Happy Birthday Bernhard Nauck!

Einer der großen deutschen Soziologen, ohne den Migrationsforschung ebenso wenig zu denken ist wie Familien- und Bevölkerungsforschung, feiert heute seinen

70. Geburtstag.

Wir gratulieren Dr. Bernard Nauck, Prof. em. für Soziologie recht herzlich und wünschen ihm alles erdenklich Gute für die nun weitgehend ohne hinderliche Studenten mögliche, wissenschaftliche Forschung.

Unsere Bekanntheit mit Bernhard Nauck reicht schon einige Zeit zurück, mehr als zwei Dekaden um genau zu sein, und man kann die Zeit auf drei Überschriften bringen:

  • Bernhard NauckSoziologische Klassiker in Vorlesung und Colloquium
  • und Brückenhypothesen, die
  • zu einem Führerschein überleiten.

Unsere Zeit mit Bernhard Nauck beginnt im Jahre 1994.

In diesem Jahr hat Heike Diefenbach die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Bernhard Nauck angetreten, der ihr Doktorvater werden sollte und bei dem die dann promovierte Dr. Diefenbach auch habilitiert hat.

Es war eine Gründerzeit, beim Gründungsprofessor des Instituts für Soziologie der Technischen Universität Chemnitz, die die Anreise und Abreise ebenso wie die Suche nach einer Unterkunft ohne Bauschäden erschwert hat. Zwischen all den Problemen, die sich mit einer Stadt und einem Institut im Aufbau verbinden, ist es die typische Naucksche Projektarbeit, die seine Mitarbeiter auf Trapp gehalten hat. Kooperation im DFG-Projekt, Kooperation im Projekt mit der Universität Tel-Aviv, Beratung des Deutschen Jugendinstituts, Vorträge hier, da und bei Soziologentagen…. Die Zeit mit Bernhard Nauck, sie war für Dr. habil. Heike Diefenbach eine von Arbeit, Lehre, Dienstreisen und Kooperationen geprägte, eine Zeit, die dem Status des führenden Familien- und Migrationsforschers, den Bernhard Nauck gegen alle Okkupationsversuche verteidigt hat, gerecht wird.

Bis heute gibt es Geschichten aus dieser Zeit, Geschichten von wohlwollender gegenseitiger Kritik, Geschichten von soziologischen Klassikern in der entsprechenden Vorlesung, von Parsons bis Merton, von kognitiven Ankern und vor allem Geschichten, die zwar unterhaltsam wären, aber zu weit führen.

Es war, eine aufregende und intensive Zeit.

Eine Zeit, die für Heike Diefenbach und nunmehr auch Michael Klein eine Brücke darstellt, offensichtlich in einem Beitrag über Brückenhypothesen, der im kleinen Kreis und in der verschwörerischen Atmosphäre des kleinen Büros im Bau der TU-Chemnitz mit Bernhard Nauck diskutiert wurde.

Der Beitrag hat eine Brücke nach Montreal und nach Leipzig geschlagen.

Die Wege von Bernhard Nauck und Heike Diefenbach haben sich getrennt – jedoch keinesfalls im Missklang: Bernhard Nauck hat nunmehr als Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die Zügel in die Hand genommen, Heike Diefenbach bei Karl-Dieter Opp in Leipzig ihre wissenschaftliche Arbeit fortgesetzt.

Bleibt der Führerschein. Es ist dies ein Führerschein, den Michael Klein in Chemnitz vergessen hatte und von dem ein gesamter Urlaub in den Rocky Mountains in Kanada abhängig war. Bernhard Nauck gebührt unsere ewige und auch nach 15 Jahren ungeschmälerte Dankbarkeit dafür, dass er das unverzichtbare Dokument von Chemnitz nach Montreal überführt und den sich an die Konferenz der International Sociological Association anschließenden Urlaub ermöglich hat.

Dieser eher persönliche Abriss ist einem deutschen Soziologen gewidmet, der wie kein anderer vor und hinter den Kulissen die Geschicke der Bildungs- und Migrationsforschung bestimmt hat und – soweit wir sehen – das weiterhin tut.

Trotz Emeritierung lehrt Bernhard Nauck und lindert die personale Not an der TU Chemnitz. Trotz Emeritierung leitet er ein Forschungsprojekt der DFG, trotz Emeritierung publiziert und forscht er weiterhin international, über den Value of Children, über soziales Kapital über Migration und Gesundheit, über all die Themen, die ihn ein Leben lang interessiert und begleitet haben und die ihn hoffentlich noch etliche Dekaden begleiten werden.

Herzlichen Glückwunsch, Bernhard Nauck, und ein Geburtstagsständchen im typischen 1945er-Swing (na, ja etwas modernisiert)!

Umfrage: 91% von 3.446 ScienceFiles-Lesern sagen nein zum Verbleib in der EU

Die Europäische Union ist als Europäische Gemeinschaft mit großen Zielen gestartet. Ökonomische, demokratische Integration, Völkerverständigung, ein Europa der Nationen, alle Völker Europas vereint unter einem Dach, den Superlativen waren keine Grenzen gesetzt.

eu-flagWie so oft, wenn Hoffnungen und Träume mit den Träumern und Hoffern durchgehen, hat die Ernüchterung auch im Zusammenhang mit der EU schnell eingesetzt. Sie ist zu einem administrativen Monster verkommen, das Regulationen speit und sich um die Saugleistung von Staubsaugern kümmert. Die EU ist zum Selbstbedienungsladen für Politiker geworden, die eine neue Möglichkeit gefunden haben, Parteien und ihre Vereine auf Kosten der Steuerzahler zu finanzieren, und ansonsten zeichnet sich die EU durch regelmäßige Aufführungen aus, bei denen Regierungschefs aus 27 Ländern sich nicht über das zu spielenden Theaterstück einigen können.

Und natürlich darf man auch den Verhandlungszirkus mit Griechenland nicht vergessen, eine der wenigen Quellen der Unterhaltung im tristen Alltag der EU. Denn: jeden Morgen wacht man mit Spannung auf. Was haben die griechischen Parlamentarier nun wieder ausgeheckt? Worüber im Hilfspaket der 230+ Milliarden Euro, die bereits nach Griechenland geflossen sind und weiter fließen werden, könnte man heute streiten wollen? Wie lange dauert es, bis der Euro sich von seiner heutigen Talfahrt erholt? Erholt er sich überhaupt oder erreicht er neue Tiefen im Vergleich zum Britischen Pfund und zur Freude britischer Investoren, denen sich Kauf- und Investitionsgelegenheiten in Deutschland zu besten Preisen bieten: Buy one, get one half price…

Es ist kein Wunder, dass sich der Widerstand gegen diese Form der EU immer stärker regt. Wer wollte schon ein Europa der Regulierer, der Bleistiftschubser und der Politiker-Travestien?

Wie groß der Widerstand ist, der sich gegen die EU regt, das haben wir auf ScienceFiles anhand einer Umfrage erfahren, die wir nach wie vor aktiv gestellt haben. “Soll Deutschland die EU verlassen?”, so haben wir unsere Leser gefragt.

Zwischenzeitlich haben 3.446 Leser eine Antwort auf diese Frage gegeben, eine in ihrer Deutlichkeit unerwartete Antwort, optieren doch 91,5% unser Leser dafür, dass Deutschland die EU verlässt. 3.154 Leser sagen also nein zu dieser EU. Das Potential der EU-Müden, es ist gewaltig, das kann man auf Grundlage dieses Ergebnisses sagen.

Soll Deutschland in der EU bleiben

Und bevor der Einwand kommt, “Eure Umfrage ist ja gar nicht repräsentativ”: Zum Mythos der Repräsentativität der Umfragen der Meinungsforschungsinstitute mit ihren regelmäßig mageren 1.000 Befragten haben wir uns bereits hier geäußert.

Man kann unsere Ergebnisse schlicht nicht vom Tisch wischen. Wer in Deutschland verantwortlicher Politiker und in der EU verantwortlicher Bürokrat sein will, der muss die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und bei seinen Handlungen in Rechnung stellen, dass es Widerstand gegen die EU gibt. Die Theorie der Responsivität, die immer noch durch die Politikwissenschaft geistert, sie sieht in einem solchen Fall vor, dass sich Politiker der Bedenken und der Kritik, die ihre Wähler an der EU äußern, widmen, sie aufnehmen und versuchen, in Brüssel und anderswo etwas zum Besseren zu verändern.

