Verbitterung und Zuwanderung: Wenn Meinungsforscher zu Meinungsmachern werden wollen

Wissenschaft zerfällt derzeit in fünf Gruppen:

  • Legitimationsbeschaffer, die politische Vorhaben, Moden oder Trends befüttern;
  • Möchte-Gern-Manipulateure, die sich bei Regierungen damit andienen wollen, dass sie auf Grundlage von fragwürdiger Forschung herausgefunden haben wollen, wie man Bürger traktieren muss, damit sie tun, was sie nach Ansicht Dritter tun sollen;
  • Akademisiserte Beleidiger, die das wissenschaftliche Idiom missbrauchen, um krude Beleidigungen zu verpacken;
  • Wissenschaftler, die sich nicht an die Öffentlichkeit trauen;
  • Eine handvoll Wissenschaftler, die versuchen, in der Öffentlichkeit Gehör für Wissenschaft und Bewusstsein für ihre Methoden, Methodologie und Ergebnisse zu schaffen.

Wohin die Studie gehört, über die wir im Folgenden berichten, das ist eine Beurteilung, die wir unseren Lesern überlassen.

Beginnen wir mit der PR.
Die folgende Beschreibung findet sich in der Pressemeldung des DIW:

diw_logo“Je verbitterter Menschen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich wegen Zuwanderung nach Deutschland Sorgen machen. Das gilt für Frauen und Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten. So lauten die zentralen Ergebnisse einer Studie auf der Basis von Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), die Ökonomen des Ifo Instituts in München und der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg erstellt haben. Die Studie wurde jetzt als 800. SOEPpaper veröffentlicht.”

Problem- und Wutbürger sind also Verbitterungsbürger, verbitterte Bürger, so das zentrale Ergebnis des 800. SOEP-Papers, dem wir uns nun etwas Genauer widmen. Um das zu tun, messen wir das SOEP-Paper am Anspruch, den es nach Ansicht des DIW erfüllt:

“Das Gefühl von Verbitterung wird in der Psychologie als eine Mischung aus Ärger und Hoffnungslosigkeit beschrieben, die daraus resultiert, dass Menschen sich von anderen Menschen oder vom Schicksal benachteiligt fühlen.”

Das ist die SOLL-Beschreibung. Das, was gemessen werden soll. Verbitterung = Ärger und Hoffnunglosigkeit als Ergebnis von Benachteiligung.

Nun zur IST-Beschreibung, denn die Autoren des 800. SOEP-Papers, die gezeigt haben wollen, dass Verbitterung mit Sorgen über die Zuwanderung verbunden ist, deren Ursache ist, wie die Autoren in ihrem Paper suggerieren wollen, diese Autoren, Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt, sie haben Verbitterung bei Befragten wie folgt erhoben:

SOEP FP Equity“Die folgenden Aussagen kennzeichnen verschiedene Einstellungen zum Leben und zur Zukunft. In welchem Maße stimmen Sie persönlich den einzelnen Aussagen zu? Im Vergleich mit anderen habe ich nicht das erreicht,
was ich verdient habe.” Die Befragten haben die Möglichkeit, Ihre Zustimmung zu dieser Aussage auf einer siebenstufigen Skala von “Stimme überhaupt nicht zu” bis “Stimme voll zu” abzugeben.”

Und das soll Verbitterung messen.

Wer also der Ansicht ist, dass seine Anstrengungen nicht angemessen honoriert werden, weil er z.B. als Mann gegenüber Frauen bei der Rente benachteiligt wird oder weil sein Verdienst als Müllfahrer, ohne den das öffentliche Leben in Deutschland zusammenbrechen würde, hinter dem eines Politikers zurückbleibt, ohne den das öffentliche Leben in Deutschland weiterlaufen würde wie mit ihm, der ist also verbittert. Das behaupten die beiden Autoren des 800. SOEP-Papers.

Und deshalb haben sie die Aussage aus der Skala, in der sie sich befunden hat (siehe Abbildung oben), herausgelöst und dies damit begründet, dass die Aussage nicht mit Aussagen übereinstimmt, die Julian Rotter im Jahre 1966 zusammengestellt hat, um das von ihm entwickelte Konzept “Locus of Control” zu messen. Und weil es nicht mit diesen Aussagen übereinstimmt, deshalb sind die Autoren der Überzeugung, dass es sich bei der oben genannten Aussage um ein gutes Maß für Verbitterung handelt. Warum auch nicht?

Die Aussage, dass man im Vergleich zu anderen nicht das erreicht habe, was man verdient hätte, ist übrigens ein Lehrbuchbeispiel für Equität, für Fairness in der Behandlung. Offensichtlich sind die Befragten der Ansicht, die Auszahlung, die sie für ihre Anstrengungen erhalten, sei im Vergleich zur Auszahlung, die Vergleichspersonen für ihre Anstrengungen erhalten, nicht fair. Eine Ansicht, die man gut nachvollziehen kann, wenn man sich ansieht, wer heute alles Lehrstühle besetzen darf, sich als Politiker aufführen darf und was die entsprechenden Darsteller im Vergleich zu unserem Müllfahrer verdienen.

SOEP 800Was das mit Verbitterung zu tun hat? Wir wissen es nicht. Dafür wissen wir, dass es etwas mit der Wahrnehmung von Fairness zu tun hat, und wir wissen, dass die Antwort auf die Aussage keinerlei Hinweis darauf gibt, wem der entsprechende Befragte die Schuld dafür gibt, dass er nicht erreicht hat, was er verdient, ob er den Nachbarn, seine Ehefrau, den Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz oder den lieben Gott oder sich selbst verantwortlich macht, das weiß niemand. Man hätte einen Hinweis darauf gewinnen können, wenn man die restlichen Aussagen, die in der Skala vorhanden sind, berücksichtigt hätte. Aber genau das haben Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt nicht getan. Warum wohl?

Sie wollen lieber logistische Regressionen, was sonst, geordnete logistische Regressionen berechnen, bei denen dann herauskommt, dass mit steigender Zustimmung zu der Aussage, man habe nicht erreicht, was man verdient habe, die Sorgen über Zuwanderung größer werden. Und das ist quer durch die Sozialstruktur so, wie die Autoren zeigen, ohne sich zu wundern. Es ist für Gering- und Besserverdiener der Fall, für Angestellte, Rentner und nicht-Erwerbstätige (also z.B. Studenten), es ist für Gering- und Hochqualifizierte der Fall, für Männer wie Frauen, Junge und Alte, Ostdeutsche und Westdeutsche.

Und alles, weil die Befragten verbittert sind, wie die Autoren behaupten – eine wahre Volksverbitterung. Verbitterung, nur zur Erinnerung, soll eine Mischung aus Ärger und Hoffnungslosigkeit beschreiben, die daraus resultiert, dass Menschen sich von anderen Menschen oder vom Schicksal benachteiligt fühlen. Poutvaara und Steinhardt messen, dass jemand denkt, er sei nicht fair behandelt worden, unterstellen ihm er fühle sich deshalb benachteiligt und phantasieren, dass derjenige, dem sie unterstellen, er sei der Ansicht, benachteiligt worden zu sein, bestimmt ärgerlich und hoffnungslos ist.

Warum Autoren wie Poutvaara und Steinhardt überhaupt noch Umfragen auswerten, ist eine Frage, deren Antwort sich uns nicht erschließt. Weder hindern sie die Daten daran, das zu interpretieren, was sie phantasieren, noch haben sie Probleme damit, Befragten Dinge zu unterstellen, die die Befragten nie gesagt haben. Forschung als freies Phantasieren.

Was haben die Autoren gezeigt?

Sie zeigen, dass Menschen, die der Ansicht sind, sie seien nicht fair behandelt worden, sich mehr Sorgen “über die Zuwanderung nach Deutschland” machen. Vermutlich machen sich die entsprechenden Menschen auch mehr Sorgen über ihre Gesundheit und den globalen Terrorismus, nur haben Poutvaara und Steinhardt das nicht untersucht.

Eine weitere phantastische Glanzleistung vollbringen die Autoren, wenn sie “sich Sorgen machen” mit “negativer Einstellung” gleichsetzen. Wer sich also Sorgen über Zuwanderung macht, der hat ihrer Ansicht nach eine negative Einstellung zu Zuwanderern, was logisch zu dem Schluss führt, dass Eltern, die sich Sorgen über ihre Kinder machen, eine negative Einstellung gegenüber ihren Kindern haben müssen. Wer sich Sorgen über die Gesundheit seines Erbonkels macht, ist entsprechend als Erbschleicher enttarnt! Machen Sie sich eigentlich Sorgen über das, was alles als SOEP-Paper veröffentlicht wird?

