Regelungspsychopaten: Die Angst vor Pluralismus

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass diejenigen, die am lautesten nach Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz rufen, diejenigen sind, die am wenigsten in der Lage sind, Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz zu ertragen?

WohngebietNein, wir wollen heute gar nicht das Neubau-Wohngebiet-Argument machen. Sie wissen schon. Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität ist vor allem in der Mittelschicht schick, aber wehe, ein Türke, dessen Frau ein Kopftuch trägt, kauft das Nachbarhaus, stört die Monotonie aus Vorgarten und Kinderspielburg durch Abweichung, durch Pluralität.

Nein, wir haben heute am Frühstückstisch über etwas diskutiert, was im Neo-Institutionalismus und mit Bezug auf Erving Goffman als Vorder- und Hinterbühne bekannt ist. Neo-Institutionalisten gehen davon aus, dass Erwartungen und Normen, die in Form von Institutionen an Akteure herangetragen werden, deren Verhalten beeinflussen, wenn nicht determinieren. Da Erwartungen, die von unterschiedlichen Institutionen ausgehen, die dumme Eigenschaft haben, nicht homolog zu sein, führen Akteure eine Trennung zwischen dem ein, was sie auf der Vorderbühne darstellen, den anderen erzählen, und dem, was sie auf der Hinterbühne ausführen.

Man kann das auch Heuchelei nennen, aber irgendwie klingt die neo-institutionalistische Darstellung besser.

Goffman TheaterWie dem auch sei: Viele Deutsche geben auf der Vorderbühne den Toleranten, den sich an Diversität Freuenden, den Pluralismus-Enthusiasten, den Akzeptanz-Fetischisten, um dann auf der Hinterbühne zum intoleranten Akteur zu werden, dessen einziges Ziel darin besteht, Pluralismus einzuschränken, Diversität zu unterbinden, Akzeptanz auf die Dinge zu beschränken, die ihm genehm sind, und Toleranz für sich einzufordern, aber nicht anderen entgegen zu bringen.

Hier ein paar Beispiele

  • Seit Jahren wird gegen ein Feindbild zu Felde gezogen, das unter den Bekämpfern als Maskulinität bekannt ist. So hat Joane Nagel im Jahr 1998 einen Beitrag zusammengeschrieben, in dem sie Maskulinität, Nationalismus und Militarismus als Ausgeburt derselben Quelle dingfest macht. Ein wahres Fest für alle Intoleranten, die nunmehr losgezogen sind, um Maskulinität mit den unterschiedlichsten negativ konnotierten Ismen und sonstigen Verwerflichkeiten zu füllen: von Stolz und Ehre bis zu Standhaftigkeit und Prinzipientreuen, von Machismo bis Hanteltraining. Daraus haben sie dann die Notwendigkeit abgeleitet, Maskulinität und alles, was sie als Äußerung davon ansehen, zu bekämpfen. Wir finden hier zwei psycho-pathologische Prozesse am Wirken: Einerseits wird die eigene Angst und Abwehr von Dingen, die als fremd und gefährlich wahrgenommen werden, unter einem übernommenen Label, hier Maskulinität, gesammelt, andererseits wird die Behauptung, Maskulinität sei schlecht und z.B. über die Verbindung mit Nationalität anti-pluralistisch, anti-divers oder intolerant gegenüber anderen, zum Anlass für eine eigene Projektion genommen, die sich gegen das, was man als Maskulinität versteht, richtet, ihm mit Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenübertritt und somit die Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen zerstört. Die Lehre vom neuen, gleichgeschalteten Mann löst die Vielfalt früherer Entwürfe von Männlichkeit ab. Der dürre mittelalte Familienvater ohne erkennbare Züge (you would pass him on the street without noticing) tritt an die Stelle des markanten Kerls.
  • Kleine Hexe unzensiertDer Zeitgeist will es so, dass Normalitäten früherer Jahre heute als Rassismus oder Frauenfeindlichkeit oder was auch immer interpretiert werden. Wieder wird die Etikettierung konkreter Inhalte, wie z.B. der Zeichnungen in Tim und Struppi, der Worte “Neger” oder “Zigeuner” als Rassismus, also eine Zuschreibung durch Betrachter, Leser oder Zuhörer, benutzt, um Vielfalt, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus zu feiern und die Feier der Vier zum Anlass zu nehmen, sie einzuschränken, wenn z.B. Neger und Zigeuner als Begriffe aus Kinderbüchern beseitigt werden oder abwertende Zeichnungen von z.B. Schwarzen zum Anlass genommen werden, um Kinderbücher umzuschreiben oder gleich ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Haben Kinder eigentlich kein Recht auf Geschichte, kein Recht darauf, zu sehen, dass zu anderen Zeiten bestimmte Ansichten geherrscht haben, die man heute als falsch oder rassistisch ansieht? Ist es wirklich notwendig, den Zeitgeist und die eigene Zuschreibung dessen, was z.B. rassistisch oder frauenfeindlich sein soll, so zu überhöhen, dass sie für andere zum Gesetz wird und deren Freiheit auf Wahrnehmung einschränkt, ihnen eine brave new world vorgaukelt, die es nicht gibt und nie gegeben hat?Man muss sich unwillkürlich fragen, wie weit die entsprechenden Gutmenschen ihre eigene Psychose eigentlich treiben wollen, wie lange es dauert, bis sie merken, dass sie nicht sonderlich glaubwürdig sind, wenn sie auf der Vorderbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität verkünden und auf der Hinterbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität bekämpfen.
  • Nehmen wir die Baden-Württembergische Landesregierung und ihren Bildungsplan 2015 als letztes Beispiel. Die Akzeptanz und Toleranz der Baden-Württembergischen Landesregierer, ihre Achtung vor dem Freien Willen ihrer Bürger und deren Fähigkeit, selbständig zu denken, ist so groß, dass sie bestimmte Gegenstände erst gar nicht zulassen wollen. Die Vorstellung, es könnte Menschen geben, die weder Homosexuelle noch Intersexuelle mögen, ist ihnen so ein Graus, dass sie die Entsprechenden stigmatisieren und zu Abnormitäten deklarieren, denen man nicht tolerant gegenüber treten könne, die man nicht akzeptieren könne. Der Ruf nach Akzeptanz und Toleranz gegenüber nicht-Herosexuellen führt dazu, dass die Welt in Schulbüchern bereinigt wird und diejenigen, die nicht-Heterosexuelle ablehnen, einfach getilt werden.

Die drei Beispiele zeigen, wie vermeinliche Kämpfer für Toleranz, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus, das, wofür sie zu kämpfen vorgeben, in ihrem Kampf beseitigen und Gleichstellung betreiben: Gleichstellung des richtigen Mannes, der richtigen Art, wie ein neuer Mann sich zu gerieren hat. Abweichung ist nicht vorgesehen; Gleichstellung der Geschichte, indem Darstellungen vergangener Jahrhunderte gefälscht werden und eine Auseinandersetzung mit anderem Denken verunmöglicht wird, Gleichstellung der sozialen Welt, indem das Recht, bestimmte Lebensstile nicht zu mögen, beseitigt wird.

Es ist schon seltsam, wie emsig die vermeintlichen Pluralisten an der Beseitung von Pluralismus arbeiten, wie sie die Diversität immer dann, wenn sie ihnen nicht passt, durch Normierung des einzig Richtigen beseitigen und Akzeptanz und Toleranz immer da verweigern, wo im Ergebnis soziale Gleichschaltung vermieden würde.

age-trickUnd ganz schnell sind die Kämpfer mit dem Ruf nach oder dem Entwurf einer Regelung bei der Hand, sind sie bereit, die Einschränkungen, die sie dem Leben anderer auferlegen wollen, verbindlich zu machen. Regelungen und Gesetze sind kodifizierte Handlungserwartungen. Wenn Rassismus unter Strafe gestellt wird, verbindet sich damit die Erwartung, dass niemand mehr rassistisch ist (was immer das auch konkret bedeuten mag). Regelungen sorgen für Sicherheit im Alltagsleben. Die Erwartungen, die man dem Verhalten Dritter entgegenbringt, haben nun eine hohe Wahrscheinlichkeit, erfüllt zu werden. Und damit sind wir am Kern der ganzen Psychose, die viele Kämpfer für Toleranz und Akzeptanz, für Pluralismus und Diversität anzutreiben scheint: Es ist ihre eigene Angst vor den Konsequenzen von Toleranz und Akzeptanz, ihre Angst für Pluralismus und Diversität.

Man stelle sich den Einbruch afrikanischer Lebensfreude in ein schniekes Wohngebiet in Paderborn vor, oder das Erschrecken des Pluralisten, wenn er mit einem Polizeibeamten konfrontiert ist, dessen Eltern aus Angola nach Deutschland gekommen sind. Stellen Sie sich die Schwierigkeit vor, die es dem selbsterklärten Intellektuellen bereitet, seinem Kind bestimmte Darstellungen in Kinderbüchern in ihren historischen Bezügen zu erklären. Schlimmer noch: Was tun, wenn die Tochter einen Freund mit nach Hause bringt, der nach allem äußeren Anschein aus dem Maghreb stammt?

Nein, zuviel Diversität und Pluralismus, zu viel Akzeptanz und Toleranz ist nicht gut für die Seele und den Geist der Kämpfer für Diversität und Pluralismus und Akzeptanz und Toleranz. Zuviel davon bringt ihr inneres Gleichgewicht durcheinander und ihre Angst davor, dass etwas anders als erwartet sein könne, in Wallung. Deshalb: Verbieten, alles verbieten, vor allem Diversität und Pluralismus.

Eigentlich ist es logisch recht einfach zu argumentieren, warum ein allumfassendes Gut wie “Freiheit”, “Diversität” oder “Pluralismus” nicht eingeschränkt werden kann, denn es gibt keine %ige Freiheit, kein richtiges Maß für Diveristät und keine korrekte Menge an Pluralismus. Es gibt alles nur uneingeschränkt. Eingeschränkte Freiheit ist keine Freiheit, reglementierte Diversität ist keine Diversität und normierter Pluralismus kein Pluralismus. Wenn logische Zusammenhänge, die derart offensichtlich sind, dennoch nicht eingesehen werden, dann gibt es in der Regel zwei Erklärungen: Entweder die Nicht-Einsichtigen sind krank oder sie wollen Dritte beherrschen. Bitte wählen Sie!

Nagel, Joane (1998): „Masculinity and Nationalism: Gender and Sexuality in the Making of Nations”. In: Ethnic and Racial Studies, Nr. 21, S. 242-269.

Soziale Ungleichheit wird es immer geben

Ein Fetisch, der in modernen westlichen Gesellschaften gerne vor der Nase derer gewedelt wird, die ihm willig folgen, ist der Fetisch der “sozialen Ungleichheit”. Soziale Ungleichheit wird in der Regel als Einkommensungleichheit gedacht und durch “So viel Reichtum hat das reichste 1% der Bevölkerung, so arm ist das unterste Viertel der Gesellschaft”-Vergleiche angereichert. Und so blickt der relativ Arme auf den so Reichen, und über der Diskussion darüber, ob Einkommensunterschiede der aufgezeigten Art gerechtfertigt sind, wird das, was soziale Ungleichheit ausmacht, was im Kern sozialer Ungleichheit steckt, schlicht und ergreifend übersehen.

Weber WissenschaftslehreSoziale Ungleichheit basiert auf differenziertem Zugang zu Ressourcen. Differenzierter Zugang zu Ressourcen wird durch Macht und Herrschaft hergestellt. Macht ist, wie Max Weber geschrieben hat, die „Chance innerhalb der sozialen Beziehungen den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber, 1988: 431). Herrschaft, hier als legale Herrschaft verstanden, ist, “dass durch formal korrekt gewillkürte Satzung beliebiges Recht geschaffen und [bestehendes beliebig] abgeändert werden könne” (Weber, 1988: 475).

Die Soziologie im Allgemeinen und die Neoinstitutionalistische Soziologie im Besonderen definieren Macht und Herrschaft über die Normen, die als verbindlich gelten. Macht hat der, der seine Normen anderen aufzwingen kann, Herrschaft besteht darin, die Einhaltung der willkürlich gesetzten Normen durchsetzen zu können. Folglich sind die Normen, auf denen eine Gesellschaft basiert, die Normen, die von der herrschenden Gruppe (oder Klasse) durchgesetzt werden, um ihre Interessen zu befördern. Und die soziale Ungleichheit ist das Ergebnis dieser Durchsetzung von Normen, und da Menschen unterschiedlich sind und Herrschaftsstrukturen und Machtverteilungen sich über die Zeit ändern, kann es keine Gesellschaft ohne soziale Ungleichheit geben. Denkbar ist sie nur als Gesellschaft von interesselosen Lebensformen, die keinerlei Ressourcen verbrauchen, um ihr Dasein zu fristen.

Niemand hat dies so gut in Worte gefasst, wie Ralf Dahrendorf in seinem Aufsatz “Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen”. Wir geben den entscheidenden Teil dieses Aufsatzes hier ungekürzt wieder:

Pfade aus Utopia“Dass Normen in einer Gesellschaft gelten, heißt, dass ihre Einhaltung belohnt und ihre Nichteinhaltung bestraft wird. Dass die Einhaltung bzw. Nichteinhaltung von Normen in diesem Sinne sanktioniert wird, heißt, dass die herrschenden Gruppen der Gesellschaft ihre Macht in die Waagschale der Erhaltung der Normen werfen. Geltende Normen sind also letzten Endes nichts anderes als herrschende, d.h. von den Sanktionsinstanzen der Gesellschaft verteidigte Normen.

Für das System der Ungleichheit bedeutet dies, dass derjenige die günstigste Stellung in einer Gesellschaft erringen wird, dem es kraft sozialer Position am besten gelingt, sich den herrschenden Normen anzupassen – und umgekehrt, dass die geltenden oder herrschenden Werte einer Gesellschaft an ihrer Oberschicht ablesbar sind. Wer nicht fähig, d.h. auf Grund seiner Stellung im Koordinatensystem sozialer Postionen und Rollen in der Lage ist, den Erwartungen seiner Gesellschaft stets pünktlich nachzukommen, darf sich nicht wundern, wenn ihm die höheren Ränge der Skalen von Prestige und Einkommen versperrt bleiben, und wenn andere, denen es leichter fällt, sich konform zu verhalten, ihn überflügeln. In diesem Sinne honoriert jede Gesellschaft den Konformismus, der sie d.h. die in ihr herrschenden Gruppen erhält – womit jede Gesellschaft zugleich in sich den Widerstand erzeugt, der zu ihrer eigenen Aufhebung führt.

Es lebe die UngleichheitDie prinzipielle Parallelität von konformistischem bzw. abweichendem Verhalten und hoher bzw. niedriger Schichtposition wird in historischen Gesellschaften natürlich durch vielfältige sekundäre Momente abgebogen und überlagert (…). So kann die Erblichkeit schichtbestimmter Merkmale einer Epoche – etwa des Adels oder des Eigentums – dazu führen, dass eine Art ‘stratification lag’, ein Nachhinken der Schichtstrukturen hinter den Wandlungen der Normen und Herrschaftsverhältnisse eintritt, so dass Oberschichten einer vergangenen Epoche ihre günstige Schichtposition auch unter neuen Bedingungen noch eine Zeitlang erhalten. Doch bleiben in der Regel jene Prozesse, die wir als ‘Deklassierung des Adels’ oder ‘Funktionsverlust des Eigentums’ kennen, nicht aus. Wenn es richtig ist – und manches spricht dafür -, dass unsere Gesellschaft auf die in M. Youngs soziologischer Utopie ‘Es lebe die Ungleichheit’ ausgemalte Periode der ‘Meritokratie’, d.h. der Herrschaft der Eigentümer von Berechtigungsscheinen zusteuert (…), dann folgt aus der Theorie der nachhinkenden Schichtung, dass allmählich auch die Mitglieder der herkömmlichen Oberschichten – die Adeligen, die Erben – sich um Diploma und Titel bemühen müssen, um ihre Stellung zu bewahren: denn die herrschenden Gruppen jeder Gesellschaft haben die Tendenz, das je bestehende System sozialer Ungleichheit in Einklang zu bringen mit den geltenden, d.h. ihren eigenen Normen. Eine volle Übereinstimmung der Skalen der Schichtung mit den Strukturen der Herrschaft indes können wir trotz dieser prinzipiellen Tendenz in historischen Gesellschaften zu keinem Zeitpunkt erwarten” (Dahrendorf, 1986: 375-377).

Eine bessere Erklärung dafür, dass sich Universitäten derzeit einem Ansturm der Titeljäger gegenüber sehen, die mit allen erdenklichen Mitteln versuchen, einen solchen zu erheischen, gibt es derzeit nicht, ebenso wenig wie es bislang keine bessere Erklärung für die Notwendigkeit und Fortdauer sozialer Ungleichheit gibt. Und außerdem zeigt Dahrendorf: Anpassung lohnt sich, aber nur für bestimmte Zeit (Wenn Sie daran zweifeln, fragen Sie ehemalige DDR-Richter…).

political hypocracyWarum gibt es also Funktionäre und Politiker, die angeblich gegen die furchtbare soziale Ungleichheit zu Felde ziehen? Die Antwort sollte nun klar sein: Weil es ihren Interessen nutzt, sie davon profitieren und am Glauben der relativ Armen daran, dass die furchtbaren Reichen so schlimm sind, verdienen. Die Sicherung der eigenen Herrschaft hat noch immer über “divide et impera” funktioniert. Auch heute hat sich daran nichts geändert, nur die Anzahl derer, die der Hilferhetorik von Funktionären und Politikern auf den Leim gehen, ist gestiegen. Um genau zu wissen, was man von der angeblichen Sorge der Politiker um soziale Ungleichheit und ihrem Einsatz für sozial Schwache zu halten hat, muss man einen Blick auf die Bezüge von Politikern richten und sich ihre Rentenansprüche zu Gemüte führen. Wie sich zeigt, lebt es sich hervorragend, wenn man die vermeintliche Armut anderer bejammert und im Zeitraum des Jammers ein erkleckliches Einkommen erwirtschaftet, ohne auch nur eine Kleinigkeit an der sozialen Stratifizierung, an der man so hervorragend verdient, zu verändern.