Bislang kennen Politiker in Deutschland den Responsivitäts-Modus jedoch nicht. Sie kennen nur den Modus des Aussitzens. Wie lange man Widerstand unter den eigenen Wählern aussitzen kann, das ist eine Frage, die derzeit beantwortet wird. Wer zur Beantwortung beitragen will, der kann sich an unserer Umfrage beteiligen, die nach wie vor aktiv ist.

Deutschland: Better off out?

Das Kapital und der Funktionär: Ein sozialistisches Märchen

In den Hauptrollen:

Andreas Engels als der Fabrikbesitzer
Andreas Engels als der Arbeiter
Andreas Engels als der Funktionär
Das Kapital als es selbst

Erste Szene

Andreas Engels, Andreas Engels und Andreas Engels leben von der Hand in den Mund. Sie stoppeln zusammen, was sie in der Natur, die sie umgibt, finden können. Die meiste Zeit des Tages ist damit angefüllt, sich vor den Naturelementen in Sicherheit zu bringen und das eigene Überleben sicherzustellen.

Eines Tages kommt das Kapital des Wegs und sieht das Elend.

Venture Capital“Andreas”, so sagt es zu Andreas Engels, “Andreas, ich mache Dich reich! Und dafür will ich gar nichts, nur ein wenig Weltherrschaft. Aber den Reichtum wirst Du nicht umsonst bekommen. Du musst arbeiten, morgens, mittags und abends, an Sonn- und Feiertagen, um aus dem Kapital, das ich Dir gebe, ein Unternehmen zu machen, eine Fabrik, die Waren herstellt, die Du verkaufen kannst. Mit dem Verkauf machst Du Gewinn. Und vom Gewinn baust Du neue Fabriken, stellst neue Waren her, die Du wieder verkaufst und wieder investierst und von dem Gewinn, den Du nicht investierst, lebst Du gut, ohne Sorge um den täglichen Unterhalt. Und natürlich wirst Du Arbeiter brauchen. Stelle Andreas Engels ein. Lass’ ihn für Dich arbeiten. Gib’ ihm einen Lohn für seine Arbeit, damit er sicher und gut leben kann. Ich will nichts vom Gewinn, ich will nur ein wenig Weltherrschaft”, so sprach das Kapital.

Zweite Szene

Andreas Engels hat viel gearbeitet und sich eine kleine Fabrik gebaut. Er nennt sich nun zu Zwecken der Differenzierung Andreas Fabrikbesitzer. In der Fabrik ist Andreas Engels beschäftigt. Andreas Engels nennt sich nun Andreas Arbeiter. Er stellt die Waren her, die Andreas Fabrikbesitzer verkauft. Mit dem Gewinn, kann Andreas Fabrikbesitzer sehr gut leben, Andreas Arbeiter bezahlen, der auch gut leben kann, wenn auch nicht so gut wie Andreas Fabrikbesitzer. Beide werden auf unterschiedlichem Niveau immer wohlhabender und, gemessen an dem, was sie hatten, bevor das Kapital des Weges kam, geht es beiden deutlich besser.

Doch das soll sich ändern.

Dritte Szene

Andreas Engels, der weiterhin sein Leben jenseits der Fabrik und mit der Suche nach Schutz und Nahrung verbracht hat, betrachtet den zunehmenden Wohlstand von Andreas Fabrikbesitzer und Andreas Arbeiter mit Argwohn. Während er sein jämmerliches tägliches Leben lebt, überlegt er, wie er aus beider Wohlstand Profit für sich schlagen kann. Eines Tages hat er die zündende Idee.

Professional spongerEr nennt sich nun Andreas Funktionär und stellt ein Manifest auf. Darin erklärt er Andreas Arbeiter haarklein,
dass er das entscheidende Rädchen in einem großen Komplott ist, mit dem Kapital die Weltherrschaft erreichen will. Alles mit Fabriken zubauen wolle Kapital und sich weltmächtig machen. Andreas Arbeiter ermögliche das. Er habe ein falsches Bewusstsein, der Andreas Arbeiter, und müsse sich unbedingt darüber klar werden, dass er die Produktivkraft sei, ohne die nichts geht. Dieser Wichtigkeit, so Andreas Funktionär, trage der Lohn, den Andreas Arbeiter von Andreas Fabrikbesitzer erhalte, in keiner Weise Rechnung. Es sei ein Hungerlohn, und entsprechend sei das Haus, in dem Andreas Arbeiter wohne auch viel kleiner als das Haus, in dem Andreas Fabrikbesitzer lebe. “Und meinst Du”, so fragt Andreas Funktionär Andreas Arbeiter, “meinst Du, Andreas Fabrikbesitzer könnte sich leisten, was er sich leistet, wenn Du nicht die Arbeit für ihn machen würdest? Glaubst Du nicht, dass eine Welt der Gleichen, in dem es keinen Fabrikbesitzer und keinen Arbeiter und nur einen Andreas Funktionär gibt, wäre nicht die bessere Lösung? Es wäre eine Welt, in der Andreas Funktionär dafür sorgt, dass es allen gleichgut geht, dass Andreas Arbeiter genausoviel hat wie Andreas Fabrikant.

“Gib’ mir 33% von Deinem Lohn, Andreas Arbeiter, und ich kämpfe für Deine Rechte!”

Vierte Szene

Die Fabrik steht still. Andreas Arbeiter streikt auf Geheiß von Andreas Funktionär. Andreas Funktionär hat Andreas Fabrikarbeiter ein 75 Punkte Memorandum übergeben, das die Bedingungen formuliert, unter denen Andreas Arbeiter wieder am Arbeitsplatz erscheint. Punkt 49 lautet, gleichberechtigte Teilhabe an den Produktionsmitteln für Andreas Arbeiter und Andreas Funktionär. Artikel 50 bestimmt, dass Andreas Funktionär die Stimmrechte über die Teilhabe von Andreas Arbeiter ausübt. Wenn Andreas Fabrikbesitzer die Punkte des Memorandums nicht akzeptiert, dann gibt es eine Revolution, die Andreas Funktionär gemeinsam mit Andreas Arbeiter durchführen wird. Er wird Andreas Fabrikbesitzer enteignen und zum Teufel jagen.

Fünfte Szene

StreikAndreas Fabrikbesitzer weiss sich nicht anders zu helfen, als die Punkte des Memorandums zu akzeptieren. Die Arbeit in der Fabrik steht wieder still, weil der Plansoll, den Andreas Funktionär, Mehrheitseigentümer mit 2/3 der Stimmrechte als Produktionsvorgabe gegeben hat, so hoch war, dass Andreas Arbeiter krank geworden ist. Außerdem ist Andreas Funktionär mit der Rolle des Fabrikbesitzers nicht vertraut, so dass die tägliche Produktion regelmäßig hakt, weil die zur Produktion notwendigen Teile fehlen. Andreas Funktionär plant, die entsprechenden Probleme, durch grundlegende Planungsreformen zu beseitigen und hat dafür Andreas Planer angeworben und Andreas Parteisekretär und Andreas Unterparteisekretär. Sie alle sprechen fieberhaft über einen Masterplan zur Beseitigung aller Planungsprobleme. Derweil nagt Andreas Arbeiter am Hungertuch und Andreas Fabrikarbeiter verarmt zusehens. Beide sind unzufrieden, weshalb Andreas Funktionär noch drei Andreas Polizeibeamte anwirbt, die für Ruhe und Ordnung sorgen und Andreas Arbeiter und Andreas Fabrikbesitzer Tag und Nacht überwachen.

Sechste Szene

Die Fabrik ist verfallen. Auf einem Feld sieht man Andreas Arbeiter und Andreas Fabrikbesitzer dabei, wie sie zusammenstoppeln, was man zum Überleben braucht. Überleben müssen sie von 10% des Gesammelten. Der Rest wird unter Andreas Funktionär (25%), Andreas Planer (20%), Andreas Parteisekretär (20%), Andreas Unterparteisekretär (15%) und den Andreas Polizeibeamten (10%) aufgeteilt.

