Mit vielen Frauen kommt die Unprofessionalität (und der Niedergang)

Als Wissenschaftler, die einer Reihe von methodologischen und theoretischen Ansätzen verpflichtet sind, reiben wir uns immer öfter verwundert die Augen, wenn wir gewungen sind, Tagespolitik zur Kenntnis zu nehmen. Es scheint, wenn es um Tagespolitik geht, dann ist alles, was Sozialwissenschaftler über Jahrzehnte an Wissen zusammengetragen haben, verloren, dann herrscht die blanke Imagination und wie ich-es-gerne-hätte-Vorstellung. Dann herrscht inkompentente Ahnungslosigkeit, die gepaart mit dem Bemühen, seiner Ideologie zu dienen, regelmäßig in die Katastrophe mündet.

Drei Beispiele:

BartholomewMenschen sind rationale Wesen, die versuchen, mit ihren Handlungen und für sich den optimalen Nutzen zu erreichen. Hat man diese Annahme, dann ist es nicht weiter schwierig, zu der Erkenntnis zu kommen, dass dann, wenn einem Menschen zwei Wege zu einem von ihm präferierten Ziel angeboten werden, ein einfacher, bei dem er sich nur zurücklehnen muss und ein steiniger, bei dem er etwas tun muss, er den ersten Weg wählen wird. Das ist in kurz der Grund dafür, warum ein Wohlfahrtsstaat nicht funktionieren kann, warum ein Wohlfahrtsstaat in jeder Hinsicht ein Race-to-the-Bottom ist (Sehr schön beschrieben hat dies James Bartholemew).

Wenn Menschen miteinander interagieren, kooperieren wollen, etwas miteinander tauschen wollen, dann ist Vertrauen eine notwendige Voraussetzung, denn Interaktionen, weisen immer auf die Zukunft und somit auf das Unbekannte, und sie haben immer eine Vorleistung von einem der Interaktionspartner zum Gegenstand. So hat ein Austausch, bei dem z.B. die Stimme gegen Repräsentation getauscht wird, Vertrauen zur Voraussetzung: Derjenige, der seine Stimme gibt, damit ein Politiker ihn repräsentiert, erwartet, dass er auch vertreten wird, dass der Politiker keine Neben-Repräsentationen hat, die der eigenen Repräsentation entgegen stehen und vor allem, dass Politiker keine eigennützigen Akteure sind, die ihren Vorteil über den Vorteil der von ihnen Repräsentierten stellen, die sich, um mit Oliver Williamson zu sprechen, nicht opportunistisch verhalten. Damit sich Menschen nicht opportunistisch verhalten, muss sichergestellt sein, dass opportunistisches Verhalten nicht nur entdeckt, sondern auch betraft wird. Dies ist in aller Kürze die Erklärung dafür, warum eine repräsentative Demokratie nicht funktionieren kann, denn es ist Wählern kaum möglich auszuschließen, dass der gewählte Politiker von Gewerkschaften oder Unternehmen bezahlt wird oder seine Arbeitszeit damit zubringt, Kinderpornographie zu sammeln.

economics of lifeSchließlich ist es eine der offensichtlichsten und zugleich am meisten in Vergessenheit geratenen Weisheit, die im Alltagsverstand beheimatet ist, dass Kenntnisse, Erfahrung und Leistung sich linear zu einander verhalten. Je mehr Kenntnisse und Erfahrung jemand einsetzen kann, desto besser seine Leistung. Dies – in wissenschaftlich – hat Gary S. Becker in seine Humankapitaltheorie gegossen, die man auf die Basis herunterbrechen kann, dass je mehr formale Bildung jemand erwirbt und je mehr Zeit er für “training-on-the-job” aufwendet, desto höher sein Humankapital ist, desto mehr Wissen und Erfahrung hat er um die Anwendung bestimmter Instrumente in unterschiedlichen Situationen und desto eher findet er eine Lösung für ein Problem, das sich ihm stellt. Das ist in aller Kürze die Erklärung dafür, dass eine Gesellschaft, die auf Teilzeitarbeitnehmer setzt, die die Vollzeitarbeit immer mehr entwertet, eher früher als später einen wirtschaftlichen Niedergang erlebt, der u.a. Infrastruktur, Ausrüstung, Wissen und Arbeitsmoral erfasst.

Und damit sind wir beim Staatsfeminismus angekommen, jener absurden Ideologie, die meint, man könne Menschen zu ideologisch gewünschten Handlungen manipulieren, in dem man entsprechende Anreize setzt, ohne dafür die Kosten verringerter Anstrengung zu zahlen, jene Ideologie, die denkt, man könne Frauen über eine Bevorteilung in Positionen befördern. für die sie nicht qualifiziert sind und hätte diese Diskriminierung der qualifizierten Bewerber nicht damit zu zahlen, dass Letztere und Erstere sich opportunistisch verhalten, Letztere durch Dienst nach Vorschrift, weil sich Leistung für sie nicht lohnt, erstere durch weitgehende Dienstverweigerung, weil sie zur notwendigen Leistung nicht fähig sind. Und schließlich haben wir mit dem Staatsfeminismus eine irrsinnige Ideologie, deren Vertreter denken, man könne in der Hälfte der Zeit dieselbe Menge von Kenntnisse erwerben wie ein anderer, der doppelt so viel Zeit für seine Bildung aufwendet. Wer auch dieser Ansicht ist, der mag einen Jungen, der seit seinem vierten Lebensjahr Gitarre spielt, mit jemandem vergleichen, die immer mal wieder klampft.

Und damit sind wir bei Ursula von der Leyen, die derzeit den Bundesverteidigungsminister gibt.

Der Bundesverteidigungsminister ist derjenige, der u.a. dafür verantwortlich ist, dass die Bundeswehr ihrem Verteidigungsauftrag gerecht wird.

Die Bundeswehr, das ist jene Ansammlung von Soldaten und Material, die in Funktionsweise und Instandhaltung weitgehend dem Zustand deutscher Autobahnen und Brücken entspricht: Die Ausrüstung ist mangelhaft, die meisten Kampfjets sind nicht flugtauglich, das Standardgewehr schießt um die Ecke und das sind nur die Highlights aus einer Armee, die dem entspricht, was man aus sozialistischen Ländern gewohnt ist: Fassaden hinter die man besser nicht blickt.

crash jetAber: Ursula von der Leyen weiß, wo der Schuh drückt. Sie weiß, was notwendig ist, um die Bundeswehr zu einer modernen Armee zu machen. Sie hat in ihrer Halttagstätigkeit als Mutter und Parteiideologe als Abgeordneter und Minister so viele Dinge aufgeschnappt, dass sie zmindest glaubt, sie sei kompetent und könne alle Probleme der Bundeswehr-Welt lösen, quasi nebenbei, halbtags  und im Einklang mit den Vorgaben des Staatsfeminismus, jenes Gottes, dem sie huldigt:

 

Wir zitieren im Original aus einer Pressemeldung vom 30. Mai 2014:

Ursula von der Leyen: „Bundeswehr wechselt auf die Überholspur“

Berlin, 30.05.2014.
Die Bundesministerin der Verteidigung stellt Attraktivitätsoffensive vor – 29 Maßnahmen mit einem Gesamtvolumen von 100 Mio Euro in fünf Jahren.

Bundesministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen startet ihre Agenda mit konkreten Plänen zur im Januar angekündigten Initiative, die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland zu machen. Die umfangreiche Agenda „Bundeswehr in Führung – Aktiv. Attraktiv. Anders “, die in Teilen bereits im Koalitionsvertrag angelegt war, soll für die Beschäftigten der Bundeswehr zügig spürbare Verbesserungen erreichen. Das Paket enthält 29 Maßnahmen, die nicht per Gesetz geregelt werden müssen und von denen die meisten bereits Ende 2015 umgesetzt sein sollen. Im kommenden Herbst soll zusätzlich ein Gesetz zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr (Artikelgesetz) folgen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen: „Die Bundeswehr hat viel zu bieten und wir wollen die Besten, die auch anderswo auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben. Die Freiwilligenarmee Bundeswehr soll jedem Vergleich mit der Wirtschaft standhalten. Das gilt in puncto Karrierechancen für junge Männer wie Frauen, Weiterbildung, moderne Arbeitsumgebung und selbstverständlich eine zeitgemäße Vereinbarkeit des Dienstes mit dem Familienleben. Wir haben uns mit der Agenda Bundeswehr in Führung für die nächsten Jahre ehrgeizige Ziele gesetzt. Ab morgen beginnt die Kärrnerarbeit der Umsetzung.“

Die Agenda umfasst u.a.:

Ausweiten flexibler Kinderbetreuung: mehr Belegrechte, mehr Tagespflegeangebote, wo nötig: eigene Kitas, (Aktuell: 275 Belegrechte an 13 Standorten, Großtagespflege an 11 Standorten, 2 Betriebskitas (+ 2 im Bau, 1 in Planung), 350 Eltern-Kind-Zimmer; Ziel: 30 weitere Eltern-Kind-Zimmer in 2014, weitere 45 Belegrechte in 2014, bis 2019 Möglichkeit für 110 neue Großtagespflegeprojekte)
Zentrale Ansprechstellen für alle Probleme rund um Familie und Dienst an jedem Standort (Ziel: bis Ende 2015)

Langzeitarbeitskonten für alle Beschäftigte, Ansparen bei Belastungsspitzen, mehr flexible Zeit für Familie, Weiterbildung, Freizeit, Start: Mitte 2015.

Neue Regeln für Soldatinnen und Soldaten ermöglichen einen deutlich längeren Verbleib auf einem Dienstposten oder an einem Standort (Vorteil für Familie, fachliche Spezialisierung, Reduktion der Belastung durch Pendeln, Ziel: Neue Konzepte ab 2015, Verlängerung der durchschnittlichen Stehzeit von 2-3 auf 4-6 Jahre)

Entwicklung eines umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagements für die gesamte Bundeswehr (z.B. Gesundheitschecks, Sportangebote, Stress- und Suchtprävention; Ziel: ab 2016 für alle Beschäftigten)

Schrittweise Erneuerung der teils in die Jahre gekommenen dienstlichen Unterkünfte und Ersatz des alten Mobiliars
Hochwertigere, moderne Ausstattung (z.B. TV, Kühlschrank, etc; Start: 2015)
Flächendeckend frei zugänglicher Internetzugang in den Unterkünften der Kasernen (Ziel: schrittweise Einführung, Start mit Lehreinrichtungen ab Mitte 2015)

vorderladerZwischenzeitlich hat sich die Überholspur, auf der von der Leyen sich wähnt, als Standstreifen entpuppt, der mit Tornado-II-Jets und sonstigem Gerät verstellt ist. Aber, weitblickend wie sie ist, hat von der Leyen den Krieg der Zukunft vorhergesehen, den Krieg, den Papa und Mama am Computer führen, im modernen Ambiente der familienfreundlichen Kaserne, die gleich neben McDonalds (Vepflegung) und Ikea (modernes Mobiliar) und Indesit (Kühlschrank) gebaut wurde.

Ob es sich bei dieser Vision nicht doch eher um ein Hirngespinst handelt, ist eine Frage, die sich angesichts derzeitiger militärischer Aktivitäten, die die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich entfalten, und zwar mit richtigen Kampfjets und -drohnen, nicht mit virtuellen, besonders dringlich stellt. Aber, mit Blick auf den  “Vorsprungs durch Technik”, den Deutschland bis heute zumindest in der Werbung reklamiert, könnte sich die Vision von der Leyens als absoluter Knüller erweisen, ebenso, wie der beabsichtigte Bau eines deutschen Flugzeugträgers, über den wir bereits in der Vergangenheit berichtet haben – ansonsten wären die 100 Millionen Euro für die von der Laien-Vision aus dem Fenster geworfen und besser in Material und Gerät investiert.

P.S.

Was passiert eigentlich, wenn durch die Benutzung der von Deutschland gelieferten Waffen, mehr Kurden sterben als durch das Einwirken des IS?

Es männert: von emanzipatorischer Männlichkeit

Man kann sich kaum noch vor Männlichkeiten retten. Überall “männert” es. Man eilt vom Männerkongress zur Männertagung, zur internationalen Männerkonferenz und man kann sich vor Männerforen kaum mehr retten. Fast, dass man denken könnte, es herrscht ein wahre Mannes-Phobie, eine eher irritierende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass Männlichkeit noch vor kurzem in der Krise war und die Angry White Men zu den Prügelknaben des Jahrhunderts stilisisert werden sollen (Nebenbei bemerkt, wer angesichts des Gleichstellungs-Unsinns, der täglich auf uns einprasselt, kein angry white (or black) men ist, der hat aufgehört zu leben).