Dahrendorf, Rald (1986). Pfade aus Utopia. Zur Theorie und Methode der Soziologie. München: Piper.

Die Pseudo-Moralität der Moderne

Wenn die derzeitige politische Klasse sich durch etwas auszeichnet, dann durch eine Regelungswut, die bis in die letzten Winkel des privaten Lebens der Regelungs-Opfer reicht. Die Regelungswut, deren Zweck nicht darin besteht, Dinge zum Besseren zu verändern, sondern darin, geregelt zu haben und über die Regelung einen Herrschaftsanspruch und eine moralische Überlegenheit zu reklamieren, greift dabei immer tiefer in individuelle Lebensentscheidungen ein und schafft eine Art der zugelassenen öffentlichen Pseudo-Moralität.

DiMaggio und Powell (1983) haben eine Entwicklung beschrieben, die die Legitimität eines administrativen Aktes nicht über die Wirkung bzw. das Ergebnis bestimmt, sondern den administrativen Akt selbst als Legitimität setzt, so dass nicht die Verbesserung eines als relevant belegten Mißstandes, sondern der Erlass eines Gesetzes zur Verbesserung eines lediglich von Lobbyisten als relevant behaupteten und durch keinerlei empirische Fakten belegten Mißstandes Legitimität verschafft und Aktivismus an die Stelle der Problemlösung tritt.

Wir wollen in diesem post untersuchen, was diese Pseudo-Legitimität trägt, was dazu führt, dass eine Pseudo-Legitimität an die Stelle von Legitimität tritt.

Bourdieu Theorie der PraxisUnter Rückgriff auf die Kapitalientheorie von Pierre Bourdieu (2009) stellen wir die These auf, dass das, was diese Pseudo-Legitimität ermöglicht, nicht der Austausch herkömmlicher Kapitalien zwischen Akteuren ist, dass soziale Differenzierung in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen entsprechend nicht über kulturelles Kapital (hohe Bildung) oder ökonomisches Kapital (Reichtum) erfolgt, sondern durch die Übernahme einer von uns als Pseudo-Moralität bezeichneten Haltung, die einen Selbstwert verspricht, der nicht auf Leistung oder Kompetenz gegründet ist. Wir entwickeln hier also unsere eigene Gesellschafsttheorie, unsere Beschreibung der Post-Moderne.

Die Pseudo-Moralität, die manche als politische Korrektheit beschreiben, zielt auf Wohlverhalten, definiert die Gruppe der guten Staatsbürger und dient als Integrationsklammer um eine Gruppe, die sich nicht mehr durch Leistung oder Kompetenz, sondern nur noch durch affektive Abgrenzung von anderen differenzieren kann. Die Kapitalien, die unter der Ägide dieser Pseudo-Moralität getauscht werden, zeichnen sich durch zweierlei aus: (1) Sie sind nicht materiell und (2) ihr Tausch findet nicht zwischen gleichberechtigten Individuen statt. Vielmehr ist es ein asymmetrischer Tausch der Individuen sich der vorgegebenen Pseudo-Moralität unterordnen sieht.

Aus diesem Grund greift die Bezeichnung “politische Korrektheit” zu kurz, denn es geht nicht nur darum, Sprache als Machtmittel einzusetzen, es geht auch darum, die richtige Sprachform als moralischen Kodex und Zuordnungsmerkmal der Gruppe der “Guten” zu etablieren, einen Schirm der Pseudo-Moralität bereitzustellen, unter dem sich die Guten sammeln, ein Schirm, der ihnen eine soziale Identität verleiht (und in vielen Fällen ein materielles Auskommen). Die Pseudo-Moralität offeriert entsprechend ein neues und immaterielles Kapital, das zugeschrieben wird, sich ausschließlich auf Wohlverhalten gründet und keinerlei Aspekte von Leistung und Kompetenz umfasst.

Sherif Robbers caveDas Angebot, Status durch bloße Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, der Pseudo-Moralität zu erzielen, ist aus sozialpsychologischer Perspektive das Angebot, eine soziale Identität zu übernehmen. Wie Tajfel (1982) und Turner (1987) gezeigt haben, ist ein solches Angebot vor allem für Individuen interessant, die keine eigene personale Identität entwickelt haben. Ihnen bietet die Pseudo-Moralität eine aufwandlose Identität. Sie werden jemand, ohne etwas tun zu müssen und können die fehlende personale Identität durch die Übernahme der angebotenen sozialen Surrogat-Identität (Heitmeyer 1992) kompensieren.

Folgerichtig wird jeder Angriff auf die Pseudo-Moralität zum Angriff auf die übernehmenen Individuen, die nunmehr die Pseudo-Moralität mit Zähnen und Klauen und einer (vorst noch) verbalen Gewaltbereitschaft verteidigt, die sich im umgekehrt proportionalen Maß zur wahrgenommenen Fragilität der eigenen Persönlichkeit steigert (ganz so wie dies Sherif et al., 1961 in ihren Experimenten gezeigt haben).

Pseudo-Moralität gibt denen, die sie sich zu eigen machen, somit ein Zugehörigkeitsgefühl. Sie stehen auf der richtigen Seite, kämpfen für die richtige Sache. Der Kanon dessen, was das Richtige und Gute der Pseudo-Moralität ausmacht, kennt nur wenige Bestandteile: Zentraler Bestandteil ist eine überbewertete Sexualität, die seit Jahrhunderten das Kennzeichen fragiler Persönlichkeiten, die viel reden und wenig bis nichts erfahren, ist, ganz so, wie Frederic Perls dies beschrieben hat (Perls, Hefferline & Goodman, 1991).

Um diesen Kern lagern sich Themen wie der Mythos der Frauenbenachteiligung, die Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus, oder die Technologiefeindschaft, vor allem gegen Kernkraft und Gentechnik an, deren zentrale Bedeutung für die Formung autoritärer Persönlichkeiten von Forschern wie Milton Rokeach (1980) gezeigt wurde.

Die so bestimmte Pseudo-Moralität bedarf ständiger öffentlicher Zelebrierung, um als affektives Bindeglied nutzbar zu sein, denn sie basiert auf nichts anderem als einem Gefühl, dem Gefühl “gut” zu sein, das die Pseudo-Moralität als einziges Angebot an ihre Jünger macht.

Gefühle sind rationalen Erwägungen generell unterlegen, da rationale Erwägungen nach außen gerichtet sind, während Gefühle nach innen gerichtet sind und somit höchstens Mitteilbarkeit aber keine Teilbarkeit mit sich bringen. Die Richtigkeit von Gefühlen kann im Gegensatz zur Richtigkeit von Argumenten nicht unabhängig und inter-individuell geprüft werden. Deshalb bedarf es der kollektiven und gegenseitigen Vergewisserung darüber, dass man das richtige Gefühl hat, dass man gut ist, wenn man schon sonst nichts ist.

triumph-will-leni-riefenstahlIm Dritten Reich leisteten Massenaufmärsche und die mediale Inszenierung derselben die Aufgabe, für Gruppenzusammenhalt unter der Herrschaft des richtigen Gefühls zu sorgen (Lüsebring & Riesz, 1984). Heute sind Massen-Aufregungen und Massen-Hysterien, wie sie unter Hashtags bei Twitter oder in öffentlich-rechtlichen Medien inszeniert werden, das Surrogat der in Verruf geratenen Massenaufmärsche. Die Funktion ist dieselbe.

Demenstprechend sehen wir regelrechte Kreuzzüge gegen alle, die als falsch, böse oder einfach nur von der Pseudo-Moralität abweichend wahrgenommen werden. Sie müssen aufgeklärt, erzogen oder bekämpft werden. Die Themen der Aufklärung, Erziehung oder des Kampfes sind durch den engen Kanon der Pseudo-Moralität vorgegeben. Sie richten sich entsprechend gegen alle, die einen Lebenstil bevorzugen, der von dem, was die Pseudo-Moralität vorgibt, abweicht. Sie richten sich gegen Kapitalismus, gegen Technik und mithin gegen Rationalität, so dass man den Kern der Pseudo-Moralität auch als Morbidität und Selbsthass beschreiben könnte, denn diejenigen, die ihr anhängen, sägen mit allen verfügbaren Mitteln an dem Ast, auf dem sie sitzen.

[Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Feinde des Kapitalismus erst durch den Erfolg des Kapitalismus möglich gemacht werden. Produzierte Letzterer nicht Überschüsse, es wäre schlicht unmöglich, seinen Lebensunterhalt nicht durch eigene Leistung, sondern durch Dritte bestreiten zu lassen. Dieses Phänomen hat bereits von Hayek in seinem Buch "Road to Serfdom" (1944 erstveröffentlicht) beschrieben.]

Diese Morbidität findet auch darin ihren Niederschlag, dass anerkannte Werte in ihr Gegenteil verkehrt werden. Gerechtigkeit wird durch die Ungerechtigkeit der gleichen Auszahlung bei unterschiedlichen Anstrengungen ersetzt, Toleranz wird in Intoleranz gegen alle Abweichung von der Pseudo-Moralität verkehrt, und Offenheit wird zu einem Synonym für Beschränktheit, für eine geistige Haltung, die schon alles weiß und den Zweifel nicht kennt.

Lebenssinn IndustriegesellschaftDie herrschende Pseudo-Moralität entlarvt sich somit selbst als Un-Moral, die dazu dient, ein psychologisches Eigenbedürfnis auf Kosten Anderer zu befriedigen und die dazu dient, die nicht vorhandene Achtung vor sich selbst durch Zuflucht zu einer kollektiven Idee des Besser-Seins zu überwinden. Dass bei dieser Zuflucht die Achtung vor Anderen auf der Strecke bleiben muss, ist zwangsläufig, denn die emotionale Zuflucht, die die Pseudo-Moralität anbietet, appelliert an Selbstsucht. Sie gedeiht nur, wenn die Rechte Anderer bestritten werden.

Die Pseudo-Moralität ist eine vorgegaukelte Moralität, die vor allem für Individuen attraktiv ist, die ihren Wert nicht aus sich heraus bestimmen können und die entsprechend auf die soziale Salbung angewiesen sind. Sie ist die Zuflucht der Mittelmäßigen, derjenigen, denen nur eine Gruppenbindung Persönlichkeit und Lebenssinn gibt, weil eigene Leistung und Selbstbewusstsein fehlen. Und weil Letztere fehlen, weil ihre Persönlichkeit daran hängt, dass ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, ihre Untertänigkeit unter die entsprechende Pseudo-Moralität nicht in Frage gestellt ist, bekämpfen sie alles, was auch nur ansatzweise Kritik an ihrer Pseudo-Moralität darstellen könnte.

Hier nun schließt sich der Kreis, der mit DiMaggio und Powell und Bourdieu seinen Ausgang genommen hat:

  • Die herrschende Pseudo-Moralität bietet immaterielle Kapitalien für diejenigen, die selbst über keine eigenen Kapitalien verfügen, um sich zu differenzieren.
  • Das angebotene immaterielle Kapital gibt es anstrengungslos und durch Unterordnung, die zudem eine soziale Surrogat-Identität bereitstellt.
  • Der Zulauf von Individuen, für die das Angebot einer anstrengungslosen immateriellen Kapitalie nebst sozialer Identität attraktiv ist, legitimiert die Pseudo-Moralität in ihrem hegemonialen Anspruch und sorgt für eine Schließung der Gesellschaft.
  • Als Folge tritt affektives Freund-Feind-Denken an die Stelle rationaler oder wertrational begründerter, zivilisierter Interaktionsformen, die noch eine moralische Selbstbindung und Reziprozität zum Kern hatten.
  • Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine Verunmöglichung spontaner, nicht erzwungener oder unter der Ägide der Pseudo-Moralität vorgegebener Kooperation, also von Kooperation zur Lösung von Sachproblemen und somit eine Verunmöglichung von Gesellschaft.

©ScienceFiles, 2014

Zitierweise: Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2014). Die Pseudo-Moralität der Moderne. ScienceFiles: http://sciencefiles.org/die-pseudo-moralitat-der-moderne/

Literatur

Bourdieu, Pierre (2009). Entwurf einer Theorie der Praxis: auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Heitmeyer, Wilhelm (1992). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. Weinheim: Juventa.

Lüsebrink, Hans-Jürgen & Riesz, Jánosz (1984). Feindbild und Faszination: Vermittlerfiguren und Wahrnehmungsprozesse in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen (1789-1983). Frankfurt a.M.: Diesterweg.

Perls, Frederic S., Hefferline, Ralph F. & Goodman, Paul (1991). Gestalttherapie. München: dtv.

Rokeach, Milton (1980). The Open and Closed Mind: Investigations Into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Sherif, Muzafer, Harvey, O.J., White, B. Jack, Hood, William R. & Sherif, Carolyn W. (1961). The Robbers Cave experiment : intergroup conflict and cooperation. Middleton: Harper & Row.

Tajfel, Henri (1982)(ed.). Social Identity and Intergroup Relations. London: Cambrigde University Press.

Turner, Jonathan (1987). Rediscovering the Social Group: A Self-Categorization Theory. Oxford: Basil Blackwell.

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Mehr Toleranz für Homosexuelle: Interventionen emprisch unbegründet, gefährlich und politisch fehlgeleiteter Aktivismus

Mehr Akzeptanz und Toleranz, so haben es sich Politiker landauf landab vorgenommen, wollen sie ihren Bürgern für Homosexuelle beibringen. Entsprechende Interventionen, die vor allem auf Schüler abzielen, sollen dem hehren Ziel dienen. Aber gibt es auch einen Anlass für die entsprechende Intervention? Gibt es Diskriminierung Homosexueller in relevantem Ausmaß? Leiden Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Orientierung unter Vorurteilen und bringen sich gar wegen der darauf basierenden Diskriminierung häufiger als Heterosexuelle um? Wir haben die empirische Evidenz zusammengetragen und untersucht, ob es einen Anlaß für Interventionen wie den Baden-Württembergischen Bildungsplan 2015 gibt, der Bürger zu Toleranz und Achtung Homosexueller anhalten soll. Das Ergebnis: Es gibt keine Notwendigkeit für die entsprechenden Interventionen. Sie sind reiner politischer Aktivismus und bringen die Gefahr mit sich, mehr Schaden anzurichten als sie Gutes tun.

Der folgende Beitrag stellt die Ergebnisse zusammen, die wir über drei Beiträge verteilt zusammengetragen haben:

Teil I: Erhöhtes Suizidrisiko bei Homosexuellen?
Teil II: Homosexuelle begehen nicht häufiger Selbstmord als Heterosexuelle
Teil III: Diskriminierung Ursache von Suizid oder psychischer Erkrankung bei Homosexuellen?

Sind Inverventionen zugunsten „des Regenbogens“ notwendig oder sinnvoll?

In diesem abschließenden Teil unserer kleinen „Vorlesungsreihe“ in Sachen Forschungsstand zum Thema „Sexueller Orientierung, Suizidrisiko, psychische Probleme und Diskriminierung“ wollen wir die wichtigsten Ergebnisse unserer Bestandsaufnahme noch einmal zusammenfassen und einige Schlussfolgerungen im Hinblick auf Sinn und Unsinn von Interventionen zugunsten „des Regenbogens“ aus ihnen ziehen.