Etwas Abseits sitzt das Kapital und wundert sich, dass Andreas Arbeiter und Andreas Funktionär lieber für andere als für sich arbeiten. Angesichts dieser traurigen Lage beschließt das Kapital abzuwandern, denn etwas Besseres als Sozialismus findet es überall.

Im Griff linker Jugendbanden: Leipzig bald rechtsfreie Stadt?

Was machen eigentlich deutsche Kriminologen: Die Karl-Heinz Reubands, die Helge Peters oder die Christian Pfeiffers?

Freie Republik ConnewitzGibt es sie noch? Oder hat eine Transmission des Gegenstand ihrer Forschung stattgefunden, so dass aus Forschung zu Kriminalitätsfurcht, Furcht vor Forschung zu Kriminalität geworden ist, oder der ständig hinterfragende Blick auf die Kriminalität dazu geführt hat, dass alles hinterfragt wurde, auch der Sinn der eigenen Existenz, woraus – mangels Topferfahrung als Kind in den Horten der DDR – eine tiefgreifende intellektuellen Krise resultiert, die sich in Forschungsabstinenz auswirkt?

Nun, wir wissen es nicht.

Aber wir wissen, dass die Stadt Leipzig derzeit im Griff linker Jugendbanden ist, die von Leipzig Connewitz aus fast nach Belieben Übergriffe auf die Stadt und das Eigentum fremder Menschen landen. Einmal greifen rund 50 schwarz Vermummte den Polizeiposten in Leipzig Connewitz an und stecken Polizeiautos in Brand. Einmal ziehen 600 teils Vermummte durch die Leipziger Innenstadt, zerstören Schaufenster, reißen Schilder aus ihrer Verankerung. Einmal werden Firmenräume verwüstet und mit Buttersäure unbenutzbar gemacht. Ein anderes mal wird eine weitere Dienstelle der Polizei angegriffen und ein Dienstfahrzeug in Brand gesteckt. Einmal werden Streifenbeamte attackiert und die Reifen eines Dienstfahrzeugs zerstochen.

Ganz normale Zustände in Leipzig, und Zustände, die nicht nur, aber besonders Kriminologen auf den Plan rufen sollten. Bietet sich ihnen doch die Gelegenheit, Jugendbanden live zu studieren und die Subkulturtheorien der 1940er bis 1960er Jahre, die von den Größen des Fachs, von Albert K. Cohen, Walter B. Miller, Clifford R. Shaw, Henry D. Kay, James F. Short, Fred L. Strodtbeck, Edwin K. Sutherland oder Lewis Yablonski, begründet wurde, zu prüfen.

Das ist der Stand der Forschung: Kriminelle Subkulturen, sie werden in der entsprechenden Forschung als Ort beschrieben, an dem sich Jugendliche einfinden, die einige Gemeinsamkeiten verbinden. Sie sind auf der Suche nach Status. Da sie in der Gesellschaft, die sie umgibt, keinen Zugang zu Statuspositionen haben, suchen sie den Status in der Abweichung. Sie sind durch soziale und persönliche Defizite gekennzeichnet, die von intellektueller Unterfunktion bis zu Persönlichkeitsstörungen reichen, die man als Identitätsstörung beschreiben kann: Es ist ihnen weder gelungen, sich selbst als autonome Persönlichkeit zu inszenieren noch eine Leistung zu erbringen, die es ihnen erlaubt, sich über die entsprechende Leistung, eine unabhängige Persönlichkeit zuzuweisen.

Lamnek_abweichendes VerhaltenEntsprechend finden sie sich in Jugendbanden zusammen, die durch eine feste Hierarchie ausgezeichnet sind und die Status für abweichende Handlungen verleihen. Man kann sich das übertragen auf Leipzig wie ein Punktesystem vorstellen: Ladenscheibe zertrümmern: 10 Punkte in der internen Hierarchieleiter. Straßenschild herausreißen: 20 Punkte, Polizisten überfallen: 40 Punkte, Dienstwagen zerstören: 100 Punkte, Polizeistation angreifen und zertrümmern: 250 Punkte.

Wer die meisten Punkte erreicht, ist an der Spitze der Hierarchie.

Diese Funktionsweise von Jugendbanden, die vermutlich auch in Leipzig gegeben ist (genau weiß man das nicht, weil deutsche Kriminologen sich nicht zu forschen trauen, obwohl es die linke Subkultur in Leipzig Connewitz schon seit rund 20 Jahren gibt), sie kann auch mit der Theorie rationalen Handelns erklärt werden:

So sollte mit dem Angriff auf die Polizeistation in Connewitz, an dem 50 Vermummte beteiligt waren, der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh gerächt werden, der sich am Tag des Angriffs gejährt hat. Eine entsprechende Begründung ist natürlich keine rationale Begründung, denn als Rache bezeichnet man nicht das blindwütige Zerstören unbeteiligter Gegenstände, die sich im Dienstgebrauch unbeteiligter Angestellter des Staates befinden, Rache richtet sich immer auf den- oder diejenigen, der/die die Tat direkt begangen hat/haben, zuweilen auch auf den Clan, dem der Täter angehört.

Rache gegen Unbeteiligte gibt es entsprechend in der normalen Welt nicht (mehr). Folglich kann man daraus schließen, dass die entsprechende Begründung vorgeschoben ist, um die eigene Zerstörungslust zu kaschieren. Das führt zur Frage, welche Form der Befriedigung aus der Zerstörung von Gegenständen zu gewinnen ist.

Offensichtlich ist das keine materielle Befriedigung, wie sie z.B. aus dem Diebstahl von 100 Euro zu gewinnen ist. Es muss demnach eine immaterielle Befriedigung sein, so dass die Handlung der Mitglieder linker Jugendbanden nur über eine spezifische Form der intrinsischen Motivation rational zu erklären ist, die Harold Garfinkel beschrieben hat.

Garfinkel hat sich mit der Art und Weise befasst, wie ein Krimineller u.a. seine Übergriffe auf Unbeteiligte gerechtfertigt hat. Das Studienobjekt hatte eine Phobie entwickelt, wähnte sich von der CIA verfolgt. Entsprechend befand sich das Studienobjekt von Garfinkel zum Zeitpunkt der Untersuchung in der Irrenanstalt.

Im Unterschied dazu finden sich die Vermummten, die in Leipzig randallieren und zerstören, im Stadtteil Connewitz und sind somit einer Untersuchung in natürlicher Umgebung zugänglich. Es wäre Kriminologen demnach möglich, die Subkulturtheorien weiter zu entwickeln und eine Fehlstelle zu füllen: Sind die Mitglieder einer kriminellen Subkultur, einer Jugendbande, mehrheitlich, wie David Matza dies glaubte, psychologisch gestört? Richtet sich die blinde Wut deshalb gegen Gegenstände und Personen, die für die Mitglieder der kriminellen Subkultur eine bestimmte Symbolik haben, weil sie in ihrem eigenen Leben noch nichts erreicht haben und wohl auch nie etwas werden, weil ihnen dazu sowohl die intellektuellen als auch die motivationalen Grundlagen fehlen?

Nun sind die Subkulturtheorien mit Blick auf Jugendliche aus der Unterschicht entwickelt worden, die in der Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft keinen Fuss fassen konnten. Die linke Subkultur in Connewitz, sie ist keine Subkultur der Unterschicht, sondern eine Subkultur der Mittelschicht. Entsprechend stellt sich die Frage, was die beschriebenen Funktionsmechanismen, die Subkulturen am Laufen halten, für Mittelschichtskinder aus evangelischen Pfarrerfamilien interessant macht. Die Antwort erfolgt über die institutionelle Einbindung der linken Gewalt, deren Verdammung durch die politischen Vertreter von Links darin besteht darauf hinzuweisen, dass Gewalt keine Form der Debatte sei oder in Aussagen wie der des Leipziger Grünen Politikers Jürgen Kasek: “Notwendig ist eine entschlossene aber gewaltfreie Haltung. Wer zu Gewalt greift, rechtfertigt die Zunahme an Überwachung und verschafft dem Verfassungsschutz und der Polizei neue Legitimationsgründe für die Einschränkung von Grundrechten”. Man hat also in Connewitz und bei Grünen Politikern denselben Feind in der Polizei, streitet sich nur verbal in der Wahl der Mittel. Entsprechend müsste man die linke Subkultur in Leiptig Connewitz als Ansammlung derer ansehen, die sich durch besonderen Einsatz denjenigen Andienen wollen, von denen sie denken, dass sie Pöstchen zu vergeben haben.

