Man kann den Unsinn gar nicht so schnell verarbeiten, wie er auf einen einprasselt

Unser Mailbox quillt derzeit über von Verweisen auf Unsinn, der an Universitäten betrieben wird. Wir können gar nicht alles abarbeiten, was sich derzeit ansammelt. Weil wir langsam Genickstarre vom Kopfschütteln bekommen, wäre es nett, wenn wir auch ab und zu Hinweise auf gute wissenschaftliche Studien erhalten würden (Ja, wir wissen, das ist nicht einfach. Aber es gibt sie doch!).

Wie dem auch sei, drei besonders frappante Beiträge aus der bunten Welt wissenschaftlichen Unsinns, wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten und zumuten. Beginnen wir doch mit dem hier:

HU-BerlinWas wir* und dixs Studierxs kritisieren, ist zum Beispiel die Re_produktion von problematischen Wörtern wie zwei Be_griffe die mit “W” und “S” beginnen, wir* aber nicht re_produzieren wollen, da diese kolonialrassistisch und somit diskriminierend für Schwarze und People of Color und gleichzeitig privilegierend für weiße Menschen sind. Sowohl Kant und Humboldt, als auch Rousseau benutzten diese Worte häufig und auch der Professor benutzte diese in der Vorlesung. Auf den Hinweis des rassistischen Hintergrunds dieser W_orte antwortete dieser mit Bagatellisierung und Verneinung des Sachverhalts.

Ein weiteres Beispiel ist das unkritische Re_produzieren von stereotypen Geschlechterbildern und “gesunden Körpern”- hier wurden die Autoren nicht innerhalb des problematischen historischen Kontextes betrachtet, sondern aus diesem herausgelöst. Diese Vorgehensweise führt unweigerlich zu dem problematischen Kontext der heutigen Gesellschaft.”

Diesen unlesbaren Unsinn, den Leute geschrieben zu haben scheinen, für die die deutsche Sprache nicht Muttersprache ist, und den wirklich niemand, der bei normalem Verstand ist, verstehen kann, hat uns jemand kommentarlos und anononym in die Mailbox geknallt. Wir können zwar verstehen, dass man, wenn man einen derartigen Unsinn gelesen hat, benommen ist, aber für eine Anrede sollte es dennoch reichen.

Wie dem auch sei, wir können aus der Ansammlung von Worten, durch spracharchäologische Anstrengungen rekonstruieren, dass es Begriffe gibt, die mit “W” und “S” beginnen, die so furchtbar sind, dass sie von denen, die den oben zitierten Unsinn zusammengeschrieben haben, nicht wiederholt werden, weil sie nämlich “kolonialrassistisch” und somit diskriminierend für “Schwarze und People of Color” sind (also offensichtlich kann man das “S”-Wort doch schreiben…).

Dieser triefende Paternalismus selbsternannter Schutzengel der Schwarzen und aller sonstigen “People of Color” ist an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbieten. Mehr haben wir dazu nicht zu schreiben. Nunmehr erteilenwir Puff Daddy and the Notorius B.I.G. das Wort:

[...]

Da gibt es also an der Humbold-Universität Berlin, von der dieser Unsinn stammt, Gören, die denken, sie müssten Schwarze vor Kolonialrassismus schützen. Man glaubt es nicht.

Und weiter im Text und mit einem Verweis auf ein Blog mit dem Namen “Ernstfall.org”. Und siehe da, die Humbold Universität beschäftigt derzeit nicht nur uns, nein, die Berliner Unsinnsfabrik liefert derzeit Unsinn in Mengen, die ausreichen, um die ganze deutsche Blogosphäre zu beschäftigen (naja, fast.). Von all dem Humbold-Universitäts-Unsinn, der im Post auf Ernstfall.org verarbeitet wird, haben wir uns für diese Passage entschieden:

ice cube“Der Begriff weiß ist kleingeschrieben und kursiv gesetzt (bzw. in kursiv gesetzten Abschnitten nicht-kursiv geschrieben), da es sich um eine analytische Kategorisierung von über (Kolonial)Rassismus privilegierten Personen und entsprechenden sozialen Positionierungen handelt. weiß ist also in dieser Lesart keine Identitätskategorie und auch keine mögliche kritische Verortung, sondern Resultat rassismuskritischer Analyse der durch Rassismus privilegierten Positionierung und Resultat antirassistischer Politiken”.

Mike Tyson“Die Großschreibung von Schwarz verweist auf die Strategie der Selbstermächtigung und zeigt das symbolische Kapital des Widerstandes gegen Rassismus an, welches rassistisch markierte Menschen und Kollektive sich gemeinsam erkämpft haben. …Über die Schwarze Position wird die Analysekategorie weiß hergestellt. Sie sind absolut asymmetrisch zu lesen.”

Die Selbstermächtigung, die hinter dieser Begriffskonstruktion steckt, ist atemberaubend. Nicht nur, dass die Berliner Gören von der Humbold Universität, die diesen Unsinn schreiben, denken, sie müssten Schwarzen unter die Arme greifen, weil die nicht zum Selbtsschutz fähig sind und entsprechend der Unterstützung von ausgerechnet weißen Gören aus Berlin bedürfen, nein, sie sehen auch ihre Begriffsdeutung als einzig richtige Deutung an.

Manchmal hat man so Phantasien, z.B. die Phantasie, wir würden die weißen Gören in einem Raum sperren, und zwar zusammen mit Ice Cube, Mike Tyson und Admiral Tibet, und dann sollen die weißen Gören den Dreien einmal erzählen, dass sie von weißen Kolonialrassisten unterdrückt werden.

Und damit dieser Post nicht zur Unsinnsparade von der Humbold-Universität wird, obwohl wir natürlich nicht umhin kommen zu fragen, was derartiger Unsinn an Universitäten zu suchen hat, eine Frage, die im Hinblick auf die Humbold-Universität immer schwerer fällt, denn die Humbold-Universität ist derzeit offensichtlich eine geschlossene Anstalt, an der Sprachpsychosen und weiße Minderwertigkeitskonflikte aller Art ausgelebt werden können, und zwar auf Steuerzahlerkosten, deshalb haben wir noch einen Nicht-Humbold-Universitäts Unsinn.

Es handelt sich um einem Preis – ausgelobt von IPRI – International Performance Research Institute gGmbH. Seit 2009 verleiht IPRI den Peter Horváth Controlling Preis. Die Kriterien der Verleihung werden wie folgt angegeben:

“Der Péter Horváth-Controllingpreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Für eine Auszeichnung kommen deutsch- und englischsprachige Dissertationsschriften in Frage, die von einer betriebswirtschaftlichen Fakultät in Deutschland, Österreich oder der Schweiz angenommen und mindestens mit der Note ‚Magna cum laude‘ abschließend bewertet wurden. Der Abschluss des Promotionsverfahrens darf zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht länger als 12 Monate zurückliegen.”

Also, wer eine Dissertation geschrieben hat, einreichen! Alles wird genommen, was “Magna cum laude” ist. Weitere Kriterien gibt es nicht. Und natürlich hat uns diese Ausschreibung an die unschätzbaren sprachlichen Beiträge erinnert, die Peter Horváth der wissenschaftlichen Gemeinde hat angedeihen lassen, Beiträge wie den folgenden:

Controlling ist: „funktional gesehen – ein Subsystem der Führung, das Planung und Kontrolle sowie Informationsversorgung systembildend und systemkoppelnd koordiniert und auf diese Weise die Adaption und Koordination des Gesamtsystems unterstützt. Controlling stellt damit eine Unterstützung der Führung dar: es ermöglicht ihr, das Gesamtsystem ergebniszielorientiert an Umweltveränderungen anzupassen und die Koordinationsaufgaben hinsichtlich des operativen Systems wahrzunehmen“ (Horváth, 1994: 151)

Wenn Sie also demnächst systembildend und systemkoppelnd einkaufen, also z.B. Spaghetti, Tomatensauce und Chillies, die systemgekoppelt, dann systembildend wirken und Spaghetti arrabiata ergeben, dann haben sie im Hinblick auf eben diese Spaghetti arrabiata, also im Hinblick auf das Gesamtsystem ergebniszielorientiert eingekauft. Vor allem ergebnis-, aber auch zielorientiert, aber vielleicht doch mehr ziel-, als ergebnisorientiert, wer weiß. Und wenn Sie noch das Sonderangebot von Aldi genutzt haben, muss man Ihnen sogar zugestehen, dass sie sich an Umweltveränderungen anpassen, ergebniszielorientiert natürlich.

Das wäre dann zumindest für uns preisersparnisverdächtig.

Horváth, Peter (1994). Controlling. München: Vahlen.

Gleichschaltung beginnt in den Schulen

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Eines der Markenzeichen faschistischer und totalitärer Systeme ist die Zerstörung des Pluralismus. Pluralismus in Lebensweisen, Verhaltensweisen und Meinungen gefährdet faschistische und totalitäre Systeme, deren Basis eine Heilslehre, ein Kern der als unumstößlich angesehenen Wahrheiten ist, ein Kern, der indes so fragil ist, dass er einen Pluralismus in Lebensweisen, Verhaltensweisen und Meinungen nicht ertragen kann. Entsprechend wichtig ist es für faschistische und totalitäre Systeme für Uniformität zu sorgen, ihre Bürger in Denken und Handeln gleichzuschalten oder ihnen doch zumindest so viel Angst einzuimpfen, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht trauen, sich andes als vorgegeben zu verhalten.

FDJ Fackelzug anlässlich des 40jährigen Bestehens der DDR

FDJ Fackelzug anlässlich des 40jährigen Bestehens der DDR

Eines der Mittel, dessen sich faschistische und totalitäre Systeme immer bedient haben, um die beschriebene Gleichschaltung zu erreichen, waren Schulen, war die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Entsprechend hat die Sammlung von Kindern und Jugendlichen in der Ideologie treuen Vereinigungen, in Hitler Jugend, Bund deutscher Mädel, Freier Deutscher Jugend oder in Komsomol immer eine große Bedeutung. Ebenso bedeutsam war es, Kinder und Jugendliche in der Schule auf die richtigen Werte und Interpretationen der Welt festzulegen und, fast wichtiger noch, einen gesellschaftlichen Aufstieg oder auch nur eine Duldung in der Gesellschaft an das Erlernen der offiziellen Litanei, der offiziellen Ideologie zu koppeln. Wer die offizielle Ideologie nicht unterschreibt, sie nicht zu seiner geäußerten Meinung macht, hat keine Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg.

Heute leben wir in einer Demokratie. Und dennoch wird gegen Pluralismus vorgegangen, insbesondere dann, wenn er als traditionelle Verhaltensweise, als männliche Verhaltensweise, als in Schulen nicht erwünschte Verhaltensweise, als hedonistischer Lebensstil oder als begründete Meinung daherkommt, die der offiziellen Litanei widerspricht. Die Beispiele, die diese Aussage belegen, sind Legion. An Universitäten landauf und landab sind z.B. Menschen , die ihr Recht auf eine freie Meinungsäußerung wahr nehmen und auf Einladung einen Vortrag halten wollen, damit konfrontiert, dass Andersdenkende, die sich im Einklang mit der herrschenden Doktrin sehen, ihren Vortrag verhindern oder doch zumindest stören wollen –  nicht gerade ein Verhalten, das mit den Grundwerten der Demokratie, mit Meinungsfreiheit und Pluralität vereinbar ist.

Hitler youth on parade

Parade der Hitlerjugend anlässlich des Nürnberger Parteitages der NSDAP

Jungen in Schulen landauf und landab sind damit konfrontiert, dass sie dann, wenn ihr Verhalten nicht den Vorstellungen von Lehrern entspricht, die die Doktrin, der sie anhängen, zu ihrem Lehrauftrag gemacht haben, negativ sanktioniert und von weiterführender Bildung ausgeschlossen werden. Männerrechtler, die sich zusammengefunden haben, um auf die schlimmsten Auswüchse eines Staatsfeminismus aufmerksam zu machen und zu verhindern, dass sich die Kostgänger des Staatsfeminismus noch stärker als sie das eh schon tun, auf Kosten der Steuerzahler selbst bereichern, sehen sich von eilends maturierten Günstlingen einer staatfeministischen Basenwirtschaft ausgegrenzt, denunziert und ignoriert, denn mit so jemandem spricht man nicht. Abermals widerspricht dieses Verhalten allen Grundwerten von Demokratie und dieses Mal auch von Anstand, aber diese Werte muss man natürlich haben, um sie hochhalten zu können. Man muss Pluralität und Meinungsfreiheit schätzen, um sie zu verteidigen.

Wie wir nun zeigen werden, sieht der Staatsfeminismus, sieht die staatsfeministische Ideologie, wie sie insbesondere in Schulen praktiziert wird, keinen Platz für Meinungsfreiheit und Pluralismus vor. Das Ziel ist eine Gleichschaltung von Meinungen und Verhaltensweisen, die darüber erreicht werden soll, dass Eltern in ihrem Erziehungsverhalten und vor allem in den Freiheiten, die sie bei der Erziehung ihrer Kinder haben, begrenzt und gleichgeschaltet, dass sie auf den staatsfeministischen Kanon eingeschworen werden. Wie dies erreicht werden soll, kann man bereits einer Veröffentlichung des Bundesministeriums für FSFJ aus dem Jahre 2005 entnehmen. Es handelt sich bei dieser Veröffentlichung um ein “Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesministerium” für FSFJ. Darin findet sich in erschreckender Offenheit ein Fahrplan für die Zerstörung von Meinungsfreiheit und Pluralität im Rahmen staatlicher Erziehung.