Mit ihrer Phantasie wollen Poutvaara und Steinhard es jedoch nicht bewenden lassen. Ein wenig Unterstellung muss schon auch noch sein:

“Increasing bitterness is associated with growing worries about
immigration. One explanation is that those who are bitter have spiteful or envious preferences (Falk et al. 2005). They are deeply disappointed from life and wish to deny opportunities to improve one’s life also to others, including immigrants. An alternative interpretation behind the link between bitterness and attitudes towards immigration is that opportunities and potential success of others could make own failure hurt even more.”

Wer also denkt, er sei in seinem Leben hinter seinen Möglichkeiten geblieben, weil er nicht fair behandelt wurde, wer sich zudem Sorgen über die Zuwanderung nach Deutschland macht, der ist entweder eine gescheiterte Existent, die verhindern will, mit erfolgreichen Migranten konfrontiert zu werden oder ein bösartiger (spiteful) Neidhammel, der alles daran setzt, Zuwanderern die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu verbessern, zu verbauen.

Sind diese Unterstellungen, die auf keinerlei empirischer Basis vorgenommen werden, nun erschreckend, erstaunlich oder schlicht der Ausdruck wissenschaftlicher Boshaftigkeit, die von Neidhammeln ausgeht, die andere verunglimpfen, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie es im Leben an keine oder nur eine drittklassige Hochschule geschafft haben, obwohl Hochschulen derzeit mangels Angebot so ziemlich jeden als wissenschaftlichen Mitarbeiter rekrutieren, sofern er seinen Namen richtig schreiben kann?

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Fakten zu Flüchtlingen

Täglich liest man in deutschen Medien über Flüchtlinge. Alleine heute finden sich sechs Beiträge im Online-Angebot der Welt, drei bei der ARD und fünf im entsprechenden Angebot der FAZ. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Berichte, Kommentare und Meinungsartikel. Nur selten finden sich Fakten zu Flüchtlingen, Angaben zu den Personen, die tatsächlich nach Deutschland kommen.

Deshalb haben wir die Sache mit den Daten in die Hand genommen und uns auf die Suche nach zunächst Arbeitsmarktdaten gemacht, um die Diskussion über Flüchtlinge faktisch zu fundieren, denn bevor man sich, wie dies die ARD tut, fragt, wie Flüchtlinge Deutschland verändern werden, muss man wissen, wer überhaupt nach Deutschland kommt.

Die Daten, die wir zusammengesucht haben, stammen im Wesentlichen aus den Beständen des IAB in Nürnberg bzw. des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

  • Asylantraege 2015sep

    Bundesamt für Migration und Flüchtlinge; Asylgeschäftsstatistik September 2015;

    Im Vergleich zu September 2014 ist im September 2015 die ausländische Bevölkerung in Deutschland um rund 750.000 Personen gewachsen. Dieser Netto-Saldo ergibt sich, wenn die Ausländer, die Deutschland wieder verlassen haben, von denen, die zugewandert sind, subtrahiert werden.

  • Im Zeitraum von Januar 2015 bis September 2015 sind rund 580.000 Flüchtlinge erfasst worden. Allein 160.000 davon sind im September eingereist.
  • Die Flüchtlinge kommen vornehmlich aus Kriegsgebieten (84%). im September kamen 52% der Flüchtlinge aus Syrien, wohingehend sechs Prozent aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Mazedonien, Montenegro oder Serbien zugewandert sind. Im Januar war dies noch anders. Damals kanmen 23% der Zuwanderer aus den genannten Ländern des Westbalkans.
  • Von Januar bis September wurden rund 275.000 Asylanträge gestellt. Im selben Zeitraum wurden 175.000 Asylanträge beschieden: 39,1% der Anträge endeten mit einer Bewilligung von Asyl, 38,4% mit einer Ablehnung des Asylantrags.
  • Fast alle Anträge, die von Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak gestellt werden, enden mit einer Bewilligung von Asyl, während fast alle Anträge, die von Bürgern aus Staaten des Westbalkans, also Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Mazedonien, Montenegro oder Serbien gestellt werden, mit einer Ablehung der Bewilligung von Asyl enden.
  • Mit dem Status als Ayslbewerber ist verbunden, dass faktisch kein Zugang zum Arbeitsmarkt besteht. Während des Asylverfahrens haben die Bewerber in der Regel einen so genannten nachrangingen Zugang zum Arbeitsmarkt, der aufgrund der damit verbundenen Unsicherheit einem Arbeitsverbot gleichkommt. Erst mit der Bewilligung von Asyl erhalten Flüchtlinge (sofern es sich bei Ihnen nicht um Kontingentflüchtlinge handelt) eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis und somit unbeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Von Januar bis September 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge, die freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben um rund 47.000 gewachsen. Die Arbeitslosenquote unter Flüchtlingen beträgt derzeit rund 42%.
  • Asylantraege bewilligung 2015sep

    Bundesamt für Migration und Flüchtlinge; Asylgeschäftsstatistik September 2015;

    Für 2016 hat das IAB eine Zunahme der erwerbsfähigen Flüchtlinge um 324.000 Personen errechnet. Im Jahr 2017 werden es weitere 610.000 Personen sein, die vom deutschen Arbeitsmarkt aufgenommen werden müssen. Da die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt in der Regel einige Jahre in Anspruch nimmt, rechnet man beim IAB mit einer Zunahme der arbeitslosen Flüchtlinge um 70.000 bis 210.000 Personen.

Die berichteten Daten machen die Größenordnung dessen deutlich, was “wir schon schaffen”. Um tatsächlich erfolgreich bei der Integration von knapp einer Million Personen in den deutschen Arbeitsmarkt zu sein, wäre es sinnvoll, die Qualifikationsstufen der Flüchtlinge zu kennen. Bislang gibt es dazu jedoch keine uns bekannten Daten, so dass die Integration in den Arbeitsmarkt ein Blindflug werden wird, der mit der Hoffnung verbunden ist, dass der Markt das schon regeln wird. Angesichts der ansonsten herrschenden Regelungs- und Planungswut, eine erstaunliche Hoffnung, die vermutlich auf eine komplette kognitive Überforderung der politischen Klasse zurückzuführen ist.

Alles, was es derzeit zum Qualifikationsniveau von Flüchtlingen an Mutmaßungen gibt, wie z.B. das hier, gleicht eher dem Lesen von Kaffeesatz als der informierten Analyse.

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Die Hemmschwelle: Ein Justizminister, der diffamiert und an Geister glaubt

Wir haben uns gestern schon zu einer interessanten geistigen Fehlleistung geäußert. Dabei geht es um kausale Beziehungen. Also um Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Wenn z.B. jemand eine Frage stellt und ein anderer antwortet, dann ist man zumeist geneigt, die Frage als Ursache der Antwort anzusehen, selbst dann, wenn die Antwort mit der Frage nicht viel gemein hat. Die zeitliche Nähe und die Tatsache, dass Frager und Antworter in einer in der Regel erkennbaren Beziehung zueinander stehen bzw. dass man eine solche Beziehung herstellen kann, sind die Ursache für die Annahme der Kausalität.

Problematisch wird es mit der Kausalität, wenn Ursache und Wirkung sich nicht unmittelbar nachfolgen, wenn die Ursache vorgestern war und die Wirkung heute sein soll. Noch problematischer wird es mit der Kausalität, wenn nicht nur eine zeitliche Entfernung zwischen Ursache und Wirkung, sondern zudem keine direkte und begründete Beziehung zwischen beiden hergestellt werden kann.

Das ist eine Situation, wie geschaffen für Wahnvorstellungen, wie geschaffen für Brandstifter, wie geschaffen für Geisterheiler und Phantasten aller Art und wie geschaffen für Politiker, denn die Haupttätigkeit, die Politiker heutzutage für sich entdeckt zu haben scheinen, besteht darin, mehr oder weniger sinnfreie Beziehungen zu behaupten und als Ursache und Wirkung auszugeben.

Es sind diese Situationen, in denen Politiker versuchen Verbindungen herzustellen, die ihnen genehm sind, in denen der Geisterglaube, der Glaube an frei flottierende Viren, an Dämonen und Geister seine Blüte erlebt, z.B. dann, wenn Heiko Maas das Folgende von sich gibt:

Heiko Maas“Heiko Maas: Nein. Ich finde, wir müssen an dieser Stelle klar Farbe bekennen. Deutschland ist ein tolerantes und weltoffenes Land. Bei Pegida versammelt sich eine extrem radikale Minderheit. Wer Galgen baut und Menschen daran baumeln sehen will, setzt Hemmschwellen herab. Niemand, der da mitläuft, kann sich von der Verantwortung frei machen, für die Taten, die diese Hetze inspiriert. Für brennende Heime oder verletze Flüchtlingshelfer. Da gibt es keine Ausrede mehr.”