Leider forscht kein deutscher Kriminologe in Leipzig Connewitz, und entsprechend werden wir keine Antwort auf diese Fragen erhalten. Statt dessen werden Kriminologen wie der Rest der Republik dem Treiben in Leipzig zuschauen und hoffen, dass es irgendwann von selbst aufhört, ähnlich wie die Menschen in der Weimarer Republik gehofft haben, dass die Straßenschlachten zwischen Kommunisten und SA von selbst aufhören. Und in der Tat, sie haben von selbst aufgehört.

Infos dazu:

http://www.mdr.de/sachsen/leipzig/anschlaege-leipzig100.html

Freitag, der 13. – Aberglaube trifft Sozialforschung

“Friday, the 13th; I thought as much. If Bob has started, there will be hell, but I will see what I can do.”

MacKay Public DelusionsSo beginnt der Roman “Friday, the Thirteenth” von Thomas W. Lawson. Ein Roman mit aktuellem Thema. Veröffentlicht im Jahre 1907 beschreibt er, wie ein Börsenhändler den Aberglauben seiner Mitmenschen ausnutzt, um die Wall Street in Panik zu versetzen. Es scheint, der Roman hat, obwohl weder heilende Steine noch der Glaube an Chemtrails darin vorkommen, nichts an Aktualität verloren.

Lawson wird häufig als Urvater der Diskriminierung des 13. jeden Monats und der Mehrfach-Diskriminierung des 13., der auf einen Freitag fällt, bezichtigt. In jedem Fall hat er seinen Anteil am Aberglauben um Freitag, den 13., jenen Tag, an dem Jason Voorhees u.a. auf die Jagd nach Opfern geht.

Nicht nur, dass ein harmloser Freitag, der auf einen 13. fällt (oder umgekehrt), unter dem Aberglauben zu leiden hat, auch ganz normale Menschen, die das Schicksal des Freitags teilen und an einem ebensolchen, dem 13., geboren wurden, leiden unter dem Aberglauben. Das jedenfalls will der Aberglaube so, der entweder den am Freitag, den 13., Geborenen, oder denen, die die am Freitag, den 13., Geborene kennen, einredet, daran sei etwas Besonderes, etwas besonders Schlechtes oder Unglückliches.

Jan Fidrmuc und J. D. Tena, zwei unerschrockene Forscher von der Brunel University in London sind nunmehr angetreten, dem Aberglauben um Freitag, den 13., ein Ende zu bereiten – mit den Mitteln der quantitativen Datenanalyse sind sie dem Aberglauben zu Leibe gerückt.

Margaret Thatcher

geb. Freitag, 13. Oktober 1925

3,9 Millionen Informationen zu 60.000 Britischen Haushalten, darunter 122.833 Briten, die an einem 13. geboren wurden, und 18.032 Briten, die an einem Freitag, den 13., geboren wurden, haben Fidrmuc und Tena zusammengetragen, um dem Aberglauben ein für alle Mal den Garaus zu machen und Freitag, den 13., als vollberechtigten Tag in die Reihe der anderen Tage aufzunehmen.

Vermeintliche Unglücksraben, die an einem Freitag, den 13., geboren wurden, sollten sich von Inhabern glücklicherer Geburtstage dadurch unterscheiden, dass ihre Biographie in wichtigen Punkten suboptimal verlaufen ist. Fidrmuc und Tena zeigen sich hier als Optimisten, sind sie doch der Meinung, die Höhe des Stundenlohns und die Frage, ob ein Mensch eine Arbeit finde, wirke sich auf Lebenschancen aus, ja entscheide über dessen Lebenschancen (Sie leben offensichtlich noch in der Vor-Nanny-State-Zeit).

Wie dem auch sei, Fidrmuc und Tena rücken dem Aberglauben mit Regressionsanalysen zu Leibe und vernichten ihn vollständig: Weder haben Menschen, die am Freitag, den 13., geboren wurden, eine geringere Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden noch erhalten sie geringere Löhne als Menschen, die nicht an einem 13. des Monats, der ein Freitag war, geboren wurden.

13. August 1926

geb. Freitag, 13. August 1926

Außerdem haben Menschen, die am Freitag, den 13., geboren wurden, nur eine minimal geringere Wahrscheinlichkeit, single zu bleiben (also nicht zu heiraten), ein Ergebnis, das man so und so werten kann, oder: “we leave it up to the reader to decide whether staying single is good or bad luck”.

Abergläubige müssen sich also etwas Neues suchen, um sich einzubilden, z.B. eine lange verschollen geglaubte Schriftrolle, die gerade gefunden wurde und in der prophezeit wird, dass im Jahre 3045 nach dem Fall des House of Usher, also am 13. August 2015, die Welt untergeht, weil Keppler Außeriridsche aufgeweckt hat, die nunmehr den Schutzring der Engel um die Erde durchbrochen haben und anfangen, den Erdenbewohnern die McNuggets streitig zu machen.

Fidrmuc, Jan & Tena, J. D. (2015). Friday the 13th: The Empirics of Bad Luck. Kyklos 68(3): 317-334.

Vaterschaft macht dick und depressiv

Bist Du noch Mann oder schon Vater?

childfree menDie Frage, ob man sie mag oder nicht, ob man darauf eine gute Antwort hat oder nicht, sie verweist auf die Wahrnehmung, dass mit Männern eine Veränderung einhergeht, die auf den Übergang zum Vater zurückzuführen ist, eine Veränderung, die nicht nur männliche Attribute in der Außenwahrnehmung zum Verschwinden bringt, sondern auch mit erheblichen Risiken für die eigene Gesundheit einhergeht.

Craig F. Garfield und Mitautoren haben 2014 einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie zeigen, dass Vaterschaft für Männer mit einer Zunahme depressiver Symptome einhergeht, ein Ergebnis, das der Eingangsfrage neue Relevanz verleiht.

Nun hat Craig F. Garfied noch einen Beitrag nachgelegt, der noch im Juli im “American Journal of Men’s Health” veröffentlicht wird.

Vaterschaft bedeutet Gewichtszunahme.

Männer, die sich zum Vater transformiert haben, nehmen im Durchschnitt 1,8 Kilogramm zu, während Männer, die Mann geblieben sind, Gewicht verlieren.

Dieses Ergebnis basiert auf der Analyse von 10.253 Männern, die über mehr als 10 Jahre ihres Lebens, vom Beginn der Adoleszenz bis in die Mitte ihrer dritten Lebensdekade verfolgt und für die im entsprechenden Zeitraum Daten gesammelt wurden. Entsprechend liegt ein longitudinaler Datensatz mit all seinen Vorteilen vor, und man kann das Ergebnis als relativ gesichert bezeichnen.

Männer, die sich demnach fortpflanzen wollen, sollten die gesundheitlichen Folgen, die es hat, wenn sie nachts nicht mehr durchschlafen können, ihr eigenes Leben in den Dienst am Nachwuchs stellen und damit ihren gewohnten Lebensrhythmus und nicht zuletzt ihre Ernährungsgewohnheiten umstellen müssen, in Rechnung stellen.

Vaterschaft bedeutet ein erhöhtes Risiko, depressiv zu werden.

Vaterschaft bedeutet eine erhebliche Gewichtszunahme und damit einhergehend ein höheres Risiko, einer Herz-Kreislauf-Krankheit zu erliegen.

Vaterschaft bedeutet eingeschränkte Attraktivität auf dem Markt der persönlichen Beziehungen.

Vaterschaft bedeutet finanzielle Knechtschaft bis zum Ende des väterlichen Lebens und Erpressbarkeit.

Eine rationale Entscheidung darüber, ob man den Übergang vom Mann zum Vater vollziehen will, stellt dies in Rechnung (und vielleicht die Tatsache eines überbevölkerten Planeten, sowie ideologischer Indoktrination in Schulen …).

