Untersuchung zeigt die wahre Motivation der Gutmenschen

Das “Soziale” ist der Schrein der Moderne, der Tabernakel des Guten und Reinen, hinter dem sich eine Horde von Gutmenschen versammelt hat. Das “Soziale” wird zunehmend überhöht, soweit, dass Menschen kein Recht auf eine eigene Exsitenz mehr zugestanden wird, sofern sie sich nicht in das “Soziale” einordnen, das nicht nur vorhanden ist, sondern als “Gemeinschaft” bereits Ansprüche auf z.B. individuelles Eigentum erhebt. Das “Soziale” als das, was den Menschen angeblich ausmacht, soll fest im öffentlichen Bewusstsein fixiert werden: “Du bist nichts ohne deine Gemeinschaft.” “Der Mensch ist ein soziales Wesen.” Allein die Suchanfragen, in denen “der Mensch ist ein soziales Wesen” in welcher Variation auch immer gesucht wird, die auf ScienceFiles führen, sind so hoch, dass es uns das Fürchten lehrt, vor dem, was da in Deutschland gelehrt werden soll bzw. gelehrt wird.

wandervogel_gDas “Soziale” ist nicht nur existent, man kan sich auch am “Sozialen”, an der Gemeinschaft vergehen. Banker, Uli Hoeneß, alle, die nicht “solidarisch” sind, wenn Dritte zur Solidarität aufrufen, vergehen sich an der Gemeinschaft, sie schädigen die Gemeinschaft und sind auf dem besten Weg, als “Volksschädling” wiederentdeckt zu werden. Und natürlich müssen diese Vergeher an der Gemeinschaft, diese Feinde des Sozialen bestraft werden. Die Forderungen danach, “Besserverdienende” höher zu besteuern, Bankern, die Bonuszahlungen zu streichen, Spekulateuren ihren Gewinn zu entziehen und vieles mehr, sind Formen der Bestrafung, Formen einer Bestrafung, die insofern  problematisch ist, als sie von Personen gefordert wird, denen keinerlei Nachteil durch das Verhalten von Banker X oder Uli Hoeneß entstanden ist und auch nicht entstehen wird. Dennoch fordern diese Personen die Bestrafung Dritter.

Warum?

Eine Erklärung, die von einer Reihe von Forschern vorgebracht wurde, allen voran die beiden Züricher Ökonomen Ernst Fehr und Urs Fischbacher, ist seit wenigen Jahren unter dem Begriff “altruistische Bestrafung” bekannt. Altruistische Bestrafung besagt im Wesentlichen, dass Unbeteiligte einen (vermeintlichen) Übergriff auf einen Dritten bestrafen oder bestraft sehen wollen, weil dadurch gegen Fairnessregeln verstoßen wird. Wenn sich also Hans Moser auf Kosten von Fritz Fischer bereichert, dann sind altruistische Bestrafer zur Stelle und sorgen für “Fairness”, in dem sie Hans Moser bestrafen oder die Bestrafung von Hans Moser fordern. Demnach wären alle, die die Bestrafung von Uli Hoeneß fordern, altruistische Bestrafer, die zwar selbst keine Vorteile davon haben und auch keine Kosten davon, dass Uli Hoeneß bestraft wird, die aber “für die Gemeinschaft” eintreten und “die Gemeinschaft” zu ihrem Recht kommen lassen wollen.

Wir_statt_GierInteressanter Weise ist dieser Einsatz für die Gemeinschaft, diese Forderung der Bestrafung der Vergeher gegen die Gemeinschaft genau das, was von Bündnis 90/Die Grünen, von Gewerkschaften und von einer Reihe von selbsternannten Schützern der Gemeinschaft zu hören ist, und natürlich nehmen sie für sich altruistische Motive in Anspruch, denn sie haben nichts davon, dass Uli Hoemeß, Hans Moser oder Banker X bestraft werden, nein, sie kämpfen für Fairness, zuweilen behaupten sie auch, für Gerechtigkeit, besonders gerne für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen, und immer kämpfen sie für andere, nie für sich selbst, reine Altruisten sind sie, wahre Gutmenschen.

Sind Sie das wirklich?

EnviousEine bemerkenswerte und methodisch saubere Untersuchung von Eric J. Pedersen, Robert Kurzban und Michael E. McCullough, die in der Mai-Ausgabe der Proceedings of the Royal Society B: Biological Science erscheinen wird, räumt massiv mit dem Mythos der altruistischen Bestrafer, ja mit dem Mythos des sozialen Menschen als solchem auf. In drei verschiedenen Experimenten mit 315 Studenten, 538 Bürgern und abermals 394 Studenten, können die Autoren nicht nur zeigen, dass es kaum altruistische Bestrafung gibt, sondern sie können auch zeigen, dass die wenigen Personen, die Dritte bestrafen, ohne dass sie etwas davon haben, von einem ganz eigenen Motiv getrieben sind: Neid.

Wenn die Probanden in den Experimenten der drei Autoren mit einer Situation konfrontiert waren, in der sie eine ungerechte Behandlung von O durch D beobachteten und ihnen anschließend die Möglichkeit gegeben wurde, die ungerechte Behandlung von O durch eine altruistische Bestrafung von D zu “revidieren”, dann zeigte sich, dass nur ein sehr kleiner Teil der Probanden ein Interesse daran hatte, zu bestrafen: “…humans do not impose meaningful amounts of third-party punishment on behalf of absolute strangers. The nominal and statistically non-significant amount of punishment we did observe was apparently motivated by envy because of a comparatively unfavourable personal outcome rather than by moralistic anger” (6-7).

Das ist ein vernichtendes Zeugnis für Gutmenschen, die ausnahmslos behaupten, im altruistischen Dienst am Nächsten, an der Gemeinschaft oder an was auch immer unterwegs zu sein und die darüber hinaus die Bestrafung Dritter fordern, die ihre Mission als Gutmensch als “Schädlinge” an der Gemeinschaft oder als unfair oder als was auch immer identifiziert hat. Dahinter, so zeigen die Ergebnisse von Pedersen, Kurzban und McCullough steht blanker Neid, Neid, weil die nämlichen Gutmenschen im Hinblick auf Ressourcen, die sie sehr hoch einschätzen, schlechter abgeschnitten haben, als ihr Opfer, das Sie zum Feinde der Gemeinschaft stilisiert haben, um ihren Neid auszuleben.

Diese Erklärung hat Gutmenschen zum Gegenstand, die sich einen unmittelbaren Vorteil (und wenn er nur darin besteht, sich erleichtert und anderen schlecht gemacht zu haben) versprechen, wenn sie ihren Neid auf andere, zumeist in Form derogativer Ausbrüche gegenüber denjenigen, die gerade am öffentlichen Pranger stehen, öffentlich machen. Darüber hinaus gibt es noch eine Gruppe von opportunistischen Gutmenschen, die sich z.B. in Parteien finden und die ihren Nutzen daraus ziehen, dass sie den beschriebenen Neid ausnutzen wollen, um ihre ideologischen Ziele zu verwirklichen, indem sie z.B. eine höhere Besteuerung von “Besserverdienenden”, wer auch immer sie sein mögen, fordern. Was moralisch verwerflicher ist, den eigenen Neid als “Sorge um die Gemeinschaft” zu verpacken oder diesen Neid für die eigenen ideologischen Zwecke auszunutzen, ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Pedersen, Eric J., Kurzban, Robert & McCullough, Michael E. (2013). Do Humans Really Punish Altruistically? A Closer Look. Proceedings of the Royal Society B: Biological Science.
doi://dx.doi.org//10.1098/rspb-2012.2723

Gutmenschen-Elend: Denn sie wissen nicht, wovon sie reden

, aber sie wollen in jedem Fall schon einmal helfen.

Viele Zeitgenossen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie anderen erzählen, sie wären um deren Wohl besorgt, gelangen über kurz oder lang bei der Notwendigkeit an, Forderungen aufzustellen, von denen sie zwar denken, sie wären “populär”, “gut”, “Beleg ihrer Verantwortung für …[die Schöpfung, die nachwachsende Generation, Kinder, Jugendliche, Adipöse, Raucher, die Erde, die Dritte Welt (aber die ist gerade out - oder?) - bitte das ideologisch Passende bitte eintragen] , die sich aber im krassen und direkten Widerspruch befinden zu allem, was man als Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ansehen kann.

