Totaler Durchgriff: Frühsexualisierung als Grenze der Privatheit und Homophobie

Wissenschaftliche Vorrede:

Die Degeneration der institutionellen Soziologie

[diejenigen, die gleich wissen wollen, ob Sie homophob sind, können die Vorrede überspringen]

“Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will”

Esser_SoziologieMax Weber hat dies geschrieben. Man kann die Definition den heutigen Soziologen nicht oft genug vorbeten: Soziologie dreht sich darum, soziales Handeln, also das sinnhafte Handeln, das sich auf andere richtet, zum einen zu verstehen und zum anderen zu erklären. Es geht nicht darum, soziales Handeln zu bewerten oder sich zum Vorreiter dessen zu machen, was man als vermeintliche Emanzipation ansieht. Und schon gar nicht geht es darum, Heilsbotschaften zu verkünden.

Emile Durkheim, der vor Weber mit der Soziologie befasst war, hat den Gegenstand der soziologischen Erklärung als sozialen Tatbestand, als gesellschaftliche Manifestation sozialen Handelns gefasst.

James Coleman hat die Sozialtheorie dazu geliefert: Menschen handeln rational, auf ein Handlungsziel gerichtet, sie handeln miteinander und innerhalb eines Möglichkeitsraums. Die Interaktionen zwischen Menschen haben Folgen, beabsichtigte und unbeabsichtigte, und alle Folgen zusammen haben gesellschaftliche Konsequenzen.

Will man z.B. erklären, warum viele angebliche Inhaber soziologischer Lehrstühle so erbärmlich wenig von dem wissen, was Soziologie sein soll, dann stellt sich die Frage, wie man die gesellschaftliche Konsequenz, die daraus folgt, die Degeneration der Soziologie über das Handeln und den Handlungsspielraum von Akteuren erklären kann.

Entsprechend beginnt die Erklärung bei den Randbedingungen, z.B. damit dass Universitäten für immer weniger Wissenschaftler attraktiv sind, weil die Arbeitsbedingungen erschreckend schlecht sind, damit, dass an soziologischen Instituten nur noch eine bestimmte Art von Absolvent mit Ambition auf einen Lehrstuhl zu finden ist. Die Erklärung geht weiter mit der Handlungstheorie: Für immer mehr Inhaber soziologischer Lehrstühle ist der Opportunismus zum rationalen und automatisierten Handeln geworden. In der Gesamtschau opportunistischer Lehrstuhlbesetzer, die durch bestimmte unattraktive Randbedingungen, die als Selektionsprinzip wirken, erst möglich geworden sind und die durch ihre Anwesenheit und ihr Handeln dazu führen, dass die entsprechenden Randbedingungen noch verstärkt werden, dass die Soziologie als Fach noch uninteressanter wird, ergibt sich auf der Ebene der Gesellschaft eine Soziologie, die als Fach degeneriert ist.

Besonders deutlich wird die Degeneration am Verschwinden zentraler soziologischer Begriffe aus dem soziologischen Wortschatz, den zudem immer weniger beherrschen. Begriffe wie Macht und Herrschaft oder Interesse – wer kennt sie noch? Wo gibt es noch Soziologen, die Gesellschaft als Spiel der Interessen ansehen, wie dies Robert K. Merton getan hat? Was ist aus der Erkenntnis geworden, dass gesellschaftliche Gruppen versuchen, im Spiel der Interessen für sich das bessere Ende zu haben, denn der Preis des Spiels, die Belohnung, das ist der Zugang zu Ressourcen.

ColemannUnd hier wird es politisch: Zugang zu Ressourcen findet in Demokratien über die Regierung und ihre Verwaltung statt. Zugang zu Ressourcen finden die Interessen und ihre Vertreter, die es schaffen, die eigenen Interessen als legitim darzustellen. Legitimität ist wichtig, denn wird Interessenvertretern Zugang zu Ressourcen gewährt, die von einer Mehrheit derjenigen, die den Zugang nicht oder auch haben, als illegitim angesehen werden, dann gibt es Wider- und zuweilen Aufstand.

Und weil der Kampf in Demokratien darum geht, die eigenen Interessen als legitim darzustellen, um Zugang zu Ressourcen zu gewinnen, deshalb wird mit harten Bandagen um die Legitimität gestritten, d.h. es wird versucht, die Vertreter konkurrierender Interessen zu delegitimieren, sie aus dem Rennen zu boxen, um ungehindert z.B. am von Steuerzahlern gefüllten Trog grasen zu können.

Allein die Tatsache, dass die Konkurrenz um Ressourcen in vermeintlich demokratischen Systemen die Delegitimierung und oftmals die Diffamierung konkurrirerender Interessenvertreter zum Gegenstand hat, sollte bei Soziologen auf irgend eine Art von Ressonanz stoßen (und natürlich auch bei Politikwissenschaftlern, aber mit wenigen Ausnahmen waren Politikwissenschaftler immer die besseren Verschläfer gesellschaftlicher Entwicklungen).

Warum ist soziales Handeln unter Interessenvertretern nicht darauf gerichtet, für die eigenen Interessen zu werben, sondern darauf, konkurrierende Interessen abzuwerten, zu stigmatisieren, sie zu delegitimieren und aus dem Feld der legitimen Interessen auszuschließen? Woraus sonst, wenn nicht aus dem Interessenkonflikt besteht das soziale Leben, und warum wird gerade diese Normalität so erbittert bestritten?

Warum ist keine andere soziale Interaktion zwischen sozialen Akteuren, zwischen Interessenvertretern möglich als Anfeindung und Konflikt?, so sollten sich Soziologen fragen, denn die Konsequenzen aus dem Versuch, Ressourcenzugänge zu monopolisieren und ganze gesellschaftliche Gruppen auszuschließen, waren selten friedlich.

Die Grenze der Privatheit

1984Viele Soziologen sehen die beschriebene Entwicklung nicht. Schlimmer noch: Viele sind Teil der entsprechenden Entwicklung, machen sich gemein mit bestimmten Interessenvertretern und beteiligen sich an der Diffamierung widerstreitender Interessenvertreter. Sie stereotypisieren, verbreiten Vorurteile und bewerten, kurz, sie tun all das, was Max Weber als Afterwissenschaft bezeichnet hat. Sie besetzen Lehrstühle für Soziologie und haben doch keine Ahnung davon, was Soziologie eigentlich meint. Entsprechend geht die institutionalisierte Soziologie als Wissenschaft unter, wird sie zur Witzveranstaltung, die kein Wissenschaftler mehr Ernst nehmen kann.

Das war eine lange und notwendige Vorrede, um zu erklären, warum die institutionalisierte Soziologie stirbt: Es sind Lehrstuhlbesetzer wie Sarah Speck aus Tübingen, die die Sargnägel einschlagen und dafür sorgen, dass Soziologie zu blasiertem Geschwätz und von Sachkenntnis ungetrübter Kinderei verkommt.

Speck hat es zum Deutschlandradio geschafft und hat dort ein Interview zur “Debatte um sexuelle Vielfalt” gegeben. Warum ausgerechnet Speck zu diesem Thema ein Interview gibt, was Speck qualifiziert, außer der Tatsache, dass sie einen Lehrstuhl in Tübingen vertritt, ist eine Frage, die ohne Antwort bleiben muss.

Speck verkündet. Sie verkündet Weisheiten, die man langsam nicht mehr hören kann.

Es geht um den Widerstand gegen Frühsexualisierung, gegen u.a. die Pläne der Baden-Württembergischen Landesregierung, durch alle Schulklassen und Altersstufen, die gesellschaftliche Diversität, worunter keine Diversität nach Intelligenz, nach sozialer Klasse oder nach Arbeitsbelastung gemeint ist, sondern eine Diversität nach sexueller Orientierung, [was läge näher?] zum grundlegenden Tenor der Abfassung von Lehrmaterialien zu machen.

Dagegen gehen Eltern auf die Straße. Mehrere Tausend Eltern. Dagegen gibt es eine Petition. Mehr als 150.000 Menschen haben sie unterzeichnet. Diese Menschen, ihre Motivation, ihre Ziele, die Ursache ihres Ärgers und die Erklärung dafür, warum sie so aufgebracht sind, dass sie sogar auf der Straße demonstrieren, diese sozialen Tatbestände, dieses soziale Handeln, es wäre eigentlich der Gegenstand der Soziologie. Gegenstand der Politikwissenschaft, aber das nur nebenbei bemerkt, wäre es, die Delegitimierung des Politischen, wie sie in derartigen Demonstrationen zum Ausdruck kommt, zum Anlass zu nehmen, um die Responsivität der Baden-Württembergischen Landesregierung zu untersuchen, denn Politikwissenschaftler gehen immer noch mehrheitlich davon aus, dass Regierungen und Parteien auf Wähler reagieren, deren Ideen, Interessen und Wünsche aufnehmen und nicht etwa umgekehrt, dass Parteien und Regierungen Wählern ihre partikularen Interessen aufzwingen.

Forschung, wie die beschriebene, findet in Deutschland jedoch kaum mehr statt. Warum nicht? Weil Ideologen die Universitäten bevölkern, und Ideologen müssen nicht forschen, sie wissen schon. So wie Sarah Speck weiß, dass die Kritiker des Baden-Württembergischen Bildungsplans verunsichert sind, denn so weiß sie auch, wir leben in “Zeiten rapiden gesellschaftlichen Wandels. Das heißt in Zeiten einer gesellschaftlichen Verunsicherung, die vielfach unter dem Stichwort Prekarisierung geführt wird, … gibt es dann ein Bedürfnis nach klaren Identitäten … ”

RokeachWer das zirkuläre Gerede nicht gleich durchblickt: Es gibt für Speck die Richtigen, die den rapiden gesellschaftlichen Wandel wegstecken. Und es gibt die Schwachen, die Dummen oder Falschen, die den gesellschaftlichen Wandel nicht wegstecken. Der gesellschaftliche Wandel besteht zum Beispiel darin, dass Kindern in der Kindertagesstätte sexuelle Orientierungen nahe gebracht werden müssen, woran man sieht, wie klein die geistigen Brötchen sind, die vermeintliche Soziologen heute backen. Vorbei sind die Zeiten großer Gesellschaftsenwürfe. Heute findet gesellschaftlicher Wandel im Kindergarten statt, per Sexualkunde. Wäre es nicht so traurig, man müsste wirklich lachen, ob der spießbürgerlichen Beschränktheit neuronaler Prozesse, die sich darin offenbart. Doch zurück: Wer nicht will, dass seinem Fünfjährigen oder seinem Achtjährigen reiner Wein über die Techniken sexueller Stimulation zwischen homosexuell Interagierenden vermittelt wird, der ist also für Speck verunsichert, der ist falsch und hält nicht Schritt mit dem gesellschaftlichen Wandel.