Die Entdeckung des Mannes durch politische Vereine und Regierungen lässt nichts Gutes vermuten, hat noch bevor man sich näher damit befasst hat den Stallgeruch der Manipulation und des Versuchs, die so vielfältigen Männlichkeiten, die es angeblich gibt, auf eine einzige Männlichkeit, eine staatsdienliche Männlichkeit, wie man sie nennen könnte, zu reduzieren. Kurz: Das Rollenangebot “Männlichkeit”, wie man mit Ralf Dahrendorf sagen könnte, umfasst vielleicht eine Reihe von Kann-Rollen, aber unter diesen Kann-Rollen gibt es genau eine, die zur Muss-Rolle bestimmt werden soll.

Den Anfang dabei macht das Gunda-Werner-Institut, das sich seit Jahren bemüht hat,  Steuergelder einem eigennützigen Verwendungszweck zuzuführen.

Dieses Gunda-Werner-Institut veranstaltet gemeinsam mit dem Forum Männer, einem vom Gunda-Werner-Institut finanzierten Satelliten, die Tagung: “Männlichkeiten zwischen Hegemonie und Vielfalt – Welche? Für wen? Wozu?“.

Dabei geht es offensichtlich um mehrere Männlichkeiten, die zwischen Hegemonie und Vielfalt lavieren, wobei es schwierig ist, sich die entsprechenden Männlichkeiten dabei vorzustellen, wie sie hegemoniale Männlichkeiten und vielfältige Männlichkeiten sind bzw. irgend etwas dazwischen, von dem man wiederum nicht weiß, was es sein könnte, denn: Hegemonie und Vielfalt sind keine Pole desselben Kontinuums. Das Gegenteil von Hegemonie wäre wohl Schwäche oder Hilflosigkeit, während das Gegenteil von Vielfalt in der Homogenität oder Gleichheit zu suchen wäre. Kurz: der Tagungstitel ist Unsinn.

Und weil selten etwas Besseres nachkommt, geht es mit Unsinn weiter:

“Die Tagung «Männlichkeiten zwischen Hegemonie und Vielfalt» nimmt die Fülle männlicher Lebensentwürfe in den Blick, die sich im Spannungsfeld zwischen hegemonialer männlicher Monokultur und parallelkulturellen Konstruktionen von Männlichkeiten entwickelt hat. Gefragt wird, wo und wie welche Bilder von Männlichkeiten (re)konstruiert werden, welche Männlichkeiten für wen und wozu Sinn machen und wo Potenzial für Veränderung und emanzipatorische Entwürfe von Männlichkeiten liegen.”

Es gibt also ein Spannungsfeld zwischen “hegemonialer männlicher Monokultur” und “parallelkulturellen Konstruktionen von Männlichkeit”. Da die Eigenschaft von Parallelen darin besteht, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt schneiden, fragt man sich unwillkürlich, wo, wenn hegemoniale männliche Monokulturen und prarallelkulturelle Konstruktionen von Männlichkeit sich nie treffen, die Spannungen herkommen? Die Antwort ist eine Wiederholung und lautet einmal mehr: Unsinn (Der Unsinn erinnert an eine studentische Klausur, die die Aufgabe enthielt, eine Gerade in ein Koordinatenkreuz einzuzeichnen. Aus der Geraden, in der entsprechenden Klausur, wurde eine Kurve, dieser Irrtum ist vermutlich demselben Unverständnis der eigenen Sprache geschuldet).

Und dem Unsinn folgen die Fragen: Wir haben eine Vielzahl von Männlichkeiten und dennoch keine Emanzipation, denn trotz der vielen Männlichkeiten muss erst ausgelotet, ja gefragt werden, wo das Potential für emanzipatorische Entwürfe liegt. Unter emanzipatorischen Entwürfen ist vermutlich das zu verstehen, was man beim Gunda-Werner-Institut und beim Mitveranstalter, dem vom Gunda-Werner-Institut ausgehaltenen Forum Männer als emanzipatorische Männlichkeit ansieht.

Machen wir uns auf die Suche nach der richtigen, emanzipatorischen Männlichkeit.

Das Forum Männer, also der Satellit des Gunda-Werner-Instituts ist ein Gründungsmitglied des Bundesforums “Männer”, jenes Vereins, der die Befreiung der Männer dadurch anstrebt, dass er Männer auf 32 Arbeitsstunden pro Woche festlegen und ihnen Windeln wickeln für die freigewordene Zeit verordnen will. Dieses instrumentelle Bundesforum Männer, dass die Rolle der Nichtregierungs-Organisation spielt, obwohl per Anschubfinanzierung vom Bundesministerium für FSFJ ausgehalten, weist auf seiner Webpage auf die internationale Männerkonferenz zum Thema “Männerpolitik – Beiträge zur Gleichstellung der Geschlechter” hin, die am 6. und 7. Oktober in Wien stattfindet und vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz Österreichs und dem Bundesministerium für FSFJ finanziert wird.

Und wenn sich die Männlichkeiten-Vielfalt, die auf der Tagung beim Gunda-Werner-Institut bereits zur richtigen Männlichkeit verdichtet wurde, mit der Männerpolitik trifft, dann kommt Folgendes dabei heraus:

“Erwerbsarbeit war und ist für viele Männer immer noch der zentrale identitätsstiftende Bezugspunkt. Männeremanzipation führt heraus aus diesem einengenden Männlichkeitsverständnis. Ein zeitgemäßes Rollenbild ermöglicht es Männern, neue Lebensfelder für ein ganzheitlicheres Leben zu entdecken und zu erleben. Das Interesse an den Lebensfeldern Familie und Eigenwelt kommt von den Männern selbst. Kommen Männer dadurch in Balance, dient das dem Wohle aller, insbesondere auch dem partnerschaftlichen Rollenverständnis.”

Das emanzipatorische Potential der Vielfalt der Männlichkeiten, das auf der Tagung des Gunda-Werner-Instituts gesucht werden soll, das Programm der internationalen Männerkonferenz hat es bereits gefunden: Es besteht darin, zunächst einmal die Identitätsstiftung über Arbeit als Männlichkeitsentwurf auszuschließen. Hat man diese Ausprägung der Vielfalt von Männlichkeit, die nicht-moderne und von zu wenig Interesse am Lebensfeld Familie geprägte Version, aus der Vielfalt der Männlichkeiten ausgeschlossen, dann ist der Weg frei für ein ganzheitliches Leben, das Männer in Balance bringt (mit was auch immer), dem Wohle aller dient, insbesondere dem partnerschaftlichen Rollenverständnis und vor allem, und ganz wichtig, das ganzheitlich ist.

Amen.

Die Vielfalt, vor die sich der moderne Mann und die moderne Frau gestellt sehen, das emanzipatorische Potential neuer Männlichkeit und vermutlich auch neuer Weiblichkeit besteht darin, geboren zu werden, zu arbeiten, sich fortzupflanzen, dem Staat als Füller der Sozialkassen dienlich zu sein und wenn es möglich ist, nicht als Pflegefall zu sterben. Es ist schon erstaunlich, was heutzutage als Emanzipation durchgeht.

Zur Erinnerung:

“Emanzipation (lat.) ‘aus der Hand herauswachsen’, Freilassung, Verselbständigung, Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit … Ausgehend von dem berühmten, von I. Kant geprägten Begriff von Aufklärung als ‘Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit’ (‘Unmündigkeit’ ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen), meint Emanzipation die Befreiung des Menschen von sozialen Strukturverhältnissen, die, weil vom Menschen noch unbegriffen, Unmündigkeit erhalten” (Hillmann, 1994: 178).

Die emanzipatorische Männlichkeit, die uns das BMFSFJ und sein Satellit das Bundesforum Männer in trauter Eintracht mit dem Gunda-Werner-Institut und seinem Satelliten dem Forum Männer verkaufen wollen, hat mit einer Befreiung des Menschen von sozialen Strukturverhältnissen überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: Der männliche Mensch der propagiert werden soll, begibt sich freiwillig in die Abhängigkeit sozialer Strukturverhältnisse. Er geht eine Beziehung ein, in welcher Form auch immer, sucht nach der legalen Weihe dieser Beziehung auf dem Standesamt, geht weiter Verpflichtungen ein, indem er Kinder in die Welt setzt und ist am Ende so sehr im Netz sozialer Strukturen verwoben, dass ihm eine emanzipatorische Männlichkeit nur als Vorstellung in der Midlife-Crisis bleibt.

Denn: eine emanzipatorische Männlichkeit macht sich frei vom Zustand der Abhängigkeit, und zwar dadurch, dass sich die entsprechenden männlichen Menschen ihres Verstandes ohne Leitung durch einen Dritten bedienen. Kurz: Sie entscheiden selbst, welche Form von Männlichkeit sie leben wollen, welche Form von Leben sie leben wollen und welche Verantwortung sie in ihrem Leben übernehmen wollen. Emanzipation setzt Freiheit vom Gunda-Werner-Institut und vom BMFSFJ voraus, denn beiden und ihren foralen-Vasallen geht es darum, Wahlfreiheit für Männer einzuschränken und die “Befreiung aus dem Zustand der Abhängigkeit” zu verhindern.

Das nämlich ist der Horror dieser Institute: Männer, die tatsächlich ihre Männlichkeit leben und sich nicht auf staatlich und kulturell vorgegebene Lebensweisen einlassen. Die als Wanderburschen durch die Welt ziehen, ohne sich zu binden, und die ihr Leben nach ihrer Fasson leben, voll emanzipiert und ohne sich in familiäre oder gesellschaftliche Abhängigkeiten zu begeben.

Wie so oft zeigt sich, dass Begriffe, hier emanzipatorische Männlichkeit, von Seelenanglern als Köder ausgelegt werden, in der Hoffnung, dass möglichst viele anbeißen und ihrem selbstbestimmten Leben damit ein Ende bereiten.

Und zum Abschluss: Anschauungsmaterial, Anschauungsmaterial zur Vielfalt der Männlichkeiten, wie sie beim Forum Männer herrscht (alle Bilder stammen von der Webpage des Forums Männer). Wem dies ein attraktives Angebot ist, dem ist nicht mehr zu helfen.

Die neue Männlichkeit:

Forum Maenner IForum Maenner IIForum Maenner III

Sprachspiele statt Wissenschaft?

Empirische Befragungen, Umfragen oder auch Meinungsumfragen genannt, haben sich seit dem Jahre 1940 als Paul F. Lazarsfeld, Bernard F. Berelson und Hazel Gaudet mit der Erie County Study die Grundlagen nicht nur quantitativer empirischer Sozialforschung gelegt haben, zu einem festen Bestandteil der Erforschung menschlichen Handelns und vor allem menschlicher Einstellungen entwickelt.

Voting BerelsonDie Popularität der Erforschung durch Befragung hat dazu geführt, dass die methodischen Probleme, die mit dieser Art der Datenerhebung verbunden sind, in den Hintergrund getreten sind und fast jeder, der in der Lage ist, Fragen oder Aussagen zu formulieren, heutzutage der Ansicht ist, er könne eine Befragung durchführen und die Ergebnisse hinterher als Stein der Weisen verkaufen.

Vor allem die Einstellungsforschung hat in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung erlebt, der selbst die Kursentwicklung der Aktie von Apple in den Schatten stellt.

Kaum eine Institution, die sich nicht für Einstellungen der einen oder anderen Art interessiert.

Die Europäische Kommission interessiert sich für die Einstellungen der Europäer zu Europa und zur Europäischen Union und finanziert mit dem Eurobarometer eine regelmäßige Befragung, die sich immer mehr zum Fragenmoloch entwickelt hat.

Unternehmen interessieren sich für die Einstellungen von Kunden zu Produkten, zu ihrem Unternehmen, sie interessieren sich für Kundenzufriedenheit, die richtige Art und Weise der Mitarbeiterführung, die richtige Mitarbeitermotivation und vieles mehr.

Nicht zu vergessen, die ganzen Parteien und politischen Institutionen, die sich für die politische Einstellung von wem auch immer interessieren. All die Konstrukte von Rechtsextremismus bis Anomie, von Emotion bis politischer Identifikation, von Religiosität bis Technophobie, vom politischer Partizipation bis zum Repressionspotential, sie alle wären nicht möglich, gäbe es nicht entsprechende Einstellungsskalen, die die Messung von Konstrukten, die in der empirischen Sozialforschung als latente Variablen bezeichnet werden, und zwar deshalb, weil man sie nicht direkt messen kann – sondern konstruiert werden müssen, möglich machen sollen (denn Rechtsextremismus gibt es nicht als solchen, er ist ein erdachtes Konstrukt, was oft und gerne vergessen wird, aber jeder merkt, wenn er versucht, ein Kilo Rechtsextremismus zu kaufen.).

Und weil man derart Konstrukte nicht direkt messen kann, muss man sie indirekt erschließen. So wird eine rechtsextreme Einstellung durch eine Reihe von sogenannten Items erfasst, d.h. von Aussagen, für die man annimmt, dass sie eine gemeinsame Dimension, die man als Rechtsextremismus beschreiben kann, umfassen. Wer sich ein Bild darüber machen will, welche Bedeutung und Verbreitung Skalen zur Messung von Einstellung in der empirischen Sozialforschung haben, der soll sich ein wenig Zeit nehmen und sich durch das ZUMA Informationssystem (ZIS) klicken.

