Die Talpredigt aus Berlin

Wir haben das DIW vergessen!

Gestern, als wir uns überlegt haben, was wir tun würden, wären wir König von Deutschland, gestern haben wir das WZB geschlossen. Und wir haben das DIW vergessen. Man kann gar nicht so viel König sein, wie man pseudo-wissenschaftliche Schwatzbuden schließen will…

In Erinnerung gebracht hat sich das DIW bei uns mit einer Predigt. Gehalten hat sie der Laienpastor Stefan Bach. Mit seiner Predigt macht er deutlich, warum es vielleicht keine gute Idee ist, wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Abteilung “Staat” unbeaufsichtigt zu Wort kommen zu lassen.

Man mus den Anfang des kurzen Beitrags von Bach, der keinerlei empirische Grundlage hat, im Kontext des gesamten Beitrags würdigen, eines Beitrags, in dem von Steuerhinterziehern als Tätern die Rede ist und in dem für eine härtere Bestrafung von Steuerhinterziehern geworben wird, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft schädigen:

Stefan Bach

Gefunden unter: “Menschen am DIW”

“Deutschlands Eliten sind nervös. Seit die Steueroasen in der Nachbarschaft trocken gelegt werden und der Fiskus sich nicht zu fein ist, in Kopfgeldjägermanier Konteninformationen aufzukaufen, müssen Zehntausende um ihre Entdeckung fürchten. Die Selbstanzeige vermeidet zwar die Bestrafung. Dafür zerstört die moralische Entrüstung Karrieren, bürgerliche Existenzen und öffentliche Ansehen. Prominente werden in den Medien an den Pranger gestellt.

Es gab selbst in Deutschland einmal eine Zeit, da wäre ein solcher vor Boshaftigkeit und Häme triefender Text nicht möglich gewesen. Da hätte sich derjenige, der sich zu dieser üblen Persiflage auf die Einleitung zum Kommunistischen Manifest hinreißen ließ, geschämt. Aber Scham ist ein Gefühl, das man in Deutschland 2014 vergeblich sucht, und mit der Scham ist der Anstand gewichen, und zwar einer mit Wissenschaft unvereinbaren Staatsdienlichkeit, einer Anbiederung an den Staat, die nicht einmal Heinrich Mann, der Autor des Untertan für möglich gehalten hat.

Und auf welcher Grundlage diese Form der Anbiederung wächst, zeigt sich, wenn Stefan Bach, der Laienprediger aus Berlin, vom “Breitensport der besseren Stände” schreibt, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen”. Aber nun werden sie ja in “Kopfgeldjägermanier” gejagt, nicht ganz so, wie die Demonstranten aus der Ukraine, aber dennoch von “ihrem Staat”, der “die moralischen Standards” verschärft hat.

im_here_to_helpOffensichtlich ist das Denken von Stefan Bach in der Ständegesellschaft des Mittelalters stehen geblieben, und offensichtlich stellt das DIW mittlerweile Personen ein, die nicht einmal durch das erste Semester in Sozialstrukturanalyse gekommen sind und von der sozialen Struktur der Gesellschaft, deren Bürger zu belehren sie sich anschicken, keine Ahnung haben, sonst wüsste er, dass es seit der Industrialisierung keine Ständegesellschaft mehr gibt. Und kann man trotz aller Ahnungslosigkeit über die Sozialstruktur Deutschlands so dumm oder ideologisch verblendet sein, dass man den Widerspruch zwischen den Bürgern, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen” und seiner Prämisse, dass ein Staat ein quasi natürliches Anrecht auf das Geld seiner Bürger habe, es entsprechend kein Eigentum als individuelles Verfügungsrecht geben kann, nicht bemerkt? Wie verquer muss man eigentlich denken, wenn man den Staat zu einem kollektiven Akteur in eigenem Recht macht, der eigene Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg trifft. Wie religiös besessen muss man sein?

Der Staat ist ebenso wenig existent wie Gott, Herr Bach. Der Staat ist eine Denkfigur. Es gibt ihn nicht. Es gibt Individuen, die sich der Figur des Staates bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen. Und dann gibt es Gläubige, die entweder aus Schadenfreude oder aus Neid bereit sind, diejenigen, die sich als Staat gebähren, gewähren zu lassen, jedenfalls so lange sie in Kopfjägermanier andere verfolgen.

Oder wie es in der Talpredigt heißt:

“Niemand ist bekanntlich ohne Schuld. … In der Bibel heißt es: Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte. Das bedeutet für die Sünder konkret: Alles beichten, Demut und Reue zeigen, Buße tun und Besserung geloben. Dann kann verziehen werden, und die öffentliche Hysterie hat ein Ende”.

Logik f dummiesWenden wir die Logik von Herrn Bach einmal auf ihn selbst an und fragen: Was ist erst mit den Selbstgerechten dieser Welt, die aus vermeintlich wissenschaftlichen Anstalten heraus anderen den richtigen Weg zum Heil predigen? Wenn wir einen Beitrag wie den von Stefan Bach lesen, einen Beitrag aus einer wissenschaftlichen Institution, die aus Steuergeldern finanziert wird, dann können wir nur sagen: Uns sind 99 Steuervermeider lieber als ein opportunistischer Staatsanbiederer, der sich in vorauseilendem Gehorsam anschickt, seine wissenschaftliche Illiteralität über die Welt zu ergießen. “Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte”, hat Max Liebermann gesagt, als er die Nazis dabei beobachtet hat, wie sie 1933 die Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler mit einem Triumpfmarsch durch das Brandenburger Tor gefeiert haben. Wir können uns Max Liebermann 81 Jahre später nur anschließen.

Am schlimmsten ist es jedoch, wenn Prediger wie Stefan Bach, die wohl eher einem Bernhard von Clairveaux nacheifern wollen, wenn sie zum Kreuzzug, im Fall von Stefan Bach zu einer härteren Bestrafung von Steuervermeidern aufrufen, als dass sie die Botschaft z.B. der Bergpredigt (wie war das noch einmal mit der Nächstenliebe) verstanden hätten, am schlimmsten ist es, wenn derartige Laienprediger von Moral schwadronnieren und feststellen:

“Sicher ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass Klüngel, Korruption, Durchstecherei, Plagiate, Sexismus, Mobbing oder (Steuer-)Betrug nicht mehr toleriert werden. Die Skandalisierung der Medienöffentlichkeit schreckt die Täter ab und stabilisert den sozialen Zusammenhalt. Denn Schadenfreude ist die schönste Freude, besonders wenn sie den Mächtigen gilt.”

Die Passage zeigt, dass Stefan Bach seinen Katechismus der politischen Korrektheit gut auswendig gelernt hat. Sie zeigt aber auch, dass moralische Reife nicht durch das Herbeten von Begriffen erreicht werden kann. Moralische Reife, die sich z.B. auch in Anstand niederschlägt, ist das Ergebnis von Charakter-Arbeit, wie dies u.a. Kant beschrieben hat. Wer sagt, “Ich bin aber gegen Sexismus”, der zeigt damit die Reife eines dreijährigen Kindes, das sich nicht einmal traut, zu hinterfragen, was ihm vorgegeben wird.

Was entsprechende Kinder in der Wissenschaft zu suchen haben, deren Aufgabe darin besteht, Vorgegebenes zu hinterfragen, ist eine Frage, auf die wir derzeit keine Antwort haben. Aber natürlich sich Anbiederungskünstler für Staaten sehr nützlich, denn sie treiben einen Keil durch die Gesellschaft. Ganz im Gegenteil zu dem, was sie behaupten, von wegen sozialem Zusammenhalt.

Wie stabilisiert man einen sozialen Zusammenhalt, wenn man Kopfjagd auf Steuervermeider macht? Wie stabilisiert man sozialen Zusammenhalt, wenn man Begriffe wie Sexismus oder Mobbing einsetzt, um bestimmte Verhaltensweisen zu brandmarken und Diskussionen zu ersticken, Begriffe, die sich abermals eignen, um große Teile der Bevölkerung auszugrenzen?

headhunterDerartiger Unsinn kommt dabei heraus, wenn sich Prediger in die Wissenschaft einschleichen und dort ihr Unwesen treiben. Anstatt darauf hinzweisen, dass die Forschung, die zeigt, dass Steueroasen den Staaten, aus denen die meisten Steuervermeider stammen, einen wirtschaftlichen Nutzen bringen, stetig zunimmt, fordern die Prediger: “Steueroasen auszutrocknen” (Einen guten Einstieg bieten die Arbeiten von Desai et al.). Anstatt darauf hinzuweisen, dass es für Angestellte der Verwaltung, die sich im Dienste ihres imaginierten Staates als Diebe und Hehler verdingen, kaum möglich ist, eine moralische Überlegenheit über Diebe und Hehler einzuklagen, befürworten Prediger die Kopfjagd, und anstatt zu fragen, was los ist, wenn Menschen ihr Geld lieber vor der doch so großartigen “Gemeinschaft” in Sicherheit bringen, predigen sie die Schadenfreude über deren öffentliche Hinrichtung.

Wer wissen will, warum die Sozialwissenschaft in Deutschland immer weniger eine Wissenschaft und immer mehr eine Anstalt ist, in der sich Opportunisten nach oben dienen wollen, der muss nur den Beitrag von Stefan Bach im DIW-Wochenbericht lesen.

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Die Steuerzahler finanzieren Institutionen wie das DIW, an denen Laienprediger offenbar mit dem Segen der Leitung des DIW den Bürgern, die sie finanzieren, sagen, wie sie sich zu verhalten haben und eher die Seite derer ergreifen, sie sich als Staatsmacht gerieren, als dass sie sich an ihre eigentliche Aufgabe erinneren. Die eigentliche Aufgabe von steuerfinanzierten wissenschaftlichen Institutionen wie dem DIW besteht darin, zunächst wissenschaftliche Erkenntnis zu produzieren und diese Erkenntnis dann einzusetzen, um die Akteure auf der Basis der empirischen Erkenntnisse zu kontrollieren und wenn nötig zu kritisieren, die von sich behaupten, für den Staat (und damit für die Bürger) zu arbeiten.

Literatur

Desai, Mihir, Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2006: Do Tax Havens Divert Economic Activity? Economics Letters 90: 219-224.

Desai, Mihir A., Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2005: The Demand for Tax Havens. Journal of Public Economics 90 (3): 513-531.

Beim Lügen erwischt: DIW kritisiert Arbeits- und Sozialministerin Nahles

Was ist nur mit dem DIW los?

diw_logoLange Zeit hat sich das DIW in Berlin als Musterschüler der Bonner Regenten dargestellt. Selbst die Genderstudies hat das DIW für sich entdeckt und im eigenen Vorstandsbereich verankert. Entsprechend gab es bislang keinen Grund, dem DIW etwas anderes als Konformitäts-Fleißkärtchen zu verteilen.

Und jetzt das.

Im neuen DIW-Wochenbericht kommt es auf einer Seite knüppeldick. Auf dieser einen, bemerkenswerten Seite äußert sich Kornelia Hagen zur abschlagsfreien Rente mit 63, und zwar in einer für das DIW unglaublichen Weise: Sie kritisiert die Regierung, legt den Schluss nahe, dass die Arbeits- und Sozialministerin, Andrea Nahles, entweder nicht weiß, was sie daherredet oder bewusst lügt und macht ein Argument, das man in Deustchland gar nicht mehr erwartet, ein Equitäts-Argument: Sie wissen schon, eine der Leistung enstprechende Auszahlung.

Doch der Reihe nach und zum Genießen:

Government help“Die Leistungen, die es nach diesem Vorhaben geben soll, werden den Bürgern medienwirksam als Rentenpaket zugestellt, verpackt in rotem Papier. Dies suggeriert die Übergabe eines Geschenkes – und nicht eine Verteilung der durch die Versicherten selbst erworbenen Verdienste.”

