königinnen aller Künste, Architektur und Musik, dem Islam nichts Ursprüngliches zu verdanken haben. Was er auf dem Gebiet der Kunst leistet, ist entweder Verballhornung oder geistiger Diebstahl. Damit aber fehlen dem Islam jene Eigenschaften, die schöpferisch und damit kulturell begnadete Rassen auszeichnen. …

… der Islam besitzt keine kulturbildende Kraft, da der Idealismus, ohne den es eine wahrhafte Höherentwicklung des Menschen nicht gibt, bei ihm nicht vorhanden ist und nie vorhanden war. Daher wird der Intellekt des Islam niemals aufbauend wirken, sondern zerstörend …

Der schwarzhaarige Muslimjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt. …

Man vergleiche die Größe der vor dem Auge stehenden sichtbaren Organisation des Islam mit der durchschnittlichen Fehlerhaftigkeit der Menschen im allgemeinen und wird zugeben müssen, daß das Verhältnis von Gutem und Schlechtem dabei besser ist als wohl irgendwo anders. Sicher gibt es auch unter den Imanen selber solche, denen ihr heiliges Amt nur ein Mittel zur Befriedigung ihres politischen Ehrgeizes ist, ja, die im politischen Kampfe in oft mehr als beklagenswerter Weise vergessen, daß sie denn doch die Hüter einer höheren Wahrheit sein sollten und nicht Vertreter von Lüge und Verleumdung — allein auf einen solchen Unwürdigen treffen doch auch wieder tausend nur mehr ehrenhafte, ihrer Mission auf das treueste ergebene Seelsorger, die in unserer heutigen, ebenso verlogenen als verkommenen Zeit wie kleine Inseln aus einem allgemeinen Sumpfe herausragen.”

Und abschließend bitten wir unsere Leser um eine rundum-Bewertung des Textes, hinsichtlich der Qualität der Argumentation, also der Beziehung zwischen dem, was gesagt wird und den Belegen, die dafür angeführt werden, und zwar auf einer Skala von 1 “sehr schlecht argumentiert” bis 10 “sehr gut argumentiert”.

Wie ist die Qualität der Argumentation?

Wer hat Angst vorm MuselMann?

Bertelsmann StiftungMehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“, so eine Überschrift im ARD Onlineangebot heute. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die von Mitarbeitern des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie der Universitäten Erfurt und Frankfurt erstellt wurde, hat für diese Überschrift Pate gestanden, wobei es sich bei der Studie wohl eher um eine schlichte Befragung handelt. Genaues weiß man wie so oft bei der Bertelsmann-Stiftung erst dann, wenn man die Studien-Katze im Sack und vom Bertelsmann-Verlag gekauft hat. (Wo der Kommerz anfängt. hört bekanntlich die Stiftung auf…). Entsprechend muss man derzeit glauben, dass die Ergebnisse auf einer “repräsentativen” und “international vergleichenden” Untersuchung basieren.

Wie auch immer die Ergebnisse zu Stande gekommen sein mögen, 61% der Befragten in der Bertelsmann-Studie sind der Ansicht, “der Islam passe nicht in die westliche Welt”, und von den “54-Jährigen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, von den unter 25-Jährigen hingegen nur 39 Prozent. Die Angst vor dem Islam ist am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben”, so die Bertelsmann-Stiftung, für die offensichtlich klar ist, dass eine Verbindung zwischen Islam und Muslimen bestehen muss.

world muslim populationFür eben diese Muslime zeigt die selbe Studie, wie die ARD zitiert, dass sie “mehrheitlich fromm und liberal zugleich” sind. Aber ganz offensichtlich hat die Angst vor “dem Islam” nichts mit Muslimen  zu tun, bestenfalls mit Muslimen, die medial als Islamisten oder Vertreter mit Alleingeltung für eine Religion aufgebaut werden, die weltweit 1,57 Milliarden Gläubige unter ihrem Dach versammelt.

Es ist sicher nicht falsch, wenn man feststellt, dass es die Mehrheit der 1,57 Milliarden Muslime nicht in die Nachrichten schafft. Die Tariqs und Ahmeds, die in Kairo versuchen, ihren Lebensunterhalt zu bestrieten, bleiben unerwähnt. Muslime haben als Person keine Existenz, sie kommen in deutschen Medien entweder als Attentäter oder Gotteskrieger oder religiöse Fanatiker vor, die man instrumentalisieren kann, um sie zum Gegenstand von Angst und in einem klassischen Fehlschluss zu einer repräsentativen Auswahl des Islams zu machen.