Medical paternalismSo haben nach einen Bericht in der WELT die beiden Professoren Hans-Georg Joost und Andreas Fritsche die Vorstellung des Ernährungsberichts 2012 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) dazu genutzt, die Einführung einer Zucker-Steuer zu fordern, um damit “vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum ungesunder Lebensmittel” abzuhalten. Hans-Georg Joost aus Potsdam, der immer dann, wenn es sich anbietet, z.B. erst kürzlich im so genannten Pferdefleisch-Skandal nach “dem Staat” ruft, damit er “den Verbraucher” vor vermutlich “der Industrie” schützt, hat beim Ruf nach einer Zucker-Steuer moralischen Beistand von Professor Andreas Fritsche aus Tübingen, der weiß, dass Verbrauchern “oft nicht klar [sei], dass Lebensmittel Zucker” enthielten, und der weiß, dass die Folgekosten von ungeregeltem Zuckerkonsum für das Gesundheitswesen aus dem Ruder geraten, wenn der Staat nicht regulierend eingreift, wie dies die Weltgesundheitsorganisation fordere.

Ein kurzer Exkurs zum Pferdefleischskandal: Es ist schon erstaunlich, welche Aufregung Pferdefleisch in Fertig-Lasagne herbeiführen kann, und zwar bei genau den selben Verbrauchern, die keinerlei Probleme mit einer Schlachtindustrie haben, die Tiere mit Antibiotika traktiert, damit sie ihr Leben in einem Stall ertragen, das einzig dem Lebensziel Schlachtung und Gefressen-Werden dient.

Nun, mit der Forderung danach, man möge doch die dummen Verbraucher davon abhalten, mehr Zucker in sich zu stopfen als von Medizinern wie Joost und Fritsche für gut befunden, und dazu eine Zucker-Steuer einführen, verbinden sich vier Probleme:

  1. Steuern wie die Zucker-Steuer, die im Englischen als Sin-Tax (Sünden-Steuer) bezeichnet werden, sind zumeist wirkungslos im Hinblick auf die Wirkung, die mit ihnen beabsichtigt ist;
  2. Steuern, wie die Zucker-Steuer, sind sozial ungerechte Steuern, da sie Arme, die Gutmenschen doch eigentlich am Herzen liegen sollten, mehr treffen als Reiche;
  3. Der Genuss von Zucker oder Tabak, bringt auf lange Sicht nicht mehr Kosten für die sozialen Sicherungssysteme, sondern weniger Kosten;
  4. Steuern wie die Zucker-Steuer sind paternalistisch und entsprechend ein Eingriff in die Selbstbestimmung;
I'm not responsible

I’m not responsible

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Sin-Taxes nicht das gewünschte Ziel erreichen, so zahlreich, dass es genügen müsste, auf sie zu verweisen. Aber, wie so oft in der empirischen Sozialforschung, sind die entsprechenden Beiträge zumeist in englischer Sprache verfasst, selbst dann, wenn sie von deutschen Autoren stammen, so dass ich an dieser Stelle auf zwei sehr gute Arbeiten verweisen will, in denen sich die nun folgende Argumentation nachvollziehen lässt und in denen sich entsprechende Belege finden lassen. Es handelt sich dabei um ein Arbeitpapier von Adam J. Hoffer, William F. Shughart II und Michael D. Thomas mit dem Titel “Sin Taxes. Size, Growth, and Creation of the Sindustry” und um Christopfer Snowdons endgültige Zerlegung aller jemals für Sin Taxes vorgebrachten “Argumente”.

Sin-Taxes, wie die Zucker-Steuer, funktionieren nicht

Nimmt man nur einen Moment lang an, Menschen im Allgemeinen und Verbraucher im Besonderen seien nicht die dummen Tölpel, die Gutmenschen wie Joost und Fritsche in ihnen sehen wollen, nimmt man also an, Verbraucher seien sehr wohl in der Lage, aus einem Angebot die Produkte auszuwählen, die sie wollen, und kommt entsprechend zu der Einsicht, dass manche Zeitgenossen gar nichts gegen den Verzehr eines, zweier, ja, oh Schreck, exzessiver dreier Mars-Riegel einzuwenden haben, dann kommt man auf diesem Weg zu dem Schluss, dass die entsprechenden Verbraucher nach einem Weg suchen werden, um die höheren Kosten, die ihnen ihr Zuckergenuß durch die Erhebung einer Zuckersteuer verursacht, zu kompensieren. In ökonomischer cartoon cavemenSprache: Sie werden substituieren, teuren Zucker durch billigeren Zucker, durch Zuckerersatz. Leidet das Zucker-Genuss-Erlebnis, dann nimmt diese Substitution etwas andere Formen an, dann wird das Geld, um das der Zuckergenuss teurer geworden ist, eben an anderer Stelle eingespart, z.B. beim Kauf von Gemüse oder Salat oder lascher Getränke, in die kein Zucker Eingang gefunden hat. Ökonomen sprechen hier von nicht elastischer Nachfrage. Eine solche nicht-elastische Nachfrage liegt vor, wenn Verbraucher nicht einfach auf den Konsum von bestimmten Gütern verzichten können bzw. wollen, z.B. weil sie von Zigaretten abhängig sind (psychisch oder physisch), weil sie auf den Gebrauch von Insulin angewiesen sind oder aber, weil sie einen bestimmten Lebensstil pflegen, den sie nicht aufzugeben bereit sind, nicht einmal durch eine Steuer auf besonders kohlenhydrat- und tanninlastige Nahrungs- und Genussmittel beim Italiener um die Ecke.

Sin-Taxes sind sozial ungerechte Steuern

Selbsternannte Gutmenschen wie Hans-Georg Joost oder Andreas Fritsche, die sich um den Körperumfang anderer sorgen, haben nicht auf der Rechnung, dass die Dicken gar kein Problem mit ihrem Dicksein haben könnten. Vielmehr gehen sie von triebgeleiteten Deppen aus, die dem Reiz eines Schokoriegels einfach nicht widerstehen können. Entsprechend muss man sie vor sich selbst schützen, und zwar durch eine Steuer. Das ist zwar nicht logisch, aber das, was immer kommt. Nun habe ich oben dargelegt, dass die Schokoriegel-Esser keine Deppen sind, sondern emanzipierte Verbraucher, die auch wissen, dass in Schokolade Zucker ist und dass Zucker zuweilen dick machen kann, die aber dennoch nicht auf ihren Genuß verzichten möchten und entsprechend die höhere Besteuerung durch Substitute zu unterlaufen suchen. Die Möglichkeit, dies zu tun, hängt wiederum vom Einkommen ab. Entsprechend haben Personen mit einem höheren Einkommen mehr Möglichkeiten, eine Zucker-Steuer zu umgehen bzw. auf alternative Produkte auszuweichen als Personen mit geringerem Einkommen, die entsprechend nach Einfuhr der Steuer einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schokoriegel aufwenden müssen. Und so entpuppen sich die Gutmenschen von oben, nunmehr als sozial diskriminerende Gutmenschen, die ihre Ideologie vom dünnen, gesunden Menschen auf dem Rücken von sozial Schwachen ausleben.

Die Einführung von Sin-Taxes entlastet die sozialen Sicherungssysteme

Die höheren Kosten, die durch Raucher, Adipöse und wer auch immer gegen den Gesundheitskodex der beiden Professoren verstößt, verursacht werden, sind im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme ein schwer zu erledigender Mythos und dies obwohl es unzählige Studien gibt, die zeigen, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher und entsprechend die Rentenkasse nicht in gleichem Umfang belasten. Anscheinend ist die geheuchelte Sorge um die Gesundheitskosten ein zu fester Bestandteil der eigenen Gutheits-Inszenierung, als dass man ihn fallen lassen könnte.

Die anyway“There is ample evidence that, on average, smokers and the obese are less of a ‘drain on public services’ than nonsmokers and the slim because they spend fewer years withdrawing pensions, prescriptions, nursing home provisions and other benefits. Their lifetime health care costs are usually lower than those who lead healthier lifestyles. If making consumers pay their way is truly the aim of public policy, the government would be more justified in placing a tax on fruits and vegetables” (Snowdon, 2012, p.2-3)

“Recent studies have shown that smokers cost governments less in social welfare than otherwise identical nonsmokers. Because smokers die younger, on average, they require fewer long-term health care services and collect fewer Social Security benefits. These savings more than compensate for the medical costs of those who become ill from smoking (Hoffer, Shughart & Thomas, 2013, S.6).”

Sin-Taxes sind paternalistisch und ein Eingriff in die persönliche Freiheit

Bis hierher ist deutlich geworden, dass Sin-Taxes kein geeignetes Mittel sind, um Verhalten von Menschen zu verändern, aber sie sind eine hervorragende und stetig sprudelnde Einkommensquelle für Regierungen, vor allem deshalb, weil sie sich die Tatsache zu Nutze machen, dass die von der Sin-Tax Betroffenen ihre Konsumgewohnheiten aufgrund der Steuer gerade nicht ändern wollen bzw. können. Insofern sind die entsprechenden Steuern eine Spitzenleistung der Heuchelei, denn sie werden mit der Sorge um “die Menschen” verkauft, zielen aber lediglich darauf ab, die immer leerer werdenden Staatssäckel durch neue Steuerinnovationen zu füllen. Dass diese Form der Heuchelei auch noch mit Paternalismus einhergeht und dass es mit Cass Sunstein und Richard Thaler zwei Autoren gibt, die sie gar als einen “liberalen Paternalismus” verkaufen wollen, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Till Grüne-Yanoff hat in einem lesenswerten Beitrag bereits gezeigt, warum es keinen liberalen Paternalismus geben kann. Der interessierte Leser sei auf seinen true powerBeitrag verwiesen.