Wir halten also zunächst fest:

zum Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und Suizidrisiko

  • Der bei Weitem größte Anteil der Vielzahl von Studien, die den Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und Suizidrisiko zu erforschen versuchen oder vorgeben, erforscht tatsächlich nicht das Suizidrisiko, sondern fragt nach Selbstmordversuchen, Selbstmordgedanken oder –phantasien oder Todeswünschen irgendwann in der Vergangenheit.
  • suicide attemptDer bei Weitem größte Teil der Studien, die den Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und Suizidrisiko zu erforschen versuchen oder vorgeben, basiert auf selegierten Stichproben Nicht-Heterosexueller, so dass sich die erzielten Ergebnisse nicht verallgemeinern lassen, was wiederum bedeutet, dass keine Aussagen über die Gruppe von Nicht-Heterosexuellen als solcher gemacht werden können.
  • Ein großer Teil von Studien, die den Nachweis eines erhöhten Suizidrisikos bei Nicht-Heterosexuellen erbringen wollen, kann dies schon deshalb nicht, weil keine Vergleichsgruppe Heterosexueller beinhaltet ist.
  • Es existieren derzeit u.W. nur zwei  Studien, die mit tatsächlichen Todesfällen arbeiten, Homo- und Bisexuelle sowie Heterosexuelle als Vergleichsgruppe beinhalten und nicht auf selegierten Stichproben beruhen. Eine der beiden Studien betrachtet nur Jugendliche, die andere nur erwachsene Männer. Beide Studien kommen zu dem Ergebnis, dass keine höhere Suizidrate bei Homo- und Bisexuellen als bei Heterosexuellen zu beobachten ist.
  • Für diese beiden Studien gilt wie für alle anderen auch, dass sie mit sehr niedrigen Fallzahlen arbeiten müssen, weil sowohl das Merkmal „Selbstmord“ als auch das Merkmal „Nicht-Heterosexuell“ vergleichsweise selten anzutreffen ist und die Kombination beider Merkmale noch seltener. Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse steht daher in Frage. Dennoch repräsentieren diese beiden Studien aufgrund der Tatsache, dass sie andere grundlegende methodische Mängel überwinden, die alle anderen Studien zum Thema aufweisen, das derzeit Beste, was an Forschung zum Thema verfügbar ist.
  • Eine dieser beiden Studien hat ein im Vergleich zu Heterosexuellen deutlich höheres Risiko Homo- und Bisexueller, an den Folgen einer HIV-Infektion zu sterben, festgestellt.

zum Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und psychischen Erkrankungen oder psychischen Problemen sowie ihren Ursachen

  • Zum Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und psychischen Erkrankungen oder Problemen liegt ebenfalls eine Vielzahl von Studien vor, die allerdings mit teilweise denselben, teilweise anderen, jedenfalls aber  erheblichen methodischen Problemen behaftet sind.
  • suicide solutionEs fasst die Forschungslage hierzu vielleicht am besten zusammen, wenn man festhält, dass es viele Befunde gibt, die zusammen betrachtet in die Richtung weisen, dass Nicht-Heterosexuelle (konkret: meist Homosexuelle und Bisexuelle, denn es sind sie, die gewöhnlich in Studien untersucht werden,) ein im Vergleich zu Heterosexuellen erhöhtes Risiko haben, psychisch zu erkranken oder erkrankt zu sein oder psychische Probleme gehabt zu haben oder zu haben. Ein klarer Befund liegt aufgrund methodischer Mängel (darunter: schlechte Indikatoren für psychische Probleme wie z.B. Alkoholkonsum) und aufgrund widersprüchlicher Befunde bislang aber nicht vor, und die Richtung des Zusammenhangs ist ebenfalls ungeklärt.
  • Es findet sich eine Reihe von Studien, die an ihre Befunde Spekulationen über die Ursachen für psychische Erkrankungen/Probleme Nicht-Heterosexueller anschließen. Unter diesen Spekulationen sind vermutete Diskriminierung oder besondere Belastungen aufgrund gesellschaftlicher Stigmatisierung zu finden. Diese Spekulationen sind aber eben dies und können nicht durch die Daten, auf denen die Studien basieren, gestützt werden.
  • Unbekannt ist, inwieweit psychischen Erkrankungen oder Probleme bei Nicht-Heterosexuellen zu Selbstmorden bzw. Selbstmordversuchen führen, also als ursächlich für sie bezeichnet werden können.
  • Weiter ist unklar, welche Ursachen psychische Erkrankungen oder Probleme bei Nicht-Heterosexuellen haben, denn Studien, die vermutete Ursachen für psychische Erkrankungen/Probleme Nicht-Heterosexueller tatsächlich zu prüfen versuchen, sind sehr selten.
  • Diesen wenigen Studien ist es nicht gelungen, zu klären, welche Ursachen psychische Erkrankungen/Probleme Nicht-Heterosexueller haben, denn selbst dann, wenn sowohl Stress, wie er im täglichen Leben unabhängig von der sexuellen Orientierung anfällt, als auch Stress, der in Verbindung  mit der spezifischen nicht-heterosexuellen Orientierung entsteht, sowie die Wahrnehmung Nicht-Heterosexueller, einer (vermeintlich) stigmatisierten Gruppe anzugehören, und internalisierte Homophobie als erklärende Größen probeweise berücksichtigt werden, erweist sich, dass sie kaum einen Einfluss haben.
  • Was Stigmatisierung und Diskriminierung als vermutete Ursache von psychischen Erkrankungen oder Problemen bei Nicht-Heterosexuellen betrifft, so sind beide Größen unplausible Erklärungsmöglichkeiten, weil es empirische Forschung gibt, die deutlich zeigt, dass weder eine gesellschaftliche Stigmatisierung noch eine nennenswerte Verbreitung homophober Einstellungen in den Ländern bzw. Bevölkerungen der westlichen Staaten zu beobachten ist.

Die wichtigste Schlussfolgerung aus all dem ist, dass es keinerlei durch wissenschaftliche Studien gerechtfertigten Anlass für Interventionen zugunsten „des Regenbogens“ gibt bzw. kein Anlass dafür besteht, über nicht-heterosexuelle Orientierungen und ihre Normalität aufzuklären oder für (mehr) Akzeptanz von Nicht-Heterosexuellen zu werben, denn:

  • caution nothing dangerousnichts spricht bislang dafür, dass Stigmatisierung und Diskriminierung von Nicht-Heterosexuellen in nennenswertem Ausmaß besteht,
  • dass Gefühle der Stigmatisierung oder Diskriminierung mit Bezug auf psychische Erkrankungen oder Probleme Nicht-Heterosexueller eine nennenswerte Rolle spielen
  • und dass Nicht-Heterosexuelle im Vergleich mit Heterosexuellen ein erhöhtes Suizidrisiko hätten.

Wenn sich sowohl die Petition zum Bildungsplan 2015 als auch die Gegenpetition zu dieser Petition – zu unterschiedlichen Zwecken – auf ein erhöhtes Suizidrisiko von Nicht-Heterosexuellen berufen, dann tun sie dies also fälschlich, oder anders ausgedrückt: mit einem erhöhten Suizidrisiko von Nicht-Heterosexuellen lässt sich, unabhängig davon, wofür oder wogegen es ein Argument sein soll, nicht argumentieren, weil es bislang keinen klaren Beleg dafür gibt, dass es existiert. Selbst dann, wenn man sich statt auf das Suizidrisiko auf häufigere psychische Erkrankungen oder Probleme bei Nicht-Heterosexuellen berufen wollte, so müsste festgestellt werden, dass die Forschungslage hierzu ebenfalls alles andere als klar und zufriedenstellend ist, derzeit jedenfalls keine akzeptable Basis für die Forderung nach Interventionen oder nach ihrer Ablehnung abgeben kann.

Das bedeutet aber auch, dass das im Bildungsplan 2015 formulierte Anliegen, mehr Akzeptanz und Toleranz für nicht-heterosexuelle Orientierungen bzw. nicht-heterosexuell Orientierte gegenstandslos ist: es besteht keine Notwendigkeit hierfür, weil es – wie gesagt – keine überzeugenden Belege dafür gibt, dass ein Mangel an Akzeptanz und Toleranz Nicht-Heterosexuellen nennenswerte psychische Schwierigkeiten verursacht, und weil kein Mangel an Akzeptanz oder Toleranz auf Seiten Heterosexueller beobachtet werden kann.

Unintended-Consequences.2Möglicherweise hätte eine stärkere Thematisierung nicht-heterosexueller Orientierungen im Schulunterricht sogar negative Effekte, nämlich dann, wenn sie als Werbung wirkt und bei Schülern eine größere Bereitschaft bewirkt, nicht-heterosexuelle Entwürfe auszuprobieren oder leben zu wollen, was ihr Risiko, an den Folgen einer HIV-Infektion zu sterben erhöht. Eine stärkere Thematisierung nicht-heterosexueller Orientierungen im Schulunterricht müsste vor diesem Hintergrund sehr verantwortungsvoll und jedenfalls nicht in romantisierenden Darstellungen „des Regenbogens“ erfolgen.

Eine weitere negative Folge einer stärkeren Thematisierung nicht-heterosexueller Orientierungen im Schulunterricht könnte sein, dass – entgegen des Anliegens, deren Normalität dazustellen – den Schülern suggeriert wird, sie seien eben nichts Normales, denn Normalitäten sind gewöhnlich nicht Gegenstand (angeblich) massiver Stigmatisierung, die ja als Voraussetzung dafür vorgestellt wird, das mehr Akzeptanz und Toleranz geschaffen werden müsse. Unvoreingenommene Schüler werden daher erst auf die Unnormalität nicht-heterosexueller Orientierungen Aufmerksam gemacht, damit sie anschließend dazu erzogen werden können, ihnen als Normalität zu begegnen, was aber nichts daran ändert, dass diese Schüler gelernt haben, dass es eine bemerkenswerte positive Leistung bzw. Toleranz von ihnen ist, nicht-heterosexuelle Orientierungen als Normalität zu behandeln. Salopp formuliert: dieser Schuss kann  nach hinten losgehen.

Für Schüler mit nicht-heterosexueller Orientierung ist die Botschaft der Darstellung nicht-heterosexueller Orientierungen als normal zunächst dieselbe: anscheinend sind sie es nicht, denn sonst müsste man deren Normalität ja nicht extra betonen. Darüber hinaus wird ihnen suggeriert, sie seien reale oder dauerhaft potentielle Opfer feindlicher Haltungen oder Handlungen, was in ihnen bestehende Ängste verstärken oder neue Ängste entstehen lassen kann. Anders gesagt: man sensibilisiert sie für Dinge, gegen die sie vorher resistent waren, oder man bringt sie sogar dazu, Ablehnung und Diskriminierung schlichtweg zu phantasieren, was ihnen individuelles Leid bereiten und ihre Beziehungen zu anderen ohne jede Not beeinträchtigen kann.

Weil diese möglichen negativen Folgen immerhin erheblich wären, wenn sie einträten, mag ihre Möglichkeit ein hinreichender Grund sein, von Interventionen zugunsten „des Regenbogens“ oder sonst irgendwelcher sozialer Gruppen abzusehen, besonders wenn es gar keinen Nachweis der Notwendigkeit und positiver Folgen solcher Interventionen gibt.

Wollte man aber unbedingt intervenieren, dann wäre es sinnvoller, eine Intervention zu planen, die direkten Nutzen für diejenigen erbringen kann, in deren Interesse interveniert werden soll, die sie also in die Lage versetzt, selbst zu handeln, statt sich als Opfer erfahren zu müssen, dessen Lebensqualität von der anerzogenen Toleranz anderer Leute abhängt. Solche Konzepte werden derzeit ja auch häufig unter den Stichworten „Resilienz“ und „empowerment“ diskutiert und erprobt. Ginge es im Bildungsplan 2015 darum, die Lebenslage Nicht-Heterosexueller zu verbessern, hätte er ohne Probleme an diese Konzepte anschließen können. Da er dies nicht tut, muss man vermuten, dass Nicht-Heterosexuelle in diesem Zusammenhang nur als das Feigenblatt missbraucht werden, das notdürftig den Versuch bedecken soll, die ideologische (ggf. Um-/) Erziehung der kommenden Generationen – bis auf Weiteres: in Baden-Württemberg – zu bewerkstelligen.

©ScienceFiles, 2014

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Diskriminierung: Ursache von Suizid oder psychischer Erkrankung bei Homosexuellen?

Teil III:

Suizidrisiko, psychische Erkrankungen/Probleme bei Nicht-Heterosexuellen und die diesbezügliche Bedeutung von Stigmatisierung und Diskriminierung

(zu Teil II bzw. zu Teil I)

Wer sich einen Überblick über den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit oder Krankheit und sexueller Orientierung sowie die Rolle, die Vorurteile und Diskriminierung hierbei spielen oder spielen könnten, verschaffen möchte, dem sei die Lektüre von Herek und Garnets (2007) sowie Meyer (2003) empfohlen. Zusammenfassend halten Herek und Garnets fest:

“In summary, the available empirical data suggest that although most nonheterosexual men and women function well, this population may be at heightened risk for some forms of psychopathology, psychological distress, and problems with substance use. Because operational definitions of sexual orientation have differed across studies and most samples have included relatively small numbers of nonheterosexuals, however, these data do not offer many insights into the factors that distinguish the well-functioning majority of sexual minority individuals from those who are distressed” (Herek & Garnets 2007:359; Hervorhebung d.d.A.).

Wir sind also wieder mit einigen der inzwischen hinreichend besprochenen methodischen Mängeln konfrontiert, die es unmöglich machen, zum einen mit (relativer) Sicherheit zu sagen, dass Nicht-Heterosexuelle häufiger oder schwerwiegendere psychische Probleme haben als Heterosexuelle, und zum anderen ggf. Gründe hierfür zu identifizieren.

Die Meta-Studie von King et al. (2008) auf der Grundlage von 25 Studien, die bestimmte Einschlusskriterien erfüllten, hat das folgende Ergebnis erbracht:

„Meta-analyses revealed a twofold excess in suicide attempts in lesbian, gay and bisexual people [pooled risk ratio for lifetime risk 2.47 (CI 1.87, 3.28)]. The risk for depression and anxiety disorders (over a period of 12 months or a lifetime) on meta-analyses were at least 1.5 times higher in lesbian, gay and bisexual people (RR range 1.54–2.58) and alcohol and other substance dependence over 12 months was also 1.5 times higher (RR range 1.51–4.00). Results were similar in both sexes but meta analyses revealed that lesbian and bisexual women were particularly at risk of substance dependence (alcohol 12 months: RR 4.00, CI 2.85, 5.61; drug dependence: RR 3.50, CI 1.87, 6.53; any substance use disorder RR 3.42, CI 1.97–5.92), while lifetime prevalence of suicide attempt was especially high in gay and bisexual men (RR 4.28, CI 2.32, 7.88)” (King et al. 2008: 1 of 17).

Wie die Autoren berichten, hat aber nur eine einzige Studie alle der vier von den Autoren gewählten Qualitätskriterien erfüllt (King et al. 2008: 1 of 17), und weitere sieben haben drei der vier Qualitätskriterien erfüllt, was einmal mehr zeigt, dass der Forschungsstand auch in neuerer Zeit als höchst unbefriedigend bezeichnet werden muss, und außerdem bedeutet, dass man davon ausgehen muss, dass sich hier lediglich Tendenzen abzeichnen, derer Verallgemeinerbarkeit aber (zumindest derzeit noch) in Frage steht (mit Bezug auf Suizidrisiko vgl. Teil II).

HIVhomophobiaTheoretisch kann man vermuten, dass eine gesellschaftliche Stigmatisierung nicht-heterosexueller Orientierung ein chronischer Stressfaktor sein kann, der seinerseits zu psychischen Problemen oder gar Erkrankungen führen kann, die ihrerseits zu einem erhöhten Suizidrisiko führen können. Dass psychische Erkrankungen aber nicht als – auch nur einigermaßen – zuverlässiger Indikator für ein erhöhtes Suizidrisiko angesehen werden können, hat die bereits in Teil II vorgestellte Studie von de Graaf, Sandfort und ten Have (2006) gezeigt.

Würde man sich aber um den Zusammenhang zwischen psychischen Problemen und sexueller Orientierung um seiner selbst willen sorgen, und würde man weiterhin meinen, dass er durch gesellschaftliche Stigmatisierung nicht-heterosexueller Orientierungen vermittel sei, dann müsste man zuerst den Nachweis erbringen, dass nicht-heterosexuelle Orientierungen gesellschaftlich stigmatisiert sind, was bislang aber nicht erfolgt ist.

Betrachtet man die Entwicklung der die Nicht-Heterosexuelle betreffenden Rechtslage in den meisten westlichen Ländern während des vergangenen Jahrzehnts, so kann man eine kontinuierlich schrumpfende gesellschaftliche Stigmatisierung nicht-heterosexueller Orientierung bzw. Nicht-Heterosexueller beobachten (vgl. hierzu z.B. Johnson 2013 oder die Beiträge im von Boele-Woelki und Fuchs im Jahr 2003 herausgegebenen Sammelband).

Wilde Dorian Grey

Als Homophobie noch real war

Alternativ könnten homophobe Einstellungen in weiten Teilen der Bevölkerung einer Gesellschaft einen Stressfaktor für Nicht-Heterosexuelle darstellen, wenn sich diese Einstellungen in (negativen) Diskriminierungen niederschlagen würden. Aber auch dafür, dass homophobe Einstellungen in den westlichen Ländern weit verbreitet sind und sich in diskriminierenden Handlungen gegenüber Nicht-Heterosexuellen niederschlagen, gibt es keinen Beleg. Im Gegenteil: Einstellungsforschung auf der Basis europaweiter Daten zeigen, dass die Akzeptanz von Homosexualität in der europäischen Bevölkerung zwischen 1981 und 2008 kontinuierlich gestiegen ist (Takács & Szalma 2013: 14-17). Massenhafte Homophobie lässt sich derzeit also nur dadurch konstruieren, dass man alle möglichen als nicht politisch korrekt geltenden Äußerungen als Indikatoren für Homophobie auslegt, wie dies z.B. in der Gegenpetition zur Petition zum baden-württembergischen Bildungsplan 2015 zum Ausdruck kommt.

Belege gibt es lediglich dafür, dass Nicht-Heterosexuelle, wenn man sie danach fragt, von Diskriminierungsgefühlen oder -erfahrungen zu berichten wissen, wie dies z.B. in der Studie, die von  MANEO –  Das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin (MANEO 2007), zu beobachten ist oder in der Münchener „Regenbogen-Studie“ (Landeshauptstadt München 2004), wobei diese Studien keine heterosexuelle Vergleichsgruppen enthalten und außerdem auf den subjektiven Erfahrungsberichten (tatsächlich oder vermeintlich) erlebter oder (tatsächlich oder vermeintlich) beobachteter (negativer) Diskriminierung samt subjektiver Interpretationen dessen, was der Grund für die Diskriminierung gewesen sei, basieren, was sie mehr oder weniger nutzlos macht. So lautet z.B. ein Item, zu dem die Befragten in der Münchener Regenbogen-Studie Stellung nehmen sollten, „Ich habe erlebt, dass jemand aufgrund seiner/ihrer Homosexualität psychischem Druck ausgesetzt wurde (z.B. Einschüchterung, Psychoterror, Bedrohung usw.)“, und dieses Items beinhaltet so ziemlich alles, was in der empirischen Sozialforschung als auf jeden Fall zu vermeiden gilt, nämlich gleich eine ganze Reihe verschiedener Stimuli, ein sehr hoher Abstraktionsgrad der Stimuli (was z.B. ist „Psychoterror“ oder „psychischer Druck“?) und die Aufforderung, von Beobachtungen von Stimuli sehr hohen Abstraktionsgrades bei anderen ex post facto zu berichten.

homo-Quote1Was diese und ähnliche Studien zeigen, ist also ziemlich unklar, aber was sie nicht zeigen, lässt sich klar benennen: erstens, dass Nicht-Heterosexuelle tatsächlich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert würden, zweitens, dass sie häufiger diskriminiert würden, als Heterosexuelle, und drittens, dass ihre Diskriminierungserfahrungen bei ihnen zu psychischen Problemen geführt hätten oder führen würden.

