Manipulation durch Auslassung: Bildungsberichterstattung 2014

DestatisGerade hat das Statistische Bundesamt die Broschüre “Bildung in Deutschland 2014 veröffentlicht, eine deren Ziel darin besteht, “eine umfassende empirische Bestandsaufnahme” vorzulegen, “die das deutsche Bildungswesen als Ganzes abbildet …” (V). Erstellt wurde die Broschüre von einer “Autorengruppe”, die sich aus Mitgliedern des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen (SOFI) und aus den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder zusammensetzt. Viele Köche haben also in diesem Bildungsbrei gerührt.

Um so erstaunlicher, dass eine Broschüre dabei herausgekommen ist, die an politischer Korrektheit nicht zu überbieten ist und deren Auslassungen an Geschichtsfälschung grenzen, in jedem Fall aber verhindern, dass die Broschüre auch nur in die Nähe einer “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” der Situation der Bildung in Deutschland kommt.

Um dies zu zeigen, muss man nur ein paar Daten vorwegschicken: 44% der weiblichen Schüler haben ihre Schulausbildung im Jahr 2013 mit einem Abitur, also einer Studienberechtigung abgeschlossen, im Vergleich zu rund 35% der männlichen Schüler. Gut 7% der männlichen Schüler sind im Jahre 2013 ohne irgend einen Abschluss geblieben, im Vergleich zu 5% der Mädchen. Merken Sie sich diese Daten, die die nach wie vor für Jungen im deutschen Bildungssystem bestehenden Nachteile deutlich zeigen, denn in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” der oben genannten Autorengruppe kommen diese Daten nicht vor.

Ganz im Gegensatz zu den schon ans Manische grenzenden Gepflogenheiten alle Daten, die dies erlauben, nach Geschlecht auszuweisen, findet sich im Abschnitt D7 “Schulabgänge und Schulabschlüsse” der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” keinerlei Ausschlüsselung der Schulabgänger von Hauptschulen oder Gymnasien nach Geschlecht.

Seltsam.

Es wird umso seltsamer, wenn man bedenkt, was in der Broschüre alles nach Geschlecht aufgeschlüsselt ist:

  • Alleinerziehende,
  • pädagogisches Personal,
  • die Häufigkeit familiärer Bildungsaktivitäten,
  • Sprachförderungsbedürftige,
  • Lehrkräfte,
  • Freiwilliges Engagement von Neuntklässlern,
  • Studienberechtigung (nur in Prozent),
  • Jugendarbeitslosigkeit,
  • Übergangsquoten vom Gymnasium auf die Hochschule,
  • Personal an Hochschulen,
  • Kinder in Kindertagesstätten,
  • Anteil der Erwerbstätigen nach Bildungsabschluss,
  • Politisches Interesse nach Bildungsabschluss,
  • Disparitäten in Berufsausbildung und Studium.

Ist es nicht erstaunlich, welch abseitige Bereiche dem Autorenteam der Aufschlüsselung nach Geschlecht würdig erschienen sind, und welch wichtige Bereiche nicht? Und dies, obwohl in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” steht:

“Für die weitere Bildungs- und Erwerbsbiographie ist ein allgemeinbildender Schulabschluss eine wichtige Voraussetzung. Informationen über die Anzahl der Absolventinnen und Absolventen – d.h. derjenigen Schülerinnen und Schüler mit Hauptschul- oder höher qualifizierendem Abschluss … ermöglichen insofern eine Einschätzung der Qualifizierungsfunktion des Schulsystems (91).

Wer nun denkt, die Wichtigkeit des allgemeinbildenden Schulabschlusses für Absolventinnen und Absolventen habe eine entsprechende Auszählung der Schulabschlüsse nach Geschlecht zur Folge, der irrt sich. Die Ergebnisse, die wir diesem Text vorangestellt haben, kommen in der “umfassenden empirischen Bestandsaufnahme” nicht vor. Die Autorengruppe übt sich lieber in Ignoranz gegenüber einem Problem des deutschen Bildungssystems, das, wäre es invers, sähe es also mehr Mädchen ohne Abitur und Schulabschluss, sicher zu einem #Aufschrei führen würde. Aber es betrifft Jungen, deshalb wird es totgeschwiegen. Jungen sind offensichtlich in ihrer Mehrzahl als Arbeitstiere der Zukunft und nicht als Mausschubser in Verwaltungen vorgesehen.

Wer denkt, dass wir angesichts dieser Art von Fälschung durch Unterlassung angewidert sind, der denkt richtig.

Aber es wird noch besser. Gibt es doch ein Kapitel das mit “Chancengleichheit” überschrieben ist (212-214).

Hier gibt es so bemerkenswerte Aussagen wie:

“Junge Frauen haben zwar geringere Übertrittsquoten in eine betriebliche Ausbildung als junge Männer, gleichzeitig treten sie aber wesentlich häufiger in eine vollzeitschulische Ausbildung ein.

In Deutsch: Weil mehr Jungen als Mädchen ohne Abschluss bleiben bzw. keine Studienberechtigung erzielen, gehen mehr Jungen in eine betriebliche Ausbildung. Dagegen studieren mehr Mädchen als Jungen, weil deutlich mehr Mädchen (siehe oben) eine Hochschulreife erwerben. Wer noch nicht genug hat, es geht noch weiter:

dji“Während sich im allgemeinbildenden Schulwesen, aber auch in der beruflichen Ausbildung und im Studium für Frauen eine Erfolgsgeschichte zeigt und Frauen günstigere Bildungsbiographien aufweisen als Männer, stellt sich die Situation am Arbeitsmarkt deutlich anders dar. … Während im Beschäftigungsstatus durchaus günstige Entwicklungen für die Frauen im Beobachtungszeitraum zu erkennen sind, zeigt sich eine umgekehrte Entwicklung im Einkommen. Hier hat sich die Differenz im Nettoäquivalenzeinkommen in den letzten Jahren vergrößert. … Ein ähnliches Bild zugunsten der Männer ergibt sich beim Einkommensvergleich auf Basis des Bruttomonatseinkommens bei Vollzeiterwerbstätigkeit … : hier sind die Geschlechterdifferenzen bei Personen mit hohem Bildungsstand zum Nachteil der Frauen bzw. Vorteil der Männer am größten (213)”

Wenn also Jungen bei Bildungsabschlüssen und beim Zugang zu Universitäten weit hinter Mädchen zurückbleiben, dann ist dies eine Erfolgsgeschichte der Mädchen. Wenn Frauen zu faul sind, ihre Vorteile auch in eine Vollerwerbstätigkeit umzusetzen und sich lieber als Vollzeitmama vom Arbeitsmarkt verabschieden, dann ergeben sich daraus Nachteile für Frauen und Vorteile für Männer.

Und wem es noch nicht reicht bis hierhin, wer noch nicht den Drang verspürt, einen nach dem anderen der sogenannten Autorengruppe zu verprügeln oder ihm doch zumindest seine Verachtung auszusprechen, dem kann geholfen werden:

“Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es über die verschiedenen Bildungsbereiche hinweg offenbar gelungen ist, die früheren Nachteile von Frauen in der Bildungsbeteiligung und im Bildungsstand … zu kompensieren. … Zu beobachten bleibt die Entwicklung der Jungen bzw. Männer in den Bildungsinstitutionen, insbesondere im allgemeinbildenden Schulsystem, in der beruflichen Ausbildung und in der Hochschulbildung. Zwar konnten im Schulsystem im unteren Leistungsbereich Verbesserungen bei den Jungen erzielt werden wie eine niedrigere Abgängerquote ohne oder mit Hauptschulabschluss, aber in der Erreichung der Hochschulugangsberechtigung geht die Schere zwischen Männern und Frauen, wenn auch nur leicht, so doch weiter auseinander” (214).

Manipulationsversuche leben in der Regel von der Verwendung wertender Adjektive und schwammiger Verben. Die Nachteile von Mädchen wurden “kompensiert”.

Die Kompensation folgt dem zweistelligen Funktor “Nachteile”, der ja ein “gegenüber” oder “im Vergleich zu” erfordert, also ein Nullsummenspiel darstellt, das zu Lasten von nicht-Mädchen gegangen ist. Die Nennung der Vergleichsgruppe wird vermieden, das Verb “kompensiert” ist dabei sehr nützlich, suggeriert es doch, Mädchen hätten den Abstand zu einer Vergleichsgruppe aufgeholt, nicht mehr. Dass Jungen erhebliche Nachteile haben, weil sie seltener ein Abitur erreichen als Mädchen, wird durch den Einschub “wenn auch nur leicht”, für den es weder eine Notwendigkeit, noch eine andere Funktion als Verniedlichung gibt, kurzerhand weggeschrieben und dass deutlich mehr Jungen als Mädchen auf Haupt- und Sonderschulen zu finden sind und mit oder ohne Hauptschulabschluss in ihre Berufskarriere entlassen werden, wird gleich ganz in Abrede gestellt, denn bei den Jungen wurden Verbesserungen erzielt, im unteren Leistungsbereich. Dass auch hier fehlt, im Vergleich zu was, die Verbesserungen erreicht wurden, ist sicher kein Zufall.

Autorengruppe Bildungsbericht 2014Derartige Pamphlete verursachen Übelkeit, und man fragt sich unwillkürlich, was sind das für Menschen, die an so etwas mitwirken. Können sie, ob ihres vollständigen Mangels an Empathie mit Jungen, überhaupt als Menschen gewertet werden? Oder sind sie einfach nur Instrumente eines vorgegebenen politisch korrekten Zeitgeistes, der mit Anstand und Moral nicht vereinbar ist und bei denen, die sowohl Anstand als auch Moral besitzen, zu nichts anderem führen kann als Verachtung? Damit den an der Autorengruppe Mitwirkenden auch die angemessene Verachtung zuteil werden kann, haben wir sie in der Abbildung am rechten Rand verewigt.

P.S.

Das vorliegende Pamphlet, das auch als Bildungsbericht 2014 bezeichnet wird, bleibt entsprechend weit hinter seinem Vorgänger dem Bildungsbericht 2012 zurück, in dem zwar auch versucht wurde, die Nachteile von Jungen zu verniedlichen, aber in dem sie doch immerhin noch genannt wurden.

Da spätestens seit wir “Bringing Boys Back In” veröffentlicht haben, der Öffentlichkeit bekannt ist, dass Jungen im deutschen Bildungssystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, fragt man sich, durch welche Form psychologischer Pathologie die Auslassung der Beschreibung der Realität im deutschen Bildungssystem, etwa so: Jungen erwerben seltener ein Abitur als Mädchen oder so: Jungen finden sich öfter auf Sonderschulen wieder als Mädchen, verursacht wird. Offensichtlich ist der Autorengruppe die Pflege dieser Pathologie so wichtig, dass sie es in Kauf nehmen, dass die informierte Öffentlichkeit die entsprechenden Autoren mit Kopfschütteln und Verachtung betrachtet und sich wie wir fragt, aus welchem Abgrund menschlischer Störung dieser Hass auf die Bevölkerungsgruppe der Jungen gespeist wird.

Der Zweck heiligt die Mittel: Klimawandel rechtfertigt auch Lügen

Alea iacta est, soll Julius Caesar gesagt haben, als er den Rubikon in Norditalien überschritten hat, um einen Bürgerkrieg zu beginnen. Der Rubikon ist seither das Symbol für einen “point of no return”, einen Punkt, von dem aus es kein Zurück gibt.

KuhnAuch in den Wissenschaften gibt es derartige “points of no return”. Sie sind sogar wichtig, denn neue Erkenntnisse können, wie Thomas Kuhn das sehr anschaulich beschrieben hat, wissenschaftliche Revolutionen auslösen, die die Welt in einem anderen Licht zeigen und von denen aus es in der Tat kein Zurück gibt.

Doch nicht jede Überschreitung des Rubicon hat positive Effekte, wie schon der Urschritt Caesars zeigt. Manche Dinge gehen in der Tat zu weit, und man wünscht sich selbst als Liberaler, sie wären nie publiziert wurden. Der angeblich liberale Paternalismus, den Cass Sunstein und Richard Thaler propagieren, ist ein solcher Rubikon, jedenfalls für Liberale, behauptet er doch, dass man “im Namen des Guten” die Willensfreiheit von Menschen etwas biegen dürfe, um sie in die Richtung des vorgeblich Guten zu “nudgen”.

Dieser vermeintlich liberale Paternalismus hat die Tore geöffnet für all diejenigen, die nichts dabei finden, wenn sie Dritte im “Namen des Guten”, also immer im Namen dessen, was sie für gut halten, manipulieren, ja belügen. Ein besonders krasses Beispiel dieser Form wissenschaftlicher Unlauterkeit macht derzeit die Runde in der US-amerikanischen Bloggosphere und u.a. Rothbardian hat darauf hingewiesen.

Das Beispiel ist ein Beitrag von Fuhai Hong und Xiaojian Zhao, veröffentlicht in der Aprilausgabe des American Journal of Agricultural Economics, und es ist betitelt mit: “Information Manipulation And Climate Agreements”.

Was man unter diesem Titel zu lesen bekommt, spottet jeder wissenschaftlichen Lauterkeit.

