Endlich: Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist mit Gerhard Amendt solidarisch

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist solidarisch. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gerade in einer Erklärung des Vorstands verlautbart. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat also entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie solidarisch ist, und zwar mit Soziologen, was schon einmal sehr erfreulich ist, denn in der Vergangenheit hat sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihr Vorstand nicht unbedingt dadurch ausgezeichnet, solidarisch mit Soziologen zu sein.

Amendt1Solidarisch ist der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Soziologen spricht, mit Soziologen, die sich mit Themen der “Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen” und die sich “immer öfter mit sogenannten Hasskampagnen konfrontiert sehen”. Derzeit, so heißt es weiter, “werden einzelne Kollegen und Kolleginnen in sozialen Medien wie Facebook, in Blogs und mit E-Mails persönlich attackiert, verunglimpft und z.T. sogar bedroht”.

Was der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hier seine Empörung und Solidarität zum Ausdruck bringen will, leider verschweigt, sind die Namen der Angegriffenen, was schade ist, denn die Solidarisierung hätte mehr Nutzen gebracht, wenn sie offen und nicht hinter einem Mantel aus Angst und Misstrauen erfolgt wäre. Also ist es wieder an uns, über Ross und Reiter zu spekulieren.

Aber lange spekulieren muss man nicht, denn: kein anderer Soziologe wird seit Jahren derart angefeindet, wie Gerhard Amendt. Die Solidarität des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann daher eigentlich gar keinem anderen als Gerhard Amendt gelten. Fast dass man sagen könnte, es wird langsam Zeit, denn kaum ein Soziologe hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit giftigeren Hasstiraden, Verunglimpfungen oder Versuchen, ihn zu diskreditieren, konfrontiert gesehen, wie Gerhard Amendt, der von Feministen mit wüsten sexistischen Beschimpfungen und Hasskommentaren überzogen worden ist.

An der Technischen Universität Berlin hat man Gerhard Amendt zur unerwünschten Person erklärt, weil er es wagt, den Feminismus zu kritisieren. Gerhard Amendt ist Ziel einer Diffamierungskampagne, die ihn regelmäßig zum Hassobjekt in so genannten Studien macht, die von politischen Vereinen wie der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert werden und deren Inhalte regelmäßig und postwendend, von überraschend schnell informierten Mitarbeitern bei Wikipedia in die entsprechenden Hassbeiträge eingepflegt werden. Die Hasskampagne gegen Gerhard Amendt geht soweit, dass man ihn mit Anders Breivik und Akif Pirincci vermengt, um ihn zu diskreditieren. Die Liste derer, die sich Gerhard Amendt zur Zielscheibe auserkohren haben, ist zu lang für diesen post, weshalb wir es hier bei aus Steuergeldern bezahlte Reputations-Killer wie dem Bundesforum für Männer und die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich z.B. mit diffamierenden Behauptungen wie der folgenden hervortut, belassen wollen:

“Zumindest ein Teil der Beiträge treibt im Fahrwasser der Männerrechtler, die von der „Machtergreifung der Frau“ und einem „neuen Tugendstaat“ fabulieren. Autoren wie Arne Hoffmann, der in seinem Blog Genderama gegen alles Feministische hetzt, oder auch Gerhard Amendt, der Opfererfahrung von Frauen als „fantasiertes Leid“ denunziert und eine (weibliche!) „Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit“ ausmacht – was die kirchliche Männerstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner gerade empirisch widerlegt hat – sind alles andere als geschlechterdialogisch orientiert” (17).

Es freut uns, dass der Vorstand der DGS sich dazu entschlossen hat, nach Jahren der Tatenlosigkeit, Gerhard Amendt solidarisch zur Seite zu stehen, und wir können uns der Feststellung des Vorstandes der DGS, wonach “einzelne Wissenschaftler … in einer Weise attackiert werden, die völlig unsachgemäß ist und in ihrem mehr als fragwürdigen Stil letztlich auf die Urheber selbst zurückfällt”nur anschließen.

Wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand der DGS den Mut hat, Gerhard Amendt beim Namen zu nennen, aber wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass sich der nämliche Vorstand damit zur Zielscheibe feministischer Hasstiraden gemacht hätte, am Ende in die nächste aus Steuergeldern finanzierte Studie über “den Maskulismus” oder “den Antifeminismus” aus, turnusmäßig dieses Mal wieder der Heinrich Böll Stiftung aufgenommen worden wäre und vielleicht sogar seine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verloren hätte.

Dies muss man gewichten, wenn man den Schlusssatz der Solidaritätsadresse liest, der darauf verweist, dass “eine zivilisierte öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen” nicht möglich ist, wenn man die Debatte nicht zivilisiert führt. Man sieht, auch Solidarität ist in sich tautologisch und vielleicht sogar selbstreferentiell, denn, und damit kommen wir zu einer eigenen Sache, manche im Vorstand der DGS haben sich  selbst schon dadurch hervorgetan, dass sie “Hetze” in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit die zivilisierte Auseinandersetzung über gesellschaftliche relevante Themen wie die Frage, ob man Studenten die Möglichkeit geben sollte, ihren Studienort, an dem sie Soziologie studieren wollen, auf Grundlage einer bundesweiten Bewertung der enstprechenden Institute zu wählen, unmöglich gemacht hat.

Man kann sich daher fragen, ob wir es bei der Solidaritätsadresse des Vorstands der DGS in Teilen mit einer Form “Selbstkritik” zu tun haben, auf einer Transformation vom Saulus zum Paulus und ob der Aufruf, eine zivilisierte öffentliche Debatte zu führen, sich auch auf Wissenschaftler erstreckt, die sich in der Vergangenheit dadurch hervorgetan haben, dass sie die Arbeiten anderer für ihre eigenen Zwecke entstellt und missbraucht haben.

Solidarität-der-UneinsichtigenBislang hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ja beide Augen gegenüber Mitgliedern zugedrückt, die die Grundlage wissenschaftlicher Lauterkeit, nämlich das Zitieren(überhaupt) und das korrekte Zitieren nicht beherrschen oder nicht beherrschen wollen, so dass man hier eine Offensive nicht nur zur zivilisierten Debatte, sondern auch zur Rettung wissenschaftlicher Standards unter Soziologen sehen kann, vielleicht sogar ein sich entwickelndes Unwohlsein gegenüber öffentlichen Institutionen, die sich in der Vergangenheit allzu oft auf Soziologen verlassen konnten, wenn es darum ging, die eigene ideologische Suppe nicht nur anzurühren, sondern auch unter Studenten zu verteilen. Sehen wir also so etwas wie den Advent eines selbstreflexiven Kantschen Instrumentalisierungsverbots, das lautet: Du sollst Dich als Soziologe nicht vor den Karren ideologischer Indoktrinierer, wie Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Attac oder BMBF spannen lassen?

Was abschließend die Frage aufwirft, was diese Veränderung im Denken des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bewirkt hat. Hier können wir nur spekulieren und auf Beispiele verweisen, in der die Veränderung in einem Bereich mit personellen Veränderungen oder mit Veränderungen in den Umständen bestimmter Personen einhergehen, wie sie z.B. ein Umzug von einer roten an eine weiß-blaue Universität darstellt oder in den Worten von Stephan Lessenich, dem derzeitigen Vorsitzenden der DGS:

Mein Jenaer Jahrzehnt war wunderbar und ich danke allen, die dies ermöglicht und dazu beigetragen haben; die kommenden Jahre werden hoffentlich ähnlich schön – die Zeichen dafür stehen eindeutig gut. (Und um allfälligen Nachfragen vorzubeugen, darf ich hier einmal zustimmend zitieren: „Das will ich nur mal klarstelln, damit man mich richtig versteht: ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehn.“ Der Alarm ist also doch eher, wie einst bei Falco, rot.)

Wie heißt es doch: Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören und sich verändern, zum zivilisierten Debattierer, zum nicht-Hetzer, ja vielleicht sogar zum Wissenschaftler.

Nachtrag:

Arne Hoffmann weist darauf hin, “dass Professor Amendt, vermutlich als Folge der Hetze gegen ihn, auf Anraten der Kriminalpolizeit auf mehreren Veranstaltungen nur noch mit Leibwächtern erscheinen konnte”. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Die soziale Konstruktion sozialer Probleme und die Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der folgende Text von Dr. habil. Heike Diefenbach ist eine Form unentgeltlicher Nachhilfe für die Initiatoren einer ad-hoc Gruppe auf dem 37. Soziologentag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Trier im Oktober diesen Jahres. Der mit: "Genderismus - Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs" überschriebene Antragstext ist ein Mahnmal für den derzeitigen Zustand der Soziologie. Wer, wenn nicht Dr. habil. Heike Diefenbach, die im Gegensatz zu vielen, die soziologische Lehrstühle besetzen, eine uneingeschränkte Venia Legendi für Soziologie hat, nur keine Lust, ihre vielen Talente an den deutschen Staat zu verkaufen, wäre besser dazu geeignet, den soziologischen Dilet-Tanten Nachhilfe in Soziologie zu geben?

GarfinkelBereits seit den 1970er- und 1980er-Jahren, in denen Autoren wie Erving Goffman (1990) und Harold Garfinkel (1996, besonders S. 35-75) durch Fallstudien und Erschütterungsexperimente demonstriert haben, dass Normalität eine fragile Sache ist, die hergestellt und aufrechterhalten werden muss und sich keineswegs von selbst aufdrängt, gilt es als eine Binsenweisheit in der Soziologie und in ihren benachbarten und mit ihr verbundenen Fachdisziplinen (wie z.B. Soziale Arbeit), dass Normalität sinnvoll nur als statistische Normalität verstanden werden kann oder genauer: als Modalwert auf einer Verteilung, während jedes Verständnis von Normalität als Soll- oder Muss-Norm für menschliches Verhalten, d.h. als konventionelles Verhalten, unweigerlich zu den Fragen führt, wer die Norm aus welchem Interesse setzt, wer ihr mit welchem Gewinn zu folgen bereit ist und wer durch die Normsetzung als Abweichler gebrandmarkt und ggf. negativ diskriminiert werden soll oder kann (vgl. hierzu Foucault 2004; 2003 sowie Taylor 2009; mit Bezug auf Normalisierungsprozesse in fachwissenschaftlichen Disziplinen: Luke 1999).

Im Zuge dieser Ausweisung von tatsächlichen oder vermeintlichen Selbstverständlichkeiten als eben nicht selbstverständlich fand auch das naive Verständnis von sozialen Problemen als objektiv beschreibbaren Mißständen ein Ende, denn

Mooney_Understanding social problems“[i]ndividuals and groups frequently disagree about what constitutes a social problem. For example, some Americans view the availability of abortion as a social problem, whereas others view restrictions on abortion as a social problem. Similarly, some Americans view homosexuality as a social problem, whereas others view prejudice and discrimination against homosexuals as a social problem. Such variations in what is considered a social problem are due to differences in values, beliefs, and life experiences” (Mooney, Knox & Schacht 2013: 3).

