Charismatische Führer

Charismatische Führer, also die Führer, deren Augen z.B. Albert Speer verhext haben, die Führer, denen die Massen zu Füßen liegen und lagen, Führer, die weniger durch das, was sie sagen, sondern durch die Art, wie sie es sagen, begeistern, Führer, eben die durch Zuschreibung ihrer Jünger in eine Gänsehaut generierende Wolke gepackt werden, sie haben nicht nur ihre Anhänger begeistert, sondern auch Wissenschaftler interessiert.

Einer der ersten, der versucht hat, die charismatische Führung und den entsprechenden Führer konzeptionell zu fassen, war Max Weber. Getan hat er dies unter dem Stichwort der Herrschaft, denn charismatische Führer üben Herrschaft über ihre willigen Anbeter aus, eben weil ihnen Charisma zu geschrieben wird.

Weber Wissenschaftslehre” C h a r i s m a t i s c h e H e r r s c h a f t, kraft affektiver Hingabe an die Person des Herrn und ihre Gnadengaben (Charisma), insbesondere: magische Fähigkeiten, Offenbarungen oder Heldentum, Macht des Geistes und der Rede. Das ewig Neue, Außerwerktägliche, Niedagewesene und die emotionale Hingenommenheit dadurch sind hier Quellen persönlicher Hingebung. Reinste Typen sind die Herrschaft des Propheten, des Kriegshelden, des großen Demagogen. Der Herrschaftsverband ist die Vergemeinschaftung in der Gemeinde oder Gefolgschaft. Der Typus des Befehlenden ist der F ü h r e r. Der Typus des Gehorchenden ist der J ü n g e r.” (Weber, 1988: 481-482).

Charisma basiert für Max Weber auf affektiver Hingabe an die Person des Charismatischen, der wiederum das Charisma auch verdienen muss, aufgrund einer eigenen Leistung, aufgrund von Witz, Kriegskunst oder sonstiger Fähigkeiten (magische Fähigkeiten sind heute eher out, Offenbarung als Grundlage von Charisma nicht, wie man an der Begeisterung, die – wer auch immer gerade Papst ist – auslösen kann, sieht.).

Dass wir zur Zeit nicht im Zeitalter der charismatischen (weltlichen) Führer leben, kann man wohl gefahrlos feststellen. Der Friedensnobelheld Obama, der vom Lieblingskind der Linken, zum Antichrist und Fetisch eines neuen Antiamerikanismus geworden ist, kann hier ebenso als Beispiel dienen, wie der Toughman aus Russland, der bestenfalls die Gilde der Schwimmer begeistern kann, die auch bei minus einem Grad noch in der Nordsee schwimmen.

Kurz: Es besteht ein akuter Mangel an charismatischen Führern. An ihre Stelle sind bürokratische Verwalter getreten, die Utopie und Leistung, die das Charisma eines Führers begründet haben, durch Verwaltung, Sachzwänge und formale Bildungsabschlüsse ersetzt haben.

Wir backen kleinere Brötchen, auch in der Forschung.

European CouncilNicht mehr die Erforschung von charismatischen Führern ist, mangels Forschungsgegenstand, für Wissenschaftler interessant, sondern die Frage, was Charisma überhaupt ausmacht. Entsprechend haben William van Hippel und Sean Murphy, beide an der University of Queensland in Australien beschäftigt, sich die Frage gestellt, was denn Charisma bzw. die Zuweisung von Charisma durch Dritte ausmacht.

Eine solche Fragestellung hat zur Konsequenz, dass man Charisma quasi verwässern und zur jedem zugänglichen Eigenschaft, die in mehr oder weniger hohem Ausmaß vorhanden ist, machen muss. Im Fall von van Hippel und Murphy hat das dazu geführt, dass sie die Freunde ihrer 417 Probanden gebeten haben, letztere im Hinblick auf ihr “Charisma” zu bewerten.

Die Bewertung des Charisma, so die Annahme von van Hippel und Murphy, sie hat etwas mit der Intelligenz und mit der geistigen Geschwindigkeit der so Bewerteten zu tun. Entsprechend haben sie die Intelligenz ihrer Probanden getestet und gemessen, wie schnell sie in der Lage waren, einfache Aufgaben des Allgemeinwissens zu lösen, Aufgaben wie: “Benennen Sie einen Edelstein”. 30 entsprechende Aufgaben wurden gestellt und die Zeit gemessen, die die Probanden benötigt haben, um die Fragen zu beantworten.

Und dann wurde geprüft, was das zugewiesene Charisma beeinflusst. Es war nicht so sehr die Intelligenz der Probanden, die einen Einfluss auf das ihnen zugewiesene Charisma hatte, als ihre geistige Geschwindigkeit. Charisma, so das Ergebnis, hat mehr mit vorlauter Schlagfertigkeit und rudimentärer Allgemeinbildung zu tun als mit Intelligenz als solcher und der Fähigkeit, schwierige Aufgaben zu lösen.

Wir backen, wie gesagt, kleine Brötchen heutzutage, in dieser Welt, in der manche auf der Suche nach Personen sind, denen sie ihre Führung anvertrauen können, und die damit verbundene “affektive Hingabe” an den Führer, sie beruht nicht auf dessen überwältigender Intelligenz, sondern auf seiner großen Klappe.

So könnte man die Ergebnisse von van Hippel und Murphy pointiert zusammenfassen und damit gleich erklären, warum Wissenschaftler (also Wissenschaftler nicht Ideologen, die auf Lehrstühlen posieren) selten bis gar nicht in Führungsämtern von Staaten zu finden sind. Sie sind vorhersehbar nicht schlagfertig genug, weil sie gewohnt sind, selbst einfache Frage genau zu durchdenken und zu intelligent, um eine große Klappe zu riskieren.

Wer die Ergebnisse von van Hippel und Murphy nachrechen will, die Daten stehen im Open Science Framework bereit.

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Die Soziologie des Vertrauensvorschusses: De Maiziere macht Terrortainment

Ein Vorschuss ist eine sofortige Leistung, die im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung gewährt wird.

Ein Vertrauensvorschuss ist entsprechend das Entgegenbringen von Vertrauen im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung.

Soviel vorab.

Gestern haben wir einen neuen Begriff geprägt: Terrortainment.

Terrortainment setzt sich aus Terrorismus und Entertainment zusammen und beschreibt die Darbietung terroristischer oder mit Terrorismus verbundener Inhalte im Unterhaltungsformat. Terrortainment kann in Form einer Sondersendung, eines Liveblogs, einer Pressekonferenz oder einem sonstigen Sendeformats dargeboten werden, wichtig ist, dass Terror als solcher nicht vorkommt. Terror, der Anlass für das Terrortainment, ist das Imaginierte, das Vorgestellte, die Rauchwolke am Himmel des eingebildeten Bombardements.

Denn: Terrortainment ist keine Reality Show. Terrortainment arbeitet mit der Einbildung, der Vorstellungskraft derer, die sich dem Terrortainment aussetzen. Deshalb wird im Terrortainment nichts Konkretes gesagt. Es wird vielmehr mit Angst und der Erzeugung von Unsicherheit gearbeitet. Denn: Nichts steigert die Angst vor dem unfassbaren Grauen, nichts macht Menschen gefügiger als das Wissen, um die Unsicherheit der eigenen Existenz, deren Abhängigkeit von der Willkür Dritter.

VertrauensvorschussTerrortainment macht sich diese Angst zunutze, etwa in der Weise, wie dies Thomas De Maiziere, der derzeit den Innenminister gibt, gestern in einer Pressekonferenz getan hat:

“Wenn er berichten würde, welcher Art die Hinweise auf den bevorstehenden Terrorakt gewesen und von wem diese Hinweise gekommen seien, würde er die ‘Sicherheit des Landes’ gefährden. Teile der Antwort, so de Maizière weiter, würden ‘die Bevölkerung verunsichern’, andere Teile die künftige Arbeit der Sicherheitsbehörden erschweren.

Den Inhalt dieser Warnungen, den Grund also, der zur Absage des Fußballspiels geführt hatte, den nannten weder de Maizière noch Pistorius. Stattdessen bat de Maizière die Öffentlichkeit ‘um einen Vertrauensvorschuss’ in dieser ‘ernsten Lage’.

Hier sind alle Elemente des Terrortainments vorhanden. Die unfassbare, ja unaussprechliche Gefahr, die große Gefährdung als ernste Lage, die aus der unfassbaren und unaussprechlichen Gefahr resultiert, eine so große Gefahr, dass sie, wäre sie konkret bekannt, die Bevölkerung verunsichern würde. Ganz im Gegensatz zu De Maiziere, der es gewohnt ist, mit Gefahren zu leben. Er trotzt IS und allen Terroristen, steht mannhaft seinen Rambo und trotz allen reporterischen Mühen zu seiner Weigerung, den konkreten Kern der Angst, die er verbreiten will, zu benennen.

Denn: Angst wirkt besser, wenn sie diffus bleibt. Daher die Meldung: Du musst Angst haben. Die Welt ist gefährlich. Alle lauern darauf, dich in die Luft zu sprengen. Wenn Du wüsstest, was ich weiß, Du würdest Amok laufen, wärst hysterisch und alles andere als ruhig. Nun, da Du weißt, dass es für Dich Grund gibt, verunsichert, hysterisch und voller Angst zu sein, aber sonst nichts, nun bist Du so richtig verunsichert – oder? Gut so, denn Verunsicherung aufgrund einer Gefahr, die man nicht kennt und nicht einschätzen kann, lässt Dich Dich nach Hilfe umschauen und beim Umschauen, siehst Du ihn, den De Maiziere, den Rambo der deutschen Innenpolitik, dem auch sein konkretes Wissen um die konkrete Gefahr für andere nicht wanken lässt, der wacker das deutsche Volk vor allen Gefahren, der er und nur er kennt, schützt.

