Die freieste Gesellschaft aller Zeiten? Der größte Witz aller Zeiten!

Die heutigen demokratischen Gesellschaften brüsten sich mit den individuellen Freiheiten, die sie gewähren, der Achtung für die Menschenrechte oder der Garantie und dem Schutz von Eigentum. Wir leben, so wird Kindern ab ihrer Einschulung bereits eingetrichtert, in der freiesten Gesellschaft aller Zeiten.

Wir leben nicht nur in der freiesten Gesellschaft aller Zeiten, sondern sollen dies auch in einer säkularen Zeit tun. Der Glaube an welchen Gott auch immer, sei erodiert, mit dem Jenseits und der Hölle könne man niemandem mehr drohen, religiöse Heilsbotschaften würden immer weniger geglaubt, für das genommen, was sie sind, die unbelegbare Überzeugung bestimmter “göttlicher” Interessenvertreter.

Soweit das öffentliche Gebet, das auf jeden, der es hören will und jeden, der es nicht hören will, einprasselt. Aber, so unsere These, wir leben weder in der freiesten aller möglichen Gesellschaften noch in einer säkularen, im Gegenteil: Nie war die Welt religiöser als heute, nur wird der Katechismus nicht mehr in Kirchen vermitteln: Er sprudelt aus Parlamenten, aus Parteizentralen, aus öffentlich-rechtlichen Medien, man muss ihn nicht mehr in Stätten der Wallfahrt und Andacht abholen, er wird gebührenpflichtig nach Hause geliefert, ganz so, wie Orwell es beschrieben hat.

golden calrfUnd dieser religiöse Katechismus hat ein neues goldenes Kalb, das umtanzt werden soll: Das Soziale, die Gemeinschaft, das Kollektiv, das “Wir”, wie auch immer es gefüllt wird. Das Wir, das sind wir alle, das Wir findet seine Inkorporation im Staat, jenem seltsamen Etwas, das nicht vorhanden und doch Akteur ist, das niemand fassen kann und gegen dessen Regeln man dennoch verstoßen kann, gegen das man sich nicht direkt zur Wehr setzen kann, das seinerseits aber erhebliche Gewalt über das individuelle Leben auszuüben im Stande ist.

Wann immer sich imaginäre Gebilde wie der Staat etablieren und mit dem Sozialen oder dem Wir ein Glaubenssystem etablieren, dem gefolgt werden muss, stellt sich die Frage nach dem Warum und die Frage, wem nutzt das?

Beide Fragen lassen sich am ehesten beantworten, wenn man untersucht, wieso “der Staat” sich einfach als existent ausgeben kann und warum das manchen normal vorkommt. Noch im 17. Jahrhundert war, trotz aller Gottesfürchtigkeit, die es vermeintlich gegeben hat, das Wir, das Kollektive nicht einmal ansatzweise in der Ausprägung vorhanden, wie heute. Einem Thomas Hobbes, der 1651 seinen Leviathan veröffentlicht hat, war es noch klar, dass ausschließlich Individuen Rechte haben können. Niemand sonst, schon gar nicht “der Staat”. Der Staat, das war für Hobbes ein notwendiges Übel, das Menschen schaffen müssen, um Handlungs-Regeln zwischen Menschen, um Eigentum und Sicherheit zu gewährleisten, mehr nicht. Der Staat war ein Treuhänder, per Gesellschaftsvertrag von freien Menschen eingesetzt und um ihn einzusetzen, haben sie einen Teil ihrer Rechte abgegeben, Rechte, die sie jederzeit zurücknehmen können, sollte sich der Staat als nicht treuhänderisch und nicht rechtschaffend erweisen. Für solche Situationen hat Kant gar eine Pflicht zum Widerstand ausgemacht.

Leviathan.hobbesWie seltsam einem diese freiheitlichen Gedanken der Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts anmuten, denen allein das Individuum etwas gegolten hat und die kollektiven Entitäten keinerlei Selbstwert zugewiesen haben. Heute herrscht dagegen das Wir. Heute werden Rechte vom Staat oder einer Versammlung von Berufenen, die den herrschenden Katechismus nachbeten können, vergeben. Z.B. das Recht, Steuern zu zahlen und zu viel gezahlte Steuern eventuell zurück zu bekommen, z.B. das Recht, darum zu bitten, ein Unternehmen zu führen und Mitarbeiter entlassen zu können, z.B. das Recht, sein Eigentum gegen Eindringlinge verteidigen zu dürfen.

Mit anderen Worten: Die Individuen sind nicht mehr Subjekt und Ausgangspunkt individueller Rechte, sondern Objekt und Ziel zugewiesener Rechte. Rechte werden von einer Entität gewährt, nämlich dem Staat, die es gar nicht gibt. Absurder kann man sich die Welt kaum vorstellen, und dennoch: Es funktioniert. Um Menschen von freien Rechteinhabern zu abhängigen Rechteempfängern zu machen, bedarf es nur einer Religion und einer die Religion auslegenden Priesterklasse.

Die Religion ist das Wir, die ungeborene, die zukünftige, nur nicht die lebende Generation. Das Wir sind alle, die nicht leisten, denen man Toleranz entgegen bringen soll, denen man helfend unter die Arme greifen soll, denen man einen Teil seines Mantels gegen die Kälte abgegeben soll. Nein, natürlich ist Wohltätigkeit nichts Individuelles. Wohltätigkeit wird heute über den Staat geregelt, über dieses nicht existente Etwas, das, um wohltätig sein zu können, Steuern einsammelt, Wohltätigkeitssteuern wenn man so will.

Damit ist der erste Schritt getan, um einen Moloch, ein Phantom in Kraft zu setzen, das Gewalt ausübt, ohne selbst existent zu sein. Dazu bedarf es noch einer Priesterklasse, einer Zunft, deren Gegenstand die Auslegung der heiligen Schrift ist, die das Glaubensbekenntnis zum Wir für alle Staatsobjekte definiert, die vorgibt, dass man Frauen fördern muss, dass man Kinder ab 3 in Kindertagesstätten ab 6 in Schulen und danach in Maßnahmen des Arbeitsamts stecken muss, die regelt, wie viele Stunden am Tag Arbeiter zu arbeiten haben, wie viel Lohn sie mindestens erhalten und wie viel Anspruch auf soziale Zuwendung in den Zuwendungsgruppen der Psychiater Zuwendungssuchenden frei steht. Das Wir ist dabei die gleiche Chimäre, die der Staat bereits ist, und es ist der Mode, wie sie gerade unter Schriftgelehrten herrscht, ausgesetzt.