Und wenn er dann protestiert, ob auf der Straße oder per Petition, dann ist er “sicherlich als homophob [zu] bezeichnen”. Die kleine Welt der Sarah Speck, sie ist rigide geordnet, so rigide, dass man fast schon von einem closed mind sprechen kann, denn dass jemand schlicht nicht will, dass seinen Kindern sexuelle Orientierungen in der Schule eingetrichtert werden oder keinen Sinn damit verbindet, das kommt der Speck gar nicht in den Sinn.

Erschreckend.

An die Stelle der soziologischen Analyse tritt bei der Lehrstuhlvertreterin aus Tübingen die Zuweisung und Bewertung. Was soll man auch sonst tun, außer zuweisen und bewerten, wenn man von Soziologie keine Ahnung hat, aber eines ganz genau weiß: Das man selbst zu den Guten, Richtigen und nicht Verunsicherten gehört, jedenfalls so lange man sich im Schutzraum der eigenen “imaginierten” Realität bewegt?

Und weil Speck so voller Zuversicht ist, dass Sie richtig, gut und intelligent ist, fallen alle rationalen Schutzwälle, die im Gehirn normalerweise gegen das Äußern von intellektuell minderwertigen Inhalten errichtet werden. Und heraus, aus dem Speckschen Mund, kommt das:

“Ich glaube, dass das Private, also die Frage von Lebensführung selbstverständlich eine politische Frage ist. Inwiefern sich da der Staat einzumischen hat oder nicht, ist natürlich eine Frage, die stets aufs Neue wieder diskutiert wird. Aber ich denke, dass die Einschätzung, dass der Bildungsplan im Wesentlichen als Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses zu verstehen ist und sich insofern an eine Realität anpasst, die vorhanden ist.”

Hier schreit der Politikwissenschaftler in der Redaktion, und zwar vor Schmerz.

Es gibt viele Definitionen des Politischen und damit dessen, worauf sich politische Fragen richten können. Das Private ist jedoch in keiner Definition enthalten. Es ist gerade das Gegenteil des Politischen, denn was Menschen in ihren Wohnungen oder abends vorm Fernseher machen, das ist keine politische Frage, es geht die Politik schlicht und ergreifend nichts an, kann sie nichts angehen, wie ein Blick darauf zeigt, was Politik ist und was entsprechend politische Fragen sein können.
Aleman Powi

Politik ist zunächst einmal “die Lehre von den Staatszwecken”, das stand schon 1903 im Brockhaus und zu den Staatszwecken gehört das Chipsessen auf dem Sofa ganz offensichtlich nicht. Bergsträsser hat 1961 die Politik als “Kunst, die Führung menschlicher Gruppen zu vollziehen” definiert. Auch diese Definition des Politischen zieht eine Grenze zur Privatheit, denn die Privatheit ist gerade nicht der Ort, der politischen Führung. Sie ist es nur in totalitären Entwürfen wie z.B. in Orwells 1984. Aber vielleicht ist es ja das, was Speck vorschwebt? Damit begäbe sich Speck in krassen Gegensatz zu Franz L. Neumann, der die Politikwissenschaft, als Wissenschaft des Politischen als die Wissenschaft, die politische Fragen stellt, als “Wissenschaft von der Freiheit” definiert hat und Freiheit verlangt es, das Private zu respektieren.

Darüber gibt es auch nichts zu diskutieren, wie Speck im Hinblick darauf, “[i]nwiefern sich da der Staat einzumischen hat oder nicht” meint. Der Staat hat sich überhaupt nicht in das Private einzumischen, auch dann nicht, wenn es einer Sarah Speck, die so offensichtlich über keinerlei politische Grundbildung verfügt, so dass man sich fragt, wo sie den Mut zu solchen Interviews hernimmt, gefallen würde. Vielleicht beherbergt Speck ja einen kleinen Voyeur, der die Grenzen der Privatheit gerne überschreiten würde.

Wir fassen zusammen:

Speck vertritt einen Lehrstuhl für Soziologie.

Speck ist offensichtlich nicht an soziologischer Analyse, sondern an Bewertung und De-Legitimierung interessiert.

Speck ist bemüht, Interessen von Menschen, die sich Interessen einer grün-roten Landesregierung gegenübersehen, die sie als Übergriff in einen Bereich ihrer Privatheit ansehen, zu delegitimieren, nicht sie zu erklären oder gar zu verstehen, wie das ein Soziologen tun würde.

Speck macht sich gemein mit denen, deren Handlungen und vor allem deren Handlungsfolgen es ihre Aufgabe wäre zu untersuchen. Das ist eine Schande für die Wissenschaft!

Es sind Lehrstuhlbesetzer wie Speck, die die Soziologie und andere Sozialwissenschaften in Deutschland in Misskredit bringen und dafür sorgen, dass all die Errungenschaften, die als Folge der Popperschen und empirischen Revolution der 1960er und 1970er Jahre Einzug in die Soziologie gehalten haben, wieder verschwinden, und mit ihnen verschwindet ein Fach, das auf dem Sprung von der vor- in die normalwissenschaftliche Phase der Kuhnschen Typologie war.

Prof. Dr. Günter Buchholz hat sich Frau Speck unter der Überschrift “Der feministisch-homophile heterophobe Diskurs” angenommen.

Pazifismus muss man sich leisten können

Ist Pazifismus eine moralische Pflicht?

Evangelische Hochschule BerlinÜber diese Frage soll am 24. Juni 2015 im Audimax der Evangelischen Hochschule Berlin diskutiert werden. Es gehe darum, so Prof. Dr. Anusheh Rafi, Rektor der Hochschule, nachzudenken, ob Gewaltlosigkeit bei so “schwerwiegende[n] Verbrechen”, wie dem von “Hitler-Deutschland ausgehendenTerror und Völkermord” eine angemessene Reaktion ist.

“Sollen Christen auf Gewaltlosigkeit beharren und sich jeder militärischen Aktion enthalten”, so fragt Rafi, “ist Pazifismus eine moralische Pflicht” oder ist Pazifismus eine “verwerfliche Untätigkeit im Angesicht des Leids von Gewaltopfern”, so fragt er weiter.

Die Antworten sollen am 24. Juni in Berlin gegeben werden.

Wer nicht so lange warten will, für den haben wir eine Antwort parat, und zwar unter der Überschrift:

Pazifismus muss man sich leisten können.

Natürlich ist es nobel, pazifistisch zu sein, und moralisch ist es auch. Schon der kategorische Imperativ von Kant trägt den Aufruf zum Pazifismus in sich, immer vorausgesetzt, man ist kein Masochist und sehnt sich danach, Gewaltopfer zu werden.

Was der kategorische Imperativ im Gegensatz zu Anusheh Rafi von der Evangelischen Hochschule in Berlin auch beinhaltet, ist ein klares Bekenntnis zum Individualismus und somit die klare Zuweisung von Verantwortung. Deshalb ist es nicht sinnvoll vom Terror zu sprechen, der von Hitler-Deutschland ausgegangen ist, denn Hitler-Deutschland gibt und gab es nicht. Es gibt Millionen von Deutschen, die sich in den Dienst eines Regimes gestellt haben, die für dieses Regime in den Krieg gezogen sind, für dieses Regime gemordet haben. Jeder für sich und in einer höchst eigenen Entscheidung.

Was wäre wohl aus Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinricht Himmler geworden, wenn sie nicht auf die bereitwillige Mithilfe derer, die so gerne in Massen aufgehen, hätten bauen können, auf den bejahenden Jubel von Tausenden auf die Frage: “Wollt Ihr den totalen Krieg?”

religion politics warInsofern scheint uns, die Veranstaltung in Berlin in die falsche Richtung zu gehen, denn es hat z.B. pazifistischen Polen nicht viel geholfen, dass sie gegenüber den Soldaten der deutschen Wehrmacht pazifistisch eingestellt waren. Kugeln differenzieren nicht zwischen Pazifisten und nicht-Pazifisten und diejenigen, die die Kugeln auf den Weg bringen, führen vor den entsprechenden Schüssen in der Regel keine Befragung durch.

Wenn man mit einem aggressiven Gegner konfrontiert ist, dann stellt sich nicht die Frage, ob man pazifistisch sein will, es stellt sich die Frage, ob man sich gleich einem Selbstmörder erschießen lässt oder den Kampf mit dem Aggressor aufnimmt.

Man hat, mit anderen Worten, keine Wahl.

So hat das Dietrich Bonhoeffer gesehen, der sich dem Kreis derjenigen angeschlossen hat, die mit dem Attentat auf Hitler, das am 20. Juli 1944 von Claus Schenk Graf von Stauffenberg ausgeführt wurde, die Nazis von der Macht in Deutschland verdrängen wollten. Aber es gibt auch Mahatma Gandhi, der gewaltlos gegen die Britische Besatzung in Indien demonstriert haben soll. Beide repräsentieren für Rafi gegensätzliche Positionen, zwischen denen sich Christen nach seiner Ansicht wohl entscheiden müssen.

Gewaltfreier Protest wird spätestens dann zu einem Problem, wenn wie im Jallianwala Bagh Massaker gewaltlose Demonstranten von (in diesem Fall britischen) Soldaten erschossen werden. Ist das Opfern eigener Anhänger nicht auch eine Form von Gewalt bzw. sind Massaker wie das von Jallianwala Bagh nicht ein Beleg dafür, dass man sich Gewaltlosigkeit und Pazifismus leisten können muss, und – mehr noch – dass diejenigen, die eine Entscheidung zwischen Pazifismus und Gewalt verlangen, behütete und weltfremde Menschen sind, die man besser wegschließt, weil sie in der Realität nur so lange überleben können, so lange die Sonne des Friedens und der Freude auf sie hernieder scheint?

Unsere Antwort auf diese Frage lautet: Ja.

Wie immer, wenn Menschen vor kategorische Wahlen zwischen angeblich Gut und Böse gestellt werden, so so ist auch im Fall von Pazifismus und Gewalt der Wunsch Vater des Gedankens und vielleicht auch die Idee, dass man überzeugte Pazifisten leichter regieren kann als Individuen, die ihr Verhalten davon abhängig machen, wie man ihnen begegnet.

Und das ist der Kern unseres Arguments gegen den bedingungslosen Pazifismus.

Bedingungsloser Pazifismus ist etwas für Kinder, die in einer behüteten Welt aufwachsen und noch nicht bemerkt haben, dass andere nicht nur nett sind. Bedingungsloser Pazifismus ist bei Kindern und Jugendlichen vielleicht verständlich, bei Erwachsenen ist er eine Entwicklungsstörung, die letztlich damit einhergeht, dass der Ursprung von Gewalt, wie dies oben in den Aussagen von Anusheh Rafi deutlich wird, nicht bei anderen Individuen, sondern bei amorphen Systemen oder bei Hitler-Deutschland gesehen wird.