Das Ausgangsproblem ist ein ökonomisches, das als Free-Rider-Problem bekannt ist und besonders im Zusammenhang mit International Environmental Agreements diskutiert wird. Die Anreize, diesen Abkommen nicht beizutreten, sind nämlich sehr hoch, denn diejenigen Länder, die sich verpflichten z.B. ihren Ausstoß an CO2 zu reduzieren, reduzieren automatisch für die Länder mit, die sich nicht dazu verpflichten. CO2 hält sich nicht an die Landesgrenzen, in welcher Menge es auch immer ausgestoßen wird. Entsprechend kommt eine Reduzierung durch wenige allen zu Gute, eine Situation wie gemacht für das Trittbrettfahren.

Wohlgemerkt, die Prämisse, auf der diese ganze Argumentation basiert, lautet: Es ist wichtig und vorteilhaft, internationale Umweltabkommen zu schließen, wichtig und vorteilhaft für alle.

Hong und Zhao starten von dieser Prämisse und der damit verbundenen Behauptung, dass ein internationales Abkommen zum Umweltschutz, das dem Klimawandel vorbeugen soll, sinnvoll ist. Das setzt zwangsläufig voraus, dass die Autoren den Klimawandel als gegeben annehmen und die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, ebenfalls.

Nun beobachten die Autoren Spannendes:

“… it appears that many of the points made in the film [Al Gores Film: An Inconvenient Truth] are controversial, and some have argued that it exaggerated the threat of global warming. … The IPCC [Intergovernmental Panel on Climate Change] has tended to over-generalize its research results and accentuate the negative side of climate change. Following its lead the mainstream media has gone even further. It is a routine and accepted practice that elements in the IPCC reports that indicate the possibility of high levels of crop damage in certain African countries are reported by the media without any qualifying considerations … Taken together, considerable evidence suggests that international mainstream media and pro-environmental organizations have the tendency to accentuate or even exaggerate the damage caused by climate change” (851-852).

Nudging-Science-CliffWer nun denkt, er hat hier einen kritische Beitrag vor sich, dessen Ziel darin besteht, den Alarmismus, die Hysterie und die Art und Weise, in der versucht wird, eine Klimapanik herbei zu manipulieren, offen zu legen, der sieht sich getäuscht. Hong und Zhao sind nämlich angetreten, die “Betonung (accentuation)” oder gar “Übertreibung (exaggeration)” die Medien, Umweltorganisationen, Regierung oder Al Gore betreiben, zu rechtfertigen. Und sie tun dies auf eine bestimmte ökonometrische Weise, bei der man zuerst Begriffe in Buchstaben und Zahlen übersetzt, z.B. N, N-1 und p (am besten hoch i), die so geschaffene Denotation in Gleichungen überträgt, die sicherstellen, dass das, was man vorne hineinsteckt, auch hinten herauskommt und dann zu dem unglaublichen Ergebnis kommt, dass dann, wenn man zwei Länder annimmt, von denen das eine die Darstellung der Schäden, die durch Klimaerwärmung entstehen, übertreibt, das andere nicht, dass man dann sagen kann: Wenn die Übertreibung dazu führt, dass Land zwei (das nicht übertreibende Land) einem Klimaabkommen mit dem ersten Land zustimmt, dass sich dann für alle ein positiver Wohlfahrtseffekt ergibt. Der positive Wohlfahrtseffekt soll sich dann ergeben, wenn die Berichterstattung über die Folgen der Klimaerwärmung übertrieben ist (post hoc-Argument). Allerdings, so die Autoren, könne man nicht sagen, wie die Übertreibung der Folgen durch das eine, vom anderen Land aufgenommen werde (ex-ante Argument), was dazu führt, dass die Folgen der Übertreibung als unklar eingeschätzt werden müssen.

In den Worten der Autoren:

“In equilibrium we find that the message sender may have a strict incentive to exaggerate the damages of climate change when it is less severe, which eventually increases the global welfare ex post. Interestingly, relying on information manipulation will give rise to a negative externality for all the players in the other state when the climate problem is more severe. Intuitively, in this state people will be aware of the message sender’s suppression, and exhibit rational scepticism even if the problem of climate change is indeed severe. Thus, from the ex ante viewpoint, it is not clear whether such information manipulation is welfare enhancing or not.” (852-853)

Also: “When the media or pro-environmental organizations have private information on the damage caused by climate change, in equilibrium they may manipulate this information to increase pessimism regarding climate change, even though the damage may not be as great. Consequently, more countries (with overpessimistic believes about climate damage) will be induced to participate in an IEA (International Environmental Agreement]  in this state, thereby leading to greater global welfare ex post” (859)

Der Zweck heiligt demnach die Mittel. Und um den euphemistischen Begriff der “Informationsmanipulation”, den die Autoren nutzen, einmal in das zu übersetzen, was er eigentlich meint: Es ist demnach gerechtfertigt, die Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels zu belügen, weil auf lange Sicht die Folgen des angenommenen Klimawandels durch die Folgen der Lüge, also den Beitritt zu internationalen Klimaabkommen auch durch Länder, die dem Klimawandel und seinen Folgen pessimistisch gegenüberstehen, ihn z.B. als nicht wissenschaftlich fundiert ablehnen, einen positiven Wohlfahrtseffekt für alle ergeben.

Man sieht hier schön, wie hinten herauskommt, was vorne hereingesteckt wurde, denn wenn wir nur einen Moment annehmen, Umweltabkommen hätten einen Wohlfahrts-schädlichen Effekt, weil sie Innovationen verhindern und Wachstum reduzieren, dann ergibt sich, dass das Belügen der Öffentlichkeit sich ex ante und ex post negativ auf die Wohlfahrt auswirkt.

save the planetDas Ergebnis hat Konsequenzen: Wenn ich die Öffentlichkeit und über Mainstream Medien über z.B. die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas belüge, um die Anbindung an die NATO zu stärken, dann kann ich, wenn es am Ende des dritten Weltkrieges mehr Überlebende in den Ländern der NATO als in den Ländern, die Russland folgen, gibt, darauf verweisen, dass die Lüge einen Wohlfahrtseffekt erzielt hat, oder so.

Wir sind derzeit noch unschlüssig darüber, what we find more disgusting, die Tatsache, dass Wissenschaftler sich anschicken, die Informations-Manipulation durch Mainstream Medien und NGOs zu rechtfertigen oder die Tatsache, dass man heutzutage der Öffentlichkeit auch sagen kann, dass man sie belügt, ohne dass man vor eben dieser Öffenlichkeit Angst haben muss.

Hong, Fuhai & Zhao, Xiaojian (2014). Informaton Manipulation and Climate Agreements. American Journal of Agricultural Economics 96(3): 851-861.

Medienpropaganda und die Pervertierung von Wissenschaft (nicht nur durch Journalisten):

Ein Beispiel mit Bezug auf den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Selbstmordgefährdung

Wir alle glauben es zu wissen: Die Medien, besonders die so genannten Alten Medien, erfüllen schon lange nicht mehr die Funktion, Menschen möglichst korrekt zu informieren, sondern stehen im Dienst der Manipulation oder gar der systematischen Propaganda für die (Um-/)Erziehung, die diejenigen, die derzeit politische Ämter besetzen, ihren Bürgern gerne angedeihen lassen würden, um die gesellschaftliche Utopie zu erreichen, die ihnen vorschwebt. Wenn diese Vermutung mehr sein soll als eine Verschwörungstheorie, die der psychologischen Hygiene dient insofern als man alles Missliebige, was man in den Medien zu hören oder zu lesen bekommt, als Manipulationsversuch oder schlichte Lüge abtun kann, dann kommt man nicht umhin, empirische Belege für die Existenz solcher Manipulationsversuche in den Medien  zu bringen.

ManipulationstechnikenIrrtümliche Berichterstattung oder die Verbreitung falscher Informationen aufgrund schlechter Recherche hat es wohl immer gegeben. Wenn man sich in den Medien aber auf wissenschaftliche Studien beruft, die man nicht eingesehen oder nicht verstanden hat, und behauptet, diese Studien hätten just gezeigt, was zu bestimmten Partei- oder Regierungsideologien bzw. –politiken passt, dann darf man wohl davon ausgehen, dass es sich hier um echte Täuschungsversuche handelt, die eigentlich den Tatbestand des Betrugs erfüllen.

Ein Beispiel hierfür ist der Missbrauch einer wissenschaftlichen Studie über den Zusammenhang von Homosexualität und Suizidgefährung, die im Februar 2013 in den deutschsprachigen Printmedien die Runde gemacht hat und vielleicht (und u.a.) dafür verantwortlich ist, dass es eine Menge Leute gibt, die meinen, sie seien über diesen Zusammenhang unterrichtet und könnten sich deshalb über ihn äußern – wie dies gerade in der Petitionenschlacht im Zusammenhang mit dem Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg der Fall ist.

Unser Beispiel-Text stammt aus dem schweizerischen Tagesanzeiger vom 22.02.2013, dessen Wortlaut wir hier wiedergeben:

„Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet

Gemäss einer neuen Studie hat jeder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich. Besonders gefährdet sind junge Homosexuelle zum Zeitpunkt des Coming Out.“

“Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, zeigt eine Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai. Letztere fordert mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen.

Die Analyse untersuchte Daten von drei Studien aus dem Jahr 2002 zur Gesundheit von Jugendlichen allgemein, Rekruten und Homosexuellen. Sie zeigt, dass die Hälfte der Suizidversuche noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt werden. Sie geschähen häufig zum Zeitpunkt des Coming Out, wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde, sagte Mitautor Jen Wang von der Universität Zürich vor der Presse.

Sexuelle Orientierung nicht systematisch erhoben

Einer von drei jungen Schwulen mit Suizidgedanken versucht demnach, sich das Leben zu nehmen. Bei den Heterosexuellen sei es nur einer von 34, fügt Wang hinzu. Der Wissenschaftler bemängelt, dass in Studien zur öffentlichen Gesundheit in der Schweiz nicht systematisch nach der sexuellen Orientierung gefragt werde, wie dies in den USA und Grossbritannien der Fall sei.

«Sich selbst als Homosexuellen zu akzeptieren, erzeugt eine enorme Spannung, die im Moment des «Coming Out» verstärkt wird: Die Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden, können jemanden zum Suizid verleiten», erklärte Michael Häusermann von Dialogai.

Risiko bleibt auch später

Das erhöhte Suizid-Risiko verschwindet nicht mit der Zeit. Gemäss der Studie bleibt es bei Homosexuellen oder Bisexuellen höheren Alters genauso hoch.

Die Vereinigung hält es für unerlässlich, die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren. Homo- und bisexuelle Beziehungen seien dabei als gleichwertige Lebensformen darzustellen wie heterosexuelle. Pilotprojekte in den Kantonen Genf und Waadt in diese Richtung seien ermutigend. Sie müssten in der ganzen Schweiz gefördert und ausgebaut werden, sagte Häusermann.

Die drei analysierten Studien sind die Smash-Studie zur Gesundheit von Jugendlichen in der Schweiz, CH-X, eine eidgenössische Befragung von Rekruten zu Gesundheitsfragen, und die Gesundheitbefragung schwuler Männer in Genf. Gemäss Wang ist die Schweiz Pionierin in Europa, indem sie sich bereits Anfang der Nullerjahre mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Die Studie ist im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen.(mw/sda)

JPsyResWir haben uns auf die Suche nach der „Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai“ gemacht, die „im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen“ ist, und mit Erleichterung haben wir festgestellt dass es sie tatsächlich gibt: Es handelt sich um eine Studie von Jen Wang, Michael Häusermann, Hans Wydler, Meichun Mohler-Kuo und  Mitchell G. Weiss aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probability Surveys“, und erschienen ist die Studie in Band 46, Heft 8 des Journal of Psychiatric Research.

Vergleicht man die Darstellung im Tagesanzeiger mit dem Inhalt der Studie, dann stellt man allerhand Fragwürdigkeiten und Falschheiten in der Darstellung im Tagesanzeiger fest.

Sie beginnen bereits mit der Überschrift: „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ wirft die Frage auf: häufiger als wer?, denn „häufiger“ ist ein zweistelliger Funktor, der als solcher ohne Aussage ist, wenn nicht angegeben wird, wer mit wem verglichen wird. Der Folgetext im Tagesanzeiger bringt hier keine Klärung. Man kann plausiblerweise vermuten, dass es hier um den Vergleich junger Schwuler mit jungen Nicht-Schwulen geht, aber geschrieben wird das im Tagesanzeiger nirgendwo. Ließe sich das an den Daten in der Studie ablesen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man wissen, dass in der Studie insgesamt drei verschiedene Stichproben berücksichtigt und ausgewertet wurden, nämlich Daten des ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) aus dem Jahr 2002, des Swiss Multicenter Adolescent Survey on Helath (SMASH) aus demselben Jahr und des zweiten Schweizerischen Rekruten-Survey (Swiss Recruit Survey; ch-x) aus 2002/2003 (Wang et al 2012: 981/982). Im ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) sind überhaupt keine heterosexuellen Männer vertreten, weshalb sich ein Vergleich der Suizidgefährdung von Homo- und Heterosexuellen logischerweise nicht auf die Daten aus dem GGMHS beziehen kann.