Der Islam, vor dem Deutsche Angst haben. Was ist dieser Islam eigentlich?

Zunächst einmal ist eine Frage wie die, die in der Studie der Bertelsmann-Stiftung offensichtlich gestellt wurde: “Fühlen Sie sich durch den Islam bedroht”, eine sozialforscherische Katastrophe, denn wer weiß schon, was sich ein beliebiger Befragter unter “dem Islam” vorstellt? Wie viele Befragte kennen wohl “den Islam”? Wie viele Befragte haben auch nur eine blasse Ahnung davon, was im Koran steht? Wie viele Befragte haben schon einmal davon gehört, dass Jesus ein von Muslimen anerkannter Prophet ist, den sie verehren, dass, mit anderen Worten, Muslime und Christen wenn es um die religiösen Inhalte geht, nicht allzuviel trennt?

Anders formuliert: Was fragt man eigentlich, wenn man Befragte fragt, ob sie sich von “dem Islam” bedroht fühlen?

Niemand kann sich von etwas Abstraktem bedroht fühlen, auch wenn die Bundesregierung sich das einbildet. Bedrohung geht nicht von der Mafia aus, nicht von der Bundesregierung, nicht von der Wehrmacht und auch nicht von der Sportgemeinde Edesheim. Bedroht kann man sich nur von konkreten Personen fühlen, von Al Capone, post-hum, von den Häschern des Finanzamts, die im Auftrag des Finanzmininsters Jagd auf ihren Souverän machen, von Major Trapp oder von Peter Ludwig.

Muslime

Public Viewing I

Bislang ist kein Fall bekannt, in dem “der Islam” jemanden erschossen hätte. Es ist kein Fall bekannt, indem “das Christentum” gemordet hätte, es ist nicht einmal ein Fall bekannt, in dem der Kommunismus Konzentrationslager eingerichtet hat. In jedem Fall waren es konkrete Individuen, die gehandelt haben. Stalin hat den Gulag in Sibirien einrichten lassen und Willige gefunden, die das für ihn tun. Attentäter, die von sich behaupten, sie wollten, was auch immer für den Islam erreichen, verdingen sich als Mörder und es war Bernhard von Clairvaux, der Brandreden gehalten hat, um Kreuzzüge vorzubereiten.

Warum fragen dann angebliche Forscher nach dem Bedrohungspotential “des Islam” und warum titeln Journalisten “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht”?

Zwei Ursachen: Dummheit oder Brandstiftung.

Dummheit bei den angeblichen Forschern drückt sich in einer vollkommenen Unkenntnis der Methoden der empirischen Sozialforschung im Allgemeinen und der Befragung im Besonderen aus, Methoden, die Kurt Holm bereits im Jahre 1975 und im Hinblick auf stereotype Formulierungen wie folgt dargelegt hat:

“Stereotype Formulierungen lassen sich im hier erörterten Zusammenhang als eine besondere Art suggestiver Formulierung begreifen. Es handelt sich dabei um Worte oder Wortkombinationen (Floskeln), deren positive oder negative Wertbesetzung für bestimmte Befragte so hoch ist, dass ihre inhaltliche Bedeutung dahinter zurücktritt, und der Befragte statt auf den gemeinten Inhalt nur noch auf den Reiz des bloßen Wortes reagiert, und zwar nahezu mechanisch und auf voraussagbare Weise. Beispiele hierfür sind die Worte ‘Kapitalismus’, ‘die Kommunisten'” (Holm, 1975: 60) oder heute “der Islam”.

Christen

Public Viewing II

Stereotype Formulierungen, also krude Verallgemeinerungen, sind nicht nur in vielen Fällen suggestiv, und deshalb werden sie von gewissenhaften Sozialforschern vermieden, sie sind auch so unbestimmt, dass es keinen Zweck hat, nach ihnen zu fragen, denn man hat nicht die Spur einer Chance herauszufinden, woran die Befragten gerade gedacht haben, als sie “den Islam” als Bedrohung eingeordnet haben. Die Bertelsmann-Forscher sind entsprechend keine gewissenhaften Forscher, sondern von Unkenntnis Getriebene oder, – sofern sie wissen, was sie tun: Brandstifter, die versuchen, Ergebnisse in ihrem Sinne herbei zu manipulieren.