Und weil das noch nicht reicht, kommt Andreas Zick, der als Vorsitzender des Stiftungsrates der Amadeu Antonio Stiftung, die davon lebt, dass es Rechtsextreme gibt, gegen die die Stiftung steuerfinanzierte Maßnahmen durchführen kann, der also ein Interesse daran hat, dass der Nachschub an Rechtsextremen auch nicht versiegt (selbst wenn man die gesellschaftliche Mitte anbohren muss), und gibt Folgendes zum Besten:

“Menschen können sich durch die fremdenfeindlichen Parolen der “Pegida”-Bewegung zur Gewalt angestachelt fühlen, warnen auch Experten, wie der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick: “Die AfD heizt die Stimmung an. Man muss auf [den] Ton achten, der sehr aggressiv ist. Auch die entsprechenden Symbole sind da. Die AfD schürt diesen Konflikt, in den wir alle hineingezogen werden.””

Beide, Maas und Zick, machen also eine kausale Verbindung zwischen Pegida, AfD (dem politischen Gegner von zumindest Heiko Maas, mit dem er um Wählerstimmen konkurriert) und “brennenden Flüchtlingsheimen und verletzten Flüchtlingshelfern” oder ganz allgemein “Gewalt”, zu der sich Menschen durch die Pegida angestachelt fühlen können, wie der Konfliktforscher Zick zu wissen meint (wobei das “können” das operative Wort hier ist, denn können kann man vieles …).

//platform.twitter.com/widgets.js Die Kausalität, die Maas und Zick behaupten, und die von der Ursache “Pegida” oder “AfD” zur Wirkung “brennendes Flüchtlingsheim”, “verletzter Flüchtlingshelfer” oder “Gewalt allgemein” führt, wird bei beiden durch eine dritte Variable, die die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung sicherstellen soll, vermittelt: durch die angeheizte Stimmung bei Zick und durch die von gebauten Galgen herabgesetzte Hemmschwelle bei Maas.

Also: Galgen bei Pegida führt zu heruntergesetzter Hemmschwelle, führt zu verletzten Flüchtlingshelfern oder brennenden Flüchtlingsheimen.
Und: Fremdenfeindliche Parolen können Menschen anstacheln und zu Gewalt führen.

Das muss man sich in Ruhe zu Gemüte führen. Ein Justizminister, der einem Stand von Leuten vorsteht, die auf Grundlage von Indizien oder Beweisen ein Urteil fällen sollen, glaubt an spirituelle Verbindungen, einen klimatischen Dämon (einem, der das Klima vergiftet), der zwischen einem Galgen an einem Ort und einem brennenden Flüchlingsheim an einem anderen Ort eine Verbindung herstellt, und ein angeblicher Konfliktforscher hängt dem Glauben an, dass Parolen an einem Ort anstacheln können und zu Gewalt an einem anderen Ort führen können.

Um sich zu vergegenwärtigen, dass diese Rabulistik sich nicht einmal als logischer Fehlschluss qualifiziert, muss man nur die folgenden Behauptungen aufstellen:

Die Tatsache, dass ein Justizminister versucht, einen Teil seiner Bevölkerung zu kriminalisieren und als Personae non Gratae darzustellen, radikalisiert Dritte, die die Bekundungen des Justiztministern als Beleg dafür nehmen, dass die Interessen von Menschen dann, wenn sie der politischen Kaste nicht in den Kram passen, nicht ernst genommen werden, dazu, Flüchtlingsheime anzuzünden und Flüchtlingshelfer zu verletzten, und zwar als Kompensation dafür, dass man in der politischen Kaste kein Gehör findet.

Oder: Das ständige Zetern von angeblichen Forschern für irgendetwas, die von Symbolen faseln, die dazu aufstacheln können, dass Gewalt verübt wird, hat zur Folge, dass Dritte, die mit der Pegida überhaupt nichts zu tun haben, auf den Geschmack kommen und denken, der Herr Zick hat Recht, ich werde radikal, stachle mich auf und verübe Gewalt, damit er hat, was er sich wünscht.

Dass man in Deutschland mit derart dummen und leicht durchschaubaren Manipulationsversuchen Claqueure auf seine Seite ziehen kann, ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland weder ein demokratisches System hat noch eine Zivilgesellschaft. Deutschland ist und bleibt (bis auf weiteres) ein Obrigkeitsstaat, in dem diejenigen, die sich oben wähnen, hoch alarmiert reagieren, wenn sie Kritik ausgesetzt sind, die man in demokratischen Gesellschaften als normale Wahrnehmung demokratischer Rechte ansehen würde.

Um auch noch den zweiten Teil dessen, was Heiko Maas im Hinblick auf die Verantwortung der Mitläufer zu sagen weiß, in seiner ganzen logischen Erbärmlichkeit darzustellen, hier eine Anwendung seiner eigenen Logik:

Nach einem Bericht der Zeit mehren sich in den Fraktionen des Bundestages die Fälle von Steuerhinterziehung. Wer Steuern hinterzieht, “setzt Hemmschwellen herab”. Niemand, der sich einer Bundestagsfraktion mit Steuerhinterziehern anschließt, “kann sich von der Verantwortung frei machen, für die Taten, die diese” Steuerhinterziehung inspiriert. “Da gibt es keine Ausrede mehr.”

Baader Meinhof komplexEs sei den Linken unter unseren Lesern und vor allem Heiko Maas angeraten, das Buch “Der Baader Meinhof Komplex” von Stefan Aust zu lesen. Aust beschreibt darin sehr eindrücklich, wie die Radikalisierung der Baader Meinhof Gruppe und deren Entscheidung, Gewalt anzuwenden, eine Funktion der eigenen empfundenen Ohnmächtigkeit, der eigenen Ausgrenzung durch die politische Kaste und der Diffamierung durch die politische Kaste war.

Die Aufgabe besteht nun darin, die Situation, in der sich die Baader Meinhof Gruppe gefunden hat, mit der heutigen Situation in Verbindung zu bringen und daraus Schlüsse zu ziehen, z.B. im Hinblick auf das eigene Auftreten gegenüber der Pegida und den Bürgern, die dort mitlaufen. Im Gegensatz zu den Behauptungen von Heiko Maas, kann man nämlich auf Basis der Reaktionen von Personen wie Maas auf die Pegida und auf Grundlage von sozialpsychologischen Theorien eine Radikalisierung vorhersagen, die nicht einmal Mitläufer der Pegida zum Gegenstand haben muss, denn die Tatsache, dass Bürger von einem, der Justizminister spielt, diffamiert werden, weil sie ein demokratisches Grundrecht in Anspruch nehmen, ist gut dokumentiert und jederzeit als Grundlage einer Radikalisierung und generellen Ablehnung von politischer Kaste und politischem System nutzbar – das würde dann Heiko Maas zum Brandstifter machen, sozialpsychologisch, z.B. mit der Theorie kognitiver Dissonanz unterfüttert.

Ahnungslose Journalisten: Manipulation so einfach wie nie!

In den  letzten Tagen konnte man bewundern, wie die Erfindung der unbezahlten Arbeit vorangetrieben wurde. Anlass ist u.a. eine Pressemeldung des Statistischen Bundesamts, die mit “Jeder dritte Vater wünscht sich mehr Zeit für seine Kinder” überschrieben ist.

Punkt 1 der Pressemeldung lautet:

  • Väter und Mütter leisten pro Woche knapp 10 Stunden mehr bezahlte und unbezahlte Arbeit als Personen ohne Kinder. Dies ist vor allem auf ein höheres Pensum an unbezahlter Arbeit zurückzuführen.

DestatisDie Pressemitteilung ist Teil eines großen Presseauftriebs, bei dem man u.a. Roderich Egeler, den Präsidenten des Statistischen Bundesamts, hat viel über unbezahlte Arbeit erzählen hören. Seine wichtigsten Punkte sind die folgenden:

  • Frauen ab 18 Jahre arbeiten mit 45,5 Stunden in der Woche eine Stunde mehr als Männer. Das ist auf das größere Volumen an unbezahlter Arbeit zurückzuführen.
  • Väter und Mütter leisten pro Woche 10 Stunden mehr Arbeit (also bezahlte und unbezahlte Arbeit) als Personen ohne Kinder.
  • Mütter wenden doppelt so viel Zeit für die Kinderbetreuung auf wie Väter.