Ich will mich an dieser Stelle darauf konzentrieren, dass es ja jemanden geben muss, der im Meer der potentiell schädlichen Verhaltensweisen diejenigen ausmacht, die besteuert werden sollen. Derzeit werden adipöse und rauchende Säue durch deutsche Dörfer getrieben. Aber warum eigentlich? Warum weist niemand darauf hin, dass bestimmte Sportarten mit gesundheitlichen Schäden einhergehen, z.B. Arthritis oder Knorpelschäden? Warum reagiert niemand auf die irritierende Studie, die mir Dr. habil. Heike Diefenbach gerade geschickt hat und deren Ergebnis darin besteht, dass zu fit sein ungesucht ist: Sportliche Betätigung, so haben die Forscher herausgefunden, erhöhte bei 10% der Aktiven den Blutdruck, und führte zu ungesunden Cholesterol und Insulin-Werten.  Warum also nicht Sport besteuern und in der Schule verbieten (weil wir uns ja bekanntlich mehr um Kinder und Jugendliche als um Erwachsene sorgen müssen, um gute Menschen zu sein.). Olivenöl enthält Weichmacher, die sich negativ auf die Gesundheit und, Gipfel des Schreckens, auf die Fertilität auswirken. Na wenn das nicht danach ruft, besteuert zu werden? Die Antibiotika, die Rindern verabreicht werden, damit sie ihr Leben ertragen können, tragen zu einer verstärkten Resistenz gegen Antibiotika bei Fleischessern und Milchtrinkern bei. Also muss man beides besteuern, damit die Fleischesser und Milchtrinker nicht am nächsten Virus verenden. Der Möglichkeit, “die Verbraucher” zu paternalisieren, sind also keine Grenzen gesetzt. Hat man Verbraucher erst einmal zu einem Haufen unmündiger Deppen erklärt, dann lässt sich immer eine Einnahmequelle für geldnotleidende Staaten finden, und die vielen Gutmenschen, die sich regelmäßig über die ungesunden Eß-, Trink-, ja Lebensgewohnheiten der anderen, der Verbraucher, beklagen, sind ein unverzichtbarer Stein im Mosaik der täglichen Entmündigung.

Wenn man schon nicht gegen Sin-Taxes ist, weil die Steuerung menschlichen Verhaltens, die die entsprechenden Steuern versprechen, nicht klappt, nie klappen wird und auch nicht klappen kann, dann sollte man zumindest aus Selbsterhaltungsgründen gegen die entsprechenden Steuern sein: Die Sucht von Gutmenschen danach, für andere zuerst Sorgen zu erfinden und diese dann durch Regulation, den Ruf nach dem Staat und in jedem Fall durch Entmündigung der Umsorgten für diese zu lösen, ist einfach zu stark, als dass man sie weiterhin ignorieren könnte.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat mich noch auf einen  Beitrag  aufmerksam gemacht, aus dem hervorgeht, dass die einfache Welt der Besorgnis, die Gutmenschen bewohnen, doch komplexer ist, als sie denken:
People can be fat, yet fit, research suggests

Zahnärzte als Helfer oder als Spitzel? Do-Gooders turned fascist?

Ein Leser von ScienceFiles hat mich auf eine Initiative aus Niedersachsen aufmerksam gemacht, bei der man sich zunächst fragt, ob das, was man da liest, tatsächlich das ist, was man da liest, oder ob hier nicht etwa ein Fehler vorliegt. Nach mehrmaligen Hinsehen ist jedoch klar, “Zahnärzte werden im Kampf gegen häusliche Gewalt” zum Handlanger des Staates umfunktioniert, und die Zahnärztekammer Niedersachsen ebenso wie die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen lassen sich freiwillig und, wenn man die Pressemitteilungen liest, dann kann man nicht anders als festzustellen: freudig und stolz, zu Handlangern des politischen Systems machen. Nicht nur das, sie sind gerne bereit, sich in einem fiktiven Kampf gegen einen Gegner, der in “vielen Studien” angeblich identifiziert wurde, wobei nicht eine der “vielen Studien” direkt benannt werden kann, einzuspannen. Deutlicher ausgedrückt: Zahnärzte in Niedersachsen sollen die “dirty work” für die Regierung in Niedersachsen machen und sich an der Schaffung einer gesellschaftlichen Illusion beteiligen, deren Hauptgegenstand wieder einmal die angebliche Opferrolle von Frauen ist.

Sind Sie oder sind Sie nicht, Opfer häuslicher Gewalt?

Sind Sie oder sind Sie nicht, Opfer häuslicher Gewalt?

Die Landesregierung Niedersachsens, und allen voran die Sozialministerin Aygül Özkan sind fest davon überzeugt, dass Frauen grundsätzlich und immer Opfer sind, obwohl in den “Handlungsempfehlungen zum Erkennen, Ansprechen und Dokumentieren” von Anzeichen “häuslicher Gewalt” eingeräumt wird, dass “[a]uch Männer in Paarbeziehungen … Übergriffe” erleiden, die jedoch “leichter körperlicher Art” und entsprechend irrelevant sind, während sich “[i]n den meisten Fällen … die ausgeübte Gewalt gegen Frauen” [Hervorhebung im Original] richte. Also ist wieder einmal festgeschrieben, Frauen sind die Opfer relevanter häuslicher Gewalt. Nicht nur das, die Opfer sind zu beschämt, zu ängstlich, um von sich aus den häuslichen Gewalttäter vor Gericht zu bringen. Und deshalb braucht es die “sensible Ansprache”, die “vorsichtige Befragung” durch den Zahnarzt. Und damit bei der sensiblen und vorsichtigen Befragung auch etwas Gerichtsverwertbares herauskommt, gibt es gleich den Befundbogen forensische Zahnmedizin, auf dem gerichtsverwertbar niedergelegt wird, welche Verletzungen der Zahnarzt festgestellt hat.

George Orwell hätte sich verwundert die Augen gerieben, hätte er das Ausmaß des Durchgriffes des Staates in die Privatheit persönlicher Beziehungen, das heute als normal angesehen und freudig begrüßt wird, gekannt. Für Orwell war es die Spitze seiner Vorstellungskraft, dass das Regime in 1984 Kinder zu Informanten umfunktioniert. Darüber ist man in Niedersachsen längst hinaus. Hier wird nunmehr damit begonnen, Berufsgruppen als Sammler gerichtsverwertbarer Materialien in den Dienst der “guten Sache” zu stellen. Und eine gute Sache ist es doch, wenn es einer wie Sozialministerin Aygül Özkan darum geht, “die Opfer von Gewalt zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten”. Ein nobles Unterfangen – oder?

patent-absurdityOder nicht? Wo soll man anfangen? Bei der absurden Vorstellung, dass derjenige, der zuerst mit Verletzungen diagnostiziert wird, das Opfer ist (das könnte man mit der FIFA-Absurdität vergleichen, nach der der, der hinfällt, dann, wenn ein Gegenspieler in der Nähe war, gefoult worden sein muss)? Bei der völligen Selbstüberschätzung, dass für den Fall, dass ein Gewaltopfer auf einen hilfsbereiten Zahnarzt trifft, es natürlich und sofort sich selbst mitteilen wird, so als könnte man Vertrauen und soziale Beziehungen, die über einen instrumentellen Charakter hinausgehen, quasi mit dem Bohrer in der Hand aufbauen? Oder soll man bei der Ungeheuerlichkeit anfangen, die darin besteht, dass ein Hirngespinnst, wie die Vorstellung, häusliche Gewalt finde immer zwischen einen aktiven Täter und einem empfangenden Opfer statt, zum Ausgangspunkt für Gutmenschen-Interventionen gemacht wird, die vielleicht diejenigen befriedigen, die sie ausgeheckt haben, aber sicher nicht diejenigen, die sie umsetzen müssen? Oder soll man zu guter Letzt, darauf hinweisen, dass selbst Gutmenschen-Sozialtechnologien mit dem Problem unbeabsichtigter Folgen zu kämpfen haben?