Wer dies tut, findet eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Skalen, die zur Messung der unterschiedlichsten Einstellungen entwickelt wurden, Skalen wie die folgende, mit der Umweltbewusstsein gemessen werden soll.

Umweltbewusstsein

Andere Einstellungen wie Rechtsextremismus, Anomie oder politische Partizipation oder politisches Engagement oder transformationaler Führungsstil oder Motivation werden mit ähnlichen, zuweilen umfangreicheren Aussage-Skalen erhoben. Mit statistischen Verfahren, vornehmlich mit der von Cronbach entwickelten Reliabilitätsanalyse und mit der Faktorenanalyse werden die Antworten auf die Aussagen dann zusammengefasst und zu der Einstellung gebündelt, die man damit messen wollte.

Diese Zusammenfassung von im Beispiel Aussagen, die Umweltbewusstsein messen sollen, basiert auf drei Annahmen:

  • Schnell hill esser neuDie Aussagen, die zur Messung der Einstellung genutzt werden, sind voneinander hinlänglich unabhängig.
  • Die Antworten von sagen wir 1000 Befragten auf die Aussagen, zeigen eine hinreichende Konsistenz, so dass es möglich ist, Umweltbewusstsein zu erschließen. Im vorliegenden Beispiel erwartet man z.B., dass ein Befragter, der der Aussage zustimmt,”Wissenschaft und Technik werden viele Umweltprobleme lösen, ohne dass wir unsere Lebensweise ändern müssen”,  der Aussage “Wir vertrauen zu sehr der Wissenschaft und der Technik und zu wenig unseren Gefühlen” nicht zustimmt. Die erste Aussage ist übrigens ein Item für negatives Umweltbewusstsein, die zweite für positives Umweltbewusstsein, was die Konfundierung von Einstellungsforschung mit Ideologie deutlich macht. Aber das ist ein anderes Problem.
  • Die Aussagen, die die latente Variable konstituieren, sind trennscharf gegenüber anderen Aussagen, die in der selben Befragung genutzt werden, um andere Einstellungen zu messen.

Soweit die schöne Welt der Einstellungsforschung. Nun zu den Gewitterwolken, die sich nicht erst seit kurzem zusammengebraut haben, vielmehr gibt es seit mehreren Jahrzehnten heftige Kritiker (z.B. Clyde Coombs), die Einstellungsforschung als moderne Form des Blicks in die Glaskugel ansehen oder, wie Dr. habil. Heike Diefenbach gewöhnlich sagt, als eine Fleischwolf-Methode, bei der man durch die Formulierung von Fragen sicherstellt, dass das, was man vorne hereintut auch hinten herauskommt. Diese Gewitterwolken haben sich nun per Blitz entladen und die ersten Einschläge haben eine Reihe von Skalen zur Messung von Einstellungen getroffen und, soweit man derzeit sagen kann, in ihrer bisherigen Form vernichtet. Es bleibt, um im Bild zu bleiben, nur Rauch und Asche, denn: keine der drei Annahmen trifft zu.

Verantwortlich für diese Verwüstung sind Jan Ketil Arnulf, Kai Rune Larsen, Oyvind Lund Martinsen und Chih How Bong. Die vier Wissenschaftler hatten nicht nur eine gute Idee, sie haben auch neue Analyseverfahren zur Verfügung, um ihre Idee umzusetzen.

Die gute Idee kann man als Befürchtung formulieren:

Was, wenn wir mit Einstellungsskalen nicht die Einstellung der Befragten zu, sagen wir, Rechtsextremismus, oder zur Bundesregierung oder zur Europäischen Union messen, sondern den sprachlichen Zusammenhang unter den Aussagen, mit denen diese Einstellung erhoben werden soll? Was, wenn die Ergebnisse nicht inhaltlich interpretiert werden können, weil sie keinen Aufschluss über die Einstellung der Befragten zum jeweiligen Thema geben?

Wie prüft man so eine Idee ?

Bis vor einiger Zeit (Mitte/Ende der 1990er Jahre) hätte man sie kaum bis gar nicht prüfen können. Aber jetzt gibt es Verfahren wie Latent Semantic Analysis (LSA) oder MI, die semantische Ähnlichkeiten in Texten aufstöbern und quantifizieren. Jeder kennt die Wortwolken, die durch die Größe und Dicke eines dargestellten Begriffs auf dessen Häufigkeit und Wichtigkeit z.B. auf ScienceFiles hinweisen wollen. LSA und MI funktionierren ähnlich, wenngleich elaborierter. Beide Verfahren basieren auf der Erstellung einer “lexikalischen Datenbank”, die Worte und Begriffe aus einer Reihe von Quellen erfasst und deren semantische Nähe angibt.

Die vier Autoren haben für ihre Zwecke eine umfangreiche lexikalische Datenbank aus Texten im Wall Street Journal, Business Week, Forbes und Future, der New York Times, der Washington Post, PR Newswire und etlichen anderen Quellen erstellt, wobei sie sich ihrem spezifischen Forschungsgegenstand entsprechend auf Texte zur Ökonomie und zum Management beschränkt haben. Die resultierende Datenbank erlaubt es Worte, Begriffe und Aussagen nach semantischer Nähe zu bewerten und sogar unterschiedliche Ausdrücke im Hinblick auf ihre semantische Nähe miteinander zu korrelieren.

Der Einschlag und die Spur der Verwüstung, die die vier Autoren mit ihrer Analyse zu verantworten haben, beruht auf semantischer, auf sprachlicher Nähe, und er betrifft zunächst nur den MLQ einen Fragebogen, der aus einer Vielzahl von Aussagen besteht, die genutzt werden, um einen transformationalen Führungsstil zu messen.

Erfolgt die Konstruktion dieses transformationalen Führungsstils auf Basis der Antworten von 1.649 Befragten, wie im Beispiel der vier Autoren, dann ist diese Konstruktion im Hinblick auf ihre Validität und im Hinblick auf ihre Erklärkraft nur minimal besser als eine Konstruktion auf Grundlage semantischer Nähe der Aussagen, die genutzt wurden, um das latente Konstrukt “transformationaler Führungsstil” zu messen. Mit anderen Worten: Man braucht keine Befragten, um deren Einstellung zu im vorliegenden Fall transformationalem Führungsstil zu messen, man kann die Einstellung über die semantische Nähe der benutzten Aussagen vorhersagen.

Das ist der Supergau für die Einstellungsforschung, bedeutet es doch nicht mehr und nicht weniger, als dass Einstellungsforscher mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Einstellungen messen, die sie messen wollen, sondern die Einschätzung der sprachlichen Nähe der Aussagen, die sie benutzen, um die Einstellungen zu messen, durch ihre Befragten. Das ist nicht nur schlecht, es ist verheerend. Denn würde sich das Ergebnis von Arnulf, Larsen, Martinsen und Bong als generalisierbar, als ausweitbar auf alle anderen Bereiche der Einstellungsforschung erweisen, und bislang gibt es keinen Grund, dies nicht anzunehmen, es hätte erhebliche Konsequenzen:

  • lightning strokeDie Europäische Kommission könnte keine Erfolgsmeldungen mehr über die europafreundliche Einstellung der Mehrheit der Europäer verbreiten.
  • Regierungen könnten ihre politischen Vorhaben nicht mehr mit der Einstellung in der Bevölkerung, deren Umweltbewusstsein oder deren Technikfeindschaft begründen.
  • Politische Institutionen und andere Organisationen könnten sich nicht mehr der Umfrageforschung bedienen, um Rechtsextremisten oder sonstige Feinde ihrer eigenen politischen Einstellung zu brandmarken, jedenfalls so lange nicht, so lange nicht sichergestellt wäre, dass die entsprechende Einstellung valide gemessen wurde.
  • Meinungsforschungsinstitute könnten nicht einfach Fragen erfinden und behaupten, damit bestimmte latente Konzepte, bestimmte Einstellungen zu messen.
  • Empirische Sozialforscher wären wieder gezwungen, mehr Wert auf methodische Aspekte zu legen, was zur Folge hätte, dass sich die Spreu vom Weizen trennt.

Insgesamt sind die Konsequenzen eher positiv zu nennen, und es wäre wünschenswert, dass sie eintreten. Die Chancen dafür stehen gut, denn Forschung, wie die von Arnulf, Larsen, Martinsen und Bong kann nicht mehr weg ge-peer-reviewed oder totgeschwiegen werden durch eine stille Konspiration der Einstellungsforscher im Feld, die keine Lust haben, ihre Methoden hinterfragen zu lassen. Die Forschung ist “out in the open”, open access Zeitschriften wie Plos One machen es möglich. Entsprechend werden sich Einstellungsforscher nach der methodischen Güte ihrer Forschung fragen lassen müssen, und sie werden wohl oder übel sicherstellen müssen, dass sie auch wirlich Einstellungen und nicht sprachliche Artefakte messen, und zwar dadurch, dass sie Aussagen zu Aussagen-Skalen kombinieren, die nicht durch sprachliche Nähe bereits eine entsprechende Skala abbilden und bevor sie mit den Aussagen ins Feld gehen, sicherstellen, und zwar mit LSA oder MI oder anderen Programmen, dass sie keine sprachliche Nähe aufweisen.

Das Feld der empirischen Sozialforscher wird sich entsprechend lichten. Es wird überschaubarer. Und das ist gut so.

Arnulf, Jan Ketil, Larsen, Kai Rune, Martinsen, Oyvind Lund & Bong, Chih How (2014). Predicting Survey Responses: How and Why Semantics Shape Survey Statistics on Organizational Behavior. Plos One.

Betrachtungen eines Mehrfachdiskriminierten

Heute ist es mir so richtig klar geworden: Ich werde diskriminiert!

Nicht einmal, nein x-Mal; diskriminiert in Wort und Tat und das täglich, 24/7 – eine Ende ist nicht absehbar.

Wie lebt man, wenn man gleich mehrfach diskriminiert wird?

Eigentlich ganz gut, nur das Wissen um die Diskriminierung, das Wissen um diese tägliche Ungerechtigkeit, das nagt und nagt und so.

Es muss etwas getan werden – eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme.

Diskriminierung ist, wenn man wegen seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Herkunft oder seiner Rasse oder sonstiger Merkmale, die man nicht los wird, schlechter gestellt oder gar beleidigt oder beschimpft wird.

Da geht es schon los:

Ich werde beschimpft.

discrimination2Ich sei bildungsfern, weil ich aus der Arbeiterschicht komme. Und die Arbeiterschicht, das weiß man offensichtlich und vor allem, wenn man aus der Mittelschicht kommt, die ist bildungsfern.

Mittelschicht, das sind übrigens diejenigen, die sich geschmacklose Kleckse an die Wand hängen, um damit zu zeigen, wie modern und gebildet sie sind. Natürlich keine Originalkleckse, das können sie sich nicht leisten. Dazu ist ihr Lebensstandard zu prekär. Nein, Reproduktionen, Drucke, Drucke, die 1000fach produziert werden – damit man als Bildungsferner sofort sieht, dass man eine Mittelschichtswohnung betritt.

Außerdem, das muss jetzt gesagt werden, gelte ich rechts. Wir bei ScienceFiles gelten alle als rechts, denn wir fragen Genderisten danach, was sie an Universitäten verloren haben. Das reicht um als Rechter bezeichnet zu werden. Wer kritisiert, dass sich bestimmte Leute auf Kosten anderer bereichern, der gilt heute als rechts.

Was zur Konsequenz hat, dass jeder rechts ist, der ein selbstbestimmtes Leben führt. Und wer ein selbstbestimmtes Leben führt, der wird konsequent diskriminiert, der wird ausgeschlossen aus dem Transfer der Mittel, Beihilfen, Zuwendungen und sonstigen Vergünstigungen, die das staatstreue Leben so mit sich bringt.

Die multiple Diskriminierung nimmt ihren Lauf.

Ich bin männlich. Bad luck: Kein Anspruch auf Mutterschaftsurlaub, kein Geld für Fertilität, so genanntes Mutterschaftsgeld, eine Prämie für vermeintlich erfolgreich ausgeführten Geschlechtsverkehr – Geld für das, was man früher die eheliche Pflicht genannt hat: Nachwuchsproduktion. Eigentlich ein Schlag ins Gesicht für alle emanzipierten Frauen. Aber kennen sie eine, die sich nicht von ihrem Staat für den Einsatz ihrer Geschlechtsteile bezahlen lässt? Mutterschaft als Prostitution. Wie auch immer, ich werde diskriminiert.