Notwendig wäre vielmehr, im Anschluss an moderne Stressmodelle und –studien zu unterscheiden zwischen (a) objektiven oder externen, beobachtbaren Stressoren, (b) den Erwartungen und Interpretationen von Menschen mit Bezug auf Vorurteile und Diskriminierungen und c) der Internalisierung von (tatsächlichen oder vorgestellten) Vorurteilen (vgl. Herek & Garnets 2007: 360), die zu Problemen, sich selbst zu akzeptieren, oder zu Minderwertigkeitsgefühlen führen können.

Einige Studien, die sich mit der Frage nach den psychischen Problemen oder dem Suizidrisiko Homosexueller beschäftigen, tun dies (so oder in ähnlicher Weise). So hat die bereits erwähnte Studie von de Graaf, Sandfort und ten Have (2006) ergeben, dass wahrgenommene Diskriminierung in einem positiven Zusammenhang mit Todeswünschen, Selbstmordgedanken und Selbstverletzung stand, aber nur bei Männern.

Hill und Pettit (2012) versuchen in ihrer Studie, auf der Grundlage von Daten von 198 Studierenden die Frage zu beantworten: „Does Sexual Orientation Indirectly Effect Suicidal Ideation through Thwarted Belongingness and Perceived Burdensomeness?“ (Hill & Pettit 2012: 574), und sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Empfindung, anderen eine Last zu sein, einen Teil des Zusammenhangs zwischen sexueller Orientierung und Selbstmordgedanken vermittelt, aber keineswegs den gesamten Zusammenhang, und verhinderte Selbstakzeptanz oder ein eingeschränktes Zugehörigkeitsgefühl diesen Zusammenhang überhaupt nicht vermittelt (Hill & Pettit 2012: 575).

Als Homophobie noch real war

Als Homophobie noch real war

Eine Studie von Lewis et al. aus dem Jahr 2003, in deren Rahmen die Effekte verschiedener Größen auf depressive Symptome bei homosexuellen und bisexuellen Männern und Frauen untersucht wurden (also wieder einmal keine Vergleichsgruppe von Heterosexuellen enthalten ist), unterscheidet zwischen „gay-related stress“ und „life stress“. „Gay-related stress“ bezeichnet „stress [that] occurs when gay men and lesbians must deal with stressors that are unique to their sexual orientation“ (Lewis et al. 2003: 716) wie z.B. negative Reaktionen auf den Partner durch Eltern oder Freunde, Gewalt oder Belästigung durch andere oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz aufgrund der Homosexualität oder Ängste und Schwierigkeiten mit Bezug auf HIV/AIDS. „Life stress“ entsteht z.B. durch den Tod des Partners oder eine Trennung oder Scheidung. Daneben werden in der Studie „stigma consciousness“ (nach Pinel 1999), d.h. das Ausmaß, in dem Menschen, die einer sozialen Minderheit angehören, erwarten, von anderen stereotypisiert zu werden, und internalisierte Homophobie, d.h. das Ausmaß, in dem ein Homosexueller sich mit der eigenen sexuellen Orientierung  unwohl fühlt oder sie ablehnt (Lewis et al. 2003: 721), sowie verschiedene demographische Merkmale berücksichtigt, um die Effekte all dieser Größen auf das Ausmaß depressiver Symptome bei den Befragten festzustellen.

Die Studie ergibt – wenig überraschend –, dass „gay-related stress“ und „life stress“ beide unabhängig voneinander einen positiven Effekt auf depressive Symptome haben (Lewis et al. 2003: 723) – oder umgekehrt, denn was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich für in Querschnittsstudien beobachtete Zusammenhänge grundsätzlich nicht  entscheiden, was die Autoren selbst bemerken:

„The cross-sectional nature of our research also limits the ability to draw conclusions about the direction of effects. While it seems intuitively appealing that life events and gay-related stress predict subsequent depressive symptoms, a prospective study is needed to examine this relationship empirically” (Lewis et al. 2003: 727).

Weiter zeigt die Studie, dass “gay-related stress” und “stigma consciousness” unabhängig voneinander mit depressiven Symptomen zusammenhängen, also nicht dasselbe abbilden, wie man vielleicht meinen könnte, wenn man bedenkt, dass z.B. der Bericht von Schwierigkeiten am Arbeitsplatz aufgrund der Homosexualität ein Ausdruck dafür sein könnte, dass jemand erwartet, (auch) am Arbeitsplatz stigmatisiert oder stereotypisiert zu werden. Man könnte also sagen, dass die Befragten die Erwartung, stigmatisiert oder stereotypisiert zu werden, von tatsächlich erfahrenen Schwierigkeiten aufgrund ihrer Homosexualität bewusst oder unbewusst durchaus unterscheiden (können), und vielleicht ist das so. In jedem Fall zeigt die Studie von Lewis et al. aber, dass beides von keiner großen Relevanz ist, denn diese beiden Größen erklären gemeinsam und außerdem gemeinsam mit “internalized homophobia” und einem Maß für Offenheit im Umgang mit der eigenen Homosexualität nur einen geringen Anteil der Varianz auf der Variable „depressive Symptome“, nämlich 14 Prozent, womit 86 Prozent der Varianz auf der Variable unerklärt bleiben. Oder anders gesagt: Das Ausmaß depressiver Symptome hängt (auch?) bei Homosexuellen weit überwiegend von anderen Dingen oder Umständen ab als von Stress, der aufgrund ihrer Homosexualität entsteht, von internalisierter Homophobie, von der Erwartung, von anderen stigmatisiert oder stereotypisiert zu werden, und sogar von anderen Dingen als Lebensstress, was die Frage aufwirft, wovon sonst? Diese Frage wurde von den Autoren aber trotz der schlechten Erklärungskraft ihres Modells (also der nur 14 Prozent erklärten Varianz) nicht gestellt, und dementsprechend haben sie auch nicht über mögliche Antworten auf diese Frage spekuliert.

Festgehalten werden kann aus der Zusammenschau der Forschungsliteratur  also, dass bislang kein klarer und einfacher Zusammenhang zwischen Suizidrisiko und psychischen Erkrankungen/Problemen bei Nicht-Heterosexuellen bzw. zwischen psychischen Erkrankungen/Problemen bei Nicht-Heterosexuellen und Stigmatisierung und Diskriminierung von Nicht-Heterosexuellen belegt ist.

Homo-Quote2Dementsprechend können sich Interventionspläne wie sie z.B. im baden-württembergischen Bildungsplan 2015 formuliert sind, aber bereits im Jahr 1989 von Gibson vorgeschlagen wurden, und wie sie seitdem immer wieder unkritisch übernommen und wiederholt werden, nicht auf irgendwelche Tatsachen berufen, sondern basieren auf Spekulationen über Sachverhalte und teilweise auf Behauptungen über Sachverhalte, die bereits widerlegt sind, oder schlicht auf ideologisch oder materialistisch motivierten Anliegen, für die empirisch belegbare Sachverhalte schlicht keine Rolle spielen.

Im demnächst hier nachzulesenden letzten Teil, Teil IV, der Reihe von Texten, die wir zum Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung, Suizid(risiko), psychischen Erkrankungen/ Problemen und Stigmatisierung und Diskriminierung verfasst und veröffentlicht haben, wollen wir diesem negativen Ergebnis unserer Bestandsaufnahme eine positive Note hinzufügen und uns auch, aber nicht nur, der Frage widmen, was aus dem Forschungsstand heraus nicht begründet werden kann, sondern auch der Frage, was auf seiner Grundlage begründet werden kann oder könnte.
©ScienceFiles, 2014

Literatur:

Boele-Woelki, Katharina & Fuchs, Angelika (eds.), 2003: Legal Recognition of Same-Sex Couples in Europe. Antwerp: Intersentia.

De Graaf, Ron, Sandfort, Theo G. M. & ten Have, Margreet, 2006: Suicidality and Sexual Orientation: Differences Between Men and Women in a General Population-Based Sample From The Netherlands. Archives of Sexual Behavior 35, 3: 253-262.

Herek, Gregory M. & Garnets, Linda D., 2007: Sexual Orientation and Mental Health. Annual Review of Clinical Psychology 2007, 3: 353-375.

Hill, Ryan M. & Pettit, Jeremy W., 2012: Suicidal Ideation and Sexual Orientation in College Students: The Roles of Perceived Burdensomeness, Thwarted Belongingness, and Perceived Rejection Due to Sexual Orientation. Suicide and Life-Threatening Behavior 42, 5: 567-579.

Johnson, Paul, 2013: Homosexuality and the European Court of Human Rights. Abingdon: Routledge.

King, Michael, Semlyen, Joanna, Tai, Sharon See, Killaspy, Helen, Osborn, David, Popelyuk, Dmitri & Nazareth,  Irwin, 2008: A Systematic Review  of Mental Disorder, Suicide, and Deliberate Self Harm in Lesbian, Gay and Bisexual People. BMC Psychiatry 2008. 8 (August), Article 70.

http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1471-244X-8-70.pdf (abgerufen am 23.01.2014).

Lewis, Robin J., Derlega, Valerian J., Griffin, Jessica L. & Krowinski,  Alison C., 2003: Stressors For Gay Men and Lesbians: Life Stress, Gay-Related Stress, Stigma Consciousness, and Depressive Symptoms. Journal of Social and Clinical Psychology 22, 6: 716-729.

Meyer, Ilan H., 2003: Prejudice, Social  Stress, and Mental Health in Lesbian, Gay, and Bisexual Populations: Conceptual Issues and Research Evidence. Psychological Bulletin 129, 5: 674-697.

Takács, Judit & Szalma, Ivett, 2013: How to Measure Homophobia in an International Comparison? Družboslovne razprave, XXIX (2013), 73: 11–42.

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Homosexuelle begehen nicht häufiger Selbstmord als Heterosexuelle

Methodisch qualtitätvolle Studien lassen kein erhöhtes Suizidrisiko Homosexueller erkennen, aber eine erhöhte Sterblichkeit aufgrund von HIV-Infektionen

Teil II, hier geht es zu Teil I

Die methodischen Mängel, die Muehrer im Jahr 1995 bei seiner Durchsicht der Literatur zum Zusammenhang zwischen Suizid(risiko) und sexueller Orientierung festgestellt hat, muss man auch der aktuelle(re)n Literatur zum Thema bescheinigen. Wie bereits in Teil I beschrieben, ist dies nicht sehr überraschend, weil der Zusammenhang schwierig zu erforschen ist: Nicht-Heterosexuelle sind nach wie vor eine seltene Population im statistischen Sinn, und die soziale Erwünschtheit des Zusammenhangs bzw. der Interventionen, die durch ihn begründet werden sollen, und damit der Anreiz, weiterhin (mehr) methodisch einfältige und unzureichende Studien durchzuführen, ist seitdem und im Zuge politischer Korrektheit und guter Finanzierungschancen für Minderheitenforschung nicht geringer, sondern größer geworden.

suicide solutionBesonders die Messung des Suizidrisikos bleibt auch in neueren Studien ein Problem. So haben beispielsweise de Graaf, Sandfort und ten Have (2006) eine Studie auf der Basis einer repräsentativen Stichprobe der niederländischen Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren, die Daten von 2.878 Männern und 3.120 Frauen bereitstellt, durchgeführt und (löblicherweise, denn eine sexuelle Orientierung kann ja veränderlich sein) die sexuelle Orientierung durch Erfragung des sexuellen Verhaltens im Verlauf des Jahres vor der Befragung gemessen, aber leider eine sehr weiche Messung von Suizidität vorgenommen. Sie erfassen sie nämlich durch Fragen nach Todeswünschen, nach Selbstmordgedanken und nach absichtlicher Selbstverletzung irgendwann im Leben der Befragten. Diese Studie ergibt einen Zusammenhang zwischen allen Indikatoren für Suizidität und sexueller Orientierung bei Männern, aber nur zwischen einem Indikator – Selbstmordgedanken – und sexueller Orientierung bei Frauen, und zwar in der erwarteten Richtung, d.h. dass die so gemessene Suizidität bei Homosexuellen größer ist.

Diese Studie ist aber insofern interessant als in ihr getestet wird, ob der Zusammenhang verschwindet, wenn danach kontrolliert wird, ob irgendwann im Lebensverlauf eine psychische Erkrankung aufgetreten ist. Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass der beobachtete Zusammenhang zwischen Todeswünschen, Selbstmordgedanken sowie absichtlicher Selbstverletzung einerseits und sexueller Orientierung andererseits bei Männern statistisch signifikant bleibt, aber bei Berücksichtigung psychischer Erkrankung schwächer wird, und bei Frauen der Zusammenhang zwischen Selbstmordgedanken und sexueller Orientierung verschwindet. Daraus schließen die Autoren, dass der Zusammenhang zwischen Todeswünschen und Selbstmordgedanken sowie absichtlicher Selbstverletzung einerseits und sexueller Orientierung andererseits nur zum Teil durch psychische Erkrankungen vermittelt ist (de Graaf, Sandfort & ten Have 2006: 253).

Es gibt u.W. bis heute nur zwei Studien, die sich bemüht haben, das Problem der Messung der Suizidität zu lösen, indem sie ihre Analysen auf tatsächliche Todes- bzw.  Selbstmordfälle aufbauen, und diese Studien geben keinen Anlass dazu, von einer größeren Suizidgefährung Nicht-Heterosexueller oder bestimmter Gruppen von Nicht-Heterosexuellen auszugehen:

House of Mirth

Famous Suicides: Lily Bart

Bereits ein Jahr, nach dem die Übersicht über die existierende Forschungsliteratur zum Zusammenhang zwischen Suizid(risiko) und sexueller Orientierung von Muehrer – mit vernichtendem Ergebnis – vorgelegt wurde, also im Jahr 1996, haben Shaffer et al. die Ergebnisse ihrer Studie präsentiert, die damals insofern einzigartig war als sie erstmals auf der Untersuchung von tatsächlichen Selbstmordfällen und einer unselegierten Stichprobe beruhte:

„It has been suggested that there is a strong relationship between suicidal behavior and homosexuality in adolescence. It has been further suggested that it is due to the stigmatization and feelings of isolation that are experienced by many gay adolescents. Much of the literature that has given support to these hypotheses has been conducted on uncontrolled nonrepresentative samples and its generalizability is open to question. An opportunity to examine the relationship in an unselected sample arose in a case control, psychological autopsy study of 120 of 170 consecutive suicides under age 20 and 147 community age, sex, and ethnic matched controls living in the Greater New York City area”  (Shaffer et al. 1996: 64).

Death on the Nile

Famous Suicides: Jacqueline de Bellefort

Homosexualität wurde in der Studie dadurch festgestellt, dass Befragte danach gefragt wurden, ob sie homosexuelle Erfahrungen gemacht hatten oder von sich sagen, dass sie eine homosexuelle Orientierung hätten. In der Studie traf dies nur auf drei Jugendliche zu, die Selbstmord begingen, und auf keinen Jugendlichen in der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse der Studie fassen die Autoren wie folgt zusammen:

„The difference was not significant. The circumstances of death were examined and are described. In no instance did suicide directly follow an episode of stigmatization. All three suicides had evidence of significant psychiatric disorder before death. In spite of opportunities for biased reporting, it is concluded that this study finds no evidence that suicide is a common characteristic of gay youth, or that when suicide does occur among gay teenagers, that it is a direct consequence of stigmatization or lack of support” (Shaffer et al. 1996: 64).

Die zweite Studie, die auf tatsächlichen Todesfällen (und darunter Selbstmorden) beruht, ist eine neuere Studie von Cochran und Mays aus dem Jahr 2011. Sie bezieht sich nicht wie die Studie von Shaffer et al. auf Jugendliche, sondern auf Erwachsene und stützt sich außerdem auf eine deutlich breitere Datenbasis, nämlich auf Daten von 5.574 amerikanischen Männer im Alter von 17 bis 59 Jahren, von denen 5.292 angaben, Sex nur mit weiblichen Partnern zu haben, von denen 85 Männer angaben, nur mit Männern Sex zu haben, und von denen 197 Männer angaben, keine Sexualparter zu haben. Über einen Zeitraum von 18 Jahren hinweg wurde beobachtet, wer von diesen Männern warum verstorben ist, und es zeigte sich:

“Compared with heterosexual men, MSM [für ‘men having sex with men only’] evidenced greater all-cause mortality. Approximately 13% of MSM died from HIV-related causes compared with 0.1% of men reporting only female partners. However, mortality risk from non–HIV-related causes, including suicide, was not elevated among MSM” (Cochran & Mays 2011: 1133).

