Headbanging III: MOTÖRHEAD und Headbanging

Headbanging I: Enge Kulturen

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Headbanging III

Wem es noch nicht reicht, dem kann geholfen werden. Ariyan Pirayesh Islamian, Manolis Polemikos und Jochim K. Kraus haben im Lancet einen Beitrag von genau einer Seite Länge veröffentlicht, der mit “Chronic subdural heamatoma secondary to headbanging” überschrieben ist und wie folgt endet:

Motörhead“This case serves as evidence in support of Motörhead’s reputation as one of the most hardcore rock’n’roll acts on earth, if nothing else because of their contagious speed drive and the hazardous potential for headbanging fans to suffer brain injury” (102).

Wir befinden uns in Gutmenschen-Terrain.
Opfer: Dieses Mal nicht Nutella, sondern Motörhead.
Gegenstand der Besorgnis: Dieses Mal nicht Adipositas, sondern ein Hämatom im Gehirn
Objekt der Besorgnis: ein 50 Jahre alter Mann.
Tatort: Klinik für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover

Ein 50 Jahre alter Mann hat sich im Januar 2013 am Zentrum für Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover vorgestellt und über Kopfschmerzen geklagt, die immer stärker würden.

Die Klage war zunächst ein Rätsel. Der Mann sei bislang neurologisch nicht auffällig gewesen, habe bestritten, Drogen zu nehmen und neurologische Standarduntersuchungen hätten gezeigt: nichts, jedenfalls nichts, was für die Kopfschmerzen als Verursacher dingfest gemacht werden konnte, so berichten die Autoren.

Eine Computertomographie brachte es dann an den Tag: Ein sudurales Hämatom, also eine Ansammlung von Blut zwischen Schädel und Gehirn. Das Hämatom wurde entfernt, und der Kopfschmerz verschwand. Die Ursache der Kopfschmerzen war damit dingfest gemacht: das subdurale Hämaton.

Aber was ist die Ursache des subduralen Hämatoms? Start headbanging!

Vier Wochen bevor der 50 Jahre alte Mann sich in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, hat er sich auf ein Konzert von Motörhead verirrt und dort vermutlich aufs Heftigste, so wie man das als 50jähriger eben noch kann, geheadbangt.

Zwei Wochen, bevor sich der 50 Jahre alte Mann in die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule in Hannover verirrt hat, haben Kopfschmerzen bei ihm eingesetzt.

Damit ist klar: Motörhead ist schuld.

HeadbangingDas durchschnittliche Motörhead headbanging verursachte, subdurale Hämatom benötigt vier Wochen um voll in Erscheinung zu treten und zwei Wochen, um sich zu einem ständig steigenden Kopfschmerz zu entwickeln. Das Motörhead headbanging Hämatom kann nur durch Headbanging bei Motörhead verursacht werden, weshalb demnächst Motörhead-Konzertkarten nur noch mit einem Warnhinweis verkauft werden: Motörhead-Konzert-Headbanging kann (oder wird) bei einem der 50jährigen Besucher dieses Konzerts zu einem subduralen Hämatom führen, das ihn dazu veranlassen wird, vier Wochen nach dem Konzert in der Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover vorstellig zu werden.

Denn: Motörhead ist die härteste der Hardrock-Bands, weshalb das headbanging für 50jährige aus oder aus der Umgebung von Hannover besonders gefährlich ist.

Wer denkt, die Hannoveraner Neurochirurgen wären vielleicht übergeneralisierend und ihnen am Ende einen Fehlschluss der hasty generalization unterstellt, der unterschätzt die Notwendigkeit, in Zeiten knapper Kassen auch als Neurochirurg Marketing in eigener Sache zu betreiben. Und vor allem die geniale Verbindung des subduralen Hämatoms mit dem headbanging bei Motörhead, hat garantiert, dass die Meldung um die Welt ging und dass sich selbst Mikkey Dey zu einer Stellungnahme genötigt sah.

Dabei auf der Strecke geblieben ist, dass die drei Hannoveraner Neurologen die Kausalität des Motörhead Konzertes für ihren Einzelfall trotz einer Zyste, die sich in der mittleren Schädelgrube des 50 jährigen Mannes findet, behaupten.

Und jetzt darf geheadbangt werden, es sei denn, sie sind 50 Jahre alt, aus oder aus der Gegend von Hannover, haben eine Zyste in der mittleren Schädelgrube und tragen sich mit der Absicht, in vier Wochen die Neurochirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover aufzusuchen.

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Headbanging I: enge Kulturen

Headbanging III: Motörhead und Headbanging

Headbanging II

Die deutsche Gesellschaft für Soziologie unterhält ein eigenes Blog, in dem unterschiedliche Soziologen für einen langen Monat sich Themen aus den Fingern saugen müssen. Derzeit gibt es dort einen Appell von Heinz-Jürgen Voss, einen Appell zur Solidarität, zur Solidarität mit einer von ihm “sehr geschätzte[n] Kolleg_in”, die “Professor_in Tuider”. “Professor_in Elisabeth Tuider forscht für eine zeitgemäße und demokratische soziale Arbeit”, so heißt es in dem Aufruf, und davon abgesehen hat sich Elisabeth Tuider einen Namen damit gemacht, dass sie den Sexualkundunterricht in der Schule in einer Weise revolutionieren will, der die Porno-Filter in Web-Browsern in Zukunft unnötig macht, da die entsprechenden Seiten hinter dem zurückbleiben, was Kindern und Jugendlichen in Schulen gelehrt wird.

HeadbangingNicht nur offenbart Frau Professor_in Tuider in ihren Vorschlägen eine intime Sachkenntnis, die auf rege Frequentierung einschlägiger Angebote schließen lässt, auch ist sie mit ihren “70 praktischen Vorschlägen” auf massiven Widerstand gestoßen, Widerstand in Form von massiven und zum Teil auch sehr deutlichen Protestkommentaren auf den Seiten der Hannoverschen Allgemeinen (die Kommentare wurden zwischenzeitlich entfernt).

Und es geht weiter in den Worten von Heinz-Jürgen Voss:

“Ein Shitstorm, der am 3. Juli 2014 auf Facebook losgetreten wurde und nun bis hin zu Vergewaltigungs- und Mordaufrufen reicht, … geht von Akif Pirinçci aus, dem Autor des Buches „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Pirinçci schreibt in der Art eines Thilo Sarrazin, nur vulgärer.”

Das ist eine strafrechtliche relevante Behauptung, bei der wir hoffen, Herr Voss kann sie auch belegen, sollte es notwendig werden. Der Solidaritätsaufruf geht in der Weise, wie er hier dargestellt ist, weiter und endet mit den folgenden salbungsvollen Worten:

“Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung schätzt ihre Expertise, die für konkrete sozial- und sexualwissenschaftliche Forschungsprojekte eingeholt wird. Professorin Tuider gehört zu den großen Wissenschaftler_innen, die man in einer demokratischen Gesellschaft schätzt. Dass sie damit Hetzern vom rechten Rand ein Dorn im Auge ist, ist klar. Genau deshalb ist Solidarität wichtig, damit rechte, ausgrenzende Positionen nicht die Oberhand gewinnen.”

Wir haben es also mit einem Kampf der Guten gegen die Bösen zu tun und damit in diesem Kampf von weiß und unbefleckt, gegen schwarz und dreckig nicht eine Graustufe eingeführt wird, hat man einen Kommentar, den Akif Pirincci im Soziologenblog veröffentilch hat, zwischenzeitlich gelöscht. Wenn es darum geht, solidarisch zu sein, sich gegen Rechts zu wenden und vor allem, sich seine Vorurteile nicht durch Realität und am Ende noch Wahrnehmung von oder gar Diskussion mit zum Feind erklärten Personen zerstören zu lassen, dann kennen selbst die offensten unter den offenen und progressiven Soziologen nur das Mittel der Zensur: Denn schon seit der Kontakthypothese ist bekannt, dass Vorurteile geringer werden, ja verschwinden, wenn man mit dem Subjekt, gegen das sich die Vorurteile richten, konfrontiert ist, selbst Soldaten im Krieg haben Probleme, Feinde zu erschießen, wenn sie sie kennen. Soweit lassen es Soziologen nicht kommen: Deshalb Zensur.

Aprospos Zensur – Hier der zensierte Kommentar:

Pirincci

Wenn man diese Aufgaben, die Frau Tuider Kindern und Jugendlichen stellen will, durchliest, fragt man sich zum einen was Tuider in ihren Arbeitszeiten macht, zum anderen muss man feststellen, dass die Zensur im Soziologenblog gar nicht Akif Pirincci trifft, sondern Elizabeth Tuider. Da der Kommentar von Pirincci ausschließlich aus Beispielen besteht, die auf Tuider zurückgehen und die abschließende Frage nicht als Beleidigung oder sonstiger Verstoß gegen die Netikette angesehen werden kann, bleibt nur der Schluss, dass der Einbruch der Realität in die heile Welt der soziologischen Solidarität die dortigen Leser schamrot und mit der Gewissheit zurück gelassen hat, dass Tuider im O-Ton den Lesern des Blogs nicht zumutbar sei.

Und als Soziologen sind wir auch dieser Meinung oder im O-Ton: “Wir sind Soziologen, wir sind nicht pervers!”

Noch ein guter Rat zum Schluss: Da das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Expertise von Frau Tuider schätzt, wie Herr Voss weiß, schlagen wir vor, die 70 praktischen Vorschläge an den Bediensteten des BMBF inklusive der Ministerin zu erproben. Wenn die Vorschläge so normal sind, wie Herr Voss glaubt, dann werden die Bediensteten beim Ministerium sicherlich kein Problem damit haben, beim nächsten Gruppentreffen, Analverkehr zu üben.

Headbanging I: Enge Kulturen

Wir üben uns heute in der Kunst des “headbangings”, eine Kunst, die unter Heavy Metall Fans weit verbreitet ist. Auf Betrachter wirkt Headbanging wie der kontinuierliche Versuch, allen Unsinn der Welt aus seinem Gehirn zu schütteln, und in dieser Variante rufen wir heute zum “headbanging” auf.

Headbanging I:

Soo Min Toh und Geoffrey Leonardelli berichten im Blog der Harvard Business Review von ihrer Arbeit.

Ihre Arbeit hat Strategien, um Frauen in Führungspositionen zu befördern, zum Gegenstand. Der Begriff “Strategie” wird neuerdings in der Bedeutung von Manipulation zuweilen auch in der Bedeutung von Zwang benutzt. Beide Bedeutungen finden sich bei Min Toh und Leonardelli.

HeadbangingMin Toh und Leonardelli haben nämlich Kulturen im Hinblick auf ihre kulturelle Enge (Tightness) untersucht, wobei sie mit kultureller Enge den Grad meinen, in dem geltende Normen klar sind und von den Autoritäten durchgesetzt werden. Enge Kulturen finden sich in Pakistan, China und in Deutschland, offene (loose) Kulturen in den USA, Kanada und Neuseeland.

Wenn man nun den Anteil von Frauen in Unternehmensleitungen erhöhen will, weil man beschlossen hat, dass man das will, dann gibt es, wie Min Tog und Leonardelli schreiben, zwei vermeintliche Strategien, die von der Kultur abhängig sind: In offenen Kulturen müsse man irgendwie weibliche Führervorbilder schaffen, um Frauen, die aufgrund ihres evolutionären Erbes nicht glaubten, zum Führer zu taugen, zu zeigen, dass es doch geht – oder so. In engen Kulturen wie Deutschland ist das nicht notwendig: Hier reiche staatlicher Zwang, denn: wenn die Autoritäten einen Frauenzwang in Unternehmensleitungen einführen, beeilen sich alle, dem neuen Zwang auch Rechnung zu tragen.