Bleiben noch die beiden anderen Stichproben. Und wenn man sie betrachtet, kann man tatsächlich in der Studie die Ergebnisse finden, die mit der Aussage in Einklang stehen, sie aber in der Allgemeinheit  („Junge Schwule …“) nicht rechtfertigen, denn in diesen beiden Stichproben haben sich nur jeweils relativ wenige Befragte als Nicht-Heterosexuelle identifiziert, nämlich jeweils 1,6 Prozent der Befragten (Wang et al. 2012: 982), und wenn man unter diesen Befragten diejenigen betrachtet, die von Selbstmordgedanken, -plänen oder –versuchen berichten, dann ist deren Zahl noch kleiner. Wie viele genau das sind, ist der Studie nicht direkt zu entnehmen, die durchgängig mit der Angabe prozentualer Anteile arbeitet.

Voodoo ScienceWarum sie das tut, wird verständlich, wenn man die absoluten Anzahlen auf der Basis der von den Autoren mitgeteilten prozentualen Anteile errechnet: Dann zeigt sich, dass neun von 64 der homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im SMASH irgendwann in ihrem noch kurzen Leben nach eigener Angabe einen Selbstmordversuch gemacht haben, und 15 der 296 homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im ch-x. Diese wenigen Befragten werden jeweils mit denjenigen Befragten verglichen, die in derselben Altersklasse, aber heterosexuell sind, und heraus kommt tatsächlich, dass heterosexuelle junge Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren zu geringeren prozentualen Anteilen irgendwann in ihrem Leben einen Selbstmordversuch gemacht haben. (Mit Bezug auf Selbstmordversuche in den vergangenen 12 Monaten verringern sich diese Fallzahlen noch mehr; so haben nur zwei der Homo-/Bisexuellen im SMASH angegeben, sie hätten in den vergangenen 12 Monaten einen Selbstmordversuch gemacht, im ch-x trifft dies wohl auf keinen der Homo-/Bisexuellen zu, was die Autoren in der Studie unter dem „NA“ für „not available“ versteckt haben, was wiederum normalerweise für fehlende Daten steht, aber nicht für die Tatsache, dass kein Befragte/r in die entsprechende Kategorie fällt.

Nun kann man sagen, dass Selbstmordversuche die harte Form der Suizidgefährdung darstellen. Für die Frage nach Suizidplänen sieht das Bild aber noch düsterer aus: Hier sind fast nur „NA“s angegeben, und selbst bei Suizidgedanken als weichem Indikator für Suizidgefährdung sind die Fallzahlen dort, wo kein „NA“ steht, sehr gering: So stehen hinter den 29,2 Prozent homo-/bisexueller junger Männer aus dem SMASH, die in den vergangenen 12 Monaten Suizidgedanken hatten, 19 Befragte.

Wenn der Tagesanzeiger also titelt „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ (als junge Heterosexuelle), dann kann man das aufgrund der Studienergebnisse mit viel gutem Willen zwar nachvollziehen, d.h. es ist nicht direkt falsch, aber völlig irreführend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie gering die Fallzahlen sind, auf denen der Vergleich in der Studie basiert.

Die Aussage, nach der „[j]eder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich“ hat, ist ebenfalls nachvollziehbar, aber so nicht zutreffend: Erstens handelt es sich um Homosexuelle in einem bestimmten Datensatz, nämlich dem GGMHS, zweitens würde „jeder fünfte“ 20 Prozent entsprechen, aber die entsprechende Angabe in der Studie lautet 18,6 Prozent, und drittens müsste es korrekt heißen: 18,6 Prozent der im Rahmen des GGMHS befragten homosexuellen Männer haben angegeben, irgendwann in ihrem Leben einmal einen Selbstmordversuch gemacht zu haben; die entsprechenden Selbstmordversuche sind nicht auf irgendeine Weise zu objektivieren versucht worden.

Wenn der Text fortfährt: „Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen“, dann werden die beiden oben berichteten Befunde unzulässig kombiniert, so dass die Aussage einfach falsch ist. Nirgendwo wird für „junge Homosexuelle“, also gemäß der Logik der Studie für Homosexuelle von 16 bis 20 Jahren, ein Prozentsatz von 20 Prozent (oder etwas weniger) ausgewiesen, die im Verlauf ihres Lebens einen Selbstmordversuch gemacht hätten (und selbst wenn das so wäre, wäre das Ergebnis aufgrund der niedrigen Fallzahlen von Homosexuellen mit  Selbstmordversuchen nicht aussagekräftig).

Wenn im Bericht des Tagesanzeigers suggeriert werden soll, dass diese Daten die Grundlage dafür sein könnten, dass die Vereinigung Dialogai „mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen“ fordere, dann grenzt dies an das Lächerliche oder ist tatsächlich böse Täuschungsabsicht (was einem das Lachen im Hals stecken bleiben ließe).

Die Aussage, dass die Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, mag einer der Autoren der Studie, Jen Wang, zwar „vor der Presse“ tatsächlich geäußert haben. Dann stellt sich aber die Frage, wie sich diese Äußerung zu dem verhält, was in der Studie steht, nämlich: „Given the stigmatization of homosexuality, men do not always report homosexual attraction or activity until they have largely completed the process of coming to terms with a stigmatized identity. The median age for initial disclosure of homosexual orientation in GGMHS is 21 years which means that less than half of the men in the 16-20 year age group have reached that point” (Wang et al 2012: 984).

median_mean_modeGemäß des GGMHS liegt der  Median des Coming outs bei 21 Jahren, also nicht vor dem 20. Lebensjahr, und deshalb können Suizidversuche, -pläne oder –gedanken, wenn sie so häufig vor dem 20. Lebensjahr zu beobachten sind, auch nicht auf das Coming Out zurückgeführt werden, ganz davon abgesehen, dass auch dann, wenn die Zahlenwerte andere wären, dennoch nur eine Korrelation und keine Kausalität auf der Grundlage der Daten behauptet werden könnte. (Allerdings wundert man sich einigermaßen darüber, dass die Autoren hier den Median als Lagemaß angegeben haben; der Median gibt an, bei welchem Wert die beobachtete Verteilung in zwei gleich große Hälften geteilt wird, hier: bei 21 Jahren, und es bleibt unklar, warum nicht der Modus als der Wert, der in einer Verteilung der häufigste ist, oder der Mittelwert, also der Durchschnittswert des Alters des Coming Out angegeben sind.)

Weil außerdem sowohl die Erhebung von Homosexualität und Bisexualität als auch die Messung der Suizidgefährdung in den drei verschiedenen Datensätzen, die von den Autoren benutzt werden, unterschiedlich ist, und weil jede der drei Stichproben eine spezifisch selegierte Stichprobe ist, lassen sich die Stichproben kaum aufeinander beziehen, so dass wir uns hier im wundersamen Reich der Kaffeesatz-Leserei befinden.

Jedenfalls kann die Behauptung, dass Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, nicht (auch nur einigermaßen) zuverlässig durch die Daten gestützt werden.

Ebenso verhält es sich mit den vom Tagesanzeiger zitierten Bemerkungen eines anderen Mitautoren, Michael Häusermann von der Vereinigung Dialogai: Seine Spekulationen über die „enorme Spannung, die im Moment des ‚Coming Out‘ verstärkt“ werde, und die ebenso wie „[d]ie Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden“ „jemanden zum Suizid verleiten können“, mögen einem plausibel erscheinen oder auch nicht, jedenfalls sind sie durch die Studie in keiner Weise gestützt, weil in den für die Studie verfübaren Daten keine Ängste, missfallen oder abgelehnt zu werden, fügbar sind (oder berücksichtigt worden sind).

Der Text von Wang et al. enthält lediglich eine Passage, in der die Autoren Ergebnisse einer anderen Studie von Wang und Häusermann sowie einem anderen Kollegen nennen und diese Ergebnisse in einen Zusammenhang bringen mit den Werten (Mediane), die sie in ihrer aktuellen Studie für den ersten Selbstmordversuch und für das Coming Out – wohl gemerkt: alle aus unterschiedlichen Stichproben – ermittelt haben. Sie konstruieren aus diesen aus völlig unterschiedlichen Stichproben stammenden Lagemaßen einen “life-course approach“ (Wang et a. 2012: 984), also eine Sequenz im Lebensverlauf, zu der sie schreiben: „This sequence appears [!] to suggest [!] that the circumstances and stress encountered at each milestone may trigger depression and/or suicidality among some [!] gay men“ (Wang et al 2012: 985).

Dem kann man zustimmen: Ja, es scheint, dass es bei einigen so sein kann, womit die Aussage nahzu ohne jeden Inhalt ist. Es sei angefügt, dass nirgendwo im Text, nicht in diesem Abschnitt, nirgendwo vorher und auch nicht in den Schlussfolgerungen, die Worte „Diskriminierung“, „Vorurteile“, „Benachteiligung“  „Stigma“ o.ä. vorkommen. Und die Autoren erklären selbst auf S. 984:„Addressing the multiple risk factors for increased suicidality among gay men lies beyond the scope of the current paper“ (Wang et al. 2012: 984). Als Leser wünscht man sich, sie hätten die Konsequenz hieraus gezogen und nicht versucht, auf methodologisch völlig inakzeptable Weise und indirekt einen Zusammenhang zu konstruieren, der es irgendwie erlauben könnte, Rückschlüsse auf einen der „multiple risk factors“, die im übrigen von den Autoren nicht einmal benannt und durch Literaturhinweise angezeigt werden, zu ziehen.

 Und vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass zwar nirgendwo in der Studie davon die Rede ist, dass „die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren“ wäre – warum auch? auf die Daten lässt sich eine solche Forderung nun wirklich und beim besten Willen nicht gründen. Aber just dies wird von der Vereinigung Dialogai „für unerlässlich“ gehalten, wie der Tagesanzeiger berichtet. Immerhin gehört einer der Autoren der Studie der Vereinigung an!

TagesanzeigerMan muss davon ausgehen, dass der Tagesanzeiger, wenn nicht seine Leser bewusst  täuschen wollte, so sich doch bereitwillig vor den Karren der Vereinigung Dialogai und der Anliegen der anderen Autoren der Studie hat spannen lassen, die sie selbst am Ende ihres Textes wie folgt beschreiben: „Additional European research and monitoring on this issue would be particularly welcome, given possible regional differences and the modest evidence base to date. More urgently, we hope such findings will motivate key stakeholders to support measures addressing suicidality among sexual minorities. Gay organizations need to continue their efforts in raising awareness about this issue both inside the gay community as well as among policy and professional stake-holders. Suicide prevention and mental health programs need to address the relevance of sexual orientation in their work”.

Park Junk ScienceDass die Studie selbst all dies in keiner Weise zeigt oder unterstützt, sollte inzwischen klar geworden sein. Dass die Autoren der Studie dies großzügig übersehen und damit ihren eigenen Daten Gewalt antun, kann nicht dem Tagesanzeiger angelastet werden. Verantwortlich ist der Journalist/sind die Journalisten beim Tagesanzeiger aber zumindest dafür, dies alles für bare Münze genommen zu haben, obwohl ihm/ihnen mehr oder weniger klar gewesen sein muss, dass hier eine wissenschaftliche Studie dazu missbraucht werden soll, Lobby-Arbeit zu betreiben, so dass eine besonders kritische Prüfung des Inhaltes der Studie angezeigt gewesen wäre. Diese Prüfung ist aber nicht erfolgt oder lag außerhalb der Kompetenzen des/der Journalisten, der/die es problemlos in Kauf genommen hat/haben, die Leser des Tagesanzeigers in die Irre zu führen.

Es scheint, dass sowohl auf die Autoren dieser Studie (und viele andere Autoren vieler anderer Studien) als auch auf den/die Journalisten, der/die den Artikel im Tagesanzeiger (und viele andere Journalisten in vielen anderen Medien) zutrifft, was Schnurr und Steinacker über Soziale Arbeit bzw. Pädagogik im Dritten Reich geschrieben haben:

Erziehungsverhaeltnisse NS„Gefragt waren vor allem solche (sozial-) pädagogischen Arrangements, in denen Erkenntnis wenig, Erlebnis und Bekenntnis aber alles waren. Zur Realisierung der weitreichenden utopischen Phantasien einer ‚Vergesellschaftung‘ durch Erziehung wurden Erziehungsansprüche und Erziehungsversuche in die Alltagssphären des volksgemeinschaftlichen Lebens ausgedehnt“ (Schnurr & Steinacker 2011: 259; Hervorhebung im Original).

Auch den Autoren der Studie und dem/den Journalisten des Tagesanzeigers ging es offensichtlich eher um Bekenntnis als Erkenntnis, und wer ein „guter“ Medienrezipient ist, der fragt nicht lange und akzeptiert, was er aufgetischt bekommt, denn einem „guten“ Medienrezipienten geht es ebenfalls eher um ein Bekenntnis als um Erkenntnis. Und es ist insofern erfreulich, dass immer weniger Menschen konsumieren wollen, was ihnen in den Alten Medien aufgetischt wird.

Von ihnen werden sich viele fragen: Aber wie verhält es sich denn nun tatsächlich mit dem Zusammenhang zwischen Homosexualität und mentaler Gesundheit bzw. Krankheit und Suizidgefährdung? Diese Frage wird – aus gegebenem Anlass – Gegenstand eines der nächsten Beiträge auf ScienceFiles sein.

