Die Faulheit ist mit den Linken: Noam Chomsky zu Linken in der Wissenschaft

ScienceFiles-Aphorismen

Wir sind wieder über ein Juwel der Sozialforschung gestolpert, einen Text, den Noam Chomsky im Jahre 1971 in der Australian Left Review veröffentlicht hat, einen Text, in dem er der organisierten akademischen Linken in einer Weise die Leviten liest, die man zum einen von Chomsky als Linkem nicht in der Weise erwartet hätte, die zum anderen auch heute noch eine Gültigkeit hat, die die Konstanz menschlicher Trägheit und linker Faulheit belegt.

Man muss vorausschicken, dass Chomsky ein ernsthafter Linker, aber in erster Linie doch Wissenschaftler ist, der nach Fakten und Argumenten sucht, um zu überzeugen, mit seinen Argumenten zu überzeugen. Darin unterscheidet er sich grundlegend von all den eingebildeten akademischen Linken seiner Zeit und heute, die sich im Vollbesitz von Wahrheit wähnen und entsprechend nicht als Wissenschaftler unterwegs sind, sondern als Volkserzieher und Heilsverkünder. Dass Sie das sind, liegt an ihrer Faulheit, so schreibt Chomsky und nicht nur daran:

“George Orwell once described political thought, especially on the left, as a kind of masturbation fantasy to which the world of fact hardly matters. Unfortunately, there is a good deal of truth to that characterization”.

Diesen zentrale Passage kann man am besten wie folgt übersetzen:

“George Orwell hat einmal bemerkt, dass politisches Denken, vor allem auf Seiten der Linken, eine Art Selbstbefriedigungsphantasie ist, für die die Welt der Fakten kaum Bedeutung hat. Leider ist diese Charakterisierung in weiten Teilen zutreffend.”

Wie gesagt, Chomsky ist vor allem Wissenschaftler. Er begründet seine Aussagen: Seine Meinung, nach der viele Linke eine Form der verbalen Selbstbefriedigung betreiben, damit, dass sie zu faul sind, ernsthafte, gewissenhafte und vor allem: mühsame Arbeit zu leisten und sich der wissenschaftlichen Methoden zu bedienen. Linke wählen lieber den einfachen Weg und verkünden von ihrer akademischen Position aus, nicht nur verkünden sie, nein, sie erwarten auch, dass ihnen gefolgt und geglaubt wird.

Und Chomsky fährt fort:

Chomsky“Particularly in the social and behavioural sciences, where theoretical content is virtually non-existent and intellectual substance is slight, the pretence of professional expertise is very often used as a defence against quite legitimate criticism and analysis. Here I think can be found one source of the abuse of academic freedom; namely, the restricting of those who try to develop objective academic scholarship that will challenge the prevailing framework of thinking …”

Und in deutscher Übersetzung:

“Vor allem in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, in denen theoretischer Gehalt nahezu nicht-existent ist und in denen die intellektuelle Substanz dünn ist, wird vorgegaukelte professionelle Expertise oftmals als Verteidigung gegen legitime Kritik und Analysen genutzt. Es ist hier, wie ich glaube, dass eine Quelle des Missbrauchs von wissenschaftlicher Freiheit gefunden werden kann, darin nämlich, dass diejenigen, die versuchen, objektive wissenschaftliche Forschung zu betreiben, die die vorherrschende Denkweisen herausfordern würde, behindert werden…”

Das hat Chomsky im Jahre 1971 geschrieben.

Im Jahre 2015, 44 Jahre später, ist die Situation nicht anders.

In den Sozialwissenschaften blüht die Disziplin der wie-es-mir-vorkommt-Forschung, Forschung, die keinerlei theoretische Fundierung hat und keinerlei wissenschaftlichen Erkenntniswert produziert. Die Verkünder von Heilsbotschaften treten sich an manchen Fakultäten gegenseitig auf die Füße in ihrem Bemühen, der Welt das Heil von Diversität, sozialer Gleichheit im Sozialismus, sexueller Befreiung im Kindergarten zu bringen oder zur Entarmung der Armen aufzurufen.

Wieder sind es vor allem linke Wissenschaftler, die sich der Mühe, ihre angeblichen Forschungsergebnisse zu begründen und zu belegen, nicht unterziehen, die lieber vollmundig verkünden als mühsam Daten zu erheben und Behauptungen zu belegen. Wieder sind es Ideologen, die nicht bereit sind, ihre Ideologie hinter ernsthafte wissenschaftliche Arbeit zu stellen und sich der Mühe z.B. des logischen Argumentierens zu unterziehen.

preacherDer einzige Unterschied, den es zwischen 2015 und 1971 gibt, besteht darin, dass die Mode eine andere ist. Nicht mehr der Kampf gegen den Krieg in Vietnam oder das Establishment ist Gegenstand der linken Wissenschaftler. Sie richten ihre Bemühungen vielmehr darauf, Teil des Establishments zu werden, vor allem dadurch, dass sie politische Legitimationsforschung betreiben: Sie belegen Gender Gaps wo es keine gibt, bauen an Gender-Netzwerken, um Seilschaften in Positionen zu bringen, agitieren gegen die angebliche Benachteiligung von Frauen, die sie behaupten, aber nicht belegen, oder sie Schimpfen auf den Kapitalismus, der ihre professorale Position mit einem üppigen W3-Gehalt ausgestattet hat, kämpfen für die Gleichheit aller außer ihnen und sehen sich als Wegbereiter einer besonders guten Gesellschaft, die sie als geistige Avantgarde nicht nur finanziell vorauseilen sieht.

Was Chomsky sagt, scheint auch heute noch zu stimmen: Viele linke Wissenschaftler sind in erster Linie faul und in zweiter Linie verbale Selbstbefriediger, die die Verkündung ihrer Heilsbotschaft der konkreten Analyse und Begründung, dem wissenschaftlichen Arbeiten vorziehen. Dass sie dies von Universitäten aus tun, liegt zum einen daran, dass man an Universitäten gut für Geschwätz bezahlt wird, daran, dass man bislang nicht zur Rechenschaft gezogen wurde und daran, dass der Weg auf die Kanzel in einer Kirche unter Linken nicht populär und zudem mühsam ist (oder war?).

Chomsky, Noam (1971). In Defence of the Student Movement. Australian Left Review 1(33): 2-11

Das Versagersyndrom: Studie über Linksextremismus

Vor einiger Zeit haben wir über die moralische Panik berichtet, die immer dann inszeniert wird, wenn es darum geht, Rechtsextremismus aufzubauen und in seiner Gefährlichkeit zu beschreiben. Fast unbemerkt vegetiert neben dem Rechtsextremismus der Linksextremismus, dessen Vertreter, wie man auf Basis der Daten z.B. des Verfassungsschutzberichts 2013 zeigen kann, um das rund 1,5fache produktiver sind als Rechtsextremisten, wenn es um das Begehen von Straftaten geht.

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Nun findet sich heute in einer Reihe von Zeitungen, darunter die WELT, ein Beitrag über eine Untersuchung zum Linksextremismus, die Wissenschaftler von der Freien Universität Berlin durchgeführt haben und die sie demnächst als Buch veröffentlichen wollen (siehe unten).

Wir wollen der entsprechenden Berichterstattung nichts hinzufügen, sondern die Ergebnisse aus politikwissenschaftlicher Perspektive beleuchten, und zwar vor dem Syndrom der autoritären Persönlichkeit, das Adorno et al. für Rechte beschrieben haben und das Milton Rokeach in einem weithin vergessenen Ansatz auf die Linke übertragen hat. In seinem Buch “The Open and the Closed Mind” entwickelt Rokeach das Konzept des Dogmatismus:

AntifaDogmatismus beschreibt im Anschluss an die von Adorno und seinen Mitarbeitern benutzte F-Skala eine autoritäre Einstellung, die sich durch “closed mindedness” (Borniertheit) auszeichnet. Closed mindedness wiederum basiert auf einer breiten Basis von Unkenntnis und darauf, dass die entsprechenden closed minds nicht einmal im Traum darauf kämen, an einer ihrer schlecht bis gar nicht fundierten, von anderen übernommenen und rein affektiv getragenen Positionen zu zweifeln.

Markenzeichen von Personen mit einem solchen geschlossenen Überzeugungssystem, ist es nicht nur, dass sie Fakten nicht mehr zur Kenntnis nehmen können (oder nie konnten) und entsprechend versuchen, ihre Phantasien der Realität überzustülpen, ihr Markenzeichen ist zudem, dass sie so sehr an die Wahrheit ihrer eigenen Überzeugung glauben, dass sie nicht nur sprichwörtlich über Leichen gehen, um ihre eigene Überzeugung durchzusetzen. Entsprechend kann man vorhersagen, dass die so bezeichneten Personen auf einer IQ-Skala bestenfalls mittelmäßige Werte erreichen, denn sie sind auf das Nachbrabbeln ihrer angeblichen Wahrheit angewiesen und entsprechend nicht lernfähig oder -willig, denn Lernen setzt die Bereitschaft voraus, seine eigene Überzeugung in Frage zu stellen.