Garfield, Craig F., Rutsohn, Joshua, McDade, Thomas W., Adam, Emma K. & Chase-Lansdale, Lindsay (2015). Longitudinal Study of Body Mass in Young Males and the Transition to Fatherhood. Erscheint in American Journal of Men’s Health.

Garfield, Craig F., Duncan, Greg, Rutsohn, Joshua, McDade, Thomas W., Adam, Emma K., Levine Coley, Rebekah & Chase-Lansdale, Lindsay (2014). A Longitudinal Study of Paternal Mental Health During Transition to Fatherhood as Young Adults. Pediatrics 133(5): 836-843.

Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Griechenland geht, ist scheinbar alles erlaubt

Wenn es darum geht, eine Meinungshoheit in der öffentlichen Diskussion zu erreichen, dann kommt Umfragen regelmäßig eine große Bedeutung zu, nicht einfach Umfragen, nein: repräsentativen Umfragen, also Umfragen, bei denen alle Elemente einer Grundgesamtheit dieselbe Wahrscheinlichkeit hatten, in die Auswahl zu gelangen.

Repräsentativ ist eine Umfrage für Deutschland dann, wenn alle Deutschen, dieselbe Chance hatten, daran teilzunehmen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, wie wir schon einmal am Beispiel einer Telefonumfrage gezeigt haben (fast alle Meinungsforschungsinstitute machen vornehmlich Telefonumfragen):

telephone surveyNehmen Sie an, Sie haben ein Befragungsinstitut mit einem Telefonpool und rufen abends von 17 Uhr bis 22 Uhr die Personen an, die sie aus dem Telefonbuch zufällig gezogen haben:

  • Alle, die nicht im Telefonbuch stehen, eine Geheimnummer haben, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht zuhause sind, weil sie z.B. Schicht arbeiten oder in einer Kneipe sitzen, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht ans Telefon gehen, weil sie sich beim Abendessen oder bei was auch immer nicht stören lassen wollen, sind nicht im Datensatz;

Wie man es dreht und wendet, der Datensatz ist nicht repräsentativ, denn nicht alle Elemente der Grundgesamtheit haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, an der Befragung teilzunehmen (das wäre zu einer anderen Uhrzeit nicht anders).

Und die genannten, sind nicht die einzigen systematischen Ausfälle:

  • Wer im Krankenhaus liegt, der fällt aus.
  • Wer in Urlaub ist, der fällt aus.
  • Wer obdachlos ist, der fällt aus.
  • Wer stumm ist, der fällt aus.
  • Wer gehörlos ist, der fällt aus.
  • Wer entmündigt wurde, der fällt aus.
  • Wer im Gefängnis sitzt, der fällt aus.
  • Bei wem die Telekom das Telefon gesperrt hat, weil er seine letzten beiden Rechnungen nicht bezahlt hat, der fällt aus.

Das sollte eigentlich ausreichen, um den Mythos von der repräsentativen Befragung ein für alle Mal auszurotten.

Aber das tut es nicht!

Warum? Weil die angeblich repräsentative Befragung zu einer unverzichtbaren Waffe im Krieg um die Meinungshoheit im öffentlichten Diskurs geworden ist. Der Vorwurf, das sei ja gar nicht repräsentativ, eignet sich perfekt, um missliebige Ergebnisse zu diskreditieren. Die Behauptung, die eigene Befragung sei repräsentativ, adelt die Ergebnisse und macht sie glaubwürdiger, jedenfalls in den Augen der Repräsentativitätsapostel.

Nicht zuletzt hängen wirtschaftliche Interessen an der Repräsentativität. Man stelle sich vor, die Umfrageinstitute, die ihren Umsatz auf Basis der Leichtgläubigkeit von Politikern und Funktionären erwirtschaften, könnten nicht die angebliche repräsentative Auswahl der 1000 Hanseln, die ihre repräsentativen Befragungen regelmäßig versammeln, vorschützen. Was würde ihre Umfrage dann von einer Umfrage, die ScienceFiles im Internet durchführt, unterscheiden?

Nichts!

Und zu guter letzt, innerhab des Rahmens der mit der Behauptung einer repräsentativen Umfrage gesteckt wird, lässt es sich trefflich manipulieren, wie dies gerade bei der WELT der Fall ist.

Die WeltDort berichtet Jan Dams von einer YouGov-Umfrage mit immerhin 1.380 Befragten, die natürlich repräsentativ ist, was sonst könnte sie sein. In dieser Befragung haben sich 48% der Befragten für einen Austritt Griechenlands aus der EU ausgesprochen.

Dies ist der Aufhänger, dem der folgende Absatz folgt:

“Viele fragen sich, schmeißt man dem schlechten Geld gutes hinterher? Bringen die neuen Reformprogramme etwas in einem Land, das sich mit ihnen nicht identifiziert? Ist Griechenland mit seiner bislang so unwilligen Politik und seinen oft korrupten Eliten überhaupt reformfähig? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte jüngst in einem Interview, ein Grexit sei für Griechenland vielleicht die bessere Alternative. Vielen in seiner Partei und in der Bevölkerung spricht er damit aus dem Herzen, wie die Umfrage zeigt.”

Das nennt man in der Sozialpsychologie Framing, und es wirkt wie folgt:

“Mit 56 Prozent halten deutlich mehr als die Hälfte der Deutschen den geplanten Deal mit Griechenland für schlecht. 23 Prozent davon bewerten ihn sogar als sehr schlecht. Nur zwei Prozent sehen ihn sehr positiv, weitere 27 Prozent eher positiv.”

Hand aufs Herz: Wer hat nach dem Lesen des letzten Absatzes gedacht, die 56%, die den Deal mit Griechenland negativ bewerten, tun dies vor allem deshalb, weil sie Griechenland lieber aus der Eurozone verschwinden sehen würden, weil Sie denken, Griechenland wird gutes Geld hinterher geworfen, weil sie am Erfolg der Reformprogramme zweifeln?

framingUnd genau darin besteht die Manipulation, denn die Frage WARUM die Befragten den Deal mit Griechenland negativ bewerten, die wurde entweder nicht gestellt oder von Jan Dams absichtlich unterschlagen. Diese Frage ist jedoch erheblich, immerhin sind große Teile der Linken gegen den Griechenland-Deal, weil sie gerne noch mehr Geld anderer Leute an Griechenland verschenken würden als die Bundesregierung das sowieso schon tut.

Ungeachtet der Frage, wie man zu diesen Linken steht, würde man doch erwarten, dass ihre Meinung in einer angeblich repräsentativen Umfrage irgendwie auftaucht und ins Gewicht fällt. Dass Sie es scheinbar nicht tut, ist das Ergebnis des oben genannten Framings, der Art der Präsentation der Ergebnisse, die leichtgläubige Leser in die gewünschte Richtung manipuliert und den Anschein erweckt, 56 Prozent der von YouGov Befragten, wären mit dem Deal nicht zufrieden, weil er ihnen nicht weit genug geht.

Wir finden den Deal auch unterirdisch und das Abwirtschaften des Euro, das die Bundesregierung und vor allem die EZB dadurch betreiben, dass sie den Geldmarkt mit Euro fluten und den Euro zur Ramschwährung entwickeln, unverantwortbar, aber das hat nichts damit zu tun, dass die Präsentation der Umfrage von YouGov in der Welt manipulativ ist. Scheinbar denken manche, sie könnten ihre Meinung besser vertreten, wenn sie den Eindruck erwecken, sie seien in der Mehrheit.

Wie dem auch sei, die YouGov-Umfrage kann man natürlich nicht nur wegen der angeblichen Repräsentativität kritisieren. Sie ist auch unvollständig, was vermutlich der fehlenden Phantasie, die Meinungsforscher vor allen auszeichnet, geschuldet ist. Hätten die Meinungsforscher Phantasie und zudem Mut, sie würden die Deutschen fragen, ob sie nicht selbst aus der Eurozone oder gar der EU aussteigen und ihre DM zurückhaben wollen.