Nun zum Headbanging:

“Such strong policy is unlikely to be seriously considered or successful in looser societies. Authorities are more likely to put forth quotas with weak or no sanctions, and the citizenry maybe more resistant, preferring to let capable women rise through the ranks organically“.

Zwang ist also das Mittel der Wahl, wenn ohne Rücksicht auf Verluste und vor allem ohne Rücksicht auf die Fähigkeiten von Frauen, Letztere in Führungspositionen gehievt werden sollen. Das Mittel ist für enge Kulturen wie Deutschland geeignet. Dagegen sieht in offenen Kulturen wie den USA die Bevölkerung doch lieber fähige Personen an der Spitze von Unternehmen.

Eine bessere Beschreibung dessen, worum es bei der sogenannten Frauenförderung geht, haben wir bislang nicht gefunden!

 

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Land der Phantasten und Affektredner

Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Phantasten und Affektredner geworden.

Bereits in der Vergangenheit haben wir in einem Beitrag einen Punkt angetippt, den wir als Nukleus der Zerstörung einer auch in Deutschland noch rudimentär vorhandenen Wissenschafts- und demokratischen Kultur ansehen: Die Ausbreitung von Affektrednern nun auch in Universitäten, nachdem Sie bereits weite Bereiche des öffentlichen Lebens durchsetzt haben.

Affektredner, das sind für uns Menschen, die Behauptungen aufstellen, die ihnen (a) gut gefallen, an denen sie (b) emotional hängen oder von denen sie sich (c) einen Vorteil versprechen und von denen sie (d) keinerlei Ahnung haben, ob sie richtig sind.

Logik der ForschungDer entscheidende Punkt an dieser Definition ist Punkt (d). Er beschreibt das mutwillige Aufstellen von Behauptungen, für die nicht einmal die Spur eines Beleges vorhanden ist: Vollmundiges Angeben hat man das früher genannt, von Menschen, die den Mund zu voll nehmen, hat man früher gesprochen. Heute scheint das den-Mund-zu-voll -Nehmen die Normalität geworden zu sein, und was besonders fatal ist, es scheint die Normalität in der Wissenschaft geworden zu sein.

Wer sich mit den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Themen beschäftigt, von Fragen der Bildung über soziale Ungleichheit, von politischer Ideologie bis zur Ökonomie, von Managementlehren bis zu Fragen erneuerbarer Energien, der kommt über kurz oder lang nicht umhin eine Gemeinsamkeit zu finden, die alle Bereiche überspannt: Empirische Untersuchungen, in denen eine Fragestellung entwickelt und geprüft wird, sind Mangelware. Wenn es sie überhaupt gibt, dann finden sie sich zumeist in grauen Papieren oder internationalen, nicht jedoch oder so gut wie nicht, in deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften.

An dieser Beobachtung ändert auch der häufiger anzutreffende Versuch nichts, Daten in welcher Form auch immer in eine Arbeit einzubauen. Die entsprechenden Versuche sind in der Regel von keinerlei Sachverstand über Fragen der Datenerhebung getrübt. An die Stelle des entsprechenden Sachverstands tritt die Überzeugung, dass man eklektizistisch ein paar Dinge aus der Empirie entnehmen könne, um die eigene Behauptung zu bestätigen. Mit empirischer Sozialforschung hat dies soviel zu tun wie das Morgengebet im Vatikan mit wissenschaftlichem Fortschritt.

An Stelle empirischer Arbeiten, die einer Fragestellung und der Prüfung gewidmet sind, findet man eine typisch deutsche Version vermeintlich wissenschaftlicher Arbeiten, die von einem Anliegen des Schreibers getrieben sind und keinerlei Versuch unternehmen, dieses Anliegen mit empirischen Fakten zu konfrontieren. Diese Form deutscher vermeintlicher Wissenschaft gibt es als Verlautbarungswissenschaft und als Affektwissenschaft.

Verlautbarungswissenschaft kommt regelmäßig in dem Tenor daher: “Ich aber sage euch” (und ihr glaubt es gefälligst). Verlautbarungswissenschaft nimmt ihre Legitimation daraus, dass der Verlautbarer denkt, er habe eine wissenschaftliche Position inne und müsse entsprechend Wissenschaftler sein. Das bedeutet, dass er dem, was er von sich gibt, einen höheren Stellenwert zuweist, als dem, was ein Normalbürger von sich gibt. Wodurch diese Arroganz gerechtfertigt ist, ist unklar, denn Verlautbarungswissenschaftler können in der Regel keinen Grund angeben, warum das, was sie sagen, relevanter sein soll als das, was andere, die keine wissenschaftliche Position inne haben, sagen.

SokalUm über diesen Umstand hinwegzutäuschen, bedienen sich die Verlautbarungswissenschaftler einer Sprache, die so gesteltzt ist, dass selbst sie beim nächsten Lesen Schwierigkeiten haben, zu benennen, was sie eigentlich in den vielen von ihnen benutzen Worten ausdrücken wollten. Sätze wie: “In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen verfolge ich ein Verständnis, das Diskurse als institutionalisierte Regelsysteme von Bedeutungen und Wissen versteht, die sich als handlungsleitend für Subjekte konstituieren und sowohl Macht strukturieren als auch institutionell materiell werden” (Claus, 2014, 102). Bei solchem verbalen Unsinn hat man regelmäßig den Eindruck, der Autor verfolge im wahrsten Sinne des Wortes einen Ansatz, allerdings ohne ihn jemals einzuholen.

Die treibende Kraft hinter Verlautbarungswissenschaftlern ist ihr Auftrag. Dabei handelt es sich entweder um einen ideologischen Auftrag, der sich in der entsprechenden Gesinnung niederschlägt oder um einen Auftrag, der ihnen von einer sie bezahlenden Institution zugewiesen wurde.

Neben den Verlautbarungswissenschaftlern, die ihren Unsinn in wortreiche Satzkonstruktionen durchsetzt mit Nomen und nominalen Konstruktionen verpacken, so dass naive Zeitgenossen der Meinung sind, hier handle es sich um wichtige Gedanken (Wohl niemand hat den Affektrednern so sehr die Luft abgelasen wie Karl Raimund Popper in seiner Übersetzung von Habermas, gibt es noch Affektwissenschaftler. Sie nutzen ihre Texte dazu, um einem vermeintlich tiefen Empfinden, das sie zu haben sich einbilden, von dem sie aber nicht wissen, warum sie es haben, Ausdruck zu verleihen, und damit eine Leserschaft zu beglücken, in der niemand weiß, was ihm die emotionalisierte Anekdote sagen will, sofern er nicht selbst von einer tiefen Emotion, die gerade anschlussfähig ist, weggespült wird.

Diese beiden Formen von institutionalisierten Wissenschaftlern, bei denen es sich nicht um Wissenschaftler, sondern um Scharlatane handelt, finden sich zu Hauf an deutschen Universitäten (Beispiele finden sich z.B. hier und hier). Die Verbreitung der “wie es mir beliebt” oder “wie kommt mir die Welt vor” oder “was mir gefällt” Wissenschaft hat zur Folge, dass wissenschaftliche Standards sinken und jeder, der schreiben kann, meint, er habe zu bestimmten Themen etwas mitzuteilen, sei deshalb ein Experte mit Expertise, weil ihm der Auftrag erteilt wurde, eine Expertise zu erstellen.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat in einem Kommentar sehr deutlich gemacht, dass gerade das, was das Erstellen eines interessanten und informierten wissenschaftlichen Textes erst möglich macht, nämlich das Vorhandensein von Expertise, von Wissen und Erfahrung beim Schreiber, in Deutschland kaum mehr mit einem wissenschaftlichen Text  oder einer Expertise in Verbindung gebracht wird. Wie viele Begriffe, so ist auch der Begriff der Expertise völlig sinnentlehrt. Folglich kann ein Student der Genderwissenschaft, der alle Kenntnisse über Methoden und wissenschaftliche Standards vermissen lässt, dem Glauben anheimfallen, er sei Experte und könne wissenschaftliche Texte verfassen, die sich durch Expertise auszeichnen.

AndreskiDie Aushöhlung der Begriffe und die damit notwendig verbundene Beseitigung von Standards hat bereits dazu geführt, dass man in Deutschland Texte als wissenschaftliche Beiträge veröffentlichen kann, die in anderen Ländern und in der dortigen Wissenschaftscommunity lediglich zu Erheiterung führen würden. Die Konsequenzen dieser Zerstörung von Normen und Standards sich jedoch weitreichender.

Die Konfrontation von Aussagen mit der Wirklichkeit ist der einzige Weg, um überhaupt etwas zu lernen, um Fortschritt und Erkenntnis zu erzielen. Wer diese Konfrontation meidet oder gar nicht weiß, was man von ihm will, wenn man ihn nach Belegen für seine Behauptungen fragt, nimmt entsprechend einen mentalen Regress. Eine Gesellschaft, in der die Standards so weit gefallen sind, dass es möglich ist, unfundierte Behauptungen als wissenschaftliche Aussagen auszugeben, eine Gesellschaft, in der der Öffentliche Diskurs nicht darüber geführt wird, ob eine Behauptung mit der Realität im Einklang steht, sondern darüber, ob eine bestimmte Behauptung ideologisch wünschenswert und gut ist oder nicht, in einer solchen Gesellschaft vollziehen sich ein kognitiver Regress und ein Brain-Drain der besonderen Art: Diejenigen, die die alten Standards noch kennen und auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Wert legen, wandern ab oder äußern sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Als Folge degeneriert der öffentliche Diskurs weiter. Konsequenterweise finden sich Leute ein, die behaupten, um des Behauptens Willen. Schließlich wird eine Gefahr Wirklichkeit, die kein Demokratietheoretiker thematisiert hat: In kognitiv regressiven oder degenerierenden Gesellschaften, in Gesellschaften in denen der Diskurs von spontan verbalisierenden Affektrednern berherrscht wird,  herrschen Unvernunft und Unverstand. Sie regieren gegen die Wirklichkeit an, mit allen Konsequenzen, die dies für diese Gesellschaften hat und solange es sich eben durchhalten lässt.

Insofern machen sich die Wissenschaftler, die am Rande stehen und der Zerstörung ihrer Wissenschaft durch Ideologen, Genderisten, Sozialisten, durch Verlautbarungs- und Affektwissenschaftler zusehen, nicht nur an der Wissenschaft, sondern an der Gesellschaft als Ganzer schuldig. Aber: Schweiger ist der meisten deutschen Wissenschaftler beste Rolle. Österreicher, zum Beispiel, bringen den Mund auf, wo deutsche Wissenschaftler schweigen, schweigen, weil sie zwar nicht den Mund, dafür aber die Hosen voll haben.

©ScienceFiles,2014

Der Maskulismus

Kennen Sie den Maskulismus? Der Maskulismus ist ein neues Gespenst, das in Deutschland umgeht. Der Maskulismus steht im Bündnis mit dem Patriarchat, er ist wahlweise rechtsradikal, rechtsextrem, manchmal kommt er rassistisch oder migrantisch daher, zuweilen sammelt er Frauenhasser auf und in jedem Fall ist der Maskulismus ein einträgliches Zubrot für all diejenigen, die ihn erfinden, um über ihn schreiben zu können, angebliche Expertisen zum Beispiel.

ismUnd hier ist es gut, dass der Maskulismus ein “ismus” ist, wie der Rechtsextremismus, der Sozialismus, der Kommunismus, der Liberalismus, wie alle ismen, die man in der Realität nicht findet. Deshalb muss man über “ismen” schreiben, weil man “ismen” konkret nicht finden kann – oder haben Sie schon einmal einen Rechtsextremismus in Aktion gesehen? Vermutlich werden manche, die ihr Auskommen mit dem Kampf gegen Rechtsextremismus erzielen, nun einwenden, dass es Fremdenhass gebe, dass Rechtsextreme entsprechende Meinungen in Wort und Schrift verbreiten, Meinungen, die wiederum diejenigen, die den Rechtsextremismus bekämpfen, erst als Rechtsextremismus etikettieren müssen. Das ist das Schöne am Rechtsextremismus, man schafft ihn erst durch Interpretation, um ihn dann bekämpfen zu können.

