Bundestagswahl 2013: Weiter so mit Umverteilung und Leistungsfeindlichkeit

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

ReichstagDer neue Bundestag wird sich vom alten im Wesentlichen dadurch unterscheiden, dass Vernunft, Gerechtigkeit und Leitungsbereitschaft noch weniger vertreten sind, nicht nur, weil liberale Parteien im neuen Bundestag nicht vertreten sind, sondern weil Parteien in den Bundestag gewählt wurden, die in der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie per Umverteilung Leistungsbereitschaft beseitigen werden, dass sie Vernunft nicht nur von Universitäten vertreiben wollen und ansonsten Freiheit so lange reglementieren werden, bis nichts davon übrig ist  und, wo wir gerade bei der Freiheit sind: weil Parteien im Bundestag vertreten sind, die offen zeigen, dass sie Meinungsfreiheit mit Füßen treten.

Zunächst jedoch eine Abbildung zum Wahlausgang, die man nur bei ScienceFiles sehen wird. Die Abbildung zeigt die Anteile der im Bundestag vertretenen Parteien, wenn man nicht auf die abgegebenen und gültigen Stimmen, sondern auf alle Wahlberechtigten prozentuiert.

Anteile im BT vertretene Parteien 2013

Die Abbildung relativiert das Bild, das in öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet wird. Im Bundestag, der sich demnächst konstituieren wird, sind gerade einmal 59,5% der Wahlberechtigten vertreten. Und es fehlen nicht nur liberale Vertreter im neuen Bundestag, es fehlen auch Vernunft und Freiheitsliebe, wie man leicht daran erkennen kann, dass:

  • sich die CDU/CSU als Wahlsieger in den letzten Jahren damit hervorgetan hat, einen Ausverkauf von Bildung zu betreiben, die Freiheit der Deutschen durch neue Gesetze und Abgaben so sehr zu reglementieren, dass kaum mehr etwas davon übrig ist und ein besonderes Augenmerk darauf gelegt hat, die Vernunft von deutschen Universitäten zu vertreiben.
  • sich die SPD als Partei geriert, die die männliche Gesellschaft überwinden will, um eine menschliche zu schaffen. Und die menschliche Gesellschaft der SPD sieht vor, mit Vertretern der männlichen Gesellschaft gar nicht erst zu sprechen. In kurz: Die Genossenwelt besteht aus “gut” und “böse” und mit den Bösen reden sie nicht.

    Sontheimer

    Geschichte wiederholt sich doch.

  • sich mit den Grünen eine offen anti-demokratische Partei im Bundestag befindet, die so großen Wert auf Gender-Gerechtigkeit legt, dass sie auch Gewalt gegen alle, die den Grünen auf diesem Weg nicht folgen wollen, befürwortet.
  • sich mit der Linken eine Partei im Bundestag befindet, die sich bestens in Kaderbildung auskennt und die Beseitigung von Leistungsanreizen zugunsten einer absoluten Gleichheit im Paradies der Herrschaft des Proletariats als Heil predigt.

Und zwischen all diesem anti-demokratischen Gemurmel findet sich keinerlei liberale und auf Freiheitsrechte pochende Stimme mehr. Nicht dass die FDP diese Stimme gewesen wäre, aber die Liberalen haben zumindest als Symbol gewirkt, gezeigt, dass es Liberalität zumindest dem Namen nach auch in Deutschland gibt. Das ist im neuen Bundestag vorbei.

Entsprechend wird die Gleichschaltung der Gesellschaft voranschreiten. Die Bevölkerung wird weiter in Kompetenzniveaus eingeteilt werden, damit klar ist, dass derjenige, der nicht das offizielle Diktat unterschreibt, nach dem der Deutsche, sozial ist, seine Familie gründet, seine Kinder bezahlt und ansonsten zusieht, wie die Obrigkeit die Kinder so erzieht, dass sie den ihnen qua Geburt zugewiesenen Platz einnehmen können, kein guter Deutscher ist.

Leistung wird auch weiterhin demotiviert werden, entweder dadurch, dass das durch Leistung zu erreichende Einkommen so zusammengesteuert wird, dass es sich nicht mehr lohnt, in Leistung zu investieren, oder dadurch, dass das Auskommen, das allein durch Transferzahlungen zu erreichen ist, also die Lebens-Finanzierung durch Kinderproduktio und Maßnahmekarrieren so hoch ist, dass man sich als Leistender fragen wird, warum man leisten soll, wenn Konformität viel mehr belohnt wird.