Und was ist von Journalisten zu halten, die titeln “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“?

Alternative 1:

Nichts – einfach nur nichts. Sie sind fehl am Platze. Ihnen fehlt jegliche Befähigung zum kritischen Denken und damit jegliches Urteilsvermögen. Letzteres ist jedoch für Journalisten zwingend erforderlich, schließlich setzen sie die Ergebnisse ihres vermeintlichen Denkprozesses vielen Lesern vor.

Alternative 2:

Nichts – denn sie wissen was sie tun und verwischen mit Bedacht und Bösartigkeit den Unterschied, der zwischen einem allgemeinen Begriff wie “Islam” und 1,57 Milliarden Muslimen besteht. Letztere sind Muslime und nicht der Islam (immer vorausgesetzt, man kann überhaupt des Islams im Gewirr der unzähligen Schulen habhaft werden), und der Islam ist etwas anderes als die 1,57 Milliarden Muslime. Wenn zwei Attentäter ein Büro eines islamkritischen Satirejournals überfallen, dann hat das ebenso wenig mit “dem Islam” zu tun, wie es mit dem Christentum zu tun hat, dass katholische Priester sich in doch recht großer Zahl an Jungen vergangen haben.

Die Gleichsetzung von Individuen mit einem abstrakten Begriff dient enstprechend dazu, eine Menschengruppe in Bausch und Bogen zu verteufeln und als unwert zu deklarieren, und sie passt in eine Zeit, in der eine Horde von Verrückten der Ansicht ist, es gäbe “die Männer” und “die Frauen” und alle unter dem Begriff “die Männer” oder “die Frauen” Eingeordneten seien sich so furchtbar ähnlich, während zwischen Männern und Frauen ein so großer Unterschied bestehe, dass man keine Gemeinsamkeit mehr finden könne.

Wer nicht mehr in der Lage ist, den Unterschied zwischen Peter Schmidt und Männer oder den Unterschied zwischen Ahmed Saad al-Din und Islam zu erkennen, der kann im normalen Leben nicht mehr funktionieren und sollte sich schnellstens in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen.

Organisierte Plötzlichkeit: beunruhigende soziologische Ergebnisse

Es gibt sie noch: die soziologischen Ergebnisse, die es wert sind, dass man darüber berichtet.

Organisierte Plötzlichkeit, so ist der Beitrag von Thomas Hoebel überschrieben, der in der Dezemberausgabe der Zeitschrift für Soziologie veröffentlicht wurde. Organisierte Plötzlichkeit ist ein Beitrag zur Erklärung von extremen Gewaltsituationen, Situationen, in denen ganz normale Menschen sich entscheiden, an einem Erschießungskommando teilzunehmen.

massenerschiessungen13. Juli 1942. Im Morgengrauen versammeln sich die knapp 500 Ordnungspolizisten des Reservebataillon 101 vor dem polnischen Ort Józefów, rund 15 Kilometer südöstlich von Warschau. Nachdem sie rund 30 Kilometer auf dem Rücken eines Lastwagens und im Verlauf von 3 Studen hinter sich gebracht haben, werden die Ordnungspolizisten von ihrem Batallionskommandeur, Major Trapp, mit ihrem Auftrag vertraut gemacht. Gewohnt, Sicherungs- und militärnahe Aufgaben auszuführen, sehen sich die 500 Ordnungspolizisten mit einem völlig neuen Auftrag konfrontiert: Sie sollen arbeitsfähige Juden deportieren und rund 1.500 Juden, die nicht arbeitsfähig sind, erschießen. Trapp bittet die Polizisten, die sich diesem Auftrag nicht gewachsen fühlen, vorzutreten. Als Ergebnis melden sich elf der 500 Ordnungspolizisten. Der Rest beteiligt sich an der Erschießung von rund 1.500 Juden, die nun folgt.

Die Begebenheit von Jósefów hat eine Vielzahl von Interpretationen erfahren. Die aufgestellten Thesen reichen von: die Ordnungspolizisten töten aus eigenem und freiem Willen bis zum Argument der Kameradschaft, nachdem ein Ausscheren aus den Reihen nicht möglich sei und Befehl schließlich Befehl ist.