Literatur:

Schnurr, Stefan & Steinacker, Sven, 2011: Soziale Arbeit im Nationalsozialismus – Auslese und Ausmerze im Dienste der Volkspflege. S. 253- 274 in: Horn, Klaus-Peter & Link, Jörg-W. (Hrsg.): Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und Erziehungswirklichkeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Wang, Jen, Häusermann, Michael, Wydler, Hans, Mohler-Kuo, Meichun & Weiss, Mitchell, G., 2012: Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probabilty Surveys. Journal of Psychiatric Research 46,8: 980-986.

Herrschaft durch Sprache: Wie man Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten redet

Wir haben auf ScienceFiles schon viele Beispiele verbaler Onanie besprochen, Beispiele die alle eines gemein haben, es wird nicht konkret gesprochen. Die Sprecher oder Schreiber nominalisieren, reden oder schreiben von Abstrakta, fordern Solidarität, Toleranz, Nachhaltigkeit, Gleichstellung, Gerechtigkeit, phantasieren von Mentalitätsfragen, um von konkreten Problemen zu abstrahieren (oder abzulenken), attestieren der “gesellschaftlichen Totalität ein Eigenleben, fordern “Rasissmus oder Sexismus abzubloggen” oder sind, eher profan, angesichts der vorherigen Beispiele, damit beschäftigt, Zuhörer oder Leser mit Gleichstellung, Gerechtigkeit und Ergebnisgleichheit in synomymer Weise zu beschwatzen.

linke-plakatEine Erklärung dafür, dass mit Begriffsungetümen hantiert wird, deren Sinn höchst fragwürdig oder als völlig irrelevant behandelt wird, eine Erklärung für diesen willkürlichen Umgang mit abstrakten Begriffen liegt sicher darin, dass diejenigen, die diese Begriffe im Mund führen oder zu Papier bringen, keine Kognition auslösen wollen: Sie wollen keinen Inhalt vermittelt. Vielmehr geht es ihnen darum, einen Affekt auszulösen. Leser und Zuhörer sollen mit Begriffen zu positiven oder negativen Affekten manipuliert werden. Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, sie alle werden genutzt, um in Verbindung mit bestimmten Objekten Affekte auszulösen, z.B. negative in Verbindung mit Männern und positive in Verbindung mit Frauen. Es ist mehr als eine These zu sagen, dass der gesamte Staatsfeminismus auf einem affektiven Gebäude basiert, das sofort zusammenfällt, wenn man nach der empirischen Gültigkeit dieses affektiven Gebäudes fragt, wenn man fragt, ob Frauen tatsächlich benachteiligt sind, an welchen konkreten Bedingungen sich dies ablesen lässt und welche negativen Konsequenzen die vermeintliche Benachteiligung für konkrete Frauen hat.

AdenauerAlle behaupteten Benachteiligungen finden auf abstrakter Ebene in Worten statt, in Worten wie Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antifeminismus usw. alle Opfer dieser Benachteiligung durch Begriffe sind Gruppen und niemals Individuen. Nun fragt man sich, wie kann so etwas funktionieren? Wie kann es klappen, Hilda F. und Franz H. zu vermitteln, dass sie etwas davon haben, dass Dritte gegen Sexismus einen lukrativen Kampf führen oder von der EU gefördert werden, um Rassismus in Hintertupfingen, in der Südstraße 5 zu bekämpfen? Eine neue Studie, die Marlone D. Henderson im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht hat, vor allem die Ergebnisse der Studie helfen hier weiter (Marlone, 2013).

Henderson untersucht den Zusammenhang zwischen konkretem und abstraktem Denken und der Akzeptanz vorgegebener Wahlmöglichkeiten. Er untersucht mit anderen Worten, ob man das menschliche Grundbedürfnis aus so vielen Alternativen wie nur möglich auszuwählen, durch ein bestimmtes Mindset reduzieren kann. Sein Ergebnis ist beeindruckend: Man kann!

SPD-Plakat_1919In vier Experimenten zeigt Henderson, dass Personen, die in abstrakten oder eben konkreten Bahnen denken, sich erheblich darin unterscheiden, aus welcher Menge an Alternativen sie auswählen wollen. So nahmen an einem Experiment 146 Personen – unterteilt in zwei Gruppen zu je 64 und 57 Personen teil. Dabei mussten Personen in Gruppe 1 36 Objekte des täglichen Lebens anderen konkreten und ähnlichen Objekten zuordnen, während Personen in Gruppe 2 Überkategorien bilden mussten und z.B. eine Flasche Wasser der Klasse der Flüssigkeiten zuordnen. Anschließend wurde den Teilnehmern beider Gruppen ein kurzer Text über die Verwüstungen präsentiert, die ein Tornado in Texas angerichtet hat, und sie wurden informiert, dass zwei Hilfsorganisationen mit Hilfsvorschlägen um Spenden werben, wobei eine Hilfsorganisation 6 Hilfsoptionen vorgegeben hatte, die andere 35 Hilfsoptionen.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Teilnehmer der Gruppe, die eine abstrakte Aufgabe zu erfüllen hatte (Zuordnung zu Kategorien), die ein abstraktes Mindset hatten, deutlich seltener das Angebot der Hilfsorganisation nachfragten, die mehr Wahlmöglichkeiten präsentiert hat als Teilnehmer der Gruppe, die die konkrete Aufgabe zu erledigen hatte. Insgesamt zeigen alle vier Experimente von Henderson, dass mit einem abstrakten Mindset eine verringerte Nachfrage nach Wahlmöglichkeiten einhergeht: “more abstract construals reduce individuals’ general attraction to larger choice-sets” (Henderson, 2013, S.681).

Was bedeuten diese Ergebnisse? Zunächst ist festzustellen, dass es offensichtlich möglich ist, die Nachfrage nach alternativen Wahlmöglichkeiten dadurch zu reduzieren, dass man Menschen in ein abstract Mindset versetzt. Eine Reduzierung der Wahlmöglichkeiten wiederum, ist sehr nützlich, wenn man Kontrolle ausüben und sicherstellen will, dass Menschen nur bestimmte Alternativen überhaupt in Betracht ziehen. Um Kontrolle auszuüben, muss man entsprechend in Abstrakta sprechen, z.B. in Abstrakta darüber, dass die Gesellschaft das Soziale benötige, um zu funktionieren, darüber, dass Frauen im gesellschaftlichen Alltag benachteiligt seien, darüber, dass die Banker schuld daran sind, dass die Staatsfinanzen danieder liegen und vieles mehr.

FDP_plakate_53_5Ergänzt man nun noch einen weiteren Aspekt, nämlich dass die Reduktion von Alternativen auch bei Erklärungen oder Deutungsangeboten funktioniert, dann wird die Wahl abstrakter Begriffe zum Herrschaftsinstrument, das geeignet ist, Menschen um ihre Wahlmöglichkeiten zu reden. Abstraktes Geschwätz über gläserne Decken, die Wichtigkeit von Schulsozialarbeit, die Bedeutung von Hilfe, Wandel, Innovation, von Gerechtigkeit und Gleichstellung, Freiheit und Einheit wirkt gleichsam als Alternativentöter und führt dazu, dass die Zuhörer, die sich beschwatzen lassen oder die Leser, die sich den entsprechenden Lesestoff antun, in ein abstraktes Mindset abgleiten, das sie gar nicht mehr nach alternativen Erklärungen oder Deutungsmustern fragen lässt. Die Behauptung, dass Frauen als Gruppe und somit alle diskriminiert werden, wird ebensowenig anhand alternativer Deutungsmuster überprüft, wie die Behauptung, dass das Soziale alles Heil in eine Gesellschaft bringe.

Die Abstrakta starten ein Eigenleben, und dieses Eigenleben führt nicht nur zu den gewünschten affektiven Reaktionen bei vielen Zuhörern und Lesern, es führt auch dazu, dass viele gar nicht mehr bemerken, dass es alternative Deutungsmöglichkeiten gibt. Vermutlich ist dies der Grund dafür, dass z.B. in sozialistischen Gesellschaften ein so großer Zinnober um Volk, Volkseigentum, Solidarität, Genossen und die Einheit der Arbeiterklasse gemacht wurde. Je mehr abstrakte Konzepte nämlich besungen werden, desto weniger offenkundig wird es, dass die Wahlmöglichkeiten in sozialistischen Gesellschaften im Vergleich zu kapitalistischen Gesellschaften auf ein Minimum reduziert sind.

Einheit NSDAPEinheit KPDNun ist das Problem, das hier beschrieben wurde, sicher nicht das Denken in Abstrakta, sondern das Denken ausschließlich in Abstrakta und die Beseitigung der Verbindung zwischen Bezeichnendem (Abstrakta) und dem konkret Bezeichneten, wie dies z.B. bei Rassismus der Fall ist, einem Wort, das ausschließlich derogativ gebraucht wird und dessen Bestimmung affektiv und eben nicht kognitiv erfolgt. Rassismus ist, was dem Gebraucher des Begriffs als solcher vorkommt, nicht das, was kognitiv als Rassismus gefasst wird. Kommunikation wird somit zum Abklatsch von Affekten, der Gebrauch von Abstrakta zum wirren Versuch, die fehlende Verbindung zur Realität zu übertünchen.

Der beste Schutz gegen diesen wirren Gebrauch von Abstrakta und der beste Schutz davor, sich in einen Zustand der Benommenheit reden zu lassen, in dem die Wahlmöglichkeiten verschwimmen, besteht darin, nach konkreten Belegen, Beispielen und Fakten zu fragen, die kritische Methode anzuwenden, die wir auf ScienceFiles kultiviert haben, um Schwätzer zu entlarven, die vollmundig Begriffe nutzen, deren SInn sich ihnen nicht einmal auf Nachfrage erschließt.

Henderson, Marlone D. (2013). When Seeing the Forest Reduces the Need for Trees: The Role of Construal Level in Attraction to Choice. Journal of Experimental Social Psychology 49: 676-683.

Täuschung mit Methode: Munteres Datenmanipulieren im BMBF

Eine Erfolgsmeldung aus dem Ministerium, das angeblich für Bildung und Forschung zuständig ist, hat heute meine Aufmerksamkeit erregt:

Immer mehr Frauen promovieren,

so heißt es in der Pressemeldung. Und zu lesen, ist u.a. Folgendes:

BMBF“Insbesondere Frauen nutzen vermehrt ihre Bildungschancen. Dies zeigt sich auch auf der Ebene der Promotionen: Bei den unter 45-Jährigen ist der Frauenanteil an den Promovierten mit 41 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Altersgruppe der über 55-jährigen (22 Prozent). Im Jahr 2011 waren in Deutschland rund 752.000 Personen promoviert. Über alle Altersstufen hinweg betrug der Anteil der Frauen daran 31 Prozent. Mit 52% stammt etas mehr als Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”.

Was denken Sie? Sind die 752.000 Promovierten, von denen hier die Rede ist, die Grundgesamtheit, die Datenbasis, auf der die dargestellten Prozentwerte errechnet wurden? Die Pressemitteilung erweckt jedenfalls diesen Eindruck. Aber dieser Eindruck ist falsch, wie sich herausstellt, wenn man die Publikation des Statistischen Bundesamts, auf die sich die Erfolgspressemeldung des BMBF bezieht, zu Rate zieht.

Dass 752.000 Personen in Deutschland im Jahre 2011 promoviert waren, ist ein Ergebnis aus dem Mikrozensus. Der Mikrozensus ist eine 1%tige Bevölkerungsstichprobe, von der aus das Statistische Bundesamt seit Jahren munter auf die rund 80 Millionen Deutschen hochrechnet. Wenn man wissen will, zu wie vielen Haushalten und Personen tatsächlich Informationen im Mikrozensus enthalten sind, dann ist GESIS die beste Informationsadresse:

GESIS“Insgesamt nehmen rund 370 000 Haushalte mit 820 000 Personen am Mikrozensus teil; darunter etwa 160 000 Personen in rund 70 000 Haushalten in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost. … Befragt werden alle Personen im Haushalt. Fremdauskünfte für andere Haushaltsmitglieder sind unter bestimmten Voraussetzungen zulässig.”

Es ist also mitnichten so, dass im Mikrozensus Daten zu allen 752.000 Promovierten enthalten sind. Es ist vielmehr so, dass im Mikrozensus ein kleiner Teil der Promovierten enthalten ist, von dem aus die vermutliche Gesamtzahl errechnet oder hochgerechnet wird. Aber, die Aussagen, die in der Erfolgspressemitteilung des BMBF verbreitet werden, basieren nicht einmal auf dem Mikrozensus, sondern auf einer eigens angestellten Erhebung, in deren Verlauf je 10.000 promovierte und 10.000 nicht promovierte Personen angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert wurden. Tatsächliche haben sich 6.782 nicht promovierte Personen und 8.250 promovierte Personen an der Befragung beteiligt (Statistisches Bundesamt, 2013, S.6).

Was in der zitierten Pressemitteilung verkündet wird, basiert also nicht auf Daten über alle Promovierte, sondern auf den Angaben von 8.250 Promovierten, deren Aussagen unter der Annahme, dass die auf Grundlage des Mikrozensus errechnete Zahl von 752.000 Promovierten richtig ist, auf eben diese 752.000 geschätzten Promovierten hochgerechnet wurden.