Wir tun dies seit einiger Zeit. Zwischenzeitlich haben sich 2.359 Leser an dieser Befragung beteiligt. 2.174 (92%) haben angegeben, dass Deutschland nicht in der EU verbleiben soll.

Wer noch nicht abgestimmt hat, der kann das nunmehr tun:

Deutschland: Better off out?

For(z)sa Niggemeier oder: Sind Anhänger von Grünen und Linker leichter zu manipuliern als andere?

Das Corpus delicti:

forsa“Hat sich Kanzlerin Angela Merkel alles in allem richtig verhalten oder hätte sie Griechenland zu einem Ausstieg aus dem Euro zwingen sollen? [Weiß nicht war eine Antwortalternative]”

Diese Frage hat das Umfrageinstitut “Forsa” seinen rund 1000 Befragten gestellt, die immer dann herhalten müssen, wenn Umfragen mit dem Prädikat “repräsentativ” versehen werden sollen, und diese Frage hat den Ärger von “Medienblogger Stefan Niggemeier” geweckt:

“Forsa hat die Frage so formuliert, dass jeder, der einen erzwungen „Grexit“ ablehnt, seine Zufriedenheit mit Merkel ausdrücken — oder „weiß nicht“ sagen muss. Das wäre auch die Option, die zum Beispiel jemand wie der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman wählen müsste, der — nicht als einziger — von Merkel forderte, einen „weniger zerstörerischen“ Plan für Griechenland vorzulegen. In der Welt von „Stern“ und Forsa kann man nur noch härter mit Griechenland umgehen als die Bundesregierung. Schon die Formulierung der beiden Antwortmöglichkeiten ist unseriös und manipulativ. “

Grund des Niggemeierschen Ärgers ist der hohe Anteil von “alles in allem richtig gemacht”, den Forsa selbst für Anhänger der Grünen und der Linken ausweist. Und offensichtlich ist Stefan Niggemeier der Ansicht, die arglosen Anhänger der Grünen oder der Linken seien von Forsa mutwillig in die falsche Antwort getrickst worden. Natürlich ist Paul Krugman intelligenter als die vielen Anhänger der Grünen und der Linken, die nach Angaben von Forsa ihre Zufriedenheit mit der Verhandlungskunst von Frau Merkel zum Ausdruck gebracht haben.

Das Problem dieser Kontroverse, in die sich nun auch Soziologen eingemischt haben (ja, es gibt noch welche), und zwar Michael Häder, dem eine Notenskala zur Bewertung der Verhandlungskunst von Angela Merkel lieber wäre und Andreas Diekmann, den das Oder an der Frageformulierung stört: Sie wird auf Grundlage unterschiedlicher Prämissen geführt.

Rollen wir das Feld von hinten auf.

Holm_Selbstverständlich ist die Frageformulierung von Forsa manipulativ. Im Knigge der empirischen Sozialforschung steht unter den do-nots der gezielten Manipulation von Antwortverhalten: “Man formuliert geschlossene Fragen ohne eine vollständige Liste von Antwortmöglichkeiten zu präsentieren. Antworten, die nicht erwünscht sind, werden nicht vorgegeben” (Holm, 1975: 64).

Stefan Niggemeier hat mit seiner Kritik also recht. Wenn es Forsa darum gegangen wäre, ein Bild davon zu erhalten, was die von Forsa befragten Deutschen von den Verhandlungskünsten ihrer Kanzlerin halten, dann hätte die Alternative: Merkel hätte Griechenland (noch mehr) Schulden erlassen sollen, in der ein oder anderen Variante, die dann auch Paul Krugmann ankreuzen kann, dazu gehört.

Aber: Es geht um Umfrageforschung, nicht um Wissenschaft.

Gibt es wirklich noch jemanden in Deutschland, der der Ansicht ist, Umfrageforschung werde durchgeführt, um objektive Meinungsbilder der Bevölkerung abzufragen?

Kann man so naiv sein?

Wir haben in zurückliegenden Posts nicht nur gezeigt, wie Umfrageforschung genutzt werden soll, um Befragte zu manipulieren und, wenn das nichts nutzt, Ergebnisse zu frisieren. Wir haben uns schon zur Unmöglichkeit einer repräsentativen Stichprobe geäußert. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass Umfrageforschung Auftragsforschung ist, und verdi als Auftraggeber einer Umfrage über private Bildungseinrichtungen kein großes Interesse an unangenehmen Ergebnissen hat, wie das Deutsche Jugendinstitut kein großes Interesse an einem Nachlassen der Fremdenfeindlichkeit hat, wenn die Entscheidung über eine Weiterförderung des Bereiches Extremismus und Fremdenfreindlichkeit durch das BMFSFJ wieder ansteht.

Das Giftarsenal der Umfrageforschung, ergänzt um die immer geringer werdende Verbreitung der Kenntnisse darüber, wie man quantiative empirische Sozialforschung überhaupt betreibt, beides verbindet sich zu einer höchst fruchtbaren Mischung, wenn es darum geht, Ergebnisse zu produzieren, die einem in den Kram passen oder doch zumindest: es zu versuchen.

UmfragemissbrauchDenn: auch unter denjenigen, die von Umfrageforschern befragt werden, finden sich intelligente Wesen. Und so ist es für uns regelmäßig ein Rätsel, dass diejenigen, die wie Stefan Niggemeier glauben, man könne durch vermeintliche repräsentative Auswahl von Befragten und eine korrekte Formulierung der Fragen, der Wahrheit nicht nur auf die Spur kommen, nein, sie direkt messen, nicht bereit sind, ebenfalls anzunehmen, dass die Verteilung der intelligenten Befragten denselben Gesetzen der Repräsentativität folgt, dass sie, mit anderen Worten, zufällig verteilt sind, sich unter Befragten, die der CDU/CSU anhängen, im selben Anteil finden wie unter Befragten, die der Linken oder den Grünen anhängen (Es geht hier um das formale Argument, nicht um die inhaltliche Wertung!).

Wenn man annimmt, dass in vermeintlich repräsentativen Befragungen, die auf der zufälligen Auswahl von Befragten basieren, die Anzahl der Intelligenten ebenfalls zufällig verteilt ist und man zudem annimmt, dass es Intelligenten auffällt, wenn man sie manipulieren will, dann folgt daraus, dass die entsprechend Intelligenten den Braten riechen, der mit der Forsa-Frage gegrillt werden soll.

Was folgt daraus?

Anhänger von CDU und CSU werden eher zustimmen, auch dann, wenn sie den manipulativen Charakter der Frage erkennen, denn sie sind mit der Verhandlungskunst von Frau Merkel vermutlich wirklich zufrieden.

Anhänger von Linke und Grünen, die gerne die Alternative “hätte Griechenland noch mehr Schulden erlassen sollen” gewählt hätten, wie Stefan Niggemeier meint, hätten entsprechend “weiß nicht” als Anwtortalternative wählen müssen, da die von ihnen präferierte Antwortalternative nicht vorhanden war. Das haben sie aber nicht getan, was zwei Möglichkeiten offen lässt: Entweder die Anhänger der Grünen und der Linken sind tatsächlich mit der Verhandlungskunst von Frau Merkel zufrieden oder sie sind dümmer als der Rest der Befragten, denn sie haben den manipulativen Braten nachweislich nicht gerochen, sich in die falsche Antwort tricksen lassen.

Welche Alternative darf es sein, Herr Niggemeier?

Menschen sind weder sozial noch altruistisch – Beides muss gelernt werden

Menschen sind weder Herdentiere noch verhinderte Mütter Theresa, die anderen ihren Altruismus aufzwingen.

Die Forschungsergebnisse, die diese Aussage belegen, sie werden immer zahlreicher.

Egal, was Politiker sich wünschen, egal, wie versucht wird Menschen zu manipulieren, sie sind zweierlei nicht: altruistisch von Haus aus und sozial per Geburt.

Altruismus muss man sich leisten können. Denn um selbstlos zu geben, muss man etwas haben, das man z.B. aus Mitleid geben kann: Ohne Mantel kein St. Martin sozusagen.