Dementsprechend könnte man eine soziologische Definition von “sozialen Problemen” vorschlagen, die wie folgt lautet: Soziale Probleme sind das, was bestimmte Gruppen von Menschen dafür halten. Allerdings ist dies aus verschiedenen Gründen wenig hilfreich, vor allem deshalb, weil diese Definition zu einer völligen Entleerung des Begriffs durch Inflationierung führen würde: fast alles dürfte irgendwann von irgendjemandem als soziales Problem gewertet werden. Damit wäre der Begriff für Ideologien aller Art zwar nützlicher denn je, aber für Sozialwissenschaftler gänzlich unbrauchbar.

Brauchbar für Sozialwissenschaftler ist ein Konzept nämlich nur dann, wenn es mehr ist als eine intellektuell klingende Metapher und ihnen irgendwelche Aufschlüsse über die Funktionsweise der sozialen Welt gibt, und diese wird gewöhnlich nicht durch die Betrachtung irgendwelcher Inhalte – die z.B. als soziale Probleme gelten mögen oder auch nicht – erkennbar, sondern durch eine Betrachtung von Formen, z.B. von Regelmäßigkeiten, nach denen sich bestimmte Prozesse vollziehen (in diesem Zusammenhang ist Hackings Diskussion von Idee und Begriff der sozialen Konstruktion nützlich: Hacking 2001).

Aus dieser Erkenntnis heraus haben Spector und Kitsuse ihre Auffassung davon, was soziale Probleme seien, bereits im Jahr 1977 wie folgt beschrieben:

Constructing Social problems“Our definiton of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).

Auch in Deutschland sind diese Erkenntnisse angekommen wie z.B. die Definition von Andreas Pfeuffer zeigt, die im online-Wörterbuch der Sozialpolitik SOCIALinfo zu lesen ist:

“Als Konstruktion sozialer Probleme bezeichnet man den Prozess, im Zuge dessen Umstände oder Ereignisse, die bestimmte Gruppen oder ganze Gesellschaften in ihrer Lebenssituation beeinträchtigen (etwa Armut, Kriminalität, Gewalt, Drogenkonsum, Umweltprobleme), in der Öffentlichkeit bzw. in Teilen derselben kollektiv als veränderungsbedürftig definiert, skandalisiert und zum Gegenstand politischer Programme und Maßnahmen gemacht werden.
Blumer (1975) schlägt zur Beschreibung des Konstitutionsprozesses sozialer Probleme ein fünfstufiges Modell vor, das folgende Phasen umfasst: 1. das Auftauchen des sozialen Problems bzw. seine Wahrnehmung und Benennung; 2. die öffentliche Anerkennung (Legitimierung) als soziales Problem; 3. die Mobilisierung von Handlungsstrategien in politischen Auseinandersetzungen; 4. die Erstellung eines offiziellen Handlungsplanes zur Regulierung des Problems; 5. die Transformation dieses Handlungsplans in seiner tatsächlichen Ausführung.
Dass soziale Probleme einer kollektiven Definition unterliegen, das heißt, dass ihre Konstitution als Prozess kollektiven Handelns aufgefasst wird, darüber besteht in der Forschung Konsens. Strittig hingegen ist, ob diese Definitionen auf konkrete gesellschaftliche Bedingungen aufbauen, was dann die Untersuchung der Bedingungen ihrer Wahrnehmung erfordert, oder ob sie unabhängig davon sozial konstruiert werden, was impliziert, dass ihnen kein anderer Sinn zukommt als der ihnen von den Gesellschaftsmitgliedern in interaktiven Prozessen zugeschriebene …”.

Aber sie sind offensichtlich nicht bei all denen, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft bestücken, angekommen. So liest man im “Grundkurs Soziologie” von Hans Peter Henecka, der im Jahr 2009 erschienen ist, dass

“[e]in soziales oder gesellschaftliches Problem [...] meist dann vor[liege], wenn eine Diskrepanz (Widerspruch) zwischen den gesellschaftlichen Normen und Zielvorstellungen und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen besteht (z.B. im Falle von Devianz und Kriminalität) oder wenn eine unvorhergesehene oder unvorhersehbare Situation eintritt, die in der Gesellschaftsordnung (noch) nicht geregelt ist (wie beispielsweise Massenarbeitslosigkeit in Deutschland und gleichzeitige Verlagerung von Arbeitsplätzen durch inländische Unternehmen in Billiglohnländer)” (Henecka 2009: 29).

Während für Henecka ein soziales Problem also dann besteht, wenn Menschen sich nicht hinreichend stark an normative Vorgaben halten oder jemand einen Regelungsbedarf sieht, dem noch nicht abgeholfen ist, und Henecka sich ansonsten vollständig darüber ausschweigt, wer mit welchem Recht normative Vorhaben macht oder Regelungsbedarf einfordert, würden Spector und Kitsuse genau diese Fragen stellen, also fragen, wer wie und warum bestimmte Umstände als Mißstände auszuweisen und ggf. Regelungen, die für andere bindend sein sollen, herbeizuführen versucht.

The battered womanDer grundlegende Unterschied in der Sicht auf das Konstrukt “soziale Probleme”, der durch die Definitionen von Henecka einerseits und Spector und Kitsuse andererseits illustriert wird, hat erhebliche Auswirkungen auf das, was Soziologen meinen, als Erklärungsproblem formulieren oder hinterfragen zu müssen. So ist in der englischsprachigen sozialwissenschaftlichen Welt prinzipiell kein Inhalt davor sicher, daraufhin untersucht zu werden, wie er als soziales Problem gerahmt wird und in wessen Interesse das ist, auch dann nicht, wenn es sich um einen ideologisch stark aufgeladenen Inhalt handelt, der im Übrigen auf der Agenda der derzeit herrschenden politischen Ideologie steht. Beispiele hierfür bieten die Arbeiten von Ronald Weitzer (2007) über “The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade” und von Donileen R. Loseke (1992) über “The Battered Woman and Shelters: The Social Construction of Wife Abuse”, die gleichermaßen nicht nur den Konstruktionscharakter der in Frage stehenden Phänomene aufzeigen, sondern auch die Instrumentalität der Konstruktionen.

Eine solche kritische Haltung gegenüber sozialen Phänomenen ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Sozialwissenschaft betrieben werden kann und ist letztlich neben dem Kriterium der verwendeten Methodologie das Kriterium, das Sozialwissenschaft von Sozialagitation und Ideologie unterscheidet. Und wenn man in die Texterzeugnisse derer schaut, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft derzeit bestücken, dann hat man den Eindruck, dass tatsächlich ein starkes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reflexionsprozessen vorhanden ist. Gleichzeitig scheint sich die allerorts betonte und geforderte Reflexion aber so gut wie nie auf die Form der Selbstreflexion zu erstrecken, die einen interessanten Einblick darein geben könnte, wie sich Sozialwissenschaftler als Konstrukteure sozialer Probleme gerieren.

Ein sehr deutliches Beispiel hierfür bietet der Antrag, den Paula-Irene Villa von der LMU München und Sabine Hark von der TU Berlin auf Genehmigung einer ad hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress im Oktober 2014 gestellt haben und der den Titel trägt: “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Soziologische Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs”.

Goffman StigmaBehauptet wird von den Autorinnen die Existenz eines “Krisendiskurses”, in dessen Mittelpunkt “Sexualität und Geschlecht” stünden und dass der Genderismus als “hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnete[s] Umerziehungsprogramm’ im Zentrum jener Krisendiskurse [die inzwischen im Plural und nicht mehr wie zu Anfang des Textes im Singular konstatiert werden]” stünde. An dieses von den Autorinnen vorgestellte Szenario schließen sie die These an, nach der sich in den von ihnen behaupteten Krisendiskursen “womöglich nicht nur Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber gesellschaftlichen Emanzipations- und Reflexivierungs[!]prozessen artikulieren, sondern vor allem die erneute “Befestigung der heteronormativen Geschlechterordnung auf der Agenda steht”. Wie sie eine solche These aus von ihnen konstatierten Krisendiskursen über “Tugendterror”, “repressive ‘Political Correctness'” u.ä. ableiten, bleibt ihr Geheimnis und für den uneingeweihten Leser unnachvollziehbar. Jedenfalls schließen sich für die Autorinnen an das von ihnen entworfene Szenario
“eine Reihe von Fragen an: Auf welche als ‘Problem’ definierten gesellschaftlichen Dynamiken antwortet der Krisendiskurs des (Anti-)Genderismus? Weshalb und wie genau stehen ausgerechnet Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt eines breiteren [...] und breit anschlussfähigen (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig [!] liberal/libertär geriert (etwa in den Unterstellungen [!] gegenüber der EU oder der ‘Denk- und Sprachverbote’ durch Medien) und dabei u.U. zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaats anzweifelt?”

Während die Autorinnen für sich bzw. ihre ad hoc-Gruppe eine “forschungsbasierte soziologische Reflexion zu einem europaweiten Krisendiskurs” in Anspruch nehmen wollen, scheitern sie an der Selbstreflexion im Vorfeld vollständig, obwohl eine solche äußerst aufschlussreich hätte sein können: Sie scheinen sich nämlich in keiner Weise bewusst zu sein, dass sie mittels ihrer Themen- und Ausdruckswahl ein soziales Problem (mit)konstruieren, das bereits seit einiger Zeit durch Positionsinhaber in der öffentlichen Verwaltung zu konstruieren versucht wird, um Kritik am von ihnen favorisierten, aber (zumindest auf der Ebene der EU) in keiner Weise demokratisch legitimierten Gesellschaftsentwurf, wie er beispielhaft im Genderismus zum Ausdruck kommt, zu delegitimieren, nämlich die massenhafte Existenz von Menschen mit so genannten rechten Einstellungen, die in der Empirie zwar nicht existiert, aber zu konstruieren versucht wird, indem alle möglichen Weltanschauungen, Argumentationen, Meinungen, Überzeugungen und Äußerungen ein- und zusammengeklammert werden, die nur eine einzige Gemeinsamkeit haben, nämlich von Vertretern des Genderismus als anti-genderistisch eingeordnet zu werden. Nur vor diesem – im Text der Autorinnen implizit gebliebenen – Hintergrund und des in ihm verankerten Bedrohungsdiskurses innerhalb der Gruppe der Genderisten ist nachvollziehbar, wie die Autorinnen zu ihrer These von der “erneute[n] Befestigung heteronormativer Geschlechterordnung” kommen, konstruieren die Genderisten die heteronormative Geschlechterordnung doch unablässig selbst mit, um einen benennbaren Feind zu haben, gegen den sich der Genderismus richten kann.