Schon weil die Produktion von Nachwuchs die Eintrittskarte in die Förderkarriere ist. Elterngeld winkt, Elterngeld plus für all diejenigen, die kein oder wenig Humankapital haben, das man als Fähigkeit im Beruf und gegen gutes Geld verkaufen kann. Kindergeld für die Sprößlinge ab Tag 1, Kinderzuschlag für Geringverdiener, Wohngeld, die Möglichkeit, familienunterstützende Leistungen von der Steuer abzusetzen, Familienurlaub in Familienferienstätten. Und wäre ich alleinerziehend, ein wahres Hilfe-Paradies wäre meins. Aber statt Einlass ins Hilfe-Paradies gibt es für mich Diskriminierung.

All die Geschenke, die das BMFSFJ im Tausch gegen Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Würde verteilt, ich bekomme sie nicht. Ich werde diskriminiert.

Und Bauer bin ich auch nicht.

Kein Geld von der EU, kein Geld vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Geld dafür, dass ich meinem Erwerb nachgehe. Ich gehe meinen Erwerb unsubventioniert, aber voll besteuert nach. Steuerliche Vorteile für mich? Pustekuchen. Ich bin kein Bauer, kein Schiffsbauer, kein Elternteil. Ich bin bildungsfern und rechts! – und männlich, fast hätte ich es vergessen.

Und arbeitslos war ich auch nie. Ich bin selbstständig: Arbeit ohne Ausgleichszahlung, kein Anspruch auf Urlaubsgeld, Übergangsgeld, Trennungsgeld oder 13. Monatsgehalt. Nichts. Nicht einmal Insolvenzgeld. Ich werde diskriminiert.

Das macht fast depressiv, und fast hätte ich es in die nicht diskriminierende Öffentlichkeit des Behandlungszimmers in der Klink für psychisch Kranke geschafft. Aber eben nur fast. Und das heißt: Kein Geld von der Krankenkasse und weiter diskriminiert.

Not macht bekanntlich erfinderisch – naja, nicht erfinderisch, aber doch zumindest nachdenklich.

Nachdenken über Subventionen führt zuweilen zu in Vitro Fertilisation. 50% trägt die Krankenkasse. Eine Chance zumindest zum nur noch halb Diskriminierten zu werden. Man gehe einfach zum Arzt, lasse sich Sperma abzapfen, hoffe auf die ärztliche Kunst und darauf, dass kein Blindgänger eingepflanzt wird. Schon steht einem die diskriminierungsfreie Welt der Abhängigkeit von staatlichen Leistungen offen.

Aber im Tauch gegen Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Würde? Ja, Würde: Wer will schon zum Samenspender werden, zum spasslosen Erzeuger steriler Empfängnis?

discriminationBleibt noch ein letzter verzweiflter Akt, bei 100prozentiger Kostenübernahme durch die Krankenkasse und anschließender garantierter Transferexistenz: Werde doch Trans, also nicht Trans, sondern das, was nach der Operation herauskommt! Ausgangspunkt: Spannungsverhältnis zwischen Geschlechtsidentität und tatsächlichem Geschlecht – etwas Einbildung reicht vermutlich. Voraussetzung: Zwei Jahre gescheiterte Psychotherapie – kein Problem – und keine Linderung meiner Qual. Resultat: Fast wie beim Geheimdienst – Neuer Name, neue Identität, neuer Mensch. Ein sagenhaftes Angebot. Und die Nachsorgebehandlung garantiert ein Leben in Abhängigkeit.

Aber…

wenn ich es mir so recht überlege – vielleicht ist es gar nicht so schlecht mehrfachdiskriminiert zu sein, selbstbestimmt, selbstwirksam, selbstbewusst und in Würde zu leben; in jedem Fall besser als sich an einen Staat zu verkaufen, der nur darauf wartet, Selbstbestimmung durch Vor- oder Nachsorge zu beenden, Selbstwirksamkeit durch Zugehörigkeit zur Gruppe der Transferempfänger zu zerstören, Selbstbewusstsein durch Bezahlung für Prostitution zumindest zu erschweren und Würde zu einem Begriff zu machen, der demnächst aus dem Duden gestrichen wird.

Ich werde diskriminiert! Und Klein heiß’ ich auch noch.

Aber es gibt noch Solidarität, zumindest in der ScienceFiles-Redaktion. Wir sitzen zusammen und sinnieren, sinnieren über die Diskriminerung, über das Leben, das Universum und darüber, dass Heike Diefenbach auch diskriminiert wird, Bach ist walisisch und heißt: klein … und aus der Arbeiterschicht ist sie auch – per definitionem die erste promovierte und habilitierte Bildungsferne.

Frauen sind nicht weniger politisch interessiert, nur anders …

Das Rektorat “Kommunikation und Fundraising” der Universität Mannheim hat eine Presseinformation veröffentlicht, eine Presseinformation über eine preisgekrönte Publikation. Das kling sehr gut. Preisgekrönt wurde eine Publikation, an der Sebastian Adrian Popa, vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung beteiligt war, das klingt auch noch gut. Die ausgezeichnete Publikation trägt den Titel “Theorizing Sex Differences in Political Knowledge: Insights from a Twin Study”, das klingt schon weniger gut. Und verliehen hat den Preis die “Senatskommission Gleichstellung der Univeristät Mannheim”, das klingt eher nach einem Geschenk der Danaer als nach Preis (timeo danaos et dona ferentes).

Universitaet MannheimAber wir wollen vorurteilsfrei und außerdem ohne (Geschlechts-)Stereotype an die Sache herangehen, auch wenn dies angesichts dessen, was Eva Martha Eckkrammer, Prorektorin für Infrastruktur, Chancengleichheit und wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Mannheim von sich gibt, schwierig ist:

„Noch immer bestehen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und anderen sozialen Gruppen. Eine wissenschaftliche Erforschung dieser Ungleichheiten schafft die Grundlage für deren langfristigen Ausgleich.“

Frauen, die Zeit, in der ihr ein Monopol auf Frauenparkplätze hattet, ist vorbei. Und Männer: Euer Monopol auf Prostata-Krebs wackelt: Maria Martha Eckkrammer will Euch ausgeglichen sehen.

Aber wir wollten ganz unbelastet von unseren vergangenen Erfahrungen mit Frauengleichstellern an die Sache herangehen. Nun denn:

Frauen, das zeigen mittlerweile eine Vielzahl von Untersuchungen, deren Autoren der Ansicht waren, es sei relevant, haben geringere politische Kenntnisse als Männer. Sie wissen seltener, (1) wer die letzte Instanz ist, um darüber zu entscheiden, ob ein Gesetz verfasungskonform ist oder nicht, können seltener angeben, wer (2) das Recht hat, die Richter des Bundesverfassungsgerichts zu nominieren, wissen seltener, (3) welche Partei konservativer ist, SPD oder CDU oder welche (4) Hauptaufgaben der Deutsche Bundestag zu erfüllen hat als Männer. Fragen wie die vier genannten, werden regelmäßig genutzt, um politische Kenntnisse abzufragen. Entsprechende Fragen bilden auch den Ausgangspunkt der preisgekrönten Publikation, an der Popa beteiligt war.

Die drei Autoren (inklusive Popa) untersuchen anhand von Zwillingsstudien, wo die Gründe dafür zu suchen sind, dass Frauen auf so wichtigen Gebieten, wie politischen Kenntnissen, hinter Männern zurückbleiben, dass auf dem Feld der politischen Kenntnisse also eine dieser unsäglichen Ungleichheiten, die gleichgestellt werden müssen, besteht. Und sie suchen die Gründe in den Genen. Warum auch nicht:

Now what“Aus der Grundannahme gleicher Umweltfaktoren für beide Geschlechter schlossen die Wissenschaftler, dass über das soziale Geschlecht hinausgehende Faktoren ausschlaggebend sind. Denn: „Frauen wissen nicht weniger, sie wissen anderes als Männer“, erklärt Sebastian Popa. Die Wissenschaftler argumentieren, dass die Tests zur Messung des politischen Wissens zu stark auf Fakten abzielen. „Bislang fragen solche Tests vor allem wettbewerbs-, macht- und hierarchieorientierte Wissensbestände ab“, so Popa. Wer hat welches Ministeramt inne? Und wie viele gibt es überhaupt? Darauf hätten Frauen weniger oft eine Antwort als Männer. Als Konsequenz fordern die Autoren eine Anpassung der Tests zur Erhebung politischen Wissens. So sollten die Fragenkataloge um die für Frauen relevanten Aspekte von Politik erweitert werden. Diese Aspekte seien, so Popa, mehr zusammenhangs- und beziehungsorientierte Themen wie Lokalpolitik sowie familienbezogene Politik und Leistungen. Popa zeigt sich zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass so nachgewiesen werden kann, dass Frauen und Männer in gleicher Weise politisch interessiert sind.“

Da! Das ist des Rätsels Lösung, auch für alle Probleme im Bereich der Mathematik. Mathematik ist faktenorientiert, fragt nach dem Ergebnis von 17/4 oder so krummen Dingen wie der Lösung für a = 2bx + c. Deshalb bleiben Frauen hinter Männern zurück. Entsprechend ändern wir einfach den Gegenstand in Mathematik, machen mehr die für “Frauen relevanten Aspekte von Mathematik” zum Gegenstand, also z.B. familienbezogene Aspekte von Mathematik, etwa: Pro Kind gibt es 500 Euro Kindergeld im Monat. Wie lange dauert es und wie viele Kinder muss Eva Martha Eckkrammer in die Welt setzen, ehe der Gehaltsunterschied zwischen ihr und ihrem Mann, der 2.200 Euro im Monat mit Arbeit verdient, ausgeglichen oder gleichgestellt ist (MitgliederInnen der ScienceFiles-Redaktion haben zudem den Vorschlag gemacht, mathematische Skalen zur Beantwortung der Frage: “Wie geil ist mein Mathematiklehrer?” als frauenspezifische Frage zum Gegenstand zu machen. Der entsprechende Vorschlag muss jedoch noch auf seine Gleichstellungsrelevanz und gentechnische Eignung abgeklopft werden.)

Aber, wir wollten ja offen und gleichstellungsfreundlich sein.

Deshalb haben wir uns die ausgezeichnete Publikation, die von Rebecca J. Hannagan, Northern Illinois University, Levente Littvay, Central European University und Sebastian Adrian Popa, Central European University and University of Mannheim erstellt wurde, genauer betrachtet. Die Publikation basiert auf 1.349 Zwillingspaaren, die aus dem Minnesota Twin Pair Register gezogen wurden. Den Zwillingspaaren wurden fünf Fragen, mit denen ihre politischen Kenntnisse getestet wurden, vorgelegt. Die Fragen entsprechen weitgehend den Fragen, die wir oben zusammengestellt haben, übertragen auf die USA, so dass Gegenstand z.B. nicht das Bundesverfassungsgericht, sondern der Supreme Court ist bzw. nicht der Bundestag, sondern der U.S. Congress. Zwischen 6,5% und 13,2% der männlichen Befragten geben auf die fünf Fragen falsche Antworten, zwischen 12,7% und 29,5% der weiblichen Befragten liegen mit ihren Antworten falsch.

Diese Unterschiede bilden die abhängige Variable “politische Kenntnisse”, die in eine ACE Analyse geworfen wird. Eine ACE Analyse macht nichts anderes als die Varianz über die abhängige Variable in drei Teile, die zur Verwirrung der Betrachter als latente Variablen bezeichnet werden, zu zerlegen und diese drei nunmehr als latente Variablen benannten Teile als Common (A), Environmental (C) und Unique (E) Environmental Effekt zu bennen. Das ganze Rechenwerk basiert zudem auf Annahmen über Unterschiede zwischen normalen Zwillingespaaren und z.B. eineiigen Zwillingen, die die Autoren, so kann man ihrem Beitrag entnehmen, auch nicht genau kennen, weshalb sie den Leser auf andere verweisen, die es vermutlich auch nicht besser wissen. Jedenfalls steht am Ende der ACE-Analyse ein Ergebnis, das Zahlen ausweist, die man nunmehr heftig interpretieren kann, immer mit dem Wissen, dass das, was interpretiert wird, die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten und im Hinblick auf die fünf Fragen zu politischen Kenntnissen sind.

Structural_ACE_modelUnd siehe da, dabei zeigt sich, dass “the environment is not the sole source driving the differences (also die rund 16% mehr falschen Antworten der weiblichen Befragten), but rather that the differences stem from variation driven by heritable factors (das E der ACE Analyse). Kurz: Wenn Frauen weniger richtige Antworten auf Fragen z.B. danach geben, wie der deutsche Bundespräsident gewählt wird, dann liegt das daran, dass sie anders genetisch veranlagt sind und mit solchen Fragen nach Fakten nichts anfangen können, nicht etwa daran, dass sie weniger Interesse für Politik insgesamt haben. Das darf nämlich nicht sein. Frauen haben auch im Hinblick auf “politisches Interesse” und “politische Kenntnisse” Männern gleichgestellt zu sein, und wenn wir dafür einen Stuss (eine andere Qualifikation für dieses Forschungsergebnis fällt uns leider nicht ein) berechnen und argumentieren müssen, der sich gewaschen hat, wichtig ist, wie Popa sagt, dass “nachgewiesen werden kann, dass Frauen und Männer in gleicher Weise politisch interessiert sind” (Und was man vorne herein tut, kommt natürlich hinten heraus, man muss es nur entsprechend interpretieren).