Thomas Hoebel stellt eine eigene Interpretation der Ereignisse von Jósefów auf, die er im Kontext einer Mikrosoziologie der Gewalt, wie sie Randall Collins entwickelt hat, ansiedelt. Demnach ist Gewalt in erster Linie eine Frage emotionaler Dominanz in einer Situation, in der eine direkte Konfrontation zwischen mindestens zwei Personen stattfindet. Anders formuliert, es braucht einen emotionalen Peak, um gewalttätig zu werden, das Überkochen eines Emotiönchens, das dabei hilft, die rationale Barriere, die vor Gewaltanwendung steht, zu überschreiten. Noch anders formuliert: Für Collins ist Gewaltanwendung ein Mittel, das dann eingesetzt wird, wenn die rationalen Möglichkeiten eines Akteurs erschöpft sind. Das ist ein erstes etwas beunruhigendes Ergebnis, bedeutet es doch, dass Gewalt und Irrationalität Hand in Hand gehen.

Auf dieser Grundlage stellt Hoebel seine These der organisierten Plötzlichkeit auf, die erklären soll, warum sich gut 500 Ordnungspolizisten einen ganzen Tag lang an Erschießungen beteiligt haben. Die organisierte Plötzlichkeit basiert auf einer Reihe von Bedingungen:

  • bukowskiDie 500 Ordnungspolizisten werden für die Dauer ihrer Fahrt zum Einsatzort über den Zweck des Einsatzes im Dunkeln gelassen.
  • Vor Ort wird innen ein Auftrag erteilt, der für sie vollkommen neu ist. Ihre bisherige Situationsdefinition als Ordnungspolizisten, die sich am Blutvergießen des Krieges bislang nicht beteiligt haben, wird abrupt beseitigt und durch eine neue Definition ersetzt.
  • Die Ordnungspolizisten sind Teil einer hierarchischen Einheit, d.h. ihre Vorgesetzen können erwarten, dass sie Befehlen Folge leisten.

Diese Situation der Überrumpelung ist für Hoebel der Grund dafür, dass fast alle der 500 Soldaten ihrem Befehl Folge leisten, denn:

  • Die räumlichen Umstände der Befehlserteilung lassen ihnen keine Möglichkeit, sich unbemerkt zu entziehen. Sie sind vor Ort und 30 Kilometer von ihren Quartieren entfernt.
  • Die zeitlichen Umstände der Befehlserteilung lassen ihnen keine Zeit, Widerstand untereinander zu organsieren und z.B. “kollektiv gegen das Einsatzziel zu opponieren” (453).
  • Die hierarchische Situation, in der die Vorgesetzen keinen Zweifel daran lassen, dass sie die Befehle durchzusetzen gedenken und die “Norm der Kameradschaft”, die mit der “Erwartung einhergeht, dass Arbeitslasten gleichmäßig verteilt werden”. führen dazu, dass ein sozialer Druck dahingehend aufgebaut wird, “dass man nun auch einmal schieße” (454).
  • Schließlich sind die Ordnungspolizisten vor Ort, um die Erschießung durchzuführen. Es gibt keine sonstigen Aufgaben.

Diese Situationslogik der organisierten Plötzlichkeit ist nach Ansicht von Hoebel dafür verantwortlich, dass Ordnungspolizisten, die bis dahin ihre Waffen kaum gebraucht haben, zu Mordmaschinen werden: “Organisiert ist diese Plötzlichkeit insofern, als hier die ganz normalen Routinen einer hierarchischen Organisation ‘ausgebeutet’ werden, damit sich eine Interaktion trotz einer Handlungserwartung nicht zerstreut, die mit einer hohen Konfrontationsanspannung verunden ist” (454).

Tajfel. social identityDieses Ergebnis ist beunruhigend, denn wenn stimmt, was Hoebel herausgearbeitet hat, dann ist die Gefahr, zum Massenmöder zu werden, eine Gefahr, in der alle Mitglieder hierarchischer Gruppierungen, aller Armeen, jeder Polizei stehen, denn es bedarf nur der entsprechenden “organisierten Plötzlichkeit”, um die Mitglieder von Ordnungshütern zu Massenmördern zu transformieren. Dabei beschreibt organisierte Plötzlichkeit eine Situation, in der die Mitglieder der hierarchischen Organisation aus ihren Routinen gerissen werden und ihnen wenig Alternativen als die, den Befehlen zu folgen, bleiben.