Zeit für einen Vertrauensvorschuss.

Wofür?

Für die Illusion der Gefahr, auf der die konkrete Angst baut, die der Illusionär dann schüren wird.

TerrortainmentTerrortainment spielt mit der Illusion von Realität. Man ist bei der Razzia im Vorort dabei und doch nicht. Der Reporter steht vor dem Ort der Kampfhandlung, berichtet mit Rauchwolken im Hintergrund. Die anschließenden Meldungen, Tote, Verletzte oder Fehlalarm, ihr Inhalt ist irrelevant, relevant ist der Nervenkitzel. Man war live dabei, die Gefahr ist real, die Angst ist berechtigt.

Und der Vertrauensvorschuss?

Nun: Ein Vertrauensvorschuss ist das Entgegenbringen von Vertrauen im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung. Wenn de Maiziere, um einen Vertrauensvorschuss bittet, dann tut er dies im Austausch für die Leistung: kein Anschlag.

Tatsächlich: Es ist nichts passiert gestern – oder? Kein Bombenanschlag, kein Selbstmordattentat, nicht einmal De Maiziere, der Geheimnisträger, war Gegenstand terrortischer Aktivitäten. Der Vorschuss an Vertrauen, er hat sich also gelohnt – oder ist das ein Fehlschluss?

Lassen wir die Frage, Frage sein und freuen uns am Terrortainment und an der Illusion, dass auch der zweite angeblich geplante und nur Eingeweihten bekannte terroristische Anschlag in Niedersachsen vereitelt wurde.

That’s Terrortainment.

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Ist Wissen Macht?

… so lautet der Titel eines Buches, das gerade bei Velbrück Wissenschaft erschienen ist. Auf 276 Seiten, zum Preis von 34,90 Euro, das macht rund 13 Cent pro Seite, präsentieren Nico Stehr und Marian Adolf alles, was man über Wissen, Macht, Wissen als Macht und Macht durch Wissen oder Wissen zur Macht oder was Wissen zur Macht macht wissen muss, oder so.

Aber urteilen Sie selbst:

Ist Wissen Macht“Die Allgegenwart des Begriffes verhindert nicht, dass Wissen doch ein weitgehend rätselhaftes Phänomen bleibt. Beladen mit philosophischer Schwere, zugleich gekennzeichnet von lästiger Flüchtigkeit, bekommen auch die Sozial- und Kulturwissenschaften Wissen nur schwer zu fassen. Als gesellschaftliche Größe wiederum wird Wissen stets hofiert, selten jedoch expliziert. Wir unterscheiden selten zwischem dem Wissen von und dem Wissen wie und überlassen Wissen der Wissenschaft und Technik. Was aber passiert, wenn man Wissen als soziales Geschehen begreift?

Wissen Sie, wir wissen ja nicht was Sie wissen, und vermutlich macht das nichts, denn Wissen ist ein rätselhaftes Phänomen, das mit einer lästigen Flüchtigkeit beladen ist, die dazu führt, dass man gestern noch wusste und heute schon nicht mehr, geschweige denn, das man heute weiß, was man morgen weiß oder je wissen wird, was man wissen könnte, wenn man es denn wissen wollte oder auch nur Wissen hätte.

Ja, die philosophische Schwere des Wissens, sie wiegt schwer auf denen, die wissen oder zu wissen glauben oder dem flüchtigen Wissen hinterherflüchten, immer auf der Flucht vor dem Nichtwissen, jenem Nichtwissen, das nicht nach dem Wissen von fragt oder dem Wissen wie oder dem Wissen um oder dem Wissen zu, nein, jenes Nichtwissen, das Wissenschaft und Technik walten lässt, obwohl zumindest die Sozial- und Kulturwissenschaften auch nicht wissen und voller lästiger Flüchtigkeit sind, die so flüchtig ist, dass man fast schon wieder das Wissen von und um und über diese Flüchtigkeit haben könnte, was wir aber ob der Lästigkeit, mit der das Wissen flüchtet, just in dem Moment, in dem wir die Seife des Wissens in der Badewanne der Erkenntnis greifen, aus dem Griff verlieren.

Wir wissen entsprechend mit Sokrates, dass wir nichts wissen, und weil wir nichts wissen, wissen wir zumindest das, dass wir nichts wissen, was ja auch ein Wissen ist.

Und weil wir zumindest dieses Wissen um das Nichtwissen haben, wissen wir – im Gegensatz zu Stehr und Adolf -, dass nicht Wissen von der Gesellschaft hofiert wird, sondern formale Bildung, Bildungstitel, die sich in Status oder Geld transferieren lassen. Dass viele formal Gebildete nichts wissen, dass nichts zu wissen kein Hinderungsgrund ist, um der Wissenschaft zugemutet zu werden, dass Nicht-Wissen somit nicht Nicht-Macht und Wissen entsprechend nur dann Macht ist, wenn es mit einer gesellschaftlichen Position verbunden ist, weshalb Position und Wissen nichts direkt miteinander zu tun haben, ist eine weitere, jener philosophisch schwer konklusiven Erkenntnisse, mit denen wir geschlagen sind, die wir wissen.

Ist also Wissen Macht?

Blick in die Runde.

Blick in den Bundestag.

Blick in die Medien.

Blick in den Fernseher …

Blick in den Fernseher…

Ja.

Wissen ist eindeutig Macht, die Macht, den Fernseher abzustellen, die Macht die Medien Medien sein zu lassen, die Macht, Bundestagsabgeordnete zu belächeln und sich ansonsten mit interessanteren Fragen zu beschäftigen oder intelligente Bücher zu lesen, in denen Autoren wissen, was sie wozu wie und warum sagen wollen, trotz aller lästiger Flüchtigkeit und intellektueller Schwere, die manches Wissen nun einmal mit sich bringt.

Die Inquisitoren vom Jugendamt

Es ist eine eher unscheinbare Pressemeldung die das Statistische Bundesamt vor einigen Tagen verbreitet hat: “2014: Jugendämter führten rund 124 000 Gefährdungseinschätzungen für Kinder durch“.

Rund 124 000 Mal ist ein Mitarbeiter des Jugendamtes also ausgezogen, um das Kindesheil zu bringen. Rund 124 000 Mal hat sich der nämliche Mitarbeiter darum gekümmert, ob es Hinweise auf “Kindeswohlgefährdung” gibt, und in 105 400 Fällen (85%) sind die Mitarbeiter des Jugendamtes ohne Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung zu finden, zurückgekehrt.

Das heißt jedoch nicht, dass die Familien, die in den Fokus der Kindeswohlwächter geraten sind, nun ihre Ruhe hätten. Weit gefehlt: Für 22.400 Familien hat die Prüfung eine “latente Kindeswohlgefährdung” ergeben. Eine latente Kindeswohlgefährdung ist keine Kindeswohlgefährdung, aber irgendwie denkt ein Mitarbeiter des Jugendamtes wohl, dass eine zukünftige Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Warum er dies denkt? Welche Kriterien er zu seiner Beurteilung heranzieht? Niemand weiß es, aber für die betroffene Familie heißt dies, dass sie nunmehr dauerhaft im Radar des Jugendamtes ist.

Für weitere 41.500 Familien bedeutet der Besuch der Kindeswohlgefahrensucher des Jugendamtes, dass sie zwar nicht als Kindeswohlgefährder eingestuft werden können, allerdings im Hinblick auf andere Standards hinter den Erwartungen, die der Jugendamtsmitarbeiter (bei dem es sich in der Regel um eine halbtags tätige Mitarbeiterin aus der Mittelschicht handelt) an eine ordentlich geführte Familie heranträgt, zurückbleibt. Auch diese Familien dürfen sich fortan, steter Überwachung durch die Schergen des Jugendamts erfreuen.

Leipziger Leifaden KinderschutzMan wird den Eindruck nicht los, dass Jugendämter in Teilen aus Personen bestehen, deren Daseinszweck darin besteht, anderen in ihr Leben hereinzureden und andere für minderwertiger als sich selbst zu erklären, ein Eindruck, der durch die Kritieren, die manche Kommunen in ihrem jeweiligen “Leitfaden zum Kinderschutz” veröffentlichen, bestätigt wird.

So macht der entsprechende Leitfaden der Stadt Leipzig eigentlich nur deutlich, wie vage die Bestimmung von Kindeswohlgefährdung ist und wie breit der Interpretationsspielraum ist, den Kindeswohlgefahrensucher aus der Mittelschicht an ihre Opfer herantragen.

So liegt z.B. körperliche Misshandlung dann vor, wenn “gewalttätiges Verhalten … Grundelement der Erziehung” ist. Wann die Häscher des Jugendamtes ein Erziehungsverhalten als “gewalttätig” einordnen, ab der Ohrfeige oder ab erhobener Stimme, ist unklar und obliegt offensichtlich der Interpretation durch den jeweiligen Kindeswohlgefahrensucher. Und dass er einen erheblichen Spielraum für seine Interpretation hat, macht die Definition einer “emotionalen Misshandlung” deutlich. Eine solche liegt vor, wenn:

“feindliche oder abweisende, ablehnende oder ignorierende Verhaltensweisen der Eltern gegenüber dem Kind (d.h. Ablehnung, Verängstigung, Terrorisierung, Isolierung, Beschimpfen, Verspotten, Ernidriegen, Bedrohen)” vorliegen.