Was haben sich viele Deutsche darüber aufgeregt, dass Banker die Finanzkrise herbeigeführt hätten und nunmehr die entstandene Finanzkrise mit Mitteln der Steuerzahler abgewendet werden soll. Darüber, dass die Bundesregierung seit Jahrzehnten Rentenbeiträge einsammelt und bei der Rentenauszahlung so tut, als wären es Almosen, die sie netterweise verteilt und nicht Ansprüche, die sich Rentenbeitragszahler über die Dauer ihres Arbeitslebens erworben haben, haben sich nur wenige aufgeregt. Bis jetzt. Und jetzt kommt die entsprechende Aufregungen ausgerechnet aus dem bisherigen Musterinstitut, dem DIW, und dann gleich geballt: den zitierten Absatz könnte man auf die Formel bringen: Regierungsheuchler schmücken sich mit fremden Geldern.

Doch damit nicht genug:

believe the lie“Und was die 63er-Stichtagsregelung betrifft, so tun sich Ungereimtheiten und viele Ungerechtigkeiten auf. Die Ministerin verteidigt gerade die abschlagsfreie Rente für Versicherte mit 45 und mehr Versicherungsjahren ab dem vollendeten 63. Lebensjahr als einen Verdienst, den sich die Zielgruppe durch eine langjährige Lebensleistung und entsprechende Beitragszahlungen in die Rentenkasse selbst erworben hätte. Im Gesetzentwurf steht es allerdings anders: Danach ist das alleinige Kriterium für die Gewährung der Leistung nur die Anzahl der im Lebensverlauf erzielten Versichertenjahre (Beitragsjahre inklusive Berücksichtigungszeiten). Dies kommt einer Aushöhlung des Prinzips der Beitragsäquivalenz in der GRV gleich, wonach sich Leistungen aus der Rentenkasse mit Ausnahme einiger weniger solidarischer Elemente – Reha, Erwerbsminderung, Hinterbliebenenversorgung – in Abhängigkeit von den Jahren der Erwerbstätigkeit und der Höhe des Einkommens im Lebensverlauf begründen.”

Bermerkenswert – oder? Im Hinblick auf die Ungereimtheiten lässt der Text aus dem DIW nur den Schluss zu, dass man dort der Überzeugung ist, die Arbeits- und Sozialministerin erzähle entweder Unsinn oder sie belüge die Öffentlichkeit. Was die Ungrechtigkeiten angeht, so ist dies der erste Text, der uns seit langem auf den Tisch gekommen ist, in dem sich jemand explizit gegen die Rentengeschenke wendet, die die Bundesregierung an vornehmlich Frauen macht und deren Ergebnis darin besteht, dass Rentengerechtigkeit beseitigt und durch Klientelpolitik ersetzt wird.

Grundlegend für die Rentenhöhe ist nicht mehr die Höhe der eingezahlten Beiträge, sondern die Konformität mit Vorgaben der Regierung, die fortpflanzungswütige und vor allem arbeitsscheue Frauen belohnt, während sie zu begrenzter Fortpflanzung bei fortgesetzter Beschäftigung bereite Frauen bestraft, ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Bekundungen (oder Lügen):

Rentenpacket

Timeo Danaos et dona ferentes

“Und ist es fair, wenn zwar eine Versicherte, die 40 Jahre sozialversicherungspflichtig beschäftigt war und dabei zwei Kinder erzogen hat, diese Leistung nicht erhalten soll, eine Versicherte aber mit 30 Jahren Beitragseinzahlungen und 15 Jahren Kinderberücksichtigungszeit Begünstigte ist?”

Die Frage, die Kornelia Hagen hier stellt, ist rhetorisch gemeint, denn natürlich ist es nicht fair, wenn man Menschen, die leisten, für ihre Leistung bestraft, um andere, die nicht leisten, dafür zu belohnen, dass sie nicht geleistet haben, denn Kinderberücksichtigungszeiten werden dann angerechnet, wenn nicht gearbeitet wird.

Doch damit sind die Gerechtigkeitsfragen noch lange nicht ausgefragt:

“Warum sollte ein Versicherter, der zwar nur 44 Jahre zusammenbringt,
aber mehr Beiträge eingezahlt hat, als einer, der 45 Jahre vorweist, schlechter gestellt werden als Letzterer? Und warum wird die Lebensleistung eines Versicherten, der zwar nur 43 Jahre, diese aber überwiegend Vollzeit gearbeitet hat, weniger hoch geschätzt als die Leistung einer Versicherten, die beispielsweise nur halbtags erwerbstätig war?”

Der Hintergrund dieser Fragen ist die neue gesetzliche Regelung, dass ein abschlagfreier Eintritt in die Rente mit 63 denen möglich ist, die 45 Beitragsjahre inklusive Berücksichtigungszeiten zusammengebracht haben. Die abschlagfreie Rente ist demnach unabhängig von der Höhe der gezahlten Beiträge und bestraft somit all diejenigen, die weniger als 45 Jahre zusammenbringen, aber hohe oder in jedem Fall fortlaufende Beiträge gezahlt haben. 44 Jahre Vollerwerbstätigkeit sind entsprechend weniger Wert als 45 Jahre Teilerwerbstätigkeit, eine Form der Gerechtigkeit, die einen vollständigen Bruch mit dem Grundsatz der Beitragsäquivalenz darstellt.

government-hates-competition-posterUnd das scheint dann auch das eigentliche Ziel des Gesetzentwurfes zu sein: Die Aushöhlung des Prinzips der Beitragsäquivalenz, das sicherstellen soll, dass die Rentenhöhe in einem entsprechenden Verhältnis zur Beitragszahlung steht. An die Stelle der Beitragsäquivalenz soll wohl der politische Opportunismus treten, der die Rentenkasse als Geldsammlung ansieht, die der Befriedigung der eigenen Klientel und der Finanzierung jener politischen Spleens dient, die gerade opportun sind.

Wie lange sich Beitragszahler zur Rentenversicherung wohl noch an der Nase herumführen lassen?

Das ist eine Frage.

Ob das DIW nun Sanktionen aus Berlin zu erwarten hat, wo man Wahrheiten danach beurteilt, ob sie gerade passen, ist eine andere Frage. Wie auch immer, unsere Hochachtung ist zumindest Kornelia Hagen für Ihren Mut sicher.

P.S.

Es ist sicher kein Zufall, dass die falsche Gerechtigkeit in einem roten Paket verpackt wird, der Farbe all derer, die Sozialismus auf ihre Fahnen geschrieben haben und denen wie den Schweinen in Orwells Farm der Tier, der eigene Nutzen und der Nutzen einiger weniger Günstlinge über den Nutzen der Allgemeinheit geht, der sie Gleichheit in Armut als neue Form der Gerechtigkeit verordnet haben. Insofern ist das rote Paket ein Blick in die sozialistische Zukunft, eine Ankündigung dessen, was kommt. Wer lieber in Freiheit als in Sozialismus leben will, sollte entsprechend anfangen, seine Pakete oder Koffer zu packen.

Zurück in die Vergangenheit: Der neue Konservatismus an Universitäten

Wer wie wir seine universitäre Sozialisation in den 1980er Jahren erfahren hat, hat dies in einer Zeit, als Universitäten voller (Trend aber abnehmend) neuer Ideen waren, in einer Zeit, in der sich noch Theorien und Ideen gefunden haben, die den Status Quo in Frage stellen und in einer Zeit als Wissenschaftler noch an Erkenntnisgewinn interessiert waren.

absolutely_nothing_road_signWer heute an deutsche Universitäten und die sozialwissenschaftlichen Fakultäten dort schaut, den erwartet ein weitgehend tristes Bild der Einfallslosigkeit, die sich nicht besser äußern könnte als in der Vielzahl der langweiligen und komplett erkenntnislosen Beiträge, die ein “Gender” im Titel tragen, in der Vielzahl der Beiträge, die sich mit Work-Life-Balance befassen oder in der Vielzahl der Beiträge, die aus sozialistischer Perspektive den angeblich herrschenden Neoliberalismus bejammern.

Da, wo früher Neues, Interessantes und Aufregendes zu finden war, hat man heute eine hohe Wahrscheinlichkeit traditionales Denken, das nicht einmal im 18. Jahrhundert neu war, zu finden, uninteressante Beiträge, die die heile Welt beschwören, von der man sich unwillkürlich fragt, wann es sie denn wo gegeben hat, und Beiträge, die so aufregend sind, wie ein Goldfisch im Aquarium.

Man findet Beiträge wie z.B. den von Timo Hener, Helmut Rainer und Thomas Siedler, der an Traditionalität kaum zu übertreffen ist, nein, den man als reaktionär bezeichnen muss. Man findet Beiträge wie den von Hener, Rainer und Siedler, die nicht kritisch mit politischen Institutionen ins Gericht gehen, sondern sich staatstragend andienen, um dem politischen System seine fehlende Legitimation dadurch zu geben, dass man die Ursache des Fehlens bei den Bürgern verortet. Man findet vermeintliche Wissenschaftler, die sich nicht vorstellen können, dass Erklärungen vor allem struktureller Variablen bedürfen, denn Akteure handeln nicht im luftleeren Raum, sondern unter Randbedingungen. Und man findet entsprechend Wissenschaftler, bei denen man die fehlende methodologische Ausbildung schon in der Fragestellung erkennen kann, denn wer methodologisch ausgebildet ist, der denkt vom allgemeinen Satz über die Randbedingung zum konkreten Explanandum und ist seinem Forschungsgegenstand entsprechend nicht derart ausgeliefert, wie dies regelmäßig der Fall ist.

SOEP#612Hener, Rainer und Siedler erforschen politisches oder wie sie meinen: ziviles Engagement. Letzteres ist zurückgegangen und das ist, wie die Autoren befinden, schlecht, denn eine funktionierende Demokratie, so erfährt der Leser, brauche engagierte Bürger. Ohne engagierte Bürger machen die angeblichen politischen Eliten nämlich, was sie wollen.

Ja.

Das politische oder zivile Engagement ist also über die letzten Jahrzehnte immer geringer geworden. Und weil das politische System, so wie es sich derzeit darstellt, der Stein der Weisen und in jedem Fall unverrückbar ist, desshalb darf man keine kritischen Fragen in Richtung politisches System richten und muss entsprechend die Kritik bei denen anbringen, die sich nicht wehren können. Nicht wehren können sich z.B. die Befragten des SOEP, die derzeit für allerlei Unfug herhalten müssen.

Bei Hener, Rainer und Siedler müssen sie als Schuldige für das von den Autoren als mangelhaft bewertete politische, nein, zivile Engagement der Deutschen herhalten. Nicht alle natürlich, nein, nur ein Teil der Befragten, diejenigen, die in einer “nicht intakten Familie” aufgewachsen sind. Ein nettes Konstrukt, eine “nicht intakte Familie”, macht die Bezeichnung doch unmissverständlich die Wertbasis der Autoren klar: Intakt kann eine Familie nur sein, wenn Papa, Mama und die Kinderlei sich über Jahrzehnte anöden, fies und hintenrum bekämpfen, aber in jedem Fall verheiratet sind und nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel machen (z.B. per beleuchtetem kletterndem Nikolaus an der Esse  - zur Erbauung des Nachbarn und Erhellung seines Schlafzimmers). Scheidung ist nämlich schlecht, vermutlich weil sie der katholischen Kirche nicht gefällt (einen anderen Grund weiß ich nicht, aber vielleicht ist ja einer der Autoren bereit zu erklären, warum Scheidung die Intaktheit einer Familie zerstört und vor allem wie und in welcher Hinsicht sie das tut: Was also hat verheiratet sein mit einer intakten Familie zu tun?).