Um so mehr Hochachtung muss man für die 11 Ordnungspolizisten haben, die trotz aller Widrigkeiten ihre Selbstbestimmung behalten und sich nicht am Massenmord beteiligt haben. Nicht nur das: Die Existenz dieser 11 Ordnungspolizisten zeigt, dass die organisierte Plötzlichkeit als Erklärung nicht hinreicht, vielmehr um ein sozialpsychologisches Motiv ergänzt werden muss, das Tajfel und Turner in ihren Experimenten isoliert haben, nämlich den Hang, sich eine soziale Identität zu geben und diese soziale Identität als Ordnungspolizist im vorliegenden Fall über die personale Identität als nicht-Massenmörder zu stellen.

Hoebel, Thomas (2014). Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen. Zeitschrift für Soziologie 43(6): 441-457.

Kein Platz für Andersdenkende: Intolerante Sozialwissenschaften

Ist es nicht interessant, dass die deutschen Sozialwissenschaften (und nicht nur die deutschen) die Diversität, die Toleranz und Akzeptanz Andersdenkender predigen, dass sie gegen Diskriminierung zu Felde ziehen und sich für Vielfalt einsetzen, dies aus einem Fach heraus tun, das all dies nicht ist: tolerant, divers, vielfältig, und, so muss man anfügen auch nicht interessant?

Es ist dies einer der Widersprüche des täglichen Lebens, einer der Widersprüche, der sich aufgrund sozialer Prozesse ergibt, für die diejenigen, die vorgeben, sie würden soziale Prozesse in der Gesellschaft untersuchen, regelmäßig dann blind sind, wenn sie im eigenen Umfeld stattfinden, wenn sie selbst Teil dieses Prozesses sind – und nicht nur dann. Deshalb gilt Toleranz immer für die anderen, nie für diejenigen, die Toleranz fordern.

Guinness black is beautifulDass nicht nur die deutschen Sozialwissenschaften sich in einem Schließungsprozess befinden, in dem nur noch bestimmte Ideen zugelassen sind, während andere Ideen ausgeschlossen werden, dass Sozialwissenschaften allgemein eine Abwärtsspirale der politischen Korrektheit durchlaufen, die sie das in Menge produzieren lässt, was man im Englischen als Junk Science bezeichnet: Unnütze Studien, die z.B. nachweisen wollen, dass Frauen in Vorständen den Profit des Unternehmens erhöhen oder die gezeigt haben wollen, dass jedes Recht, das ein Land an Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle vergibt, das Bruttosozialprodukt um 320 US-Dollar pro Kopf erhöht.

Um zu sehen, dass es sich bei diesen vermeintlichen Studien um Junk Science handelt, muss man sich nur ins richtige Leben begeben und sich überlegen, wie es möglich sein soll, dass sagen wir zwei Frauen mehr im Vorstand dazu führen, dass der Guiness-Absatz von Diageo in Argentinien um 5% steigt. Oder man muss sich nur überlegen, wie die Tatsache, dass Schwule sich jetzt Kinder kaufen dürfen, dazu beitragen soll, dass der Export, also das Zugpferd des Bruttosozialprodukts in Deutschland, angekurbelt wird und gerade nicht in den Ländern, aus denen die Bestellkinder geliefert werden. Das reicht bereits, um derartigen Unsinn als ebensolchen zu entlarven, ohne dass man sich Fragen wie der nach Kausalität und Korrelation überhaupt stellen muss.

Dass die Sozialwissenschaften dabei sind, sich in eine Sekte zu verwandeln, die nur noch bestimmte Ideen zulässt, die nur noch bestimmte Gegenstände beforscht, sofern sie überhaupt forscht und in denen mehr Betrachtungen als Ergebnisse publiziert werden, fällt immer mehr Wissenschaftlern auf. Das neueste Beispiel stammt aus den USA, wird demnächst in Behavioral and Brain Science veröffentlicht und geht mit der Sozialpsychologie hart ins Gericht. Duarte et al. (2014) haben es verfasst, und es sei an dieser Stelle allen Lesern als Weihnachtslektüre empfohlen.