Ismen kommen nur in der Welt der Worte und Gedanken vor, sie bilden einen ideologischen oder weltanschaulichen Background, vor dem gehandelt wird. Und erst jetzt wird es interessant. Rechtsextremismus ist so harmlos wie Feminismus, so lange nicht auf Grundlage beider Externalitäten für Dritte produziert werden. Was den Rechtsextremismus gefährlich macht, ist – wenn jemand, der sich für rechtsextrem hält, weil er eine ihm vorgegebene Definition übernimmt, einen Menschen anderer Hautfarbe nur deshalb verletzt, weil er anderer Hautfarbe ist. Das ist dann wie im Feminismus, in dem Menschen nur deshalb diskriminiert und in ihren Berufschancen verletzt werden, weil sie das falsche Geschlecht haben, weil sie männlich sind. In ihren menschenverachtenden Auswirkungen geben sich Feminismus und Rechtsextremismus nichts. Wie alle Ideologien sind sie genau dann gefährlich, wenn sie gegen Dritte durchgesetzt werden sollen, die die Ideologie nicht teilen.

Deshalb ist der Liberalismus die einzige humane Ideologie, denn Liberale wollen Dritten nichts aufzwingen, sie achten und bewahren die Räume, in denen freie Entscheidung stattfindet, ganz im Gegensatz zu anderen Ideologien und ganz im Gegensatz zu denen, die sich liberale Paternalisten nennen und doch nur Sozialisten in Maske sind.

Im Grunde gibt es nur Menschen mit Interessen. Der Einfachheit halber kann man – wie wir vorschlagen – sie in offensive und defensive Interessen unterscheiden. Offensive Interessen richten sich auf den eigenen Vorteil, defensive Interessen haben den Versuch zum Gegenstand, Nachteile zu vermeiden. Interessen in institutionalisierter Form werden häufig zu “Ismen”, zu einem ideologischen Dachverband, in dem sich Vertreter bestimmter Interessen treffen. Zumeist handelt es sich dabei um offensive Interessen, deren Durchsetzung man im Verband mit anderen sucht. Der Versuch, seine Interessen durchzusetzen oder an gesellschaftliche Ressourcen zu gelangen, ist um einen ideologischen harten Kern angereichert, einer geteilten Mythe, die instrumentalisiert wird, um Vorteile zu erzielen. Feminismus ist entsprechend der Versuch, sich mit der Behauptung, Frauen seien Opfer oder benachteiligt, Vorteile zu verschaffen. Sozialismus ist der Versuch, mit der Behauptung, man kümmere sich um Arme und Deprivierte, Vorteile zu erlangen. Konservatismus ist um die Bewahrung nicht definierter, aber dennoch als bewahrenswert eingestufter überlieferter Werte angeordnet. Einzig Liberalismus schert wieder aus, denn Liberalismus hat einen formalen Kern. Liberale teilen die Überzeugung, dass es individuelle Freiheit zu verteidigen gilt.

SontheimerDer Streit um gesellschaftiche Ressourcen zwischen denen, die sich “ismen” zuordnen, ist ein Konkurrenzkampf, jedenfalls soll er das in Demokratien sein. Demokratien basieren auf der Idee des gleichen und uneingeschränkten Zugangs zum Wettbewerb um Ressourcen. Das ist die Theorie. Die Praxis sieht jedoch gerade oder ausgerechnet in modernen Demokratien etablierte Ismen versuchen, andere mit niedrigen Mitteln zu bekämpfen und damit den Boden, auf dem Demokratien eigentlich errichtet wurden, zerstören. Als besonders erfolgreich hat sich die Methode moralischer Panik oder kollektiver Hysterie erwiesen, bei der es darum geht, ein Schreckgespenst aufzubauen, nennen wir es Maskulismus, es mit so viel wie nur möglich negativ besetzten Konnotationen zu versehen, z.B:: “ökonomisch Prekarisierte, (Rechts-)Liberale, Vertreter… traditioneller Familienideale, Rechtsextremisten, Migranten … sowie Rassisten …” (Claus, 2014, 79) und auf diese Weise zu versuchen, legitime Interessen, die der eigenen Vorteilsnahme gefährlich werden können, aus dem demokratischen Wettbewerb auszuschließen.

Dass ausgerechent aus Steuermitteln finanzierte eingetragene Vereine, die sich aus Zwecken der Täuschung politische Stiftung nennen und als Anhängsel der Parteien dazu umfunktioniert wurden, nicht nur Steuergelder, die das Bundesverfassungsgericht den Parteien untersagt hat, an sich selbst zu zahlen, neu zu kanalisieren, sondern auch dazu, alte Recken, die sich im ideologischen Kampf bewährt haben, mit Pöstchen zu versorgen und junge Nachwuchs-Ideologen zur Erstellung vermeintlicher Expertisen, die im politischen Kampf um die eigenen Vorteile genutzt werden sollen, zu finanzieren, ist eine der Ironien der Geschichte, eine andere ist die, dass sich die SPD immer noch als Arbeiterpartei bezeichnet.

Und damit sind wir beim neuesten Versuch angelangt, legitime Interessen zu diskreditieren und aus dem politischen Diskurs auszuschließen. Man kann es auch als den neusten Versuch bezeichnen, antidemokratisches Denken in Deutschland noch salonfähiger zu machen, als es sowieso schon ist und die eigene Vorteilsnahme durch pre-emptive strikes, die alle treffen, die man als potentiell gefährlich für die eigene Nutznießung ansieht, auch in Zukunft zu sichern.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung, der Friedrich-Ebert, würde er noch leben, vermutlich den Namen entziehen würde, hat sich dieses Mal damit hervorgetan, einen furchtbaren Ismus zu schaffen, den es zu bekämpfen gilt: Maskulismus, der zwischen Antifeminismus und Frauenhass angesiedelt sein soll, ist der Feind, den die FESler auf Kosten der Steuerzahler erst aufbauen, um ihn dann zu bekämpfen. Handlanger dieses neuesten Anschlags auf die Fundamente einer demokratischen Ordnung ist ein gewisser Robert Claus, von dem man vorher nichts gehört hat und von dem man nach der Expertise mit Sicherheit nichts mehr hören wird. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und vielleicht wird ihm, wie dem letzten Naiven, der die Schmutzarbeit antidemokratischer Agitation übernommen hat, Hinrich Rosenbrock war sein Name, ein Unterschlupf bei Dissens gewährt, vielleicht.

Nebenbei bemerkt, der Titel “Maskulismus, Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass” ist natürlich völliger Unsinn und hat ungefähr die Aussagekraft von: Feminismus: Massenmord zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und offenem Kaffeekränzchen. Vermutlich ist der Sinn des Titels im Rahmen einer Diskursanalyse verloren gegangen.

Claus von Fes105 Seiten mit vielen Füllseiten hat Robert Claus über seinen Maskulismus zusammengetragen. Eine Expertise hat er verfasst, so meint er, wobei es ihm nicht ganz geläufig zu sein scheint, dass Expertise ein entsprechendes Expertentum voraussetzt, inhaltlich und methodisch. Expertisen waren frührer die Domäne alter Professoren (und im nicht-ideologischen Teil der Welt sind sie das bis heute), die einen Überblick über ein Forschungsfeld haben, weil sie sich seit Jahrzehnten damit beschäftigen. Die Schmutzarbeit antidemokratischer Agitation ist jedoch ein Feld, auf das sich ein Professor, der etwas auf sich hält, nicht begibt. Entsprechend finden wir hier genderstudierte europäische Ethnologen, die eines nicht mitbringen: Expertise.

Wir wollen uns gar nicht mit den Inhalten der falschen Expertise beschäftigen. Das wäre ermüdend. Es ist auch gar nicht notwendig, denn der Anspruch an eine Expertise beginnt bei der Methode, beginnt beim wissenschaftlichen Vorgehen. Ist es nicht vorhanden, ist die Exerptise keine Expertise, sondern belangloses Gewäsch. Und im Fall von Robert Claus, der nicht nur den Maskulismus, sondern auch den maskulistischen Diskurs erfunden hat, ist es prätentiöses und leeres Gewäsch, wie man leicht zeigen kann, wenn man das nachgeschobene Kapitel 9.3 das eine “methodische Annäherung” zum Gegenstand hat, betrachtet.

Bereits die Überschrift macht die methodische Kenntnislosigkeit des Herrn Claus deutlich, denn wer wissenschaftliche Methoden beherrscht, der muss sich ihnen nicht annähern. Wer weiss, wie er ein Interview führt, einen Leitfaden entwickelt, einen Fragebogen erstellt, der muss sich den entsprechenden Tätigkeiten nicht annähern, er geht hin, führt ein Interview, entwickelt einen Leitfaden oder erstellt einen Fragebogen. Annähern müssen sich in der Regel die Schwaller, die trunken von der eigenen Wortonanie regelmäßig Gefahr laufen, den Überblick über das eigene Gefasel zu verlieren.

Wortonanie ist die beste Beschreibung dessen, was der “Methodischen Annäherung” folgt, von der man wünschte, es hätte sie nie gegeben, werden doch hierarchische Strukturen im Denken des Herrn Claus deutlich, für die er sich schämen würde, wäre er mit einem Schamgefühl und der Fähigkeit, zu erkennen, was er schreibt, ausgestattet. So gibt es in seinem methodischen Zugang, von dem an keiner Stelle deutlich wird, worin er eigentlich besteht, die Unterscheidung von “diskursiven Eliten” und “nachrangigen Diskursteilnehmern”. Diskursive Eliten sind “Hauptakteure diskursiver Auseinandersetzungen”, was eine Definition hart an der Grenze zur Tautologie ist, “nachrangige Diskursteilnehmer” sind “Teilnehmer, … die über geringes soziales, politisches und kulturelles Kapital” verfügen. In Deutsch: Im Weltbild von Herrn Claus gibt es Führer und Verführte, ein ganz einfaches Weltbild, das man eigentlich mit dem Ende des Großdeutschen Reiches überwunden zu haben glaubte. Nicht so der anti-maskulistische Claus, für den die Welt in Deppen, die geführt werden müssen, und fiese Führer, die die Deppen führen, wohin sie gerade wollen (Missbrauch eingeschlossen), zerfällt. Das ist starker Tobak und ein klares Indiz dafür, dass Herr Claus mit faschistischen Lehren sympathisiert.

Ansonsten enthält die methodische Annäherung nichts, was man als Methode bezeichnet, nichts, was Wissenschaftler unter Methode verstehen, was auch nicht verwunderlich ist, denn bereits auf Seite 102 hat Claus verkündet, dass er nicht nach dem “Wahrheitsstatus eines Wissensbestands” sucht, sondern nach “Effekt und Form von Macht”. Abermals ins Deutsche übersetzt bedeutet dies: Claus versucht erst gar nicht eine Interpretation der Realität zu finden, die gültig ist. Es geht im darum, eine Interpretation der Welt zu finden, mit der er zufrieden ist, die seiner ideologischen Ausrichtung entspricht, und das ist eben keine Wissenschaft und es ist nicht Expertise, es ist ideologische Scharlatanerie.