Hochrechnungen sind so etwas wie Kaffeesatzlesen für Fortgeschrittene. Dabei werden bekannte Verteilungen, wie z.B. die Verteilung der Bildungsabschlüsse, die Verteilung nach Wohnsitz in Stadt oder auf dem Land oder die Verteilung nach Alter der Bevölkerung genutzt, um die vorhandenen Daten proportional hochzurechnen. Im vorliegenden Fall wird die Hochrechnung der Angaben der 8.250 Promovierten jedoch nicht auf tatsächliche Verteilungen in der deutschen Bevölkerung vorgenommen, sondern auf die geschätzten Verteilungen der deutschen Bevölkerung, wie sie auf Grundlage des Mikrozensus hochgerechnet wurden. Dies ist eine Form des Gebraucht-Kaffeesatzlesens, bei der die Ergebnisse von Kaffeesatzleser 1 die Grundlage dessen bilden, was Leser 2 in seinem Kaffeesatz findet. In jedem Fall ist es eine Irreführung der Öffentlichkeit, wenn so getan wird, als lägen Daten für alle Promovierten in Deutschland vor.

Regelmäßig enstehen bei dieser Art von Hochrechnung mehr oder weniger große Diskrepanzen, und entsprechend finden sich dann mehr oder weniger willkürliche Zusammenfassungen von Daten. Haben Sie sich eigentlich gewundert, dass der Anteil der Promovierten unter 45 Jahren mit dem Anteil der Promovierten über 55 Jahren verglichen wurde? Was ist z.B. mit den Promovierten im Alter von 46 bis 54 Jahren? Wieso wurden alle unter 45 Jahren und nicht alle unter 44 oder 40 Jahren zusammengefasst? Eine Antworte auf diese Fragen ist eine methodische, und sie kommt aus dem Statistischen Bundesamt:

Destatis“Ein Vergleich der Befragtenstruktur der Erhebung mit dem Mikrozensus 2011 zeigt, dass die Altersstruktur der Befragten nicht der der Bevölkerung entspricht. So sind jüngere Altersgruppen (Personen bis unter 45 Jahren) bei den Befragten weniger stark vertreten als in der Grundgesamtheit. Ältere Befragte sind dagegen stärker vertreten. Dies wurde zwar durch die Hochrechnung ausgeglichen, so dass die hochgerechneten Ergebnisse die Altersstruktur in der Bevölkerung widerspiegeln. Die Fallzahlen hinter den jüngeren Altersgruppen und somit auch die Auswertungsmöglichkeiten sind allerdings geringer. Die Altersgruppen unter 45 Jahren wurden aus diesem Grund bei der Hochrechnung und auch bei der Ergebnisdarstellung zusammengefasst” (20).

Die Zusammenfassung der Angaben aller unter 45-Jährigen ist demnach aus der Not geboren, weil ansonsten dem Chefstatistiker beim Statistischen Bundesamt die Haare noch steiler zu Berge gestanden hätten als sie das eh schon tun. Festzustellen ist, dass die Basis der Erfolgsaussage, also die Daten über jüngere Promovierte mehr als wackelig ist. So wackelig, dass selbst Daten die mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 10% hochgerechnet wurden, in der Erfolgsmeldung verwurstet sind, wie ein Blick auf “Tab 1A” im Anhang der Publikation des Statistischen Bundesamts zeigt. Normalerweise macht man bei einer Fehlerwahrscheinlichkeit von maximal 5% einen Schnitt, weil Aussagen jenseits einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% einfach zu fehleranfällig sind. Nicht so, wenn das BMBF einen Erfolg vermelden will. Dann werden selbst Daten von 8.250 Promovierten, die auf Angaben von 820.000 Personen hochgerechnet wurden, die wiederum auf 80 Millionen Deutsche hochgerechnet wurden, eben einmal als Vollerhebung ausgegeben.

Warum der Vergleich zwischen den weiblichen Promovierten, die unter 45 jahren alt sind und den weiblichen Promovierten, die über 55 Jahre alt sind? Nun, hätte man andere Vergleichsgruppen gewählt, es wäre keine “Verdoppelung” des Anteils der Promovierten dabei herausgekommen, wie die folgende Abbildung, die die Anteile der Promovierten nach Geschlecht darstellt, wie sie aufgrund der Angaben von 8.250 Promovierten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden, zeigt.

Promovierte DESTATIS

Statistsiches Bundesamt, 2013, S.25

Bleibt noch der letzte Satz aus der zitierten Sequenz der Pressemitteilung: “Mit 52 Prozent stammt etwas mehr als die Hälfte aller Promovierten aus Nichtakademikerfamilien”. Beim Statistischen Bundesamt liest sich dies anders:

Destatis“Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass fast die Hälfte der Promovierten selbst aus Akademikerfamilien stammt (48 %) (vgl. Tab. 2 und Tab. 3A). Nur 4 % stammen aus Familien, in denen kein Elternteil eine berufliche Ausbildung abgeschlossen hat. Auch im Hinblick auf den höchsten allgemeinbildenden Abschluss der Eltern zeigen Promovierte eine deutliche Tendenz hin zu höheren Abschlüssen: 55 % stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil die Fachhoch-/Hochschulreife als höchsten Abschluss aufweist. Selbst verglichen mit der Struktur der Hochqualifizierten insgesamt weisen Promovierte höhere Anteile von Eltern mit Fachhoch-/Hochschulreife bzw. Fachhoch-/Hochschulabschluss auf” (27-28).

framingWer bislang gelaubt hat, die Form der Manipulation, wie sie in der vorliegenden Pressemitteilung enthalten ist, sei Zufall und der Unkenntnis geschuldet, die in Ministerien herrscht, wenn es um die Realität geht, der sieht sich getäuscht. Die Täuschung hat Methode, und wenn es darum geht, die angeblich so hervorragende Politik der Begünstigung von Frauen an deutschen Universitäten in Lobeshymnen zu besingen, dann ist die Tatsache, dass Promovierte eine sozial höchst stratifizierte Gruppe darstellen, in die Kinder aus Arbeiterfamilien nicht vorstoßen, gute Stimmung zerstörend. Offensichtlich will man das Feiern der eigenen Illusionen nicht von der Realität in Deutschland trüben lassen, die darin besteht, dass Kinder aus klassichen Arbeiterfamilien, kaum eine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere haben und dass entsprechend, wenn man unbedingt fördern wollte, es Kinder aus Arbeiterfamilien wären, denen man einen besseren Zugang zu Universitäten und Promotionen ermöglichen müsste, aber mit Sicherheit nicht Frauen. Wie gesagt, dass Promovierte eine weitgehend sich selbstrekruitierende soziale Gruppe sind, die fast hermetisch gegenüber unteren sozialen Klassen abgeschlossen ist, das interessiert das BMBF und allen voran die derzeitige Ministerin Wanka nicht. Sie will sich feiern:

“Diese Entwicklungen sind erfreulich. Die Zahlen steigen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Insbesondere verdeutlichen sie, dass es uns gelingt, immer mehr Frauen zu ermutigen, ihre Potentiale auch auszuschöpfen”.

Einmal davon abgesehen, dass dies eine Leerformelsammlung ist (erfreulich, Zahlen steigen, auf dem richtigen Weg), muss man dann wohl feststellen, dass Ministerin Wanka an den Potentialen von Arbeiterkindern kein Interesse hat oder vielleicht denkt sie auch, Arbeiterkinder sind dumm, sonst wären sie keine Arbeiterkinder geworden…

Statistisches Bundesamt (2013). Hochqualifizierte in Deutschland. Erhebung zu Karriereverläufen und internationaler Mobilität von Hochqualifizierten. Wiesbaden: destatis.

Herz-Schmerz-Opus: Die ARD verfälscht munter Daten

Armut macht krankHeute findet sich auf Tagesschau.de ein Herz-Schmerz-Opus, in dem sich Sandra Stalinski über die fetten und diabetischen Armen auslässt. Die selbsternannte Reglementiererin der Armen wartet in ihrem Beitrag mit einer Reihe von Behauptungen, Daten und vermeintlichen Erkenntnissen auf, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind falsch. Einmal mehr zeigt sich, dass Journalismus in Deutschland zum Betroffenheits-Fabulieren selbsternannter Möchtegern-Weltverbesserer geworden ist, einmal mehr zeigt sich, dass es derzeit in bestimmten Kreisen schick zu sein scheint, auf die fetten und rauchenden Unterschichtler zu schimpfen. Das ist natürlich meine deutliche Sprache, im Tagesschau.de geeigneten Deutsch heißt das: “Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen ein Schichten und Bildungsproblem”, so wird Frank Ulrich Montgomery zitiert, der darüber hinaus alarmiert darüber sein soll, dass die “Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander” gehe, was wie er woher auch immer weiß, dazu führen müsse, dass sich “die Gesundheitsprobleme” [Gesundheitsprobleme halt, arme Unterschichtler werden schon ein Gesundheitsproblem haben, das man vermarkten kann] verschärfen.

Fangen wir damit an, dass “Armut krank macht”, wie der unsinnige Titel des ARD-Beitrags behauptet. Nun ist Armut ein Zustand, der als Zustand nicht krank machen, also einen anderen Zustand herbeiführen kann. Man muss die unsinnige Überschrift also transferieren, etwa in: “Arme sind häufiger krank als Nicht-Arme” oder “Kranke sind häufiger arm als Nicht-Kranke”. Beide Aussagen sind voneinander verschieden, und beide Aussagen geben keine Kausalität an. Genau das behauptet aber die Überschrift: Armut sei kausal für Krankheit. Entsprechend war schon meine Operationalisierung ein Entgegenkommen, denn die im unlogischen Raum frei flottierende Autorin impliziert allen Ernstes, dass wer nicht arm ist, nicht krank werden kann, denn Armut macht krankt, nicht Nicht-Armut.

Da es Kranke gibt, die nicht arm sind, ist diese Aussage offenkundig falsch. Mehr noch: Sie stimmt nicht einmal für Arme, denn, wie das Statistische Bundesamt endgültig festgestellt hat:

„Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Stalinski in der ARD fabuliert, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Diese “relative Armut” ist der Gegenstand der “zahlreichen Studien” von denen Stalinski im ersten Absatz fabuliert, nicht absolute Armut wie Stalinski suggeriert.

Aber Stalinski beruft sich nicht auf die “zahlreichen Studien” zu relativer Armut: Um ihre unsinnge Behauptung zu stützen, dass nämlich Armut krank macht, missbraucht sie Daten aus der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” (DEGS1), wobei interessanter Weise kein Beleg angegeben ist, damit niemand nachprüft, vermutlich. Hier zunächst, was Stalinski der “soeben veröffentlichten Studie des RKI [Robert Koch Institut] zum Thema [Armut macht krank]” entnommen haben will:

ARD Datenfaelschung“36,2% Prozent der Frauen mit niedrigem sozialen Status [sind] adipös, also fettleibig (Männer 28,8 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem soziale Status nur 10,5 Prozent (Männer 15,5 Prozent) sind. Ähnlich verhält es sich bei Diabetes mellitus. 11,8 Prozent der sozial benachteiligten Frauen erkranken daran (Männer: 11 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem sozialen Status nur 3,2 Prozent sind (Männer: 6,3 Prozent).” Weitere Ergebnisse finden sich in einer Tabelle, die ich hier als Abbildung eingefügt habe.

Wie gesagt, Frau Stalinski gibt die Quelle ihrer Erkenntnis, die entsprechende Veröffentlichung des RKI, der sie den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit entnommen haben will, nicht preis. Wer die Reihe DEGS1 des RKI kennt, weiß, dass sie eine Vielzahl von Einzelpublikationen enthält, so dass man das Fehlen eines konkreten Belegs im Beitrag von Frau Stalinski als bewusste Unterschlagung werten muss. Unter diesen Einzelpublikationen findet sich eine Publikation mit dem Titel “Sozioökonomischer Status und Gesundheit”, von T. Lampert et al. und im Bundesgesundheitsblatt 56 (Mai 2013) veröffentlicht. Und es ist auf Seite 816 dieser Publikation, dass die Suche nach dem Ursprung der Daten von Stalinski erfolgreich ist.

Zunächst zum Gegenstand. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Lampert et al. ihren Beitrag mit “Sozioökonomischer Status …” überschrieben haben und eben nicht mit “Armut”. Sozioökonomischer Status oder SES wiederum ist aus Veröffentlichungen von WHO und OECD bestens bekannt und wird, wie Lampert et al. in ihrem Beitrag so deutlich schreiben, dass es selbst Frau Stalinski gelesen haben könnte, wie folgt berechnet:

Armut

Armut

“Der sozioökonomische Status wird in DEGS mithilfe eines Index erfasst … Der sog. SES-Index wird auf Basis von Informationen zur schulischen und beruflichen Bildung, zur beruflichen Stellung sowie zum Netto-Äquivalenzeinkommen als mehrdimensionaler Punktsummenscore berechnet. Dabei werden die 3 Ausgangsvariablen zunächst in metrische Skalen überführt, die Werte zwischen 1,0 und 7,0 annehmen können. Da die 3 Dimensionen mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung des SES-Index eingehen, reicht der Wertebereich von 3,0 bis 21,0. Ausgehend von dem Index wird für die Analysen eine verteilungsbasierte Abgrenzung von 3 Statusgruppen vorgenommen, wobei die niedrige und hohe Statusgruppe jeweils 20% der Bevölkerung und die mittlere Statuusgruppe 60% der Bevölkerung umfasst” (815) [Hervorhebung von mir].