Dies alles würde ihnen vielleicht bewusst, wenn sie statt andere Menschen als Andere zu konstruieren und ihnen Motive zu unterstellen, die die Genderisten mit einem sozialen Problem versorgen könnten, selbstreflexiv tätig würden. Aber dass Reflexivität mit dem Nachdenken über das eigene Tun und die eigenen Motive beginnt, ist ihnen entweder unbekannt oder zu unangenehm, um es zu praktizieren, denn die Trennung von Wir (Genderisten und anderen guten Menschen, die zumindest keine Kritik an ihm üben) und den Anderen, d.h. den Kritikern des Genderismus, die von den Autorinnen zu einer homogenen Masse verschmolzen werden und die in den Augen der Autorinnen z.B. bloß “vordergrüngig [aber keinesfalls tatsächlich] liberal” sein können, diese Trennung, die keine Grautöne zulässt, sondern nur Schwarz und Weiß kennt, steht im Zentrum der Konstruktion eines Bedrohungsszenarios, für das das diskursive Phantasma einer Masse von Unsicheren und in Abwehrreaktionen von “Emanzipations- und Reflexivierungsprozessen” Befindlichen ersonnen wurde.

Dieses diskursive Phantasma spricht allen Bürgern, die nicht derselben Auffassung sind wie die Autorinnen bzw. Genderisten jegliche Kompetenz ab, sich eigene Urteile zu bilden, und verkehrt außerdem die Bemühungen von Bürgern um Emanzipation von den Vorgaben des Genderismus aufgrund eigener Reflexionen in Emanzipations- und Reflexionsunwilligkeit. Emanzipation und Reflexion sind für die Autorinnen bzw. Genderisten als Begriffe und Ideen nämlich exklusiv für das eigene Gedankengut reserviert. Sie verfügen also über keine formale Definition dieser Begriffe und Ideen, was bei Sozialwissenschaftlern – in britischer Untertreibung formuliert – als beklagenswerter Zustand bezeichnet werden muss.

Diese Strategie der sprachlichen Verkehrung von Emanzipationsbestrebungen in Emanzipationsabwehr hat immerhin den Vorteil, Genderisten von der Begründung ihrer Position scheinbar (und nur bis auf Weiteres) zu entheben und es ihnen zu ermöglichen, sich statt dessen der Diskreditierung ihrer Kritiker zu widmen. Und diese Diskreditierung ist anscheinend das Grundanliegen im Antrag der Autorinnen auf Genehmigung der ad hoc-Gruppe; anders lässt sich kaum verstehen, warum Kritiker von ihnen uneingeschränkt als nur “vordergründig” liberal bezeichnet werden, Kritik an der EU als “Unterstellungen” und Kritik an einseitiger Berichterstattung und Zensur in den Medien als “‘Denk- und Sprechverbote'”.

Klemperer LTIAnders lässt sich auch kaum nachvollziehen, warum die Probleme, von denen die Autorinnen behaupten, dass Kritiker des Genderismus sie sehen würden, von den Autorinnen in Anführungszeichen gesetzt werden: es soll kundgetan werden, dass es sich nicht wirklich um Probleme handelt – wirkliche soziale Probleme definieren nur die Autorinnen, sonst niemand! Die Verwendung des “ironischen Anführungszeichens”, das “[...] Zweifel in die Wahrheit des Zitierten [setzt]“, hat übrigens der Philologe Victor Klemperer als Charakteristikum der LTI, d.h. der Sprache des Dritten Reiches, der “Neutralität … zuwider ist” identifiziert (Klemperer 2007: 99). Man kann (und vieleicht: muss) sich fragen, ob die neuerdings wieder auffällig häufige Verwendung des ironischen Anführungszeichens in den Medien, aber auch in Texterzeugnissen, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, Ausdruck einer totalitären Geisteshaltung ist, die der Sprache des Dritten Reiches zugrunde lag. Kaum anders als durch die Absicht, Kritiker des Genderismus zu diskreditieren, kann auch erklärt werden, dass die Autorinnen es als eine Art Verfehlung dauerhaft Uneinsichtiger auslegen, wenn diese “zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaates anzweifel[n]“.

Die Reflexivität der Autorinnen reicht nicht so weit, dass sie erkennen könnten, dass vielleicht nicht die Institutionen als solche in der Kritik stehen, sondern die Art und Weise, wie sie derzeit funktionieren bzw. instrumentalisiert werden, um bestimmte ideologische Inhalte zu kolportieren, die in der Bevölkerung aus den verschiedensten Gründen auf Widerstand stoßen. Die Reflexivität der Autorinnen ist überhaupt kein
Nachdenken über die Motive und Prämissen der von ihnen konstruierten Anderen, weil sie deren Auffassungen und Motive ja bereits im ihrem Text u.a. durch die ironischen Anführungszeichen als falsch und unbegründet ausgewiesen haben, sondern es soll lediglich der Schein von Reflexivität erweckt werden, denn die so genannte Reflexivität der Autorinnen beschränkt sich – zumindest im vorliegenden Text – auf das unablässige Wieder-Aktualisieren von Gedanken, an die sie sich affektiv gebunden fühlen.

Wenn Reflexivität schon etwas ist, von dem sie meinen, es bezeichne die Unterstellung, dass Überzeugungen und Motive anderer Menschen nicht ernst zu nehmen und unbegründet seien, so ist Selbstreflexivität für sie ein völlig unbekanntes Konzept. Wäre es bekannt, dann wäre es z.B. möglich gewesen, Fragen danach aufzuwerfen, (1) welche Aspekte ihrer Sozialisation und ihrer Biographie diejenigen, die sich in der ad hoc-Gruppe zusammenfinden (sollen), in die Lage gebracht haben, auf Kritik an Ideen, mit denen sie sich identifizieren, an denen sie selbst aber keinerlei schöpferischen Anteil haben, in der auf Überidentifikation beruhenden Weise zu reagieren, in der sie reagieren, und die zumindest dem durch Sigmund Freud vorgeprägten Betrachter hysterisch vorkommen könnte, (2) wo der Zusammenhang zwischen diesen Ideen und Sozialwissenschaft bestehen soll oder kann und (3) – und besonders wichtig – welche Verantwortung Sozialwissenschaftlern bei der Trennung der Bevölkerung in Wir und die Anderen durch die Konstruktion von Meinungsvielfalt als soziales Problem zukommt. (Ich hoffe, damit Impulse für die Diskussion in der ad hoc-Gruppe gegeben zu haben!)

Was hier nur bruchstückhaft und ad hoc entwickelt wurde, ist eine soziologische Annäherung an den aktuellen Bedrohungsdiskurs, den Genderisten, die die Sozialwissenschaften derzeit bestücken, konstruieren und auf dessen Basis wiederum ein neues soziales Problem konstruiert werden soll, nämlich das der hoch-gefährlichen Existenz von Kritik und Meinungsvielfalt – und dies in einer demokratischen Gesellschaft, auf die die Autorinnen doch scheinbar große Stücke halten, wenn es darum geht, die Zweifel von Bürgern an “zentrale[n] Institutionen des demokratischen Rechtsstaates” zu diskreditieren!

Sicherlich wäre eine breitere und tiefere Analyse der diskursiven Konstruktion von Bedrohung der Ideologie des Genderismus und die diskursive Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen nicht nur lohnend, sondern notwendig und Aufgabe einer kritischen Sozialwissenschaft. Ausgangspunkt einer solchen Analyse könnte – und müsste, wenn sie in Selbstreflexion erfolgen soll – sein, was Peter L. Berger und Thomas Luckmann in ihrem Buch “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” formuliert haben:

Berger Luckmann“Eine mögliche Folge der institutionalisierten Auffächerung ist das Entstehen gesellschaftlich abgetrennter Sinnwelten. Sie ergeben sich aus den verschiedenen Akzenten, die auf Rollenspezialsierung gelegt werden, bis hin zu dem Punkte, an dem rollenspezifisches Wissen, gemessen am allgemeinen Wissensvorrat, völlig esoterisch wird … Wie alle Sinnkonstruktionen der Gesellschaft müssen auch die Subsinnwelten von einer bestimmten Gemeinschaft ‘getragen’ werden, das heißt, von der Gruppe, welche die betreffende Sinnhaftigkeit ständig produziert und in der sie objektive Wirklichkeit geworden ist. Zwischen solchen Gruppen können Streitigkeiten und Rivalitäten bestehen. … In hochentwickelten Industriegesellschaften mit ihrem enormen wirtschaftlichen Überschuss, der es ungezählten Personen gestattet, ihre gesamte Zeit noch den obskursten Interessen zu widmen, ist die pluralistische Konkurrenz von Subsinnwelten jeder vorstellbaren Art und Weise der Normalzustand” (Berger & Luckmann 1996 : 90/91; Hervorhebung d.d.A.)

– und dies im statistischen Sinn und daher empirisch tatsächlich, und das sollten auch oder gerade Sozialwissenschaftler akzeptieren statt neue Bedrohungsdiskurse zu eröffnen und moralische Paniken zu inszenieren.

Bleibt zu fragen, was die beantragte ad hoc-Gruppe anderes sein kann als ein informelles Treffen genderistisch geprägter Ideologen in einem formal-wissenschaftlichen Kontext, denn der Interpretationsrahmen des in Frage stehenden Phänomens, also der in Deutschland und anderen Ländern immer lauter werdenden Kritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus, wird von den Autorinnen ja bereits im Vorfeld durch ihre Antragsschrift vorgegeben und lässt keinerlei Raum für alternative Interpretationen. Insofern ist der Antrag eine schlechte Satire auf den Entwurf einer wissenschaftlichen Fragestellung.

Satire kann auch nur die von Autorinnen aufgeworfene Frage sein, “[w]eshalb und wie genau [...] ausgerechnet [!] Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt des breiten [!] [...] und breit anschlussfähigen [!] (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig liberal/libertär geriert ….” steht, denn wenn sie selbst ihren Text mit “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft” betiteln, dann sollte man meinen, dass sie doch eine vage Ahnung davon haben, warum “ausrechnet” der Umgang mit Sexualität und Geschlecht in der Kritik steht, wenn es um den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus geht!

Und insofern der Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus u.a. die Verabsolutierung askriptiver Merkmale bedeutet, die Ersetzung des meritokratischen Prinzips durch Ergebnisgleichheit und die ideologische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in öffentlichen und öffentlich finanzierten Schulen, ist es vielleicht nicht so überraschend, dass die Kritik am Genderismus in viele Richtungen “breit anschlussfähig” ist. Gerade deshalb ist es sehr seltsam und ganz und gar soziologisch uninformiert, wenn all die verschiedenen Kritiker von den Autorinnen als homogene Gruppe der Anderen und ihre Kritik sozusagen als – im übrigen prinzipiell verfehlte – Einheitskritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus konstruiert und damit ein soziales Problem geschaffen werden soll, dass nur diejenigen sehen können, deren Reflexivität nicht so weit gereicht hat zu erkennen, dass Meinungsvielfalt und Kritik nicht nur der Normalzustand in einer komplexen Gesellschaft sind, sondern die Basis für eine Zivilgesellschaft. Aber genau diese soll ja anscheinend durch den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus beseitig werden. Fragt sich nur, ob Soziologen sich hieran guten Gewissens beteiligen können, aber die Befragung des eigenen Gewissens setzt Selbstreflexivität voraus ….