Was, wenn der/die Zahnarzt/Zahnärztin sich in häuslicher Gewalt übt? Obwohl er/sie zu den Guten im vorliegenden Spiel gerechnet wird und sicher intime Kenntnisse im Hinblick auf häusliche Gewalt mitbringt, scheint er/sie doch nicht geeignet, um den Beichtvater/die Beichtmutter oder den/die Eingeweihte/n für das Opfer häuslicher Gewalt zu spielen. Und was ist mit Karin S., die sich beim Rad fahren den Scheidezahn locker geschlagen hat. Sie hat keine Lust zum Zahnarzt zu gehen, ob der unsinnigen Fragen, die der Zahnarzt, der eben einmal von seiner Zahnärztekammer, der niedersächsischen Sozialministerin und der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens zum dentalen Hobby-Psychologen umfunktioniert wurde, mit Sicherheit wieder stellt. Und dann dieses ungläubige Kopfschütteln des dentalen Hobby-Psychologen, der weiß, dass der Mann von Karin S. Fernfahrer, also aus der Arbeiterschicht ist, und Männer aus der Arbeiterschicht stehen natürlich unter Generalverdacht, wenn ein Zahn im Mund ihres Partners wackelt, und entsprechend glaubt der dentale Hobby-Psychologe Karin S. nicht, weshalb sie sich erst gar nicht in Behandlung begibt.

Damit nicht genug, wie wollen Zahnärzte ausschließen, zum Beteiligten in einem häuslichen Krieg zu werden, der mit gezinkten Karten gespielt wird. Wenn zwei sich prügeln und die gesellschaftliche Konvention bei einer sagt, sie sei das Opfer, während sie beim anderen sagt, er sei der Täter; Wenn zwei sich prügeln, bei denen die gesellschaftliche Konvention zu einer sagt, suche Schutz, Du bist weiblich, während sie bei dem anderen sagt, Du bist männlich und entsprechend glaubt Dir niemand, wenn Du sagt, Du hast Dich mit Deiner Frau geprügelt, wer hat dann wohl gerichtsverwertbar die besseren Karten? Wenn ich ehrlich bin ist es diese Ignoranz der Dynamik sozialer Interaktionen und die völlige Unfähigkeit zu erkennen, dass die Bewertung des Ergebnisses sozialer Interkationen ein Ergebnis von Normensetzung durch die Gesellschaft ist, das mich am meisten ärgert. Die niedersächsische Sozialministerin, die Zahnärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung machen auf mich den Eindruck von kleinen Pfadfindern, die unbedingt alten Frauen über die Straße helfen wollen, ohne die alten Frauen zu fragen, ob sie überhaupt über die Straße wollen, denn sie wissen ja, dass alte Frauen immer über Straßen wollen und die bösen Autofahrer sie nicht lassen. Eine derartige Naivität in öffentlichen Funktionen anzutreffen ist unerträglich.

Outsiders BeckerAber ScienceFiles ist angetreten, um selbst in Ministerien zumindest das Wissen zu verbreiten, dass man seine Handlungen nicht auf affektive Wohlgefühle stützen muss, sondern auch Argumente und rationale noch dazu, für sein Verhalten haben kann. Deshalb hier mein Hinweis auf den Labeling Approach. Der Labeling Approach, der hauptsächlich von Howard Becker (1991[1966]) ausformuliert wurde, hat eine wichtige Erkenntnis gebracht, nämlich die, dass es der gesellschaftlich gesetzten Normen bedarf, um Normen zu übertreten. Das klingt trivial, ist es aber nicht, denn manche Zeitgenossen meinen, Normen würden vom Himmel fallen oder von Gott gegeben. Dem ist nicht so: Normen sind man made und wenn jemand sich hinstellt und die Norm verbreitet, wenn zwei sich prügeln und einer von beiden ist weiblich, dann ist der weibliche Prügler das Opfer, dann ist das ein erheblicher Eingriff in das gesellschaftliche Normengefüge. Wenn dieser jemand dann hingeht, und in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen die Voraussetzungen dafür schafft, dass das weibliche per-se Opfer sich hilfesuchend an staatliche Vertraute wenden kann, dann ist damit eine Normenstruktur geschaffen, die nicht nur opportunistisches Verhalten geradezu heraufbeschwört, sondern den gesellschaftlichen Frieden nachhaltig zu stören in der Lage ist. Und es ist schlicht kein Fortschritt, wenn man im Rausch der eigenen Gutheit, strukturelle Gewalt und psychische Gewalt einsetzt, um vermeintliche körperliche Gewalt zu beseitigen. Wenn sich zudem noch willfährige Helfer einfinden, die nicht nur die gesellschaftliche Frauen-sind-Opfer-Norm mittragen, sondern noch pseudo-Belege beibringen, dadurch, dass sie eine Seite in einem Konflikt mit Belegen für ihren Opferstatus versorgen, während die andere Seite gar nicht erst gehört wird, dann ist damit eine totale Institution geschaffen, aus der sich niemand befreien kann, der auf der Täterseite verortet wird. Das einzige, was mich derzeit noch irritiert ist, dass nicht längst die Gerichte abgeschafft wurden, weil sowieso schon klar ist, wer Täter und wer Opfer ist.

BECKER, HOWARD S. (1991). Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance. New York: Free Press.

Real World Problems – Ein Nachtrag

Passend zum letzten Beitrag der Rubrik “Unsinn der Woche”, in dem die Gewerkschaftsfunktionärin Anne Jenter das Hauptproblem von Ländern wie Guinea-Bissau, Niger, Pakistan oder Tansania darin ausgemacht hat, dass es in den dortigen Schulen keine nach Geschlecht getrennten Toiletten gibt, bin ich auf eine Aktion von Water is Life aufmerksam geworden, die ich den Lesern dieses blog nicht vorenthalten will.

Vermutlich plagt Frau Jenter das Problem der nicht nach Geschlecht getrennten Toiletten in Guinea-Bissau und anderswo schon seit Jahrzehnten und nun, anlässlich des Weltmädchentages, hat sie endlich die Gelegenheit gefunden, dieses alles überragende Problem “so genannter Entwicklungsländer”, wie sie  formuliert, auch einer breiten Öffentlichkeit zum gemeinsamen Schockiertsein, zu unterbreiten.

Frau Jenter ist in ihrer Sorge um andere, um solche, die sie als unterlegen ansieht, in ihrem Fall also die Mädchen in “so genannten Entwicklungsländern” nicht allein, vielmehr steht sie in einer Reihe mit einer Anzahl Besorgter, die sich um so ziemlich alles sorgen, wovon sie nur wenig oder gar keine Ahnung haben und wovon sie auch in der Regel nichts wissen wollen, weil Rationalität ihrer Emotionalität hinderlich wäre. Man findet die entsprechend Besorgten mit tiefen Falten auf der Stirn zurückgelehnt in den Sesseln ihrer Büros, von wo aus sie auch darüber nachsinnen, wie es gelingen kann, Bildungsferne, Hartz-IV-Empfänger oder alle, die man als “arm” klassifizieren kann, um sich selbst von Ihnen abzuheben, einer breiten Öffentlichkeit zum gemeinsamen Mitleidhaben bzw. zum gemeinsamen “Mitleid-zur-Schau-Stellen”,  unterbreiten kann.

All diesen Menschen aus bildungsfernen Schichten, allen relativ Armen und allen, die man unter sich in der sozialen Struktur der deutschen Gesellschaft verortet, muss man sich widmen. Nicht, damit die entsprechenden Menschen aus unteren oder bildungsfernen Schichten, aufsteigen und zu Mittelschichtlern werden, nein, Hilfe hat nichts mit Aufstieg oder praktischer Verwendung für die zu tun, denen geholfen werden soll, sondern mit zur-Schau-Stellung der “Engagiertheit” derer zu tun, die sich als Besorgter oder Helfer inszenieren wollen. Entsprechend verlieren die Unterschichtler, sind sie erst einmal durch alle Medien getrieben, schnell ihre Faszination und verschwinden in der Versenkung, bis sie wieder hervorgezogen werden, wenn es z.B. gilt, ein schlechtes Abschneiden bei PISA oder die Ursache für die miserable Qualität des deutschen Fernsehens zu beklagen. Neben der Unterschicht im eigenen Land greifen entsprechend der sozialen Abgrenzung Bedürtige immer häufiger auf Menschen aus Entwicklungsländern vorzugsweise solchen aus Afrika zurück, um an ihnen ein Expempel in Sachen Hilfe zu statuieren.

Die beschriebenen Mechanismen, die der Schaffung sozialer Distanz dienen, sind aus der Sozialpsychologie hinreichend und lange bekannt und man kann sie vermutlich so lange tolerieren  (muss sie aber nicht  tolerieren), so lange sie keinen Schaden anrichten und nur der eigenen Psychohygiene dienen. Äußerungen, wie die von Anne Jenter liegen jedoch jenseits dieser beschriebenen Schmerzgrenze. Derartige Äußerungen schaden, weil sie von den wirklichen Problemen ablenken. Es ist entsprechend in höchstem Maße geschmacklos, die Menschen in Guinea-Bissau für die eigene ideologische Engstirnigkeit, die den Blick nicht auf den Bereich oberhalb der Taille von Menschen richten kann, zu missbrauchen, und es ist Ausdruck einer Sattheit, die darauf basiert, dass die Probleme, mit denen man selbst konfrontiert ist, bestenfalls Luxusprobleme sind, von denen Menschen in anderen Teilen der Erde nur träumen können.