Staerkung familialerWie jede Ideologie, so benötigt auch die Gleichschaltung in Schulen auf Basis eines herrschenden Staatsfeminismus eine Legitimationsgrundlage; zu finden ist sie bereits auf Seite 5 des “Gutachtens” und dort in der Feststellung, dass in Deutschland die soziale Herkunft eine große Rolle für den Bildungserfolg von Kindern hat. Die Sorge für die Kinder aus der Arbeiterschicht wird also zur Grundlage nicht etwa dafür genommen, die Fragen zu untersuchen, wieso die soziale Herkunft, sich in schulischen Leistungen niederschlägt, wieso das Bildungssystem die soziale Herkunft relevant macht, vielmehr wird sie zum Ausgangspunkt genommen, um eine staatliche Intervention in familiäre Erziehung zu legitimieren und zu konzeptualisieren, die sich mitnichten auf Arbeiterfamilien beschränkt, wie man denken könnte, sich im Gegenteil auf alle Familien erstreckt. Mittel zum Zweck ist die sogenannte Elternbildung, die bereits auf Seite 8 und in kaum zu überbietendem, ja triefendem Pathos beschrieben wird, um auf diese Weise die Eltern, die sich affektiv für die vermeintlich gute Sache einfangen lassen, einzufangen:

“Elternbildung wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, gäbe es nicht als Anknüpfungspunkt, Brücke oder Voraussetzung eine gattungsgeschichtlich verankerte grundlegende Bereitschaft und Fähigkeit zum ‘Bemuttern’, zum Halten des Säuglings, zum Lächeln, zum Intonieren der Babysprache und vieles mehr. Diese intuitive Elternschaft kann freilich – wie insbesondere Kinderärzte und Kinderpsychiater immer wieder berichten – verkümmern oder überdeckt sein oder nicht mehr spürbar werden” (8)

Es ist ein Markenzeichen faschistischer Denkstrukturen, dass sie in einer nur ihnen eigenen Plumpheit daherkommen und fast ausschließlich mit negativen Affekten arbeiten, die indes positiv gewendet sind. Wer also nicht hören will, er sei nicht zur intuitiven Elternschaft fähig, und wer nicht aus der “gattungsgeschichtlich verankerten” Gemeinschaft ausgeschlossen werden will, der ist besser bereit, sich Elternbildung zu unterziehen und sich sagen zu lassen, was “gattungsgeschichtlich” als richtiges Erziehungsverhalten angesehen wird und wie er durch Gleichschritt in der Erziehung verhindert, als verkümmerter Erzieher angesehen zu werden. Es gibt, so kann man feststellen, nur eine richtige Form der Erziehung, die gattungsgeschichlicht verankert ist und im weiteren Verlauf des “Gutachtens” ausgearbeitet wird.

Die erste “gattungsgeschichtliche Wahrheit”, die im “Gutachten” des Wissenschaftlichen Beirats verkündet wird, lautet: Es gibt nur eine Art, Kinder richtig zu erziehen und die sieht beide Eltern nicht in einer traditionellen Form der Arbeitsteilung, denn traditionelle Formen der Arbeitsteilung sind im Staatsfeminismus nicht mehr vorgesehen. Im Staatsfeminismus, so ist zu lernen, gibt es nur eine richtige Form eines “gattungsgeschichtlich” richtigen Elternarrangements und das sieht Väter wie Mütter zu gleichen Teilen erziehen und arbeiten. Eine Pluralität der Erziehungsarrangements kann der Staatsfeminmismus wie jede faschistoide Ideologie nicht zulassen. Und damit auch klar wird, dass das “gattungsgeschichtlich” richtige Elternarrangement, auch das Elternarrangement ist, das gute Menschen wählen, werden alle, die es nicht tun, als nicht egalitär beschrieben (16).

Die zweite “gattungsgeschichtliche Wahrheit”, die im Gutachten verkündet wird, bezieht sich auf “außerfamiliale Betreuungsarrangements”, denen eine besondere Bedeutung zugewiesen wird, wenn es um die kindliche Sozial- und Moralentwicklung, um Interaktionserfahrungen und den Aufbau (sozial)kognitiver Kompetenzen geht. Die Aussage ist klar, nur wenn Kinder in Gruppen gesammelt und unter der Ägide einer strikten Vorgabe die “richtigen” Inhalte richtiger Sozial- und Moralentwicklung vermittelt bekommen, wenn allen Kindern dieselben Inhalte eingetrichtert werden, verläuft ihre Entwicklung in die richtige Richtung, und natürlich wissen die Staatsfeministen die richtige Richtung der moralischen und sozialen Entwicklung für alle Kinder, deshalb können sie auch keinen Pluralismus zulassen, und deshalb müssen sie Kinder, die nicht passen, aus der Regelschule und von weiterführenden Schulen ausschließen.

Dass die Gleichschaltung von Kindern der Mitarbeit der Eltern und deren Gleichschaltung bedarf, wird auf Seite 17 des “Gutachtens” ganz offen ausgesprochen: Ausgehend von der “Gefahr einer geringen Lenkbarkeit der Kinder” wird deutlich gemacht, dass sich elterliche Erziehungsstile an den Erwartungen der Schule und nicht etwa an dem, was die Eltern für richtig erachten, auszurichten hat:

“Seitens der Eltern sind Kooperation mit der Schule und die Sicherung der kindlichen Teilhabe am schulischen Leben gefordert, denn unweigerlich stellt die Schule mit den Erwartungen an die Kinder auch Erwartungen an die Erziehungs- und Sozialleistungen der Familie … (17)”

Gleichschaltung SchuleDas ist überdeutlich. Wenn es also noch Eltern gibt, die denken, sie hätten Erwartungen an die Schule, würden etwa erwarten, dass ihren Kindern unabhängig von sonstigen Merkmalen Lesen und Schreiben und Rechnen beigebracht wird, dann sollten diese Eltern ihre Erwartungen überdenken. Nicht die Schule ist für Kinder und Eltern da, Schule ist auch keine Institution, die der Vermittlung von Fertigkeiten und Kompetenzen dient, die die Eltern für wichtig halten, nein, Schule ist eine Institution, die klare Vorgaben macht, die wiederum von Eltern und Kindern erfüllt werden müssen. Diese Vorgaben umfassen die richtigen Lerninhalte, die richtigen Verhaltensweisen, die richtigen Elternarrangements und vieles mehr, was im Staatsfeminismus als “gattungsgeschichtlich” richtig behauptet wird. Wer für seine Kinder eine erfolgreiche Zukunft möchte, ordnet sich den Erwartungen, die der Staatsfeminismus über die Schule an ihn richtet, besser unter, sonst droht seinem Kind die Abschiebung auf die Sonderschule und ihm selbst das Verdikt, verkümmerter Erzieher zu sein.

Wem der Schrecken ob der Offenheit, in der im “Gutachten des wissenschaftlichen Beirats des BMFSFJ” die beabsichtigte Vernichtung von Pluralismus und Meinungsvielfalt beschrieben wird, noch nicht ins Gesicht geschrieben steht, dem wollen wir ein weiteres Zitat nicht vorenthalten. Wer geglaubt hat, in einer staatsfeministisch durch-ideologisierten Gesellschaft sei noch Platz für Abweichung, wer geglaubt hat, er sei ein freies Individuum und Institutionen seien Serviceanbieter, der sollte diese irrigen Annahmen schnellstens korrigieren: Individuen haben für Staatsfeministen keinen Wert. Das Kollektiv ist für sie alles, denn ein Kollektiv kann man beherrschen, man kann es gleichschalten, die Meinungen kontrollieren und die Verhaltensweisen dirigieren, all das, was man mit Individuen nicht machen kann, geht mit dem Kollektiv, geht dann, wenn die darin zusammengeschlossenen Individuen gar nicht mehr auf die Idee kommen, sie hätten eine Individualität, die eigenständig und unabhängig vom Kollektiv ist. Und damit Individuen nicht auf derart subversive Ideen kommen, muss man sie erziehen:

“Das vorliegende Gutachten führt viele Argumente dafür an, dass auch diese Erziehungspersonen sich dem Aufbau kindlicher Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsorientierung als globalen Entwicklungszielen verpflichtet fühlen, mit dem Prinzip ‘Freiheit in Grenzen’ vertraut sein und dieses zur Richtschnur ihres erzieherischen Handelns machen sollten. Für Kinder ist es eminent wichtig, dass die Personen, die sich ihre Erziehung teilen, in der grundlegenden Richtung ihres Erziehungshandelns übereinstimmen, dass sie ähnliche Ziele verfolgen, konkretes Erziehungsverhalten in ähnlicher Weise begründen und dass sie vieles von dem, was sie den Kindern mit auf den Weg geben wollen, in ähnlicher Weise auch selbst vorleben” (20).

Was hier hinter Formulierungen, die affektiv ansprechen sollen, versteckt wird, lässt sich einfach auf den Punkt bringen: Freiheit gibt es nur innnerhalb von Grenzen, die den Individuen vorgegeben werden. Die Vorgaben werden über die Schule transportiert, denn natürlich kann die Gemeinsamkeit der Erziehungsinhalte, die Ähnlichkeit des Erziehungshandelns nicht von vielen individuellen Eltern vorgegeben werden, sondern nur von der Schule und denjenigen, die ihr Curriculum vorgeben. Entsprechend definieren diejenigen, die curriculare Vorgaben machen, die Grenzen der Freiheit für die zu erziehenden Kinder und auch für die Eltern, die sich in ihrem Erziehungsverhalten den Vorgaben aus der Schule anzupassen haben.

Eine deutlichere Beschreibung faschistoider Strukturen haben wir bislang noch nicht gelesen, und wir können nur hoffen, dass die Autoren des “Gutachtens” nicht wussten, was sie schreiben. Dies allerdings ist eine Hoffnung, die man angesichts der Häufigkeit und Konsistenz, mit der sich diese Strukturen im “Gutachten” finden, eine Hoffnung, die man angesichts der völligen Ignoranz der vielen Kollateralschäden, die der Staatsfeminismus in Schulen anrichtet, weil er keine Pluralität unter Schülern und unter Eltern duldet, und deshalb Kinder aus “feindlichen” Elternhäusern und Schichten aussortiert, kaum haben kann. Der schlechteste Beigeschmack, den das Gutachten aber verursachen, kommt daher, dass es behauptet, es ginge darum, die soziale Stratifizierung der Vergabe von Bildungstiteln zu beheben. Tatsächlich geht es darum, die Vergabe von Bildungstiteln gleichzuschalten, damit in Zukunft ein vorhandener Bildungstitel nicht die Leistungsfähigkeit und Kompetenzen des Inhabers widerspiegelt, sondern seine Konformität mit ideologischen Vorgaben, ganz in der Weise, wie dies in vergangenen faschistischen Systemen gehandhabt wurde, in denen niemand, der z.B. nicht die Leitsätze des Marxismus-Leninismus auswendig aufsagen konnte, eine Chance hatte, gesellschaftlichen Aufstieg zu erleben – und in denen, wer nicht erfolgreich im vorgegebenen Rahmen war, selbst verantwortlich war.

Derzeit gibt es zumindest noch rudimenträre Formen von Pluralismus in Deutschland und an deutschen Schulen. Die Versuche, Meinungsfreiheit und Pluralismus zu beseitigen, sind jedoch ebenso allgegenwärtigt wie die Versuche, Elternpartnerschaften und Elternbildung und curriculare Vorgaben zu nutzen, um den Pluralismus unter Schülern und Eltern zu beseitigen und vor allem die Wissenschaftlicher BeiratMeinungen, die in Schulen und die Erwartungen, die an Schulen herangetragen werden, gleichzuschalten. Entsprechend gilt es nicht mehr den Anfängen zu wehren, sondern es gilt Schlimmeres zu verhindern.

Das “Gutachten”, das wir hier besprochen haben, wurde von einem “wissenschaftlichen Beirat” erstellt oder anders formuliert, ein “wissenschaftlicher Beirat” wird als Urheber des “Gutachtens” angegeben. Wer sich für die Mitglieder dieses Beirats interessiert, der möge die nebenstehende Liste der Mitglieder anklicken. Wer dies tut, wird feststellen, dass sich unter den Mitgliedern einige gestandene Kindheitsforscher und Wissenschaftler befinden, von denen man nicht erwartet hätte, dass sie für den Sirenengesang des Staatsfeminismus anfällig sind und sich als Steigbügelhalter der beschriebenen Gleichschaltung missbrauchen lassen. Entsprechend stellt sich die Frage, wie viel die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats eigentlich von dem wissen, das sie da geschrieben haben sollen.

©ScienceFiles, 2013/2012

Literatur

Zum Vergleich:

Flessau, Kurt-Ingo (1977). Schule der Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus. München: Franz Ehrenwirth.

Glenn, Charles L. (2011). Contrasting Models of State and School. A Comparative Historical Study of Parental Choice and State Control. New York: Continuum.

Hermann, Ulrich (Hrsg.)(1985). Die Formung des Volksgenossen. Der ‘Erziehungsstaat’ des Dritten Reiches. Weinheim: Beltz.

Keim, Wolfgang (1995). Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Band 1: Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Keim Wolfgang (1995). Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Band 2: Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Lansing, Charles B. (2010). Form Nazism to Communism. German Schoolteachers Under Two Dictatorships. Cambridge: Harvard University Press.

Scholtz, Harald (1985). Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Zur (kulturellen) Pluralität von Erziehung:

De Loache, Judy & Gottlieb, Alma (2000). A World of Babies. Imagined Childcare Guides for Seven Societies. Cambridge: Cambridge University Press.

Hendry, Joy (1989). Becoming Japanese. The World of the Pre-School Child. Honolulu: University of Hawaii Press.

Lancy, David F. et al. (eds.)(2010). The Anthropology of Learning in Childhood. Lanham: AltaMira Press.

Nauck, Bernhard & Schönpflug, Ute (Hrsg.)(1997). Familien in verschiedenen Kulturen. Stuttgart: Enke.

Rogoff, Barbara (2003). The Cultural Nature of Human Development. Oxford: Oxford University Press.

Tudge, Jonathan (2008). The Everyday Life of Young Children. Culture, Class and Child Rearing in Diverse Societies. Cambridge: Cambridge University Press.

Und noch ein wenig food for thought:

Turtel, Joel (2005). Public Schools, Public Menace. How Public Schools Lie to Parents and Betray Our Children. New York: Liberty Books.

Die Grenzen des Staatsfeminismus: Was tun, wenn Frauen gar nicht “gleichgestellt” werden wollen?

Kollektive Ideologien haben immer dasselbe Problem: Männer und ihre Präferenzen – nach einer kurzen Diskussion mit Dr. habil. Heike Diefenbach über diesen Punkt, habe ich mich entschlossen, die Probleme kollektivistischer Ideologien als Probleme mit den Präferenzen von Männern zu beschreiben, obwohl es, und das beste Beispiel ist Dr. Diefenbach, Frauen gibt, die in gleicher Weise Probleme für kollektivistische Ideologien darstellen wie Männer. Aber: Die Anzahl der entsprechenden Frauen bleibt weit hinter der Anzahl entsprechender Männer zurück, selbst wenn man die “Neuen Männer” in Rechnung stellt. Familiale Strukturen, wie sie u.a. von Max Horkheimer in den 1920er Jahren besprochen wurden, und die nach wie vor in Deutschland hoch im Kurs stehen, haben zur Konsequenz, dass (verheiratete) Frauen ein erhebliches Interesse daran haben, dass ihre Männer dem System zu Willen sind und nicht etwa gegen kollektive Vorgaben opponieren, da Letzteres die Existenzgrundlage der entsprechenden Frauen gefährden würde. Heute ist vielfach der Staat und die Transferzahlungen an die Stelle der Familienernährer getreten. Dies ändert jedoch nichts an den Machtstrukturen. War es früher im Interesse von Frauen, die sich in die Abhängigkeit von einem Familienernährer begeben haben, dessen Wohlverhalten gegenüber gesellschaftlichen (Arbeits-)Strukturen zu sichern, so ist es heute im Interesse der nunmehr von staatlichen Transferzahlungen und rechtlich gesicherten Unterhaltszahlungen abhängigen Frauen, die kollektive Ideologie des Staatsfeminismus nicht gefährdet zu sehen. Kurz: Die Mehrzahl von Frauen stützt kollektive Ideologien und deshalb beginnt der vorliegende Text wie folgt:

Kollektive Ideologien haben immer dasselbe Problem: Männer und ihre Präferenzen. Da kollektive Ideologien immer ein kollektives, in der Gemeinschaft liegendes Heil verkünden, sind individuelle Präferenzen, die vom kollektiven Heilsziel abweichen, das, was es zu bekämpfen gilt. Entsprechend haben sich kollektive Ideologien immer sehr findig und effizient gezeigt, wenn es darum ging, abweichende individuelle Präferenzen zu bekämpfen. Stalin hat seine Gegner in Gulags ermordet, die Nazis haben Gegner ihrer kollektiven Ideologie in Konzentrationslagern umgebracht, die Führung der SED hat eine Mauer um das eigene Land gezogen und jeden, der sein Freiheitsrecht reklamiert hat, erschossen. Heute, da brachiale Methoden wie die beschriebenen nicht mehr so hoch im Kurs stehen und die herrschende kollektive Ideologie des Staatsfeminismus zudem mit dem “Sorgemythos des Wohlfahrtsstaats” ausgestattet ist, wird nicht mehr auf Individuen mit anderen Präferenzen geschossen bzw. sie werden nicht mehr interniert (wenn man Sonderschulen einmal ausnimmt), nein, heute werden die Gefahrenquellen individuellen Widerstands gegen den Staatsfeminismus durch Umerziehung und bereits in der Schule bekämpft. Es ist müsig, darauf hinzuweisen, dass die Gefahr für den Staatsfeminismus von derselben Quelle rührt, von der sie immer herrührte: Männer, Jungen in diesem Fall, Jungen, denen ihr “Machogehabe”, ihre unangepasste Individualität in Schulen abtrainiert werden muss. Gelingt das Erziehungsvorhaben und sind die Jungen entweder willig oder findig genug, sich scheinbar auf das Erwartete einzulassen, dann winkt ihnen eine weiterführende Bildung, sind sie weder willig noch findig, dann winkt ihnen die Sonderschule, die Arbeitslosigkeit und ein von Staatsfeministen umsorgtes Leben, das sie von einer “Maßnahme” in die nächste gleiten sieht.

Diese eher philosophische Einleitung vorweggeschickt, will ich mich nun dem derzeitigen Lieblingsthema der Staatsfeministen zuwenden: Der Gleichstellung von Frauen im Beruf (bzw. in Vorstandsetagen) und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Feld, das sich als das lukrativste für die Legionen helfender und sozialarbeiterisch umsorgender Kostgänger des Staatsfeminismus erwiesen hat. Das Ziel ist klar: Frauen sollen dem Staat Kinder gebären, sie sollen arbeiten und dafür entlohnt werden als seien sie nicht durch die Wahrnehmung ihrer Gebärpflichten über längere Phasen ihrer Erwerbstätigkeit ein Totalausfall für die Unternehmen, die sie beschäftigen, und sie sollen Männern in jeder Hinsicht im Berufsleben gleichgestellt sein. Das will die staatsfeministische Ideologie.

Nun zur Realität, zur ganz utopiefreien baren Wirklichkeit: Nicht alle Frauen wollen arbeiten. Manche sitzen lieber zu Hause und lassen sich ernähren. Und dass sie das können, daran ist der Staatsfeminismus schuld, der einerseits Frauen zum Arbeiten bringen will, andererseits Frauen gerade dafür bezahlt, dass sie nicht arbeiten.

Dies waren die Behauptung, die Belege folgen auf dem Fuß:

Catherine Hakim hat bereits in den 1990er Jahren eine Reihe von Forschungen veröffentlicht, deren einheitliche Aussage man wie folgt zusammenfassen kann: rund 30% der Frauen sind “committed to work”,  weitere rund 30% der Frauen “prefer not to work”. Zwischen beiden Gruppen lavieren die Unentschlossenen, Frauen, die noch nicht entschieden haben, ob sie lieber arbeiten wollen oder nicht, Frauen, die einen Anreiz benötigen, um sich entweder für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Nun, welche Form von Anreiz stellen wohl Zahlungen für Fertilität, wie sie der deutsche Staatsfeminismus in unglaublicher Höhe bereitstellt, dar? Welchen Anreiz stellen die finanziellen Rechte, die Mütter einklagen können, ihre Ansprüche auf staatliche Alimentierung, die sie allein dadurch erzielen, dass sie fertil sind, dar? Ich denke, kaum jemand der bei normalen Sinnen ist, wird bestreiten, dass die entsprechenden Anreize alle dahin gehend wirken, die Unentschlossenen gegen ein “commitment to work” und für  “not to work” zu bewegen. Das ist eigentlich alles ganz einfach und seit der Forschung von Hakim auch bekannt. Die Abbildung zeigt eine Klassifikation der Präferenzen von Frauen im 21. Jahrhundert, die Catherime Hakim bei einem Vortrag verteilt hat. Der komplette Handout des Vortrags kann auf den Seiten der Campaign for Merit in Business heruntergeladen werden.

20 Jahre nach Catherine Hakim trauen sich auch deutsche Wissenschaftler, genauer Stephan Humpert und Christian Pfeifer, zwei Ökonomen, an die Frage heran, ob Frauen eigentlich die Präferenzen für Arbeit haben, die ihnen vom Staatsfeminismus kollektiv und einheitlich zugeschrieben werden. Es ist mir eine besondere Freude, die Ergebnisse, zu denen die beiden Ökonomen gekommen sind, hier zu besprechen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Daten des SOEP die Datengrundlage darstellen und die Ergebnisse in der Reihe “SOEPpapers” des DIW veröffentlicht wurden, also in der Reihe eines Institutes, das in den letzten Monaten mit fliegenden Fahnen in die Reihen der Staatsfeministen eingeschwenkt ist. Nun, Humpert und Pfeifer haben die Daten des SOEP benutzt, um u.a. zu untersuchen:

  • wie hoch das Einkommen sein müsste, das man Männern wie Frauen, die arbeitslos sind, bieten müsste, damit sie arbeiten gehen – in der Ökonomie spricht man hier vom reservation wage;
  • wie viele Stunden pro Woche Männer wie Frauen bereit wären, für das entsprechende Gehalt zu arbeiten;
  • Und wie hoch das Einstiegsgehalt für diejenigen ist, die nach einer Arbeitslosigkeit von mehr als einem halben Jahr tatsächlich eine Tätigkeit aufgenommen haben;

Die Ergebnisse, zu denen die beiden Autoren auf der Grundlage der Antworten von 1522 Arbeitslosen und 1757 Erwerbstätigen kommen, sind die folgenden:

  • Frauen und vor allem Mütter machen die Aufnahme einer Beschäftigung von höheren Löhnen abhängig als Männer.

  • Frauen sind zu weniger Arbeitsstunden bereit als Männer.
  • Diejenige Frauen und Mütter, die eine Arbeit aufnehmen haben jedoch keine höheren Einstiegsgehälter als Männer
  • Daher gilt: “From this it follows that these groups [Frauen, besonders Mütter] have lower probabilities of choosing employment over non-employment” (21).
  • Somit stellt sich die Frage, warum vor allem Mütter hohe Anreize haben, keine Arbeit aufzunehmen. Die Ergebnisse der Autoren sind vielsagend: Vor allem Mütter haben eine geringe Bereitschaft, arbeiten zu gehen und haben eine höhere Präferenz für Freizeit (23).
  • Die Gehaltsgrenze, ab der Frauen angeben, eine Arbeit aufnehmen zu wollen, erhöht sich dann, wenn Kinder vorhanden sind, erheblich, während Kinder auf die Gehaltsgrenze, ab der Männer eine Arbeit aufnehmen, keinen Einfluss haben. Da mit Kindern Transferzahlungen einhergehen, offenbart sich hier ein perverser Effekt staatsfeministischer Fertilitäts-Subventionierung. Die für Fertilität bezahlten Frauen sind nur noch dann bereit, eine Arbeit aufzunehmen, wenn sie überdurchschnittlich dafür bezahlt werden.
  • Da den entsprechenden Frauen jedoch die Berufserfahrung und die Produktivität fehlt, um überdurchschnittlich bezahlt zu werden, erhalten sie nicht das Gehalt, das ihnen vorschwebt, und entsprechend bleiben viele von Ihnen untätig, oder wie Humpert und Pfeifer schreiben: “…wages on the other hand, depend strongly on productivity, which is positively affected by on-the-job training and negatively by employment interruptions” (20).

Die Ergebnisse von Humpert und Pfeifer bestätigen zum einen die Präferenz-Theorie von Catherine Hakim in hervorrragender Weise, zum anderen machen sie das Elend kollektivistischer Ideologien wie sie der Staatsfeminismus darstellt, sehr deutlich. Den staatsfeministischen Sozialtechnikern bleiben nur zwei Möglichkeiten, die Bereitschaft von vornehmlich Müttern, zur Aufnahme von Arbeit herzustellen: Entweder sie erlassen eine gesetzliche Verpflichtung zur Arbeit, oder sie verpflichten Arbeitgeber, Mütter ein Gehalt zu zahlen, das weit über deren Produktivität und Leistung liegt, sie mit Männern, die keine Ausfallzeiten hatten, ergebnisgleich zu stellen. Beide Lösungen sind nicht populär, die erste Lösung nicht bei den der Zwangsarbeit unterzogenen Müttern, die zweite Lösung bei den durch die Gehaltsgleichstellung von Müttern benachteiligten und diskriminierten Männern. Von ersteren wird man kaum erwarten, dass sie durch besonderen Arbeitseinsatz auffallen, von Letzteren wird man erwarten können, dass sie ihre Arbeitsbereitschaft und ihren Arbeitseinsatz reduzieren, da Leistung sich für sie nicht lohnt. Da zudem eine Zwangsverpflichtung von Müttern zur Arbeit, dem ideologischen Kern des Staatsfeminismus zuwider läuft, bleibt nur die Gleichstellung von Männern und Frauen im Hinblick auf das Entgelt: Ergebnisgleichheit. Und genau diese Ziel der Ergebnisgleichheit, durchzieht die staatsfeministische Propaganda und die Versuche der Umerziehung von Jungen und Männern, die mit ihr einhergehen. Da ist es eben wieder, das Problem mit Männern und damit, dass Männer Präferenzen für Leistung, Wettbewerb und dafür haben, sich von anderen zu differenzieren,Präferenzen also, die im Staatsfeminismus nicht vorgesehen sind.

In jedem Fall steht am Ende das, was bei sozialistischen Experimenten immer am Ende stand: Die Diskreditierung von Leistung, der Niedergang wirtschaftlicher Prosperität, und der Ruin einer Gesellschaft. Dies alles ist bekannt, die entsprecheden Experimente in der Sowjetunion und der DDR liegen noch nicht so lange zurück, als dass man sie vergessen haben könnte. Aber: Sozialisten im Allgemeinen und Staatsfeministen im Besonderen sind nicht lernfähig, und entsprechend muss Geschichte sich offensichtlich doch wiederholen.

Humpert, Stephan & Pfeifer, Christian (2012). Explaining Age and Gender Differences in Employment Rates: A Labor Supply Side Perspective. Berlin: DIW, SOEPpapers on Multidisicplinary Panel Data Research #449.

Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

Dr. Thomas Sauer, Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, nimmt die Leser seines Beitrags, “Die Rolle der Gemeingüter in den Städten” mit auf eine Reise, eine Reise von Widerspruchshausen nach Absurdistan. Nicht nur ist der Beitrag in einer Weise geschrieben, die man jedem Studenten um die Ohren hauen würde, weil weder die Fragestellung noch ein roter Faden, der dem Leser durch den Text hilft, erkennbar sind noch ist der Inhalt, jenseits der ideologischen Betrachtung der Welt auch nur im Entferntesten deckungsgleich mit dem, was in ökonomicher und soziologischer Theorie diskutiert wird und was man in beiden als Grundlagenwissen bezeichnen könnte. Dies war die Behauptung, nun folgt der Beleg.

Ich habe im Satzdickicht von Dr. Sauer, die folgenden Aussagen/Behauptungen identifizieren können, die man – wenn man unterstellt, der Beitrag sei mit einem bestimmten Ziel geschrieben worden, der Beitrag enthalte eine “message”, in die folgende logische Abfolge bringen kann:

  1. Die “Wachstumswirtschaft” hat “uns” an die “Grenzen des planetaren Ökosystems” geführt.
  2. Es kriselt: Klimakrise, Energiekrise, Globalisierungskrise und Systemkrise sind “Schockgeneratoren”.
  3. Das Problem mit dem Wachstum besteht darin, dass es Ressourcen verbraucht, dass es Steuereinnahmen generiert und dass es Arbeitslosigkeit beseitigt.
  4. Die Wachstumsgesellschaft sieht eine Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft. Die Postwachstumsgesellschaft will eine “Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext”.
  5. Die Postwachstumsgesellschaft kennt “einen neuen Ökonomiebegriff”, keine individuelle Nutzenmaximierung und eine “Abkehr vom Paradigma der “unsichtbaren Hand””, an dessen Stelle sollen eine “kooperative Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis” und eine “Idee der institutionellen Pluralität” treten.
  6. Die “neoklassische Ökonomie sagt: Wenn Kollektivgüter von jedem frei genutzt werden, dann führt dies zu einer Übernutzung. Nachhaltigkeitsprobleme sind daher immer auch Kollektivgutprobleme, meint Dr. Sauer.
  7. Die Übernutzung von Kollektivgütern kann in der “Logik der neoklassischen Ökonomie” nur durch Privatisierung verhindert werden.
  8. Elinor Ostrom hat aber gezeigt, dass Gemeingüter “sehr wohl erfolgreich gemeinwirtschaftlich verwaltet werden” können.
  9. Konklusion [Die ziehe ich, der Text von Dr. Sauer hört schlagartig und ohne Schlussfolgerungen auf]: Wir müssen weg vom Privateigentum und weg vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus und hin zum gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen, dessen Rechte von “dezentralen Institutionen” wahrgenommen werden, deren Ziel darin besteht, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu sichern.

Die Aussagen, die ich aus Dr. Sauers Beitrag extrahiert habe und von denen ich der Ansicht bin, dass Sie den Kern des Beitrags ausmachen, will ich nunmehr in chronologischer Reihenfolge und mit den Mitteln der kritischen Analyse wie sie in unserem Grundsatzprogramm formuliert sind, analysieren:

  1. Maddison (2006), S.43

    Die Behauptung, dass die Wachstumswirtschaft uns an die Grenzen des planetaren Ökosystems geführt hat, ist, wenn ich das einmal so deutlich formulieren darf, grober Unsinn. Das Wachstum der letzten Jahrtausende hat, wie Maddison (2006) in seiner Fleißarbeit gezeigt hat, Wohlstand und Lebenssicherheit in einem Maße geschaffen, das für die jeweils vorausgehenden Generationen unvorstellbar war. Die “Tragik der Allmende”, die in Punkt 6 noch einmal wieder kommen wird, besteht nicht darin, dass rationale Akteure ein Kollektivgut übernutzen, sondern darin, dass es zu viele Akteure gibt, die ein Kollektivgut nutzen wollen.

  2. Wann hätte es je eine Zeit gegeben, in der es nicht gekriselt hat? Die Krise gehört zum Wandel, wie die Veränderung zum Fortschritt. Wer Krisen verhindern will, der muss die Zeit anhalten, denn dummerweise kommen mit Handlungen immer auch unbeabsichtigte Folgen, also Folgen, die man nicht beeinflussen, verhindern oder vorhersehen kann. Aber wenn schon Krise, dann richtig: Was ist mit der Dürrekrise in den USA? Was ist mit der Wasserkrise in Sub-Sahara-Afrika? Was ist mit der Wikipedia-Ideologie-Krise? Was ist mit der deutsche-Schwimmer-ohne-Olympia-Medaillen-Krise? Was mit der Eurokrise? Was mit der Bankenkrise, der Sub-prime-mortgage Krise, der Barclays-Krise, der Jungenkrise, der Bildungskrise, der überdüngte-Böden-Krise, der Krise der vögelmordenden Windräder, der Irak/Iran/Syrien/Afghanistan/Vietnam/Nord-Korea/Kambodscha/Somalia/Jemen/Serbien/Balkan/Georgien-Krise? Alles eine Folge der Wachtumswirtschaft?
  3. Das ist in der Tat ein Problem, dass man nur unter Einsatz von etwas, etwas erreichen kann. Aber das ist auch im Paradies so: Wer davon träumt, dass ihm gebratene Maiskolben in den Mund fliegen, vergisst, dass Maiskolben irgendwo wachsen müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendwem angebaut werden müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendjemandem gebraten werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) und von irgendjemandem geworfen werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) damit der ursprüngliche Jemand sich einbilden kann, er lebe im Paradies. Den Zusammenhang zwischen Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit bzw. hohen Steuereinnahmen, will ich nur dahingehend kommentieren, dass es in der Postwachstumsgesellschaft offensichtlich – weil logisch aus der Feststellung folgend: hohe Arbeitslosigkeit und geringe Steuereinnahmen gibt. Obwohl mich dieser Spritzer “Realität” im Traumgebilde der “Postwachstumsgesellschaft” freut, bin ich mir doch gleichwohl nicht darüber im Klaren, ob viele die Freude an der Armut, die Anhänger der “Postwachstumsgesellschaft” zu treiben scheint, teilen.
  4. Wer denkt, dass Ökonomie derzeit von der Gesellschaft entkoppelt ist, hat eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, zu arbeiten, was die Frage nach der Tätigkeit von Dr. Sauer und dem Verhältnis, in dem seine Tätigkeit zu Arbeit steht, aufwirft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der arbeitenden Erwerbstätigen der Ansicht ist, sie sei sehr wohl in die Gesellschaft eingebettet.
  5. Was Dr. Sauer als Postwachstumsgesellschaft beschreibt, ist nichts anderes als gesteuerte Ökonomie (das nennt man Sozialismus oder Kommunismus), die darauf basiert, Menschen ihr Menschsein, ihr Streben danach, sich und ihre Situation zu verbessern, ihren Nutzen zu maximieren, abzugewöhnen. Die Postwachstumsgesellschaft ist also eine Gesellschaft der Ghouls, die alle vom selben Leichnam früheren Wohlstands zehren.
  6. Nein, die Tragik der Allmende, auf die Dr. Sauer hier Bezug nimmt, und die von Garret Hardin (1968) in seinem klassischen Artikel “The Tragedy of the Commons” beschrieben wurde, ist keine Krise des Rationalismus, sondern eine Krise der Überbevölkerung: „The pollution problem is a consequence of population. It did not much matter how a lonely American frontiersman disposed of his waste. ‘Flowing water purifies itself every ten miles’, my grandfather used to say, and the myth was near enough to the truth when he was a boy, for there were not too many people. But as population became denser, the natural chemical and biological recycling processes became overloaded, calling for a redefinition of property rights” (Hardin, 1968, S.1245). Und: „… the oceans of the world continue to suffer from the survival of the philosophy of the commons. Maritime nations still respond automatically to the shibboleth of the ‘freedom of the seas.’ Professing to believe in the ‘inexhaustible resources of the oceans’, they bring species after species of fish and whales closer to extinction” (Hardin, 1968, S.1244). Man beachte zweierlei: Die “Tragedy of the Commons”, also z.B. die Überfischung der Weltmeere, hat zum einen die Ursache, dass es zu viele Menschen gibt und zum anderen die Ursache, dass kollektive Akteure, Staaten, Organisationen, Vereinigungen, so tun, als wäre die Erde nur spärlich bevölkert.

    Garret Hardin (1968). The Tragedy of the Commons.

  7. Liberale Ökonomen gehen in der Tat davon aus, dass das Problem der gemeinschaftlichen Übernutzung von Kollektivgütern dadurch gelöst werden kann, dass die entsprechenden Güter bzw. die Nutzung an den entsprechenden Gütern (Wald, Meere) privatisiert werden, sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht-liberale Ökonomen die Rettung vor der gemeinschaftlichen Übernutzung in staatlicher Reglementierung sehen.
  8. Elinor Ostrom hat im Gegensatz zu dem, was Dr. Sauer behauptet, im Privateigentum gerade die Grundlage der Lösung des Problems der Übernutzung kollektiver Güter gesehen. Mark Pennington, dem die Fehlrezeption von  Ostroms Arbeiten massiv auf die Nerven gegangen zu sein scheint, hat dies gerade in einem Beitrag für den Blog des Institute of Economic Affairs in London richtig gestellt. Wie? U.a. in dem er zitiert, was Ostrom selbst geschrieben hat: “Common property regimes are a way of privatising the rights to something without dividing it into pieces… Historically common property regimes have evolved in places where the demand on a resource is too great to tolerate open access, so property rights have to be created, but some other factor makes it impossible or undesirable to parcel the resource itself” (McKean & Ostrom, 1995, S.6). Also wieder nichts mit der Gemeinschaftsideologie, dem Traum von Kommunismus, in dem glückliche Menschen über grüne Wiesen, die niemandem und doch allen gehören, springen und sich daran freuen, dass ihnen die gebratenen Maiskolben in den Mund fliegen… Aber das hatten wir schon.
  9. Die Konklusion, die Dr. Sauer in seinem Beitrag nahelegt, wird durch ihn selbst widerlegt, denn während er voller Enthusiasmus ein Projekt in der schwedischen (wie könnte es auch anders sein) Stadt Växjö beschreibt, das nach seiner Ansicht wohl das Beispiel par exellence für die Überwindung der Wachstumsgesellschaft mit ihren nach Eigennutz strebenden Akteuren, die auch vor der Zerstörung der Natur nicht halt machen, ist, entgleitet ihm der folgende Satz: “Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugten Energieträger haben“. Es ist nicht erstaunlich, dass Waldbesitzer Holz verkaufen wollen. Es stellt die Maximierung des Nutzens von Waldbesitzern dar, wenn sie ihr Holz verkaufen, wenn sie es sicher verkaufen, wenn sie es zu einem garantierten Preis verkaufen. Und so entpuppt sich die schöne heile Welt des Postwachstums als eine Gesellschaft, in der individuelle Interessen, zwar weiterhin nutzenmaximierend sind, aber dadurch geadelt werden, dass sie nunmehr als “Interessen der Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer” deklariert werden.

Postwachstum so hat sich gezeigt, ist nichts anderes als eine Umetikettierung und eine Neuverteilung von Legitimation. Um legitim zu sein, genügt es nicht mehr, dass Interessen individuelle Interessen sind, nein, sie müssen kollektive Interessen sein. Sind sie mit dem kollektiven Heiligenschein versehen, dann dürfen die Interessen gerne auftreten, um ihren Nutzen zu maximieren und wenn sie zudem als “nachhaltig” gelten, sind sie auch von jeglicher Kritik ausgenommen, denn wer will schon der “Umweltkrise” das Wort reden. Schon das Beispiel aus Växjö macht deutlich, dass organisierte Interessen (die Waldbesitzer) gegenüber anderen, weniger formal organisierten kollektiven Interessen einen Vorteil darin haben, ihre Interessen durchzusetzen. Und wie man denken kann, dass die Vertreter organisierter Interessen, die natürlich von sich behaupten, sie erfüllten die Werte, die gerade gesellschaftlich in Mode sind, Nachhaltigkeit zum Beispiel, würden für sich eine Grenze ziehen, bis zu der sie ihre Interessen durchsetzen und die sie nicht überschreiten, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber ich lebe auch nicht in der Postwachstumsgesellschaft, in der die fliegenden Maiskolben unterwegs sind, und von außen betrachtet, scheint mir auch die Postwachstumsgesellschaft nichts Neues zu sein, auch das, was die Postwachstumler uns nahe legen wollen, hatten wir schon, es hieß damals DDR und die Führer der “Animal Farm” trafen sich im Zentralkomittee um die kollektiven Interessen zu formulieren und z.B. die Anzahl der Einwohner des SED-Paradieses festzulegen, die im Jahr 10 nach der Machtergreifung, einen Kühlschrank erhalten sollten.

Literatur:

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science, 162: 1243-1248.

McKean, Margareth & Ostrom, Elinor (1995). Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past? Unasylva 48(180): 3-15.

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Unsolicitedious

Staatsfeminismus als Angriff auf die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft

In ihrem Beitrag über das Patriarchat hat Dr. habil. Heike Diefenbach die unsägliche Verbindung, die  kommunistische, pseudo-anthropologische und feministische Ideen im Staatsfeminismus eingegangen sind, deutlich angesprochen und offengelegt. Als Crux davon kann man den Staatsfeminismus als kollektivistische Ideologie beschreiben, deren Ziel darin besteht, das – wie Engels es genannt hat: “lumpige[n] Individuum” (Engels 1984[1884]: 204) einem größeren als heilig und richtig angesehenen Ganzen zu unterstellen, es in ein Volksganzes einzuordnen und seiner Individualität zu berauben. Es ist von daher kein Zufall, dass der Staatsfeminismus sich gegen freien Kapitalismus wendet und ihm ein ur-kommunistisches Idyll gegenüberstellt, in dem gleiche Menschen, mit gleichem Zugriff auf die gleichen ärmlichen Ressourcen von den besonders gleichen, den Schriftgelehrten des Staatsfeminismus, gelenkt werden. Die Schriftgelehrten des Staatsfeminismus haben dabei vornehmlich die Aufgabe, die kulturellen Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Werte, die im Kapitalismus gelten, untergraben und besser noch: beseitigt werden. Konkurrenz wird daher als “menschenfeindlich” deklariert, Märkte als Ansammlung von egoistischen Gierlingen diffamiert, der Wert der sozialen Aufopferung dem Verfolgen eigener Ziele gegenübergestellt und, in einer an Primitivität und chthonischer Übersättigung kaum zu überbietenden Weise, werden die als schädlich festgestellten Werte mit “männlichen Werten” gleichgesetzt. Als Ergebnis dieser Zuordnung ist es nicht der Kapitalismus, der bekämpft werden soll, sondern Männlichkeit, die sich aus der Sicht staatsfeministischer Ideologen im Kapitalismus niederschlägt. Die Überwindung des Männlichen ist somit der Überwindung des Kapitalismus gleichzusetzen.

Es ist ein Problem für den Staatsfeminismus, dass die conditio humana Menschen nach etwas Streben lässt. Menschen wollen ihre Situation verbessern und sind zumeist nicht mit dem Erreichten zufrieden. Es ist deshalb eine Aufgabe, die sich Staatsfeministen selbst gegeben haben, nicht nur Menschen umzuerziehen und mit dem Wenigen, was ihnen der Staatsfeminismus zu geben vermag, zufrieden sein zu lassen, sondern auch dieses Streben nach Verbesserung, ein aus Sicht von Staatsfeministen “männliches Streben”, auszumerzen, um die Gesellschaft der Zombies zu begründen, in der niemand mehr nach etwas strebt, und in der es eine neue Form der Klassenherrschaft gibt, die George Orwell und H.G. Wells bereits vorweggenommen haben: Die Ideologen und ihre “staatsfeministische Partei” stehen über der Masse der Gleichen.

Die Versuche der kulturellen Umgestaltung richten sich vornehmlich gegen Jungen und finden sich in den vielfältigsten Zusammenhängen. Ein besonders gutes Beispiel ist die Initiative “Neue Wege für Jungs”, die bewusst das Naheliegende offen lässt: Die Angabe des Ziels, des Endpunkt der “neuen Wege für Jungs”. Dass die neuen Wege für Jungs Wege sind, die Jungen in den Gegensatz zu dem stellen, was bis zum heutigen Tag mit “Männlichkeit” verbunden wird, wird demjenigen schnell klar, der sich mit den unterschiedlichen Varianten und Methoden der Indoktrination beschäftigt, die zur Manipulation von Jungen bereit stehen, auf dass sie neue Wege beschreiten. Ich will vorweg anmerken, dass die Vorteile, die dem Staatsfeminismus daraus entstehen, dass sich Jungen auf die vorgeschriebenen neuen Wege machen, offenkundig sind, was nicht offenkundig ist, nicht einmal der Erwähnung wert befunden wird, sind die individuellen Vorteile, die sich den Jungen auf neuen Wegen bieten. Wie ich unten zeigen werde, ist dies auch kein Wunder, denn die neuen Wege sind nicht mit Vorteilen, sondern mit Nachteilen für Jungen verbunden. Dies zeigt des Staatsfeminismus einmal mehr als kollektive Ideologie: Das Wohl des Einzelnen wird der “großen Sache” geopfert.

Doch nun zum Geist der Umerziehung, zu dem, was in den kulturellen Grundlagen, die Deutschland derzeit (immer noch) besitzt, beseitigt werden soll und zu dem, womit es ersetzt werden soll, zu den “neuen Wegen für Jungs”. Kinder und Jugendliche sind für Einflussnahme von außen am empfänglichsten. Es ist daher kein Zufall, dass die meisten und die brachialsten Versuche, Kinder und Jugendliche auf die Linie des Staatsfeminismus zu zwingen und sie “den richtigen Weg” im Leben nehmen zu lassen, bereits im Kindergarten und in der Schule zu finden sind: Nie war Erziehung mehr von Ideologie durchsetzt als heute. Ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich in den “Materialen zur Lebensplanung (nicht nur) für Jungen”, die Ulrich Boldt unter dem Titel “Jungen stärken” und u.a. über die Initiative “neue Wege für Jungs” vertreibt. Darin gibt es einen Fragebogen mit der Überschrift “Jungen, Beruf, Familie und Glück”, dem unmissverständlich entnommen werden kann, wie die neuen Wege für Jungen aussehen. Um dies deutlich zu machen, habe ich eine Reihe von Aussagen, die Jungen und Mädchen in den 9. oder 10. Klasse als richtig oder falsch bewerten sollen, etwas anders angeordnet als sie im Fragebogen angeordnet sind. Ich habe sie einander gegenübergestellt, was die inhärente Ideologie überdeutlich macht:

Mädchen sollen das Prinzip befolgen: “Heirate nie einen Mann, der sich nicht an der Hausarbeit und Kinderbetreuung beteiligt”. Der Mann macht die Wäsche, putzt die Wohnung und wäscht das Geschirr. Seine Partnerin bügelt alles und kauft ein und kocht. Eine solche Arbeitsteilung sollten alle Paare haben
Moderne Mädchen träumen nicht mehr davon, die Frau des Herrn Doktor zu sein. Sie wollen selbst Frau Doktorin werden. Moderne Jungen wollen einen interessanten Beruf ausüben. Sie möchten aber nicht alles und jedes dem Berufsleben opfern.
Mädchen sollen einen guten Beruf erlernen. Dann sind sie auch in der Lage, ihre Familie zu ernähren. Denn wer weiß, was im Leben alles passiert Jungen sollen mehr Berufe lernen, die mit Menschen zu tun haben. So sind sie auf die Betreuung ihrer Kinder vorbereitet.
Sind tatsächlich nur die Frauen für die Hausarbeit und Kindererziehung zuständig? Immer mehr Mädchen sind unzufrieden, wenn sie daran denken. Immer mehr Jungen sind unzufrieden, dass im Leben nur die berufliche Leistung zählt. Sie würden lieber auch ein Teil der Familienarbeit übernehmen. Dann hätten sie wenigstens etwas von ihren Kindern.

Angesichts der ideologischen Überfrachtung dieser wenigen Sätze weiß man gar nicht so richtig, wo man anfangen soll, daher will ich es bei der Benennung der Prämissen belassen, die ich für die perfidesten halte, perfide deshalb, weil sie Jugendlichen, die noch nach Orientierung in ihrem Leben suchen, als selbstverständlich und allseits geteilt untergeschoben werden sollen:

  • Der einzige Lebenszweck besteht in Fortpflanzung: Normale Jungen und Mädchen wünschen sich Kinder.
  • Jungen, die nicht als altmodisch gelten, sondern modern sein wollen, konzentrieren sich nicht auf ihre berufliche Karriere.
  • Altmodische Mädchen wollen Frau Doktorin sein. Allein dafür, dass sich Herr Boldt nicht vorstellen kann, dass Mädchen auch früher etwas mehr als die angeheiratete Funktion ihres Ehemanns sein wollten, hätte Herr Boldt von meiner Oma eine schallende Ohrfeige erhalten.
  • Das Hauptproblem, das es in einer Partnerschaft zu bewältigen gibt, besteht in der Teilung der so furchtbar wichtigen und alles überstrahlenden Hausarbeit.
  • Jungen und Mädchen wollen sich um Kinder kümmern.

So ganz nebenbei wird Jungen von Herrn Boldt somit nahegelegt, nicht 100% Einsatz im Beruf zu zeigen, sich mehr als Hausmann, denn als Fachmann für was auch immer zu sehen, Hausarbeit mit beruflicher Arbeit mindestens gleichzuordnen und ihr Leben in den Dienst der Erziehung der eigenen Kinder (Mehrzahl) zu stellen. Diese Vorstellung der neuen Wege von Jungen geht eine weitere Verflechtung mit der von Staatsfeministen so vehement betriebenen Umleitung männlicher Humanresourcen aus der kalten und männlichen Wirtschaft in die warme und weibliche Sozialarbeit. In Boldts Fragebogen lautet das:

Jungen sollten mehr Berufe lernen, die mit Menschen zu tun haben. So sind sie auf die Betreuung ihrer Kinder vorbereitet.

Hat jemand noch Fragen, worin der Zweck der männlichen Existenz besteht? Hätte jemand gerne noch einen Schuss Verschwörungstheorie und böses Männer-Gemisch? Kein Problem:

Wenn Männer verstärkt in Teilzeit arbeiten wollten, dann gäbe es auch mehr Teilzeitstellen.

Die nahegelegte Konklusion, die – wie immer bei perfiden Tricks – vom Leser gezogen werden soll, lautet: Derzeit verhindern die bösen Männer die Bereitstellung und gute Bezahlung von Teilzeitjobs. Und wem dies immer noch nicht reicht, um die Zeichen der Zeit zu lesen, dem sei noch die letzte Aussage aus dem Fragebogen von Uli Boldt, mit dem Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren traktiert werden, zugemutet:

Es git schon Jungen, die sich vorstellen, Hausmann zu werden. Sie haben aber Angst davor, zu ihrer Meinung zu stehen.

Ich kann mich derzeit nicht entscheiden, was mich ärgerlicher macht: Die perfide Art, mit der Jugendlichen suggeriert werden soll, dass es einen Weg zur Seligkeit gibt, die fiese Art und Weise, mit der Jungen dazu motiviert werden sollen, sich doch zu outen, natürlich nicht, dass sie glauben, homosexuell zu sein, das wäre nicht im Sinne des Erfindern, nein, dass sie Hausmann werden wollen  – welch schönes und voller gloreicher Ziele steckendes Leben -,  oder die Einfachheit, mit der die Lebenschancen von Jungen der eigenen Ideologie, dem Staatsfeminismus geopfert werden. Und dass sie das werden, haben eine Unzahl von sozialpsychologischen Studien belegt. Eine dieser Studien, von Brescoll et al. (2012) erstellt, belegt sehr eindrücklich, dass Männer, die sich in nicht als männlich angesehenen Berufen befinden, einen Statusverlust erleiden, den sie nur dadurch wettmachen können, dass sie sich besonders viel Mühe damit geben, die verlorene männliche Reputation mit entsprechenden Freizeitaktivitäten (Fussball spielen, Bodybuilding …) wieder wettzumachen. Zudem zeigt sich, dass Männer, die in Berufen arbeiten, die als typisch männliche Berufe gelten, dann, wenn ihr Vorgesetzer weiblich ist, einen erheblichen Statusverlust in den Augen ihrer Umwelt erleiden und dass dasselbe für Frauen gilt, die in einem typischen Frauenberuf mit einem männlichen Vorgesetzten konfrontiert sind. Mit anderen Worten, der Staatsfeminismus mit seinem Versuch, die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft umzubauen, ist dabei, Unfrieden und soziale Konflikte herzustellen, die die davon betroffenen Individuen erheblich in Mitleidenschaft ziehen. Vertreter des Staatsfeminimus werden diese Kritik natürlich von sich weisen und darauf hinweisen, dass nicht sie es sind, die Individuen opfern, dass vielmehr  überkommene gesellschaftliche Wertvorstellungen dafür verantwortlich seien. Diese Ausflucht ändert nichts an der Kälte, mit der Staatsfeminsten Individuen instrumentalisieren, um sie den “überkommenen Wertvorstellungen” zu opfern, immer in der Hoffnung, dass ihr Opfer die eigene Ideologie voranbringt. Diese Verachtung von Individuen ist es, die kollektive Ideologien wie den Staatsfeminismus auszeichnet: Wo das hehre und oberste Gemeinschaftsgut betroffen ist, bleiben Individuen eben auf der Strecke.

Wie es mit demokratischen und freiheitlichen Idealen vereinbar ist, dass in deutschen Schulen fachfremde und ideologische Inhalte vermittelt und Schulen zu Stätten der Indoktrination umgebaut werden, wie also, die völlige Erziehungsentmündigung von Eltern legitimiert wird, ist eine Frage, die bislang nicht einmal gestellt wird, denn im Staatsfeminismus werden kritische Fragen nicht gestellt, am Ende fühlt sich noch jemand bemüsigt, sie aufrichtig zu beantworten.

Literatur:

Brescoll, Victoria L., Uhlmann, Eric Luis, Moss-Racusin, Corinne & Sarnell, Lonnie (2012). Masculinity, Status, and Subordination: Why Working for a Gender Stereotype Violator Causes Men to Loose Job Status. Journal of Experimental Social Psychology 48(2): 354-357.

Bildnachweis:
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Davidicke

Die Entprofessionalisierung der Wissenschaft oder: Von der Universität zur Kindertagesstätte

Vor einigen Tagen hat die New York Times darüber berichtet, dass immer mehr Männer in den USA Berufe ergreifen, die bislang von Frauen dominiert werden. Das Ergebnis dieser “geschlechtsuntypischen Berufswahl” ist interessant: Mit dem zunehmenden Anteil von Männern in “Frauenberufen” steigen die Gehälter für alle in den entsprechenden Berufen Arbeitenden und der berufliche Aufstieg der Männer in den Frauenberufen erfolgt durchschnittlich schneller als der entsprechende berufliche Aufstieg der dort beschäftigten Frauen. Meine These lautet: Mit einem zunehmenden Anteil von Männern nimmt die Professionalität in den entsprechenden Berufen zu.

Zurück nach Deutschland: Hier hat gerade eine Anhörung vor dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung des Bundestages stattgefunden, deren primäre Erkenntnis bereits in der Überschrift der Pressemeldung, die sich mit der Anhörung beschäftigt, zusammengefasst wird: “Frauen werden im Wissenschaftssystem benachteiligt”. Frauen, die ewigen Benachteiligten könnte man formulieren, würde einem diese Formulierung nicht im Halse stecken bleiben, denn “die Frauen” werden in “der Wissenschaft” ganz sicher nicht benachteiligt. Die differenzierte Betrachtung von Fakten, ein entsprechend rationaler Blick auf die Wirklichkeit, ist denjenigen, die “die Benachteiligung der Frauen” sehen, jedoch fremd. Von ihnen hört man, im Gegenteil, Folgendes:

  • “Bleibt die Personalstruktur wie sie ist, ist das eine Aufforderung an Wissenschaftlerinnen das Wissenschaftssystem wieder zu verlassen. Das nenne ich einen perversen Ansatz”. Derart differenzierte Stellungsnahmen gibt Edit Kirsch-Auwärter, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Göttingen von sich. Nur am Rande sei vermerkt, dass man in der Wissenschaft gewöhnlich dann von einem perversen Effekt spricht, wenn eine planvolle Handlung zu unbeabsichtigten Folgen geführt hat. Den Unsinn mit der Personalstruktur will ich an dieser Stelle nicht kommentieren, und nur darauf hinweisen, dass eine Personalstruktur nur dann “geschaffen” werden kann, wenn man über die Köpfe von Individuen hinweg für diese Individuen entscheidet, d.h. wenn man ihnen vorgibt was sie zu tun haben oder sie zwingt, etwas Bestimmtes zu tun – das wäre qua definitiom Autoritarismus, der eine borderline Existenz zum Totalitarismus führt.
  • Der Präsident der Justus-Liebig Universität Gießen, Joybrato Mukherjee, weiß, dass seine Universität zu 67% von weiblichen Studenten bestückt wird, wogegen die Professoren zu 82% männlich sind. Entsprechend ist es nach seiner Ansicht wichtig, freiwerdende Stellen “wenn irgend möglich mit Frauen zu besetzen”, eine Quote für Stellenbesetzungen einzuführen und auf einen Mentalitätswandel hinzuwirken. Wo Kirsch-Auwärter den Autoritarismus nur impliziert, ist Mukherjee deutlicher: Wer nicht spurt, wird quotiert, wer immer noch nicht spurt, dessen Mentalität wird halt geändert.
  • Wolfgang Marquart, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, fordert eine Zielquote. Ziel dieser Quote ist es zu erreichen, “dass der Frauenanteil auf einer Qualifikationsstufe mindestens so hoch sein muss, wie der Anteil auf der jeweils niedrigeren Stufe”. Das Ganze nennt sich Kaskadenmodell und hätte vermutlich zur Folge, dass in vielen Bereichen der Sozialwissenschaften kaum mehr ein männlicher Professor zu finden ist, während in den meisten Naturwissenschaften nach wie vor keine weiblichen Professoren vorhanden wären. Auch eine Form der Geschlechtssegregation. Ist das wirklich gewollt? Oder hat Herr Marquart einfach nicht überlegt, bevor er gequasselt hat?

Ich tendiere im Hinblick auf den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats zu letzterer Erklärung, tut sich der Wissenschaftsrat doch schon seit Längerem mit besonders unsinnigen Vorschlägen und Veröffentlichungen hervor. Das neueste Beispiel: “Fünf Jahre Offensive für Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – Bestandsaufnahme und Empfehlungen”. Dieses in vielerlei Hinsicht als Epitaph auf eine effiziente und der Erkenntnis verschriebene Wissenschaft anzusehende Pamphlet, enthält eine Reihe von Forderungen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, ehe man sie ausspuckt. Ich habe mich bei der folgenden Analyse auf das Kapitel “B.III Vereinbarkeit von Familie und Beruf” beschränkt.

  • Das Kapitel basiert auf der Annahme, dass der geringe Anteil von Wissenschaftlerinnen unter Professoren darauf zurückzuführen ist, dass eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gegeben ist.
  • Gleich im ersten Absatz wird dieser Annahme noch eine weitere, ebenso abstruse oder doch zumindest unbewiesene Annahme hinzugesellt: Kinderlosigkeit sei der Preis, den “Frauen und Männer für eine wissenschaftliche Karriere bezahlen müssen” (28).
  • Wer nun denkt, zwei abstruse Annahmen reichen, der hat die Rechnung ohne den Wissenschaftsrat gemacht, denn in Absatz drei wird noch eine Annahme obendrauf gesetzt, nämlich: Universitäten sind nur dann attraktive Arbeitgeber (übrigens nicht Arbeitgeberinnen!), wenn sie dafür sorgen, dass die Kinderbetreuungsangebote “den besonderen Bedürfnissen des wissenschaftlichen Personals genügen” (28).
  • Und worin bestehen die besonderen Bedürfnisse des wissenschaftlichen Personals?
    1. in Abendbetreuungsangeboten für Kinder,
    2. in Übernachtungsmöglichkeiten,
    3. in einer Kindergartensprache “Englisch”,
    4. in mit der Kinderbetreuung zu vereinbarenden Arbeitsplätzen, so genannten Eltern-Kind-Büros,
    5. und im “Umdenken und Entgegenkommen” von Kollegen, damit ein heute “noch häufig von Eltern wahrgenommener Mangel an Kinderfreundlichkeit der Institutionen sich nicht manifestiert” (29).

Verbei sind die Zeiten, in denen man als Student in der Bibliothek versinken konnte, denn die Bibliotheksangestellte bringt ihr Kind mit ins Büro, und entsprechend wird man regelmäßig durch Geschrei aus dem Buch geschreckt, in das man gerade versinken will. Sprechstunden gibt es nur noch dann, wenn das Kind im Büro gerade schläft bzw. alle Bedürfnisse des Kindes soweit gestillt sind, dass sich Mutti oder Papi wieder um die Studenten und deren Magisterarbeit kümmern können. In Seminaren ist mit regelmäßigen Unterbrechungen zu rechnen, da die Dozentin ihr Kind mitgebracht hat, und im eigenen Büro ist an Arbeit nicht mehr zu denken, das Eltern-Kind-Büro nebenan verhindert das. Die beschriebene Kindermanie, mit der nunmehr auch noch das letzte Refugium der Erwachsenen, der letzte Hort, an dem man etwas anderes tun konnte, als dem heiligen Kinde zu Willen zu sein bzw. als seine Zeit um das Geschrei im Nachbarbüro herum einzuteilen, ist gefallen. Die letzte Bastion, in der man zumindest dem Schein erliegen konnte, sie werde nach professionellen Maßstäben betrieben, wurde von der kindermanischen Armee im Sturm genommen. Dem Wissenschaftsrat sei dank.

Was der Wissenschaftsrat mit seiner “Offensive” erreichen will, ist offensichtlich: Eine Entprofessionalisierung der Universitäten. Durch die Infantilisierung der Arbeitsbedingungen werden all diejenigen abgeschreckt, die Leistung bringen wollen und für die Leistungen auch eine entsprechende Bezahlung verlangen. Nun hat die Bundesregierung bereits mit dem letzten Hochschulrahmengesetz dafür gesorgt, dass die Besoldung von Professoren reduziert wird, von C nach W. Eine Reduzierung des erreichbaren Einkommens scheint regelmäßig die erste Stufe der Entprofessionalisierung zu sein. Auf dieser Stufe scheiden diejenigen aus, die nicht bereit sind, 16 Wochenstunden Lehre für W-Besoldung zu leisten. Dies sind regelmäßig Wissenschaftler mit Optionen, die im Ausland gerne eingestellt werden. Man rufe eine beliebige Universität in den USA auf, und lese die Nachnamen der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter, um sich einen Eindruck von diesem brain drain zu verschaffen. Die zweite Stufe der Entprofessionalisierung besteht in dem Ruf nach einer Frauenquote. Dieser Ruf, dessen Übersetzung lautet: bei uns zählt Dein Geschlecht, nicht Deine Leistung, schreckt diejenigen ab, die noch bereit waren, W-Besoldung zu ertragen, aber nunmehr, wenn ihnen offen gesagt wird, dass ihre Leistung irrelevant ist, der Ansicht sind, etwas Besseres als diese Form der Mißachtung finden sie überall. Die dritte Stufe der Entprofessionalisierung besteht in der oben beschriebenen Infantilisierung. Für wen, so kann man sich fragen, ist eine Universität interessant, die Kindertagesstätte, nicht aber Ort der Lehre und des Lernens ist? Sicherlich nicht für Wissenschaftler, schon eher für Personen, die sich nicht entscheiden können, ob sie lieber Mama oder Papa oder lieber Wissenschaftler spielen wollen. Das Ergebnis entsprechender Halbherzigkeiten ist bestenfalls mäßige Lehre und folgerichtig ein Niedergang der Wissenschaftskultur.

Damit schließt sich der Kreis zur Eingangs berichteten Studie der New York Times: Entprofessionalisierung geht mit einem Exodus von Männern und von Frauen, deren Lebenssinn nicht in der Fortpflanzung besteht, einher. Es bleiben die Teilzeitkräfte, die eigentlich Eltern sind, aber uneigentlich noch an Universitäten auftauchen, ohne so richtig zu wissen, was sie dort sollen, ohne eine Berufung für ihren Beruf zu empfinden, denn wäre dem so, sie wüssten ihren Arbeitsplatz von der Kindertagesstätte zu unterscheiden.

Nachtrag zum Wissenschaftsrat

Wem es nach diesen Ausführungen noch nicht klar ist, dem sei gesagt, der Wissenschaftsrat ist kein wissenschaftliches, sondern ein politisches Gremium. Er setzt sich wie folgt zusammen:

  • Wissenschaftliche Kommission (32 Personen)
    • Wissenschaftler berufen vom Bundespräsidenten auf Vorschlag z.B. der Rektorenkonferenz oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Derzeit 24 Personen, davon: 12 Männer und 12 Frauen.
    • Personen des öffentlichen Lebens berufen vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung und der Landesregierungen; Derzeit 8 Personen, davon: 4 Männer und 4 Frauen.
  • Verwaltungskommission (21 Personen)
    • Von der Bundesregierung entsandte Mitglieder; Derzeit: 6 Personen, davon: 4 Männer und 2 Frauen.
    • Von den Landesregierungen entsandte Mitglieder; Derzeit: 15 Personen, davon 5 Männer und 10 Frauen.

Unsinn der Woche: Schutz vor der Verbraucher-Nanny-Zentrale

Staatliche Versuche, unter den Siegeln von Schutz und Fürsorge “die Bürger” auch noch vom letzten Rest an Eigenverantwortung für ihr Leben zu entmündigen, sind weit verbreitet. Der Nanny-State, dessen Ziel darin besteht, ein menschliches Leben von der Wiege bis zur Bahre in Abhängigkeit von staatlichen Regulationen und Vorgaben zu gestalten, anders formuliert, dessen Ziel darin besteht, Entscheidungsfreiheit für Menschen zu beseitigen und Leben zu standardisieren, interveniert in alle Teile des privaten Lebens, nicht etwa weil er ein Freind der individuellen Freiheit wäre, nein, weil er seine Bürger umhegen, pflegen und vor allem vor sich selbst schützen will. Bürgern ist nicht zu trauen, entsprechend muss man sie zum richtigen Leben und den richtigen Entscheidungen führen und die Möglichkeiten zur Abweichung beseitigen – oder?.

Da Staaten nicht nur Arbeit- sondern auch Geldgeber sind, gibt es eine große Zahl von Institutionen, die staatliche Bestrebungen, Eigenverantwortung auszurotten und den Nanny-State zu implementieren, tatkräftig unterstützen. So auch die Verbraucherzentrale.

Die Verbraucherzentrale sieht ihre Aufgabe nicht etwa darin, Verbraucher vor staatlicher Gängelung zu schützen, sondern darin, auch noch den letzten Hort von Eigenverantwortung aufzuspüren und die staatliche Reglementierung dafür zu fordern. Dass die entsprechenden Forderungen nicht ohne eine stattliche Anzahl von Beschäftigungsverhältnissen, die dafür notwendig sind, auskommen, versteht sich von selbst. Aber, wo es um den Schutz der Bürger und die Beseitigung ihrer Eigenverantwortung geht, da ist kein Posten zu wenig und keine Schutz-Anstrengung zu billig.

Entsprechend beschäftigt die Verbraucherzentrale bereits eine Anzahl von Mitarbeitern, die im Internet surfen, um die dort lauernden Gefahren zu katalogisieren, vor ihnen zu warnen, den individuellen Internetsurfern die Verantwortung für ihr Tun abzunehmen und, fast hätte ich es vergessen, nach Regulationen und Regulierern (Stellen!) zu rufen. Damit dieser Ruf auch seine Wirkung nicht verfehlt, erfolgt er unter erschreckender Überschrift:

Gefährliche Lebensmittel im Internet,

so lautet die Überschrift einer Pressemeldung der Verbraucherzentrale, in der die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner aufgefordert wird, “die Zügel bei der Neuordnung der Lebensmittelüberwachung anzuziehen”, weil man überall, aber vor allem im Internet Kontrolldefizite finde. So seien viele der “online erhältlichen Nahrungsergänzungsmittel” gesundheitsschädlich. (Man beachte, dass sich die gefährlichen Lebensmittel aus der Überschrift zwischenzeitlich in Nahrungsergänzungsmittel verwandelt haben.)

Bildquelle: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Dieses “erschreckende” Ergebnis, nachdem viele online erhältliche Nahrungsergänzungsmittel gesundheitsschädlich sind, stammt aus der Prüfung von 70 Produkten durch die Verbraucherzentrale, 70 Produkte, die “schlank, fit und potent machen sollen”. (Die Lebensmittel aus der Überschrift, die zwischenzeitlich zu Nahrungsergänzungsmitteln mutiert sind, haben sich nunmehr in Fitness-, Schlankheits- und Potenzmittelchen transformiert!) “Jedes dritte exotische Power-, Potenz- und Schlankheitsmittel enthielt illegale und hochgradig gesundheitsschädliche Substanzen. Bei vier von fünf Präparaten fehlten die vorgeschriebenen Warnhinweise”.

Deutsche kauft nur deutsches Viagra, möchte man nun ausrufen, um die Gefahr für den deutschen Volkskörper, wie sie aus “exotischen” und gesundheitsgefährdenden Mittelchen entspringt, zu bannen. Denn: nicht vom Brot allein lebt der deutsche Mensch, er braucht seine Nahrung ergänzende, seine Potenz steigernde kontrollierte Lebensmittel, aber natürlich nicht ohne Warnhinweis: “Der Gebrauch dieses Potenzmittels kann zu Unterhaltszahlungen führen”, oder: “Personen mit Bluthochdruck sollten dieses Präparat nur im Beisein eines Arztes oder qualifizierten Personals einnehmen”. Aber vor lauter Potenz will ich die Warnhinweise für Schlankheitsmittel nicht unterschlagen: “Abnehmen kann zum Tod führen”, scheint der angemessene Hinweis.

Nun stellt sich natürlich die Frage nach der Relevanz dessen, was uns die Verbraucherzentrale hier präsentiert. 70 Potenz- und Fitness-Präparate, scheinen kein besonders repräsentativer Querschnitt dessen zu sein, was im Internet angeboten wird. Sicherlich zu wenig, um eine Forderung nach mehr Überwachung und mehr Überwacherstellen aufzustellen. Das haben die Gesellen der Verbraucherzentrale auch gemerkt. Deshalb beharren sie darauf, dass Potenz-, Fitness- und Schlankheitsmittel Lebensmittel sind. Von Lebensmitteln zu Nahrungsmitteln ist es nicht weit und Nahrungsmittel kaufen Bundesbürger per Jahr in der Größenordnung von rund 170 Millionen Euro im Internet – wie man der Pressemitteilung entnehmen kann. Das trägt als Begründung für mehr Kontrolleure schon weiter und zeigt, warum es so wichtig ist, Potenzmittel als Nahrungsmittel zu klassifizieren.

Nun kann man die Besorgnis der Verbraucherzentrale um die Potenz der Bundesbürger vielleicht noch als Resultat des Geburtenrückgangs in Deutschland und die eigene Hingabe an staatliche Vorgaben erklären, was hingegen nicht erklärbar und nicht tolerabel ist, ist die Ansicht der Verbraucherzentralen-Potenzmittel-Wächter, sie hätten es bei ihrer Bevölkerung mit einem Haufen zur Eigenverantwortung unfähiger Deppen zu tun, denen man jede Entscheidungsfreiheit nehmen müsse. Vielleicht ist es an der Zeit zur Gegenwehr. Lasst und eine Organisation gründen (als e.V. zur steuerlich begünstigten Förderung der Selbstverantwortlichkeit der Bevölkerung), deren Zweck darin besteht, Bürger vor Institutionen zu schützen, die Bürger schützen wollen. Angesichts der Vielzahl bürgerschützender Institutionen denke ich, 1000 Institutionenkrontolleure, die wir als Freiheitskämpfer bezeichnen sollten, dürften für den Anfang genügen.

Post-natale Geschlechtergerechtigkeit: Denn sie wissen nicht, wovon sie schreiben

Geschlechtergerechtigkeit, so erklären Diana Auth, Simone Leiber und Sigrid Leitner gleich zu Beginn ihres Beitrags, der sich mit “Sozialpolitik als Instrument der Geschlechtergerechtigkeit” beschäftigt, ist dann gegeben, wenn eine partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern vorliegt, ein Wiedereinstieg von Erziehenden in den Arbeitsmarkt möglich ist und die “Existenz der Sorgearbeit leistenden Person” gesichert ist. Wie diese “Definition” deutlich macht, befinden wir uns wieder einmal im Genderismus-Diskurs, und wir befinden uns in einger geistigen Enge, die Gerechtigkeit als solche und so genannte  Geschlechtergerechtigkeit erst denken kann, wenn Fertilität vorausgeht. Ohne Fertilität, so lernt der Leser dieses höchst phantasielosen Beitrages, gibt es keine Geschlechtergerechtigkeit. Nun könnte man diese Annahme bereits zu diesem Zeitpunkt als absurd bezeichnen, führt sie doch zum einen zu der Konsequenz, dass nur wer sich fortpflanzt überhaupt Anspruch auf geschlechtergerechte Behandlung hat, und zum anderen  zu der Konsequenz, dass Geschlechtergerechtigkeit dann erreicht ist, wenn Männer sich endlich zu 50% am Austragen von Kindern beteiligen. Aber man soll Beiträge aus dem Bereich des Genderismus ja bekanntlich nicht anhand von logischen Kriterien bewerten. Gehen wir also einen Moment lang davon aus, wir wären an der post-natalen Geschlechtergerechtigkeit interessiert.

Auth, Leiber und Leitner untersuchen das Elterngeld im Hinblick auf seine Eignung, post-natale Gechlechtergerechtigkeit herzustellen. Wie muss Elterngeld ausgestaltet sein, damit es post-natale Geschlechtergerechtigkeit erreicht? Die Antwort ist für die Autorinnen  im Rahmen ihres kollektivistischen Menschenbildes einfach: Mütter und Väter müssen die 14 Monate des Elterngeldbezugs in gleichen Anteilen mit Arbeit anfüllen, am besten mit Teilzeitarbeit, sie müssen beide finanziell so abgesichert sein, dass sie gar nicht merken, dass sie nicht arbeiten, und sie müssen zum Ende der 14 Monate Elternzeit problemlos wieder in ihre prä-natale Beschäftigungsposition übergehen. Kurz: Geschlechtergerechtigkeit liegt vor, wenn die Geburt eines Kindes und die  damit verbundene 14monatige Abwesenheit vom Arbeitsplatz für beide Eltern in gleicher Weise keine Konsequenzen hat. Damit beschreiben Auth, Leiber und Leitner eine Gleichheitsideologie par Excellence und wischen die individuellen Wünsche von Eltern kurz einmal beseite, denn es mag die eine oder andere Frau geben, die mit der Geburt eines Kindes die Hoffnung auf Arbeitsplatzabwesenheit verbindet, und es mag den ein oder anderen Mann geben, der den Freuden des nächtlichen Kinderlärms durch Flucht zum Arbeitsplatz zu entkommen trachtet. Nichts da! Das ist “post-natal geschlechterungerecht”, und entsprechend wie jede sonstige individuelle Regung zu unterbinden. Die Genderideologie will es so: Beide Eltern haben im gleichen Maße gestörte Nachtruhe, kinderbezogene Verrichtungen sind per Plan fifty-fifty zu teilen, Teilzeitarbeit sichert, dass keiner sich post-natale monetäreVorteile verschaffen kann, nach den 14 Monaten geht es zurück in den Beruf, so als wäre nichts gewesen und in den 14 Monaten finanzieren die Steuerzahler die Abwesenheit vom Arbeitsplatz, und zwar für beide Eltern im selben Ausmaß.

Dies ist die schreckliche kollektivistische Welt der post-natalen Gendergerechtigkeit, in der individuelle Entscheidungen keinen Platz haben und die, wie die Daten des Statistischen Bundesamts (2011) zeigen, mit der Wirklichkeit des Elterngeldbezugs keine Verbindung haben:

  • 35,8% der Bezieher von Elterngeld waren vor der Geburt ihres Kindes nicht erwerbstätig (15,9% der Männer und 40,9% der Frauen).
  • 9,4% der männlichen Bezieher von Elterngeld und 25% der weiblichen Bezieher von Elterngeld erhalten einen Geringverdienerzuschlag.
  • 14,7% der männlichen Bezieher von Elterngeld haben vor Bezug des Elterngeldes mehr als 2700 Euro netto verdient im Gegensatz zu 3,1% der Frauen

Die durch Elterngeld geschaffene post-natale Geschlechtergerechtigkeit sieht also wie folgt aus:

  • Elterngeld stellt für erwerbslose Frauen deutlich öfter als für erwerbslose Männer eine Verdienstmöglichkeit dar.
  • Elterngeld stellt für geringverdienende Frauen deutlich mehr als für geringverdienende Männer eine Verdienstmöglichkeit dar.
  • Eltergeld bedeutet für deutlich mehr Männer als Frauen einen finanziellen Verlust.

Es wird außer Auth, Leiber und Leitner und anderen Genderisten kaum jemanden geben, der die geschilderte und durch Eltergeld geschaffene Realität als gerecht bezeichnen wird. Vielmehr wird man nicht umhin kommen, Elterngeld als Möglichkeit des rent seekings zu bezeichnen, als Möglichkeit, nicht-Erwerbstätigkeit oder geringes Verdienst durch eine steuerfinanzierte Subvention von Fertilität aufzustocken. Es wäre eigentlich die Aufgabe eines wissenschaftlichen Artikels auf diesen Mißstand hinzuweisen. Dass Auth, Leiber und Leitner diesen Mißstand nicht nur nicht benennen, sondern im Gegenteil noch rechtfertigen und gutschreiben wollen, zeigt, dass ihr Beitrag kein wissenschatlicher, sondern ein ideologischer Beitrag ist, von dem man sich fragt, wie er in eine wissenschaftliche Zeitschrift wie Gruppendynamik und Organisationsberatung gelangen konnte (immer unter der Annahme, die Herausgeber von Gruppendynamik und Organisationsberatung sind der Ansicht, eine wissenschaftliche Zeitschrift herauszugeben).

Es ist schwierig, im Zusammenhang mit einem Beitrag, wie dem von Auth, Leiber und Leitner von Erkenntnisgewinn zu sprechen, aber Erkenntnisgewinn ist immerhin das Ziel der Wissenschaft und man soll, so lehrt die Methode der Kritik, nichts unversucht lassen, um selbst den Autoren der abstrusesten Texte noch die Möglichkeit zu geben, ihre Machwerke zu verbessern. Es wäre sicher nützlich, wenn Auth, Leiber und Leitner sich mit dem Konzept der Gerechtigkeit auseinandersetzen. Dabei werden sie feststellen, dass es ihnen nicht um Gerechtigkeit geht, sondern um Ergebnisgleichheit. Unabhängig von der Leistung und vom Einsatz, wollen Auth, Leiber und Leitner durch Elterngeld Gleichheit herstellen, und das ist etwas ganz anderes als Gerechtigkeit herstellen zu wollen, denn Gerechtigkeit sieht gerade eine Auszahlung vor, die im Einklang mit der Leistung steht, was bei ungleicher Leistung notwendig eine ungleiche Auszahlung nach sich zieht.

Auth, Diana, Leiber, Simone & Leitner, Sigrid (2011). Sozialpolitik als Instrument der Geschlechtergerechtigkeit. Gruppendynamik % Organisationsberatung 42: 151-162.

Statistisches Bundesamt (2011). Öffentliche Sozialleistungen. Statistik zum Elterngeld. Beendete Leistungsbezüge für im 1. Vierteljahr 2010 geborene Kinder. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Bildnachweis: Frauen in der GEW; Das Bild des aufziehbaren Trottels ist offensichtlich das bei Frauen in der GEW verbreitete Männerbild

Ideal Man: Regierungen klonen ihre Bevölkerung

Westliche Regierungen streben nach dem “idealen Bürger”, versuchen, ihre Bürger nach seinem Idealbild zu gestalten:  Der ideale Bürger trinkt nicht, raucht nicht, heiratet früh, produziert mindestens zwei Kinder (am besten durch in-vitro Fertilisation, damit der Geschlechtsproporz stimmt), hat keine Träume, die über sein 600qm umfassendes Grundstück, das sein Eigenheim beherbergt, hinausgehen, treibt Sport, geht in den Intervallen, die ihm die Krankenversicherung vorschreibt, zum Zahnarzt, nimmt vorbildhaft an Wahlen teil, engagiert sich ehrenamtlich und unentgeltlich für Ziele, die seine Regierung wichtig findet, hält seinen carbon imprint im vorgegebenen Rahmen, geht mit 67 in Rente und fällt der Rentenkasse nicht mehr allzu lange zur Last, vermeidet stationäre Aufenthalte aller Art, stellt seiner Regierung alle Informationen zur Verfügung, die notwendig sind, um ihn effizient zu verwalten und gestalten zu können, hält die derzeitige Welt, für die beste aller erreichbaren, hinterfragt nichts und niemanden, insbesondere niemanden in offizieller Position und ist außerdem nicht übergewichtig!

Entsprechend diesem Ideal reglementieren Regierungen das Leben ihrer Bürger bis ins letzte Detail, gilt es doch, die Abweichung, den 105jährigen und den Kinderlosen, die angeblich die Rentenkasse belasten, die Unsportlichen und die Dicken, die angeblich die Krankenkassen belasten auszumerzen bzw. zum richtigen Leben zu bekehren. Die vielfältigen Anliegen, die Regierungen in ihrem Bemühen Letztere zu idealen Bürgern zu gestalten, an ihre Bürger herantragen, münden häufig in die selbe Konsequenz, nämlich die Besteuerung der Bürger. Tabak- und Alkoholsteuer sollen die Nachfrage dämpfen, höhere Beiträge z.B. zur Pflegeversicherung als Anreiz zur Fortpflanzung dienen und seit Neuestem soll eine Fett-Steuer in Dänemark dafür sorgen, dass Bürger weniger saturierte Fettsäuren zu sich nehmen.

Dabei gibt es eine Unzahl von wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass Steuern sich nicht zur Verhaltenssteuerung eignen, insbesondere dann nicht, wenn sie ein Gut zum Gegenstand haben, dessen Nachfrage Ökonomen als unelastisch bezeichnen. Unelastisch ist eine Nachfrage, wenn sie auf Preisänderungen nicht reagiert. Die Nachfrage nach Drogen ist unelastisch, da sich Süchtigen die Frage, ob’s ein bischen weniger sein darf, nicht stellt. Die Nachfrage nach Gütern des täglichen Gebrauchs ist unelastisch, denn es sind Güter des täglichen Gebrauchs (z.B. Toilettenpapier, Seife…). Die gesättigten Fettsäuren, die Gegenstand der dänischen Fettsteuer sind, deren Ziel darin besteht, den Konsum von Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren zu senken, befinden sich in Produkten, nach denen die Nachfrage nicht elastisch ist, für die vom Preis also nur ein geringer Effekt auf die Nachfrage ausgeht, nämlich: Butter, Milch, Pizza oder Fertiggerichte. Außergewöhlicherweise ist sich die Forschung hier einig:

  • Mytton et al. haben darauf hingewiesen, dass die Besteuerung gesättigter Fettsäuren keinerlei Effekt auf die Gesundheit von Konsumenten hat, da selbst wenn die höheren Preise dazu führten, dass weniger Produkte mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren gekauft würden, die “Gesundheitsgewinne” dadurch aufgezehrt würden, dass die freiwerdenen Mittel in den Kauf von Gütern investiert werden würden, die sich – vornehmlich durch ihren Salzgehalt – nicht förderlich auf die Gesundheit auswirken (Mytton et al., 2007).
  • Tiffin und Arnoult (2011) haben gezeigt, dass die Subventionierung gesunder Lebensmittel einen Effekt auf die Gesundheit der Bevölkerung hat, die Besteuerung gesättigter Fettsäuren dagegen nicht. Cash, Sunding und Zilberman (2005) können den positiven Effekt einer Subventionierung gesunder Lebensmittel ebenfalls zeigen.
  • Allais, Bertail und Nichèle (2010) finden, dass eine Besteuerung gesättigter Fettsäuren, keinen Effekt auf die Nachfrage hat, aber arme und sozial schlechter gestellte Bevölkerungsschichten härter trifft als reiche und sozial bessere gestellte Bevölkerungsschichten, was u.a. seine Ursache darin hat, dass der Konsum gesättigter Fettsäuren in allen Bevölkerungsschichten gleich ist. Leicester und Windmeijer (2004) kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass “a ‘fat tax’ would probably be regressive, costing the poor relatively more than the rich” (Leicester & Windmeijer, 2004, S.17)
  • Chouinard et al. (2006; 2005) haben gezeigt, dass eine Steuer auf gesättigte Fettsäuren zwar ein gutes Mittel ist, Steuereinnahmen zu generieren, aber keinerlei Effekt auf die Nachfrage nach gesättigten Fettsäuren hat.

Obwohl von Gesundheitssteuern wie der Steuer auf gesättigte Fettsäuren also kein Effekt auf die Nachfrage nach den entsprechenden Produkten ausgeht, stehen westliche Regierungen in vorderster Front, wenn es darum geht, den idealen Bürger über die Besteuerung seiner nicht-idealen Verhaltensweisen zu gestalten. Es fragt sich, warum? Eine Antwort, für den Hype auf Gesundheitssteuern, wie er derzeit stattfindet, gibt McColl: Es sei sicher kein Zufall, dass Gesundheitssteuern als Folge der Finanzkrise intensiv diskutiert und eingeführt werden, neben Ökosteuern seien sie das beste Mittel, um staatliche Einnahmen zu erhöhen (McColl, 2009, S.797). “Das beste Mittel” sind Gesundheitssteuern deshalb, weil sich Regierungen, die angeblich etwas für die Gesundheit ihrer Bürger tun wollen, der Unterstützung einer ganzen Branche sicher sein können, die keinen anderen Gegenstand hat, als vermeintliches Fehlverhalten z.B. bei Ernährung oder Gesundheit zu therapieren, richtiges Verhalten zu coachen und sich selbst dabei ein einträgliches Einkommen zu verschaffen.

Die breite Legitimation von Maßnahmen zur Schaffung, Erhöhung oder Verbesserung der öffentlichen Gesundheit, so schreibt Balko (2004), ist ein Ergebnis der Sozialisierung von Gesundheit. Der gemeinsame Besitz an öffentlicher Gesundheit habe dazu geführt, dass es X nicht egal sein kann, was Y tut, denn verhält sich Y gesundheitsgefährdend, dann muss X dafür über seine Sozialabgaben gerade stehen. Gleichzeitig hat Y keinen Anreiz, sich nicht gesundheitsgefährdend zu verhalten, denn die finanziellen Folgen davon hat er nicht zu tragen. Entsprechend entsteht der Einheitszwang, der Eingangs dieses Beitrags beschrieben wurde, durch die Existenz von öffentlichen Versicherungssystemen, die z.B. Gesundheit zum öffentlichen Gut machen und individuelle Verantwortung für die eigene Gesundheit ausschließen. Als Konsequenz versuchen Regierungen den idealen Bürger herbei zu reglementieren, denn er allein ist kostenneutral. Daher schwingen sich Regierungen zur moralischen Instanz auf, die bestimmt, was gute und was schlechte Ernährung ist, die vorgibt, welcher Lebensstil  erwünscht ist und was ein idealer Bürger seinem Staat schuldet. Mit jeder neuen Regulierung verschwindet ein Stück Freiheit. Mit jeder regulativen Vorgabe, die einen weiteren Teil ehemals privater Lebensführung zum Gegenstand öffentlicher Überwachung macht, werden Freiheitsrechte beseitigt. Am Ende steht der Bürger, der sich von seinem Nachbarn nicht mehr unterscheidet, der ideale Bürger, ein Klon der leicht zu verwalten ist, dessen Kosten vorab berechnet werden können und dessen Wert bestimmbar ist, da nach der Gleichschaltung der Verhaltensweisen nur noch Unfälle die Standardlebenszeit verderben können. Nicht einmal Aldous Huxley ist eine Dystopie eingefallen, die dem totalitären System nahekommt, das westliche Politiker mit ihrem Regelungswahn derzeit produzieren.

Literatur

Allais, Oliver, Bertail, Patrice & Nichèle, ´Véronique (2010). The Effects of a Fat Tax on French Households’ Purchases: A Nutritional Approach. American Journal of Agricultural Economics 92(1): 228-245.

Balko, Radley (2004). Beyond Personal Responsibility.

Cash, Sean B., Sunding, David L. & Zilberman, David (2005). Fat Taxes and thin Subsidies: Prices, Diet, and Health Outcomes. Acta Agricalturae Scandinavica Section C 2: 167-174.

Chouinard, Hayley H., Davis, David E., LaFrance, Jeffrey T. & Perloff, Jeffrey M. (2006). Fat Taxes: Big Money for Small Changes. Berkeley: University of California, Department of Agricultural and Resource Economics and Policy, Woring Paper No. 1007.

Chouinard, Hayley H., Davis, David E., LaFrance, Jeffrey T. & Perloff, Jeffrey M. (2005). Effects of a Fat Tax on Dairy Products. Berkeley: University of California, Department of Agricultural and Resource Economics and Policy, Woring Paper No. 1007.

Leicester, Andrew & Windmeijer, Frank (2004). The ‘Fat Tax': Economic Incentives to Reduce Obesity. London: Institute for Fiscal Studies, Briefing Note No. 49.

McColl, Karen (2009). ‘Fat Taxes’ and the Financial Crisis. The Lancet 373(9666): 797-798.

Mytton, Oliver, Gray, Alastair, Rayner, Mike & Rutter, Harry (2007). Could Targeted Food Taxes Improve Health? Journal of Epidemiology and Community Health 61(8): 689-694.

Tiffin, R. & Arnoult, M. (2011). The Public Health Impacts of a Fat Tax. European Journal of Critical Nutrition 65: 427-433.

Bildnachweis: SodaHead

Fat-Tax: Wo endet die “Solidarität” im Gesundheitswesen?

Im Vereinigten Königreich und in den USA wird zur Zeit heftig darüber diskutiert, ob eine “fat tax” eingeführt werden soll. Hintergrund ist ein in The Lancet veröffentlichter Artikel, der vorhersagt, dass 50% aller Erwachsenen in den USA und 40% aller Erwachsenen im Vereinigten Königreich im Jahr 2030 die Kriterien für Adipositas erfüllen (Als adipös gelten Personen mit einem Body Mass Index (BMI) von mehr als 30kg/m2. Der  BMI berechnet sich aus dem Gewicht geteilt durch die quadrierte Größe). Die USA und das Vereinigte Königreich finden sich wie Deutschland auch in der Spitzengruppe der “gewichtigen” Länder mit einem durchschnittlichen BMI von jeweils 27.4 kg/m2 bzw. 27.2 kg/m2 (Deutschland). Übergewichtige und Adipöse haben eine höhere Wahrscheinlichkeit an Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs zu erkranken und zu sterben als Normalgewichtige. Entsprechend haben Übergewichtige und Adipöse in den Leistungsausgaben von Krankenkassen ein erhebliches Gewicht. Den Kassen öffentlicher Krankenversicherer, ohnehin schon chronisch leer, steht also mit der vorhersehbaren Zunahme adipöser Erwachsener eine weitere finanzielle Herausforderung bervor.

Vor diesem Hintergrund wird im Vereinigten Königreich darüber diskutiert, ob es nicht an der Zeit ist, eine “fat tax” einzuführen, die Essgewohnheiten, die letztlich im Übergewicht enden, verteuert. Geführt wird diese Diskussion unter der Überschrift der im Vereinigten Königreich so wichtigen Fairness. Da der National Health Service ausschließlich aus Steuermitteln finanziert wird, fragen viele normalgewichtige Steuerzahler wieso sie für das ausufernde Essen anderer und dessen Folgen zahlen sollen. Letztlich ist dies eine Frage, die man in Deutschland unter der Überschrift “Solidarität” diskutieren würde (wenn man sie diskutieren würde), und deren Diskussion für Deutschland ebenso angemessen wäre, wie sie es im Vereinigten Königreich ist.

Die Geschichte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland, dem “solidarischen” Krankenversicherungssystem, bei dem Erwerbstätige alle nicht-Erwerbstätigen Mitversicherten mitfinanzieren, ist spätestens seit den 1980er Jahren davon überschattet, dass die Einnahmen aus Beitragszahlungen hinter den Leistungsausgaben zurückbleiben. Die Konsequenzen dieses Missverhältnisses haben sich in unzähligen Reformen niedergeschlagen, die zumeist eine Reduktion der Leistungen der GKV, eine Erhöhung der Zuzahlung durch die Versicherten, eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze, um weniger Versicherte in die private Krankenversicherung abwandern zu sehen oder eine Erhöhung des Beitragssatzes zum Gegenstand hatten. Genannt seien nur (1) das Gesundheitsreformgesetz (1989), (2) das Gesundheitsstrukturgesetz (1993), (3) das Beitragsentlastungsgesetz (1997), (4) das erste und das zweite GKV-Neuordnungsgesetz (1997), (5) das Gesetz zur Stärkung der Solidarität in der gesetzlichen Krankenversicherung (1999), (6) die Gesundheitsreform (2000), (7) das Beitragssatzsicherungsgesetz (2003), (8) das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (2004), (9) das Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (2007), (10) das Gesetz zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (2011).

Alle genannten Gesetze sind Versuche, die Löcher in den Kassen der GKV zu stopfen. Der neueste Versuch, diesmal ein Versuch nachhaltiger Finanzierung, sieht den Beitragssatz zur GKV auf 15.5% des Bruttolohnes festgeschrieben und die Absicht, die Lücke zwischen den Einnahmen und den Ausgaben der GKV durch einen aus Steuermitteln finanzierten Bundeszuschuss und die Möglichkeit für GKV, Zusatzbeiträge zu erheben, zu stopfen. Und, nicht zu vergessen, Wettbewerb (innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmens – also kein Wettbewerb) zwischen den GKV soll leisten, was all die oben genannten Reformen nicht leisten konnten: Kosteneffizienz. Zentrales Instrument dazu ist der sogenannte Gesundheitsfonds, in den die Beiträge der GKV-Versicherten fließen und aus dem die einzelnen GKV Mittel nach einem bestimmten Schlüssel zugewiesen bekommen. Wichtig für diesen Schlüssel ist der sogenannte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich, dessen Ziel darin besteht, ungleiche Mitgliederbestände auszugleichen. GKV, die verglichen mit anderen GKV relativ mehr Frauen, mehr Alte und mehr “Kranke” versichern, erhalten mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass eine GKV, die in den zurückliegenden Jahren nachweislich mehr Mitglieder durch tödlich verlaufende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs verloren hat, mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds erhält.

Auch wenn Versicherungen gehalten sind, bei ihren Versichtern durch Prävention ein Bewusstsein für Gesundheitsrisiken zu schaffen, scheint die Koppelung der Höhe der Zuweisung aus dem Gesundheitsfonds an die Anzahl der von der jeweiligen Versicherung Versicherten, die z.B.  an Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden erkranken, das falsche Signal für eine Kostendämpfung im Gesundheitswesen zu sein. Zudem werden Erwerbstätige mit der neuen Konstruktion des Gesundheitsfonds gleich dreimal zur Kasse gebeten, einmal über ihre regulären Beiträge zur GKV, einmal über die Steuern, die sie zahlen, und einmal durch die Zusatzbeiträge, die GKV erheben dürfen, um Lücken zu stopfen. Somit stellt sich die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, ein Element der Eigenverantwortung in die GKV einzuführen und für bestimmte, das Erkrankungsrisiko erhöhende Gewohnheiten, dann, wenn daraus eine Erkrankung geworden ist, eine Zuzahlung zu den Behandlungskosten zu verlangen. Anders formuliert: Geht Solidarität immer nur in die Richtung von Leistungsempfängern oder ist auch eine Solidarität mit denjenigen möglich, die die Leistungen finanzieren?

Die Entlastungen für die beitragszahlenden Versicherten wären alleine durch ein in-die-Pflicht-Nehmen von Adipösen enorm. Prof. Steven Gortmaker von der Harvard School of Public Health hat errechnet, dass z.B. eine Steuer auf ungesunden Nahrungsmitteln (Chips, Schokolade, Cola usw.) den US-Bundesstaat California mit seinen rund 37 Millionen Einwohnern von Gesundheitsausgaben in Höhe von jährlich rund 1.5 Milliarden US-Dollar entlasten würde. Die Übergabe der Verantwortung für ihre Gesundheit an Bürger zahlt sich somit aus!

Dieses Ergebnis wirft daher die grundsätzliche Frage auf, ob die Solidarität der Erwerbstätigen, die die Leistungen von GKV finanzieren, soweit reichen muss, den Lebensstil anderer zu finanzieren? Müssen die allwinterlichen Beinbrüche von Skifahrern unbedingt von allen Beitragszahlern getragen werden? Muss die Lebenentscheidung, Kinder in vitro oder anders in den Welt zu setzen, Gegenstand der Solidarität aller Beitragszahler sein? Ist es notwendig, die Behandlungskosten für Krankheiten, die aus exzessiven Alkoholkonsum resultieren, auf die Gesamtheit der Beitragszahler umzuverteilen? Müssen Kosten für Krankheiten, die sich aus zu viel und zu fetthaltigem Essen ergeben, von allen Beitragszahlern getragen werden? Oder wäre es nicht sinnvoll, einen Grundtarif einzuführen, der einen Grundstock von Leistungen für alle Versicherten einer GKV abdeckt und darüber hinausgehende Krankheitsrisiken, wie sie z.B. aus Essgewohnheiten, Sportgewohnheiten, Trinkgewohnheiten oder Lebensentscheidungen entstehen, durch die individuellen Versicherten selbst tragen zu lassen?