Literatur:

Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas, 1996: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M.: Fischer.

Foucault, Michel, 2004: Abnormal: Lectures at the Collège de France, 1974-1975. New York: Picador.

Foucault, Michel, 2003: Society Must Be Defended: Lectures at the Collège de France, 1975-1976. New York: Picador.

Garfinkel, Harold, 1996: Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity Press.

Goffman, Erving, 1990: Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. London: Penguin.

Hacking, Ian, 2001: The Social Construction of What? Massachussetts: Harvard University Press.

Henecka, Hans Peter, 2009: Grundkurs Soziologie. Konstanz: UVK.

Klemperer, Victor, 2007: LTI: Notizbuch eines Philologen. Stuttgart: Reclam.

Loseke, Donileen R., 1992: The Battered Woman and Shelters: The Social Construction of Wife Abuse. Albany: State University of New York Press.

Luke, 1999: The Discipline as Disciplinary Normalization: Networks of Research. New Political Science 21, 3: 345-363.

Mooney, Linda, Knox, David & Schacht, Caroline, 2013: Understanding Social Problems. Belmont: Wadsworth, Cengage Learning.

Spector, Malcolm & Kitsuse, John I., 1977: Constructing Social Problems. Menlo Park: Cummings.

Taylor, Dianna, 2009: Normativity and Normalization. Foucault Studies 7: 45-63.

Weitzer, Ronald, 2007: The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade. Politics & Society 35, 3: 447-475.

Die Luft wird dünner: Genderismus vor dem Ende?

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist das Gespenst der Krise. Ganze Soziologentage kümmern sich um die Krise. Der 37. Soziologentag 2014, Anfang Oktober in Trier, steht gar unter dem Motto: “Routinen der Krise – Krise der Routinen”:

Soziologentag_2014“Wir leben in Krisenzeiten. Krisendiagnosen sind allgegenwärtig. Die Liste konstatierter Krisenszenarien reicht von der Finanz- und Schuldenkrise über die Staats- und Legitimationskrise bis hin zur Krise des Politischen, der Öffentlichkeit und des Bildungsystems. Im europäischen Raum erfahren Krisendeutungen nochmals eine Zuspitzung: Unter dem Label der Euro(pa)krise werden der Verlust des europäischen Zusammenhalts, sich im Gefolge einer weltweiten Finanzkrise entwickelnde Renationalisierungen, soziale Verwerfungen sowie irreversible Asymmetrien befürchtet.”

Ganz Europa ist in der Krise? Nein, nicht ganz Europa. Ein kleiner, krisenresistenter Ort harrt allen Zeichen der Krise. Der Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie und alle seine Mitglieder scheinen sich bislang als krisenfest erwiesen zu haben. Sie trotzen der Krise – beobachten, was sie andere erleiden sehen oder träumen. Moderne Soziologen, so muss man wissen, sind nämlich Beobachter der Gesellschaft, bystander, wie man im Englischen sagt. Sie lassen auf sich wirken, beschreiben, finden und merken an, und immer im Rahmen des politisch Korrekten, nicht dass man Aufmerksamkeit auf sich lenkt, am Ende die Soziologie in eine Krise stürzt, eine Selbstverständniskrise, eine Daseinszweckkrise, aus der sie wohl kaum wieder herauskäme, es sei denn als Phönix.

Und dennoch erreichen selbst Soziologen die Zeichen einer internen Krise. Eine Krise dessen, was man ein Glaubenscredo nennen könnte, das in weiten Teilen der Soziologengemeinde uneingeschränkte Gültigkeit erreicht: Das Credo des Staatsfeminismus. sozialer Wandel

Der Wind of Change, den die Scorpions einst besungen haben, er bläst deutschen Soziologen ins Gesicht, sofern sie auf der Fahrkarte des Genderismus unterwegs sind. Und das sind nicht wenige. Mit 27 Lehrstühlen, die sich dem Thema “Frauen- und Geschlechterforschung” verschrieben haben, ist die Soziologie der Fachbereich, an dem die Inkubation am weitesten fortgeschritten ist. Insofern ist es bemerkenswert, dass in einer Sozialwissenschaft, die sich der Beobachtung der Gesellschaft und der Erklärung gesellschaftlicher Prozesse verschrieben hat, erst jetzt erste Anzeichen der Krise ankommen, erste Anzeichen davon, dass die Fördertöpfe für Frauen- und Geschlechterforschung in Zukunft nicht mehr so ungehindert sprudeln könnten, wie bislang, und das wäre dann in der Tat eine Krise (die einzig denkbare).

Deshalb haben sich Paula-Irene Villa von der LMU München und Sabine Hark von der TU-Berlin (mit brennender Sorge, wie man sagen könnte und) in einer impulsiven ad-hoc Aktion entschlossen, eine ebenso impulsive ad-hoc Gruppe beim 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier zu beantragen. Und obwohl der 34. DGS Kongress bereits vor 6 Jahren in Jena stattgefunden hat, wurde die ad-hoc Gruppe (obwohl für den 34. Kongress beantragt) für den 37. Kongress der DGS in Trier bewilligt. Vielleicht war man bei den Veranstaltern mitleidig, ob der offensichtlichen Eile und Aufregung, in der die Krisen-ad-hoc-Gruppen-Sitzung beantragt wurde oder ob der Unkenntnis gegenüber der eigenen Kongressgeschichte.

Also wird zumindest eine Krise, die im Oktober 2014 in Trier zur Sprache kommt, die Soziologie intern betreffen. Und es ist eine wirklich unglaubliche Krise.

Da gibt es in Deutschland, wie Paula-Irene Villa und Sabine Hark feststellen, Menschen, die wehren sich dagegen, dass ihren Kindern im Unterricht sexuelle Vielfalt nahegebracht wird, was im Wesentlichen bedeutet, dass ihnen homosexuelle Lebensentwürfe unter weitgehender Auslassung der mit ihnen verbundenen Probleme (z.B. AIDS) präsentiert werden.

Da gibt es Menschen, die die ständige Berieselung mit Themen des Genderismus (interessanter Weise verwendet Feministen nun auch den Begriff des Genderismus) durch Medien, die das ständige Lamentieren über ein nicht existentes Gender Pay Gap, eine nicht vorhandene gläserner Decke, eine angebliche Doppelbelastung und zu wenig Frauen in Führungspositionen nicht mehr hören wollen und können.

Schlimmer noch, gibt es doch Menschen, die ihre Meinung offen aussprechen, die von einer Allmacht der Homo- oder Frauen-Lobby reden, und das ganze, so der Eindruck der beiden Autor.I.*nnen, “mit dem diskursiven Phantasma eines anti-demokratischen Tugendterrors” oder “Tugendfurors” oder einfach als “omnipräsente und repressive Political Correctness” rahmen. Dabei, so schreiben sie weiter, “steht der Genderismus als vorgeblich hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnetes Umerziehungsprogramm’ im Zentrum der Krisendiskurse”.

Gender Road christian churchWem es nicht gleich klar geworden ist, zB. durch das Adjektiv “vorgeblich”, das ganz und gar unwissenschaftlich jedem Leser die richtige Interpretation des Geschriebenen nahelegen soll, dem sei gesagt: Es ist natürlich so, dass der Genderismus das Heil ist, an dem man nicht mit “diskursiven Phantasmen” herumkritisieren darf. Maßnahmen, die unter der Ägide des Genderismus getroffen werden, sind entsprechend auch dann, wenn sie eine Quote für Frauen vorschreiben, alles andere als repressiv, sondern emanzipierend und befreiend, befreiend, weil sie, wie das Fegefeuer die Seelen der dem Genderismus nicht Zugewandten göttlicher Gnade zuführen, und natürlich sind Abwehrreaktionen gegen das Heil, das der Genderismus bringt, lediglich darauf zurückzuführen, dass die Abwehrer unsicher und nicht erleuchtet sind.

Deshalb lautet die These der gerade für 2008 (34. Kongress) bewilligten ad-hoc Gruppe, die dennoch 2014 (37. Kongress) stattfinden soll: “Dabei steht der ‘Genderismus’ als vorgeblich hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnetes Umerziehungsprogramm’ im Zentrum jener Krisendiskurse, in denen sich, so die These dieser ad-hoc Gruppe, womöglich nicht nur Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber gesellschaftichen Emanzipations- und Reflexivierungsprozessen artikulieren, sondern vor allem die erneute Befestigung der heteronormativen Geschlechterordnung auf der Agenda steht”.

So einfach ist das. Die heteronormative Geschlechterordnung ist schlecht. Der Genderismus ist gut, ist das Heil. Was Genderisten verkünden, ist Wahrheit. Wer sich gegen die Wahrheit sperrt, ist ein Ungläubiger, der aus Angst vor der Erleuchtung lieber im Dunkeln verbleibt, sich gegen die Emanzipation sperrt, die Emanzipation, die viele Arbeitsplätze für Frauen an Universitäten bringt und Männer von Ausschreibungen ausschließt, sie diskriminiert, auf dass die heteronormative Geschlechterordnung von der Agenda verschwinde.

Wer Genderismus ablehnt und sich gegen Lehrxs und Mülleimx sperrt, sitzt inmitten eines Krisendiskurses, ist in seiner Männlichkeit, seiner Familienorientierung, seiner Nationalität, seiner Rechtsgläubigkeit, seiner ethnischen Zugehörigkeit gestört – kurz: falsch, muss entsprechend bekehrt werden. worship with usBei so viel Heil und missionarischem Eifer, der darauf verschwendet wird, Menschen zu bekehren, die sich gegen Bevormundung und Traktierung mit dem, was die Frauen Villa und Hark für richtig und wahr halten, wehren, wäre es eigentlich konsequent, die ad-hoc Gruppe würde sich als eigenständige Kirche von der DGS abspalten. Angesichts der Nützlichkeit, die der Genderismus-Kult für den Staatsfeminismus hat, wäre es nicht verwunderlich, wenn der Gender-Kirche das Recht eingeräumt würde, Steuern zu erheben.

Wenn sich die Mitglieder dieser Gender-Glaubens-Kongregation jedoch weiterhin innerhalb der DGS herumdrücken, sich weiter ausbreiten, dann wird selbst dem stoischsten Soziologen irgendwann der Verdacht kommen, die DGS befinde sich in einer Krise. Das kann dann Motto beim 48. Soziologentag 2034: “Krise der Soziologie – Soziologie der Krise” – an der Humbug Universität in Berlin sein.

Festgestellt werden muss jedenfalls, dass die DGS von außen betrachtet, bereits jetzt in einer tiefen Krise steckt. Aus einer Wissenschaft, deren Ziel darin bestand, gesellschaftliche Prozesse zu untersuchen und zu erklären, die sich auch als wissenschaftliche Kontrollinstanz der Exekutive verstanden hat, ist eine Legitimationswissenschaft geworden, die schon tanzt lange bevor die Exekutive gepfiffen hat. Sie ist in Teilen zu einem Diskutierkränzchen verkommen, in dem sich Gelangweilte und vom Leben nicht weiter Tangierte treffen, um sich über die Probleme anderer zu unterhalten oder – anders formuliert – beim Kaffeetrinken über nicht Anwesende zu tratschen – die soziologische Variante des Stammtisches und sicher nichts, was mit Steuermitteln finanziert werden kann und muss.

Das Elend der deutschen Soziologie: Post von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

dgs_2012_03Seit heute haben wir es schriftlich, dass in der deutschen Soziologie jeder behaupten kann, was er will, und zwar ohne Rücksicht auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Und nicht nur das: Seit heute haben wir es schriftlich, dass man es bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nicht problematisch findet, wenn falsch oder gar nicht zitiert wird. Die Kunst, so wissen wir seit heute, besteht darin, es "offen" zu lassen, ob es sich bei bestimmten Textstellen "überhaupt um ein Zitat" handelt. Wer also demnächst von Vroni-Plag als Plagiator identifiziert wird, der kann sich mit der Schützenhilfe der DGS darauf zurückziehen, dass er nur offen lassen wollte, ob es sich bei der von Vroni-Plag identifizierten Stelle um ein Zitat handelt. Und Studenten, denen Dozenten vorwerfen, sie hätten die Regeln des wissenschaflichen Arbeitens nicht berücksichtigt, können sich in Zukunft auf die Position zurückziehen, dass sie nur offen lassen wollten, ob bestimmte Stellen wörtliche Zitate anderer sind, selbst dann, wenn sie explizit in Hochkommata gesetzt wurden, oder ihre eigenen Gedanken darstellen.

Kurz: Seit heute wissen wir: Die DGS gibt die Standards wissenschaftlichen Arbeitens auf, und entsprechend ist die DGS offensichtlich der Ansicht, dass Soziologie keine Wissenschaft ist.

Vorgeschichte

Wir haben uns in einem Schreiben an die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewendet, weil uns in einer Auftragsarbeit, die Prof. Dr. Michael Meuser für das BMFSFJ verfasst hat, Zitate untergeschoben werden, die nicht von uns sind. Zur Erinnerung, Michael Meuser schreibt:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42

Und weiter:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Das Problem mit beiden Zitaten von Meuser ist leicht benannt: Wir haben nie von einer “Feminisierung des Lehramts” geschrieben und entsprechend können wir auch nichts als eine “Folge der Feminisierung” beschrieben haben. In beiden Fällen, in denen Meuser Bezug auf unseren Artikel aus dem Jahre 2002 nimmt, behauptet er unwahre Dinge und schiebt uns eine “Feminisierung” unter, von der wir nie geschrieben haben.

Man kann dies auf zwei Arten erklären: Entweder Meuser weiß nicht, was wir geschrieben haben, oder er will uns dadurch diskreditieren, dass er uns einen in seiner Welt negativ konnotierten Begriff unterschiebt. Beide Erklärungen führen jedoch zum selben Ergebnis, Meuser ist nicht fähig oder willig rudimentäre wissenschaftliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlicher Lauterkeit einzuhalten.

Die Ethikkommission der DGS

Wir haben uns entsprechend an die Ethikkommussion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbands deutscher Soziologen gewendet und uns über diesen Mangel an Aufrichtigkeit oder an wissenschaftlicher Versiertheit beschwert. Seit heute liegt uns die Antwort der Ethikkommission der DGS, erstellt von Prof. Dr. em. Hans-Georg Soeffner, dem ehemaligen Vorsitzenden der DGS, vor.

Wer Sie gerne im O-Ton nachlesen will, der kann dies hier tun.

Wir wollen uns auf zwei Unglaublichkeiten beschränken, die man als Wissenschaftler, die deshalb besonderen Wert auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens legen, weil sie die einzige Möglichkeit darstellen, Wissenschaft von Unsinn abzugrenzen, erst einmal verdauen muss.

So schreibt Soeffner, nachdem er behauptet hat, dass Meuser in den beiden oben zitierten Stellen “offen” gelassen habe, ob es sich um ein wörtliches Zitat aus Klein und Diefenbach handelt, folgendes:

“Eine deutlichere Abgrenzung der Kennzeichnung von Zitaten einerseits und allgemeinen Hervorhebungen andererseits müsste in Meusers Text sicherlich stattfinden. Die bewusste ‘Fälschung eines Zitates’ lässt sich jedoch kaum belegen.”

hans-georg-soeffnerDiese Wertung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht hier, dass wissenschaftiche Standards, die sich mit dem Zitieren verbinden, nicht ernst zu nehmen sind, man wünscht sie sich, aber wenn sie fehlen, ist das auch nicht schlimm. Zum anderen steht hier “Fälschung eines Zitates” in Anführungszeichen. Warum wohl? Weil Soeffner insinuieren will, dass wir fälschlicherweise von einer Fälschung eines Zitates sprechen, und da wir im Schreiben an die Ethikkommission die Frage, ob Meuser bewusst fälscht oder es einfach nicht besser kann offen gelassen haben, hat er das Wörtchen “bewusst” außerhalb der Anführungszeichen, mit denen er deutlich machen will, dass diese Textstelle nicht von ihm ist, gelassen. Leider hat Soeffner vergessen anzugeben, von wem diese Textstelle ist und zeigt damit, dass er es auch nicht besser kann als Meuser und ganz nebenbei hat er Meuser attestiert, dass er, da eine bewusste Fälschung nicht belegt werden kann, offensichtlich zu wissenschatflichem Arbeiten nicht fähig ist. Aber da sich die “‘Fälschung eines Zitates’ … kaum belegen” lässt, besteht noch Hoffnung, für Soeffner.

Allerdings besteht erhöhte Gefahr, dass dieser Keim der Hoffnung bereits im Keim erstickt wird, weil sich am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen, an dem Hans-Georg Soeffner vor seiner Emeritierung gelehrt hat, keinerlei Hinweise zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens finden lassen. In unserem Bemühren das endgültige Abgleiten der Soziologie in die Welt der Ideologie und des Phrasendreschens zu verhindern, waren wir erleichtert, dass wir an der Frierich-Schiller-Universität Jena, an der der derzeitige Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, lehrt, einen Leifaden für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gefunden haben, dessen Seite 2 sich Folgendes wörtlich entnehmen lässt:

  1. “Zitate werden gekennzeichnet – wörtliche und sinngemäße Zitate werden als solche markiert. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, bei sinngemäßen Zitaten wird durch den Konjunktiv und/oder einen Einleitungssatz verdeutlicht, dass es sich um Aussagen anderer handelt.”
  2. “Zitate (ob Wort, Satz oder Abschnitt) müssen belegt werden - am Ende jedes Zitats ist auszuweisen, aus welcher Quelle es stammt.”
  3. “Zitate sind exakt und ehrlich …”

Da die Art und Weise, in der Michael Meuser zu zitieren versucht, mit keinem der drei oben genannten Punkte in Einklang zu bringen ist, steht zu vermuten, dass sich der Dekan der Universität Jena und Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, im Widerspruch zu dem befinden muss, was Hans-Georg Soeffner als Vorsitzender (oder alleiniges Mitglied?) der Ethikkommission der DGS geschrieben hat. Es wird spannend sein, die Stellungnahme von Lessenich dazu zu lesen (- die wir natürlich einfordern werden).

Zwei abschließend Punkte sind uns noch wichtig:

Soeffner schreibt: “Wenn darüber hinaus auch bei Diefenbach/Klein (2002, S. 949) unmissverständlich festgestellt wird: “Lehrerinnen prägen die Schulkultur”, ist sachlich kaum mehr einzusehen, weshalb der Streit um das Scheinzitat ‘Feminisierung’ – eine ohnehin schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung – die Ethikkommission zweier Fachverbände beschäftigen muss”.

Nassehi_SoziologieEs ist schon erschreckend, dass Vertreter einer Wissenschaft, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt, nicht mehr in der Lage sind, zwischen einer Zustandsbeschreibung “Lehrerinnen prägen die Schulkultur” und einem Prozess “Feminisierung” zu unterscheiden und dass sie denken, das eine sei dem anderen gleich. Wenn das in der Soziologie nunmehr normal ist, dann ist es wirklich konsequent, die Soziologie zu schließen, da der Gegenstand der Soziologie nicht mehr vorhanden ist und es auch keine wissenschatfliche Methode gibt, mit der man Zustandsbeschreibungen von Soziologen von dem Gewäsch politischer Kommentatoren in Tageszeitungen unterscheiden könnte.

Esser_SoziologieDa Soeffner überdies der Ansicht ist, bei Meusers Versuch, uns zu zitieren, handle es sich um ein Scheinzitat, gibt er uns in der Sache offensichtlich recht und ist auch der Ansicht, dass Meuser nur den Anschein erwecken will, die “schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung”: Feminisierung stamme von uns. Im Gegensatz zu Soeffner sind wir allerdings der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Ethikkommission ist, sich auch mit “schwer zu ertragende[n] sprachliche[n] Fehlleistung[en]” zu beschäftigen, und wenn eine (aus einem Mann bestehende) Ethikkommission das nicht will, dann ist es vielleicht das Beste auch dieses letzte Feigenblatt, das an Zeiten erinnert, an denen die Soziologie den Anspruch hatte, eine Wissenschaft zu sein, fallen zu lassen.

Opp MethodologieVor diesem Hintergrund wäre es eigentlich an der Zeit, dass die großen alten Männer der Soziologie, die es auch in Deutschland gibt und deren Lebenswerk darin besteht, Soziologie als Wissenschaft etabliert zu haben, sich in Bewegung setzen oder zumindest ihre Stimme erheben, um der Zerstörung ihres Lebenswerks ein Ende zu setzen und den ohnehin stark angeschlagenen Ruf der deutschen Soziologie zumindest in den Bereichen, in denen dies noch möglich ist, zu reparieren, um zu retten, was noch zu retten ist.

P.S. Da die Beschwerde von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Vorsitzemden der Ethikkommission von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und dem Berufsverband deutscher Soziologen alleine unterzeichnet ist, fragt man sich unwillkürlich, welchen Stellenwert die anderen Mitglieder der Ethik-Kommission in diesem Gremium eigentlich haben – wenn sie überhaupt einen haben.

Getroffene Hunde bellen – aber beißen Sie auch?

Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag zum Thema “Soziologie als Grundrecht” veröffentlicht, in dem ich die Entscheidung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) kritisert habe, den Fachbereichen der Soziologie zu empfehlen, nicht mehr am CHE-Ranking der ZEIT teilzunehmen. Ich habe dies anlässlich eines Beitrags von Dr. Stefan Lessenich, getan, den der  Jenaer “Professor” im Namen der DGS und in der ZEIT veröffentlicht hat und in dem er die Entscheidung der DGS, nun ja, sagen wir: zu begründen versucht. Wie ich in meinem Beitrag gezeigt habe, ist diese Begründung hilflos, die Prämissen, auf denen sie aufbaut, sind unbegründete ideologische Überzeugungen.

Der Beitrag ist nun schon einige Tage alt und ich hatte ihn fast vergessen, wäre ich nicht heute auf eine Reihe von Zugriffen auf sciecnefiles aufmerksam geworden, die www.stephan-lessenich.de zum Ausgangspunkt haben. Da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich mich auf der Homepage von Stephan Lessenich, die unter den Fittichen und somit in rechtlicher Verantwortung der Universität Jena geführt wird, eingefunden, um zu lesen, was dort über sciencefiles geschrieben steht. Und: Es ist tatsächlich noch möglich, mich zu schockieren, wie ich seit heute weiß. Nochmals vorweg: Der Mann gibt vor Wissenschaftler zu sein. Er besetzt einen Lehrstuhl. Er lehrt Studenten, vermutlich behauptet er, er vermittelt Wissen, das seinen Studenten in deren weiteren Leben hilft. Und dieser Vertreter der Deutschen Soziologie, der, man möge sich erinnern, im Namen der DGS spricht und dies auch auf seiner eigenen Homepage für sich in Anspruch nimmt, hat nun das folgende zu sagen:

“Und dass die DGS hier einen Nerv getroffen hat, zeigt die Suada der antikritischen Hetzseite namens “Kritische Wissenschaft”. Sprich: Es geht voran.”

Soviel wissenschaftliche Fairness, soviel Abstand von den Dingen, soviel Anstand und soviel wohlgesetzte Worte muss man erst einmal verkraften. Ich will Herrn Lessenich nicht auf demselben Niveau begegnen, auf dem er sich scheinbar bewegt, schon weil ich dann zu weit nach unten steigen müsste, aber es dürfte klar sein, dass sich gerade der Betreiber eines blogs, das sich der Kritischen Wissenschaft verschrieben hat, derartige Auswürfe eines “Lehrstuhlbesetzers” nicht gefallen lässt. Deshalb habe ich heute eine Email an  Stephan Lessenich geschrieben, in der ich ihn auffordere, seine Behauptung zu begründen. Explizit erwarte ich von Herrn Lessenich, dass er belegt, wo der Tatbestand der “Hetze” auf Sciencefiles erfüllt ist. Ich erwarte, dass er sich mit den Argumenten, die ich in meinem Beitrag gemacht habe, auseinandersetzt, wenn er dazu fähig ist und ich erwarte, dass er seine Behauptung begründet, sofern er dazu in der Lage ist, und zwar entlang der Argumente, die ich vorgetragen habe. Darüber hinaus habe ich die Mitglieder des DGS Vorstandes angeschrieben und um Aufklärung darüber gebeten, ob sie die Meinung ihre Vorstandskollegen teilen, dass es sich bei sciencefiles.org um eine “Hetzseite” handelt. In dieser Hinsicht würde mich auch die Meinung all derer interessieren, die dieses blog verfolgen. Kommt Ihr Euch verhetzt vor?

Noch zur Klarstellung: Die von Lessenich, vermutlich aus einem Agitationsschub heraus benutzte Formulierung “Hetzseite” verweist auf den Tatbestand der Volksverhetzung, der in §130 StGB wie folgt umschrieben ist:

(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder 2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. Schriften (§ 11 Absatz 3), die zum Hass gegen eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung aufstacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordern oder ihre Menschenwürde dadurch angreifen, dass sie beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden,
a) verbreitet,
b) öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,
c) einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überlässt oder zugänglich macht oder
d) herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Buchstaben a bis c zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen, oder
2. eine Darbietung des in Nummer 1 bezeichneten Inhalts durch Rundfunk, Medien- oder Teledienste verbreitet.
(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.
(4) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.

Nun denn, Herr Lessenich, ich erwarte eine Darlegung, die eines Wissenschaftlers, der Sie ja sein wollen, würdig ist und die die folgenden Fragen beantwortet:

  • Wo auf Sciencefiles wird zum Hass gegen andere aufgestachelt?
  • Wo auf Sciencefiles wird die Menschenwürde anderer angegriffen?
  • Wo auf Sciencefiles werden Menschen z.B. aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe beschimpft?

Da mich angesichts ihrer Reaktion Zweifel überkommen haben, ob sie (1) Format genug besitzen, um ihre Position an der Universität Jena auszufüllen und (2) auf menschlicher Ebene besehen, den Mut oder die Fähigkeit aufbringen, nicht nur zu behaupten, sondern auch zu begründen, wenn Sie dazu aufgefordert werden, sehe ich Ihrer Antwort mit Spannung entgegen.

Noch zur Erklärung: Suada ist typischer elitistischer Mittelschichtssprech, mit dem versucht werden soll, die eigene “Überlegenheit” zu dokumentieren. Suada meint nach Duden: eine wortreiche Rede, einen Redeschwall oder auch Beredtsamkeit, Suada ist darüber hinaus der Name der römischen Göttin der sanften Überredung. Welche Bedeutung Herr Lessenich mit Suada verbindet, kann er an dieser Stelle vielleicht auch gleich darlegen.

Im Übrigen behalte ich mir rechtliche Schritte gegen Herrn Lessenich vor.

Es geht voran!

Die Antwort auf die Frage, ob getroffene Hunde nicht nur bellen, sondern auch beißen, ist zwischenzeitlich eingetroffen: NEIN.
Nur rund eine Stunde, nachdem mich die Abwesenheitsnotiz von Dr. Stephan Lessenich erreicht hat, ist die folgende Email eingegangen:

Sehr geehrter Herr Klein,

Ihre Drohung nehme ich zur Kenntnis. Ich habe den Satz von meiner -
privaten und privat gehosteten (meine Homepageadresse der Universität
Jena lautet http://www.soziologie.uni-jena.de/StephanLessenich.html) -
gelöscht.

Dies auch um Ihrer Seite nun doch keine weitere Popularität zukommen
zu lassen – darüber hatte ich in der Tat schon vorab nachgedacht, war
dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es sich für informierte Dritte
lohnt, Ihren Beitrag zu lesen, weil er nicht nur Fehlaussagen enthält,
sondern durch seinen Stil sich auch selbst disqualifiziert. Ihre
Reaktion, wenige Stunden nach der Veröffentlichung mit dem Anwalt zu
drohen, zeigt mir aber, dass die Überlegung, auch polemische Kritik
publik zu machen, falsch war. Ich hatte im Netz schon Einiges über
Ihre Methoden gelesen, was ich nun leider vollauf bestätigt sehe.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Lessenich

*************

Ich bin aber auch wirklich gaaaanz schlimm, dass ich sciencefiles.org nicht als “antikritische Hetzseite” bezeichnen lasse und ganz offensichtlich, ist sich unser Doktor aus Jena nicht im Klaren darüber, dass er durch seinen Rückzieher gerade die Unhaltbarkeit seiner entsprechenden Aussage zugegeben hat und somit eingesteht keinerlei Gründe, außer seiner affektiven Aufgeregtheit für seine Behauptung gehabt zu haben. Für die Zukunft sei ihm geraten, bevor er seinen Ärger verewigt, Anstand und Ratio, sofern verfügbar, zu Rate zu ziehen. Ich meinerseits, über dessen Methoden man offensichtlich bereits im Netz lesen kann und dessen blog nicht noch populärer werden darf, wie Herr Lessenich (warum nur?) schreibt, lehne mich jetzt erst einmal zurück und genieße den Blick auf die offene Landschaft von Hampshire und frage mich dabei, wie die Seite von Stephan Lessenich, die wenn doch angeblich privat so gar nicht an Insignien der Universität Jena spart, mit einem Alexa Traffic Rank von “no data”, einem blog, mit einem Traffic Rank von 70.565 in Deutschland Popularität verschaffen will, ich meine Popularität außerhalb der eigenen Kultgemeinde des versprengten Häufleins von Lesern, die sich auf die Seite von Lessenich nach allen Informationen, die der Bewertung des Netztraffic zu entnehmen sind, verirren. Ich habe übrigens Herrn Lessenich nicht angedroht, ihn zu verprügeln, sondern ihn informiert, dass mein Anwalt gerade prüft, ob das, was Herr Lessenich da behauptet hat, ungestraft behauptet werden kann. Offensichtlich ist sich Herr Lessenich sicher, dass er seinen “antikritische Hetzseite”-Ausfall weder begründen noch aufrechterhalten kann. Leider hat er nicht die Größe, sich zu entschuldigen, was mich wieder zurück bringt, zum fehlenden Anstand …

Wunschkonzert

Wer sich etwas von Stephan Lessenich wünschen will, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Auf die Email von Stephan Lessenich, die oben veröffentlicht ist, habe ich ihm geschrieben, dass ich so einfach nicht zu besänftigen bin und auf einer öffentlichen Entschuldigung beharre. Das ist kein Wunsch, wie jeder, der des Deutschen mächtig ist, mir sicher bestätigen wird, aber in Teilen der Soziologie ist man offensichtlich mit einer ganz eigenen Sprache unterwegs. Wie auch immer, Herr Lessenich hat mir meinen “Wunsch” erfüllt:

***********
Sehr geehrter Herr Klein,

üble Nachrede klingt doch schon anders als Volksverhetzung. So oder so
dürfte die Zuschreibung “Corpus delicti” freilich nicht zu halten
sein. Gleichwohl erfülle ich Ihnen Ihren Wunsch und entschuldige mich
bei Ihnen persönlich, falls Sie sich getroffen gefühlt haben sollte.
Ich wäre bei der Schärfe der Kritik, die Sie auf Ihrer Seite üben,
nicht davon ausgegangen, dass Sie selbst auf Gegenkritik so reagieren.
Aber man wird immer wieder eines Besseren belehrt. Für eine
öffentliche Entschuldigung sehe ich jedenfalls keinen Anlass.

Damit ist die Sache für mich erledigt.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Lessenich

**********

Nur nochmal zur Verdeutlichung, Herr Lessenich hat mir vorgeworfen eine “antikritische Hetzseite” zu betreiben, der Vorwurf der Volksverhetzung ist also seiner, die Ansicht, dass dieser Vorwurf den Straftatbestand der üblen Nachrede erfüllt, wiederum ist meine. Und so bleibt mir nur, die Sache für mich mit der Bemerkung abzuschließen, dass ich in der Beschimpfung “antikritische Hetzseite” keinerlei Kritik erkennen kann, ebenso wenig wie ich den kritischen Gehalt von “Arschloch” zu finden im Stande bin. Entsprechend sei Herr Lessenich auf unser Grundsatzprogramm verwiesen, damit er sich im Hinblick darauf, was Kritik, was kritische Wissenschaft ist, weiterbilden kann. Und ganz zum Schluss: Herr Lessenich, bislang ist meine Kritik nicht scharf, warum Sie die in diesem blog geäußerte Kritik als “scharf” empfinden, kann ich nich nachvollziehen und will daher Milde walten lassen und den Vorgang abschließen.

Soziologie als Grundrecht?

Eines der letzten nach eigener Einbildung autokratisch herrschenden Zentralkomitees, der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, hat eine Empfehlung erlassen: Soziologen, Soziologieinstitute und alle die damit zu tun haben, haben ab sofort das Ranking zu unterlassen, ab sofort hat jede Beteiligung am CHE-Ranking der ZEIT (das CHE Ranking ist ein Teil des ZEIT Studienführers, der es Studenten ermöglichen soll, bevor sie sich auf eine Universität einlassen, zu wissen, worauf sie sich einlassen) aufzuhören, sowie jegliche Kontakte zu des Rankings von Soziologie-Instituten verdächtigen Personen eingestellt zu werden. Das ist selbstverständlich meine Übertreibung, denn, die DGS Stellungnahme vom 27.6.2012 ist eine Empfehlung, an die sich die einzelnen Soziologieinstitute halten soll(t)en.

Normalerweise sind es autokratische Herrschafts-Gremien nicht gewohnt, dass ihre Entscheidungen hinterfragt werden, aber die demokratischen Aufweichungen, die die Gesellschaft zeigt, die die DGS umgibt und die nunmehr seit Jahrzehnten anhalten, fordern  auch ihren Tribut vom DGS-Vorstands, und so haben sich die DGS Vorstandsmitglieder zu einer Begründung ihrer Empfehlung genötigt gesehen. Ich will an dieser Stelle nicht die weitgehend inhaltsgleiche offizielle Begründung der DGS untersuchen, sondern die autorisierte Verlautbarung der DGS-Position, die Stephan Lessenich, Stellvertretender Vorsitzender der DGS, in der ZEIT und im Namen der DGS gegeben hat.

Die Begründung von Lessenich, mehr im Stil einer Verlautbarung, zeichnet sich in erster Linie durch die Sprache aus, die all denen eigen ist, die wenig zu sagen haben, kein Interesse daran haben, dass das Wenige, was sie zu sagen haben, verstanden wird und die bemüht sind, durch einen Prozess der Satzblähung, den ich hier einmal als adjektivistische Nominalisierung beschreiben will, weil er hauptsächlich darauf beruht, unnötige Adjektive und nichtssagende Nomen in Sätze zu packen, um sie “gelehrt”, wenngleich unverständlich erscheinen zu lassen, den wenigen Inhalt unter einem Haufen von Wortunrat zu begraben. Diesen Satzblähungen kann man nur mit den Mitteln der rekonstruktiven Sozialforschung, wie sie z.B. Ralf Bohnsack (1999) bereitgestellt hat, zu Leibe rücken. Ich will mich hier insbesondere der dokumentarischen Methode bedienen, die ich mit der von Karl Raimund Popper entwickelten Methode, der Satz-Deflation kombiniert habe, die bereits in einem anderen Beitrag auf diesem Blog dargestellt wurde.

Die Methode ist recht einfach in der Anwedung: Die sinntragenen Teile des Dokuments, hier des Beitrags von Stephan Lessenich, werden identifiziert, isoliert und in verständliche Sprache übertragen. Die Hauptarbeit dieser Vorgehensweise besteht darin, die sinntragenden Teile aus einem Meer geblähter Sätze zu fischen. Es ist mir gelungen vier Passagen im Beitrag von Lessenich zu identifizieren, von denen ich mit einiger Überzeugung behaupten kann, dass sie Sinn tragen. Die Besprechung der Passagen erfolgt in der Reihenfolge ihrer Nennung im Beitrag von Lessenich, um eventuell einen möglicherweise vorhandenen Gedankengang entdecken zu können.

“Das gesellschaftspolitische Gesaltungsprinzip der Gegenwart heißt Wettbewerb. … Eine der Triebfedern der Inszenierung von Wettbewerb im Bildungswesen ist das regelmäßig vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) durchgeführte Hochschulranking”.

Meine mit Hilfe der dokumentarischen Methode vorgenommene Übersetzung (Hinweis: Ziel der dokumentarischen Methode ist es, den Geist eines Dokuments in seinen Einzelteilen zu identifizieren, in einer weniger hermeneutischen Sprache: Es geht darum, die Prämissen des Textes offenzulegen): Die gesellschaftlichen Geld- und Sachressourcen sind begrenzt. Entsprechend konkurrieren unterschiedliche gesellschaftliche Akteure um Geld- und Sachmittel, und jetzt sollen sogar Universitäten, nein schlimmer: Soziologieinstitute um knappe Ressourcen wie Hartz-IV-Empfänger konkurrieren.

“Nach Auffassung der DGS kann das CHE Ranking den selbst erklärten Zweck, eine verlässliche Entscheidungshilfe für Studieninteressierte zu liefern, nicht erfüllen. … Zum einen gehen für die Studienqualität wesentliche Faktoren – von den jeweiligen Betreuungsrelationen über die inhaltlichen Schwerpunktbildungen und die faktischen Bemühungen um die Verknüpfung von Forschung und Lehre bis hin zur Funktionsfähigkeit von Prüfungsämtern – nicht in die Bewertung mit ein; zum anderen weist die für diese Bewertung maßgebliche Studierendenbefragung erhebliche methodische Schwächen auf, allen voran die ungeklärte Selektivität der Befragten”.

Meine Übersetzung: Die Ergebnisse des CHE-Rankings sind falsch und nicht repräsentativ. Sie sind falsch, weil als “wesentlich” behauptete Faktoren wie die “Betreuungsrelation” und die “inhaltliche Schwerpunktbildung” nicht beachtet werden, sie sind nicht repräsentativ, weil die falschen Studenten befragt werden (unzufriedene bei schlechtem Ranking, zufriedene bei gutem Ranking). Beide Gründe sind etwas seltsam. Fangen wir mit dem zweiten Grund an. Dass die “falschen” Studenten befragt werden, eint alle Soziologieinstitute insofern dürfte es sich nicht auf die Relation zwischen den Soziologieinstituten niederschlagen – es sei denn, Lessenich will hier implizieren, dass die Soziologieinstitute, die im CHE Ranking gut abschneiden, Studenten dazu zwingen, mehrfach gute Bewertungen abzugeben, während sich die schlecht abschneidenden Soziologieinstitute von solch niederen Machenschaften distanzieren.

Ich muss zugeben, die Betreuungsrelation hat mich etwas ins Grübeln gebracht. Den einzigen Sinn, den ich daraus machen kann, kann ich nur so in Worte fassen: Manche Soziologie-Professoren sind zwar inkompetent, aber gaaaanz lieb, und das muss doch in die Bewertung mit eingehen – oder? Mit der inhaltlichen Schwerpunktbildung ist das leichter, die Prämisse dahinter ist gut zu identifizieren: Manche Soziologieinstitute lehren Inhalte, die man in der das Institut umgebenden Außenwelt kaum oder gar nicht brauchen kann, dies kann man den entsprechenden Instituten nicht durch eine schlechte Bewertung ankreiden.

Während Studieninteressierte im CHE Ranking vergeblich nach belastbaren Qualitätshinweisen für ihre bildungsbiographischen Entscheidungen suchen, findet dieses seine faktischen Adressaten in bildungspolitischen Entscheidungsträgern auf der Ebene der Hochschulleitung und Ministerialbürokratie. Was läge für die entsprechenden Akteure näher als … ein “gutes” oder “schlechtes” Abschneiden wahlweise zu honorieren oder zu sanktionieren”.

Analyse: (1) Behauptung: Das CHE Ranking ist nicht richtig, es verzerrt die Realität, weil es z.B. die Betreuungsrelationen nicht berücksichtigt (der gute Onkel Professor von oben). (2) Diese Behauptung schiebt Lessenich seinen Lesern eben einmal als wahr unter und folgert weiter: (3) dass sein Rektor und ein Beamter aus dem Kultusministerium das CHE Ranking nutzen könnten, um ihn zu fragen, warum das Ranking seines Instituts so (schlecht oder gut) ist, wie es ist, und, (4) schlimmer noch, das Ranking zum Anlass nehmen könnten, mehr oder weniger öffentliche Mittel für das Institut zur Verfügung zu stellen. Es wäre dem Altruismus Gewalt angetan, würde man annehmen, dass Stephan Lessenich zusätzliche finanzielle Mittel aufgrund eines guten CHE Rankings ablehnen würde. Sicher nicht. Es bleibt daher nur der Schluss, dass der Ärger über das CHE Ranking durch die Angst motiviert ist, dass die eigene Lehre plötzlich an Argumenten wie “Nützlichkeit für Studenten” oder gar: “Arbeitsmarktchancen der Studenten der entsprechenden Institute” gemessen werden. Wo kämen wir hin, wenn hochgeistige Wortblähungen wie sie an manchen Soziologieinstituten die Regel sind, auf ihre Verwendbarkeit oder ihre Nützlichkeit für Studenten hin hinterfragt würden? Wir kämen, genau, in eine Marktwirtschaft, in der Studenten nicht nur wüssten, auf was sie sich mit einem Studium an Universität einlassen, sondern auch eine Idee davon hätten, was sie mit dem Abschluss an Universität später einmal anfangen können. Das ist, wie es scheint, der DGS unvorstellbar, denn:

“In Form und Inhalt … schließt das CHE Ranking an den Wissensmodus der Gegenwart an und speist ihn mit ins Bildunsgwesen ein: jedes gesellschaftliche Feld ein Ort des Wettbewerbs um Positionen, jede Institution ein Konkurrent um knappe Ressourcen [!sic], jeder Akteur ein Sender und Empfänger von Marktsignalen”.

Eindrücklicher als in diesem Lamento kann man die eigene Prämisse, dass “knappe Ressourcen” auch an Soziologie-Institute verschwendet werden sollen, die keinerlei nützlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben bringen, nicht formulieren. Eindrücklicher kann man die eigene Überzeugung von “alle Soziologie-Institute sind gleich gut” nicht fassen. Eindrücklicher kann man die eigene Ignoranz darüber, ob die gelehrten Inhalte für die studentischen Opfer, die ihnen ausgesetzt sind, im Berufsleben in irgendeiner Weise verwertbar sind, nicht in Worte blähen, und eindrücklicher kann man die eigene Meinung, dass es ein Grundrecht auf Soziologie unabhängig vom Wert der jeweiligen Soziologie gibt, nicht beschreiben.

Es wäre schön, wenn einige der Soziologieabsolventen, die hier mitlesen, die Kommentarfunktion nutzten, um ihre Universität zu benennen und die Leser zu informieren, wie nützlich die soziologischen Inhalte, die sie gelernt haben, in ihrem weiteren beruflichen Werdegang waren, ich meine, so als Mittel, um die geforderte Berücksichtigung der “inhaltlichen Schwerpunktbildung” anzufüttern.