Bislang ist der Beitrag nur traditional, nicht reaktionär. Reaktionär wird das Werk von Hener, Rainer und Siedler da, wo die nicht intakte Familie auf Familien erweitert wird, in denen die Kinder außerhalb einer  (auch später geschlossenen) Ehe geboren wurden. An dieser Stelle habe ich nicht zum ersten Mal gedacht, dass die Autoren ihre Berufung verfehlt haben. Sie wären in einem katholischen Kontext deutlich besser aufgehoben als an Universitäten oder im ifo-Institut.

Nachdem nun klar ist, dass nicht-intakte Familien, also Scheidungsfamilien und solche Familien, die aus nicht verheirateten oder “zu spät” verheirateten Eltern bestehen, anzusehen sind, muss noch gezeigt werden, warum die entsprechenden “nicht intakten Familien” schlecht sind. Deshalb:

Kinder aus dieser Art nicht intakter Familie:

  • unions-suckhaben ein geringeres Interesse in Politik als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • identifzieren sich seltener mit einer politischen Partei als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • sind seltener Mitglied in Gewerkschaften oder Parteien oder anderen gesellschaftlichen Organisationen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • engagieren sich seltener freiwillig in Vereinen oder sozialen Einrichtungen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien

Kurz: Wer will, dass sich die Deutschen wieder stärker für Politik interessieren, den schrumpfenden Parteien wieder Mitgliederbeiträge bringen, sich mit Parteien und deren Ideologie wieder identifizieren und zum Parteiherdentier werden und wer will, dass Bürger sich wieder vermehrt sozial und in Vereinen engagieren, der muss die Scheidung verbieten und die Geburt von Kindern an die Voraussetzung einer geschlossenen Ehe koppeln. Ich habe selten einen reaktionäreren Text gelesen und im Jahre 37 nach Ronald Inglehart muss ich feststellen, dass sein Wertwandel gerade in die andere Richtung läuft und dieser “backlash” von Universitäten ausgeht.

Unsere drei Helden wollen zwar staatstragend sein, aber der Mut reicht doch nicht, um die Konsequenzen ihrer “Forschung” auch in der Weise zu formulieren, wie ich das oben getan habe. Sie verstecken sich, wie das für staatstreue Untertanen im Wissenschaftlerkostüm die Regel ist, hinter ihrem Staat und empfehlen: “that schools or community organizations, which reach children across socioeconomic strata, might need to offer more opportunities for civic and political learning to counteract some of the negative effects on civic engagement stemming from the break-up of families” (22). [Ganz nebenbei wird hier eine Kausalität behauptet, wo sie nur eine Korrelation gemessen haben.]

Wo Wissenschaftler sich früher gefragt hätten, was mit einem politischen System nicht in Ordnung ist, dem seine Bürger den Rücken kehren, fragen sich heutige “Wissenschaftler”, was mit den Bürgern nicht in Ordnung ist, dass sie dem politischen System den Rücken kehren. Wo früher die Frage gestellt worden wäre, wie man politische Systeme so verändern, so verbessern kann, dass sie für Bürger attraktiv werden, werden heute Manipulationsmethoden gesucht, um die Bürger so zu erziehen, dass sie ihr politisches System auch ganz toll finden und sich von morgens bis abends dafür engagieren.

Wissenschaftler, wie Hener, Rainer und Siedler machen sich zum willfährigen Helfer eines politischen Systems, sehen sich als staatstragend und ihre Aufgabe darin, die Defizite der Bevölkerung im Hinblick auf das politische System, das ihnen heilig ist, aufzuarbeiten und zu beseitigen. Warum Hener, Rainer und Siedler nicht in Kirchen predigen, ich weiß es nicht – aber vielleicht sind sie den dortigen Priestern ja auch zu reaktionär und nur noch für Universitäten geeignet?

Hener, Timo, Rainer, Helmut & Siedler, Thomas (2013). Political Socialization in Flux? Linking Family Non-Intactness During Childhood to Adult Civic Engagement. Berlin: DIW, SOEPpapers #612

Lebenszufriedenheit nur durch Kindertagesstätten-Ausbau erreichbar

“Oh mein Gott, was ist nur aus der Methodenausbildung geworden?”

(Dr. habil. Heike Diefenbach)

Wir haben schon lange nichts mehr aus den “SOEP-papers” besprochen. Das hat eine Reihe von Gründen, einer davon ist eine Abneigung dagegen, immer und immer dasselbe zu berichten, denn in Deutschland grassiert derzeit die Lebenszufriedenheits-Seuche unter Sozialwissenschaftlern oder solchen, die sich dafür halten. Was nicht niet- und nagelfest ist, was auch immer in Datenform erfasst ist, wird ohne Sinn und Zweck korreliert, korreliert mit Lebenszufriedenheit.

Wenn man nur über die entsprechenden Beiträge im Rahmen der SOEP-Papers blickt, dann stellt man fest, dass die Lebenszufriedenheit wahlweise von Arbeitslosigkeit negativ, von mentalen Krankheiten negativ, von der Raktorkatastrophe in Japan negativ, von der Finanzkrise natürlich negativ, vom Alter und je nach Alter positiv oder negativ, von der Art der Messung und Gewichtung von Lebenszufriedenheit und, neuerdings, vom Anteil der Kinder in Kindertagesstätten positiv beeinflusst werden soll.

Wie man in der neuen deutschen Sozialwissenschafts-Welt mit seinem Leben (un)zufrieden sein kann, ohne dass einem die Finanzkrise, geistige Krankheiten, Fukushima oder Kindertagesstätten interessieren, ist entsprechend ein Rätsel, das, daran habe ich keinen Zweifel, demnächst sozialwissenschaftlich gelöst werden wird, z.B. in Form von: “Frauenquoten in Aufsichtsräten und die Lebenszufriedenheit von neuen weibliche Aufsichtsräten” oder “Der neue Panda im Berliner Zoo und die Lebenszufriedenheit der Bundesbürger” oder: “Sind Vollmondnächte negativ für die Lebenszufriedenheit?” oder “Welchen Effekt haben die endlos langen Koalitionsverhandlungen auf die Lebenszufriedenheit der Deutschen?”. Die Möglichkeiten der Lebenszufriedenheits-”Forschung” sind unendlich, Generationen von Sozialwissenschaftlern haben sich hiermit ein Auskommen geschaffen.

SOEPP602Der neueste Beitrag zur Lebenszufriedenheit der Deutschen kommt von Pia S. Schober, die scheinbar am DIW und an der FU Berlin unterwegs ist, und von Christian Schmitt, der scheinbar in Bamberg und Rostock, an den dortigen Universitäten und am DIW seinen Unterhalt erwirtschaftet, und der dafür verantwortlich zu sein scheint, dass das soziale Thema der Kindertagesstätten und der Lebenszufriedenheit mit kalten männlichen “fixed-effect models” und über “within-county effects of day-care provision” untersucht wird.

Überhaupt ist das Datenhandling relativ elaboriert, erfordert nicht nur die Handhabung der Individual- und Haushaltsdaten aus den SOEP-Wellen von 2007 bis 2011, sondern auch die der Makrodaten über die regionale Verbreitung von Kindertagesstätten, die im “Familien in Deutschland”-Datensatz des Deutschen Jugendinstituts enthalten sind. Im Datensatz findet sich somit eine Reihe von individuellen Befragten, die z.B. sagen, wie sehr sie mit ihrem Leben zufrieden sind (von 1 sehr unzufrieden bis 10 sehr zufrieden), er besteht aus Haushalten, für die diese Befragten Angaben machen und aus Daten auf Kreisebene, die den Anteil von Kindern pro Landkreis angeben, die eine Kindertagesstätte besucht haben, und zwar für die Jahre 2010 und 2011.

[Zur Abwechslung einmal die Basics:] Man kann sich einen entsprechenden Datensatz als Datenblatt in Excel vorstellen, bei dem die Zeilen einen Befragten repräsentieren und die Spalten die jeweiligen Variablen. Sagt ein Befragter z.B. er sei mit seinem Leben “5″ zufrieden, dann erhält er in der entsprechende Spalte den Wert 5, sagt er, das Haushaltseinkommen betrage 2000 Euro netto, dann erhält er in einer weiteren Spalte den Wert “2000″, sagt er er wohnt im Märkischen Kreis, dann erhält er einen Code, z.B. 05962, der den Märkischen Kreis identifiziert in einer entsprechenden Spalte und ihm wird in zwei weiteren Spalten der Anteil der Kinder zugespielt, die im Märkischen Kreis in den Jahren 2010 und 2011 eine Kindertagesstätte besucht haben.

Data-Crunching vom Feinsten ist das, was hier als Datensatz zusammengeschuster wird. Nun stellt sich die Frage, was macht man mit einem Datensatz, der dargestellten Art? Welche Fragestellung kann man damit bearbeiten? Schober und Schmitt untersuchen die Frage, wie sich der Ausbau des Angebots an Kindertagesstätten auf die Lebenszufriedenheit ausgewirkt hat. Warum auch nicht? Möglich ist vieles, so lange man es theoretisch begründen kann. Und hier findet sich, wie so oft, der Haken an der Sache.

FestingerZwar gibt es ein Kapitel im Beitrag von Schober und Schmitt, das mit “theoretical framework” überschrieben ist, aber das Kapitel ist kein Theoriekapitel, sondern ein Plausibilitätskapitel. Es beginnt damit auf andere Studien zu verweisen, in denen Autoren eine Korrelation zwischen Lebenszufriedenheit und z.B. Arbeitslosigkeit untersucht haben, enthält einen alleingelassenen Verweis auf die Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die etwas entstellt als Dissonanz zwischen Werten und Idealen auf der einen sowie Verhalten auf der anderen Seite daherkommt (und bei uns zu Dissonanzen zwischen dem, was ich von Festinger kenne und dem, was Schober und Schmitt ihm zuschreiben, ausgelöst hat…), und es enthält einen Verweis auf die Haushaltsökonomie von Gary Becker, von dem wir auch nach langem Überlegen nicht wissen, warum der Verweis da steht, wo er steht (Seite 6 – nicht alles, was man substituieren kann, lässt sich Becker unterschieben…).

Ansonsten beschreiben die Autoren im Kapitel “theoretical framework”, warum es ihnen plausibel erscheint, zu untersuchen, wie sich eine Erhöhung der Anzahl der Kindertagesstätten auf die Lebenszufriedenheit der Deutschen auswirken könnte. Das “Warum” er sich auswirken sollte, wird – wie so oft – nicht behandelt, und wir haben keine Idee, wie man es theoretisch begründen könnte, dass sich der Ausbau der Kindertagesstätte in Lüdenscheid auf die Lebenszufriedenheit der Bewohner des Märkischen Kreises auswirkt, und wie man den Effekt des Ausbaus der Kindertagesstätte in Lüdenscheid, sofern er sich einstellt, vom Effekt trennt, der von der Erhöhung des Lohns bei der WEMA GmbH in Lüdenscheid ausgeht. Die Autoren haben auch keine Idee, deshalb befassen sie sich mit dieser Frage erst gar nicht.

Sie rechnen munter und lustig darauf los und finden heraus, dass es kaum einen Effekt zwischen dem Ausbau von Kindertagesstätten und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Wer hätte das gedacht. Aber, keine Studie ohne wichtiges Ergebnis und entsprechend präsentieren auch Schober und Schmitt “substantial and positive associations of regional growth rates in day-care use”.