Um die schiefe Welt von Menschen wie Anne Jenter etwas gerade zu rücken, will ich hier eine Aktion von Water is Lifevorstellen, einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel darin besteht, wirkliche Probleme auf der Erde zu beheben oder doch dazu beizutragen, diese Probleme zu beheben. Solche wirklichen Probleme haben nichts mit fein säuberlich nach Geschlecht getrennten Toiletten zu tun, sondern z.B. mit dem Zugang zu sauberem Wasser. Und wer wirklich helfen und nicht nur reden will, der kann für Water for Life spenden. Und auch wenn sauberes Wasser auch Jungen zu Gute kommt, wäre eine Spende doch für die GEW eine Möglichkeit, um zu zeigen, dass neben Pressemitteilungen auch etwas Produktives aus dem Hause GEW kommt.

Wahnsinn mit Methode – Von den Ursachen des Gutmenschentums

Was sind Gutmenschen, was ist Gutmenschentum?

Ein Beitrag von Toni Meier und Olaf Christen im “International Journal of Life Cycle Assessment” hat mich dazu veranlasst, etwas in die Ursachen von Gutmenschentum einzusteigen. Dazu ist es notwendig, “Gutmenschentum” zunächst zu definieren: Ich rede von Gutmenschen und Gutmenschentum immer dann, wenn Indivdiuen ein Überzeugungssystem haben, auf dem sie den Glauben an bestimmte Dinge gründen, z.B. an einen Gott, an den Teufel “Kapitalismus”, an die Benachteiligung von Frauen, die Überlegenheit der arischen Rasse oder die Bedeutung ungeborenen Lebens und von dem aus, und das ist das Entscheidende für Gutmenschen, sie losmarschieren, um andere zum Heil zu bekehren. Das Kriterium, das den “Gutmenschen” ausmacht, ist somit sein missionarischer Eifer, der sich wiederum aus der eingebildeten Überlegenheit des eigenen Überzeugungssystems speist.

Gutmenschentum wie es hier definiert wurde, geht einher mit einer Unfähigkeit an sich und seinem Überzeugungssystem zu zweifeln, was das Überzeugungssystem als tief verwurzeltes System von affektiven Vorurteilen, wie sie Assmann (2009, S.9) beschrieben hat, kenntlich macht. Gutmenschen unterscheiden sich dadurch von den anderen Inhabern von Überzeugungssystemen (denn Überzeugungen haben wir alle), dass sie – aus welchen Motiven auch immer – getrieben sind, ihren Glauben anderen aufzuzwingen, dass sie es nicht dabei belassen, anderen Informationen bereit zu stellen, auf deren Grundlage diese anderen dann Entscheidungen im Sinne oder auch nicht im Sinne der Informationsbereitsteller treffen können.

Gutmenschen und die Rolle des Staates

Die Probleme mit Gutmenschen fangen somit da an, wo sie andere zu dem bekehren wollen, was sie als deren Heil, als zu der anderen Bestem ansehen, und sie werden da verstärkt, wo sich Gutmenschen zu Gutmenschen-Interessengruppen zusammenschließen und es ihnen gelingt, den Staat und seine Macht- und Herrschaftsinstrumente für ihre Gutmenschenfeldzüge zu kapern. Dann finden regelmäßig Interventionen in das Leben derer statt, die nicht dem “rechten Glauben” anhängen, die nicht einsehen, warum sie Kinder in die Welt setzen sollen (deshalb werden sie z.B. mit höheren Abgaben für die Pflegeversicherung bestraft), die nicht einsehen, warum sie aufhören sollen, zu rauchen (deshalb werden sie z.B. mit höheren Steuern auf Tabak bestraft), die der Ansicht sind, sie könnten darüber bestimmen, ob sie ein Kind austragen wollen oder nicht (deshalb werden sie mit “Zwangsberatung” vor der Abtreibung traktiert/bestraft) oder die der Meinung sind, sie könnten ihre Meinung zur Diskussion stellen, selbst wenn die Meinung dem zuzuordnen ist, was andere als rechtes Gedankengut brandmarken und aus dem öffentlichen Diskurs fernhalten wollen, so wie Träger rechten Gedankenguts gewöhnlich aus dem Diskurs fernhalten wollen, was Linke gestütz auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung von sich geben. Gutmenschentum, das in der beschriebenen Weise über die Macht- und Herrschaftsinstrumente des Staates in individuelle Lebensentscheidungen intervenieren kann, hat entsprechend seine Ende in der gesellschaftlichen Gleichschaltung, im Totalitarismus, denn Eingriffe in den Markt der freien Meinung, in den Markt der freien Wahl von Lebensstilen oder in den Markt der Selbstbestimmung, wie sie heute regelmäßig von organisierten Gutmenschen über das Vehikel “Staat” vorgenommen werden, sind nichts anderes als Eingriffe in die Freiheit anderer, von den Eingreifern für weniger wertvoll gehaltener und entsprechend nicht tolerierter Lebensweisen als der eigenen.

Wenn Florian Leclerc die Benutzung des Wortes “Gutmensch” verbieten will, und Benutzer als “Rechte” gegeiselt sehen will, dann will er Freiheit beseitigen. Wenn David Brooks z.B. Ehescheidung verbieten und “orderly communities” herstellen will, dann greift er in die Freiheit anderer ein, deren Lebensform ihm ein Dorn im Auge ist, und wenn die Bundesregierung ihre Bevölkerung zum “gesunden Leben” und zum “Gender Mainstreaming” erziehen will, dann greift sie in die Freiheit derer ein, die weder einen Sinn darin sehen, bei jedem Bissen in nicht positiv sanktioniere Speisen, ein schlechtes Gewissen zu haben, noch immer dann, wenn eine Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern zu beobachten ist, an das Wirken finsterer maskulistischer Kräfte denken wollen.

Alle beschriebenen Varianten von Gutmenschentum haben – es sei noch einmal gesagt – eines gemeinsam, sie basieren auf einem Überzeugungssystem, aus dem sich ein Glaube an die Überlegenheit der eigenen Überzeugung speist und aus dem ein Recht, andere zum rechten Glauben zu bekehren, abgeleitet wird. Welche Blüten missonarisch eifernde Gutmenschimpulse treiben, zeigt der Beitrag von Toni Meier und Olaf Christen, der mich zu dieser etwas längeren Einleitung veranlasst hat.

Gendergemainstreamte Ernährung

Toni Meier und Olaf Christen arbeiten am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dort züchten sie nicht etwa Apfelbäume, nein, dort erforschen Sie die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen. Nun gibt es einige Motive, aus denen heraus man die Ernährungsgewohnheiten von Deutschen erforschen wollen könnte. Als Wissenschaftler sollte der Erkenntnisgewinn das erste der Motive sein, und als Wissenschaftler sollte man zumindest einen kurzen Blick auf den Verwendungszusammenhang haben, darauf, ob mit der eigenen Forschung, wenn nicht jetzt, so doch in der Zukunft ein Mehrwert erreicht werden kann. Schließlich wird man als Wissenschaftler aus Steuergeldern finanziert, und man könnte enstprechend auf die Idee kommen (man beachte den Konkunktiv), dass man den Steuerzahlern nützliche Ergebnisse schuldet.

Toni Meier und Olaf Christen haben ein Überzeugungssystem, das ihre Forschung anleitet. Dieses Überzeugungssystem beginnt damit, dass wir derzeit einen Klimawandel durchleben und dass es deshalb wichtig ist, das “global warming potential” hinter diversen Aktivitäten zu untersuchen. Was liegt näher, als zu untersuchen, wie bestimmte Formen der Ernährung durch ihr unterschiedliches Potentail, das global warming beeeinflussen? Folglich haben die beiden Hallenser Ernährungsforscher berechnet, wie viel Potential zur Erwärmung der Erde mit der Produktion verschiedener Lebensmittel einhergeht. Wenig überraschend, weil bereits in vielen Studien zuvor deutlich gemacht, hat die Produktion von Fleisch, Butter und Käse, also im Wesentlichen die Produktion von Lebensmitteln mit tierischem Ursprung ein höheres Potential, um die Erde zu erwärmen: Bei der Produktion von z.B. Fleisch fällt ein Vielfaches des Kohlendioxids, des Ammoniaks an, der anfällt, wenn z.B. Äpfel oder Weißkohl produziert werden. Das alles ist nicht neu.