George Orwell on pacifismHitler-Deutschland war aber weder pazifistisch noch war es gewalttätig, denn Hitler-Deutschland ist kein Akteur, der handeln kann. Die Bezeichnung ist ein Kürzel, das all diejenigen umschließt, die sich für die amorphe Masse “Deutschland” engagiert haben, die sich zu treuen Vasallen eines Systems, degradiert haben und ihre Entscheidung in Antizipation dessen, was die Vertreter dieses Systems wohl von ihnen erwarten, getroffen haben.

Wer das nicht glaubt, der kann versuchen, mit Deutschland zu interagieren. Es wird ihm nicht gelingen. Er wird immer, wenn er einen Austausch mit anderen Menschen hat, mit anderen Menschen, mit Deutschen, Dicken, Dünnen, Dummen oder Intelligenten interagieren, nie mit Deutschland.

Entsprechend stellt sich die Frage des Pazifismus als Frage der Interaktion, als Frage, wie man seinem Gegenüber in einer Interaktion gegenübertritt. Soll man ihn sofort anfeinden? Eine Haltung, die man in den Kommentarspalten von Blogs häufig antrifft, oder soll man ihm etwas zu gute halten und ihm eine Kooperation anbieten?

Da menschliche Gesellschaften durch Kooperation überlebt haben, ist die Antwort einfach: zuerst bietet man Kooperation an. Wird das Angebot angennommen, ist es gut, wird es nicht angenommen, dann kann man immer noch draufhauen, wenn es notwendig werden sollte. Wichtig beim Angebot der Kooperation ist, dass das Angebot eine Wahrscheinlichkeit hat, angenommen zu werden. Es macht keinen Sinn, einer schwarzen Mamba Kooperation anzubieten und als Zeichen der Kooperation die Hand zu reichen. Besser man geht der Schlange aus dem Weg, sofern es möglich ist.

Für Pazifismus folgt daraus, dass man anderen friedlich gegenübertreten soll, solange es keine Anzeichen gibt, dass diese anderen diese Geste ausnutzen oder nicht goutieren. Wird das Angebot eines friedlichen Austausches angenommen, ist es gut, wenn nicht, muss man seine pazifistische Haltung aufgeben und sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen.

Das ist eine menschliche Grundhaltung, ein Bestandteil der coniditio humana, denn die rechte Backe halten nur Heilige hin, wenn ihnen gerade auf die linke Backe gehauen wurde und Heilige sind deshalb heilig, weil sie für ihren Pazifismus getötet wurden.

PEW-Research: AfD ist eine gute Sache – Rassismus bestenfalls Randerscheinung

Schlechte Nachrichten für all diejenigen, deren Lebensunterhalt darauf basiert, die Gefahr von Rechts, den Rassismus gegen Muslime oder Juden zu beschwören und die AfD als politische Extremisten zu brandmarken.

Eine neue Studie des PEW-Research Institutes in Washington, die sich mit der Einstellung u.a. der Deutschen zur EU, zu euroskeptischen Parteien und zu Juden, Muslimen und Roma beschäftigt, kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Pew RomaGegen Juden bestehen in Deutschland kaum Ressentiments. Gefragt ob sie einen vorteilhaften (favourable) oder einen unvorteilhaften (unfavourable) Eindruck von Juden haben, sagen 9% der Deutschen, sie hätten einen unvorteilhaften Eindruck, 80% geben an, sie hätten einen vorteilhaften Eindruck. Zum Vergleich: In Polen haben 28% der Befragten einen unvorteilhaften Eindruck von Juden und 59% eine vorteilhaften Eindruck.
  • Unvorteilhafte Eindrücke gegenüber Muslimen sind in Deutschland deutlich verbreiteter: 24% geben an, einen unvorteilhaften Eindruck von Muslime zu haben, während 69% von sich sagen, sie hätten einen vorteilhaften Eindruck von Muslimen. Auch damit fällt Deutschland nicht aus der Reihe: In Italien haben 61% der Befragten einen unvorteilhaften Eindruck von Muslimen, 31% einen vorteilhaften.
  • Unvorteilhafte Eindrücke von Sinti und Roma sind dagegen bei den Befragten der sechs Ländern, die in der Untersuchung von PEW berücksichtigt wurden, weit verbreitet: 34% der deutschen Befragten haben einen unvorteilhaften Eindruck von Sinti und Roma, 52% einen vorteilhaften. Dagegen haben 86% der Italiener einen unvorteilhaften Eindruck von Sinti und Roma, nur 9% einen vorteilhaften.

Angesichts dieser Ergebnisse kann man das regelmäßig widerkehrende Lamento davon, dass in Deutschland bereits die Mitte rassistisch oder rechts sein soll, nur als vollkommen Unsinn bezeichnen.

Auch die Versuche, die AfD als randständige Erscheinung extremistischer Deutscher auszugrenzen, werden von der Mehrheit der von PEW Befragten nicht geteilt:

Afd good thingGefragt, ob sie den Aufstieg der AfD als eine gute Sache ansehen, weil dadurch Themen in die Öffentlichkeit getragen werden, die von traditionellen Parteien vernachlässigt werden, oder ob sie der Meinung sind, der Aufstieg der AfD sei eine schlechte Sache, weil die Partei zu extrem sei, geben 50% der deutschen Befragten an, dass sie die AfD für eine gute Sache halten, 41% sagen, die AfD sei keine gute Sache, und 9% haben keine Meinung.

Diejenigen, die die AfD als schlechte Sache ablehnen, finden sich vornehmlich auf der linken Seite des politischen Spektrums [wobei selbst unter den Befragten, die sich auf dem politischen Spektrum links einordnen, 45% der Ansicht sind, die AfD sei eine gute Sache]. Zustimmung zur AfD herrscht dagegen in der Mitte (51%) und Rechts (56%) vor. 59% der befragten Männer halten die AfD für eine gute Sache gegenüber 42% der befragten Frauen. Mehrheitlich Unterstützung findet die AfD unter den 18-29jährigen (51%) und den 30-49jährigen (57%). Die Ansicht, die AfD sei eine gute Sache wird hingegen von einer Minderheit der Befragten geteilt (46%), die 50 Jahre oder älter sind.

Die Unterstützung der AfD findet sich entsprechend eher unter jungen oder mittelalten Männern, die sich nicht als links bezeichnen.

Wie es scheint, sind die Deutschen mehrheitlich weder Rassisten noch negativ gegenüber der AfD eingestellt. Die Rassismus-Hysteriker und AfD-Feinde sind somit eine gesellschaftliche Minderheit, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat oder erkennen will.

Die Untersuchung von PEW wurde in sechs europäischen Ländern durchgeführt: Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Die Befragung erfolgte telefonisch. Befragt wurden in Deutschland 1000 Personen im Alter von 18 Jahren oder älter.

Morgenthaus Erben: Die Grünen wollen den Deutschen Bananen verbieten

Komm’ wir spielen “ökologische Revolution” , das neue Gesellschaftsspiel.

Was zum Spielen notwendig ist:

  • Ökologische Revolution: Ein Spiel für die ganze Armut

    Ökologische Revolution: Ein Spiel für die ganze Armut

    Überheblichkeit;

  • Selbstüberschätzung;
  • (grünes) Sendungsbewusstsein;
  • Kenntnis der 12seitigen Spieleanleitung “Positionspapier ökologische Revolution” von Dröge und Kindler

Was zum Spielen nicht notwendig ist:

  • Kompetenzen;
  • Skrupel;
  • Zweifel;
  • kognitive Fähigkeiten;
  • Arbeits- und Berufserfahrung

Die Spieler:

  • Sven-Christian Kindler (geb. 1985); Bachelor für Betriebswirtschaft an der Leibnitz Akademie in Hannover (2007), ansonsten Parteikarrierist bei den Grünen;
  • Katharina Dröge (geb. 1984), Diplom in Volkswirtschaft an der Universität Köln (2010), ansonsten Parteikarrierist bei den Grünen;

Das Spiel

  • Ziel des Spieles ist der “radikale Umbruch des Wirtschaftssystems”, wie er im Positionspapier von Dröge und Kindler beschrieben ist.
  • Da das Wirtschaftssystem zu Anfang des Spieles floriert und die Bevölkerung im Spiel in einem gewissen Luxus und bar jeglicher Sorgen der Subsistenz und des nackten Überlebens lebt, geht es beim “radikalen Umbruch”, bei der “ökologischen Revolution” also darum, die Prosperität des Spiellandes zu vernichten und die darin Lebenden in Armut zu stürzen.
    • hohe “Steuern auf Vermögen, Eigentum, Einkommen, Kapitalerträge”, die die Motivation der Bevölkerung, Wachstum und Prosperität zu schaffen, ersticken und somit über Verarmung zum “radikalen Umbruch” der “ökologischen Revolution” führen.
    • exotische Lebensmittel

      Die ersten Opfer der ökologischen Revolution

      Verbot von unnötigen Flugreisen, exotischen Lebensmitteln und schnellen Autos, die nicht ökologische Konsummuster der Bevölkerung zur Folge haben, Zeichen wirtschaftlichen Erfolges sind und somit Ergebnis von Wohlstand, der durch den “radikalen Umbruch des Wirtschaftssystem” und die “Dröge/Kindler ökologische Revolution” ja gerade vernichtet werden soll, und zwar gemäß dem Motto der beiden Spieler: “Großer Reichtum fördert einen verschwenderischen Luxuskonsum, der einen ebenfalls nicht nachhaltigen Statuskonsum der Mittelschichten nach sich zieht”, kurz: wem es gut geht, der lässt es sich gut gehen und das Ziel der ökologischen Revolution besteht ja gerade darin, dass es niemandem gut geht.

    • “Erhöhung der Benzinpreise”, damit sich nur noch eine kleine Elite die Nutzung eines Autos leisten kann, während die Masse des Volkes auf “Radverkehr” und “Elektromobilität” angewiesen ist. Kollektiver Strom, aus der Steckdose und vom Kohlekraftwerk gespeist, ist der ökologischen Revolution und damit der Verarmung der Bevölkerung zuträglicher als individueller Sprit aus dem Zapfhahn. Ersterer lässt sich rationieren und über Nacht abschalten, aus Gründen der Einsparung und der ökologisch revolutionären Verarmung, zweiterer nicht.
  • Das Spielende ist erreicht, wenn das Spielland in den Kanon der Entwicklungsländer aufgenommen wurde, in denen die Millennium-Ziele der UN durchgesetzt werden sollen, die wiederum den Wohlstand aufbauen sollen, der dann durch eine weitere ökologische Revolution abgeschafft werden kann.

