Die herbeigerechnete Armut grassiert wieder: Von Armutsgefährdung und von Demenzgefährdung

In Baden-Württemberg und Bayern gibt es die “niedrigste Armutsgefährdung”, so hat es das Statistische Bundesamt heute verkündet. Das ist schön.

Aber was bedeutet es?

Was ist eine Armutsgefährung?

DestatisUmgangssprachlich wird man eine Gefährdung wohl als eine Situation definieren, in der man mit einer Verletzung bedroht wird, etwa durch einen betrunkenen Autofahrer und genau so ist “Gefährdung” auch im Strafgesetzbuch definiert: Wer ein Auto führt, obwohl er zu betrunken oder zu bekifft ist, ein Auto zu führen oder wer sich im Verkehr grob verkehrswidrig und rücksichtslos verhält und deshalb Leib und Leben eines anderen gefährdet, der macht sich nach §315 einer Gefährdung des Straßenverkehrs schuldig. Zur Straßenverkehrsgefährdung bedarf es somit einer konkreten Gefahrensituation und der Handlung eines Gefährders.

Nicht so bei der Armutsgefährdung, die man z.B. als Ergebnis einer Handlung ansehen könnte, bei der ein Wegelagerer einen Händler überfällt und um sein Hab und Gut bringt,oder bei der man an den Finanzminister denken kann, der Steuern in einem Umfang erhebt, die die Besteuerungsopfer an den Rand oder in die Armut schicken. Man könnte an Famliengerichte denken, die Männer mit Armut nicht nur gefährden, sondern den Tatbestand der relativen Armut für viele per Urteil zur Unterhaltszahlung verwirklichen. Aber weder Finanzbeamte noch scheidungswillige Ehefrauen, Scheidungsrichter oder Wegelagerer werden als Armutsgefährder verfolgt. Vielmehr gibt es gar keinen Straftatbestand der Armutsgefährdung und keinen Armutsgefährder, die Armutsgefährdung ist vielmehr nicht existent.

Es gibt sie nicht in der wirklichen Welt. Sie schlägt sich, anders als die Straßenverkehrsgefährdung in keiner konkreten Handlung nieder, nein, die Armutsgefährdung ist eine statistische Kennzahl, extra vom Statistischen Bundesamt herbeigerechnet, um all denen, die mit der Bekämpfung von angeblich Armut ihren eigenen Unterhalt verdienen, eine Legitimation für ihr Dasein zu verschaffen.

Armutsgefährdung basiert auf dem Nettoäquivalenzeinkommen. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist schlicht die Summe der Haushaltseinkommen. Dazu zählen nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen (Statistisches Bundesamt, 2013: 159):

  • ArmutsgefaehrdungBundeslaenderEinkommen aus Vermietung und Verpachtung;
  • Familienleistungen (Kindergeld) und Wohnungsbeihilfen;
  • Sozialgeld, Sozialhilfe, bedarfsorientierte Grundsicherung;
  • regelmäßige Geldtransfers zwischen privaten Haushalten (Unterhaltszahlungen);
  • Zinsen, Gewinne aus Kapitalanlagen;
  • Einkünfte von Haushaltsmitgliedern unter 16 Jahren;

Zu diesen Haushaltseinkommen werden personenbezogene Einkommen addiert, also das, woran man – im Gegensatz zu den Mitarbeitern des Statistischen Bundesamts – in erster Linie gedacht hätte, wenn man an Haushaltseinkommen denkt:

  • Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit;
  • Gewinne aus selbständiger Tätigkeit;
  • Arbeitslosengeld I oder II
  • Alters- und Hinterbliebenenrente;
  • Krankengeld und Invaliditätsleistungen;
  • ausbildungsbezogene Leistungen;

Spannend, wie viele Posten aus Transferzahlungen bestehen…

Um das Nettoäquivalenzeinkommen zu berechnen, werden z.B. im Rahmen des Mikrozensus Mitglieder von Haushalten in Deutschland gebeten, für ihren Haushalt anzugeben, welche Einkommen das Haushaltseinkommen konstituieren. Da ein Haushalt aus einem, zwei, zehn, zwanzig Mitgliedern bestehen kann, ergibt sich die erste statistische Regelmäßigkeit, denn mit steigender Zahl der Haushaltsmitglieder steigt das Haushaltseinkommen. Schön zu sehen auf Seite 161 des Datenreports für das Jahr 2013, der Alleinerziehende mit 12.436 Euro im Jahr als die Gruppe ausweist, die das geringste Haushaltseinkommen zur Verfügung hat. Das ist auch kein Wunder, denn zum Haushaltseinkommen trägt maximal eine Person plus ggf. der Staat über Transferzahlungen oder ein zu Unterhaltszahlungen Verurteilter bei. Insofern ist es kein Wunder, dass das durchschnittliche Jahres-Haushaltseinkommen von Alleinerziehenden-Haushalten (12 436 Euro) unter dem Haushaltseinkommen von zwei-Erwachsenen-Haushalten (23 471 Euro) bleibt. Es wäre höchst seltsam, wäre dem nicht so.

Ausgehend von diesem Nettoäquivalenzeinkommen wird nun die so genannte Armutsgefährdung, die von niemandem direkt ausgeht, aber dennoch vorhanden zu sein scheint, berechnet, und zwar als 60% des Medians des Haushalts-Nettoäquivalenzeinkommens. Der Median ist eine statistische Größe, die eine gegebene Verteilung in zwei Hälften zu je 50% teilt. Im Jahre 2010 liegt der Median bei einem Haushaltseinkommen von 19.043 Euro, d.h. unterhalb und oberhalt von 19.043 Euro finden sich jeweils 50% der Haushalte.

Hui buhArmutsgefährdung liegt also bei  60% des Median-Nettoäquivalenzeinkommen vor. Warum? Warum nicht? Wir persönlich tendieren eher zu 57,77892%, aber 60% ist auch in Ordnung, schließlich hat das Ganze nichts mit der Realität zu tun, ist vielmehr ein Griff in die statistische Trickkiste, um einerseits eine vorhandene Verteilung, in diesem Fall die Verteilung des Nettoäquivalenzeinkommens in schicke Teile zu zerlegen und andererseits den Gutmenschen und unkritischen Journalisten etwas vorzuwerfen, auf das sie sich stürzen können. Erstere um vermeintlich Gutes zu tun, Letztere um einen Skandal oder eine bestürzende Ungerechtigkeit anprangern zu können.

Dazu bedarf es jedoch einer griffigen Zahl. Und deshalb liefert das Statistische Bundesamt den Anteil derjenigen, die insgesamt und in Subgruppen unterhalt oder genau auf dem 60%-Schnittpunkt des Median-Äquivalenzeinkommens der Haushalte liegen, der als Armutsgefährdung definiert wurden (wie gesagt, wir sind für 57,77892%, aber das ist natürlich nicht so griffig wie 60%).

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass alle Haushalte mit demselben Gewicht in die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens eingehen. Egal, ob die Haushalte aus zwei Erwerbstätigen, einem Rentner mit Enkel, einer nicht arbeitenden Mama mit vier Kindern den entsprechenden Transfereinkommen und Hartz IV, aus einem Studenten oder einer Kommune mit sieben Mitgliedern besteht, die Einkommen werden zusammengeworfen, als ein Haushalt gezählt, durchgeschüttelt und dann wird verkündet:

  • In Bremen gibt es 23,1% Haushalte, die armutsgefährdet sind. Kein Wunder, wenn man die Bremer mit ihrer hinterher hinkenden Infrastruktur mit den reichen Hamburgern in einen Topf wirft.
  • Alleinlebende Männer sind zu 30,7% von Armut gefährdet, ein Fakt, der eher nicht so problematisiert wird und ebenso nicht verwunderlich ist, wenn man die Einkommen von Haushalten, in denen nur einer verdient, mit denen Einkommen von Haushalten, in denen zwei verdienen und der Staat die drei vorhandenen Kinder subventioniert, zusammenwirft.
  • 18 bis 24jährige sind zu 18,9% von Armut gefährdet. Angesichts des hohen Anteils von Studenten in dieser Altersgruppe, die im eigenen Haushalt leben, ebenfalls kein Wunder. Ebensowenig ist es ein Wunder, dass unter 18jährige, die im eigenen Haushalt leben, nicht das durchschnittliche Einkommen eines Pensionärshaushalts, mit dem sie verglichen werden, erreichen.

Kurz: Armutsgefährdung ist ein statistisches Spielzeug, das über die Realität überhaupt nichts aussagt, bestenfalls sagt es aus, dass der Intellekt derer, die ständig Armutsgefährdung im Mund führen, in hohem Maße durch Demenz gefährdet ist, ebenso wie die Lauterkeit der Statistiker, die die Armutsgefährdung regelmäßig berechnen in ständiger Gefahr steht, vollständig zu verschwinden.

Remote-Hysteria: Muss man Deutschen die Nachrichten verbieten?

In kaum einem anderen Land nahm und nimmt die Berichterstattung über Fukushima, den Tsunami und den nachfolgenden Meltdown des Atomreaktors einen solchen Stellenwert ein, wie in Deutschland. Atomkraft war und ist der Gegenstand, an dem man seine Gutmenschen-Eigenschaften am besten unter Beweis stellen kann, und selbst die im Europäischen Vergleich fast höchsten Stromkosten schrecken deutsche Gutmenschen nicht davon ab, die Konsequenzen dafür, den sehr unwahrscheinlichen Supergau für Deutschland vermeinden zu wollen, sich und anderen zu verordnen (So sind bislang weder im erdbebengefährdeten Bodensee noch im Steinhuder Meer Tsunamis berichtet worden und auch Erdbeben kommen eher selten vor).

fukushimaDies hat nichts daran geändert, dass deutsche Medien in einer Art und Weise, die man nur als hysterisch bezeichnen kann, auf die Ereignisse im mehr als 5000 Kilometer entfernten Japan reagiert haben. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, das Fehlen von Massengräbern, die geringe Zahl der Strahlentoten und die geringe Ähnlichkeit mit Hiroshima und Nagasaki sei von den öffentlich-rechtlichen Medienmachern mehr als bedauert worden. Aber: perish the thought. Natürlich sind die Gegner der Atomkraft in Deutschland nur besorgt, besorgt um sich, die Umwelt, die nachwachsende Generation, die Kindeskinder und die Kinder der Kindeskinder. Nur um ihre eigene Stromrechnung und die Stromrechnung von z.B. Alleinerziehenden mit Kind, denen doch ein Armutsrisiko angedichtet wird, ist scheinbar gerade niemand besorgt. Das ist eine andere Baustelle.

In die Reihe der Fern-Hysterie, die medial aus Japan nach Deutschland und zur besten Sendezeit transportiert wurde, passt ein Beitrag von Jan Goebel. Christian Krekel, Tim Tiefenbach und Nicolas R. Ziebarth in der SOEPpapers Reihe des DIW, die immer mehr zu einer Veranstaltung wird, die einem abwechselnd Mitleid und Lach-Tränen verschafft.

SOEP599Goebel und seine Mitbesorgten haben, wie alle vor Ihnen in der SOEPpapers Reihe, die Daten des SOEPs benutzt, dieses Mal um Dinge, die ihnen plausibel vorkommen, zu untersuchen. Untersuchen ist eigentlich zuviel gesagt, denn der Beitrag besteht aus einer Einleitung, in der die Katastrophe von Fukushima und die hysterischen Reaktionen der Deutschen Bundesregierung sowie deutscher Medien berichtet werden. Es folgt Kapitel 2, in dem alles noch einmal und bis zur ersten Stelle hinter dem Komma der Richterskala berichtet wird, vor allem die “Reaktionen der Politiker”. Es folgt ein drittes Kapitel, das die missbrauchten Daten zusammenstellt und ein viertes Kapitel, das vornehmlich mit der Regressionsgleichung des “LInear Probability Models” bestritten wird.