Somit hat man ein Syndrom, das mit Dummheit einhergeht, nicht falsifizierbar ist und deshalb den Dogmatiker auszeichnet, den Rokeach für den größten Feind der Freiheit gehalten hat.

Und jenen Dogmatiker in seiner linken Variante scheinen die Berliner Forscher in ihrer Befragung gefunden zu haben: 14% ihrer Befragten zeigen linksextremistische Einstellungen, wie sie schreiben. Aber das ist nur die Spitze vom Eisberg, denn eine Reihe von Ergebnissen (die in der Berichterstattung der Zeitungen zu kurz kommen), von denen die Forscher berichten, haben uns zu denken gegeben.

Bei diesen Ergebnissen handelt es sich nicht so sehr um die Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus. Den Kapitalismus zu befeinden, dessen wirtschaftlicher Erfolg den Linksextremismus erst möglich macht, ist derzeit “In” und somit nichts, was man besonders gewichten müsste. Es ist fast schon Mainstream gegen den Kapitalismus zu sein, vor allem unter denen, die nicht einmal die Spur einer Vorstellung davon haben, was Kapitalismus eigentlich ist.

Nein, was uns erschreckt hat, ist folgendes:

Für viele Deutsche wieder erstrebenswert: Soziale Kontakte pflegen in der Wartschlange.

Für viele Deutsche wieder erstrebenswert: Soziale Kontakte pflegen in der Wartschlange.

“Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen hielten den Sozialismus/Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei, und 42 Prozent gaben an, dass für sie soziale Gleichheit aller Menschen wichtiger sei als die Freiheit des Einzelnen.”

Haben die Ostdeutschen die bananenlose Zeit des SED-Regimes schon vergessen? Die Zeit der Mangelverwaltung durch Fünf- oder Siebenjahrespläne, die zum Ergebnis hatten, dass in einem Jahr die Schrauben gefehlt haben und im nächsten die Mütter dazu? Aber das fällt vermutlich unter die schlechte Ausführung, was die Frage aufwirft, wie viele Experimente die jeweiligen Befürworter noch benötigen, um einzusehen, dass Sozialismus (oder Kommunismus) ein Land schneller zu Grunde richtet, als man schauen kann. Wir erleben es derzeit in Venezuela, einem Land, reich an Bodenschätzen, in dem die Bevölkerug vor den leeren Regalen in den Supermärkten Schlange steht.

Erschreckend ist auch der Verzicht auf Freiheit zu Gunsten sozialer Gleichheit. Wer dermaßen tief gesunken ist, dass ihm die von Dritten angeblich hergestellte soziale Gleichheit wichtiger und wertvoller ist als seine eigene Freiheit, die ihn in die Lage versetzt, etwas aus eigener Kraft zu erreichen, der kann keinerlei Selbstwert von sich haben, keinerlei Selbstwirksamkeit erfahren haben und muss vor allem der Ansicht sein, dass er durch soziale Gleichheit gewinnen kann, eine Ansicht, die man nur haben kann, wenn man sich für einen Versager hält bzw. das Nutznießen der produktiven Tätigkeit vorzieht.

Was hier beschrieben ist, ist somit ein Versager-Syndrom, das Linke offensichtlich auszuzeichnen scheint und das perfekt mit dem Hass auf Kapitalismus einhergeht, gilt im Kapitalismus doch, dass die Leistung die Auszahlung bestimmt, d.h.: wer mehr leistet, hat auch mehr. Nur wer denkt, er könne nichts leisten oder durch eigene Leistung keine nennenswerte Auszahlung erreichen, kann Kapitalismus ablehnen und Sozialismus wünschen.

Und nur wer dieses Versagersyndrom in ein Überzeugungssystem gepackt hat, das ihn vor der Wahrheit der eigenen Unfähigkeit und Inkompetenz schützt, kann auftreten, wie dies Linksextremisten so gerne tun: In der vollen Überzeugung nicht nur im Besitz der vollen Wahrheit zu sein, sondern auch berechtigt zu sein, zur Durchsetzung dieser Überzeugung Gewalt anzuwenden: 14% der Linksextremen befürworten Gewalt und qualifizieren sich damit als Erben Lenins oder Stalins, als Erben von Mao und all derer, die für die Durchsetzung der eigenen Überzeugung Millionen Menschenleben geopfert haben.

Masskillings communismAber sicher haben Lenin, Stalin, Mao, Ulbricht und all die anderen, die Gesellschaften zu Grunde gerichtet haben, den Sozialismus oder den Kommunismus nur falsch angewendet, wie 60% der befragten Ostdeustchen denken, was voraussetzt, dass sie wissen, wie man Sozialismus oder Kommunismus richtig anwendet, in einer Weise anwendet, in der Sozialismus und Kommunismus bislang noch nie angewendet wurde. Umso erstaunlicher, dass alles, was den neuen Sozialisten und neuen Kommunisten heutzutage einfällt, der selbe alte Hass auf die bürgerliche Gesellschaft ist und der selbe alte Neid auf diejenigen, die erfolgreich sind, nicht zu vergessen, die selben alten Rezepte der Verstaatlichung von Leistungen und der damit einhergehenden Zerstörung der Motivation von Menschen, etwas zu leisten.

Das kann auch nicht anders sein, denn Sozialismus oder Kommunismus basiert auf einem Menschenbild, das eingebildet und in der Realität nicht auffindbar ist. Dieses Bild sieht Menschen als Zombies, die nur wollen, was ihnen ihr sozialistischer Staat zuweist, die nur tun, was ihnen ihr sozialistischer Staat zu tun aufgibt. Weil Menschen so nicht sind, weil Menschen danach streben, etwas zu leisten, danach streben, sich von anderen zu differenzieren, deshalb ist Sozialismus ein Projekt von Versagern, das regelmäßig zum Scheitern verurteilt ist, denn was Sozialismus zu bieten hat, ist vielen schlicht zu wenig.

Schroeder, Klaus & Deutz.Schroeder, Monika (2015). Gegen Staat und Kapital – dür die Revolution. Linksextremismus in Deutschland – eine empirische Studie. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Rokeach, Milton (1980). The Open and Closed Mind: Investigations Into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Politikjournalisten: Vor allem links

Wer sind eigentlich die Journalisten, die im Politikteil von Zeitungen oder in den Redaktionen von Fernsehen und Hörfunk durch das Material gehen, das dpa liefert und die die Agenda darüber, was in Deutschland über Politik berichtet wird und vor allem, was nicht berichtet wird, bestimmen?

Angesichts der Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien, wie sie nicht zuletzt im Begriff der Lügenpresse ihren Niederschlag gefunden hat, ist die Frage, wer steht eigentlich hinter den politischen Nachrichten, die deutschen Medienrezipienten zugemutet werden, eine so wichtige Frage, dass man sich fragt, warum sie nicht ständig gestellt wird.

Die Antwort auf diese Frage ist auch aus anderen Gründen wichtig.

HradilEin Blick in Stefan Hradils Lehrbuch über soziale Ungleichheit zeigt warum, beschreibt Hradil soziale Ungleichheit doch anhand nicht nur der Merkmale von Einkommen und Geschlecht, den beiden einzigen, die Sozialwissenschaftler heute noch zu kennen scheinen, sondern anhand von Kriterien wie: Bildung, Macht, Prestige, Arbeitsbedingungen, Wohnbedingungen, Zugehörigkeit zu Randgruppen usw.

Macht ist dabei ein besonders interessantes Konzept, schon weil es aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verschwunden ist. Niemand fragt sich z.B. welche gesellschaftlichen Gruppen die Macht im Bundestag innehaben, die Macht, anderen Gruppen ihre Gesetzgebungsvorlieben aufzuzwingen. Dasselbe gilt für Journalisten: Kaum jemand fragt sich, welche gesellschaftlichen Gruppen die Macht haben, anderen Gruppen ihre Nachrichtenvorlieben und Interpretationsvorlieben aufzuzwingen.

Insofern ist es erfreulich, dass der Deutsche Fachjournalisten Verband im Jahre 2009 eine Befragung in Auftrag gegeben hat, deren Ergebnisse im Mai 2010 veröffentlicht wurden (Lünenborg & Berghofer, 2010). Die Ergebnisse sind also noch nicht so alt, dass man sie als veraltet ansehen muss, schon weil das deutsche Arbeitsrecht dafür sorgt, dass Journalisten, die sich in eine feste Anstellung gerettet haben, in dieser festen Anstellung auch verbleiben, bis sie von selbst gehen.

Folglich kann man die Ergebnisse, die Magreth Lünenborg und Simon Berghofer für den Deutschen FachjournalistenVerband gesammelt haben, als im Wesentlichen auch heute noch gültig ansehen.

Die beiden Forscher haben eine schriftliche Form der Befragung gewählt und 5.417 Politikjournalisten um Teilnahme an ihrer Befragung gebeten. Das erste, was man über Politikjournalisten lernen kann, ist, dass sie gerne die Informationen von anderen gebrauchen, aber nicht gerne Informationen von sich zur Verfügung stellen. Ganze 916 Politikjournalisten haben an der Befragung teilgenommen, was 17,3% der Angeschriebenen entspricht. Das ist eine Rücklaufquote die viele schriftliche Befragungen regelmäßig “nur” erreichen, was schon mehrfach zu der Frage geführt hat, ob schriftliche Befragungen (per eMail oder Post) überhaupt sinnvoll sind. Aber so lange der Papst der schriftlichen Befragung Don Dillman mit immer neuen Ideen kommt, wie man die Rücklaufquote erhöhen kann, garantiert über 80%, ist die postalische oder schriftliche Befragung nicht tot zu bekommen.