Fix effect regression modelsDie “substantiellen Effekte” finden sich z.B. in einem Modell, das 8% der Varianz von Lebenszufriedenheit erklärt, und von diesen 8% der Varianz gehen 3% auf die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” zurück. Sie finden sich darüber hinaus in einem Modell, das 4% der Varianz von “Zufriedenheit mit dem Familienleben” erklärt, und in diesem Modell gehen 7% der erklärten 4%-Varianz auf die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” zurück. Schließlich besteht ein weiterer “substantieller Effekt” für die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” im Modell zur Erklärung “Zufriedenheit mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten”. Hier erklärt der Anteil der Kinder in Kindertagesstätten 8% der Varianz der Zufriedenheit mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten in einem Modell, das 3% der Gesamtvarianz erklärt. Alle berichteten “substantiellen Effekte” ergeben sich nur für Mütter – nebenbei bemerkt.

Was soll man zu diesen “substantiellen” Effekten sagen? Zunächst ist an dieser Stelle der Hinweis angebracht, dass die Autoren ausschließlich Modelle mit Müttern und Vätern rechnen, die Kinder im Alter von einem bis drei Jahren haben. Und die Mütter (nicht die Väter, deren Modell nur 1% der Gesamtvarianz erklärt, was bedeutet, dass jeder statistische Standardfehler größer ist als die Erklärkraft dieses Modells) mit Kindern im Alter von einem bis drei Jahren zeigen sich zufriedener mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten, wenn der Anteil von Kindern in Kindertagesstätten gestiegen ist. Zum Glück gibt es dieses Ergebnis. Gäbe es dieses Ergebnis nicht, man wäre gezwungen anzunehmen, dass ein steigender Anteil von Kindern in Kindertagesstätten sich positiv, negativ oder gar nicht auf die Zufriedenheit von Müttern, die Kinder haben, die Kindertagesstätten besuchen können, auswirkt. Wieder einmal verdanken wir Sozialwissenschaftlern tiefe Einblicke in die wirkliche Welt.

Und ganz wichtig ist natürlich der 8%-Effekt auf die 3% erklärte Varianz von Lebenszufriedenheit der Mütter von ein- bis dreijährigen Kindern, der von einer höheren Anzahl von Kindern in Kindertagesstätten ausgeht. Daraus lässt sich planerisches Kapital schlagen, denn es steht nunmehr fest, dass der Ausbau von Kindertagesstätten sich positiv auf die Lebenszufriedenheit von Müttern mit Kindern im Alter von einem bis drei Jahren auswirkt. Dass die Lebenszufriedenheit auch davon beeinflusst werden könnte, dass das Kleinkind endlich durchschläft, Fukushima nicht mehr in den Medien ist oder davon, dass Papa und nicht Mama das erste Wort des Nachwuchses war, dass Lebenszufriedenheit noch von einer Unzahl anderer Variablen beeinflusst werden kann, wie sich schon daran zeigt, dass 97% der Varianz von Lebenszufriedenheit nicht erklärt werden, nun, dieser Hinweis ist wieder puristisch und nicht zielführend, denn Ziel ist es, den heilsamen Einfluss von Kindertagesstätten und nur von Kindertagesstätten auf alle Bereiche mütterlicher (und damit elterlicher) Zufriedenheit zu zeigen.

Merkt es Euch, Ihr Eltern in Deutschland: Eure Zufriedenheit mit dem Leben, dem Universum und allem, was es sonst noch gibt, ist von der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten abgängig, von nichts sonst.

Gut, dass es Sozialwissenschaftler wie Schober und Schmitt gibt, die derart wichtige Mahnworte als Ergebnis ihrer Forschung nahelegen.

Schober, Pia S. & Schmitt, Christian (2013). Day-Care Expansion and Parental Subjective Well-Being: Evidence from Germany. Berlin: DIW, SOEPpapers #602.

Remote-Hysteria: Muss man Deutschen die Nachrichten verbieten?

In kaum einem anderen Land nahm und nimmt die Berichterstattung über Fukushima, den Tsunami und den nachfolgenden Meltdown des Atomreaktors einen solchen Stellenwert ein, wie in Deutschland. Atomkraft war und ist der Gegenstand, an dem man seine Gutmenschen-Eigenschaften am besten unter Beweis stellen kann, und selbst die im Europäischen Vergleich fast höchsten Stromkosten schrecken deutsche Gutmenschen nicht davon ab, die Konsequenzen dafür, den sehr unwahrscheinlichen Supergau für Deutschland vermeinden zu wollen, sich und anderen zu verordnen (So sind bislang weder im erdbebengefährdeten Bodensee noch im Steinhuder Meer Tsunamis berichtet worden und auch Erdbeben kommen eher selten vor).

fukushimaDies hat nichts daran geändert, dass deutsche Medien in einer Art und Weise, die man nur als hysterisch bezeichnen kann, auf die Ereignisse im mehr als 5000 Kilometer entfernten Japan reagiert haben. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, das Fehlen von Massengräbern, die geringe Zahl der Strahlentoten und die geringe Ähnlichkeit mit Hiroshima und Nagasaki sei von den öffentlich-rechtlichen Medienmachern mehr als bedauert worden. Aber: perish the thought. Natürlich sind die Gegner der Atomkraft in Deutschland nur besorgt, besorgt um sich, die Umwelt, die nachwachsende Generation, die Kindeskinder und die Kinder der Kindeskinder. Nur um ihre eigene Stromrechnung und die Stromrechnung von z.B. Alleinerziehenden mit Kind, denen doch ein Armutsrisiko angedichtet wird, ist scheinbar gerade niemand besorgt. Das ist eine andere Baustelle.

In die Reihe der Fern-Hysterie, die medial aus Japan nach Deutschland und zur besten Sendezeit transportiert wurde, passt ein Beitrag von Jan Goebel. Christian Krekel, Tim Tiefenbach und Nicolas R. Ziebarth in der SOEPpapers Reihe des DIW, die immer mehr zu einer Veranstaltung wird, die einem abwechselnd Mitleid und Lach-Tränen verschafft.

SOEP599Goebel und seine Mitbesorgten haben, wie alle vor Ihnen in der SOEPpapers Reihe, die Daten des SOEPs benutzt, dieses Mal um Dinge, die ihnen plausibel vorkommen, zu untersuchen. Untersuchen ist eigentlich zuviel gesagt, denn der Beitrag besteht aus einer Einleitung, in der die Katastrophe von Fukushima und die hysterischen Reaktionen der Deutschen Bundesregierung sowie deutscher Medien berichtet werden. Es folgt Kapitel 2, in dem alles noch einmal und bis zur ersten Stelle hinter dem Komma der Richterskala berichtet wird, vor allem die “Reaktionen der Politiker”. Es folgt ein drittes Kapitel, das die missbrauchten Daten zusammenstellt und ein viertes Kapitel, das vornehmlich mit der Regressionsgleichung des “LInear Probability Models” bestritten wird.

Stammleser werden schon kennen, was jetzt kommt: Es gibt kein theoretisches Kapitel, kein Kapitel, das dem Leser nachvollziehbar macht, warum man das mentale Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit mit der Frage, ob man sehr besorgt über den Klimawandel ist oder ob man sehr besorgt um den Schutz der Umwelt ist, in Verbindung bringen sollte. Man muss schon in den Köpfen der Autoren zuhause sein, um hier einen Zusammenhang zwischen dem Reaktorunfall in Fukushima und der mentalen Gesundheit Deutscher zu sehen. Und vor allem muss man in ihrem Kopf sein, um erklären zu können, wie man auf die Idee kommt, das eine habe mit dem anderen etwas zu tun, sei so überragend, dass das Alltägliche in Deutschland, die normalen Lebenszusammenhänge einfach ins Abseits geschoben werden. Nicht mehr Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Kaffeemangel, Rauschgiftentzug oder Geschlechtsteilfixierung wirkt sich negativ auf die mentale Gesundheit aus, nein, die mentale Gesundheit wird gestört, weil in Japan ein Reaktor strahlt. 

Mit anderen Worten: Die Autoren sehen Deutsche als einen Haufen hysterischer Spinner, deren mentale Gesundheit unter Ereignissen leidet, deren Auswirkungen sie in keiner Weise zu spüren bekommen. Deutschland eine einzige große Irrenanstalt, Millionen im freien Vollzug sich befindende Neurotiker, nein Psychopaten? Nun, das ist eine starke Annahme, die die Autoren da implizit machen, und vielleicht ist diese Annahme der Grund, dass sie sich nicht trauen, ein Theoriekapitel in ihren Text einzubauen.

Atomkraft ja bitteEs kommt übrigens heraus, bei der Hysterie-Forschung, dass nach Fukushima Befragte, von denen die Autoren auch nicht zu wissen scheinen, wann genau nach Fukushima sie befragt wurden, einen Tag, eine Woche, einen Monat, sechs Monate, who cares, ist doch auch egal, sie wurden danach befragt und Hysterie hält vor, jedenfalls scheinen die Autoren dies zu denken – Das Bild, das Goebel et al. von Deutschen haben, wird von Seite zu Seite ihrer Arbeit trüber und vernichtender. Ach ja, die irgendwann vor Fukushima Befragten, sind etwas weniger über die Umwelt besorgt als die irgendwann nach Fukushima Befragten, und dieser Unterschied kann natürlich nur vom Reaktorunglück herrühren, der Unterschied von 5%Punkten. Ja. Und Frauen sind hysterischer als Männer, also mehr über die Umwelt besorgt, als Folge von Fukushima, wie die Autoren behaupten und darüber hinaus ergibt sich ein Unterschied im Hinblick auf “Traurigkeit”, der Anteil derer, die nach Fukushima traurig sind, ist höher als der Anteil derer, die vor Fukushima traurig waren und natürlich kann dieser Unterschied keine andere Ursache haben als Fukushima, denn es ist ja jedem aus seinem täglichen Leben bekannt, dass er besonders traurig ist, wenn er an einen Atomreaktor denkt und dass dies viel mehr Effekt hat als z.B. der Tod eines Menschen, dem man nahe war. Again: perish the though, in Deutschland herrscht Hysterie, wenn man den Autoren glauben kann und Fukushima überschattet alles, selbst den Tod des Partners.

Und dann kommt das letzte Kapitel des Werkes, das mich auch ganz ohne die “Discussion” zwischen lautem Lachen und massivem Ärger hat schwanken lassen. Und dann kommt das:

Atomkraft nein dankeWe find particularly strong effects on citizens’ concerns about the environment, but also on affective well‐being measures such as sadness. Mental health is a multidimensional concept that is complex to measure. Strong concerns or worries are integral part of overall mental health. When we correlate our “very concerned about environmental protection” measure with the mental health SF12 summary scale (RAND, 1995), which was surveyed in the SOEP in 2010, we find that people who are very concerned about the environment have a highly significantly 1.8 ppt lower mental health status. Thus it is reasonable to assume that people who are permanently very concerned about the environment lose 1% of a Quality Adjusted Life Year (QALY). This assumption allows us to carry out the following rough back‐of‐the envelope calculation: Fukushima increased the share of “very concerned” Germans by 6ppt. This equals about 4 million German citizens. It took roughly 3 months for the German parliament to implement measures that ameliorated environmental concerns. Thus one would obtain a monetized mental health loss of 0.01*4/4=100,000 QALYs. The health economics literature values one QALY with roughly 100,000€. Thus, this would yield a total monetized Fukushima‐related mental health loss of €1bn or €250 per affected citizen, which equals about €20 per week and affected citizen.

Jetzt ist Zeit für einen Superlativ: Ich habe noch selten einen größeren Unsinn gelesen und will diesen hier nur mit zwei Fragen abschließen, warum sollte man die Sorge um die Umwelt 2011 mit einem summativen Maß mentaler Gesundheit korrelieren? Warum korreliert man nicht die methodologischen Kenntnisse der Autoren, und zwar vor der Durchführung ihrer Hysterie-Forschung mit ihrer “Sorge um die Umwelt” und kontrastiert das Ergebnis dann mit der Traurigkeit (sadness) all derer, die methodologische Kenntnisse besitzen, und zwar nach dem Lesen dieses Beitrags von Goebel, Krekel, Tiefenbach und Ziebarth.