Stammleser werden schon kennen, was jetzt kommt: Es gibt kein theoretisches Kapitel, kein Kapitel, das dem Leser nachvollziehbar macht, warum man das mentale Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit mit der Frage, ob man sehr besorgt über den Klimawandel ist oder ob man sehr besorgt um den Schutz der Umwelt ist, in Verbindung bringen sollte. Man muss schon in den Köpfen der Autoren zuhause sein, um hier einen Zusammenhang zwischen dem Reaktorunfall in Fukushima und der mentalen Gesundheit Deutscher zu sehen. Und vor allem muss man in ihrem Kopf sein, um erklären zu können, wie man auf die Idee kommt, das eine habe mit dem anderen etwas zu tun, sei so überragend, dass das Alltägliche in Deutschland, die normalen Lebenszusammenhänge einfach ins Abseits geschoben werden. Nicht mehr Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Kaffeemangel, Rauschgiftentzug oder Geschlechtsteilfixierung wirkt sich negativ auf die mentale Gesundheit aus, nein, die mentale Gesundheit wird gestört, weil in Japan ein Reaktor strahlt. 

Mit anderen Worten: Die Autoren sehen Deutsche als einen Haufen hysterischer Spinner, deren mentale Gesundheit unter Ereignissen leidet, deren Auswirkungen sie in keiner Weise zu spüren bekommen. Deutschland eine einzige große Irrenanstalt, Millionen im freien Vollzug sich befindende Neurotiker, nein Psychopaten? Nun, das ist eine starke Annahme, die die Autoren da implizit machen, und vielleicht ist diese Annahme der Grund, dass sie sich nicht trauen, ein Theoriekapitel in ihren Text einzubauen.

Atomkraft ja bitteEs kommt übrigens heraus, bei der Hysterie-Forschung, dass nach Fukushima Befragte, von denen die Autoren auch nicht zu wissen scheinen, wann genau nach Fukushima sie befragt wurden, einen Tag, eine Woche, einen Monat, sechs Monate, who cares, ist doch auch egal, sie wurden danach befragt und Hysterie hält vor, jedenfalls scheinen die Autoren dies zu denken – Das Bild, das Goebel et al. von Deutschen haben, wird von Seite zu Seite ihrer Arbeit trüber und vernichtender. Ach ja, die irgendwann vor Fukushima Befragten, sind etwas weniger über die Umwelt besorgt als die irgendwann nach Fukushima Befragten, und dieser Unterschied kann natürlich nur vom Reaktorunglück herrühren, der Unterschied von 5%Punkten. Ja. Und Frauen sind hysterischer als Männer, also mehr über die Umwelt besorgt, als Folge von Fukushima, wie die Autoren behaupten und darüber hinaus ergibt sich ein Unterschied im Hinblick auf “Traurigkeit”, der Anteil derer, die nach Fukushima traurig sind, ist höher als der Anteil derer, die vor Fukushima traurig waren und natürlich kann dieser Unterschied keine andere Ursache haben als Fukushima, denn es ist ja jedem aus seinem täglichen Leben bekannt, dass er besonders traurig ist, wenn er an einen Atomreaktor denkt und dass dies viel mehr Effekt hat als z.B. der Tod eines Menschen, dem man nahe war. Again: perish the though, in Deutschland herrscht Hysterie, wenn man den Autoren glauben kann und Fukushima überschattet alles, selbst den Tod des Partners.

Und dann kommt das letzte Kapitel des Werkes, das mich auch ganz ohne die “Discussion” zwischen lautem Lachen und massivem Ärger hat schwanken lassen. Und dann kommt das:

Atomkraft nein dankeWe find particularly strong effects on citizens’ concerns about the environment, but also on affective well‐being measures such as sadness. Mental health is a multidimensional concept that is complex to measure. Strong concerns or worries are integral part of overall mental health. When we correlate our “very concerned about environmental protection” measure with the mental health SF12 summary scale (RAND, 1995), which was surveyed in the SOEP in 2010, we find that people who are very concerned about the environment have a highly significantly 1.8 ppt lower mental health status. Thus it is reasonable to assume that people who are permanently very concerned about the environment lose 1% of a Quality Adjusted Life Year (QALY). This assumption allows us to carry out the following rough back‐of‐the envelope calculation: Fukushima increased the share of “very concerned” Germans by 6ppt. This equals about 4 million German citizens. It took roughly 3 months for the German parliament to implement measures that ameliorated environmental concerns. Thus one would obtain a monetized mental health loss of 0.01*4/4=100,000 QALYs. The health economics literature values one QALY with roughly 100,000€. Thus, this would yield a total monetized Fukushima‐related mental health loss of €1bn or €250 per affected citizen, which equals about €20 per week and affected citizen.

Jetzt ist Zeit für einen Superlativ: Ich habe noch selten einen größeren Unsinn gelesen und will diesen hier nur mit zwei Fragen abschließen, warum sollte man die Sorge um die Umwelt 2011 mit einem summativen Maß mentaler Gesundheit korrelieren? Warum korreliert man nicht die methodologischen Kenntnisse der Autoren, und zwar vor der Durchführung ihrer Hysterie-Forschung mit ihrer “Sorge um die Umwelt” und kontrastiert das Ergebnis dann mit der Traurigkeit (sadness) all derer, die methodologische Kenntnisse besitzen, und zwar nach dem Lesen dieses Beitrags von Goebel, Krekel, Tiefenbach und Ziebarth.

 

Goebel, Jan, Krekel, Christian, Tiefenbach, Tim & ZIebarth, Nicolas R. (2013). Natural Disaster, Policy Action, and Mental Well-Being: The Case of Fukushima. Berlin: DIW, SOEPpapers #599.

Tagesschau und Techniker Krankenkasse führen Leser an der Nase herum: ScienceFiles Mitarbeiter sind gestresst

Monday morning. Als wäre das nicht an sich schon schlimm genug, nein, man wird am Frühstückstisch schon mit Meldungen aus der monotonen Welt der Unsinns-Studien überfallen. Gut, nun kann man mit Recht sagen, warum hört ihr auch Classic FM zum Frühstück, aber angesichts des strahlenden Sonnenscheins in Wales hat man halt positive Gedanken, selbst Classic FM gegenüber. Und so hat es uns getroffen:

A study by [irgend so ein busy-body] has shown that women are more stressed than men. Main reasons for stress in women are houshold chores, kids and family”

appliances2Belauschen wir die ScienceFiles Mitarbeiter, die während der Meldung den Kopf in die Hand sinken lassen, bei Ihrem nachfolgenden Austausch: “Warum bekommen die Kinder, wenn sie nicht damit umgehen können?” “Schon seltsam: Je mehr Hausgeräte die Arbeit im Haushalt erledigen, desto gestresster sind Frauen…”.

Nachdem die ad-hoc Verarbeitung zur Wiederherstellung geistiger Reinheit beendet ist, kommt eine Erinnerung. Die aktuelle Meldung, die von Classic FM, basiert auf einer “Studie” im Vereingten Königreich. Aber war da nicht eine andere Studie, über die gerade in Deutschland berichtet wurde? Quasi der deutsche Beitrag zum Euro-Stress-Contest?

In der Tat: Tagesschau Online, 30. Oktober 2013:

“Mit 63 Prozent fühlen sich weit mehr Frauen oft gestresst als Männer (52 Prozent). ‘Besonders gestresst ist die sogenannte Sandwich-Generation’, sagte Baas. 80 Prozent dieser Menschen zwischen 36 und 45 Jahren fühlten sich unter Druck. Häufig weil sie sich gleichzeitig um Beruf, Kinder und eigene Eltern kümmern müssen.

Baas, das ist Jens Baas, der Vorsitzende des Vorstands der Techniker Krankenkasse, die sich berufen gefühlt hat, Mitgliederbeiträge für das Erstellen einer nutzlosen Stressstudie aus dem Fenster zu werfen, nutzlos, weil:

Gefragt wurde in der Studie der Techniker Krankenkasse offensichtlich (offensichtlich, weil das, was die Studie zu einer zumindest ansatzweise seriösen Studie machen würde, nämlich der Abdruck des Fragebogens, fehlt): Wie oft fühlen Sie sich gestresst: Häufig, manchmal, selten oder nie? Ja, wie oft fühle ich mich gestressed, und was ist eigentlich Stress, wo fängt er an, wo hört er auf, ist er immer negativ oder auch positiv?

tklogoEgal, das interessiert uns alles nicht, wir fragen die Leutchen, und die werden schon wissen, was Stress ist und wie gestresst sie sind. Und in der Tat 20% der Befragten geben an, häufig gestresst zu sein, 37% sagen manchmal, 29% selten, 13% nie und 1% weiß es nicht. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen manchmal gestresst und selten gestresst? Aber lassen wir das. Immerhin sind 20% gestresst. Doch halt, die ARD meldet:

Fast sechs von zehn Menschen in Deutschland empfinden ihr Leben als stressig.

unter Berufung auf die die Studie. Und siehe da, aus 20% “häufig” und 37% “manchmal” Gestressten sind schwuppdiwupp 57% Gestresste geworden. So einfach ist das. Und wenn man die Befragten, die manchmal gestresst sind, mit denen, die häufig gestresst sind, zusammengeworfen hat, dann kann man richtig schön kreuztabulieren.

Warum die selten Gestressten nicht auch den Gestressten zugeschlagen wurden, ist nicht nachvollziehbar, aber warum soll es auch nachvollziehbar sein? Es geht darum, eine Stressmeldung zu fabrizieren und das treudoofe Volk der Medienschaffenden zu manipulieren, jene Medienschaffende, die alles, was man ihnen im Brustton des Gutmenschen unterbreitet, einfach weitertragen, in der Hoffnung, dass die Leser genau so unkritisch und genauso dumm sind, wie sie selbst.

Am schönsten ist das Kreuzabulieren mit Geschlecht und Alter. Naja, Alter ist nicht so schön wie Geschlecht, es gibt keine Förderung vom BMBF für Alter, keine Quote für Alter, aber es gibt schöne Balkendiagramme, wenn man mit Alter kreuztabuliert, also nicht mit Alter, sondern mit Alterskategorien:

Techniker Krankenkassen UNsinn

Und schon haben wir, was oben zitiert wurde und wir haben eine Lüge von Jens Baas oder Tagesschau Online enttarnt, denn im Text steht: “Mit 63 Prozent fühlen sich weit mehr Frauen oft gestresst als Männer.” Wie gerade gezeigt wurde, fühlen sich nicht 63% der Frauen “oft” gestresst, sondern ein Teil der 63% Frauen fühlt sich häufig gestresst und ein größerer Teil fühlt sich “manchmal” gestresst. Aber wie gesagt, es geht darum, de Mitleidstour zu fahren und Leser an der Nase herumzuführen, und da kann man es mit der Frage, was eigentlich gemessen wurde, nicht so genau nehmen.

Und weil wir gerade beim freien Fabulieren sind, noch ein echter Baas:

“80 Prozent dieser Menschen zwischen 36 und 45 Jahren fühlten sich unter Druck”.

Tatsächlich zeigt die Abbildung oben, auf die sich Baas bezieht, dass 80% der Befragten sich nicht unter Druck fühlen, sondern dass manche von Ihnen angeben, “häufig” und ein paar mehr angeben “manchmal”  gestresst zu sein (und mal ehrlich, wer ist das nicht? – Übrigens wurden1000 deutschsprachige Personen für die Studie von Forsa am Telefon vernommen. Hat eigentlich schon einmal jemand den EInfluss der Befragungsart auf die Angaben zum Stress untersucht? Es kann schon stressen, wenn man mit einem Befrager konfrontiert ist, der am anderen Ende seine Fragen herunternuschelt und eine Frage an die nächste reiht…).

muenchhausenDie Manipulationsreihe, die man auch als Lügengeschichte bezeichnen kann, beginnt als mit 20% “häufig” und “37% “manchmal” Gestressten, also Personen, die ihr Stressgefühl entsprechend einschätzen. Aus diesen 20% und 37% unterschiedlichen Angaben, werden eben einmal rund 60% Gestresste, und aus diesen rund 60% Gestressten werden in der Sandwichgeneration 80%, die sich unter Druck fühlen. Angesichts dieser groben Form der Täuschung, sollte man den Verantwortlichen der Techniker Krankenkasse die zweckentfremdeten Mitgliederbeiträge vom Gehalt abziehen und ansonsten ein Verbot aussprechen: Wer als Angehöriger einer Krankenkasse Mitgliederbeiträge veruntreut, indem er sie in Studien investiert, wird mit Feldforschung bei Forsa nicht unter 10 Jahren bestraft.