Science Left BehindWie fast alle Sozialwissenschaften, so ist auch die Sozialpsychologie links unterwandert, anders formuliert: unter Sozialwissenschaftlern finden sich deutlich mehr Personen, die sich politisch links ansiedeln als solche, die von sich sagen, sie wären in der Mitte beheimatet, rechts oder gar liberal. Die sozialwissenschaftlichen Prediger der Diversität sind selbst eines nicht: divers. Und sie sind es über die vergangenen Jahrzehnte betrachtet immer weniger geworden. Vielmehr stellen sich Sozialwissenschaften in den meisten westlichen Ländern als linke Projekte dar, als Projekte, die gar nicht tolerant gegenüber rechten oder liberalen Ideen sind.

Dies, so Duarte et al., trage die Gefahr von Selbstselektion, Schließung und Group Think in sich, und das ist natürlich ein Euphemismus, denn, wie Duarte et al. selbst beschreiben, hat diese Schließung längst stattgefunden, ist Selbstselektion von Linken in die linken Sozialwissenschaften längst die Normalität, hat diese Normalität längst dazu geführt, dass die Mehrheit der Professoren offen zugibt, dass sie Bewerber, die nicht links sind, selbst bei besserer Eignung nicht einstellen würden (Inbar & Lammers, 2012).

Dass in Sozialwissenschaften ein für alle, die nicht links sind, feindliches Klima herrscht, das längst dazu geführt hat, dass bestimmte Ideen nicht mehr gedacht werden (dürfen) und diejenigen, die sie dennoch denken, negativ sanktioniert werden, haben mutige Forscher schon mehrfach und früh gezeigt: Abramowitz et al. (1975) haben ein fast identisches wissenschaftliches Papier von Kollegen bewerten lassen, dabei haben sie nur eine Winzigkeit verändert: die Darstellung eines Ergebnisses. Eine Studie, die die mentale Stablilität mit politischer Ideologie in Verbindung brachte, kam einmal zu dem Ergebnis, dass Linke mental stabiler sind als Rechte, einmal waren Linke mental instabiler als Rechte. Kollegen, die mit diesen Ergebnissen konfrontiert wurden und sich politisch links verorteten, bewerteten das Papier von Abramowitz et al. besser, wenn es das Ergebnis hatte, dass Linke mental stabiler sind als Rechte. Kollegen, die sich politisch rechts einordneten, hatten diesen Bias in der Bewertung nicht.

confirmation biasMit anderen Worten: Sozialwissenschaftler, die sich politisch links verorten, diskriminieren gegen Personen, die sich nicht als politisch links zu erkennen geben, sie bewerten Forschungsergebnisse danach, ob sie ihrer politischen Überzeugung entsprechen, und sie verzerren als Folge Forschung in einem wissenschaftlichen Feld, machen aus wissenschaftlicher eine ideologische Forschung, die nur noch auf der Suche nach Bestätigung für die eigene Weltsicht ist (confirmation bias) und alle Ergebnisse, die der eigenen ideologischen Überzeugung widersprechen, ausblendet, bekämpft und in keinem Fall toleriert.

Sozialwissenschaftler und ihre Wissenschaften sind auf dem besten Weg, eine religiöse Sekte voller linker Überzeugungstäter zu werden, die sich aufgrund ihrer verzerrten Wahrnehmung immer weiter von der Realität und der Normalität der Gesellschaft entfernen, die sie umgibt. Und weil dem so ist, sind Sozialwissenschaften nur noch für Ideologen interessant, deshalb zieht es vor allem linke politische Aktivisten in die Sozialwissenschaften, in denen sie ihr ideologisches Zerstörungswerk fortsetzen und die Sozialwissenschaften in einer Welle von gleichgeschalteter, langweiliger, linker und vor allem politisch korrekter Forschung ertränken.