Ein wissenschaftliches und methodisches Vorgehen erfordert, seine Forschung mit einer Fragestellung zu beginnen. Hat Herr Claus eine Fragestellung? Nein, denn eine Fragestellung ist eine Hypothese über die Wirklichkeit, die an der Wirklichkeit scheitern kann. Die Wirklichkeit wirkt hier als Korrektiv, was das Ende jeder Ideologie und der Grund dafür ist, dass Claus keine Fragestellung hat.

Schnell hill esserDer Fragestellung reiht sich die wissenschaftliche Vorgehensweise an, d.h. die Frage, wie die Hypothese, die man untersuchen will, untersucht werden soll. Das erfolgt in der Regel dadurch, dass man den Forschungsstand aufarbeitet und die eigene Fragestellung einordnet. Arbeitet Claus den Forschungsstand auf? Nein. Er hat ein Kapitel über “Männlichkeiten im Wandel”, von dem niemand weiß, was es an der Stelle, an der es sich findet, soll und in welcher Beziehung es zum Rest der dünnen, falschen Expertise steht.

Der Einordnung der eigenen Forschung in die bereits vorhandene Forschung folgt die Operationalisierung der Forschungsfrage, d.h. die theoretischen Konzepte müssen in messbare Variablen übersetzt werden. Hat Herr Claus eine Operationalisierung. Nein. Er hat keine theoretischen Konzepte und keine Operationalisierung. Forschung findet bei ihm nicht statt.

Die Operationalsierung wird vorgenommen, um empirisch zu messen, ob Behauptungen, die man in Form von Hypothesen aufgestellt hat, zutreffen. Je nach Erkenntnisinteresse wählt man dann die Stichprobe von Befragten oder Dokumenten aus, auf deren Grundlage man die eigene Forschungsfrage beantworten will. Dazu ist es notwendig, die Auswahl von Stichprobe oder Dokumenten zu begründen, schon um Willkür in der Auswahl von Befragten oder Dokumenten auszuschließen und zu vermeiden, dass man etwas misst, was man selbst an seine Forschung herangetragen hat. Herr Claus sammelt einfach in Foren und bei Manndat und Agens Informationen. Welcher Auswahlprozess, Zufall oder gezielte Suche auf Basis einer Forschungsfrage, hinter dem Datensammeln steht, das verrät er nicht. Wieso er ausgerechnet die Daten sammelt, die er sammelt, dürfte er dagegen ganz genau wissen: Um seine Vorurteile zu belegen, die er an seinen Forschungsgegenstand heranträgt, schließlich war dies sein Auftrag

MayringWenn Dozenten an Universitäten Anschauungsmaterial für willkürliche und ideologisch motivierte Legitimations-Pseudoforschung benötigen, Herr Claus sei ihnen wärmstens empfohlen. Man findet in seiner Arbeit nichts, was auch nur annähernd an einen wissenschaftlichen Standard erinnert, was er zusammenfabuliert ist in keiner Weise nachprüfbar, man kann es glauben oder auch nicht, aber das ist ja gerade der Zweck von ideologischen Pamphlete wie dem vorliegenden: Der eigenen Kongregation ein neues Elaborat des eigenen Glaubens zur Verfügung zu stellen, in dem das Feindbild deutlich angegeben ist. Nichts ist so gut, um Gemeinschaft zu stiften, wie die Abgrenzung gegenüber anderen, und zudem eignet sich das gepflegte Feindbild bestens, um Ressourcen zu besetzen, sich selbst ein Auskommen zu verschaffen, dass derart antidemokratische Pamphlete das Nutznießen auf Kosten demokratischer Grundlagen ermöglichen, ist dann wohl ein Kollateralschaden, der selbst dann nicht ins Gewicht fiele, wenn die Verursacher intelligent genug wären, ihn zu erkennen.

Es wäre langsam an der Zeit zu fordern, dass die politischen Vereine der Parteien, die vortäuschen, eine Stiftung zu sein, also die FES, die HBS, die KAS, die RLS und die HSS auf eigenen Beinen stehen und nicht mehr von Steuerzahlern finanziert werden. Es ist die dritte Ironie dieser Geschichte, dass Männer Steuern zahlen, um die FES und ihre bezahlten Vasallen zu finanzieren, damit sie eben diese Männer beschimpfen, diskreditiert und ihre Interessen als illegitim bezeichnet. Und was muss man wohl von einer Stiftung halten, die von denen Geld nimmt, die sie anschließend beschimpfen lässt?

Mit Robert Claus und dem Nachweis seiner nicht vorhandenen Expertise haben sich auch eine Reihe anderer Blogs beschäftigt:

Arne Hoffmann hat sich wie wir doch mit Robert Claus beschäftigt.

Lucas Schoppe schreibt von “Versteinerungen und der Angst, zu tanzen“, was ja nahe liegt.

Martin Domig bring Weinbergschnecken in Misskredit

Offene Flanke präsentiert hoffentlich keine solche.

Mein Senf gibt seinen Senf zum Claus-Werk

Die evolutionäre Perspektive auf stiftungsfinanzierten Unsinn kommt von Christian Schmidt

Elitemedium ist herabgestiegen in die Niederungen der Ideologie um Claussches zu berichten

Nichtfeminist bespricht eine “Hetzschrift” und lässt dem Clausschen Unsinn damit zuviel Ehre zukommen.

Andreas Krauser hat seine Stellungnahme als Vorsitzender von Manndat in das entsprechende Forum gestellt.

Und Hadmut Danisch sieht die SPD auf Männer losgehen.

 

 

 

Die Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien: Niemand will sie lesen

Was sich nicht alles im Spam-Ordner findet! Heute das Angebot, die Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien (fzg) im kostenlosen Abo für zwei Monate zu lesen. “Sehr gerne”, so steht im Anschreiben, “machen wir Sie auf die neue Ausgabe der Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien Bildung – Erziehung – Geschlecht aufmerksam. … Für Interessierte gibt es dieses Mal die Möglichkeit, die fzg im online Abo für zwei Monate kostenlos zu lesen.”

fzgFalls also irgend einer unserer Leser einen masochistischen Zug an sich beobachtet und seinen Intellekt foltern oder dessen Belastbarkeit testen will: Die fzg gibt es für zwei Monate umsonst, vermutlich, weil niemand dafür bezahlen mag, um das zu lesen, was Doppelnamen-Trägerinnen und andere ältliche Damen, die nicht über die schon früh bei Ihnen einsetzende Midlife-Crisis hinausgekommen sind und es Männern immer noch nachtragen, das Männer ihnen nichts nachtragen, von sich geben.

Wir haben alle unsere Resilienz zusammengenommen, alle unsere geistigen Reserven, die zum Abbau von Unsinn vorhanden sind, gebündelt, und für unsere Leser eine Art freiwillige Unsinnskontrolle durchgeführt, wir wollen ja nicht, dass jemand geistigen Schaden nimmt…

Sechs Artikel und ein Interview sind in der fzg, wie die Zeitschrift von ihren Herausgebern liebevoll abgekürzt wird, “versammelt”. Fangen wir mit dem Ende, dem Interview an, das geht am schnellsten: “Christine Riegel und Bianca Baßler im Gespräch mit Carol Hagemann-White: “Meine Forschunug ist durch und durch politisch”. Ja. Das kann man sich komplett sparen, sofern man an Wissenschaft interessiert ist. Wissenschaft ist a-politisch und Forschung, die “durch und durch politisch” ist, kann entsprechend keine Wissenschaft sein, eher, Betroffenheitsforschung oder Ideologie-Bestätigungs-Forschung oder Legitimations-Forschung, was auch immer: alles, nur keine Wissenschaft. Aufgrund vergangener Texte, die Hagemann-White veröffentlicht hat, muss man ein Lamento geschlechter-stereotyper Erziehung erwarten, das anti-liberal und pro-faschistisch daher kommt. Daher unsere Empfehlung: streichen. Lesen lohnt sich nicht.

Das Umsonst-Abo, das es online gibt, gibt es übrigens nur für registrierte Nutzer. Also haben wir ScienceFiles registriert. Allerdings hilft die Registrierung nichts. Das Umsonst-Online-Abo ändert nichts daran, dass man, um den vorhersehbaren Sermon von Hagemann-White zu lesen, noch 3 Euro zahlen soll. Wenn man 30 Euro bekäme, um Hagemann-White im Interview zu lesen, dann vielleicht, aber 3 Euro zahlen – perish the thought.

Weiter im Takt:

Der erste Artikel im Heft stammt von Christine Riegel und Elke Gramespacher, und zwar “Zur Relevanz einer geschlechterbezogenen Betrachtung von Bildung und Erziehung”. Ein solcher Titel würde, wäre man in einem wissenschaftlichen Kontext, erwarten lassen, dass argumentiert wird, warum eine geschlechterbezogene Betrachtung relevant ist, welchen Nutzen sie erbringt, welche Vorteile sich für diejenigen, die ihr unterzogen werden, ergeben. Nicht so im vorliegenden Fall:

“Soziale Geschlechterverhältnisse und Geschlechterkonstruktionen spielen im Kontext von Erziehung und Bildung eine bedeutsame Rolle”

Wir aber sagen Euch, wer Erziehung und Bildung ohne Rücksicht auf soziale Geschlechterverhältnisse und Geschlechterkonstruktionen durchführen will, der wird in der Hölle schmoren und dem wird der Platz an der Seite des Gendergottes verwehrt bleiben. Amen. Die apodiktische Formulierung des zitierten Satzes, lässt keinen anderen Schluss zu, als das hier Hohepriester einer Sekte zur Kongregation sprechen. Der zitierte Satz ist übrigens das komplette Abstract. Mehr gibt es offensichtlich nicht zusammenzufassen. Lesen muss man daher nicht mehr, die Heilsbotschaft ist klar.

Rosemarie Godel-Gaßner schreibt über die badische Mädchenschulpolitik im Kontext der ersten Koedukationsdebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist dies ein “Beitrag zur Geschichte der Koedukation”. Wir sind Pfälzer. Entsprechend hätten wir gerne etwas über die rheinland-pfälzische Mädchenpolitik im Kontext der ersten Koedukationsdebatte erfahren. Der Text ist von wenig Interesse für uns.

midlife-crisisHannelore Faulstich-Wieland, die selbst Emeritierung und fortgeschrittenes Alter nicht daran hindern, für die Beseitigung der Nachteile von Mädchen zu kämpfen (Die Kenntnisse der Empirie frieren bei manchen zu einem bestimmten Zeitpunkt ein. Bei Faulstich-Wieland muss die Wahrnehmung der Empirie in den 50er Jahren eingefroren sein, denn dass Mädchen in der Schule seit spätestens den 1980er Jahren keine Nachteile mehr haben, sondern im Gegenteil Vorteile ist bei ihr nicht angekommen), berichtet den Stand der Forschung zum Thema “Schulische Berufsorientierung und Geschlecht”. Darin geht es um ein “geschlechterstereotyp eingeschränktes Berufswahlspektrum”, was übersetzt werden kann als Ärger darüber, dass Mädchen auch nach mehr als 30 Jahren Berieselung mit feministischen Lehren der richtigen Emanzipation seltener als Jungen gewillt sind, einen Beruf zu ergreifen, der Fähigkeiten und Kenntnisse in Mathematik oder Naturwissenschaft erfordert. Entsprechend schlägt Faulstich-Wieland vor, die Indoktrination in der Schule gezielter “insbesondere unter Berücksichtigung der Genderdimension” zu betreiben, denn Gender ist Heil für alle Übel dieser Welt.