Und die Tagesschau, was machen wir mit dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt der offensichtlich Unkritischen, um nicht zu sagen Doofen? Keine Ahnung, am Versuch, kritischen Geist in eine biologische Entität einzuhauchen, ist bereits Frankenstein gescheitert, und wir bei ScienceFiles wissen hier auch keine Lösung, und außerdem sind wir ob des montäglichen Unsinns viel zu negativ gestresst (es gibt übrigens auch positiven Stress, aber wir wollen Baas und Nachredner nicht überfordern), um uns auch noch diese Aufgabe aufzuhalsen.

Vielleicht wäre bei der Tagesschau etwas gewonnen, wenn man den dort beschäftigten, offensichtlich überforderten Redakteuren, eine unbezahlte und völlig stressfreie Auszeit von, sagen wir 5 Jahren in einer Anstalt ihrer Wahl nahelegte. Ob es hilft, keine Ahnung, aber es entlastet die Leser von Tagesschau.de, und wenn diese Maßnahme noch mit dem Verbot einhergeht, Frauenbemutterbeiträge oder Hartes-Frauen-Los-Beklage-Beiträge zu verbreiten, dann zeigt sich vielleicht der Silberstreif am Horizont.

P.S.

Die Sandwichgeneration, derer sich Baas so kenntnislos bedient, wird gemeinhin damit definiert, dass mindestens ein Elternteil über 65 Jahre vorhanden ist, für das gesorgt werden muss und gleichzeitig Kinder unter bzw. über 18 Jahren im Haushalt leben, für die finanziell aufzukommen ist. Geprägt wurde der Begriff von Dorothy Miller im Jahr 1981, und zwar in einer rigideren Version: “[A]nyone around the age of 52 who has ageing parents who require help and who at the same time has at least one adult child who has returned to live at home. This definition has been broadened in recent years to include younger children who have not yet left home” (Kingsmill & Schlesinger, 1998, ix).

Wer zur Sandwich Generation gehört, kann entsprechend nicht einfach, wie Baas dies tut, mit Blick auf das Alter festgelegt werden, vielmehr muss empirisch geprüft werden, ob die beiden genannten Kriterien, mindestens ein zu pflegendes Elternteil und ein oder mehrere abhängige Kinder, überhaupt zutreffen. Es ist vor diesem Hintergrund mehr als ärgerlich, dass Personen wie Herr Baas, sich eines Begriffes bedienen, dessen Sinn sie nicht ansatzweise kennen.

Eine aktuelle Untersuchung aus den USA zeigt (Taylor et al, 2013), dass gerade einmal 15% der Erwachsenen zwischen 40 und 59 Jahren zur Sandwich Generation, wie sie oben definiert wurde, gehören . Von diesen 15% geben widerum nur 31% an, dass sie durch beide Aufgaben, die Pflege eines Elternteils und die Unterstützung ihrer Kinder, gestresst sind, mehr noch:

Presumably life in the sandwich generation could be a bit stressful. Having an ageing parent, while still raising or supporting one’s own children presents certain challenges not faced by other adults – caregiving and financial and emotional support to name just a few. However, the survey suggests that adults in the sandwich generation are just as happy with their lives overall as are other adults” (Taylor et al., 2013, S.3).

Es sei Herrn Baas vor diesem Hintergrund empfohlen entweder nur noch Begriffe zu benutzen, deren Sinn ihm auch bekannt ist oder die Phantasien, die er offensichtlich ausleben will, nicht mit Beiträgen der Mitglieder der Techniker Krankenkasse zu finanzieren.

Kingsmill, Suzanne & Schlesinger, Benjamin (1998). The Family Squeeze. Surviving the Sandwich Generation. Toronto: University of Toronto Press.

Miller, Dorothy A. (1981). The “Sandwich” Generation: Adult Children of the Ageing. Social Work 26(5): 419-423.

Taylor, Paul, Parker, Kim, Patten, Elleen & Motel, Seth (2013). The Sandwich Generation. Rising Financial Burdens for Middle-Aged Americans. Washington: PEW-Research Center.

Haben Mütter keinen Effekt auf ihre Kinder?

jomfJugen leiden darunter, wenn ihre Väter sehr lange arbeiten, so ist eine Pressemeldung betitelt, die uns gestern auf den Tisch gekommen ist und die sich auf eine Untersuchung bezieht, die fünf australische Forscher durchgeführt haben. Untersucht haben sie – wie der Titel der Pressemeldung nahelegt – den Einfluss der Arbeitszeit auf Verhaltensprobleme von Kindern, und sie haben ihre Untersuchung unter dem Titel “Mothers’ and Fathers’ Work Hours, Child Gender and Behavior in Middle Childhood” in der Februarausgabe des Journal of Marriage and Family veröffentlicht.

Bereits dem Titel kann man entnehmen, dass die Untersuchung in den Kontext der heile Welt bzw. in diesem Fall: heile Familie-Forschung gehört. Die heile Familie-Forschung nimmt im vorliegenden Fall Bezug auf Bronfenbrenners Ansicht, dass das Funktionieren einer Familie und die Interaktion unter den Familienmitgliedern eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, in keiner Weise (weder positiv noch negativ) auffällige Kinder zu produzieren, also Kinder, die mit all den Eigenschaften ausgezeichnet sind, die die gesellschaftliche Normalität positiv bewertet.

Angesichts dieser Annahmen ist es kein Wunder, wenn die fünf Forscher im vorliegenden Fall, Verhaltensprobleme zu ihrer abhängigen Variable machen, zu dem, was sie erklären wollen. Wie immer bei quantitativen Untersuchungen muss man Verhaltensprobleme bzw. das, was Bronfenbrenner zusammengestellt hat, operationalisieren, denn letztlich ist die Behauptung, keine positiven oder negativen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern seien das Ergebnis funktionierender Familien und einer bestimmten Interaktion der Familienmitglieder nichts anderes als ein Wortspiel, wie sich spätestens zeigt, wenn man sich fragt, was man nun machen soll, um eine funktionierende Familie herzustellen bzw. was überhaupt eine funktionierende Familie ist.

Im vorliegenden Fall geht es um Verhaltensprobleme bei Kindern, die vorhanden sind, wenn die Familie nicht funktioniert und die nicht vorhanden sind, wenn die Familie funktioniert. Es handelt sich somit um eine normative Operationalisierung, bei der die Forscher ihre Vorstellung davon, was ideal oder normal ist, an die Familien herantragen. Nicht normal ist demnach, wenn Eltern angeben, dass z.B. das Folgende auf ihre Kinder zutrifft:

  1. … kann sich nicht konzentrieren;
  2. … träumt oft in den Tag hinein;
  3. … zerstörte Gegenstände, die ihm oder anderen gehören;
  4. … kaut Fingernägel;
  5. … denkt, er/sie müsse perfekt sein;
  6. … ist lieber alleine als mit anderen zusammen;
  7. … Ißt zu viel;
  8. … hat Alpträume;
  9. … läuft von zuhause weg;
  10. … schwänzt die Schule;
  11. … hat Schlafprobleme;
  12. … ist vorsichtig;
  13. … ist zurückhaltend oder scheu;
  14. … zieht es vor, mit älteren Kindern zusammen zu sein;
  15. … ist impulsiv oder handelt, ohne zu denken;
  16. … ist zuhause unfolgsam;
  17. … ist dickköpfig, missmutig oder irritierbar;
  18. … hat Angst vor der Schule;
  19. … ist ungewöhnlich laut;
  20. … raucht;

CBCLDie Liste der kindlichen Fehlverhaltensweisen umfasst insgesamt 113 Items. Die 20 genannten Items vermitteln, wie ich glaube, einen sehr guten Eindruck von der “Normalität”, die den messenden Wissenschaftlern als Normalität funktionaler Familien vorschwebt. Es sind Skalen, wie die Child Behaviour Checklist, der die 20 Items entstammen und die von den Autoren benutzt wurde, die dazu geführt haben, dass ich langsam aber sicher zu dem Schluss gekommen bin, dass Itemskalen zur Messung von was auch immer ungeeignet sind. Irgendwie lässt sich aus 113 Einzelitems immer ein Index konstruieren, mit dem man dann hausieren gehen kann ohne dass man genau weiß, was man nun eigentlich gemessen hat.

Wie ist das z.B. bei Item 17, das drei Stimuli enthält? Was weiß man nun? Dass Eltern, die dieses Item bejahen, ein missmutiges oder ein dickköpfiges oder ein irritierbares oder ein Kind, das missmutig und dickköpfig oder missmutig und irritierbar oder dickköpfig und irritierbar oder alles zusammen ist, haben?. Sieben mögliche Aussagen verbergen sich hinter einem Item und nur wirklich rabiate Forscher ignorieren diese Ambivalenzen.

Unsere fünf australischen Forscher gehören zu dieser Art von Forschern, die lediglich an der Skalenreliabilität interessiert sind und die 113 Items der Child Behaviour Checklist einmal als Ganzes in einen Index der Verhaltensprobleme überführen und einmal in zwei Teilindices der internalisierten und der externalisierten Verhaltensprobleme.

Das statistisch Schöne, an diesem Index ist, dass er metrisch ist und sich entsprechend als abhängige Variable für linerare Regressionen, im vorliegenden Fall für gemischte lineare Regressionsmodelle, die es erlauben, Effekte für ordinale oder kategoriale unabhängige Variablen zu schätzen, eignet. Die wichtigsten kategorialen Variablen im Modell der fünf Australier sind: die Arbeitszeit von Vätern und die Arbeitszeit von Müttern. Beide Variablen sind ordinal beginnen bei Vätern mit (1) “arbeitslos” und reichen über (2) 1 bis 34 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit, (3) 35-44 Stunden, (4) 45-54 Stunden bis zu (5) mehr als 55 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Für Mütter reichen drei Kategorien, nämlich: (1) arbeitslos, (2) 1-34 Stunden wöchentliche Arbeitszeit und (3) mehr als 35 Stunden wöchentliche Arbeitszeit.

Betrachtet man nur die drei Variablen “Verhaltensprobleme von Kindern” und Arbeitszeit der Väter bzw. der Mütter, dann zeigt sich, dass Kinder von Vätern, die zwischen 1 und 34 Stunden bzw. 45 und 54 Stunden in der Woche arbeiten im Vergleich zu Kindern von Vätern, die mehr als 55 Stunden in der Woche arbeiten, höhere Werte auf der Skala der Verhaltensprobleme erzielen. Wird das Geschlecht der Kinder berücksichtigt, dann findet sich der entsprechende Effekt ausschließlich für Jungen. Damit wäre gezeigt, wie die oben zitierte Überschrift der Pressemitteilung zustande gekommen ist.

linear mixed effectAber was bedeutet das Ergebnis? Einmal davon abgesehen, dass unklar ist, was, welche Art von Verhaltensproblemen, wenn überhaupt, mit der Child Behaviour Checklist gemessen werden, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum der Schnittpunkt bei 54 Wochenstunden Arbeitszeit verlaufen soll. Wie begründet man es theoretisch, dass die Söhne von Vätern, die zwischen 1 und 34 Stunden arbeiten, Vätern die zwischen 45 und 54 Stunden in der Woche arbeiten, nicht aber die Söhne von Vätern, die zwischen 35 und 44 Stunden in der Woche arbeiten im Vergleich zu Söhnen von Vätern, die mehr als 55 Wochenstunden arbeiten, höhere Wert auf der Child Behaviour Checklist erzielen? Das dürfte sehr schwer sein, um nicht zu sagen unmöglich. Und entsprechend zeigt sich an dieser Stelle, dass die vorliegenden Ergebnisse nichts anderes sind, als die Übertragung der Wortspiele, die Bronfenbrenner anstellt, auf die Ebene operationalisierter Konzepte. Und dass es operationalisiert Wortspiele sind, zeigt sich deutlich daran, dass die Autoren ein Ergebnis, das einem wirklich ins Auge springt, mit keiner Silbe erwähnen oder auch nur zu erklären versuchen:

Egal, ob Mütter arbeiten und wenn ja, egal, wie lange sie arbeiten, es hat keinerlei Effekt auf den Wert, den ihre Kinder auf der Child Behaviour Checklist erzielen oder, in der Welt der Autoren: Mothers’ Working Hours do not Affect Child Behaviour. Dies ist nur eine andere Art zu sagen, dass die Erziehung durch Mütter keinerlei Effekt auf das Verhalten von Kindern hat und das wäre, lebte man in der Welt der Autoren und würde man denken, sie haben etwas Originäres und Reales gemessen, das Ergebnis, das einem zu denken geben müsste.