Othello

Famous Suicides: Othello

Diese Studie ermöglicht also den Vergleich zwischen heterosexuellen und homosexuellen Männern und basiert auf tatsächlichen Todesfällen, unter denen Selbstmorde als solche identifiziert werden können, weshalb das Suizidrisiko nicht durch die erfragte Erinnerung an vage Konzepte wie „Selbstmordgedanken“ retrospektiv, also (z.T. sehr weit) im Nachhinein, gemessen werden, sondern de facto errechnet werden kann. Erst auf der Basis solcher Daten wird erkennbar, wie selten das Ereignis „Suizid“ tatsächlich ist: die Autoren haben im Verlauf der achtzehn Jahre, genau: zwischen 1988 und 2006, nur 18 Selbstmorde beobachten können. Die Seltenheit des Ereignisses „Suizid“ bedeutet aber auch, dass selbst in einer Studie mit einer hohen Fallzahl – hier: 5.574 Befragte – Zusammenhänge zwischen Selbstmord und soziodemographischen Variablen – hier: sexuelle Orientierung – nur sehr unzuverlässig zu konstatieren sind, obwohl die Autoren der Meinung sind, dass

„[a]lthough suicide-related deaths were relatively rare in the NHANES III sample (n=18), if they occurred among homosexually experienced men at the same rate reported in the recent study of Danish men in registered domestic partnerships, it would have been detectable in the current study” (Cochran & Mays 2011: 1136).

Jedenfalls können die Ergebnisse von Cochran und Mays als Hinweis darauf gelten, dass das Suizidrisiko durch retrospektive Fragen nach Selbstmordversuchen oder sogar nur Selbstmordgedanken nicht zuverlässig erfasst werden kann:

„These findings indicate that the elevated rates of attempted suicide seen among men with minority sexual orientation in numerous studies, and in the NHANES III sample in particular, may not be matched by a similar elevated risk for suicide mortality” (Cochran & Mays 2011: 1136).

Oder anders ausgedrückt: Nicht-Heterosexuelle oder zumindest Homosexuelle haben kein höheres Suizidrisiko als Heterosexuelle, aber vielleicht eine größere Neigung dazu, Selbstmordversuche, -pläne oder –gedanken zu berichten, wenn sie danach gefragt werden. Vorliegende Studien weisen hierauf hin, aber weil sie in der Regel auf selegierten Stichproben und sehr niedrigen Fallzahlen beruhen, lässt sich das (nach wie vor) nicht mit Sicherheit sagen.

Wrath of Khan

Famous Suicides: Cptn. Clark Terrell

Wenn tatsächliche Todesfälle und nicht nur Selbstmorde, betrachtet werden, dann wird auch erkennbar, dass mit Bezug auf Homosexuelle ein ganz anderes Sterberisiko relevant ist als dasjenige durch Selbstmord, nämlich das Risiko, an den Folgen einer HIV-Infektion zu sterben, und dies sollte für Interventionsfreudige doch eigentlich von großem Interesse sein. Dennoch spielt dieses Sterberisiko in der öffentlichen Debatte um die Konfrontation von Schülern mit nicht-heterosexueller Sexualität bzw. entsprechenden Lebensentwürfen keine Rolle – es wird im Zuge der Werbung für „den Regenbogen“ wohl als eher kontraproduktiv empfunden, obwohl es zweifellos im Interesse von Nicht-Heterosexuellen wie Heterosexuellen wäre, wenn über dieses Sterberisiko besser aufgeklärt würde.

Statt des erhöhten Risikos einer HIV-Erkrankung bei Homosexuellen wird im öffentlichen Diskurs und vor allem von Politikern, Interessenverbänden und Multiplikatoren gerne die (tatsächliche oder vermeintliche) Stigmatisierung und Diskriminierung Nicht-Heterosexueller in der Gesellschaft thematisiert und sogar als relevante Ursache für die das vermeintlich erhöhte Suizidrisiko von Nicht-Heterosexuellen benannt. Wie steht es um diesen Zusammenhang?

Insofern bislang keine methodisch anspruchsvolle Studie ein erhöhtes Suizidrisiko von Nicht-Heterosexuellen feststellen konnte, erledigt sich die Frage nach den Gründen hierfür eigentlich von selbst. Weil aber zu erwarten ist, dass sich Politikern, Interessenverbänden und Multiplikatoren schwer tun werden, Fehler oder eine ideologisch begründete Interessenlage einzugestehen, und daher statt auf ein erhöhtes Suizidrisiko auf einen erhöhten psychischen Leidensdruck durch Stigmatisierung und Diskriminierung, der zu größeren psychischen Problemen führen soll, verweisen werden, wollen wir noch darauf eingehen, was die empirische Forschung zu diesen Zusammenhängen zu sagen hat (dazu Teil III).

©ScienceFiles, 2014

Literatur:

Cochran, Susan D. & Mays, Vickie M., Sexual Orientation and Mortality Among US Men Aged 17 to 59 Years: Results From the National Health and Nutrition Examination Survey III. American Journal of Public Health 101, 6: 1133-1138.

De Graaf, Ron, Sandfort, Theo G. M. & ten Have, Margreet, 2006: Suicidality and Sexual Orientation: Differences Between Men and Women in a General Population-Based Sample From The Netherlands. Archives of Sexual Behavior 35, 3: 253-262.

Schaffer, David, Fisher, Prudence, Hicks, R. H., Parides, Michael & Gould, Madelyn, 1996: Sexual Orientation in Adolescents Who Commit Suicide. Suicide and Life-Threatening Behavior 25, s1: 64-71.

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Erhöhtes Suizidrisiko bei Homo- und Bisexuellen?

Oder: Gibt es einen wissenschaftlich begründeten Anlass zu einer entsprechenden Intervention in Schulen (oder sonst wo)?

TEIL I

zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens_1386755089In den vergangenen Wochen wurde in Baden-Württemberg viel über den Bildungsplan 2015, genau: die Bildungsplanreform 2015/2016, diskutiert, in den „[d]as Thema ‚Akzeptanz von Sexueller Vielfalt‘ […] im Bildungsplan im Zusammenhang allgemeiner Erziehungsziele aufgenommen [ist]“. (Dass Deutschlands Bürger sich in Fragen der Unterrichtsinhalte, mit denen Kinder in deutschen Schulen konfrontiert werden, engagieren, ist – gelinge gesagt – eher selten, und dementsprechend wäre der Bildungsplan 2015 vermutlich seinen verwaltungstechnischen Gang gegangen und ohne nennenswerte Aufmerksamkeit über die Köpfe der Bürger und insbesondere von Eltern und Kindern hinweg eingeführt worden, hätte es nicht die Petition mit dem Titel „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter er Ideologie des Regenbogens“ gegeben, die ein engagierte Lehrer verfasst hat und die am 21. Januar um 13.30 152.552 Unterstützer gefunden hat. Sie alle wenden sich als Unterzeichner der Petition gegen den Bildungsplan 2015, denn:

“Wir treten für eine wissenschaftlich orientierte Pädagogik und gegen ideologische Theoriekonstrukte ein. …Während im Bildungsplan 2015 Werbung für jegliche Formen der Sexualität gemacht wird, bleiben Formen der Ausgrenzung aufgrund von Herkunft, Behinderung, Alter, Geschlecht oder Weltanschauung/Religion darin unbeachtet”.

Letztere Feststellung ist korrekt, und Ersterem kann man sich als Wissenschaftler oder Liberaler eigentlich nur anschließen.

In der Petition werden weitere Gründe dafür, den Bildungsplan 2015 abzulehnen, angefügt, darunter der folgende:

„In ‚Verankerung der Leitprinzipien‘ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTI[Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle]-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern“.

Allein auf dieses Argument bezieht sich die Gegenpetition zur Petition, überschrieben mit „Gegenpetition zu: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, die ihrerseits zum selben Datum und zur selben Uhrzeit 79.471 hat. Dort ist zu lesen:

„Bei Schüler_innen ein Bewusstsein zu schaffen, wonach Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle (LSBTTI) nichts “Abnormales” sind, halte ich für wichtig und richtig. Die Argumentation, LSBTTI sei gefährlich, halte ich für falsch und vollkommen verquer. Es verhält sich – meiner Ansicht nach – vielmehr so, dass sich bei LSBTTI deshalb ein erhöhtes Suizidverhalten zeigt, weil Teile der Gesellschaft ihnen immer noch – und eben u.a. gerade durch solche Petitionen – das Gefühl geben, abnormal zu sein, sodass es schwierig wird, sich selbst zu akzeptieren. Daraus, weil nicht kleine Teile der Gesellschaft einem das Gefühl geben “falsch” zu sein, resultiert die erhöhte Suizidrate, nicht durch die Zugehörigkeit zu den oben genannten Gruppen. Und genau deshalb ist es so wichtig, zukünftigen Generationen zu vermitteln, dass LSBTTI keinesfalls “falsch” sind und dass sie offen leben dürfen, was sie sind, ohne sich dessen schämen zu müssen oder von anderen beschimpft oder angegafft zu werden“.

Durkheims SelbstmordWährend die Unterstützer der Petition also bemängeln, dass im Bildungsplan 2015 nicht vorgesehen ist, u.a. das erhöhte Suizidrisiko homosexueller Jugendlicher und das höhere Risiko psychischer Erkrankungen Homosexueller zu thematisieren, begründen die Unterstützer der Gegenpetition ihr Anliegen damit, dass Homosexuellen durch „Teile der Gesellschaft … immer noch“  das Gefühl gegeben werde, abnormal zu sein, woraus eine „erhöhte Suizidrate“ bei LSBTTI resultiere, die in „zukünftigen Generationen“ dadurch zum Verschwinden gebracht werde, dass Kinder in Schulen von der Normalität Nicht-Heterosexueller überzeugt würden. Einig sind sich die Unterstützer von Petition und Gegenpetition also darin, dass es ein erhöhtes Risiko von Nicht-Heterosexuellen gebe, Selbstmord zu begehen, wenn sie auch nicht darin übereinstimmen, ob dies nur für bestimmte Gruppen Nicht-Heterosexueller gilt oder nicht. Für die Unterstützer der Petition begründet dies die Notwendigkeit, die Gefahren eines nicht-heterosexuellen Lebensstil in Schulen zu thematisieren (, wenn ein solcher Lebensstil denn schon unbedingt in Schulen thematisiert werden muss,) für die Unterstützer der Gegenpetition begründet und rechtfertigt dieser Umstand die Thematisierung dieses Lebensstils und die Werbung für Toleranz gegenüber bzw. Akzeptanz dieses Lebensstils in Schulen.

Aber woher nehmen beide Seiten die Sicherheit, mit der sie behaupten, es gebe eine erhöhte Suizidrate unter Nicht-Heterosexuellen oder bestimmten Gruppen von Nicht-Heterosexuellen? Das bleibt ihr Geheimnis, denn sie berufen sich diesbezüglich auf keinerlei Quellen, sondern suggerieren gleichermaßen, es handle sich hier um feststehendes Wissen, fast schon um einen Teil von Allgemeinbildung. Und wie so oft erweist sich das, was man als allgemein bekannt oder selbstverständlich ansieht, als falsch, sobald man sich ihm mit dem Kopf und nicht nur mit dem Herzen oder vielleicht treffender: dem Blutdruck, zuwendet. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung lässt sich dies nämlich keineswegs behaupten.

Tatsächlich ist bis heute unklar, ob eine höhere Suizidrate bei Nicht-Heterosexuellen oder Teilen von ihnen besteht als unter Heterosexuellen, obwohl seit mindestens zehn Jahren hierüber geforscht wird. Woher genau die Idee, Nicht-Heterosexuelle hätten eine höhere Suizidrate bzw. ein höheres Suizidrisiko als Heterosexuelle ursprünglich stammt, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Ein Text von Paul Gibson, der einen erheblichen Beitrag dazu geleistet hat, die Frage nach einem Zusammenhang zwischen  Suizid(risiko) und sexueller Orientierung auf die Tagesordnungen von Politikern und Verwaltungsangestellten zu setzen, und den er als Beitrag mit dem Titel „Gay Male and Lesbian Youth Suicide“ zum “Report of the Secretary’s Task Force on Youth Suicide” für das U.S. Department of Health and Humane Services im Jahr 1989 verfasst hat, führt den Zusammenhang bereits in der Einleitung als eine bekannte Tatsache ein, wenn er schreibt:

„Suicide is the leading cause of death among gay male, lesbian, bisexual and transsexual youth. They are part of two populations at serious risk of suicide: sexual minorities and the young. Agency statistics and coroner reports seldom reflect how suicidal behaviors related to sexual orientation or identity issues. The literature on youth suicide has virtually ignored the subject. Research in recent years, however, with homosexual young people and adults has revealed a serious problem with cause for alarm” (Gibson 1989: 3-110).

Die Forschung, auf die er sich bezieht, stammt aus den 1970er-Jahren und wurde von Jay und Young (1977) und Bell und Weinberg (1978) publiziert. Deren Ergebnisse fasst Gibson wie folgt zusammen:

“Jay and Young found that 40 percent of gay males and 39 percent of lesbians surveyed had either attempted or seriously contemplated suicide. Bell and Weinberg similarly found that 35 percent of gay males and 38 percent of lesbians in their study had either seriously considered or attempted suicide. Homosexuals are far more likely to attempt suicide than are heterosexuals. A majority of these attempts take place in their youth. Bell and Weinberg found that 25 percent of lesbians and 20 percent of gay men had actually attempted suicide. Gay males were 6 times more likely to make an attempt then heterosexual males. Lesbians were more than twice as likely to try committing suicide than the heterosexual women in the study. A majority of the suicide attempts by homosexuals took place at age 20 or younger with nearly one-third occurring before age 17” (Gibson 1989: 3-111).

penguin_logicDie Studie von Jay und Young beinhaltet keine Heterosexuellen, so dass aus ihr keine Aussage über ein höheres Suizidrisiko von Homosexuellen abgeleitet werden kann, eben weil die Vergleichsgruppe der Heterosexuellen in dieser Studie fehlt (zur Kritik dieser Studie s. auch Burroway 2006). Bell und Weinberg machen sich dieses Versäumnisses zwar nicht schuldig, aber auch ihre Studie basiert – ebenso wie die von Jay und Young – auf im Nachhinein von den Befragten erinnerten oder zumindest angegebenen Selbstmordversuchen oder ernsthaften Erwägungen, sich selbst umzubringen, von denen niemand weiß, wie zuverlässig solche Angaben sind.

Obwohl Gibson die Ergebnisse dieser Studien und damit die Existenz eines Zusammenhangs zwischen Suizid(risiko) und jungen Homosexuellen kritiklos akzeptiert, sieht er die Notwendigkeit, die Geltung des Zusammenhangs gut zehn Jahre später zu überprüfen und führt daher einige Zahlen an, die als Beleg dafür dienen sollen, dass der Zusammenhang inzwischen nicht verschwunden oder schwächer geworden sei, sondern eher im Gegenteil. Diese Zahlen scheinen dies tatsächlich zu belegen, aber sie basieren auf Befragungen, die in oder von Jugendzentren, teilweise speziell für homosexuelle Jugendliche, oder Zentren zur Prävention von Suizid durchgeführt wurden, und weil man davon ausgehen muss, dass die homosexuellen Jugendlichen, die dort anzutreffen sind, eine stark selegierten Population darstellen, sind sie nicht aussagekräftig. So stammt eine der Befragungen vom Larkin Street Youth Center in San Francisco, wo die Befragung unter der Klientel des Zentrums, nämlich wohnsitzlosen Jugendlichen, durchgeführt wurde. Diese Studie ergibt, dass homosexuelle Jugendliche eine 3,5mal höhere Suizidität hatten als heterosexuelle, wobei zumindest im Bericht Gibsons unklar bleint, was genau hier „Suizidität“ bedeutet und wie viele Fallzahlen sich hinter dem Verhältnis von Prozentzahlen, auf deren Basis die 3.5mal höhere Suizidität errechnet wurde, verbergen.

Zwischen 1977 und 1989 wurde also offensichtlich keine Forschung betrieben, die die methodischen Fehler und Schwächen der ursprünglichen Forschung behoben hätte (im Gegenteil). Dennoch geistert seit der Publikation des Textes von Gibson aus dem Jahr 1989 in der westlichen Welt die Vorstellung herum, nach der (jugendliche oder erwachsene) Homosexuelle (oder beide) ein mindestens 30 Prozent höheres Risiko hätten, Selbstmord zu begehen. Und bereits in Gibsons Text findet sich die denkwürdige und im gesellschaftlichen Klima der 1970er-Jahre wenig überraschende, aber durch keinerlei wissenschaftliche Forschung belegte Behauptung:

„The root of the problem of gay youth suicide is a society that discriminates against and stigmatizes homosexuals while failing to recognize that a substantial number of its youth has a gay or lesbian orientation. Legislation should guarantee homosexuals equal rights in our society. We need to make a conscious effort to promote a positive image of homosexuals at all levels of society that provides gay youth with a diversity of lesbian and gay male adult role models. We each need to take personal responsibility for revising homophobic attitudes and conduct. Families should be educated about the development and positive nature of homosexuality. They must be able to accept their child as gay or lesbian. Schools need to include information about homosexuality in their curriculum and protect gay youth from abuse by peers to ensure they receive an equal education” (Gibson 1989: 3-110; Hervorhebung d.d.A.).

Man könnte meinen, der baden-württembergische Bildungsplan 2015 sei eine späte Kopie dessen, was bereits im Jahr 1989 auf der Basis methodisch völlig unzureichender Forschung gefordert wurde. Man könnte aber auch meinen, dass man sich mit solchen Forderungen heutzutage auf qualitätvolle(re) Forschung berufen könnte. Leider muss man sagen, dass dies nicht der Fall ist. Für die Mehrheit der Forschung, die seit 1989 bis heute zum Zusammenhang zwischen Suizid und sexueller Orientierung durchgeführt wurde, gilt, dass sie dieselben methodischen Mängel aufweist wie die frühe Forschung der 1970er- und 1980er-Jahre.