Entsprechend ist das Wir heute ein Idol, das dünn, nicht dick ist, das Sport treibt, um fit zu bleiben und dem Herzinfarkt mit 40 entgegen zu wirken. Das Wir ist gebildet und es pflanzt sich fort, ohne die Arbeit für mehr Zeit als vorgegeben zu unterbrechen, das Wir geht zur Wahl und macht artig sein Kreuz hinter einer politischen Sekte und ansonsten ist das Wir genügsam und nimmt freudig die Krümel auf, die ihm vorgeworfen werden. Nur eines ist das Wir nicht, ein Individuum und das darf es auch nicht sein, denn Individuen sind, wie der Begriff schon sagt, individuell, divers, eigen, sich ihrer Selbst bewusst und entsprechend nicht kollektivierbar.

Ayn Rand VirtueKollektivierbarkeit ist indes die Voraussetzung dafür, dass die Vision vom Staat und sie tragende Religion des Wir funktionieren können. Nur wenn sie Kollektive ansprechen kann, gelingt es der Priesterklasse, einzelne Gruppen zu defninieren, um ihren Nutznießern ein Auskommen zu schaffen (z.B. der großen Zahl derjenigen, die von sozialen Dienstleistungen am Wir leben), nur dann kann sie Gruppen aufbauend auf willkürlichen Merkmalen gegeneinander ausspielen, z.B. Männer gegen Frauen, Migranten gegen Autochthone, Dicke gegen Dünne, Banker gegen Arbeitslose oder Reiche gegen Arme und nichtzuletzt gelingt es der Priesterklasse nur so zu kaschieren, dass sie, die politischen Definiteure, die ersten sind, die vom Glauben an das Wir profitieren.

Sie profitieren mit einer Finanzierung ihrer eigenen Sekten, Parteienfinanzierung genannt, die selbst der Eurpoarat als intransparent bezeichnet. Sie profitieren mit Einkommen, Renten und Pöstchen, den kleinen Vorteilen, die ihr Wirken als Hohepriester der demokratischen Heilslehre so mit sich bringt, sei es in Vorständen, Aufsichtsräten oder als Vortragsreisende und sie profitieren langfristig über die Vielzahl der Abhängigkeitsverhältnisse, die sie geschaffen haben, um das Wir als wichtig erscheinen zu lassen, z.B. bei Arbeitslosen, die vom Wir alimentiert werden, damit sie nicht auf die Idee kommen, sie könnten etwas an ihrem Los ändern, z.B. bei direkten Günstlingen, die sich in Konventen wie der Heinrich-Böll-Stiftung einfinden, um durch Steuerzahler finanziert, die richtige Auslegung der Wir-Religion zu lernen.

government-hates-competition-posterDie vermeintlich freieste Gesellschaft aller Zeiten stellt sich somit als hochreligiös dar, als Gesellschaft, die eine Abweichung vom herrschenden Glauben negativ sanktioniert, als Gesellschaft, die eine Priesterklasse unterhält, die für sich in Anspruch nimmt, allein im Vollbesitz der richtigen Auslegung dessen zu sein, was Heilsbotschaft ist und daraus das Recht ableitet, sich in erster Linie und vor allen anderen zu bedienen und die als integralen Bestandteil des herrschenden Glaubens eine Entindividualisierung predigt, eine Auflösung des Individuums im Kollektiv, im Wir. Entsprechend können Individuen nur in Abhängigkeit vom Kollektiv, von der Gemeinschaft und mit dessen/deren Segen glücklich werden. Das ist jedoch das Gegenteil von Freiheit, so dass man feststellen muss, dass die derzeitige Gesellschaft eine der am wenigsten freien Gesellschaft aller Zeiten ist. Aber scheinbar ist die Nachfrage nach Freiheit derzeit nicht sonderlich ausgeprägt. Der Wunsch, ein Leben unbeeinträchtigt von der politischen Priesterklasse zu führen, wird entweder als aussichtslos eingeschätzt oder bereits im Kindergarten abgetötet.

Aber es besteht Hoffnung auf ein besseres Leben: Das Mars-One Projekt, mit der Garantie, die politischen Priester ein für alle Mal hinter sich lassen zu können. Und wie der Ansturm auf die freien Plätze zeigt, scheint dies ein Bedürfnis zu sein, das viele, sehr viele haben.

Herrschaft durch Sprache: Wie man Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten redet

Wir haben auf ScienceFiles schon viele Beispiele verbaler Onanie besprochen, Beispiele die alle eines gemein haben, es wird nicht konkret gesprochen. Die Sprecher oder Schreiber nominalisieren, reden oder schreiben von Abstrakta, fordern Solidarität, Toleranz, Nachhaltigkeit, Gleichstellung, Gerechtigkeit, phantasieren von Mentalitätsfragen, um von konkreten Problemen zu abstrahieren (oder abzulenken), attestieren der “gesellschaftlichen Totalität ein Eigenleben, fordern “Rasissmus oder Sexismus abzubloggen” oder sind, eher profan, angesichts der vorherigen Beispiele, damit beschäftigt, Zuhörer oder Leser mit Gleichstellung, Gerechtigkeit und Ergebnisgleichheit in synomymer Weise zu beschwatzen.

linke-plakatEine Erklärung dafür, dass mit Begriffsungetümen hantiert wird, deren Sinn höchst fragwürdig oder als völlig irrelevant behandelt wird, eine Erklärung für diesen willkürlichen Umgang mit abstrakten Begriffen liegt sicher darin, dass diejenigen, die diese Begriffe im Mund führen oder zu Papier bringen, keine Kognition auslösen wollen: Sie wollen keinen Inhalt vermittelt. Vielmehr geht es ihnen darum, einen Affekt auszulösen. Leser und Zuhörer sollen mit Begriffen zu positiven oder negativen Affekten manipuliert werden. Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, sie alle werden genutzt, um in Verbindung mit bestimmten Objekten Affekte auszulösen, z.B. negative in Verbindung mit Männern und positive in Verbindung mit Frauen. Es ist mehr als eine These zu sagen, dass der gesamte Staatsfeminismus auf einem affektiven Gebäude basiert, das sofort zusammenfällt, wenn man nach der empirischen Gültigkeit dieses affektiven Gebäudes fragt, wenn man fragt, ob Frauen tatsächlich benachteiligt sind, an welchen konkreten Bedingungen sich dies ablesen lässt und welche negativen Konsequenzen die vermeintliche Benachteiligung für konkrete Frauen hat.

AdenauerAlle behaupteten Benachteiligungen finden auf abstrakter Ebene in Worten statt, in Worten wie Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antifeminismus usw. alle Opfer dieser Benachteiligung durch Begriffe sind Gruppen und niemals Individuen. Nun fragt man sich, wie kann so etwas funktionieren? Wie kann es klappen, Hilda F. und Franz H. zu vermitteln, dass sie etwas davon haben, dass Dritte gegen Sexismus einen lukrativen Kampf führen oder von der EU gefördert werden, um Rassismus in Hintertupfingen, in der Südstraße 5 zu bekämpfen? Eine neue Studie, die Marlone D. Henderson im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht hat, vor allem die Ergebnisse der Studie helfen hier weiter (Marlone, 2013).