Es ist eine Eigenart dieser Berechnung, dass eine Hausfrau mit Abitur, die – weil auf Elterngeld und in der Ausbildung – unter 60% des Median-Einkommens liegt, zu den unteren 20% im SES-Index zählt, ebenso wie der Bundeswehrsoldat, der Hauptschulabschluss hat und knapp über der 60%-Grenze des Nettoäquivalenzeinkommens liegt. Auch Studenten, die von Bafög und Gelegenheitsjobs leben, haben eine gute Chance, sich in der niedrigen Kategorie von SES wiederzufinden. Kurz: Ein niedriger sozio-ökonomischer Status hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Man sollte von einer Journalistin erwarten können, dass sie in der Lage ist, diesen Unterschied zu erkennen bzw. erkennen zu wollen. Aber natürlich ist dazu eine Transferleistung vonnöten und wie die PISA-Studien gezeigt haben, hapert es mit Transferleistungen bei deutschen Schülern und offensichtlich, so muss man ergänzen, auch oder gerade bei Journalistinnen.

Nun zu den Daten, die belegen sollen, dass Armut krank macht. Ich bitte die Leser sich noch einmal die Tabelle anzusehen, in der von Frauen und Männern und von sozial benachteiligten Frauen und Männer die Rede ist. Es reicht, die Prozentwerte zum schlechten subjektiven Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dazu heißt es in der Publikation des RKI (Lampert et al., 2013):

“Nach den DEGS1-Daten schätzen 25,3% der 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland ihren allgemeinen Gesundheitszustand als “mittelmäßig”, “schlecht” oder “sehr schlecht” ein. Auf Frauen trifft dies mit 27,1% häufiger zu als auf Männer mit 23,4%.” Vermutlich sehen sie andere Prozentwerte in der Tabelle von Frau Stalinski – falsche! Denn: “Frauen mit niedrigem SES schätzen zu 43,5% ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht ein. In der mittleren und höheren Statusgruppe sind es 26,2% bzw. 11,8%. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 36,7% in der niedrigen, 22,3 in der mittleren und 14,2 in der hohen Statusgruppe” (816).

Wie sich zeigt, werden auf Tagesschau.de entweder Daten mutwillig gefälscht oder es werden willkürlich irgendwelche Daten präsentiert, in der Erwartung, dass sie niemand nachprüft. So gibt es im Bericht des RKI keine Daten für “sozial benachteiligte” Männer oder Frauen, es gibt keine Daten für einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. Und die Werte, die in der Tabelle für Männer und Frauen angegeben werden, sind falsch, denn es handelt sich um die Werte für Männer und Frauen in der oberen 20%-SES-Gruppe.

Wer nun denkt, damit wäre die Verbreitung falscher Daten am Ende, der sei an das Zitat aus dem Bericht der ARD erinnert: “nur” 11,8% der sozial benachteiligten Frauen, so heißt es da, erkranten an Diabetes mellitus, nur 3,2 Prozent der Frauen mit hohem sozialen Status und die entsprechenden Zahlen für Männer sind 11 Prozent und 6,3%. Was nun steht im Original? Welche Ergebnisse haben die Forscher des RKI tatsächlich veröffentlicht:

“Die Lebensprävalenz für Diabetes mellitus liegt in der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung bei 7,4%, wobei nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen (7,5% gegenüber 7,2%). Mit zunehmendem Alter steigt die Verbreitung von Diabetes mellitus deutlich an, bis auf 17,5% bei 65- bis 79-jährigen Frauen und 21,4% bei gleichaltrigen Männern”. Nun der vermeintlich von Stalinski zitierte Teil: “Von den Frauen mit niedrigem SES wurde bei 11,8% schon einmal Diabetes festgestellt. Die Vergleichswerte für Frauen mit mittlerem und hohem SES betragen 7,3% und 3,2%. Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen. Die Prävalenz beträgt in dieser Gruppe 11,0%, während sie bei Männern mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status bei 6,1% bzw. 6,3% liegt” (816).

counterfeiterMan beachte, dass die zitierte Passage die Daten in einen Rahmen einordnet, der keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt. Man beachte ferner, dass “soziale Benachteiligung” im Text des RKI nicht vorkommt. Beides entstammt der Phantasie von Frau Stalinski, die sich offensichtlich wünscht, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer und es gerne sähe, würden Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status benachteiligt. Außer Frau Stalinski wünscht sich das jedoch (hoffentlich) niemand, und deshalb beschreibt der soziale Status eine Lebenssituation (die sich ändern kann), er beschreibt einen gegenwärtigen Zustand und keine Handlung Dritter, die Inhaber des entsprechenden sozioökonomischen Status’ benachteiligen oder diskriminieren. Wie gesagt dies alles entspringt der erschreckenden Phantasie von Frau Stalinski.

So einfach ist Meinungsmache in Deutschland. Man stellt eine unsinnige Behauptung auf: Armut macht krank, zitiert dazu eine Person, die vielleicht als “kompetent” durchgeht, die etwas behauptet, was irgendwie unter das Rubrum “Armut macht krank” passt. z.B. weil ähnlich klingende Begriffe verwendet werden. Man sucht im nächsten Schritt Daten, die passen könnten, unterschlägt , dass die Daten nicht Armut sondern sozioökonomischen Status messen (oder versteht den Unterschied nicht), unterschlägt weiter, dass nicht “schlechter Gesundheitszustand”, sondern mittelmässig bis sehr schlechter Gesundheitszustand dargestellt wird, macht aus dem Zustand “niedriger SES” eben einmal “sozial benachteiligt” und schon ergibt sich ein veritabler Brei von Unsinn, der zwar nicht der Empirie entspricht, sondern schlicht fabuliert ist, aber der sich trefflich von denen nutzen lässt, die sowieso und ständig auf der Suche nach Munition für ihre ideologischen Schlachten sind.

Öffentliche Medien haben eine Sorgfaltspflicht. Falsche Informationen, Propaganda und ideologische Verfälschungen haben in Medien, die von Gebührenzahlern finanziert sind, keinen Platz, und entsprechend sollte sich die ARD schnellstens daran machen, diesen falschen Bericht richtig zu stellen und Frau Stalinski zu entlassen, denn wer dermaßen unbedarft ans Werk geht, vor dem muss die lesende Welt geschützt werden.

Ich habe meinerseits eine Email an das RKI geschrieben und eine Stellungnahme angefordert. Hier meine Email an den Präsidenten des RKI:

Sehr geehrter Herr Burger,
die heutige Ausgabe von Tagesschau.de enthält einen Text, in dem unter der Überschrift “Armut macht krank” Daten des RKI präsentiert werden. Nahezu alle präsentieren Daten sind falsch bzw. verfälscht, und es wird der Eindruck erweckt, das RKI werde von einer Anzahl methodisch illiterater Forscher bevölkert, die nicht wissen, was Sie erhoben und ausgwertet haben. Der Beitrag ist für das RKI in höchstem Maße rufschädigend, und ich halte es von daher für ratsam, wenn Sie eine Richtigstellung veranlassen.
Hier der ARD-Beitrag:

http://www.tagesschau.de/inland/armutgesundheit100.html

und hier meine Besprechung des ARD-Textes auf dem Wissenschaftsblog ScienceFiles:

http://sciencefiles.org/2013/05/28/herz-schmerz-opus-die-ard-verfalscht-munter-daten/

P.S.

Man kann natürlich auch das RKI nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Was die Forscher dazu verleitet hat, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als “mittelmäßig” mit den Einschätzungen “schlecht” und “sehr schlecht” zu kombinieren, ist ein Frage, deren Antwort zu finden jedem selbst überlassen ist. Methodisch Versierte werden vermutlich vermuten, dass die Mittelkategorie (wie zumeist) “mittelmäßig” deutlich stärker besetzt ist als die beiden Extremkategorien, und falls dies der Fall sein sollte, haben die RKI-Forscher ihren Teil zur Irreführung der Öffentlichkeit beigetragen. Zudem verkaufen uns die Forscher eine Korrelation als Kausalität “Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen.” Das ist ebenfalls ein massiver Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit, aber ich befürchte, es ist heutzutage dem Fehlen einer Methodenausbildung an den meisten Universitäten anzulasten.

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Die Mutation einer Nachricht oder öffentlich-rechtliche Meinungsmache

Medienwirkungstheorien weisen Medien in der Regel Effekte auf den öffentlichen Diskurs zu. Medien strukturieren den öffentlichen Diskurs, in dem sie eine Agenda setzen ( die sie, nolens volens aus der Agenda des öffentlichen Diskurses entnommen haben). Medien geben bestimmten Themen Prominenz oder “Sichtbarkeit” (Salience), sie betonen bestimmte Themen vor anderen (Priming) und haben eine Gatekeeping-Funktion. Besonders die Gatekeeping-Funktion ist sehr interessant, denn die Forschung, Jaeckeldie sich dahiner versteckt, fragt danach, wie bestimmte Themen in die Medien kommen, genauer: Wie Redakteure in Medienanstalten (Anstalten!) aus der Flut der Informationen diejenigen aussortieren, die sie für berichtenswert halten. Untersuchungen in diesem Bereich, die in den USA eine lange Tradition haben, erbrachten dabei regelmäßig Ergebnisse, die die Hoffnung auf “objektive Medien” oder den Glauben an “objektive Medien” heftig erschüttert haben, in dem sie die Auswahl der Themen als Ergebnis von Vorlieben eines bestimmten Redakteurs, Weisungen, von Vorurteilen und Stereotypen, die besonders bei Medienschaffenden in endemischem Ausmaß vorhanden zu sein scheinen, ausgewiesen haben (dazu gibt es gute Abhandlungen in Kepplinger, 1989, S.9-15 und in Jäckel, 2005, S.185-210). Diese Ergebnisse bitte ich die Leser bei der nun folgenden Reise, deren Ziel darin besteht, die Mutation einer Nachricht nachzuvollziehen, im Kopf zu behalten (Übrigens gehen alle angesprochenen Theorien davon aus, dass die Nachricht, die von Medien veröffentlicht wird, irgendwie mit der Realität, über die berichtet wird, übereinstimmt. Eine Annahme, die nicht immer zutreffen muss, wie sich gleich zeigen wird.)

Ausgangsmeldung

Die Reise beginnt mit einem Informationsblatt für Medienvertreter, das auf den Seiten der “Drogenbeauftragten der Bundesregierung” zu finden ist, und mit hoher Wahrscheinlichkeit (es kommen Zahlen darin vor) von Mitarbeitern des Bundeskriminalamts erstellt wurde. Darin finden sich unter “Zahl der Drogentoten”, die folgenden Angaben:

  • Im Jahr 2012 sank die Zahl der drogenbedingten Todesfälle auf 944 (minus 4 Prozent gegenüber 2011 mit 986) und damit auf den niedrigsten Stand seit 1988 (1988: 670).
  • Haupttodesursache: Überdosis von Heroin/Morphin in Verbindung mit anderen Substanzen.
  • Der männliche Anteil der Drogentoten betrug 81 Prozent.
  • Der Altersdurchschnitt der Drogentoten lag mit über 37 Jahren leicht über dem des Vorjahres.

Mutation 1

politiciansWie immer wenn Zahlen, die etwas über einen Ausschnitt der Realität in Deutschland aussagen, veröffentlicht werden, müssen sich “Beauftragte” oder Politiker zu Wort melden, die die Daten mit ihrer jeweiligen Ideologie mischen, um die daraus entstehende Pampe “den Bürgern” servieren zu können. Im vorliegenden Fall hat sich Mechthild Dyckmans, die Rechtswissenschaft studiert hat und von der deshalb niemand erwartet, dass sie mit Zahlen oder mit Realität umzugehen vermag, an den oben dargestellten Informationen, dem darin enthaltenen Datenmaterial, versucht. Das Ergebnis steht in einer “Gemeinsamen Presseerklärung” und lautet:

“Es ist erfreulich, dass immer weniger Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums sterben. Das zeigt, dass unsere Beratungs- und Hilfsangebote sowie die zur Verfügung stehenden Angebote wirken. Aber jeder Drogentote ist einer zu viel. Deshalb müssen wir alles tun, damit diese Angebote erhalten bleiben und noch besser auf Risikogruppen zugeschnitten werden. Besonders über die Gefahren des Mischkonsums muss noch besser aufgeklärt werden. Sorge bereitet mir, dass die Zahl der verstorbenen Frauen angestiegen ist”.

Mutation 1 enthält zunächst einmal einen Fehlschluss, denn ob der Rückgang der Drogentoten etwas mit den Hilfsangeboten zu tun hat, wäre zu klären. Auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten könnte man auch davon ausgehen, dass die Zahl der Drogentoten trotz der Hilfsangebote zurückgegangen ist. Über die Wirkung von Hilfsangeboten sagen die vorhandenen Daten nämlich schlicht nichts aus. Aber der Drogenbeauftragten ist diese Wertung besonders wichtig, haben doch soziale Probleme, die geringer werden, die unangenehme Konsequenz, dass die Steuermittel, die zur Beseitigung der nämlichen sozialen Probleme eingesetzt werden, reduziert werden könnten. Und die Angst, dass die finanziellen Mittel für die eigene Organisation reduziert werden könnten, hat noch jeden Funktionär auf die Beine gebracht und seiner Phantasie Flügel verliehen. Entsprechend fliegt Dyckmans auf die Erhaltung der Angebote auch bei geringerer Nachfrage und, ja, eigentlich sind trotz Rückgang mehr Mittel notwendig, denn die Angebote müssen noch besser auf Risikogruppen zugeschnitten werden.