Abermals ist die unbezahlte Arbeit an vorderster Front zu finden. Sie ist die Ursache allen Übels, sie soll offensichtlich zum neuen Gap aufgebaut werden, das z.B. von der Darstellerin, die derzeit Bundesminister für FSFJ mimt, aufgenommen wird, um die 32 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich für Eltern zu fordern, weil die so überlastet sind. Schließlich arbeiten sie 10 Stunden mehr unbezahlt (und bezahlt?) als Personen ohne Kinder.

Nur: Was ist diese unbezahlte Arbeit?

Von denen, die die unbezahlte Arbeit anführen, sagt niemand, was sich dahinter verbirgt.

Von den Journalisten, die mit unbezahlter Arbeit konfrontiert werden, fragt niemand, was sich dahinter verbirgt.

Die unbezahlte Arbeit, sie ist ein Mysterium, das der Erkundung durch ScienceFiles harrt.

Nehmen wir eine Grafik zum Ausgangspunkt, die Roderich Egeler unvorsichtiger Weise mit seiner Präsentation verteilt hat:

Roderich egeler prae

Wenn man der Abbildung auch nicht entnehmen kann, was die geheimnisvolle “unbezahlte Arbeit” sein soll, so weiß man doch, was es nicht ist:

  • Schlaf und Körperpflege sind keine unbezahlte Arbeit.
  • Erwerbstätigkeit und Bildung sind keine unbezahlte Arbeit.
  • Essen ist keine unbezahlte Arbeit.
  • Sonstiges ist keine unbezahlte Arbeit.
  • Freizeit ist keine unbezahlte Arbeit.

Immerhin.
Die Suche nach der unbezahlten Arbeit, sie ist damit bei Egeler ans Ende gelangt, denn Egeler erzählt nur von der unbezahlten Arbeit, er sagt nicht, was es ist, das hier gearbeitet wird und unbezahlt bleibt.

Unsere Suche führt uns daher weg von Egeler und hin zur Zeitverwendungserhebung, die “Aktivitäten in Stunden und Minuten für ausgewählte Personengruppen” umfasst. Sie bildet die Grundlage für die Aussagen Egelers und zeichnet sich dadurch aus, dass “unbezahlte Arbeit” in keiner Weise, weder als Begriff noch als Datum in der gesamten Ergebung, auf den gesamten 162 Seiten vorkommt.

Was also wurde hier als unbezahlte Arbeit zusammengeschustert?

Nun, die Daten in der Zeitverwendungserhebung, sie sind in Kategorien unterteilt, und zwar die folgenden:

  • Physiologische Regeneration (Schlafen, Essen und Trinken);
  • Erwerbstätigkeit;
  • Qualifikation, Bildung;
  • Haushaltsführung und Betreuung der Familie;
  • Ehrenamt, freilliges Engagement, Unterstützung anderer Haushalte, Versammlungen;
  • Soziales Leben und Unterhaltung;
  • Sport, Hobbys, Spiele;
  • Mediennutzung;

Halten wir Egeler zu Gute, dass er Mediennutzung, soziales Leben und Unterhaltung, ebenso wie Sport, Hobbys und Spiele und Ehrenämter, freiwilliges Engagement und Unterstützung anderer Haushalte sowie Versammlungen, nicht als unbezahlte Arbeit ansieht, dann bleibt für die unbezahlte Arbeit der Punkt “Haushaltsführung und Betreuung der Familie”.

Folglich umfasst die unbezahlte Arbeit:

  • Zubereitung von Mahlzeiten inkl. Geschirrspülen;
  • Instandhaltung von Haus und Wohnung, inkl. Wäschewaschen;
  • Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege;
  • Bauen und handwerkliche Tätigkeiten;
  • Einkaufen und Inanspruchnahme von Fremdleistungen;
  • Betreuung von Kindern im Haushalt;
  • Unterstützung, Pflege und Betreuung von erwachsenen Haushaltsmitgliedern,
  • Andere Tätigkeiten im Bereich Haushaltsführung, darunter: Wegzeiten;

Wie so oft kommt man dann, wenn man nur einen kurzen Blick in die Daten wirft, auf denen der ideologische Popanz aufgesetzt ist, der Journalisten präsentiert wird, die nur darauf zu warten scheinen, die entsprechenden ideologischen Kröten roh und ungekaut zu schlucken, zu der Frage: Halten die ihre Mitmenschen wirklich für so dumm?

x fuer uDenkt Herr Egeler, wenn er behauptet, dass Väter und Mütter pro Woche 10 Stunden mehr arbeiten als Personen ohne Kinder, dann kommt niemand darauf, dass in die angebliche Mehrarbeit die Zeit für Kinderbetreuung, die bei Kinderfreien zwangsläufig 0 Stunden, 0 Minuten und 0 Sekunden einnimmt, mit eingerechnet wurde?

Welch’ billiger Versuch, die Öffentlichkeit hinter das Licht zu führen ist das denn? Ganz zu schweigen von den Wegzeiten, die anfallen, um Kinder von A nach B zu kutschieren und den Zubereitungszeiten für Mittagessen, die bei vollerwerbstätigen Kinderlosen durch Essen in der Kantine, das nicht als unbezahlte Arbeit, sondern als bezahlte Arbeit angerechnet wird, ersetzt wird.

Gibt es in Deutschland wirklich eine nennenswerte Anzahl von Leuten, die auf derart billige Tricks und grobe Versuche, andere hinters Licht zu führen, hereinfällt – außer Journalisten?

Es ist erschreckend.

So erschreckend, wie die Funktionsfähigkeit des alten Tricks der Auslassung. Mütter wenden doppelt so viel Zeit für die Betreuung von Kindern auf “als”, (steht so im Original) Väter, so verkündet Herr Egeler. Die Journalisten, die an seinem Speichel hängen, sie tragen es willig weiter. Und sie merken nicht einmal, dass hier etwas seltsam ist, dass etwas fehlt, etwas von Seite 3 der Egelerschen Präsentation.

Männer verbringen im Durchschnitt 25 Stunden und 13 Minuten pro Woche mit Erwerbsarbeit, Frauen 16,09 Stunden. Frauen verwenden 10,15 Stunden für Kinderbetreuung, wie man aus der Pressemeldung des Statistischen Bundesamts entnehmen kann, Männer 7,075 Stunden. D.h. Männer arbeiten in der Woche 8 Stunden und 54 Minuten mehr als Frauen, verbringen aber nur 7,075 Stunden weniger mit Kinderbetreuung als Frauen.

Was bitte machen die Frauen in den verbliebenden 1,52 Stunden? Fernsehschauen?

Anyway, wozu ist es wichtig, die Zeitverwendung von Männern und Frauen zu kontrollieren? Ah, wir haben es vergessen, die Laiendarstellerin im BMFSFJ, die den Minister gibt, will wieder etwas fordern: 32 Stunden für Eltern maximale Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich… und wer darf es bezahlen: Die Kinderfreien, weil sie vollerwerbstätig sind und in der Kantine essen.

Es wird übrigens niemand dazu gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Wer sich dafür entscheidet, von dem muss angenommen werden, dass er sich überlegt hat, was er tut und entsprechend die Verantwortung für seine Entscheidung übernimmt. Die Verantwortung umfasst auch die Arbeit, die Kinder verursachen. Dass sie Arbeit verursachen, ist eigentlich hinreichend bekannt, so dass es etwas seltsam, weil zu offen nutznießerisch wirkt, wenn nun gejammert wird, dass die Betreuung von Kindern unbezahlte Arbeit sei und Eltern ein Ausgleich gewährt werden müsse.

Die Arbeit am Kinde, sie ist übrigens keine unbezahlte Arbeit, sie wird mit allerlei Vergünstigungen bezahlt, vom Kindergeld über den Kinderfreibetrag, die Bereitstellung von Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten aus Steuergeldern, über Muttergeld und Barbeträge im Rahmen von Hartz IV bis zu all den anderen Vergünstigungen, die ausgelöst werden, weil die großartige Leistung menschlicher Fertilität erbracht wurde.

Ein Herz für Werbung – ausgerechnet die ARD

Bei der ARD hat man ein Herz für Werbung: “Milliardenverluste durch Werbeblocker“, so wird getitelt und anschließend werden die Ergebnisse einer “aktuellen Studie” berichtet. “The Cost of Blocking”, heißt die Studie, von der man nicht mehr erfährt als ihren Titel und den Inhalt, den die Verfasser der Studie unter “Key Insights” zusammengestellt haben:

198 Millionen Nutzer weltweit blocken Werbung.

In Deutschland sind 18 Millionen Internetnutzer aktive Werbe-Blocker.

Das Wachstum der Werbeblocker ist immens und beträgt 41% weltweit und im Verlauf von nur einem Jahr (in Deutschland ist die Anzahl der Werbeblocker um 17% gewachsen).