Lena Eckert sorgt sich ebenfalls um die Wirkung der Indoktrination mit Gender, vor allem, so weiß sie, sei die Integration von Gender als “Struktur- und Analysekategorie” selbst für “interessierte Lehrende” ein Problem. Deshalb hat sie “diversity und gendersensible Lehreinheiten entworfen”, die in Geistes- und Sozialwissenschaften und Informatik eingesetzt werden sollen. Wie gut, dass die Zeiten von Pascal weitgehend vorbei sind, sonst müsste die Programmsprache nunmehr eingegenderte werden, z.B. in Hildegard oder Annalena.

Wolfram Schneider, der auch bei kontinuierlicher Geschlechtsbetrachtung wohl als männlich gelten muss und Susanne Ihsen berichten von einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das die Vielfalt der Studierenden in der ingenieurwissenschaftlichen Lehre berücksichtigen will. Projekte des Ministeriums zur Beseitigung von Bildung und Verhinderung von Forschung machen uns immer neugierig, also haben wir uns angesehen, worum es in “LeWI – Lehre, Wirksamkeit und Intervention” geht:

“Im Projektverbund “LeWI” wird in zwei Phasen untersucht, welche Einstellungen Lehrende zur Lehre haben und wie diese Einstellung von persönlichen und strukturellen Rahmenbedingungen, von der Studienstrukturreform sowie von Gender- und Diversity-Aspekten beeinflusst wird. Ziel ist es, wissenschaftlich fundiertes Wissen über die Tiefenstrukturen des universitären Lehralltags und ihre Einflussfaktoren zu ermitteln. In der ersten Untersuchungsphase werden Instrumente für die empirischen Erhebungen zur Erforschung der Lehrhaltungen entwickelt und eingesetzt, hierzu gehören eine bundesweite Online-Befragung von Lehrenden, leitfadengestützte Interviews mit Lehrenden und Dokumentenanalysen. Auf der Basis dieser Befunde sollen u.a. hochschuldidaktische Weiterbildungen für Lehrende konzipiert werden.

In kurz: Zuerst wird untersucht, ob Lehrende der Ingenieurswissenschaften das offenbaren, was unter Genderisten als traditionelle Rollenvorstellung bezeichnet wird, dann wird versucht, eine “hochschuldidaktische Weiterbildung” zu konzipieren, die dazu dienen soll, Lehrenden der Ingenieurswissenschaften ihre traditionellen Rollenvorstellungen auszutreiben und sie offen zu machen, für inter-, trans-, quer-, zwischen- und intra-Sexualität, damit man sie als Multiplikatoren der Gender-Ideologie missbrauchen kann. Es wäre auch wirklich verwunderlich gewesen, wenn das BMBF etwas finanziert hätte, was nicht dazu genutzt werden soll, die eigene Bevölkerung zu indoktrinieren und umzuerziehen.

Hildegard Macha und Hildrun Brendler sind im “quartären Sektor” unterwegs und wollen zum Abbau “hierarchischer Geschlechterverhältnisse in Wirtschaftsorganisationen beitragen”, und zwar auf “theoretischer Grundlage der Intersektionalitätsforschung” und der “pädagogischen Organisationsforschung”. Dazu haben sie ein “Interventions- und Evaluationsdesign” umgesetzt und “forschungsmethodisch” begleitet. Und so weiter. Der Unsinn ist spätestens ab hier nicht mehr zu ertragen. Die großspurig als Theorie bezeichnete Intersektionalität bezieht sich auf die Banalität, dass Menschen nicht nur ein, sondern viele Merkmale besitzen. Diese Banalität feiern Genderisten als besondere Erkenntnis, die es ihnen ermöglich, neben dem Geschlechtsteil (Gender) auch noch die Hautfarbe oder Nasenkrümmung (Migrant) wahrzunehmen. An Sozialtechnologen, die intervenieren wollen, weil ihnen ideologisch nicht passt, was sie vorfinden, hat man sich fast schon gewöhnt, das ändert aber nichts daran, dass “forschungsmethodisch” eine nette Aneinanderreihung von Adjektiven darstellt, aber dennoch Unsinn im Quadrat ist. Forschung ist entweder methodisch oder sie ist keine Forschung. Wer denkt, er müsse zwischen methodischer und nicht-methodischer Forschung unterscheiden, der zeigt damit, dass er von Forschung soviel Ahnung hat, wie von Tuten und Blasen.

PhysikerSave the best for last: Den Abschluss bildet Johanna Schmitz. “Feministische Mädchen_arbeit – Ein Raum für Trans*-Jugendliche?” In diesem für den Erkenntnisgewinn unverzichtbaren Beitrag geht es um ganz erhebliche Probleme, erhebliche und gigantomanische Probleme, die sich im Mädchen*treff der Alten Feuerwache in Köln eingestellt haben. Sie kennen die Alte Feuerwache in Köln und den dortigen Mädchentreff? Dort, im Kölner Feuerwachen Mädchentreff gibt es etwas, was bemerkenswert ist: eine Auseinandersetzung. Keine körperliche, nein, natürlich nicht, eine, …, nun, eine Auseinandersetung halt, deren Anlass darin besteht, dass zwei langjährige “Besucher_innen” sich selbst “neu definiert” haben, als Trans nämlich. Ja, derart weltbewegend sind die Probleme, die sich im Mädchentreff der Alten Feuerwache in Köln eingestellt haben. Zwei Mädchen spielen wohl Junge, spielen ist hier wörtlich zu nehmen, dann wäre ihnen irgendetwas über die Problematik von Transsexualität bekannt, sie würden sicher nicht damit spielen. Aber in jedem Fall empfehlen sich “queerfeministische Praktiken wie die Lady_feste”, als “Möglichkeit, diesen Grenzen und Ambivalenzen zu begegnen”. Die Zeiten, in denen Sprache einen Sinn transportiert hat, sind seit der queeren Dämmerung offensichtlich vorbei.

Dabei wollen wir es belassen. Unser Resilienz-Potential gegen Unsinn ist weitgehend aufgebraucht. Bleibt nur noch festzustellen, dass man langsam aber sicher an die Dürrenmattsche Lösung denken soll: Wenn die Irren frei herumlaufen, ist es das Beste, sich in den Schutz von Irrenhäusern zu begeben.

Erziehungsfaschismus: weil die beste aller Welten so fragil ist

Wenn man durch den Dickicht der derzeitigen pädagogischen Ansätze machetet, dann findet man immer neue Kompetenzen, die in dieser besten aller Welten, in der wir nun einmal leben, notwendig sind, um auch richtig zu leben. Die neuste Blüte, die wir aus dem Urwald pädagogischer Intervention mitgebracht haben, lautet: “demokratiepädagogische Schulentwicklung” und hat die Vermittlung “sozialmoralischer Kompetenzen” zum Gegenstand.

 

Ministry of truth 2Brigitte Latzko und Tina Malti (2010) erklären, was man unter “sozialmoralischen Kompetenzen” zu verstehen hat, und zwar in der Einleitung zu dem von ihnen herausgegebenen Buch “Moralische Entwicklung und Erziehung in Kindheit und Adoleszenz”, das bei Hogrefe erschienen ist. Sozialmoralische Kompetenzen, so lernen wir, spielen eine “Schlüsselrolle”. Wobei? Nun, bei der Verarbeitung des massiven Wandels, der durch “wirtschaftliche Globalisierung und damit einhergehende Individualisierung” auf uns hereinbricht.

Wer täglich wissenschaftliche Texte liest, erreicht eher früher als später, den Zeitpunkt, ab dem er Anfänge wie, “In Zeiten intensiver Globalisierung wird es … ” oder “Globalisierung und eine Individualisierung von Lebenslagen führen dazu…” oder “Globalisierung, zunehmender Wettbewerb und sich verkürzende Produktlebenszyklen machen es erforderlich …”, nicht mehr lesen mag. Eine Unmenge von Wissenschaftlern, so scheint es, lebt und träumt nur von den Folgen der Globalisierung, jenes unglaublich tiefgehenden Wandels, den jeder abstrakt beschreiben, aber niemand in seinen Auswirkungen benennen kann. Man mag sich nur ansatzweise vorstellen, wie die Behauptung, Globalisierung führe zu intensiverem Handel, zu einer Öffnung der Weltmärkte, auf den Händler des 17. Jahrhunderts gewirkt hat, der in seinem Warenhaus Waren aus aller Herren Länder von der Seide bis zum Kaffee gelagert hatte, – ob seine Zeitgenossen ihm auch ständig mit Floskeln wie “Globalisierung” in den Ohren gelegen haben?

Doch zurück zu Latzko und Malti. Sie kennen eine “wirtschaftliche Globalisierung” und eine Individualisierung. Die Individualisierung hat Ulrich Beck in den 1980er Jahren beschrieben, z.B. in seinem Buch von der Risikogesellschaft. Es ist schön zu sehen, dass das entsprechende Konzept mittlerweile auch bei Pädagogen angekommen ist. Beck hat übrigens nicht nur von Individualisierung geschrieben, sondern auch von sekundärer Vergesellschaftung, von der Bildung loser Netzwerke, wie man heute sagen würde, jenseits institutioneller Strukturen der Vergemeinschaftung.

Latzko und Malti sind in Zeiten der Individualisierung stehen geblieben, Zeiten, von denen man sich fragt, wann es sie je gegeben hat, vielleicht in den 1970er und 1980er Jahren, aber sicher nicht nach 2000. Wie individualisiert sind Zeiten, in denen man in erster Linie Gruppenmitglied ist und in zweiter Linie von anti-Individualsierungs-Aposteln belehrt und pädagogisiert wird, wenn man auch nur in einem Punkt abweicht, den die entsprechenden Erzieher für relevant halten?

Wir leben in Zeiten, in denen auf Webpages von Institutionen, die obwohl am Tropf von Ministerien hängend, sich gerne den Anschein der Wissenschaflichkeit geben, also z.B. auf der Seite des Deutschen Jugendinstituts in München (DJI), Sätze wie der folgende stehen können, ohne einen Aufschrei nach sich zu ziehen: “Die Prävention von rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen bei jungen Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe …”. Die Gedanken waren einmal frei. Wohlgemerkt, hier ist von “Einstellungen” die Rede, die es zu vermeiden gilt, etwa dadurch, dass die entsprechenden Jugendlichen so imprägniert werden, dass sie für die entsprechenden Einstellungen nicht empfänglich sind. Wie fragil ist eigentlich eine Gesellschaft, deren Zusammenbruch befürchtet wird, wenn ein paar Jugendliche “rechtsextreme Einstellungen” haben?

Hier treffen wird die sozialmoralischen Kompetenzen wieder, die Latzko und Malti beschwören, sozialmoralische Kompetenzen wie: “Reflexionsfähigkeit, Empathie, Kooperation, gegenseitige Achtung, Toleranz, Verantwortungsübernahme, Fürsorge, Konfliktlösungsfähigkeit und soziale Solidarität” (7). Das also ist der moderne Katechismus, der ein Kind und einen Jugendlichen zu richtigen Mitgliedern der Gesellschaft der Guten macht: Dabei handelt es sich um “Resourcen für die demokratische und soziale Handlungsfähigkeit” (7). Und diese Resourcen sind notwendig, weil (Achtung, jetzt geht der Katechismus weiter): “im Zuge der Wertevielfalt pluralistischer Gesellschaften” sozial-moralische Kompetenzen eine Grundlage bilden, um “soziale Kohäsion und Inklusion” zu wahren.