Dies mag einigermaßen verwunderlich erscheinen, ist es aber nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, wie schwierig es ist, den Zusammenhang zwischen Suizidrisiko und sexueller Orientierung zu untersuchen: Die Probleme beginnen damit, dass es sehr schwierig ist festzustellen, wer suizidgefährdet ist oder irgendwann einmal war. Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, dass jemand suizidgefährdet war, wenn die Person tatsächlich Selbstmord begangen hat. Alle uns bekannten Studien – mit einer Ausnahme, auf die wir unten noch zurückkommen werden, – zu diesem Zusammenhang basieren aber auf Angaben von Befragten darüber, ob sie in ihrem Leben irgendwann einmal oder in den letzten 12 Monaten (o.ä.) einen Selbstmordversuch gemacht haben, den Plan gefasst haben, sich umzubringen oder allgemein Selbstmordgedanken hatten.

Die Befragten können nur befragt werden, weil sie noch am Leben sind und sich nicht selbst umgebracht haben. So gesehen repräsentieren sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gerade keine (zum Befragungszeitpunkt tatsächlich) Suizidgefährdeten, selbst dann, wenn sie nicht schlicht vergangene Gefühlslagen falsch rekonstruieren und attribuieren, und dementsprechend können sie keine Aufschlüsse darüber geben, ob, wie häufig und unter welchen Bedingungen Selbstmordpläne und –gedanken zu Selbstmord führen – dies könnten nur die, die nicht mehr befragt werden können, weil sie nicht mehr leben.

suicide attemptDen besten Näherungswert stellen wahrscheinlich Menschen dar, die in nicht allzu langer Vergangenheit einen Selbstmordversuch gemacht haben und von jemand anderem gerettet wurden, aber erstens hätten diese Menschen vermutlich andere Sorgen und Bedürfnisse als an einer sozialwissenschaftlichen Befragung teilzunehmen, und zweitens gibt es von diesen Menschen nur sehr wenige, und zwar nicht, weil wenige Selbstmörder von jemand anderem gerettet würden, sondern, weil es erfreulicherweise überhaupt wenige Selbstmörder gibt, „wenige“ in dem Sinn, dass sie für die Sozialwissenschaft eine so genannte seltene Population darstellen, d.h. sie sind so selten, dass man Schwierigkeiten hat, eine Anzahl von ihnen zu finden, die groß genug wäre, um auf ihre Angaben Ergebnisse zu gründen, die für sich in Anspruch nehmen können, zuverlässig zu sein.

Dieses Problem der seltenen Population verschärft sich, wenn man verschiedene Gruppen von Suizidgefährdeten miteinander vergleichen will, hier: heterosexuelle Suizidgefährdete und nicht-heterosexuelle Suizidgefährdete oder sogar heterosexuelle jugendliche Suizidgefährdete und nicht-heterosexuelle jugendliche Suizidgefährdete. Die meisten Studien zum in Frage stehenden Zusammenhang leiden daher unter notorisch niedrigen Fallzahlen, und auf der Basis so niedriger Fallzahlen lassen sich keine allgemeinen Aussagen über das Risiko des Suizidrisikos von Nicht-Heterosexuellen oder bestimmten Gruppen von ihnen machen. Die teilweise extrem niedrigen Fallzahlen, mit denen gearbeitet wird, werden unseriöserweise manchmal dadurch verdeckt, dass sie nicht angegeben werden, sondern in prozentuale Anteile umgerechnet werden (so z.B. bei Wang et al. 2012); Wenn man schreiben kann, dass 30 Prozent aller homosexuellen Jugendlichen suizidgefährdet sind, dann suggeriert das ungleich mehr Relevanz als wenn man schreibt, dass von zehn homosexuellen Jugendliche, die man in einer Stichprobe von z.B. 140 Jugendlichen verfügbar hat, drei angegeben haben, z.B. während der vergangenen zwei Jahre einen Selbstmordversuch gemacht zu haben.

Eine andere Strategie kann sein, das Suizidrisiko aufzuweichen und als Indikator dafür nicht erfolgte Selbstmordversuche zu betrachten, sondern stattdessen (oder zusätzlich) Selbstmordpläne, wobei die Grenze zu Selbstmordphantasien fließend sein dürfte. Nach Letzteren wird aber nicht gefragt bzw. nicht in dieser Formulierung gefragt, denn Selbstmordphantasien werden meist als Selbstmordgedanken bezeichnet, was einen stärkeren Realitätsbezug suggerieren mag als der Begriff „Selbstmordphantasien“. Eine möglichst starke Aufweichung des Konstruktes „Suizidrisiko“ dient dazu, die Fallzahlen zu erhöhen, die für eine Zusammenhangsanalyse zur Verfügung stehen, ist aber nicht unbedingt im Interesse einer realistischen Einschätzung der Relevanz des Phänomens „Suizid“.

right orderDasselbe gilt für die Errechnung und Mitteilung von Suizidrisiko-Kennwerten für Nicht-Heterosexuelle oder eine Gruppe von Nicht-Heterosexuellen, ohne dass der entsprechende Vergleichswert für Heterosexuelle mitgeteilt wird, wofür die oben schon erwähnte Studie von Jay und Young (1977) ein Beispiel ist und wie wir dies oben im Zusammenhang mit unserem obenstehenden Beispiel getan haben: Wenn wir zehn homosexuelle Jugendliche danach fragen, ob sie irgendwann in ihrem Leben oder z.B. in Verlauf der beiden vorangegangenen Jahre daran gedacht haben, sich selbst das Leben zu nehmen, und drei davon oder 30 Prozent bejahen dies, dann mag das auf den ersten Blick geradezu nach Intervention zugunsten von Homosexuellen schreien, aber wenn wir eine Vergleichsgruppe von heterosexuellen Jugendlichen dasselbe gefragt hätte, dann hätten wir vielleicht herausbekommen, dass von ihnen ebenfalls 30 Prozent die Frage bejahen, und vielleicht hätten wir  auch herausbekommen, dass sich in ihrem Fall die 30 Prozent auf der Basis einer deutlich größeren Stichprobe errechnen, denn heterosexuelle Jugendliche sind deutlich leichter aufzufinden als homosexuelle, was auf die Frage nach der Relevanz der beiden gleich hohen Prozentanteile bzw. einer Intervention speziell zugunsten von Homosexuellen zurückverweist (vgl. hierzu Gibson 1989).

Diese Frage umgehen Studien, die sich ohnehin nur auf Daten von Nicht-Heterosexuellen beschränken (wie z.B. die Studie von Wang et al. 2012 in den Teilen, in denen sie sich nur auf den Geneva Gay Men’s Health Survey bezieht, oder die Studie von D’Augelli et al. 2005).

Die überwältigende Mehrheit von Studien zum Zusammenhang zwischen Suizid(risiko) und sexueller Orientierung beziehen sich nicht auf LSBTTI, sondern auf Homosexuelle und auf Bisexuelle, weil sie es sind, die unter den Nicht-Heterosexuellen die bei Weitem größten Gruppen sind; jedenfalls lassen sich mehr Menschen finden, die sich selbst als homo- oder als bisexuell beschreiben, als Menschen, die sich als z.B. intersexuell beschreiben, und in vielen Fällen werden Bisexuelle Homosexuellen zugerechnet, weil sich beide Gruppen getrennt mangels Fallzahlen nicht analysieren ließen (vgl. z.B. Wang et al. 2012: 982). Damit ist klar, dass selbst dann, wenn zuverlässige Daten für Homo- oder Bisexuelle vorlägen, ungeklärt wäre, ob sich diese Daten auf Trans- oder Intersexuelle übertragen lassen oder nicht. Ebenfalls unklar ist, ob und auf der Grundlage welcher Begründung Homosexuelle und Bisexuelle in einen Topf geworfen werden sollten; schließlich könnte man Bisexuelle mit gleichem Recht Homosexuellen oder Heterosexuellen zurechnen.

Damit ist ein weiteres Problem angesprochen, nämlich die Frage, wie Homo- oder Bisexualität oder andere Formen nicht-heterosexueller Sexualität in einer Studie erfasst werden. Z.B. berichten Wang et al. (2012: 984), dass „sexual orientation was assessed differently in each survey“, womit sie die drei Surveys meinen, auf die sie ihre eigene Studie gründen. Dies macht nicht nur den Vergleich der Ergebnisse nahezu unmöglich, die auf der Basis verschiedener Surveys in einer Studie gewonnen wurden, sondern schränkt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse stark ein, die in unterschiedlichen Studien und unter Verwendung unterschiedlicher Stichproben oder Surveys gewonnen wurden.

Aus diesen Gründen ist Muehrer bei seiner Zusammenschau der Forschungsergebnisse zum Zusammenhang zwischen Suizid(risiko) und sexueller Orientierung, die er im Jahr 1995 publiziert hat, zum folgenden für die Sozialforschung und Interventionsfreudige vernichtenden Ergebnis gekommen:

„Research on the hypothesized relationship between sexual orientation and suicide is limited both in quantity and quality. National or statewide data on the frequency and causes of completed suicide in gay and lesbian people in the general population, including youth, do not exist. Similarly, national or statewide data on the frequency of suicide attempts among the general population or among gay and lesbian people, including youth, do not exist. Methodological limitations in the small research literature include a lack of consensus on definitions for key terms such as suicide attempt and sexual orientation, uncertain reliability and validity of measures for these terms, nonrepresentative samples, and a lack of appropriate nongay and/or nonclinical control groups for making accurate comparisons. These numerous methodological limitations prevent accurate conclusions about the role sexual orientation might play in suicidal behavior; the limitations also suggest opportunities for future research. Furthermore, recent evaluations of some school suicide-awareness programs suggest that these programs are ineffective and may actually have unintended negative effects. The premature dissemination of unproven programs is unwarranted“ (Muehrer 1995: 72).

©ScienceFiles, 2014

Im nächsten Post geht es weiter mit Teil II.

Literatur:

Bell, Alan P. & Weinberg, Martin S., 1978: Homosexualities: A Study of Diversity Among Men and Women. New York: Simon and Schuster.

D’Augelli, Anthony R., Grossman, Arnold H., Salter, Nicholas P., Vasey, Joseph J., Starks, Michael T. & Sinclair, Katerina O., 2005: Predicting the Suicide Attempts of Lesbian, Gay, and Bisexual Youth. Suicide and Life-Threatening Behavior, 35, 6: 646-660.

Gibson, Paul, 1989: Gay Male and Lesbian Youth Suicide, pp. 110-142 in: Feinleib, Marcia R. (ed.): Prevention and Intervention in Youth Suicide. (Report of the Secretary’s Task Force on Youth Suicide,  Vol. 3: Prevention and Interventions in Youth Suicide.). Washington, DC: U.S. Department of Health and Human Services.

Jay, Karla & Young, Allan, 1977:  The Gay Report: Lesbians and Gay Men Speak Out About Their Sexual Experiences and Lifestyles. New York: Summit.

Muehrer, Peter, 1995: Suicide and Sexual Orientation: A Critical Summary of Recent Research and Directions for Future Research. Suicide and Life-Threatening Behavior 25, s1: 72-81.

Shaffer, David, Fisher, Prudence, Hicks, R. H., Parides, Michael, Gould, Madelyn, 1995: Sexual Orientation in Adolescents Who Commit Suicide. Suicide and Life Threatening Behavior 25, s1: 64-71.

Wang, Jen, Häusermann, Michael, Wydler, Hans, Mohler-Kuo, Meichun & Weiss, Mitchell G., 2012: Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Porbability Surveys. Journal of Psychiatric Research 46,8: 980-986.

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Wider die Expertenschwemme

So, wie viele in Deutschland denken, sie hätten nicht nur zu allem eine Meinung, sondern könnten diese Meinung auch in Diskussionen einbringen, selbst wenn sie das, was sie für Ihre Meinung halten, nicht einmal im Entferntesten begründen können, so sind viele der Überzeugung, sie seien Experten für dies oder das. Experten schießen zu allen Gelegenheiten und wie Pilze aus dem Boden:

  • expert opinionVermeintliche Experten erstellen Expertisen, wahlweise für die eine oder die andere politische Stiftung und sollen oder wollen damit die Grundlage für den ideologischen Kampf der entsprechenden Stiftung oder ihren jeweiligen Kampf gegen politisch Andersdenkende liefern.
  • Vermeintliche Experten, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben, erstellen “Gutachten” für Ministerien, die man dann nutzen kann, um von den eigenen Maßnahmen oder Politiken zu behaupten, sie seien begutachtet und für gut befunden worden.
  • Vermeintliche Experten, von denen noch nie jemand etwas gehört hat, tauchen in den Medien auf, erklären sich für kompetent, um über dieses oder jenes Thema zu sprechen, und machen für die Medien die Schmutzarbeit, ein bestimmtes Thema als genau auf eine Art und Weise darstellbar zu erklären.

Wir haben in der Vergangenheit eine Reihe von Beiträgen zum Schindlunder gebracht, das mit dem Begriff Expertise getrieben wird, haben gerade vor kurzem auf eine kleine Schar selbsternannter Experten aufmerksam gemacht, die für sich entschieden haben, was sie tolerieren wollen und was nicht und wie sie das, was sie nicht tolerieren wollen, kriminalisieren wollen, eine kleine Schar Experten, die für die EU nützlich sind (hoffentlich wurden sie gut bezahlt) und sich prima einsetzen lassen, um weiter Freiheitsrechte hinweg zu harmoniseren und die Europäer in allem, selbst in dem, was sie sagen dürfen und was sie nicht sagen dürfen, gleichzuschalten.

GannonWir wollen heute nicht danach fragen, was diese angeblichen Experten dazu veranlasst, sich in den Dienst anderer zu stellen, für diese die Schmutzarbeit zu machen, sondern eine begriffliche Klarheit herbeiführen und aufzeigen, wo die begriffliche Verwirrung herkommt, die dazu geführt hat, dass jeder, der es von sich behauptet oder dem es von wem auch immer zugeschrieben wird, als Experte durchgehen kann.

Auf der Suche nach der Ursache der Verwirrung darüber, was ein Experte ist, sind wir, wie so häufig, in der interpretativen Soziologie angekommen, bei der (kleinen) Gruppe derer, die denken, die Welt bestehe aus Askriptionen und aus Konstruktionen über die Realität und mehr nicht. Diese Richtung der Soziologie ist für viel Verwirrung zuständig, hat sie doch eine Reihe von vermeintlichen Forschern hervorgebracht, die tatsächlich denken, sie konstruieren, also seien sie. So war Konstruktivismus, jedenfalls ernstzunehmender Konstruktivismus, aber nie gedacht.

Konstruktivismus basiert auf der Wahrnehmung einer Trennung zwischen Realität und Geist. Erstere ist einfach da, zweiteres tragen wir an Erstere heran. Die Frage, die sich nun ergibt, lautet: Wie stark stimmen beide miteinander überein? Wie richtig ist die Vorstellung, die wir uns über die Realität machen? Diese Frage, die als Problem der Gewissheit von Aussagen diskutiert wird, hat skeptische Antworter gefunden, z.B. David Hume, der der Ansicht war, die Eindrücke in unseren Hirnen seien in keiner Weise als richtige Repräsentationen der Außenwelt beweisbar.

Objektive ErkenntnisSie hat optimistische Antworter gefunden, wie Karl Raimund Popper, der davon ausgegangen ist, dass man zwar nicht mit Sicherheit (oder Gewissheit) sagen kann, dass eine Aussage über die Realität richtig ist, dass man aber mit Gewissheit prüfen kann, ob eine Aussage zumindest nicht falsch ist, und sie hat pragmatische Antworter gefunden, die der Ansicht sind, man könne zwar nicht aus dem Gefängnis seines Geistes ausbrechen, aber es sei dennoch möglich, Übereinstimmung mit der Realität herzustellen, ob die dann gewiss oder tatsächlich seien, sei etztlich egal, so lange die anscheinende oder offensichtliche Übereinstimmung funktioniere.

Allen Positionen ist eines gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass es eine Realität gibt und dass es möglich ist, mit dieser Realität in Kontakt zu treten, sie wahrzunehmen und vielleicht sogar zu erkennen. Niemand, der selbst ernst genommen werden wollte oder will, hat je angenommen, dass alles konstruiert, alles eine Einbildung des Geistes ist oder dass die soziale Konstruktion, wie wir sie in unseren Gehirnen vornehmen, die Realität zu etwas anderem machen könnte, wie dies z.B. Genderisten glauben. Letztere glauben doch tatsächlich, dass die Art und Weise, wie man über Dinge spricht, diese Dinge zu verändern im Stande ist. Wer das auch glaubt, möge versuchen, eine Wand, die ihm im Weg ist, zur Straße zu erklären und sehen, was passiert, wenn er die konstruierte Straße befährt.

Aber in der Gesellschaftswissenschaft, im sozialen Leben, so die Genderisten, da sei dies alles ganz anders als in unseren Beispiel mit der Wand. Im sozialen Leben werde Realität konstruiert, so sagen Sie, und verweisen regelmäßig auf entweder Herbert Blumer oder auf Erving Goffman. Aber, weder Blumer noch Goffman waren dumm. Beide haben die Existenz einer realen Außenwelt nicht in Frage gestellt, sondern lediglich gesagt, dass die Art und Weise, wie wir die Außenwelt wahrnehmen, sozial geprägt ist. Also: Nicht die Realität wird durch die Wahrnehmung verändert, sondern die Realität wird unterschiedlich wahrgenommen. Genderisten sehen z.B: überall Sexualität, während normale Menschen eher mit schlichten Dingen wie Berufsrollen zugange sind. Und so erweckt derselbe Elektriker je nachdem, ob er einem Genderisten oder einem normalen Menschen gegenüber steht, ganz unterschiedliche Wahrnehmungen/Assoziationen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es sich um einen Elektriker handelt, dessen Sexualität nicht seine Essenz ausmacht.