Warum sollte man das übrigens nachweisen wollen? Welcher Klon ist eigentlich der Phänotyp, der – von der Mannheimer Senatskommission “Gleichstellung” preisgekrönten – angeblichen Wissenschaftlern wie Popa vorschwebt? Wie auch immer man die Fragen beantwortet, eines ist sicher: Nie haben vermeintliche Forscher heftiger daran gearbeitet, Männer und Frauen voneinander zu entfremden, wie heute und nie war Forschung, preisgekrönte Forschung, dümmer (wenn auch politisch korrekter) als heute.

Nachtrag:
Wir haben oben behauptet, dass die drei Zwillingsforscher keine Ahnung haben, was bei einer ACE Analyse passiert. Hier ist der Beleg:

To decompose the variance in political knowledge we use a structural equation ACE model. Due to space restrictions, we offer only a brief summary of the model. For a more extensive discussion please see Medland and Hatemi (2009).

Derartige Floskeln schreibt man, wenn man wirklich keine Ahnung hat.

Hannagan, Rebecca J., Littvay, Levente & Popa, Sebastian Adrian (2014). Theorizing Sex Differences in Political Knowledge: Insights Form a Twin Study. Politics & Gender 10(1): 89-114.

Politische Laiendarsteller: Vom Abhören der Abhörer

Politik ist ein Spektakel inszeniert für die Massen. Politiker sind die mehr oder weniger schlechten Schauspieler, die bezahlt werden, um Bürger zu unterhalten. Bürger sind das Publikum, das in Wahlen angehalten ist, die Qualität der vergangenen Darstellung zu bewerten. Wahlen sind demnach Ratings für vergangene politische Aufführungen.

Goffman TheaterDiese Thesen sollten für all jene attraktiv sein, die denken, soziale Kategorien, soziale Rollen und soziale Normen seien verhandelt oder verhandelbar und nicht in Stein gemeißelt. So hat z.B. Erving Goffman, den Genderisten gerne missbrauchen, um ihre verqueere Weltsicht an die Frau zu bringen, das Leben als Theaterspiel konzipiert, bei dem es darum gehe, eine glaubwürdige Darstellung zu geben, und zwar auf der Vorderbühne, die von allen einsehbar ist.

Das übrigens ist eines der Probleme, das diejenigen, die Privates auf die Vorderbühne zerren wollen, die z.B. ihre Sexualität in aller Öffentlichkeit ausleben und anderen auf die Nase drücken wollen, lösen müssen. Darstellungen auf der Vorderbühne müssen glaubwürdig sein, sonst macht man sich zum Gespött der Leute. Und Darstellungen sind immer dann glaubwürdig, wenn Handlung und Akteur im Einklang stehen und wenn sich der Akteur durch Konsistenz und Authentizität auszeichnet.

Konsistenz und Authentizität, Einklang zwischen Handlung und Akteur, das sind die drei Kriterien, anhand derer entschieden wird, ob eine politische Darstellung gelungen ist oder misslungen ist, ob sie glaubwürdig ist.

Für politische Darsteller und bezogen auf die Vorderbühne der Darstellung heißt dies: Sich nicht widersprechen, jedenfalls nicht in zu großer zeitlicher Nähe (Konsistenz), das, was man anderen als Verhalten auferlegt (z.B. durch Strafgesetze, die delinquentes Verhalten unter Strafe stellen), zumindest auf der Vorderbühne einhalten. Sich nach Möglichkeit nicht dabei erwischen lassen, das eine zu predigen und das andere zu tun, also nach Möglichkeit nicht andere dahingehend kontrollieren, ob sie sich aufrichtig und korrekt verhalten und in der Freizeit Nacktbildchen von Jungen auf den Dienstcomputer spielen. Und, am schwierigsten überhaupt, seine politische Rolle so gestalten, dass das Publikum den Eindruck hat, man sei so, spiele sich selbst und nicht jemanden, den man anderen vorgaukelt, damit sie ihn wählen.

Politische Darstellungen sind immer dann einfach, wenn man Emotionen auf der eigenen Seite hat, sich z.B. auf einem Strom der Entrüstung treiben lassen kann, so wie dies im Hinblick auf das Ausspähen deutscher Politiker durch die US-amerikanische NSA der Fall war. Eine solche Darstellung ist einfach. Die deutsche Vorstellung davon, was unter Freunden geht und was nicht, ist rein und ohne Misstrauen. Es ist gerade die deutsche Definition von Freund, dass man ihm alles erzählen, sich ihm öffen kann, ihn zu einem Mitwisser der tiefsten innersten Geheimnisse machen kann, die tief in der eigenen Psyche vergraben sind, dass man ihn, mit anderen Worten, missbrauchen kann.

Dass ein Freund das, was man ihm anvertraut, weiterzählen könnte oder gar Dinge, die man ihm erzählt nicht glaubt, ihnen misstraut und sich lieber unabhängige Belege für Behauptungen einholt, das ist in der deutschen Konzeption von Freund, der man auf Biegen und Brechen zu sein hat, nicht vorgesehen, ebenso wenig wie Kritik, denn wer kritisiert, der ist kein Freund.

Twinkle BrothersDiese Idealisierung eines reinen romantischen Urzustands, den es in der Realität nicht gibt, die aber dennoch der Konzeption von “Freund” bei vielen unterliegt, ist ein mächtiges Mittel, wenn man es gegen die USA in die Waagschale werfen kann, jene finstere Macht, die den deutschen Freund verraten hat. Es ist somit kein Wunder, dass die Vokabel des “Freundes” eine der am häufigsten im Zusammenhang mit den Ausspähungen durch die NSA gebrauchten ist. Die politische Darstellung, die entsprechend von der politischen Laienspielschar gegeben wurde, war die des enttäuschten und verratenen Freundes, der trotz seiner Bürgschaft im Regen stehen gelassen und dem Scharfrichter übergeben wurde.

Dumm nur, wenn sich herausstellt, dass nicht ein Freund den anderen verraten hat, sondern beide Freunde sich so sehr misstrauen, dass sie sich gegenseitig ausspähen. Nun wird die politische Darstellung zu einem Problem. Nun ist eine Performance gefragt, die zwischen Heuchelei und Lüge balanciert und dabei versucht, glaubwürdig zu sein.

Nehmen wir z.B. die “möglichen BND-Aktivitäten” im Land des zentralen NATO-Freundes Türkei. Die hält der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses”, Wolfgang Bosbach, für “verständlich”, sicherlich, so spekuliert er, gebe es “gute Gründe”, dafür. “Gute Gründe” machen mit Sicherheit auch die US-Amerikaner für ihr Ausspähen deutscher Politiker geltend. Immerhin werden Ressourcen aufgewendet, um auszuspähen, und das macht man in der Regel nur, wenn man sich einen Nutzen verspricht. Gute Gründe als Ausnahmeregel für den vermeintlichen Verrat unter Freunden, funktionieren entsprechend in beide Richtungen und können nicht, wie Bosbach dies vorhat, differenziell, einmal angewendet und einmal nicht angewendet werden.

Jürgen Trittin, immer gut, wenn es darum geht, ein Haar zu spalten, weiß besseres. Er kennt einen Unterschied zwischen dem deutschen Ausspähen US-amerikanischer Politiker und dem US-amerikanischen Ausspähen deutscher Politiker:  “Was Kerry und Clinton betreffe”, so berichtet die ARD mit Bezug auf Trittin im Original, “sei ein zufälliges Mithören von Ministertelefonaten wiederum etwas anderes als das systematische Ausspähen des Parteihandys von Bundeskanzlerin Angela Merkel”.

Die Trittinsche moralische Oberhoheit basiert also auf zwei Variablen: Versehen (Zufall) und Systematik (kein Zufall). Versehen ist, dass der BND US-amerikanische Telefongespräche abhört, denn unter Freunden tut man so etwas ja nicht. Systematik ist es, wenn die NSA das Handy von Frau Merkel abhört.

Authentizität, Konsistenz und Widerspruchsfreiheit waren die drei Kriterien, die eine gelungene Darstellung ausmachen. Sie alle sind notwendig, um das Oberziel der Darstellung, die Glaubwürdigkeit zu erreichen. Man wird Trittin schwerlich Authentizität absprechen können. Wann immer man denkt, es gibt keine Möglichkeit, etwas noch Abstruseres vorzutragen, findet Trittin eine ebensolche und insofern ist er auch dieses Mal konsistent mit sich selbst.

Die Widerspruchsfreiheit ist entsprechend der Knackpunkt seiner Darstellung, die erreichen will, dass die Mitglieder des Auditoriums denken, was Trittin sagt, sei wahr. Also jongliert Trittin mit einem versehentlichen Abhören und einem systematischen. Sprachlich mag es gelingen, den Widerspruch aufzulösen. Deutsche sind oft nur allzu willig, eigene Fehlleistungen als Versehen oder Fehler oder ungewollt abzutun, so als würde dies etwas an der Tatsache der Fehlleistung ändern. Hier wirkt offensichtlich der katholische Beichtstuhl in den öffentlichen Diskurs. Aber wie hat man sich ein versehentliches Abhören von Handys vorzustellen?

Ein Gedankenexperiment:

Alles ein Versehen...

Alles ein Versehen…

Jürgen T. ist beim BND dafür zuständig, Telefongespräche von Freunden, die man abhört, weil es “sicherlich gute Gründe” dafür gibt, abzuhören. T. tuned durch die Frequenzen und kommt zufällig bei Clinton und Kerry an, die zufällig gerade ein Telefongespräch auf zufällig gerade der Frequenz führen, die T. zufällig abhört. Wie es der Zufall so will, drückt T. durch Zufall und versehentlich die Maustaste, die den Mitschnitt des zufällig abgehörten Gesprächs zur Folge hat. Eine Aneinanderreihung von Zufällen, die uns Jürgen Trittin aufschwatzen will, dessen Nachnamen zufällig auch mit T.  beginnt.

Ab wie vielen Zufällen wird eine Darstellung für ein deutsches Auditorium systematisch? Wie absurd muss eine politische Darstellung sein, damit ein deutsches Auditorium anfängt, zu buhen? Wie groß kann der Unsinn sein, den deutsche politische Laiendarsteller in Pose gießen, ehe sie vor leeren Rängen gastieren müssen, weil sie niemand mehr ertragen kann, ihnen niemand mehr zuhört?

Wir wissen die Antworten auf diese Fragen nicht. Die Leidensfähigkeit des deutschen Publikums, das nicht nur die Darstellungen politischer Schauspieler regelmäßig über sich ergehen lässt, sondern in Wahlen dieselben Schauspieler für ein weiteres Gastspiel engagiert, scheint keine Grenze zu kennen.

Bleibt abschließend noch auf etwas hinzuweisen: Ein Geheimdienst, wie der BND ist dazu da, Informationen zusammenzutragen, die BND- und vielleicht auch staatsdienlich sind. Entsprechend wird der BND, werden seine Mitarbeiter viele und “sicherlich gute Gründe” finden, um Mitbürger, Bürger befreundeter, weniger befreundeter und spinnefeindlicher Länder auszuspähen. Das ist die Aufgabe des BND, und die innerinstitutionelle Logik des BND wird dazu führen, dass diese Aufgabe so differenziert und aufgefächert wird, wie es notwendig ist, um den eigenen Etat zu rechtfertigen. Wer dennoch glauben will, dass die Mitarbeiter des BND, wahre Freundschaft praktizieren, dem ist nicht mehr zu helfen.

Derzeitige Berliner Aufführungen:

Inszenierung: Fünf Stunden schwierige Gespräche  Marketing-Inszenierung: Viele Neue in Parteien (auch bekannt als: Weniger Austritte als befürchtet)
Szene-Shot:
5minutessilence
Szene-Shot:
neue Gesichter

Wo kommen nur die Führer her?

Lehnen Sie sich zurück. Denken Sie an das Bundeskabinett oder Wahlweise an den Vorstand der SPD Berlin-Mitte. Und jetzt fragen Sie sich: Wie konnte das passieren? Nein, das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Wo kommen Führer her? Oder allgemeiner und mehr soziologisch formuliert: Wieso sind Gesellschaften hierarchisch organisiert?

leadershipDiese Frage, also die letzte der gestellten Fragen, beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Sie ist dem Rätsel vergleichbar, vor dem Ökonomen stehen, wenn sie sich mit Ronald Coase fragen: Warum gibt es Unternehmen? Unternehmen produzieren Transaktionskosten, die man vermeiden könnte, wenn man direkt im Markt agieren würde: Rohstoffe und Halbfertigprodukte kaufen, Gelegenheitsarbeiter kaufen, Anlagen mieten, produzieren und verkaufen. Wozu sich also die Last fest angestellter Arbeiter aufhalsen. Wozu einen bürokratischen Moloch wie ein Unternehmen gründen, das einer extra für Unternehmen ersonnenen Gestzgebung unterzogen werden kann? Wozu sich mit Gewerkschaftsvertretern herumärgern, wenn alles im Markt einfacher erzielt werden kann.