An der Freien Universität in Berlin, wo Lünenborg und Berghofer die Befragung durchgeführt haben, scheinen die Ideen von Dillman noch nicht angekommen zu sein, folglich ist es bei 17,3% Ausschöpfungsquote geblieben, aber, und das ist das Gute, mit 916 Antwortern lässt sich schon einiges an Information über diejenigen gewinnen, die in Deutschland über politische Ereignisse z.B. im Inland berichten (auch wenn die 916 Antworter auf 789 schrumpfen, wenn die Gelegenheitsjournalisten ausgeschlossen sind).

74,4% der befragten Politikjournalisten tun dies übrigens, um “Kritik an Missständen zu üben”. 41,5% sind gar sozial engagiert und wollen sich für Benachteiligte in der Bevölkerung einsetzen, was dann wohl diejenigen sind, die die entsprechenden Journalisten auf Grundlage welcher Kriterien auch immer zu Benachteiligten erklärt haben. 40,3% der befragten Politikjournalisten erinnern sich daran, dass da ja noch etwas war, was man als die eigentliche Aufgabe von Journalisten ansehen kann, nämlich: “Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu kontrollieren”.

Holm_Hier ist es an der Zeit, einen Einschub im Hinblick auf ein vollkommen unsinniges Item zu machen. Die befragten Politikjournalisten wurden von den Freien universitären Forscher aus Berlin gebeten, ihre Zustimmung zu vorgegebenen Aussagen zum Ausdruck zu bringen. Ein Item, das drei Stimuli “Politik, Wirtschaft und Gesellschaft” enthält, ist hier natürlich sinnlos, denn man weiß nicht, welchem Stimulus die Befragten zustimmen. Wollen sie nun die Politik, die Wirtschaft, die Politik und die Wirtschaft kontrollieren? Was gesellschaftliche Kontrolle angeht, so ist dies ein Punkt, an dem man sich fragt, ob Lünenborg und Berghofer von allen guten Geistern verlassen sind. Politikjournalisten haben nicht die Gesellschaft zu kontrollieren, sondern Serviceleistungen für die Gesellschaft zu erbringen. Aber scheinbar herrscht hier die Eliteneinbildung vor, man müsse dem deutschen Michel auf die Finger schauen und ihn in Print- oder sonstigen Medien darüber belehren, was gut für ihn ist (und was nicht). Dass dem so ist, zeigt sich am Item “normalen Leuten eine Chance geben, ihre Meinung … zum Ausdruck zu bringen”. Wie nett, dass Journalisten sich herablassen, “normalen Leuten” trotz aller Defizite den Ausdruck ihrer Meinung zu erlauben. Es gibt Prämissen hinter Forschung, bei denen einem die Haare zu Berge stehen und einen das Grauen überfällt  …

Doch weiter im Text.

Der durchschnittliche Politikjournalist verdient 2.900 Euro netto, wobei die Spannweite von mehr als 7.000 Euro netto bis weniger als 1.000 Euro netto reicht. Ob die Qualität des Politikjournalismus auch mit dem Einkommen wächst, wurde leider nicht untersucht.

Deutsche Politikjournalisten sind im Durchschnitt 46 Jahre alt, haben zu zwei Dritteln einen Hochschulabschluss, sind verheiratet oder fest gebunden und haben in der Mehrzahl Kinder. Das ist nicht weiter schlimm, so lange die Politikjournalisten ihre familiären Vorlieben nicht in ihre Berichterstattung z.B. darüber, ob eine Erhöhung des Kindergeldes angebracht wäre oder nicht, einfließen lassen.

Das wollen sie natürlich nicht. Vielmehr will der Politikjournalist von heute “komplexe Sachverhalte erklären und vermitteln“. Wer würde einer solchen Aussagen nicht zustimmen? Schließlich ist damit Prestige verbunden, sagt die Zustimmung doch über den Zustimmer, dass er in der Lage ist, komplexe Sachverhalte zu erfassen, zu verstehen, aufzubereiten und an andere, weniger komplexe Denker weiter zu geben. Man fragt sich hier einmal mehr, was die beiden Frei Universitären eigentlich erforschen wollten und hat massiv den Eindruck, dass sie den befragten Politikjournalisten vor allem Gelegenheit geben wollten, um sich zu produzieren bzw. sich selbst zu feiern.

Was erwartet man von Journalisten? Neutrale Berichterstattung? Genau: 82,7% der Befragten wollen neutral Bericht erstatten und präzise. Was ist noch im Erwartungskanon? Die Realität so abbilden wie sie ist? Haben wir auch im Angebot: 79,3% der Politikjournalisten wollen ihren Rezipienten die Realität so vermitteln wie sie ist bzw. wie sie sich ihnen darstellt.

Nur: Wie stellt sich die Realität dar?

Zuweilen stellt sich die Realität etwas eingefärbt dar, z.B. wenn Journalisten behaupten, dass Frauen bei der Bezahlung gegenüber Männern benachteilgt werden. Wenn man die Realität tatsächlich so abbilden will, wie sie ist, dann kann man den Unsinn vom Gender Pay Gap nicht berichten, denn es gibt kein Gender Pay Gap. Einfärbung erfährt die Realität auch regelmäßig da, wo politische Interessen ins Spiel kommen, wie z.B. beim Konflikt in der Ukraine, wo die Frage, wer die Guten sind und wer die Bösen zu entscheiden ist. Gleiches gilt für Kernkraft, je nach Anfälligkeit für Panik und je nach dem Ausmaß an Kenntnissen in Wahrscheinlichkeitsrechnung stellt sich die Einschätzung von Kernkraft anders dar. Oder wie ist es mit der wertfreien Vermittlung von guten Botschaften wie der, dass in Baden-Württemberg Kinder in allen Schulklassen mit der Erkenntnis beglückt werden sollen, dass Homosexualität ganz normal ist, gerade im Zeitalter von HIV/Aids?

Die Einfärbung der Wahrnehmung und Vermittlung von Realität führt zur Frage der politischen Zuordnung, die Politikjournalisten für sich vornehmen. An der entsprechenden Frage nach der Parteineigung, die im Fragebogen der Freien Berliner verwendet wurde, haben wir ausnahmsweise nichts auszusetzen, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass man bei der Frage: “Welcher Partei neigen Sie zu?”, nicht viel Fehler machen kann.

Und wem neigen Politikjournalisten zu? Welches Parteibuch haben sie oder welches Parteibuch würden sie haben wollen, oder wo erhoffen sie sich eine nachjournalistische Zukunft?

Parteineigung

46,6% der Politikjournalisten, die an der Befragung teilgenommen haben, geben an, einer Partei der Linken nahe zu stehen, 36,1% geben an, keiner Partei geneigt zu sein, 9% zieht es zu CDU/CSU, 7,4% zur FDP und 0,9 zu sonstigen Parteien.

Das ist eine eindeutige Verteilung, die zeigt, dass die deutschen Medien von Personen beherrscht werden, die dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind. Der Sozialdemokratische Pressekonzern Deutschlands, eine deutsche Besonderheit, die eine Partei (Mehrheits-)Anteile an einer Vielzahl von u.a. Zeitungen halten sieht, scheint sich zu bewähren.

Natürlich wirkt sich die Parteineigung nicht auf die Berichterstattung aus, die deutschen Medienkonsumenten täglich zugemutet wird. Die entsprechende Berichterstatung ist ehrlich, ausgewogen, kritisch, engagiert, neutral und präzise, ganz so, wie die befragten Politikjournalisten dies in der Befragung angegeben haben, was ein Problem empirischer Sozialforschung deutlich macht, das eigentlich hinlänglich bekannt ist, nämlich das Problem sozialer Erwünschtheit: Befragte antworten nicht, wie es ist, sondern wie sie denken, dass es sein soll, besonders wenn es sie selbst betrifft – sie lügen, mit anderen Worten.

Lünenborg, Magreth & Berghofer, Simon (2010). Politikjournalistinnen und -journalisten. Aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus. Berlin: Freie Universität Berlin, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Arbeitsstelle Journalistik.

Warum Schwätzer schwätzen

ScienceFiles-Aphorismen

Stanislav Andreski hat 1974 ein Buch unter dem Titel “Social Science as Socery” veröffentlich.

1977 wurde es in Deutschland unter dem Titel: “Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften” veröffentlicht. Obwohl schon 41 Jahre alt, ist das Buch so aktuell wie eh und je.

junk scienceDie Menge der Hexenmeister in den Sozialwissenschaften, die nach dem Einmarsch von Genderisten und Sozialisten in die Sozialwissenschaften um den Meister gekürzt werden kann, denn meisterlich ist nicht einmal mehr das Geschwätz, hinter dem die Unkenntnis verborgen werden soll, hat zugenommen.

Fragen der Sozialwissenschaften sind hinter Fragen der Ideologie zurückgetreten.