Bildung wird weiterhin de-konstruiert und entwertet werden, in dem unsinnige Inhalte in Lehrpläne Eingang finden werden, die zur Schüler-Verdummung beitragen, aber bei den Initiatoren ein gutes Gefühl hinterlassen, weil sie bereits 6jährigen gezeigt haben, dass sie potentielle Vergewaltiger sind oder 14jährigen erklärt haben, warum Männer schuld am Klimawandel sind. Von einer Verdummung durch bereits Verdummte, könnte man hier reden.

Deutschland wird weiter zu dem verkommen, was Michael E. Porter eine wealth-driven Society nennt. Der missverständliche Begriff bezeichnet eine Gesellschaft, in der die jetzige Generation den Reichtum verlebt, den frühere Generationen geschaffen haben, eine Gesellschaft, die satt ist und in der es keinen geistigen Fortschritt gibt, eine Gesellschaft, in der das Soziale zum Haupteinkommensgeber geworden ist, was sich u.a. in Legionen von Sozial-Dienstleistern niederschlägt, deren Hauptzweck darin besteht, anderen Leiden einzureden, die sie nicht haben und ansonsten Lobbyarbeit zu betreiben, um neue Finanzmittel loszueisen.

Staat als BeuteEine Gesellschaft, in der Aufbruchsstimmung herrscht, eine Gesellschaft, in der Wachstum vorhanden ist, wirtschaftliches und geistiges, nachhaltiges Wachstum, wie es heute heißt, also Wachstum, das einen Fortbestand ermöglicht, sieht anders aus. Eine solche Gesellschaft sieht den Wettstreit von Ideen und Meinungen. Sie sieht Pluralismus im Tun. In einer solchen Gesellschaft werden Leistende auf Händen getragen und nicht nicht-Leistende ummuttert, in einer solchen Gesellschaft sind Parteien, die sich demokratisch nennen, aber ihre anti-demokratische Verfasstheit in Sprechverboten und mannigfaltigen Versuchen in die Freiheit anderer einzugreifen, anderer, die die eigene Ideologie nicht teilen, zwar geduldet, aber schlecht angesehen, denn der freiheitlich demokratische Grundkonsens sieht es vor, dass jeder seine Stimme erheben und für sich werben kann.

Liberalität ist der Kern eines demokratischen Staatsgefüges und insofern ist das Verschwinden der FDP geradezu programmatisch für eine Gesellschaft, deren Parteien zu anti-demokratischen Vereinigungen derer geworden sind, die sich selbst bereichern, ihre Günstlinge versorgen und ansonsten durch ideologischen Zwang die Freiheit ihrer Bürger beseitigen – daran, dass der Staat die Beute der Parteien ist, hat sich also nichts geändert.

Aber die 36,8 Millionen Deutschen, die die im nächsten Bundestag vertretenen Parteien gewählt haben, scheinen kein Problem damit zu haben, die Weiterführung von Freiheitsberaubung und De-Liberalisierung, die Demotivation von Leistung und den Umbau zur sozial stratifizierten Neidgesellschaft legitimiert zu haben.

Wahl-Nachbetrachtung I: Die Akkuratheit unseres ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool

Das vorläufige amtliche Endergebnis der Bundestagswahl 2013 steht fest. Für Liberale und Freiheitsliebende gibt es keinen Grund zur Freude und noch weniger Grund zum Optimismus – doch dazu in einem gesonderten Post.

Dieser Post ist der Freude über die Validität und Genauigkeit unseres ScienceFiles-Fuzzy-Prognostik-Tools gewidmet: Denn die Akkuratheit unserer Wahlprognose ist etwas, worauf wir stolz sind und worüber wir uns freuen.