Das Spiel, von dem wir hier berichtet haben, wurde von Katharina Dröge und Sven-Christian Kindler allen Ernstes als Grundlage politischen Handelns der Grünen vorgeschlagen. Das berichtet der Spiegel [und wir fragen uns, wann Monopoly zur Grundlage der Wirtschaftspolitik bei den Grünen wird.] Kurz: damit es auch noch der Letzte versteht, Dröge und Kindler meinen ernst, was wir hier zusammengefasst haben.

Sie wollen den Deutschen höhere Spritpreise verodnen. Ihnen die per Flugzeug eingeführten exotischen Früchte und Lebensmittel, also u.a. Bananen, Orangen, Kiwi, Reis, Mais und Kaffee usw. verbieten, ihren Urlaub auf das Inland beschränken und vieles mehr, was ihnen als Utopie in ihrer drögen ökologischen Revolution vorschwebt.

Dröge/Kindler kennen kein Pardon, wenn es darum geht, das Leben derer, die gerade leben, zu vermiesen, und zwar im günstigsten Fall zu Gunsten derer, die noch nicht oder vielleicht einmal leben. Es geht um so hehre Ziele wie die Rettung des Planeten vor dem ökologischen Kollaps. Und wer mit solch wichtigen Zielen beschäftigt ist, der kann sich nicht mit belanglosen Fragen, wie: “Für wen wollt ihr den Planeten retten?” beschäftigen. Derartige Fragen zeugen von Unkenntnis der großen historischen Aufgabe, die, wie das bei großen Utopien nun einmal so ist, Opfer von den Lebenden, zuweilen bis hin zu ihrem Leben verlangt.

Und einmal ehrlich: Würden Sie nicht gerne in ein baufälliges Haus ziehen, dort von Wasser und Brot und dem leben, was die kleine Parzelle hinterm Haus an Gemüse und Obst abwirft, wenn sie wüssten, sie retten damit den Planeten und sorgen dafür, dass auch 2210 noch Menschen in einem baufälligen Haus von Brot und Wasser und dem, was die kleine Parzelle hinterm Haus an Gemüse und Obst abwirft, leben können?

Big hoax climateWozu Fortschritt, wenn man auch mit Lichtgestalten kognitiver Brillianz wie Dröge und Kindler in die Armut des, sagen wir 19. Jahrhunderts reisen kann, am besten in die Zeit der letzten großen Hungersnot, die in den 1840er Jahren in Preußen, Württemberg und Hessen wütete (dazu: Rürup, 1992: 172)?

Also, Deutsche, verzichtet mit Dröge und Kindler, die natürlich längst dazu übergegangen sind, im baufälligen Haus und von Wasser und Brot und dem zu leben, was die kleine Parzelle hinterm Haus an Gemüse und Obst abwirft, verzichtet auf Bananen, Ananas, Kaffee und Tee, Reis und Mais, den Sommerurlaub in Spanien, auf billige t-Shirts aus China, auf das Smartphone, den iPod, das iPad, den Computer und alles, was ansonsten noch im fremden Ausland gefertigt und von dort in großer Umweltschädlichkeit nach Deutschland gebracht wird. Verzichtet auf den Türkentrank, den Kaffee, trinkt wieder Malzkaffee und Gerstensaft zum Frühstück, unterstützt die heimische subsistente Wirtschaft:

Spätzle statt Pasta – Basta!

Wie gesagt, Dröge und Kindler meinen das ernst.

Dröge und Kindler sind beide im Bundestag. Sie wurden gewählt. Insofern ist klar, wer für Dröge und Kindler die Verantwortung zu übernehmen hat. Deshalb: alle Wähler von Dröge und Kindler: Sofortiges Ende mit dem Shoppen im Internet, Schluss mit Flugreisen und Autofahren. Ab sofort: Radfahren, Einkauf im Tante Emma Lade per Fahrrad, kein Kaffee zum Frühstück, keine tropischen Luxusfrüchte, Schluss mit eurem mickrigen Statuskonsum, der die Umwelt zerstört. Die von Euch Gewählten haben es Euch verordnet!

1944 wurde auf der Second Quebec Conference der Alliierten der Morgenthau Plan beschlossen. Franklin D. Roosevelt hatte einige Arbeit, Winston Churchill zu überzeugen, aber es ist ihm gelungen. Der Morganthau-Plan, benannt nach Henry Morgenthau, dem damaligen Finanzminister der USA, sah u.a. vor Deutschland zu de-industrialisieren. Dazu sollten alle Industrieanlagen, die vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland den Krieg überstanden hatten, abgebaut und zerstört werden, so dass Deutschland letztlich zu einem Agrarstaat werden würde – weitgehend ohne industrielle Produktion und somit in allen Bereichen der industriellen Güterproduktion auf den Import aus dem Ausland angewiesen.

Angesichts der Kriegsschäden muss man nicht viel kognitive Ressourcen zum Nachdenken verschwenden, um zu sehen, dass der Morgenthau-Plan eine komplette Verarmung Deutschlands zum Dauerzustand gemacht hätte. Das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre hätte es mit Sicherheit nicht gegeben.

Dass der Morgenthau-Plan nicht umgesetzt wurde, haben die Deutschen Stalin und dem beginnenden Kalten Krieg zu verdanken, der den westlichen Alliierten ein industrialisiertes und nicht verarmtes Deutschland als Bündnispartner wichtiger erscheinen ließ als ein verarmtes, bäuerliches Deutschland.

Was Roosevelt, Churchill und Morgenthau nicht vorhersehen konnten, das sind die Grünen in Deutschland, das sind Katharina Dröge und Sven-Christian Kindler, die 2015 das 1945 aufgegebene Projekt wieder aufnehmen und nunmehr vollenden wollen, also: Zurück in die Armut mit Dröge und Kindler.

Rürup, Reinhard (1992). Deutschland im 19. Jahrhundert. 1815-1871. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

The pampered Generation / Die verhätschelte Generation

Die Soziologie kennt die Generationenbilder. Generationenbilder beschreiben in mehr oder weniger groben Zügen Charakteristika, von denen diejenigen, die sich mit Generationen, also mit Geburtskohorten befassen der Ansicht sind, sie fassten das Klima, die Atmosphäre, vielleicht auch die Handlungsbedingungen, unter denen die Mitglieder einer bestimmten Generation aufgewachsen sind, in einer hinreichend allgemeinen und zutreffenden Weise zusammen.

Helmut Schlesky hat vor Jahrzehnten den Begriff der “skeptischen Generation” geprägt, die Medien sind voller Bereicht über die Millennials, die Generationen X, Y und Z, es gibt die heimatlose und seit neuestem auch die überforderte Generation, und deshalb ist es an der Zeit, dass wir der Generationenfolge eine eigene hinzufügen:

The Pampered Generation / Die verhätschelte Generation

Die verhätschelte Generation ist das Ergebnis der nach-Wende Erziehungsversuche, es sind Kinder, der Globalisierung, die ungeahnten Zugang zu Waren aus aller Herren Länder geschaffen hat. Erdbeeren im Winter, X-Box und Computer, sie sind Insignien der verhätschelten Generation wie das Smartphone und die Designer-Klamotten.

pampered generationAufgewachsen ist die Mehrheit der verhätschelten Generation ultra-behütet und abgeschirmt von allem, was man als eigene Erfahrung so machen kann. An die Stelle der eigenen Erfagrungen sind second-hand-Erfahrungen pädagogischer Werthaftigkeit getreten, vorgekaute pädagogisch-wertvolle Erfahrungsräume haben dafür gesorgt, dass der verhätschelten Generation keinerlei von pädagogisch-wertvollen Vorgaben abweichende Inhalte zugemutet wurden. Und natürlich dürfen die Sozialarbeiter und Psychologen nicht fehlen, die mit Argusaugen von Kindergarten über die Schule bis zum Lehrberuf oder bis zur Universität darüber wachen, dass Kindern und Jugendlichen aus der verhätschelten Generation nichts widerfährt, was von Sozialarbeitern und Psychologen als negativ bewertet wird. Früher konnten Kinder an negativen Erfahrungen wachsen. Heute sorgen Sozialarbeiter und Psychologen dafür, dass Kinder bestenfalls körperlich wachsen.

Die verhätschelte Generation, das ist die Generation, die keinen Weg selbst zurücklegen muss: Papa und Mama stehen bei Fuss und bieten einen 24/7-Fahrdienst an. Es ist die Generation der Kinder, die ständig im Mittelpunkt stehen, bei denen jedes WaWaWa gefeiert wird, wie die Erkenntnis des Jahrhunderts und jeder kindliche Übergriff auf die Welt der Erwachsenen als besondere Leistung gilt. Es ist die Generation der Kinder, die im Zug oder im Restaurant auf und ab rennen, die man fünf Wagen weiter hören kann, die in der Öffentlichkeit vor allem durch Schreien auffallen und die in ihrem Leben eines nicht kennen gelernt haben: Rücksicht auf andere zu nehmen.

Die verhätschelte Generation es ist die Generation der kleinen Könige, einer kleiner als der andere.

Dem Status des Wawawa-Königs entsprechend, ist es manchen der nunmehr zumindest als erwachsen geltenden Kinder nicht vorstellbar, dass sie etwas nicht wissen könnten, dass Erfahrung etwas ist, was andere, ältere, erwachsene Menschen, ihnen voraus haben. Sie haben keinerlei Referenzgröße, die ihnen anzeigen würde, welche großen Lücken ihr bruchstückhaftes Wissen von der Welt aufweist.

Sie wurden zuhause verhätschelt, jeder Unsinn wurde gefeiert und ermuntert. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, wenn sie weiterhin erwarten, für jeden Unsinn gefeiert und zu weiterem Unsinn ermuntert zu werden.

Arbeit kommt in der verhätschelten Generation nicht vor. Sie mussten sich keinen Wunsch selbst erfüllen, waren nie genötigt, an ihrem Unterhalt mitzuarbeiten, z.B. weil das Geld nicht dafür ausgereicht hat, die monatliche Rechnung des Smartphones zu bezahlen. Sie nehmen das Vorhandensein ausreichender finanzieller Ressourcen als garantiert wahr und mokieren sich bestenfalls darüber, dass andere mehr haben, z.B. die Bonzen, denen die verhätschelte Generation feindlich gegenübersteht, weil sie tatsächlich oder vermeintlich mehr finanzielle Ressourcen haben. Dieses Mehr an Ressourcen, das anderen Generationen vor ihnen noch als Ansporn zur eigenen Arbeit und zum eigenen Engagement gedient hat, es dient der verhätschelten Generation als Anlass mehr von den Ressourcen zu fordern, die sie ganz selbsterverständlich als ihnen zustehend ansehen.