AdblockSchlechte Nachrichten sind das – für die Werbeindustrie. “Allein in diesem Jahr”, so jammert man bei der ARD mit Bezug auf die “Studie”, gehen durch Werbeblocker weltweit “21,8 Milliarden Dollar an Werbeeinnahmen verloren. Für 2016 wird sogar mit Verlusten in Höhe von 41,4 Milliarden Dollar gerechnet”.

Und weil das noch nicht reicht, nun der Herz-Schmerz-Teil: “Es stehe ‘die Zukunft der frei verfügbaren Inhalte im Internet” auf dem Spiel.

Alle Leser, die sich jetzt Sorgen machen: Nein, ScienceFiles steht nicht auf dem Spiel, und ScienceFiles wird auch weiterhin werbefrei sein. Wir bezahlen sogar dafür, dass WordPress seine idiotischen Werbeinhalte unseren Lesern nicht zumutet.

Da fragt man sich doch: Woher kommt dieses Herz für Werbung bei der ARD?

Und welche Studie ist das überhaupt, die bei der ARD besprochen wird?

Und wie kommen die Autoren der Studie (wer sind überhuapt die Autoren) zu ihrer Schätzung der Verluste?

Also haben wir uns auf die Suche gemacht und sind fündig geworden:

“The Cost of Blocking” heißt im Untertitel: PageFair and Adobe 2015 Ad Blocking Report.

PageFair ist ein Unternehmen mit Sitz in Irland, das sich wie folgt beschreibt:

“PageFair is an international startup based in Dublin, Ireland. Founded in 2012, the company was initially funded by its founders with additional seed capital from Tribal Ventures, Frontline Ventures, and Enterprise Ireland. Hundreds of publishers now use PageFair to measure the cost of adblocking and to display alternative non-intrusive advertising to adblockers.

Mit anderen Worten, PageFair bietet den Unglücklichen, deren Werbung geblockt wird, eine Möglichkeit, die Blocker zu umgehen und verdient an dieser Möglichkeit, verdient umso mehr, je verbreiteter Werbeblocker wie AdBlock unter Google Chrome sind. Und die ARD macht ja dankenswerter Weise Werbung für diese Werbeblocker, auf dass sie weite Verbreitung finden und die Nachfrage nach den Leistungen von PageFair steigt (um keine Missvertändnisse aufkommen zu lassen, wir haben auch AdBlock installiert und dadurch ergänzt, dass Adobe-Programme nur nach Erlaubnis Inhalte laden).

Öffentlich-rechtliches Mentoring, wenn man so will, gepaart mit scaremongering, wie man in der englischsprachigen Welt sagt, Angstmacherei ist wohl die beste Übersetzung für den aktiven Versuch, das freie und kostenlose Internet totzureden – für die ARD ein Leichtes, werden die Inhalte der ARD doch zwangsfinanziert und müssen sich an keinem Markt behaupten.

Dort hätten sie auch keinen leichten Stand, denn das Abschreiben von Key Insights aus Berichten, die noch ein paar mehr Seiten umfassen als die Zusammenfassung reicht nicht aus, um eine Neuigkeit zu generieren. Gewöhnlich wird von Bloggern oder anderen Anbietern von Informationen, die nicht zwangsfinanziert sind, eine begründete Wertung dessen vorgenommen, was den Lesern da vorgesetzt wird.

Und bei Studien ist es immer sinnvoll, die neuralgischen Stellen zu identifizieren und die Methoden zu betrachten, die genutzt wurden, um die damit verbundenen Probleme zu beseitigen.

rat_student cartoonDie neuralgische Stelle im vorliegenden Fall ist die Schätzung der Umsatzeinbußen in Höhe von 21,8 Milliarden Dollar für das Jahr 2015. Wie haben Campbell Foster von Adobe und Sean Blanchfield von PageFair, die für den Beitrag verantwortlich zeichnen, diese Verluste prognostiziert?

So:

“Potential digital advertising revenue was calculated by dividing the reported revenue for 2014 (source eMarketer) by (1-the ad blocking rate in a particular country). Blocked advertising revenue was estimated as the difference between potential and reported revenue. (15)

In Deutschland nutzen 25,3% der Internetnutzer einen Werbeblocker, jedenfalls haben 25,3% der Internetnutzer einen Werbeblocker installiert bzw. einen aktiven Block-Account bei Google oder Firefox.

Sagen wir, die Werbeeinnahmen für das Jahr 2014 haben in Deutschland 200 Millionen Euro betragen. Die Projektion für 2015 besteht nun einfach darin, die 200 Millionen Euro um 25,3%, also die Zahl der aktiven Werbe-Blocker im Jahr 2014 zu reduzieren. 25,3% entsprechen einer Reduktion um 50,6 Millionen Euro.

Eh voilá.

Diese Vorgehensweise basiert auf einer Reihe von problematischen Annahmen, am problematischsten, weil nachweislich falsch, ist natürlich die Annahme, dass 2013 keinerlei Blocker vorhanden gewesen sind. Nun zeigen die Daten des Berichts, dass die Anzahl der Blocker im Jahr 2014 um 17% in Deutschland gewachsen ist (6), so dass man zu rund 21% aktiven Werbe-Blockern im Jahre 2013 kommt. Entsprechend reduziert sich der prognostizierte Verlust von 50,6 Millionen Euro auf 8,6 Millionen Euro und somit um 83%.

Ein einfacher Trick führt also dazu, dass nicht nur die Verluste durch Werbeblocker ins Astronomische steigen (was die Nachfrage nach den Leistungen von PageFair befördert), er führt auch dazu, dass die ARD ihr Herz für Werbung entdeckt und den deutschen Internetnutzern, die doch so gerne in kostenlosen Inhalten surfen, ins Gewissen redet.

Was man der ARD wohl dafür bezahlt hat, dass sie diese seltsame Ausnahme aus der ansonsten doch so negativen Einschätzung dessen, was Unternehmen tun und berichten, gemacht hat?

Was auch immer: Journalismus sieht anders aus.

Land Berlin klagt gegen Bundeskriminalamt

Fast wäre diese Nachricht im Wust der irrelevanten Meldungen untergegangen:

Land Berlin klagt gegen Bundeskriminalamt.

Berlin.svgIm Berliner Senat ärgert man sich darüber, dass Berlin in den Statistiken des Bundeskriminalamts, vor allem in der Polizeilichen Kriminalstatistik immer besonders schlecht abschneidet. Man wittert eine Kampagne gegen Berlin, die darauf abzielt, die Stadt als Touristenattraktion in Misskredit zu bringen und wähnt, die daraus entstehenden Verluste für die Gastronomie und Hotellerie und vor allem die Einnahmeverluste des Landes Berlin gingen in Milliardenhöhe.

Deshalb hat der Berliner Senat vor dem Bundesverfassungsgericht Klage gegen das Bundeskriminalamt und die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2013 eingelegt. In der Begründung heißt es u.a. Berlin werde in der Polizeilichen Kriminalstatistik systematisch schlecht gemacht.

Berlin habe 4,2% der Einwohner in Deutschland, werde aber für 8,4% der erfassten Straftaten verantwortlich gemacht. Das sei nicht gerecht. Ebenso wenig sei es vertretbar, die Stadt zum Schlusslicht bei der Aufklärung von Straftaten unter den Bundesländern zu erklären.

Der Berliner Senat zweifelt die Rechtmäßigkeit der entsprechenden Erfassung an.

Mit 54,3% aufgeklärten Fällen bei Betrug, 34,7% aufgeklärten Fällen bei Raub, 7% bei Einbruchsdiebstahl finde sich Berlin immer am Ende der Erfolgsskala – als Schlusslicht der Bundesländer. Dies sei eine Wertung durch das Bundeskriminalamt, die man in Berlin nicht mehr länger hinnehmen wolle.

Die Darstellung der Stadt in der Polizeilichen Kriminalstatistik vermittle den Eindruck, Berlin sei das Venedig der Kriminalität, die Polizei der Stadt eine entweder korrupte oder unfähige, in jedem Fall wirkungslose Einrichtung. Letztlich falle diese negative Darstellung der Stadt in den Statistiken des Bundeskriminalamtes auf den Senat und die darin befindlichen Parteien zurück und lasse sie alle in einem schlechten Licht erscheinen.

Fast müsse man sich schon schämen, wenn man bekenne, dass man ein Berliner sei. Einst sei dies eine Auszeichnung gewesen, heute habe es bei denen, die es hörten, Mitleid zur Folge.

Schuld daran sei die verzerrt, schiefe, unsachgemäße, übertriebene, ungünstige, in jedem Fall falsche Darstellung der Stadt Berlin in den Statistiken des Bundeskriminalamts.

Deshalb hat der Berliner Senat das Bundeskriminalamt vor dem Bundesverfassungsgericht auf Unterlassung, hilfsweise auf eine bessere Darstellung verklagt, die Berlin bei der Menge der verübten Straftaten, der Aufklärungsquote bzw. der Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen mindestens mit Bayern gleichstellt.

Wie die Bundesverfassungsrichter im vorliegenden Fall entscheiden werden, ob Susanne Baer sich befangen erklärt und von der Entscheidung ausschließt, wir werden es auf ScienceFiles berichten.

Möglicherweise haben wir aber eine Pressemeldung verwechselt und Berlin klagt gar nicht gegen das Bundeskriminalamt, sondern gegen das Statistische Bundesamt, und auch nicht deshalb, weil die Stadt in der Polizeilichen Kriminalstatistik so schlecht abschneidet, sondern deshalb, weil in Berlin bei der letzten Volkszählung (im Zensus) 2011 in Berlin 1,6 Millionen Einwohner weniger gezählt wurden als gedacht, und weil Berlin deshalb 1,6 Milliarden Euro weniger aus dem Länderfinanzausgleich erhält.

Wie gesagt, möglicherweise haben wir das verwechselt – vielleicht auch nicht.

Da heute die Affen den Zoo regieren, kann man sich nicht mehr an Plausibilität und Normalitätsvorstellung orientieren. Deshalb fragen wir unsere Leser: Was meinen Sie, wen das Land Berlin verklagt hat?

Berlin gegen wen?

Bundesdaten zeigen einmal mehr: Der Staatsfeminismus ist komplett gescheitert

Wir sind auf eine sehr nützliche Statistik des Bundes gestoßen. Sie wird beim IAB in Nürnberg geführt und nennt sich eher nichtssagend: Berufe im Spiegel der Statistik.

Die statistischen Daten sind eine Fundgrube für alle, die sich mit z.B. Arbeitsmarktforschung beschäftigen, und sie sind eine Fundgrube für Soziologen, die noch an Daten interessiert sind und die Hypothesen testen wollen …

… zum Beispiel die Hypothese, dass die vielen Programme des Bundes, die der Förderung von Frauen vor allem in MINT-Fächern dienen, etwas gebracht haben.

Professorinnenprogramm, MINT-Förderung, Girls-Day, all die unzähligen Programme, die einer großen Anzahl von Förderen ein Einkommen verschaffen, damit sie zunächst einmal Netzwerktreffen organisieren können, um dann zu überlegen, wie man Mädchen zum Studium von MINT-Fächern und dazu bewegen kann, dass sie sich in gesellschaftlich nützlicher Weise engagieren, sie dienen eigentlich einem Zweck. Nur: Wird dieser Zweck eigentlich erreicht?

Wenn die vielen Programme und Maßnahmen der Frauenförderung erfolgreich wären, dann müsste über die letzten Jahre die Anzahl z.B. weiblicher Ingenieure größer geworden sein, und zwar überproportional zur Anzahl männlicher.

Die oben genannten Daten machen es möglich, diese Hypothese zu testen.

Mehr noch: Sie erlauben es, den Einfluss von Förderprogrammen wie dem Professorinnenprogramm auf Hochschulen und den Effekt, den der Staatsfeminismus auf die Wahl von Berufen hat, auszuweisen …

… und zwar mit folgenden Ergebnissen:

  • IngenieureDie ganzen MINT-Anstrengungen, vom Girls-Day über spezifische Förderprogramme, mit denen Mädchen in ein MINT-Studium getragen werden sollen, haben keinen erkennbaren Effekt. Die Anzahl weiblicher Ingenieure wächst im Vergleich zu männlichen Ingenieuren nicht überproportional.
  • Programme wie das Professorinnenprogramm und die vielen Förderprogramme, die Hochschulen für weibliche Studenten, Dozenten und Professoren ersonnen haben, haben dazu geführt, dass der Anteil der weiblichen Dozenten und Hochschullehrer mittlerweile schneller wächst als der Anteil der männlichen Dozenten und Hochschullehrer: Im Zeitraum von 1999 bis 2011 wächst die Anzahl weiblicher Dozenten und Hochschullehrer um 43,2% schneller als die der männlichen Dozenten und Hochschulehrer.
  • Am höchsten ist das Wachstum in kunst-, medien-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Berufen. Von 1999 bis 2011 ist die Anzahl der Beschäftigten um 87.322 gestiegen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum ist die Anzahl der Ingenieure um 72.152 Beschäftgte, die der Hochschullehrer und Dozenten um 21.728 Beschäftigte gewachsen. Dies entspricht einem Wachstum von 27,7% für Beschäftigte in kunst-, medien-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Berufen, von 11,5% für Ingenieure und von 50,7% für Dozenten und Hochschullehrer.

Man sieht anhand dieser Daten deutlich, was die Maßnahmen von Bund und Ländern tatsächlich befördern: Sie blähen den Hochschulbereich durch Addition von wenig relevanten Fächern und entsprechenden Hochschullehrern und Dozenten auf und haben die Anzahl derjenigen, die sich in kunst-, medien-, geistes- oder sozialwissenschaftliche Berufe flüchten, um 27,7% erhöht. In beiden Fällen ist der Zuwachs durch ein überproportionales Wachstum von weiblichen Beschäftigen verursacht.

HochschulllehrerEntsprechend kann man davon ausgehen, dass die Förderprogramme, mit denen Bund und Länder den Anteil von Frauen in MINT-Fächern und Berufen fördern wollen, eine interessante Konsequenz mit sich gebracht haben, indem sie den Anteil derjenigen, die durch das Ergreifen eines kunst-, medien-, geistes- oder sozialwissenschaftlichen Berufes in das Lamento derer einstimmen wollen, die beklagen, dass zu wenige Frauen z.B. den Beruf des Ingenieurs ergreifen und die entsprechend an der darauf aufbauenden Förderindustrie partizipieren wollen, erheblich angewachsen ist. Und mit ihnen ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu sein, gewachsen: Sie liegt für die entsprechenden Berufe 21% über dem Ausgangswert von 1999.

Im Gegensatz dazu hat sich bei Ingenieuren nichts verändert. Der Anteil von Frauen ist zwar seit 1999 gewachsen. Dies ist jedoch nur eine Zahlenspielerei, denn der Anteil von 12, 7% weiblicher Ingenieure im Jahr 2011 und im Vergleich zu 9,5% im Jahr 1999 entspricht einem Zuwachs um 29.238 weibliche Ingenieure. Im selben Zeitraum ist die Anzahl männlicher Ingenieure um 42.914 gestiegen.

Kurz: Man kann ein Scheitern auf der ganzen Linie vermelden.

geistessozialberufeAlles, was mit der Förderung von Frauen erreicht wurde, ist dass immer mehr Frauen an dieser Förderung partizipieren wollen, nicht jedoch, in dem sie wie intendiert einen der Berufe ergreifen, den die Bundesregierung mit so großer Anstrengung anpreist wie Sauerbier, sondern indem sie sich ihrerseits daran beteiligen wollen, die entsprechenden Berufe des Ingenieurs oder Informatikers Frauen anzupreisen.

Die derzeitige Entwicklung ist als Ausbildung eines weiblichen Wasserkopfes bestens beschrieben, schon weil die Entwicklung nicht, wie es so schön heißt, nachhaltig ist. Mal schauen, wann der Wasserkopf platzt.

DEXIT? Laufende ScienceFiles-Umfrage: Immer mehr wollen aus der EU austreten

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Die Umfrage darüber, ob Deutschland aus der EU austreten soll, die wir vor nunmehr drei Tagen online gestellt haben, und die immer noch läuft (siehe unten), erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zwischenzeitlich haben sich 1.612 Leser von ScienceFiles an der Umfrage beteiligt, die Verteilung der Antworten fällt nun noch deutlicher aus als wir vor zwei Tagen berichtet haben.

Soll Deutschland in der EU bleiben 2

Wie auch immer man es dreht und wendet, in Deutschland gibt es ein großes Potential von Menschen, die mit der EU unzufrieden sind und ihr lieber heute als morgen den Rücken kehren würden. Allein auf ScienceFiles haben sich 1.494 Leser gegen einen Verbleib in der EU ausgesprochen und damit mehr als in Umfragen von Emnid, Allensbach oder Forsa überhaupt befragt werden (Die entsprechenden Umfrageinstitute sind in der Regel froh, wenn sie 1000 Befragte zusammenbekommen).

Aber: Eure Umfrage ist doch gar nicht repräsentativ, so haben wir zu hören bekommen, obwohl wir auf dieses Thema bereits im Text eingegangen sind.

Da ist er wieder, der Mythos der Repräsentativität, den Umfrageinstitute seit Jahrzehnten nähren, hegen und pflegen, um den Anschein zu erwecken, ihre Gewichtungskünste, also die Instrumente aus der Giftküche der Sozialforschung, die wir bereits in einem zurückliegenden Post offengelegt haben, würden dabei helfen, dass aus 1000 Befragten, die man per Telefon zur Beantwortung standardisierter Fragebögen gedrängt hat, ein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung wird.

Das Interessante ist: Es gibt Leute, die das glauben.

Es gibt Leute, die denken, es sei möglich, eine Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit sagen wir aller erwachsenen Deutschen ab 18 Jahren zu ziehen und dabei sicherzustellen, dass jedes Element der Grundgesamtheit dieselbe Möglichkeit hat, in diese Stichprobe zu gelangen, weshalb diese Stichprobe von 1000 Befragten repräsentativ sei.

Nun, wer schon einmal mit Datensätzen von Meinungsforschungsinstituten gearbeitet hat und die geschätzt 12 verschiedenen Gewichtungsfaktoren zum Anfang der Datensätze in Erinnerung hat, mit denen die Abweichung des eigentlich doch repräsentativen Datensatzes im Hinblick auf die Altersverteilung, die Verteilung nach Geschlecht, die Verteilung nach Stadt und Land korrigiert werden soll, der kann nicht anders als über die Naivität der Repräsentativitätsgläubigen zu schmunzeln: Wäre die Zufallsauswahl repräsentativ, man müsste sie nicht gewichten – oder?

Schnell hill esserAber derart intime Kenntnisse von Datensätzen sind gar nicht notwendig, um den Unsinn hinter der Idee, man könne eine repräsentative Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit der deutschen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahren ziehen, zu erkennen.

Die Prämisse hinter der Zufallsauswahl setzt eine identische Erreichbarkeit aller Elemente der Grundgesamtheit voraus.

Utopischer kann eine Prämisse kaum sein.

Nehmen Sie an, Sie haben ein Befragungsinstitut mit einem Telefonpool und rufen abends von 17 Uhr bis 22 Uhr die Personen an, die sie aus dem Telefonbuch zufällig gezogen haben:

  • Alle, die nicht im Telefonbuch stehen, eine Geheimnummer haben, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht zuhause sind, weil sie z.B. Schicht arbeiten oder in einer Kneipe sitzen, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht ans Telefon gehen, weil sie sich beim Abendessen oder bei was auch immer nicht stören lassen wollen, sind nicht im Datensatz;

Wie man es dreht und wendet, der Datensatz ist nicht repräsentativ, denn nicht alle Elemente der Grundgesamtheit haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, an der Befragung teilzunehmen (das wäre zu einer anderen Uhrzeit nicht anders). Und die genannten, sind nicht die einzigen systematischen Ausfälle:

  • Wer im Krankenhaus liegt, der fällt aus.
  • Wer in Urlaub ist, der fällt aus.
  • Wer obdachlos ist, der fällt aus.
  • Wer stumm ist, der fällt aus.
  • Bei wem die Telekom das Telefon gesperrt hat, weil er seine letzten beiden Rechnungen nicht bezahlt hat, der fällt aus.

Aber natürlich ist der Datensatz, der von einem Meinungsforschungsinstitut stammt, sind die Ergebnisse, die von einem der bekannten Institute veröffentlich werden, repräsentativ. Auf irgendeine magische Art und Weise mutieren sie von einer verzerrten zu einer nicht verzerrten, einer repräsentativen Stichprobe, nicht in der Realität, aber in der Vorstellungskraft derjenigen, die unbedingt an die Repräsentativität glauben wollen.

Das sind dann witzigerweise diejenigen, die die Tatsache, dass 1.494 Leser von ScienceFiles aus der EU austreten wollen, als nicht repräsentativ vom Tisch wischen wollen, um im nächsten Satz darüber zu klagen, dass von den 25 Hanseln in der angeblich repräsentativen Stichprobe von 1000 Befragten des Instituts X, die von sich sagen, sie seien homosexuell 60%, also 15, angeben, sie seien schon einmal diskriminiert worden. Skandal! Und was sind schon 1.494 ScienceFiles-Leser im Vergleich zu 15 diskriminierten homosexuellen Hanseln? Nicht repräsentativ!

Viele Deutsche wollen einfach glauben, glauben, dass Dinge, die ihnen nicht gefallen, z.B. dass 1.494 Leser von ScienceFiles sagen, sie wollen die EU verlassen, nicht repräsentativ sind, während Dinge, die ihre Agenda unterstützen, sagen wir 15 diskriminerungserfahrene Homosexuelle aus einer Stichprobe von 1.000 am Telefon befragten Deutschen, die repräsentativ sein soll, auch tatsächlich korrekt und repräsentativ ist.

Dorroch MeinungsmacherIn der Pfalz sagt man: Heär, pätz äm Ochs ins Härn und meint damit, es ist besser sich die sinnlose Mühe, die darin besteht, Gläubige von der Unsinnigkeit ihres Glaubens überzeugen zu wollen, zu ersparen. Mancher Deutscher Weltbild ist nur in Ordnung, wenn Glaubensinhalte wie der an die Repräsentativität von Umfragedaten unbeeindruckt von empirischer Realität stehen bleiben. Also lassen wir sie in ihrer Glauben.

Sicher, unsere Umfrage ist verzerrt. ScienceFiles spricht in erster Linie kritische Leser an. Wir haben vornehmlich berufstätige Leser, viele davon sind an Hochschulen beschäftigt, unsere Leser sind mehrheitlich männlich. Kurz: Wir haben ähnliche Verzerrungen wie Umfrageinstitute, die regelmäßig zu viele erwerbslose, zu wenige junge und zu viele weibliche Befragte in ihren Stichproben finden.

Deshalb gewichten sie ihre Datensätze.

Wir tun das nicht. Warum auch? Sind 1.494 Befragte, die bislang die EU verlassen wollen, nicht genug? Muss man sie heruntergewichten, minimalisieren, marginalisieren, das Problem ihrer Existenz wegrechnen, damit man sich in seiner EU-heilen Welt wieder wohlfühlen kann?

Das Ganze erinnert an eine Begebenheit, die sich vor einigen Jahren ereignet hat, als Dr. habil. Heike Diefenbach als wissenschaftlicher Berater im Familienbeirat der Stadt Leipzig saß. Von ihr damit konfrontiert, dass damals järhlich rund 6% der Leipziger Jungen ohne einen Schulabschluss blieben, meinte der  damalige Beigeordnete, in dessen Zuständigkeit der Familienbeirat gefallen ist: “Na, das sind ja nicht viele”. Nun, bei rund 43.000 Schülern an Leipziger Schulen, und rund 22.000 männlichen Schülern stehen pro Jahr hinter den 6% 1.320 Einzelschicksale, d.h. in fünf Jahren 6.600 Einzelschicksale. Mman muss schon sehr mit Engels sympathisieren und von der Lumpigkeit des Individuums überzeugt sein, um darin nicht viele und kein Problem zu erkennen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir politische Verantwortung in Deutschland tragen würden, dann würde uns das Ergebnis der nach wie vor laufenden Umfragen von ScienceFiles schlaflose Nächte bereiten.

Deutschland: Better off out?

Unstatistik der Woche

Es gibt nicht viele Sozialwissenschaftler, die versuchen, sich mit Argumenten gegen die Flut an Unsinn zu stemmen, die täglich die Deiche der Vernunft in deutschen Medien überspült.

Entsprechend muss man sie pflegen, hüten und weiterempfehlen, die wenigen, die es gibt.

Wir wollen heute unseren Lesern die Seite “Unstatistik des Monats“, die am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung gehostet wird, empfehlen.

Warum dick nicht doof machtVerantwortlich für die Seite zeichnen Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Prof. Dr. Gerd Gigerenzer und Prof. Dr. Walter Krämer und somit gleich drei Sozialwissenschaftler, die ihre Aufgabe nicht mehr darin sehen, sich im Elfenbeinturm zu verschanzen und bestenfalls vom obersten Fenster zu Claqueuren zu sprechen, sondern darin, Aufklärungsarbeit zu leisten, Informationen bereitzustellen und ihr Wissen zum Nutzen der Allgemeinheit zur Anwendung zu bringen.

Und so haben es sich die drei Professoren zur Aufgabe gemacht, jeden Monat eine besonders unsinnige Statistik, die durch die unkritische Presse gegangen ist, in ihrer Peinlichkeit zu entlarven.