Also besser kein Stubenarrest für Kinder, keine Drohung, dass dann, wenn das Kind noch einmal versucht, über die Straße zu laufen, obwohl die Ampel rot ist, mit Konsequenzen zu rechnen ist, kein Hinweis, dass das Kind, wenn es weiterhin die Öffentlichkeit mit seinem Geschrei terrorisiert nicht mehr mitgenommen wird … die Tante oder der Onkel vom Jugendamt könnten darin eine “emotionale Kindesmisshandlung” sehen.

Die Liste der Vagheiten, die es den Kindeswohlgefahrensuchern des Jugendamtes ermöglichen, Versuche, Kinder zu erziehen, im Keim zu ersticken, intakte Familien zu zerstören oder Gefahren an die Wand zu malen, die es verunmöglichen, dass eine normale Familie eine intakte Familie ist, sie könnte weiter geführt werden. Wer sich einen Eindruck von der Willkür, die im Bereich der Kindeswohlgefährdung herrscht, machen will, dem sei der oben zitierte Leitfaden der Stadt Leipzig empfohlen. Entsprechende Leitfäden finden sich mit Sicherheit in jeder Stadt oder Verbandsgemeinde.

Wir wollen an dieser Stelle zwei weitere Punkte hervorheben:

Wie gewöhnlich, wenn öffentliche Institutionen etwas tun, tun sie dies, mit dem erklärten Ziel “Gutes zu tun”, und das war es. Niemand prüft, ob die Interventionen durch das Jugendamt, das inquisitive Einbrechen in Familien durch Kindeswohlgefahrensucher nicht mehr Unheil anrichtet als es Nutzen bringt, niemand analysiert, ob dann, wenn die Gefahrensucher des Jugendamtes fündig geworden sind, das Herauslösen des Kindes aus seiner familiären Umgebung dem entsprechenden Kind einen Nutzen bringt, wie es sich entwickelt, wie seine Zukunft durch den Eingriff des Jugendamtes beeinflusst wird. Die entsprechenden Fragen sind offensichtlich ein Tabu, oder sie fallen der Herrschaft der Intention zum Opfer.

Die Herrschaft der Intention bedeutet für diejenigen, die reklamieren, sie wollten nur Gutes tun, dass sie keinerlei Gefahr laufen, überprüft zu werden. Ganz im Gegensatz zu denen, denen Gutes getan werden soll. Sie werden auf Herz und Nieren überprüft und nicht selten unter Dauerbeobachtung gestellt. Die Herrschaft der Intention führt vor allem im Bereich des in Deutschland mit emotionaler Hysterie umrankten Begriff des Kindes dazu, dass nahezu jede Form der Freiheitsberaubung, der Überwachung und Kontrolle durch die Guten genutzt werden kann, um die als böse Identifizierten zu traktieren.

Abermals drängt sich der Eindruck auf, dass Strukturen, wie sie im Falle des Jugendamtes und mit Blick auf die Kindeswohlgefährdung vorhanden sind, ungute Strukturen sind, die Übergriffe befördern und einen bestimmten Typus von Mensch anziehen, der gerne Gewalt über andere ausüben will, um sich seine vermeintliche Überlegenheit zu beweisen.

Aber nicht nur diejenigen, die aus ihrer Sicht als gute Kindeswohlgefahrensucher die Kinderwelt von Ohrfeigen reinigen wollen, werden mit dem strukturellen Angebot der Gewaltausübung über soziale Gruppen gelockt, ein Lockstoff, der nicht nur an die Instinkte appelliert, die Gewalt über andere zur Quelle von Selbstbewusstsein machen, sondern auch an das Bedürfnis, sich selbst als sozial denjenigen, bei denen nach Gefahren für das Kindeswohl gefahndet werden kann, überlegen zu inszenieren.

DenunziantDer Lockstoff wirkt auch auf diejenigen, die gerne aus dem Dunkeln auf Personen schießen, die sie nicht mögen, die kleinen Denunzianten, die noch jedes Regime gestützt haben, ohne die die meisten Gewaltherrschaften nicht möglich gewesen wären. 11,5% der Hinweise, denen die Kindeswohlgefahrensucher der Jugendämter willig gefolgt sind, kamen anonym, von Besorgten, die vor allem um die eigene Anonymität besorgt sind, weil sie nicht offen anschwärzen wollen. 14.260 Denunzianten haben die Jugendämter 2014 beschäftigt. 14.260 inoffizielle Informanten, die den Häschern des Jugendamtes Tipps gegeben haben, damit sie ausziehen und der Behauptung nach das Kindeswohl bringen können.

Sie teilen viele Merkmale mit den Inquisitoren des Mittelalters, die Häscher des Jugendamts. Auch die Inquisitoren haben das Gute verteidigt und gegen das Böse in der Welt gekämpft. Auch die Inquisitoren des Mittelalters haben die Kriterien ihrer Wahrheitsfindung vage und unbestimmt gelassen, konkret waren nur die Mittel. Auch die Inquisitoren des Mittelalters haben von Denunzianten gelebt, die ihre Mitbürger bei den Inquisitoren angeschwärzt haben, und auch bei den Inquisitoren des Mittelalters hat es denjenigen, die bei ihnen angeschwärzt wurden oder sonstwie in ihr Radar geraten sind, nichts genutzt, wenn sie nach eingehender Prüfung als unschuldig befunden wurden. Sie waren sozial stigmatisiert und ihre Fähigkeit zu einem normalen Leben war dahin.

Insofern ist die Behauptung, Jugendämter seien Nachfolger der Inquisition des Mittelalters gut begründet.

Das Kapital und der Funktionär: Ein sozialistisches Märchen

In den Hauptrollen:

Andreas Engels als der Fabrikbesitzer
Andreas Engels als der Arbeiter
Andreas Engels als der Funktionär
Das Kapital als es selbst

Erste Szene

Andreas Engels, Andreas Engels und Andreas Engels leben von der Hand in den Mund. Sie stoppeln zusammen, was sie in der Natur, die sie umgibt, finden können. Die meiste Zeit des Tages ist damit angefüllt, sich vor den Naturelementen in Sicherheit zu bringen und das eigene Überleben sicherzustellen.

Eines Tages kommt das Kapital des Wegs und sieht das Elend.

Venture Capital“Andreas”, so sagt es zu Andreas Engels, “Andreas, ich mache Dich reich! Und dafür will ich gar nichts, nur ein wenig Weltherrschaft. Aber den Reichtum wirst Du nicht umsonst bekommen. Du musst arbeiten, morgens, mittags und abends, an Sonn- und Feiertagen, um aus dem Kapital, das ich Dir gebe, ein Unternehmen zu machen, eine Fabrik, die Waren herstellt, die Du verkaufen kannst. Mit dem Verkauf machst Du Gewinn. Und vom Gewinn baust Du neue Fabriken, stellst neue Waren her, die Du wieder verkaufst und wieder investierst und von dem Gewinn, den Du nicht investierst, lebst Du gut, ohne Sorge um den täglichen Unterhalt. Und natürlich wirst Du Arbeiter brauchen. Stelle Andreas Engels ein. Lass’ ihn für Dich arbeiten. Gib’ ihm einen Lohn für seine Arbeit, damit er sicher und gut leben kann. Ich will nichts vom Gewinn, ich will nur ein wenig Weltherrschaft”, so sprach das Kapital.

Zweite Szene

Andreas Engels hat viel gearbeitet und sich eine kleine Fabrik gebaut. Er nennt sich nun zu Zwecken der Differenzierung Andreas Fabrikbesitzer. In der Fabrik ist Andreas Engels beschäftigt. Andreas Engels nennt sich nun Andreas Arbeiter. Er stellt die Waren her, die Andreas Fabrikbesitzer verkauft. Mit dem Gewinn, kann Andreas Fabrikbesitzer sehr gut leben, Andreas Arbeiter bezahlen, der auch gut leben kann, wenn auch nicht so gut wie Andreas Fabrikbesitzer. Beide werden auf unterschiedlichem Niveau immer wohlhabender und, gemessen an dem, was sie hatten, bevor das Kapital des Weges kam, geht es beiden deutlich besser.

Doch das soll sich ändern.

Dritte Szene

Andreas Engels, der weiterhin sein Leben jenseits der Fabrik und mit der Suche nach Schutz und Nahrung verbracht hat, betrachtet den zunehmenden Wohlstand von Andreas Fabrikbesitzer und Andreas Arbeiter mit Argwohn. Während er sein jämmerliches tägliches Leben lebt, überlegt er, wie er aus beider Wohlstand Profit für sich schlagen kann. Eines Tages hat er die zündende Idee.

Professional spongerEr nennt sich nun Andreas Funktionär und stellt ein Manifest auf. Darin erklärt er Andreas Arbeiter haarklein,
dass er das entscheidende Rädchen in einem großen Komplott ist, mit dem Kapital die Weltherrschaft erreichen will. Alles mit Fabriken zubauen wolle Kapital und sich weltmächtig machen. Andreas Arbeiter ermögliche das. Er habe ein falsches Bewusstsein, der Andreas Arbeiter, und müsse sich unbedingt darüber klar werden, dass er die Produktivkraft sei, ohne die nichts geht. Dieser Wichtigkeit, so Andreas Funktionär, trage der Lohn, den Andreas Arbeiter von Andreas Fabrikbesitzer erhalte, in keiner Weise Rechnung. Es sei ein Hungerlohn, und entsprechend sei das Haus, in dem Andreas Arbeiter wohne auch viel kleiner als das Haus, in dem Andreas Fabrikbesitzer lebe. “Und meinst Du”, so fragt Andreas Funktionär Andreas Arbeiter, “meinst Du, Andreas Fabrikbesitzer könnte sich leisten, was er sich leistet, wenn Du nicht die Arbeit für ihn machen würdest? Glaubst Du nicht, dass eine Welt der Gleichen, in dem es keinen Fabrikbesitzer und keinen Arbeiter und nur einen Andreas Funktionär gibt, wäre nicht die bessere Lösung? Es wäre eine Welt, in der Andreas Funktionär dafür sorgt, dass es allen gleichgut geht, dass Andreas Arbeiter genausoviel hat wie Andreas Fabrikant.

