Das Elend der deutschen Soziologie: Post von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

dgs_2012_03Seit heute haben wir es schriftlich, dass in der deutschen Soziologie jeder behaupten kann, was er will, und zwar ohne Rücksicht auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Und nicht nur das: Seit heute haben wir es schriftlich, dass man es bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nicht problematisch findet, wenn falsch oder gar nicht zitiert wird. Die Kunst, so wissen wir seit heute, besteht darin, es "offen" zu lassen, ob es sich bei bestimmten Textstellen "überhaupt um ein Zitat" handelt. Wer also demnächst von Vroni-Plag als Plagiator identifiziert wird, der kann sich mit der Schützenhilfe der DGS darauf zurückziehen, dass er nur offen lassen wollte, ob es sich bei der von Vroni-Plag identifizierten Stelle um ein Zitat handelt. Und Studenten, denen Dozenten vorwerfen, sie hätten die Regeln des wissenschaflichen Arbeitens nicht berücksichtigt, können sich in Zukunft auf die Position zurückziehen, dass sie nur offen lassen wollten, ob bestimmte Stellen wörtliche Zitate anderer sind, selbst dann, wenn sie explizit in Hochkommata gesetzt wurden, oder ihre eigenen Gedanken darstellen.

Kurz: Seit heute wissen wir: Die DGS gibt die Standards wissenschaftlichen Arbeitens auf, und entsprechend ist die DGS offensichtlich der Ansicht, dass Soziologie keine Wissenschaft ist.

Vorgeschichte

Wir haben uns in einem Schreiben an die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewendet, weil uns in einer Auftragsarbeit, die Prof. Dr. Michael Meuser für das BMFSFJ verfasst hat, Zitate untergeschoben werden, die nicht von uns sind. Zur Erinnerung, Michael Meuser schreibt:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42

Und weiter:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Das Problem mit beiden Zitaten von Meuser ist leicht benannt: Wir haben nie von einer “Feminisierung des Lehramts” geschrieben und entsprechend können wir auch nichts als eine “Folge der Feminisierung” beschrieben haben. In beiden Fällen, in denen Meuser Bezug auf unseren Artikel aus dem Jahre 2002 nimmt, behauptet er unwahre Dinge und schiebt uns eine “Feminisierung” unter, von der wir nie geschrieben haben.

Man kann dies auf zwei Arten erklären: Entweder Meuser weiß nicht, was wir geschrieben haben, oder er will uns dadurch diskreditieren, dass er uns einen in seiner Welt negativ konnotierten Begriff unterschiebt. Beide Erklärungen führen jedoch zum selben Ergebnis, Meuser ist nicht fähig oder willig rudimentäre wissenschaftliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlicher Lauterkeit einzuhalten.

Die Ethikkommission der DGS

Wir haben uns entsprechend an die Ethikkommussion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbands deutscher Soziologen gewendet und uns über diesen Mangel an Aufrichtigkeit oder an wissenschaftlicher Versiertheit beschwert. Seit heute liegt uns die Antwort der Ethikkommission der DGS, erstellt von Prof. Dr. em. Hans-Georg Soeffner, dem ehemaligen Vorsitzenden der DGS, vor.

Wer Sie gerne im O-Ton nachlesen will, der kann dies hier tun.

Wir wollen uns auf zwei Unglaublichkeiten beschränken, die man als Wissenschaftler, die deshalb besonderen Wert auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens legen, weil sie die einzige Möglichkeit darstellen, Wissenschaft von Unsinn abzugrenzen, erst einmal verdauen muss.

So schreibt Soeffner, nachdem er behauptet hat, dass Meuser in den beiden oben zitierten Stellen “offen” gelassen habe, ob es sich um ein wörtliches Zitat aus Klein und Diefenbach handelt, folgendes:

“Eine deutlichere Abgrenzung der Kennzeichnung von Zitaten einerseits und allgemeinen Hervorhebungen andererseits müsste in Meusers Text sicherlich stattfinden. Die bewusste ‘Fälschung eines Zitates’ lässt sich jedoch kaum belegen.”

hans-georg-soeffnerDiese Wertung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht hier, dass wissenschaftiche Standards, die sich mit dem Zitieren verbinden, nicht ernst zu nehmen sind, man wünscht sie sich, aber wenn sie fehlen, ist das auch nicht schlimm. Zum anderen steht hier “Fälschung eines Zitates” in Anführungszeichen. Warum wohl? Weil Soeffner insinuieren will, dass wir fälschlicherweise von einer Fälschung eines Zitates sprechen, und da wir im Schreiben an die Ethikkommission die Frage, ob Meuser bewusst fälscht oder es einfach nicht besser kann offen gelassen haben, hat er das Wörtchen “bewusst” außerhalb der Anführungszeichen, mit denen er deutlich machen will, dass diese Textstelle nicht von ihm ist, gelassen. Leider hat Soeffner vergessen anzugeben, von wem diese Textstelle ist und zeigt damit, dass er es auch nicht besser kann als Meuser und ganz nebenbei hat er Meuser attestiert, dass er, da eine bewusste Fälschung nicht belegt werden kann, offensichtlich zu wissenschatflichem Arbeiten nicht fähig ist. Aber da sich die “‘Fälschung eines Zitates’ … kaum belegen” lässt, besteht noch Hoffnung, für Soeffner.