Henderson untersucht den Zusammenhang zwischen konkretem und abstraktem Denken und der Akzeptanz vorgegebener Wahlmöglichkeiten. Er untersucht mit anderen Worten, ob man das menschliche Grundbedürfnis aus so vielen Alternativen wie nur möglich auszuwählen, durch ein bestimmtes Mindset reduzieren kann. Sein Ergebnis ist beeindruckend: Man kann!

SPD-Plakat_1919In vier Experimenten zeigt Henderson, dass Personen, die in abstrakten oder eben konkreten Bahnen denken, sich erheblich darin unterscheiden, aus welcher Menge an Alternativen sie auswählen wollen. So nahmen an einem Experiment 146 Personen – unterteilt in zwei Gruppen zu je 64 und 57 Personen teil. Dabei mussten Personen in Gruppe 1 36 Objekte des täglichen Lebens anderen konkreten und ähnlichen Objekten zuordnen, während Personen in Gruppe 2 Überkategorien bilden mussten und z.B. eine Flasche Wasser der Klasse der Flüssigkeiten zuordnen. Anschließend wurde den Teilnehmern beider Gruppen ein kurzer Text über die Verwüstungen präsentiert, die ein Tornado in Texas angerichtet hat, und sie wurden informiert, dass zwei Hilfsorganisationen mit Hilfsvorschlägen um Spenden werben, wobei eine Hilfsorganisation 6 Hilfsoptionen vorgegeben hatte, die andere 35 Hilfsoptionen.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Teilnehmer der Gruppe, die eine abstrakte Aufgabe zu erfüllen hatte (Zuordnung zu Kategorien), die ein abstraktes Mindset hatten, deutlich seltener das Angebot der Hilfsorganisation nachfragten, die mehr Wahlmöglichkeiten präsentiert hat als Teilnehmer der Gruppe, die die konkrete Aufgabe zu erledigen hatte. Insgesamt zeigen alle vier Experimente von Henderson, dass mit einem abstrakten Mindset eine verringerte Nachfrage nach Wahlmöglichkeiten einhergeht: “more abstract construals reduce individuals’ general attraction to larger choice-sets” (Henderson, 2013, S.681).

Was bedeuten diese Ergebnisse? Zunächst ist festzustellen, dass es offensichtlich möglich ist, die Nachfrage nach alternativen Wahlmöglichkeiten dadurch zu reduzieren, dass man Menschen in ein abstract Mindset versetzt. Eine Reduzierung der Wahlmöglichkeiten wiederum, ist sehr nützlich, wenn man Kontrolle ausüben und sicherstellen will, dass Menschen nur bestimmte Alternativen überhaupt in Betracht ziehen. Um Kontrolle auszuüben, muss man entsprechend in Abstrakta sprechen, z.B. in Abstrakta darüber, dass die Gesellschaft das Soziale benötige, um zu funktionieren, darüber, dass Frauen im gesellschaftlichen Alltag benachteiligt seien, darüber, dass die Banker schuld daran sind, dass die Staatsfinanzen danieder liegen und vieles mehr.

FDP_plakate_53_5Ergänzt man nun noch einen weiteren Aspekt, nämlich dass die Reduktion von Alternativen auch bei Erklärungen oder Deutungsangeboten funktioniert, dann wird die Wahl abstrakter Begriffe zum Herrschaftsinstrument, das geeignet ist, Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten zu reden. Abstraktes Geschwätz über gläserne Decken, die Wichtigkeit von Schulsozialarbeit, die Bedeutung von Hilfe, Wandel, Innovation, von Gerechtigkeit und Gleichstellung, Freiheit und Einheit wirkt gleichsam als Alternativentöter und führt dazu, dass die Zuhörer, die sich beschwatzen lassen oder die Leser, die sich den entsprechenden Lesestoff antun, in ein abstraktes Mindset abgleiten, das sie gar nicht mehr nach alternativen Erklärungen oder Deutungsmustern fragen lässt. Die Behauptung, dass Frauen als Gruppe und somit alle diskriminiert werden, wird ebensowenig anhand alternativer Deutungsmuster überprüft, wie die Behauptung, dass das Soziale alles Heil in eine Gesellschaft bringe.

Die Abstrakta starten ein Eigenleben, und dieses Eigenleben führt nicht nur zu den gewünschten affektiven Reaktionen bei vielen Zuhörern und Lesern, es führt auch dazu, dass viele gar nicht mehr bemerken, dass es alternative Deutungsmöglichkeiten gibt. Vermutlich ist dies der Grund dafür, dass z.B. in sozialistischen Gesellschaften ein so großer Zinnober um Volk, Volkseigentum, Solidarität, Genossen und die Einheit der Arbeiterklasse gemacht wurde. Je mehr abstrakte Konzepte nämlich besungen werden, desto weniger offenkundig wird es, dass die Wahlmöglichkeiten in sozialistischen Gesellschaften im Vergleich zu kapitalistischen Gesellschaften auf ein Minimum reduziert sind.

Einheit NSDAPEinheit KPDNun ist das Problem, das hier beschrieben wurde, sicher nicht das Denken in Abstrakta, sondern das Denken ausschließlich in Abstrakta und die Beseitigung der Verbindung zwischen Bezeichnendem (Abstrakta) und dem konkret Bezeichneten, wie dies z.B. bei Rassismus der Fall ist, einem Wort, das ausschließlich derogativ gebraucht wird und dessen Bestimmung affektiv und eben nicht kognitiv erfolgt. Rassismus ist, was dem Gebraucher des Begriffs als solcher vorkommt, nicht das, was kognitiv als Rassismus gefasst wird. Kommunikation wird somit zum Abklatsch von Affekten, der Gebrauch von Abstrakta zum wirren Versuch, die fehlende Verbindung zur Realität zu übertünchen.

Der beste Schutz gegen diesen wirren Gebrauch von Abstrakta und der beste Schutz davor, sich in einen Zustand der Benommenheit reden zu lassen, in dem die Wahlmöglichkeiten verschwimmen, besteht darin, nach konkreten Belegen, Beispielen und Fakten zu fragen, die kritische Methode anzuwenden, die wir auf ScienceFiles kultiviert haben, um Schwätzer zu entlarven, die vollmundig Begriffe nutzen, deren SInn sich ihnen nicht einmal auf Nachfrage erschließt.

Henderson, Marlone D. (2013). When Seeing the Forest Reduces the Need for Trees: The Role of Construal Level in Attraction to Choice. Journal of Experimental Social Psychology 49: 676-683.

“Kindeswohlgefährdung” – Entmündigung von Eltern

Ein Hilferuf, der auf Politaia veröffentlicht wurde, und von dem wir im Zusammenhang mit dem Beitrag über Schulsozialarbeit erfahren haben, hat uns für Jugendämter und ihre Tätigkeiten, vor allem die Grundlage ihrer Tätigkeit sensibilisiert. Dies auch vor dem Hintergrund, dass unlängst, am 29. Juli 2013 das Statistische Bundesamt meldete, dass deutsche Jugendämter im Jahre 2012 107.000 Gefährdungseinschätzungen für Kinder durchgeführt haben. (Keine Pressemeldung war dem Statistischen Bundesamt die Veröffentlichung der Statistik zu “Vorläufigen Schutzmaßnahmen” wert, der man entnehmen kann, dass 2012 insgesamt 40.227 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen wurden, 18.435 (46%) davon auf Betreiben des Jugendamts und.)

“Die Gefährdungseinschätzung”, so heißt es in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamts, “wird vorgenommen, wenn dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines … Minderjährigen bekannt werden…”

Im angesprochenen Hilferuf, so kann man dem verlinkten Beitrag entnehmen, geht es um ein offensichtlich minderjähriges Mädchen, das wohl länger als 12 Tage dem Schulunterricht fern geblieben ist. Entsprechend hat “das Jugendamt” veranlasst, dass morgens um 6.55 Uhr die Tür zur Wohnung der Mutter des Mädchens aufgebrochen und das Mädchen in die Jugendpsychiatrie Regensburg eingewiesen wurde.

Jugendamt_-_Unterstuetzung_die_ankommtEin solches brachiales Vorgehen, zu dem es offensichtlich nur wenig Anlaß braucht, weckt – zumindest bei kritischen Gemütern – die Frage, welche Vollmachten Jugendämter auf welcher rechtlichen Grundlage haben. Wir haben auf ScienceFiles schon häufiger die Ansicht geäußert, dass der vorgebliche Schutz von Kindern und Jugendlichen im Rahmen einer staatsfeministischen Ideologie genutzt wird, um Freiheitsrecht, in diesem Fall die Rechte von Eltern einzuschränken bzw. zu beseitigen. So wird der Jugendschutz genutzt, um Zugang und Freiheit des Internet zu beschränken oder um Konsumgewohnheiten Erwachsener zu illegalisieren uvm. Entsprechend stellt sich uns die Frage, ob Vorgehen wie das beschriebene, das in die Klasse der “Inobhutnahmen” fällt, einen Einzelfall darstellen, systematisch zu finden sind, um z.B. Eltern aus der Unterschicht zu terrorisieren, die vom Mittelschichtsideal der “Elternschaft” abweichen, oder um z.B. Kinder, die nicht dem Schülerideal der öffentlichen Schule entsprechen unter die Ägide staatlicher Instanzen zu stellen und aus ihrem Elternhaus zu entfernen und – vor allem – mit welchen rechtlichen Grundsätzen sie legitimiert werden.

Die oben angesprochene Statistik des Statistischen Bundesamtes hilft schon ein wenig weiter. Die 107.000 Einschätzungen der Gefährdung des Kindeswohls sind eigentlich 106 623. In 16.875 Fällen kamen die Einschätzer vom Jugendamt zu dem Ergebnis, dass eine aktue Gefährdung des Kindeswohls vorliegt, in 21.408 Fällen haben sie eine latente Gefährdung ausgemacht. Der Unterschied zwischen beiden besteht, soweit sich feststellen lässt, darin, dass im ersten Fall, das vermeintlich gefährdete Kind aus der Familie entfernt wird, während im zweiten Fall die gesamte Familie unter die Aufsicht des Jugendamtes gestellt wird. Für einen Sozialforscher ist zunächst jedoch interessant, dass die Einschätzer der Kindeswohlgefährdungen in 68.340 oder 64,1% der Fälle, die ihnen bekannt werden, eine Familie heimsuchen, bei der sich keine Kindeswohlgefährdung feststellen lässt. Eine Fehlerquote von 64% ist normalerweise Anlass, das Prozedere zu hinterfragen. Im vorliegenden Fall sollte es daher Anlass sein, die Frage zu untersuchen, welche “Verdachtsmomente” Jugendamtsmitarbeitern zur Intervention in Familien ausreichen, denn ganz offensichtlich sind die entsprechenden “Verdachtsmomente” zu vage, um die großflächige Intervention, über die das Bundesamt Statistik führt, zu legitimieren.

Davon abgesehen stellt sich die Frage, was man unter “Kindeswohl” und einer Gefährdung des Kindeswohls zu verstehen hat. Wie immer, wenn es um Kinder, Jugendhilfe oder irgend etwas geht, was mit Sozialer Arbeit, Pädagogik oder Sozialpädagogik zu tun hat, trifft man zunächst auf eine erstaunliche Leere. Eine konkrete Definition dessen, was man als akute Kindeswohlgefährdung anzusehen hat, ist nicht auffindbar. Eine Broschüre des BMFSFJ, die in Kapitel 7 verspricht anzugeben, wie sich Kindeswohlgefährdung erkennen lasse, zeigt eine Vielfalt körperlicher Verletzungen, also Belege für eben keine Gefährdung, sondern für eine erfolgte Schädigung. Wie so oft, betreiben öffentliche Institutionen eine Vermengung von tatsächlichen Ereignissen und möglichen Ereignissen. Wie so oft, steht dahinter eine Agenda von Herrschaft und Kontrolle.

DJI HandbuchLetzteres wird deutlich, wenn man die Publikation des Deutschen Jugendinstituts mit dem Titel “Handbuch Kindeswohlgefährdung” zu Rate zieht und den darin von Heike Schmidt und Thomas Meysen verfassten Beitrag mit dem Titel “Was ist unter Kindeswohlgefährdung zu vestehen?” liest. Das erste Indiz dafür, dass hier Herrschaft und Kontrolle unter dem Deckmantel des Kinderschutzes ausgeübt werden soll, findet sich darin, dass das Verständnis von Kindeswohlgefährdung nicht an konkreten Tätigkeiten, die das Kindeswohl gefährden, gebunden ist, sondern an juristische Sprachspiele.

So stellen Schmidt und Meysen zunächst fest, dass es drei Kriterien sind, die eine Kindeswohlgefährdung bestimmen:

  • eine gegenwärtig vorhandene Gefahr,
  • die Erheblichkeit der Schädigung und
  • die Sicherheit der Vorhersage.

Bereits in dieser Auflistung ist deutlich, dass es nicht um aktuelles Kindeswohl oder den Schutz von Kindern gehen kann. Man lasse sich nicht täuschen, von der “Erheblichkeit der Schädigung”, denn damit ist kein Zustand gemeint, der eingetreten ist, sondern einer, der eintreten könnte, wie sich zeigt, da die Sicherheit der Vorhersage der Gefährdung eine Rolle spielen soll.

Gefährdung des Kindeswohls ist eine subjektive Variable, die von Beobachtern, die nicht Familie und nicht das betroffene Kind sind, objektiviert werden soll, in diesem Fall vom Jugendamt. Entsprechend ist die Einschätzung einer “gegenwärtig vorhandenen Gefahr” der Dreh- und Angelpunkt der Kindeswohlgefährdung. Eine gegenwärtig vorhandene Gefahr kann ein Jugendamtsmitarbeiter bereits orten, wenn elterliches Tun oder Unterlassen aus seiner Sicht inadäquat ist, konkrete Lebensumstände nicht der Norm entsprechen bzw. die Entwicklung des Kindes von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Wie sehr diese drei Kriterien der Willkür oder der Tageslaune von Jugendamt und Familienrichter ausgeliefert sind, zeigt sich an den folgenden beiden Zitaten aus dem Beitrag von Schmid und Meysen:

“In der Praxis wird es in vielen Fällen jedoch darauf ankommen, Lebensumstände bzw. Tun oder Unterlassen der Eltern mit den Bedürfnissen des Kindes in Beziehung zu setzen … Da die Bedürfnisbefriedigung des Kindes … maßgeblich ist, muss ein solches elterliches Tun oder Unterlassen gegenüber dem Familiengericht in der Regel nicht mit dem gleichen, sehr hohen Beweisstandard nachgewiesen werden.” (2-5)

Die Kindesbedürfnisse werden in diesem Fall selbstverständlich von den Mitarbeitern des Jugendamts definiert, die sich zum Anwalt der Kinder machen, um deren Bedürfnisse nicht nur zu definieren, sondern auch gegen die Eltern der Kinder zu vertreten. Die jugendamtliche Phantasie darüber, in welchem Maße die vom Jugendamtsmitarbeiter für wichtig befundenen und den Kindern zugeschriebenen Bedürfnisse von den Eltern nicht erfüllt werden, reicht dann aus, um vor Gericht eine Inobhutnahme zu erwirken, denn nichts anderes sagen die “nicht gleichen … Beweisstandards” aus.

“Ein Verzicht auf eine konkret benennbare gefährdungsursächliche Einzelhandlung ist dann möglich, wenn bei der Suche nach der Ursache für die Gefahr im Rahmen der Fallkategorie des “unverschuldeten Versagens” argumentiert werden kann, dass die betroffenen Sorgeberechtigten aufgrund persönlicher, familiärer oder im Kind bzw. in der wechselseitigen Beziehung begründeter Umstände in einem derartigen Ausmaß in ihrer Entwicklungsfähigkeit eingeschränkt sind, dass das Auftreten einer Gefährdung mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann”.

Jugendamt nein dankeWenn also ein Jugendamtsmitarbeiter der Ansicht ist, ein Sorgeberechtigter sei überfordert mit der Erziehung seines Kindes, aus persönlichen, familiären Gründen oder weil die Beziehung zu seinem Kind belastet ist, wodurch auch immer, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, dann kann er aus seiner unbegründeten Meiunung eine Prognose für die Zukunft ableiten und eben einmal annehmen, dass das “Auftreten einer Gefährdung mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann”. Angesichts der prognostischen Fähigkeiten, die Mitarbeitern in Jugendämtern hier eben einmal zugeschrieben werden, fragt man sich, warum die Mitarbeiter es nötig haben, Mitarbeiter des Jugendamts zu sein, denn da sie offensichtlich in die Zukunft blicken können und damit das können, was trotz elaborierter statistischer Verfahren Sozialforschern nur mit Wahrscheinlichkeit möglich ist, sollten Sie Lotto spielen und den Hauptgewinn nutzen, um sich lebenslang nach Mallorca abzusetzen.

achtung_jugendamtWieder einmal steht am Ende einer Analyse, die nach der Basis erheblicher Eingriffe gesucht hat, die z.B. das Aufbrechen einer Haustür und der damit einhergehende Übergriff auf die Unverletztlichkeit der Wohnung, sowie die Verfrachtung eines Kindes in die Kinderpsychiatrie darstellt, die Feststellung, dass die entsprechenden Eingriffe auf Willkür und Mutmaßung basieren. Abermals muss festgestellt werden, dass Unsicherheit, die daraus entsteht, der Willkür und Mutmaßung öffentlicher Institutionen und ihrer Bediensteter ausgesetzt zu sein, das ist, was faschistische Systeme auszeichnet. Abermals muss festgestellt werden, dass Kinder zum Staatsgut geworden sind und Eltern ihre Erziehungsrechte solange ausüben dürfen, so lange sie nicht den Argwohn der Schergen ihres Staates erregen. Und um es noch einmal zu sagen: Wer in Kenntnis dieser Umstände Kinder in die Welt setzt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Die DDDrisierung der Sprache – Bundespräsident macht “asozial” wieder salonfähig

Sprache kann als Mittel zu Herrschaft und Kontrolle eingesetzt werden. Die Ausübung von Herrschaft und Kontrolle durch Sprache erfolgt durch Ausgrenzung.

Es gab einmal eine Zeit, da waren Soziologen nicht damit bemüht, gesellschaftliche Zustände zu rechtfertigen oder damit, aus ihren Bildungsfestungen den ideologischen Kauderwelsch nachzubeten, der aus Parteizentralen vorgegeben wird. Nein, es gab einmal eine Zeit, da war die deutsche Soziologie (sogar die deutsche SteinertPolitikwissenschaft) von einigen kritischen Geistern besiedelt, von Sozialwissenschaftlern, die auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam gemacht haben, von Sozialforschern, die nicht über etwas geredet haben, sondern vor Ort Forschung betrieben haben, damit sie wissen, wovon sie reden. Und zu dieser Zeit gab es auch Soziologen, die vor der Schaffung von “Abstraktionen im Begriffshimmel, die plötzlich zu sozialen Entitäten werden” gewarnt haben (Falk & Steinert, 1973, S.20).

Abstraktionen am Begriffshimmel sind etwas, was es in der Welt (noch) nicht gibt. Kollektiv, Gemeinschaft, Solidarität, Toleranz, Öffentlichkeit, Kriminalität, all diese Abstrakta bezeichnen etwas, was es in der erfahrbaren Welt nicht gibt: Man kann Gemeinschaft so wenig greifen, wie man Solidarität essen kann (nicht einmal erfahren kann man Solidarität, höchstens, dass einem Hans Maier einen Kaffee spendiert, weil einem kalt ist), und Kriminalität existiert so wenig von sich aus, ist so wenig als konkrete Kriminalität zu fassen, wie Tolerenz. Alle Worte sind Hülsen, denen man einen Inhalt zuschreiben muss. Und diese Leere macht die entsprechenden Abstraktionen am Begriffshimmel so nützlich für Herrschaft und Kontrolle, nämlich dann, wenn sie zur sozialen Entität stilisiert werden können.