Neu ist, dass die jeweilige “Ökobilanz” benutzt wird, um Gender Mainstreaming zu betreiben, denn, so finden die Autoren: “men show a higher impact in terms of GWP [global warming potential]” (Meier & Christen, 2012). Weil Männer, wie die Nationale Verzehrstudie herausgefunden hat, mehr Fleisch essen als Frauen, sind sie also schädlicher für ihre Umwelt als Frauen. Nun, wer sich gewundert hat, dass man auf die Idee kommt, die Essgewohnheiten nach Geschlechts zu differenzieren und den Einfluss der entsprechenden Essgewohnheiten auf die globale Erwärmung zu berechnen, der ist mit dem Wundern noch nicht am Ende, denn “if men were to change their diet and adapt to the diet profile of women … then 18.8 Mt CO2 eq. and 60.1 kt ammonia emissions could be saved annually” (Meier & Christen, 2012). Dieses Ergebnis gibt den nächsten Aufschluss über das Überzeugungssystem von Meier und Christen: Ganz oben auf der Prioritätenliste steht der Klimaschutz, diesem Oberziel müssen sich Menschen in ihrem täglichen Handeln unterordnen, nein, nicht alle Menschen – nur Männer und sie müssen sich auch nicht unterordnen, sie müssen untergeordnet werden: “these differences [die Ernährungsunterschiede zwischen Männern und Frauen] could be seen as offerinig potential opportunities to strengthen more sustainable nutrition patterns” (Meier & Christen, 2012).

Denkt man das Argument von Meier und Christen logisch zu Ende, dann müsste ihr oberstes Ziel eigentlich darin bestehen, eine weitere Belastung der nachhaltigen Entwicklung der Erde durch ein Verbot der Fortpflanzung positiv zu beeinflussen, da mit einem Fortpflanzungsverbot unweigerlich eine Reduzierung der Umweltbelastung, wie sie Nahrungsmittelproduktion und Nahrungsaufnahme nun einmal darstellen, einhergeht. Aber, eine solche Forderung ist “natürlich” undenkbar, vor allem im Überzeugungssystem der beiden Hallenser. Dieses Überzeugungssystem enthält jedoch kulturelle Faktoren, am prominentesten darunter die Vorstellung, dass Frauen die besseren Menschen sind. Meier und Christen sind Kinder ihrer Gender-Zeit. Sie können nur in Gender denken und entsprechend ist alles, was sie interessiert Gender. Wer außer verbohrten Feministinnen käme auf die Idee, deutschen Männern vorzuhalten, ihre Ernährungsgewohnheiten würden das Klima belasten? (Vergliche man den Fleischkonsum deutscher Frauen mit dem Fleischkonsum vietnamesischer Männer, das Ergebnis wäre ein ganz anderes, nicht in die gendergemainstreamte Welt von Meier und Christen passendes!)

Wer die Nationale Verzehrstudie kennt, der weiß, neben dem Geschlecht wurde die Nahrungsmittelaufnahme auch nach Alter und Bundesland differenziert. Beide Variablen sind Meier und Christen keiner Erwährung wert, obwohl man durchaus argumentieren kann, und sich diese Argumentation in der Literatur auch findet, dass sich Ernährungsmuster über Generationen hinweg ändern. Aber Generationen unterscheiden nicht zwischen Männern und Frauen. Auch hätte man lokale Ernährungsmuster theoretisch argumentieren können. Dass Sachsen und Bayern die Spitzenreiter im innerdeutschen Fleischkonsum Ranking sind, ist bekannt und entsprechend hätte man auch Bundesländer untersuchen können, aber auch Bundesländer erlauben nicht die Unterscheidung, die doch das Wichtigste im Leben der beiden Hallenser Ernährungsforscher zu sein scheint: die Unterscheidung nach Geschlecht. Ich frage mich langsam, wie lange man harmlose Leser wissenschaftlicher Zeitschriften noch damit langweilen und penetrieren will, z.B. die Gülleproduktion oder die Produktion von Weichmachern oder von Kaffeeersatz nach Geschlecht zu differenzieren. Was mich angeht, für mich ist der Gipfel des Unsinns eigentlich schon seit einiger Zeit erreicht. Aber wie Meier und Christen zeigen, es geht immer noch weiter.

Gut, dann fordere ich die beiden Forschungsspezialisten zu einer neuen Forschung auf: Da die Nationale Verzehrstudie zeigt, dass Fleischkonsum (als Hauptumweltschädling) nach Bundesland erheblich variiert und auch zwischen Generationen variiert und man annehmen kann, dass kulturelle Vorlieben (vom Saumagen bis zum Schweinshaxen) eine gewisse Rolle dabei spielen, möchte ich gerne untersucht haben, wie sich das Münchner Oktoberfest auf das global warming auswirkt und die Effekte nach Geschlecht aufgeschlüsselt haben, damit man beim nächsten Oktoberfest zum einen, die Verbreitung von Schweinshaxen rationieren kann (, was mir als Vegetarier gut gefallen würde) und zum anderen die Zelte, in denen Schweinshaxen noch ausgegeben werden dürfen, mit dem Geschlechterproporz besetzen kann, der für die Umwelt am verträglichsten ist.

Praktische Implikationen der Forschung von Meier und Christen

Die Autoren berechnen, u.a. wie stark die Einsparungen an Kohlendioxid und Ammoniak wären, würden sich Männer in Deutschland so ernähren wie Frauen. Da die Ergebnisse der Autoren auf Aggregatebene für Deutschland vorliegen, ist diese Berechnung schlichter Unsinn, wie man sich leicht verdeutlichen kann, wenn man in die Daten blickt, denn Männer und Frauen essen Fleisch, nur Männer essen mehr Fleisch als Frauen. Wie also sieht die Anpassung der Ernährung von Männern an die Ernährung von Frauen aus? Angenommen 75% der Männer essen Fleich, aber nur 65% der Frauen. Sollen nun, im ersten Schritt, 10% der Männer zum Fleischabsentismus verurteilt werden? Doch damit endet das Problem nicht: manche Männer essen mehr Fleisch als manche Frauen, manche Männer weniger als manche Frauen und manche genauso viel wie manche Frauen. Was tun? Eine umweltoptimale Fleischmenge bestimmen und als Höchstration Männern wie Frauen vorgeben? (Um den lokalen Unterschieden gerecht zu werden, könnte man eine Form des Ablasshandel einführen, bei der sich intensive Fleischesser von weniger intensiven Fleischessern quasi deren Rechtsanspruch auf eine bestimmte Fleischmenge kaufen können.) Damit wären wir wieder dort angekommen, wo Gutmenschen-Interventionen immer ankommen: bei der Gleichschaltung, die die einzige Möglichkeit darstellt, um absurde Forderungen in die Tat umzusetzen.

Literatur
Assmann, Aleida (2009). Introduction. In: Pelinka, Anton, Bischof, Karin & Stögner, Karin (eds.). Handbook of Prejudice. Amherst: Cambria Press, pp.1-34.

Meier, Toni & Christen, Olaf (2012). Gender as a Factor in an Environmental Assessment of the Consumption of Animal and Plant-based Foods in Germany. International Journal of Life Cycle Assessment (online first).
DOI 10.1007/s11367-012-0387-x

Bildnachweis:
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Staatliche Stalker und vorauseilender Gehorsam

Wollen Sie Malte Pieper eine Freude machen? Wahrscheinlich wissen Sie nicht, wer Malte Pieper ist. Malte Pieper schreibt Kommentare bei tagesschau.de. Wenn Sie also Malte Pieper eine Freude machen wollen, dann spenden Sie Organe. Post-hum oder sofort, denn täglich, so berichtet uns Malte Pieper, sterben 3 von 12.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, und dabei wollen Sie doch nicht zusehen? In dieser Weise kommentiert Pieper auf tagesschau.de eine Entscheidung aus dem deutschen Bundestag, die ihm nicht weit genug geht.

Die im Bundestag versammelten Berufspolitiker, haben gerade in trauter Eintracht beschlossen, dass jeder Bundesbürger ab 16 Jahren, dessen die Krankenkassen habhaft werden können, staatlichem Stalking ausgesetzt wird, in dem ihm regelmäßig alle zwei Jahre ein Brief mit Organspendeausweis nebst der Frage “Sind Sie bereit, Organspender zu werden?” zugeschickt wird. Wenn Sie keine Organe spenden wollen, dann wird ihre Bereitschaft  in zwei Jahren erneut auf die Probe gestellt. Dann haben Sie erneut eine Chance in den Kreis derjenigen aufgenommen zu werden, die sich als mündige und vollwertige zur Organspende bereite Bürger erwiesen haben: denn wie alle Berufspolitiker im Bundestag wissen und Frank-Walter Steinmeier sagt, Organspende ist eine Frage der Mitmenschlichkeit – und wer will sich schon aus dem Kreis der Mitmenschen ausschließen – Sie etwa? Also spenden Sie gefälligst, und wenn Sie nicht spenden wollen, dann überlegen sie “reiflich”, wie Malte Pieper es fordert, wobei reifliche Überlegung für Pieper nur ein Ergebnis zulässt: Die Bereitschaft, Organe zu spenden, und wenn “die Zahl der Organspender plötzlich steigen [würde], würde …[ihn] das sehr freuen”. Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht, ich will schon, dass sich Malte Pieper freut, für Maltes Freude ist mir fast kein Preis zu hoch. Dafür vergesse ich fast alle Probleme, die sich mit der Feststellung des Hirntods bei potentiellen Organspendern verbinden und die dazu führen, dass Organspender sich zuweilen körperlich bester Gesundheit erfreuen, wenn sie explantiert werden (d.h. wenn sie ausgeräumt werden ohne Herztod zu sein).