Allerdings besteht erhöhte Gefahr, dass dieser Keim der Hoffnung bereits im Keim erstickt wird, weil sich am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen, an dem Hans-Georg Soeffner vor seiner Emeritierung gelehrt hat, keinerlei Hinweise zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens finden lassen. In unserem Bemühren das endgültige Abgleiten der Soziologie in die Welt der Ideologie und des Phrasendreschens zu verhindern, waren wir erleichtert, dass wir an der Frierich-Schiller-Universität Jena, an der der derzeitige Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, lehrt, einen Leifaden für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gefunden haben, dessen Seite 2 sich Folgendes wörtlich entnehmen lässt:

  1. “Zitate werden gekennzeichnet – wörtliche und sinngemäße Zitate werden als solche markiert. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, bei sinngemäßen Zitaten wird durch den Konjunktiv und/oder einen Einleitungssatz verdeutlicht, dass es sich um Aussagen anderer handelt.”
  2. “Zitate (ob Wort, Satz oder Abschnitt) müssen belegt werden - am Ende jedes Zitats ist auszuweisen, aus welcher Quelle es stammt.”
  3. “Zitate sind exakt und ehrlich …”

Da die Art und Weise, in der Michael Meuser zu zitieren versucht, mit keinem der drei oben genannten Punkte in Einklang zu bringen ist, steht zu vermuten, dass sich der Dekan der Universität Jena und Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, im Widerspruch zu dem befinden muss, was Hans-Georg Soeffner als Vorsitzender (oder alleiniges Mitglied?) der Ethikkommission der DGS geschrieben hat. Es wird spannend sein, die Stellungnahme von Lessenich dazu zu lesen (- die wir natürlich einfordern werden).

Zwei abschließend Punkte sind uns noch wichtig:

Soeffner schreibt: “Wenn darüber hinaus auch bei Diefenbach/Klein (2002, S. 949) unmissverständlich festgestellt wird: “Lehrerinnen prägen die Schulkultur”, ist sachlich kaum mehr einzusehen, weshalb der Streit um das Scheinzitat ‘Feminisierung’ – eine ohnehin schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung – die Ethikkommission zweier Fachverbände beschäftigen muss”.

Nassehi_SoziologieEs ist schon erschreckend, dass Vertreter einer Wissenschaft, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt, nicht mehr in der Lage sind, zwischen einer Zustandsbeschreibung “Lehrerinnen prägen die Schulkultur” und einem Prozess “Feminisierung” zu unterscheiden und dass sie denken, das eine sei dem anderen gleich. Wenn das in der Soziologie nunmehr normal ist, dann ist es wirklich konsequent, die Soziologie zu schließen, da der Gegenstand der Soziologie nicht mehr vorhanden ist und es auch keine wissenschatfliche Methode gibt, mit der man Zustandsbeschreibungen von Soziologen von dem Gewäsch politischer Kommentatoren in Tageszeitungen unterscheiden könnte.

Esser_SoziologieDa Soeffner überdies der Ansicht ist, bei Meusers Versuch, uns zu zitieren, handle es sich um ein Scheinzitat, gibt er uns in der Sache offensichtlich recht und ist auch der Ansicht, dass Meuser nur den Anschein erwecken will, die “schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung”: Feminisierung stamme von uns. Im Gegensatz zu Soeffner sind wir allerdings der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Ethikkommission ist, sich auch mit “schwer zu ertragende[n] sprachliche[n] Fehlleistung[en]” zu beschäftigen, und wenn eine (aus einem Mann bestehende) Ethikkommission das nicht will, dann ist es vielleicht das Beste auch dieses letzte Feigenblatt, das an Zeiten erinnert, an denen die Soziologie den Anspruch hatte, eine Wissenschaft zu sein, fallen zu lassen.

Opp MethodologieVor diesem Hintergrund wäre es eigentlich an der Zeit, dass die großen alten Männer der Soziologie, die es auch in Deutschland gibt und deren Lebenswerk darin besteht, Soziologie als Wissenschaft etabliert zu haben, sich in Bewegung setzen oder zumindest ihre Stimme erheben, um der Zerstörung ihres Lebenswerks ein Ende zu setzen und den ohnehin stark angeschlagenen Ruf der deutschen Soziologie zumindest in den Bereichen, in denen dies noch möglich ist, zu reparieren, um zu retten, was noch zu retten ist.

P.S. Da die Beschwerde von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Vorsitzemden der Ethikkommission von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und dem Berufsverband deutscher Soziologen alleine unterzeichnet ist, fragt man sich unwillkürlich, welchen Stellenwert die anderen Mitglieder der Ethik-Kommission in diesem Gremium eigentlich haben – wenn sie überhaupt einen haben.