 

Goebel, Jan, Krekel, Christian, Tiefenbach, Tim & ZIebarth, Nicolas R. (2013). Natural Disaster, Policy Action, and Mental Well-Being: The Case of Fukushima. Berlin: DIW, SOEPpapers #599.

Testen Sie Ihre Verdienstmöglichkeiten!

Da sage noch einer Sozialwissenschaftler würden keine brauchbaren Ergebnisse produzieren, seien entweder Datenfuzzies oder Wortfetischisten, die alles in Texte hinein bzw. aus Texten herauslesen können. Weit gefehlt! Sozialwissenschaftler beginnen langsam aber sicher einen Korpus von Forschungsergebnissen zu sammeln, der genutzt werden kann, um Menschen ihren Platz in der Gesellschaft anhand bestimmter Kriterien zuzuweisen.

Kartenlegen mit SchafkopfkartenSind Sie in ihrem Verhalten nicht “grün” genug, Sozialwissenschaftler finden die richtige Einstellung, den richtigen Nudge, um sie zu begrünen. Sind Sie nicht glücklich genug, Sozialwissenschaftler finden die Ursachen und sorgen dafür, dass Sie glücklich sind, ja, selbst Sie mit ihren renitenten Anlagen!. Haben Sie in der Schule schlechte Noten, dann haben Sozialwissenschaftler zwar keine Idee, wie man Ihnen helfen kann, wissen aber immer, wer nicht schuld ist, an ihren schlechten Noten. Sind Sie zu dick, dann wissen Sozialwissenschaftler nicht nur um die Folgen, sondern auch über die Ursachen Bescheid. Und schließlich wissen Sozialwissenschaftler, die ja mehrheitlich nach BAT IIa bezahlt werden, immer, warum sie und andere so schlecht bezahlt werden. Und natürlich wissen Sozialwissenschaftler immer und viele davon ganz genau, dass an allem der Neoliberalismus schuld ist, der Neoloberalismus, der uns aus dem Paradies vertrieben hat.

In die Fußstapfen der berichteten sozialwissenschaftlichen Forschungsschwergewichte sind nun auch Daniel D. Schnitzlein und Jens Stephani getreten. Sie haben die Ursachen für geringes Gehalt und ausbleibende Gehaltserhöhungen bei Männern untersucht und die Forschung dadurch revolutioniert, dass Sie alles bislang dagewesene, alle Bildungsrenditenforschung und alle Ansätze im Rahmen von Humankapital oder sozialstrukturellen Erklärungen, alle Theorien über Mittelschichtsgatekeeping und Diskriminierung der Unterrschicht einfach ignoriert haben und an die Stelle dieser antiquierten Forschung ihre eigene a-historische und mit keinerlei vorab-Forschungserkenntnissen belastete Untersuchung gesetzt haben.

Um den Wert dieser Forschung zu dokumentieren, machen wir nun ein Experiment:

BItte überlegen SIe sich, ob und in welchem Ausmaß Sie den folgenden Aussagen zustimmen:

Wie mein Leben läuft, hängt von mir allein ab! 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu
Wenn man politisch oder sozial aktiv ist, kann man einen Effekt auf die sozialen Lebensbedingungen haben. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu
Man muss hart arbeiten, um erfolgreich zu sein. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu

Leser stimmen bitte jeder dieser Aussage zu oder nicht zu, nutzen dazu die Skala von 7 bis 1 und addieren die Punkte.

Und weiter gehts:

Verglichen mit anderen Menschen, habe ich nicht erreicht, was ich verdient hätte. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu
Ich merke häufig, dass andere einen kontrollierenden Einfluss über mein Leben ausüben. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu
Die Möglichkeiten, die ich im Leben habe, werden durch die sozialen Bedingungen bestimmt. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu
Ich habe wenig Kontrolle über die Dinge, die in meinem Leben geschehen. 7: stimme voll zu 6 5 4 3 2 1 : stimme gar nicht zu

Auch die Aussagen der zweiten Tabelle bitten wir, die Leser für sich zu bewerten und die Punkte, die sie erzielen, zu addieren.

Und damit ist der Persönlichkeitstest abgeschlossen und wir sagen ihnen nun, was Sie für ein Leser sind.

Also:
Bitte subtrahieren Sie die Punkte, die sie bei den ersten drei Aussagen erzielt haben von den Punkten, die sie bei den zweiten vier Aussagen erreicht haben. Hier die Auflösung:

  • WahrsagenLeser, die zwischen -17 und 0 Punkten erreicht haben, sind die absoluten Loser. Sie haben einen Job, in dem sie nichts verdienen und keine Aussicht auf einen Job, in dem sie etwas verdienen könnten. So!
  • Leser, die zwischen 12 und 25 Punkten erreicht haben, sind Winner, die hohes Gehalt mit guten Aufstiegschancen und mit entsprechendem Verdienstzuwachs kombinieren. Glückwunsch!
  • Leser, die zwischen 1 und 11 Punkte erreichen, sollten sich langsam entscheiden, ob Sie Winner oder Loser sein wollen.

Um diese hilfreichen Hinweise, die ihnen viel über sich selbst sagen, veröffentlichen zu können, mussten wir die Ergebnisse der Untersuchung von Schnitzlein und Stephani ein wenig anschaulicher gestalten, aber außer Anschaulichkeit, die vornehmlich darin besteht, den Inhalt von “dynamic multinominal logit models with random effects” lesbarer zu machen, haben wir nichts dazu getan.

Die Leistungen von Sozialwissenschaftlern sind somit erneut und hinreichend dokumentiert, und das Naserümpfen, ob trivialer und nicht gebrauchbarer Ergebnisse, ob selbstgefälliger Betrachtungen ohne methodische Grundlage und Geschlechtsforschung, die den Blick auf Geschlechtsteile, den man früher als Voyeurismus bezeichnet hat, salonfähig gemacht hat, kann nun ein Ende haben – oder etwa nicht?

P.S.
Das Konzept des “Locus of Control”, das Julian Rotter vor rund 60 Jahren in die Sozialpsychologie eingeführt hat, und das von Schnitzlein und Stephani gemessen  werden soll, ist ein sinnvolles Konzept. Es eignet sich nur nicht dazu, wild mit allem Möglichen korreliert zu werden. Es eignet sich insbesondere dann nicht, wenn man keinerlei theoretische Vorstellung davon hat, warum sich bestimmte Korrelationen ergeben und wie man sie interpretieren soll.

Schnitzlein, Daniel D. & Stephani, Jens (2013).

Wer wählt wen? Eine Übung in Eindimensionalität

Der neue DIW-Wochenbericht enthält einen Beitrag von Stefan Bach und Markus M. Grabka, der mit dem Titel “Parteianhänger: Wohlhabende neigen zu Union und FDP und zu den Grünen” überschrieben ist.

diw_logoWie gewöhnlich im DIW-Wochenbericht, so basiert auch der Beitrag von Bach und Grabka auf den Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) des DIW und hier auf zwei Fragen nach der Parteipräferenz. Beide Fragen wurden in den SOEP-Wellen der Jahre 2009 bis 2011 gestellt und entsprechend von den Autoren aggregiert. Die Analysen repräsentieren somit keine aktuellen Daten.

Parteiindentifikation

Dargestellt ist die Entwicklung der Parteiidentifikation in Deutschland

Macht auch nichts, sagen die Autoren, denn die Parteipräferenz oder Parteibindung, so einig über die Begriffswahl sind sich die beiden Autoren offensichtlich nicht, also die Parteibindung, die langfristige Parteibindung, ist dauerhaft, deshalb langfristig, sie gibt im Gegensatz zur Frage nach der Wahlentscheidung, Sie wissen schon: Wenn am Sonntag Wahl wäre,…, eine “stabile Neigung bezüglich der Anhängerschaft von Parteien wieder” (13). Die “stabile Neigung bezüglich Anhängerschaft” (was für eine verquere Wortansammlung) wird im SOEP wie folgt erfragt:

“Viele Leute in der Bundesrepublik neigen längere Zeit einer bestimmten Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen: Neigen Sie einer bestimmten Partei in Deutschland zu?” Wer jetzt ja sagt, den trifft die Folgefrage: Und welcher Partei neigen Sie zu?

Die Parteibindung ist also eine Neigung zu Gunsten einer Partei, die sich nicht unbedingt in der Wahl der entsprechenden Partei niederschlägt. Man könnte nun fragen, was man mit einem Konzept soll, dessen Effekt auf die Realität höchst fragwürdig ist, denn was nützt es der CDU, wenn 40% eine Parteineigung zu Gunsten der CDU behaupten, aber nur 25% die CDU wählen? Aber mit derartigen Fragen lassen sich manche empirischen Datensammler nicht gerne penetrieren, und entsprechend wollen wir verfolgen, was Bach und Grabka in ihren Analysen zu Tage befördern.

Dem mit multivariaten Modellen Verwöhnten wird hier eher biedere Hausmannskost in Form bivariater Auszählungen serviert, die dem Zweck hier nicht angemessen ist. Auszählungen, die einmal den Anteil derjenigen, die behaupten, sie würden Partei X zuneigen mit dem Nettohaushaltseinkommen kreuztabulieren, einmal mit dem Nettovermögen, wie es im Jahre 2007 vorhanden war. Nicht nur, ist die bivariate Vorgehensweise insofern seltsam, als es – wie noch zu zeigen sein wird – bekannt ist, dass Wähler nicht eindimensional sind und aufgrund von Einkommen entscheiden, sondern eine ganze Reihe mehr Variablen notwendig ist, um eine ungefähre Idee der sozialstrukturellen Verteilung der Wähler einer Partei zu erhalten. Nebenbei bemerkt fehlen im gesamten Beitrag Angaben zur Fallzahl, so dass man eigentlich bereits mit dieser Feststellung die Diskussion dieses Werks von Bach und Grabka mit der Bemerkung, wissenschaftlich ungenügend beenden müsste. Aber folgen wir dennoch dem, was uns die Autoren vorsetzen und blicken auf die beiden Kreuztabulierungen, denen Folgendes zu entnehmen ist:

  • 31,4% der Wähler, die sich unter den unteren 20% der Nettohaushaltseinkommenverteilung befinden, geben an, der CDU/CSU zuzuneigen, 3,4% geben die FDP, 12,5% die Grünen, 33,7% die SPD, 12,9% die Linke und 6% geben andere Parteineigungen an.
  • 46% der Top 5% der Nettohaushaltsverteilung geben an, der CDU/CSU zuzuneigen, 23,1% geben die FDP, 15,3% die Grünen, 21,1% die SPD 2,8% die Linke und1,6% geben andere Parteien als die Parteien an, denen sie zuneigen.
  • Dieses Muster, dass die Wähleranteile der CDU/CSU und der FDP unter den oberen 5% der Haushaltseinkommensbezieher und auch unter den oberen 20% der Haushaltseinkomensbezieher höher sind als unter den unteren 20%, während es bei der SPD und der Linken umgekehrt ist, wiederholt sich für die Verteilung der Vermögen. Die Zuneiger der Grünen haben dagegen höhere Einkommen bei wenig Vermögen.

Mit anderen Worten, die Analysen von Bach und Grabka zeigen, dass die Neigung zu CDU/CSU, Grünen und FDP bei Beziehern hoher Einkommen höher ist als bei Beziehern geringer Einkommen und dass es bei SPD und Linken umgekehrt ist. Wohlgemerkt, die Parteibindung (-neigung) hat mit der letztlichen Wahlentscheidung nur entfernt etwas zu tun.

Dieses Ergebnis ist alles andere als neu und unter Wahlforschern seit Jahrzehnten bekannt. Ebenso ist unter Wahlforschern bekannt, dass das Einkommen nur eine aus einer Reihe von Variablen ist, die in einem Zusammenhang mit der Wahlentscheidung stehen und darüber hinaus keine sonderlich gute, da das Einkommen von einer Reihe anderer Variablen beeinflusst wird.