Sozialwissenschaftler sind häufig keine Sozialwissenschaftler mehr, sondern verkappte Sozial-Interventionisten, die entweder versuchen, ein Heil, das sie entdeckt zu haben glauben, an die Gemeinde der Gläubigen weiterzugeben oder die versuchen, die letzte Wahrheit, die sich ihnen offenbart hat, an Politiker zu verscherbeln, von denen sie wiederum erwarten, dass sie die Bevölkerung entsprechend dieser letzten Wahrheit erziehen.

Auf der Strecke geblieben sind wissenschaftliche Methoden, die Forschungsergebnisse nachvollziehbar machen, denn nachvollziehbar sollen sie nicht mehr sein. Sie sollen geglaubt werden, und was man glaubt, muss man nicht nachvollziehen.

Auf der Strecke geblieben ist die Suche nach Erkenntnis, denn die Forschung, sofern sie überhaupt noch stattfindet, dient der Bestätigung dessen, was man sowieso schon zu wissen gemeint hat, oder sie dienen schlicht dazu, politische Handlungen zu legitimieren.

GefuehlsjunkAuf der Strecke geblieben ist die wissenschaftiche Lauterkeit, die Wissenschaft ist Magd und Prostituierte des Staates zugleich. Für öffentliche Forschungsgelder forschen Wissenschaftler was ihnen aufgetragen wird. Für öffentliche Finanzierung betrügen Universitäten männliche Bewerber. Und weibliche Bewerber haben keinerlei Probleme damit, sich auf eine Stelle berufen zu lassen, auf die sie nie gelangt wären, wäre es mit rechten Dingen zugegangen.

Anstelle der Abhandlung über den moralischen Verfall, den man vermutlich über psychologische Störungen erklären kann, wollen wir mit Andreski die Frage beantworten, warum die Schwätzer, die sich in die Sozialwissenschaften eingeschlichen haben, munter gegen alle Realität anschwätzen können, warum sie niemand (außer uns) mit Fakten konfrontiert? Kurz: Wir fragen nach den Motiven des Schwätzens und nach den Motiven, Schwätzern zu glauben.

“Herr Andreski, Ihr Einsatz”:

Andreski“Selbst die oberflächlichste Untersuchung menschlicher Glaubensvorstellungen enthüllt, dass der Mensch keine angeborene Neigung hat, nach der Wahrheit zu suchen, dass vielmehr Absurdität und Obskurität für die meisten Menschen eine große Anziehungskraft haben. Wie wir gleich sehen werden, gibt es mehrere Gründe für diese Neigung, der allgemeinste aber ist die Tatsache, dass Klarheit und Logik dem Denken schwere Beschränkungen auferlegen, die verhindern, dass wir uns mit ganzem Herzen unseren Wünschen, Abneigungen und Launen hingeben. Um es in den unexakten, aber suggestiven Freudschen Begriffen auszudrücken: Logik und Klarheit sind die Hüter des Realitätsprinzips, welches den Fluss unserer Ideen hindert, dem Lustprinzip zu folgen, während Letzteres uns auf die Maximierung der geistigen Anstrengungen durch den Glauben führt, dass das, was wir gerne wahrhaben möchten, wahr ist, ungeachtet dessen, ob es tatsächlich der Fall ist” (Andreski, 1977: 95).

Einerseits ist damit erklärt, warum in manchen Bereichen, die sich als Sozialwissenschaften ansehen, z.B. im Feminismus, die Logik abgelehnt wird, andererseits ist damit erklärt, warum Fragen nach Methodologie, Theorie und Erkenntnisinteresse von vielen, denen wir sie gestellt haben, nicht beantwortet werden: Sie haben ihre Laune zur Wissenschaft erhoben und ein Auskommen damit gefunden. Sie haben keine Ahnung, was wir von ihnen wollen, denn von Methodologie, Theorie oder Erkenntnisinteresse haben sie noch nie etwas gehört. Das alles klingt für sie nach kontrolliertem Denken und nach Arbeit und beides ist in ihrem Leben bislang scheinbar noch nicht vorgekommen.

ScienceFiles Aphorismen: Ohne Ungleichheit stirbt die Gesellschaft

Soziale und geschlechtliche Gleichmacherei feiert derzeit einen Hysterie-Hype nach dem nächsten. Gestern war es der paritätische Wohlfahrtsverband, der wieder einmal mit der relativen Armut Schindluder getrieben hat, heute ist einem, der davon vermutlich einen Nutzen nießen kann, aufgefallen, dass es in Deutschland fünf Filme mit männlichen Regisseuren auf einen Film mit einem weiblichen Regisseur gibt, und das ist natürlich eine Benachteiligung, und morgen wird es einem besonders Intelligenten auffallen, dass die eigentlich Armen, die Armen sind, die sich tagein und tagaus mit der Armut anderer beschäftigen, weshalb sie vom Steuerzahler mit einem doppelt so hohen Einkommen für ihr aufopferndes Verhalten belohnt werden müssen.

Trotz aller Widersprüchlichkeit boomt der Markt mit der sozialen Gleichheit, die man als Utopie verkaufen kann, mit der man Neid schüren kann und, nicht zuletzt, an der man hervorragend verdienen kann.

Aber ist Ungleichheit, soziale Ungleichheit nicht der Lebensnerv einer Gesellschaft, nicht das, was eine Gesellschaft überhaupt am Leben erhält – ihre Beseitigung damit das Ende des Sozialen?

Wir fragen Sir Ralf Dahrendorf und erhalten posthum die folgende Antwort:

Pfade aus Utopia“Dies ist der Ort, um noch einmal an Kants kritische Bemerkung zu Rousseau zu erinnern, die Ungleichheit sei zwar die ‘reiche Quelle so vieles Bösen, aber auch alles Guten’. Dass Kinder sich ihrer Eltern schämen, dass Angst und Armut, Leid und Unglück über Menschen kommen und manche andere Folge der Ungleichheit, mag man gewiß beklagen. Dass historische und daher in einem letzten Sinn willkürliche Kräfte unübersteigbare Schranken der Kaste oder des Standes eines Menschen errichten, mag man mit guten Gründen bekämpfen. Dass es aber überhaupt Ungleichheit unter den Menschen gibt, ist, indem es die Geschichtlichkeit von Gesellschaften garantiert, ein Moment der Freiheit. Die völlig egalitäre Gesellschaft ist nicht nur ein unrealistischer, sie ist auch ein schrecklicher Gedanke: denn in Utopia wohnt nicht die Freiheit, der stets unvollkommene Entwurf in das Unbestimmte, sondern die Perfektion entweder des Terrors oder der absoluten Langeweile”. (Dahrendorf, 1986, S.379).

Die Sehnsucht nach der Gesellschaft der Gleichen ist damit nichts anderes als das morbide Schwärmen, das Freud als Todessehnsucht bezeichnet hat.

Wie steigert man Junk Science? Eine Frage an das DIW

Junk Science ist ein Begriff, der sich über die letzten Jahre vor allem in der englischsprachigen Blogosphere verbreitet hat. Konstituierend für die Kategorie “Junk Science” sind einige wegbereitende Arbeiten, wie z.B. Alain Sokal und Jean Bricmonts “Eleganter Unsinn”, in dem sie zeigen, wie postmoderne, vermeintliche Denker wie Jacques Lacan, Julia Kristeva, Bruno Latour oder Jean Baudrillard Wissenschaft missbrauchen oder mehr pointiert dargestellt, sich in ihrer aufgeblasenen Sprachwelt wissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, die sie nicht einmal entfernt verstanden haben. Auch die Hexenmeister der Sozialwissenschaften, die Stanislav Andreski entzaubert hat, sind ein Meilenstein in der Verteidigung der Wissenschaft gegen ihren Missbrauch.

SokalJunk Science gibt es in vielen Variationen. Junk Science gibt es als prätentiös daherkommendes Unterfangen, bei dem wortreich in hermeneutischer Selbstbezüglichkeit, das Nichts beschrieben wird. Junk Science kommt, wie z.B. im Genderismus als Überraschungsfund daher, z.B. dann, wenn die Intersektionalität entdeckt wird und damit ein Konzept, das sich als Selbstverstänlichkeit über die Jahrtausende geschleppt hat, nur um dann von Genderisten entdeckt zu werden. Schließlich kommt Junk Science als Datenhuberei daher, die Korrelationen als Kausalitäten verkauft, Ergebnisse interpretiert, die auf 3% der Fälle im Datensatz zu- und auf 97% nicht zutreffen oder weitschweifende Forderungen auf Grundlage von dünnen bzw. oftmals falschen Berechnungen ableitet.

Das alles ist Junk Science.

Und dann gibt es noch den Beitrag von Carsten Schröder, C. Katharina Spieß und Johanna Storck, der gerade im Wochenbericht des DIW veröffentlicht wurde.

Dieser Beitrag schafft sich eine ganz eigene Kategorie, z.B. im Hinblick auf seine wichtigste Erkenntnis, die man wie folgt in Prosa fassen kann:

Wenn Klaus 10 Euro zur Verfügung hat und Peter 12 Euro und beide geben 2 Euro für ein Eis aus, wessen Ressourcen sind dann stärker belastet? Die von Klaus oder die von Peter? Die richtige Lösung dieser Mathematikaufgabe aus der dritten Klasse (?) haben Carsten Schröder, C. Katharina Spieß und Johanna Storck in mühseliger Kleinarbeit und auf Basis der Daten des SOEP nun gefunden: Es ist Klaus!