Schon komisch, dass dann, wen offensichtlich nicht gut zugeschnitte “Angebote” zu einem Rückgang von Drogentoten führen, die entsprechenden Angebote noch besser zugeschnitten werden müssen. Das ist zumindest legitimationsbedürftig, und was wäre besser, um Ausgaben im heutigen Klima zu legitimieren als Frauen zu instrumentalisierung und einmal mehr zu viktimisieren? Folgerichtig machen Frauen der Drogenbeauftragten Sorgen (den Anlass zur Sorge hat Ihr offensichtlich ein williger Referent aus einer Tabelle, die dem Informationsblatt für Medienvertreter angehängt ist, beschafft) und nicht etwa die 944 Drogentoten, ja nicht einmal die 177 weiblichen Drogentoten machen Frau Dyckman Sorge, sondern der Anstieg um 33 weibliche Drogentote macht ihr Sorgen. Gerechnet auf die Anzahl aller Drogentoten ist dies ein Anstieg um rund 4%, ein Anstieg, den man nicht groß genug reden kann und neben dem die Tatsache, dass 81% der Drogentoten im Jahre 2012 männlich sind, natürlich verblasst und keinerlei Anlass zur “Sorge” bereitet.

Mutation 2

Media distortionMedien, einst von Politikwissenschaftlern als vierte Gewalt aufgebaut und zum Kontrollorgan von politischen Parteien und Herrschaftssystem stilisiert, haben seither regelmäßig und in deutlicher Weise gezeigt, dass sie nichts von beidem sind. Weder kontrollieren Medien noch sind sie eine vierte Gewalt, bestenfalls eine vierte Kolonne. Dafür können Medien jedoch nichts, denn Medien sind einfach nur Begriffshüllen, die von Medienschaffenden bewohnt werden. Und unter diese Medienschaffende verirren sich ganz offensichtlich kaum mehr kritische Geister oder Personen, die versuchen, Nachrichten an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Die meisten Medienschaffenden scheinen ihre Aufgabe nicht in der Information, sondern in der Desinformation zu sehen, in der Vermittlung um ideologische Bewertungen angereicherter und sinnentstellter “Inhalte”. Entsprechend dieser “Agenda” ist bei der ARD aus der hier berichteten Meldung, Folgendes geworden:

Mehr Frauen sterben an Drogen. … Dramatisch allerdings ist die Situation bei den Frauen. Im vergangenen Jahr starben 177 und damit 33 mehr als im Jahr zuvor. Drogenbeauftragte Dyckmans (FDP) äußerte sich besorgt: “Hier müssen wir sehen, ob die Angebote nicht ausreichend sind.”

Ich bin mittlerweile zu der Ansicht gelangt, dass Genderismus ein Krankheitsbild darstellt. Personen, die mit Genderismus infiziert sind, zeichnen sich durch eine psychopathologische Fixierung auf das weibliche Geschlecht aus, sehen in Veränderungen von 4% dramatische Situationen und sind permanent im sozialtechnologischen Hilfemodus unterwegs. Ich habe bereits über das Frauenbild dieser selbsternannten Gutmenschen geschrieben und will mich hier nicht wiederholen. Allerdings kann ich es mir nicht verkneifen, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass derartige Formen von Wahnsinn, wie sie der Genderismus hervorbringt, früher zur Institutionalisierung oder doch zumindest zur Ruhigstellung der Befallenen geführt haben, während sie heute munter in öffentlich-rechtlichen Sendern herumzuspringen scheinen. Der von mir so gerne zitierte Bertrand Russell hat es einst furchtbar gefunden, dass die einzige Möglichkeit, den Irren, der sich für ein Rührei hält, als irr beurteilen zu können, sich daraus ergeben könnte, dass er sich in der Minderheit befindet. Was er wohl sagen würde, wäre er heute und nur für kurze Zeit deutschen öffentlich-rechtlichen Medien ausgesetzt? – Kaum vorstellbar.

Literatur

Jäckel, Michael (2005). Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Kepplinger, Hans Mathias (1989). Theorien der Nachrichtenauswahl als Theorien der Realität. Aus Politik und Zeitgeschichte B15: 3-16.

UNICEF-Studie: Kinder antworten, Erwachsene fabulieren und missbrauchen

UNICEF ist ein Anhängsel der UN, das sich die folgende Aufgabe gestellt hat:

“Unter dem Leitsatz “Gemeinsam für Kinder” setzt sich UNICEF weltweit dafür ein, die Kinderrechte für jedes Kind zu verwirklichen”.

UNICEF FUndsUm diese Aufgabe zu erfüllen, standen UNICEF im Jahre 2011 3,7 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, davon kamen rund 61% von Steuerzahlern weltweit, während 29% von privaten Spendern bzw. von Nicht-Regierungsorganisationen stammten, von denen wiederum viele aus Steuermitteln finanziert werden. Entsprechend kann man feststellen: UNICEF wird aus Steuermitteln sehr üppig finanziert, um sich weltweit für “Rechte für Kinder” einzusetzen. Dazu unterhält UNICEF in 190 Ländern Niederlassungen, um vor Ort für “Rechte für Kinder” einzutreten.

Nun gibt es einen gewissen Unterschied zwischen einem Land wie Burkina Faso mit z.B. einer Säuglingssterblichkeit von 8% und Deutschland mit einer Säuglingssterblichkeit von 0.3%, was die Dringlichkeit angeht, sich für “Rechte für Kinder” einzusetzen. Aber, vermutlich aus vorbeugenden Gründen unterhält UNICEF auch in Deutschland ein umfangreiches Hilfsangebot, das die entsprechende personelle Ausstattung und natürlich auch die entsprechende Finanzierung voraussetzt.

BFpovertyAngesichts von 200 Milliarden Euro, die jährlich in Deutschland in die Familienhilfe investiert werden, kann man jedoch nicht unbedingt behaupten, dass Kinder es in Deutschland schwerer hätten als z.B. Kinder in Burkina Faso, aber das hindert die UNICEF nicht daran, alle 3 Jahre in großem Stil die Lage der Kinder in Industrieländern zu untersuchen, und der Bericht 2013, der auf Daten aus den Jahren 2009/2010 beruht, wurde gerade der Öffentlichkeit vorgestellt, Überschrift: “Leistungsstark, aber unglücklich”. Wer diesen Bericht im englischen Original liest oder die deutsche “Kurzfassung”, der kommt nicht umhin festzustellen, dass hier versucht wird, Luxusprobleme herbeizureden. So findet sich auf Seite 4 der deutschen Zusammenfassung die folgende Darstellung:

Nur knapp 95 Prozent der Kinder werden hierzulande gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft – mit dieser Rate liegt Deutschland nur im unteren Mittelfeld (Platz 19). In Ungarn und Griechenland beträgt der Anteil rund 98 Prozent. Lediglich beim Vergleich der Todesraten von Kindern und Jugendlichen im Alter von 1-19 schneidet Deutschland etwas besser ab als der Durchschnitt der Industrieländer und belegt Platz sieben. Etwas mehr als 15 pro 100.000 Todesfälle entfallen hierzulande auf diese Altersgruppe…”.

Wie derartige Aussagen wohl einem Jugendlichen in Burkina Faso vorkommen, der auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 54 Jahren blickt. Vermutlich reibt er sich verwundert die Augen ob der Luxusprobleme, die in Deutschland bei UNICEF gewälzt werden. Aber natürlich hat eine Organisation wie UNICEF nichts davon, die Verhältnisse von Kindern in westlichen Industrienationen trotz des Elends, das Kinder in Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas teilen, als gut darzustellen, denn wenn etwas gut ist, muss man es nicht mehr verbessern. Und was macht UNICEF-Deutschland dann? Abgesehen davon gilt es den eigenen Anspruch auf den Kampf für die “Rechte für Kinder” gegen die vielen steuerfinanzierten Sozialhelfer in Deutschland durchzusetzen, die auch der Ansicht sind, sie würden für “Rechte für Kinder” kämpfen bzw. sich darum kümmern, ganz zu schweigen von den vielen Kinderärzten, -psychologen, Logopäden und all jenen, deren Einkommen aus der Aufrechterhaltung einer Kinder-Infrastruktur stammt, von der Kinder in Ländern des “globalen Südens”, wie es heute heißt, nur träumen können.

021686319-der-unicef-bericht-zur-lage-der-kinder-inUnd weil man nicht wirklich behaupten kann, in Deutschland gäbe es arme Kinder oder Kindersterblichkeit, die nennenswert wäre oder gar Probleme mit Kinderarbeit usw. hat man sich im diesjährigen Bericht etwas ganz besonderes einfallen lassen: Deutsche Kinder sind nämlich unglücklich. Diese Erkenntnis entstammt einer (vermutlich repräsentativen) Befragung, in der 11-, 13- und 15-jährigen vermutlich die folgende Frage gefragt wurde [Ich vermute, die UNICEF-Befragung enthält die folgende Standardfrage zur Lebenszufriedenheit, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass in der UNICEF-Befragung irgend etwas Innovatives zu finden ist]:

Wie zufrieden bist Du, alles zusammen genommen, mit Deinem Leben. Bitte benutze für Deine Antwort die folgende Skala, auf der “1″ für sehr unzufrieden und “10″ für sehr zufrieden steht. [Kenner der Materie werden feststellen, dass die Skala keine Mitte hat, was den netten Effekt hat, dass man IMMER schiefe Verteilungen erhält, da man bei einer unterstellten Normalverteilung diejenigen Befragten, die die Mitte gewählt hätten (weder zufrieden noch unzufrieden) zwingt, sich für eine Seite zu entscheiden.]

Diese Frage haben die Meinungsforscher, die für UNICEF unterwegs waren, also gefragt, und dann haben Sie alle Antworten ab und einschließlich des Skalenwerts “6″ aufwärts addiert und den Anteil der Zufriedenen berechnet. Für Deutschland hat sich dabei ein Anteil von 84,x% der befragten 11-, 13- und 15-jährigen ergeben, die zufrieden sind. Katastrophe!

“Anfang der 200er Jahre gaben noch etwas mehr als 85 Prozent der 11-, 13- und 15-jährigen Deutschen einen positiven Wert von sechs oder höher an. Nach der neuesten Studie ist dieser Anteil [der Zufriedenen] auf knapp unter 85 Prozent der Jugendlichen gesunken. Im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland damit von Platz 12 (von damals 21 Ländern) auf Platz 22 (von 29) abgerutscht.”

How-to-lie-deceive-spread-disinformation-guide-tactics-size485c

Click for more information

Normale Beobachter hätten aus der Tatsache, dass der Anteil der Zufriedenen einmal knapp über und einmal knapp unter 85% liegt, geschlossen, dass sich nichts verändert hat. Aber bei der UNICEF gibt es keine normalen Beobachter, und vor offensichtlich geht es darum, neue Felder für eigene Tätigkeiten (die natürlich mit Steuergeldern finanziert werden müssen) zu eröffnen und ideologische Arbeit zu betreiben. Dass bei UNICEF Ideologen am Werk sind, die aus einem Regentropfen eine Jahrhundertflut herbeireden zu können glauben, wird deutlich, wenn man die Bewertung der Tatsache, dass sich knapp 85% der befragten deutschen Jugendlichen als “zufrieden” bezeichnen, liest:

“Politik, Medien und Forschung dürfen Kinder nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Diese Forderung hatte UNICEF bereits nach den früheren Studien zum kindlichen Wohlbefinden erhoben. In der jetzt vorgelegten Studie stürzt Deutschland auf Platz 22 von 29 Ländern ab, wenn Jugendlichen ihre Lebenszufriedenheit bewerten. Die Mädchen und Jungen stellen damit ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus.

Die Art und Weise, wie hier die Daten fehl interpretiert werden, lässt selbst die Manipulationsversuche von Viviane Reding erblassen. Um es noch einmal zu wiederholen: Im Jahre 2000 gaben etwas mehr als 85% der befragten Jugendlichen an, zufrieden zu sein, im Jahr 2010 waren es etwas weniger als 85%. Im Jahr 2000 hatte Deutschland Platz 12 unter 21 Ländern inne und somit neun Länder hinter sich, im Jahr 2010 Platz 22 von 29 Ländern und somit sieben Länder hinter sich. Wie man daraus einen “Absturz” konstruieren kann, bleibt auf ewig das Geheimnis der UNICEF. Aber damit nicht genug: Nicht nur gibt es keinen Absturz, es gibt auch keinerlei Daten, die darauf hindeuten würden, dass Kinder in Deutschland ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt werden. Die entsprechende Behauptung ist reine UNICEF-Fiktion, und sie steht in keinerlei Zusammenhang zu dem, was die befragten Jugendlichen gesagt haben.

unicef_logoMan sieht hier deutlich, wie die Verantwortlichen der UNICEF die von ihnen befragten Kinder und Jugendlichen missbrauchen, um die eigene Agenda mit Antworten der Jugendlichen, die zwar nichts damit zu tun haben, aber dennoch entsprechend manipuliert werden, zu unterfüttern. Wenn dieses Vorgehen das Vorgehen einer Organisation ist, die für “Rechte für Kinder” eintritt, dann ist es vermutlich besser Kinder verzichten auf Rechte, wie sie der UNICEF vorschweben.