Sie wurden im Verlauf ihres Lebens von Arbeit ferngehalten, entsprechend kommt es ihnen gar nicht in den Sinn, dass man, um sich Wünsche zu erfüllen, arbeiten muss oder dass man denjenigen, die durch ihre Arbeit dafür sorgen, dass man selbst sich Wünsche erfüllen kann, mit Respekt und Achtung gegenübertreten muss. Nein, die verhätschelte Generation, ihre Mitglieder, sie kennen keine Achtung vor Leistung und Arbeit anderer. Vielmehr nehmen sie die Leistung und Arbeit anderer als selbstverständlich hin, als Recht, das ihnen zusteht, um ihr Leben und ihre Wünsche zu finanzieren, ihre Existenz, die sich bislang dadurch auszeichnet, dass sie der Gesellschaft Kosten aufbürdet ohne etwas zurückzugeben.

Die Charakteristika der verhätschelten Generation machen eine Frage dringlich:

Wer hat die verhätschelte Generation zu verantworten?

Die Welt der verhätschelten Generation

Die Welt der verhätschelten Generation

Unser Antwortvorschlag: alle diejenigen, die pädagogisch Wertvolles leisten und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche nur noch in vorgefertigten Erfahrungsräumen als Marionetten des gerade herrschenden Zeitgeistes aufwachsen können. Es trifft, wie könnte es anders sein, die vielen Gutmenschen, die behüten und umsorgen und dafür sorgen, dass Selbständigkeit und freier Wille abgetötet und durch kruden antisozialen und nicht-empathischen, atomaren Egozentrismus ersetzt werden. Dessen Hauptmerkmal besteht darin, dass Mitglieder der verhätschelten Generation den Kontakt zur Außenwelt als Einbahnstraße ansehen: Ihnen wird gegeben, aber sie müssen nichts zurückgeben.

Warum sollte Sie auch etwas zurückgeben müssen, als wawawa-Könige, die sich nicht vorstellen können, dass der Wert eines Individuums nicht darin besteht, dass es existiert, sondern sich aus dem ableitet, was es geleistet hat?

©ScienceFiles, 2015

EU-Referendum: Macht die Formulierung der Frage einen Unterschied?

Während in Deutschland die Frage danach, ob die Bevölkerung Deutschlands die Möglichkeit haben soll, über Verbleib in oder Austritt aus der EU zu entscheiden, von offizieller Seite nicht ernsthaft erwogen, ja, nicht einmal thematisiert wird, werden im Vereinigten Königreich derzeit Pläne darüber geschmiedet, wie die Frage lauten soll, die im Rahmen des EU-Referendums, das die alte und die neue Tory-Regierung durchzuführen angekündigt hat, gestellt wird.

In der britischen Presse wird berichtet, dass David Cameron die Frage “Should the UK remain a member of the EU?” erwäge, und weiter hieß es bei der BBC am 27. Mai 2015: “The prime minister is said to believe this would allow those who want Britain to remain in the EU to style themselves as the Yes campaign”. Matt Qvortrup, der Professor für angewandte Politikwissenschaft an der Coventry University ist, betrachtet dies als “an attempt to be the positive campaign because nobody likes to be seen as negative”.

Wenn es stimmen sollte, dass jeder oder zumindest die Mehrheit der Menschen lieber zustimmt als widerspricht, jeder lieber “ja” sagt als “nein”, lieber die Bereitschaft signalisiert, ein Projekt (neu) anzugehen, als es zu beenden, dann erscheint es wichtig, dass die Frage, die im Rahmen des EU-Referendums gestellt wird, so formuliert wird, dass nicht über den Austritt aus der EU, sondern über den Verbleib in ihr zu entscheiden ist. Wenn man sich wünscht, dass am Ende des Referendums eine Mehrheit für den Verbleib in der EU steht, würde man seinem Ziel also ein Stück näher kommen, wenn man fragt: “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] ein Mitglied der EU bleiben?”, statt zu fragen: “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] seine Mitgliedschaft in der EU beenden?” oder “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] aus der EU austreten?”.

Die Frage ist, ob es tatsächlich so ist, dass die Mehrheit der Menschen lieber “ja” sagt als “nein” und ob dies in allen möglichen Situationen zutrifft oder nicht. Im Vereinigten Königreich gibt es Leute, die das so sehen, einfach, weil sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit entsprechend interpretieren. So wurde die britische Bevölkerung im Jahr 1975 gefragt “Do you think the UK should stay in the European Community (Common Market)?”, zu Deutsch: “Sind Sie der Ansicht, dass das Vereinigte Königreich in der Europäischen Gemeinschaft … bleiben sollte?”. Damals hat sich eine Mehrheit der Bevölkerung für den Verbleib ausgesprochen, also die “ja”-Option statt der “nein”-Option gewählt. Aber was gibt es aus Sicht der empirischen Sozialforschung dazu zu sagen?

Tatsächlich ist die Tendenz von Personen, einer Frage oder Aussage in Befragungen zuzustimmen oder sie positiv zu bewerten, bereits im Jahr 1946 von Lee J. Cronbach in einem Aufsatz über “Response Sets and Test Validity” berichtet worden. In diesem Aufsatz beschreibt Cronbach die Ergebnisse einiger methodischer Experimente, die er mit Studierenden durchgeführt hat, und unter dem Stichwort “Bias; acquiescence” schreibt er:

“When students are offered two alternatives, as ‘True’ versus ‘False’, ‘Like’ versus ‘Dislike’, ‘Agree’ versus ‘Disagree’, etc., some use one more than the other. This effect has been demonstrated in the true-false test and in personality and attitude tests … Individual differences in asquiescence (tendeny to say ‘Yes’ or ‘True’) are reliable by split-half and parallel-test-with-elapsed-time methods …” (Cronbach 1946: 479-480).

Eine Zustimmungstendenz bedeutet, dass jemand eine Präferenz dafür hat, “ja” zu sagen oder zuzustimmen oder etwas positiv zu bewerten, unabhängig vom Inhalt der Frage. Fragt man also nach Zustimmung zur Aussage “Deutschland hat von der Mitgliedschaft in der EU überwiegend Vorteile”, dann wird eine Person mit Zustimmungstendenz ihr zustimmen, statt ihr nicht zuzustimmen oder sie abzulehnen, und dasselbe wird sie tun, wenn man sie nach ihrer Zustimmung zur Aussage “Deutschland hat von der Mitgliedschaft in der EU überwiegend Nachteile” fragt.

Schnell hill esserSeit Cronbachs Veröffentlichung (und einer bekannten Folgeveröffentlichung im Jahr 1950) und einer entsprechenden, sehr bekannt gewordenen Untersuchung von Berg und Rapaport aus dem Jahr 1954 ist die so genannte Zustimmungs- oder Ja-Sage-Tendenz in der methodischen Literatur über empirische Sozialforschung immer wieder untersucht worden, und die Diskussion hat sich längst dahingehend entwickelt, dass nicht mehr direkt die Frage nach der Existenz der Zustimmungstendenz gestellt wird, sondern danach gefragt wird, ob die Zustimmungstendenz als Persönlichkeitseigenschaft bzw. als Antwortstil einer Person aufzufassen ist, oder ob die Zustimmungstendenz der Befragungssituation geschuldet ist oder den Eigenschaften der in der Befragung verwendeten Messinstrumente. Ebenfalls diskutiert wird, ob Zustimmungstendenzen kulturell bedingt sind und entsprechend in verschiedenen Kulturen – meist werden aber tatsächlich Angehörige verschiedener Staaten, nicht Kulturen, untersucht – unterschiedlich stark ausgeprägt sind, was für die Zuverlässigkeit von Ergebnissen aus interkulturell oder international vergleichenden Studien von erheblicher Bedeutung ist (vgl. z.B. Herk et al. 2004).

Auch, wenn diese Diskussionen (noch) nicht beendet und die entsprechenden Fragen (noch) nicht geklärt sind, kann man versuchen, die Zustimmungstendenz zu identifizieren und ihr idealerweise entgegenzuwirken. So gilt die Formulierung von so genannten ungleichgerichteten Aussagen, wie sie von Converse und Presser 1986 vorgeschlagen wurde, im Rahmen von Fragebatterien als gute Praxis in der empirischen Sozialforschung. Bestimmte Überzeugungen werden im Rahmen einer Reihe von Fragen erhoben, die sich in der Richtung der Formulierung unterscheiden. Wenn Personen konsistente Überzeugungen zu einer bestimmten Sache haben, sollten sie diese Überzeugung auch bei in der Formulierung unterschiedlich gerichteten Fragen äußern. Bei einem Referendum wird aber aus Gründen der Klarheit und aus Kostengründen nur eine einzige Frage zu der Sache gestellt, über die entschieden werden soll, so dass diese Lösung bei einem Referendum nicht in Frage kommt.

Alternativ könnte man eine so genannte “balanced question”, zu Deutsch: “ausbalancierte Frage(formulierung)” stellen. Eine ausbalancierte Frageformulierung würde mit Bezug auf das oben gewählte Beispiel z.B. lauten: “Hat (Ihrer Meinung nach) die Mitgliedschaft in der EU für Deutschland eher Vorteile oder eher Nachteile?”, und die Antwortvorgaben für diese Frage müssten lauten: “eher Vorteile” und “eher Nachteile”. Und im Rahmen des EU-Referendums könnte eine ausbalancierte Frage lauten: “Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben, oder soll es nicht weiterhin Mitglied der EU bleiben?”

Es scheint, dass ausbalancierte Frageformulierungen die Zustimmungstendenz tatsächlich reduzieren, aber sie können unnötig lang und umständlich formuliert auf die Befragten wirken. Deshalb sind einige Studien durchgeführt worden, die testen, ob oder welche Unterschiede es macht, wenn die Balance in Frageformulierungen unterschiedlich hergestellt wird. Man unterscheidet inzwischen zwischen vollständiger und minimaler Balance und erfreulicherweise haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass es keinen nennenswerten Unterschied macht, ob eine vollständige oder eine minimale Balance in der Frageformulierung verwendet wird (Schaeffer et al. 2005).

Eine vollständig balancierte EU-Referendums-Frage könnte lauten:

“Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben, oder soll es nicht weiterhin Mitglied der EU bleiben?”, und die Antwortvorgaben müssten lauten: “Es soll weiterhin Mitglied in der EU bleiben”, und “Es soll nicht weiterhin Mitglied in der EU bleiben”.

Eine minimal balancierte Formulierung könnte lauten:

“Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben oder nicht?”, und die Antwortkategorien könnten lauten: “soll Mitglied bleiben” und “soll nicht Mitglied bleiben”.