Demokratien, so lernen wir abermals, sind sehr empfindliche Strukturen, geradezu fragil, weshalb man nichts dem Zufall überlassen darf. Bereits Kinder müssen auf ihre Rolle als sozialmoralisch kompetentes Mitglieder der demokratischen Gemeinschaft vorbereitet werden. Wenn sie, weil man ihnen Freiraum in ihrer Entwicklung gelassen hat, sich als intolerant gegenüber als gut befundenen Objekten oder Subjekten erweisen, keine Achtung vor z.B. Versagern empfinden können oder sich weigern darüber nachzudenken, ob es mehr als zwei Geschlechterrollen in modernen Gesellschaften geben soll, also – wie man sagen könnte – reflexionsunwillig sind, dann ist die demokratische Gesellschaft, jenes schwächliche Gebilde, das bereits von “rechtsextremen Einstellungen” gefährdet ist, dem Untergang geweiht.

FreiheitSpätestens hier fragt man sich, wieso man sich für diese welke Demokratie einsetzen soll, die u.a. Demokratiepädagogen vorschwebt,war doch die eigentliche Idee von Demokratie, die Idee einer Vielfalt der Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Intolerante, also z.B. Pädagogen, die rechtsextreme Einstellungen nicht akzeptieren und tolerieren, waren kein Problem. Reflexionsunwillige auch nicht, also z.B. Demokratiepädagogen, die nicht darüber nachdenken wollen, ob die Verpflichtung zu Fürsorge und sozialer Solidarität nicht etwas ist, was menschlicher Individualität massiv zuwider läuft, da Individualität eine Freiwilligkeit voraussetzt, die unsere Pädagogen trotz aller Individualisierung, die sie irgendwo zu sehen im Stande sind, nicht bereit sind, anderen zuzugestehen, ja richtig intolerent sind sie gegenüber individueller Entwicklung. So intolerant sind sie, dass sie Erziehungsideale pervertieren und die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit bei Kindern verhindern wollen. Statt dessen wird die kindliche Entwicklung zum geleiteten Prozess, an dessen Ende nur ein Ergebnis, das derzeit für richtig befundene Ergebnis, stehen kann.

Oder, in schwammiger Formulierung:

“Vielmehr muss den Heranwachsenden die Möglichkeit eröffnet werden, sich reflexiv mit der bestehenden Ordnung auseinandersetzen zu können, indem beispielsweise Konflikte zwischen Normen angesprochen, Ausnahmen durchdacht, Lösungsmöglichkeiten abgewogen und Spielräume für eigene Entscheidungen gewährt werden. Montada (2002) fasst zutreffend zusammen, dass Kinder und Jugendliche nur auf diese Weise die Beachtung einer Norm als ihre Entscheidung erleben können, so dass die Norm zu einem Teil ihres Selbst, ihrer Identität wird” (8).

Übersetzt heißt das, man muss Jugendliche so manipulieren, dass sie am Ende des Lernprozesses von Normen denken, sie seien eigenständig zu dem entsprechenden Ergebnis gekommen. Die Art und Weise, in der hier Indoktrination umschrieben wird, ist fast kunstvoll: Heranswachsenden wird gewährt. Was wird ihnen gewährt? Die Möglichkeit, den Blick in den Abgrund zu richten und zu sehen, welche falschen Normen im Abyss lauern. Nicht gewährt wird den Heranwachsenden jedoch, an der Richtigkeit der vorgegebenen Normen zu rütteln, zu fragen, welche Legitimation die Normen vorzuweisen haben, zu fragen, ob das, was ihnen vorgegeben wird, das ist, was sie wollen.

EmileWelch jämmerliches Bild moderne angebliche Demokratien und ihre Kämpfer doch abgegeben. Nicht einmal die Versuche der Weimarer Republik waren derart jämmerlich. An die Stelle der Auseinandersetzung mit Abweichung von der Norm sind Kontrolle und Ausschluss von Abweichung getreten. Was die Demokratiepädagogen als falsche Norm festsetzen, muss Jugendlichen ausgetrieben, was sie als richtige Norm festlegen, muss ihnen eingetrichtert werden. Falsche Einstellungen, also Einstellungen, die den Demokratiepädagogen gerade missfallen, sind auszumerzen bzw. mit präventiven Mitteln vorzubehandeln, auf dass sie sich gar nicht erst einnisten und das Ziel der Erziehung, den sozialmoralisch kompetenten Zombie, der nicht außerhalb dessen, was ihm vorgegeben wird, zu denken im Stande ist, gefährden.

Die Beschreibung trägt nicht durch Zufall alle Insignien eines Erziehungsfaschismus. Anstelle der freien Entwicklung gibt es Vorgaben, Abweichungen werden nicht geduldet, die vermeintliche Demokratie der Pädagogen kennt die Wahrheit und den richtigen Weg zu ihr. Wer solche Pädagogen hat, der braucht keine Faschisten mehr.

Rousseau hat in seinem Emile die Ansicht vertreten, dass es für die Erziehung von Kindern eminent wichtig ist, sie so lange wie möglich von gesellschaftlichen Einflüssen fern zu halten. Wenn man sieht, was manche Pädagogen derzeit als ihre Erziehungsaufgabe definieren, dann muss man ihm Recht geben.

Latzko, Brigitte & Malti, Tina (2010). Einleitung. In: Latzko, Brigitte & Malti, Tina (Hrsg.). Moralische Entwicklung und Erziehung in Kindheit und Adoleszenz. Göttingen: Hogrefe, S.7-16.

Sind gleichgeschlechtliche Eltern doch nicht die perfekte Familie?

In der letzten Woche ging eine australische Studie durch die Presse: “Children of same sex couples are happier and healthier than peers” so titelte die Washington Post. “Gay Parents”, so weiß man bei der Daily Mail, “have healthier and less argumentative children”. Der University Herald schreibt, “children raised by homosexual parents are healthier”.

In Deutschland hat die Meldung bislang noch keinen wesentlichen Niederschlag gefunden, wenn man einmal von einem Bericht auf Queer.de absieht – dazu später.

BMCDie zitierten Meldungen erwecken alle den Anschein, Kinder, die von gleichgeschlechtlichen Eltern aufgezogen werden, seien gesündern als, ja, wer eigentlich, die Vergleichgsgruppe fehlt in der Regel, so dass man gezwungen ist anzunehmen, dass alle Kinder heterosexueller Eltern gemeint sind, sogenannte intake Familien, Alleinerziehende, das ganze Spektrum der Möglichkeiten, das heterosexuelle familiäre Arrangements eben annehmen können.

Und damit ist man bereits am ersten Punkt, der zum Runzeln der Stirn führt, nämlich dem Verdacht, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Dass aus dem Stirnrunzeln Kopfschütteln wird, wenn man den Beitrag liest, den Simon R. Crouch, Elizabeth Walters, Ruth McNair, Jennifer Power und Elise Davis in BMC Public Health veröffentlicht haben, hat eine ganze Reihe von Gründen:

Die Datenbasis, auf der Crouch und seine Mitstreiter die Ergebnisse über die bessere Gesundheit von Kindern homosexueller Eltern gefunden haben wollen, sieht 315 Eltern, die in gleichgeschlechtlichen Arrangements leben, Angaben für 500 Kinder machen. Anders formuliert: Für die Vergleichsgruppe nicht gleichgeschlechtlicher Eltern haben Crouch et al. gar keine Daten erhoben, so dass man sich fragt, wie sie den Vergleich, der durch die Presse geht und von Queer gefeiert wird, überhaupt gemacht haben.

Als nächstes fällt auf, dass die 500 Kinder, über die der Datensatz Angaben enthält, zu 84% in lesbischen Arrangements aufwachsen, zu 2% in schwulen Arrangements, 10% wachsen in bisexuellen Arrangements (was auch immer man sich darunter vorzustellen hat), 2% in queer Arrangements, 1% in heterosexuellen Arrangements und weniger als 1% in transsexuellen Arrangements auf. Wenn die Autoren überhaupt etwas über die Gesundheit von Kindern aussagen können, dann über die Gesundheit von Kindern, die in lesbischen Arrangements aufwachsen. Mehr nicht.

Damit nicht genug, gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind das, was man eine seltene Population in der empirischen Sozialforschung nennt, d.h. man kann nicht einfach eine repräsentative Stichprobe für die Gesamtgesellschaft ziehen und hoffen, genügend gleichgeschlechtliche Arrangements darin zu finden. Man muss gezielt nach den entsprechenden Arrangements suchen, was dazu führt, dass man mit Sicherheit keine repräsentativen Aussagen machen kann. Im vorliegenden Fall wurden potentielle Befragte über geeignete Medien und Netzwerke gebeten, an der Befragung von Crouch et al. teilzunehmen. Die Befragten haben sich also von sich aus gemeldet. Es ist kaum zu erwarten, dass sich Personen, die in einem gleichgeschlechtlichen Arrangement Kinder erziehen und dabei erhebliche Probleme haben, freiwillig melden, um an einer Studie, die just das untersucht, nämlich die Gesundheit und die Befindlichkeit ihrer Kinder, teilzunehmen. Die Stichprobe der Autoren ist erheblich verzerrt.

Hinzu kommt, dass die Angaben über die Gesundheit der Kinder von den Eltern gemacht werden, so dass man gut daran tut, einen positiven Bias einzurechnen, denn Eltern tendieren dazu, die Gesundheit ihrer Kinder besser darzustellen als sie ist – warum wohl?

Die Autoren wissen auch, dass ihre Stichprobe verzerrt ist, denn sie thematisieren die Verzerrung unter der Überschrift “Limitiations” in ihrem Beitrag für BMC Public Health. Allerdings thematisieren sie vor allem die Tatsache, dass ihre Auswahl im Hinblick auf Einkommen und Bildung erheblich verzerrt ist. Die gleichgeschlechtlichen Eltern, die sich freiwillig gemeldet haben, um an der Befragung von Crouch et al. teilzunehmen, haben im Durchschnitt eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen als die Gesamtbevölkerung. Das zeigt abermals, dass die Daten von Crouch et al. alles nur nicht repräsentativ sind.

Aller dieser Einschränkungen ungeachtet, vergleichen die Autoren den durchschnittlichen Wert, den sie im Hinblick auf die Gesundheit der Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Arrangements leben, also in lesbischen Arrangements,  errechnet haben, mit dem entsprechenden Wert aus einer Stichprobe für die Gesamtbevölkerung. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Die Vorgehensweise entspricht in etwa dem Vergleich einer Stichprobe von Priestern mit einer Stichprobe der Gesamtbevölkerung, bei dem sich die Autoren dann freuen, dass die Kirchgangshäufigkeit der Priester höher ist als die der Gesamtbevölkerung. Das ist keine Sozialforschung und kein lauteres Vorgehen, es ist ein willkürliches Zusammenschustern von Ergebnissen, das lautere Wissenschaftler ärgerlich machen muss (Es ist übrigens kein Problem, willkürliche Zusammenhänge oder Unterschiede zu produzieren, wenn man Äpfel mit Birnen vergleich. Sehr schöne Beispiele dazu liefert die Webpage: Spurious Correlations, die Tylor Vigen mit viel Spaß an der Sache zusammenstellt.)

Als Resümee muss man feststellen, dass die Untersuchung von Crouch et al. (2014) nichts zur Beantwortung der Frage, ob Kinder in gleichgeschlechtlichen Arrangements gesünder, glücklicher oder dicker sind als Kinder in heterosexuellen Familien beiträgt. Die Stichprobe ist verzerrt, enthält weitgehend lesbische Arrangements und ein Vergleich der Daten mit einer repräsentativen Stichprobe der Gesamtbevölkerung ist nicht möglich, denn die Gesamtbevölkerung besteht bekanntermaßen nicht nur aus Besserverdienenden mit höherer Bildung.