“Gib’ mir 33% von Deinem Lohn, Andreas Arbeiter, und ich kämpfe für Deine Rechte!”

Vierte Szene

Die Fabrik steht still. Andreas Arbeiter streikt auf Geheiß von Andreas Funktionär. Andreas Funktionär hat Andreas Fabrikarbeiter ein 75 Punkte Memorandum übergeben, das die Bedingungen formuliert, unter denen Andreas Arbeiter wieder am Arbeitsplatz erscheint. Punkt 49 lautet, gleichberechtigte Teilhabe an den Produktionsmitteln für Andreas Arbeiter und Andreas Funktionär. Artikel 50 bestimmt, dass Andreas Funktionär die Stimmrechte über die Teilhabe von Andreas Arbeiter ausübt. Wenn Andreas Fabrikbesitzer die Punkte des Memorandums nicht akzeptiert, dann gibt es eine Revolution, die Andreas Funktionär gemeinsam mit Andreas Arbeiter durchführen wird. Er wird Andreas Fabrikbesitzer enteignen und zum Teufel jagen.

Fünfte Szene

StreikAndreas Fabrikbesitzer weiss sich nicht anders zu helfen, als die Punkte des Memorandums zu akzeptieren. Die Arbeit in der Fabrik steht wieder still, weil der Plansoll, den Andreas Funktionär, Mehrheitseigentümer mit 2/3 der Stimmrechte als Produktionsvorgabe gegeben hat, so hoch war, dass Andreas Arbeiter krank geworden ist. Außerdem ist Andreas Funktionär mit der Rolle des Fabrikbesitzers nicht vertraut, so dass die tägliche Produktion regelmäßig hakt, weil die zur Produktion notwendigen Teile fehlen. Andreas Funktionär plant, die entsprechenden Probleme, durch grundlegende Planungsreformen zu beseitigen und hat dafür Andreas Planer angeworben und Andreas Parteisekretär und Andreas Unterparteisekretär. Sie alle sprechen fieberhaft über einen Masterplan zur Beseitigung aller Planungsprobleme. Derweil nagt Andreas Arbeiter am Hungertuch und Andreas Fabrikarbeiter verarmt zusehens. Beide sind unzufrieden, weshalb Andreas Funktionär noch drei Andreas Polizeibeamte anwirbt, die für Ruhe und Ordnung sorgen und Andreas Arbeiter und Andreas Fabrikbesitzer Tag und Nacht überwachen.

Sechste Szene

Die Fabrik ist verfallen. Auf einem Feld sieht man Andreas Arbeiter und Andreas Fabrikbesitzer dabei, wie sie zusammenstoppeln, was man zum Überleben braucht. Überleben müssen sie von 10% des Gesammelten. Der Rest wird unter Andreas Funktionär (25%), Andreas Planer (20%), Andreas Parteisekretär (20%), Andreas Unterparteisekretär (15%) und den Andreas Polizeibeamten (10%) aufgeteilt.

Etwas Abseits sitzt das Kapital und wundert sich, dass Andreas Arbeiter und Andreas Funktionär lieber für andere als für sich arbeiten. Angesichts dieser traurigen Lage beschließt das Kapital abzuwandern, denn etwas Besseres als Sozialismus findet es überall.

Die Rechtfertigung von Kriegen

Wen man von Kriegen redet, dann befindet man sich als Deutscher in theoretischer und in praktischer Hinsicht auf einem Gebiet, das auf eine Vielzahl von Vorabeiten verweisen kann, etwa auf “Vom Kriege” von Carl von Clausewitz.

Darin findet sich nicht nur eine Definition von Krieg, sondern auch eine Bestimmung des Zwecks und der Mittel des Krieges.

Carl von Clausewitz“Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen.

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.

Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Künste und Wissenschaften aus, um der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen, die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte, begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen. Gewalt, d. h. die physische Gewalt (denn eine moralische gibt es außer dem Begriffe des Staates und Gesetzes nicht), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. Es vertritt den Zweck und verdrängt ihn gewissermaßen als etwas nicht zum Kriege selbst Gehöriges.”

Die Definition von Krieg als “ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen” ist spannend, zeigt sie doch, dass Krieg eine Unterkategorie von Macht darstellt oder ein Mittel zur Machtdurchsetzung, denn Macht ist definiert als Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. Joseph S. Nye macht diese Kategorisierung deutlich, wenn er zwischen hard und soft power als Mittel zur Durchsetzung von Macht unterscheidet und Krieg zur hard power zählt.

Krieg bzw. seine Rechtfertigung ist Gegenstand einer Tagung, die vom 9. bis zum 11. April 2015 in der Europäischen Akademie Olzenhausen durchgeführt wird. Die Tagung steht Studenten und der interessierten Öffentlichkeit offen. Erstere müssen sich für 35 Euro, Letztere für 80 Euro einkaufen, um ihr Interesse befriedigen zu können.

Siebenjaehriger KriegDafür werden sie mit einer Reihe interessanter Vorträge unterhalten, in denen unter anderem die Rolle der Religion als Mittel zur Rechtfertigung von Kriegen analysiert wird. Die Gepflogenheit, Religion als Rechtfertigung von Kriegen einzusetzen, ist alt. Religion wurde nicht erst in den Kreuzzügen als Vorwand genutzt. Seit den Anschlägen auf das World-Trade Center in New York erlebt die religiöse Kriegsrhetorik eine neue Blüte. Eine Reihe von Vorträgen befasst sich mit diesem vermutlich von George W. Bush angestoßenen Phänomen und verfolgt die Geschichte religiöser Legitimation des Tötens bis zum Islamischen Staat.

Andere Vorträge widmen sich der Freiheit als Legitimation des Krieges, z.B. im Kontext der Französischen Revolution, jener blutigen Angelegenheit, in deren Verlauf die ursprünglichen Ideale schnell verschwunden sind (bzw. vergessen wurden). Freiheit als Rechtfertigung von Kriegen eignet sich auch nach Beendigung des Krieges, quasi zur posthumen Legitimation. Die Griechen haben es nach dem Ende ihres Krieges gegen die Perser praktiziert und damit wirtschaftliche und territoriale Interessen unter dem Banner der Freiheit versteckt.

Schließlich gibt es eine Reihe von Vorträgen, die sich mit Begründungen für Kriege befassen, zu denen sich selbst absolutistische Herrscher genötigt gesehen haben. So hat Luduwig der XIV seinen Überfall auf die Niederlande ebenso zu legitimieren gesucht wie Friedrich der Große seinen Krieg gegen Österreich, der der Annexion von Schlesien diente – übrigens mit dem Argument der “Erbverbrüderung”, also damit, dass wegen Aussterbens des schlesischen Herrschergeschlechts nunmehr das Land und seine Leute an Preußen fallen sollen.

Eine ganze Reihe interessanter Vorträge wartet also auf die Besucher der Veranstaltung “Kriegslegitimationen in der europäischen Geschichte“.

Wer uns einen Tagungsbericht schicken will, kann dies gerne tun.

Samenspender: vertrauenswürdig, jung – und naiv?

Die Erlanger Samenbank der ivf-Gesellschaft zur Förderung der Reproduktionsmedizin mbH hat unter “Begleitung der Universität Erlangen-Nürnberg” eine Studie durchgeführt, die u.a. den Fragen nachgeht: Wer, warum seinen Samen spendet (das “wie” der Onanie, lassen wir außen vor).

BogofWir haben diese Studie zum Anlass genommen, um uns ein wenig mit diesem Thema zu befassen – zunächst mit dem, was der als PR-Studie bezeichneten Studie vorgelagert ist – das Angebot:

“Die Erlanger Samenbank such vertrauenswürdige junge Männer als Samenspender, die mit ihrer Samenspende Paare unterstützen, die den eigenen Kinderwunsch auf anderen Wegen nicht erfüllen können”.

SeifenspenderMan sieht hier die Macht der Kultur, denn ein Kinderwunsch als solcher ist biologisch nicht vorhanden, sondern kulturell vorgegeben und die kulturelle Vorgabe ist für manche so stark, dass sie sich einreden, sie hätten einen Kinderwunsch. Dass wir es hier mit einer kulturellen Determinante zu tun haben, zeigt sich schon daran, dass Kinder als Produkt betrachtet werden, dessen Herstellung dann, wenn die eigene Leistungsfähigkeit nicht ausreicht, mit Hilfe anderer, mit Hilfe von Ärzten und Samenspendern in Angriff genommen wird. Dies zerstört auch die Idee eines egoistischen Gens, denn ein egositisches Gen will sich fortpflanzen und ist entsprechend auf die Fortpflanzung und nicht das Produkt der Fortpflanzung fixiert.

Doch weiter im Text: Wer ist ein vertrauenswürdiger Spender?

Ein vertrauenswürdiger Spender ist

  • gesund,
  • hat also keine Allergien, keine Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, keine Epilepsie, kein Rheuma, keine Schuppenflechte, kein Asthma, keinen Herzfehler, keine psychischen Erkrankungen und keinen hohen Blutdruck.
  • Er pflegt eine gesunde Lebensweise hat keine häufig wechselnden Sexualpartner, nimmt keine Drogen, trinkt nicht zu viel Alkohol, raucht nicht.
  • Das Aussehen des Samenspenders ist zunächst [!sic] kein Kriterium, was heißt, später schon.
  • Er ist zwischen 20 und 50 Jahren alt.