Haben Sie eine Antwort auf diese Fragen?

Nun, Ökonomen haben eine, vor allem solche, die der Neuen Institutionen Ökonomie zuzurechnen sind und die Antwort hat etwas mit Verlässlichkeit und Kontrolle, mit Unsicherheit und Leistung zu tun. Man kann sie am besten in Oliver Williamsons Buch: “The Economic Institutions of Capitalism” nachlesen.

Und das werden Interessierte auch müssen, denn wir widmen uns hier der Frage, wie das, was heute als Führer angesehen wird, geschehen konnte. Diese Frage, in etwas anderer Diktion haben sich Simon Powers und Laurent Lehmann gestellt. Sie haben sie beantwortet, und die “Proceedings of the Royal Society B” haben die Antwort gedruckt, und die Antwort lautet:

Gesellschaften werden sich dann hierarchisch organisieren, wenn die Führer in der Lage sind, überschüssige Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die wiederum ein Bevölkerungswachstum zur Folge haben, und mit einer wachsenden Bevölkerung ist es für die nunmehr Untertanen immer weniger möglich, Alternativen zum Führer bereit zu stellen.

Kurz: Menschen organisieren ihre Gesellschaft dann hierarchisch, wenn sie etwas davon haben, wenn die hierarchische Organisation mehr Ressourcen zu erwirtschaften in der Lage ist als die akephale.

The trackerDas ist nicht unbedingt eine umwerfende Erkenntnis. Aber eine umwerfende Erkenntnis ist vielleicht auch nicht zu erwarten, wenn man ein Computermodell zur Simulation gesellschaftlichen Wandels mit Annahmen füttert, die z.B. lauten: Menschen streben danach, in einer produktiveren Gesellschaft zu leben oder: Menschen streben nach einer Verbesserung ihres Lebens, oder Kinder erben die Werte ihrer Eltern. Dies alles sind mehr oder minder Trivialitäten, denn niemand wird dann, wenn er die Wahl zwischen wenig und viel Gutem hat, das wenige Gute wählen, jedenfalls nicht in einer Modellwelt, die von rationalen Akteuren bevölkert ist und Wahnsinn nicht zulässt.

Die Annahmen werden von trivial zu haarig, wenn man sie mit dem unterfüttert, was wir bislang nicht erwähnt haben, nämlich dem, was vor der hierarchischen Organisation stand: die akephale Gesellschaft. Die akephale Gesellschaft findet sich bei einer Reihe von Romantikern als Idyll. Das Idyll singt zur Schalmei das Lied der kleinen Menschengruppen, die vor dem Neolithikum über die Erde zogen, nein, sprangen, vor Freude und in Gleichheit geeint, Männleins, Weibleins und Kindleins und alle waren sie gleich. Es gab keine Hierarchie, niemand hat gesagt, wo es lang geht, alle haben in gleicher Weise in den Tag hinein gelebt und sich gefreut.

Von diesem Idyll gehen Powers und Lehmann aus. Und wenn man nun dieses Idyll verlassen soll, um als Mensch in das Neolithikum mit seiner Sesshaftigkeit und seinem Ackerbau überzuwechseln, dann stellt sich die Frage, warum man das sollte. Und weil Powers und Lehmann das Neolithikum mit hierarchischer Gesellschaftsorganisation verbinden, während vor dem Neolithikum die Kleingruppe der Gleichen durch die Lande zog, stellt sich zudem die Frage: Warum sollten die Gleichen ihre Freiheit aufgeben und sich einem Gleicheren unterordnen?

Weil sie etwas davon haben, lautet die Antwort, die Powers und Lehmann geben, mehr Ressourcen, ein besseres Leben und mehr Status oder Einkommen, eine Antwort, die man teilen kann, wenn man die Annahme teilt, dass vor dem Neolithikum kleine Gruppen von Gleichen durch die Welt gezogen sind, eine Annahme, die man allerdings nur teilen kann, wenn man die Zeit vor dem Neolothikum in eine sozialistische Paradiesvorstellung kleidet, in der Menschen ganz anders funktionierten, als sie das tatsächlich tun: Sie machten keinen Unterschied nach körperlicher Leistungsfähigkeit. Sie machten keinen Unterschied nach Erfahrung. Sie machten keinen Unterschied nach Geschicklichkeit. Sie machten keinen Unterschied nach Fertigkeit – eben keinen Unterschied, ganz so, als könne sich eine Menschengruppe das leisten.

Es ist völlig irrational anzunehmen, dass dieser sozialistische Paradieszustand irgendwann in der Menschheitsgeschichte bestanden haben soll. So wie es ein Unsinn ist, zu denken, akephale Gesellschaften seien, nur weil es in ihnen keinen klar definierten Führer gibt, nicht hierarchisch organisiert. Im Gegenteil: akephale Gesellschaften werden von einem Netz der Statusunterschiede durchzogen. Nur weil dieses Netz nicht in die Kategorien dessen passt, was man sich aus westlicher Perspektive unter Herrschaft vorstellt, heißt das nicht, dass es nicht eine Form der Herrschaft ist.

neolithic istoneAber, die Annahme der akephalen führerlosen und gleichen Gesellschaft ist für die Forschung von Powers und Lehmann wichtig, wollen sie doch zeigen, dass hierarchische Gesellschaften von einst freien Gleichen errichtet werden können und ihnen nicht aufgezwungen werden müssen. Und damit bekämpfen Powers und Lehmann einen Feind, des es gar nicht gibt: Wer hat behauptet, Führer hätten sich einst ihren Mitmenschen aufgezwungen? Die meisten Vertragstheorien, die sich mit der Entstehung hierarchischer Gesellschaften beschäftigen, gehen davon aus, dass eine Hierarchie auf Beschluss der Gesellschaftsmitglieder zu Stande kam, ohne dabei vom Idylll auszugehen, wie dies Powers und Lehmann tun (z.B. Locke oder Rousseau oder Hobbes).

Also fragt man sich am Ende, warum zwei Forscher einmal mehr am Mythos der schönen Frühzeit der Menschheitsgeschichte basteln, der Zeit, in der die Menschen noch gleich waren. Und man fragt sich, warum sie den Aufbau einer Gesellschaft mit Herrschaft verwechseln oder beides vermengen? Und bei der Suche nach einer Antwort kommt man nicht umhin, die romantischen Schwärmereien eines Friedrich Engels einzubeziehen, wie sie Dr. habil. Heike Diefenbach z.B. im Bezug zum angeblichen Patriarchat beschrieben hat. Das frühe Idyll ist ebenso wie die freie Wahl und die Vermegung von Herrschaft und Gesellschaftsorganisation wichtig, um einen modernen Mythos zu stützen, den Mythos nämlich, dass Führer in modernen Gesellschaften ausschließlich im Interesse ihrer Untertanen handeln, die man heute Bürger nennt und dass diese Führer nur deshalb in ihre Position gelangt sind, weil die Bürger-Untertanen davon einen Vorteil haben – weiter entfernt von der Wirklichkeit kann man kaum sein.

Powers, Simon T. & Lehmann, Laurent (2014). An Evolutionary Model Explaining the Neolithic Transition from Egalitarianism to Leadership and Despotism. Proceedings of the Royal Society B; online first.

Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund

Die individuelle Freiheit ist das höchste Gut, das es für Liberale gibt. Mit der Freiheit verbindet sich jedoch auch Verantwortung, das scheinen manche zu vergessen.

Ein kleines Gedankenexperiment:

Dorain GrayStellen Sie sich vor, sie haben sich in ihr Spiegelbild verliebt. Die Leidenschaft ist so groß, Sie können ohne Ihr Spiegelbild nicht mehr sein. Es begleitet Sie Tag und Nacht, in Bus und Bahn, in Gaststätten, Kino oder Theater, immer sitzt Ihr Spiegelbild neben Ihnen. So innig ist die Beziehung zu Ihrem Spiegelbild, dass Sie für Ihr Recht streiten, eine eingetragene Lebenspartnerschaft zu erreichen. In der Öffentlichkeit fühlen Sie sich durch befremdete Blicke und seltsame Fragen nach Ihrem Spiegelbild diskriminiert. Deshalb streiten Sie für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung von Spiegelbild-Partnerschaften. Um auch noch im Hinblick auf den letzten bürgerlichen Wert gleichgestellt zu sein, bestellen Sie entweder eine Leihmutter oder von einer Samenbank Fortpflanzungsmaterial und gründen eine Spiegelbild-Familie.

Kommt Ihnen an dieser Geschichte etwas seltsam vor? Außer dem Spiegelbild? Z.B. die Tatsache, dass die Abweichung, die die Verliebtheit in das eigene Spiegelbild, jedenfalls die Intensität dieser Verliebtheit, darstellt, vom Abweichenden mit dem Anspruch in die Gesellschaft getragen wird, doch als normal akzeptiert zu werden?

Ist das nicht seltsam, dass jemand gezielt abweicht, um dann im nächsten Moment zu fordern, als nicht-abweichend in die Gesellschaft all derer, von denen er gezielt abweicht, aufgenommen zu werden? Interessanter noch ist das Fehlen jeglicher Begründung, das Fehlen jeglicher positiven Begründung, die denen, von denen abgewichen wird, zeigt, was sie davon haben, den, der abweicht, nicht als abweichend anzusehen, obwohl er abweicht. Man kann dies auch anders formulieren und sich fragen, warum jemand zuerst gezielt abweicht und dann alles tut, um dem bürgerlichen Idealtypus zu entsprechen. Was ist der Witz an der Abweichung? Ist das Ganze nur ein narzistisches Spiel, in dem die eigene Persönlichkeit durch Abweichung konstruiert wird und gleichzeitig, ob dieser Abweichung so fragil , dass die Angst über die eigene Abweichung den Abweichenden zurück in die Arme der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Konventionen treibt?

Abweichungen sind eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren. In den 1970er Jahren, da waren Abweichungen noch ernst gemeint. Da war man Baghwan-Jünger oder nicht, und nicht Baghwan-Jünger, von, sagen wir 16 bis 21 Uhr und ansonsten Sachbearbeiter für die Buchstaben AA bis AF im Finanzamt Eckernförde. Man war etwas aus Überzeugung und nicht, um etwas auszuprobieren. Man wich von der Mehrheitsgesellschaft aus Überzeugung ab und hat die Verantwortung für diese Überzeugung übernommen, mit allen Konsequenten, die sich daraus ergeben haben, z.B. dem Verzicht auf Transferleistungen des Staates, dem Verzicht darauf, sich vom Staat für seinen Lebensentwurf belohnen, ja kaufen zu lassen.

Die heutigen Abweicher wollen zwar abweichen, aber nicht zu viel abweichen, nur soviel, dass es ausreicht, um eine soziale Identität zu bauen und dennoch in der Mehrheitsgesellschaft zu verbleiben. Eine wicklich seltsame Ambiguität, die bei den davon Betroffenen nicht einmal zu kognitiven Dissonanzen führt, denn: Sie finden es normal, abzuweichen und doch nicht abzuweichen oder: sich bewusst gegen etwas zu entscheiden, aber die Folgen davon nicht tragen zu wollen. Vielmehr erwarten sie, dass andere, die Gesellschaft, die Folgen schultern und finanzieren.

Treiben wir das Gedankenexperiment noch etwas weiter und fragen, welche Menge, in ihr Spiegelbild Verliebter bzw. in Lebenspartnerschaft mit ihrem Spiegelbild Lebender notwendig ist, um eine steuerliche Gleichstellung der Spiegelbild-Lebenspartnerschaft zu begründen, um Studien zu initiieren, die die Antwort auf Fragen suchen wie: Werden Spiegelbild-Lebenspartnerschaften diskriminiert? Wenn ja, wie und von wem und warum? Wieviele Spiegelbild-Verliebte sind notwendig, um politische Parteien wie Hühner im Hühnerhaus umeinander laufen zu lassen und im vollen Ernst der artifiziellen Aufregung nach den Lebensbedingungen der Spiegelbild-Verliebten zu fragen?