Bleibt nur noch nachzutragen, dass die Autoren keinerlei Maße angeben, denen man die Güte und Signifikanz ihrer linearen Modelle entnehmen kann. Das Fehlen dieser Angaben ist ein eklatanter Bruch mit wissenschaftlicher Normalität und führt dazu, dass man selbst dann, wenn man die Ergebnisse für bare Münze nehmen würde, feststellen müsste, dass sie nutzlos sind.

Johnson, Sarah, Li, Jianghong, Kendall, Gareth, Strazdins, Lyndall & Jacoby, Peter (2013). Mothers’ and Fathers’ Work Hours, Child Gender, and Behavior in Middle Childhood. Journal of Marriage and Family 75(2): 56-74.

Warum Politiker den Klimawandel fürchten und Revolutionäre auf ihn hoffen

Eine Untersuchung von Solomon M. Hsiang, Marshall Burke und Edward Miguel, die uns heute auf den Tisch gekommen ist, bringt einiges Licht in die Frage, warum Politiker einen Klimawandel fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Dabei ist es zunächst notwendig, Klimawandel zu spezifizieren, denn was Politiker fürchten, ist eine Erhöhung der Temperaturen. Eine nahende kleine Eiszeit würde wohl keinen Politiker hinter’m Ofen hervorlocken.

Was also ist das Problem mit höheren Temperaturen?

Bereits die erste Zeile des Beitrags von Hsiang, Burke und Miguel führt hier weiter:

Human behavior is complex, and despite the existence of institutions designed to promote peace, interactions between individuals and groups sometimes lead to conflict. When such conflict becomes violent, it can have dramatic consequences on human wellbeing” (1)

Temp10000yearsVermutlich liegt das Versagen der “friedensstiftenden Institutionen”, die die Autoren hier ansprechen, daran, dass sie von denselben Individuen bevölkert werden, deren Konflikte zuweilen “dramatische Konsequenzen” haben. Dies wiederum wirft die Frage auf, warum diese “dramatischen Konsequenzen” dadurch verursacht werden, dass Indivdiuen gewalttätig werden und Konflikte zuweilen im Krieg enden?

Auf diese Frage, die große Teile der Menschheit und die versammelte Zunft der Sozialwissenschaften seit Jahrhunderten beschäftigt, haben die Autoren eine klare Antwort: Es ist alles, wegen dem Klima. Ändert sich das Klima, wird es wärmer, dann werden Menschen gewalttätiger.

Dieses Ergebnis ist den Autoren nicht im Traum eingefallen. Es ist keine Intuition, sondern Resultat einer Meta-Analyse, in deren Verlauf sie 60 Primärforschungen untersucht haben, die von mehr als 190 Wissenschaftlern durchgeführt und in 27 wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden, und in denen allesamt untersucht wurde, wie sich das Klima auf die Gewalttätigkeit auswirkt. Die Studien reichen von 10.000 vor Christus bis in die Gegenwart: Mit 60 Studien durch das Klima der Menschheitsgeschichte, so könnte man formulieren.

Dabei sind die Ergebnisse, die die Autoren im Einzelnen bei anderen nachlesen, gar nicht so eindeutig, wie es scheint, denn viel Regen hat in “armen” Gesellschaften Gewalt zur Folge, und hohe Temperaturen auch (4). Feuchtigkeit und Hitze scheinen Wechsel zu wirken. Soviel zum Rat, sein Mütchen zu kühlen…

Temp1000yearsDie Meta-Analyse von Hsiang, Burke und Miguel überspannt nicht nur einen erheblichen Zeitraum, auch die Definition dessen, was als gewalttätig angesehen wird, ist etwas breit. Sie reicht vom Hupen, wenn es verboten ist, über Gewalt unter Sportlern und im Polizei-Training bis zu Mord, Putsch und Krieg. Manchen mag diese Definition zu breit sein, aber wenn man sicher gehen will, dass es keinen goldenen Rochen mit Platinstachel gibt, dann muss man eben das Meer trockenlegen.

Es ist im Ergebnisteil dieser doch sehr breiten Arbeit, dass den Leser die folgende Einsicht erwartet:

“Under sufficiently high levels of climatological stress, pre-existing social institutions may strain beyond recovery and lead to major changes in governing institutions (…), a process that involves the forcible removal of rulers. (…) Finally, in extreme cases, entire communities, civilizations and empires collapse following large changes in conditions” (4).

Da sich in der Literaturliste der Autoren kein Verweis auf Platon findet, gehe ich davon aus, dass hier nicht der Untergang von Atlantis beschrieben ist. Vielmehr ist die Ursache der Angst von Politikern vor der Erderwärmung berichtet: Wenn es wärmer wird, steigt die Gefahr, dass es den Beherrschten oder den Bürgern reicht und sie ihre Politiker mehr oder weniger gewaltvoll in die Wüste schicken. Wer also eine Revolution abzuhalten gedenkt, sollte die Wettervorhersage im Auge behalten.

Manchen Lesern solcher Ergebnisse, wie sie Hsiang, Burke und Miguel präsentieren, kommt sofort die Frage in den Kopf: Wie können die Autoren eine Kausalität des Klimas auf das Verhalten von Idi Amin behaupten oder: war der britische Rosenkrieg das Ergebnis einer Zwischenerwärmung der Insel, die Temperaturen in den Bereich von 20 Grad hat explodieren lassen? Führen fünf Grad globale Erderwärmung in Island zu genau dem selben Anstieg an Gewalttätigkeit wie in Indonesien oder in Bergisch Gladbach? Fragen über Fragen. Und die Antwort?

“Existing research has successfully established a causal relationship between climate and conflict …” (7)

CausalitzWas die Autoren hier behaupten, ist so etwas, wie der heilige Gral der sozialwissenschaftlichen Forschung: Eine Kausalität. Mit einer Standardabweichung mehr Temperatur (wo auch immer) steigt das Risiko auf einen Krieg um 14% an, so die Autoren. Also keine Kausalität, sondern eine statistische Kausalität, und mit statistischen Kausalitäten ergibt sich ein Problem, das man mit dem Wort “warum” beschreiben kann. Statistische Kausalitäten sind nämlich so lange den Monitor nicht wert, auf dem sie ausgegeben werden, so lange es keine Theorie gibt, die die Kausalität zu erklären vermag.

Und damit komme ich zu dem, was Politiker, wären sie in der Lage, statistische Analysen zu lesen, beruhigen könnte: Die Autoren haben keine Theorie, keine Spur von Ahnung, warum das Klima Gewalttätigkeit und Krieg kausal bedingen sollte:

“Although the physiological mechanism linking temperature to aggression remains unknown, the causal association appears robust across a variety of contexts” (4)

Wir wissen zwar nicht warum A und B zusammenhängt, wir wissen eigentlich gar nichts, über A und B außer, dass sie kausal zusammenhängen – die Kausalität des Unbekannten, wie man sagen könnte. Die zitierte Aussage der Autoren hätte vermutlich David Hume einen Lachkrampf veursacht. Hume, hat sich nämlich Jahrzehnte lang gemüht herauszufinden, was eine zufällige zeitliche Assoziation zweier Objekte von einer kausalen zeitlichen Assoziation zweier Objekte unterscheidet. Bekanntlich ist Hume zu dem Schluss gekommen, dass eine Unterscheidung nicht möglich ist, es Menschen daher versagt ist, kausale Zusammenhänge zu finden.

The Revolution was postponed

Revolution postponed – click for new schedule

Diese Humesche Vernichtung der empirischen Wissenschaft hat Karl Raimund Popper dadurch rückgängig machen können, dass er die Bedeutung einer Theorie zur Erklärung von beobachteten Zusammenhängen betont und in einer Methodologie niedergelegt hat. Diese Lösung des Kausalitätsproblem haben Hsiang, Burke und Miguel eben einmal vergessen. Im Zeitalter der statistischen Modelle scheint jeder Korrelationskoeffizient den Stellenwert einer Kausalität anzunehmen, was einem auf die Frage bringen könnte, ob das Gerede über den Klimawandel nicht in einem kausalen Zusammenhang mit dem Verfall wissenschaftlicher Methoden steht.

Wie dem auch sei, Politiker können vorerst aufatmen und Revolutionäre müssen vielleicht doch aufhören, auf das Klima zu hoffen.

Hsiang, Solomon M., Burke, Marshall & Miguel, Edward (2013). Quantifying the Influence of Climate on Human Conflict. Science

doi:10.1126/science.1235367

Die Illusion vom Datenschutz

Datenschutz ist einer der Bereiche, die sich hervoragend dazu eignen, öffentliche Illusionen aufzubauen, die sich wiederum hervoragend dazu eignen, um Bürgerrechte im Namen des Datenschutzes einzuschränken. Datenschutz ist derzeit für Regierungen ein Win-Win-Spiel, denn wenn Regierungen zum Datenschutz blasen, dann ist ihnen die Zustimmung ihrer Bürger, in vielen Fällen die begeisterte Zustimmung sicher.

Zwar haben die jüngsten Ereignisse gezeigt, dass man, so man sich um seine Daten sorgt, sich vor allem gegen die eigene Regierung und deren Verbündete verteidigen und sichern muss, das hindert aber viele nicht daran, bei Datenschutz neben den USA in erster Linie an Unternehmen wie Facebook, Twitter, Tesco oder Google zu denken, sammeln Letztere doch Daten von Ihren Kunden, um sie z.B. für Werbezwecke einzusetzen.

personalausweisSo hat das ZDF vor kurzem beklagt, dass der britische Supermarkt-Riese Tesco Daten seiner Clubcard-Besitzer nutzt, um z.B. deren Einkaufverhalten in den Supermärkten oder deren Sehverhalten im Tesco-eigenen Fernsehen aufzuzeichnen, und den Kunden, dann ihren Seh- und Kaufgewohnheiten entsprechende Angebote zu machen. Für Torsten Dewi, der den Beitrag für das Hyperland des ZDF geschrieben hat, eine Unglaublichkeit. Gleichzeitig, so ist zu vermuten, findet Dewi nicht viel dabei, zum Ordnungsamt zu laufen und dort eine ganze Menge von persönlichen Daten zu hinterlassen, damit er anschließend mit einem ganz eigenen Personalausweis durch deutsche Lande wandeln darf. Eine Unvorstellbarkeit für jeden Briten, einen Personalausweis ständig mit sich zu führen. Das nennt man dann wohl kulturelle Unterschiede.

Datenschutz liegt auch bei Facebook im Argen, wie man beim grünen badenwürttembergischen Kultusministerium weiß. Deshalb wurde Lehrern kurzerhand die Nutzung von Facebook in ihrer Funktion als Lehrer und somit letztlich komplett verboten. Der Datenschutz bei Google ist nach Ansicht des Hamburger Datenschützers, Johannes Caspar, ein Unding, weshalb er ein Verwaltungsverfahren gegen das Unternehmen eingeleitet hat. Und die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder haben die Tatsache, dass die US-amerikanische NSA wohl auch ihre Emails mitliest, zum Anlass genommen, um eine Aussetzung der Übermittlung von Daten an die USA zu fordern. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel schreiben sie als Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder:

“Deshalb fordert die Konferenz die Bundesregierung auf, plausibel darzulegen, dass der unbeschränkte Zugriff ausländischer Nachrichtendienste auf die personenbezogenen Daten der Menschen in Deutschland effektiv im Sinne der genannten Grundsätze begrenzt wird.”

bndMan beachte die Adjektive “unbeschränkt” und “ausländisch”, die konditional miteinander verbunden sind. Gefordert wird, dass ausländische Nachrichtendienste keinen unbeschränkten Zugriff auf die “personenbezogenen Daten der Menschen in Deutschland” haben, nicht etwa alle Nachrichtendienste oder ausländische und inländische Nachrichtendienste. Die Datenschutzbeauftragten regt also nicht auf, dass ausgespäht wird, sondern dass vom Falschen ausgespäht wird.

Der ganze Zinnober um Datenschutz, dient vermutlich dazu, die Aufmerksamkeit von denen abzulenken, die sich tatsächlich im Besitz relevanter personenbezogener Daten befinden und die dann, wenn sie bei sich einen Mangel an personenbezogenen Daten feststellen, eben einmal geltendes Recht brechen und Diebesgut kaufen, um Deutschen auf die Spur zu kommen, die der Ansicht sind, sie zahlen in Deutschland zu viel Steuern.

Wie dem auch sei, geht es um Datenschutz, dann richtet sich der Blick in Deutschland nicht auf die Regierung und ihre sammelwütigen Institutionen, auf Finanzamt, Ordnungsamt, BND und alle sonstigen Institutionen, die nichts lieber tun, als Informationen über Bürger zu sammeln, sondern auf private Unternehmen, die die Daten missbrauchen, die sie aus ihren Kunden und ohne deren Wissen “entnehmen”.

dont_panic_280085kDabei haben Unternehmen es gar nicht nötig, Kunden auszuschnüffeln, ganz im Gegensatz zu Regierungen und ihren nachgeordneten Institutionen, bei denen man anscheinend der Ansicht ist, Osama Bin Laden habe seine Helfer über social networks rekurriert oder über online-Stellenausschreibungen (Terrorist gesucht) und ansonsten per Email Informationen über Art und Weise, Ort und Zeitpunkt des nächsten Anschlags ausgetauscht. Nein, die Informationen, die Internetnutzer, auch solche, die sonst so viel Wert auf ihre Anonymität legen, durch ihr Surfen im Internet, ihre Bedienung von Like-Buttons oder ihr schlichtes Anwählen von Homepages hinterlassen, reicht aus, um sich ein wirklich detailliertes Bild der entsprechenden Nutzer machen zu können.

Dass dem so ist, ist nicht neu. So haben Forscher auf Grundlage der Texte, die Internetnutzer hinterlassen haben, mit hoher Sicherheit auf bestimmte individuelle Merkmale, wie Alter, Sozialstatus oder Geschlecht geschlossen (Fast & Funder, 2008), die Browser-History von Internetnutzern benutzt, um deren Persönlichkeitsmerkmale zu bestimmen (De Bock & van den Poel, 2010; Hu et al., 2007) und eine neue Untersuchung von Michael Kosinski, David Stillwell und Thore Graepel, die in den Proceedings of the National Academy of Science erschienen ist, geht sogar noch einen Schritt weiter.

Die Autoren nutzen Facebook-Likes, die Nutzer auf den verschiedensten Websites hinterlassen, um mit hoher Genauigkeit vorherzusagen, ob die entsprechenden Nutzer, Single sind oder in Partnerschaft leben (67% Trefferquote), ob ihre Eltern sich getrennt haben, bevor sie das Alter von 21 Jahren erreicht haben (60% Trefferquote), ob sie rauchen (73% Trefferquote), schwul (88% Trefferquote) oder lesbisch (75% Trefferquote), männlichen oder weiblichen Geschlechts (93% Trefferquote) sind. Darüber hinaus haben Kosinsiki, Stillwell und Graepel gezeigt, dass es möglich ist, Persönlichkeitstypen zu identifizieren, etwa vorherzusagen, ob ein bestimmter Internetnutzer intelligent, offen für Neues, nett oder extrovertiert ist, ob er emotional stabil ist und über ein dichtes Freundesnetzwerk verfügt. Die entsprechenden Vorhersagen sind erstaunlich akkurat und variieren je nach Menge der benutzten Daten zwischen 39% und 78% Treffergenauigkeit für z.B. Intelligenz bzw. 30% und 68% für emotionale Stabilität. Je mehr Informationen, je mehr Likes zur Verfügung stehen, desto besser ist die Vorhersage, was Statistiker nicht überraschen dürfte.

facebook-like-buttonÜberraschend ist dagegen, welche Art von Likes auf bestimmte Eigenschaften schließen lassen (oder vielleicht auch nicht). So hatte ein Like für “I Love Being a Mom” eine hohe Vorhersagekraft für eine mindere Intelligenz, während ein Like für “Curly Fries” eine hohe Intelligenz gut vorhersagt. Wie sich zeigt, ist man vor Überraschungen nicht gefeit und wie sich auch zeigt, hinterlässt jeder jeden Tag genug Informationen im Internet, die genutzt werden können, um etwas über ihn herauszufinden, wenn man das wollen sollte.

Und warum sollte man das wollen? Die Antwort für Unternehmen ist klar: Sie wollen etwas über ihre Kunden wissen, um Angebote auf deren Bedürfnisse zuschneiden zu können und nicht Flyer mit Werbung für Fleisch an überzeugte Vegetarier zu schicken, um Informationskosten zu reduzieren. Und warum sammeln Regierungen Daten? Natürlich um uns zu schützen und nur um uns zu schützen, vor Terroristen, Steuerverweigerern, vor Antifeministen, die Liste der Möglichkeiten, um Bürger zu schützen, ist endlos, das ist das Schöne am Datenschutz, die Zielgruppe, vor der die “guten Bürger” geschützt werden müssen, lässt sich beliebig erweitern.

Technisches zur Studie: Die Untersuchung basiert auf Informationen, die von myPersonality Facebook gesammelt wurden, darunter die Anzahl der Facebook Likes, Psychometrische Testergebnisse sowie Informationen zu bestimmten Themen wie dem Alter bei Trennung der Eltern. Insgesamt können Kosinsiki, Stillwell und Graepel auf Daten von 58.466 Personen zurückgreifen, die sich zur Teilnahme an der Untersuchung bereit erklärt habeen.

 

Nachtrag

Bevor jetzt wieder die Jagd auf Facebook losgeht. Die Daten von Facebook wurden von den Autoren genutzt, weil sie über myPersonality Facebook von Nutzern freiwillig bereitgestellt und mit anderen Daten verbunden werden. Facebook-Likes sind nur ein Beispiel, Kundenrezensionen, Beiträge in Foren oder das schlichte Surfen durch verschiedene Seiten, reicht schon als Information, um die Anonymität der Internet-Nutzer zumindest soweit zu lüften, dass gute Vorhersagen über ihre Persönlichkeit, sozialstrukturelle Position und Lebensumstände möglich sind.

Literatur

De Bock, Koen W. & van den Poelk, Dirk (2010). Predicting Website Audience Demographics for Web Advertising Targeting Using Multi-Website Clickstream Data. Fundamenta Informatica 98(1): 49-70.

Fast, Lisa A. & Funder, David C. (2008). Personality as Manifest in Word Use: Correlation with Self-Report Acquaintance Report and Behavior. Journal of Personality and Social Psychology 94(2): 334-346.

Hu, Jian, Zeng, Hua-Ju, Li, Hua, Niu, Cheng & Chen, Zheng (2007). Demographic Prediction Based on User’s Browsing Behavior. International World Wide Web Conference, pp.151-160.

Kosinski, Michal, Stillwell, David & Graepel, Thore (2013). Private Traits and Attributes are Predictable From Digital Records of Human Behavior. Proceedings of the National Academy of Science of the United States 110(15): 5802-5805.

ARD machts möglich: Mehr als 100% Nutzer

Die ARD ist immer für eine Überraschung gut. Die neueste Überraschung findet sich im Online-Angebot der ARD bei den Mediendaten, mit denen der öffentlich-rechtliche Sender sich und sein Programm für Sponsoren attraktiv machen will. Die folgende Tabelle habe ich unter den “Medien Basisdaten” der ARD gefunden. Sie belegt sehr eindrücklich, dass man bei der ARD zwar mit Gebühreneinnahmen, nicht aber mit Zahlen umgehen kann.

ARD Murks

Angaben in Prozent, so heißt es verschwörerisch in der Unter-Überschrift. Es fehlt die Basis: Prozent wovon? Wäre der ARD-Zuständige Student in der Veranstaltung “Statistik für Erziehungswissenschaftler”, er wäre gerade durchgefallen. Aber es wird noch besser.

Egal, welche Prozentuierungsbasis, irgendwie müssen sich Prozentwerte auf 100% ergänzen. Betrachtet man die Zeilen und denkt z.B.: dargestellt ist die Entwicklung der männlichen Nutzer des Onlineangebots der ARD, dann ist schon nach drei Spalten Schluss: Mehr als 100% Männer geht nicht. Eine kombinierte Betrachtung von Zeilen- und Spaltenprozente führt auch nicht weiter: Ich habe zwar schon davon gehört, dass manche der Ansicht sind, es gäbe mehr als zwei Geschlechter, aber bei der ARD ist nicht einmal Platz für zwei Geschlechter, denn nach drei Spalten gibt es bereits mehr als 100% Männer, kein Platz mehr für Frauen. Das einzige mir bekannte Patriarchat besteht also bei der ARD. Das Patriarchat ist zugleich ein Matriarchat, denn nach vier Spalten (immer von links zählen) sind 100% der Nutzer des ARD-Onlineangebots weiblich, was zeigt, bei der ARD finden sich vornehmlich Transsexuelle, die jederzeit das Geschlecht wechseln können und überdies mehr als 100% der Nutzer ausmachen.

statistics for dummiesAber es kommt noch besser, betrachtet man die Prozente als Zeilenprozente; 100% der Nutzer des ARD Onlineangebots waren im Jahre 2010 zwischen 14 und 29 Jahre alt. Gleichzeitig waren 98,4% der Nutzer aber zwischen 20 und 29 Jahren alt und 89,9% der Nutzer waren zudem zwischen 30 und 39 Jahre alt, und im Rentenalter waren 28,2% der 100%, die zwischen 14 und 29 Jahren alt warfen. Dies ist insofern spannend als 44,7% der Nutzer des ARD-Onlineangebots nicht berufstätig waren, während 90,7% eine Berufstätigkeit vorgaben bzw. angaben, was notwendig dazu führt, dass in Deutschland und unter den Nutzern der ARD die Kinderarbeit endemische Ausmaße angenommen hat.

In den letzten Jahren ist mir häufig die Aussage begegnet, ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Zumeist sagen dies Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man eine richtige Statistik erstellt. Keine Ahnung davon, wie man eine richtige Statistik erstellt, haben auch die Verantwortlichen bei der ARD und entsprechend lausig wären ihre Versuche, eine Statistik zu fälschen, sofern sie sie anstellen wollten, angestellt haben.

Was allerdings in hohem Maße bedenklich ist, ist die Tatsache, dass es eine ARD/ZDF Online Studie, ja Online Studien gibt. Erschreckend! Was die Verantwortlichen bei der ARD oder beim ZDF ausgewertet und zusammengerechnet haben, man wagt es sich kaum vorzustellen. In jedem Fall sind die Steuergelder gut angelegt: Das Niveau der “Forschungsabteilung” bei der ARD entspricht offensichtlich dem Programm des Senders.

Nachtrag zu einigen Kommentatoren

Richtig, da steht: “Basis: Bis 2009 Deutsche ab 14 Jahren, ab 2010 deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren”. Das habe ich nicht übersehen, aber es macht auch dann keinen Sinn, denn dann waren 2012 81,5% der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre männliche Nutzer des ARD Onlineangebots und 70,5% weibliche Nutzer. Wahlweise waren 100% der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren, 14 bis 29-jährige Nutzer des ARD Onlineangebots. Und wenn ich der ARD alles zu Gute halte, was hier einige Kommentatoren zu Gute halten und die Zahlen pro Jahr und für jede dargestellte Sub-Gruppe getrennt auf die angegebene Basis beziehe und als Ausschöpfungsquoten interpretiere (hätte man auch als solche in der Überschrift angeben können, aber das nur nebenbei), dann tut sich ein Graben voller neuer Probleme auf. So müsste die ARD zugeben, dass die Daten hochgerechnet wurden und Schätzungen darstellen, deren Qualität man nur beurteilen kann, wenn man die Grundgesamtheit kennt, was es wiederum erforderlich machen würde, die Anzahl der Befragten, für die hier Prozentwerte angegeben werden, zu nennen, also z.B. Grundlage 1000 Befragte im Alter von 14 bis 82 Jahre oder 175 Angestellte der ARD in Köln (ab 14 Jahren) oder was auch immer. Aber es ist wirklich interessant zu sehen, wie schnell manche Kommentatoren sich auf der Seite der “Institution” einreihen und dieselbe von jedem Fehler freisprechen.

Oder wie Dr. Diefenbach gerade anmerkt: Es ist interessant zu sehen, wie schnell manche Kommentatoren bereit sind, auf den symbolischen Akt der Angabe einer “Basis” zu reagieren und alles Nachdenken darüber, ob außer Symbolik auch Sinn vermittelt wird, einzustellen.

Herz-Schmerz-Opus: Die ARD verfälscht munter Daten

Armut macht krankHeute findet sich auf Tagesschau.de ein Herz-Schmerz-Opus, in dem sich Sandra Stalinski über die fetten und diabetischen Armen auslässt. Die selbsternannte Reglementiererin der Armen wartet in ihrem Beitrag mit einer Reihe von Behauptungen, Daten und vermeintlichen Erkenntnissen auf, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind falsch. Einmal mehr zeigt sich, dass Journalismus in Deutschland zum Betroffenheits-Fabulieren selbsternannter Möchtegern-Weltverbesserer geworden ist, einmal mehr zeigt sich, dass es derzeit in bestimmten Kreisen schick zu sein scheint, auf die fetten und rauchenden Unterschichtler zu schimpfen. Das ist natürlich meine deutliche Sprache, im Tagesschau.de geeigneten Deutsch heißt das: “Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen ein Schichten und Bildungsproblem”, so wird Frank Ulrich Montgomery zitiert, der darüber hinaus alarmiert darüber sein soll, dass die “Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander” gehe, was wie er woher auch immer weiß, dazu führen müsse, dass sich “die Gesundheitsprobleme” [Gesundheitsprobleme halt, arme Unterschichtler werden schon ein Gesundheitsproblem haben, das man vermarkten kann] verschärfen.

Fangen wir damit an, dass “Armut krank macht”, wie der unsinnige Titel des ARD-Beitrags behauptet. Nun ist Armut ein Zustand, der als Zustand nicht krank machen, also einen anderen Zustand herbeiführen kann. Man muss die unsinnige Überschrift also transferieren, etwa in: “Arme sind häufiger krank als Nicht-Arme” oder “Kranke sind häufiger arm als Nicht-Kranke”. Beide Aussagen sind voneinander verschieden, und beide Aussagen geben keine Kausalität an. Genau das behauptet aber die Überschrift: Armut sei kausal für Krankheit. Entsprechend war schon meine Operationalisierung ein Entgegenkommen, denn die im unlogischen Raum frei flottierende Autorin impliziert allen Ernstes, dass wer nicht arm ist, nicht krank werden kann, denn Armut macht krankt, nicht Nicht-Armut.

Da es Kranke gibt, die nicht arm sind, ist diese Aussage offenkundig falsch. Mehr noch: Sie stimmt nicht einmal für Arme, denn, wie das Statistische Bundesamt endgültig festgestellt hat:

„Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Stalinski in der ARD fabuliert, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Diese “relative Armut” ist der Gegenstand der “zahlreichen Studien” von denen Stalinski im ersten Absatz fabuliert, nicht absolute Armut wie Stalinski suggeriert.

Aber Stalinski beruft sich nicht auf die “zahlreichen Studien” zu relativer Armut: Um ihre unsinnge Behauptung zu stützen, dass nämlich Armut krank macht, missbraucht sie Daten aus der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” (DEGS1), wobei interessanter Weise kein Beleg angegeben ist, damit niemand nachprüft, vermutlich. Hier zunächst, was Stalinski der “soeben veröffentlichten Studie des RKI [Robert Koch Institut] zum Thema [Armut macht krank]” entnommen haben will:

ARD Datenfaelschung“36,2% Prozent der Frauen mit niedrigem sozialen Status [sind] adipös, also fettleibig (Männer 28,8 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem soziale Status nur 10,5 Prozent (Männer 15,5 Prozent) sind. Ähnlich verhält es sich bei Diabetes mellitus. 11,8 Prozent der sozial benachteiligten Frauen erkranken daran (Männer: 11 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem sozialen Status nur 3,2 Prozent sind (Männer: 6,3 Prozent).” Weitere Ergebnisse finden sich in einer Tabelle, die ich hier als Abbildung eingefügt habe.

Wie gesagt, Frau Stalinski gibt die Quelle ihrer Erkenntnis, die entsprechende Veröffentlichung des RKI, der sie den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit entnommen haben will, nicht preis. Wer die Reihe DEGS1 des RKI kennt, weiß, dass sie eine Vielzahl von Einzelpublikationen enthält, so dass man das Fehlen eines konkreten Belegs im Beitrag von Frau Stalinski als bewusste Unterschlagung werten muss. Unter diesen Einzelpublikationen findet sich eine Publikation mit dem Titel “Sozioökonomischer Status und Gesundheit”, von T. Lampert et al. und im Bundesgesundheitsblatt 56 (Mai 2013) veröffentlicht. Und es ist auf Seite 816 dieser Publikation, dass die Suche nach dem Ursprung der Daten von Stalinski erfolgreich ist.

Zunächst zum Gegenstand. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Lampert et al. ihren Beitrag mit “Sozioökonomischer Status …” überschrieben haben und eben nicht mit “Armut”. Sozioökonomischer Status oder SES wiederum ist aus Veröffentlichungen von WHO und OECD bestens bekannt und wird, wie Lampert et al. in ihrem Beitrag so deutlich schreiben, dass es selbst Frau Stalinski gelesen haben könnte, wie folgt berechnet:

Armut

Armut

“Der sozioökonomische Status wird in DEGS mithilfe eines Index erfasst … Der sog. SES-Index wird auf Basis von Informationen zur schulischen und beruflichen Bildung, zur beruflichen Stellung sowie zum Netto-Äquivalenzeinkommen als mehrdimensionaler Punktsummenscore berechnet. Dabei werden die 3 Ausgangsvariablen zunächst in metrische Skalen überführt, die Werte zwischen 1,0 und 7,0 annehmen können. Da die 3 Dimensionen mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung des SES-Index eingehen, reicht der Wertebereich von 3,0 bis 21,0. Ausgehend von dem Index wird für die Analysen eine verteilungsbasierte Abgrenzung von 3 Statusgruppen vorgenommen, wobei die niedrige und hohe Statusgruppe jeweils 20% der Bevölkerung und die mittlere Statuusgruppe 60% der Bevölkerung umfasst” (815) [Hervorhebung von mir].

Es ist eine Eigenart dieser Berechnung, dass eine Hausfrau mit Abitur, die – weil auf Elterngeld und in der Ausbildung – unter 60% des Median-Einkommens liegt, zu den unteren 20% im SES-Index zählt, ebenso wie der Bundeswehrsoldat, der Hauptschulabschluss hat und knapp über der 60%-Grenze des Nettoäquivalenzeinkommens liegt. Auch Studenten, die von Bafög und Gelegenheitsjobs leben, haben eine gute Chance, sich in der niedrigen Kategorie von SES wiederzufinden. Kurz: Ein niedriger sozio-ökonomischer Status hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Man sollte von einer Journalistin erwarten können, dass sie in der Lage ist, diesen Unterschied zu erkennen bzw. erkennen zu wollen. Aber natürlich ist dazu eine Transferleistung vonnöten und wie die PISA-Studien gezeigt haben, hapert es mit Transferleistungen bei deutschen Schülern und offensichtlich, so muss man ergänzen, auch oder gerade bei Journalistinnen.

Nun zu den Daten, die belegen sollen, dass Armut krank macht. Ich bitte die Leser sich noch einmal die Tabelle anzusehen, in der von Frauen und Männern und von sozial benachteiligten Frauen und Männer die Rede ist. Es reicht, die Prozentwerte zum schlechten subjektiven Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dazu heißt es in der Publikation des RKI (Lampert et al., 2013):

“Nach den DEGS1-Daten schätzen 25,3% der 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland ihren allgemeinen Gesundheitszustand als “mittelmäßig”, “schlecht” oder “sehr schlecht” ein. Auf Frauen trifft dies mit 27,1% häufiger zu als auf Männer mit 23,4%.” Vermutlich sehen sie andere Prozentwerte in der Tabelle von Frau Stalinski – falsche! Denn: “Frauen mit niedrigem SES schätzen zu 43,5% ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht ein. In der mittleren und höheren Statusgruppe sind es 26,2% bzw. 11,8%. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 36,7% in der niedrigen, 22,3 in der mittleren und 14,2 in der hohen Statusgruppe” (816).

Wie sich zeigt, werden auf Tagesschau.de entweder Daten mutwillig gefälscht oder es werden willkürlich irgendwelche Daten präsentiert, in der Erwartung, dass sie niemand nachprüft. So gibt es im Bericht des RKI keine Daten für “sozial benachteiligte” Männer oder Frauen, es gibt keine Daten für einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. Und die Werte, die in der Tabelle für Männer und Frauen angegeben werden, sind falsch, denn es handelt sich um die Werte für Männer und Frauen in der oberen 20%-SES-Gruppe.

Wer nun denkt, damit wäre die Verbreitung falscher Daten am Ende, der sei an das Zitat aus dem Bericht der ARD erinnert: “nur” 11,8% der sozial benachteiligten Frauen, so heißt es da, erkranten an Diabetes mellitus, nur 3,2 Prozent der Frauen mit hohem sozialen Status und die entsprechenden Zahlen für Männer sind 11 Prozent und 6,3%. Was nun steht im Original? Welche Ergebnisse haben die Forscher des RKI tatsächlich veröffentlicht:

“Die Lebensprävalenz für Diabetes mellitus liegt in der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung bei 7,4%, wobei nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen (7,5% gegenüber 7,2%). Mit zunehmendem Alter steigt die Verbreitung von Diabetes mellitus deutlich an, bis auf 17,5% bei 65- bis 79-jährigen Frauen und 21,4% bei gleichaltrigen Männern”. Nun der vermeintlich von Stalinski zitierte Teil: “Von den Frauen mit niedrigem SES wurde bei 11,8% schon einmal Diabetes festgestellt. Die Vergleichswerte für Frauen mit mittlerem und hohem SES betragen 7,3% und 3,2%. Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen. Die Prävalenz beträgt in dieser Gruppe 11,0%, während sie bei Männern mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status bei 6,1% bzw. 6,3% liegt” (816).

counterfeiterMan beachte, dass die zitierte Passage die Daten in einen Rahmen einordnet, der keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt. Man beachte ferner, dass “soziale Benachteiligung” im Text des RKI nicht vorkommt. Beides entstammt der Phantasie von Frau Stalinski, die sich offensichtlich wünscht, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer und es gerne sähe, würden Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status benachteiligt. Außer Frau Stalinski wünscht sich das jedoch (hoffentlich) niemand, und deshalb beschreibt der soziale Status eine Lebenssituation (die sich ändern kann), er beschreibt einen gegenwärtigen Zustand und keine Handlung Dritter, die Inhaber des entsprechenden sozioökonomischen Status’ benachteiligen oder diskriminieren. Wie gesagt dies alles entspringt der erschreckenden Phantasie von Frau Stalinski.

So einfach ist Meinungsmache in Deutschland. Man stellt eine unsinnige Behauptung auf: Armut macht krank, zitiert dazu eine Person, die vielleicht als “kompetent” durchgeht, die etwas behauptet, was irgendwie unter das Rubrum “Armut macht krank” passt. z.B. weil ähnlich klingende Begriffe verwendet werden. Man sucht im nächsten Schritt Daten, die passen könnten, unterschlägt , dass die Daten nicht Armut sondern sozioökonomischen Status messen (oder versteht den Unterschied nicht), unterschlägt weiter, dass nicht “schlechter Gesundheitszustand”, sondern mittelmässig bis sehr schlechter Gesundheitszustand dargestellt wird, macht aus dem Zustand “niedriger SES” eben einmal “sozial benachteiligt” und schon ergibt sich ein veritabler Brei von Unsinn, der zwar nicht der Empirie entspricht, sondern schlicht fabuliert ist, aber der sich trefflich von denen nutzen lässt, die sowieso und ständig auf der Suche nach Munition für ihre ideologischen Schlachten sind.

Öffentliche Medien haben eine Sorgfaltspflicht. Falsche Informationen, Propaganda und ideologische Verfälschungen haben in Medien, die von Gebührenzahlern finanziert sind, keinen Platz, und entsprechend sollte sich die ARD schnellstens daran machen, diesen falschen Bericht richtig zu stellen und Frau Stalinski zu entlassen, denn wer dermaßen unbedarft ans Werk geht, vor dem muss die lesende Welt geschützt werden.

Ich habe meinerseits eine Email an das RKI geschrieben und eine Stellungnahme angefordert. Hier meine Email an den Präsidenten des RKI:

Sehr geehrter Herr Burger,
die heutige Ausgabe von Tagesschau.de enthält einen Text, in dem unter der Überschrift “Armut macht krank” Daten des RKI präsentiert werden. Nahezu alle präsentieren Daten sind falsch bzw. verfälscht, und es wird der Eindruck erweckt, das RKI werde von einer Anzahl methodisch illiterater Forscher bevölkert, die nicht wissen, was Sie erhoben und ausgwertet haben. Der Beitrag ist für das RKI in höchstem Maße rufschädigend, und ich halte es von daher für ratsam, wenn Sie eine Richtigstellung veranlassen.
Hier der ARD-Beitrag:

http://www.tagesschau.de/inland/armutgesundheit100.html

und hier meine Besprechung des ARD-Textes auf dem Wissenschaftsblog ScienceFiles:

http://sciencefiles.org/2013/05/28/herz-schmerz-opus-die-ard-verfalscht-munter-daten/

P.S.

Man kann natürlich auch das RKI nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Was die Forscher dazu verleitet hat, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als “mittelmäßig” mit den Einschätzungen “schlecht” und “sehr schlecht” zu kombinieren, ist ein Frage, deren Antwort zu finden jedem selbst überlassen ist. Methodisch Versierte werden vermutlich vermuten, dass die Mittelkategorie (wie zumeist) “mittelmäßig” deutlich stärker besetzt ist als die beiden Extremkategorien, und falls dies der Fall sein sollte, haben die RKI-Forscher ihren Teil zur Irreführung der Öffentlichkeit beigetragen. Zudem verkaufen uns die Forscher eine Korrelation als Kausalität “Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen.” Das ist ebenfalls ein massiver Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit, aber ich befürchte, es ist heutzutage dem Fehlen einer Methodenausbildung an den meisten Universitäten anzulasten.

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

WHO-Strategie gegen Alkohol: Bars und Restaurants verbieten?

Angefangen hat alles gestern Abend, als ich über eine Studie mit dem Titel “Alcohol-selling outlets and mortality in Switzerland – the Swiss National Cohort” gestolpert bin. Bereits ein Titel, wie der vorliegende, legt OLYMPUS DIGITAL CAMERAmittlerweile meine Stirn in Falten. Das vor allem deshalb, weil ich Aggregatdatenanalysen oder von empirischen Analysen, die auf Basis von aggregierten Daten durchgeführt werden, nützlich finde. Und genau deshalb reagiere ich empfindlich auf Unsinn der mit Aggregatdaten angestellt wird, und die vorliegende Analyse von Adrian Spoerri, Marcel Zwahlen, Radoslaw Panczak, Matthias Egger und Anke Huss durchgeführt und in “Addiction” veröffentlicht, ist Unsinn.

Die Autoren haben viel Zeit und vermutlich auch viel Geld in die Analyse eines Zusammenhangs gesteckt, den man, würde man einen Moment lang nachdenken, nicht einmal im Traum untersuchen würde. Doch der Reihe nach.

Zunächst haben die Autoren Daten für 4 376 873 Schweizer zusammengetragen (aus dem Swiss National Census) und darunter für den Zeitraum vom 5. Dezember 2000 bis zum 31 Dezember 2008 8602 “alkoholbedingt” verstorbene Schweizer gefubdeb. Im nächsten Schritt haben sie Cox Regressionen berechnet, eine Form der Sterbetafelanalyse, mit der das Risiko für verschiedene Merkmalsträger unter Kontrolle bestimmter Faktoren berechnet werden kann, im vorliegenden Fall: “alkoholbedingt” zu versterben. Angesichts der Individualdaten, die die Autoren zur Verfügung hatten, hätte ich nun erwartet, dass sie versuchen die Lebensgewohnheiten, die Lebensbedingungen, den Lebensalltag zu modellieren, um z.B. herauszufinden, welche individuellen Faktoren das Risiko, “alkoholbedingt” zu versterben, erhöhen. Weit gefehlt.

Die Autoren haben sich Geo-Daten für die Örtlichkeit von Bars und Restaurants zusammengesucht und für jeden Schweizer in ihrem Datensatz untersucht, wie große die Dichte von Bars und Restaurants in seinem direkten Wohn-Umfeld ist, wobei sein direktes Wohnumfeld einen Umkreis von 1000 Metern hat. Sodann haben sie für jeden Schweizer berechnet, wie weit er laufen muss, um zur nächsten Bar, zum nächsten Restaurant zu kommen, sie haben ihre Individualdaten also aggregiert.

Und dann haben sie Cox-Regressionen gerechnet. Und was ist dabei herausgekommen? Wenig Überraschendes:

“…we observed that alcohol-related mortality was associated with the distance of an individual’s residence to the nearest alcohol-selling outlet as well as with the density of outlets in the immediate neighborhood” (8).

WelschDa diese Zusammenfassung immer noch da war, nachdem ich sie dreimal gelesen habe, muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass das wirklich die Konklusion ist, die die Autoren nach dem Einsatz von viel finanziellen und Zeit-Ressourcen gezogen haben. Das ist erstaunlich und überraschend zugleich, denn, was die Autoren hier messen, ohne es zu merken, ist ein klassisches Artefakt. Im vorliegenden Fall nennt man es “Stadt”. Städte haben die Angewohnheit, nicht nur Menschen zum dort leben anzuziehen, sondern auch alle Formen sonstiger Agglomerationen herzustellen. So finden sich selbst in schweizer Städten immer mehr Schulen, Universitäten, Läden, Supermärkte, Bäcker, Schwimmbäder, Krankenhäuser und eben auch Bars und Restaurants, als z.B. in Ulmitz oder Laupen. Das liegt in der Natur der Sache. Und da man in Ulmitz oder Laupen deutlich weiter laufen muss, um auch nur in die Nähe einer Restaurant- und Bar-Dichte zu kommen, wie die, die sich einem Berner bietet, ist es nicht verwunderlich, dass die Cox-Regression zeigt, dass mit der die Dichte von Bars und Restaurants die Anzahl der alkoholbedingt Verstorbenen steigt. Das hat auch damit zu tun, dass in Städten gewöhnlich mehr Leute leben als in einem Weiler im Berner Oberland. Insofern haben die Autoren hier ein astreines Artefakt produziert, das man mit der Entfernung zu und Dichte von Bäckern, Hautärzten, Parteizentralen und Universitätsangestellten jederzeit wiederholen kann. Wobei ich schon gern wüsste, wie die Autoren das Ergebnis interpretieren, dass sich die Dichte von Hautärzten und die Entfernung zum nächsten Hautarzt positiv auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, alkoholbedingt zu versterben. Aber lassen wir das. Viel interessanter ist, was die Autoren mit ihrem Artefakt machen.

Nun, sie merken gar nicht, dass sie ein Artefakt produziert haben und ziehen daher munter Schlussfolgerungen, die mich erbleichen lassen:

“Our study supports the recommendation by the World Health Organization that community-level interventions reducing alcohol outlet density are useful measures that complement existing interventions”.(8)

Genau das, was die Autoren hier behaupten, zeigen ihre Ergebnisse nicht. Sie zeigen lediglich, dass man durch die Abschaffung von Städten dazu beitragen könnte, dass man weiter laufen muss, um zur nächsten Verkaufsstelle von Alkohol zu kommen und vermutlich könnte man dann eine Cox-Regression rechnen, die zeigt, dass mit der Entfernung zur nächsten Verkaufsstelle das Risiko steigt, von einem Auto überfahren zu werden.

WHOLogoUnd wenn einem der Unsinn, den die Autoren hier verbreiten, nicht schon den Blutdruck in die Höhe getrieben hat, dann schafft das der Verweis auf die busybodies bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sicherheit. Die guten Menschen dort sind ja täglich um unser aller Wohl bemüht und erfinden daher täglich neue Formen der Bevormundung. Eine besonders dreiste findet sich in dem 125 Seiten starken Bericht Evidence for the Effectiveness and Cost-Effectiveness of Interventions to Reduce Alcohol-Related Harm”, der von der WHO fianziert und veröffentlicht, sich der Frage widmet, wie man Menschen daran hindern kann, Alkohol zu trinken und auf den Seiten 65 bis 70 die Notwendigkeit, die Anzahl der Verkaufsstellen und deren Öffnungszeiten zu begrenzen, diskutiert. Am besten wir verbieten Bars und Restaurants und untersagen das Verkaufen von Alkohol in Supermärkten zwischen 8 Uhr morgens und 24 Uhr nachts.

Haben Sie eigentlich diese Herrschaften bei der WHO damit beauftragt, sich um Ihre Gesundheit zu kümmern und ihnen vorzuschreiben, was sie wo zu kaufen haben, wie leicht es ihnen fallen darf, an Alkohol heranzukommen und wie viel sie davon trinken dürfen? Ich kann mich nicht erinneren, einen entsprechenden Auftrag erteilt zu haben. Um genau zu sein, ich nehme es sehr negativ, wenn man versucht, mir Vorschriften darüber zu machen, wie ich mich zu verhalten habe. Und besonders negativ nehme ich entsprechende Versuche, wenn sie von selbsternannten Wächtern über meine Gesundheit und ihren willigen, wenngleich methodisch unfähigen Helfern an Universitäten kommen, wie im vorliegenden Fall.

Ich brauche weder die WHO noch Untersuchungen, die mir zeigen, wie einfach es ist, ein statistisches Artefakt zu schaffen. Entsprechend schlage ich vor, die WHO aufzulösen, den Autoren des hier verarbeiteten Beitrags Nachhilfestunden in Statistik zu geben und darüber hinaus jeden Versuch, in vorgeblich guter Absicht in das Leben anderer zu intervenieren, unter Strafe zu stellen. Wer es dennoch tut, muss eine Woche lang Werbefilme und Werbematerialien der WHO über sich ergehen lassen, die mit WHO-freundlichen angeblich wissenschaftlichen Beiträgen unterfüttert sind und anschließend wird er direkt in eine geschlossene Anstalt überführt, wo er sich dann mit der Mehrzahl der Mitarbeiter der WHO zum gepflegten Austausch zusammensetzen kann.