Für die Samenspende in Erlangen gibt es eine kleine Vergütung:

“Die Samenspende ist eine soziale, freiwillige Leistung, die nicht bezahlt wird. Sie erhalten ein wenig Geld für ihre Samenspende, eine Aufwandsentschädigung als finanzielle Gegenleistung für ihre Zeit, die Sie auf Anfahrtswegen und bei der Samenspende für uns aufbringen”.

Die Entschädigung beträgt insgesamt 630 Euro. Durch Samenspenden wird man also nicht reicht, als Spender jedenfalls nicht. Was die Frage aufwirft, warum jemand Samen spendet. Dazu gleich mehr. Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, hier noch die rechtlichen Probleme, die sich mit dem Samenspenden verbinden:

Die Antworten auf die rechtlichen Fragen sind bei der Erlanger Samenbank vom Satz eingeleitet: “Eine anwaltliche Beratung können wir als juristische Laien allerdings nicht leisten und nicht ersetzen”. Das heißt im Klartext: Welche rechtlichen Probleme dem Samenspender durch seine Spende auch immer entstehen mögen, die Erlanger Samenbank fühlt sich dafür nicht zuständig und nicht verantwortlich.

Generell gehen alle Gefahren für den Spender vom Kind aus, das er ermöglicht hat:

  • Das Kind kann die Identität des Samenspenders lüften.
  • Unterhalts- und Erbansprüche des Kindes richten sich, so die laienhafte Meinung der Samenbanker, “primär an die gesetzlichen Eltern”. An wen sie sich sekundär richten, wird leider nicht gesagt.
  • Und weiter: “Allerdings können der Spender und seine Erben nach der heutigen Rechtslage nicht vollständig vor möglichen … Ansprüchen eines von seiner Samenspende abstammenden Kindes … geschützt werden”.

Sein Samen ihr KindWir fassen zusammen: Wer seinen Samen spendet muss gesund und ansonsten nicht weiter auffällig sein (also z.B. nicht rauchen), er muss zunächst nicht gut aussehen, später dann schon, er bekommt eine kleine Aufwandsentschädigung für seine Spender-Mühen und wird ansonsten von den Erlanger juristischen Laien mit den rechtlichen Konsequenzen, die ihm blühen können alleine gelassen und an den eigenen Anwalt verwiesen. Kurz: Der Spender hat auf seiner Seite alle Nachteile, diejenigen, die von seiner Samenspende profitieren als Eltern oder als Samenbank, haben alle Vorteile, und da sich der Samenspender damit abspeisen lässt, dass Samenspende eine “soziale, freiwillige Leistung” ist, bleibt der gesamte Profit wohl bei der Erlanger Samenbank und der ivf-Gesellschaft zur Förderung der Reproduktionsmedizin mit beschränkter Haftung, denn in-vitro-Fertilisation ist offensichtlich weder sozial noch freiwillig, sondern folgt allein den Motiven der Gewinnmaximierung (sonst würde man Spender ordentlich bezahlen und rechtlich vor Ansprüchen der Kinder schützen).

Die Frage, wer sich auf einen solchen Deal einlässt, bei dem ihm alle Risiken aufgebürdet werden, stellt sich umso dringlicher.

Hier die Antworten aus der oben angesprochenen Studie. Die Antworten beruhen auf den Aussagen von 80 Spendern im Großraum Nürnberg-Erlangen. Die Ergebnisse sind entsprechend in keiner Weise repräsentativ, vermitteln aber dennoch einen Eindruck davon, wo man die vertrauenswürdigen und jungen und vor allem naiven Spender findet und was sie motiviert:

  • 57,5% der Samenspender sind 20 bis 29 Jahre alt, 11,3% 40 bis 49 Jahre.
  • 15% der Samenspender sind verheiratet, 47,5% leben unverheiratet in einer Partnerschaft, 37,5% sind ledig;
  • 40% der Samenspender haben ein Studium absolviert, 18,8% ein Abitur und 23,8% eine mittlere Reife erreicht.

Erlanger-SamenbankNaivität und Unbedarftheit gegenüber rechtlichen Problemen, die mit der eigenen Spende einhergehen können, finden sich demnach am ehesten bei vermeintlich Höhergebildeten. Offensichtlich haben Akademiker zudem einen höheren Druck, ihren Samen zu verteilen, um z.B. einen empfundenen Deprivationsdruck abzubauen (schon weil sie keine häufig wechselnden Sexualpartner haben dürfen). Wie auch immer, was bewegt die durchschnittlich zumindest formal Höhergebildeten dazu, ihren Samen zu Dumpingpreisen zu verschleudern?

  • 32,1% geben “Hilfe” als Motiv an, 17,9% wollen an der Schöpfung teilhaben und 20,4% sind der Meinung, Kinder seien etwas wundervolles, obwohl sie durch ihre Samenspende dafür sorgen, ihre Kinder in Obhut Dritter zu belassen.

Blickt man etwas genauer auf die drei Motive und stellt dabei in Rechnung, dass die Motive Vorgaben sind, die 80 Samenspender, die befragt wurden, also keine Möglichkeit hatten, etwas Anderes als Vorgegebenes zu antworten, dann ergeben sich folgende Hauptmotivationen:

  • Thema Hilfe: “Ich helfe aus Nächstenliebe gegenüber kinderlosen Paaren” und “Ich spende an der Samenbank, da man mit einfachen Mitteln anderen helfen kann”.
  • Thema Schöpfung teilhaben: “Ich finde es toll, dass durch die Samenspende Kinder mit meinen Zügen (z.B. Körper, Charakter) geboren werden”.
  • Thema Kinder sind etwas Wundervolles: “Ich spende Samen, damit Andere das Glück eines Kindes erfahren”.

Ist das nicht rührend? Samenspender spenden, damit andere das Glück eines Kindes erfahren, das jedoch die Züge des Spenders hat (Charakter und Körper), und Samenempfänger kaufen quasi die Katze im Sack, ein Überraschungsei, dessen Inhalt man erst mit der Zeit in voller Größe und Ausmaß erkennt. Als Rache können diejenigen, die im elterlichen Erkenntnisprozess verhaftet sind, dann das wundervolle Kind, das ihnen dank moderner Technologie verkauft wurde, nutzen, um die Identität des Spenders ausfindig zu machen und denselben mit Ansprüchen (Rechte des Kindes) zu konfrontieren.

Stellt sich abschließend die Frage, ob man als Spender wirklich so naiv und von kulturellen Vorgaben dirigiert sein kann, so leer, dass man tatsächlich denkt, die Onanie bei der Samenbank entspreche einer “Teilhabe an der Schöpfung”? Und der hohe Anteil an Akademikern ist eher verstörend, denn Akademiker sollten über andere Formen der Teilhabe an der Schöpfung verfügen. Wie auch immer, man darf natürlich nicht vergessen, dass die Antworten vorgegeben wurden und von den befragten 80 Spendern nur geratet werden konnten. Bleibt letztlich noch nachzutragen, dass sich die Mehrzahl der Spender rechtlich ausreichend aufgeklärt fühlt und dahingehend keinerlei Bedenken hat. Man sieht, schon die Beratung durch die selbsterklärten Laien von der Erlanger Samenbank führt zu dem Gefühl ausreichender Aufklärung, was letztlich als Erklärung für die Samenspende nur die Abhängigkeit von kulturellen Vorgaben und eine unglaubliche Naivität übriglässt. Das sind dann wohl die Charakterzüge, die die Spender an die nächste Generation weitergeben.

Wie man soziale Probleme schafft, institutionalisiert und wartet

Wir schließen mit diesem Beitrag an einen Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach an, in dem sie am Beispiel der ad-hoc Gruppe  “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs” dargestellt hat, wie Banalitäten oder bestimmte ideologische Vorlieben bestimmter Personen zu sozialen Probleme stilisiert werden  und wie sie genutzt werden, um Meinungsvielfalt zu beseitigen.

In diesem Beitrag wollen wir uns dem Thema “soziale Probleme” von einer anderen Seite, der Seite gesellschaftlicher Macht oder besser: des Zugangs zu und der Beherrschung von Ressourcen und  medialer Kommunikation sowie der Fähigkeit, soziale Fakten als soziale Probleme zu definieren und diese Definition durchzusetzen, nähern.

Vorab noch einmal die Definition von sozialem Problem, auf der wir aufbauen:

Constructing Social problems“Our definition of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).

Ein kurzes Brainstorming darüber, was derzeit als soziales Problem gilt, hat die folgende Reihe erbracht: (1) der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen von Unternehmen, (2) häusliche Gewalt gegen Frauen, nicht etwa gegen Männer, (3) der geringere Anteil von Frauen auf Lehrstühlen an Universitäten, (4) Rechtsextremismus oder wahlweise auch Rassismus, vielleicht auch Sexismus, (5) Akzeptanz und Toleranz gegenüber Homosexualität oder genereller: sexueller Orientierung in welcher Variante auch immer, (6) das Los von Alleinerziehenden (z.B. dass sie ihre Kinder nicht mit einem Designerranzen zur Schule schicken können), (7) die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Liste wäre problemlos verlängerbar. Wer dazu Bedarf sieht, kann dies über die Kommentarfunktion gerne tun.