Anfrage GrueneNun, die letzte Frage können wir für die Spiegelbild-Verliebten nicht beantworten, aber für so genannte Regenbogen-Familien können wir sie beantworten: Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag von, richtig: Bündnis90/Grüne hervorgeht, leben derzeit 68.268 Menschen in Deutschland in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft, also rund 3000 weniger als jedes Jahr an einer ischämischen Herzkrankheit (Arteriosklerose) sterben. 40.601 der Lebenspartnerschaften bestehen aus zwei Männern, 27.667 setzen sich aus zwei Frauen zusammen. In diesen Lebenspartnerschaften leben 3.794 Kinder, was, verglichen mit der Zahl der Kinder, die 2012 vom Jugendamt in Obhut genommen wurden, einem Anteil von 9,4% entspricht.

68.268 Menschen in Lebenspartnerschaften, Menchen, die eigentlich von der Normalität abweichen wollen, aber nicht so weit, als dass sie tatsächlich die volle Verantwortung für ein alternatives Leben übernehmen würden, und 3.794 Kinder, die deutschlandweit in sogenannten Regenbogenfamilien aufwachsen, geben den Anlass dazu ab, nicht nur schulische Curricula umzukrempeln, sondern auch Kampagnen gegen die Diskrimierung dieser seltenen Population, von deren Angehörigen, der Mehrheit der Bevölkerung in der Regel niemand bekannt sein wird, zu finanzieren und zu starten.

Man hat massiv den Eindruck, dass hier der Schwanz mit dem Hund wedelt, vor allem, wenn zudem Fragen der Abstammung gelöst werden müssen, denn es ist natürlich wichtig zu wissen, ob in lesbischen Beziehungen beide Frauen rechtlich als Mutter gelten können, und wie man das Problem der Abstammung umschifft, also das Problem, das sich daraus ergibt, dass auch lesbische Frauen keine Selbstbefruchter sind. Ob demnächst in der Männerbewegung (sofern es sie gibt) jemand auf die Idee kommt, ein Recht auf den eigenen Samen zu fordern?

Fast wichtiger als die Frage, wer denn nun Mutter ist, sein soll, sein muss, sein darf, ist die Frage der Abstammung, denn Abstammung ist in Deutschland kein soziales, sondern ein rechtliches Problem. Da ist sie wieder, die Frage der Verantwortung. Also: Kann man ein Kind, das künstlich von gespendetem Samen geschaffen wurde, bei Nichtgefallen, z.B. weil es nicht gesund ist oder die falsche Augenfarbe besitzt, zurückgeben und vom Samenspender Regress verlangen, ob der mangelhaften Ware, die geliefert wurde?

Oder wie ist das in schwulen Partnerschaften, die sich einer Leihmutter bedienen. Sind mit der Bezahlung der Leihmutter alle Ansprüche beseitigt, die aus biologischer Verbindung erwachsen? Oder haben Leihmütter auch einen rechtlichen Anteil an ihren Auftragskindern? Und wie ist es mit der Haftung für Nachwuchs, der nicht der Norm entspricht, der sich z.B. mit 14 Jahren als delinquent, faul, oder, schlimmer fast: heterosexuell entpuppt: Wer haftet dafür?

Fragen über Fragen und wer Lust hat, sich mit derart interessanten Fragestellungen, die sein tägliches Leben betreffen, zu beschäftigen, der sei auf die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Grünen (und ihres Bündnisses) verwiesen.

Und wer sich fragt, wie es soweit kommen konnte, dass der Hund mit dem Schwanz wedelt, der sei wiederum auf die Verantwortung verwiesen, die ausgerechnet diejenigen, die sich entschlossen haben, von der Norm abzuweichen, nicht für ihren Entschluss übernehmen wollen.

Und nein, wir sind nicht homophob, wir gehören nur zu einer abweichenden Mehrheit, die  weder politisch korrekt noch in logischem Widerspruch oder Widerspruch mit der Realität leben will.

 

 

Die Zerstörung der Soziologie als Wissenschaft oder: Warum machen Soziologen nicht den Mund auf?

Seit der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Solidaritätsadresse für Soziologen wie Gerhard Amendt, die Hasskampagnen ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, gibt es in einigen Blogs eine Diskussion darüber, ob Soziologie überhaupt eine Wissenschaft darstellt oder nicht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Diskussion, die im Blog von Hadmut Danisch geführt wird.

Eine Anzahl von Kommentatoren, fühlt sich dazu berufen, der Soziologie als Ganzem den Wissenschaftsstatus abzusprechen. Andere kritisieren, dass sofern es Soziologen gibt, die noch Wissenschaftler sind, sich diese nicht zu Wort melden. Generell wird dabei Soziologie irrtümlicher Weise mit Geschlechterforschung und Geschlechterforschung mit Genderismus gleichgesetzt, d.h. in der Außenwahrnehmung vieler gibt es keine Soziologie ohne Genderismus mehr.

Dabei nimmt die nicht pöbelnde Kritik z.B. die folgende Form an:

Danisch“Ein zentraler Fehler der Soziologie ist dabei, dass sie gar nicht das Ziel hat, wissenschaftlich und beschreibend zu sein, sondern dass sie politisch ist, politische Ziele verfolgt, und sich nur darum dreht, wie sie die Gesellschaft gerne sehen und haben möchte. Keine andere Fakultät (außer noch den Juristen) ist so eng mit der Politik verflochten, ist so weit von Wissenschaft entfernt.”

oder:

“Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Wissenschaft hat, merkt bei Lesen soziologischer Schriften sofort, dass das mit Wissenschaft nichts zu tun hat, dass es nur ein „so tun als ob”, eben das Nachäffen des Gehabes ist. Zentrales Kernmerkmal dafür ist, dass Soziologie nicht auf Wissen, sondern auf Autoritäten beruht. Nie wird etwas inhaltlich-wissenschaftlich begründet.”

oder:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Beginnt man der Reihe nach, so muss zunächst ein Fehler beseitigt werden: Soziologen, wie alle Sozialwissenschaftler,  wollen nicht nur beschreiben, sie wollen auch erklären. Emile Durkheim, der Begründer der Soziologie, hat versucht, Selbstmord in seinen Formen zu erklären, er hat Methoden zur Erklärungen sozialer Tatbestände entwickelt. Insofern ist z.B. der Anspruch der Soziologie ein weitergehender als er hier gemutmaßt wird: Die berühmte Definition des Gegenstands von Soziologie, die Max Weber gegeben hat, lautet entsprechend: “Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988: 542).

Weber WissenschaftslehreDamit ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Zweck darin besteht, soziale Fakten zu verstehen und zu erklären, z.B. zu erklären, wie es dazu kam, dass der Genderismus an deutschen Universitäten Fuss fassen konnte. Um dies erklären zu können, muss man zunächst den Genderismus als die Ideologie, das religiöse Gebäude, das auf der unbelegten Behauptung, Frauen seien benachteiligt, basiert, verstehen, den Genderismus als die religiöse Heilslehre sehen, das politische Programm, die/das er ist. Entsprechend stellt sich nunmehr die Frage: Wie konnte es sein, dass sich eine religiöse Heilslehre wie der Genderismus an Universitäten und u.a. in den Instituten der Soziologie ausbreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage wäre entsprechend die von Weber eingeforderte Erklärung sozialer Phänomene.

Um soziale Tatsachen zu verstehen und zu erklären, gibt es einen methodischen Kanon, den wir in unserem Grundsatzprogramm zusammengestellt haben. Er sieht es vor, von allgemeinen Aussagen (Theorien) über soziale Fakten auszugehen und Hypothesen über konkrete soziale Gegenstände zu bilden, die prüfbar sein müssen und damit die Gefahr in sich tragen, an der Realität zu scheitern. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Soziologie im Besondern und Sozialwissenschaften im Allgemeinen hat Karl-Dieter Opp in seinem Buch “Methodologie der Sozialwissenschaften” ausführlich dargestellt, so dass jeder, der von sich behauptet, Sozialwissenschaftler oder Soziologe zu sein, nicht gleichzeitig Unkenntnis über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Soziologie heucheln kann. Wenn er Unkenntnis kund tut, dann verfolgt er offensichtlich andere als sozialwissenschaftliche oder soziologische Zwecke.

Die zur empirischen Prüfung notwendigen Methoden in qualitativer wie quantitativer Form finden sich in unzähligen Bänden, die dem Thema der Methoden der empirischen Sozialforschung gewidmet sind. Sie finden sich in qualitativer und in quantitativer Form, sie finden sich als Technik zur Fragebogenkonstruktion, als Methoden zur Datenerfassung, als Methoden zur Vermeidung eines Befragungs-Bias, als Darstellung suggestiver Befragungstechniken, die mit einem ethischen Bann belegt sind, schließlich finden sich Legionen von Darstellungen einzelner statistischer Methoden, von univariaten Auszählungen über die Darstellung bivariater Zusammenhänge bis zu multivariaten Verfahren.

RityerDie Soziologie als Fach, ist somit eines der wenigen Fächer der Sozialwissenschaften, die über einen theoretischen Korpus verfügen, den Forscher wie Jeffrey Alexander, Herbert Blumer, Gary Becker, Peter Blau, James Coleman, Randall Collins, Ralf Dahrendorf, Emile Durkheim, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Michael Hechter, George C. Homans, Talcott Parsons, Karl-Dieter Opp, Heinrich Popitz,  und viele mehr gelegt haben. Zudem verfügt die Soziologie über eine wissenschaftstheoretische Basis, die von Hans Albert, Karl Raimund Popper, Imre Lakatos oder Thomas Kuhn gelegt wurde und deren Tenor darin besteht, dass wissenschaftliche Aussage nachvollziehbar und vor allem nachprüfbar sein müssen. Aussagen, die nicht an der Realität scheitern können, sind entsprechend keine wissenschaftlichen Aussagen. Schließlich verfügt die Soziologie über eine Vielzahl von Methoden zur empirischen Prüfung, von der Datenerhebung bis zur Datenanalyse.

Kurz und mit Thomas Kuhn gesprochen: Die Soziologie ist eine der wenigen Sozialwissenschaften, die den Sprung aus dem, was Kuhn die vorwissenschaftliche Phase nennt, in die Phase der Normalwissenschaft vollzogen haben.

Und dann kam der Genderismus.

Dann kam die Unterminierung der Soziologie durch eine Religion, die keinerlei theoretische Grundlage hat, statt dessen auf der Verkündung, Frauen seien benachteiligt, aufbaut, wie jede Religion auf einem mystischen Schöpfungsakt aufbaut. Der Genderismus hat keinerlei wissenschaftstheoretische Basis, die den rudimentärsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, im Gegenteil: Nicht Nachvollziehbarkeit oder Nachprüfbarkeit ist das Credo des Genderismus, sondern politische Einflussnahme, so nachzulesen in dem, was prätentiös als feministische Wissenschaftstheorie benannt wird, ein Sammelsurium aus Versuchen, Werturteile, natürlich nur feministisch basierte Werturteile, zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen. Werturteile im wissenschaftilchen Erkenntnisprozess waren schon für Max Weber (1988: 609) das Ende von Wissenschaft, und sie sind es bis heute geblieben.

Aber: Genderismus ist ja auch keine Wissenschaft, sondern eine Religion, die die eigenen Werturteile als richtige Werturteile verbreiten will. Da die Zielsetzung von Genderismus darin besteht, die eigenen Werturteile als richtig in der Gesellschaft zu etablieren, gibt es auch keine wissenschaftlichen Methoden und Techniken der Datenerhebung. Die Intuition, die auf der Basis des Gefühls, Recht zu haben, fusst, ersetzt das nachprüfbare und methodengeleitete Vorgehen, das Wissenschaft auszeichnet. Kurz: Genderismus ist eine Heilslehre, eine Religion, die mit Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialwissenschaft im Besonderen nichts zu tun hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Genderismus dennoch an Universitäten und hier besonders im Bereich der Soziologie einnisten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Es gibt bislang keine Forschung, die untersuchen und darstellen würde, wie es gelungen ist, eine Religion an Universitäten zu etablieren. Entsprechend muss man, ganz in soziologischer Tradition, Hypothesen bilden, Hypothesen, die von einem Rational-Choice-Ansatz ausgehen, der wiederum, um mit Max Weber zu sprechen, annimmt, dass Akteure zielgerichtet und zweckrational handeln.

Homo sociologicusDa Genderismus eine Religion ist, die nicht nur die Konsequenz hat, Wissenschaft zu zerstören, sondern auch die Konsequenz, eine Wissenschaft wie die Soziologie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ein Unterfangen, das wie die Zitate oben zeigen, schon recht erfolgreich gewesen ist, liegt es nahe anzunehmen, dass eben diese Diskreditierung der Soziologie das Ziel ist, das mit der Unterwanderung der Soziologie durch den Genderismus erreicht werden soll.

Die Frage nach dem Warum, ist leicht zu beantworten: Vor dem Einfall des Genderismus war Soziologie ein Fachbereich, in dem eine Mehrheit klare methodische Standards und wissenschaftstheoretische Grundlagen geteilt hat. Soziologie war eine kritische Wissenschaft (das hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, eher im Gegenteil: Soziologie war trotz Habermas kritisch). eine Wissenschaft, die Ergebnisse auf geprüfter empirischer Basis erzielt hat, Ergebnisse, die im Gegensatz zu den Machtverhältnissen in der deutschen Gesellschaft und den Ideologien von Politikern standen.