WahlstatistikSo kann man dem Heft 4 der amtlichen Wahlstatistik, die “der Bundeswahlleiter” regelmäßig nach Wahlen veröffentlicht, entnehmen, dass CDU/CSU und SPD von Wählern, die das 60. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben, 2009 proportional (d.h. gemessen am Gesamtanteil) häufiger gewählt wurden, als von jüngeren Wählern, während Grüne, FDP und Sonstige tendenziell unter jüngeren Wählern überproportional häufig gewählt wurden (Tabelle 1.10). Eine weitere Tabelle zeigt, dass Männer bei der Bundestagswahl 2009 überproportional die FDP und die Linke gewählt haben, während Frauen proportional häufiger CDU und CSU gewählt haben.

Wenn man zudem die Kirchgangshäufigkeit kontrolliert oder die Gewerkschaftsmitgliedschaft oder den Wohnort, dann stellt man fest, dass CDU/CSU Wähler nach wie vor häufiger unter Kirchgängern und auf dem Land zu finden sind als SPD Wähler, während SPD Wähler anteilig häufiger unter Gewerkschaftsmitgliedern zu finden sind, als CDU und CSU Wähler. Für Grüne finden sich Wählerklumpungen unter Angestellten des öffentlichen Dienstes und unter Angestellten in sozialen Berufen.

Kurz: Die Liste der Variablen, die im Zusammenhang mit der Wahlentscheidung stehen, umfasst bekanntermaßen weit mehr Variablen als das Einkommen oder das Vermögen. Warum man beim DIW ausgerechnet diese beiden Variablen, die massiv z.B. mit dem Alter und dem sozialen Status der Eltern konfundiert sind, ausgesucht hat, um einen Beitrag zu schreiben, ist mir nicht nachvollziehbar, aber vielleicht verfolgt das DIW ja eine eigene Agenda und teilt dieselbe der Öffentlichkeit noch vor der Bundestagswahl mit.

Bleibt mir an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass die ScienceFiles-Wahlumfrage sehr gut angelaufen ist und sich langsam in den Bereich bewegt, ab dem Wahlforscher (aber nicht wir bei ScienceFiles) von repräsentativen Ergebnissen sprechen. Auf vielfachen Wunsch stellen wir Trendmeldungen bereit, die angeben, in welche Richtung das Wahlergebnis läuft, das wir dann nach Schließung der Wahllokale veröffentlichen werden. Der derzeitige Trend sieht eine Polarisierung des Parteiensystems, die zu Lasten der Altparteien geht. Wir halten die Leser von ScienceFiles mit Tweets über die aktuellen Trends auf dem Laufenden. Wer auf Twitter unterwegs ist, findet die Tweets unter @sciencefiles, wer nicht auf Twitter unterwegs ist, findet die Updates in der rechten Leiste unter “Twitter”.

Unsinn der Woche aus dem DIW, dem Deutschen Institut für Wahnvorstellungen

diw_logoIm Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt es einen Datensatz. Der Datensatz heißt Sozio-Ökonomisches Panel (SOEP). Er ist ein longitudinaler Datensatz, ein Panel, d.h. die selben Befragten werden so lange wieder befragt, bis sie abwinken und als Panel-Mortalität auf den Friedhof der SOEP-Geschichte getragen werden. Befragt werden die Befragten zu allerlei Dingen: ihrem Einkommen, ihrer Lebenszufriedenheit, ihrer Wahlabsicht, ihrer schulischen und ihrer Berfuskarriere, ihren Kindern und vielem mehr. Das SOEP ist, der Form nach, ein richtig guter Datensatz (für deutsche Verhältnisse), wenngleich es auch ein Datensatz ist, der bei Nutzern zuweilen Fragezeichen hinterlässt.

scully facepalmEin solches Fragezeichen ist Beitrag geworden und hat Eingang in den Wochenbericht 33 des DIW gefunden, und es ist dieser Beitrag, der mich endgültig davon überzeugt hat, dass beim DIW der Wahnsinn grassiert und das Institut offensichtlich unter der Hand in Deutsches Institut für Wahnvorstellungen umbenannt wurde.

Frauke H. Peter und C. Katharina Spieß stehen als Autoren unter der Überschrift “Arbeitsplatzverlust der Mutter kann die Entwicklung ihrer Kinder beeinträchtigen”. Ich mag vor allem das “kann” in der Überschrift, denn kann, kann alles. Würmer im Salat können die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen. Die Sonnenfinsternis am 31. Juli 1981 kann bis heute nachwirken und die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Die Pet Shop Boys und AC/DC können sich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken. Der Anschluss Ostdeutschlands, ja, und der Text von Peter und Spieß, all das kann sich natürlich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken (insbesondere auf die Entwicklung der intelligenteren unter ihnen).

DIW 13-3Abgesehen vom “kann” in der Überschrift stellt sich natürlich die Frage, warum sollte sich der Arbeitsplatzverlust der Mutter (nicht etwa des Vaters, der ja, wie die Autorinnen in ihrem “Werk” feststellen, immer noch in den meisten Familien der Hauptverdiener ist) negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken? Das, so würde Miss Marple sagen, “Mr. Stringer is the question”. Und dann würde Miss Marple eine Theorie entwickeln und prüfen. Nicht so Peter und Spieß. Sie haben offensichtlich noch nie etwas von theoretischer Fundierung wissenschaftlicher Forschung gehört und fragen sich an keiner Stelle, wie man begründen kann, dass der Arbeitsplatzverlust sich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken soll.

Statt dessen kommen sie in bester Manier dessen, was Hartmut Esser Variablensoziologie nennt, (nicht unbedingt in nicht derogativer Absicht) sofort und unverzüglich zu sozial-emotionalem Verhalten, das sie, warum auch immer als “nicht-kognitives Verhalten” bezeichnen. Man hätte es auch als nicht-somatisches oder nicht-akutes oder nicht-therapiertes Verhalten bezeichnen können, aber gut, nennen wir es nicht-kognitiv, schließlich ist ziemlich viel nicht-kognitiv, warum nicht auch sozial-emotionales Verhalten.

Das soziale-emotionale Verhalten, man ahnt es schon, ist das, was negativ vom Arbeitsplatzverlust der Mutter beeinflusst werden soll. Warum? Keine Ahnung, und Peter und Spieß haben auch keine Ahnung, aber einen Mittelwert: 12,6 für Kinder von Müttern, die den Arbeitsplatz verloren haben und 9,85 bei Müttern, die einen Arbeitsplatz haben, keinen haben oder nie einen hatten, den sie verlieren können. Das ist ein Unterschied! 12,6 – 9,85 = 2.75. Schlimm – oder? Fast so etwas wie eine arbeitsplatzverlust-bedingte Ungleichheit oder Ungerechtigkeit oder, was auch immer.

Aber was sagt der Mittelwert? Nun, der Mittelwert entstammt dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ), mit dem Mütter von fünf- bis sechsjährigen Kindern deren sozial-emotionales Verhalten einschätzen sollen. Und so wirds gemacht:

Sozio emo verhalten SOEP

SOEP Kinderfragebogen

Den Befragten wird die links stehende Frage vorgelegt, und die Befragten, nichtsahnend ob der Wahnvorstellungen, die sie mit ihren Antworten möglicherweise in den Hirnen von selbsternannten Forschern auslösen, geben eine Antwort von 1 “trifft zu” bis 7 “triftt nicht zu” auf jedes der einzelnen Items. (Ich habe die Antwortskala gedreht, denn die Mehrzahl der Items beschreibt negative Verhaltensweisen!) Die Antworten werden summiert und in der Stichprobe, die Peter und Spieß verwendet haben, erreichen die Befragten Werte von 1 bis 30. Da die Liste von Peter und Spieß 13 Items umfasst, die je sieben Antwortvorgaben haben, reicht der Wertbereich nominal von 7 bis 91. Folglich stellt sich die Frage, was Peter und Spieß gewerkelt haben, um auf einen Wertbereich von 1 bis 30 zu kommen. Und unabhängig davon stellt sich die Frage, warum sie nur einen Teil der Items des SDQ benutzt haben. In jedem Fall kann festgestellt werden, dass selbst ein Mittelwert von 12,5 noch unterhalt des Median liegt, was bedeutet, dass die meisten Befragten Werte zwischen 1 und 3 also diesseits der Grenze zu “trifft nicht zu” wählen, was man nur schwerlich problematisieren kann, was aber Peter und Spieß nicht davon abhält, zu problematisieren.

Und problematisiert wird munuter drauf los, so lange bis aus dem minimalen, aber signifikanten Mittelwertunterschied, der zwischen der Einschätzung von Müttern, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und allen anderen besteht, und dessen Relevanz auf einer Wahnvorstellung zu basieren scheint, denn eine theoretische Fundierung geben Peter und Spieß nicht, bis aus diesem Mittelwertunterschied eine Kausalität geworden ist. Dieser letzte Streich aus dem Arsenal der Schildbürger wird über “Propensity Score Matching” ausgeführt. Das klingt gelehrt und sagt doch nicht mehr, als dass ähnliche Befragte miteinander gebündelt werden, in der Hoffnung, dass sich die Unterschiede in den Mittelwerten damit nicht erklären lassen. Und das soll dann Kausalität ergeben.

Ja. Ich komme zurück zum Anfang dieses Textes. Das SOEP ist ein longitudinaler Datensatz, ein Panel, ein Datensatz, der auf wiederholter Befragung der selben Befragten basiert, ein Datensatz, der es erlauben würde, Kausalitätsvermutungen direkt durch ein “vorher-nachher” Design zu prüfen, in dem man den Mittelwert vor dem Arbeitsplatzverlust der Mütter mit dem Mittelwert nach dem Arbeitsplatzverlust vergleicht. Diese naheliegende Methode, die jedem Sozialforscher, der Paneldaten hat, sofort in den Sinn kommt, um einer Kausalität zumindest nahe zu kommen, nutzen Peter und Spieß nicht, und man fragt sich, warum nicht?

Entweder sie wissen nicht, welche Möglichkeiten ein longitudinaler Datensatz bereitstellt, dann sind sie methodische Analphabeten und man sollte sie nicht mehr in die Nähe eines statistischen Programms lassen. Oder sie haben die entsprechende Berechnung ausgeführt und das Ergebnis hat nicht, ideologisch nicht, gepasst. Oder Peter und Spieß gehören zu den ad-hoc Forschern, die einer Laune folgend etwas untersuchen, von dem sie nicht wissen, warum sie es untersuchen, von dem sie nur wissen, dass es sie “anrührt” – schließlich ist alles, was sie anrührt ja relevant…

Nuts in BedlamWie hat ein weiser Professor der Politikwissenschaft aus damals Mannheim einmal sinngemäß gesagt: ein Statistikprogramm rechnet ihnen jeden Unsinn aus, deshalb braucht jede Forschung eine theoretische Basis, sonst bleibt sie sinnlos. In Berlin ist man angetreten, das sinnlose Forschen mit Datensätzen in den Kultstatus zu erheben. Deshalb votiere ich nun endgültig dafür, eine Mauer um das Deutsche Institut für Wahnvorstellungen zu bauen und den Insassen den Zugang zu Statistikprogrammen mit sofortiger Wirkung zu verbieten.

Peter, Frauke C. & Spieß, C. Katharina (2013). Arbeitsplatzverlust der Mutter kann die Entwicklung ihrer Kinder beeinträchtigen. DIW-Wochenbericht 33: 3-8.

Heute schon geärgert?

Wie oft waren Sie in den vergangenen vier Wochen ärgerlich?

  1. Sehr selten?
  2. Selten?
  3. Manchmal?
  4. Oft?
  5. Sehr oft?

HB-MaennchenWenn Sie das Glück oder das Pech haben, zu den Freiwilligen zu gehören, die im Rahmen des Sozioökonomischen Panels (SEOP) befragt werden, dann kennen Sie diese Frage, denn Sie wurde Ihnen schon mehrfach gestellt (sofern Sie dauerhaft am Panel teilnehmen und nicht die Panelmortalität vorziehen). Was antwortet man auf eine solche Frage? Also, ehrlich gesagt, mich würde eine solche Frage ärgerlich machen und – wo ich das so vor mich hintippe, kommt gerade vom Benutzer des Computers links von mir der Hinweis: “Ach, ärger’ Dich doch nicht!” Die weibliche Person vor dem Computer kennt mich zu gut und weiss bereits anhand der Frequenz, mit der ich die Tastatur bediene, dass ich ärgerlich bin. Hmm, wahrscheinlich sollte ich “sehr oft” angeben. Gut. Gebe ich “sehr oft” an. Was jetzt? Was macht man als Sozialforscher mit einer solchen Frage und was, um aller Götter Willen mit einer Antwort wie der meinigen?

Katja Rackow, Jürgen Schupp und Christian von Scheve von der Freien Universität Berlin und vom DIW-Berlin gehören zu den wenigen Sozialforschern, die behaupten und vielleicht auch von sich denken, sie könnten mit Fragen, wie der oben gestellten, etwas anfangen, die denken, sie könnten Erkenntnisse über ärgerliche Menschen gewinnen, Erkenntnisse wie die folgenden:

  • Die Häufigkeit von Ärger sinkt mit steigendem Einkommen.
  • In mittleren und höheren Schichten der Sozialstruktur ist man ärgerlicher als in der Unterschicht.
  • “In mittleren und hohen Bildungsschichten zeigt sich eine deutlich höhere Frequenz des Erlebens von Ärger als in bildungsfernen Schichten” (405-406) (Ja, da sind sie wieder, meine besonderen Freunde, die bildungsfernen Schichten!).
  • Und das Schmankerl: “Unter der erwerbstätigen Bevölkerung empfinden vor allem die höheren beruflichen Statusgruppen vergleichsweise häufig Ärger. Dass insbesondere Angehörige der oberen Dienstklasse sowie Selbständige mit Mitarbeitern häufiger Ärger verspüren, deutet darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen etwa von leitenden Angestellten, Managern oder Akademikern mit Leitungsfunktionen trotz hohem Prestige, Autonomie und Verantwortung offenbar auch dem Erleben von Ärger Vorschub leisten” (406) (Astreine Tautologie – fast ein Aspirant für die Kategorie “Unsinn der Woche”).

miffed michaelUnd jetzt? Jetzt wissen wir, dass man die oben dargestellte Frage eben einmal zur abhängigen Variable umfunktionieren und metrisch interpretieren kann, und wir wissen, dass dann, wenn man die entsprechende abhängige Variable mit einer Reihe unabhängiger Variablen in ein multivariates Modell wirft, tatsächlich ein paar signifikante Ergebnisse auftauchen. Und sonst? Was wissen wir sonst? Ich meine, warum ist es noch einmal interessant zu wissen, dass Menschen aus bildungsnahen Schichten (das ist übrigens das Antonym zur bildungsfernen Schicht, die bildungsnahe Schicht, somit wiederum eine Schicht, die Bildung nicht erreicht, sondern ihr nur nahe kommt), sich häufiger ärgern? Was bedeutet das? Was kann ich mit diesem Ergebnis anfangen? Welche Erkenntnis teilt sich mir da mit? Was haben die Autoren überhaupt gemessen? Und warum ist es interessant, das zu wissen? Leider ist der Text, wenn es um Fragen wie die genannten geht, wirklich leer, und ich habe den Eindruck, dass man die Autoren mit der Frage nach einer theoretischen Anbindung, der  Frage “Warum soll man sich für den Zusammenhang zwischen Ärger und was auch immer interessieren?”, massiv verstören und in Anomie versetzen könnte.

Aber ich kann zumindest damit aufwarten, dass ich sage, was die Autoren denken, gemessen zu haben: “Ärger wird als … Reaktion auf unerwünschte Ereignisse verstanden, verweist … auf die Blockierung eigener Ziele und Wünsche … und geht in der Regel mit Feindseligkeit und einem Handlungsimpuls zur Beseitigung des Ärgerobjekts einher” (394). Dies ist ein sehr psychologisches Verständnis von Ärger, das man Befragten, die man fragt, wie oft sie in den letzten vier Wochen ärgerlich gewesen sind, vielleicht besser mitgeteilt hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der Befragten, die Frage danach, wie oft sie in den letzten vier Wochen ärgerlich gewesen sind, auf Basis ihres Alltagsverständnisses beantwortet hat und nicht auf Basis dieser ausgesprochen künstlichen Bestimmung von “ärgerlich”. Die häufige Ärgerlichkeit kann sich entsprechend auf die Mängel in der Gebrauchsanweisung einer Kaffeemaschine beziehen, auf die als ärgerlich empfundene Regelmäßigkeit, mit der einem die EU-Kommissarin für u.a. Justiz mit ihrem Pet-Projekt “Frauenquote” in den Ohren liegt oder darauf, dass die Post ein Paket ins Off geliefert hat, jedenfalls nicht dahin, wo es hin geliefert werden sollte. All diese alltäglichen Ärgernisse haben Befragte im Hinterkopf, wenn sie die Frage beantworten, die von unseren Berliner Soziologen so gänzlich anders interpretiert wird. Für die drei Autoren ist Ärger nämlich eine negative Emotion, die es zu vermeiden gilt: Der distinguierte Mensch Berliner Prägung ist nicht ärgerlich, er erduldet treu und brav alle Verletzungen seiner Prinzipien und Standards, was – wie böse Zungen behaupten – einfach nur der Ausdruck seiner eigenen Feigheit ist – aber das sei hier nur in den Raum gestellt.


Sozialpsychologie
Es ist nicht nur dieses zwischen Sozialforscher und Befragten völlig divergierende Verständnis von Ärger bzw. “ärgerlich”, das die “Forschung” von Rackow, Schupp und von Scheve unbrauchbar macht, es sind auch ein paar weitere Defizite, die nur schwierig mit wissenschaftlicher Arbeit in Einklang zu bringen sind: So kennt die psychologische Forschung zum Thema “Ärger” einen Unterschied zwischen dem Gefühl von Ärger, das man allgemein darauf zurückführen kann, dass eine bestimmte und wichtige Erwartung nicht erfüllt wurde, und einem Verhalten, das aus Ärger resultiert. Nehmen Sie das nächstbeste Einführungsbuch in die Sozialpsychologie zur Hand und sie werden Sätze finden, wie den folgenden: “People can be angry with others and regard them with great hostility without ever trying to harm them” (Brehm & Kassin, 1996, p.289). Vom Ärger-Empfinden  ist es also selbst dann, wenn man die Definition von Ärger nutzt, die Rackow, Schupp und von Scheve ihren Befragten unterstellen, ein weiter Weg bis zu Verhalten aus Ärger (aber vielleicht ist das in Berlin nicht so). Entsprechend ist man wieder zurück zu square one und wieder bei der Frage angekommen, was mir das Wissen darüber bringt, dass Personen aus der Oberschicht, bildungsnahe Personen und Personen mit geringem Einkommen angeben in den letzten vier Wochen häufiger ärgerlich gewesen zu sein als Personen aus der Unterschicht, bildungsferne Personen und Personen mit geringem Einkommen?

Nun, um diese Frage zu beantworten, muss man wohl wild assoziieren wie Rackow, Schupp und von Scheve das tun. Denn da gibt es eine Reihe von Studien, die Einkommen und Zufriedenheit mit Gesundheit oder Leben oder was auch immer, korrelieren, warum, das wissen die Autoren dieser Studien so wenig wie die Autoren der vorliegenden Studie wissen, warum sie Sozialstruktur, Einkommen und Ärger miteinander in Verbindung bringen, aber wenn man diese Studien, von denen wir alle nicht wissen, was sie besagen, was der Zusammenhang, den sie berichten, nun bedeutet, miteinander kombiniert, dann sieht man, dass die Bezieher geringer Einkommen unzufriedener sind als die Bezieher hoher Einkommen und dass die Bezieher hoher Einkommen weniger ärgerlich sind als die Bezieher geringer Einkommen. Wir wissen zwar nicht, warum das so ist, aber wenn man Ergebnisse, von denen wir nicht wissen, was sie bedeuten, miteinander kombiniert, dann ist das doch auch etwas – oder?

chickenangerUnd mal ehrlich, ist die Erkenntnis, dass bildungsnahe Menschen ärgerlicher sind als bildungsferne Menschen nicht eine Erkenntnis, auf die Sie schon den ganzen Tag gewartet haben? Sagen Sie bitte nicht, diese Erkenntnis mache sie ärgerlich, ob der Verschwendung von Ressourcen, die Grundlage dieser ärgerlichen Erkenntnis ist. Und all das nur, weil die Autoren zu einer Art “Mensch” gehören, die sich nicht vorstellen kann, wie wohltuend es ist, überhaupt Gefühle zu erleben, Gefühle wie Ärger zum Beispiel, die es einem erlauben, mit bestimmten Dingen, Texten wie dem vorliegenden zum Beispiel, “fertig” zu werden, einen Schlussstrich zu ziehen, mit sich im Reinen zu sein und fundiert feststellen zu können, dass dieser Text von Rackow, Schupp und von Scheve einfach nur grober Unsinn ist. So, das gesagt, geht es mir nun besser, und Rackow, Schupp und von Scheve werden sich sicher nicht über mein Verdikt ärgern, schließlich ist Ärger eine negative Emotion, die es zu vermeiden gilt.

Wie ich gerade von links und ägerlicher Weise, da ich mit dem post fertig war, zu hören bekomme, ist die Zeitschrift (für Soziologie), die diesen groben Unsinn gedruckt hat, sind die Gutachter (anonym versteht sich), die diesen groben Unsinn als druckwürdig eingestuft haben, zu gut weg gekommen. Dieser ärgerlichen Kritik an einem, wie ich finde, gelungenen post, habe ich hiermit den Boden entzogen. Zudem hat mich die Kritik veranlasst, noch einmal den Text zur Hand zu nehmen und, ich weiß nicht, wie mir das entgehen konnte (ärgerlich ist das): Der Text stammt aus dem “Exzellenzcluster “Languages and Emotion”” an der Freien Universität Berlin. Noch ein Grund, ärgerlich zu sein, und ich hätte ihn fast übersehen: grober Unsinn aus dem Exzellenzcluster – aber stimmt, es hat ja niemand gesagt, wofür das Cluster exzellent ist.

Rackow, Katja, Schupp, Jürgen & von Scheve, Christian (2012). Angst und Ärger: Zur Relevanz emotionaler Dimensionen sozialer Ungleichheit. Zeitschrift für Soziologie 41(5): 392-409.

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Paneer & Pulao

Politiker haben nun einmal ein Interesse an Manipulation

Gerade hat Gert G. Wagner, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit einer erstaunlichen Entdeckung aufwarten können: “Regierungsberichte können niemals unabhängig sein”, so sagt er und stellt als Konsequenz seiner Erkenntnis Fragen:

“Wie sinnvoll sind eigentlich derartige Regierungsberichte? Also Berichte, die einen Sachverhalt kritisch darstellen sollen. Wie etwa der Armuts- und Reichtumsbericht, aber auch der Kinder- und Jugendbericht, der Familien oder der Altenbericht. Die eigentliche Frage lautet: Sollten solche Berichte und sachlichen Bestandsaufnahmen nicht besser von unabhängigen Konmissionen oder Sachverständigenräten erstellt werden als von der Regierung selbst, die definitionsgemäß politisch nicht unabhängig ist, und bestimmten Zwängen … unterliegt”.