Für all die genannten vermeintlichen sozialen Probleme kann festgestellt werden, dass sie nicht wirklich ein soziales Problem darstellen. Die Wirtschaft floriert offensichtlich auch ohne eine Parität zwischen Männern und Frauen auf Führungspositionen oder gerade wegen der nicht vorhandenen Parität. Die Universitäten in Deutschland hatten bevor sie gleichgestellt wurden (man kann auch von Gleichschaltung sprechen) einen international guten Ruf. Seit das Professorinnenprogramm Männer diskriminiert, hat der Ruf erheblich gelitten. Homosexuelle, so hat ein Kommentator vor einiger Zeit geschrieben, waren in den 80er Jahren auch schon vorhanden und prominent, Boy George, die Pet Shop Boys usw. Niemand hat daran Anstoß genommen und sich darum gekümmert, zumal Homosexualität in all ihren Spielarten eine kleine Minderheit betrifft. Seit Toleranz und Akzeptanz für Homosexuelle lautstark gefordert wird, hat sich dagegen der Ton massiv verändert, ist rauher geworden. Auch das Häuflein Rechtsextremer, das richtig geplegt werden muss, um nicht abhanden zu kommen, ist eigentlich kein Missstand, der nach Beseitigung ruft.

Wie kommt es, dass die genannten sozialen Fakten, es gibt Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, es gibt Homosexuelle usw. zu sozialen Problemen falscher Arbeitsteilung oder der Homophobie stilisiert werden?

Zumal, warum ausgerechnet diese soziale Fakten aus dem Meer der sozialen Fakten?

sign_elderlyNehmen wir z.B. eine reale Situation in der Pflege, wie sie alltäglich ist. Ein knapp 90 Jahre alter Mann muss, nachdem ihn mehrere Krankenhausaufenthalte geschwächt haben, sein eigenes Haus, das er bislang alleine bewohnt hat, verlassen und in ein Seniorenpflegeheim einziehen. Trotz der 2000 Euro, die sein Aufenthalt pro Monat kostet, muss er ein Doppelzimmer mit einem anderen Mann teilen. Weil er geschwächt ist, kann er sich eigentlich nicht alleine bewegen, bräuchte Unterstützung, die er nicht bekommt, weshalb er dreimal im Bad und beim Versuch, die Toilette aufzusuchen, hinfällt. Weil die personelle Situation es nicht zulässt, den fast 90jährigen auf seinen wenigen Gängen zur Toilette zu begleiten, werden ihm kurzerhand Windeln verpasst. Die beschriebene Form der Entwürdigung alter Menschen in Deutschland beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie ist ein Beispiel für viele. Sie ist alltäglich in einer Gesellschaft, in der 2000 Euro monatliche Miete in einem Pflegeheim nicht ausreichen, um den Mietern ein anständiges und würdevolles Leben in ihren letzten Jahren zu ermöglichen. Das Beispiel beschreibt soziale Fakten, die es nicht zum sozialen Problem geschafft haben.

Oder nehmen wir Obdachlosigkeit ein typisch männliches Problem, das in der Regel in Verwahrlosung und Alkoholismus endet. Obdachlosigkeit ist ein sozialer Tatbestand, aber kein soziales Problem. Nicht einmal ein Tausendstel der Mittel, die für die Schaffung von Nottelefonen für häusliche Gewalt und Frauenhäusern bereit gestellt werden, wird bereitgestellt, um Programme und Maßnahmen, die ja in der Helferindustrie so beliebt sind, aufzulegen und darauf hinzuwirken, Obdachlosigkeit als soziales Problem überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn zu beseitigen.

Die beiden Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Wahl dessen, was als soziales Problem angesehen wird, nicht nur selektiv ist, sondern der Regel zu folgen scheint, dass tatsächlich vorhandene Missstände sich nicht zum sozialen Problem eignen.

Warum ist das so?

Charles E. Reason und William D. Perdue (1981) geben hier eine Antwort. Reason und Perdue sehen die Konstruktion sozialer Probleme, also die Umwidmung dessen, was bislang nur ein sozialer Tatbestand war, in ein soziales Problem als Stufenprozess an, der (1) aus der Schaffung, (2) der Institutionalisierung und (3) der Wartung des sozialen Problems besteht. Wichtig für diesen Stufenprozess ist es, dass er innerhalb eines ideologischen Settings abläuft, der für die Schaffung bestimmter sozialer Probleme förderlich ist.

Das Schaffen eines sozialen Problems
Instrumentell bei der Schaffung sozialer Probleme sind soziale Bewegungen, die Reason und Perdue als Gruppen beschreiben, die aus Personen gleicher Beschäftigung, Bildung, Herkunft und Überzeugung bestehen. Eine eingängige Beschreibung, die jeder prüfen kann, wenn er z.B. den Arbeitersohn bei Greenpeace vergeblich sucht oder für die Töchter evangelischer Gemeindepfarrer bei Attac mehr als zwei Hände zum Zählen braucht. Wichtig für soziale Bewegungen sind “soziale Unternehmer”, die Zugänge zu Ressourcen und Medien haben. Ein Beispiel ist hier Alice Schwarzer, ohne die die Medien-Popularität von Feminismus oder Steuerhinterziehung in Deutschland kaum zu erklären ist. Ziel der Phase, in der ein soziales Problem geschaffen wird, ist “Salience”, also öffentliche Aufmerksamkeit, am besten positive öffentliche Aufmerksamkeit.

ideology of social problemsEntsprechend wichtig ist es, mit den eigenen Anliegen bei z.B. Zeitungs- und Fernsehredakteuren auf offene Ohren zu stoßen. Offene Ohren findet man bei ideologisch Gleichgesinnten und Menschen mit dem selben sozialen Hintergrund eher als bei ideologischen Gegnern und Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, was eine einfach Erklärung dafür ist, dass es nur solche soziale Fakten in Deutschland schaffen, als soziales Problem definiert zu werden, die der Mittelschicht einen Nutzen bringen (z.B. durch Arbeitsplätze in Maßnahmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus oder durch Arbeitsplätze in Vorständen). Themen, die eine gesellschaftsweite Geltung haben, deren unmittelbarer Nutzen aber nicht der Mittelschicht zukommt, weil die meisten Mittelschichtler sich z.B. nicht vorstellen können, in einem Altenpflegeheim zu arbeiten, haben entsprechend nur sehr geringe bis überhaupt keine Chancen, es zum sozialen Problem zu schaffen. Der Zeitungsredakteur gibt seinen Vater im Altenpflegeheim ab und will fortan nicht mit den Problemen der Altenpflege oder gar Kenntnissen über den Alltag im Altenpflegeheim belästigt werder. Er kümmert sich um vermeintlich wichtigere Themen: die Forderung nach einer Frauenquote im Vorstand zum Beispiel.

Es ist diese Verquickung zwischen sozialen Bewegungen und den Torwächtern, die den Zugang zu öffentlicher Information besetzen, die es Interessenvertretern (z.B. den Alten) erschwert, ihre Interessen als soziales Problem zu definieren, denn sie haben nur dann eine Chance, gehört zu werden, wenn sie den ideologischen Hintergrund und die soziale Klasse mit denen teilen, die die Zugänge bewachen.

Die Institutionalisierung eines sozialen Problems
Institutionalisiert wird ein soziales Problem, wenn Gesetze erlassen werden, die dazu dienen sollen, es zu beseitigen. In ihrem Fahrwasser gedeihen Projekte und Programme, werden die Mittel bereit gestellt, die weniger dazu dienen, das soziale Problem zu beseitigen, aber mehr dazu, die sozialen Problembeseitiger zu finanzieren. Hat es ein soziales Problem über die Hürde der Institutionalisierung geschafft, dann ist es etabliert, schafft Arbeitsplätze, Gesprächsstoff beim Rotwein und gibt mannigfaltigen Anlass, die Stirn in tiefe Falten zu legen und weitere Mittel zur Beseitigung immer neuer Folgeprobleme zu fordern.

Die Wartung eines sozialen Problems
Die Folgeprobleme, die sich regelmäßig einstellen, wenn ein soziales Problem institutionalisiert wurde, gehören in den Bereich der Wartung des sozialen Problems. Die Wartung dient dazu, nicht nur dafür zu sorgen, dass das soziale Problem als Arbeitsbeschaffer Bestand hat, sondern auch dazu, die Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen darauf hinzuweisen, dass das soziale Problem nach wie vor vorhanden und nicht beseitigt ist, dass es deshalb notwendig ist, weitere Steuergelder für den Kampf für oder gegen … [bitte beliebige Banalität einsetzen] bereit zu stellen.

Das also ist die Erklärung dafür, warum bestimmte soziale Fakten, die tatsächliche Missstände darstellen, es nicht zum sozialen Problem schaffen, und dafür, warum es soziale Fakten, die an Banalität kaum zu übertreffen sind, schaffen, zum sozialen Problem stilisiert zu werden. Die Erklärung ist eine Mischung aus Opportunismus, Klassenstruktur und dem, was DiMaggio und Powell (1983) Isomorphie genannt haben, jenem Prozess der beschreibt, dass die Zugänge zu Ressourcen in modernen Gesellschaften in immer größerem Ausmaß von denselben farblosen Gestalten mit denselben Interessen, der selben Langeweile und der selben Unfähigkeit oder Unwilligkeit, einen konkreten Missstand zur Kenntnis zu nehmen, besetzt werden.

 

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Reason, Charles E. & Perdue, William D. (1981). The Ideology of Social Problems. Sherman Oaks: Alfred Publishing.

Spector, Malcolm & Kitsuse, John I., 1977: Constructing Social Problems. Menlo Park: Cummings.

Rechte statt Freiheit – Eine Analyse der Nach-Moderne

Die Nach-Moderne ist in Rechten unterwegs. Wo die Aufklärung Freiheit propagiert hat, propagiert die Nach-Moderne, die manche als Wiederkehr eines rabenschwarzen Zeitalters ansehen, Rechte. Nicht nur das: Freiheit war für Aufklärer eine individuelle Norm. Sie stritten für die individuelle Freiheit von kollektiven Vorgaben, für die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten. Rechte, sind für moderne Rechte-Apostel eine Gruppennorm: Nicht Individuen haben Rechte, sondern Gruppen, nicht die Autonomie des Individuums ist ihr Ziel, sondern die Unterwerfung von Individuen unter Gruppenrechte.

Die Freiheit der Aufklärer ging mit Pflichten für die Individuen einher, Pflichten, wie sie Kant im kategorischen Imperativ formuliert oder Adam Smith in seinem Konzept der “Sympathy” beschrieben hat: Pflichten, die sich unter die Überschrift: “Verantwortliches und empathischen Handeln anderen und sich selbst gegenüber” stellen lassen. Die Rechte der Nach-Moderne gehen mit genau einer und nur einer Pflicht einher, nämlich der Pflicht zur Konformität in mehreren Schattierungen: Vorgegebenes nicht zu hinterfragen, die eigene Person über Gruppenmerkmale zu definieren und nur politisch Korrektes zu denken und zu äußern.

darkagesDie Nach-Moderne ist, wie bereits gesagt, für manche ein rabenschwarzes Zeitalter, für manche, die individuelle Freiheit über die gnädige Gewährung von Rechten durch eine Horde vermeintlich um das Wohl anderer Besorgter stellen. Doch die Stelle individueller Freiheit hat in der Nach-Moderne die Gewährung von Gruppenrechten eingenommen, sie verdrängen die Freiheit und setzen an ihre Stelle ein vorstrukturiertes, vorgeplantes und uniformes Leben als Gruppenmitglied, von der Wiege bis zur Bahre.

Es beginnt mit den Kinderrechten, die im weiteren Verlauf des Lebens zu Rechten von Jugendlichen werden, die später aufgeteilt werden in Frauenrechte und, nein, nicht in Männerrechte. Es folgen für die abhängig Beschäftigten die Arbeitnehmerrechte, für manche folgen Behindertenrechte, andere wiederum haben besondere Rechte weil sie einer Minderheit angehören und immer sind es Gruppenrechte, d.h. immer wird von demjenigen, der sie in Anspruch nehmen will, die Preisgabe seiner indivduellen Freiheit und die bedingungslose Unterordnung unter die Gruppe gefordert.

Als Köder für diese Unterordnung gibt es regelmäßig schöne Worte, die aus dem geistigen Paradies entspringen, das Gutmenschen bewohnen, die denken, man könne ein Leben mit Rechten leben. Wenn es darum geht, das Gute der Rechte für eine Gruppe zu beschwören, die der Verleihung von Rechten als würdig empfunden wurde, was regelmäßig dann der Fall ist, wenn es eine große Zahl von Gutmenschen gibt, die dafür streiten, ist ihnen keine Floskel zu dumm. Diese Gutmenschen sind ihrerseits Mitglied einer Form organisierten Gutmenschentums, wie z.B. Unicef und erzielen über diese Mitgliedschaft ihren Lebensunterhalt. Sie leben quasi davon, für die Rechte anderer zu kämpfen, z.B. für die Rechte der Kinder.

Kinderrechte, so hat Dr. Ralf Kleindiek, seines Zeichens Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, der, wenn es um Kinderrechte geht, zur wahren Floskelsschleuder wird, gerade verkündet, bilden die “Grundlage für ein gutes Aufwachsen eines jeden Kindes”.

Wo Psychologen, wie z.B. Abraham Maslow noch der Meinung waren, an erster Stelle der menschlichen Existenzsicherung stünden Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf, ist man heute weiter: Nicht vom Essen lebt das Kind, nein, von Rechten, Rechte sind “die Grundlage für ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der ganzen Welt”. Was herauskommt, wenn Kinder ohne Kinderrechte aufwachsen müssen, ist deutlich sichtbar: Ralf Kleindiek gehört einer Generation an, die ohne Kinderrechte aufwachsen musste!

Kinderrechte UnicefWer nicht schon genug hat und die Kleindieksche Predigt über die Wohltaten der Kinderrechte weiterliest, der wird geradezu bombadiert mit Gutheit. Sie kommt Kübelweise auf ihn hernieder als: “Recht auf Förderung ihrer Fähigkeiten zur bestmöglichen Entfaltung ihrer Persönlichkeit sowie auf Schutz und Beteiligung”,  als Notwendigkeit “Kinder und Jugendliche umfassend vor Gewalt zu schätzen”, als Notwendigkeit “Familien und ihre wirtschaftliche Stabilität in Zeiten der Familiengründung zu fördern, damit Kinder in einem sozial sicheren Umfeld aufwachsen können”. Und damit ist der Sermon noch lange nich zu Ende, aber unsere Leidensfähigkeit, die nur ein bestimmtes Maß an Heuchelei und Ignoranz gegenüber Individuen ertragen kann, ist am Ende.

Das widerwärtige an den hehren Worten, die gute Menschen wie Kleindiek predigen, ist: Es geht ihnen nicht darum, konkreten Individuen zu helfen. Ginge es ihnen darum, sie würden keine unhaltbarenFloskeln in die Welt salbadern, die vor Unernsthaftigkeit nur so triefen und deutlich machen, dass sie sich keinen Cent um das individuelle Wohlergehen von Individuen schehren. Denn ginge es um konkrete Individuen, denen man helfen will, dann wäre es notwenig anzugeben, wovor man sie schützen will und woran man ihre Beteiligung sicher stellen will. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, denjenigen, die sich von Worten täuschen lassen und nicht mehr nach Taten fragen, den Bären vom umfassenden Schutz und der umfassenden Beteiligung von Kindern und Jugendlichen vor was und an was auch immer aufzubinden, es geht darum, die Begriffe Kinder und Jugendliche für die eigenen Zwecke zu instrumentalisierung und zu missbrauchen.

Ginge es wirklich um die freie Entfaltung der individuellen Persönlichkeit, der Rechtssalbader hätte sich gerade ad absurdum geführt, denn  eine freie Entfaltung setzt die Möglichkeit, gute wie schlechte Erfahrungen zu machen, voraus, und das ist das Gegenteil dessen, was aus dem Bundesfamilienministerium gepredigt wird. Die Sozialtechnologen, die sich so gerne den Kopf über anderer Leute Leben zerbrechen, wollen Erfahrung gerade verunmöglichen, wollen Kindern in einem erfahrungsarmen und vorstrukturierten Raum aufwachsen sehen, der die beschworene “bestmögliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit” als den Zynismus enlarvt, der er nun einmal ist, denn die “bestmögliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit” gibt es nur in vorstrukturierter und vorgeplanter Weise, wer sich nicht in der Weise entfaltet, wie es vorgesehen ist, wer sich traut, abzuweichen, hat seine Rechte verwirkt und ist aus der Gruppe der Rechteinhaber ausgeschieden. Als Kind oder Jugendlicher wird er entsprechend zum Gegenstand der Sozialhilfe, zum Mahmal einer gescheiterten Sozialisation, das nur noch dazu taugt, von Jugendgerichtshelfern, Schulpsychologen, Sonderpädagogen als Erwerbsgrundlage benutzt zu werden.

Und ginge es wirklich darum, einem individuellen Kind das Aufwachsen in “einem sozial sicheren Umfeld” zu garantieren, was auch immer man unter einem sozial sicheren Umfeld verstehen mag, dem Herrn Kleindiek fiele sicher etwas anderes ein, als finanzielle Unterstützung. Aber es fällt ihm nicht ein. Er äußert seine Floskeln vermutlich täglich und immer auf Gruppen bezogen. Gruppen sind ein guter Gegenstand, um seine Gutheit in Verbalonanie daran abzufeiern: Gruppen können sich nicht wehren. Maßnahmen, die für Gruppen getroffen werden, können individuell so unnützt oder so schädlich sein, wie sie wollen, es macht nichts, denn geholfen wird “den Kindern” und nicht dem kleinen Alfie. Gruppen sind nicht existent, eine Fiktion des menschlichen Geistes, die für Gutmenschen unschätzbare Dienste leistet, da man all seine Gutheit über Gruppen ausgießen kann, ohne jemals durch die negativen Effekte, die das Ausgießen auf feststellbare und benennbare Personen hat, beeinträchtigt zu werden. Man kann sich so richtig gut fühlen, während man durch das Tal des individuellen Leids geht. Und natürlich haben Gruppenrechte einen unschätzbaren Vorteil: Sie führen dazu, dass Individuen, die z.B. die finanziellen Vergünstigungen haben wollen, die regelmäßig an Gruppenrechte gekoppelt sind, sich in Gruppen einordnen und ihrer Individualität abschwören. Plötzlich werden sie zu Eltern, zu Kindern, zu Arbeitslosen, zu Behinderten, und zwar ganz freiwillig.

freedomKriminologen haben einst den Begriff der sekundären Devianz geprägt, der beschreibt, wie Stereotypisierung Lebenchancen von Menschen beeinträchtigt. Dieselben Kriminologen sind davon ausgegangen, dass die Stereotypisierung durch Dritte erfolgt und den so stereotypisierten Individuen aufgezwungen wird. Dass man Rechte als Köder auslegt, um Individuen dazu zu bringen, ihre Freiheit aufzugeben und fortan als Gruppenmitglied zu leben, haben sich die entsprechenden Kriminologen nicht vorstellen können. Man lernt eben nie aus, schon gar nicht als Wissenschaftler.

 

Bio-Macht – Die moderne Form der Herrschaft

Warum stehen Rassismen aller Art (verbal) so hoch im Kurs? Warum wollen Mitglieder der politischen Klasse ständig Rassismus bekämpfen? Warum sorgt eine Handvoll Neonazis, die in XY durch die Straße marschieren wollen, für einen Aufruhr unter Anti-Rassisten und monatelange Nachfragen im Deutschen Bundestag? Warum blühen die parlamentarischen Anfragen, die Rechtsextremismus, Sexismus oder sonstige böse -Ismen zum Gegenstand haben? Warum, mit anderen Worten, ist nichts in der politischen Klasse so beliebt, wie den Fetisch des Extremismus hochzuhalten, sich daran zu weiden?

Foucault Microphysik der MachtEine Antwort auf diese Fragen findet man bei Michel Foucault (1977, 1976) und seinem Konzept der Bio-Macht. Moderne Staaten und vor allem ihre politische Klasse, so kann man die Antwort zusammenfassen, sind inhärent rassistisch. Rassismen in allen Varianten sind ihre Herrschaftsform. Bio-Macht ist zum einen das angestrebte Ziel, zum anderen das Mittel, um die Herrschaft der politischen Rassismen durchzusetzen.

Der “moderne Rassismus”, so hat Foucault geschrieben, “ist ein typischer Staatsrassimus’, Instrument der herrschenden Klasse” (Foucault zitiert nach Magiros 1995: 103).

Diese Behauptung zielt auf den Wandel der Macht, wie er die Moderne auszeichnet: Früher gab es den Souverän, der seine Machtbeziehungen vor allem durch Abschöpfung auszunutzen wusste, durch Entzug von Gütern, Produkten oder Dienstleistungen. Letzten Endes war der Souverän auch Herr über Leben und Tod seiner Untertanen. „Diese ‚alte Macht über den Tod’ wird seit dem 17. Jahrhundert zunehmend von einer neuen Machtform überlagert, deren Ziel es ist, das Leben zu verwalten, zu sichern, zu entwickeln und zu bewirtschaften“ (Lemke 2003: 2). Die neue Macht ist die – von Foucault so benannte – Bio-Macht.

Die Bio-Macht ist eine (jedenfalls auf den ersten Blick) lebensschaffende Macht, das Biologische das bevorzugte Feld, auf dem sich die Politiker tummeln: „das Leben der Individuen wird zu einem Bereich, der für bewusste Kalküle, für die politische Durchdringung, für Herrschaft durch Kontrolle und Organisation ‚offen’ geworden ist“ (Magiros 1995: 99).

Zwei Stränge sind es, mit denen sich die Bio-Macht Einfluss und Kontrolle auf und über die Individuen zu sichern sucht, die Dressur bzw. Disziplinierung und die regulierende Kontrolle.

Margolis_FoucaultDressur bzw. Disziplinierung zielen auf Institutionen wie die Schule, die der Vermittlung gesellschaftlich, d.h. für von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe (z. B. der Mittelschicht) für relevant gehaltener Werte dient und das Individuum in bestmöglicher Verfassung in ökonomische Kontrollsysteme entlassen soll.

Regulierende Kontrolle betrifft Maßnahmen wie den Zwang, sich halbjährlich einer Zahnkontrolle zu unterziehen und auch ansonsten für seine körperliche Fitness (oder Wellness?) zu sorgen, um die staatliche Krankenkasse nicht zu belasten. Doch das ist nur ein Teil der regulativen Kontrolle, die sich im Ganzen auf die Gattung richtet: „die Demographie wird zu einem wichtigen Wissens- und Machtgebiet, das Verhältnis von Ressourcen und Einwohnern bekommt sowohl in den Wissenschaften als auch in der Politik Gewicht, Fortpflanzung, Geburten- und Sterblichkeitsrate, Gesundheitsniveau und Lebensdauer werden zu den Variablen der Bevölkerung, die die Politik zu beeinflussen sucht“ (Magiros 1995: 99) – Kindergeld, Gesundheitsprämien und Erziehungsurlaub sind einige der Anreizsysteme, mit denen Einfluss und Herrschaft über Individuen erreicht werden soll.

Kennzeichen der Bio-Macht ist also – vordergründig – die Menschenfreundlichkeit. Sie beurteilt die Menschen danach, ob sie „‚nützlich’, ‚wertvoll’, ‚gesund’ und ‚lebenstüchtig’ sind“ (Magiros 1995: 100). Die Bio-Macht, so sagt Foucault (1976: 112), droht nicht mehr mit dem Tod, wie der Souverän dies tat, sie verspricht das Leben. Der Tod wird zum Ende ihres Wirkungsbereichs. Und doch pflastern Leichen den Herrschaftsweg der Bio-Macht: „Nie waren Kriege blutiger als im 19. Jahrhundert und niemals richteten die Regime … vergleichbare Schlachtfeste unter ihren Bevölkerungen an. … Kriege werden nicht mehr im Namen eines Souveräns geführt, sondern im Namen der Existenz aller“ (Foucault 1977: 148).

Daraus ergibt sich ein Widerspruch: Auf der einen Seite sorgt sich die Bio-Macht um ihre Bevölkerung, unterzieht den Einzelnen den unterschiedlichsten Kontrollen, um seine Gesundheit sicherzustellen und möglichst viel seiner „Lebenszeit in [dem Staat nützliche] Arbeitskraft zu transformieren“ (Lemke 2003: 4). Auf der anderen Seite schickt gerade die Bio-Macht ihre Bürger in den Krieg, um sich notfalls für den Fortbestand der anderen töten zu lassen. Gerade die Bio-Macht übt sich also in Souveränität. Das wirft eine Frage auf: „Wie kann die Macht des Todes so ausgeübt werden, wie kann die Funktion des Todes ausgeübt werden, in einem System, in dessen Mittelpunkt die Bio-Macht steht? Hier, so glaube ich, kommt der Rassismus ins Spiel“ (Foucault zitiert nach Magiros 1995: 107).

Der Rassismus dient der Bio-Macht als Differenzierungsinstrument. Mit seiner Hilfe gelingt es, Fremdgruppen, solche, die der eigenen Gruppe bzw. der eigenen Rasse fremd sind, zu identifizieren. Sie werden zum biologischen (oder heute: z.B. zum religiös-fundamentalistischen) Feind. Sie werden zur Bedrohung für das, was im Innern der eigenen Gruppe so wichtig ist: Der Fortbestand der eigenen Gruppe oder Rasse und vor allem die Gesundheit ihrer Mitglieder. Rassismus ist insofern allen modernen Staaten inhärent, denn sie versuchen, ihre biomächtige und souveräne Funktion miteinander zu kombinieren. Deshalb „sei auch der Rassismus ‚grundlegender Mechanismus’ (…) jeglicher modernen politischen Macht: nur über seine Vermittlung kann sie diese Kombination vollziehen“ (Magiros 1995: 109).

Hund RassismusWie sehr Rassismus und Bio-Macht miteinander verschränkt sind, macht der Staastfeminismus deutlich, der auf der einen Seite die Fortpflanzung zu einem Dienst an der sozialversicherten Gemeinschaft stilisiert und alle, die sich diesem Dienst nicht unterziehen wollen, straft, auf der anderen Seite denjenigen, die sich in den Dienst der gemeinschaftlichen Fortpflanzung stellen, ein regulatives Regime der Volksgesundheit aufzwingt, dassie vom souveränen Individuum, zum abhängigen Untertan reduziert. Dabei greift die Bio-Macht des Staatsfeminsmus auf allen Ebenen der Gesellschaft durch und versucht, durch die unterschiedlichsten Formen von Dressur und Disziplinierung, sei es über Lehrpläne in Schulen, sei es über Förderprogramme an Universitäten, sei es über den Zwang sich dem staatsfeministischen Diktat selbst in der Leitung eines Unternehmens zu unterwerfen, die Hegemonie seiner Bio-Macht zu sichern.

Foucault hat mit seinen Analysen darauf hingewiesen, dass Rassismus nicht in erster Linie ein Merkmal ist, das man dem kleinen Mannes unterschieben kann. Rassismus ist nicht in erster Linie eine Einstellung, die sich gegen andere richtet. Rassismus ist eine strukturelle Eigenschaft, ein Bestandteil des politischen Systems. Rassismus dient in erster Linie der Bio-Macht, ermöglicht es ihr, zum einen im Namen von z.B. Gesundheit und Prävention ständig in die individuellen Rechte ihrer Bürger zu intervenieren. Zum anderen gelingt es der Bio-Macht mit Hilfe des Rassismus eine Grenze nach außen zu ziehen und Merkmale anderer, die als willkürliches Unterscheidungskriterium gewählt wurden, so zu sterotypisieren, dass sie nicht nur als Kitt nach innen wirken, sondern auch als Zuschreibung von Fremdheit nach außen.

„Rassismus“, so schreibt Wolf D. Hund (1999:7), „ist eine flexible Ideologie. Er erlaubt vielseitiges Handeln“. Rassismus nutzt Individuen zumeist nichts, dagegen haben Staaten ihre Ziele immer leichter erreichen können, wenn sie mit der Fahne des Rassismus gewedelt haben, hinter der sich die eigenen Bürger dann eingereiht haben oder einreihen mussten, denn wer dem Banner nicht folgt, bekommt die Souveränität der Bio-Macht zu spüren.

 

Literatur

Foucault, Michel (1977). Sexualität und Wahrheit. Der Wille zu Wissen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Foucault,Michel (1976). Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Merlin: Merve.

Hund, Wolf D. (1999). Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Lemke, Thomas (2003). Biopolitik im Empire – Die Immanenz des Kapitalismus bei Michael Hardt und Antonio Negri. Ludwig-Maximilians-Universität München.

Magiros, Angelika (1995). Foucaults Beitrag zur Rassismustheorie. Hamburg.