So betrachtet, wäre die Zersetzung der Soziologie, ihre Zerstörung durch staatstreue Genderisten ein gezieltes Vorhaben, eine Hypothese, die nun der Prüfung harrt (Diese Hypothese ist prüfbar und das ist, was sie von einer Verschwörungstheorie unterscheidet).

Und warum haben die alten Soziologen, diejenigen, die dem wissenschaftlichen Korpus der Soziologie verpflichtet sind, dabei zugesehen, wie ihre Wissenschaft zerstört und durch feministischen Kauderwelsch ersetzt wurde, einen Kauderwelsch der die Soziologie, wie die Zitate oben zeigen, in der Außenwahrnehmung so sehr beherrscht, dass Soziologie mittlerweile mit Genderismus gleichgesetzt wird?

Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beanwtorten. Vermutlich ist hier ein Prozess am Werk, wie ihn Soziologen beschreiben, die sich mit emergenten Effekten beschäftigen. Jeder Soziologie-Professor ist seine eigene Insel. Die Kosten für eine Organisation von Soziologie-Professoren, die Kosten für die Organisation von Widerstand sind zu hoch, als dass sie überwunden werden könnten. Also sehen sich die Einzelkämpfer-Professoren einem organisierten Auftrieb gegenüber, der als angeblicher politischer Wille, Genderismus in die Wissenschaft implementiert, und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.

Dass Fächer per politischem Willen in Universitäten implementiert wurden und nicht aufgrund einer entsprechenden Entscheidung der scientific community ist recht selten: Neben dem Genderismus, gibt es wenige Beispiele, am bekanntesten ist der Marxismus-Leninismus, den die religiösen Herrscher des erfolgreichsten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der immerhin 40 Jahre den Mangel verwaltete, ehe ihm die Banane den Garaus machte, etabliert haben, und das ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Religionen.

Damit sind wir zurück beim einem der drei Zitaten von oben:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Das schreibt Hadmut Danisch und damit will er im Umkehrschluss belegen, dass es keine seriösen Wissenschaftler in der Soziologie gibt. Das ganze Argument krankt zwar daran, dass es auf einer Tautologie aufbaut, aber das Anliegen, das dieses Argument hervorgebracht hat, ist legitim, beschreibbar als Frage: Warum machen Soziologen, also die wenigen Wissenschaftler, die es in der institutionalisierten Soziologie noch gibt, nicht den Mund auf (freien Wissenschaftler, wie der Soziologin Dr. habil. Heike Diefenbach kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie würde nicht den Mund aufmachen)?

FestingerWir haben, ehrlich gesagt, keine Antwort auf diese Frage. Eine Hypothese, die wir anbieten können, basiert auf der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die bekanntlich vier mögliche Strategien der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen sieht, kognitiver Dissonanzen, wie sie sich unwillkürlich einstellen, wenn ein Soziologe, der Wissenschaft betreiben will, mit Vertreter der Genderreligion konfrontiert ist:

(1) Der Soziologieprofessor kann sich einreden, die Gefahr, die von der Gender Sekte in seinem Fachbereich und für seine Wissenschaft ausgeht, sei nur gering, sei vernachlässigbar, die Soziologie als solche vom Genderglauben nicht tangiert.

(2) Er kann sein Verhalten ändern und seinen Beruf als Soziologe an den Nagel hängen.

(3) Er kann sein eigenes Verhalten neu einschätzen und sich sagen, dass er die Methodik und Wissenschaftlichkeit von Soziologie vielleicht zu eng sieht.

(4) Er kann seine Sicht auf Genderismus ändern und sich einreden, dass Genderismus gar keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist.

Wir sehen Alternative (1) als die wahrscheinlichste Alternative an. Egal, welche der Alternativen das profunde Schweigen von Soziologen erklärt, mit dem sie der Zerstörung ihrer Wissenschaft zusehen, es bleibt die kognitive Dissonanz. Egal, welche Alternative einzelne Wissenschaftler für sich wählen, die Dissonanz geht davon nicht weg. Sie mag zeitweise in den Hintergrund treten, sie mag abgemildert werden, doch sie kehrt wieder, regelmäßig, und zwar so lange, so lange es noch Wissenschaftler unter den Soziologen gibt, wobei die Außenwahrnehmung der Soziologie, wie der Sozialwissenschaften insgesamt, den Eindruck vermittelt, als wäre es den Genderisten längst gelungen, beide, Soziologie wie Sozialwissenschaften, in der Meinung der Bürger gründlich zu diskreditieren.

Endlich: Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist mit Gerhard Amendt solidarisch

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist solidarisch. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gerade in einer Erklärung des Vorstands verlautbart. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat also entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie solidarisch ist, und zwar mit Soziologen, was schon einmal sehr erfreulich ist, denn in der Vergangenheit hat sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihr Vorstand nicht unbedingt dadurch ausgezeichnet, solidarisch mit Soziologen zu sein.

Amendt1Solidarisch ist der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Soziologen spricht, mit Soziologen, die sich mit Themen der “Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen” und die sich “immer öfter mit sogenannten Hasskampagnen konfrontiert sehen”. Derzeit, so heißt es weiter, “werden einzelne Kollegen und Kolleginnen in sozialen Medien wie Facebook, in Blogs und mit E-Mails persönlich attackiert, verunglimpft und z.T. sogar bedroht”.

Was der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hier seine Empörung und Solidarität zum Ausdruck bringen will, leider verschweigt, sind die Namen der Angegriffenen, was schade ist, denn die Solidarisierung hätte mehr Nutzen gebracht, wenn sie offen und nicht hinter einem Mantel aus Angst und Misstrauen erfolgt wäre. Also ist es wieder an uns, über Ross und Reiter zu spekulieren.

Aber lange spekulieren muss man nicht, denn: kein anderer Soziologe wird seit Jahren derart angefeindet, wie Gerhard Amendt. Die Solidarität des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann daher eigentlich gar keinem anderen als Gerhard Amendt gelten. Fast dass man sagen könnte, es wird langsam Zeit, denn kaum ein Soziologe hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit giftigeren Hasstiraden, Verunglimpfungen oder Versuchen, ihn zu diskreditieren, konfrontiert gesehen, wie Gerhard Amendt, der von Feministen mit wüsten sexistischen Beschimpfungen und Hasskommentaren überzogen worden ist.

An der Technischen Universität Berlin hat man Gerhard Amendt zur unerwünschten Person erklärt, weil er es wagt, den Feminismus zu kritisieren. Gerhard Amendt ist Ziel einer Diffamierungskampagne, die ihn regelmäßig zum Hassobjekt in so genannten Studien macht, die von politischen Vereinen wie der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert werden und deren Inhalte regelmäßig und postwendend, von überraschend schnell informierten Mitarbeitern bei Wikipedia in die entsprechenden Hassbeiträge eingepflegt werden. Die Hasskampagne gegen Gerhard Amendt geht soweit, dass man ihn mit Anders Breivik und Akif Pirincci vermengt, um ihn zu diskreditieren. Die Liste derer, die sich Gerhard Amendt zur Zielscheibe auserkohren haben, ist zu lang für diesen post, weshalb wir es hier bei aus Steuergeldern bezahlte Reputations-Killer wie dem Bundesforum für Männer und die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich z.B. mit diffamierenden Behauptungen wie der folgenden hervortut, belassen wollen:

“Zumindest ein Teil der Beiträge treibt im Fahrwasser der Männerrechtler, die von der „Machtergreifung der Frau“ und einem „neuen Tugendstaat“ fabulieren. Autoren wie Arne Hoffmann, der in seinem Blog Genderama gegen alles Feministische hetzt, oder auch Gerhard Amendt, der Opfererfahrung von Frauen als „fantasiertes Leid“ denunziert und eine (weibliche!) „Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit“ ausmacht – was die kirchliche Männerstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner gerade empirisch widerlegt hat – sind alles andere als geschlechterdialogisch orientiert” (17).

Es freut uns, dass der Vorstand der DGS sich dazu entschlossen hat, nach Jahren der Tatenlosigkeit, Gerhard Amendt solidarisch zur Seite zu stehen, und wir können uns der Feststellung des Vorstandes der DGS, wonach “einzelne Wissenschaftler … in einer Weise attackiert werden, die völlig unsachgemäß ist und in ihrem mehr als fragwürdigen Stil letztlich auf die Urheber selbst zurückfällt”nur anschließen.

Wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand der DGS den Mut hat, Gerhard Amendt beim Namen zu nennen, aber wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass sich der nämliche Vorstand damit zur Zielscheibe feministischer Hasstiraden gemacht hätte, am Ende in die nächste aus Steuergeldern finanzierte Studie über “den Maskulismus” oder “den Antifeminismus” aus, turnusmäßig dieses Mal wieder der Heinrich Böll Stiftung aufgenommen worden wäre und vielleicht sogar seine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verloren hätte.

Dies muss man gewichten, wenn man den Schlusssatz der Solidaritätsadresse liest, der darauf verweist, dass “eine zivilisierte öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen” nicht möglich ist, wenn man die Debatte nicht zivilisiert führt. Man sieht, auch Solidarität ist in sich tautologisch und vielleicht sogar selbstreferentiell, denn, und damit kommen wir zu einer eigenen Sache, manche im Vorstand der DGS haben sich  selbst schon dadurch hervorgetan, dass sie “Hetze” in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit die zivilisierte Auseinandersetzung über gesellschaftliche relevante Themen wie die Frage, ob man Studenten die Möglichkeit geben sollte, ihren Studienort, an dem sie Soziologie studieren wollen, auf Grundlage einer bundesweiten Bewertung der enstprechenden Institute zu wählen, unmöglich gemacht hat.

Man kann sich daher fragen, ob wir es bei der Solidaritätsadresse des Vorstands der DGS in Teilen mit einer Form “Selbstkritik” zu tun haben, auf einer Transformation vom Saulus zum Paulus und ob der Aufruf, eine zivilisierte öffentliche Debatte zu führen, sich auch auf Wissenschaftler erstreckt, die sich in der Vergangenheit dadurch hervorgetan haben, dass sie die Arbeiten anderer für ihre eigenen Zwecke entstellt und missbraucht haben.

Solidarität-der-UneinsichtigenBislang hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ja beide Augen gegenüber Mitgliedern zugedrückt, die die Grundlage wissenschaftlicher Lauterkeit, nämlich das Zitieren(überhaupt) und das korrekte Zitieren nicht beherrschen oder nicht beherrschen wollen, so dass man hier eine Offensive nicht nur zur zivilisierten Debatte, sondern auch zur Rettung wissenschaftlicher Standards unter Soziologen sehen kann, vielleicht sogar ein sich entwickelndes Unwohlsein gegenüber öffentlichen Institutionen, die sich in der Vergangenheit allzu oft auf Soziologen verlassen konnten, wenn es darum ging, die eigene ideologische Suppe nicht nur anzurühren, sondern auch unter Studenten zu verteilen. Sehen wir also so etwas wie den Advent eines selbstreflexiven Kantschen Instrumentalisierungsverbots, das lautet: Du sollst Dich als Soziologe nicht vor den Karren ideologischer Indoktrinierer, wie Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Attac oder BMBF spannen lassen?

Was abschließend die Frage aufwirft, was diese Veränderung im Denken des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bewirkt hat. Hier können wir nur spekulieren und auf Beispiele verweisen, in der die Veränderung in einem Bereich mit personellen Veränderungen oder mit Veränderungen in den Umständen bestimmter Personen einhergehen, wie sie z.B. ein Umzug von einer roten an eine weiß-blaue Universität darstellt oder in den Worten von Stephan Lessenich, dem derzeitigen Vorsitzenden der DGS:

Mein Jenaer Jahrzehnt war wunderbar und ich danke allen, die dies ermöglicht und dazu beigetragen haben; die kommenden Jahre werden hoffentlich ähnlich schön – die Zeichen dafür stehen eindeutig gut. (Und um allfälligen Nachfragen vorzubeugen, darf ich hier einmal zustimmend zitieren: „Das will ich nur mal klarstelln, damit man mich richtig versteht: ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehn.“ Der Alarm ist also doch eher, wie einst bei Falco, rot.)

Wie heißt es doch: Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören und sich verändern, zum zivilisierten Debattierer, zum nicht-Hetzer, ja vielleicht sogar zum Wissenschaftler.

Nachtrag:

Arne Hoffmann weist darauf hin, “dass Professor Amendt, vermutlich als Folge der Hetze gegen ihn, auf Anraten der Kriminalpolizeit auf mehreren Veranstaltungen nur noch mit Leibwächtern erscheinen konnte”. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben.