Genetischer Fehlschluss: Die Basis von Gesinnungs-Sekten

Im letzten Post haben wir am Beispiel des Fehlschlusses ad-hominem dargestellt, wie der entsprechende Fehlschluss eingesetzt werden kann, um Gesinnungs-Sekten zu konstituieren. Eine Gesinnungs-Sekte ist für uns ein Zusammenschluss von Gleich-Gläubigen, die sich um einen Glaubensinhalt, z.B. eine politische Ideologie oder ein anderes religiöses Überzeugungssystem ansammeln. Die Migliedschaft in Gesinnungs-Sekten hat für einige der Mitglieder den Anreiz, sich durch die Bereitstellung von Glaubensinhalten einen persönlichen Nutzen, z.B. in From politischer Ämter zu verschaffen. Für die Mehrzahl der Mitglieder in Gesinnungs-Sekten ist es die Bereitstellung eines sozialen Nutzens, der den Anreiz zur Mitgliedschaft darstellt.

Tajfel. social identityDer soziale Nutzen kann mit Tajfel und Turner als soziale Identität beschrieben werden, als Möglichkeit, durch Zugehörigkeit zu einer Gesinnungs-Sekte die nicht vorhandene persönliche Identität zu kompensieren. Die entsprechenden Mitglieder sind in der Regel nicht in der Lage, sich selbst einen Lebenssinn, ein Lebensziel, eben eine personale Identität zu geben, die sie von ihrer Umwelt unterscheidet. Entsprechend nehmen sie das erstbeste Angebot, das ihnen eine Surrogat-Identität verspricht, an und werden Mitglied einer Gesinnungs-Sekte. Wie die von uns besprochene Forschung zu den Mitgliedern von al-Kaida gezeigt hat, ist die Frage, welche Organisation die gesuchte soziale Identifikation bereit stellt, dem Zufall oder der sozialen Umgebung geschuldet, was abermals die Beliebigkeit der gewählten Surrogat-Identität deutlich macht und zudem die Möglichkeit eröffnet, über den Trend zu Mitgliedschaften in Gesinnungs-Sekten die intellektuelle Stimmung innerhalb einer Gesellschaft zu beschreiben.

Da Gesinnungs-Sekten auf einem Überzeugungs-System basieren, das nicht rational, sondern emotional begründet ist, da die Wahl der Mitgliedschaft in einer Gesinnungs-Sekte nur bei denen, die damit einen Unterhalt erwirtschaften wollen, eine rationale Wahl ist, die Inhalte aber dennoch ein Glaubensystem darstellen, das durch empirische Fakten rasch zum Einsturz gebracht werden kann (Man stelle sich vor, Globalisierungsgegner müssten die Existenz des “Finanzkapitals” oder die gemeinsame Agenda des Finanzkapitals belegen, oder Linke müssten nachweisen, dass sich nicht Funktionäre, sondern Unternehmer über Gebühr bereichern, oder Rechtsextremisten müssten zeigen, dass Ausländer einen negativen Effekt auf das Bruttosozialprodukt haben…) , ist es von entscheidender Wichtigkeit, das Glaubenssystem nicht mit empirischen Fakten zu konfrontieren, es gegen empirische Fakten abzuschirmen.

Zu diesem Zweck kommen logische Fehlschlüsse zum Einsatz. So haben wir im letzten Post dargestellt, dass der Fehlschluss ad hominem ein Mittel darstellt, um nicht über Argumente diskutieren zu müssen. Statt dessen wird versucht, die Person zu diskreditieren. Ein weiterer Fehlschluss, der geeignet ist, das eigene Überzeugungssystem der Gesinnungs-Sekte erst gar nicht in Kontakt mit kritischen Argumenten kommen zu lassen, ist der genetische Fehlschluss.

Der genetische Fehlschluss besteht in einer Vermengung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang. Umstände, die die Entdeckung z.B. einer Theorie betreffen, werden auf die Theorie übertragen und als Beleg für deren Falschheit gewertet.

Logik Salmon“Zum Beispiel: Die Nazis verwarfen die Relativitätstheorie, weil Einstein, ihr Entdecker, ein Jude war.
Das ist ein ganz klarer Fall eines genetischen Fehlschlusses. Das nationale oder religiöse Umfeld, aus dem derjenige kommt, der eine Theorie aufstellt, ist sicherlich nur für den Entdeckungszusammenhang von Bedeutung. Die Nazis bewerteten so etwas, als ob es zum Begründungszusammenhang gehört” (Salmon, 1983: 28).

Der Entdeckungszusammenhang bezieht sich auf die Umstände, unter denen eine Entdeckung gemacht wurde. Er rekurriert auf z.B. kulturelle Gründe, die die Archäologie z.B. über Opfergefäße nicht hinauskommen sieht oder Politikwissenschaft und Soziologie von Wissenschaften, deren Ziel die Beobachtung und Kontrolle der sozialen und politischen Auswirkungen bestimmter Akteurskonstellationen (oder Regierungsysteme) war, zu Legitimationswissenschaften eben dieser Akteurskonstellationen gemacht hat, oder er rekurriert auf religiöse Umfeldvariablen, die z.B. zu Galileos Zeiten die Erforschung bestimmter Inhalte unter Strafe gestellt haben. Variablen des Entdeckungszusammenhangs konstituieren den Möglichkeitsraum für Entdeckungen. Sie haben überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Entdeckung, die Beobachtung, die Theorie, die Aussage über die Welt richtig ist.

Die Richtigkeit von Aussagen über die Welt, von Beobachtungen oder Theorien zu prüfen, ist Gegenstand des Begründungszusammenhangs. Die Prüfung der Richtigkeit hat ausschliesslich das zum Gegenstand, was über die Welt ausgesagt wird. Nichts anderes. Entsprechend ist es mehr als offensichtlich, dass die Schuhgröße, die Nationalität, die Wahlteilnahme, die Augenfarbe, die sexuelle Orientierung (heute ja so wichtig), die Fremdsprachenkenntnisse oder die Tatsache, dass der Entdecker einer Theorie in einem Anfall von Wut seinen lärmenden Nachbarn erschlagen hat, überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob die Aussagen über die Welt richtig oder falsch sind. Wer dies dennoch behauptet, begeht einen genetischen Fehlschluss.

Eigentlich sollte man denken, dieser Zusammenhang ist offensichtlich und dennoch gibt es Zeitgenossen, die Aussagen ablehnen, gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, weil sie aus einem “neoliberalen Kontext” kommen, weil sie von einem Wissenschaftler stammen, der quantitativ arbeitet, weil ein religiöser Terrorist sie gemacht hat, dem die Römer habhaft werden konnten und  der wie Adam Smith denkt, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei Empathie (sympathy bei Adam Smith), also die Überzeugung, dass man durch Kooperation einen höheren Nutzen erwirtschaften kann als ohne Kooperation und – abgesehen davon – ist sei besser, sich Menschen zum Freund und eben nicht zum Feind zu machen.

flies around a lightDie Anziehungskraft, die der genetische Fehlschluss ausübt, führt zurück in die Sozialpsychologie und zum Problem, dass man als Mensch eine Identität ausbilden muss, ein Bild von sich. Dieses Problem nutzen die Bereitsteller von Gesinnungs-Inhalten, um die sich Gesinnungs-Sekten bilden können, geschickt und zur eigenen Bereicherung aus und dieses Problem ist es, was ihnen letztlich Mitglieder zutreibt, Herdentiere auf der Suche nach einer Identität. Die Gesinnungs-Sekte bietet diese Identität, man ist wer, wenn man sich als Kämpfer gegen die Globalisierung, als moderner Robin Hood, als Mitläufer in der Regierungspartei, als Mitglied in der Jugendbande, postulieren kann. Es zeigt den anderen, welche Glaubens-Inhalte man vertritt und macht es zugleich notwendig, die entsprechenden Inhalte gegen Kritik zu immunisieren, wie Hans Albert wohl sagen würde. Die wirksamste Form, die Folgen von Kritik zu vermeiden, besteht darin, Kritik zu delegitimieren oder sie gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.

Hier helfen der Fehlschluss ad hominem und der genetische Fehlschluss. Ersterer, indem er die Abwertung und Beleidigung dessen, der ein Argument vorbringt, an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Argument setzt, Letzterer, indem er ganze Gruppen von Argumenten gleich ganz ausschließt, weil sie von Menschen geäußert werden, die ein negativ bewertetes Merkmal, eine negativ bewerte Eigenschaft aufweisen, die zu einem negativ bewerteten Zeitpunkt gelebt haben, in einer negativ bewerteten Organisation Mitglied sind … Die Möglichkeiten der Kritik-Immunisierung, die der genetische Fehlschluss eröffnet, sind schier endlos.

Der stärkste Beleg dafür, dass Fehlschluss ad hominem und genetischer Fehlschluss ausschließlich dazu dienen, eine Diskussion über Argumente zu vermeiden, ist übrigens die schlichte Existenz beider: Hätten die Nutzer von ad hominem Fehlschlüssen, die Gebraucher von genetischen Fehlschlüssen nicht Angst vor Argumenten oder das Bestreben, einer Argumentation zu entgehen, sie würden mit Sicherheit nicht auf die Verwendung von ad hominem Fehlschlüssen oder genetischem Fehlschluss zurückgreifen, sondern sich den entsprechenden Argumenten stellen.

Wer Argumente hat, scheut nicht die Auseinandersetzung mit anderen vorgebrachten Argumenten – im Gegenteil: er sucht sie!

 

Ad hominem – weit verbreitete persönliche Diskreditierung

Er ist allgegenwärtig, der Fehlschluss ad hominem: “Britischer Rechtspopulist Farage gewinnt Fernsehduell”, “Putin, der Polit-Macho in Moskau, ist schwer berechenbar”, “Das Institut der Wirtschaft hat halt auch seine eigene Agenda. Ich kennen da auch andere Zahlen…”, Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen”. Jemand, der nicht selbst betroffen ist, kann das nicht beurteilen, “der ist ja ein Antifeminist, Neoliberaler, Macker, Homophober, Xenophober… . Die Beispiele für den Fehlschluss ad hominem sind Legion. Eine beliebige Seiten von Mainstream-Medien im Internet, eine beliebige Rede von Politikern im Bundestag wird entsprechend zur Fundgrube, für diesen in Deutschland doch weit verbreiteten Fehlschluss.

Logik SalmonWie Wesley C. Salmon schreibt, zeichnet es den Fehlschluss ad hominem aus, dass versucht wird, jemanden, der ein Argument vorgebracht oder eine Aussage gemacht hat, schlechtzumachen, “indem man seine Person, seinen Charakter oder seine Herkunft attackiert. … Es ist vollkommen klar, dass die nationale, soziale und religiöse Herkunft desjenigen, der eine Theorie aufstellt, für deren Wahrheit oder Falschheit ohne Bedeutung ist” (Salmon, 1983: 195).

Der Fehlschluss ad hominem kommt, wie Robert Paul Churchill (1990: 465) unterscheidet, als “abusive ad hominem” daher und als “circumstancial ad hominem”. Ersterer ist eine persönliche Attacke gegen eine Person, deren Kern aus der Unterstellung besteht, diese Person weise persönliche Defizite auf, so dass alles, was diese Person sagt, falsch sein müsse. Letzteres ist eine Attacke, die sich gegen die Situation richtet, in der eine bestimmte Person sich befindet. Wer z.B. Parteivorsitzender einer EU-kritischen Partei ist, dessen Aussagen zur EU müssen falsch sagen.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Variante des Fehlschlusses ad hominem identifiziert, den Fehlschluss der politischen Korrektheit, der eine vermittelte Form des ad hominem ist. In diesem Fall richtet sich der Angriff nicht gegen die Person des Aussagenden, sondern gegen eine dritte Person oder dritte Personen, die sich die Aussagen zu eigen gemacht haben und die “böse” sind.

In jedem Fall zeichnet sich ein Fehlschluss ad hominem dadurch aus, dass nicht die Aussage des Gegenüber Gegenstand der Betrachtung ist, sondern der Aussagende. Die angebliche Falschheit der Aussage soll über das Hilfskonstrukt des derogativen Umgangs mit dem Aussagenden belegt werden.

Nun ist der Fehlschluss ad hominem, so aufgelöst, nicht unbedingt ein ausgefeiltes Unterfangen. Vielmehr ist er ein so primitives und offenkundiges Unterfangen, dass man sich fragt, warum er (a) angewendet wird und (b) warum er zuweilen erfolgreich zu sein scheint bzw. bei wem er erfolgreich sein kann.

Churchill_LogicWer einen Fehlschluss ad hominem benutzt, versucht zu manipulieren. Er versucht sein Gegenüber, seine Zuhörer, seine Leser vom Argument, das gemacht wurde, abzulenken und statt dessen die Person des Argumentierenden in den Mittelpunkt zu stellen. Er tut dies entweder, um von der Tatsache abzulenken, dass das gemachte Argument, das seiner eigenen Sache nicht förderlich ist, valide ist, oder er tut es, um von der Tatsache abzulenken, dass er selbst über keinerlei Argument verfügt, um gegen ein vorgebrachtes Argument zu argumentieren.

Wer einen Fehlschluss ad hominem hört und glaubt oder ihn sich zu eigen macht, ist offensichtlich leichter über emotionale als über intellektuelle Kanäle ansprechbar. Um sein Verhalten zu erklären, muss man entsprechend in die Sozialpsychologie wandern und von dem Ausflug die Forschung von Amos Tversky und Daniel Kahneman mitbringen.

Auf deren Grundlage bietet es sich an, den Fehlschluss ad hominem als Form der Manipulation zu betrachten, deren Ziel darin besteht, den Ankereffekt auszunutzen und die Reaktion bei Zuhörern in einer für die eigenen Behauptungen positiven Weise zu rahmen (Framing). Ankereffekte ebenso wie das Framing beeinflussen die Wahrnehmung von Menschen. Geschickt gesetzte Anker (Rechtspopulist) können die Einschätzung bei einem Publikum manipulieren. Geschickt geframte Aussagen (der unberechenbare Politi-Macho Putin) können dazu führen, dass Leser oder Zuhörer sich von offensichtlichen Alternativen ablenken lassen, dieselben nicht mehr in Rechnung stellen. In beiden Fällen besteht das Ziel darin, die Aufmerksamkeit der Zuhörer bzw. Leser zu dirigieren und für die eigenen Zwecke zu leiten.

Wer ist nun anfällig für Fehlschlüsse ad hominem?

Die Frage ist einfach zu beantworten, wenn man sie neu stellt: Wem reicht es aus, Autoren in Wort und Schrift als homophob, rechtspopulistisch, antifeministisch, dumm, usw. zu titulieren ohne sich mit dem, was sie sagen oder schreiben auseinanderzusetzen? Wem reicht es aus, Betroffenheitsbehauptungen der Art, wer das nicht erlebt hat, kann nicht mitreden, gelten zu lassen?

In der Regel handelt es sich entweder um Personen, die sich einen privaten Vorteil verschaffen wollen, indem sie eine Diskussion über vorhandene Argumente im Keim zu ersticken versuchen und statt dessen auf die Person des Argumentierers ausweichen. Und in der Regel handelt es sich bei den Rezipienten, auf die ein Fehlschluss ad hominem erfolgreich angewendet werden kann, um dass, was Julian Rotter als Personen mit einem externen Locus of Control bezeichnet hat. Sie sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden und ständig auf der Suche nach Führung.

Rotter personalityDie entsprechende Führung kann keine intellektuelle sein, denn würden sie auf intellektuelle Führung reagieren, sie könnten auch eigene Urteile fällen, bräuchten also keine Vorgaben.  Es handelt es sich also um eine emotionale Manipulation im Sinne des hie vor einigen Tagen besprochenen Sapir Handelman. Die entsprechende Führung ist also eine emotionale, die Begriffe liefert, die im Wertsystem der Geführten alle oben rangieren und wichtig sind. So löst z.B. die Bezeichnung einer Person als homophob bei Ihnen nicht die Frage aus, auf welcher Grundlage diese Aussage getroffen wurde, sondern ein korrespondierendes Gefühl, das von einfacher Ablehnung bis zu Hass reicht.

Ein Fehlschluss ad hominemkann nicht nur negativ motiviert sein, er kann auch positiv formuliert sein (dann spricht man von einem Fehlschluss ad autoritatem). In diesem Fall soll vom Fehlen eines Arguments dadurch abgelenkt werden, dass z.B. auf bestimmte übermenschliche Fähigkeiten eines Führers rekurriert wird, wie dies im Dritten Reich der Fall war, oder die Wahrheit von Aussagen auf einem Offenbarungsmodell basiert (wie dies Hans Albert genannt hat), bei dem sich einem Erleuchteten die Wahrheit mitteilt, die er dann an seine Jünger weitergibt, die wiederum die Wahrheit des Weitergegebenen mit Verweis auf den Erleuchteten belegen (im Kern ist der ad hominem Fehlschluss ein Zirkelschluss).

Damit kommen wir bei den Gefahren der Fehlschlüsse ad hominem an, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • Fehlschlüsse ad hominem vergiften die Atmosphäre und fördern die Grüppchen- der Sektenbildung;
  • Fehlschlüsse ad hominem appellieren an niedere Instinkte und führen die entsprechende Sektenbildung somit auf Basis niederer Instinkte herbei, oder Fehlschlüsse ad hominem appellieren an übermenschliche Erleuchtung und führen die entsprechende Sektenbildung auf Basis eines irrationalen Glauben-Wollens herbei;
  • Fehlschlüsse ad hominem sollen eine sachliche Auseinandersetzung mit Argumenten verhindern und verhindern entsprechend das Lernen, denn Lernen setzt eine Auseinandersetzung mit kontroversen Gegenständen voraus, sonst ist es ein stupides Repetieren;
  • Fehlschlüsse ad hominem sind somit eine Gefahr für die so oft beschworene Zivilgesellschaft und befördern statt dessen eine Kultur der Ablehnung und des Abschlusses in Gesinnungs-Sekten.

Aus einer weiten Verbreitung von Fehlschlüssen ad hominem und einer entsprechend weit verbreiteten Bereitschaft, persönliche Attacken vor inhaltliche Diskussionen zu stellen, muss man also schließen, dass keine demokratische Diskussionskultur vorhanden ist. Rhetorikbücher mit Titeln wie: “Wie behalte ich in jedem Fall recht”, deren Ziel in der Manipulation des Gegenüber und in seiner Überredung oder Mundtotmachung besteht und somit nicht in der Schaffung einer lebhaften Diskussion über ein Thema sind entsprechend Gift für eine demokratische Diskussionskultur.

Nietzsche zum Wochenende: Die Unmöglichkeit von Altruismus

Wie wäre es mit etwas Friedrich Nietzsche zum Wochenende? Ein kurzer Text aus der “fröhlichen Wissenschaft” überschrieben mit:

A n  d i e  L e h r e r  d e r  S e l b s t l o s i g k e i t:

der ein flammendes Plädoyer dafür enthält, sich nicht in die Falle des Altruismus locken zu lassen. Es ist ein Text, der Egoismus und Individualismus preist, weil beide die einzigen Möglichkeiten darstellen, um der Ausnutzung durch “die Gesellschaft” oder “die Lehrer der Selbstlosigkeit” zu entgehen.

NIetzsche froehliche Wissenschaft“Man nennt die Tugenden eines Menschen g u t, nicht in Hinsicht auf die Wirkungen, welche sie für ihn selber haben, sondern in Hinblick auf die Wirkungen, welche wir von ihnen für uns und die Gesellschaft voraussetzen: – man ist von jeher im Lobe der Tugenden sehr wenig ‘selbstlos’, sehr wenig ‘unegoistisch’ gewesen! Sonst nämlich hätte man sehen müssen, dass die Tugenden (wie Fleiss, Gehorsam, Keuschheit, Pietät, Gerechtigkeit) ihren Inhabern meist s c h ä d l i c h sind, als Triebe, welche allzu heftig und begehrlich in ihnen walten und von der Vernunft sich durchaus nicht im Gleichgewicht zu den anderen Trieben halten lassen wollen.

Wenn du eine Tugend hast, eine wirkliche ganze Tugend (und nicht nur ein Triebchen nach einer Tugend!) – so bist du ihr O p f e r! Aber der Nachbar lobt eben desshalb deine Tugend! Man lobt den Fleissigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleisse schädigt; man ehrt und bedauert den Jüngling, welcher sich ‘zu Schaden gearbeitet hat’, weil man urtheilt: ‘Für das ganze Grosse der Gesellschaft ist auch der Verlust des besten Einzelnen nur ein kleines Opfer! Schlimm, dass das Opfer Noth thut! Viel schlimmer freilich, wenn der Einzelne anders denkt und seine Erhaltung und Entwicklung wichtiger nehmen sollte, als seine Arbeit im Dienste der Gesellschaft!” Und so bedauert man diesen Jüngling. nicht um seiner selbst willen, sondern weil ein ergebenes und gegen sich rücksichtsloses W e r k z e u g – ein sogenannter ‘braver Mensch’ – durch diesen Tod der Gesellschaft verloren gegangen ist. Vielleicht erwägt man noch, ob es im Interesse der Gesellschaft nützlicher gewesen sein würde, wenn er minder rücksichtslos gegen sich gearbeitet und sich länger erhalten hätte – ja man gesteht sich wohl einen Vortheil davon zu, schlägt aber jenen anderen Votheil, dass ein O p f e r gebracht und die Gesinnung des Opferthiers sich wieder einmal a u g e n s c h e i n l i c h bestätigt hat, für höher und nachhaltiger an.

Es ist also einmal die Werkzeug-Natur in den Tugenden, die eigentlich gelobt wird, und sodann der blinde in jeder Tugend waltende Trieb, welcher durch den Gesamt-Vortheil des Individuums sich nicht in Schranken halten lässt, kurz: die Unvernunft in der Tugend, vermögen deren das Einzelwesen sich zur Function des Ganzen umwandeln lässt. Das Lob der Tugenden ist das Lob von etwas Privat-Schädlichem, – das Lob von Trieben, welche dem Menschen seine edelste Selbstsucht und die Kraft zur höchsten Obhut über sich selber nehmen. – Freilich: zur Erziehung und zur Einverleibung tugendhafter Gewohnheiten kehrt man eine Reihe von Wirkungen der Tugend heraus, welche Tugend und Privat-Vortheil als verschwistert erscheinen lassen, – und es giebt in der That eine solche Geschwisterschaft!

Der blindwüthende Fleiss zum Beispiel, diese typische Tugend eines Werkzeugs, wird dargestellt als der Weg zu Reichthum und Ehre und als das heilsamste Gift gegen die Langeweile und die Leidenschaften: aber man verschweigt seine Gefahr, seine höchste Gefährlichket. Die Erziehung verfährt durchweg so: sie sucht den Einzelnen durch eine Reihe von Anreizen und Vortheilen zu einer Denk- und Handlungsweise zu bestimmen, welche, wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist, w i d e r  s e i n e n  l e t z t e n  V o r t h e i l, aber ‘zum allgemeinen Besten’ in ihm und über ihn herrscht. Wie oft sehe ich es, dass der blindwüthende Fleiss zwar Reichthümer und Ehre schafft, aber zugleich den Organen die Freiheit nimmt, vermöge deren es einen Genuss an Reichthum und Ehren geben könnte, ebenso, dass jenes Hauptmittel gegen die Langeweile und die Leidenschaften zugleich die Sinne stumpft und den Geist widerspänstig gegen neue Reize macht. (Das fleisigste aller Zeitalter – unser Zeitalter – weiss aus seinem vielen Fleisse und Gelde Nichts zu machen, als immer wieder mehr Geld und immer mehr Fleiss: es gehören eben mehr Genie dazu, auszugeben, als zu erwerben! Nun, wir werden unsere ‘Enkel’ haben!)

Gelingt die Erziehung, so ist jede Tugend des Einzelnen eine öffentliche Nützlichkeit und ein privater Nachtheil im Sinne des höchsten privaten Zieles, – gar der frühzeitige Untergang: man erwägt der Reihe nach von diesem Gesichtspuncte aus die Tugend des Gehorsams, der Keuschheit, der Pietät, der Gerechtigkeit. Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften – also Desjenigen, der nicht seine ganze Kraft und Vernunft auf s e i n e Erhaltung, Entwicklung, Erhebung, Förderung, Macht-Erweiterung verwendet, sondern in Bezug auf sich bescheiden und gedankenlos, vielleicht sogar gleichgültig oder ironisch lebt, – dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen.

NietzscheDer ‘Nächste’ lobt die Selbstlosigkeit, weil e r  d u r c h  s i e  V o r t h e i l e  h a t! Dächte der Nächste selber ‘selbstlos’, so würde er jenen Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu s e i n e n Gunsten abweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, dass er dieselbe  n i c h t  g u t nennte! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem P r i n c i p e!

Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralischen! Der Satz ‘ du sollst dir selber entsagen und dich zum Opfer bringen’ dürfte, um seiner eigenen Moral nicht zuwiderzugehen, nur von einem Wesen decretirt werden, welches damit selber seinem Vortheil entsagte und vielleicht in der verlangten Aufopferung der Einzelnen seinen eigenen Untergang herbeiführte. Sobald aber der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus u m  d e s  N u t z e n s  w i l l e n anempfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz ‘du sollst den Vortheil auch auf Unkosten alles Anderen suchen’ zur Anwendung gebracht, also in einem Athem, ein ‘Du sollst’ und ‘Du sollst nicht’ gepredigt!”

Damit ist auf klassische Weise gezeigt, warum es das Soziale, das selbstlose oder altruistische Tun nicht geben kann, denn diejenigen, die zum selbstlosen Tun aufrufen, dafür werben, dass man sich in den Dienste der Gemeinschaft stellt, dürften nicht aufrufen, müssten vielmehr selbst und wortlos tun, wozu sie andere anhalten wollen, und diejenigen, die sich in den Dienste des Sozialen stellen wollen, kann es ohne die, die zum Dienst am Sozialen aufrufen, schlicht nicht geben.

Petition zur Förderung von Jungen

Wir wollen an dieser Stelle auf eine Petition aufmerksam machen, die von Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht wurde, und die die “Förderung von Jungen” mit dem Begreifen des “Potential[s] von Jungen” kombiniert.

Die Petitionssteller kritisieren:

Petition“dass … die Bundesregierung Jungen weitaus weniger Unterstützung und Hilfe angedeihen lässt als Mädchen. Das ist nicht gerechtfertigt, da Jungen heute die schlechtere Bildungsbeteiligung und das schlechtere Bildungsniveau aufzeigen. Jungen weisen in allen Bundesländern um 40 bis 65% höhere Quoten bei Kindern ohne Schulabschluss auf als Mädchen. In allen Bundesländern erreichen Jungen seltener (15 – 30% seltener) die Allgemeine Hochschulreife als Mädchen. Jungen haben im Schnitt schlechtere Noten als Mädchen.”

Vor diesem Hintergrund fordern sie, dass Gleichstellungspolitik auf Jungen erweitert wird, weiter fordern sie u.a. eine gezielte Förderung der Lesekompetenz von Jungen, die Einbeziehung von “im MINT-Bereich förderungsbedürftigen Jungen in die bisher ausschließlich Mädchen vorbehaltene MINT-Förderung”, eine wirksame Bekämpfung des jungenfeindlichen Grundtenors der politischen Verantwortlichen im Bundestag. Boys-Day Plätze, z.B. “auf erzieherische, medizinische oder soziale Berufsbereiche”, den Abbau der Diskriminierung von Jungen beim Bezug von Bafoeg und beim Zugang zu Reha-Maßnahmen für behinderte Jungen.

ScienceFiles-Leser, die diese Petition unterstützen wollen, können das hier tun.

Wir finden die Petition, die Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs auf den Weg gebracht haben, wichtig, denn sie versucht, das Ungleichgewicht, das sich aufgrund einer jahrzehntelangen Förderung von Mädchen ergeben hat, gerade zu rücken. Deshalb unterstützen wir diese Petition prinzipiell.

Allerdings sind wir der Ansicht, dass der Weg, den die Petition wählt, um dieses Ungleichgewicht gerade zu rücken, nicht effizient ist. Das wollen wir entlang zweier Aussagen begründen:

  • Das große Gewicht, das die Petition auf die Lesekompetenz von Jungen legt, lenkt von den eigentlichen Problemen ab.
  • Die Ausweitung staatlicher Förderung von Mädchen auf, wie gefordert, nunmehr auch Jungen ist nicht geeignet, die Nachteile von Jungen zu beseitigen.

Wie man anhand einer Reihe von Beiträgen auf ScienceFiles nachlesen kann (die Beiträge sind am Ende dieses Posts zusammengestellt), denen man auch die entsprechende Forschung entnehmen kann, sind wir nach Jahrzehnten der Mädchenförderung in deutschen Kindergärten und Schulen bei einer Situation angekommen, die sich wie folgt darstellt (alle Angaben beziehen sich auf den jeweiligen Durchschnitt):

  • Rettet SoehneJungen werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt als Mädchen.
  • Jungen werden häufiger auf Sonderschulen überwiesen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger sitzen als Mädchen.
  • Jungen erhalten schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen.
  • Jungen bleiben häufiger ohne einen Schulabschluss als Mädchen.
  • Jungen machen häufiger einen Hauptschulabschluss und erreichen seltener ein Abitur als Mädchen.
  • Jungen sind unter den Studienanfängern mittlerweile seltener als Mädchen.

Diese Befunde stehen fest, und es handelt sich bei jedem dieser Befunde um ein gravierenderes Problem als es der Rückstand von Jungen in der Lesekompetenz darstellt, der in PISA-Studien festgestellt wird.

Zu diesen Befunden kommen die folgenden Forschungsergebnisse:

  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten als Mädchen;
  • Jungen erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen;
  • Jungen schneiden mit einem steigenden Anteil von weiblichen Grundschullehrerinnen immer schlechter ab;

Entsprechend kann man es als gesicherten Befund ansehen, dass Jungen im deutschen Bildungssystem und als direkte Folge der Mädchenförderung benachteiligt werden. Ob dies absichtlich oder unabsichtlich geschieht, ist nebensächlich. Tatsache ist, dass der Fokus auf der Mädchenförderung dazu geführt hat, dass Jungen häufig auf der Strecke bleiben.

Schluss MädchenförderungWir halten es vor diesem Hintergrund für wenig sinnvoll, nun eine Jungenförderung zu fordern, denn die logische Konsequenz aus den dargestellten Forschungsergebnissen lautet: Sofortige und komplette Abschaffung der Mädchenförderung!

Weder gibt es eine Notwendigkeit der Mädchenförderung, denn Mädchen haben keinerlei Nachteile im Bildungssystem gegenüber Jungen. Im Gegenteil: Sie haben Vorteile. Noch gibt es eine Notwendigkeit zur Jungenförderung, wenn die Bevorteilung von Mädchen beendet wird.

Nun ist nichts so dauerhaft wie administrative Strukturen: Mit Mädchenförderung verdient ein Wust von Nutznießern seinen Unterhalt. Die entsprechende Lobby wird also alles daran setzen, die Abschaffung der Mädchenförderung und damit den Entzug der Näpfe, an denen sie sitzen, zu verhindern. Entsprechend scheint es eine pragmatische Schlussfolgerung zu sein, die durch Mädchenförderung entstehende Benachteiligung von Jungen nunmehr durch eine Jungenförderung zu ergänzen bzw. zu versuchen, sie durch Jungenförderung zu kompensieren.

Dies wird dazu führen, dass es nunmehr nicht nur Nutznießer der Mädchenförderung gibt, sondern auch Nutznießer der Jungenförderung, dass die Töpfe, aus denen sich beide nähren, vervielfacht werden, und zwar auf Kosten der Steuerzahler und dass man über kurz oder lang feststellen wird, dass nunmehr eine Benachteiligung von, vielleicht weiblichen Kindern homosexueller Eltern eingetreten ist, die eine entsprechende Förderung erforderlich macht.

Wie Parkinson in seinem Gesetz beschrieben hat, ist Administration ein sich selbst verstärkender und sich selbst erhaltender Prozess und das logische Ergebnis davon ist mehr Verwaltung, nicht mehr Effizienz.

Weiterführende ScienceFiles-Beiträge:

Lottoscheine nur noch mit Warnhinweis

In modernen Gesellschaften findet sich eine Schicht von Umsorgern, deren einziger Lebensinhalt darin besteht, sich für andere einzusetzen. Diese Umsorger sind ihrer Sache so sehr verschrieben, dass sie schon zu einem frühen Zeitpunkt in ihrem Leben allen Versuchungen, doch eine Arbeit oder gar eine körperliche Arbeit aufzunehmen, widerstanden haben, um sich ganz in den Dienst der guten Sache an ihrem Nächsten stellen zu können, um diesem Nächsten mit allen Nachdruck, die Mängel an seinem irdischen Dasen vor Augen zu führen und ihn daran zu hindern, sich selbst zu schädigen, etwa durch das Trinken von zuviel Bier und Schnaps, das Rauchen von Zigaretten (alles Tätigkeiten, die u.a. die potentiellen Spenderorgane nutzlos machen – wer will schon Raucherlungen), das Essen der falschen Fettsäuren, den Mangel an Bewegung oder das Sprechen in nicht durch den richtigen Zusatz umfassender sexueller Orientierung ergänzter Sprache.

©Deutscher Bundestag, 2014

©Deutscher Bundestag, 2014

Um ihren aufreibenden und unermüdlichen Einsatz für das Soziale, das Gute im Menschen, die Mitmenschen und Nächsten und die Nächsten der Nächsten, effizient zu gestalten, haben sich die Besorgten, zähneknirschend und erst nach langem Zieren, einen kleinen Obolus aus dem Steueraufkommen, das von den Umsorgten erwirtschaftet wird, genehmigt, nicht weniger als 10.000 Euro im Monat, sollen den Aufwand entschädigen, der durch das ständige Besorgtsein um die Mitmenschen, auch gerne als “die Bevölkerung” oder “die Bürger” bezeichnet, entsteht.

Das ist gelebter Altruismus.

In einem Urteil aus dem Jahre 2006, genau vom 28. März 2006, haben die Richter des Bundesverfassungsgerichts, genauer des ersten Senats (1 BvR 1054/01), also richterlich Besorgte “dem Gesetzgeber” die Leviten gelesen und ihm erklärt, dass seine gesetzlichen Regelungen zum Spieltriebs der Bevölkerung nicht ausreichend sind. Sie reichen nicht aus, um einerseits besagten Spieltrieb der Bevölkerung durch ein ausreichendes Angebot an Spielmöglichkeiten zu befriedigen, andererseits die Folgen des Spieltriebs, in pathologischem Spielen, in Wett- und Spielsucht, einzudämmen oder gar zu verhindern.

Insbesondere sei das staatliche Monopol auf die Einnahmen aus Glücksspielen in Gefahr:

“Das bayerische Staatslotteriegesetz vom 29. April 1999 ist mit Art. 12 Abs. 1 GG unvereinbar, indem es vor dem Hintergrund des § 284 StGB das Veranstalten von Sportwetten dem Freistaat Bayern und deren Durchführung der Staatlichen Lotterieverwaltung oder einer juristischen Person des Privatrechts, deren alleiniger Gesellschafter der Freistaat Bayern ist, vorbehält, ohne zugleich hinreichende gesetzliche Regelungen zur materiellen und strukturellen Sicherung der Erreichung der damit verfolgten Ziele zu schaffen, insbesondere zur Ausrichtung des Wettangebots an der Begrenzung und Bekämpfung von Wettsucht und problematischem Spielverhalten. Die Beschränkung der Vermittlung von Sportwetten ist aus diesem Grund ebenfalls nicht mit Art. 12 Abs. 1 GG zu vereinbaren” (1 BvR 1054/01, Rn.79).

Bundesverfassungsgericht_RichterrobenDie Nachricht der richtlich Besorgten an die gesetzgeberisch Besorgten ist verheerend, basiert das Bayerische Lotteriegesetz doch auf dem Staatsvertrag zum Glückspielwesen in Deutschland (GlüStV), der zwischen den Ländern und dem Bund geschlossen, die Erträge aus dem staatlichen Monopol auf Glückspiele verteilen soll. Kurz: Der Hinweis der Karlsruher Besorgten an die Besorgten in Berlin und den Landeshauptstätten, dass der Spieltrieb der Bevölkerung, also der Umsorgten, zwar befriedigt, aber die Prävention von Wettsucht nicht ausreichend erfolge, wirkt wie ein Domino dem nach dem Bayerischen Lotteriegesetz vorhersehbar die entsprechenden Gesetze der verbleibenen Ländern und der GlüStV zum Opfer fallen. Anders formuliert: Die Einnahmen aus Glücksspiel sind gefährdet. Ziel muss es somit sein, Glücksspiele anzubieten und gleichzeitig von denselben abzsuchrecken, um Wett- oder Glücksspielsucht zu verhindern. Nur so, könne das staatliche Monopol auf die Einnahmen aus Glücksspielen aufrecht erhalten werden.

Ausnahmsweise befindet sich das Bundesverfassungsgericht hier in Übereinstimmung mit dem Europäischen Gerichtshof, der wiederholt in Entscheidungen darauf hingewiesen hat (z.B. C-338/04; C-359/04 und C-360/04), dass ein staatliches Monopol auf Glücksspiele nur durch ausgewöhnliche Schutzmaßnahmen gerechtfertigt sei, die sich auf die Bevölkerung beziehen, um diese u.a. vor Wett- oder Glücksspielsucht zu schützen.

Entsprechend haben die Besorgten in Bund und Ländern nachgebessert und einen neuen Staatsvertrag zum Glücksspielwesen in Deutschland gezimmert, der nunmehr allen Vorgaben der richterlichen Besorgten  genügen soll. Allerdings haben die europäischen Besorgten aus der Brüsseler Besorgten-Kommission bereits Zweifel daran angemeldet, dass der neue Versuch, dem Spieltrieb der Umsorgten Herr zu werden, ausreichend ist, dem Europäischen Umsorgtenrecht entspreche. Auch aus Karlsruhe lassen sich die ersten kritischen Stimmen von besonders richterlich Besorgten vernehmen, die das neue Umsorgungswerk dem Zwecke des Schutzes vor Glücksspiel- und Wettsucht als nicht angemessen ansehen.

Abermaliges Nachbessern ist angesagt und nachbessern wollen die Besorgten aus Ländern und Bund:

In einer Schublade des Bundesjustizministeriums schlummert derzeit ein Referentenentwurf, der noch in der laufenden Legislaturperiode Gesetz werden sollen. Bereits mit den um die Einnahmen des Bundes und der Länder besorgten Finanzministern abgesprochen, sieht der Vorschlag vor, die Bekämpfung der Wett- und Glücksspielsucht offensiv anzugehen.LottoscheinWarnung 1

So sollen demnächst Lottoscheine nur noch mit Aufdrucken wie:  “Glücksspiel gefährdet ihre Gesundheit ” möglich sein. Alternative Entwürfe sehen vor, z.B. Wohnsitzlose und einen Begleittext auf den Rückseiten von Losen oder Wettscheinen von Oddset aufzudrucken bzw. in Pop-Up Fenstern bei Online-Spielern abzubilden, wobei die Prävention von Wettsucht durch Texte wie die folgenden erreicht werden soll:

Einst hatte ich ein nettes Reihenhaus. Heute bin ich wohnsitzlos. Ich habe alles verspielt. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Oder:

Glücksspiel ruiniert!

GlücksspielopferAndere Vorschläge sind am liberalen Paternalismus ausgerichtet und gehen davon aus, dass z.B. Lottospieler gar nicht Lotto spielen wollen. Demgemäß werden sie im Online-Spiel erst nach wiederholtem Ausfüllen des entsprechenden Loses zugelassen, während es in der Annahmestelle passieren kann, dass z.B. der Kioskbesitzer den Lottozettel in den Papierkorb wirft und erst dann aus dem Papierkorb entnimmt und annimmt, wenn derjenige, der das Los abgeben will, auch ganz sicher ist, dass er Glücksspielen will und es sich auch leisten kann.

Bei der Frage der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit setzt ein weiterer heiß diskutierter Vorschlag an, der das Mitbringen eines aktuellen Kontoauszuges als Voraussetzung für die Teilnahme am Glücksspiel ins Spiel gebracht hat. Geht aus dem Kontoauszug hervor, dass der potentielle Spieler bereits seinen Kontokorrentkredit ausschöpft, sei der dringende Verdacht auf Glücksspielsucht begründet und ihm die Teilnahme zu verweigern. Eine Online-Teilnahme an Glücksspielen ist, geht es nach den Befürwortern dieses Vorschlags, nur noch nach vorheriger Schufa-Auskunft möglich, wobei die Schufa-Auskunft alle sechs Monate aktualisiert werden soll.

Wann die entsprechenden Vorschläge umgesetzt werden, und welches genaue Ausmaß die Warnhinweise annehmen werden, ist derzeit noch unklar und wird erst entschieden, wenn die wissenschaftliche Untersuchung, die am eigens eingerichteten Lehrstuhl für Gender und Glücksspiel an der HU-Berlin derzeit durchgeführt wird, zu einem Ergebnis gekommen ist.

 

Rezension: Manipulation – Missbrauch psychologischer Tricks

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Handelman, Sapir, 2009: Thought Manipulation: The Use and Abuse of Psychological Trickery. Santa Barbara: Praeger. 190 Seiten, gebundene Ausgabe, £22.00 bei amazon.co.uk, EUR 25,90 bei amazon.de

HandelmanSapir Handelman ist Ökonom und Philosoph und beschäftigt sich vorrangig mit politischer Theorie und Konfliktforschung, und dies wird in seinem Buch über Manipulation sehr deutlich. D.h. es handelt sich erfreulicherweise bei diesem Buch nicht um ein Buch, das eine Art Inventar von Manipulationstechniken darstellt, obwohl der Titel des Buches dies nahelegen mag, sondern um eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Manipulation, der eine Unterscheidung zwischen begrenzender und befreiender Manipulation zugrunde liegt. Diesem Buch bzw. seinem Autoren kommt dementsprechend das Verdienst zu, das Phänomen der Manipulation aus seinem einseitig negativen Gebrauch als Kampfbegriff herauszulösen, um auch befreiende Manipulation oder solche, die zumindest dazu gedacht ist, den zu Manipulierenden aus einer Fixierung zu befreien, als eben solche: als (befreiende) Manipulation erkennbar zu machen. Das bedeutet keineswegs, dass Manipulation in diesem Buch als prinzipiell oder überwiegend unproblematisch, legitim oder akzeptabel dargestellt würde – im Gegenteil: es macht deutlich, dass man sich (1) zunächst darüber klar werden muss, dass Manipulationen zu unterschiedlichen Zwecken überall und in allen Lebensbereichen vorgenommen werden und dass sich (2) die Frage, ob oder inwieweit sie in bestimmten Lebensbereichen oder Zusammenhängen legitim oder akzeptabel sind, keineswegs sozusagen „von alleine“ oder ein für alle Mal beantwortet, sondern in einer offenen Gesellschaft [!] jeweils verhandelt werden muss. Handelman bietet mit diesem Buch also so etwas wie eine Vorarbeit zu einer politischen Theorie der Manipulation an. Jedenfalls benennt er als Hauptzweck seines Buches „…to present challenging and arousing questions regarding individual freedom of choice via the analysis of manipulative strategies” (S. xi). Und solche Fragen aufzuwerfen, gelingt dem Buch zweifellos.

Doch zunächst zum Aufbau des Buches: Das Buch enthält neben einer Einführung, die kurz die Schwierigkeit aufzeigt, Manipulation zu definieren, und – ebenfalls kurz – den Aufbau des Buches beschreibt, 12 Kapitel, eine Bibliographie und einen Begriffs- und Namensindex, der es einfach macht, Stellen in dem Buch, an dem bestimmte Dinge oder Autoren behandelt werden, zu finden bzw. wiederzufinden, was sehr hilfreich ist und in der weit überwiegenden Zahl englischsprachiger Fachbücher üblich ist, in den meisten deutschsprachigen Fachbüchern aber bislang leider fehlt.

In den Kapiteln 1 bis 4 bemüht sich Handelman darum zu klären, was man unter Manipulation sinnvollerweise verstehen sollte, denn „[m]anipulation is not exactly persuasion, not precisely coercion, and not merely similar to deception. The elusive phenomenon is located somewhere in the gray area between those motivating actions, and this gray place presents essential difficulties in characterizing manipulation and measuring its impact” (S. ix). Anschließend geht der Autor – auf der Basis seiner Klärung des Konzeptes von Manipulation – in den Kapiteln 5 bis 11 auf Manipulation in der Werbung, im Wahlkampf, auf manipulative politische Führung und auf Manipulation im Rahmen psychotherapeutischer Behandlung ein. Kapitel 12 enthält eine Schlussfolgerung und ist mit gerade einmal eineinhalb Seiten das deutlich kürzeste Kapitel des Buches. Es ist auch das einzige Kapitel, das keine Anmerkungen enthält. Bei allen anderen Kapiteln folgen dem Text Endnoten, in denen Handelman Literaturbelege bringt oder ergänzende Ausführungen macht, die in dem meisten Fällen sehr hilfreich sind, weil sie das im Text Dargestellte zusätzlich klären oder in einen Kontext stellen, der dabei hilft, die Relevanz des im Text Dargestellten erst richtig zu würdigen.

Metallica_Master_Of_PuppetsManipulation ist für Handelman (1) eine „motivating action“, also eine motivierende Handlung, die (2) jemanden dazu bringen soll, das zu tun, was der Manipulator möchte, dass er tut (S. 4), wobei (3) die manipulierte Person der Auffassung ist, sie handle so, wie sie handelt, aus freiem Willen (S. 5-7). Entscheidend ist für Handelman bezüglich der Manipulation außerdem, dass sie (4) die Kritikfähigkeit des Manipulierten und damit seine Autonomie einschränkt (S. 8-11; 14-16). Keine Fälle von Manipulation wären für Handelman also alle Fälle, in denen einem Menschen eine bestimmte Handlung abgepresst wird, z.B. durch physische Gewalt. Statt dessen wird Manipulation als Einschränkung der Kritikfähigkeit beim Manipulierten durch Irreführung („misleading“) erreicht, und zwar durch komplexe Irreführung, denn das, was Handelman einfache Irreführung nennt, ist für ihn Täuschung im Sinne von Betrug oder Schwindel („deception“) (S. 13). Die komplexe Irreführung, die die Manipulation charakterisiert, beruht also nach Handelman nicht auf Betrug oder Lügen, sondern auf der mehr oder weniger geschickten Darstellung einer Sachlage auf eine Weise, die keine andere Handlung als die vom Manipulator gewünschte zuzulassen scheint.

Manipulation unterscheidet sich nach Handelman also von Täuschung („deception“) dadurch, dass sie auf komplexer Irreführung und nicht Betrug oder Schwindel beruht, von Überredung („persuasion“) dadurch, dass jemand durch Sprachmächtigkeit im Sinne des Wortes überredet wird, dabei aber nicht oder kaum irregeführt wird, und von Zwang oder Nötigung („coercion“) dadurch, dass keine physische Gewalt ausgeübt oder angedroht wird (S. 23-26).

Angesichts dieses Verständnisses von Manipulationen und aus liberaler Sicht stellt Handelman die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit von Manipulationen bzw. der Verantwortlichkeit von Manipulatoren und Manipulierten. Die Extrempositionen bei der Beantwortung dieser Frage stellen die Auffassungen dar, dass jemand, der sich in Abwesenheit von Betrug oder Schwindel und physischer Gewalt manipulieren lässt, prinzipiell selbst die (Haupt-/)Verantwortung dafür trägt, wenn er manipuliert wird, und dass jemand, der manipuliert wird, prinzipiell ein Opfer des Manipulators ist, das selbst keine Verantwortung für seine Manipulation trägt. Beiden extremen Auffassungen erteilt Handelman eine Absage, denn seiner Ansicht nach lassen sich Menschen auf der einen Seite häufig willig und sogar bewusst manipulieren, und auf der anderen Seite gibt es Versuchungen, die für (die meisten) Menschen so stark sind, dass ihnen nicht widerstanden werden kann. Für Handelman stellt sich daher auf den Punkt gebracht die Frage: „Where exactly does human weakness end and free choice begin?“ (S. 39).

pink floyd3Statt diese Frage zu beantworten, bietet Handelman an, die ethische Beurteilung von Manipulationen danach vorzunehmen, ob sie begrenzende oder befreiende Manipulationen sind. Während begrenzende Manipulationen den Denk- und Vorstellungshorizont der Adressaten reduzieren sollen, zielen befreiende Manipulationen darauf ab, den Denk- und Vorstellungshorizont der Adressaten zu erweitern (S. 45/46). Dabei ist es für Handelman irrelevant, ob eine Manipulation mit Zustimmung oder in Kooperation mit der Zielperson stattfindet oder nicht, wie man vielleicht hätte meinen können (oder jedenfalls ich gemeint hätte). Dementsprechend ist eine Psychotherapie, die eine Fixierung irgendeiner Art aufbrechen und dem Klienten neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen soll, nach Handelman nicht deshalb eine „gute“ Manipulation, weil der Klient sie bewusst nachgefragt hat oder sich bewusst auf sie einlässt, sondern deshalb, weil sie eine befreiende, den Horizont der Zielperson erweiternde Manipulation ist oder zumindest diese Zielsetzung hat.

Seiner Darstellung legt Handelman aber noch ein zweites Kriterium – neben Begrenzung oder Befreiung – zugrunde; er unterscheidet nämlich außerdem emotionale und intellektuelle Manipulationen („emotional manipulations“; „intellectual manipulations“; S. 46), wobei die emotionalen Manipulationen darauf abzielen, jemanden dazu zu bringen, impulsiv oder gewohnheitsmäßig, jedenfalls nicht aufgrund von Überlegung und Abwägung von Handlungsmöglichkeiten, zu handeln, während die intellektuellen Manipulationen darauf abzielen, die Zielperson zu Überlegungen und Erwägungen zu führen, die zu dem Handeln führen, das der Manipulator wünscht (S. 46). Wichtig ist Handelman zu betonen, dass beide, emotionale und intellektuelle, Manipulationen gleichermaßen als Mittel bei begrenzenden und bei befreienden Manipulationen zum Einsatz kommen können. Was Handelman hier tut, ist also, eine Vierfeldertafel zu entwerfen, durch die Manipulationen gemäß ihrer Zielsetzung (begrenzend oder befreiend) und gemäß der zum Einsatz kommenden Mittel (emotional oder intellektuell) charakterisiert werden können.

FWWfeatherFür die ethische Beurteilung einer Manipulation ist nach Handelmans eigener Darstellung wie gesagt allein die Zielsetzung ausschlaggebend. Einige der Formulierungen, die Handelman wählt, lassen aber vermuten, dass er auch die gewählten Mittel unterschiedlich wertet. So heißt es z.B. auf S. 47: “Emotional manipulations are meant to confuse and limit the target’s ability to provide any logical explanation for his actions, while intellectual manipulations are built to supply the target with an adequate rationalization to behave in a way that the manipulator wants”. Intellektuelle Manipulationen sind also, so darf man schlussfolgern, insofern wirksamer als emotionale als sie den Manipulierten mit (später abruf- bzw. erinnerbaren) „guten“ Gründen versieht, während emotionale Manipulationen dies nicht tun und damit Gefahr laufen, später erkannt (und vermutlich bereut) zu werden. So deutlich schreibt Handelman dies allerdings nicht; er legt nur die  Schlussfolgerung nahe. Falls es zutrifft, dass Handelman intellektuelle Manipulationen höher wertet als emotionale, dann ist dies keine moralische Höherbewertung, z.B. weil Erstere eher mit befreienden Manipulationen und Letztere eher mit begrenzenden einhergingen – sie tun es nach Handelman explizit nicht –, sondern insofern eine Höherbewertung als Erstere wirksamer sind als Letztere.

Der gesamte folgende Inhalt des Buches ist der Darstellung von Beispielen zunächst begrenzender und anschließend befreiender Manipulationen aus verschiedenen gesellschaftlichen oder Lebensbereichen gewidmet. In Kapitel 6 stellt Handelman Überlegungen zur (begrenzenden und emotionalen) Manipulation durch Werbung in einem freien Markt an, in Kapitel  7 zu Manipulation im Wahlkampf, und zwar am Beispiel von Wahlkämpfen in Israel. In Kapitel 8 diskutiert Handelman –  in Auseinandersetzung mit Niccolò Machiavellis “Der Fürst” – die Möglichkeit des politischen Manipulators als Retters der Gesellschaft aus Krisen, und in den Kapiteln 9 bis 10 geht es um befreiende Manipulationen in Form von Psychotherapie, wobei Handelman – mit Bezug auf Sigmund Freud (einerseits) und Thomas Szasz (andererseits) – die Fragen zu beantworten versucht, wer in einer psychotherapeutischen Beziehung wen manipuliert, und wessen Manipulation des anderen Voraussetzung für eine gelingende Psychotherapie ist.

Kapitel 11 schließt thematisch eng an die Kapitel 9 und 10 an insofern es die Trauminterpretation nach Freud zum Ausgangspunkt nimmt, um die allgemeine Frage danach zu stellen, ob und ggf. wie es möglich ist, eine mentale Abschottung von der umgebenden Welt (wie sie psychisch Kranke und Ideologen definiert), durch Manipulation aufzubrechen. Handelman ist der Auffassung, dass es in diesem Zusammenhang nur darum gehen kann, konstruktiven oder aktiven Skeptizismus statt paralysierenden Zweifel oder passiven Skeptizismus im Adressaten der Manipulation zu wecken (S. 149/150), aber darüber, wie genau dies bewerkstelligt werden kann, schreibt Handelman leider nichts. Das Kapitel schließt dementsprechend mit der Bemerkung: “The strategy to market new ideas often needs to be [...] more sophisticated than the ideas themselves. This is where manipulation enters the picture” (S. 150), was den Leser umso dringlicher fragen lässt: “Ja, aber wie genau?”.

Im sehr kurzen Schlusskapitel, das mit “Conclusion” überschrieben ist, bringt Handelman das Anliegen seines Buches besser als in seinem Vorwort (vgl. S. xi) und auf eine Weise auf den Punkt, die erst nach Lektüre des Buches richtig verständlich wird: “As illustrated throughout, trying to cope directly with such questions [wie die nach der ethischen Vertretbarkeit von Manipulationen, ihrem Verhältnis zum freien Willen des Menschen, den Nutzen und Kosten von Manipulationen oder ihrer prinzipiellen Vermeidbarkeit] would tax even the Wisdom of Solomon. Trying to solve problems that exceed human comprehension, especially in ethics and politics, can turn into a utopian mission that endangers our liberty, like in Orwell’s 1984. Therefore, some paradigm shift is required. Instead of concentrating on the problem of manipulation, let us take a step back to examine the bigger picture: how to build the foundations of a decent, stable society?” … The debate over the decent social order is much more vital and critical than any [...] discussion on manipulation. … Manipulation can serve as an instrument to explore major obstacles and difficulties that the open society must overcome (S. 153/154).

Hayek Constitution of LibertyHandelman beschäftigt sich mit Manipulation also nicht um ihrer selbst willen, sondern zu dem Zweck, die Frage danach zu stellen, wie eine “gute” Gesellschaft aussehen soll oder kann, und an vielen Stellen im Buch – inklusive des Verweises auf die “open society” im gerade wiedergegebenen Zitat – wird deutlich, dass eine “gute” Gesellschaft für den Autoren nur eine liberale Gesellschaft sein kann. Allerdings legen verschiedene Stellen im Buch die Vermutung nahe, dass Handelman bereit wäre, vom Liberalismus im Interesse befreiender Manipulationen Abstriche zu machen, und als liberaler Leser fragt man sich, ob Handelman so weit gehen würde, dem so genannten liberalen Paternalismus das Wort zu reden, der bezeichnenderweise “liberaler Paternalismus” heißt und nicht “paternalistischer Liberalismus”, womit deutlich erkennbar wird, dass er nicht als Variante des Liberalismus (miss) zu verstehen ist.

Dessen ungeachtet dürften liberale ebenso wie anders orientierte Leser das Buch mit Gewinn lesen, zum einen, weil es sich um eine Klärung des vagen Konstruktes der Manipulation bemüht und damit alle anspricht, die sich für Manipulation interessieren, zum anderen, weil es – wie vom Autoren angestrebt – tatsächlich viele interessante und keineswegs einfach zu beantwortende Fragen aufwirft, so dass das Buch eine Menge “food for thought” bietet.

Damit ist aber auch gesagt, dass das Buch voraussichtlich viele Leser unbefriedigt lassen wird, eben deshalb, weil es anfangs mit seinen konzeptionellen Ausführungen den Eindruck erweckt, es ginge vor allem um das Konstrukt “Manipulation”, mit fortschreitender Lektüre aber immer deutlicher wird, dass Manipulationen dem Autor dazu dienen, die Bedingungen einer “guten” Gesellschaft zu diskutieren. Wem das Buch also anfänglich gefällt, weil es das Konstrukt “Manipulation” behandelt, wird wahrscheinlich finden, dass es später unnötig viele Ausführungen ethischer und sozialpolitischer Art enthält und diese Ausführungen nicht auf klar nachvollziehbare Weise die Felder illustrieren, die Handelman durch seine beiden Dimensionen des Manipulationskonstruktes kreiert hat. Dagegen könnten Leser, die sich gerade von den Überlegungen zu ethischen und sozialpolitischen Fragen angesprochen fühlen, die Konzentration auf Manipulation als unnötige Reduktion oder falsche Akzentsetzung empfinden und teilweise auch das Gefühl haben, die  Fragen, die Handelman aufwirft, seien bereits von anderen liberalen Autoren aufgeworfen worden und benötigten keine Herleitung aus der Beschäftigung mit Manipulation. Wie beide Stränge des Buches zusammenpassen und warum Handelman das Buch so geschrieben hat, wie er es geschrieben hat, wird dem Leser nämlich vermutlich erst im Verlauf der Lektüre oder sogar erst gegen oder am Ende des Buches klar, und es mag sein, dass man als Leser den einmal entstandenen Eindruck einer gewissen Unstrukturiertheit des Buches oder Inkonsequenz des Autors bei der Behandlung seiner Themen nicht mehr revidieren oder korrigieren kann oder mag.

roter FadenBei mir selbst habe ich jedenfalls bei der Lektüre der Beispiele im Anschluss an die Behandlung des Manipulationskonstruktes eine gewisse Ungeduld dahingehend festgestellt, wann der Autor seine Ausführungen auf diese Behandlung des Konstruktes zurückbinden würde, und eine gewisse Enttäuschung, als ich bemerkte, dass er dies nur teilweise und auf oft kurze, für mich unbefriedigende Art, tut. Weniger freundlich ausgedrückt: ich fand die Kapitel des Buches für sich genommen aufschlussreich oder interessant, aber im Gesamtzusammenhang etwas wirr, bis ich mich an den Stil des Buches gewöhnt und seinen inneren Zusammenhang, wie Handelman ihn sieht, akzeptiert hatte. Oder anders gesagt: Ich empfand die Lektüre des Buches – auf einer Metaebene betrachtet – als solche als eine gute Übung in Sachen (kognitiver) Liberalismus, wenn man so sagen will.

Die Übung in Sachen Sich-Leiten-Lassen und Akzeptieren von Zusammenhängen, wie ein anderer sie sieht und beschreibt, schult die Geduld und die Fähigkeit, sich auf die Gedankengänge Anderer einzulassen – wovon, wie ich glaube, die meisten von uns nur profitieren können –, aber sie sollte sich m.E. nicht auf die sprachliche Darstellung ausweiten: Leider wird die Lektüre des Buches dadurch erschwert, dass es eine Reihe sprachlicher Fehler enthält, die wirklich störend sind und die wohl der Tatsache geschuldet sind, dass Englisch nicht die Muttersprache des Autors ist und das Buch nicht (anständig) vom Verlag lektoriert wurde. Bei den meisten dieser Fehler ist zwar offensichtlich, was gemeint ist; sie sind also nicht sinnentstellend, aber bei Stellen, die unklar bleiben, fragt man sich unwillkürlich, ob die Unklarheit der sprachlichen Darstellung geschuldet ist, oder ob es sich um eine Unklarheit der Argumentation handelt, und angesichts des Inhaltes und Anspruchs des Buches schadet dies dem Anliegen des Autors und beeinträchtigt die Lesefreude stellenweise erheblich.

Trotz dieser Mängel – oder dessen, was ich beim Lesen als Mängel empfunden habe, – habe ich das Buch mit Gewinn gelesen, und ich würde es anderen zur Lektüre empfehlen, wobei ich auch empfehlen würde, das Schlusskapitel gleich nach der Einführung zu lesen, weil der Gesamtrahmen des Buches dann klarer und die folgende Lektüre dementsprechend erleichtert wird. Das Buch wird wahrscheinlich wenige Leser rundum zufriedenstellen, aber es wird alle Leser zumindest in einiger Hinsicht zufrieden stellen, denn es bietet insgesamt gesehen – wie oben gesagt – viel “food for thought” und wird dementsprechend jeweils bestimmte Leser mit Bezug auf jeweils bestimmte Inhalte besonders ansprechen.

Explosive Patronin – Niedersachsens Ministerium für Wissenschaft und Kultur auf Abwegen?

Kennen Sie Maria Goeppert Mayer?

Kennen Sie das Maria Goeppert Mayer Programm des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen?

Das Programm ist eines von vielen Günstlingsprogrammen, mit denen die “strukturelle Verankerung der Genderforschung” an Hochschulen gefördert wird: “Das Programm ermöglicht die Berufungen auf W3-, W2- oder W1-Professuren an Universitäten, künstlerischen Hochschulen und Fachhochschulen”.

NSA_WissKulturMit anderen Worten: Das Maria Goeppert Mayer Programm ist ein weiteres Programm, mit dem Männer an Universitäten diskriminiert bzw. Frauen bevorteilt werden. Es ergänzt Programme wie das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder, das ebenfalls dem Ziel gewidmet ist, Männer zu diskrimieren und Frauen zu bevorteilen. Doch während das Professorinnenprogramm zumindest in der Zielsetzung alle wissenschaftlichen Fachbereiche abdecken will, ist das Maria Goeppert Mayer Programm des Landes Niedersachsen ausschließlich der Unterwanderung von Universitäten durch Genderismus gewidmet.

Gefördert werden Professuren, die im Bereich der Genderforschung angesiedelt sind. Eine vergleichbare Einflussnahme staatlicher Akteure auf die Inhalte, die an Universitäten bereitgestellt werden, hat es nur in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten sowie im Dritten Reich gegeben. Die Einrichtung von Genderlehrstühlen, die sich allesamt durch keinerlei theoretische Grundlage auszeichnen und, wie Dr. habil. Heike Diefenbach ausführlich dargelegt hat, keinerlei Erkenntnisgewinn bereitsstellen und entsprechend an Universitäten, sofern an denselben neues Wissen gewonnen werden soll, nichts zu suchen haben, diese Einrichtung von Genderlehrstühlen dient einzig und allein der Infiltrierung von Hochschulen, einer Art kalter Gleichschaltung von Hochschulen über die Politkommissarinnen der Genderlehrstühle und die Gleichstellungs-ZKs.

Diese Infiltrierung lassen sich die Länder und der Bund einige Steuergelder kosten. So werden im Rahmen des Professorinnenprogramms rund 300 Millionen Euro in die Diskriminierung von Männern investiert, im Rahmen des Maria Goeppert Mayer Programms hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur in den Haushaltsjahren 2012 und 2013 400.000 Euro bereitgestellt (Haushaltsplan, Einzelplan 06, S.121), im Haushaltsjahr 2014 sind bereits 637.000 Euro für die Unterwanderung von Universitäten vorgesehen (Haushaltsplan, Einzelplan 06, S.109).

Steuergelder von bislang mehr als einer Million Euro, zu denen noch mindestens 250.000 Euro aus den Etats der beteiligten Hochschulen kommen, hat das Ministerium für Wissenschaft und Kultur zur Förderung von

  • Geschlechterforschung in der Politikwissenschaft an der Georg-August Universität in Göttingen (Prof. Dr. Amy C. Alexander);
  • Gender, Technik und Mobilität an der Technischen Universität Braunschweig (Prof. Dr. Corinna Bath);
  • Transkulturalität und Gender an der Universität Vechta (Prof. Dr. Christine Hunner-Kreisel);
  • Gender und Raum an der Universität Hannover (Prof. Dr. Tanja Mölders);
  • Empirische Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Genderforschung an der Leuphana Universität Lüneburg (Prof. Dr. Birgit Althaus);

verschwendet. Alles im Namen von Maria Goeppert-Mayer.

Wer ist diese Maria Goeppert-Mayer?

Das Ministerium weiß Folgendes dazu zu sagen:

“Das Programm ist zu Ehren der aus Göttingen stammenden Physik-Nobelpreisträgerin Maria Goeppert Mayer (1906-1972) benannt. Sie studierte Mathematik und Physik an der Universität Göttingen und promovierte bei Max Born. Anfang der 1930er Jahre siedelte sie mit ihrem Mann, dem Chemiker Joe Mayer, in die USA über. 1963 wurde ihr der Nobelpreis für ihre herausragende Arbeit in der theoretischen Physik zu Kernkonfigurationen nach dem Spin-Bahn-Kopplungsmodell verliehen. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit unterstützte Maria Goeppert Mayer jüdische Kolleginnen und Kollegen, die in die USA emigrierten. Sie setzte sich für eine friedliche Nutzung der Kernenergie ein und ermutigte junge Frauen, sich den Naturwissenschaften zuzuwenden.”

apslogoAuf den ersten Blick scheint die Nobelpreisträgerin Goeppert Mayer, die übrigens aus Kattowitz und nicht aus Göttingen stammt, nicht unbedingt diejenige zu sein, die mit der Verwendung ihres Names im Rahmen eines Programms, mit dem Männer diskriminiert und Frauen bevorteilt werden, einverstanden wäre – schon weil sich keinerlei Indizien dafür finden lassen, dass sie “junge Frauen” dazu ermutigt hat, “sich den Naturwissenschaften zuzuwenden”. Vielmehr hat die American Physical Society im Jahre 1985 einen “Maria Goeppert Mayer Award” zur Anerkennung herausragender Leistungen junger Physikerinnen eingerichtet, um Maria Goeppert Mayer zu ehren, die zu diesem Zeitpunkt bereits 13 Jahre tot war.

Aber wenn es darum geht, die Einrichtung von Programmen, die einzig dazu dienen, Männer zu diskriminieren und Frauen zu bevorteilen, zu legitimieren, was sind dann solche kleinen Fehler? Schließlich heiligt der Zwecke doch die Mittel – oder? Angesichts der heiligen Aufgabe, Frauen zu bevorteilen, ist es auch in Ordnung, den Namen von Nobelpreisträgerinnen in der Weise zu missbrauchen, wie dies das Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen tut.

Aber, Physikerinnen ist nicht zu trauen. Sie schlagen auch Posthum zurück. Maria Goeppert Mayer über ihre Biographie. In der “ausführlichen” Biographie, auf die das Ministerium verlinkt und von der die Ministerialen wohl ihr Wissen über Maria Goeppert Mayer bezogen haben und ihre Zuversicht, die Physikerin eben einmal für die eigenen Zwecke missbrauchen zu können, fehlt nämlich ein entscheidender Teil aus dem Leben von Maria Goeppert Mayer.

Die angeblich ausführliche Biographie enthält folgende Passage:

Manhatten_mayer_31868“… between 1941 and 1945, … she worked mainly at the S. A. M. Laboratory, on the separation of isotopes of uranium, with Harold Urey as director. Urey usually assigned her not to the main line of research of the laboratory, but to side issues, for instance, to the investigation of the possibility of separating isotopes by photochemical reactions. This was nice, clean physics although it did not help in the separation of isotopes.”

Maria Goeppert Mayer hat sich also mit radioaktiven Zerfallsprodukten und deren thermischen Eigenschaften beschäftigt und Harold Urey war ihr Direktor. Befreundet war Maria Goeppert Mayer in dieser Zeit u.a. mit Edward Teller und Teller und Urey in dieser Mischung, ergänzt durch Stanislaw Ulam hat einen vertrauten Klang nicht nur für Kernphysiker, handelt es sich doch um einen Teil der wissenschaftlichen Prominenz, die am Manhattan-Project der USA und somit am Bau der ersten Atombombe beteiligt war.

Die Kombination Ulam und Teller führt über die erste Atombombe hinaus und direkt zu dem, was Edward Teller gerne die Superbombe genannt hat: Die erste thermo-nukleare oder Wasserstoff-Bombe auch H-Bombe genannt, eine Bombe mit einer Explosionskraft, die die Atombombe weit in den Schatten stellt.

Maria Goeppert Mayer war nun nicht nur mit Urey und Teller bekannt, nein die side issues, die nice clean physics, die so seltsam formuliert in der Biographie von Maria Goeppert Mayer auftauchen, wurden von ihr im Rahmen des Manhatten Projects ausgeführt. Maria Goeppert Mayer war nämlich der bekannteste weibliche Wissenschaftler, der am Bau der Atom- und H-Bombe beteiligt war:

“The most famous woman who worked on the Manhattan Project was Maria Goeppert Mayer, who later won the Nobel Prize in physics for her work in developing the theory of nuclear shell structure. During World War II, she was involved initially in theoretical studies of the thermodynamic properties of the uranium hexafluoride gas that would be used in the gaseous diffusion process for conducting isotopic enrichment of uranium by separating U-235 from U-238. She also investigated the possibility of using photochemical reactions for isotope separation. Later she worked at Los Alamos on energy release in nuclear explosions.”

Nice clean physics eben!

Es hat schon eine gewisse Ironie, dass Maria Goeppert Mayer heute zur Schutzpatronin der Genderforschung auserkohren worden ist, quasi als Sprengmeister der phantasierten patriarchalischen Strukturen an Universitäten.

morons2Wir vermuten allerdings, dass den Ministerialen in Niedersachsen gar nicht bekannt ist, dass Maria Goeppert Mayer am Manhatten Project beteiligt war, die “most famous woman” des Projects. Da sich Genderisten immer darüber beklagen, dass die Leistungen von Frauen nicht anerkannt werden, werden wir die Ministerialen in Hannover zu einer Stellungnahme zum Beitrag von Maria Goeppert Mayer im Manhatten Project bitten. Und natürlich werden wir die Günstlinge des Programms um eine Stellungnahme bitten. Wir sind schon gespannt zu erfahren, ob die Finanzierung aus den Steuermitteln des Maria Goeppert Programms neben dem Einstreichen der Mittel auch mit einem Bewusstsein und einer Verantwortung für das Vermächtnis von Maria Goeppert Mayer einhergeht. Und vor allem sind wir gespannt, wie die Programm-Günstlinge das Werk von und das Andenken an Maria Goeppert Mayer in ihren Vorlesungen zu Genderthemen würdigen – vielleicht als role model für nachwachsende Forscherinnengenerationen?

Alles weitere demnächst auf ScienceFiles.

Textconsulting

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Gewerkschafts-Marketing: Wie die GEW Kinderarbeit instrumentalisiert

Fünf Schulklassen hat die GEW dafür ausgezeichnet, dass sie “herausragende Beiträge im Rahmen des Ideenwettbewerbs ‘Kinderarbeitsfreie Zonen’ der Bildungsgewerkschaft erarbeitet haben”. Warum sich die GEW Bildungsgwerkschaft nennt, ist uns nicht nachvollziehbar, denn ein größeres Hindernis für Bildung als die GEW lässt sich kaum denken – aber der Reihe nach.

Indoktrination

GEW_Lesbisch und schwulIndoktrination gelingt am ehesten, das wussten die Nazis so gut wie die alten Griechen, wenn man Kinder und Jugendlichen indoktrinär erzieht. In einer etas verwässerten Form ist dies auch im Marketing angekommen: Wenn es gelingt, eine positiv besetzte affektive Verbindung zwischen Kindern und Jugendlichen auf der einen Seite, und einer Marke, z.B. der Marke “Bildungsgewerkschaft” GEW herzustellen, dann gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Bindung auch im Erwachsenenalter fortgeführt wird, z.B. dadurch, dass die nunmehr Erwachsenen zahlendes Mitglied in der “Bildungsgewerkschaft” werden.

Das GEW Projekt “Kinderarbeitsfreie Zone”, das die “Bildungsgewerkschaft” erfolgreich in Schulen getragen hat, erfüllt alle Voraussetzungen für affektives und im Jugendalter beginnendes Marketing. Es ist mit einem Gegenstand verbunden, der Emotionalität transportiert, nämlich mit der Kinderarbeit. Es richtet sich an leicht beeinflussbare Schüler, die sich in der sie umgebenden Welt orientieren wollen, ihren Platz darin suchen. Und wie viele von uns wissen, findet man diesen Platz als Jugendlicher besonders dann, wenn man vermeintlich die Welt verbessern kann. An dieses Befürfnis,  das man fast schon als Artefakt bezeichnen kann, hängt sich die GEW an und präsentiert den Jugendlichen etwas, womit sie vermeintlich die Welt verbessern können: Die Schaffung kinderarbeitsfreier Zonen.

Der Rahmen für das Indoktrinationsprojekt der GEW ist eindeutig:

  • GEW KinderarbeitspropagandaKinder werden durch “Kinderarbeit entwürdigt”;
  • Kinder werden durch Kinderarbeit ausgebeutet und missbraucht;
  • Kinder werden unter fadenscheinigen Begründungen zur Kinderarbeit eingesetzt und gezwungen;
  • Europäer und Deutsche tragen durch den Kauf billiger Waren zur Kinderarbeit bei, denn diese Waren kommen “bei uns nur desalb so günstig auf den Markt … weil sie von Kindern hergestellt werden, die dafür kaum oder gar nicht entlohnt werden”;
  • Kinderarbeit ist somit das Ergebnis des Wirkens internationaler Konzerne, also des internationalen Finanzkapitals, die GEW ist angetreten, dies zu beenden;
  • Dazu hat die GEW eine Stiftung gegründet, die sich “fair childhood” nennt und, ach ja, Schüler, die etwas gegen Kinderarbeit tun wollen können dies auch wie folgt: “sammelt Spenden für Projekte, die Bildung statt Kinderarbeit stark machen wie die GEW-Stiftung ‘fair childhood”;

Erfindung der Kindheit

In der Politikwissenschaft gibt es einen theoretischen Ansatz, der sich Weltkulturansatz nennt (dazu: Meyer, 2005). Sein Kern besteht in der Behauptung, dass sich “westliche Were” über die Welt ausbreiten, Werte, die gerne auch als Strukturprinzipien bezeichnet werden, also Strukturprinzipien wie: Frauenförderung, die den Frauen im Peruanischen Hochland einen eigenen Radiosender gebracht und nach Abschluss der Förderung wieder genommen hat; Strukturprinzipien wie Partizipation (ist ja bekanntlich immer gut – wer auch immer partizipiert, Hauptsache, es wird partizipiert…) im Rahmen von Entwicklungshilfe oder die Schaffung demokratischer Strukturen nach westlichem Vorbild, ohne die es keine Entwicklungshilfe mehr gibt; oder konformes Abstimmungsverhalten in der Vollversammlung der UN, wenn es z.B. darum geht, einen Staat, der sich gegen die Hegemonie westlicher Strukturprinzipien wehrt, zu verurteilen (Dreher, Marchesi & Vreeland, 2007).

Eines der westlichen Strukturprinzipien, an denen die Welt genesen soll, ist die Erfindung von Kindheit und die nachfolgende Kriminalisierung von Kinderarbeit. 1978 hat Helen B. Schwartzmann in ihrem Buch “Transformations: The Anthropology of Children’s Play” ein zweites Kapitel mit der Überschrift “The Invention of Childhood” versehen. Gegenstand des Kapitels ist eine akribische Darstellung der Entdeckung der Kindheit, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts Kinder immer länger in einem Zustand der gesellschaftlichen Unmündigkeit verhaftet hat.

invention of childhoodHugh Cunningham hat ein ganzes Buch der “Invention of Childhood” gewidmet, in dem er nicht nur die über die Jahrhunderte immer länger werdende Kindheit beschreibt, sondern auch die Unstimmigkeiten, die die Bestimmung von Kindheit umgeben, betrachtet: “I ain’t a child, … I’m past eight, I am,’ said a girl selling watercress in mid nineteen-century London, shocking her interlocutor, the investigative Journalist Henry Mayhew who thought childhood ended when you were 15″ (Cunningham, 2013: 12).

Unnütz darauf hinzuweisen, dass man in den von der GEW an Schulen lancierten Materialien zum “Ideenwettbewerb kinderarbeitsfreie Zonen” vergeblich nach einem Hinweis darauf sucht, woran man Kindheit festmacht: am biologischen Alter, an der geistigen Reife? Die Frage, was Kindheit und mithin Kinder sind, wird geschickt offengelassen, denn Indokrination wirkt am besten, wenn man die positiv besetzten Begriffe von anderen mit ihren Vorstellungen füllen lässt. So kann sich jeder über seine Idee von Kinderarbeit ereifern und die GEW in jedem Fall davon profitieren.

Wirklichkeit

Immerhin empfiehlt die GEW im “Ideenwettbewerb-Begleitmaterial“, nachzuforschen, unter dem Begriff Kinderarbeit, um herauszufinden, wo “Kinder – trotz des weltweiten Verbots – arbeiten müssen”.

Wir haben den Nachforschungsauftrag etwas erweitert und unter dem Begriff “Child Labour” gesucht. Gefunden haben wir z.B. einen Beitrag auf ScienceFiles, der zeigt, dass das Verbot von Kinderarbeit dazu führt, dass Kinderarbeit zunimmt. Herausgefunden haben dies Bharadwaj und Lakdewala (2013) am Beispiel von Indien. Das dortige Verbot hat nicht nur dazu geführt, dass nunmehr mehr Kinder zu geringeren Preisen arbeiten müssen, sondern auch dazu, dass Kinder, die bislang zur Schule gegangen sind, die Finanzlöcher in den Familien, die durch das Verbot von Kinderarbeit und die nachfolgend fallenden Löhne für Kinder entstanden sind, schließen müssen.

Oder nehmen wir den Beitrag von Ranjan Ray (2000), der herausgefunden hat, dass Mindestlöhne und eine höhere Beteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Pakistan von einer Zunahme der Kinderarbeit begleitet waren, während in Peru die Kinderarbeit in Folge eines Sinkens der Löhne von Männern, was wiederum eine Folge höherer Beteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt darstellt, gestiegen ist. Die westlichen Strukturprinzipien bringen offensichtlich nicht nur Segen.

Akabayashi und Psacharopoulos (1999) haben für Tansania gezeigt, dass das Thema Kinderarbeit komplexer ist, als es die GEW Verantwortlichen gerne hätten. Wie sich in ihrer Studie zeigt, kann man Kinderarbeit nicht einfach verbieten, muss vielmehr die sozialen Strukturen, in die Kinderarbeit vor Ort eingebunden ist, in Rechnung stellen.

Basu (2000) hat gezeigt, dass die Einführung von Mindestlöhnen dazu führt, dass Kinderarbeit zunimmt. Ökonomisch ist dies eine Offensichtlichkeit, denn Mindestlöhne führen zu Entlassungen und der Einkommensverlust, der in Familien, in denen einer oder der Haupt-/Miternährer arbeitslos geworden ist, erfordert nun die Mit-Arbeit von Kindern, um ein Überleben zu sichern.

All die wissenschaftliche Forschung, die die “Bildungsgewerkschaft” so standhaft ignoriert, deutet darauf hin, dass Kinderarbeit ein komplexes Phänomen ist, zu komplex, als dass es sich für Indoktrination eignet. Deshalb hat man die Komplexität bei der GEW besetigt und die einfache Geschichte der internationalen Konzerne (das GEW Synonym für böse), die so wenig Geld bezahlen, dass die armen Menschen in Ländern der dritten Welt nicht subsistent durch Arbeit sein können und die letztlich Kinder in Kinderarbeit und Ausbeutung zwingen, erfunden.

Dass das so ist, das  wissen die Verantwortlichen der GEW ganz genau.

Seltsamerweise ist ihr Wissen nicht bis zur ILO, der Internationalen Organisation für Arbeit vorgedrungen. Dort hat man sich bemüht, Fakten zu Kinderarbeit zu sammeln und die entsprechenden Bemühungen beginnen mit der Aussagen: “It is common knowledge that data on child labour are extremely scarce” (Ashagrie, 1998: 1). Na hätten die Autoren sich an die die deutsche “Bildungsgewerkschaft” gewendet, sie wären fündig geworden – oder auch nicht.

Wie auch immer, die ILO Studie hat ihre eigenen Daten ohne zutun der GEW zusammengestellt und definiert zunächst einmal Kinder als 5 bis 14jährige. Im Jahr 1995 waren nach Schätzung der Autoren 250 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren erwerbstätig, die Mehrzahl davon in Asien (61%), gefolgt von Afrika (32%). 70% der Kinder arbeiten in der Landwirtschaft, 8% im produzierenden Gewerbe oder in Hotels und Restaurants.

Das steht in einem gewissen Gegensatz zu der Behauptung der GEW “Kinder dieser Erde” würden in “Steinbrüchen, Plantagen oder Fabriken” arbeiten. Ebenso wie die eigens erfundene Indoktrinationsgeschichte der internationalen Konzerne, die Kinderarbeit befördern oder erst ermöglichen, erhebliche Risse durch Daten und wissenschaftliche Untersuchungen erhält, die zeigen, dass Kinderarbeit ein mikro-soziales Phänomen ist, das sich maximal auf die Ebene von Kleingewerbetreibenden ausdehnt. Es mag zuweilen den high profile Fall der Kinder geben, die in einer Fabrik arbeiten, dies ist jedoch die Ausnahme. Die Regel sieht Kinder beim reicheren Nachbarn auf dem Feld arbeiten oder in Mumbai in einer kleinen Wäscherei.

Aber das ist nur die Realität, die sich nicht so gut nutzen lässt, um bereits Schüler gegen internationale Konzerne in Stellung zu bringen und eine Bindung zur “Bildungsgewerkschaft”, eine auf Indoktrination begründete, in Schulen herzustellen.

Das Kinderarbeits-Thema ist in die Fussstapfen des Straßenkinder-Themas getreten, das sich als international nicht so erfolgreich erwiesen hat, vor allem deshalb, weil sich Wissenschaftler und Sozialarbeiter aus den entsprechenden Ländern gegen die Übertragung eines westlichen Kinder- und Familienbilds auf ihr Land gewehrt haben. So hat Ennew in den Gutmenschen-Programmen, die Straßenkinder von der Straße bekommen wollen, einen Versuch gesehen, westliche Vorstellungen von Familien als “private arenas for the correct performance of childhood” (Ennew, 1995: 211) durchzusetzen. Juarez (1992: 94 zitiert in de Moura, 2005: 298) ist der Ansicht, die Hilfsprogramme, die auf Straßenkinder abzielten, seien vornehmlich da, um die Organisationen, die Straßenkindern helfen wollen, zu finanzieren, und Aptekar (1994: 206) hat angemerkt, dass Straßenkinder nicht die Opfer ihrer Gesellschaft, sondern häufig reife Jugendliche sind, die das Leben als Straßenkind gewählt haben: “In any attempt to ascertain why certain children become street children, such factors as the psychological status of the child and the child’s family, the perception of life on the streets, and the degree to which a street children culture exists must be considered”.

Selbstverständlich kann internationale Hilfe, hönnen international nutznießende Gutmenschen und deren Organisationen, die sich neuerdings gar “Bildungsgewerkschaft” nennen, nicht auf die Befindlichkeiten und die Selbstbestimmung derer, denen sie ihre Hilfe aufzwingen wollen, Rücksicht nehmen.

darwin-greatEs gibt nur einen Weg zum Heil und die “Bildungsgewerkschaft” weist ihn allen, und wenn nebenbei noch ein paar zahlende Mitglieder anfallen, die die derzeitige und die nachwachsende Generation an Gewerkschaftsfunktionären sichern, um so besser.

Da mittlerweile zwei Beiträge von ScienceFiles in Schulbücher aufgenommen wurden, bleibt zu hoffen, dass wir auch im Hinblick auf Kinderarbeit, einen Beitrag zur Emanzipation von Schülern leisten können, damit sie nicht zu hilflosen und unkritischen Vasallen gewerkschaftlicher Armuts-Profiteure werden.

Bislang von ScienceFiles in Schulbücher aufgenommene Beiträge:

Nachtrag

Besonders erfolgreich scheint die GEW-Indoktrination bei den im Folgenden genannten Preisträgern gewesen zu sein:

    • Lise-Meitner-Gymnasium Königsbach-Stein, Klasse 8a/b; Projekt: Ein kinderarbeitsfreier Spielplatz;
    • Grundschule Mümmelmannsberg Hamburg; Projekt: Stopp Kinderarbeit – Nachdenken, Nähen und Schreiben;
    • Berufliche Oberschule Regensburg, Klasse 12; Projekt: Ein Label gegen Kinderarbeit;
    • Georg-Kerschensteiner-Schule Müllheim, KLasse SG1-1; Projekt: C!LAKKS – Change! Lasst alle Kinder Kinder sein;
    • Theater- und Kunst AG der Hauptschule Kreyenbrück in Kopperation mit dem Jugendtheater “Rollentausch” Oldenburg; Projekt: Global total – die Welt in meinen Händen und Kunstausstellung Recycling Kunst;

Die folgenden Juroren haben sich als Jury für die GEW instrumentalisieren lassen bzw. bereitwillig mit-indoktriniert:

      • Vorsitzender: Otto Herz, ehem. Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW);
      • Martina Hahn, Autorin und Journalistin;
      • Dr. Martin Kasper, Vorsitzender der Stiftung „childaid”;
      • Prof. Dr. Jörg Maywald, Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland;
      • Prof. Dr. Uta Ruppert, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt a. M.;
      • Julia Saldenholz, Mitbegründerin von „Schüler helfen leben” (SHL);
      • Heidemarie Wieczoreck-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung a. D., MdB;

Literatur

Akabayashi, Hideo & Psacharopoulos, George (1999). The Trade-Off Between Child Labour and Human Capital Formation: A Tanzanian Case Study. Journal of Developmental Studies 35(5): 120-140.

Aptekar, Lewis (1994). Street Children in the Developing World: A Review of their Condition. Cross Cultural Research 28(3): 195-224.

Ashagrie, Kebebew (1998). Statistics on Working Children and Hazardous Child Labour in Brief. Geneva: International Labour Office.

Basu, Kaushik (2000). The Intriguing Relation Between Adult Minimum Wage and Child Labour. Economic Journal 110(462): 50-61.

Bharadwaj, Prashant & Lakdawala, Leah K. (2013). Perverse Consequences of Well-Intentioned Regulation: Evidence From India’s Child Labor Ban.

Cunningham, Hugh (2013). The Invention of Childhood. London: BBC Books.

De Moura, Sergio Luiz (2005). The Social Construction of Street Children: Configuration and Implications. In: Frost, Nick (ed.). Child Welfare. Major Themes in Health and Welfare Series. Volume III: Child Placement and Children Away From Home. Abingdon: Routledge, pp.295-310.

Dreher, Axel, Marchesi, Sylvia & Vreeland, James Raymond (2007). The Politics of IMF Forecast. München: CESifo Working Paper Series No. 2129.

Ennew, Judith (1995). Outside Childhood: Street Children’s Rights. In: Franklin, Bob (ed.). The Handbook of Children’s Rights: Comparative Policy and Practice. Abingdon: Routledge, pp.201-214.

Ranjan, Ray (2000). Analysis of Child Labour in Peru and Pakistan: A Comparative Study. Journal of Population Economics 13(1): 3-19.

Schwartzmann, Helen B. (1978). Transformations: The Anthropology of Children’s Play. New York: Plenum.

Über Unsinn kann man nicht diskutieren

Der folgende Kommentar, der uns in abgewandelter Form zwischenzeitlich auch als eMail erreicht hat, zu einem Thema, das uns nur noch bleischwer macht, hat uns dazu veranlasst uns noch einmal, ein letztes Mal, mit dem Unfug auseinander zu setzen, der als “Diskussion über des generische Maskulinum” bekannt ist. Und nachdem wir das letzte Mal als wir uns zu diesem Thema geäußert haben, bereits die Überschrift: “Kann man so dumm sein?” gewählt haben, muss man zwischenzeitlich diese Frage wohl bejahen und anfügen, dass uns die Worte ausgehen, um diese Dummheit zu behandeln.

Hier nun der Kommentar von Sarah H.:

Anonymityich bin derzeit auch in einer Diskussion über das generische Maskulinum verwickelt und wollte sie mal fragen, was sie dazu und zu dem Wikipedia-Artikel und den dort aufgezählten Studien sagen:

http://www.unternehmer.de/marketing-vertrieb/152957-geschlechtergerechte-sprache-texten-ist-die-kritik-daran-berechtigt

http://de.wikipedia.org/wiki/Generisches_Maskulinum

Vor allem würde mich die Erkenntnisse von Josef Klein interessieren und ihre Bewertung dazu. Weiter unten im Wikipedia-Artikel wird ja sogar gesagt, dass sich Frauen auf Berufsausschreibungen mit spezifisch weiblichen oder geschlechtsneutralen Ausdrücken eher melden, als wenn das generische Maskulinum verwendet worden war und somit die Verwendung sogar praktische Auswirkungen hat.

Siehe: Sandra L. Bem, Daryl J. Bem: Does Sex-biased Job Advertising “Aid and Abet” Sex Discrimination? In: Journal of Applied Social Psychology. 3, Nr. 1, 1973, S. 6–18.

Hier habe ich im Übrigen interessante Gegenargumente gefunden:

http://www.vds-münchen.de/fileadmin/galerie/2009-08-01__Artikel_Sprachfeminismus.pdf

Ihre Meinung dazu würde mich interessieren!

In letzter Zeit müssen wir unsere Stühle regelmäßig wieder auf “Höhe” bringen, denn man sinkt immer so tief…, wird so schwer …

Als wir heute morgen über Bäume gesprochen haben, hatten wir beide die Assoziation: Apfelbaum. Müssen wir nun eine Quote für Birnenbäume und Kirschbäume in unseren Gehirnen einführen? Und Was ist mit der kompletten Klasse der Nadelbäume? Müssen die jetzt vor geistiger Diskriminierung geschützt werden?

Nuts in BedlamWie dieser Anfang deutlich macht, kann man über bestimmte Gegenstände nicht diskutieren. Das generische Maskulinum bzw. dessen Verballhornung durch welche aberwitzigen Zusätze auch immer, ist so ein Gegenstand. So wenig, wie man darüber diskutieren kann, ob Juden einer anderen Rasse angehören, genau so wenig kann man darüber diskutieren, ob in Kollektivbegriffen, die alle Angehörigen einer Klasse enthalten, z.B. die Klasse der Pendler, auch wirklich alle enthalten sind. Eine solche “Diskussion” können vielleicht Insassen geschlossener Anstalten mit ihren Therapeuten führen, aber nicht Wissenschaftler, die sich ernsthaft mit einem Thema beschäftigen.

Entsprechend verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den Versuch, Absurditäten als Gegenstand wissenschaftlicher Argumentation anzupreisen und haben eigentlich nicht mehr dazu zu sagen als Folgendes:

  • Pendler meint Pendler unabhängig davon, ob es Pendler mit grüner Augenfarbe, Schuhgröße 44, Glatze oder Sehfehler sind und auch ganz unabhängig davon, welche sexuelle Orientierung oder welches Geschlecht die Pendler haben. Es ist gerade der Sinn von Kollektivbegriffen, eine Klasse auf Grundlage von einem Merkmal zu bilden und niemanden oder nichts, der/das dieses Merkmal trägt, auszuschließen. Darüber gibt es nichts zu diskutieren!
  • Wenn es Personen gibt, die bei Pendler aus welchen Gründen auch immer an männliche Pendler denken, vielleicht, weil im Pendlerzug immer deutlich mehr Männer als Frauen sitzen, dann ist das deren Angelegenheit (Die entsprechende Person bildet also z.B. eine Korrelation auf Basis von Alltagserfahrung, die richtig oder falsch sein kann.). Niemand hat das Recht, die Assoziation von denen zu kontrollieren, die Begriffe lesen oder hören. Die Gedanken sind frei, wie es so schön heißt, und auch darüber gibt es gar nichts zu diskutieren.
  • Wenn es Sprachgestörte gibt, die bei Pendler ausschließlich an männliche Pendler denken und sich nicht angesprochen sehen, weil sie weiblich sind, dann ist das deren Problem und vielleicht noch das Problem ihres Therapeuten, mehr nicht. Auch darüber gibt es nichts zu diskutieren. Und entsprechende “Studien” sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind, wie sich schon daran zeigt, dass es keinerlei Theorie darüber gibt, warum kollektive Begriffe selektive Wirkungen entfalten sollen. Wenn ich behaupte, dass soziale Konstruktionen dafür verantwortlich sind, wie das in diesen “Studien” regelmäßig getan wird und dann eine Studie konzipiere, die die Behauptung als gegeben setzt und die Auswirkungen dieser Phantasie beobachtet, dann ist das ein Beispiel für einen Zirkelschluss, noch dazu einen primitiven, aber kein Beispiel für Wissenschaft.
  • Dass auf Wikipedia über das generische Maskulinum gestritten wird, ist nicht verwunderlich, verwunderlich ist nur, dass der Gegenstand der vermeintlichen Diskussion auf Wikipedia noch nicht in den ICD-10, den Katalog der mentalen Störungen aufgenommen wurde bzw. dass de.Wikipedia überhuapt noch gelesen wird.
  • Es sollte Lesern von ScienceFiles nicht nur bekannt sein, was wir von de.Wikipedia halten, und entsprechend sollte es ein einfacher Schluss sein, dass wir mit Sicherheit nichts, von dem Unsinn, der dort verzapft wird, halten und ihn schon gar nicht lesen, höchstens, wenn wir dafür einen Stundenlohn erhalten, der mindestens dem Stundensatz eines Psychotherapeuten entspricht und wir den Auftrag haben, all die persönlichen Störungen und logischen Fehlschlüsse aufzulisten, die auf de.Wikipedia ausgetauscht werden. Es sollte Lesern von ScienceFiles auch bekannt sein, was wir von einer Diskussion über das “generische Maskulinum” halten. Wer es nicht bereits aus der Lektüre eines der Texte, die wir dazu geschrieben haben, ableiten kann, der möge die Suchfunktion benutzen.
  • Auch im Dritten Reich haben die Ideologen versucht, damals ihre Rassenkunde mit pseudo-wissenschaftlichen Argumenten zu untermauern. Dass sich Ideologen gerne mit dem Mantel von Wissenschaft umgeben, ist bekannt. Ebenso bekannt ist, dass ihnen der Mantel hoffnungslos zu groß ist. Das ist im Hinblick auf die Rassenstudien der Nazis deutlich, es ist ebenso im Hinblick auf die Sprachstudien von Feministen deutlich. Karl Raimund Popper hat als Kriterien, die Wissenschaft von Ideologie trennen, die Falsifizierbarkeit und die intersubjektive Prüfbarkeit genannt. Keine der angeblichen Studien,erfüllt auch nur die rudimentärsten der Anforderungen. Entsprechend werden wir uns bestenfalls mit diesem Unsinn auseinandersetzen, um die Kategorie “Unsinn der Woche” zu bestücken.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat den Kommentar und die zugehörige eMail zum Anlass einer Antwort-eMail genommen, die wir hier wiedergeben. Ferner, um die Bleischwere darzustellen und zu zeigen, was man von diesen vermeintlichen Studien und dem antiquierten Versuch, die Gedanken von Menschen zu bestimmen, zu halten hat, hier noch ein Kommentar, den Dr. habil. Heike Diefenbach vor einigen Tagen in gleicher Sache abgegeben hat.

Zunächst also ein Ausflug in die Vergangenheit, der deutlich macht, wie alt dieser Unsinn schon ist, der gerade einmal wieder aufgewärmt wird:

sciencefiles“Vielleicht können unsere jüngeren Leser.I.nnen (so richtig, “Striesen”?) nicht so richtig würdigen, was für ein unerträglich alter und “abgegessener” – wie man so schön sagt – Langweiler die feministische Sprachumerziehung ist. Daher der folgende Hinweis:

Im Jahr 1980 ist in der Zeitschrift “Women’s Studies International Quarterly” (die es aus unerfindlichen Gründen immer noch gibt, wenn auch unter einem anderen Namen, und die sich in ungebrochener Tradition auch im aktuellen Heften hervortut mit Beiträgen wie “Translation in the Feminine: Theory, Commitment and (Good) Praxis” von Manuela Palacios) ein Beitrag von Maija Blaubergs erschienen mit dem Titel:

“An Analysis of Classic Arguments Against Changing Sexist Language”, und zwar im Band 3, Heft 2-3 auf den Seiten 135-147.

Da ist also im Jahr 1980 die Rede von CLASSIC Arguments gegen Versuche, das Sprachverhalten der Menschen gemäß feministischer Ideologie zu manipulieren, weil es angeblich sexistisch sei. 1980 liegt jetzt fast DREIeinhalb Dekaden zurück, und damals waren die Gegenargumente schon klassisch. Das sagt eigentlich alles. D.h. nein, es sagt sehr viel, aber nicht alles: Anfügen muss man noch, dass nach dreieinhalb Dekaden die klassischen Argumente nach wie vor einer Entkräftung harren und die meisten Menschen noch immer meinen, es gehöre zu ihren Persönlichkeits- oder Freiheitsrechten, so zu sprechen, wie sie es für richtig halten.

Und weil das so ist, unter Feminst.I.nnen oder Genderist.I.nnen aber der (!) Typus “trotzige Göre” durchaus vorkommt, wenn nicht überzufällig häufig repräsentiert ist, deswegen muss der Sprachumerziehungs-Langweiler durch ältere Personen, die nach dreieinhalb Dekaden noch immer ihre Probleme zu bewältigen versuchen, aber statt dessen in Selbstgerechtigkeit meinen, anderen Leuten Probleme andichten zu können, die sie natürlich zu lösen im Stande sind, wieder einmal aufgelegt und die des Deutschen kundige Leserschaft mit Langeweile überzogen werden.

Naja, wer hat jemals behauptet, dass sich im Feminismus/Genderismus irgendetwas weiterentwickeln müsse oder irgendeine Idee bis auf Weiteres als falsifiziert akzeptiert werden müsste?

Ebenso wenig hat sich die Argumentationsqualität verändert. Wer sich davon überzeugen möchte, der sehe sich die von Blaubergs so bezeichnete “Analyse” der klassischen Argumente an, und er wird feststellen, dass in ihrem Text keine Analyse stattfindet und keines der Gegenargumente gegen die feministische Sprachumerziehung, die sie aufzählt, auf irgendeine Weise entkräftet wird. Sie nennt sie einfach nur und liefert viele Zitate, die sie illustrieren. Anscheinend meint Blaubergs, dass jemand sich so äußert, spräche für sich. So ist ihre Darstellung zu “The ‘Sexist Language Is Not Sexist’ Arguments” auf S. 140 gerade einmal eine halbe Seite lang und umfasst wenig mehr als drei Zitate, deren Inhalte sie nicht mag. Die Analyse derselben durch Blaubergs besteht in Folgendem, das Sie direkt an die Zitate anschließt:

“The contention that proponents of changing sexist language unnecessarily interpret language as sexist indicates either ignorance of, misunderstanding of, or denial of the validity of the detailed explanations by linguists, psychologists, sociologists, and others of the sexism inherent in the use of masucline terms as alleged generics” (S. 140).

Aha. Wer anderer Meinung ist und die “detailed explanations” von Vertretern verschiedener Fachbereiche, die im übrigen von Blaubergs nicht genannt werden können (sie nennt außer sich selbst nur zwei Autoren in einer Fussnote), nicht als solche akzeptiert, der ist ignorant oder hat das alles misverstanden oder bestreitet die Validität dieser “explanations”. Zumindest für Letzteres gäbe es auch wirklich gute Gründe, und auf diese geht Blaubergs selbstverständlich nicht ein.”

Es folgt die eMail an Sarah H., die man als zusammenfassende und abschließende Stellungsnahme ansehen kann:

sciencefiles“Es gibt einige solcher Studien, d.h.Versuche, die Sinnhaftigkeit von Sprachumerziehung wissenschaftlich zu begründen, aber erstens kann das Ganze nur sinnhaft erscheinen, wenn man die Prämissen teilt, die die Verfasser solcher Studien haben, und die meisten Leute scheinen sie nun einmal nicht zu teilen, und zweitens kenne ich unter diesen Studien keine vernünftige, also keine, die nicht deutliche methodische Mängel hätte, was nicht verwunderlich ist, und sei es nur, weil es ziemlich schwierig ist zu erheben, woran Leute wann tatsächlich gedacht haben. Die direkte Frage löst einen Reflexionsprozess aus, der abbildet, was Leute jetzt, da sie gefragt werden, denken, und die indirekte Messung ist weitgehend ohne Aussage (…).

Aber das sind grundsätzliche Probleme, wenn man Gedanken messen möchte bzw. den Einfluss eines Stimulus auf Gedanken oder Assoziationen; meist haben diese Studien noch ganz andere methodische Mängel (selegierte Stichproben u.ä.). Ungeachtet dessen, was Studien herausgefunden haben wollen, geht es, glaube ich, niemanden etwas an, was jemand anderes denkt oder nicht denkt oder zu denken hat oder nicht zu denken hat, wenn er (oder sie ;-)) einen bestimmten Begriff hört.

Die Aussage: “Du bist nicht der Maßstab” ist dann unglaublich anmaßend, wenn sie jemanden davon überzeugen soll, dass anscheinend jemand anderes der Maßstab dafür sei, wie er zu sprechen habe, nur nicht er selbst. Oder anders gesagt: Die Aussage fällt auf denjenigen zurück, der sie äußert. Warum sollte derjenige, der sie äußert, dazu qualifiziert oder berechtigt sein, einen Maßstab für die Sprechweise anderer Leute zu setzen? Das ist eine – gelinde gesagt – totalitäre Vorstellung, die Individualrechte (wie das Recht auf Selbstbestimmung oder auf freie Meinungsäußerung) mit Füßen tritt.

Was soll denn der Schaden sein, der angerichtet wird, wenn es tatsächlich Leute geben sollte, die bei “Mathematiker” die Assoziation einer vollbesetzten Männertoilette haben, auf der über die Entdeckung der Zahl pi durch die alten Ägypter gesprochen wird? Mir ist das (als Mensch und als Frau) völlig wurscht.

Und schließlich: Das gesamte Anliegen feministischer/genderistischer Sprachumerziehung basiert auf der Unfähigkeit, biologisches und grammatikalisches Geschlecht zu unterscheiden, bzw. auf völlig inkonsequenter “Rosinenpickerei”, wenn man biologisches und grammatikalisches  Geschlecht schon nicht unterscheiden kann (denn wenn man nicht aussuchen würde, was einem gerade in den Kram passt, dann würde man sich konsequenterweise gegen die Massenkastration von Männern verwahren, die passiert, wenn man im Plural “die Männer” sagt.

Kurz: Ich finde diesen Unsinn einfach nur quälend, und meine Zeit sowie die jedes halbwegs intelligenten Menschen ist zu wertvoll, um sich mit den persönlichen Obsessionen einiger Leute zu beschäftigen, die sie zu den Obsessionen anderer Menschen machen wollen.”

Es ist wirklich an der Zeit, den ICD-10 um eine weitere Spielart der obzessiven Impulsstörung zu erweitern, die obzessiv-impulsive Sprachstörung (wir schlagen den Code F42.3 vor), die sich darin äußert, dass die davon Befallenen anderen Vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen haben und die dazu führt, dass das soziale Leben und das Funktionieren der entsprechend Gestörten in Mitleidenschaft gezogen wird, dass sie vor lauter Obzession nicht mehr normal funktionieren können und langsam aber sicher sozial verarmen, weil sich niemand mehr ihrer Störung aussetzen will.

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Regelungspsychopaten: Die Angst vor Pluralismus

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass diejenigen, die am lautesten nach Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz rufen, diejenigen sind, die am wenigsten in der Lage sind, Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz zu ertragen?

WohngebietNein, wir wollen heute gar nicht das Neubau-Wohngebiet-Argument machen. Sie wissen schon. Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität ist vor allem in der Mittelschicht schick, aber wehe, ein Türke, dessen Frau ein Kopftuch trägt, kauft das Nachbarhaus, stört die Monotonie aus Vorgarten und Kinderspielburg durch Abweichung, durch Pluralität.

Nein, wir haben heute am Frühstückstisch über etwas diskutiert, was im Neo-Institutionalismus und mit Bezug auf Erving Goffman als Vorder- und Hinterbühne bekannt ist. Neo-Institutionalisten gehen davon aus, dass Erwartungen und Normen, die in Form von Institutionen an Akteure herangetragen werden, deren Verhalten beeinflussen, wenn nicht determinieren. Da Erwartungen, die von unterschiedlichen Institutionen ausgehen, die dumme Eigenschaft haben, nicht homolog zu sein, führen Akteure eine Trennung zwischen dem ein, was sie auf der Vorderbühne darstellen, den anderen erzählen, und dem, was sie auf der Hinterbühne ausführen.

Man kann das auch Heuchelei nennen, aber irgendwie klingt die neo-institutionalistische Darstellung besser.

Goffman TheaterWie dem auch sei: Viele Deutsche geben auf der Vorderbühne den Toleranten, den sich an Diversität Freuenden, den Pluralismus-Enthusiasten, den Akzeptanz-Fetischisten, um dann auf der Hinterbühne zum intoleranten Akteur zu werden, dessen einziges Ziel darin besteht, Pluralismus einzuschränken, Diversität zu unterbinden, Akzeptanz auf die Dinge zu beschränken, die ihm genehm sind, und Toleranz für sich einzufordern, aber nicht anderen entgegen zu bringen.

Hier ein paar Beispiele

  • Seit Jahren wird gegen ein Feindbild zu Felde gezogen, das unter den Bekämpfern als Maskulinität bekannt ist. So hat Joane Nagel im Jahr 1998 einen Beitrag zusammengeschrieben, in dem sie Maskulinität, Nationalismus und Militarismus als Ausgeburt derselben Quelle dingfest macht. Ein wahres Fest für alle Intoleranten, die nunmehr losgezogen sind, um Maskulinität mit den unterschiedlichsten negativ konnotierten Ismen und sonstigen Verwerflichkeiten zu füllen: von Stolz und Ehre bis zu Standhaftigkeit und Prinzipientreuen, von Machismo bis Hanteltraining. Daraus haben sie dann die Notwendigkeit abgeleitet, Maskulinität und alles, was sie als Äußerung davon ansehen, zu bekämpfen. Wir finden hier zwei psycho-pathologische Prozesse am Wirken: Einerseits wird die eigene Angst und Abwehr von Dingen, die als fremd und gefährlich wahrgenommen werden, unter einem übernommenen Label, hier Maskulinität, gesammelt, andererseits wird die Behauptung, Maskulinität sei schlecht und z.B. über die Verbindung mit Nationalität anti-pluralistisch, anti-divers oder intolerant gegenüber anderen, zum Anlass für eine eigene Projektion genommen, die sich gegen das, was man als Maskulinität versteht, richtet, ihm mit Intoleranz und nicht-Akzeptanz gegenübertritt und somit die Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen zerstört. Die Lehre vom neuen, gleichgeschalteten Mann löst die Vielfalt früherer Entwürfe von Männlichkeit ab. Der dürre mittelalte Familienvater ohne erkennbare Züge (you would pass him on the street without noticing) tritt an die Stelle des markanten Kerls.
  • Kleine Hexe unzensiertDer Zeitgeist will es so, dass Normalitäten früherer Jahre heute als Rassismus oder Frauenfeindlichkeit oder was auch immer interpretiert werden. Wieder wird die Etikettierung konkreter Inhalte, wie z.B. der Zeichnungen in Tim und Struppi, der Worte “Neger” oder “Zigeuner” als Rassismus, also eine Zuschreibung durch Betrachter, Leser oder Zuhörer, benutzt, um Vielfalt, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus zu feiern und die Feier der Vier zum Anlass zu nehmen, sie einzuschränken, wenn z.B. Neger und Zigeuner als Begriffe aus Kinderbüchern beseitigt werden oder abwertende Zeichnungen von z.B. Schwarzen zum Anlass genommen werden, um Kinderbücher umzuschreiben oder gleich ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Haben Kinder eigentlich kein Recht auf Geschichte, kein Recht darauf, zu sehen, dass zu anderen Zeiten bestimmte Ansichten geherrscht haben, die man heute als falsch oder rassistisch ansieht? Ist es wirklich notwendig, den Zeitgeist und die eigene Zuschreibung dessen, was z.B. rassistisch oder frauenfeindlich sein soll, so zu überhöhen, dass sie für andere zum Gesetz wird und deren Freiheit auf Wahrnehmung einschränkt, ihnen eine brave new world vorgaukelt, die es nicht gibt und nie gegeben hat?Man muss sich unwillkürlich fragen, wie weit die entsprechenden Gutmenschen ihre eigene Psychose eigentlich treiben wollen, wie lange es dauert, bis sie merken, dass sie nicht sonderlich glaubwürdig sind, wenn sie auf der Vorderbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität verkünden und auf der Hinterbühne Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität bekämpfen.
  • Nehmen wir die Baden-Württembergische Landesregierung und ihren Bildungsplan 2015 als letztes Beispiel. Die Akzeptanz und Toleranz der Baden-Württembergischen Landesregierer, ihre Achtung vor dem Freien Willen ihrer Bürger und deren Fähigkeit, selbständig zu denken, ist so groß, dass sie bestimmte Gegenstände erst gar nicht zulassen wollen. Die Vorstellung, es könnte Menschen geben, die weder Homosexuelle noch Intersexuelle mögen, ist ihnen so ein Graus, dass sie die Entsprechenden stigmatisieren und zu Abnormitäten deklarieren, denen man nicht tolerant gegenüber treten könne, die man nicht akzeptieren könne. Der Ruf nach Akzeptanz und Toleranz gegenüber nicht-Herosexuellen führt dazu, dass die Welt in Schulbüchern bereinigt wird und diejenigen, die nicht-Heterosexuelle ablehnen, einfach getilt werden.

Die drei Beispiele zeigen, wie vermeinliche Kämpfer für Toleranz, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus, das, wofür sie zu kämpfen vorgeben, in ihrem Kampf beseitigen und Gleichstellung betreiben: Gleichstellung des richtigen Mannes, der richtigen Art, wie ein neuer Mann sich zu gerieren hat. Abweichung ist nicht vorgesehen; Gleichstellung der Geschichte, indem Darstellungen vergangener Jahrhunderte gefälscht werden und eine Auseinandersetzung mit anderem Denken verunmöglicht wird, Gleichstellung der sozialen Welt, indem das Recht, bestimmte Lebensstile nicht zu mögen, beseitigt wird.

Es ist schon seltsam, wie emsig die vermeintlichen Pluralisten an der Beseitung von Pluralismus arbeiten, wie sie die Diversität immer dann, wenn sie ihnen nicht passt, durch Normierung des einzig Richtigen beseitigen und Akzeptanz und Toleranz immer da verweigern, wo im Ergebnis soziale Gleichschaltung vermieden würde.

age-trickUnd ganz schnell sind die Kämpfer mit dem Ruf nach oder dem Entwurf einer Regelung bei der Hand, sind sie bereit, die Einschränkungen, die sie dem Leben anderer auferlegen wollen, verbindlich zu machen. Regelungen und Gesetze sind kodifizierte Handlungserwartungen. Wenn Rassismus unter Strafe gestellt wird, verbindet sich damit die Erwartung, dass niemand mehr rassistisch ist (was immer das auch konkret bedeuten mag). Regelungen sorgen für Sicherheit im Alltagsleben. Die Erwartungen, die man dem Verhalten Dritter entgegenbringt, haben nun eine hohe Wahrscheinlichkeit, erfüllt zu werden. Und damit sind wir am Kern der ganzen Psychose, die viele Kämpfer für Toleranz und Akzeptanz, für Pluralismus und Diversität anzutreiben scheint: Es ist ihre eigene Angst vor den Konsequenzen von Toleranz und Akzeptanz, ihre Angst für Pluralismus und Diversität.

Man stelle sich den Einbruch afrikanischer Lebensfreude in ein schniekes Wohngebiet in Paderborn vor, oder das Erschrecken des Pluralisten, wenn er mit einem Polizeibeamten konfrontiert ist, dessen Eltern aus Angola nach Deutschland gekommen sind. Stellen Sie sich die Schwierigkeit vor, die es dem selbsterklärten Intellektuellen bereitet, seinem Kind bestimmte Darstellungen in Kinderbüchern in ihren historischen Bezügen zu erklären. Schlimmer noch: Was tun, wenn die Tochter einen Freund mit nach Hause bringt, der nach allem äußeren Anschein aus dem Maghreb stammt?

Nein, zuviel Diversität und Pluralismus, zu viel Akzeptanz und Toleranz ist nicht gut für die Seele und den Geist der Kämpfer für Diversität und Pluralismus und Akzeptanz und Toleranz. Zuviel davon bringt ihr inneres Gleichgewicht durcheinander und ihre Angst davor, dass etwas anders als erwartet sein könne, in Wallung. Deshalb: Verbieten, alles verbieten, vor allem Diversität und Pluralismus.

Eigentlich ist es logisch recht einfach zu argumentieren, warum ein allumfassendes Gut wie “Freiheit”, “Diversität” oder “Pluralismus” nicht eingeschränkt werden kann, denn es gibt keine %ige Freiheit, kein richtiges Maß für Diveristät und keine korrekte Menge an Pluralismus. Es gibt alles nur uneingeschränkt. Eingeschränkte Freiheit ist keine Freiheit, reglementierte Diversität ist keine Diversität und normierter Pluralismus kein Pluralismus. Wenn logische Zusammenhänge, die derart offensichtlich sind, dennoch nicht eingesehen werden, dann gibt es in der Regel zwei Erklärungen: Entweder die Nicht-Einsichtigen sind krank oder sie wollen Dritte beherrschen. Bitte wählen Sie!

Nagel, Joane (1998): „Masculinity and Nationalism: Gender and Sexuality in the Making of Nations”. In: Ethnic and Racial Studies, Nr. 21, S. 242-269.