Weil die Forschung Belege dafür erbracht hat, dass die Zustimmungstendenz besonders bei Fragen zu beobachten ist, denen dichotome Antwortvorgaben wie “ja” und “nein” oder “stimme zu” und “stimme nicht zu” beigegeben sind (Krosnick 1999), ist es tatsächlich eine brisante Frage, wie eine Frage im Rahmen eines Referendums gestellt wird, ob also z.B. gefragt wird: “Soll …. aus der EU austreten?” oder “Soll … Mitglied in der EU bleiben?”. Wer sich nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, er wolle die Befragten in Richtung einer bestimmten Entscheidung “drücken”, muss daher eine minimal balancierte Frageformulierung verwenden.

Im Vereinigten Königreich sollte dementsprechend nicht gefragt werden:

“Should the UK remain a member of the EU?” (“yes”/”no”),

sondern

“Do you think the UK should or should not remain a member of the EU?” (“should”/”should not”).

Number 10Diese Frageformulierung ist hinreichend kurz und verständlich und sie ist geeignet die Zustimmungstendenz zu verringern. Falls man sich in Number 10 Downing Street dennoch aus strategischen Gründen entschließen sollte, die erste Frageformulierung zu wählen, so ist dies zwar ein Verstoß gegen die Regeln der Kunst der empirischen Sozialforschung, aber dieselbe bietet dennoch Trost: In der Studie über Antwortmuster der Befragten in sechs EU-Staaten von Herk et al. (2004) hat sich gezeigt, dass “… British tended to display the lowest acquiescence of all EU repondents” (357).

Wen wundert’s? Uns nicht. Und die Deutschen werden ja ohnehin nicht danach gefragt, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht – außer von uns.

Und in diesem Zusammenhang bleibt anzumerken, dass unsere eigene Befragung nach dem Verbleib Deutschlands in der EU auch nicht den Regeln der Kunst entsprochen hat, was die Frageformulierung betrifft (was aber anscheinend niemand bemerkt hat, auch oder gerade nicht unter denen, denen das Abstimmungsergebnis nicht gefällt). Nur: Sie reduziert die Zustimmungstendenz nicht, und dennoch antworten – derzeit – knapp 93 Prozent der Befragten mit “nein”!

Literatur:

Berg, Irwin A. & Rapaport, Gerald M., 1954: Response Bias in an Unstructured Questionnaire”. The Journal of Psychology: Interdisciplinary and Applied 38,2: .475-481.

Converse, Jean M. & Presser, Stanley, 1986: Survey Questions: Handcrafting the Standardized Questionnaire. Beverly Hills: Sage.

Cronbach, Lee J., 1950: Further Evidence on Response Sets and Test Design. Educational and Psychological Measurement 10, 1: 3-31.

Cronbach, Lee J., 1946: Response Sets and Test Validity. Educational and Psychological Measurement 6, 4: 475-494.

Herk, Hester van, Poortinga, Ype H. & Verhallen, Theo M. M., 2004: Response Styles in Rating Scales: Evidence of Method Bias in Data From Six EU Countries. Journal of Cross-Cultural Psychology 35, 3: 346-360.

Krosnick, Jon A., 1999: Maximizing Questionnaire Quality, pp. 37-58 in: Robinson, J. P., Shaver, P. & Wrightsman, L. (eds.): Measures of Political Attitudes. San Diego: Academic Press.

Schaeffer, Eric M., Krosnick, Jon A., Langer, Gary E. & Merkle, Daniel M., 2005: Comparing the Quality of Data Obtained by Minimally Balanced and Fully Balanced Attitude Questions. Public Opinion Quarterly 69, 3: 417-428.

DEXIT? Laufende ScienceFiles-Umfrage: Immer mehr wollen aus der EU austreten

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Die Umfrage darüber, ob Deutschland aus der EU austreten soll, die wir vor nunmehr drei Tagen online gestellt haben, und die immer noch läuft (siehe unten), erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zwischenzeitlich haben sich 1.612 Leser von ScienceFiles an der Umfrage beteiligt, die Verteilung der Antworten fällt nun noch deutlicher aus als wir vor zwei Tagen berichtet haben.

Soll Deutschland in der EU bleiben 2

Wie auch immer man es dreht und wendet, in Deutschland gibt es ein großes Potential von Menschen, die mit der EU unzufrieden sind und ihr lieber heute als morgen den Rücken kehren würden. Allein auf ScienceFiles haben sich 1.494 Leser gegen einen Verbleib in der EU ausgesprochen und damit mehr als in Umfragen von Emnid, Allensbach oder Forsa überhaupt befragt werden (Die entsprechenden Umfrageinstitute sind in der Regel froh, wenn sie 1000 Befragte zusammenbekommen).

Aber: Eure Umfrage ist doch gar nicht repräsentativ, so haben wir zu hören bekommen, obwohl wir auf dieses Thema bereits im Text eingegangen sind.

Da ist er wieder, der Mythos der Repräsentativität, den Umfrageinstitute seit Jahrzehnten nähren, hegen und pflegen, um den Anschein zu erwecken, ihre Gewichtungskünste, also die Instrumente aus der Giftküche der Sozialforschung, die wir bereits in einem zurückliegenden Post offengelegt haben, würden dabei helfen, dass aus 1000 Befragten, die man per Telefon zur Beantwortung standardisierter Fragebögen gedrängt hat, ein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung wird.

Das Interessante ist: Es gibt Leute, die das glauben.

Es gibt Leute, die denken, es sei möglich, eine Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit sagen wir aller erwachsenen Deutschen ab 18 Jahren zu ziehen und dabei sicherzustellen, dass jedes Element der Grundgesamtheit dieselbe Möglichkeit hat, in diese Stichprobe zu gelangen, weshalb diese Stichprobe von 1000 Befragten repräsentativ sei.

Nun, wer schon einmal mit Datensätzen von Meinungsforschungsinstituten gearbeitet hat und die geschätzt 12 verschiedenen Gewichtungsfaktoren zum Anfang der Datensätze in Erinnerung hat, mit denen die Abweichung des eigentlich doch repräsentativen Datensatzes im Hinblick auf die Altersverteilung, die Verteilung nach Geschlecht, die Verteilung nach Stadt und Land korrigiert werden soll, der kann nicht anders als über die Naivität der Repräsentativitätsgläubigen zu schmunzeln: Wäre die Zufallsauswahl repräsentativ, man müsste sie nicht gewichten – oder?

Schnell hill esserAber derart intime Kenntnisse von Datensätzen sind gar nicht notwendig, um den Unsinn hinter der Idee, man könne eine repräsentative Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit der deutschen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahren ziehen, zu erkennen.

Die Prämisse hinter der Zufallsauswahl setzt eine identische Erreichbarkeit aller Elemente der Grundgesamtheit voraus.

Utopischer kann eine Prämisse kaum sein.

Nehmen Sie an, Sie haben ein Befragungsinstitut mit einem Telefonpool und rufen abends von 17 Uhr bis 22 Uhr die Personen an, die sie aus dem Telefonbuch zufällig gezogen haben:

  • Alle, die nicht im Telefonbuch stehen, eine Geheimnummer haben, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht zuhause sind, weil sie z.B. Schicht arbeiten oder in einer Kneipe sitzen, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht ans Telefon gehen, weil sie sich beim Abendessen oder bei was auch immer nicht stören lassen wollen, sind nicht im Datensatz;

Wie man es dreht und wendet, der Datensatz ist nicht repräsentativ, denn nicht alle Elemente der Grundgesamtheit haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, an der Befragung teilzunehmen (das wäre zu einer anderen Uhrzeit nicht anders). Und die genannten, sind nicht die einzigen systematischen Ausfälle:

  • Wer im Krankenhaus liegt, der fällt aus.
  • Wer in Urlaub ist, der fällt aus.
  • Wer obdachlos ist, der fällt aus.
  • Wer stumm ist, der fällt aus.
  • Bei wem die Telekom das Telefon gesperrt hat, weil er seine letzten beiden Rechnungen nicht bezahlt hat, der fällt aus.

Aber natürlich ist der Datensatz, der von einem Meinungsforschungsinstitut stammt, sind die Ergebnisse, die von einem der bekannten Institute veröffentlich werden, repräsentativ. Auf irgendeine magische Art und Weise mutieren sie von einer verzerrten zu einer nicht verzerrten, einer repräsentativen Stichprobe, nicht in der Realität, aber in der Vorstellungskraft derjenigen, die unbedingt an die Repräsentativität glauben wollen.

Das sind dann witzigerweise diejenigen, die die Tatsache, dass 1.494 Leser von ScienceFiles aus der EU austreten wollen, als nicht repräsentativ vom Tisch wischen wollen, um im nächsten Satz darüber zu klagen, dass von den 25 Hanseln in der angeblich repräsentativen Stichprobe von 1000 Befragten des Instituts X, die von sich sagen, sie seien homosexuell 60%, also 15, angeben, sie seien schon einmal diskriminiert worden. Skandal! Und was sind schon 1.494 ScienceFiles-Leser im Vergleich zu 15 diskriminierten homosexuellen Hanseln? Nicht repräsentativ!

Viele Deutsche wollen einfach glauben, glauben, dass Dinge, die ihnen nicht gefallen, z.B. dass 1.494 Leser von ScienceFiles sagen, sie wollen die EU verlassen, nicht repräsentativ sind, während Dinge, die ihre Agenda unterstützen, sagen wir 15 diskriminerungserfahrene Homosexuelle aus einer Stichprobe von 1.000 am Telefon befragten Deutschen, die repräsentativ sein soll, auch tatsächlich korrekt und repräsentativ ist.

Dorroch MeinungsmacherIn der Pfalz sagt man: Heär, pätz äm Ochs ins Härn und meint damit, es ist besser sich die sinnlose Mühe, die darin besteht, Gläubige von der Unsinnigkeit ihres Glaubens überzeugen zu wollen, zu ersparen. Mancher Deutscher Weltbild ist nur in Ordnung, wenn Glaubensinhalte wie der an die Repräsentativität von Umfragedaten unbeeindruckt von empirischer Realität stehen bleiben. Also lassen wir sie in ihrer Glauben.

Sicher, unsere Umfrage ist verzerrt. ScienceFiles spricht in erster Linie kritische Leser an. Wir haben vornehmlich berufstätige Leser, viele davon sind an Hochschulen beschäftigt, unsere Leser sind mehrheitlich männlich. Kurz: Wir haben ähnliche Verzerrungen wie Umfrageinstitute, die regelmäßig zu viele erwerbslose, zu wenige junge und zu viele weibliche Befragte in ihren Stichproben finden.

Deshalb gewichten sie ihre Datensätze.

Wir tun das nicht. Warum auch? Sind 1.494 Befragte, die bislang die EU verlassen wollen, nicht genug? Muss man sie heruntergewichten, minimalisieren, marginalisieren, das Problem ihrer Existenz wegrechnen, damit man sich in seiner EU-heilen Welt wieder wohlfühlen kann?