Und so geht’s:

Man setze z.B. den Begriff “Gemeinschaft” in die Welt und schreibe dem Begriff eine Gruppe zu, z.B. alle Deutschen oder Arbeiter und Bauern. Man füge dem Begriff ein paar affektive Konnotationen bei, rühre die Werbetrommel für “Gemeinschaft ist gut”, “Menschen können ohne Gemeinschaft nicht überleben” und wiederhole die entsprechenden Meldungen in Medien und Schulen so lange, bis sie von einer Mehrheit geglaubt werden. Selbst wenn die Angehörigen dieser Mehrheit in ihrem Leben noch nie “die Gemeinschaft” getroffen haben, so wissen sie  doch nun sicher, dass die “Gemeinschaft” scheinbar gibt, sie gut und (lebens-)notwendig ist. Wenn “Gemeinschaft” gut und (lebens-)notwendig ist, dann eignet sich Gemeinschaft, um diese “Gutheit” und “(Lebens-)Notwendigkeit” auf andere Begriffe zu übertragen: Solidarische Gemeinschaft, Sozial-Gemeinschaft, Schutz-Gemeinschaft, Glaubens-Gemeinschaft, Schicksals-Gemeinschaft. Ein Nebeneffekt der so geleisteten Übertragung besteht darin, dass man nunmehr ausgrenzen kann, nach Lust und Laune: Wer nicht solidarisch ist (was auch immer unter solidarisch verstanden werden soll), ist nicht Teil der Gemeinschaft, wer nicht gläubig  ist, ist nicht Teil der Gemeinschaft, und wer sich nicht schützen lassen oder das Schicksal nicht teilen will, wer asozial ist, ist nicht Teil der Gemeinschaft.

Wesley YoungÜber dieses einfache Sprachvehikel hat man schnell eine effiziente Möglichkeit bei der Hand, um Machtinteressen durchzusetzen und abweichendes Verhalten zu stigmatisieren. Solidarität erfordert, dass man einen Solidaritätsbeitrag für den Anschluss die DDR bezahlt. Wirkung: Rechtfertigung neuer Steuereinnahmen und Ausgrenzung all derjenigen, die den Anschluss der DDR nicht gut fanden. Damit ein Gemeinwesen seine sozialen Verpflichtungen erfüllen kann, so eine weitere Finte, müsse es Steuern erheben. Da niemand weiß, was die sozialen Verpflichtungen sein sollen, die sozialen Verpflichtungen der Gemeinschaft der Deutschen derzeit vom Kindergeld über den Rentenbeitrag bis zur Finanzierung von Parteistiftungen und Rettung des Euro reichen, “sozial”, aber gut ist, etwas mit Gemeinschaft zu tun hat und entsprechend alle in der Gemeinschaft sozial sind, weil es gut ist, kann man mit dem Verweis auf soziale Verpflichtungen Steuern erfinden, Steuerhöhen nach Belieben festsetzen. Eine unterschiedliche Höhe von Steuern lässt sich über soziale Gerechtigkeit (eine weitere Entität, von der niemand weiß, was sie eigentlich bezeichnet, aber soziale Gerechtigkeit ist natürlich gut) legitimieren. Und wo wir gerade dabei sind, kann man die Entität “Gemeinschaft” nicht nur existent werden lassen, man kann ihr nicht nur Attribute zuweisen, die sie moralisch gegenüber anderen Entitäten qualifizieren, man kann sie zur Ausgrenzung nutzen, um zu bestimmen, wer “In” und wer “Out” ist, eine der effizientesten Formen von Kontrolle überhaupt und, das man kann die nunmehr soziale Entität gewordene begriffliche Abstraktion dazu nutzen, um für sie Finanzierungs Ansprüche zu erfinden. Denn: eine Gemeinschaft, die ja gut ist, muss Mittel zur Verfügung haben, um ihre guten Taten zu verwirklichen (also z.B. politische Stiftungen zu finanzieren) und sie muss diese Mittel von den Gemeinschaftsmitglieder einsammeln, die sie freiwillig zahlen, weil sie ja auch “gut” sein wollen, und wenn sie nicht zahlen, dann ist die Konsequenz klar: sie reicht von unsolidarisch bis zu – neuerdings: asozial.

Asozial ist ein sehr geschichtsträchtiger Begriff. Bereits im Dritten Reich wurden “Asoziale” als Personen erfunden, die sich durch “gemeinschaftswidriges Verhalten” hervortun. Nach dem Dritten Reich war der Begriff “asozial” in der Bundesrepublik lange Zeit ein Tabu. Selbst Kriminologen haben den Begriff aus ihrem Repertoire gestrichen. Und jetzt, ausgerechnet in einer Zeit der politischen Korrektheit, in der man seine Worte auf eine Geschlechterwaage legen muss und die unterschiedlichsten Konsequenzen ihrer Verwendung, die z.B. ein Kind in Wanne-Eickel erschrecken könnten, bei seiner Begriffswahl bedenken muss, jetzt ist er wieder da, der Begriff der Asozialität, und zwar als Adjektiv und kein geringerer als der Bundespräsident macht ihn wieder salonfähig:

“Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial.”, so hat der Bundespräsident in einem Interview mit dem Stern gesagt.

Diese Aussage trägt alle Insignien, die oben bereits zusammengestellt wurden. Steuerhinterziehung ist asozial, demnach ist ein Steuerhinterzieher ein Asozialer und entsprechend kann er nicht Teil der Gemeinschaft sein. Wenn er asozial (also böse ) ist, schadet er dem “Sozialen”, das die Gemeinschaft darstellt (wer oder was auch immer die Gemeinschaft sein mag). Der asoziale Akt der Steuerhinterziehung ist darüber hinaus ein Akt des Vorenthaltens, was voraussetzt, dass etwas einem Dritten zusteht. Dieser Dritte ist im vorliegenden Fall die Gemeinschaft und so fügt es sich, dass eine soziale Entität gewordene begriffliche Abstraktion, von deren Existenz Jahrtausende lang niemand wusste, nicht nur aus dem Nichts entstanden ist, nein, sie hat auch Ansprüche auf individuelles Eigentum. Wer sich diesen Ansprüchen nicht beugt, ist asozial und wird aus “der Gemeinschaft” ausgegrenzt, was  den selbstverstärkenden Effekt hat, dass die in der Gemeinschaft Verbleibenden, also diejenigen, die sich einbilden, sie würden zu etwas gehören, was es nicht gibt, sich gut fühlen können. Ihr Zusammenhalt als nicht Steuerhinterzieher wird gestärkt, Kontrolle von und Herrschaft über die Gemeinschaft sichergestellt.

Die Kollektivideologie, die mit der “Gemeinschaft” verehrt wird, ist eine alte Bekannte. Sie wurde über die letzten Jahrhunderte immer wieder verehrt, und Millionen von Opfern pflastern ihren Weg, Opfer, die zur SED giftige Wortejeweiligen Zeit als “asoziale” als Personen, die sich durch “gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten” ausgezeichnet haben, wie es im Dritten Reich hieß (Weißgerber, 2010, S.66) bezeichnet wurden. Insofern ist die geschichtliche Kontinuität, in die sich Bundespräsident Gauck durch seine Wortwahl stellt, einerseits bemerkenswert, andererseits nicht weiter verwunderlich, denn auch die DDR, der zeitlich letzte Versuch, Faschismus in Deutschland zu leben, hat sich durch einen regen Gebrauch des Begriffs “asozial” ausgezeichnet:

“Asozialität; eine gesellschaftliche Verhaltensweise einschließlich der ihr zugrunde liegenden asozialen Einstellungen, durch die sich einzelne Personen oder Personengruppen (Asoziale) zeitweilig oder ständig in einem extremen Gegensatz zu Teilbereichen oder zum Gesamtgefüge der moralischen und rechtlichen Normen des sozialen Lebens in der sozialistischen Gesellschaft stellen … Asozialität ist eine dem Sozialismus wesensfremde Erscheinung. Sie wird verursacht sowohl durch noch im Innern der DDR existierende Rudimente der kapitalistischen Gesellschaft als auch aktuelle Einflüsse aus dem imperialistischen Herrschaftssystem” (Wörterbuch der Staatssicherheit 1985 zitiert nach Weißgerber, 2010, S.67-68).

Es ist schon erstaunlich, welche Kontinuitäten, Assoziationen und Begrifflichkeiten Bundespräsident Gauck herzustellen oder zu benutzen können glaubt. Wenn es darum geht, Herrschaft und Kontrolle auszuüben, ist offensichtlich jedes (hier: sprachliche) Mittel recht. Das Erschreckende daran, dass “asozial” wieder salonfähig wird, um Personengruppen damit zu belegen, die vom Mainstream abweichen, ist die Willkür, mit der die Abweichler bestimmt werden und immer wurden. Asoziale in der DDR waren Arbeitsscheue oder solche die sozialistisches Eigentum (als könnte es so etwas geben) gestohlen haben. Asoziale im Dritten Reich waren alle, die außerhalb des Idealtypus der arischen Rassenlehre standen, vom Vagabunden bis zum Zigeuner, vom Trunksüchtigen bis zum Bettler. Die Struktur der Eigenschaften, die die Stigmatisierung zum Asozialen nach sich ziehen, ist in allen faschistischen Systemen stets die gleiche gewesen: Personen, die nicht in die Schablone des “guten Bürgers” gepasst haben, wie ihn die herrschende Ideologie vorgegeben hat. Die derzeitige Schablone Orwellmacht Menschen zu Asozialen, die dem gierigen System nicht Teile ihres Eigentums übergeben wollen. Welche Eigenschaft von Bürgern als nächstes zur Asozialität qualifiziert, ist derzeit noch offen.

Man kann jedoch Vermutungen anstellen: Es wird eine Eigenschaft sein, die mit finanziellen Ressourcen verbunden ist, denn das derzeitige Herrschaftssystem und seine Günstlinge gieren nach immer neuen  finanziellen Mitteln. Oder es wird eine Eigenschaft sein, die mit Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit verbunden ist, denn dem derzeitigen Herrschaftssystem und seinen Günstlingen werden Menschen gefährlich, die nicht in Abhängigkeit von finanziellen Geschenken des Systems leben wollen. Oder es wird eine Eigenschaft sein, die mit der Übernahme von Veranwortung und dem Beziehen von Positionen, die vom Mainstream abweichen, verbunden ist, denn freie Meinungsäußerung kann dazu genutzt werden, Alternativen aufzuzeigen und das System zu kritisieren, und wer außer Asozialen würde das “gute Gemeinwesen” kritisieren wollen?

Literatur:

Falk, Günter & Steinert, Heinz (1973). Über den Soziologen als Konstrukteur sozialer Wirklichkeit, das Wesen der sozialen Realität, die Definition sozialer Situationen und die Strategien ihrer Bewältigung. In: Steinert, Heinz (Hrsg.). Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Weißgerber, Ulrich (2010). Giftige Worte der SED-Diktatur. Sprache als Instrument von Machtausübung und Ausgrenzung in der SBZ und der DDR. Berlin: LIT.

Die Grenzen des Paternalismus

Viele westliche Regierungen und allen voran die deutsche Regierung haben es in ihren Bemühungen, ihr Paradies auf Erden herbeizuregulieren und ihren Bürgern die Last eigener Entscheidungen weitgehend abzunehmen, recht weit gebracht: Raucher werden kontinuierlich, über Steuern und Warnhinweise auf die Schädlichkeit ihres Tuns aufmerksam gemacht, Atomkraftwerkebetreiber gelten nach Bankern als die größten Volksschädlinge, Männer, deren Lebenserwartung um rund fünf Jahre hinter der von Frauen zurückbleibt, werden zum Sport treiben animiert, denn der Mangel an Bewegung bedingt die kürzere Lebenserwartung. Glühbirnen, Bananen, Benzin, Fettsäuren, einfach alles, was von den unmündigen Bürgern in der falschen Weise gebraucht oder verbraucht wird, wird zu deren Wohl und damit sie sich um die richtige Nutzung keine Sorgen machen müssen, aus dem Verkehr gezogen, besteuert, standardisiert oder einfach verboten. Im so begrenzten Angebot müssen sich “die Bürger” dann keine Sorgen mehr über die richtige Wahl machen, denn das, was es zu wählen gibt, ist von “wohlmeinenden” Staatslenkern vorsortiert.

Der staatliche Großversuch “Paradies durch Regulierung” erfährt Unterstützung nicht nur von denen, die seit je her den Hauptzweck ihres Daseins darin gesehen haben, Pläne für andere aufzustellen und anderen dabei zu helfen, ihr vermeintlich falsches Bewusstsein zu überwinden, auch Autoren, die sich für liberal erklären, entdecken den Paternalismus und neuerdings gibt es den Paternatlismus auch in seiner “bourgeoisen” Variante. Egal, von welchem ideologischen Aussichtspunkt Paternalismus betrieben wird, immer zielt er darauf, individuelle Wahlfreiheit zu begrenzen und immer verspricht er den so Bevormundeten das bessere Leben. Dieses Versprechen setzt voraus, dass die Versprecher sich im Besitz der Formel zum Lebensglück, zum besseren Leben wähnen (nicht befinden), und es setzt voraus, dass sie bestimmen können, was der Sinn des Lebens nicht nur für sie selbst, sondern vor allem für andere ist. Und gerade an diesem Punkt zeigt das Projekt “Paternalismus” doch erstaunliche Lücken, gerade wenn es darum geht, die Gefahren für das Leben bzw. die als richtig angesehene Länge des Lebens zu beseitigen, sind Rezepte und Zielgruppen der Lebenslängeverbesserungs-Projekte, wie man in der Statistik sagt, doch sehr verzerrt.