Ich überlasse es Kommentatoren zum Kommentar von Malte Pieper hier die schnöde Realität einzuführen:

Auf meiner Brust prangt der eintätowierte Schriftzug “No explantation”- möge Gott geben, dass er respektiert wird. Nachdem ich einmal bei einer Organentnahme eines “Hirntoten” dabei war- Nie mehr wieder. Der Puls ist da, er stöhnt und windet sich… Einem Toten kann kein Organ entnommen werden. Hier wird Geschäft gemacht, mit Mitleid. Auch zu Lasten der Empfänger- Ihnen wird nämlich vorenthalten dass sie früh sterben, und lebenslang teuere Medizin schlucken müssen.

Derlei kritisches Hinterfragen des derzeitigen Organspende-Hypes trübt nur die Freude, die Malte Pieper empfinden wird, wenn wir alle unsere zweite Niere spenden. Auch Fakten wie die folgenden, sind nur geeignet, die Freude von Malte Pieper und seine unsägliche Ahnungslosigkeit über die Probleme, die sich mit Organspende verbinden, zu trüben bzw. zu beheben:

  • Die besten Organspender sind jungen Menschen. Organe von alten Menschen haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, zur Transplantation nicht brauchbar zu sein oder abgestoßen zu werden. Dies ist ein Grund, warum 16jährige ihre Organe spenden dürfen, obwohl sie nicht volljährig sind.
  • Eine Transplantation von Organen, so zeigen die Zahlen des US-Department of Health and Human Services, überleben 93,8% der Patienten, die eine Spender-Niere erhalten haben, 90,5% derjenigen, denen eine Bauchspeicheldrüse transplantiert wurde, 82,4% derjenigen, denen ein Herz transplantiert wurde, 76,7% derjenigen, denen eine Leber transplantiert wurde, 68,4% derjenigen, die eine Spender-Lunge erhalten haben und 57%, die eine Herz- und Lungen-Transplantation haben über sich ergehen lassen.
  • Die heile Traumwelt von Malte Pieper, dem Helfer aller, die auf ein Spenderorgan warten, wird weiter getrübt durch die Tatsache, dass Transplantations-Patienten ein Leben mit Medikamenten erwartet, die ihr eigenes Immunsystem unterdrücken und sie entsprechend deutlich anfälliger für Infektionen aller Art machen (was im Zusammenhang mit AIDS noch als erhebliches Problem wahrgenommen wurde) und insbesondere ein sehr hohes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, mit sich bringen (deshalb sollen Transplantationspatienten nach Empfehlung von US-amerikanischen Transplantationskliniken nur mit langen Ärmeln, langen Hosen, Sonnenbrille, Sonnenschutzcreme im Gesicht und Handschuhen an den Händen ins Freie gehen).
  • Die häufigsten Infektionen, die innerhalb von vier Wochen nach einer Transplantation auftreten, sind Wundinfektionen, oder Infektionen der Harnwege, nach einem bis sechs Monaten stellen sich häufig Infektionen der Atemwege ein, außerdem haben Patienten eine erhöhte Gefahr, sich das Epstein-Barr Virus zuzuziehen, das sich nicht mehr aus dem Körper entfernen lässt und bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem bzw. Patienten, deren Immunsystem unterdrückt wird, u.a. zu Krebs führt. Die häufigsten Infektionen sechs Monate nach der Transplantation sind Pilzinfektionen und Gürtelrosen.
  • Viele transplantierte Organe werden innerhalb der ersten 24 Stunden trotz aller Maßnahmen zur Unterdrückung des Immunsystems vom Aufnahmekörper abgestossen. Dieser “hyperacute rejection” folgt die “acute rejection”, die den Aufnahmekörper das transplantierte Organ innerhalb von einer Woche abstoßen sieht. Auch wer die erste Woche überlebt, hat keine Gewissheit, dass sein Körper das transplantierte Organ akzeptiert, denn eine chronische Abstoßung kann noch Monate oder Jahre nach der Transplantation erfolgen.
  • Wiederum US-amerikanische Daten zeigen, dass 5 Jahre nach einer Transplantation noch 86,3% der Patienten, denen eine Niere transplantiert wurde, am Leben sind, während nach 10 Jahren noch 65,7% am Leben sind. Von den Patienten, denen eine Leber transplantiert wurde, sind nach 5 Jahren noch 69,3% am Leben, nach 10 Jahren sind es noch 52,2%, die Überlebensraten für Lungen-Transplantationen sind: 5 Jahre: 55,6%, 10 Jahre: 25,9%, für Herz-Transplantationen: 5 Jahre: 74,2%, 10 Jahre: 55,2% und für Herz-Lungen-Transplantationen: 5 Jahre: 38,8%, 10 Jahre: 22,5%.

Man hätte erwartet, dass Informationen wie die zusammengestellten, für die ich mich bei Dr. habil. Heike Diefenbach herzlich bedanke, von Journalisten, die doch informieren wollen, zusammengestellt werden. Man hätte von Journalisten erwartet, dass sie mehr sind als die  Clakeure von Politiken, über die sie sich persönlich freuen. Aber nicht nur das, von z.B. einer kritischen Soziologie, die es auch in Deutschland für kurze Zeit gab (bevor sich Soziologen auf ihr geistiges Altenteil zurückgezogen haben, um sich dort mit weitgehend irrelevanten und entsprechend unkritischen Themen wie “Vielfalt und Zusammenhalt” zu beschäftigen), erwartet, dass sie die Frage nach den Interessen stellen, die hinter der so heftig betriebenen Kampagne zur Spende von Organen stehen. 12.000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, haben eine Einheitsfront von Politikern geschaffen, die erstaunlich ist, und auf die man z.B. wenn es darum geht, die Ursachen der kürzeren Lebenserwartung von Männern zu erkunden und vielleicht sogar zu beseitigen, vergeblich wartet. Entsprechend stellt sich die Frage, was haben all die Berufspolitiker davon, wenn Klaus Vollmer seine Niere spendet? Dass sie sich über die Spende freuen wie kleine Kinder oder wie Malte Pieper wird ja wohl niemand glauben. Also wäre es an kritischen Soziologen, den Weg, den Spenderorgane nehmen, die Interessen, die hinter der Organspende stehen und den Gewinn, den man mit Organspende erzielen kann, aufzuzeigen – wenn es sie gäbe.

Dagegen ist die Frage, wieso Journalismus heutzutage darin besteht, sich öffentlich zu freuen und was Journalisten wie Malte Pieper motiviert, sich öffentlich als Retter der Organbedürftigen und Mahner der Organspendemuffel aufzuspielen, keine Frage, mit der man Soziologen traktieren muss, denn diese Frage wurde von Psychologen und Soziologen in ihren Studien zur autoritären Persönlichkeit, der Persönlichkeit, die die eigene Identität dadurch gewinnt, dass Sie sich einem höheren Guten, einem Kollektiv zuordnet, um von diesem gesicherten Punkt aus sich im Besitz der verbalen oder auch physischen Herrschaft (die freilich von Dritten ausgeübt werden muss) über andere wähnen zu können, längst beantwortet: Kleiner Mann ganz groß eben.

Daten zur Organspende in Hülle und Fülle gibt es beim US Department of Health and Human Services

Beta-Blocker gegen Hysterie – Zur Möglichkeit, Gutmenschen und Staatsfeministen ruhig zu stellen

Eine Analyse von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Propanolol

Ein Forschungsergebnis aus Oxford hat uns aufhorchen lassen. Eine Forschergruppe um Sylvia Terbeck hat herausgefunden, dass Versuchspersonen, denen der Beta-Blocker Propranolol verabreicht wurde, deutlich geringere “unterbewusste rassistische Abwehrprozesse” aufwiesen, als Versuchspersonen, denen ein Placebo verabreicht wurde. Das Ergebnis der Oxforder Forscher ist u.a. interessant weil Beta-Blocker dafür bekannt sind, dass sie nicht nur zur Behandlung von koronaren Herzkrankheiten und Bluthochdruck nützlich sind, sondern auch dafür, auf einen Bereich des Gehirns zu wirken, in dem der Quell von Angstreaktionen vermutet wird, d.h. Angst zu unterdrücken (Terbeck et al., 2012).

Damit können die Forscher einen Kreis schließen, der Sozialpsychologen seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt: Vorurteile, ob rassistische Vorurteile oder ob in Form von Sexismus oder Genderismus, werden als affektive Komponente eines Syndroms angesehen, das man als “Abwehrhaltung gegen Fremdes” bezeichnen könnte und dessen Zweck darin besteht, die eigenen Überzeugungen vor konfligierenden Informationen zu schützen und das eigene Leben ganz generell von Informationen frei zu halten, die den eigenen Überzeugungen widersprechen und somit gefährlich werden können. Menschen, die ihre eigenen Überzeugungen vor Falisifikation oder konfligierenden Informationen schützen wollen, leben notwendiger Weise in einer Traumwelt. Da die Realität ihren Erwartungen nur in den seltensten Fällen gerecht wird, müssen Sie sich in eine Vorstellungswelt flüchten, die sie nach eigenen affektiven Vorlieben gestalten und gegen die Außenwelt abschotten können.

Gutmenschen, z.B. leben in einer “guten” Traumwelt. Sie sehen die Außenwelt durch eine große Zahl von Problemen gekennzeichnet, die nur durch ihre Hilfe und durch genau die von ihnen vorgesehene Hilfe gelöst werden kann. Paternalismen aller Provenienz entstehen somit aus der Einbildung, man sei dazu berufen, am (eingebildet) furchtbaren Los anderer etwas zu ändern. Ein Beispiel dafür ist ein Antrag der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, der sich um die Anerkennung von und Wiedergutmachung an “Trostfrauen” bemüht. “Trostfrauen”, so lernt der interessierte Leser, sind “Mädchen und Frauen, die während des Zweiten Weltkreiges in japanischen Kriegsbordellen … zur Prostitution gezwungen wurden”. Sie stammten “überwiegend aus Korea, China, Taiwan …”. Allerdings ist das Wissen um die Trostfrauen, das die SPD-Fraktion akkumuliert hat, doch recht spärlich:

“Die Anzahl der entführten und in die Prostitution gezwungenen Frauen ist noch heute schwer zu bemessen, u.a. weil nicht alle Dokumente von Japan freigegeben sind. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass die größte Betroffenengruppe mit 200 000 Zwangsprostituierten aus Korea kommt. Diese Zahl beruht auf einer koreanischen Schätzung; nach einer chinesischen Schätzung sind es 140 000 Frauen”.

Die SPD-Fraktion fühlt sich somit dazu berufen, rund 66 Jahre nachdem der Zweite Weltkrieg in Asien ein Ende gefunden hat, für eine nicht näher bekannte, aber “vorsichtig” geschätzte Gruppe von Frauen, die heute alle miteinander mindestens 82 Jahre alt sein sollten, in die Bresche zu springen und der Gruppe von Frauen Gutes antun zu wollen. Da stellt sich zum einen die Frage nach dem Motiv, das derartig hysterischen Aktionismus befördert, zum anderen stellt sich die Frage danach, ob die SPD-Fraktion auch nur mit einer der ehemaligen Zwangsprostituierten gesprochen hat, um sich quasi eine Legitimation für den eigenen Aktionismus zu holen.

Die zweite Frage ist schnell zu beantworten, denn der SPD-Antrag wird ausschließlich durch Verweise auf Trostfrauenverbände und zeitgeschichtliche Beschreibungen der aus Sicht der SPD-Fraktion falschen und unzureichenden Weise, in der die Japanische Regierung sich der Trostfrauen angenommen hat, beantwortet. Dass ein Empfang für ehemalige Trostfrauen im Willy-Brandt Haus stattgefunden hat, kann also ausgeschlossen werden.

Damit bleibt die Frage, woraus sich die Motivation der deutschen Sozialdemokraten ergibt, das vermeintliche Leid der Trostfrauen aus Korea, China etc. zu lindern, und woher sie ihre Überzeugung nehmen, dass die entsprechenden Trostfrauen in ihrer Gesamtheit eine entsprechende Einmischung durch die SPD wünschen und dass auch nicht eine darunter ist, die lieber in Ruhe gelassen werden will, nachdem sie mehr als 60 Jahre Zeit hatte, ein Leid zu vergessen, das für sie physisch erfahrbar war, während es für die SPD-Fraktion im Reich der Einbildung stattfindet?

Gehirnbereiche, die an Angstreaktionen beteiligt sind

Hier schließt sich dann der Kreis zur Forschung von Terbeck et al.. Offensichtlich gibt es Zeitgenossen, mit Sicherheit gibt es solche in der SPD-Fraktion, die Spass, Freude oder einen anderen Nutzen daran finden, sich das Leid anderer auszumalen, sich Missbrauch und Terror vorzustellen, die dann vor dem Hintergrund ihrer Einbildung in Aktivismus verfallen, entweder, um die eigenen Vorstellungen zu kompensieren (schlechtes Gewissen) oder um die sich in ihnen aufbauende Hysterie zu kanalisieren. Der Aktivismus, wiederum, spielt sich abermals ausschließlich in der Vorstellung der Gutmensch-Aktivisten ab. Sie wissen, was für andere gut ist, und entsprechend gilt der Einspruch, dass man vielleicht mit seinem Leid alleine gelassen werden will und schon gar nicht von der SPD-Fraktion geholfen bekommen will, nichts. Hier muss geholfen werden. Vermutlich hat man sich die Hilfswütigkeit von derartigen Gutmenschen, die so entfremdet von sich sind, dass ihr Leben ausschließlich daraus besteht, sich Vorstellungen über andere zu machen, als eskallierenden Prozess der Hysterie vorzustellen, der nur durch eine “gute Tat”, natürlich keine Tat, sondern eine (Gesetzes-)Initiative, die wiederum von anderen umgesetzt werden muss, gestoppt werden kann.

Es ist in dieser Hinsicht ein Markenzeichen von Gutmenschen, dass sie ihre eigenen guten Handlungsentwürfe von anderen in die Tat umsetzen lassen. Sie weigern sich nicht nur in der Entstehungsphase ihrer “guten Tat”, mit den Menschen in Kontakt zu treten, die sie für ihre guten Zwecke objektivieren (oder missbrauchen), sie wollen auch in der Umsetzungsphase nicht mit den entsprechenden Menschen in Kontakt kommen. Diese Realitätsverweigerung dient einem einfachen Zweck: der Vermeidung widersprüchlicher Informationen. Gutmenschen, die davon leben, sich in andere Menschen zu denken, können keinen Widerspruch durch eben diese anderen Menschen ertragen. Widerspruch bringt das Wolkenkuckucksheim ihrer Gutheit zum Einsturz. Nein, Gutmenschen leben in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen Gedanken. Ihre sozialen Kontakte reduzieren sich auf Gesinnungsgleiche, die handverlesen sind, mit denen sie einen Gutmenschen-Kult gründen können, der eine geschlossene Gesellschaft darstellt, deren Mitglieder sich gegenseitig aufschaukeln und mit der Zeit jeden Kontakt zur Außenwelt verlieren. Die Außenwelt ist dann nur noch Gegenstand von Vorurteilen (böse Bonzen, böse Männer, böse … [Passendes bitte einfügen]) und Hilfsbedürftigen (arme Arme, arme Frauen, arme … [Passendes bitte einfügen]). Mit anderen Worten, diese Gutmensch-Kultmitglieder strukturieren die Außenwelt entlang ihrer eigenen Vorurteile, ihrer eigenen Rassismen, Sexismen und …ismen. Die Forschung von Terbeck et al. zeigt nun, dass durch die Gabe von Propranolol der Bereich des Gehirns geblockt werden kann, der für emotionale Reaktionen auf Andere, vor deren wirklichem Ich man Angst hat, zuständig ist.

Angst, als Grundingredienz von Rassismus, Sexismus, Genderismus usw. scheint dafür verantwortlich zu sein, dass die entsprechend Angstgetriebenen sich gegen die Außenwelt abschotten, keine Informationen mehr an sich heranlassen, sich in Gruppen Gleichgesinnter zusammenschließen, sich darin selbst bestätigen und gegenseitig in ihrem gemeinsamen Definitionsmerkmal der Gutheit und des sich-Gutes-für-andere-Vorstellens aufschaukeln, so dass der Irrsinn mit Methode konsequenter Weise am Ende stehen muss. Wie die Forschung von Terbeck et al. (2012) zeigt, kann diesen armen Gutmenschen geholfen werden: Propranolol morgens, mittags und abends sollte zumindest die schlimmsten Auswüchse verhindern helfen.

Literatur

Terbeck, Sylvia, Kahane, Guy, McTavish, Sarah, Savulescu, Julian, Cowen, Philp J. & Hewstone, Miles (2012). Propanolol Reduces Implicit Negative Racial Bias. Psychopharmacology doi:110.1007/s00213-012-2657-5