Da ich ein Verteter eines empirischen Ansatzes bin und darüber hinaus der Ansicht bin, dass es persönliche und nicht “kollektive” Motive sind, die Entscheidungen antreiben, habe ich den Vorstand der DGS daraufhin untersucht, wie die Universitäten der Vorstandsmitglieder beim CHE Ranking abschneiden. Nun, liebe Leser, was denken Sie?

Im Vorstand der DGS finden sich zwei Vertreter von Universitäten (Dortmund und Leipzig), die im aktuellen CHE Ranking nicht berücksichtigt sind. Es finden sich zwei Vertreter von Universitäten (Jena und Bremen), die im oberen Drittel des Rankings angesiedelt sind sowie drei Vertreter, die im unteren Drittel des Rankings angesiedelt sind (Darmstadt, Frankfurt und Rostock). Wie es scheint, hat die Mehrheit der Vertreter im Vorstand der DGS auf Basis des Rankings des eigenen Soziologieinstituts wenig Anreize, sich positiv über das CHE Ranking zu äußern, dass Lessenich ausgerechnet an einem Institut für Soziologie lehrt, das sich in der Spitzengruppe des CHE Rankings findet, ist dann wohl einer Strategie geschuldet, mit der Lessenich als Vertreter eines gut gerankten Soziologie-Instituts vorgeschickt wird, um dem Vorwurf eigener “Betroffenheit” zu entgehen. Damit müssen seine Professoren-Kollegen vor Ort halt leben.

Bildnachweis:
Chris Luck

“Vielfalt und Zusammenhalt” – Sociology’s wake

Logo des Soziologentags 2012

Alle zwei Jahre ruft der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie seine Getreuen zum Treffen der Zunft an einen zentralen Platz in Deutschland, zum Soziologentag. Was zu Zeiten von Karl Popper und Theodor Adorno noch ein mediales Großereignis war, ist heute in die relative Bedeutungslosigkeit der regionalen Presse versunken, und entsprechend finden immer weniger Soziologen die Kraft, um sich aus ihrem Lehrstuhl zu erheben und am Soziologentag teilzunehmen. Dennoch oder trotzdem, finden Soziologentage im Zwei-Jahres-Rhythmus statt.

Und so werden sich einige Soziologen auch dieses Jahr zum Soziologentag in Bochum und Dortmund einfinden, um dort vom 1. bis zum 5. Oktober Vorträgen über “Vielfalt und Zusammenhalt” zu lauschen. “Vielfalt und Zusammenhalt” , so lautet das Motto. Gemeint ist damit Folgendes:

“Während die  – von Vielen als wachsend wahrgenommene – Pluralität sozialer Lebensäußerungen und -formen … einerseits als Bedrohung des ‘sozialen Bandes’ thematisiert wird, erscheint sie andererseits geradezu als Voraussetzung und grundlegender Mechanismus der Stiftung (neuer) sozialer Bindungen. Aus soziologischer Perspektive nehmen mit erweiterten Figurationen sozialer Vielfalt auch die möglichen Ausgestaltungsformen sozialen Zusammenhalts zu”.

Diejenigen, auf die die zitierte Stelle wirkt, wie das Eingeständnis eines Einsiedlers, dass er beim Anblick eines Autos das große Grausen erlebt hat, mögen bedenken, dass viele Soziologen im Verborgenen und weitgehend ungestört von z.B. medialer Aufmerksamkeit forschen und viele sich nur alle zwei Jahre, ins Rampenlicht einer lokalen Tageszeitung trauen, um dort mit “dem interessierten Publikum” Kontakt aufzunehmen. Für derart soziologische Einsiedler wird die Welt innerhalb von zwei Jahren selbstverständlich komplexer. Sie erkennen, dass Vielfalt bedeutet, sich mit einer steigenden Zahl unterschiedlicher “Glaubensgemeinschaften (vor allem dem Islam, aber auch dem Buddhismus …), in entsprechenden sakralen Bauten und auch in Bekleidungsattributen wie Kreuzanhänger oder Kopftuch” konfrontiert zu sehen. Sie stellen fest, dass außerhalb des eigenen Gemäuers “Arbeitsort, Umfang der Arbeitszeit, Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und Bindung an die jeweilige Organisation” eine Veränderung erfahren haben (tatsächlich haben sich die entsprechenden Arbeitsbedingungen durch das Hochschulrahmengesetz auch für Soziologen verändert, aber das müssen viele Soziologen erst noch zu bemerken…). All diese erstaunlichen Entwicklungen der soziologischen Umwelt gilt es zu erfassen und, nein nicht zu erklären, zu beschreiben.

Viele heutige Soziologen verstehen sich nämlich nicht als kritische Wissenschaftler, nein, sie sind staunend beschreibende Zeitgeister, die gebannt auf die neue Vielfalt blicken und sich nach den Möglichkeiten fragen, wie diese neue Vielfalt in neuen Zusammenhalt überführt werden kann. Denn: Zusammenhalt ist es, wonach wir alle streben. Nicht die Bildung einer individuellen Persönlichkeit ist des Menschen Ziel, nein, sein Eingehen in einen kollektiven Zusammenhalt, der ihm Sinn und Berechtigung seines Daseins vermittelt, so wie die Bezeichnung Soziologe und die Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kolletiven Zusammenhalt vermittelt.

Max Weber

Nun ist das staunende Beschreiben gesellschaftlicher Entwicklungen und Verhältnisse nicht unbedingt das, was die Urväter der Soziologie, von August Comte über Emile Durkheim bis Max Weber unter Soziologie verstanden wissen wollten. So schreibt z.B. Max Weber “Soziologie … soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehend und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988, S.503). Erst das Erklären macht die Soziologie für Max Weber zur Wissenschaft. Für Emile Durkheim steht die Erklärung sozialer Fakten im Zentrum der Soziologie, und Auguste Comte hat sich gar auf die Suche nach historischen Gesetzen der Entwicklung von Gesellschaften gemacht. Alle Urväter haben also gemeinsam, dass sie gesellschaftliche Zustände und Strukturen erklären und nicht nur beschreiben wollen.

Diesem Ziel entsprechend, war die Soziologie einst gut aufgestellt. Sie hatte eine Vielzahl theoretischer Konzepte, um “Gesellschaft”, “soziale Fakten” oder “soziales Handeln” zu erklären. Dieser Reichtum theoretischer Konzepte von Herbert Blumer, Harold Garfinkel und Randall Collins, über Talcott Parsons, Robert K. Merton bis James Coleman, hat die Soziologie gegenüber anderen Sozialwissenschaften ausgezeichet, etwa gegenüber der Politikwissenschaft, deren Mitglieder sich nach wie vor nicht darüber einig sind, ob sie z.B. Meinungsmacher oder Meinungsforscher sein wollen.

Nun kommt derjenigen, der  gesellschaftliche Strukturen oder Zustände erklären will, sehr schnell bei den Begriffen “Macht”, “Herrschaft” und “Interesse”, Begriffe, die noch für Max Weber die zentrale Kategorien der Soziologie bildeten, heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Deshalb stellt derzeit kaum jemand in der Soziologie die Frage, welche Interessen hinter gesellschaftlichen Strukturen stehen, wer die Macht hat, die entsprechenden Strukturen durchzusetzen und wer auf Grundlage welcher Strukturen Herrschaft begründet? Konkret unterscheidet erklärende Soziologie, also Soziologie als Wissenschaft, von der Soziologie des Zusammenhalts z.B. dadurch, dass sie nach den Interessen fragt, die hinter der Einrichtung von Gender-Lehrstühlen stehen, dass sie fragt, wem es nutzt, wenn Kinder aus der Unterschicht bereits in der Grundschule in die Sonder- oder auf die Hauptschule aussortiert werden; Sie fragt nach den subtilen Machtmitteln, die dazu führen, dass Soziologen lieber die Gesellschaft beschreiben und die gesellschaftlichen Zustände legitimieren als sie kritisch zu hinterfragen und z.B. die Frage zu stellen, wie es sich mit wissenschaftlicher Unabhängigkeit verträgt, dass die Mehrzahl der Drittmittel-Projekte an Universitäten aus staatlichen Kassen finanziert wird. Oder sie fragt nach der Funktion, die anonyme Peer-Reviews bei der Abwehr innovativer Ideen einer erklärenden Soziologie spielen. Erklärende Soziologie würde auchfragen, wieso die graphische Darstellung, des Mottos “Vielfalt und Zusammenhalt”, im Piktogramm einer Standard-Familie, Mann, Frau, Sohn, Tochter,  Kindern besteht und ob damit der Ausschluss all der im Motto beschworen Vielfalt oder deren Vereinheitlichung gemeint ist?

Streik der Soziologen - Gefahr für die Nation

Wer erklären will, muss sich mit seinem Forschungsgegenstand auseinander setzen, er muss z.B. die Menschen aus der Unterschicht, die er aus dem Datensatz kennt, den andere für ihn zusammengestellt haben, aus der Nähe kennen, vielleicht sogar schon einmal mit ihnen gesprochen haben (das wäre zumindest nicht schädlich). Wer erklären will, muss hinter die Fassaden des öffentlichen (oder öffentlich-rechtlichen) Idylls blicken und untersuchen, wie Strukturen zur Durchsetzung z.B. von Eingriffen in die Selbstbestimmung von Menschen durch Standardisierung von Vorgaben (und damit den Ausschluss von Abweichung – keine Kindheit ohne staatliche Institution), durch Einschränkung der Entscheidungsfreiheit z.B. durch “Besteuerung” als unliebsam erachteter Handlungsentscheidungen (Kinderlosigkeit) oder der Vorgabe des “richtigen und guten” Lebens enstehen und vor allem: wem sie nutzen.

Der Blick hinter die Fassade, das haben Soziologen in der Vergangenheit immer wieder erfahren, ist mit Anfeindungen und mit Ärger verbunden, denn die Offenlegung von Machtstrukturen ist regelmäßig denen ein Dorn im Auge, die von den entsprechenden Strukturen profitieren. Dennoch ist die Offenlegung von Machtstrukturen zumindest in der Vergangenheit, als Soziologie sich noch als  Wissenschaft gesehen hat, das Credo der Wissenschaft gewesen. Das war in der Vergangenheit. Heute gerieren sich viele Soziologen als Zeitgeister, die beobachten, was um sie herum passiert und im Auftrag der Bundesregierung pflichtschuldig berichten, dass bestimmte “Milieus” im Hinblick auf Bildung, Gesundheit und sportliche Aktivität hinter anderen, zu bevorzugenden “Milieus” zurückbleiben. Es ist immer einfacher, mit dem Strom zu schwimmen, als gegen den Strom – aber es ist der Tod einer Wissenschaft, deren Zweck es einst war, die Realität zu erklären und dadurch durchschaubar zu machen.

Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Bildnachweis
Jeremy Freese’s Weblog

“wake” bezeichnet im Englischen eine Totenwache