Das Ganze erinnert an eine Begebenheit, die sich vor einigen Jahren ereignet hat, als Dr. habil. Heike Diefenbach als wissenschaftlicher Berater im Familienbeirat der Stadt Leipzig saß. Von ihr damit konfrontiert, dass damals järhlich rund 6% der Leipziger Jungen ohne einen Schulabschluss blieben, meinte der  damalige Beigeordnete, in dessen Zuständigkeit der Familienbeirat gefallen ist: “Na, das sind ja nicht viele”. Nun, bei rund 43.000 Schülern an Leipziger Schulen, und rund 22.000 männlichen Schülern stehen pro Jahr hinter den 6% 1.320 Einzelschicksale, d.h. in fünf Jahren 6.600 Einzelschicksale. Mman muss schon sehr mit Engels sympathisieren und von der Lumpigkeit des Individuums überzeugt sein, um darin nicht viele und kein Problem zu erkennen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir politische Verantwortung in Deutschland tragen würden, dann würde uns das Ergebnis der nach wie vor laufenden Umfragen von ScienceFiles schlaflose Nächte bereiten.

Deutschland: Better off out?

Große Umfrage: Deutsche wollen die Europäische Union verlassen

Pressemitteilung

Zwei Tage lang hat ScienceFiles, das am häufigsten gelesene deutsche Wissenschaftblog, seine Leser gefragt, ob sie lieber in der Europäischen Union verbleiben oder die Europäische Union verlassen wollen. 1.189 Leser von ScienceFiles haben sich bislang an der Umfrage beteiligt. 91% (1.087 Leser) haben die Frage: “Soll Deutschland in der EU bleiben?” mit “nein” beantwortet. 67 Leser (6%) votieren dafür, dass Deutschland in der Europäischen Union verbleibt.

Soll Deutschland in der EU bleiben

Die Ergebnisse sind selbst für Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein von der ScienceFiles-Redaktion, die sich seit Jahren mit den Tiefen und Untiefen der empirischen Sozialforschung befassen, unerwartet: “Wir haben viele kritische Leser auf ScienceFiles und einen Intellektuellen-Bias, aber dieses Ergebnis hätten wir dennoch nicht erwartet”, so bringen beide ihre Überraschung auf den Punkt.

“Dass die Europäische Union in den letzten Jahren an Reputation und Unterstützung eingebüßt hat, das kommt sogar in den Eurobarometer-Umfragen der Union zum Vorschein, die sich ansonsten nicht unbedingt dadurch auszeichnen, dass sie versuchen, die Meinung der Europäer akkurat und methodisch einwandfrei abzubilden“, sagt Dr. habil. Heike Diefenbach, die über eine langjährige Erfahrung in empirischer Sozialforschung als Primärforscher verfügt und die an den Universitäten Chemnitz, Leipzig und München Studenten Statistik und Methoden der empirischen Sozialforschung beigebracht hat.

“Anlässlich der Bundestagswahl 2014″, so erzählt Michael Klein, “haben wir unsere Leser gefragt, welche Partei sie voraussichtlich wählen werden. Damals ist es uns gelungen, das Ergebnis der Bundestagswahl mit einer Abweichung von knapp 3% vorherzusagen. Insofern fragen wir uns schon, was in Deutschland los ist. Wenn 91% der ScienceFiles-Leser, die sich an der Befragung beteiligt haben, aus der EU austreten wollen, dann liegt etwas massiv im Argen”, sagt Michael Klein, der jahrelang mit den Daten des Eurobarometers und für die Europäische Union gearbeitet hat.

“Es hilft alles nichts”, so Heike Diefenbach, “unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass es in Deutschland eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die aus der Europäischen Union austreten wollen. Ein Blick auf die 16 Leser, die von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, eine eigene Antwortalternative zu formulieren, gibt einen Hinweis auf die Gründe für diese EU-Müdigkeit. Die meisten dieser 16 Leser wollen den politischen Apparat der EU abbauen und zurück zur Wirtschaftsgemeinschaft. Der beabsichtigte politische Ausbau der Europäischen Union ist anscheinend nicht populär”, so Heike Diefenbach.

Entsprechend kann man zwei Dinge feststellen: Im Vereinigten Königreich wird über einen möglichen Austritt aus der EU in einem Referendum zum Ende des Jahres 2017 abgestimmt werden. Die Umfragen zeigen, die britische Bevölkerung ist über die Frage eines Verbleibs in der EU geteilter Ansicht. In Deutschland wird es kein entsprechendes Referendum geben. Niemand fragt die Deutschen, ob sie in der EU bleiben wollen. Würde man sie fragen, die Antwort wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht geteilt, sondern negativ.

Besser man fragt sie nicht.

Gott ist mit den Arbeitslosen

Wer regelmäßig zum Gottesdienst geht, der leidet weniger unter dem Verlust seines Arbeitsplatzes. Clemens M. Lechner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Thomas Leopold, University of Amsterdam, sind für dieses Ergebnis verantwortlich und zudem der Ansicht, sie hätten die wichtige Rolle von Religioisität belegt, wenn es darum geht, mit kritischen Lebensereignissen umzugehen.

Starten wir bei den Prämissen:

Wer arbeitslos wird, der hat unglücklich zu sein, gesundheitlich zu leiden oder doch zumindest: es darf ihm nicht gut gehen, denn Arbeitslosigkeit ist kurz vor dem Tod das größte Unglück, das einem rechtschaffenden Bürger in Deutschland widerfahren kann. So will es die Folklore, wie sie von Universitäten dröhnt.

unemployment line godMan könnte zwar auch der Ansicht sein, dass die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses eine Chance darstellt, eine Chance, sich zu beweisen, sich nach einem neuen Arbeitsplatz umzusehen, sich am Ende selbständig zu machen, aber, nicht in Deutschland. Hier ist Arbeitslosigkeit ein Verdammnis, das nicht nur von den Gewerkschaften, die alles tun, um Arbeitslose aus tariflichen Arbeitsverhältnissen fernzuhalten, beklagt wird.

Nun gut: Arbeitslosigkeit macht unglücklich oder doch zumindest unzufrieden. Bleiben wir bei unzufrieden, denn die Lebenszufriedenheit ist als Frage in den Wellen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) enthalten. Lechner und Leopold rechnen mit dem SOEP, also untersuchen sie den Einfluss von Religiosität auf Lebenszufriedenheit.

Was uns zum nächsten Problem bringt: Wie misst man Religiosität? Hat Religiosität etwas mit dem Aufsuchen von Kirchen zu tun?

Hat es, so sagen Lechner und Leopold, denn im SOEP ist die Frage nach der Häufigkeit des Kirchgangs enthalten. Lechner und Leopold müssen daher auf diese Variable zurückgreifen, weshalb die Kirchgangshäufigkeit zur Religiosität erklärt und mit der Lebenszufriedenheit korreliert wird.

Und siehe da: Wer häufiger in die Kirche geht, dessen Lebenszufriedenheit sinkt, nachdem er arbeitslos geworden ist, weniger als die Lebenszufriedenheit seltener Kirchgänger oder gar vom Kirchgang Abstinenter und sie erholt sich auch schneller: nach rund 3 Jahren Arbeitslosigkeit und wöchentlichem Kirchgang ist die Lebenszufriedenheit wieder da, wo sie vor der Arbeitslosigkeit war.

So ist das.

Mehr ist auf den acht Seiten des Beitrags von Lechner und Leopold, der im Journal for the Scientific Study of Religion gedruckt wurde, nicht an Aussage enthalten.

Nicht nur ist nicht mehr Aussage enthalten, es fehlen auch grundlegende Angaben zur Verteilung der Antworten, deskriptive Statistiken für die genutzten Variablen zum Beispiel. Das ist misslich, denn der Effekt von Arbeitslosigkeit auf Lebenszufriedenheit, den man aus Abbildung 1 heraus schätzen muss, bewegt sich im Bereich von relativ zufrieden (6,7 von 10). Zur Erinnerung: Die Lebenszufriedenheit wird auf einer Skala von 0 bis 10 eingeordnet, je höher der Wert, desto höher die Zufriedenheit.

Diejenigen, die im SOEP arbeitslos werden, geben vor der Arbeitslosigkeit eine Lebenszufriedenheit von 6,7 an, im ersten Jahr nach der Arbeitslosigkeit eine, von 6,3 bei wöchentlichem Kirchgang, und eine von rund 6 bei Kirchgangs-Abstinenz. Das ist kein großer Unterschied, von dem man gerne gewusst hätte, ob er zwischen den Gruppen der Kirchgänger signifikant ist, was, da er sich im Bereich von 4% bis 8% der Gesamtskala abspielt, eher unwahrscheinlich ist.

In jedem Fall muss man feststellen, dass Personen, die arbeitslos werden, nach dem Eintritt der Arbeitslosigkeit weniger zufrieden sind als zuvor. Das legt nicht unbedingt nahe, dass Arbeitslosigkeit mit erheblichen Einschnitten in das jeweilige Leben einhergeht. Wäre das so, man würde einen Absturz der Lebenszufriedenheit sehen. Wäre Arbeitslosigkeit wirklich die Katastrophe in der Lebensführung, die Lebenszufriedenheit, sie würde auf Werte um 2-3 abstürzen, sich nicht im Miniaturbereich relativer Zufriedenheit verändern.

Aber sei’s drum.

Häufiger Kirchgang führt, so Lechner und Leopold, nicht nur dazu, dass diejenigen, die arbeitslos werden, auch nach Eintritt der Arbeitslosigkeit kaum Einbußen in ihrer Lebenszufriedenheit hinnehmen, er führt auch dazu, dass sie in kurzer Zeit (2 – 3 Jahre) wieder zur vollen Höhe ihrer Lebenszufriedenheit gelangen, obwohl sie weiterhin arbeitslos sind.

Und jetzt, da sich die Frage nach dem warum, warum ist das so, geradezu aufdrängt, jetzt ist der Text von Lechner und Leopold zu Ende.

Also ist es wieder an uns, Hypothesen darüber zu bilden, warum häufiger Kirchgang die vorhandene Zufriedenheit von Arbeitslosen steigert.

Was zunächst einfällt, ist natürlich das Matthäus-Evangelium, 6: 26:

“Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?”

Wenn Vögel ohne Arbeit satt werden, dann natürlich Menschen erst recht, denn: “Seid ihr … nicht viel mehr denn” Vögel? Es fehlt hier natürlich die Angabe der unterscheidenden Kriterien, die Menschen zu mehr machen, aber wir nehmen das als Offenbarung Gottes hin und sehen: Kirchgang erhöht die Wahrscheinlichkeit die Grundlagen eines christlichen Sozialstaates vermittelt zu bekommen: “Sorget nicht für euer Leben”, euer himmlischer Vater vertreten durch die anderen Steuerzahler, die sich entgegen dem Rat des “himmlischen Vaters” doch um ihr Leben sorgen, sie ernähren euch doch.