Und sozial sind Menschen nicht von Geburt an. Das Soziale, es verlangt von Menschen, dass sie zusammenleben, dass sie sich miteinander arrangieren und vor allem: dass sie miteinander kooperieren.

self helpGerade Kooperation ist schwierig und wie eine Untersuchung von Valerio Capraro und Giorgia Cococcini zeigt, Kooperation ist erlernt und nicht angeboren. Und weil Kooperation gelernt werden muss, ist das Ausmaß an Kooperationsbereitschaft das Ergebnis individueller Erfahrungen. Individuelle Erfahrungen wiederum macht man in einem Kontext.

Das moderne Herdenzeitalter hat dazu geführt, dass man anderen und dem, was sie sich als Regeln, Normen und Übergriffen überlegt haben, kaum mehr aus dem Weg gehen kann, entsprechend reden Soziologen und Psychologen davon, dass individuelle Erfahrung in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet ist.

Kurz: Die Kooperationsbereitschaft eines Individuums hängt von der Erfahrung ab, die dieses Individuum in der Vergangenheit gemacht hat, und sie hängt vom gesellschaftlichen Kontext ab: Herrscht Vertrauen in einer Gesellschaft, weil z.B. gesellschaftliche Institutionen Vertrauen befördern, etwa dadurch, dass Transparenz herrscht, Korruption kaum bis gar nicht vorhanden ist und dem Einzelnen mit Wertschätzung begegnet wird, dann ist Kooperation eine Voreinstellung, denn der gute Wille, den man anderen entgegenbringen muss, um mit ihnen zu kooperieren, dieser gute Wille wird durch die gesellschaftliche Umgebung befördert.

Anders in Gesellschaften, in denen Nepotismus und Korruption herrschen, in denen Individuen relativ sicher sein können, dass versucht wird, sie in Kooperationen zu lullen und dann übers Ohr zu hauen. Dort lernen Individuen, dass es besser ist, nicht zu kooperieren.

Dies ist in Kurz die Idee, die hinter der Social Heuristics Hypothesis (SHH) steht, und es ist die  Idee, die in einer Reihe von Untersuchungen bestätigt wurde (z.B. Rand, Green & Nowak, 2012 bzw. Rand et al., 2014). Und es ist die Idee, die Capraro und Cococcioni (2015) abermals bestätigt haben.

449 Inder wurden von Capraro und Cococcioni vor einen Computer gesetzt und mit einer Situation konfrontiert, die in der Spieltheorie als Gefangenen-Dilemma bekannt ist. Hier die Anweisung für die Teilnehmer an der Untersuchung:

“You and the other participant are both given $0:20 US dollars. You and the other participant can transfer, independently, money to the each other. Every cent you transfer, will be multiplied by 2 and earned by the other participant. Every cent you do not transfer, will be earned by you. How much do you want to transfer?” [Sie und der andere Teilnehmer haben beide 0,20 US Dollar. Sie und der andere Teilnehmer können unabhängig voneinander Geld zueinander transferieren. Jeder Cent, den Sie transferieren, wird mit 2 multipliziert und dem anderen Teilnehmer gutgeschrieben. Jeder Cent, den Sie nicht transferieren, wird ihnen gut geschrieben. Wieviel wollen Sie transferieren?”]

Diese Versuchsanordnung wurde unter Zeitdruck (Entscheidung innerhalb von 10 Sekunden) und unter relativer Entscheidungsruhe (Entscheidung innerhalb von 30 Sekunden) gespielt. Im Ergebnis haben sich die Teilnehmer in beiden Versuchsanordnungen entschieden, im Durchschnitt 28% ihres Guthabens zu transferieren.

Damit liegt der Anteil des transferierten Einkommens weit unter dem Anteil, der bei den gleichen Experimenten z.B. in den USA transferiert wird und der dort bei durchschnittlich rund 50% liegt. Capraro und Cococcioni führen den Unterschied auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexte zurück: Einerseits sei Indien ein Land, in dem Nepotismus und Korruption für jeden sichtbar endemisch sind, andererseits gelten die USA als “hight-trust culture”, d.h. als Land, in dem kleinräumige Communities, in denen sich die Individuuen bewegen, Kooperation befördern.

Ob Menschen kooperieren, ob sie altruistisch sind, hängt demnach vom gesellschaftlichen Kontext ab. Menschen ist Sozialität und Altruismus nicht angeboren.

Wenn man sich etwas zurücklehnt und dieses Ergebnis, das in einer Reihe entsprechender Ergebnisse steht, wirken lässt, kommt man schnell zu dem Punkt, an dem man sagt: Wie anders sollte es sein?

Throng of peopleWie kann man annehmen, Menschen würden sich im Rudel wohlfühlen und gerne von dem, was sie haben, andere durchfüttern? Entsprechende Annahmen sind nur denen möglich, die davon profitieren, dass sie anderen einreden, es wäre so.

Menschliches Leben ist in erster Linie darauf gerichtet, sich selbst zu erhalten. Selbsterhalt kann man durch Tausch und Kooperation befördern. Voraussetzung dafür: Es gibt etwas zu tauschen, und es gibt die Sicherheit, dass man im Rahmen einer Kooperation nicht ausgenutzt wird.

Erst dann, wenn etwas zu tauschen da ist und wenn Sicherheit besteht, dass der Versuch, mit X zu tauschen, nicht dazu führt, dass man von X bestohlen wird, gibt es Kooperation und als Folge institutionalisierter Tauschbeziehungen Sozialität.

Nun kann man sich fragen, warum es eine recht stattliche Anzahl von Leuten gibt, die das Gegenteil erzählen, die behaupten, Menschen wollten anderen mehr geben als sich selbst, seien sozial Tiere, die nur in der Herde ihr Glück finden, seien von Geburt an kooperativ? Und man kann sich selbst zur Antwort geben, dass diese Erzählung denen, die sie erzählen, einen Vorteil verschaffen muss, da man Menschen, die meinen, sie seien altruistisch, prima ausnutzen kann und Menschen, die meinen, die ständigen Übergriffe anderer seien das Soziale, sich nicht wehren.

Capraro, Valerio & Cococcioni, Giorgia (2015). Social Setting, Intuition, and Experience in Lab Experiments Interact to Shape Cooperative Decision-Making.

Rand, David G., Greene, Joshua D. & Nowak, Martin A. (2012). Spontaneous Giving and Calculated Greed. Nature 489: 427-430.

Rand, David G., Peysakhovich, Alexander, Kraft-Todd, Gordon T., Newman, George E., Wurzbacher, Owen, Nowak, Martin A. & Greene, Joshua D. (2014). Social Heuristics Shape Intuitive Cooperation. Nature Communications April 2014.

Als Mann ist man wirklich der Arsch – besonders im Bundestag ist Misandrie verbreitet

Zugegeben, der Titel dieses Posts klingt nicht wissenschaftlich. Aber: Da es unter qualitativen Sozialforschern üblich ist, markante Stellen aus Interviews im Titel von Büchern zu führen, wobei dann so interessante Titel wie “… einfach weg aus meinem Leben” – eine qualitative Studie über Frauen, die ihren Partner getötet haben” herauskommen, auf dem Deckel von wissenschaftlichen Büchern, haben wir gedacht: Wir dürfen auch mal:

“Als Mann ist man wirklich der Arsch.”

Denn Mann wird einfach weggekürzt, kommt nicht vor, ist persona non grata.

So zum Beispiel in der Diskussion im Bundestag, die sich mit “Suizidprävention verbessern und Menschen in Krisen unterstützen” befasst hat. Es geht also um Suizid, um Selbstmord, und Selbstmord, das ist eine männliche Angelegenheit: Drei Viertel aller Selbstmörder sind männlich. Das ist seit Jahren so.

Selbstmörder 1998-2003

 

Dessen ungeachtet, ist es 8 Rednern im Bundestag möglich, über Suizid zu reden, ohne darauf hinzuweisen, dass Suizid ein männliches Phänomen darstellt. Wer etwas gegen Suizid tun will, Selbstmord vorbeugen will, wie es so schön heißt, der wird sich entsprechend mit Männern, den Paria der Moderne beschäftigen müssen, mit weißen CIS-Männern!

Nicht so im Bundestag. Aber dort geht es auch nicht daurm, etwas gegen Suizid zu tun, sondern darum, schöne Worte über Suizid zu verlieren und sich selbst als guter Mensch zu inszenieren.