Und natürlich kann man als Resümee ziehen, dass es nie leichter war als heute, Journalisten mit politisch korrekten Untersuchungen vor einen entsprechenden Karren zu spannen. Das hat eine Wurzel einerseits sicher in dem, was sich manche ideologisch wünschen, andererseits darin, dass Kenntnisse über Methoden der empirischen Sozialforschung ausgerechnet unter denen, die Ergebnisse vermeintlicher Forschung verbreiten, in einem so geringen Maße vorhanden sind, dass man geneigt ist, die entsprechenden Journalisten doch zu bitten, generell die Finger von empirischen Untersuchungen und ihren Ergebnissen zu lassen.

Ungeachtet aller genannten Probleme mit der Studie von Crouch et al., geht die Hymne der gleichgeschlechtlichen Arrangements durch die Presse, die gesündere Kinder aufziehen und Simon Crouch zeigt, wenn man dem, was Queer abdruck, glauben kann, dass er eher ein Aktivist als ein Wissenschaftler ist, denn er fabuliert auf der Basis seiner Nicht-Ergebnisse munter drauflos:

“Studienleiter Simon Crouch erklärte gegenüber dem australischen Fernsehsender ABC, Kinder aus Regenbogenfamilien erzielten durchschnittlich um sechs Prozent höhere Werte in Fragen der Gesundheit und der Familienzusammengehörigkeit als die Durchschnittsbevölkerung. Als Grund nannte der Forscher, dass in Regenbogenfamilien die Rollen nicht nach alten Muster verteilt seien: Die Eltern in Regenbogenfamilien nähmen “die Rollen an, die ihnen am ehesten liegen”. Heterosexuelle Paare hielten dagegen mehrheitlich an den “Geschlechterklischees” fest, nach denen sich die Mutter zu Hause um die Kinder kümmere, während der Vater arbeiten geht. Die freie Rollenwahl führe zu einer “harmonischeren Familie, die dadurch gesünder und glücklicher wird”, sagte Crouch”.

holy familyGleichgeschlechtliche Familien, also lesbische Arrangements sind für Crouch deshalb überlegen, weil in ihnen keine Geschlechterklischees gelebt werden. Müsig darauf hinzuweisen, dass hier die Phantasie von Crouch spricht, denn er hat nichts gemessen, was diesen Schluss nahelegen würde. Daher fragt man sich, warum muss unbedingt gezeigt werden, dass gleichgeschlechtliche Arrangements besser sind als normale Familien?

Warum, so kann man weiter fragen, sind gleichgeschlechtliche Partner so versessen darauf, mit Hilfe eines Reproduktionsmediziners und in-vitro-Fertilisation oder wie auch immer, Nachwuchs zu produzieren und sich als Familie zu institutionalisieren? Wirkt hier die heilige Familie nach, ist sie der einzige Weg, sich vom Makel der Homosexualität, den die entsprechenden Gleichgeschlechtlichen wohl verspüren, freizukaufen? Und warum sind es ausgerechnet die Aktivisten der Szene der Homosexuellen, die Homosexuelle zu den besseren Normalfamilien stilisieren wollen?

Dies alles sind Fragen, die wir nicht beantworten können und auch nicht wollen, denn letztlich sind wir der Ansicht, dass Homosexuelle sowenig wie Heterosexuelle Mustereltern sind. Sofern sich Homosexuelle dazu entschließen, Kinder zu erziehen, ist die Wahrscheinlichkeit, darunter Eltern zu finden, die für Erziehung nicht fit sind, genauso hoch, wie unter Heterosexuellen. Was die Frage, warum man Homosexuelle so unbedingt zu den Mustereltern, die gleich hinter Josef und Maria kommen, stilisieren muss, nur um so dringlicher stellt.

 

Crouch, Simon R., Waters, Elizabeth, McNair, Ruth, Power, Jennifer & Davis, Elise (2014). Parent-reported Measures of Child Health and Wellbeing in Same-sex Parent Families: A Cross-sectional Survey. BMC Public Health 14

Die Sozialstruktur steht in Teilen auf dem Kopf

Nicht erst seit die OECD ihren Feldzug zur Erhöhung des Anteils von Hochschulabsolventen begonnen hat, gilt das Credo, dass ein höherer Bildungsabschluss mit einem höheren Status, einer höheren Bezahlung und vor allem einem höheren Platz in der Sozialstruktur einer Gesellschaft einhergeht. Unausgesprochen ist dabei die Prämisse, dass mit einem höheren Bildungsabschluss ein höheres Humankapital verbunden ist, das seinen Inhaber dazu in die Lage versetzt, höhere Produktivität zu entwickeln und somit einen höheren Beitrag für die Gesellschaft zu erbringen, als dies einem Inhaber eines geringeren Bildungsabschlusses, sagen wir, dem Inhaber eines Hauptschulabschlusses, der den Beruf des Klempners erlernt hat, möglich ist.

HUman CapitalDie Idee, Humankapital an Bildung zu koppeln, stammt nicht zuletzt vom kürzlich verstorbenen Gary S. Becker, wobei seine Idee eine distinktive qualitative Note beinhalten: Nicht der Bildungsabschluss als solcher ist für Becker das Relevante. Der Bildungsabschluss ist vielmehr die Operationalisierung, die er benutzt, um die höhere Produktivität, die mit mehr Humankapital einhergeht, zu messen.

Die Inflationierung höherer Bildung und die Zulassung immer neuer Studienfächer, deren Verbindung zu einem produktiven Beitrag für die Gesellschaft eher, sagen wir, nicht offensichtlich ist, führt dazu, dass die Annahmen, auf die Becker seine Humankapitaltheorie basiert hat, nur noch in eingeschränktem Maße zutreffen.

Wir behaupten, dass die Inflationierung höherer Bildungsabschlüsse, die Quantifizierung von Bildung anstelle der Qualifizierung über Bildung, wie sie vor allem durch die Überflutung der Universitäten mit weitgehend nutzlosen Studienfächern, die keinen erkennbaren gesellschaftlichen Nutzen erbringen, erfolgt ist, dazu geführt hat, dass die Verbindung zwischen höherem Bildungsabschluss und höherer Produktivität im Aggregat geschwächt wurde.

Dies wiederum führt dazu, dass es Bildungstitelinhaber gibt, die einen höheren Status, einen höheren Platz in der Sozialstruktur beanspruchen, der ihnen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Nutzen, den sie bereitstellen, nicht zukommt. Es führt häufig dazu, dass sie Gehälter in einer Höhe beziehen, die im gesamtgesellschatflichen Vergleich unangemessen und unfair sind.

Wir wollen unsere Hypothese zunächst dadurch prüfen, dass wir die Fähigkeiten und Kenntnisse, die ein Absolvent eines Gender Studiums hat, mit den Fähigkeiten vergleichen, die ein Klempner-Geselle am Ende seiner Lehrzeit in einer Prüfung unter Beweis stellen muss.

Das Studium der Gender Studies als Zweitfach an der Humbold Universität Berlin umfasst 6 Module, also z.B. die im folgenden genannten Themen, die das derzeitige Angebot der Gender Studies der HU-Berlin bereithält. Das Wissen, das in Gender Studies vermittelt wird, entstammt damit ausschließlich den sechs der im folgenden genannten und von Studenten gewählten Gebieten. Die Ausbildung zum Klempner ist in der Verordnung über die Berufsausbildung zum Klempner geregelt. Die im folgenden genannten Fähigkeiten und Fertigkeiten sind der Mindesbestand an Kenntnissen, den ein Klempner-Geselle nach Abschluss seiner Ausbildung haben muss.
Hanna Arendt in feministischer Diskussion Manuelles und maschinelles Bearbeiten (u.a.: Werkstoffe und Halbzeuge nach Verwendungszweck unterscheiden und manuell wie maschinell bearbeiten können)
Vom Homo Oeconomicus zur Femina Oeconomica – Die Wirtschaftswissenschaften aus Gender-Perspektive Fügen von Werstücken und Bauteilen (u.a.: Fügwerkzeuge und -verfahren festlegen, Bauteile durch Kaltnieten fügen, Bleche durch Falzen manuell und maschinell fügen
Behinderung ist sexy. Gender und Dis_Ability im Film Handhaben und Warten von Werkzeugen, Geräten und Maschinen (u.a.: Bauteile und Baugruppen mit und ohne Hilfsmittel ein- und ausbauen, Sicherheitsmaßnahmen für elektrische Maschinen und Geräte ergreifen.
Die Werke Martha Nussbaums Einbauen von elektrischen Komponenten (u.a.: elektrische Anschlüsse mittels Steckverbindung herstellen, Mängel feststellen, Maßnahmen zur Behebung der Mängel veranlassen
Wissensordnung in Missionszeitschriften: Religion, Natur, Kultur und Geschlechter (18. Jhdt) Entwerfen und Fertigen von Schablonen und Zuschnitten (u.a.: Schablonen aus metallischen und nicht-metallischen Werkstoffen herstellen)
Ambivalenz der Sichtbarkeit: repräsentationskritische Perspektiven Prüfen, Behandeln und Schützen von Oberflächen (u.a. Werkstücke und Halbzeuge auf Materialfehler, Oberflächenschutz und Oberflächengüte prüfen)
Befestigen von Bauteilen und Baugruppen in Mauerwerk, Beton und Holz (u.a. Wandschlitze, Decken- und Wanddurchbrüche herstellen)
Decken und Instandhalten von Dach- und Wandflächen am Bauwerk (u.a.: Verlegetechniken für Schichtenaufbauten bei Dachbegrünung unterscheiden und anwenden)
Anfertigen und Montieren von Anlagen zur Ableitung von Niederschlagswasser (u.a.: Formteile für Dachrinnen, insbesondere Dehnungsausgleicher, Rinnenkästen und Rinnenwinkel anfertigen
Anfertigen und Montieren von lufttechnischen Anlagen (u.a.: Formstücke, insbesondere Bögen und Verzweigungen anfertigen und montieren
Transportieren von Bauteilen und Baugruppen (u.a.: Hebezeuge, insbesondere Seilzüge und Winden handhaben
Herstellen von Fugenabschlüssen sowie Durchführung von Wärmedämm- und Dichtungsmaßnahmen (u.a.: Maßnahmen zur Schalldämmung an Rohr- und Aggregatbefestigungen durchführen)
Einbauen von Energiesammlern, Energieumsetzern und nachhaltigen Energienutzungssystemen (u.a.: Energiesammler und Energieumsetzer, insbesondere Sonnenkollektoren und photovoltaische Elemente in Dach- und Wandflächen einbauen
Anbringen von Fangeinrichtungen und von Ableitungen für den äußeren Blitzschutz
Berufausbildung, Arbeits- und Tarifrecht, berufsspezifische Randbedingungen (u.a.: Möglichkeiten der beruflichen Weiterbildung)
Aufbau und Organisation des Ausbildungsbetriebs (u.a.: Beziehungen des ausbildenden Betriebes wie Beschaffung, Fertigung, Absatz und Verwaltung)
Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (u.a.: berufsbezogene Arbeitsschutz- und Unfallverhütungsvorschriften anwenden)
Umweltschutz (u.a.: für den Ausbildungsbetrieb geltende Regelungen des Umweltschutzes)
Betriebliche und technische Kommunikation (u.a.: technische Unterlagen, insbesondere Skizzen und Zeichnungen lesen, erstellen und anwenden, Aufmaße anfertigen)
Kundenorientierte Kommunikation (Kundenwünsche ermitteln, auf Umsetzbarkeit prüfen mit dem betrieblichen Leistungsangebot vergleichen, Kosten abschätzen
Planen und Vorbereiten von Arbeitsabläufen (u.a.: Zeitaufwand und personelle Unterstützung zur Durchführung von Arbeitsaufträgen abschätzen)
Durchführen von qualitätssichernden Maßnahmen (u.a.: Normen und Richtlinien zur Sicherung der Qualität, Bauteile auf Maßhaltigkeit, Dichtigkeit und sichere Verbindung prüfen)