Wenn das nicht zufrieden macht?

Der verlorene SohnUnd nicht genug damit, gibt es doch noch das Gleichnis des verlorenen Sohnes, das ein nicht näher genanntes Mitglied der Redaktion von ScienceFiles schon in ihrer Jugend verärgert hat: Sie kennen das Gleichnis des verlorenen Sohnes, des nichtsnutzigen Sohnes, der sich seinen Erbteil ausbezahlen lässt, ihn durchbringt, dann, abgebrannt bis auf sein letztes Hemd reuig zurückkommt, und von seinem Vater erfreut aufgenommen wird?

Etwa so: “Alles ist vergeben und vergessen. Drehen wir die Uhr zurück, tun so, als sei Dein Erbteil gar nicht ausbezahlt worden und leben ab sofort und üppig von den Früchten der Arbeit Deines Bruders. Der Trottel hat nämlich all die Jahre, die Du gebraucht hast, um Dein Erbe durchzubringen, gearbeitet und die Ressourcen angesammelt, die wir nun, da Du zurück gekehrt bist, fröhlich verbrauchen werden.”

Kein Wunder, dass man als Arbeitsloser durch häufigen Kirchgang mit seinem Leben zufriedener wird, wird doch die christliche Einsicht vermittelt, dass es nichts macht, anderen zur Last zu fallen, im Gegenteil: Es gehört sich so. Der himmlische Vater, der will das so.

Wie immer sind wir für andere Hypothesen offen.

Lechner, Clemens M. & Leopold, Thomas (2015). Religious Attendance Buffers the Impact of Unemployment on Life Satisfaction: Longitudinal Evidence from Germany. Journal for the Scientific Study of Religion 54(1): 166-174.

Marx aktualisieren: Klassenkampft 2015f

Seit einiger Zeit schon denken wir darüber nach, Karl Marx und seine Theorie des Klassenkampfes zu aktualisieren – schon weil diejenigen, die sich derzeit in den Fußstapfen des Trierers wähnen, der falschen Fährte folgen.

Denn: Der Klassenkampf hat sich entwickelt, findet nicht mehr zwischen Arbeitern und Kapitalisten bzw. Produktivkräften und Inhabern der Produktionsmittel statt. Der Klassenkampf hat eine Tertiarisierung erfahren.

Karl MarxDoch zurück zu den Anfängen im Urkommunismus, in dem, so haben sich Friedrich Engels und Karl Marx erinnert, die Gleichheit der Menschen gegeben war. Warum? Nun, weil kein Mehrwert erwirtschaftet wurde, und wenn kein Mehrwert erwirtschaftet wird, wenn man nur von der Hand in den Mund lebt, so die beiden Paläo-Klassentheoretiker, dann gibt es keine Macht- und keine Herrschaftsstrukturen. Wenn jeder von der Hand in den Mund lebt, dann gibt es nichts, was man sich aneignen kann. Ganz so romantisch, wie der Urkommunismus zuweilen dargestellt wird, scheint die Gestalt, die er in den Gehirnen von Marx und Engels angenommen hat, nicht gewesen zu sein.

Mit dem Mehrwert kommt die Herrschaft und die Macht: Überschussproduktion, so haben Marx und Engels theoretisiert, führe zur Herausbildung von zwei Klassen: eine, die den Überschuss produziert, die Produktivkräfte, und eine, die sich den Überschuss aneignet. Besser, man gehört zur zweiten Gruppe.

Und so hat sich der historische Materialismus, den Marx und Engel hier erdacht haben, über die Jahrhunderte entwickelt, vom Antagonismus zwischen Sklaven und Sklavenhaltern, über den zwischen Feudalherren und Bauern bis zu den Bonzen und den Arbeitern. Und von letzterer Idee sind die Linken noch heute beseelt – ganz so, als habe Karl Marx nicht im 19. Jahrhundert gelebt, ganz so, als beschreibe sein Historischer Materialismus kein Entwicklungsgesetz, ganz so, als sei die Zeit stehen geblieben und mit ihr das Denken der Linken.

Mit anderen Worten: Die Linken hinken der Entwicklung hoffnungslos hinterher. Sie sind veraltet und bedürfen einer dringenden Modernisierung.

Das Entwicklungsgesetz des Historischen Materialismus besagt, dass Produktivkräfte der Motor der Entwicklung sind, dass Umwälzung nur dann stattfindet, wenn die Entfaltung der Produktivkräfte durch die Inhaber der Produktionsmittel behindert wird. Aus diesem Spannungsverhältnis, so hat Karl Marx erwartet, ergebe sich das Ende für den bürgerlichen Kapitalismus und nach einer Phase, in der das Proletariat per Diktatur regiere, gehe die Menschheit ein, in den Garten Eden des Kommunismus, kehre zurück in den Zustand der Gleichheit, der den Urkommunismus ausgezeichnet hat, als man keinen Mehrwert produziert und von der Hand in den Mund gelebt hat.

Nun warten die Linken seit rund 150 Jahren, und was ist passiert?

Nichts!

Und warum? Weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Marx hat sich geirrt und Engels sowieso.

Nicht die Diktatur des Proletariats ersetzt den Antagonismus von Arbeitern und Kapital, sondern der Antagonismus der Mehrwertschaffenden und der Mehrwertverbrauchenden.

Insofern kehren wir auch nicht zurück in den Urkommunismus, sondern in eine neue Variante antiker Gesellschaft, in der es eine Klasse von Menschen gibt, die den Mehrwert erwirtschaften, und eine Klasse von Menschen, die den von anderen geschaffenen Mehrwert verbraucht.

Mehrwertschaffende Menschen sind nach wie vor Arbeiter, aber auch Selbständige und Unternehmer. Sie erwirtschaften Lohn, Einkommen und Umsatz durch die Herstellung von Produktivgütern.

Mehrwertverbrauchende Menschen sind all diejenigen, die vom Lohn, Einkommen oder Umsatz der mehrwerterschaffenden Menschen leben ohne selbst (nennenswert) zur Schaffung von Mehrwert beizutragen.

Darunter:

  • Professional spongerDie Gruppe der Politiker, die sich dafür bezahlen lässt, dass sie den Mehrwertschaffenden vorgaukelt, in deren Interesse zu handeln.
  • Die Gruppe der Funktionäre, die nicht nur den von anderen geschaffenen Mehrwert verbrauchen, sondern dafür sorgen, dass der Anteil des Mehrwerts, der den Mehrwertschaffenden zukommt, kontrolliert wird. Sie tun dies z.B. dadurch, dass sie kollektive Lohnverhandlungen führen und individuelle Mehrwertschaffende daran hindern, einen ihren Fähigkeiten angemessenen Preis für ihre Arbeitskraft zu erhalten. Sie tun dies dadurch, dass sie die über kollektive Lohnverhandlungen die Anzahl der Mehrwertschaffenden, die in Arbeitslosigkeit geparkt werden, künstlich hochhalten, um auf diese Weise ein Druckmittel gegenüber den Mehrwertschaffenden in Arbeit zu gewinnen.
  • Die Gruppe der Aktivisten, die von anderen geschaffenen Mehrwert dafür verbrauchen, dass sie gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen, dass sie Arbeiter gegen Unternehmer aufhetzen, Männer gegen Frauen, Alte gegen Jungen, Kranke gegen Gesunde, Dicke gegen Dünne, der Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.
  • Die Gruppe der Lebens-Berater, die von anderen geschaffenen Mehrwert dadurch verbrauchen, dass sie Entscheidungen für Dritte treffen, diese Dritten entmündigen, z.B. indem Sie deren Zugang zu Drogen begrenzen, den Preis von Konsumgütern mit Steuern erhöhen, weil sie der Ansicht sind, die entsprechenden Konsumgüter seien für andere schädlich usw.
  • Die Gruppe der schlichten Nutznießer, die einfach nur durch andere geschaffenen Mehrwert verbrauchen. Sie entspricht der von Marx als Lumpenproletariat bezeichneten Gruppe findet sich heute aber vornehmlich unter den Transferexistenzen der Mittelschicht.

All die Genannten leben von dem, was die Mehrwertschaffenden erwirtschaften. All die Genannten versuchen auf die eine oder andere Weise, durch Gesetze, durch Tarifvereinbarungen, durch Vorschriften zum richtigen Leben, durch Transferverpflichtungen für die Mehrwertschaffenden, Letztere zu kontrollieren, wobei die Kontrolle dazu dient, die Mehrwertschaffenden auch weiterhin ausnutzen zu können.

Dabei spielt, wie immer im Marxismus, das Bewusstsein eine entscheidende Rolle. Marxismus gehört in das Lager des Hegelschen Materialismus und entsprechend wird dem Sein eine bewustseinschaffende Funktion zugewiesen.

Nun ist im modernen Marxismus nicht das Bewusstsein der Produktivkräfte, nicht das Bewusstsein der Mehrwertschaffenden fehlerhaft, sondern das Bewusstsein der Mehrwertverbrauchenden. Ihre materielle Existenz vermittelt ihnen das Bewusstsein, dass man auch ohne einen Mehrwert zu schaffen, ohne produktiv zu sein, ein sorgenfreies und üppiges Leben führen kann. Da sie im Gegensatz zu den malochenden Mehrwertschaffenden, nicht malochen müssen, hat sich bei Ihnen ein Bewusstsein von Überlegenheit eingestellt, d.h. die Ansicht, sie seien den Mehrwertschaffenen überlegen, könnten für diese Entscheiden, z.B. darüber, wie viel ihres Lohns, Einkommens oder Umsatzes sie an die Mehrwertverbraucher abzugeben haben.

Dabei merken die Mehrwertverbraucher nicht, dass sie am eigenen Ast sägen, da Ressourcen endlich sind, d.h. man die Mehrwertschaffenden nicht endlos belasten kann. Anders formuliert: Der Weg zurück in die Sklavengesellschaft der Antike ist nur bedingt möglich.

Folglich ist es im aktuellen Klassenkampf, die Aufgabe der Mehrwertschaffenden, den Mehrwertverbrauchenden das richtige Bewusstsein zu verschaffen, z.B. durch Formen des passiven Widerstands, Formen der Abgabe- bzw. Steuerverweigerung oder Formen der Verweigerung von Unterhalt und Transferzahlungen.

Im Gegensatz zu früheren Klassenkämpfen haben die Mehrwertschaffenden alle Trümpfe auf ihrer Seite, denn: Sie verfügen über Produktivkräfte und Produktionsmittel, die Mehrwertverbrauchenden verfügen bestenfalls über gesellschaftliche Positionen, die vielleicht auch mit Macht einhergehen, aber letztlich austrocknen bzw. absterben, wenn Mehrwertschaffende sie nicht mehr finanzieren.

©ScienceFiles, 2015