Das bringt uns zurück zum Experten und zu Definitionen des Experten, die die Tür geöffnet haben für Willkür und Unsinn en masse. Eine solche Definition haben Meuser und Nagel zu verantworten, die

einen Experten als jemanden definieren, der (1) „in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Ausarbeitung, die Implementierung und/oder die Kontrolle einer Problemlösung“ und der (2) damit über einen “privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen, Soziallagen, Entscheidungsprozesse, Politikfelder usw. verfügt“ (Meuser & Nagel, 2010, S.470).

Das macht jeden, der nicht mit seinen Händen arbeitet, zum Experten. Wer vom Bundesministerium für alle außer Männern Mittel dafür zugeschustert bekommt, dass er ein Fortbildungsprogramm für Lehrer aufstellt, das “Geschlechterreflektierende Pädagogik als Prävention von Rechtsextremismus” zum Gegenstand hat, ist damit automatisch Experte: Er hat die Verantwortung dafür, etwas zusammenzuschreiben, was als Entwurf für eine Fortbildung durchgeht, er muss den Entwurfe ausarbeiten (lassen) und die Fortbildung selbst durchführen und hat entsprechend “Kontrolle über eine von ihm behauptete Problemlösung”, und er hat einen privilegierten Zugang zu allen, die in seiner Fortbildung auftauchen (müssen), also z.B. zur Personengruppe der Lehrer, die regelmäßig aus der Mittelschicht stammen (Soziallage) und Einfluss auf z.B. die Grundschulempfehlung für Schüler haben. Eh voilá, ein Experte ist geboren, kraft der Mittelzuweisung durch ein Ministerium und kraft eigener Behauptung.

placeboDas ist radikaler und naiver Konstruktivismus (oder Hochstapelei), der Expertenstatus gewährt, ohne dass der Experte einen Eindruck auf die Realität, einen Niederschlag in der Realität finden muss oder sich selbst auf die Realität beziehen muss (er kann also irgendeinen Unsinn erzählen) und ohne dass der angebliche Experte eine Kompetenz in dem Gebiet, auf dem er “expertet” nachweisen muss. Mit diesem Trick gelingt es dann, Hochschulabsolventen zu Experten für das, was gerade ideologisch nützlich ist, zu erklären, es gelingt, unbekannte Personen zu Experten in aktuellen und zumeist emotional aufgeladenen Fragen zu erklären und es gelingt, fünf Juristen, die zu Kriegsrecht, Völkerrecht und öffentlichem Recht etwas zu sagen wissen, zu Experten für Fragen der Toleranz, also eher philosophische Fragen zu erklären.

Und irgendwie scheinen alle, die mit vermeintlichen Experten konfrontiert sind, deren Expertenstatus zu akzeptieren und nicht zu fragen, auf Grund welcher Kompetenz ist der vermeintliche Experte eigentlich Experte?

Damit endlich ein Diskurs darüber geführt wird, wer zum Experten taugt und wer nicht, hier unsere Definition eines Experten:

Ein Experte ist jemand, der (1) aufgrund langjähriger Erfahrung über bereichsspezifisches Wissen/Können verfügt, (2) er ist jemand, der dieses Wissen in der Realität auch anwenden kann und angewendet hat, (3) er ist jemand, der in der Lage ist, Lösungen für reale Probleme zu erarbeiten, jemand der in der Vergangenheit Problemlösungen erarbeitet hat, die sich in der Realität bewährt haben, der (4) entsprechend über Urteilsvermögen verfügt, und (5) bereit ist, die Konsequenzen aus empirischen Fakten zu ziehen auch wenn sie seiner bisherigen Auffassung widersprechen und der bereit ist, diese Konsequenzen auch dann zu ziehen, wenn sie seinem Auftraggeber vorhersehbar nicht gefallen werden. Diese Bereitschaft zeigt sich darin, dass er in nicht emotionaler Weise zu sprechen in der Lage ist, Gegenpositionen sachlich zu diskutieren bereit ist und dass ihm Erkenntnis wichtiger als Bekenntnis ist.

Literatur

Meuser, Michael & Nagel, Ulrike (2010). Experteninterviews – wissenssoziologische Voraussetzungen und methodische Durchführung. In: Friebertshauser, Barbara, Langer, Antje & Prengel, Annedore (Hrsg.). Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Juventa, S.457-472.

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Das WZB macht jetzt in auftragskonformer Einzelfallgeneralisierung

Erinnern Sie sich noch an die Kindheitstraumata, die Erwachsene in den USA und nicht nur dort, bei sich entdeckt haben? Kindheitstraumata zumeist aus Vergewaltigung, zum Teil auch aus Alien Abductions resultierend, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, die sich als Eingabe der behandelnden Psychiater entpuppt haben? Michael Schermer hat sie detailgetreu zerlegt und analysiert, in seinem empfehlenswerten Buch “Why People Believe Weird Things” – ein Klassiker der ScienceFiles-Bibliothek.

Michael SchermerMan sollte denken, retrospektive Befragungen, die auf Einzelfällen basieren oder die auf den Erinnerungen von Menschen basieren, würden aufgrund dieser schlechten Erfahrung mit Vorsicht behandelt, wenn sie überhaupt behandelt werden. Man sollte denken, dass qualitative Forscher immer dann, wenn Sie Befragten nach Ihrer Erinnerung fragen, das beherzigen, was u.a. Elizabeth Loftus über das “False Memory Syndrom” geschrieben hat, und sie wären entsprechen vorsichtig mit dem, was Ihnen erzählt wird.

Und man sollte denken, qualitative Sozialforscher, die sich mit mehr als 70 Befragten überfordert sehen, wären besonders geübt darin, die Irrungen und Wirrungen des Alltagsverstand, den zu rekonstruieren sie doch angetreten sind, zu erkennen und als solche zu gewichten.

Loftus Repressed MemoryAll das sollte man annehmen und sich darüber so sicher sein, wie man sich darüber sicher sein kann, dass wir bei ScienceFiles Probleme mit qualitativer Sozialforschung haben, wenn sie als Verfahren genutzt wird, das Ergebnisse produziert, die dann ungeprüft als korrekt verkauft oder – schlimmer noch – die dann in einer Weise generalisiert werden, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und alle Hoffnung, die man für die qualitative Sozialforschung vielleicht noch hatte, aufgibt.

Stellen Sie sich vor, Sie beobachten die ScienceFiles-Redakteure dabei, wie sie die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und wenn Sie nach der Ursache dieser Reaktion fragen, hier ist sie: “Erfolgskarrieren beginnen früh”, so ist ein WZBrief Bildung überschrieben und dann geht es weiter: “Wer mehr Frauen an der Spitze will, sollte Mädchen fördern”

Nein, es geht hier nicht um Bergsteigerkurse für Mädchen, es geht um eine qualitative Befragung, um so genannte biographisch-narrative Interviews, also nette Gespräche auf dem Plüsch-Sofa, die auf Tonband aufgenommen werden, um dann vom Forscher nach Herzenslust und zumeist ohne methodologische Fundierung interepretiert werden zu können. Genauer geht es um 62 solcher netten Gespräche, die Hildgard Matthies verarbeitet hat, um jenen WZBrief zu erstellen, der offensichtlich von einer Lobby bestellt wurde, die sich darum sorgt, dass die Geldhähne für die schulische Förderung von Mädchen versiegen könnten.

Manche Leser werden es wissen: Im deutschen Schulsystem haben Jungen Nachteile. Sie werden später eingeschult, bleiben häufiger sitzen, müssen bessere Leistungen erbringen, um dieselben Grundschulempfehlung zu erhalten wie Mädchen, sie werden häufiger auf Sonderschulen abgeschoben, landen häufiger auf der Hauptschule und deutlich seltener auf dem Gymansium, bleiben aber häufiger ohne Schulabschluss und erreichen deutlich seltener ein Abitur als Mädchen.

Hurrelmann Bildungsverlierer

siehe u.a. den Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach: S.245-272.

Wenn es im Schulsystem einen Missstand gibt, den man verändern müsste und wenn es eine Aufgabe gibt, die die Bildungsforschung und die aus Steuermitteln zur Bildungsforschung finanzierten Institutionen wie das WZB in Berlin lösen müssen, dann hat sie Jungen, nicht Mädchen zum Gegenstand.

Aber, es ist 2014, und was schert uns die Realität, wir wollen Mädchen fördern, und warum? Weil 62 nette Gespräche, die Frau Matthies verarbeitet hat, Folgendes erbracht haben:

“Dass Frauen geringere Chancen auf eine gesellschaftliche Führungsposition haben, ist bekannt.”

Das ist der erste Satz und der ist gleich Unsinn, denn sie haben dieselbe Chance wie Männer. Es gibt keinen Gott der Stochastik, der sich gegen Frauen verschworen hat. Wir haben ein deskriptives Ergebnis, nach dem weniger Frauen als Männer in Führungspositionen zu finden sind, und wir haben eine Erklärung dafür, die von Catherine Hakim vorgebracht und belegt wurde, und die besagt: Viele Frauen wählen Karrieren ab und sitzen lieber zu hause oder halbtags im Büro.

Und nun im Zeitraffer, zu dem, was Frau Matthies sonst noch herausgefunden hat:

  1. Loftus_eyewitness testimonyWer in höhere Positionen aufsteigt, hat Förderer, und zwar unabhängig vom Geschlecht.
  2. Die Untersuchung von Frau Matthies wurde aus Mitteln des BMBF und des ESF gefördert. Heureka!
  3. Führungskräfte zeichnen sich durch ein profundes Selbstvertrauen aus, abermals unabhängig vom Geschlecht.
  4. Führungskräfte aus “materiell, kulturell und sozial gut ausgestatteten Milieus” denken schon als Kind von sich, dass sie fähig sind, gestaltend auf die Welt einzuwirken und wollen das “kulturelle Erbe der Familie” weitergeben. Wieder spielt Geschlecht keine Rolle.
  5. Führungskräfte werden von ihren Eltern gefördert, durch Teilnahme am Leistungssport, Sommerurlaube im Ausland und philosophische Gespräche darüber, was “die Welt im Innersten zusammenhält” (in einem Fall) – abermals unabhängig vom Geschlecht.
  6. Wer nicht aus einem “materiell, kulturell und sozial gut ausgestatten Milieu” kommt, braucht einen Paten, um voranzukommen, nein keinen Verwandten in Sizilien, oder vielleicht doch?, in jedem Fall einen “sozialen Paten”, ungeachtet seines Geschlechts.
  7. Der soziale Pate vermittelt den Habitus des Siegers, der einem, egal ob man männlich oder weiblich ist, in das Management von z.B. Solar Millenium hievt.
  8. Wer aus einem “Deprivationsmilieu” kommt (wir nähern uns dem Höhepunkt langsam an), der braucht Hilfe bereits in der Schule (Das gilt für Jungen wie für Mädchen).
  9. Und wer bislang die staatsfeministischen Floskeln vermisst hat: “In unserer Studie ist es insbesondere die Rolle der Mutter, welche von den Frauen mit Blick auf ihren Werdegang als zu überwindende Bezugsfigur konstruiert wird” (4). Und was macht die Bundesregierung: Prämiert das Mutterwerden!
  10. Schließlich kommt, worum es wirklich geht: “Um mehr Frauen aus diesen sozialen Milieus [denen, die nicht so gut materiell, kulturell und sozial ausgestattet sind] für Führungspositionen zu interessieren und zu befähigen, müssten Maßnahmen institutionalisiert werden, die biografisch früher ansetzen. Patenschaftsmodelle für Kinder oder Mentoring-Programme für Schüler/-innen wie sie derzeit ehrenamtlich angeboten … werden.” (4)

Diese Erkenntnisse in zehn Punkten haben sich BMBF und ESF vermutlich mehrere 10000 Euro aus Steuergeldern kosten lassen. Die Erkenntnisse stammen aus Gesprächen mit Führungspersonen, die sich vermutlich gerne an ihren Werdegang erinnern und so manches ausschmücken, aber vielleicht auch nicht, wer weiß, denn geprüft hat es Frau Matthies nicht. In jedem Fall lassen die Gespräche mit Führungspersonen keine derat weitreichenden Schlüsse zu, wie sie hier getroffen werden.

Daraus, dass jemand eine Grundschullehrerin hatte, die ihn dazu bewogen hat, auf ein Gymnasium zu gehen, zu schließen, man müsse Kinder aus deprivierten Milieus in der Schule besonders fördern, nein Mädchen aus deprivierten Milieus müsse man besonders fördern, wie es Matthies tut, entspricht dem in der Logik bekannten Fehlschluss der vorschnellen Generalisierung (hasty generalization) und es gleicht dem Schluss von der Mücke im Garten auf den Elefanten im Glashaus.

hasty generalizationDerartige weitreichende Schlüsse, ergeben sich regelmäßig dann, wenn Forscher schon mit einer Agenda an Befragungsmaterial herantreten, wenn sie nach dem suchen, was sie gerne herauslesen wollen. Nun ist Frau Matthies nicht gerade fündig geworden, in den Biographien der Führungskräfte. Die Belege dafür, dass man Mädchen besonders fördern muss, halten sich doch arg in Grenzen, um nicht zu sagen, es gibt sie schlicht nicht. Dennoch fordert Frau Matthies was sie fordert, auch wenn ihr dabei ein “/innen” in die Quere kommt, und das kann man dann wohl nur mit einem entsprechenden Auftrag begründen, immerhin handelt es sich ja um Auftragsforschung aus dem Hause BMBF und da steht offensichtlich vorne schon fest, was hinten herauskommen muss.

P.S.

Welche Methode zur Gewinnung dieser weitreichenden Schlüsse angewendet wurde, behält Frau Matthies ebenso für sich, und das obwohl es einen Kasten, der mit “Zur Methodik” überschrieben ist, gibt (was Schlimmes befürchten lässt), wie sie es für sich behält, auf welcher Grundlage sie schließt, dass Mädchen früh für Führungspositionen interessiert werden müssen. Immerhin aber gibt sie zu, dass es notwendig ist, Interesse erst zu wecken, was bedeutet, dass es nicht vorhanden ist.

Auch die Formulierungen, mit denen die Ober-, Mittel- und Unterschicht umschrieben werden, sind putzig. Die Oberschicht ist demnach der Strahlemann-Ort, an dem es hochkulturell zugeht. Vermutlich läuft morgens schon Wagner im Ipod. Es ist der Ort, an dem Überfluss herrscht und jeder Wunsch, von “Papa ist will Fussballprofi werden” bis, “Mama ich will in den Club Med nach Tunesien” erfüllt wird, und es ist der Ort, an dem man sozial ist, was auch immer das ist. Die Unterschicht, die ist da, wo man schlicht “depriviert” ist. Das ist weich genug um Hilfe in allen erdenklichen Formen zu erfordern und perfekt, um sich und Legionen sonstiger ungebetener Unterschichts-Deprivations-Überwindungshelfer (deren Ziel doch ausschließlich darin besteht, die Deprivation auch festzuschreiben) über Jahre hinaus ein Auskommen aus den Steuermitteln, die über das BMBF und den ESF verschleudert werden, zu verschaffen.

Medienpropaganda und die Pervertierung von Wissenschaft (nicht nur durch Journalisten):

Ein Beispiel mit Bezug auf den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Selbstmordgefährdung

Wir alle glauben es zu wissen: Die Medien, besonders die so genannten Alten Medien, erfüllen schon lange nicht mehr die Funktion, Menschen möglichst korrekt zu informieren, sondern stehen im Dienst der Manipulation oder gar der systematischen Propaganda für die (Um-/)Erziehung, die diejenigen, die derzeit politische Ämter besetzen, ihren Bürgern gerne angedeihen lassen würden, um die gesellschaftliche Utopie zu erreichen, die ihnen vorschwebt. Wenn diese Vermutung mehr sein soll als eine Verschwörungstheorie, die der psychologischen Hygiene dient insofern als man alles Missliebige, was man in den Medien zu hören oder zu lesen bekommt, als Manipulationsversuch oder schlichte Lüge abtun kann, dann kommt man nicht umhin, empirische Belege für die Existenz solcher Manipulationsversuche in den Medien  zu bringen.

ManipulationstechnikenIrrtümliche Berichterstattung oder die Verbreitung falscher Informationen aufgrund schlechter Recherche hat es wohl immer gegeben. Wenn man sich in den Medien aber auf wissenschaftliche Studien beruft, die man nicht eingesehen oder nicht verstanden hat, und behauptet, diese Studien hätten just gezeigt, was zu bestimmten Partei- oder Regierungsideologien bzw. –politiken passt, dann darf man wohl davon ausgehen, dass es sich hier um echte Täuschungsversuche handelt, die eigentlich den Tatbestand des Betrugs erfüllen.

Ein Beispiel hierfür ist der Missbrauch einer wissenschaftlichen Studie über den Zusammenhang von Homosexualität und Suizidgefährung, die im Februar 2013 in den deutschsprachigen Printmedien die Runde gemacht hat und vielleicht (und u.a.) dafür verantwortlich ist, dass es eine Menge Leute gibt, die meinen, sie seien über diesen Zusammenhang unterrichtet und könnten sich deshalb über ihn äußern – wie dies gerade in der Petitionenschlacht im Zusammenhang mit dem Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg der Fall ist.

Unser Beispiel-Text stammt aus dem schweizerischen Tagesanzeiger vom 22.02.2013, dessen Wortlaut wir hier wiedergeben:

„Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet

Gemäss einer neuen Studie hat jeder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich. Besonders gefährdet sind junge Homosexuelle zum Zeitpunkt des Coming Out.“

“Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, zeigt eine Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai. Letztere fordert mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen.

Die Analyse untersuchte Daten von drei Studien aus dem Jahr 2002 zur Gesundheit von Jugendlichen allgemein, Rekruten und Homosexuellen. Sie zeigt, dass die Hälfte der Suizidversuche noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt werden. Sie geschähen häufig zum Zeitpunkt des Coming Out, wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde, sagte Mitautor Jen Wang von der Universität Zürich vor der Presse.

Sexuelle Orientierung nicht systematisch erhoben

Einer von drei jungen Schwulen mit Suizidgedanken versucht demnach, sich das Leben zu nehmen. Bei den Heterosexuellen sei es nur einer von 34, fügt Wang hinzu. Der Wissenschaftler bemängelt, dass in Studien zur öffentlichen Gesundheit in der Schweiz nicht systematisch nach der sexuellen Orientierung gefragt werde, wie dies in den USA und Grossbritannien der Fall sei.

«Sich selbst als Homosexuellen zu akzeptieren, erzeugt eine enorme Spannung, die im Moment des «Coming Out» verstärkt wird: Die Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden, können jemanden zum Suizid verleiten», erklärte Michael Häusermann von Dialogai.

Risiko bleibt auch später

Das erhöhte Suizid-Risiko verschwindet nicht mit der Zeit. Gemäss der Studie bleibt es bei Homosexuellen oder Bisexuellen höheren Alters genauso hoch.

Die Vereinigung hält es für unerlässlich, die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren. Homo- und bisexuelle Beziehungen seien dabei als gleichwertige Lebensformen darzustellen wie heterosexuelle. Pilotprojekte in den Kantonen Genf und Waadt in diese Richtung seien ermutigend. Sie müssten in der ganzen Schweiz gefördert und ausgebaut werden, sagte Häusermann.

Die drei analysierten Studien sind die Smash-Studie zur Gesundheit von Jugendlichen in der Schweiz, CH-X, eine eidgenössische Befragung von Rekruten zu Gesundheitsfragen, und die Gesundheitbefragung schwuler Männer in Genf. Gemäss Wang ist die Schweiz Pionierin in Europa, indem sie sich bereits Anfang der Nullerjahre mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Die Studie ist im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen.(mw/sda)

JPsyResWir haben uns auf die Suche nach der „Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai“ gemacht, die „im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen“ ist, und mit Erleichterung haben wir festgestellt dass es sie tatsächlich gibt: Es handelt sich um eine Studie von Jen Wang, Michael Häusermann, Hans Wydler, Meichun Mohler-Kuo und  Mitchell G. Weiss aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probability Surveys“, und erschienen ist die Studie in Band 46, Heft 8 des Journal of Psychiatric Research.

Vergleicht man die Darstellung im Tagesanzeiger mit dem Inhalt der Studie, dann stellt man allerhand Fragwürdigkeiten und Falschheiten in der Darstellung im Tagesanzeiger fest.

Sie beginnen bereits mit der Überschrift: „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ wirft die Frage auf: häufiger als wer?, denn „häufiger“ ist ein zweistelliger Funktor, der als solcher ohne Aussage ist, wenn nicht angegeben wird, wer mit wem verglichen wird. Der Folgetext im Tagesanzeiger bringt hier keine Klärung. Man kann plausiblerweise vermuten, dass es hier um den Vergleich junger Schwuler mit jungen Nicht-Schwulen geht, aber geschrieben wird das im Tagesanzeiger nirgendwo. Ließe sich das an den Daten in der Studie ablesen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man wissen, dass in der Studie insgesamt drei verschiedene Stichproben berücksichtigt und ausgewertet wurden, nämlich Daten des ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) aus dem Jahr 2002, des Swiss Multicenter Adolescent Survey on Helath (SMASH) aus demselben Jahr und des zweiten Schweizerischen Rekruten-Survey (Swiss Recruit Survey; ch-x) aus 2002/2003 (Wang et al 2012: 981/982). Im ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) sind überhaupt keine heterosexuellen Männer vertreten, weshalb sich ein Vergleich der Suizidgefährdung von Homo- und Heterosexuellen logischerweise nicht auf die Daten aus dem GGMHS beziehen kann.

Bleiben noch die beiden anderen Stichproben. Und wenn man sie betrachtet, kann man tatsächlich in der Studie die Ergebnisse finden, die mit der Aussage in Einklang stehen, sie aber in der Allgemeinheit  („Junge Schwule …“) nicht rechtfertigen, denn in diesen beiden Stichproben haben sich nur jeweils relativ wenige Befragte als Nicht-Heterosexuelle identifiziert, nämlich jeweils 1,6 Prozent der Befragten (Wang et al. 2012: 982), und wenn man unter diesen Befragten diejenigen betrachtet, die von Selbstmordgedanken, -plänen oder –versuchen berichten, dann ist deren Zahl noch kleiner. Wie viele genau das sind, ist der Studie nicht direkt zu entnehmen, die durchgängig mit der Angabe prozentualer Anteile arbeitet.

Voodoo ScienceWarum sie das tut, wird verständlich, wenn man die absoluten Anzahlen auf der Basis der von den Autoren mitgeteilten prozentualen Anteile errechnet: Dann zeigt sich, dass neun von 64 der homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im SMASH irgendwann in ihrem noch kurzen Leben nach eigener Angabe einen Selbstmordversuch gemacht haben, und 15 der 296 homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im ch-x. Diese wenigen Befragten werden jeweils mit denjenigen Befragten verglichen, die in derselben Altersklasse, aber heterosexuell sind, und heraus kommt tatsächlich, dass heterosexuelle junge Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren zu geringeren prozentualen Anteilen irgendwann in ihrem Leben einen Selbstmordversuch gemacht haben. (Mit Bezug auf Selbstmordversuche in den vergangenen 12 Monaten verringern sich diese Fallzahlen noch mehr; so haben nur zwei der Homo-/Bisexuellen im SMASH angegeben, sie hätten in den vergangenen 12 Monaten einen Selbstmordversuch gemacht, im ch-x trifft dies wohl auf keinen der Homo-/Bisexuellen zu, was die Autoren in der Studie unter dem „NA“ für „not available“ versteckt haben, was wiederum normalerweise für fehlende Daten steht, aber nicht für die Tatsache, dass kein Befragte/r in die entsprechende Kategorie fällt.

Nun kann man sagen, dass Selbstmordversuche die harte Form der Suizidgefährdung darstellen. Für die Frage nach Suizidplänen sieht das Bild aber noch düsterer aus: Hier sind fast nur „NA“s angegeben, und selbst bei Suizidgedanken als weichem Indikator für Suizidgefährdung sind die Fallzahlen dort, wo kein „NA“ steht, sehr gering: So stehen hinter den 29,2 Prozent homo-/bisexueller junger Männer aus dem SMASH, die in den vergangenen 12 Monaten Suizidgedanken hatten, 19 Befragte.

Wenn der Tagesanzeiger also titelt „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ (als junge Heterosexuelle), dann kann man das aufgrund der Studienergebnisse mit viel gutem Willen zwar nachvollziehen, d.h. es ist nicht direkt falsch, aber völlig irreführend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie gering die Fallzahlen sind, auf denen der Vergleich in der Studie basiert.

Die Aussage, nach der „[j]eder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich“ hat, ist ebenfalls nachvollziehbar, aber so nicht zutreffend: Erstens handelt es sich um Homosexuelle in einem bestimmten Datensatz, nämlich dem GGMHS, zweitens würde „jeder fünfte“ 20 Prozent entsprechen, aber die entsprechende Angabe in der Studie lautet 18,6 Prozent, und drittens müsste es korrekt heißen: 18,6 Prozent der im Rahmen des GGMHS befragten homosexuellen Männer haben angegeben, irgendwann in ihrem Leben einmal einen Selbstmordversuch gemacht zu haben; die entsprechenden Selbstmordversuche sind nicht auf irgendeine Weise zu objektivieren versucht worden.

Wenn der Text fortfährt: „Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen“, dann werden die beiden oben berichteten Befunde unzulässig kombiniert, so dass die Aussage einfach falsch ist. Nirgendwo wird für „junge Homosexuelle“, also gemäß der Logik der Studie für Homosexuelle von 16 bis 20 Jahren, ein Prozentsatz von 20 Prozent (oder etwas weniger) ausgewiesen, die im Verlauf ihres Lebens einen Selbstmordversuch gemacht hätten (und selbst wenn das so wäre, wäre das Ergebnis aufgrund der niedrigen Fallzahlen von Homosexuellen mit  Selbstmordversuchen nicht aussagekräftig).

Wenn im Bericht des Tagesanzeigers suggeriert werden soll, dass diese Daten die Grundlage dafür sein könnten, dass die Vereinigung Dialogai „mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen“ fordere, dann grenzt dies an das Lächerliche oder ist tatsächlich böse Täuschungsabsicht (was einem das Lachen im Hals stecken bleiben ließe).

Die Aussage, dass die Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, mag einer der Autoren der Studie, Jen Wang, zwar „vor der Presse“ tatsächlich geäußert haben. Dann stellt sich aber die Frage, wie sich diese Äußerung zu dem verhält, was in der Studie steht, nämlich: „Given the stigmatization of homosexuality, men do not always report homosexual attraction or activity until they have largely completed the process of coming to terms with a stigmatized identity. The median age for initial disclosure of homosexual orientation in GGMHS is 21 years which means that less than half of the men in the 16-20 year age group have reached that point” (Wang et al 2012: 984).

median_mean_modeGemäß des GGMHS liegt der  Median des Coming outs bei 21 Jahren, also nicht vor dem 20. Lebensjahr, und deshalb können Suizidversuche, -pläne oder –gedanken, wenn sie so häufig vor dem 20. Lebensjahr zu beobachten sind, auch nicht auf das Coming Out zurückgeführt werden, ganz davon abgesehen, dass auch dann, wenn die Zahlenwerte andere wären, dennoch nur eine Korrelation und keine Kausalität auf der Grundlage der Daten behauptet werden könnte. (Allerdings wundert man sich einigermaßen darüber, dass die Autoren hier den Median als Lagemaß angegeben haben; der Median gibt an, bei welchem Wert die beobachtete Verteilung in zwei gleich große Hälften geteilt wird, hier: bei 21 Jahren, und es bleibt unklar, warum nicht der Modus als der Wert, der in einer Verteilung der häufigste ist, oder der Mittelwert, also der Durchschnittswert des Alters des Coming Out angegeben sind.)

Weil außerdem sowohl die Erhebung von Homosexualität und Bisexualität als auch die Messung der Suizidgefährdung in den drei verschiedenen Datensätzen, die von den Autoren benutzt werden, unterschiedlich ist, und weil jede der drei Stichproben eine spezifisch selegierte Stichprobe ist, lassen sich die Stichproben kaum aufeinander beziehen, so dass wir uns hier im wundersamen Reich der Kaffeesatz-Leserei befinden.

Jedenfalls kann die Behauptung, dass Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, nicht (auch nur einigermaßen) zuverlässig durch die Daten gestützt werden.

Ebenso verhält es sich mit den vom Tagesanzeiger zitierten Bemerkungen eines anderen Mitautoren, Michael Häusermann von der Vereinigung Dialogai: Seine Spekulationen über die „enorme Spannung, die im Moment des ‚Coming Out‘ verstärkt“ werde, und die ebenso wie „[d]ie Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden“ „jemanden zum Suizid verleiten können“, mögen einem plausibel erscheinen oder auch nicht, jedenfalls sind sie durch die Studie in keiner Weise gestützt, weil in den für die Studie verfübaren Daten keine Ängste, missfallen oder abgelehnt zu werden, fügbar sind (oder berücksichtigt worden sind).

Der Text von Wang et al. enthält lediglich eine Passage, in der die Autoren Ergebnisse einer anderen Studie von Wang und Häusermann sowie einem anderen Kollegen nennen und diese Ergebnisse in einen Zusammenhang bringen mit den Werten (Mediane), die sie in ihrer aktuellen Studie für den ersten Selbstmordversuch und für das Coming Out – wohl gemerkt: alle aus unterschiedlichen Stichproben – ermittelt haben. Sie konstruieren aus diesen aus völlig unterschiedlichen Stichproben stammenden Lagemaßen einen “life-course approach“ (Wang et a. 2012: 984), also eine Sequenz im Lebensverlauf, zu der sie schreiben: „This sequence appears [!] to suggest [!] that the circumstances and stress encountered at each milestone may trigger depression and/or suicidality among some [!] gay men“ (Wang et al 2012: 985).

Dem kann man zustimmen: Ja, es scheint, dass es bei einigen so sein kann, womit die Aussage nahzu ohne jeden Inhalt ist. Es sei angefügt, dass nirgendwo im Text, nicht in diesem Abschnitt, nirgendwo vorher und auch nicht in den Schlussfolgerungen, die Worte „Diskriminierung“, „Vorurteile“, „Benachteiligung“  „Stigma“ o.ä. vorkommen. Und die Autoren erklären selbst auf S. 984:„Addressing the multiple risk factors for increased suicidality among gay men lies beyond the scope of the current paper“ (Wang et al. 2012: 984). Als Leser wünscht man sich, sie hätten die Konsequenz hieraus gezogen und nicht versucht, auf methodologisch völlig inakzeptable Weise und indirekt einen Zusammenhang zu konstruieren, der es irgendwie erlauben könnte, Rückschlüsse auf einen der „multiple risk factors“, die im übrigen von den Autoren nicht einmal benannt und durch Literaturhinweise angezeigt werden, zu ziehen.

 Und vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass zwar nirgendwo in der Studie davon die Rede ist, dass „die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren“ wäre – warum auch? auf die Daten lässt sich eine solche Forderung nun wirklich und beim besten Willen nicht gründen. Aber just dies wird von der Vereinigung Dialogai „für unerlässlich“ gehalten, wie der Tagesanzeiger berichtet. Immerhin gehört einer der Autoren der Studie der Vereinigung an!

TagesanzeigerMan muss davon ausgehen, dass der Tagesanzeiger, wenn nicht seine Leser bewusst  täuschen wollte, so sich doch bereitwillig vor den Karren der Vereinigung Dialogai und der Anliegen der anderen Autoren der Studie hat spannen lassen, die sie selbst am Ende ihres Textes wie folgt beschreiben: „Additional European research and monitoring on this issue would be particularly welcome, given possible regional differences and the modest evidence base to date. More urgently, we hope such findings will motivate key stakeholders to support measures addressing suicidality among sexual minorities. Gay organizations need to continue their efforts in raising awareness about this issue both inside the gay community as well as among policy and professional stake-holders. Suicide prevention and mental health programs need to address the relevance of sexual orientation in their work”.

Park Junk ScienceDass die Studie selbst all dies in keiner Weise zeigt oder unterstützt, sollte inzwischen klar geworden sein. Dass die Autoren der Studie dies großzügig übersehen und damit ihren eigenen Daten Gewalt antun, kann nicht dem Tagesanzeiger angelastet werden. Verantwortlich ist der Journalist/sind die Journalisten beim Tagesanzeiger aber zumindest dafür, dies alles für bare Münze genommen zu haben, obwohl ihm/ihnen mehr oder weniger klar gewesen sein muss, dass hier eine wissenschaftliche Studie dazu missbraucht werden soll, Lobby-Arbeit zu betreiben, so dass eine besonders kritische Prüfung des Inhaltes der Studie angezeigt gewesen wäre. Diese Prüfung ist aber nicht erfolgt oder lag außerhalb der Kompetenzen des/der Journalisten, der/die es problemlos in Kauf genommen hat/haben, die Leser des Tagesanzeigers in die Irre zu führen.

Es scheint, dass sowohl auf die Autoren dieser Studie (und viele andere Autoren vieler anderer Studien) als auch auf den/die Journalisten, der/die den Artikel im Tagesanzeiger (und viele andere Journalisten in vielen anderen Medien) zutrifft, was Schnurr und Steinacker über Soziale Arbeit bzw. Pädagogik im Dritten Reich geschrieben haben:

Erziehungsverhaeltnisse NS„Gefragt waren vor allem solche (sozial-) pädagogischen Arrangements, in denen Erkenntnis wenig, Erlebnis und Bekenntnis aber alles waren. Zur Realisierung der weitreichenden utopischen Phantasien einer ‚Vergesellschaftung‘ durch Erziehung wurden Erziehungsansprüche und Erziehungsversuche in die Alltagssphären des volksgemeinschaftlichen Lebens ausgedehnt“ (Schnurr & Steinacker 2011: 259; Hervorhebung im Original).

Auch den Autoren der Studie und dem/den Journalisten des Tagesanzeigers ging es offensichtlich eher um Bekenntnis als Erkenntnis, und wer ein „guter“ Medienrezipient ist, der fragt nicht lange und akzeptiert, was er aufgetischt bekommt, denn einem „guten“ Medienrezipienten geht es ebenfalls eher um ein Bekenntnis als um Erkenntnis. Und es ist insofern erfreulich, dass immer weniger Menschen konsumieren wollen, was ihnen in den Alten Medien aufgetischt wird.

Von ihnen werden sich viele fragen: Aber wie verhält es sich denn nun tatsächlich mit dem Zusammenhang zwischen Homosexualität und mentaler Gesundheit bzw. Krankheit und Suizidgefährdung? Diese Frage wird – aus gegebenem Anlass – Gegenstand eines der nächsten Beiträge auf ScienceFiles sein.

Literatur:

Schnurr, Stefan & Steinacker, Sven, 2011: Soziale Arbeit im Nationalsozialismus – Auslese und Ausmerze im Dienste der Volkspflege. S. 253- 274 in: Horn, Klaus-Peter & Link, Jörg-W. (Hrsg.): Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und Erziehungswirklichkeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Wang, Jen, Häusermann, Michael, Wydler, Hans, Mohler-Kuo, Meichun & Weiss, Mitchell, G., 2012: Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probabilty Surveys. Journal of Psychiatric Research 46,8: 980-986.