 

Es mag der eine oder andere einwenden wollen, dass die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die ein Geselle am Ende seiner Klempnerlehre erworben haben muss, in der Ausbildungsverordnung und der Tabelle umfassender dargestellt sind als dies für die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die im Rahmen eines Gender Studiums erworben werden, der Fall ist. Darauf gibt es die folgenden Antwort:

“Das Zweitfach Geschlechterstudien/Gender Studies zielt auf die Vermittlung konkreter Kenntnisse, Methoden und Arbeitstechniken im Zusammenhang mit der Analyse der Kategorie Geschlecht… Konkretes Ziel ist, Fähigkeiten zur Analyse von Geschlechterverhältnissen in verschiedenen sozialen, politischen, historischen und kulturellen Kontexten auszubilden…”

KlempnerSo wird die Zielsetzung im Studienfach Geschlechterstudien von der HU-Berlin selbst beschrieben. Das Studium der Geschlechterstudien hat Geschlechterstudien zum Gegenstand, die mit Methoden und Arbeitstechniken in einem Zusammenhang stehen und deren konkretes Ziel die Fähigkeit zur Analyse von Geschlechterverhältnissen ist. Trotz aller Betonung von Methoden und Arbeitstechniken ist es uns nicht gelungen, einen Einführungskurs in Statistik, Methoden der empirischen Sozialforschung, Logik oder auch nur die Kunst, richtig zu zitieren, zu finden. Kurz: Gegenstand, Nutzen und Ziel von Geschlechterstudien sind unbekannt. Was man mit einem studierten Geschlechterstudienbetreiber soll, ist ebenso unklar. Vermutlich müssen deshalb Ministerien wie das Ministerium für FSFJ ständig geschlechtsbezogene Programme auflegen, um den Absolventen ein Auskommen zu verschaffen, und zwar auf Kosten von Steuerzahlern, woraus der Schluss folgt: Geschlechterstudierte schaden dem Bruttoinlandsprodukt, sie verbrauchen Steuermittel und schaffen keinen erkennbaren Mehrwert.

Dagegen hat man keinerlei Probleme den Mehrwert zu benennen, den ein Klempner erwirtschaftet, ebenso wenig wie man Probleme hat, die Kenntnisse und Fähigkeiten zu benennen, die ein Klempner nach Abschluss seiner Lehre hat.

Wie kommt es vor diesem Hintergrund, dass Genderstudierte, die doch in der Regel linkem Gedankengut anhängen, für sich in Anspruch nehmen, eine höhere soziale Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, als der Arbeiter Edwin aus der Siedlung? Man kann diese seltsame Erscheinug moderner Gesellschaften, in denen eine Klasse von Studierten, deren einziger Beitrag darin besteht, eine Perspektive auf etwas zu haben, deren Nutzen nicht erkennbar ist, eine höhere Bezahlung, einen höheren Platz in der Sozialstruktur reklamieren kann als ein Klempner, der jeden Arbeitstag aufs Neue die Wirtschaft und somit den Wohlstand aller befördert, nur als eine Erscheinung gesellschaftlicher Degeneration ansehen und sich wundern, dass all die Bekenntnis-Linken damit so gar keine Probleme haben.

 

©ScienceFiles, 2014

Aktive Sterbehilfe: eine Frage der Selbstbestimmung

Die Frage danach, ob aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll oder nicht, rührt an den Grundfesten westlicher Gesellschaften, insbesondere an dem, was viele als christliches Erbe sehen. Dieses christliche Erbe sieht es vor, sich auch oder gerade um die zu kümmern, die sich nicht mehr selbst versorgen können, in Altersheimen zum Beispiel, in denen alte Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben geführt haben und nach dem Tod ihres Partners alleine weitergelebt haben, am Ende ihrer Tage in ein Zweibettzimmer gezwängt werden, um dort darauf zu warten, dass sie die Mildtätigkeit ihrer Gesellschaft erreicht, natürlich innerhalb der Arbeitszeiten und nur im Hinblick auf die Grundbedürfnisse.

Am anderen Ende der “sich-kümmern”-Skala stehen die Kranken und Pflegefälle, die zuweilen keinerlei eigenen Beitrag mehr zu ihrem Leben leisten können, deren Leben im Gegenteil zu einer von Schmerzen gepeinigten Hölle geworden ist, wie dies bei Tony Nicklinson der Fall war, dessen Beispiel als das Beispiel eines Verzweifelten, dem die Sterbehilfe von britischen Gerichten verweigert wurde, durch die Presse gegangen ist.

dignity in dyingAber sein Leiden scheint nicht umsonst gewesen zu sein, denn ausgerechnet der ehemalige Archbishop of Canterbury, also das ehemalige geistliche Oberhaupt der Church of England, Lord Carey, hat nun seine Entscheidung publik gemacht, einen Gesetzentwurf zur Legalisierung aktiver Sterbehilfe, der zur Zweiten Lesung im House of Lords ansteht, zu unterstützen. Es sei vor allem der Fall Nicklinson gewesen, der seine alten philosophischen Sicherheiten darüber, dass Sterbehilfe falsch sei, zum Einsturz gebracht habe, so Lord Carey, dem es nunmehr darum geht, unnötiges Leiden zu verhindern, und zwar durch seine Unterstützung für das Gesetz, das im Vereinigten Königreich die aktive Sterbehilfe erlauben soll.

Lord Carey hat seine Meinung angesichts der Realität geändert. Die Wirklichkeit war noch immer das beste Mittel gegen Ideologie. Auch der überzeugteste Sozialist fängt an, Eigentum zu verteidigen, wenn er mit Knappheiten konfrontiert ist und der Gefahr, seinen Lebensstandard aufgeben zu müssen. Noch der Überzeugteste unter denen, die die Sterbehilfe ablehnen, wird seine Ablehnung zumindest überdenken, wenn er mit der Realität, wie sie Fälle wie der von Tony Nicklinson nun einmal darstellen, konfroniert ist.

Für Liberale ist die Frage aktiver Sterbehilfe sowieso keine Frage: Für Liberale ist Selbstbestimmung der höchste Wert, und entsprechend ist die freie Entscheidung eines Individuums, sein Leben zu beenden, zu akzeptieren und zu respektieren. Man könnte dies auch in Frageform verpacken und fragen: Wer gibt jemandem das Recht, die freie Entscheidung eines anderen, sterben zu wollen, nicht zu akzeptieren, und auf welcher Grundlage nimmt sich jemand das Recht, diese freie Entscheidung nicht zu respektieren?

Auf diese Frage gibt es in der Regel drei gleichermaßen unbefriedigende Antworten:

  • Gläubige behaupten, es sei Sünde, sein Leben zu beenden und Mord bei Selbstmord zu helfen, selbst wenn das in Frage stehende Leben mit noch so viel Schmerzen und Leid verbunden ist. Diese Position ist weder begründet noch belegbar, denn das Konzept der Sünde rekurriert auf einen Gott, dessen Existenz bislang unbewiesen ist. Daher sind die vermeintlichen Verhaltensgesetze, die Selbstmord oder Sterbehilfe verbieten, auf Basis ihrer moralischen Qualität zu beurteilen, was letztlich bedeutet, die Schmerzen und das Leid, das ein konkreter Mensch zu erdulden hat und das ihn dazu bewegt, seinem Leben ein Ende setzen zu wollen, müssen mit der Wichtigkeit, der entsprechenden religiösen Regeln, die Leid in Kauf nehmen, um aufrechterhalten werden zu können, gewichtet werden. Man hat also die Wahl, aus Prinzip dem Leiden anderer zuzusehen, es in Kauf zu nehmen oder das Leiden zu verkürzen und das Prinzip entsprechend aufzugeben. Ein Prinzip, das individuelles Leiden akzeptiert, ist keine Basis, auf der die freie Entscheidung anderer in Abrede gestellt werden kann, denn wer hat das Recht, andere gegen ihren Willen zum Leiden zu verurteilen,  und die Entscheidung dennoch nicht akzeptiert und respektiert wird, dann auf Basis einer Motivation der Herrschaft über und Kontrolle von anderen.
  • assisted-suicide-thumbDas führt zur nächsten Position, die behauptet, die Erlaubnis aktiver Sterbehilfe würde die Schleusen für Missbrauch öffnen und dazu führen, dass alte Menschen, die sich nicht wehren können, von ihren erbgierigen nächsten Verwandten entsorgt werden. Nun ja, das Argument wird gewöhnlich in paternalistischer Schutzterminologie verpackt, aber die versteckten Prämissen sind diejenigen, die wir gerade ausgesprochen haben. Auch diese Position ist nicht haltbar, denn in allen Dingen, in denen Menschen etwas tun oder regeln, liegen Missbrauch und Gebrauch nahe beeinander. Wer den Missbrauch generell ausschließen will, der muss das menschliche Leben ausschließen, was im unmittelbaren Fall Selbstmord bedeuten würde, was wiederum eine groteske Konsequenz der eigenen absurden Position ist.
  • Schließlich gibt es noch eine Art moderner Moralapostel, der prinzipiell ein Problem damit hat, Menschen allzu viel Freiheit über ihr eigenes Leben zuzugestehen. Während Philosophen im 16. 17. und 18. Jahrhundert (von Bacon und Hobbes über Locke bis Kant) den Ursprung aller Entscheidungsgewalt im Individuum festgemacht haben, haben diese Moralapostel die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht Individuen haben heute die Hoheit über Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, sondern kollektive Akteure, Gruppen, Gesellschaften, Regierungen, also Gebilde, die es nicht gibt, die man aber sehr gut zu Zwecken von Kontrolle und Herrschaft einsetzen kann. Und so hat sich über die Zeit die Normalität eingeschlichen, dass die Frage, ob ich sterben will und kann, eine Frage ist, die von Dritten entschieden wird. Nirgends wird die schleichende Entmündigung von Individuen, die in modernen Staaten stattgefunden hat, so deutlich wie in Fragen, die mit dem menschlichen Leben zusammenhängen. Egal, ob damit Sterbehilfe oder Abtreibung gemeint sind, ständig finden sich interessierte Dritte, von denen man nicht wirklich weiß, welche Zwecke sie verfolgen und welche Motivation sie antreibt, die denken, sie könnten die freie Entscheidung von Individuen aussetzen, letztere daran hindern, ihr Leben in letzter Konsequenz selbst in die Hand zu nehmen. Auch diese Position ist aus liberaler Sicht nicht haltbar, denn sie entmündig den Einzelnen zu Gunsten einer amorphen Masse von Interessen und Handlungsmotivationen Dritter, die zum Missbrauch geradezu einlädt.

Und so kommen wir zum Ende dieser kurzen Abhandlung zu dem Schluss, dass es an sich schon eine Unglaublichkeit ist, dass man darüber diskutiert, ob der Entschluss, sterben zu wollen, den ein freies Individuum trifft, respektiert und akzeptiert werden muss oder nicht. Aber wenn man nun schon einmal mit einer Realität konfrontiert ist, die individuelle Freiheit nur als Travestie kennt, dann ist jede Besserung besser als keine Besserung, und deshalb gibt es keine Alternative zu einem Gesetz, das die aktive Sterbehilfe erlaubt, wie dies im Vereingten Königreich hoffentlich bald in Kraft treten wird.

Auch dieses Gesetz ist nicht wirklich ein Durchbruch gegenüber dem allgegenwärtigen Paternalismus, denn der Wunsch zu sterben, wird zu einem Bittgang, dem zwei Ärzte zustimmen müssen. Aber scheinbar ist die Angst vor den Angehörigen so begründet und so groß, dass man Schutzmechanismen einbauen muss, die aktive Sterbehilfe zum Zwecke schnellerer Erbschaft erschweren.