So zum Beispiel beim Thema Krebs und Herzkreislauferkrankungen. Haupttäter in der Herbeiführung von Ersterem ist angeblich  Rauchen, Raucher entsprechend geächtet, als Hauptursache für Letzteres gilt gemeinhin Bewegungsmangel, Jogging- oder Quer-Feldein-Radfahr-Verweigerer sind entsprechend bedenklich. Die Mission für ein gesünderes Leben, die Regierung, Krankenkassen und Verbände aller Art in trauter Eintracht gegen Raucher und Bewegungsmuffel vorgehen lässt, lenkt indes den Blick von einem weiteren Spielfeld für den Paternalismus ab: dem Fleischkonsum.

Eine nagelneue Studie eines Forscherteams von der Harvard School of Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Schweinefleisch, Rinderfleisch, Kalbfleisch oder Lammfleisch in behandelter oder nicht behandelter Form das Risiko an Krebs oder an einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zu sterben, erheblich erhöht: “…we found that a higher intake of red meat was associated with a significantly elevated risk of total CVD [cardio-vascular disease] and cancer mortality, and this association was observed for unprocessed and processed food” (An, 2012). In aller Kürze: Wer viel Schweine-, Rinder, Kalb- oder Lammfleisch isst, ist auf gutem Weg sein Leben nicht nur vorzeitig, sondern durch entweder Krebs oder eine Herzkreislauferkrankung zu beenden.

Die Studie aus Harvard ist insofern ein Schwergewicht unter der mittlerweile großen Zahl von Studien zu den Ursachen von Tod durch Krebs- und Herzkreislauf-Erkrankungen, als:

  • die Studie auf einer Grundgesamtheit von 121.342 Männern und Frauen basiert,
  • für diese 121.342 Männer und Frauen Daten seit 1986 vorhanden sind und im Abstand von jeweils zwei Jahren Daten erhoben wurden;
  • der Zeitraum, für den die Untersuchung Daten zur Verfügung hat, somit von 1986 bis 2006 reicht,
  • in diesem Zeitraum 23.926 Befragungsteilnehmer verstarben, 5.910 an einer Herzkreislauf-Erkrankung und 9.464 an Krebs,
  • aus den Ergebnissen die Effekte, die z.B. von Rauchen, Trinken oder Übergewicht auf die Sterbewahrscheinlichkeit ausgehen, herausgerechnet wurden,
  • die Ergebnisse aus einer durchdachten und sehr genauen statistischen Analyse resultieren.

Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der Studie können nicht von der Hand gewiesen werden. Und im Wesenlichen besagen die Ergebnisse, dass die Esser von Schweine-, Rind-, Kalb- oder Lammfleisch ein um 16% höheres Risiko als Nicht-Esser der genannten Fleischsorten haben, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu versterben und ein um 10% höheres Risiko an Krebs zu sterben. Wer die genannten Fleischsorten in verarbeiteter Form zu sich nimmt, der hat ein um 21% höheres Risiko an einer Herzkreislauf-Erkrankung zu sterben und ein um 16% höheres Risiko wegen Krebs das Dieseits zu verlassen als jemand der keine dieser Fleischsorten isst (An, 2012).

Damit haben sich Schweine-, Rind-, Kalb- und Lammfleisch in die Reihe der “Killer”, der Lebensverkürzer eingereiht. Sie stehen mit Rauchen und dem Konsum von Alkohol in einer Reihe und bereiten Paternalisten aller Provenienz Kopfzerbrechen. Was tun? Packungsaufdrucke der Art: “Schweinefleisch tötet” oder “Der Verzehr von Rindfleisch erhöht ihr Risiko, an Krebs zu sterben”? Steuern auf Schweine, Rind-, Kalb- und Lammfleisch, um die unmündigen Konsumenten vom Kauf dieser von der Fleischindustrie in böser Absicht angebotenen Todesursachen abzuhalten? Ein Verzehrverbot für alle genannten Fleischsorten? Man kann die paternalistischen Köpfe bereits rauchen sehen, rauchen im metaphorischen Sinne natürlich – oder auch nicht? Denn immer dann, wenn die Resultate paternalistischer Eingriffe in die Wahlfreiheit von Konsumenten zu nahe an den Lebensstil der Regulationen erlassenden Mittelschicht gelangen, ist es merkwürdig still, wenn es zur Regulation kommt. Wie viel einfacher ist es, dem Arbeiter seinen Korn, dem Dicken aus der Unterschicht seine fetten Pommes oder dem Maurer am Bau seine Zigarette zu besteuern oder madig zu machen als dem gesitteten Besucher des Italieners an der Ecke seinen Grappa oder Valpolicella? Und wenn es an das Sirloin oder Filet-Steak geht, dann ist Schluss mit Paternalismus – wetten?

Salmonella

Aber nein, so ganz können Paternalisten das paternalistisch sein nicht lassen. So hat unlängst das Robert-Koch-Institut vor dem Verzehr von rohem Fleisch gewarnt. Beim Bundesamt für Risikoforschung hat diese Warnung Niederschlag unter der Überschrift “Hackepeter und rohes Mett sind nichts für kleine Kinder!” gefunden. Die Überschrift wird gefolgt von einer höchst unappetitlichen Beschreibung der Inhaltsstoffe rohen Fleisches (Campylobacter, Salmonella Enteritidis, Yersina enterocolitica usw.), gefolgt von einer nicht weniger ekeligen Beschreibung der Folgen, die der Verzehr der genannten Inhaltsstoffe nach sich zieht. Aber: Entwarnung ist angesagt, Salmonellen sind offensichtlich in der Lage, nach Alter zu diskriminieren und so schadet Hackepeter nicht dem gemeinen Menschen, sondern nur kleinen Kindern (und Schwangeren versteht sich). Das mag den Erwachsenen ein Trost sein, die mit den einschlägigen Folgen einer “milderen” Salmonellenvergiftung konfrontiert sind, die sich in allen Richtungen des Verdauungsweges Bahn brechen. Meldungen wie diese lassen vermuten, dass es noch ein weiter Weg ist, bis sich die paternalistischen Schutzmaßnahmen auch auf den Konsum von Fleisch erstrecken – immer vorausgesetzt, es werden keine Kinder oder gar Schwangere durch den Verzehr von Fleisch nachweislich und in großer Zahl geschädigt. Und so zeigt sich der Paternalismus als das, was er ist, en Herrschaftsinstrument, mit dem vermeintlich wohlmeinende Gutmenschen einen Herrschaftsanspruch begründen wollen, mit dem sie den Lebensstil anderer kontrollieren und beschränken, und das die nette Nebenwirkung mit sich bringt, den eigenen Lebensstil für sakrosankt zu erklären.

Literatur
An, Pan, Qi, Sun, Bernstein, M. Adam, Schulze, Matthias B., Manson, JoAnn E., Stampfer, Meir J., Willett, Walter C. & Hu, Frank B. (2012). Red Meat Consumption and Mortality. Archive of Internal Medicine; Online First.