MathematikBevor wir nach Umverteilung der finanziellen Ressourcen von Peter zu Klaus rufen, muss angemerkt werden, dass Schröder, Spieß und Storck ihre Erkenntnis natürlich anders verpackt haben, schließlich sind sie ernsthafte Mitarbeiter des DIW. Deshalb haben sie die Ausgaben für Bildung und nicht die Ausgaben für Eis untersucht und dabei herausgefunden, dass Klaus, wenn er zwei Euro für Bildung ausgibt, relativ zu seinen 10 Euro finanzieller Ressourcen mehr ausgibt als Peter.

Neben dieser bahnbrechenden Erkenntnis, die dennoch vermutlich keinen Einfluss auf die Abfassung von Textaufgaben in Mathematikbüchern für die dritte Klasse haben wird, tuen sich die drei vom DIW durch eine neue Definition von Bildung hervor, eine “weite Auslegung des Bildungsbegriffes” wie sie sagen. Entsprechend beginnt die formale Bildung nicht etwa mit der Einschulung, nein, sie beginnt mit dem Besuch einer Kindertagesstätte und natürlich ist auch die Kindertagespflege Bestandteil der formalen Bildung.

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Wo es eine formale Bildung gibt, muss es auch eine nicht-formale Bildung geben. Die Nutzung von Sport- und Freizeitangeboten ist für Schröder, Spieß und Storck nicht formale Bildung, so dass man zu dem Schluss kommen muss, dass abgesehen von Schlaf, vermutlich von Frühstück, Mittag- und Abendessen (worüber allerdings zu diskutieren wäre) und vom Gang zur Toilette alle Aktivitäten, denen Kinder ab dem zweiten Lebensjahr ausgesetzt werden, als formale oder nicht-formale Bildung anzusehen sind. Dieses allumfassende Konzept von Bildung hat zur Konsequenz, dass nahezu alle Bereiche der kindlichen Erziehung der staatliche Förderung und Unterstützung zugänglich gemacht werden können.

Nun haben Schröder, Spieß und Storck auch Ergebnisse zu vermelden: 93 Euro gibt die durchschnittliche Familie in Deutschland pro Monat für Bildung aus und somit deutlich weniger als für Schuhe und Kleidung. Das macht 3.5% des monatlichen Einkommens, bei den Familien, die überhaupt etwas für die Bildung ihrer Kinder ausgeben, was rund 25% der Kinderbesitzer im Datensatz von Schröder, Spieß und Storck gar nicht tun, weil sie von den entsprechenden Kosten freigestellt sind, weil ihnen, um im Beispiel zu bleiben, der Eismann das Eis schenkt.

Wenn 25%, vermutlich die einkommensschwächsten Kinderbesitzer gar keine Ausgaben für Bildung haben, dann fragt man sich spätestens an dieser Stelle nach dem Sinn der Ergebnisse, die Schröder, Spieß und Storck unter der Überschrift “Private Bildungsausgaben für Kinder: Einkommensschwache Familien sind stärker belastet” verkünden. Einmal davon abgesehen, dass der Komparativ ohne Vergleichsgruppe bleibt, fragt man sich schon, wie einkommensschwache Familien, die für die entsprechenden Angebote, wie Schröder, Spieß und Storck ausdrücklich feststellen, nicht zahlen müssen, die also keine Bildungsausgaben haben, dennoch stärker belastet sein können als nicht einkommensschwache Familien.

DIW private BildungsausgabenAber: zuviel Nachdenken schadet der Unbekümmertheit und steht auch im Widerspruch zu ideologischen Absichten, deshalb gehen wir direkt über, zum Forderungsteil, der neuerdings Arbeiten, die von sich behaupten, sie seien wissenschaftlich, abrundet. In diesem Teil finden wir einen Einbruch der Relationalität relationaler Relationen. 3% von 1000 Euro sind 30 Euro und 3% von 2000 Euro sind 60 Euro, oder: “Wer ein höheres Einkommen hat, gibt häufiger und mehr Geld für Bildung aus”.

Für Peter und Klaus bedeutet das, dass Peter mit seinen 12 Euro sechsmal Eis kaufen kann, während Klaus es schaffen muss, mit nur fünf Eis Bauchschmerzen zu bekommen. Oben haben wir die Forderung nach Umverteilung der finanziellen Ressourcen von Peter zu Klaus noch zurückgestellt, hier ist es nun Zeit, die Forderung in aller Klarheit zu stellen: Die Kosten für ein Eis sind progressiv zu staffeln. Wenn Klaus für 10 Euro 5 Mal Eis kaufen kann, dann müssen die Kosten für Peter pro Eis auf 2,40 Euro erhöht werden, damit er sich auch nur 5 Mal Eis kaufen kann – oder in den Worten von Schröder, Spieß und Storck:

“Für die Bildungspolitik, die alle Bildungspotentiale erschließen will, ist dies ein wichtiger Ansatzpunkt. Konkret könnte eine progressive Staffelung von Kita-Gebühren und Beiträgen in öffentlich geförderten Sportvereinen oder Musikschulen ein bildungspolitischer Ansatzpunkt sein, wenn einkommensschwache Haushalte im Hinblick auf ihre Bildungsausgaben [Zur Erinnerung: die 25% der einkommensschwächsten Haushalte haben gar keine Bildungsausgaben] stärker als bisher entlastet werden sollen.”

Wie gesagt, wir suchen noch nach einer Benennung für diese Steigerung von Junk Science.

Wer einen Vorschlag hat, möge ihn uns mitteilen.

Vom Ökologischen Fehlschluss: Arbeitslosigkeit und Selbstmord

Manche Wissenschaftler versuchen, mit Zahlen zu beeindrucken.

Daten für 63 Länder.

Durchschnittlich 233.000 Selbstmorde pro Jahr.

Längsschnittdaten für 12 Jahre.

Alles auf den ersten Blick beeindruckend.

Die durchschnittlich 233.000 Selbstmorde in 63 Ländern, haben Carlos Nordt, Ingeborg Wanke, Erich Seifritz und Wolfram Kawohl nicht nur gesammelt, nein, sie haben die durchschnittlich 233.000 Selbstmorde auch in Zusammenhang gebracht, mit der Arbeitslosenrate.

suizidale arbeitslosigkeitUnd siehe das: es korreliert.

Wer hätte das gedacht?

Konsequenz der Untersuchung:

Wildes Assoziieren: “In particular, the interaction of fiscal austerity with economic shocks and weak social protection seems to escalate health and social crisis, at least in Europe.” (6)

Da die Autoren weder Sparpolitik noch ökonomische Schocks noch die Intensität der sozialen Sicherung noch das, was sie als Gesundheits- und soziale Krise bezeichnen, in ihrem Beitrag geprüft haben, ist die zitierte Aussage reine Phantasie, die nur Aufschluss über die politische Verortung der Autoren zulässt und mit Wissenschaft nichts zu tun hat.

Noch eine Konsequenz der Untersuchung:

“Efforts at suicide prevention should be extended to professionals working with individuals at risk of unemployment, such as social workers and human resource management professionals” (6)

Konsequenz 2 darf natürlich nicht fehlen, denn, so steht zu vermuten, die gesamte Untersuchung wurde nicht duchgeführt, um wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen, sondern dazu, weitere Fördergelder und weitere Maßnahmen der öffentlichen Hand für Sozialberufler zu legitimieren. Scheinbar gibt es unter Sozialberuflern in der Hilfeindustrie einen wachsenden Wettbewerb darüber, wer mit öffentlichen Mitteln welcher Klientel Glück, Gesundheit oder Leben bringen darf.

Dass die Studie keinem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse folgt, zeigt zudem ein Kardinalfehler der empirischen Sozialforschung, der häufig mit Aggregatdaten in Verbindung gebracht wird und der den Namen “ökologischer Fehlschluss” trägt. Manche meinen, dass immer dann, wenn man Aggregatdaten miteinander korreliert, ein ökologischer Fehlschluss vorliegt. Das ist natürlich falsch und einer mangelnden Methodenkenntnis geschuldet, die durch eine fehlende logische Grundbildung verstärkt wird.

Deshalb zum ökologischen Fehlschluss:

  • flaws and fallaciesNordt, Warnke, Seifritz und Kawohl finden in ihren Daten einen Zusammenhang zwischen der Selbstmordrate je 100.000 Einwohner und der Arbeitslosenrate, und zwar auf Landesebene.
  • Daraus schließen Sie, dass Arbeitslose ein höheres Risiko haben, sich umzubringen.
  • Das ist ein ökologischer Fehlschluss.

Warum?
Darum:

  • Die Arbeitslosenrate und die Suizidrate, die Nordt, Warnke, Seifritz und Kawohl in ihren Analyen benutzen, beziehen sich auf jeweils eines der 63 Länder im Datensatz der Autoren.
  • Sie finden demnach, dass die Arbeitslosenrate für Länder mit der Selbstmordrate für dieselben Länder korreliert.
  • Ein Zusammehang zwischen Arbeitslosigkeit und Selbstmord, so er bestünde, wäre jedoch ein individueller, denn es wären nicht Länder, die sich umbringen, wenn sich ihre Arbeitslosenrate erhöht, sondern Individuen.
  • Also behaupten die Autoren, dass man vom Zusammenhnag auf Länderebene eine Äquivalenz zum Zusammenhang auf Individualebene herstellen kann.
  • Und damit geben sie sich dem Gelächter, vielleicht auch einem gutmütigen Abwinken bei denen preis, die von Methoden eine Ahnung haben.

Wenn man auf Länderebene einen Zusammenhang findet, dann benötigt man nämlich eine Hypothese, die man wiederum prüfen muss, um auf die Individualebene zu gelangen. James Coleman hat dies mit seiner berühmten Badewanne deutlich gemacht, Brückenhypothesen führen vom Aggregat zum Individuum, eine Theorie erklärt, warum sich Arbeitslose häufiger umbringen sollen als nicht-Arbeitslose und eine Aggregierungsregel erklärt, wie man von den arbeitslosen Selbstmördern zur Selbstmordrate gelangt.

Das ist natürlich fortgeschrittene Sozialtheorie, die man vermutlich von Autoren, die im Lancet-Psychiatry veröffentlichen, nicht unbedingt erwarten kann, aber man kann schon erwarten, dass sie sich ab und zu die Frage nach dem Warum stellen: Warum sollte der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate pro Land und Suizidrate pro Land darauf zurückzuführen sein, dass Arbeitslose sich häufiger umbringen als nicht-Arbeitslose?

Warum nicht darauf, dass eine höhere Arbeitslosenrate ein Indikator für höhere staatliche Sozialleistungen ist, was wiederum von höherer Steuerlast begleitet wird und dazu führt, dass sich die Mittelschichtsväter, die den Lebensstandard, den die von ihnen Abhängigen Frau und zwei Kinder gewohnt sind, nicht mehr aufrecht erhalten können, umbringen, obwohl sie noch einer geregelten Arbeit nachgehen, die nur nicht mehr genug Geld einbringt.

Warum nicht darauf, dass Arbeitslosigkeit dazu führt, dass Arbeitslose in Parks sitzen, Bier trinken und Krach machen, was die Selbstmordquote unter depressiven Anwohnern erhöht?

Warum nicht darauf, dass eine Arbeitslosenquote ein Indikator für Unternehmenspleiten ist und wie schon Durkheim in seinem Buch “Der Selbstmord” gezeigt hat, gibt es einen Anstieg der anomischen Selbstmorde in Zeiten wirtschaftlicher Krise, was u.a. darauf zurückgeführt werden kann, dass gescheiterte Unternehmer mit der Schmach des Scheiterns nicht leben können oder wollen.

Durkheims SelbstmordÜberhaupt, Durkheim, Emile Durkheim hat seiner Untersuchung des Selbstmords mehr als 450 Seiten gewidmet, Seiten, auf denen er mit Aggregatdaten argumentiert. Und obwohl er keine statistischen Verfahren zur Verfügung hat, im Gegensatz zu Nordt, Warnke,  Seifritz und Kawohl, ist seine Analyse um ein Vielfaches besser und schärfer, und zwar deshalb, weil er sich Fragen zur Zweckmäßigkeit seiner Methode stellt, weil er Theorien diskutiert, die das Ziel haben, die Motive für Selbstmord zu erklären, weil er sich fragt, wie man die Ursachen von Selbstmord auffinden kann und viele Fragen mehr stellt, die sich den Autoren von der Universität in Zürich nicht einmal im Traum stellen, denn für sie scheint festzustehen, dass Arbeitslosigkeit Selbstmord befördert.

Warum? Weil es ihnen plausibel erscheint.

Aber vielleicht haben Sie ja Recht, vielleicht erhöht die Arbeitslosigkeit von X die Wahrscheinlichkeit von Selbstmorden in seinem Umfeld, Selbstmorde von Personen, die nun häufiger mit X konfrontiert sind.

Dennoch: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Suizidrate, der auf Ebene eines Landes gefunden wird, ein Beleg dafür ist, dass sich Arbeitslose häufiger umbringen als nicht-Arbeitslose. Und falls es einen Beleg geben sollte, so findet er sich sicherlich nicht in der Arbeit von Nordt, Warnke, Seifritz und Kawohl, die man damit gefahrlos dem Schredder überantworten kann.

Natürlich ist kein Fehlschluss groß genug, als dass ihn Jorunalisten nicht aufgreifen würden. Und so findet sich bereits im Wiener Standard ein Beitrag, der mit “Arbeitslosigkeit führt zu mehr Suiziden” überschrieben ist – ein Titel, der der Phantasie des Journalisten entsprungen sein muss, der den Beitrag verfasst hat und ein Titel der deutlich macht, dass auch oder gerade unter Journalisten das Urteilsvermögen darüber, ob eine angeblich wissenschaftliche Studie korrekte oder sinnvolle Ergebnisse erbracht hat, durch ideologische Vorlieben ersetzt worden ist.

Es hat nun einmal so zu sein, dass Arbeitslose sich häufiger umbringen. Also Arbeitslose – Ihr wisst, was zu tun ist!

Nordt, Carlos, Warnke, Ingeborg, Seifritz, Erich & Kawohl, Wolfram (2015). Modelling Suicide and Unemployment: a Longitudinal Analysis Covering 63 Countires, 2000-2011.

Rassismus und Rassismuskritik

Wir freuen uns, unseren Lesern vorab einen Beitrag zugänglich machen zu können, den Dr. habil. Heike Diefenbach verfasst hat, und der in Kürze im von Karim Fereidooni und Meral El herausgegebenen Sammelband “(Trans-)Nationale Rassismuskritik: Interdependenz rassistischer Phänomene und Widerstandsformen”, erscheinen wird.

Nie, so kann man dem Beitrag vorausschicken, war er notwendiger denn heuten, denn Dr. habil. Heike Diefenbach schafft Klarheit darüber, was unter Rassismus zu verstehen ist und darüber, welche unterschiedlichen Motive hinter den vielen Verwendungen stehen, die der Begriff heute erfährt.

Ausgangspunkte des Beitrags ist die Tatsache, dass der Begriff “Rassismus”, den deutsche Sozialwissenschaftler früher gemieden haben, wie der Teufel das Weihwasser, seit dem Beginn der 1990er Jahre eine neue Blüte erfahren hat. Nicht nur ist der Begriff wieder fester Bestandteil des sozialwissenschaftlichen Dudens, er ist in seiner Bedeutung auch erheblich ausgeweitet worden und wird in Teilen als Bezeichnung für vermeintlich unüberwindliche Unterschiede in Kultur und Lebensstil genutzt. Der biologische Rassismus, so kann man feststellen, ist zu einem kulturellen Rassismus geworden.

AntirassismusGegen diese Festschreibung richtet sich u.a. die Rassismuskritik, die wiederum Heike Diefenbach in ihrem Beitrag kritisch analysiert, kritisch deshalb, weil die Rassismuskritik in weiten Teilen denselben Prämissen aufsitzt, auf denen auch der Rassismus basiert, nämlich der Reifizierung von Unterschieden in unüberwindlichen Essentialitäten. Wo Rassisten Unterschiede zwischen Gruppen festschreiben, um sich letztlich den Zugang zu Ressourcen zu sichern, schreiben Rassismus-Kritiker dieselben Unterschiede zwischen Gruppen fest, um ihre marxistisch-sozialistische Utopie eines Staates durchzusetzen, in dem Ergebnisgleichheit zwischen den von ihnen für relevant gehaltenen Gruppen herrscht.

Letztlich nutzen Rassismus-Kritiker also den Rassismus, um ihre präferierte gesellschaftliche Ordnung zu vermarkten, deren Ziel nicht die Civic Society ist, die die Handlungshoheit bei Individuen sieht, sondern im Gegenteil, die davon ausgeht, dass Individuen zu dumm sind, um Verantwortung für die eigene Handlung zu übernehmen und entsprechend einem “ideologischen und großen Subjekt” unterworfen werden müssen, das für sie bestimmt, was gut für sie ist.

SF_Rassismus_coverUnd so kommen, Rassismus und Rassismuskritik bei der selben kollektiven Gesellschaft an. Da Rassismus ein zu ernstes Thema ist, als dass man es Rassismus-Kritikern überlassen könnte, ist der Beitrag von Heike Diefenbach von besonderer Bedeutung, denn er bringt Ordnung in das Chaos der Begrifflichkeit, stellt die Motivationen derer dar, die Rassismus leben oder als Konzept im Munde führen und weist eine Abfahrt vom “Weg in die Knechtschaft”, auf dem sich westliche Gesellschaften im Gefolge ihrer angeblichen Intellektuellen derzeit befinden.

Der Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach kann hier heruntergeladen werden.

“It’s not a Man’s Wikipedia, stupid”: Bias in der Forschung führt zu Bias bei Wikipedia

Nachdem uns eine Reihe von Lesern auf einen Beitrag von Claudia Wagner, David Garcia, Mohsen Jadidi und Markus Strohmaier aufmerksam gemacht haben, wollen wir dem entsprechenden sozialen Druck heute nachgeben und uns einmal mehr mit einem Text befassen, dessen Gegenstand schon dazu führt, dass wir eigentlich keine Lust haben, uns damit zu befassen (Wir haben einen bias gegen Gender-Unsinn).

desolate spotAber, wir leben im 21. Jahrhundert, und im 21. Jahrhundert ist es für einige Sozialwissenschaftler nicht mehr das Ziel, interessante und neue Ideen in die Diskussion einzuführen, zu testen und Konsequenzen abzuleiten, im 21. Jahrhunderts zeichnen sich die Sozialwissenschaften durch eine unglaubliche Langeweile aus, die nur noch dadurch übertroffen wird, dass man sich einer intellektuellen Brache gegenübersieht, in der nicht einmal kleine Ideen sprießen (Sozialwissenschaftler haben einen Bias gegen innovative Ideen).

Nein, die Landschaft ist bar allen Grüns, trist und eintönig, eine wissenschaftliche Landschaft, nach dem der Besen des politisch Korrekten darüber gefegt ist. Entsprechend sind Texte aus den Sozialwissenschaften fast nur noch Jammertexte, die einerseits zum Jammern sind, ob ihrer unterirdischen Standards, andererseits etwas bejammern: Entweder werden die Herrschaft des Kapitalismus oder des Neo-Kapitalismus und die Verwerfungen, die den Armen daraus entstehen, bejammert, Verwerfungen, die man anscheinend am besten beobachten kann, wenn man  im beheizten Büro ein üppiges Einkommen verkonsumiert, von dem Arme nicht einmal träumen können und das letztlich durch einen erfolgreichen Kapitalismus möglich gemacht wurde. Oder es wird die Herrschaft des Patriarchats oder die Benachteiligung von Frauen bejammert, wie sie sich z.B. im Dritten Andental links findet, wenn man lange genug sucht.

Der Beitrag von Wagner et al. gehört in die letzte Kategorie. Untersucht werden soll, ob in Wikipedia-Beiträgen eine Ungleichheit der Geschlechter zu finden ist. Warum auch nicht? Die brennenden Probleme unserer Zeit beginnen und enden beim Geschlechterproporz in Wikipedia.

Die Suche nach “möglichen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in Beiträge auf Wikipedia” erfolgt weitgehend als mathematische Spielerei, mit der “Ungleichheit zwischen den Geschlechtern” auf drei Ebenen analyisert werden soll:

  • betting biasCovarage Bias: Finden sich in Wikipedia und im Vergleich zu Datenbanken, die wichtige Persönlichkeiten des täglichen Lebens und der Geschichte nennen, proportional weniger Beiträge über Frauen in der Wikipedia?
  • Structural Bias: Gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür, dass von einem Beitrag über Männer oder Frauen auf einen Beitrag von Männern (oder Frauen) verlinkt wird?
  • Lexical Bias: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen der Beschreibung männlicher oder weiblicher Personen in Wikipedia?

Es ist für eine Welt der Klone, in der sich niemand mehr von niemandem unterscheidet, natürlich von eminentem Interessen, die dargestellten Fragen zu analysieren und weil dies so wichtig ist, nein, weil unsere Leser uns darum gebeten haben, wollen wir auch berichten, was dabei herausgekommen ist:

Coverage Bias: Es gibt keinen! Anders als von den Autoren angenommen, gibt es keine Unterrepräsentation von Frauen in Wikipedia-Beiträgen, sondern eine Überrepräsentation (was angesichts der bezahlten feministischen Schergen auch kein Wunder ist). Dieses Ergebnis widerspricht daher dem Diskriminierungs-Bias der Autoren.

Structural Bias: Sowohl Beiträge über Männer als auch Beiträge über Frauen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Beiträge über Männer zu verlinken, d.h. Beiträge über Männer sind auf Wikipedia zentraler. Das ist eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es mehr Beiträge über Männer gibt, da Männer nun einmal in der Geschichte und Gegenwart häufiger mit etwas Berichtenswertem auffallen als Frauen (dass Emma B sich nunmehr um 10 Kinder als Tagesmutter kümmert, ist nun einmal nicht berichtenswert). Darüber hinaus kann man von Cluster-Bildungen in Wikipedia-Beiträgen ausgehen, so dass es nicht verwunderlich ist, dass z.B. ein Beitrag über Erwin Schrödinger auf Max Planck und Albert Einstein verlinkt. Man könnte natürlich den Zwang einführen, dass alle Beiträge, die mit Physik zu tun haben, auf gleichviel männliche wie weibliche Physiker verweisen. Was damit, außer einer Irrelevanz, gewonnen wäre, ist allerdings ebenso fraglich, wie der Nutzen der Ergebnisse, die Wagner et al. unter die Menschheit geworfen haben.

Lexical Bias: Die Ergebnisse hier sind besonders schön: “Our lexical analysis revealed that articles about women tend to emphasize the fact that they are about women (i.e. they contain words like ‘woman’, ‘female’ or ‘lady’), while articles about men don’t contain words like ‘man’, ‘masculine’ or ‘gentleman'”. Die Frage bei solchen Ergebnissen ist immer: Was soll man damit anfangen? (Verwendbarkeits-Bias)

Zunächst einmal sind “female” und “masculine” keine Entsprechung, eher ein Beleg für einen Bias bei den Autoren, denn einem Normalsterblichen wird das Begriffspaar “männlich” und “weiblich” und nicht “maskulin” und “weiblich” einfallen.

Aus ihren Ergebnissen der “lexikalischen Analyse” schließen die Autoren, dass “männlich” das Basisgeschlecht ist, an dem weiblich gemessen wird. Wie man zu diesem Schluss kommt, wir haben keine Ahnung, es sei denn, es ist der Schluss, den man ziehen will. Glaube versetzt bekanntlich Berge, wobei die Berge in diesem Fall eher die Hürden sind, die ein methodisch sauberes Vorgehen vor eine Interpretation wie diejenige stellt, die die Autoren vornehmen.

toothpaste_personality_testMan hätte aus dem geringeren Vorkommen von “Mann” und “maskulin” auch schließen können, dass in Wikipedia vornehmlich männliche Personen vorkommen, die sich nicht in Body-Building-Studios finden lassen. Aber, aus derartigen nichtssagenden Ergebnissen quetscht halt jeder heraus, was ihm passt. So auch die Autoren, deren Bias es vorsieht, eine Benachteiligung von Frauen bei Wikipedia zu finden. Et voilá, da ist sie.

Wie gesagt, wir wissen nach wie vor nicht, welchen wissenschaftlichen Nutzen Forschung, wie die von Wagner et al. überhaupt haben soll, aber heute geht es auch nicht mehr um Nutzen, es geht um Beeinflussung, um Manipulation, ein Bemühen, dass in hanebüchenen Vorschlägen wie dem folgenden deutlich wird:

“…editors could pay particular attention to gender balance of links included in articles about men and women [also eine Link-Quote], and could adopt a more gender-balanced-vocabulary when writing articles about notable people”.

Arendt_totalitarismusDie Banalität des Alltäglichen, von der Hannah Arendt spricht und die Faschismus erst möglich macht, hier ist sie in Reinkultur zu sehen, und hier ist zu sehen, wie sie zu Lasten der Wirklichkeit geht. Wenn Erwin Schrödinger sich mit den Arbeiten von Max Planck und Albert Einstein auseinandergesetzt hat und mit Wolfgang Pauli befreundet war, wie sieht dann die vorgeschlagene Gender-Balance in den Links aus. Soll man Wolfgang Pauli tilgen und mit seiner Ehefrau ersetzen; die Arbeiten von Planck und Einstein, von denen Schrödinger losgegangen ist, unterschlagen oder ihn zum Leser von Gertrude Stein degradieren? Das Beste, was man den Autoren hier zu Gute halten kann ist, dass sie geistlose Schwätzer sind, schlicht nicht wissen, was sie daherbrabbeln.

Das gleiche gilt für das “gender-balanced vocabulary”. Nehmen wir den folgenden Auszug aus dem Beitrag über Marie Curie:

“Am 3. November schrieb sie sich als Marie Skłodowska für ein Studium der Physik an der Sorbonne ein. Unter den 9000 Studenten der Universität in diesem Jahr befanden sich 210 Frauen. Von den mehr als 1825 Studenten der Faculté des sciences waren 23 weiblich. Ihre wenigen Mitstudentinnen kamen meist aus dem Ausland, da an den französischen Mädchenschulen zu dieser Zeit die zur Baccalauréat-Prüfung notwendigen Fächer Physik, Biologie, Latein und Griechisch nicht gelehrt wurden”.

Um die Gender-Balance der Autoren herzustellen, deren Wichtigkeit sie aus dem häufigeren Vorkommen von z.B. dem Wort Frau in Beiträgen über Frauen ableiten zu können glauben, müsste man den Absatz wie folgt umschreiben:

“Am 3. November schrieb sie sich als Marie Skłodowska für ein Studium der Physik an der Sorbonne ein.”

Damit wäre nicht viel an Information verloren, aber das Gezeter der feministischen Mafia bei Wikipedia kann man sich schon gut vorstellen.

Kurz: Der Beitrag von Wagner et al. sollte schnellstens der Müllhalde der Geschichte überantwortet werden, auf dem nach unserer Beobachtung sich derzeit ein erhebliches Ungleichgewicht findet: Beiträge, die Gender zum Thema haben, finden sich überzufällig oft unter dem dort entsorgten Müll.

Soziologie der Angst – Bürger müssen draußen bleiben

Angst:

Woerterbuch der Soziologie“psychologische Bezeichnung für spezifisch ausgelösten oder chronischen Affektzustand, der mit Furcht- u. Schreckgefühlen verbunden ist. Angst kann sowohl als bestimmte, auf angebbare Personen, Situationen oder Objekte bezogene, wie unbestimmte, vage auftreten. Sie kann in bestimmten Einzelsituationen u. bei gelegentlichen psychischen ‘Verletzungen’ zeitlich begrenzt, aber auch – entwicklungspsychologisch bedingt – als krankhafter Dauerzustand auftreten. Soziologisch ist bedeutsam, dass Angst das soziale Verhalten der Menschen desintegrativ u. irrational beeinflusst, und dass sie durch bestimmte soziale Strukturen gefördert werden kann. (Wörterbuch der Soziologie, 24)

Wenn man wie wir schon einge Jährchen damit verbracht hat, Sozialwissenschaft zu betreiben und die Veränderungen der letzten Jahrzehnte Revue passieren lässt, dann kann man feststellen, dass sich Sozialwissenschaften mehr und mehr von einem Fächerkanon, dessen Zweck es war, soziale Tatbestände, wie es Durkheim sie genannt hat, also Institutionen, gesellschaftliche Normen, soziale Beziehungen, die daran beteiligten Akteure und ihre Meinungen, Überzeugungen und vor allem ihr Verhalten zu erforschen, zu einem Fächerkanon entwickelt hat, dessen Ziel gerade nicht mehr im Erforschen der sozialen Tatbestände besteht, sondern darin, normative Vorgaben darüber zu machen, wie man seine sozialen Tatbestände gerne hätte.

Mit diesem Verfall dessen, was Sozialwissenschaften einst ausgemacht hat, einst, das meint die 1960er, 1970er und 1980er Jahre, geht ein methodischer Verfall einher, der immer mehr Kaffeekränzchen unter dem Dechmantel einer qualitativen Forschung oder unter dem Deckmantel des vermeintlichen Experteninterviews, das derzeit in ist, sich breitmachen sieht.

Esser_SoziologieAn die Stelle der systematischen Forschung ist die subjektive Beliebigkeit getreten; an die Stelle der theoretischen Fundierung, die ideologische Weltbeschreibung; an die Stelle der Formulierung von Hypothesen das Fabrizieren mehr oder weniger weit hergeholter Analogien oder gleich das Aufstellen wilder Behauptungen, und an die Stelle der empirischen Prüfung ist die Behauptung empirischer Wahrheit getreten, die fern jeglicher Fundierung in der Realität den deutlichsten Verweis darauf gibt, dass viele institutionalisierten Sozialwissenschaftler nicht mehr wissenschaftliche Systeme aufstellen, sondern Systeme des Glaubens.

Diese Entwicklung hat Effekte auf das wissenschaftliche Selbstverständnis, das wissenschaftliche Selbstvertrauen und das wissenschaftliche Rückgrat der jeweiligen Wissenschaftler.

Ein wissenschaftliches Selbstverständnis basiert auf einer wissenschaftlichen Methode, darauf, dass man Ergebnisse produziert, die nützlich und prüfbar sind.

Wissenschaftliches Selbstvertrauen ist das Resultat von nützlicher Tätigkeit: Nur wer Forschungsergebnisse vorzuweisen hat, die etwas über die Realität aussagen und die für andere nützlich sind, kann Selbstvertrauen aufbauen.

Ein wissenschaftliches Rückgrat wiederum baut auf dem Selbstverständnis und dem Selbstvertrauen auf und besteht darin, dass man Wissenschaftler genug ist, unbequeme Fragen gerade an die eigenen Forschungsergebnisse zu richten.

Derzeit sehen wir in den deutschen Sozialwissenschaften mit einigen wenigen Ausnahmen, keine der drei genannten Größen: Statt eines wissenschaftlichen Selbstverständnisses finden wir das Vorlieben- und Gutheits-Verständnis, das seinen Forschungsgegenstand nicht auf der Suche nach Erkenntnis, sondern auf der Suche nach Bestätigung der eigenen Vorlieben oder der eigenen Gutheit aussucht und durchsucht.

Anstelle des wissenschaftlichen Selbstvertrauens finden wir fragile ad-hoc Konstruktionen, die so lange aufrecht erhalten werden können, so lange sie niemand hinterfragt.

spinelessUnd anstelle des wissenschaftlichen Rückgrats finden wir die nackte Angst davor als der Betrug an der Wissenschaft aufzufliegen, den man nun einmal darstellt.

Gespeist wird diese Angst u.a. daraus, dass wissenschaftliche Positionen in der Regel aus Steuermitteln finanziert werden. Und wo früher das Jagen der eigenen Grille auf Kosten der Allgemeinheit möglich war, gibt es heute Blogs wie ScienceFiles, die fragen, was die Finanzierung von z.B. Gender Studies, die sich z.B. mit “Überlegungen zur Kraft und zur Herrlichkeit der Gnade – female and male mercy in Graham Greene’s Brighton Rock” beschäftigen (kleiner Teaser, dazu bald mehr), für einen Nutzen erbringen. Man könnte diese Frage auch offensiver formulieren: Wie rechtfertigen es Gender Studierte, Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen und nichts an sie zurückzugeben? Wer keine Antwort auf solche Fragen hat, der entwickelt dann, wenn es von seiner Antwort abhängt, ob er sich auch weiterhin auf Kosten der Steuerzahler durchhangeln kann, Angst, eine spzifische Angst vor den entsprechenden Fragen.

Gespeist wird diese Angst daraus, dass nicht nur die Frage nach dem Nutzen und den Kosten bestimmter vermeintlicher Studieninhalte gestellt wird, sie wird auch daraus gespeist, dass Fragen nach der theoretischen und methodischen Fundierung der eigenen, vermeintlich wissenschaftlichen Tätigkeit nicht beantwortet werden können. Wie soll man die Frage nach den methodischen Standards beanwtorten, wenn Willkür die Methode der Wahl ist oder ein Kaffeekränzchen als narrative Methode oder, wenn das Kaffeekränzchen mit einem Stück Torte verschönt wurde, als problemzentriertes Interview verkauft werden soll? Wie soll man eine Bedeutung der eigenen Forschung aus einer Theorie ableiten, die aus einer Aneinanderreihung von Trivialitäten besteht, die man z.B. als “Standpoint Theory” bezeichnet, was die Tatsache umschreibt, dass der, der auf dem Berg steht und nach unten schaut, etwas anderes sieht, als der, der am Fuss des Berges steht und nach oben schaut?

Und – last but not least – gespeist wird diese Angst aus der Ablehnung jeglicher Form von Verantwortung dafür, was aus den Sozialwissenschaften geworden ist.

Man kann somit drei Formen der Angst benennen:

  • frightenedRelevanz-Angst, die Angst vor der Frage nach dem Nutzen,
  • Verlässlichkeits-Angst, die Angst vor der Frage nach der Begründung der eigenen Forschungsergebnisse;
  • Verantwortungs-Angst, die Angst vor der Frage, was man selbst gegen Missstände unternommen hat oder zu unternehmen gedenkt.

Die letzten Wochen haben die endemische Verbreitung dieser drei Angstformen deutlich gemacht:

  • Lehrstuhl-Günstlinge, die Gender Studies betreiben, weigern sich, Fragen nach den methodischen Grundlagen ebenso zu beantworten wie Fragen anch dem Nutzen, den die Gender Studies für Steuerzahler bereitstsellen.
  • Gewählte Vorstandsmitglieder einer gemeinnützigen Fachgesellschaft weigern sich, Steuerzahlern und Kollegen auch nur die Höflichkeit einer Antwort auf Fragen angedeihen zu lassen, und zwar deshalb weil sich diese Steuerzahler und Kollegen insofern daneben benommen haben, als sie nicht nur Fragen an die Vorstandsmitglieder gestellt haben, sondern die Fragen auf die Verantwortung der Vorstandsmitglieder abzielen.

Dies sind nur einige Beispiele für die Angst in der institutionellen Wissenschaft. Und letztlich ist diese Angst auch eine Angst vor dem Forschungsgegenstand, denn diejenigen, die hier mit Missachtung und Ignoranz behandelt werden, sind die sozialen Tatsachen, die eigentlich Gegenstand der eigenen Sozialwissenschaften sind.

Letztlich braucht man keine Sozialwissenschaften, die sich nicht mehr mit sozialen Tatsachen beschäftigt, so dass man sich fragen muss, ob die beste Therapie gegen die in den Sozialwissenschaften grassierende Angst vor dem Forschungsgegenstand nicht darin bestünde, die Sozialwissenschaften aufzulösen und die eingesparten Mittel einer sinnvollen Verwendung zuzuführen.

©ScienceFiles, 2015