Unsere Wahlprognose basiert anders als die Wahlprognosen, die man bei ARD oder ZDF kurz nach 18:00 Uhr gestern bewundern konnte, nicht auf so genannten “Exit-Poll-Befragungen”, bei denen in der Regel 5.000 Wähler in ausgewählten Wahlkreisen befragt wurden, was sie gerade gewählt haben, sondern auf 1274 Stimmen, die die Leser von ScienceFiles bis Mitternacht des Freitags vor der Wahl abgeben konnten. Entsprechend vergleichen wir unsere Wahlprognose mit dem letzten “repräsentativen” Wahltrend, den Infratest Dimap für die ARD durchgeführt hat. Die folgende Abbildung stellt unsere Wahlprognose dem letzten vermeintlich repräsentativen Wahltrend der ARD gegenüber.

Bundestagswahl-2013-Vorhersageguete

Wie man dem Vergleich entnehmen kann (letzter Balken), ist unsere Prognose akkurater als der letzte vermeintlich repräsentative Trend, den die ARD veröffentlicht hat. Im Wesentlichen hatten wir Probleme, das gute Ergebnis von CDU/CSU vorherzusagen und lagen bei der Linken zu tief, während man beim ARD Wahltrend eine deutliche Linksschiefe erkennen kann, die sich in zu hohen Werten für Linke und SPD niederschlägt und in zu geringen Werten für kleine, neue Parteien.

Wir sind auf unser besseres Abschneiden aus einer Reihe von Gründen stolz:

  • Unsere Wahlprognose basiert im Gegensatz zum ARD Wahltrend auf keinerlei behaupteter Repräsentativität und entsprechend umfangreichen Datenmanipulationen (Gewichtung), sondern auf einem eigens gebauten Entscheidungsmodell, unserem ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool.
  • Unsere Wahlprognose hat im Gegensatz zum ARD Wahltrend nicht hundert Tausende von Euro gekostet, sondern im Wesentlichen nur unsere Zeit.
  • Unsere Wahlprognose ist akkurater obwohl wir nicht über die vielen Vergleichsdaten aus früheren Umfragen verfügen, auf die z.B. Infratest Dimap zurückgreifen kann.

Man könnte demnach das ganze Brimborium der Meinungsforschungsinstitute und vor allem sehr viel Geld einsparen, wenn man das wollte (z.B. bei der gebührenfinanzierten ARD).

Und nicht nur deshalb sind wir stolz auf unsere Wahlprognose und unser ScienceFiles-Fuzzy-Prognose-Tool.

ScienceFiles-Wahlprognose 2013 – Eine Wahl der Überraschungen?

Wir haben das Online-Wahllokal für die ScienceFiles-Wahlumfrage geschlossen und bedanken uns bei 1274 Wählern, die unsere Umfrage legitimiert haben und dabei geholfen haben, die Grenze der Anzahl von Befragten zu überschreiten, die bei Meinungsforschungsinstituten gewöhnlich die vermeintliche Repräsentativität ihrer Umfragen sicher stellen soll, nämlich 1.000 Befragte (So befragt Infratest Dimap im Auftrag der ARD regelmäßig zwischen 1012 und 1050 Personen). Im Gegensatz zu Meinungsforschungsinstituten gibt es bei uns niemanden, der keine Angaben macht oder die Angaben verweigert, so dass wir 1274 valide Antworten und keine “missing values” in unserer Befragung haben.

Und das Ergebnis der ScienceFiles-Wahlumfrage sieht wie folgt aus:

ScienceFiles_Wahlumfrage_2013

Geht es also nach den Lesern von ScienceFiles, die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, dann hat der nächste Bundestag ein ganz anderes Aussehen als der jetzige. Aber, so hört man die institutionalisierten Wahlforscher schon unisono und im Chor einwenden: die ScienceFiles-Umfrage ist ja gar nicht repräsentativ.

Wir haben an anderer Stelle bereits gezeigt, dass Repräsentativität mehr ein Fetisch als ein wissenschaftliches Konzept ist und dass die geheimnisvolle Gewichtung eine spezifische Form der Datenmanipulation ist, die mehr oder weniger große Ähnlichkeiten mit dem Lesen von Kaffeesatz aufweist, aber gut: Wir wollen an dieser Stelle das Manko, das unsere Umfrage in den Augen der institutionalisierten Volksbefrager hat, beseitigen und unsere eigene Form der Repräsentativität durch informiertes Schätzen herstellen.

Wir haben dies in einem strukturierten und hierarchischen Entscheidungsmodell gemacht, das wir als ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool bezeichnen. Es funktioniert wie folgt (im Folgenden ist eine Reihe von Prognosefaktoren genannt, es sind nicht alle Prognosefaktoren genannt):

  • Wir nehmen an, dass unsere Wählerschaft progressiv ist und einen Wandel will, darauf folgt, dass neue Parteien wie die AfD in unserer Umfrage überschätzt sind.
  • Parteien wie die CDU/CSU und die SPD, das zeigt die amtliche Wahlstatistik, haben die höchsten Anteile unter alten Wählern. Alte Menschen sind seltener im Internet zu finden. Entsprechend haben wir die Anteile von CDU/CSU und SPD unterschätzt.
  • Jüngere Wählergruppen sind eher aufgeschlossen für kleinere Parteien und Parteien, die nicht im Bundestag vertreten sind. Unsere Leser gehören mehrheitlich zu den unter 40jährigen, und entsprechend werden bei uns kleinere Parteien über- und etablierte Parteien unterschätzt.
  • Ausweislich der letzten amtlichen Wahlstatistik wählen Männer überproportional FDP und die Linke, während Frauen überprportional CDU und B90/Grüne wählen. Die Mehrzahl unserer Wähler sind männlich, entsprechend haben wir die Anzahl der Stimmen für FDP und LINKE überschätzt und die Anzahl der Stimmen für CDU und B90/Grüne unterschätzt.
  • Wir sind ein liberales blog. Entsprechend sollten liberale Leser auf ScienceFiles überrepräsentiert sein. Die FDP und andere liberale Parteien (z.B. PARTEI DER VERNUNFT) sind in unserer Umfrage entsprechend überschätzt.
  • Die Zahl derjenigen, die von sich sagen, Sie werden nicht wählen gehen und die Anzahl derjenigen, die beabsichtigen ungültig zu wählen, ist mit rund 10% unterschätzt, denn: an der Bundestagswahl 2009 beteiligten sich lediglich 72,2% der Wahlberechtigten (die Anzahl ungültiger Zweitstimmen betrug 2009 1,4%).
  • Aufgrund dieser und anderer Annahmen weichen unsere Ergebnisse von allen veröffentlichten Wahlumfragen, die wir kennen, mehr oder weniger deutlich ab. Entsprechend haben wir einen “random walk” über die anderen Wahlumfragen unternommen und unser Ergebnis mit der wahrscheinlichsten Verteilung verrechnet.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Kriterien, die wir im Sciencefiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool berücksichtigt haben. Nun wollen wir unsere Leser aber nicht mehr länger auf die Folter spannen.

Hier kommt das Ergebnis, die ScienceFiles-Wahlprognose 2013.

Das ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognostik-Tool sagt den Ausgang der nächsten Bundestagswahl wie folgt voraus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Stimmanteil

Nach unserer Wahlprognose ist die AfD mit Sicherheit im nächsten Bundestag vertreten. Die CDU/CSU erhält den höchsten Anteil an Stimmen, gefolgt von der SPD. Die FDP schafft es mit Hängen und Würgen in den Bundestag, in dem neben den genannten Parteien noch die LINKE sowie Bündnis90/die Grünen vertreten sind.

Im Vergleich zur Bundeswahl 2009 sagt unsere Prognose die folgenden Veränderungen voraus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Gewinn und Verlust

CDU/CSU und SPD können leichte Gewinne verbuchen. Der Gewinner der vorliegenden Wahl ist jedoch die AfD, die aus dem Stand in unserer Wahlprognose auf 6,1% der Stimmen kommt. Dagegen muss die FDP erhebliche Verluste einstecken, ein Minus von 9,1% ergibt sich in unserer Prognose. Ihren Stimmanteil schwinden, sehen auch die LINKE und Bündnis90/Die Grünen, während die Piraten zwar leichte Zugewinne im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 verzeichnen, in unserer Prognose aber nicht einmal in die Nähe der 5%-Hürde gelangen.

AUf der Basis dieser Wahlprognose haben wir die Sitzverteilung im nächsten Bundestag berechnet. Dabei sind wir von 598 zu vergebenden Sitzen ausgegangen, haben also die Flut an Überhang- und Ausgleichsmandaten, die das neue Wahlrecht mit hoher Wahrscheinlichkeit verursachen wird (und die die Steuerzahler bezahlen werden) nicht berücksichtigt. Folglich sieht unser nächster Bundestag wie folgt aus:

ScienceFiles_Wahlprognose_2013_Sitzverteilung

Nach unserer Wahlprognose gibt es im nächsten Bundestag keine Mehrheit für schwarz-gelb, es gibt keine Mehrheit für rot-rot-grün und alles nur wegen der AfD. Eine Koalition zwischen CDU/CSU, FDP und AfD hätte eine parlamentarische Mehrheit von 21 Abgeordneten, während eine große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD sich auf eine Mehrheit von 115 Abgeordneten stützen könnte. Ausgehend von unserer Wahlprognose wird es daher spannend, und das wahrscheinlichste und konsequenteste Ergebnis aus unserer Wahlprognosse wird eine große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD und somit zwischen Parteien sein, die sich ohnehin kaum voneinander unterscheiden.

Es wahlkampft: Nichtwahl als ehrliche Wahlentscheidung

Einmal in vier Jahren entdecken die politischen Parteien ihre Bürger. Einmal in vier Jahren, immer im Schnitt einige Monate vor einem Urnengang, jenem symbolischen Akt, bei dem Wähler ihre Stimme in eine Urne werfen, damit sie gezählt und dann vernichtet wird, “wahlkampft” es. Überall stehen Plakate mit nichtssagenden Parolen, den immerselben Gesichtern, im Fernsehen finden Duelle statt und eine ganze Reihe von Anstrengungen wird unternommen, um den Wählern den Eindruck zu vermitteln, man nehme sie ernst und sei an mehr als ihrer Stimme interessiert.

Erving Goffman hätte seine Freude an dieser Form der öffenlichen Inszenierung, bei der Fassade, dramatische Gestaltung, Idealisierung und Ausdruckskontrolle von so großer Bedeutung sind.

Zunächst ein bischen Begriffsklärung:

Goffman Theater“Unter Fassade verstehe ich also das standardisierte Ausdruckrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet” (Goffman, 1983, S.23). […] “Ich habe schon angedeutet, dass bei der Darstellung einer Rolle die Fassade einige recht abstrakte Ansprüche an das Publikum stellt, die meist auch bei der Darstellung anderer Rollen erhoben werden. Hierbei handelt es sich um eine der Methoden, durch die eine Darstellung ‘sozialisiert’, das heißt dem Verständnis und den Erwartungen der Gesellschaft, vor der sie stattfindet, angepasst wird. Ich will nun einiges über einen weiteren wichtigen Aspekt dieses Sozialisierungsprozesses ausführen: über die Tendenz der Darsteller, beim Publikum einen auf verschiedene Art idealisierten Eindruck zu erwecken” (Goffman, 1983, S.35). […] “Die notwendige Stimmigkeit des Ausdrucks bei unseren Darstellungen weist uns auf eine entscheidende Diskrepanz zwischen dem allzu-menschlichen Selbst und dem Bild der Persönlichkeit, wie es vor der Gesellschaft erscheint, hin” (Goffman, 1983, S.52).

Kurz zusammengefasst und auf Politiker angewendet, sagt Goffman, dass eine erfolgreiche Darstellung eines Politikers dann erreicht ist, wenn es dem entsprechenden Politiker gelingt, auf der Bühne der Öffentlichkeit und vor seinem Publikum glaubwürdig seine Rolle zu spielen. Die Rolle ist eine Inszenierung der Dinge, die der Politiker glaubt, dass sie seinem Publikum bzw. dem von ihm adressierten Publikum wichtig sind. Die Idealisierung der Darstellung, also die möglichst reine Ansprache der Erwartungen, von denen ein Politiker glaubt, dass sie an ihn gerichtet werden, ist der Schlüssel zum Erfolg, denn nur wenn es einem Politiker gelingt, den Eindruck zu erwecken, er nehme das, was er denkt, dass es seinem Publikum wichtig ist, ernst, ist seine Darstellung glaubwürdig und mithin erfolgreich.

Man beachte, dass der altruistische gute Onkel und die nette Tante von nebenan, die uns Parteien als ihre Politiker verkaufen wollen, in der Beschreibung von Goffman nicht vorkommt. Goffman ist ja gerade an der Beschreibung der Realität mit all ihren Niederungen und eben nicht an der Beschreibung der Symbolik interessiert, die genutzt wird, um die Realität nicht als solche erscheinen zu lassen.

Einmal in vier Jahren gilt es für Politiker zu schauspielern, dann müssen sie zeigen, wie gut sie in der Lage sind, sich glaubwürdig zu inszenieren. Dann wird versucht, Wählern vorzugaukeln, dass das, was sie wollten, genau das ist, was ein bestimmter Politiker anbietet. Die Idealisierung Goffmans, die Anthony Downs als Reduktion auf wenige ideologische Aussagen beschrieben hat, ist deshalb so wichtig, weil kein Wähler sich der Mühe unterzieht, politische Programme zu lesen und mit dem, was er für richtig hält, zu vergleichen. Es geht entsprechend im Wahlkampf nicht darum, “den Menschen” zu zeigen, dass man für sie da ist, sondern darum, “den Menschen” vorzumachen, man verkaufe genau das Waschmittel, das sie sich schon immer gewünscht haben.

Fishermans-Friend-Plakat_02Spätestens hier schreien die Idealisten unter den Lesern, diejenigen, die (immer noch) glauben, Politiker seien tatsächlich ausgezogen, um die Welt zu verbessern und den Menschen alles Heil der Welt zu bringen und nicht etwa auf der Suche nach einer einträglichen Einkommensquelle. Und – wenig überraschend nach der Einleitung zu diesem Beitrag – muss ich feststellen, dass Idealisten diejenigen sind, die die Darstellung von Politikern als glaubwürdig ansehen, die denken, die Inszenierung eines Politikers sei keine Inszenierung, sondern echt. Politiker hätten eine Persönlichkeit, die von Charaktermerkmalen und Charakterzügen ausgezeichnet ist, die Jesus, Buddha und all die anderen Religionsstifter vor Neid hätte erblassen lassen. (Wie diese Persönlichkeit sich mit Parteilisten vereinbaren ließe bzw. mit Parteidisziplin ist eines der Mysterien, die Gläubige an den Altruismus in Politikern pflegen.)

Aber: Politiker im Allgemeinen und Berufspolitiker im Besonderen sind nicht an guten Lösungen oder an der Wohlfahrt einzelner Bürger interessiert: Sie sind an ihrer eigenen Wohlfahrt interessiert und um diese Wohlfahrt zu erreichen, vertreten sie politische Inhalte, inszenieren sie sich in einer Weise, von der sie hoffen, dass sie von möglichst vielen Bürgern geglaubt wird.

WahlbeteiligungNimmt man allerdings die Wahlbeteiligung als Indikator dafür, wie viele Bürger die Inszenierung der Politiker glauben, dann muss man feststellen, dass die Glaubwürdigkeit der Darstellung seit 1983 erheblich gelitten hat und dass vor allem jüngere Wähler nicht glauben, was Ihnen vorgemacht, was für sie inszeniert werden soll. Entsprechend findet sich auf tagesschau.de ein Beitrag mit dem Titel “Politiker erreichen junge Wähler nicht”.

Der Beitrag ist, ganz im Gegensatz zu dem, was man sonst auf Tagesschau.de findet, als informativ zu bezeichnen. Er besteht überwiegend aus dem Verweis auf andere Texte und enthält sich weitgehend der Bewertung. Insofern muss man Manuel Dauenberger, der den Text für Tagesschau.de erstellt hat, hier lobend erwähnen und sich gleich fragen, ob er bei Tagesschau.de eine Zukunft hat.

Markus VoethZwei der verlinkten Texte sind besonders aufschlussreich, nämlich eine Pressemeldung der Universität Hohenheim und ein Beitrag auf “Medienpolitik.net”. Die Pressemeldung der Universität Hohenheim berichtet von Erkenntnissen, die Prof. Dr. Markus Voeth gesammlt hat, und die zeigen, dass der “Facebook-Wahlkampf” die Jungwähler in Baden-Württemberg nicht erreicht. Zwei Dinge sind bemerkenswert: (1) Es gibt einen Facebook-Wahlkampf der Parteien. (2) Die “Jungwähler in Baden-Württemberg” mutieren bei näherem Hinsehen zu 814 17- bis 30jährigen, die ein Abitur oder einen Hochschulabschluss erreicht haben. Und in dieser höchst selegierten Gruppen können Politiker und Parteien nicht punkten, weshalb der Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der Universität Hohenheim, Markus Voeth, den Parteien rät, neben der Qualität des eigenen Angebots, vor allem den Wiedererkennungswert und die Unverwechselbarkeit des eigenen Angebots sicherzustellen, vermutlich in der Weise: der weiße Riese wäscht fünfmal mehr als herkömmliche Waschmittel oder Ariel lässt die Herzen von Hausfrauen höher schlagen, aber nein, es sind ja Parteien: daher: Für mehr Solidarität im WIR oder meine Mudda wird Chef und DU? Aber, so gibt der Professor für Marketing zu bedenken: “Auffällig ist, dass sehr allgemeine Statements oder Worthülsen generell als weniger passend bewertet werden als Claims, die direkt mit den Parteiinhalten in Zusammenhang stehen”. Wären wir im Britischen Unterhaus, ein Hear Hear, wäre dem Professor für Marketing sicher. Da wir ein Wissenschaftsblog sind stellen wir die Frage, ob die zitierte Aussage selbstreferentiell gemeint ist.

DreiKoepfe_ohneRahmenIm Beitrag auf Medienpolitik.net erkennen drei Autoren in einem eher kurzen Text, dass “Social Media” die Politik verändern, so sehr, dass in drei Generationen Politiker zum “Digital Native” geworden seien und in Zukunft “Diskurse über Gesetze und Reformen moderner geführt” würden. Und weil modern (was auch immer modern ist, wenn man nicht annehmen will, allein die Nutzung von #Neuland wie Twitter und Facebook durch Politiker mache Politik schon modern) gut ist, wird diese Entwicklung der “Qualität der legislativen Arbeit … zu Gute kommen”. Man fühlt sich an die selbstreferentielle (?) Aussage aus dem letzten Absatz erinnert. Besonders wichtig an sozialen Medien, so geht es weiter, sei das “Dialogische” und Politiker ihrerseits würden “immer stärker selbst zum Medium” und würden “entscheiden, welche Inhalte sie unters Volk bringen”.

Das Moderne besteht also darin, dass Politiker lernen, sich auch in sozialen Medien zu inszenieren, Themen vorzugeben, wie die Herren von Medienpolitik.net meinen (das Dialogische, das auch vorsieht, dass Politiker Themen aufnehmen, Responsivität nennen das Politikwissenschaftler, ist also zum Monologischen mutiert) bzw. Wählerschichten unverwechselbar und mit Wiedererkennungswert zu erschließen, wie man an der Universität Hohenheim lernen kann. Die Prämissen, auf denen beide Beiträge aufbauen, zeigen, wie richtig die Annahme ist, dass Wahlen Inszenierungen darstellen, die von denjenigen gewonnen werden, die sich am glaubwürdigsten vermarkten. Das spezifisch Deutsche an dieser Form der Politik-Vermarktung scheint jedoch zu sein, dass sie ausschließlich von oben nach unten stattfindet, dass Politiker vorgeben und Wähler dem folgen sollen, was ihnen vorgegeben wird.

SciencefilesUnd deshalb wollen wir von ScienceFiles hier einmal eine radikale These in mehreren Variationen in den Diskussions-Raum werfen.

  • Wer nicht wählen geht, der geht nicht wählen, weil er die Laienspielschar und ihre Inszenierung nicht noch mit Legitimität und der Illusion versorgen will, man hätte geglaubt, was sie behaupten.
  • Nichtwähler wollen Politikern nicht die Genugtuung geben, wieder einmal erfolgreich Wähler über den Tisch gezogen und getäuscht zu haben.
  • Nichtwähler rekrutieren sich zunehmend aus Hochgebildeten, die es nicht ertragen können, eine Schauspielertruppe, die in jedem Provinztheater von der Bühne gebuht würde, zu wählen und mit der Illusion zu versorgen, sie seien gebildet und ihnen würde mit Achtung begegnet.
  • Nichtwahl ist somit die ehrliche Wahlentscheidung, die Politikern deutlich zeigt, dass man ihnen nicht auf den Leim gegangen ist.

Scheinbar findet sich Ehrlichkeit in höheren Anteilen unter jüngeren Wählern.

Goffman, Erving (1983). <a href="“>Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Pieper.