Duarte et al. (2014) beenden ihren Beitrag mit einer Reihe von Empfehlungen, die dafür sorgen sollen, dass Sozialwissenschaften zu dem werden, was die derzeitigen Sozialwissenschaftler angeblich so wichtig finden: divers, vielseitig und tolerant:

  • Zunächst müssen Professoren der Sozialwissenschaften zugeben, dass ihr Fach zu einem ideologisch homogenen Feld verkommen ist. Eine Hürde, die in Deutschland doppelt hoch ist, denn sie beinhaltet nicht nur Einsicht, sondern auch Mut, Mut den Mund aufzumachen.
  • Dann müssen in den Sozialwissenschaften Diversität und Vielfalt Einzug halten, z.B. in Form von Kritik an politisch korrekter Forschung oder von Kritik am Feminismus, dessen Vertreter Ressourcen verschlingen ohne auch nur ein produktives Payback zu produzieren.
  • Dies setzt voraus, dass sich Sozialwissenschaftler ihrer eigenen Bigotterie bewusst werden und sich selbst zum Forschungsgegenstand machen, denn nur auf diese Weise können die Doppelstandards aufgedeckt werden, die viele unter ihnen auf der einen Seite Diversität predigen lassen, wie dies z.B. die Gender Studies unablässig tun, um auf der anderen Seite alle diejenigen zu bekämpfen und zu denunzieren, die diverse Meinungen, also Abweichungen von der Ideologie der Gender Studies formulieren.
  • Schließlich fordern Duarte et al. zwei Kröten, die in Deutschland vermutlich niemand schlucken wird: Einerseits sollten Publikationen, die bewusst von der herrschenden Meinung, also der politischen Korrektheit, abweichen, gefördert werden. Andererseits sollte ein neues Wertesystem für Sozialwissenschaftler gelten, nämlich eines, das diejenigen, die ihre Fehler aussitzen wollen und sich mit Kritik an ihren Veröffentlichungen nicht beschäftigen, derart in der Reputation beschädigt, dass sie die Hochschule verlassen müssen. Da mit dem letzten Punkt alle Vertreter der Gender Studies, die es bis zum heutigen Tag nicht geschafft haben, auch nur die einfachsten Fragen nach den Grundlagen ihrer angeblich doch wissenschaftlichen Betätigung zu beantworten, von Hochschulen beseitigen würde, kann man sich ungefähr vorstellen, wie beliebt die entsprechende Forderung in Deutschland sein wird.

Die Krisensignale, die sich für uns eher anhören, wie das letzte Röcheln, das demjenigen entkommt, der gerade erwürgt wird, die Krisensignale in den Sozialwissenschaften werden immer häufiger thematisiert. In den USA werden sogar Anstrengungen unternommen, um wissenschaftliche Standards wieder zu sichern und die ideologisch-linke Unterwanderung der Sozialwissenschaften zu beseitigen. Und in den USA haben Wissenschaftler, linke Wissenschaftler im vorliegenden Fall, die Hoffnung, dass es gelingen kann, die Sozialwissenschaften wieder zu einer Wissenschaft zu machen.

Für Deutschland teilen wir diese Hoffnung nicht. Da es in Deutschland nicht einmal möglich ist, einen Diskurs darüber anzustrengen, ob bestimmte Fächer an Hochschulen etwas verloren haben, geschweige denn darüber zu diskutieren, ob es für Hochschulen förderlich sein kann, wenn sie immer mehr zu Marionetten eines politischen Willens werden, der in Ministerien festgelegt wird und vor Ort durch die Armee der Politkommissare, die zwischenzeitlich an Hochschulen installiert wurde, umgesetzt wird, sehen wir nicht, wie es gelingen soll, Sozialwissenschaften in Deutschland wieder zu einer Wissenschaft zu machen.

P.S.

Duarte et al. sprechen in ihrem Text von “liberals”, was auf die Verfasstheit des US-amerikanischen Parteiensystems zurückgeht und für Deutschland am besten mit “links” übersetzt wird, wobei “links” nicht bedeutet, dass diejenigen, die sich links bezeichnen, auch links sind, also den Wurzeln der politischen linken Ideologie in der Arbeiterbewegung Rechnung tragen, sondern nur, dass sie sich für links halten.

Abramowitz, Steven I., Gomez, Beverly & Abramowitz, Christine V. (1975). Publish or politic: Referee Bias in Manuscript Review. Journal of Applied Social Psychology 5(3): 187-200.

Duarte, José L., Crawford, Jarret T., Stern, Charlotta, Haidt, Jonathan, Jussim, Lee & Tetlock, Philip E. (2014). Political Diversity Will Improve Social Psychological Science. To be published in Behavioral and Brain Science.

Inbar, Yoel & Lammers, Joris (2012). Political Diversity in Social and Personality Psychology. Perspectives on Psychological Science 7(5): 496-503.