Die aktuelle Unstatistik, die sich die drei Professoren vorgenommen haben, ist die Armutsstatistik, mit der die Sozialindustrie Kasse zu machen versucht, denn nichts macht sich so bezahlt, wie der Ruf nach noch mehr Sozialarbeitern, die den angeblich Armen unter die Arme greifen.

Wir haben über das Schindluder, das Verbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband mit der Erfindung relativer Armut treiben, in einer Reihe von Beiträgen berichtet. Deshalb freut es uns, dass wir nunmehr auf Vertreter der institutionalisierten Wissenschaft verweisen können, die es uns gleich tun, und zwar so:

“Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass relative Armutsquoten nur ein (schlechtes) Maß für die Einkommensungleichheit darstellen und mit Armut im herkömmlichen Sinne nichts zu tun haben. Wenn der Präsident des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sagt: „Nie war die Armut in Deutschland so hoch“, ist man versucht, ihm zuzurufen: „Beamen Sie sich mal zurück in das Jahr 1948! Da ging es allen gleichermaßen dreckig, aber nach Ihrer Definition war so gut wie niemand arm.“

Den Rest des Beitrags gibt es hier zu lesen, und natürlich all die anderen Unstatistiken.

Statistik und mit Zahlen spielen

Es soll ja welche geben, die den Satz, ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe, gerne und oft vor sich hersagen. Nur zu, können wir da nur sagen, denn das Fälschen einer Statistik, so dass es keiner merkt, ist nicht so einfach, wie den entsprechenden Glaubenssatz vor sich hinbrabbeln.

StatistikZugegebener Maßen werden wir mit Statistiken überflutet. In der Regel mit sinnlosen Statistiken, von denen man sich fragt, warum sie geführt werden. Für den Selbstläufer der Armutsgefährdung, einer Absurdität mit hohem politischen Potential, der immer wieder gerne von Gutmenschen beklagt wird, haben wir dies schon mehrfach gezeigt. Viele Beispiele sinnloser Statistik, falscher Interpretation richtiger Statistik oder falscher Anwendung von Statistik finden sich auf unstatistik.de, wo Gerd Girgerenzer, Walter Krämer und Thomas K. Bauer, die monatliche Unstatistik präsentieren.

Statistiken stellen bestimmte Zahlen zusammen. Schon die Zusammenstellung ist eine Auswahl, denn: Warum wählt man bestimmte und nicht andere Zahlen aus, um sie in einer Statistik zu versammeln? Kurz: Die Erstellung von Statistiken ist von einem Interesse angeleitet. In den meisten Fällen öffentlicher Statistiken waren dies ein Kontrollinteresse und ein Planungsinteresse: Kontrolle z.B. im Hinblick auf die Entwicklung der Anzahl der Straftäter, Planung z.B. im Hinblick auf die Anzahl von Kindern, die in fünf Jahren eine Schule besuchen. Kurz: Statistiken sollten dabei helfen, öffentliche Ausgaben effizient und passgenau zu machen.

Zwischenzeitlich haben sich Statistiken zu Grundlagen für politische “wir brauchen”-Forderungen entwickelt, bei denen nicht mehr Kontroll- oder Planungsinteressen maßgeblich sind. Vielmehr werden Statistiken zum Ausgangspunkt politischer und entsprechend finanzieller Forderungen. Sie sind damit in ihrem Zweck verkehrt worden: Nicht mehr das Sparen von Steuergeldern ist Hauptzweck der Erstellung von Statistiken, sondern die Ausgabe von Steuergeldern. Statistiken sind vom Kontroll- und Planungsinstrument, das zuviel Ausgaben verhindern sollte, zum Legitimationsinstrument verkommen, das viele Ausgaben begründen soll.

Dass dann, wenn Statistiken von Politikern gebraucht werden, um die Notwendigkeit bestimmter Ausgaben zu begründen, Statistiken regelmäßig missbraucht werden und mehr hineingelesen wird, als hineingelesen werden kann, ist selbstredend und braucht keine weitere Ausführung.

Und damit ist der Post am Ende.

Obwohl.

Wie wäre es, wenn wir einmal zeigen, wie schön man Statistiken für rundweg alles missbrauchen kann, einfache, harmlose Statistiken, die erstellt werden, ohne dass sich jemand etwas Böses dabei denkt.

Spielen wir einmal Politker und missbrauchen drauflos:

Binge Drinkers limitJeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig. 52% der erwachsenen Bevölkerung haben einen Body-Mass-index (BMI) von mehr als 25, was sie als fett ausweist. 180 Zentimeter Körperhöhe und 81 Kilogramm Lebendgewicht ist fett. So will es der Body-Mass-Index, der das Köpergewicht durch die quadrierte Köpergröße teilt. Besonders fett sind ehemalige Raucher. 73% von ihnen sind übergewichtig, jenseits eines BMI von 25, also einfach fett. Und der BMI lügt nicht! Seit 1999 werden die Deutschen immer fetter. Also nicht die Deutschen die 1999 fett waren, werden immer fetter, sondern die Deutschen die 2014 fett sind, sind mehr als die Deutschen die 1999 fett waren.

Und das wird so weiter gehen, denn: Im dritten Quartal 2014 wurden 2,2% weniger Zigaretten versteuert. Das bedeutet mehr Deutsche leben gesund oder doch zumindest: sie rauchen nicht, und es bedeutet: 73% davon investieren ihre Zeit als Nichtraucher in den Aufbau eines Body-Mass-Index von jenseits 25. Wie gesagt, ehemalige Raucher werden fett, was beweist, dass Rauchen zumindest schlank erhält und ein gewisses Dilemma für Gutmenschen, die sich nicht um die eigene, dafür aber die Gesundheit anderer sorgen, darstellt: Sollen sie nun Rauchern das Rauchen abgewöhnen, wohlwissend, dass sie dann fett werden und gegen den BMI verstoßen?

Probleme über Probleme, die noch dadurch vergrößert werden, dass der Bierabsatz im dritten Quartal 2014 ebenfalls gesunken ist, um ganze 4,5%. Nun macht Bier ja bekanntlich nicht schlank, sondern dick, der Rückgang sollte sich also positiv auf die Gesamtfette der deutschen Bevölkerung auswirken, was er aber offensichtlich nicht tut, wie der BMI unmissverstänlich zeigt. Die Hälfte der Deutschen ist fett, da hilft auch kein Bierverzicht.

Allerdings scheint der Rückgang des Bier-, also des Alkoholkonsums nur bestimmte Bevölkerungsschichten zu erreichen, wie eine alarmierende Studie zeigt: Angehende Ärzte und Pfleger, die bald im Gesundheitswesen beschäftigt sind, tun sich durch einen unsachgemäßen Gebrauch von Alkohol hervor. In Deutsch: Sie saufen zu viel. Die Studie basiert auf den Studenten der entsprechenden Fächer, aber es ist ja bekannt, dass: Was Hänschen nicht lernt, Hans nie mehr lernt.

Zudem Rauchen die angehenden Ärzte und Krankenpfleger. Rauchen und Trinken hält den BMI im Gleichgewicht, Rauchen macht schlank, Trinken macht dick, so dass die Ärzte und Krankenpfleger hier zwar als Musterschüler der WHO angesehen werden müssen, allerdings hat Trinken Nebeneffekte, die sich in einer steigenden Anzahl der Operationen niederschlagen.

Um 30% ist die Anzahl der Operationen in Krankenhäusern zwischen 2005 und 2013 gestiegen. Und das ist immens. Böse Zungen sagen natürlich, dass die Steigerung darauf zurückzuführen ist, dass in Krankenhäusern operiert werden muss, was das Zeug hält, um die Behandlungsvollmacht auf die entsprechende Operation nicht von der AOK entzogen zu bekommen, aber das ist falsch, wie wir hier mit Statistiken zeigen konnten: Tatsächlich ist die Zunahme der Operationen eine Folge von Wiederholungsoperationen, die notwendig geworden sind, weil Ärzte und Krankenpfleger durch Alkohol benebelt waren.

Und so haben wir klar und deutlich gezeigt, dass Nichtrauchen fett macht, der Rückgang der Raucher die Zunahme der Adipositas zu verantworten hat, wobei deutlich wurde, dass auch der Rückgang der fetten Biertrinker die Zunahme, die durch den Rückgang der dünnen Raucher verusacht wurde, nicht auffangen kann. Und obwohl angehende Ärzte und Pfleger eine perfekte BMI-Balance zwischen viel Trinken und viel Rauchen gefunden haben, gibt es dennoch unbeabsichtigte Nebenwirkungen, die wiederum Patienten in Kliniken treffen, die dort unter das Messer der entsprechenden Ärzte geraten.

Und deshalb fordern wir:

Den BMI auf 30 erhöhen und die deutsche Bevölkerung damit entfetten.