Und ich hoffe, dieser Vorschlag findet die Unterstützung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), denn immerhin sind es seine Mitglieder, denen es an die Existenzgrundlage geht, wenn die WHO und ihre Helfershelfer sich mit ihren abstrusen Forderungen durchsetzen können.

Equal Pay Day – Funktionärsgebrabbel und Wirklichkeit

Wissen Sie, warum regelmäßig normale Tage oder ganze Wochen mit irgendwelches Symboliken überfrachtet werden? Da gibt es den Tag der Arbeit, den Muttertag, den Tag der Einheit, den Boy’s Day und den Girl’s Day, den Frauentag und das sind nur einige der besonderen Tage. Der volle Umfang der besonderen Tage bietet sich dem Auge des Betrachters auf den entsprechenden Seiten der UN, jener Organisation, die Blauhelme in Länder schickt, um dort zu sein, die Mandate vergibt, um UNRIC-DELänder, die keine Blauhelme wollen, zu überrennen, und deren Vertreter sich ansonsten mit Reden und Forderungen hervortun. Wen wundert es, wenn die Funktion einer Organisation sich weitgehend in Sprachübungen erschöpft, dass sich die Vertreter der entsprechenden Organisation als besonders kreativ im Erfinden sprachlicher Widmungen für “Tage” zeigen? Wer an diesem Talent der UN-Vertreter zweifelt, der möge einen Blick auf die “Liste der besonderen Tage” werfen. Hier finden sich u.a.:

  1. der internationale Tage des Radios (13. Februar)
  2. der internationale Tag der Muttersprache (21. Februar)
  3. der Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden (8. März)
  4. der internationale Tag des Glücks (20. März)
  5. der Welttag der Poesie (21. März)
  6. welttollwutder Welt Tuberkulose Tag (24.März)
  7. der internationale Tag der Mutter Erde (22. April)
  8. der Internationale Tag des Jazz (30. April)
  9. der internationale Tag gegen Kinderarbeit (12. Juni)
  10. der Tag des öffentlichen Dienstes (23. Juni)
  11. der internationale Tag der Freundschaft (30. Juli)
  12. der Welt-Tollwut Tag (28. September)
  13. der internationale Tag der menschlichen Solidarität (20. Dezember)

Fehlt was? Vermissen Sie einen Tag, z.B. den Tag der Fingerfarben, den Tag der Erfindung des Penicillin, den Tag der Karosserie und des Fahrwerks oder den Tag des Erwachens? Ist noch ein Tag ohne Widmung? Der 8. Mai zum Beispiel oder der 24. Dezember, aber halt, am 24. Dezember, da war schon was. Was nur? Man verliert so leicht den Überblick, bei all den besonderen Tagen des Jahres. Wie dem auch sei, trotz aller Tageswidmungen ist die UN für einen Tag nicht verantwortlich, nämlich den Equal Pay Day. Dafür will nicht einmal, wie es scheint, die UN die Verantwortung übernehmen. Wo der Equal Pay Day herkommt, kann man der in ideologischen Dingen wie immer bestens unterrichteten Wikipedia entnehmen.

Der Equal Pay Day feiert jährlich ein Goldenes Kalb, das vor einigen Jahrzehnten erfunden wurde und dessen bpwKern in der Behauptung besteht, dass Frauen trotz gleicher Qualifikation für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als Männer. Diese Behauptung, ein Mantra des Staatsfeminismus, hat dabei geholfen, unzählige Frauenfunktionäre in Lohn und Brot zu bringen und es hat mit dem Begriff “Gender Pay Gap” auch in Deutschland eine anhaltende Präsenz gefunden, wenngleich es in letzter Zeit Bestrebungen gibt, von Entgeltgleichheit zu sprechen. Ungeachtet seines Ursprungs ist der Equal Pay Day ein Fest, das sich Staatsfeministen in Deutschland nicht entgehen lassen können und so finden wir z.B. beim DGB eine traute Runde empörter Aktivistinnen, die die “Entgeltgleichheit endlich gesetzlich regeln” lassen will. (Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der Staat als Regler an die Stelle von Gott getreten ist? Früher hat man die Kirche angerufen, um etwas zu regeln, heute den Staat, geändert hat sich indes die Zahl und Gruppe derer, die von den Regelungen profitieren…). Die ScienceFiles-Lesern gut bekannte Ingrid Sehrbrock (“unsere” Ingrid) hat sich dieses Mal Verstärkung geholt und gemeinsam mit Hannelore Buls und Edda Schliepack anlässlich des “diesjährigen Equal Pay Day” ein “RECHT auf Mehr” gefordert.

Wir haben auf ScienceFiles schon wiederholt gezeigt, dass es kein Gender Pay Gap gibt. Da aber manche sich entschlossen haben, begriffstutzig sein zu wollen und weiterhin versucht wird, das Gender Pay Gap in die Hirne der Bundesbürger einzuhämmern, so wie man früher versucht hat, die Erde als Scheibe und im Zentrum des Universums im Hirn von Menschen zu verankern, präsentieren wird hier abermals die gesammelten Beweise der Beiträge auf ScienceFiles, die bislang gezeigt haben, dass das Gender Pay Gap erfundener Unsinn ist.

Das Gender Pay Gap ist eine Erfindung

Unter Statistikern ist es bekannt, dass man mit Daten ziemlich leicht Artefakte erzeugen kann. Artefakte beschreiben z.B. Unterschiede auf Aggregatebene, die keinerlei Sinn tragen, die sich als bloßer Unterschied darstellen, wie ihn z.B. eine Statistik darstellen würde, die den Alkoholkonsum zwischen Deutschland und Ägypten vergleicht und aus der der Schluss abgeleitet werden würde, dass in Deutschland nur Säufer leben, weil der Pro-Kopf-Verbrauch im Vergleich zu Ägypten um ein Vielfaches höher ist. Da in Ägypten das Trinken von Alkohol zumindest in Öffentlichkeit verboten ist, käme vermutlich niemand, der bei Verstand ist, auf die Idee, ein Alk-Gap auszumachen und für Deutschland das Verbot von Wein und Bier zu fordern. Aber das Gender Pay Gap ist etwas anderes sagen diejenigen, die daran glauben, wie alle Gläubige, denen ihr Fetisch genommen wird. Deshalb will ich demonstrieren, wie einfach es ist, ein Pay Gap zu erfinden, in dem ich auch eines erfinde, das Nord-Süd Bundesland Pay Gap oder kurz: das Bundesland Pay Gap.

Bundesland Pay Gap

Die Abbildung zeigt die auf Bundesland aggregierten Bruttoeinkommen der Haushalte in den entsprechenden Bundesländern. Die Daten stammen vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (2009). Wie man sieht, bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern im Hinblick auf das Haushaltseinkommen. Ich habe die rot markierten Bundesländer zu südlichen Bundesländern erklärt und die blauen als nordliche angesehen und die durchschnittlichen Haushaltseinkommen für die beiden Ländergruppen der nördlichen und südlichen Bundesländer berechnet. Als Ergebnis habe ich für die südlichen Bundesländer ein monatliches Haushaltseinkommen von Euro 3396 und für die nördlichen Bundesländer ein solches von Euro 3134 erhalten. Das beweist die Existenz eines Bundesland Pay Gap (wenn man unterstellt, dass die meisten Haushalte ihr Einkommen durch Arbeit erzielen). Das Gap beträgt gut 8%! Ich hoffe, die “Existenz” dieses Bundesland Pay Gap wird ähnliche Reaktionen z.B. bei den Gewerkschaften nach sich ziehen, wie die “Existenz” des Gender Pay Gaps, da das Bundesland Pay Gap viel grundlegender ist als das Gender Pay Gap. Norddeutsche haben wie Süddeutsche zwei Hände, zwei Füße und ein Gehirn, entsprechend ist es unglaublich, dass sie, obwohl gleich ausgestattet, geringere Einkommen erzielen. Eine Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muss!

So einfach ist es, ein Pay Gap zu konstruieren.

Dass derart konstruierte “Gaps” auf einer Reihe von Annahmen basieren, die letztlich nicht haltbar sind, weil nämlich die Grundgesamtheit zu diffus ist, als dass sich ein entsprechendes Pay Gap aufrecht erhalten ließe, haben wir erstmals in einem Beitrag vom 20. April 2011 gezeigt. Die Argumentation in ihrer leichten Verständlichkeit lautete: Wenn man zwei Gruppen vergleicht, in denen der Anteil halbtagstägiger, unerfahrener und zeitweise nicht verfügbarer und entsprechend motivierter Arbeiter unterschiedlich hoch ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn unterschiedlich hohe Durchschnitssgehälter daraus resultieren. Da Frauen im Durchschnitt weniger arbeiten als Männer, entsprechend weniger Erfahrung haben, da sie weniger Wert auf eine Karriere legen, entsprechend weniger Motivation mitbringen und andere, in der Regel geringer bezahlte, aber einfacher zu verrichtende Berufe wählen als Männer, muss man sich nicht wundern, wenn die für Frauen aggregierten Einkommen einen geringeren Durchschnitt aufweisen als die für Männer aggregierten Einkommen. Wen das wundert, den kann man nur als dumm bezeichnen.

ss

Statistik-Grundlagen 2.Semester

Dass Beruf, Berufserfahrung, Ausbildung, Schulabschluss, Berufssparte usw. einen Effekt auf das Verdienst haben, hat man auch bei Eurostat, hauptverantwortlich für die Berechnung des Gender Pay Gap, bemerkt. Entsprechend ist die ursprüngliche Erfindung eines Gender Pay Gap als “unbereinigtes” Gender Pay Gap (22%) nach-spezifiziert worden und ihm ein bereinigtes Gender Pay Gap (8%) an die Seite gestellt worden, das wiederum eine Reihe der Variablen, von denen oben die Rede war, in Rechnung stellt. Über dieses “bereinigte” Gender Pay Gap haben wir bereits am 22. April 2011 berichtet. Damals haben wir darauf hingewiesen, dass dann, wenn man versucht, relevante Variablen zu berücksichtigen, die das Gender Pay Gap als die Erfindung, die es nun einmal ist, erklären, es nützlich wäre, alle relevanten Variablen zu berücksichtigen. Entsprechend haben wir am Beispiel der besser bezahlten Überstunden, von denen Männer mehr machen als Frauen, gezeigt, wie schnell das Gender Pay Gap verschwindet und wie schnell sich zeigt, dass Frauen tatsächlich nicht schlechter, sondern sogar besser bezahlt werden als Männer. Letzteres Ergebnis setzt voraus, dass man den Arbeitsaufwand, die Arbeitszeit in Rechnung stellt und somit ein Maß für Entgeltfairness, nicht Entgeltgleichheit berücksichtigt. Aber natürlich geht es Gewerkschaften nicht um Fairness, sondern um Gleichheit.

Schließlich haben wir in mehreren Beiträgen gezeigt, dass die Gehaltsunterschiede zwischen der Gruppe der Frauen und der Gruppe der Männer nicht auf die Diskrisminierung von Frauen zurückzuführen sind, sondern darauf, dass Frauen bestimmte Lebensentscheidungen treffen, die als Folge ein geringeres Gehalt nach sich ziehen. Während Frauen, so sie diskriminiert würden, dem Willen anderer unterworfen wären, sind sie also für ihr geringeres Durchschnittsgehalt durch ihre eigenen Lebensentscheidungen selbst verantwortlich. Die entsprechenden Beiträge:

Ich finde, wir haben bei ScienceFiles deutlich und selbst für begriffsstutzige Funktionäre nachvollziehbar gezeigt, dass es kein Gender Pay Gap gibt, das man, weil es durch Ungerechtigkeit entstanden ist, beseitigen müsste. Wer dies dennoch fordert, ist entweder dumm oder er versucht, sich einen Vorteil zu verschaffen. Dies sollte jeder, der die Reden zum “Equal Pay Day” zur Kenntnis nimmt, im Hinterkopf behalten.