Alles Rassisten in der Bürgerlichen Mitte – Die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der DGS klärt auf

Den Genderisten bläst der Wind ordentlich ins Gesicht, was auch kein Wunder ist, denn wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass der Kaiser nackt ist, nimmt die Zahl derer, die das kaiserliche Gewandt bewundern, rapide ab.

Achtung heftiger Gegenwind!Und so scheinen den Gender- und Geschlechterforschern und vor allem den “feministischen Gesellschafts- und Wissenschaftskritikern” die Felle davon zu schwimmen, und zwar in einer Geschwindigkeit, die ihnen außer Anomie wenig Zeit zur Reaktion lässt. Anomie beschreibt hier die Reaktion des Kaninchens vor der Schlange.

Und so hat uns gerade ein “Statement der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGS” erreicht, ein Statement zum “Ratschlag zum Umgang mit Anti-Feminismus”, das an Armseligkeit nicht zu überbieten ist. [Was Frauen- und Geschlechterforschung mit Feminismus zu tun hat, ob Frauen- und Geschlechterforschung überhaupt etwas mit Feminismus zu tun hat, das wäre übrigens noch zu klären. Es gibt genug Anlass anzunehmen, dass die Frauen, die Feminismus als emanzipatives Projekt begründet haben (z.B. Mary Wollstonecraft), beim Anblick der traurigen Gestalten, die heute von sich sagen, sie wären Feministen,  von einem heiligen Zorn erfasst würden.]

Vorab und zur Erinnerung: Bis heute hat es kein Lehrstuhlbesetzer für Gender, Geschlechter oder sonstige Zwischenbein-Forschung geschafft, einfache Fragen zu den Grundlagen, den Methoden, der Erkenntnistheorie seiner vermeintlich doch wissenschaftlichen Betätigung zu beantworten. Alle, die wir oder Günter Buchholz gefragt haben, schweigen beharrlich, was nurmehr den Schluss zulässt, dass sie nicht antworten können, weil sie keine wissenschaftlichen Grundlagen, keine wissenschaftlichen Methoden und keine Erkenntnistheorie haben.

Dafür haben sie einen ausgeprägten Opfersinn und eine ausgeprägte Lamentierfähigkeit, wie man dem Statement der Sektion Frauen und so weiter Forschung entnehmen kann.

Sie sehen sich umzingelt. Von Kritikern gejagt, die ihnen nun schon in der Wissenschaft auflauern und sie mit Fragen traktieren. Offensichtlich wird so langsam auch behäbigen Wissenschaftlern klar, dass sie Ideologen in ihren Reihen und an ihren Fördertöpfen haben (dazu unten mehr).

Dass die Frauen- und Geschlechterforscher_I_*innen Angst um ihre Pfründe haben, dass sie sich in der dummen Situation finden, sich erklären zu müssen, wird auch daran deutlich, dass sie, wie üblich, auf Kritik mit Diffamierung reagieren. So sehen sie eine “mediale Debatte”, die einen “Angriff” auf die “feministische Wissenschaftstradition” führt, was schon deshalb nicht möglich ist, weil es vermutlich eine feministische Tradition, aber eben keine feministische Wissenschaftstradition gibt. Gäbe es dieselbe, die Genderisten könnten die ihnen gestellten Fragen beantworten.

Die Angriffe werden sodann zu “Vorwürfen der Unwissenschaftlichkeit und der Ideologisierung”, um sich danach zu “polemischen Attacken” aufzubauen, die die  “De-Legitimierung des Feldes” anstreben (als müsste man das “Feld” de-legitimieren), den Genderisten die “Durchsetzung politischer Interessen” vorwerfen und die “Wissenschaftlichkeit der Genderforschung grundsätzlich in Abrede” stellen. Und diese Vorwürfe, Attacken und Angriffe, sie kommen auch aus dem “akademischen Feld”.

Ja, so ist das. Die Zeit des gemächlichen und ungestörten rent seeking ist vorbei.

DGSWer nun denkt, das Statement der XX-Sektion zeige die Unhaltbarkeit dieser “Angriffe”, “Attacken” und “Vorwürfen”, also in normaler Sprache: der Kritik an den Genderista auf, der irrt sich. Wo ein normaler Wissenschaftler mit Argumenten und dem Versuch, die Kritik zu widerlegen oder doch zumindst zu entkräften reagiert hätte, da reagieren die XX-Sektionalen mit … nichts.

Kein Argument, warum die Angriffe ungerechtfertigt sind.

Kein Beleg dafür, dass der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit falsch ist.

Kein Argument, das zeigt, dass keine Ideologisierung der Wissenschaft durch deren Infiltrierung mit Genderista erfolgt. Einfach nur nichts.

Einen klassischeren Beleg dafür, dass Frauen- und Geschlechterforscher eben keine Wissenschaftler, sondern Ideologen und politische Günstlinge sind, kann man sich kaum vorstellen.

Wir haben uns zwei Stellen aus dem “Statement” herausgegriffen, an denen die ganze Armseligkeit der Genderista deutlich wird:

“… wer anderen Normativität und politischen Etikettenschwindel vorwirft, bewegt sich vor allem selbst auf rhetorisch-ideologischem Glatteis. Der in diesem Zusammenhang geäußerte Vorwurf, kulturelle Aspekte des Geschlechterverhältnisses seien völlig unterforscht, demonstriert Unkenntnis”.

Diese Passage richtet sich gegen Stefan Hirschauer, der es gewagt hat, einen recht biederen und zurückhaltenden Beitrag mit dem Titel “Wozu Gender Studies?” zu verfassen. Wer die Passage gelesen hat, vermisst vermutlich den positiven Teil, wie Hans Albert immer gesagt hat und bis heute wohl sagt: Warum, so muss man die Genderista fragen, bewegt sich derjenige, der anderen Normativität und politischen Etikettenschwindel vorwirft, auf Glatteis? Warum demonstriert jemand, der behauptet, “kulturelle Aspekte des Geschlechterverhältnisses” seien “völlig unerforscht” Unkenntnis?

Den rhetorischen Trick, der hier zur Anwendung kommt, könnte man als offensive Armseligkeit bezeichnen, denn die fehlenden eigenen Belege und Argumente sollen durch einen Angriff auf den Kritiker übertüncht werden. Ein Trick, der unter Genderista klappen mag, nicht jedoch unter Wissenschaftlern, denn Wissenschaftler sind nicht so dumm, als dass sie glauben würden, ein argumentum ad hominem sei gültig.

Wissenschaftler arbeiten an einem kumulativen Projekt . Und ein kumulatives Projekt setzt es voraus, dass man Argumente, nachvollziehbare und nachprüfbare Aussagen aufstellt. Wer nichts anderes kann, als Dritte abzukanzeln, der ist ein Ideologe und hat in der Wissenschaft nichts zu suchen. Ergo haben Genderista und ihre Vasallen in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Genderista sind auch gar nicht in der Wissenschaft, um Wissenschaft zu betreiben oder Erkenntnis zu gewinnen, nein, sie sind politische Überzeugungstäter, Ideologen, die an einer sozialistischen Gesellschaft bauen wollen:

windbeutel“Dabei sind der sich artikulierende Antifeminismus sowie Trans- und Homophobie kein singuläres Phänomen. Die Diffamierung von Genderforscher_innen und die Verunglimpfung der Gleichstellungspolitik stehen u.a. im Zusammenhang mit kulturellem Rassismus, der sich zunehmend in Hassreden und Praktiken der Abwertung äußert. Europaweit zeigen mediale Debatten und Demonstrationen im öffentlichen Raum, dass die bürgerliche Mitte zunehmend ein ‚Unbehagen‘ artikuliert, das in der Ungleichheitsforschung u.a. auf die Neoliberalisierung und Vermarktlichung der Gesellschaft zurückgeführt wird; aus modernitätstheoretischer Sicht geht dieses ‚Unbehagen‘ mit antiemanzipatorischen und anti-aufklärerischen, d.h. reaktionären Impulsen einher. In diesem Zusammenhang werden kategorial abwertende Zuschreibungen, wie etwa Fremdenfeindlichkeit, immer vehementer artikuliert.”

Die bürgerliche Mitte ist aus Sicht der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der DGS also Hort von Rassimus, Homophobie, Antifeminismus und “Neoliberalisierung” bzw. kurz. von kulturellem Rassismus. So einfach denken die Gender-Sektionalen, ist es, Kritik vom Tisch zu wischen und Kritiker als kultur-rassistische Bourgeois zu diffamieren, die es im neuen Klassenkampf, in dem die gelangweilten Günstlinge öffentlicher Förderprogramme sich nunmehr mit denen konfrontiert sehen, die diese Förderprogramme finanzieren, quasi als Verkehrung dessen, was Marx einst am Werk sah und vielleicht auch als neue Fassung dessen, was er einst als Lumpenproletariat bezeichnet hat, zu bekämpfen gilt.

Die modernen Klassenkämpfer haben jedoch im Vergleich zu ihren Vorgängern ein Handicap: Sie verfügen über keinerlei Produktivkraft. Sie sind vollständig vom Wirt, der sie bedient, abhängig, und das scheint ihnen auch vollkommen bewusst zu sein. Anders ist dieses Mahnmal genderistischer Armseligkeit kaum zu erklären.

Siegwart Lindenberg hat einmal sinngemäß gesagt, dass dann, wenn die Mittel knapp werden, wenn ökonomische Zwänge die Ausgaben determinieren, Rationalität als Kriterium bei den entsprechenden Entscheidungen über die Verwendung begrenzter Ressourcen wieder Einzug hält. Insofern sind wir auf dem besten Weg, Genderista loszuwerden.

Dass nichts verloren ist, wenn wir Genderista von Hochschulen entfernen und im Gegenteil viel gewonnen ist, zeigt die folgende Passage aus dem Statement der Gender-Sektionierten ganz deutlich:

“Die Einsicht in Prozesse der Vergeschlechtlichung der Wissenschaftsorganisation und des wissenschaftlichen Denk- und Begriffsapparats war für die Ausdifferenzierung des Forschungsfeldes zentral; die erkenntnistheoretisch motivierten Debatten der 1990er Jahre um das Verhältnis von sex und gender stellen eine paradigmatische Erweiterung dar und sind Ausdruck eines Selbstverständnisses als emanzipatorischer Wissenschaft, die immer wieder offen über das Verhältnis von Standortgebundenheit, Erkenntnis und Normativität in Verhandlungen getreten ist.”

Wie es sich mit einer angeblich emanzipatorischen Wissenschaft vereinbaren lässt, dass Kritiker der Genderista durch die Bank diffamiert und als Rassisten beschimpft werden, ist eine Frage, die die Schreiber des Statements vielleicht beantworten können, wenn sie demnächst von dem emotionalen Hoch, das ihre Hysterie ihnen verschafft hat, auf den Boden der Realität zurückkehren, sofern Hysterie bei ihnen kein Dauerzustand ist, quasi eine Grundqualifikation zum Genderista.

Inhaltlich hat die zitierte Passage wenig zu bieten und lässt sich unter Auslassung sämtlicher Füll- und Leerwörter wie folgt zusammenfassen: Die genannte Einsicht war wichtig, um zusätzliche Stellen für Gender-XX zu schaffen, und die Debatten der 1990er Jahre haben gezeigt, dass eine emanzipatorische Wissenschaft sich mit sich selbst beschäftigen muss. Die Maxime der feministischen Erkenntnis lautet demnach: “Beschäftige Dich mit Dir selbst und schaffe Stellen für andere, die sich mit sich selbst beschäftigen wollen!”

Zeit, an unsere Petition gegen Genderismus an Schulen und Hochschulen zu erinnern. Sie kann immer noch unterzeichnet werden.

Davon abgesehen, brauchen Stefan Hirschauer und Günther Buchholz Solidaritätsbekundungen, denn die beiden wurden von den Genderista als neue Feinde ins Visier genommen – wie man beim Lesen des Statements und vor allem der Fußnoten schnell bemerkt..

Zweierlei Maß im Verharmlosungs- oder Hämejournalismus

Nachdem Lügenpresse zum Wort des Jahres gekürt wurde (oder war es das Unwort des Jahre?), kann man ein weiteres Wort in die Phalanx der Beschreibungen nach-moderner Versuche, Presse zu betreiben, einfügen: Den Verharmlosungs- oder Hämejournalismus.

Verharmlosungs- oder Hämejournalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er einen Skandal zu einer Begegebenheit reduziert, die eigentlich nicht weiter erwähnenswert ist, keiner Aufregung würdig ist, entsprechend keiner weiteren Aktivitäten bedarf und der denen, die er betrifft, sowieso recht geschieht.

Ein besonders krasses Beispiel hat die FAZ gerade geliefert, die in einer nicht mehr akzeptablen Art und Weise Forschungsergebnisse die einen Tsunami belegen, darstellt, als wäre das Wasserglas in Nachbarhaus übergeschwappt.

MPIfG_LutterAusgangspunkt ist die von Mark Lutter und Martin Schröder durchgeführte und unter dem Titel “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” als MPIfG Discussion Paper 14/19 publizierte Untersuchung, die wir vor einigen Tagen vorgestellt haben. Es ist die erste Untersuchung, die klipp und klar belegt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie diskriminiert werden:

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Das nennt man eine krasse Diskriminierung. Es ist ein Verstoß gegen jede Version eines Leistungsprinzips, das gewährleisten soll, dass die besten und leistungsfähigsten Bewerber in Positionen gelangen, und es ist eine Verletzung des Prinzips der Meritokratie mit allen negativen Effekten, die diese Verletzung auf die Bereitschaft leistungsfähiger Männer hat, sich im Fach Soziologie zu engagieren.

Man muss kein Prophet sein, um vorhersehen zu können, dass die Soziologie über kurz oder lang zu einem Market for Lemons verkommen wird, wenn die Diskriminerung von Männern nicht beendet wird (aber vielleicht ist sie auch schon ein Market for Lemons, immerhin hat die Soziologie den höchsten Anteil von Gender Studies aller Fachbereiche an Hochschulen).

Eigentlich ist das Ergebnis von Lutter und Schröder also eine Katastrophe für eine Gesellschaft, die Wohlstand zur Zielsetzung hat und immer noch behauptet, im Bildungssystem und der Gesellschaft als Ganzes ginge es um Meriotokratie. Eigentlich ist das Ergebnis von Lutter und Schröder ein Ergebnis, das man in Superlativen beschreiben müsste.

Eigentlich.

Uneigentlich wird bei der FAZ ein Verharmlosungs- und Hämeartikel daraus, der es einem wirklich schwer macht, sich nicht zu übergeben.

Es beginnt schon im Untertitel:

“Wer in der Sozialwissenschaft in den Professorenrang aufsteigen will, muss noch immer vor allem vielfältige Veröffentlichungen vorweisen. Aber es schadet auch nicht, eine Frau zu sein – im Gegenteil.”

Statistik verstehenManche Journalisten schaffen es bereits im ersten Satz, ihre komplette Unkenntnis in genau ein Wort zu fassen, hier: Sozialwissenschaften. Für den Fall, dass es Philosophen, Politikwissenschaftler oder Literaturwissenschaftler o.a. nicht wissen: Ihr seid alle Anhängsel der Soziologie, denn die Soziologie ist die einzige Sozialwissenschaft, jedenfalls nach Kenntnis des kenntnisarmen Redakteurs der FAZ, der wohl aus guten Gründen nicht namentlich genannt werden will.

Man stelle sich vor, die Untersuchung von Lutter und Schröder hätte das Ergebnis erbracht, dass Frauen mehr publizieren müssen als Männer und länger auf eine Professur warten müssen als Männer, was wäre wohl passiert? Hätte ein unkenntnisreicher Redakteur der FAZ dann von “es schadet auch nicht, ein Mann zu sein – im Gegenteil” geschrieben? Oder wären ihm dann die Superlative eingefallen, die ihm nicht einfallen, wenn derselbe Skandal dummerweise Männer trifft?

Ob hier Feigheit bei Redakteuren dazu führt, dass Ergebnisse nicht als das dargestellt werden, was sie sind, dass verharmlost und beschwichtigt und Häme ausgeschüttet wird, oder ob Redakteure die herausragenden Exemplare dessen sind, was Harold Garfinkel “Cultural Dopes” genannt hat, Akteure, die nicht selbständig, sondern nur im Rahmen vorgegebener Bahnen denken könnne, ist bislang eine offene Frage.

Im FAZ Beitrag folgt eine Darstellung der Arbeit von Lutter und Schröder, die einerseits vermuten lässt, wie selten statistische Kenntnisse unter Redakteuren zu sein scheinen, andererseits das Ergebnis der Analyse der beiden Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts fast auf den Kopf stellt:

“Die Studie bestreitet auch die gängige Annahme, dass akademische Leistungen von Frauen in der Soziologie weniger anerkannt würden als die von Männern: Frauen müssen für eine Professur im Schnitt deutlich weniger publizieren. Bei sonst gleichen Faktoren liegt ihre Chance auf eine Professur 1,4 Mal höher.”

Was hier beschrieben wird, ist die Diskriminierung von Männern. Die Diskriminierung von Männern kommt jedoch nicht als Diskriminierung von Männern daher, nein, sie wird dargestellt als wäre sie ein erfreuliches Ergebnis, denn: Frauen werden in der Soziologie gar nicht “weniger anerkannt”. Darüber müssen wir uns doch freuen, auch dann, wenn die nicht geringere Anerkennung mit der Diskriminierung von Männern, der 1,4fachen Diskriminierung erkauft wird. Und damit auch niemand diesen vom Redakteur der FAZ vermutlich als erfreulich gesehenen Schlag in das Gesicht eines jeden, der noch denkt, Leistung lohne sich, falsch versteht, kommt im nächsten Abschnitt das unvermeitliche Framing, der Psalm, der die Grundlage für weitere Männerdiskrimierung liefern soll:

“Trotzdem waren unter den Befragten, die eine feste Professur erreichten, nur 31 Prozent weiblichen Geschlechts. Der Anteil von Frauen an der Gesamtuntersuchung hatte noch bei 41 Prozent gelegen.”

Wir sehen: dass Männer diskriminiert werden, und zwar ganz konkrete Männer, die sich auf eine ganz konkrete Professur beworben haben, dient einem höheren Ganzen, dem heiligen Ziel der Gleichstellung, der 50:50 Verteilung, denn trotz der Diskriminierung von Männern gibt es immer noch nur 31% weibliche Professoren. (Seltsamerweise werden Genozide auch immer damit begründet, dass sie einem höheren Ganzen dienen.)

Hätte der Redakteur auch nur einen blassen Schimmer von statistischen Methoden, er hätte das Ergebnis der Untersuchung nicht in der Weise verkehrt, wie er es hier getan hat, denn: dass es noch 69% männliche Professoren gibt, ist der Grund dafür, dass der Redakteur der FAZ verkünden kann, dass “noch immer vor allem vielfältige Veröffentlichungen” den Weg zur Professur bahnen.

Unter diesem generellen Trend, verbirgt sich jedoch ein anderer Trend, der diesen Zusammenhang mit jedem weiblichen Bewerber, der auf eine Professur berufen wird, abschwächen wird: Frauen müssen weniger Publikationen vorweisen als Männer und erhalten schneller als Männer eine Professur, und weil dem so ist, muss man kein Prophet sein, sondern einfach nur Kenntnisse statistischer Methoden haben, um vorhersagen zu können, dass die derzeitige Diskriminierung von männlichen Bewerbern in 5 vielleicht in 10 Jahren dazu geführt haben wird, dass die “vielfältigen Veröffentlichungen” nicht mehr die Erklärung für eine Berufung darstellen, sondern die Erklärung dafür, dass eine Berufung nicht erfolgt ist.

Wir haben an dieser Stelle schon öfter die Frage gestellt, wie moralisch verkommen man eigentlich sein muss, um konkrete Individuen aufgrund der Tatsache, dass sie männlich sind, zu diskriminieren, um der Gruppe der Frauen als Gesamt vermeintlich Vorteile zu verschaffen.

Es bleibt daher nur die Frage anzufügen, was diejenigen, die derzeit Gender Sponging auf Kosten des gesellschaftlichen Wohlstands betreiben, denken, wer ihre Rente und ihr Auskommen zahlen wird, wenn sie nicht mehr direkt vom Nutznießen leben können, denn zwei Dinge sind klar: Wenn deutlich ist, dass Leistung sich nicht lohnt, dann werden immer mehr Leistungsfähige zu Leistungsunwilligen, denn warum sollen sie leisten, es bringt doch sowieso nichts. Und wer sich dennoch nicht von dem Leisten-Wollen trennen kann, der wir dahin gehen, wo seine Leistung nach wie vor einen Unterschied macht: Ins Ausland.

Als Ergebnis finden sich mittelmäßige Hänger auf Lehrstühlen und ein einst vielversprechendes Fach wird der politischen Korrektheit geopfert.

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

  • Prof. Dr. Peter A. Berger,
  • Prof. Dr. Nicole Burzan,
  • Prof. Dr. Stephan Lessenich,
  • Prof. Dr. Michaele Pfadenhauer,
  • Prof. Dr. Uwe Schimank,Prof. Dr. Paula-Irene Villa,
  • Prof. Dr. Georg Vobruba,

schweigt nach wie vor zur Untersuchung aus dem MPI. Dass männliche Bewerber diskriminiert werden, so muss man daraus schließen, ist den Mitgliedern des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vollkommen egal, wenn sie es nicht gar befürworten.

Wer das nicht glauben will, der kann einen hier verlinkten Text, in dem die Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie um eine Stellungnahme gebeten werden, per eMail an die Mitglieder verschicken (eMail-Adressen sind zum Cut and Paste ebenfalls vorhanden) und warten, ob er eine Antwort erhält.

I had a dream

I had a dream.

I had a dream that social scientists would be scientist.

I had a dream that social scientists would unite in the quest for knowledge.

Get up stand upI had a dream that they would rise and fight for freedom and fight those who want to use science for other purposes than acquiring knowledge.

I had a dream that social scientists would take their social responsibility seriously.

Und dann bin ich aufgewacht.

Und die Realität mit all ihrer grauen Phantasielosigkeit des deutschen universitären Alltags war zurück. All die Gestalten, die sich auf Lehrstühlen herumdrücken und darauf warten, dass sich die eine Idee einstellt, auf die sie nun schon seit Jahrzehnten erfolglos warten, all die Aktivisten, die Lehrstühle besitzen, um von der Ikea-Kanzel aus das Heil der Welt zu verkünden, und all die Opportunisten, die Wissenschaft nutzen, um sich in Positionen zu sonnen, die sie nicht einmal ausfüllen würden, wenn sie adipös wären, all sie, sie sind mir wieder in den Sinn gekommen.

Und nicht nur sie, auch die Professoren, die sich an Universitäten durchzudrücken versuchen, ohne ein klares Statement darüber zu geben, wie sie es mit den Versuchen, Universitäten zu Stätten, an denen man zu Straftaten aufrufen kann, oder den Versuchen, Universitäten zu Stätten institutionalisierter Diskriminierung von Männern zu machen, halten.

Sie schweigen lieber und nehmen in Kauf, dass man sie für Feiglinge und Drückeberger hält. Und das, das nehmen wir nicht mehr hin:

We have a dream, den Traum des erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftlers mit Rückgrat und sozialer Verwantwortung.

BeccariaNun sollte dieser Traum-Sozialwissenschaftler eigentlich die Norm sein, so dass man viele der derzeitigen Sozialwissenschaftler als Abweichung von der Norm, als Deviante ansehen muss. Das erleichtert die Aufgabe, die vor uns liegt. Denn: Auf dem Weg zum erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung können wir uns Ergebnisse der Devianzforschung zu Nutze machen, die schon Cesare Beccaria im 18. Jahrhundert formuliert hat.-

Damit Akteure ihr abweichendes Verhalten unterlassen, muss man ihnen die Kosten für abweichendes Verhalten erhöhen und den Nutzen von nicht-abweichendem Verhalten deutlich machen oder steigern. Nun sollte die Vorstellung, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, eigentlich schon Nutzen genug sein, ist es aber nicht, wenn die Feigheit, die Angst davor, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, größer ist.

Was also tun?

Zurück zu Beccaria: abweichendes Verhalten wird von denen gezeigt, die keine Entdeckungswahrscheinlichkeit fürchten, weil sie z.B. denken, die Position, die sie besetzen, schütze sie vor bestimmten Sanktionen, erlaube es ihnen z.B. eMails zu ignorieren, denn: in ihrer Position wähnen sie sich zu wichtig, als dass sie sich mit schnöden eMails von Personen beschäftigen würden, die ihnen aus ihrer (irrigen) Sicht und in ihrem verbeamteten Status keine Kosten verursachen können (selbst dann, wenn es sich dabei um Fachkollegen handelt oder wenn es Bürger sind, die mit ihren Steuermitteln die Position der entsprechenden Inhaber finanzieren).

Um diesen Fehlschluss aus falscher Selbstzuschreibung von Arroganz für diejenigen, die ihm erliegen, aufzuklären, ist es daher notwendig, das was Beccaria Härte und Geschwindigkeit der Strafe nennt, für die vorliegende Aufgabe zu operationalisieren, und zwar auf eine Weise, die geeignet ist, den Fehlschluss deutlich sichtbar und damit bearbeit- und beherrschbar zu machen.

Wir haben die perfekte Möglichkeit gefunden, den vom Fehlschluss Betroffenen zu helfen und fordern hiermit alle unsere Leser auf, uns bei der Therapie zur Hand zu gehen.

Wie?

Ganz einfach.

Im folgenden haben wir zwei Textbausteine erstellt.

Textbaustein 1 enthält die eMail-Adressen der Professoren, bei denen der oben beschriebene Fehlschluss das längst fällige Coming-Out verhindert.

Textbaustein 2 enthält den eMail-Text mit den Fragen, die wir von den entsprechenden Professoren beantwortet haben wollen. Wie sich Stammleser erinnern werden: Es geht darum, dass eine Untersuchung nachgewiesen hat, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in der Soziologie diskriminiert werden. Wir verlangen einfach nur eine Stellungnahme von den Positionsinhabern, die den Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie besetzen.

Die Therapie besteht nun darin, so viele wie nur möglich eMails mit dem Bausteintext von oben, an die Positionsinhaber zu schicken, um sie von ihrer irrigen Vorstellung, sie seien zu wichtig, als dass sie sich mit berechtigten Fragen von außen auseinander setzen müssten, zu heilen.

Hier die Cut und Paste-Textbausteine

Textbaustein 1: eMail-Adressen:

peter.berger@uni-rostock.de; nicole.burzan@fk12.tu-dortmund.de; stephan.lessenich@soziologie.uni-muenchen.de; michaela.pfadenhauer@univie.ac.at; uwe.schimank@uni-bremen.de; Paula.Villa@soziologie.uni-muenchen.de ;vobruba@sozio.uni-leipzig.de; sciencefiles@textconsulting.net

Textbaustein 2: eMail-Text:

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

1. Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.

2. Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.

3. Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhaltbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Ich nehme diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?

3. Wenn ja, warum?
4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?

5.Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?

6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?

7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Ich bedanke mich für Ihre Antworten und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Wir haben die eMail-Adresse von ScienceFiles zum Zweck der Generierung von Leverage angefügt, wie man das im Englischen nennt.

“If you are a big tree, we are a small axe, ready to chop you down, to chop you down.”

Soziologen, setzt Euch zur Wehr gegen systematische Diskriminierung!

Gestern haben wir die Ergebnisse der Unterschung von Mark Lutter und Martin Schröder  “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” dargestellt. Die Ergebnisse von Lutter und Schröder basieren auf einer Analyse aller Lehrstuhlbesetzungen für den Zeitraum 1980 bis 2013 für das Fach Soziologie und entsprechend auf Informationen über 1.260 Soziologen und 297 ordentliche Lehrstuhlbesetzungen.

PopitzSoziologen, das sind (oder waren einmal) WIssenschaftler, die sich unter anderem mit Fragen der sozialen Ungleichheit oder der Sozialstruktur befasst haben, die untersucht haben, wie vertikale Mobilität verhindert wird, also dafür gesorgt wird, dass Kinder aus Unterschichtsfamilien selbst Unterschichts- und nicht MIttelschichtsfamilien gründen, oder die die Mechanismen des alltäglichen Lebens untersucht haben, mit denen z.B. in Bildungsinstitutionen für soziale Segregation gesorgt wird. Entsprechend war Soziologie eine kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Prozesse analysiert und unerwünschte Entwicklungen aufgezeigt hat.

Zwischenzeitlich ist Soziologie in vielen Teilen zu einer Legitimationswissenschaft verkommen, d.h. Soziologen sehen es nicht mehr als ihre Aufgabe an, die Folgen politischer Entscheidungen auf die Gesellschaft zu analysieren. Die meisten Soziologen sehen es heute als ihre Aufgabe an, die nämlichen politischen Entscheidungen zu legitimieren.

Als Folge hat sich die Soziologie von einer empirischen zu einer Lehnstuhl-Wissenschaft entwickelt. An die Stelle der Analyse dessen, was ist, ist die mehr oder weniger gelangweilte Betrachtung darüber getreten, was man gerne hätte.

Diese Entwicklung von einer kritischen zu einer selbstgefälligen und langatmigen Wissenschaft, deren Vertreter der sie umgebenden Welt nichts mehr zu sagen haben, hat nach unserer Ansicht u.a. mit dem Staatsfeminismus zu tun, mit der Installation von Gender Studies in der Soziologie und mit einer systematischen Untergrabung der Standards der Soziologie dadurch, dass nicht mehr nach Leistung in Positionen berufen wird, sondern nach Geschlecht.

Das hat, wie Lutter und Schröder mit ihrer Untersuchung deutlich gemacht haben, dazu geführt, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in Soziologie massiv und systematisch diskriminiert werden:

  • MPIfG_LutterWeibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Eine solche Situation in einem Fach, zu dessen wichtigsten Aufgaben einmal die Analyse sozialer Ungleichheitsstrukturen gehört hat und nach Anspruch der Soziologen, die von sich behaupten, sie würden nach wie vor soziale Ungleichheit oder gar Diskriminerung untersuchen, immer noch gehört, ist der Gipfel der Ironie. Sie wirkt auf uns als wäre ein Gärtner, dessen Aufgabe darin bestanden hat, Unkraut aus einem Park zu entfernen, dazu übergegangen, das Unkraut systematisch anzupflanzen.

Aber ganz davon abgesehen, dass es gerade für die Soziologie eine erstaunliche Transformation darstellt, vom Kritiker sozialer Ungleichheit und von Diskriminierung zum praktischen und Legitimations-Ort sozialer Ungleichheit und Diskriminierung geworden zu sein, ist Diskriminierung und soziale Ungleichheit, da wo sie nicht durch das meritokratische Prinzip gerechtfertigt ist, also dadurch, dass ein Bewerber, der einem anderen vorgezogen wird, nachvollziehbar besser ist als der Bewerber, dem er vorgezogen wurde, immer eine Frage von Moral und Anstand.

Moral insoweit, als es moralisch verwerflich ist, Dritte wegen Eigenschaften zu benachteiligen, die für die vorliegende Entscheidung irrelevant sind. Anstand insoweit, als ein anständiger Mensch sich nicht der Beihilfe zur Diskriminierung schuldig macht.

Deshalb haben wir die Ergebnisse von Lutter und Schröder zum Anlass genommen, um alle Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie anzuschreiben und zu fragen, wie sie zu der systematischen Benachteiligung von Männern in der Soziologie stehen, was sie jungen Männern, die die Soziologie als Ausbildungsfach gewählt haben, raten und welche Schritte sie einzuleiten gedenken, um die systematische Benachteiligung von Männern in der Soziologie zu beenden.

Sehr geehrter …

dgs2

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhalbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Wir nehmen diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?
  2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?
  3. Wenn ja, warum?
  4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?
  5. Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?
  6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?
  7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Wir bedanken uns für Ihre Antworten und verbleiben mit kollegialen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein
ScienceFiles.org

Die eMail ging an:
Peter Berger, Universität Rostock;
Nicole Burzan, Technische Universität Dortmund;
Stephan Lessenich, Ludwig-Maximilians-Universität München;
Michaela Pfadenhauer, Universität Wien;
Uwe Schimank, Universität Bremen;
Paula Irene Villa, Ludwig-Maxilimians-Universität München;
Georg Vobruba, Universität Leipzig;

Originalitätsverdacht

Wer sich auf die Seiten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie verirrt, kann dort Originalität bewundern, die einem die Gesichtsmuskeln erschlaffen lässt, nicht wegen Lachens, sondern wegen Gähnens.

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie übt sich in jugendlichem, manche werden auch denken, infantilem Selbstlob und klopft sich gegenseitig unter dem Titel “We can be heroes just for one week” auf die Schulter.

Das “We can be heroes…” ist eine Anspielung auf das Lied von David Bowie “Heroes”, dessen Text wir hier verlinkt haben.   Der Text passt nicht ganz zu Soziologen und zum Soziologentag, beschreibt er doch das Elend eines deutsch-deutschen Liebespaares, das der real existierende Sozialismus durch eine real-existierende Mauer getrennt hat.

Heroe for one dayAber, was soll’s. Als Heroes for one week, die sich mittlerweile wieder in ihren kleinen Büros und hinter ihrem Schreibtisch verstecken, haben die Soziologen-Vorständler ihre individuelle Playlist zusammengestellt, die fast schon etwas Selbsterkenntliches, wenn schon nichts Originelles enthält, z.B.: den verzweifelten Ruf: “Enough is Enough” oder “Madness” oder  “Daft Punk” oder “Voodoo People” usw. Wen die Playlists interessieren, sie sind immerhin einer der wenigen derzeitigen soziologischen Beiträge, die Interesse wecken könnten, der kann sie hier finden.

Irgendwie werden wir den Gedanken nicht los, dass manche aus dem Soziologenvorstand bei uns mitlesen und Ideen – sagen wir in Ermangelung des Willens, ein gewisses sprachliches Niveau zu verlassen: übernehmen – ohne Quellenangabe und gänzlich ohne den Bezug. Denn: der Witz an der Untermalung von Posts mit Liedern liegt nicht darin, dass man das eigene Geschmäckle zu Markte trägt und versucht, sich leutselig zu geben, wie die Vorständler, sondern darin, dass die gewählten Musikeinlagen, die wir gelegentlich verlinken, zum Text passen, einen Bezug haben, etwas ergänzen oder verdeutlichen. Aber um etwas zu verdeutlichen, muss man natürlich etwas haben. Um einen Bezug herzustellen, muss man etwas haben, auf das man etwas beziehen kann…. Das ist natürlich ein Problem, denn es erfordert Originalität und Kreativität.

Uns ist die versuchte Originalität des DGS-Vorstands, die jetzt schon seit einigen Tagen Online steht, wieder eingefallen, als wir einen Hilferuf aus der VW-Stiftung gelesen haben.

Offensichtlich stehen bei der VW-Stiftung alle Lampen auf rot.

Offensichtlich hat man bei der VW-Stiftung den Eindruck, die Sozialwissenschaften versinken in einem Meer aus post-modern, gendersensibler, transsexueller, vielleicht auch bisexueller politischer Korrektheit, die vor lauter Empathie für die bildungsfernen Armen, die die prekären Akademiker aufgrund ihrer halben Stellen und gekürzten Einkommen beschwören müssen, um nicht selbst der relativen Armut anheim zu fallen, vollkommen vergessen hat, was Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Analysen ist.

Offensichtlich sieht man bei der VW-Stifung eine Krise der deutschen Sozialwissenschaften, eine Krise, die sich durch Nichts auszeichnet, einfach nur nichts, denn nichts ist  es, was als orginell bezeichnet werden kann, nichts ist es, was aus den Sozialwissenschaften kommt und eine innovative Wirkung entfaltet und nichts ist es, was die Sozialwissenschaften derzeit beitragen, um neue und originelle gesellschaftliche Diskurse anzustoßen.

Offensichtlich ist man auch bei der VW-Stiftung angesichts der Umkehr der Verhältnisse, die Sozialwissenschaftler von Kritikern der gesellschaftlichen Verhältnisse und von Wegbereitern gesellschaftlicher Entwicklung zu Anbetern der gesellschaftlichen Verhältnisse und Verhinderern gesellschaftlicher Entwicklung gemacht hat, bestürzt.

Und offensichtlich will man bei der VW-Stiftung nicht länger zusehen.

Im Englischen heißt es: desperate times need desperate measures – und die VW-Stiftung handelt entsprechend:

Schon der Verdacht genügt.

Schon der der Verdacht auf Originalität genügt.

Schon wenn ein Forschungsvorhaben auch nur entfernt verspricht, originell zu sein, dann wird es gefördert:

originalitaetsverdacht“Originalität” ist in den Geistes- und Kulturwissenschaften eines der zentralen Qualitätskriterien. Doch gerade in diesen Disziplinen mit ihren spezifischen Forschungsgegenständen ist die Frage, was “originell”, “neu” oder “innovativ” bedeutet, schwierig zu bestimmen. Was gesichertem Fachwissen und gemeinhin akzeptierten Intuitionen widerspricht, mag genauso dazu gehören wie die Entwicklung eines neuen Ansatzes, einer neuen These, einer neuen Theorie, die Beobachtung eines neuen Phänomens oder auch die Identifizierung von bisherigem Nicht-Wissen.

Die Stiftung möchte mit diesem Angebot Geistes- und Kulturwissenschaftler(innen) ermutigen, Vorhaben mit erkenntnisgewinnender Originalität zu entwickeln. Gefördert wird eine erste Exploration der Forschungsidee.

Im Antrags- und Auswahlverfahren geht die Stiftung in dreierlei Hinsicht neue Wege: Das Verfahren ist schlank, für die Antragsteller(innen) mit wenig Aufwand verbunden und mit einer Entscheidung innerhalb von 4 bis 5 Monaten schnell. Im Begutachtungsverfahren ist es innovativ in der Kombination von stiftungsinterner Vorauswahl und Endauswahl durch eine Expertenjury. Die anonymisierte Begutachtung soll sicherstellen, dass allein die originelle Forschungsidee zählt.

Kann man Verzweiflung besser in Worte fassen?

Ist dieser Hilferuf aus der VW-Stiftung es nicht wert, unterstützt zu werden, verbreitet zu werden?

Wir denken: Ja. Und deshalb verbreiten wir den Hilferuf über ScienceFiles und rufen unsere Leser an Universitäten dazu auf, das Angebot der VW-Stiftung ernst zu nehmen und originelle Forschungsideen einzureichen.

Ja, originelle Ideen, was könnten einmal originelle Ideen sein? – Ein Problem, mit dem sich auch die VW-Stiftung herumschlägt. Wir schlagen folgende Definition vor:

Originell sind Forschungsideen, die mit Sicherheit keine Förderung durch ein Bundesministerium erfahren, deren Gegenstand im Widerspruch zur Mehrheitsmeinung steht, die von Fachzeitschriften nicht gedruckt werden würden, weil sie die kaum vorhandene Vorstellungskraft der Herausgeber oder Gutachter so dehnen, dass das Vorstellungsdefizit allzu deutlich wird, die politisch vollkommen inkorrekt sind  und in denen kein Innen, in welcher Variante der sprachlichen Verballhornung auch immer vorkommt.

Märchenstunde oder Schmierenjournalismus?

Sarah Schaschek erzählt in Tagesspiegel und ZEIT ein Märchen:

Eine reine Magd ist in sozialen Medien verbal gesteinigt worden. Hasspredigten, Hetze und noch viel mehr sind über die reine Magd hereingebrochen – ganz unvermittelt, unverdient, unvorhergesehen. Denn: “Im Netz toben die Maskulisten”, so schreibt Sarah Schaschek in einem Beitrag für den Tagesspiegel in Berlin, den die ZEIT in der Rubrik “Wissenschaft” übernommen hat.

Die reine Magd, die in purer und unverschuldeter Opferhaltung harrt, während die tobenden Maskulisten sie mit Mord- und Vergewaltigung bedrohen, diese reine Magd ist das Stilmittel, das wir aus dem Dritten Reich bestens kennen. Damals war es der arische Volkskörper, der völlig unverschuldet von einem jüdischen Virus befallen wurde. Heute sind es reine Mädge, die in Kassel angeblich Soziologie lehren und der Hannoverschen Allgemeinen ein Interview geben, die vom Bazillus Maskulismus befallen und bedroht und geschädigt werden.

BazillusWarum? Nun, der Bazillus Maskulismus ist verunsichert, er hat das Gefühl, ihm “werde etwas weggenommen”. Deshalb greift er mit brutalem Ton “Wissenschaftlerinnen” an, bedroht, hetzt, beleidigt sie persönlich. So gefährlich ist der Bazillus mittlerweile, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hinter die reine Magd aus Kassel gestellt habe, behauptet Schaschek. Und nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, nein, auch die “FG Gender” bzw. deren Vorsitzende, die Arbeitssoziologin Susanne Völker, die weiß, dass “Aggression ein Ausdruck sozialer Verunsicherung” ist.

“Arbeit werde prekär, die eigene Position fraglich, sagt Volker. Da fragen sich einige: Kann ich noch Familienernährer sein? Was bin ich sonst? Wissen wir noch, was Männer und Frauen zu tun haben? Volker sieht keine ‘Massenstimmung’ gegen die Gender Studies. Doch einzelne – ‘überwiegend Männer’ – trügen ihre Unsicherheit über die Geschlechterfrage aus.

Der Bazillus Maskulismus befällt also “überwiegend Männer”, macht sich deren Verunsicherung zu Nutze und führt dazu, dass die Befallenen tobend durch das Internet ziehen, immer auf der Suche nach einer reinen Magd, die man mit “Mord- und Vergewaltigungsdrohungen” beglücken kann – in “brutalem Ton”, wie Schaschek weiß, die offensichtlich in der Lage ist, geschriebenen Worten physisches Verhalten anzusehen. Aber, in der Opferwelt, die Schaschek mit den anderen Genderisten bewohnt, ist nicht die Realität das, was den Ausschlag gibt, sondern die Religion, das eigene Glaubensbekenntnis, das Zentrum der eigenen Sekte. Dieses Zentrum, wird von anti-intellektuellen, verunsicherten, unter dem Einfluss des Bazillus Maskulismus Tobenden in Frage gestellt,und ehe man sich versieht, werden die reinen Opfer zum zweiten Mal viktimisiert, nicht als Person, sondern als Sekte:

voodoo doll“Die Geschichte der Geschlechterforschung ist eine der Rechtfertigung. Wer sich wissenschaftlich mit Weiblichkeit und Männlichkeit beschäftigt, muss sich immer wieder dieselben Vorwürfe anhören: Da werde Politik gemacht, es gehe nur darum, Frauen zu fördern. Die Forscherinnen seien in ihre Theorien verliebt und ließen die Empirie außer Acht. Überhaupt: Was gibt es schon herauszufinden über die Geschlechter, was nicht längst bekannt wäre?”

Unglaublich, aber wahr: Es gibt Wissenschaftler, die der Meinung sind, Gender Studies seinen keine Wissenschaft, hätten weder Erkenntnisinteresse, noch Erkenntnisgegenstand und trügen mit Sicherheit nichts zum Erkenntnisgewinn bei. Mehr noch: Sie argumentieren und zeigen, dass Gender Studierte Räder erfinden, die seit Jahrhunderten in Gebrauch sind, z.B. wenn Gender Studierte voller Erstaunen entdecken, dass Menschen nicht nur Geschlecht, sondern auch soziale Klasse sind. Nicht genug damit: Gender Studierte verlangen Wissenschaftlern wirklich alles ab, wenn Sie im Brustton der Überzeugung, ihre neugewonnene Erkenntnis, die Soziologen der ersten Stunde schon vor Jahrhunderten formuliert haben, als Neuheit verkaufen wollen.

Und man könnte die Distanz der Gender Sekte zu Wissenschaft nicht besser in Worte fassen, als Schaschek das tut, wenn sie zwischen Theorie und Empirie trennt, so als hätte beides nichts miteinander zu tun. Tatsächlich ist Erkenntnis nur aus einer Verbindung der beiden möglich. Aussagen bleiben so lange Gefasel, so lange sie nicht an der Realität getestet werden. Angebliche Theorien bleiben so lange Hirngespinste, so lange sie nichts über die Wirklichkeit aussagen und an der Wirklichkeit scheitern können. Gender Studierte sind so lange keine Wissenschaftler, so lange sie nicht mit Kritik umgehen können, denn Kritik ist der Lebensnerv von Wissenschaft.

So lange Genderisten ob der Kritik, die ihnen entgegenschlägt so verunsichert reagieren, wie sie das tun, so lange ihre prekäre Stellung als nicht wissenschafliches Anhängsel von Fakultäten an Hochschulen nicht überwunden ist, so lange sie nicht wissen, was Genderismus mit Wissenschaft zu tun hat, so lange werden sie im eigenen Sektensaft schmoren und keinen Zugang in die Welt der Wissenschaft finden.

Wer sich nicht kritisieren lassen will, wer nicht angeben kann, wofür sein Dasein wichtig ist, wer nicht in der Lage ist, einen Erkenntnisgewinn der von Gender Studies augeht, zu benennen, der hat mit Wissenschaft nichts am Hut.

Aber mehr wollen die reinen Opfer, die doppelt Viktimisierten der Gender Sekte ja auch nicht sein. Sie suhlen sich in ihrem herbei phantasierten Opfertum und wollen eines nicht: Mit der Realität konfrontiert werden. Sie haben, wie Schaschek eindringlich zeigt, ein gestörtes Verhältnis zur Realität, bringen die Realität nicht über die Lippen bzw. nicht in ihre Texte.

BazillusSo fabuliert Schaschek von einer Kasseler “Professorin”, die “2012 ein sozialpädagogisches Buch für die Arbeit mit Jugendlichen veröffentlicht, in dem sie Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt” vorgestellt hat. Harmlos und ganz im Tenor der reinen-Magd-aus-Kassel-Mythologie, die Schaschek verbreiten will. Völlig unvermittelt bricht der durch das Internet vagabundierende und randalierende Bazillus Maskulismus über die reine Magd aus Kasseler herein, scheinbar willkürlich sucht der Bazillus sein Opfer und schlägt zu, mit seinem Hass und seiner Hetze, so will uns Schaschek, die übrigens Journalistin sein will, glauben machen.

Was sie ihren Lesern vorenthält, was sie ebenso wenig über die Lippen bringt, wie den Namen der reinen Magd, ist der Anlass für den Aufruhr im Internet. Der Anlass ist der folgende:

Pirincci

Ganz so sehr reine Magd und Opfer, wie uns Schaschek Glauben machen will, ist die “Professorin” aus Kassel, die angeblich Soziologin sein will, nicht. Ganz schön versaut, so möchte man als jemand meinen, für den es nicht normal ist, in der Öffentlichkeit über Analverkehr zu diskutieren. Ganz schön versaut, aber eines nicht: Soziologin.

Denn wäre die Kasseler reine Magd Soziologin, sie wüsste, dass man dann, wenn man Vorstellungen von Moral und Anstand verletzt, mit Reaktionen zu rechnen hat, deren Heftigkeit dem empfundenen Verstoß gegen Moral und Anstand entsprechen.

Dass sie das nicht weiß, zeigt, sie gehört in eine Sekte und ist keine Soziologin. Sie gehört in eine Sekte, in der es scheinbar normal ist, über Analverkehr und Bordelle zu sprechen, eine Sekte, die derart weit von der normalen Welt entfernt ist, dass es den Mitgliedern nicht einmal in den Sinn kommt, die Existenz einer normalen Welt anzunehmen. Entsprechend überrascht sind sie, wenn sie mit der real existierenden Welt, in der Analverkehr nicht zum Alltagsgespräch gehört und schon gar nicht in Schulen zum Alltagesgespräch gehört, konfrontiert sind.

Soziologen wären nicht überrascht.

Die Mitglieder der Gender-Sekte bezahlen ihre Furcht vor der Empirie mit einem Verlust von Realität, so wie auch Schaschek ihre Angst vor der Wirklichkeit damit bezahlt, kein Journalist zu sein. Tatsächlich haben Journalisten mit Wissenschaftlern nämlich einiges gemeinsam.

RealitaetsverlustVon beiden wird erwartet, dass sie in der Lage sind, die Realität zutreffend zu beschreiben. Von beiden wird erwartet, dass sie Werturteile nach hinten stellen und erst dann treffen, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen und von jedem selbständig beurteilt werden können. Nimmt man nur diese beiden Kriterien, dann versagt Schaschek auf der ganzen Linie. Sie beginnt ihren Versucht von Journalismus bereits mit einem Werturteil, redet von Hass und Hetze. Beides, Hass wie Hetze sind Werturteile, deren Berechtigung man nur prüfen kann, wenn der Gegenstand, auf den sie sich beziehen, klar benannt wird, was nur mit Fakten möglich ist, und die scheut Schaschek wie jedes Sektenmitglied, denn Fakten haben die dumme Angewohnheit, liebgewonnene Glaubensinhalte zu zerstören, führen am Ende dazu, dass der Mythos von der reinen Magd, die unverschuldet zum Opfer wurde, nicht aufrechterhalten werden kann.

Folglich wird von Mord- und Vergewaltigungsdrohungen fabuliert, die es gegeben habe. Ob es sie tatsächlich gegeben hat, bleibt offen: es fehlt der Beleg. Aber selbst wenn es sie gegeben hat, so stellt sich doch die Frage, warum Schaschek diese beiden Beispiele herausgreift, angesichts von mehreren Hunderten von Kommentaren, die die reine Magd aus Kassel erhalten hat. Der Versuch, den Opferstatus gegen alle Empirie zu verteidigen, ist gar zu offensichtlich, denn der Opferstatus ist die geteilte Mythe aller Genderisten, die Ursache dafür, dass sie niemals Wissenschaftler werden können, denn sie glauben und sind avers gegen Kritik, und sie verfälschen die Realität, wenn es darum geht, ihren Glauben aufrecht erhalten zu können.

So behauptet Schaschek, die “Deutsche Gesellschaft für Soziologie” habe sich mit der Kasseler Soziologin, deren Namen sie nicht zu Papier bringt, solidarisch erklärt. Nun hat sich nicht die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, sondern der deutlich kleinere Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie solidarisch erklärt, aber mit niemand Bestimmtem. Vielmehr ist von “Soziologinnen und Soziologen, die sich wissenschaftlich mit Themen der Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen”, die Rede, also nicht von einer Kasseler Soziologin mit Namen Elisabeth Tuider, ein Name, den kaum jemand mehr in den Mund zu nehmen mag, wie es scheint.

Tatsächlich passt die Solidaritätsadresse des Vorstandes der DGS auf Gerhard Amendt, was erfreulich und lange überfällig ist und naheliegt, wenn man annimmt, auch beim Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gibt es noch rudimentäre Vorstellungen von Anstand und Moral. Niemand will anscheinend mit Tuiders Vorstellungen über Analverkehr in Verbindung gebracht werden – so wie kaum jemand mit Schmierenjournalismus in Verbindung gebracht werden will, Tagesspiegel und ZEIT explizit ausgenommen.

Die Zerstörung der Soziologie als Wissenschaft oder: Warum machen Soziologen nicht den Mund auf?

Seit der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Solidaritätsadresse für Soziologen wie Gerhard Amendt, die Hasskampagnen ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, gibt es in einigen Blogs eine Diskussion darüber, ob Soziologie überhaupt eine Wissenschaft darstellt oder nicht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Diskussion, die im Blog von Hadmut Danisch geführt wird.

Eine Anzahl von Kommentatoren, fühlt sich dazu berufen, der Soziologie als Ganzem den Wissenschaftsstatus abzusprechen. Andere kritisieren, dass sofern es Soziologen gibt, die noch Wissenschaftler sind, sich diese nicht zu Wort melden. Generell wird dabei Soziologie irrtümlicher Weise mit Geschlechterforschung und Geschlechterforschung mit Genderismus gleichgesetzt, d.h. in der Außenwahrnehmung vieler gibt es keine Soziologie ohne Genderismus mehr.

Dabei nimmt die nicht pöbelnde Kritik z.B. die folgende Form an:

Danisch“Ein zentraler Fehler der Soziologie ist dabei, dass sie gar nicht das Ziel hat, wissenschaftlich und beschreibend zu sein, sondern dass sie politisch ist, politische Ziele verfolgt, und sich nur darum dreht, wie sie die Gesellschaft gerne sehen und haben möchte. Keine andere Fakultät (außer noch den Juristen) ist so eng mit der Politik verflochten, ist so weit von Wissenschaft entfernt.”

oder:

“Jeder, der auch nur etwas Ahnung von Wissenschaft hat, merkt bei Lesen soziologischer Schriften sofort, dass das mit Wissenschaft nichts zu tun hat, dass es nur ein „so tun als ob”, eben das Nachäffen des Gehabes ist. Zentrales Kernmerkmal dafür ist, dass Soziologie nicht auf Wissen, sondern auf Autoritäten beruht. Nie wird etwas inhaltlich-wissenschaftlich begründet.”

oder:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Beginnt man der Reihe nach, so muss zunächst ein Fehler beseitigt werden: Soziologen, wie alle Sozialwissenschaftler,  wollen nicht nur beschreiben, sie wollen auch erklären. Emile Durkheim, der Begründer der Soziologie, hat versucht, Selbstmord in seinen Formen zu erklären, er hat Methoden zur Erklärungen sozialer Tatbestände entwickelt. Insofern ist z.B. der Anspruch der Soziologie ein weitergehender als er hier gemutmaßt wird: Die berühmte Definition des Gegenstands von Soziologie, die Max Weber gegeben hat, lautet entsprechend: “Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988: 542).

Weber WissenschaftslehreDamit ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Zweck darin besteht, soziale Fakten zu verstehen und zu erklären, z.B. zu erklären, wie es dazu kam, dass der Genderismus an deutschen Universitäten Fuss fassen konnte. Um dies erklären zu können, muss man zunächst den Genderismus als die Ideologie, das religiöse Gebäude, das auf der unbelegten Behauptung, Frauen seien benachteiligt, basiert, verstehen, den Genderismus als die religiöse Heilslehre sehen, das politische Programm, die/das er ist. Entsprechend stellt sich nunmehr die Frage: Wie konnte es sein, dass sich eine religiöse Heilslehre wie der Genderismus an Universitäten und u.a. in den Instituten der Soziologie ausbreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage wäre entsprechend die von Weber eingeforderte Erklärung sozialer Phänomene.

Um soziale Tatsachen zu verstehen und zu erklären, gibt es einen methodischen Kanon, den wir in unserem Grundsatzprogramm zusammengestellt haben. Er sieht es vor, von allgemeinen Aussagen (Theorien) über soziale Fakten auszugehen und Hypothesen über konkrete soziale Gegenstände zu bilden, die prüfbar sein müssen und damit die Gefahr in sich tragen, an der Realität zu scheitern. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Soziologie im Besondern und Sozialwissenschaften im Allgemeinen hat Karl-Dieter Opp in seinem Buch “Methodologie der Sozialwissenschaften” ausführlich dargestellt, so dass jeder, der von sich behauptet, Sozialwissenschaftler oder Soziologe zu sein, nicht gleichzeitig Unkenntnis über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Soziologie heucheln kann. Wenn er Unkenntnis kund tut, dann verfolgt er offensichtlich andere als sozialwissenschaftliche oder soziologische Zwecke.

Die zur empirischen Prüfung notwendigen Methoden in qualitativer wie quantitativer Form finden sich in unzähligen Bänden, die dem Thema der Methoden der empirischen Sozialforschung gewidmet sind. Sie finden sich in qualitativer und in quantitativer Form, sie finden sich als Technik zur Fragebogenkonstruktion, als Methoden zur Datenerfassung, als Methoden zur Vermeidung eines Befragungs-Bias, als Darstellung suggestiver Befragungstechniken, die mit einem ethischen Bann belegt sind, schließlich finden sich Legionen von Darstellungen einzelner statistischer Methoden, von univariaten Auszählungen über die Darstellung bivariater Zusammenhänge bis zu multivariaten Verfahren.

RityerDie Soziologie als Fach, ist somit eines der wenigen Fächer der Sozialwissenschaften, die über einen theoretischen Korpus verfügen, den Forscher wie Jeffrey Alexander, Herbert Blumer, Gary Becker, Peter Blau, James Coleman, Randall Collins, Ralf Dahrendorf, Emile Durkheim, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Michael Hechter, George C. Homans, Talcott Parsons, Karl-Dieter Opp, Heinrich Popitz,  und viele mehr gelegt haben. Zudem verfügt die Soziologie über eine wissenschaftstheoretische Basis, die von Hans Albert, Karl Raimund Popper, Imre Lakatos oder Thomas Kuhn gelegt wurde und deren Tenor darin besteht, dass wissenschaftliche Aussage nachvollziehbar und vor allem nachprüfbar sein müssen. Aussagen, die nicht an der Realität scheitern können, sind entsprechend keine wissenschaftlichen Aussagen. Schließlich verfügt die Soziologie über eine Vielzahl von Methoden zur empirischen Prüfung, von der Datenerhebung bis zur Datenanalyse.

Kurz und mit Thomas Kuhn gesprochen: Die Soziologie ist eine der wenigen Sozialwissenschaften, die den Sprung aus dem, was Kuhn die vorwissenschaftliche Phase nennt, in die Phase der Normalwissenschaft vollzogen haben.

Und dann kam der Genderismus.

Dann kam die Unterminierung der Soziologie durch eine Religion, die keinerlei theoretische Grundlage hat, statt dessen auf der Verkündung, Frauen seien benachteiligt, aufbaut, wie jede Religion auf einem mystischen Schöpfungsakt aufbaut. Der Genderismus hat keinerlei wissenschaftstheoretische Basis, die den rudimentärsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, im Gegenteil: Nicht Nachvollziehbarkeit oder Nachprüfbarkeit ist das Credo des Genderismus, sondern politische Einflussnahme, so nachzulesen in dem, was prätentiös als feministische Wissenschaftstheorie benannt wird, ein Sammelsurium aus Versuchen, Werturteile, natürlich nur feministisch basierte Werturteile, zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen. Werturteile im wissenschaftilchen Erkenntnisprozess waren schon für Max Weber (1988: 609) das Ende von Wissenschaft, und sie sind es bis heute geblieben.

Aber: Genderismus ist ja auch keine Wissenschaft, sondern eine Religion, die die eigenen Werturteile als richtige Werturteile verbreiten will. Da die Zielsetzung von Genderismus darin besteht, die eigenen Werturteile als richtig in der Gesellschaft zu etablieren, gibt es auch keine wissenschaftlichen Methoden und Techniken der Datenerhebung. Die Intuition, die auf der Basis des Gefühls, Recht zu haben, fusst, ersetzt das nachprüfbare und methodengeleitete Vorgehen, das Wissenschaft auszeichnet. Kurz: Genderismus ist eine Heilslehre, eine Religion, die mit Wissenschaft im Allgemeinen und Sozialwissenschaft im Besonderen nichts zu tun hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Genderismus dennoch an Universitäten und hier besonders im Bereich der Soziologie einnisten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Es gibt bislang keine Forschung, die untersuchen und darstellen würde, wie es gelungen ist, eine Religion an Universitäten zu etablieren. Entsprechend muss man, ganz in soziologischer Tradition, Hypothesen bilden, Hypothesen, die von einem Rational-Choice-Ansatz ausgehen, der wiederum, um mit Max Weber zu sprechen, annimmt, dass Akteure zielgerichtet und zweckrational handeln.

Homo sociologicusDa Genderismus eine Religion ist, die nicht nur die Konsequenz hat, Wissenschaft zu zerstören, sondern auch die Konsequenz, eine Wissenschaft wie die Soziologie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ein Unterfangen, das wie die Zitate oben zeigen, schon recht erfolgreich gewesen ist, liegt es nahe anzunehmen, dass eben diese Diskreditierung der Soziologie das Ziel ist, das mit der Unterwanderung der Soziologie durch den Genderismus erreicht werden soll.

Die Frage nach dem Warum, ist leicht zu beantworten: Vor dem Einfall des Genderismus war Soziologie ein Fachbereich, in dem eine Mehrheit klare methodische Standards und wissenschaftstheoretische Grundlagen geteilt hat. Soziologie war eine kritische Wissenschaft (das hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, eher im Gegenteil: Soziologie war trotz Habermas kritisch). eine Wissenschaft, die Ergebnisse auf geprüfter empirischer Basis erzielt hat, Ergebnisse, die im Gegensatz zu den Machtverhältnissen in der deutschen Gesellschaft und den Ideologien von Politikern standen.

So betrachtet, wäre die Zersetzung der Soziologie, ihre Zerstörung durch staatstreue Genderisten ein gezieltes Vorhaben, eine Hypothese, die nun der Prüfung harrt (Diese Hypothese ist prüfbar und das ist, was sie von einer Verschwörungstheorie unterscheidet).

Und warum haben die alten Soziologen, diejenigen, die dem wissenschaftlichen Korpus der Soziologie verpflichtet sind, dabei zugesehen, wie ihre Wissenschaft zerstört und durch feministischen Kauderwelsch ersetzt wurde, einen Kauderwelsch der die Soziologie, wie die Zitate oben zeigen, in der Außenwahrnehmung so sehr beherrscht, dass Soziologie mittlerweile mit Genderismus gleichgesetzt wird?

Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beanwtorten. Vermutlich ist hier ein Prozess am Werk, wie ihn Soziologen beschreiben, die sich mit emergenten Effekten beschäftigen. Jeder Soziologie-Professor ist seine eigene Insel. Die Kosten für eine Organisation von Soziologie-Professoren, die Kosten für die Organisation von Widerstand sind zu hoch, als dass sie überwunden werden könnten. Also sehen sich die Einzelkämpfer-Professoren einem organisierten Auftrieb gegenüber, der als angeblicher politischer Wille, Genderismus in die Wissenschaft implementiert, und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.

Dass Fächer per politischem Willen in Universitäten implementiert wurden und nicht aufgrund einer entsprechenden Entscheidung der scientific community ist recht selten: Neben dem Genderismus, gibt es wenige Beispiele, am bekanntesten ist der Marxismus-Leninismus, den die religiösen Herrscher des erfolgreichsten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der immerhin 40 Jahre den Mangel verwaltete, ehe ihm die Banane den Garaus machte, etabliert haben, und das ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Religionen.

Damit sind wir zurück beim einem der drei Zitaten von oben:

“Denn wären diese Leute seriöse Wissenschaftler, hätten schon längst Selbstreinigungskräfte eingesetzt und die seriöse Soziologie hätte sich von dem ganzen Genderschwachsinn längst drastisch distanziert und die rausgeworfen.”

Das schreibt Hadmut Danisch und damit will er im Umkehrschluss belegen, dass es keine seriösen Wissenschaftler in der Soziologie gibt. Das ganze Argument krankt zwar daran, dass es auf einer Tautologie aufbaut, aber das Anliegen, das dieses Argument hervorgebracht hat, ist legitim, beschreibbar als Frage: Warum machen Soziologen, also die wenigen Wissenschaftler, die es in der institutionalisierten Soziologie noch gibt, nicht den Mund auf (freien Wissenschaftler, wie der Soziologin Dr. habil. Heike Diefenbach kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie würde nicht den Mund aufmachen)?

FestingerWir haben, ehrlich gesagt, keine Antwort auf diese Frage. Eine Hypothese, die wir anbieten können, basiert auf der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die bekanntlich vier mögliche Strategien der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen sieht, kognitiver Dissonanzen, wie sie sich unwillkürlich einstellen, wenn ein Soziologe, der Wissenschaft betreiben will, mit Vertreter der Genderreligion konfrontiert ist:

(1) Der Soziologieprofessor kann sich einreden, die Gefahr, die von der Gender Sekte in seinem Fachbereich und für seine Wissenschaft ausgeht, sei nur gering, sei vernachlässigbar, die Soziologie als solche vom Genderglauben nicht tangiert.

(2) Er kann sein Verhalten ändern und seinen Beruf als Soziologe an den Nagel hängen.

(3) Er kann sein eigenes Verhalten neu einschätzen und sich sagen, dass er die Methodik und Wissenschaftlichkeit von Soziologie vielleicht zu eng sieht.

(4) Er kann seine Sicht auf Genderismus ändern und sich einreden, dass Genderismus gar keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist.

Wir sehen Alternative (1) als die wahrscheinlichste Alternative an. Egal, welche der Alternativen das profunde Schweigen von Soziologen erklärt, mit dem sie der Zerstörung ihrer Wissenschaft zusehen, es bleibt die kognitive Dissonanz. Egal, welche Alternative einzelne Wissenschaftler für sich wählen, die Dissonanz geht davon nicht weg. Sie mag zeitweise in den Hintergrund treten, sie mag abgemildert werden, doch sie kehrt wieder, regelmäßig, und zwar so lange, so lange es noch Wissenschaftler unter den Soziologen gibt, wobei die Außenwahrnehmung der Soziologie, wie der Sozialwissenschaften insgesamt, den Eindruck vermittelt, als wäre es den Genderisten längst gelungen, beide, Soziologie wie Sozialwissenschaften, in der Meinung der Bürger gründlich zu diskreditieren.

Endlich: Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist mit Gerhard Amendt solidarisch

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist solidarisch. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gerade in einer Erklärung des Vorstands verlautbart. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat also entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie solidarisch ist, und zwar mit Soziologen, was schon einmal sehr erfreulich ist, denn in der Vergangenheit hat sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihr Vorstand nicht unbedingt dadurch ausgezeichnet, solidarisch mit Soziologen zu sein.

Amendt1Solidarisch ist der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Soziologen spricht, mit Soziologen, die sich mit Themen der “Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen” und die sich “immer öfter mit sogenannten Hasskampagnen konfrontiert sehen”. Derzeit, so heißt es weiter, “werden einzelne Kollegen und Kolleginnen in sozialen Medien wie Facebook, in Blogs und mit E-Mails persönlich attackiert, verunglimpft und z.T. sogar bedroht”.

Was der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hier seine Empörung und Solidarität zum Ausdruck bringen will, leider verschweigt, sind die Namen der Angegriffenen, was schade ist, denn die Solidarisierung hätte mehr Nutzen gebracht, wenn sie offen und nicht hinter einem Mantel aus Angst und Misstrauen erfolgt wäre. Also ist es wieder an uns, über Ross und Reiter zu spekulieren.

Aber lange spekulieren muss man nicht, denn: kein anderer Soziologe wird seit Jahren derart angefeindet, wie Gerhard Amendt. Die Solidarität des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann daher eigentlich gar keinem anderen als Gerhard Amendt gelten. Fast dass man sagen könnte, es wird langsam Zeit, denn kaum ein Soziologe hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit giftigeren Hasstiraden, Verunglimpfungen oder Versuchen, ihn zu diskreditieren, konfrontiert gesehen, wie Gerhard Amendt, der von Feministen mit wüsten sexistischen Beschimpfungen und Hasskommentaren überzogen worden ist.

An der Technischen Universität Berlin hat man Gerhard Amendt zur unerwünschten Person erklärt, weil er es wagt, den Feminismus zu kritisieren. Gerhard Amendt ist Ziel einer Diffamierungskampagne, die ihn regelmäßig zum Hassobjekt in so genannten Studien macht, die von politischen Vereinen wie der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert werden und deren Inhalte regelmäßig und postwendend, von überraschend schnell informierten Mitarbeitern bei Wikipedia in die entsprechenden Hassbeiträge eingepflegt werden. Die Hasskampagne gegen Gerhard Amendt geht soweit, dass man ihn mit Anders Breivik und Akif Pirincci vermengt, um ihn zu diskreditieren. Die Liste derer, die sich Gerhard Amendt zur Zielscheibe auserkohren haben, ist zu lang für diesen post, weshalb wir es hier bei aus Steuergeldern bezahlte Reputations-Killer wie dem Bundesforum für Männer und die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich z.B. mit diffamierenden Behauptungen wie der folgenden hervortut, belassen wollen:

“Zumindest ein Teil der Beiträge treibt im Fahrwasser der Männerrechtler, die von der „Machtergreifung der Frau“ und einem „neuen Tugendstaat“ fabulieren. Autoren wie Arne Hoffmann, der in seinem Blog Genderama gegen alles Feministische hetzt, oder auch Gerhard Amendt, der Opfererfahrung von Frauen als „fantasiertes Leid“ denunziert und eine (weibliche!) „Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit“ ausmacht – was die kirchliche Männerstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner gerade empirisch widerlegt hat – sind alles andere als geschlechterdialogisch orientiert” (17).

Es freut uns, dass der Vorstand der DGS sich dazu entschlossen hat, nach Jahren der Tatenlosigkeit, Gerhard Amendt solidarisch zur Seite zu stehen, und wir können uns der Feststellung des Vorstandes der DGS, wonach “einzelne Wissenschaftler … in einer Weise attackiert werden, die völlig unsachgemäß ist und in ihrem mehr als fragwürdigen Stil letztlich auf die Urheber selbst zurückfällt”nur anschließen.

Wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand der DGS den Mut hat, Gerhard Amendt beim Namen zu nennen, aber wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass sich der nämliche Vorstand damit zur Zielscheibe feministischer Hasstiraden gemacht hätte, am Ende in die nächste aus Steuergeldern finanzierte Studie über “den Maskulismus” oder “den Antifeminismus” aus, turnusmäßig dieses Mal wieder der Heinrich Böll Stiftung aufgenommen worden wäre und vielleicht sogar seine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verloren hätte.

Dies muss man gewichten, wenn man den Schlusssatz der Solidaritätsadresse liest, der darauf verweist, dass “eine zivilisierte öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen” nicht möglich ist, wenn man die Debatte nicht zivilisiert führt. Man sieht, auch Solidarität ist in sich tautologisch und vielleicht sogar selbstreferentiell, denn, und damit kommen wir zu einer eigenen Sache, manche im Vorstand der DGS haben sich  selbst schon dadurch hervorgetan, dass sie “Hetze” in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit die zivilisierte Auseinandersetzung über gesellschaftliche relevante Themen wie die Frage, ob man Studenten die Möglichkeit geben sollte, ihren Studienort, an dem sie Soziologie studieren wollen, auf Grundlage einer bundesweiten Bewertung der enstprechenden Institute zu wählen, unmöglich gemacht hat.

Man kann sich daher fragen, ob wir es bei der Solidaritätsadresse des Vorstands der DGS in Teilen mit einer Form “Selbstkritik” zu tun haben, auf einer Transformation vom Saulus zum Paulus und ob der Aufruf, eine zivilisierte öffentliche Debatte zu führen, sich auch auf Wissenschaftler erstreckt, die sich in der Vergangenheit dadurch hervorgetan haben, dass sie die Arbeiten anderer für ihre eigenen Zwecke entstellt und missbraucht haben.

Solidarität-der-UneinsichtigenBislang hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ja beide Augen gegenüber Mitgliedern zugedrückt, die die Grundlage wissenschaftlicher Lauterkeit, nämlich das Zitieren(überhaupt) und das korrekte Zitieren nicht beherrschen oder nicht beherrschen wollen, so dass man hier eine Offensive nicht nur zur zivilisierten Debatte, sondern auch zur Rettung wissenschaftlicher Standards unter Soziologen sehen kann, vielleicht sogar ein sich entwickelndes Unwohlsein gegenüber öffentlichen Institutionen, die sich in der Vergangenheit allzu oft auf Soziologen verlassen konnten, wenn es darum ging, die eigene ideologische Suppe nicht nur anzurühren, sondern auch unter Studenten zu verteilen. Sehen wir also so etwas wie den Advent eines selbstreflexiven Kantschen Instrumentalisierungsverbots, das lautet: Du sollst Dich als Soziologe nicht vor den Karren ideologischer Indoktrinierer, wie Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Attac oder BMBF spannen lassen?

Was abschließend die Frage aufwirft, was diese Veränderung im Denken des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bewirkt hat. Hier können wir nur spekulieren und auf Beispiele verweisen, in der die Veränderung in einem Bereich mit personellen Veränderungen oder mit Veränderungen in den Umständen bestimmter Personen einhergehen, wie sie z.B. ein Umzug von einer roten an eine weiß-blaue Universität darstellt oder in den Worten von Stephan Lessenich, dem derzeitigen Vorsitzenden der DGS:

Mein Jenaer Jahrzehnt war wunderbar und ich danke allen, die dies ermöglicht und dazu beigetragen haben; die kommenden Jahre werden hoffentlich ähnlich schön – die Zeichen dafür stehen eindeutig gut. (Und um allfälligen Nachfragen vorzubeugen, darf ich hier einmal zustimmend zitieren: „Das will ich nur mal klarstelln, damit man mich richtig versteht: ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehn.“ Der Alarm ist also doch eher, wie einst bei Falco, rot.)

Wie heißt es doch: Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören und sich verändern, zum zivilisierten Debattierer, zum nicht-Hetzer, ja vielleicht sogar zum Wissenschaftler.

Nachtrag:

Arne Hoffmann weist darauf hin, “dass Professor Amendt, vermutlich als Folge der Hetze gegen ihn, auf Anraten der Kriminalpolizeit auf mehreren Veranstaltungen nur noch mit Leibwächtern erscheinen konnte”. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Headbanging II: Soziologen und Akif Pirincci

Headbanging I: enge Kulturen

Headbanging III: Motörhead und Headbanging

Headbanging II

Die deutsche Gesellschaft für Soziologie unterhält ein eigenes Blog, in dem unterschiedliche Soziologen für einen langen Monat sich Themen aus den Fingern saugen müssen. Derzeit gibt es dort einen Appell von Heinz-Jürgen Voss, einen Appell zur Solidarität, zur Solidarität mit einer von ihm “sehr geschätzte[n] Kolleg_in”, die “Professor_in Tuider”. “Professor_in Elisabeth Tuider forscht für eine zeitgemäße und demokratische soziale Arbeit”, so heißt es in dem Aufruf, und davon abgesehen hat sich Elisabeth Tuider einen Namen damit gemacht, dass sie den Sexualkundunterricht in der Schule in einer Weise revolutionieren will, der die Porno-Filter in Web-Browsern in Zukunft unnötig macht, da die entsprechenden Seiten hinter dem zurückbleiben, was Kindern und Jugendlichen in Schulen gelehrt wird.

HeadbangingNicht nur offenbart Frau Professor_in Tuider in ihren Vorschlägen eine intime Sachkenntnis, die auf rege Frequentierung einschlägiger Angebote schließen lässt, auch ist sie mit ihren “70 praktischen Vorschlägen” auf massiven Widerstand gestoßen, Widerstand in Form von massiven und zum Teil auch sehr deutlichen Protestkommentaren auf den Seiten der Hannoverschen Allgemeinen (die Kommentare wurden zwischenzeitlich entfernt).

Und es geht weiter in den Worten von Heinz-Jürgen Voss:

“Ein Shitstorm, der am 3. Juli 2014 auf Facebook losgetreten wurde und nun bis hin zu Vergewaltigungs- und Mordaufrufen reicht, … geht von Akif Pirinçci aus, dem Autor des Buches „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Pirinçci schreibt in der Art eines Thilo Sarrazin, nur vulgärer.”

Das ist eine strafrechtliche relevante Behauptung, bei der wir hoffen, Herr Voss kann sie auch belegen, sollte es notwendig werden. Der Solidaritätsaufruf geht in der Weise, wie er hier dargestellt ist, weiter und endet mit den folgenden salbungsvollen Worten:

“Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung schätzt ihre Expertise, die für konkrete sozial- und sexualwissenschaftliche Forschungsprojekte eingeholt wird. Professorin Tuider gehört zu den großen Wissenschaftler_innen, die man in einer demokratischen Gesellschaft schätzt. Dass sie damit Hetzern vom rechten Rand ein Dorn im Auge ist, ist klar. Genau deshalb ist Solidarität wichtig, damit rechte, ausgrenzende Positionen nicht die Oberhand gewinnen.”

Wir haben es also mit einem Kampf der Guten gegen die Bösen zu tun und damit in diesem Kampf von weiß und unbefleckt, gegen schwarz und dreckig nicht eine Graustufe eingeführt wird, hat man einen Kommentar, den Akif Pirincci im Soziologenblog veröffentilch hat, zwischenzeitlich gelöscht. Wenn es darum geht, solidarisch zu sein, sich gegen Rechts zu wenden und vor allem, sich seine Vorurteile nicht durch Realität und am Ende noch Wahrnehmung von oder gar Diskussion mit zum Feind erklärten Personen zerstören zu lassen, dann kennen selbst die offensten unter den offenen und progressiven Soziologen nur das Mittel der Zensur: Denn schon seit der Kontakthypothese ist bekannt, dass Vorurteile geringer werden, ja verschwinden, wenn man mit dem Subjekt, gegen das sich die Vorurteile richten, konfrontiert ist, selbst Soldaten im Krieg haben Probleme, Feinde zu erschießen, wenn sie sie kennen. Soweit lassen es Soziologen nicht kommen: Deshalb Zensur.

Aprospos Zensur – Hier der zensierte Kommentar:

Pirincci

Wenn man diese Aufgaben, die Frau Tuider Kindern und Jugendlichen stellen will, durchliest, fragt man sich zum einen was Tuider in ihren Arbeitszeiten macht, zum anderen muss man feststellen, dass die Zensur im Soziologenblog gar nicht Akif Pirincci trifft, sondern Elizabeth Tuider. Da der Kommentar von Pirincci ausschließlich aus Beispielen besteht, die auf Tuider zurückgehen und die abschließende Frage nicht als Beleidigung oder sonstiger Verstoß gegen die Netikette angesehen werden kann, bleibt nur der Schluss, dass der Einbruch der Realität in die heile Welt der soziologischen Solidarität die dortigen Leser schamrot und mit der Gewissheit zurück gelassen hat, dass Tuider im O-Ton den Lesern des Blogs nicht zumutbar sei.

Und als Soziologen sind wir auch dieser Meinung oder im O-Ton: “Wir sind Soziologen, wir sind nicht pervers!”

Noch ein guter Rat zum Schluss: Da das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Expertise von Frau Tuider schätzt, wie Herr Voss weiß, schlagen wir vor, die 70 praktischen Vorschläge an den Bediensteten des BMBF inklusive der Ministerin zu erproben. Wenn die Vorschläge so normal sind, wie Herr Voss glaubt, dann werden die Bediensteten beim Ministerium sicherlich kein Problem damit haben, beim nächsten Gruppentreffen, Analverkehr zu üben.

Die soziale Konstruktion sozialer Probleme und die Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der folgende Text von Dr. habil. Heike Diefenbach ist eine Form unentgeltlicher Nachhilfe für die Initiatoren einer ad-hoc Gruppe auf dem 37. Soziologentag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Trier im Oktober diesen Jahres. Der mit: "Genderismus - Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs" überschriebene Antragstext ist ein Mahnmal für den derzeitigen Zustand der Soziologie. Wer, wenn nicht Dr. habil. Heike Diefenbach, die im Gegensatz zu vielen, die soziologische Lehrstühle besetzen, eine uneingeschränkte Venia Legendi für Soziologie hat, nur keine Lust, ihre vielen Talente an den deutschen Staat zu verkaufen, wäre besser dazu geeignet, den soziologischen Dilet-Tanten Nachhilfe in Soziologie zu geben?

GarfinkelBereits seit den 1970er- und 1980er-Jahren, in denen Autoren wie Erving Goffman (1990) und Harold Garfinkel (1996, besonders S. 35-75) durch Fallstudien und Erschütterungsexperimente demonstriert haben, dass Normalität eine fragile Sache ist, die hergestellt und aufrechterhalten werden muss und sich keineswegs von selbst aufdrängt, gilt es als eine Binsenweisheit in der Soziologie und in ihren benachbarten und mit ihr verbundenen Fachdisziplinen (wie z.B. Soziale Arbeit), dass Normalität sinnvoll nur als statistische Normalität verstanden werden kann oder genauer: als Modalwert auf einer Verteilung, während jedes Verständnis von Normalität als Soll- oder Muss-Norm für menschliches Verhalten, d.h. als konventionelles Verhalten, unweigerlich zu den Fragen führt, wer die Norm aus welchem Interesse setzt, wer ihr mit welchem Gewinn zu folgen bereit ist und wer durch die Normsetzung als Abweichler gebrandmarkt und ggf. negativ diskriminiert werden soll oder kann (vgl. hierzu Foucault 2004; 2003 sowie Taylor 2009; mit Bezug auf Normalisierungsprozesse in fachwissenschaftlichen Disziplinen: Luke 1999).

Im Zuge dieser Ausweisung von tatsächlichen oder vermeintlichen Selbstverständlichkeiten als eben nicht selbstverständlich fand auch das naive Verständnis von sozialen Problemen als objektiv beschreibbaren Mißständen ein Ende, denn

Mooney_Understanding social problems“[i]ndividuals and groups frequently disagree about what constitutes a social problem. For example, some Americans view the availability of abortion as a social problem, whereas others view restrictions on abortion as a social problem. Similarly, some Americans view homosexuality as a social problem, whereas others view prejudice and discrimination against homosexuals as a social problem. Such variations in what is considered a social problem are due to differences in values, beliefs, and life experiences” (Mooney, Knox & Schacht 2013: 3).

Dementsprechend könnte man eine soziologische Definition von “sozialen Problemen” vorschlagen, die wie folgt lautet: Soziale Probleme sind das, was bestimmte Gruppen von Menschen dafür halten. Allerdings ist dies aus verschiedenen Gründen wenig hilfreich, vor allem deshalb, weil diese Definition zu einer völligen Entleerung des Begriffs durch Inflationierung führen würde: fast alles dürfte irgendwann von irgendjemandem als soziales Problem gewertet werden. Damit wäre der Begriff für Ideologien aller Art zwar nützlicher denn je, aber für Sozialwissenschaftler gänzlich unbrauchbar.

Brauchbar für Sozialwissenschaftler ist ein Konzept nämlich nur dann, wenn es mehr ist als eine intellektuell klingende Metapher und ihnen irgendwelche Aufschlüsse über die Funktionsweise der sozialen Welt gibt, und diese wird gewöhnlich nicht durch die Betrachtung irgendwelcher Inhalte – die z.B. als soziale Probleme gelten mögen oder auch nicht – erkennbar, sondern durch eine Betrachtung von Formen, z.B. von Regelmäßigkeiten, nach denen sich bestimmte Prozesse vollziehen (in diesem Zusammenhang ist Hackings Diskussion von Idee und Begriff der sozialen Konstruktion nützlich: Hacking 2001).

Aus dieser Erkenntnis heraus haben Spector und Kitsuse ihre Auffassung davon, was soziale Probleme seien, bereits im Jahr 1977 wie folgt beschrieben:

Constructing Social problems“Our definiton of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).

Auch in Deutschland sind diese Erkenntnisse angekommen wie z.B. die Definition von Andreas Pfeuffer zeigt, die im online-Wörterbuch der Sozialpolitik SOCIALinfo zu lesen ist:

“Als Konstruktion sozialer Probleme bezeichnet man den Prozess, im Zuge dessen Umstände oder Ereignisse, die bestimmte Gruppen oder ganze Gesellschaften in ihrer Lebenssituation beeinträchtigen (etwa Armut, Kriminalität, Gewalt, Drogenkonsum, Umweltprobleme), in der Öffentlichkeit bzw. in Teilen derselben kollektiv als veränderungsbedürftig definiert, skandalisiert und zum Gegenstand politischer Programme und Maßnahmen gemacht werden.
Blumer (1975) schlägt zur Beschreibung des Konstitutionsprozesses sozialer Probleme ein fünfstufiges Modell vor, das folgende Phasen umfasst: 1. das Auftauchen des sozialen Problems bzw. seine Wahrnehmung und Benennung; 2. die öffentliche Anerkennung (Legitimierung) als soziales Problem; 3. die Mobilisierung von Handlungsstrategien in politischen Auseinandersetzungen; 4. die Erstellung eines offiziellen Handlungsplanes zur Regulierung des Problems; 5. die Transformation dieses Handlungsplans in seiner tatsächlichen Ausführung.
Dass soziale Probleme einer kollektiven Definition unterliegen, das heißt, dass ihre Konstitution als Prozess kollektiven Handelns aufgefasst wird, darüber besteht in der Forschung Konsens. Strittig hingegen ist, ob diese Definitionen auf konkrete gesellschaftliche Bedingungen aufbauen, was dann die Untersuchung der Bedingungen ihrer Wahrnehmung erfordert, oder ob sie unabhängig davon sozial konstruiert werden, was impliziert, dass ihnen kein anderer Sinn zukommt als der ihnen von den Gesellschaftsmitgliedern in interaktiven Prozessen zugeschriebene …”.

Aber sie sind offensichtlich nicht bei all denen, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft bestücken, angekommen. So liest man im “Grundkurs Soziologie” von Hans Peter Henecka, der im Jahr 2009 erschienen ist, dass

“[e]in soziales oder gesellschaftliches Problem […] meist dann vor[liege], wenn eine Diskrepanz (Widerspruch) zwischen den gesellschaftlichen Normen und Zielvorstellungen und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen besteht (z.B. im Falle von Devianz und Kriminalität) oder wenn eine unvorhergesehene oder unvorhersehbare Situation eintritt, die in der Gesellschaftsordnung (noch) nicht geregelt ist (wie beispielsweise Massenarbeitslosigkeit in Deutschland und gleichzeitige Verlagerung von Arbeitsplätzen durch inländische Unternehmen in Billiglohnländer)” (Henecka 2009: 29).

Während für Henecka ein soziales Problem also dann besteht, wenn Menschen sich nicht hinreichend stark an normative Vorgaben halten oder jemand einen Regelungsbedarf sieht, dem noch nicht abgeholfen ist, und Henecka sich ansonsten vollständig darüber ausschweigt, wer mit welchem Recht normative Vorhaben macht oder Regelungsbedarf einfordert, würden Spector und Kitsuse genau diese Fragen stellen, also fragen, wer wie und warum bestimmte Umstände als Mißstände auszuweisen und ggf. Regelungen, die für andere bindend sein sollen, herbeizuführen versucht.

The battered womanDer grundlegende Unterschied in der Sicht auf das Konstrukt “soziale Probleme”, der durch die Definitionen von Henecka einerseits und Spector und Kitsuse andererseits illustriert wird, hat erhebliche Auswirkungen auf das, was Soziologen meinen, als Erklärungsproblem formulieren oder hinterfragen zu müssen. So ist in der englischsprachigen sozialwissenschaftlichen Welt prinzipiell kein Inhalt davor sicher, daraufhin untersucht zu werden, wie er als soziales Problem gerahmt wird und in wessen Interesse das ist, auch dann nicht, wenn es sich um einen ideologisch stark aufgeladenen Inhalt handelt, der im Übrigen auf der Agenda der derzeit herrschenden politischen Ideologie steht. Beispiele hierfür bieten die Arbeiten von Ronald Weitzer (2007) über “The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade” und von Donileen R. Loseke (1992) über “The Battered Woman and Shelters: The Social Construction of Wife Abuse”, die gleichermaßen nicht nur den Konstruktionscharakter der in Frage stehenden Phänomene aufzeigen, sondern auch die Instrumentalität der Konstruktionen.

Eine solche kritische Haltung gegenüber sozialen Phänomenen ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Sozialwissenschaft betrieben werden kann und ist letztlich neben dem Kriterium der verwendeten Methodologie das Kriterium, das Sozialwissenschaft von Sozialagitation und Ideologie unterscheidet. Und wenn man in die Texterzeugnisse derer schaut, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft derzeit bestücken, dann hat man den Eindruck, dass tatsächlich ein starkes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reflexionsprozessen vorhanden ist. Gleichzeitig scheint sich die allerorts betonte und geforderte Reflexion aber so gut wie nie auf die Form der Selbstreflexion zu erstrecken, die einen interessanten Einblick darein geben könnte, wie sich Sozialwissenschaftler als Konstrukteure sozialer Probleme gerieren.

Ein sehr deutliches Beispiel hierfür bietet der Antrag, den Paula-Irene Villa von der LMU München und Sabine Hark von der TU Berlin auf Genehmigung einer ad hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress im Oktober 2014 gestellt haben und der den Titel trägt: “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Soziologische Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs”.

Goffman StigmaBehauptet wird von den Autorinnen die Existenz eines “Krisendiskurses”, in dessen Mittelpunkt “Sexualität und Geschlecht” stünden und dass der Genderismus als “hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnete[s] Umerziehungsprogramm’ im Zentrum jener Krisendiskurse [die inzwischen im Plural und nicht mehr wie zu Anfang des Textes im Singular konstatiert werden]” stünde. An dieses von den Autorinnen vorgestellte Szenario schließen sie die These an, nach der sich in den von ihnen behaupteten Krisendiskursen “womöglich nicht nur Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber gesellschaftlichen Emanzipations- und Reflexivierungs[!]prozessen artikulieren, sondern vor allem die erneute “Befestigung der heteronormativen Geschlechterordnung auf der Agenda steht”. Wie sie eine solche These aus von ihnen konstatierten Krisendiskursen über “Tugendterror”, “repressive ‘Political Correctness'” u.ä. ableiten, bleibt ihr Geheimnis und für den uneingeweihten Leser unnachvollziehbar. Jedenfalls schließen sich für die Autorinnen an das von ihnen entworfene Szenario
“eine Reihe von Fragen an: Auf welche als ‘Problem’ definierten gesellschaftlichen Dynamiken antwortet der Krisendiskurs des (Anti-)Genderismus? Weshalb und wie genau stehen ausgerechnet Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt eines breiteren […] und breit anschlussfähigen (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig [!] liberal/libertär geriert (etwa in den Unterstellungen [!] gegenüber der EU oder der ‘Denk- und Sprachverbote’ durch Medien) und dabei u.U. zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaats anzweifelt?”

Während die Autorinnen für sich bzw. ihre ad hoc-Gruppe eine “forschungsbasierte soziologische Reflexion zu einem europaweiten Krisendiskurs” in Anspruch nehmen wollen, scheitern sie an der Selbstreflexion im Vorfeld vollständig, obwohl eine solche äußerst aufschlussreich hätte sein können: Sie scheinen sich nämlich in keiner Weise bewusst zu sein, dass sie mittels ihrer Themen- und Ausdruckswahl ein soziales Problem (mit)konstruieren, das bereits seit einiger Zeit durch Positionsinhaber in der öffentlichen Verwaltung zu konstruieren versucht wird, um Kritik am von ihnen favorisierten, aber (zumindest auf der Ebene der EU) in keiner Weise demokratisch legitimierten Gesellschaftsentwurf, wie er beispielhaft im Genderismus zum Ausdruck kommt, zu delegitimieren, nämlich die massenhafte Existenz von Menschen mit so genannten rechten Einstellungen, die in der Empirie zwar nicht existiert, aber zu konstruieren versucht wird, indem alle möglichen Weltanschauungen, Argumentationen, Meinungen, Überzeugungen und Äußerungen ein- und zusammengeklammert werden, die nur eine einzige Gemeinsamkeit haben, nämlich von Vertretern des Genderismus als anti-genderistisch eingeordnet zu werden. Nur vor diesem – im Text der Autorinnen implizit gebliebenen – Hintergrund und des in ihm verankerten Bedrohungsdiskurses innerhalb der Gruppe der Genderisten ist nachvollziehbar, wie die Autorinnen zu ihrer These von der “erneute[n] Befestigung heteronormativer Geschlechterordnung” kommen, konstruieren die Genderisten die heteronormative Geschlechterordnung doch unablässig selbst mit, um einen benennbaren Feind zu haben, gegen den sich der Genderismus richten kann.

Dies alles würde ihnen vielleicht bewusst, wenn sie statt andere Menschen als Andere zu konstruieren und ihnen Motive zu unterstellen, die die Genderisten mit einem sozialen Problem versorgen könnten, selbstreflexiv tätig würden. Aber dass Reflexivität mit dem Nachdenken über das eigene Tun und die eigenen Motive beginnt, ist ihnen entweder unbekannt oder zu unangenehm, um es zu praktizieren, denn die Trennung von Wir (Genderisten und anderen guten Menschen, die zumindest keine Kritik an ihm üben) und den Anderen, d.h. den Kritikern des Genderismus, die von den Autorinnen zu einer homogenen Masse verschmolzen werden und die in den Augen der Autorinnen z.B. bloß “vordergrüngig [aber keinesfalls tatsächlich] liberal” sein können, diese Trennung, die keine Grautöne zulässt, sondern nur Schwarz und Weiß kennt, steht im Zentrum der Konstruktion eines Bedrohungsszenarios, für das das diskursive Phantasma einer Masse von Unsicheren und in Abwehrreaktionen von “Emanzipations- und Reflexivierungsprozessen” Befindlichen ersonnen wurde.

Dieses diskursive Phantasma spricht allen Bürgern, die nicht derselben Auffassung sind wie die Autorinnen bzw. Genderisten jegliche Kompetenz ab, sich eigene Urteile zu bilden, und verkehrt außerdem die Bemühungen von Bürgern um Emanzipation von den Vorgaben des Genderismus aufgrund eigener Reflexionen in Emanzipations- und Reflexionsunwilligkeit. Emanzipation und Reflexion sind für die Autorinnen bzw. Genderisten als Begriffe und Ideen nämlich exklusiv für das eigene Gedankengut reserviert. Sie verfügen also über keine formale Definition dieser Begriffe und Ideen, was bei Sozialwissenschaftlern – in britischer Untertreibung formuliert – als beklagenswerter Zustand bezeichnet werden muss.

Diese Strategie der sprachlichen Verkehrung von Emanzipationsbestrebungen in Emanzipationsabwehr hat immerhin den Vorteil, Genderisten von der Begründung ihrer Position scheinbar (und nur bis auf Weiteres) zu entheben und es ihnen zu ermöglichen, sich statt dessen der Diskreditierung ihrer Kritiker zu widmen. Und diese Diskreditierung ist anscheinend das Grundanliegen im Antrag der Autorinnen auf Genehmigung der ad hoc-Gruppe; anders lässt sich kaum verstehen, warum Kritiker von ihnen uneingeschränkt als nur “vordergründig” liberal bezeichnet werden, Kritik an der EU als “Unterstellungen” und Kritik an einseitiger Berichterstattung und Zensur in den Medien als “‘Denk- und Sprechverbote'”.

Klemperer LTIAnders lässt sich auch kaum nachvollziehen, warum die Probleme, von denen die Autorinnen behaupten, dass Kritiker des Genderismus sie sehen würden, von den Autorinnen in Anführungszeichen gesetzt werden: es soll kundgetan werden, dass es sich nicht wirklich um Probleme handelt – wirkliche soziale Probleme definieren nur die Autorinnen, sonst niemand! Die Verwendung des “ironischen Anführungszeichens”, das “[…] Zweifel in die Wahrheit des Zitierten [setzt]”, hat übrigens der Philologe Victor Klemperer als Charakteristikum der LTI, d.h. der Sprache des Dritten Reiches, der “Neutralität … zuwider ist” identifiziert (Klemperer 2007: 99). Man kann (und vieleicht: muss) sich fragen, ob die neuerdings wieder auffällig häufige Verwendung des ironischen Anführungszeichens in den Medien, aber auch in Texterzeugnissen, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, Ausdruck einer totalitären Geisteshaltung ist, die der Sprache des Dritten Reiches zugrunde lag. Kaum anders als durch die Absicht, Kritiker des Genderismus zu diskreditieren, kann auch erklärt werden, dass die Autorinnen es als eine Art Verfehlung dauerhaft Uneinsichtiger auslegen, wenn diese “zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaates anzweifel[n]”.

Die Reflexivität der Autorinnen reicht nicht so weit, dass sie erkennen könnten, dass vielleicht nicht die Institutionen als solche in der Kritik stehen, sondern die Art und Weise, wie sie derzeit funktionieren bzw. instrumentalisiert werden, um bestimmte ideologische Inhalte zu kolportieren, die in der Bevölkerung aus den verschiedensten Gründen auf Widerstand stoßen. Die Reflexivität der Autorinnen ist überhaupt kein
Nachdenken über die Motive und Prämissen der von ihnen konstruierten Anderen, weil sie deren Auffassungen und Motive ja bereits im ihrem Text u.a. durch die ironischen Anführungszeichen als falsch und unbegründet ausgewiesen haben, sondern es soll lediglich der Schein von Reflexivität erweckt werden, denn die so genannte Reflexivität der Autorinnen beschränkt sich – zumindest im vorliegenden Text – auf das unablässige Wieder-Aktualisieren von Gedanken, an die sie sich affektiv gebunden fühlen.

Wenn Reflexivität schon etwas ist, von dem sie meinen, es bezeichne die Unterstellung, dass Überzeugungen und Motive anderer Menschen nicht ernst zu nehmen und unbegründet seien, so ist Selbstreflexivität für sie ein völlig unbekanntes Konzept. Wäre es bekannt, dann wäre es z.B. möglich gewesen, Fragen danach aufzuwerfen, (1) welche Aspekte ihrer Sozialisation und ihrer Biographie diejenigen, die sich in der ad hoc-Gruppe zusammenfinden (sollen), in die Lage gebracht haben, auf Kritik an Ideen, mit denen sie sich identifizieren, an denen sie selbst aber keinerlei schöpferischen Anteil haben, in der auf Überidentifikation beruhenden Weise zu reagieren, in der sie reagieren, und die zumindest dem durch Sigmund Freud vorgeprägten Betrachter hysterisch vorkommen könnte, (2) wo der Zusammenhang zwischen diesen Ideen und Sozialwissenschaft bestehen soll oder kann und (3) – und besonders wichtig – welche Verantwortung Sozialwissenschaftlern bei der Trennung der Bevölkerung in Wir und die Anderen durch die Konstruktion von Meinungsvielfalt als soziales Problem zukommt. (Ich hoffe, damit Impulse für die Diskussion in der ad hoc-Gruppe gegeben zu haben!)

Was hier nur bruchstückhaft und ad hoc entwickelt wurde, ist eine soziologische Annäherung an den aktuellen Bedrohungsdiskurs, den Genderisten, die die Sozialwissenschaften derzeit bestücken, konstruieren und auf dessen Basis wiederum ein neues soziales Problem konstruiert werden soll, nämlich das der hoch-gefährlichen Existenz von Kritik und Meinungsvielfalt – und dies in einer demokratischen Gesellschaft, auf die die Autorinnen doch scheinbar große Stücke halten, wenn es darum geht, die Zweifel von Bürgern an “zentrale[n] Institutionen des demokratischen Rechtsstaates” zu diskreditieren!

Sicherlich wäre eine breitere und tiefere Analyse der diskursiven Konstruktion von Bedrohung der Ideologie des Genderismus und die diskursive Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen nicht nur lohnend, sondern notwendig und Aufgabe einer kritischen Sozialwissenschaft. Ausgangspunkt einer solchen Analyse könnte – und müsste, wenn sie in Selbstreflexion erfolgen soll – sein, was Peter L. Berger und Thomas Luckmann in ihrem Buch “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” formuliert haben:

Berger Luckmann“Eine mögliche Folge der institutionalisierten Auffächerung ist das Entstehen gesellschaftlich abgetrennter Sinnwelten. Sie ergeben sich aus den verschiedenen Akzenten, die auf Rollenspezialsierung gelegt werden, bis hin zu dem Punkte, an dem rollenspezifisches Wissen, gemessen am allgemeinen Wissensvorrat, völlig esoterisch wird … Wie alle Sinnkonstruktionen der Gesellschaft müssen auch die Subsinnwelten von einer bestimmten Gemeinschaft ‘getragen’ werden, das heißt, von der Gruppe, welche die betreffende Sinnhaftigkeit ständig produziert und in der sie objektive Wirklichkeit geworden ist. Zwischen solchen Gruppen können Streitigkeiten und Rivalitäten bestehen. … In hochentwickelten Industriegesellschaften mit ihrem enormen wirtschaftlichen Überschuss, der es ungezählten Personen gestattet, ihre gesamte Zeit noch den obskursten Interessen zu widmen, ist die pluralistische Konkurrenz von Subsinnwelten jeder vorstellbaren Art und Weise der Normalzustand” (Berger & Luckmann 1996 : 90/91; Hervorhebung d.d.A.)

– und dies im statistischen Sinn und daher empirisch tatsächlich, und das sollten auch oder gerade Sozialwissenschaftler akzeptieren statt neue Bedrohungsdiskurse zu eröffnen und moralische Paniken zu inszenieren.

Bleibt zu fragen, was die beantragte ad hoc-Gruppe anderes sein kann als ein informelles Treffen genderistisch geprägter Ideologen in einem formal-wissenschaftlichen Kontext, denn der Interpretationsrahmen des in Frage stehenden Phänomens, also der in Deutschland und anderen Ländern immer lauter werdenden Kritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus, wird von den Autorinnen ja bereits im Vorfeld durch ihre Antragsschrift vorgegeben und lässt keinerlei Raum für alternative Interpretationen. Insofern ist der Antrag eine schlechte Satire auf den Entwurf einer wissenschaftlichen Fragestellung.

Satire kann auch nur die von Autorinnen aufgeworfene Frage sein, “[w]eshalb und wie genau […] ausgerechnet [!] Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt des breiten [!] […] und breit anschlussfähigen [!] (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig liberal/libertär geriert ….” steht, denn wenn sie selbst ihren Text mit “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft” betiteln, dann sollte man meinen, dass sie doch eine vage Ahnung davon haben, warum “ausrechnet” der Umgang mit Sexualität und Geschlecht in der Kritik steht, wenn es um den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus geht!

Und insofern der Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus u.a. die Verabsolutierung askriptiver Merkmale bedeutet, die Ersetzung des meritokratischen Prinzips durch Ergebnisgleichheit und die ideologische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in öffentlichen und öffentlich finanzierten Schulen, ist es vielleicht nicht so überraschend, dass die Kritik am Genderismus in viele Richtungen “breit anschlussfähig” ist. Gerade deshalb ist es sehr seltsam und ganz und gar soziologisch uninformiert, wenn all die verschiedenen Kritiker von den Autorinnen als homogene Gruppe der Anderen und ihre Kritik sozusagen als – im übrigen prinzipiell verfehlte – Einheitskritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus konstruiert und damit ein soziales Problem geschaffen werden soll, dass nur diejenigen sehen können, deren Reflexivität nicht so weit gereicht hat zu erkennen, dass Meinungsvielfalt und Kritik nicht nur der Normalzustand in einer komplexen Gesellschaft sind, sondern die Basis für eine Zivilgesellschaft. Aber genau diese soll ja anscheinend durch den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus beseitig werden. Fragt sich nur, ob Soziologen sich hieran guten Gewissens beteiligen können, aber die Befragung des eigenen Gewissens setzt Selbstreflexivität voraus ….

Literatur:

Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas, 1996: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M.: Fischer.

Foucault, Michel, 2004: Abnormal: Lectures at the Collège de France, 1974-1975. New York: Picador.

Foucault, Michel, 2003: Society Must Be Defended: Lectures at the Collège de France, 1975-1976. New York: Picador.

Garfinkel, Harold, 1996: Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity Press.

Goffman, Erving, 1990: Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. London: Penguin.

Hacking, Ian, 2001: The Social Construction of What? Massachussetts: Harvard University Press.

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