LeninAn dem Zitat ist einiges bemerkenswert, einiges enttäuschend. Bemerkenswert ist, dass sich jemand, der zum Dunstkreis der Bundestagsparteien zu zählen ist und entsprechend in der Enquete Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” (klingt wie ein Faschingshit) ständiges und erhoffter Maßen sachverständiges Mitglied ist, die Erkenntnis hat und äußert, dass Berichte, die als Auftragsarbeit von der Regierung vergeben und für diese erstellt werden, nicht unbedingt die Realität widerspiegeln müssen, dass sie in Interessen gefärbt sind und entsprechend, je nach Interesse ein verzerrtes Bild der Realität geben. Bemerkenswert ist auch, dass jemand wie Gert G. Wagner von Zwängen spricht, in denen sich z.B. die Regierung befindet und die, wie man dem Absatz entnehmen kann (denn das ist die implizite Prämisse), die die Regierung dazu veranlassen, die Realität zu verzerren (Wenn Sie das nächste Mal lügen, dann sagen Sie einfach, sie unterliegen bestimmten (Sach-)Zwängen, die eine vollumfängliche Darstellung der Wirklichkeit nicht zulassen würden). Das alles, wie gesagt, ist bemerkenswert.

Aber das Zitat  ist gleichzeitig enttäuschend, denn es ist erstens ein alter Hut und zweitens eine Verharmlosung. Dass wir Realität vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen wahrnehmen und dass jede Beobachtung, und sei sie noch so penibel und genau gemacht, aufgrund der Forschungsinteressen, die uns zum Beobachten bringen, notwendig gefärbt ist, ist bekannt. Es zeigt sich z.B. darin, dass wir untersuchen, wie der Ruf des Ochsenfroschs von seinem Auditorium aufgenommen wird, und nicht wie die Darbietungen der Wildecker Herzbuben vom Auditorium aufgenommen werden. Offensichtlich sind wir an Ochsenfröschen und nicht an den Wildecker Herzbuben interessiert. Konsequenter Weise kann man daher nicht behaupten, irgendein Bericht, von wem auch immer erstellt, sei frei von Interessen, sei objektiv. Auch der Bericht eines Sachverständigenrats ist nicht objektiv und von Interessen getragen, aber dazu später.

BullfrogEnttäuschend ist die Passage aus dem kurzen Text von Wagner auch, weil er antippt und vorsichtig formuliert, wo festes Zugreifen und deutliche Worte vonnöten sind. Hier ist Wagner massiv am verharmlosen. Warum sind Regierungen, politische Parteien, ihre Ableger in den Stiftungen und Organisationen, die im öffentlichen Diskurs etwas gelten wollen, so erpicht darauf, Berichte zu erstellen? Die Antwort liegt auf der Hand: Eben wegen ihrer Interessen und weil es in Deutschland immer noch wichtig ist (wie lange noch, bleibt abzuwarten), sich mit dem Schein der Objektivität zu umgeben und seine Interessen hinter scheinbar objektiven Ergebnissen zu verstecken.

Deshalb ist es, entgegen der Ansicht von Gerd Wagner, eine Manipulation, wenn man die Bewertung von Daten verändert, so dass sie den eigenen Interessen genehm ist, aber nicht unbedingt dem, was in den Daten zu finden ist, entspricht. Zu behaupten, dass eine Manipulation nur da vorliege, wo Daten gefälscht werden, wie Gerd Wagner dies zum Anfang seines Textes tut, ist naiv und fahrlässig, denn der Kampf um die öffentliche Meinung ist ein Kampf um die Bewertung von Daten, kein Kampf um die Daten. Dies zeigt sich deutlich daran, dass die Tatsache, dass Jungen im Hinblick auf ihre erreichten Bildungsabschlüsse Nachteile gegenüber Mädchen haben, von kaum mehr jemandem, der nicht als irre gelten will, bestritten wird. Der Kampf tobt nun um die Bewertung der Nachteile: Sind sie das Ergebnis einer Benachteiligung von Jungen durch Lehrerinnen oder sind Jungen selbst schuld, weil sie machohaft auftreten? Vor diesem Hintergrund zu behaupten, eine interessegeleitete Bewertung von Fakten sei keine Manipulation ist sträflich und eines Wissenschaftlers nicht würdig. Doch zurück zum allseitigen Bemühen all der politischen Akteure, die einen “Bericht” in Auftrag geben, die Ergebnisse des Berichts mit ihren Interessen konform zu gestalten und dennoch eine Objektivität des Berichts vorzugaukeln.

freddie-mercury-the-great-pretenderAm besten funktioniert diese Mimikry, wenn die entsprechenden Berichte mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit umgeben werden, dann, wenn ein bestimmter Bericht der Öffentlichkeit als Ergebnis der Arbeit von Experten, eines Expertengremiums oder von Sachverständigen präsentiert werden kann. Meistens weiß zwar niemand, warum die entsprechenden Experten gerade für den Gegenstand des Berichts, an dem sie geschrieben haben, Experten sein sollen, aber das macht nichts, bei Berichten aus dem Dunstkreis von Ministerien, politischen Parteien oder politischen Organisationen ist jeder, der daran mitwirkt, ein Great Pretender.

Jeder Regierungsbericht, jeder Bericht aus den Hallen politischer Parteien oder ihrer Satelliten, der von sich behauptet, er sei objektiv, sei von wissenschaftlichen Sachverständigen erstellt oder werde in welcher Weise auch immer, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht, ist in der beschriebenen Weise Mimikry, denn wie Wagner zu Beginn seines Textes kurz und eher unfreiwillig preis gibt, ist der wichtigste Bestandteil der enstprechenden Berichte, die darin enthaltene Bewertung der vermeintlichen Ergebnisse aus der Realität. Hier spielt die Musik, hier sind die Interessen, die zur Erstellung des Berichts geführt haben,  und hier wird versucht, zu manipulieren. Manipulationen nehmen die unterschiedlichsten Formen an: Teile der Realität werden gar nicht erst untersucht, Ergebnisse werden umgewertet,  in einen anderen oder in keinen Zusammenhang gestellt, Ergebnisse werden gestrichen oder in einem Wust unnötiger Einzelheiten vergraben, die Möglichkeiten sind schier endlos. Und diese Möglichkeiten der Manipulation werden natürlich von den Auftraggebern der entsprechenden Berichte genutzt, oder  ist hier wirklich jemand so naiv anzunehmen, die Bundesregierung würde das Ergebnis einer Untersuchung veröffentlichen, die zu dem Ergebnis kommt, dass die deutschen Universitäten nur noch Personal zweiter Wahl beschäftigen (Wer das wirklich glaubt, der möge versuchen, an die Datensätze der PISA-E Studie zu kommen, die es ihm erlauben, die gemessenen Leistungen der Schüler nach Bundesland aufzuschlüsseln)? Oder glaubt jemand, die Friedrich-Ebert-Stiftung würde eine Untersuchung veröffentlichen, die zeigt, dass sozialistische Eingriffe in den freien Markt regelmäßig und unausweichlich ins Fiasko führen? Eben!

pseudoscienceFolglich muss man Berichte immer mit Blick auf den Auftraggeber und seine Interessen lesen, um zu wissen, in welche Richtung die Berichte einen bias haben, und welche Bereiche der Realität vermutlich unterschlagen werden. Dieses  Interesse-Problem ist nicht zu lösen, auch nicht durch die von Wagner vorgeschlagene Auslagerung der entsprechenden Berichte in Sachverständigenräte, wie es sie derzeit in der Umwelt- und Wirtschaftspolitik gibt: Sachverständigenräte also, die die Bundesregierung oder das Parlament bestellt. Wie groß ist wohl das kritische Potential solcher Sachverständigenräte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die in die entsprechenden Sachverständigenräte berufenen  “Experten” keine Zugeständnisse an die Interessen ihrer Auftraggeber machen? Und selbst wenn sich tatsächlich unabhängige Wissenschaftler in Sachverständigenräten finden, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass der Bericht des Sachverständigenrates nicht dennoch vor seiner Veröffentlichung editiert wird?

Was tun, wenn Sachverständigenräte auch nicht die Lösung sind? Nun, ich finde es überraschend, dass die naheliegende Idee, die einem Demokraten in diesem Zusammenhang eigentlich kommen müsste, nie kommt. Warum sollten die entsprechenden Berichte, die zumeist nichts anderes sind als ein Tätigkeitsnachweis und ein Erfolgsbericht für die entsprechenden Auftraggeber  überhaupt im Auftrag von Regierung oder politischen Parteien und in jedem Fall auf Kosten der Steuerzahler erstellt werden? Verlangt es die demokratische Kontrolle nicht geradezu, dass die entsprechenden Berichte als Kontrollberichte über die Tätigkeit von Regierung und politischen Parteien deren Einfluss ganz und gar entzogen werden? Ist es nicht geradezu demokratisch gefordert, dass die entsprechenden Berichte von Experten erstellt werden, die im Gegenstandsbereich des Berichts ausgewiesen sind, die  von Regierung und politischen Parteien vollkommen unabhängig sind und die im Wettbewerb mit anderen Experten darüber stehen, wer die Berichte über einen bestimmten Gegenstandsbereich verfassst, die dem Ziel objektiver Darstellung am nächsten kommen? Und ist es nicht erforderlich, dass die Qualität der entsprechenden Berichte an den Standards des wissenschaftlichen Arbeitens gemessen werden, damit Berichte wie der von Hinrich Rosenbrock oder der des Bundesjugendkuratoriums schnell als das ideologische Blendwerk identifiiziert und etikettiert werden können, das sie nun einmal sind?

Die Antworten auf diese Fragen weisen alle in die selbe Richtung: In die Richtung eines wissenschaftlichen Gremiums, das z.B. bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft angesiedelt ist und das Mittel zur Erstellung von Berichten über die Wirkung der Politik der Regierung und der politischen Parteien bereithält, um die sich Wissenschaftler und private Unternehmen bewerben können. Über die Vergabe der Mittel wiederum entscheiden Wissenschaftler anhand der Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens, wie wir sie z.B. in unserem Grundsatzprogramm dargelegt haben. Um die Mittel findet Wettbewerb statt und die Ergebnisse werden nach Erstellung der Berichte von einem anderen Gremium, das sich aus Wissenschaftlern zusammensetzt, die nicht über die Vergabe der Mittel entschieden haben und abermals vor dem Hintergrund der Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens geprüft und bewertet. Es ist dies eine formale, keine inhaltliche Prüfung. So wird zum einen verhindert, dass Regierung, politische Parteien und ihre Satelliten Steuergelder zum Fenster hinaus werfen, um damit Berichte zu erstellen, die ihren eigenen Interessen dienen, zum anderen wird gewährleistet, dass die Steuergelder, mit denen z.B. politische Stiftungen ihre Polit-Agitation betreiben, nicht mehr eingesetzt werden, um damit vermeintlich wissenschaftliche Berichte zu erstellen.

Meine Lösung ist eine Marktlösung, und es ist eine Lösung, die ich noch nicht in jeder Hinsicht auf ihre Folgen untersucht habe. In jedem Fall stellt die Lösung jedoch sicher, dass die Frage, ob Berichte von Regierungen, politischen Parteien oder den Satelliten von politischen Parteien die Realität angemessen beschreiben und bewerten, nicht mehr diskutiert werden muss, denn die Regierung ist von der Erstellung entsprechender Berichte ausgeschlossen und die politischen Parteien und ihre Satelliten erstellen Berichte, die eindeutig als Abbild von ihren Interessen identifziert werden und eben mit keinem wissenschaftlichen Anspruch auftreten können.

Bildnachweis:
Scientific American