Z.B. Maria Klein-Schmeink von Bündnis90/Die Grünen:

Klein-Schmeink weiß von 10.000 Suiziden im Jahr und von 100.000 versuchten Selbstmorden. Das steht schon im Antrag der Grünen, der “Suizidprävention verbessern und Menschen in Krisen unterstützen” will, über den in der 115. Sitzung des Deutschen Bundestags debattiert wird. U.a. von Klein-Schmeink. Klein-Schmeink beklagt, “dass von den 10 000 Menschen [die sich jährlich umbringen] ungefähr ein Drittel über 65 Jahre alt ist”.

Wer die Abbildung oben betrachtet, der sieht, der Anteil der männlichen Selbstmörder ist unter den 65jährigen zwar immer noch deutlich höher als der der Frauen [nicht dargestellt], aber geringer als der entsprechende Anteil unter Selbstmördern die vor Erreichen des 65. Lebensjahres ihrem Leben ein Ende setzen. Wer sich gefragt hat, warum ausgerechnet der Suizid nach 65 für Klein-Schmeink so bemerkenswert ist, hier ist eine mögliche Erkläung.

Durkheims SelbstmordBirgit Wöllert von der Linken will verhindern, dass sich jährlich 10.000 Menschen selbst umbringen und hat Rat bei Professor Dr. Manfred Wolfersdorf, dem Chefarzt der Klnik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Bayreuth gesucht, nicht bei ihm, sondern in seinen Schriften, in denen Wöllert eine Definition von Suizidalität gefunden haben will, was immer gut ist, weiß man doch, worüber man redet, wenn man etwas definiert.

Suizidalität, so zitiert Wöllert aus einer unbekannten Publikation von Wolfersdorf, sei “ein zutiefst menschliches Geschehen und Erleben, das in seiner Komplexität nie vollständig verstehbar sein wird”. Selbstmord sei ein “Geheimnis”, wer es also lüften will, muss wohl zutiefst Menschliches für sich erleben und für andere zum Geschehen machen.

Dann kommt Helga, die Helga Kühn-Mengel von der SPD. Sie gibt kühn zu Protokoll, dass die Zahl der Suizidversuche bei “jungen Frauen und Männern am höchsten” ist, und dann berichtet sie aus der relevanten Praxis des Selbstmordes:

“Des Weiteren hat das Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit der Stadt Köln eine Anlaufstelle für lesbische Mädchen zwischen 15 und 23 Jahren eingerichtet, um zu verhindern, dass sich Mädchen in dieser Altersgruppe auf der Suche nach Gespräch und Identität das Leben nehmen.”

Rund 80% der Selbstmorde in der Altersgruppe der Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren werden übrigens von Jungen, nicht von Mädchen ausgeführt. Ob die Jungen schwul waren, was ja offensichtlich für Helga Kühn-Mengel einen Unterschied zu machens schient, weiß niemand, denn es gibt keine entsprechende Statistik, wie Dr. habil. Heike Diefenbach in einem umfassenden Beitrag zu Selbstmord unter Homosexuellen gezeigt hat.

Und so geht es weiter in der Debatte im Bundestag.”Jeder Suizidversuch ist einer zuviel”, verkündet Rudolf Henke von der CDU/CSU und fügt an, dass Erhängen die häufigste Methode für alte Männer ist. Und immer wieder geistern die 100 000 Suizidversuche und die 10 000 Selbstmorde durch die Debatte, so dass man sich fragt: Woher stammen die Zahlen?

Sie stammen aus dem Antrag von Bündnis90/Grüne, über den debattiert wird, 10.076 Suizide, die aktuellste Zahl der Todesursachenstatistik, kann man dem Antrag entnehmen. Mehr noch, auf Seite 4 des Antrags steht:

“Die Suizidrate von Männern ist höher als die von Frauen. Der Anteil der Männer an den durch Suizid verstorbenen Personen lag 2013 bei 74 % während der Anteil der Frauen bei 26 % lag. Zugleich unternehmen Frauen häufiger einen Suizidversuch als Männer; die meisten Suizidversuche unternehmen weibliche Teenager und junge Frauen.”

Die Suizidrate von Männern hat keinen der Redner im Bundestag interessiert, also ignorieren wir sie an dieser Stelle auch, schon weil die Angaben im Antrag stimmen. Interessanter ist die Zahl der Suizidversuche, die schreckliche Zahl die ein Mehr an Frauen und vor allem jungen Frauen sieht. Endlich etwas, wo Frauen die Nase vorne haben. Die Erleichterung darüber, dass Frauen beim Selbstmordversuch die Nase vorne haben, muss bei Bündnis90/Die Grünen so groß gewesen sein, dass sie nicht nur vergessen haben, dass drei Viertel der erfolgreichen Selbstmöder männlich sind, sondern auch, dass es gar keine verlässlichen Daten zu Selbstmordversuchen gibt – keine, nichts, nada, null, 0, ….

Es gibt den Versuch einer Schätzung der Häufigkeit von Selbstmordversuchen, der unter Federführung der WHO im Jahre 2000 durchgeführt wurde. Im Rahmen dieses Schätzungsversuchs wurden in der Stadt Würzburg und im Landkreis Würzburg Befragungen durchgeführt und die Daten eben einmal auf Deutschland hochgerechnet. 100.000 Selbstmordversuche kamen dabei heraus. Und diese mehr als fragliche Zahl geistert seither durch das Land, steht bereit für alle, die sich darauf stürzen wollen, dass die Zahl, die ausgehend von Würzburg bzw. Würzburg-Land für Selbstmordversuche junger Frauen errechnet wurde, höher ist als die, die für junge Männer errechnet wurde [Da Männer eine größere Fähigkeit aufweisen, das eigene Leben zu beenden als Frauen, die häufiger beim Versuch scheitern oder scheitern wollen, wäre es kein Wunder, dass es mehr weibliche als männliche Personen gibt, die einen erfolglosen Versuch, sich ihr Leben zu nehmen, hinter sich haben, wären die Würzburger Zahlen verallgemeinerbar.].

Wer seinen Spleen ausleben will, seine Abneigung gegen alles, was männlich ist, der wird also fündig, so fündig wie die Grünen und ihr Bündnis.

Nathanson MisandryEs gibt belegt 10.076 Suizide im Jahr 2013, 7449 davon (74%) von Männern begangen. Es gibt eine vage Schätzung, die man als Datum aus dem Würzburger Kaffeesatz bezeichnen kann, und die für 108 Männer unter 100.000 und 131 Frauen unter 100.000 einen Selbstmordversuch gelesen hat. Und es gibt Forderungen von Bündnis90/Die Grünen, die, wir erinnern uns: “Suizidprävention verbessern und Menschen in Krisen unterstützen wollen“, und zwar durch Ausbau und Weiterentwicklung spezifischer Beratungs- und Behandlungsangebote für insbesondere

  • “a) ältere Menschen” …
  • Dann sollen : “b) Schülerinnen und Schüler sowie Schulpersonal mit Hilfe von Aufklärungsprogrammen in Schulen” unterstützt werden.
  • Es sollen “c) für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle spezialisierte Beratungsstellen” ausgebaut und es soll “in Schulen über vielfältige Familien- und Lebensmodelle” aufgeklärt werden.
  • und nicht zu vergessen sollen für “d) … Menschen mit Migrationshintergrund in der Beratung und Behandlung sprachliche und kulturelle Aspekte stärker” berücksichtigt werden “und Dolmetschereinsätze in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung” aufgenommen werden.

Suizid, für alle, die es nicht bemerkt haben, ist ein männliches Phänomen. Die verfügbaren und einzig belastbaren Zahlen zeigen, dass rund drei Viertel der Selbstmörder männlich sind.

Angesichts des Ausmaßes an Männerfeindlichkeit, an Misandrie, wie sie sich in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, Parteien und im Bundestag findet, wäre es nicht nur Zeit, die Misandrie in das Verzeichnis mentaler Erkrankungen aufzunehmen, es wäre auch höchste Zeit für Psychiater und Psychotherapeuten sich der besonders in der politischen Klasse endemische Ausmaße annehmenden Angst-Störung anzunehmen.