Unnötig darauf hinzuweisen, dass die kritischen Journalisten der ARD die UNICEF-Geschichte komplett geschluckt haben – schließlich geht es um Kinder, da muss man nicht recherchieren, und natürlich kommt bei der ARD niemand auf die Idee, er könne von UNICEF zum Werkzeug für deren Interessen instrumentalisiert werden.

Manege frei für das Bundesforum Männer

Europäische Kommissare, allen voran Viviane Reding, sind immer dann, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen, sehr gewieft. Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie Frau Reding die Daten des Eurobarometer missbraucht und missinterpretiert, um ihre Agenda durchzuziehen und Unterstützung für ihren Plan zu erschleichen, die unternehmerische Freiheit abzuschaffen und börsennotierten Unternehmen vorzuschreiben, wie viele Frauen in ihrem Aufsichtsrat sitzen müssen. Neben der Manipulation der öffentlichen Meinung sind auch sogenannte “public consultations [öffentliche Konsultationen]” ein beliebtes Mittel, das die Europäische Kommission immer dann nutzt, wenn es darum geht, die eigene Politik als von gaaaanz vielen anderen unterstützt darzustellen. Zu diesem Zweck werden dann regelmäßig Stakeholder aufgefordert, Fragen zu beantworten, die die Kommission, in diesem Fall die DG Justiz von Frau Reding vorbereitet hat.

Public ConsultationDie öffentlichen Konsultationen gleichen einem Wanderzirkus, bei dem nach einander unterschiedliche Stakeholder durch die Manege geführt werden, um dort auf Zuruf “Männchen” zu machen oder sich als Clown in Sägespäne zu werfen, damit die versammelte Öffentlichkeit auch etwas zu lachen hat. Dass mit öffentlichen Konsultationen versucht wird, Stakeholder vor den eigenen Karren zu spannen und diesen von Stakeholdern ziehen zu lassen, wird überdeutlich, wenn man die “Consultation on Gender Imbalances in[on] Corporate Boards in the EU” betrachtet. Um dies zu verdeutlichen, bediene ich mich im Folgenden eines Kontrast”gruppen”designs, d.h. ich stelle eine “public consultation”, in der die Meinung der Stakeholder gefragt wäre, einer “public consultation” gegenüber, die die Stakeholder am Nasenring durch die Manage führt.

Was würde man an Fragen in einer Public Consultantion on Gender Imbalances on Corporate Boards [Geschlechterungleichgewichte in höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen] erwarten, bei der es tatsächlich darum geht, die Meinung von Stakeholdern einzuholen? Folgendes:

  1. Ganz zu Beginn die Frage, ob “Gender Imbalances” überhaupt ein Problem darstellen
  2. Für diejenigen, die denken, dass “Gender Imbalances” ein Problem darstellen, die Folgefragen:
    1. Warum “Gender Imbalances” ein Problem darstellen;
    2. Ob und wieso die Europäische Kommission etwas gegen diese “Gender Imbalances” unternehmen sollte;
    3. Welche positiven Effekte von Maßnahmen gegen die “Gender Imbalances” zu erwarten sind und welche wissenschatflichen Belege es dafür gibt, dass die entsprechenden Effekte auch eintreten;
    4. Ob Maßnahmen zur Beseitigung der entsprechenden “Gender Imbalances”  (z.B. durch die EU Kommission) und die damit zu erreichenden Gewinne die Kosten aufwiegen, die dadurch entstehen, dass die unternehmerische Freiheit und damit das Fundament kapitalistischer Systeme zerstört wird;
    5. Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung der Gender Imbalances zu fordern.
  3. Für diejenigen, die denken, dass “Gender Imbalances” kein Problem darstellen, die Folgefragen:
    1. Warum “Gender Imbalances” kein Problem darstellen;
    2. Welche negativen Effekte von Maßnahmen gegen “Gender Imbalances” zu erwarten sind, und welche wissenschaftlichen Belege es gibt, dass diese negativen Effekte auch eintreten;
    3. Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung von Gender Imbalances abzulehnen.

So sähe in etwa eine öffentliche Konsultation aus, bei der es nicht darum geht, die eigenen Politikziele von willfährigen Statisten (nein Stakeholdern) legitimieren zu lassen, sondern darum, die Meinung der Stakeholder einzuholen.

Leser dieses blog werden sich schon denken, dass die Fragen, die ich zusammengestellt habe, nicht die Fragen sind, die die EU-Kommission unter der Verantwortung der ehemaligen Journalistin bei einem Luxemburger Provinzblatt, Viviane Reding, gestellt hat. Vielmehr wurden u.a. die folgenden Fragen gestellt:

  1. Für wie wirksam halten sie die Selbstregulierung durch Unternehmen im Hinblick auf den Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU?
  2. Welche zusätzlichen Maßnahmen (der Selbstregulierung bzw. Regulierung) sollten im Zusammenhang mit dem Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU ergriffen werden?
  3. Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Vorteile, und wenn ja, welche?
  4. Welche Zielvorgaben (z.B. 20%, 30%, 40%, 60%[!sic]) sollten für das unterrepräsentierte Geschlecht in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen festgesetzt werden und für welchen Zeitraum? Sollten diese Vorgaben bindenden oder empfehlenden Charakter haben? Warum?
  5. Soll es Sanktionen für Unternehmen geben, die die Zielvorgaben nicht einhalten?

Dies sind nicht die Fragen, die man stellt, wenn man seine Stakeholder ernst nimmt. Die Fragen sind eine Fundgrube für suggestive Fragen, es finden sich Beispiele für Framing, an denen Tversky und Kahneman (1974) ihre wahre Freude gehabt hätten, und die Fragen lassen eines von Anfang an nicht zu: Zweifel daran, dass die Gender Imbalances oder die Geschlechterungleichgewichte in höchsten Führungsgremien, wie es in der deutschen Ausgabe der Fragen heißt, beseitigt werden müssen (Ich habe hier durchweg “Gender Imbalances” genutzt, sonst unterstellt mir noch jemand ich wäre gegen Dicke in Führungsgremien…).

Zwei Beispiel um die Manipualtion der Stakeholder bereits durch die Fragen zu demonstrieren, mögen genügen: So unterstellen die beiden ersten Fragen, dass ein Abbau der Gender Imbalances durch steuernde Eingriffe notwendig ist, dass sich das ganze also nicht von selbst z.B. dann beseitigt, wenn mehr Frauen eine Karriere der Familie vorziehen. Das ist klassische Suggestion, mit der man sicherstellt, dass die Antworter auch nichts Falsches sagen. Frage 3 ist nicht nur suggestiv, sondern arbeitet auch mit dem Ankereffekt, den bereits Tversky und Kahneman (1974) deutlich gezeigt haben: Sind Fragen positiv formuliert, dann ist die Zustimmung größer und die Frage, ob das, was da positiv formuliert wurde, vielleicht auch einen negativen Effekt hat, in Worten, “Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Nachteile”, kommt unkritischen Geistern gar nicht mehr in den Sinn.

Man sieht, die EU-Kommission hat die Manege gut bereitet, in der sie nun ihre Stakeholder vorführen will. Und wie die Zahl der Stakeholder, die sich willig haben vorführen lassen, zeigt, ist es der EU-Kommission problemlos gelungen, eine Liste der am wenigsten zur Kritik fähigen Organisationen in Europa zusammenzustellen. Und nun heißt es auch in diesem post: Manege frei für das Bundesforum Männer.

Manege.freiBei der Stellungsnahme vom Bundesforum Männer zur öffentlichen Konsultation bin ich mir nicht ganz im Klaren, ob es sich um die Clown-Nummer oder die Pudel-Dressur handelt. Der Beitrag hat Elemente von beidem. Gleich vorweg, natürlich fällt den Antwortern vom Bundesforum Männern nicht auf, dass sie sich gerade missbrauchen lassen. Das fällt ihnen schon deswegen nicht auf, weil sie sich offensichtlich gerne missbrauchen lassen. Und so verkünden sie bereits in Ihrer Antwort auf Frage 1 (die nach der Wirksamkeit von Selbstregulierung), dass in jedem Fall ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit von Unternehmen erfolgen müsse, denn: “Obwohl einige wenige Großunternehmen die betriebswirtschaftliche Relevanz von diversifizierten Teams (Väter, Mütter, Singles, Alter, etc.) erkannt haben, lassen sich kaum nachhaltige Personalentwicklungsmaßnahmen … nachweisen”. Das ist aus der Abteilung Clownerie, denn um eine solche Aussage zu treffen, müssten die Bundesforums Männer wissen, was in allen börsennotierten Unternehmen an Anstrengungen zur Diversifizierung unternommen wird (wer weiß, vielleicht wird bei der Lufthansa nach Größe und Sehstärke diversifiziert). Zudem ist die Einsicht, die uns die Bundesforums Männer so gnädig und gottgleich mitteilen, die höhere Erkenntnis, an der sie uns teilhaben lassen und nach der diversifizierte Teams betriebswirtschaftliche Relevanz haben, insofern falsch als damit ein positiver Effekt auf das Betriebsergebnis gemeint ist. Wie Øyvind Bøhren und Siv Staubo (2011) gezeigt haben, hat nicht zunehmende, sondern abnehmende Diversifizität einen positiven Effekt auf den Profit von Unternehmen. Insbesondere steigt die Rentabilität von Unternehmen mit einer abnehmenden Anzahl von Frauen in Führungsgremien. Mir scheint, die Herren vom Bundesforum sollten noch einmal in die Literatur gehen, Zeit genug dazu haben sie bestimmt.

Bundesforum_Maenner_gross1Ganz allerliebst sind auch die folgenden Sätze aus dem Bundesforum der Männer: “Ein politisches Instrument könnte generell in kürzeren und flexibleren Arbeitszeitregelungen (auch für Führungskräfte) liegen. Neben der Regulierung des Arbeitsumfanges – zum Beispiel durch ein uneingeschränktes Recht auf Teilzeitarbeit – ist eine umfassende Diskussion der anwesenheitsfixierten, überstundenorientierten und familienfeindlichen Arbeitskultur unumgänglich”. Haben Sie schon jemals einen solchen Unsinn gehört? Es ist zwar gut zu wissen, warum man telefonisch beim Bundesforum niemanden erreicht, denn die sind halt nicht anwesenheitsfixiert, aber der Rest der Sätze belegt einfach, dass die Bundesforumsmänner nicht wissen, wovon sie reden und in einer  geistigen Welt residieren, deren Enge ihresgleichen sucht.

Pudel DressurIch versuche es mal so: Also Ihr Männer vom Bundesforum, wenn ihr demnächst im Supermarkt vor leeren Regalen steht, dann liegt das daran, dass die Spedition, die den Supermarkt beliefert auf Teilzeit umgestellt hat und zudem keine Überstunden mehr gefahren werden. Wenn ihr morgen keine Post im Bundesforum bekommt, dann deshalb, weil die Anwesenheitsfixierung bei der Deutschen Post abgeschaftt wurde. Wenn der Strom demnächst ausfällt, dann liegt das daran, dass die Stadtwerke Berlin auf Familienfreundlichkeit machen, und deshalb gibt es nur noch Strom zwischen 9.00 Uhr und 17.00 Uhr. Anwesenheit zu anderen Zeiten ist Familienmitgliedern und das sind wir doch irgendwie alle, nicht zuzumuten. Und bitte, Männer vom Bundesforum, werdet nicht außerhalb der Öffnungszeiten krank, denn die Notärzte arbeiten keine Schicht mehr und sind nur noch a Tag zu erreichen.

Die gesamte Stellungnahme des Bundesforums Männer enthält nicht einen kritischen Satz und sie unterscheidet sich im Inhalt und in der Aussage in keiner Weise von dem, was der Deutsche Frauenring e.V. geschrieben hat oder davon, was man vom Deutschen LandFrauenverband zu lesen bekommt. Insofern kann man das Bundesforum Männer wirklich abschaffen, denn was diese “Männer” zu sagen haben, sagen bereits die Landfrauen oder die Frauen vom Ring und mehr als zweimal kann man den Unsinn nicht ertragen. Im übrigen würde ich es vorziehen, wenn ich wählen müsste, von Alice Schwarzer repräsentiert zu werden. Die hat wenigstens einen eigenen Standpunkt und eine eigene Meinung.

Bøhren, Øyvind & Staubo, Siv (2012). Changing Organizational Form to Avoid Regulatory Constraints: The Effect of Mandatory Gender Balance in the Boardroom.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1974). Judgements Under Uncertainty. Heuristics and Biases. Science 185: 1124-1131.

Bildnachweis
Delcampe

Lügen mit Zahlen – Eine Rezension

“Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistik manipuliert werden”

von Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff. (Taschenbucherstausgabe 09/12.)

München: Wilhelm Heyne Verlag; Euro 18,99.

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Luegen mit Zahlen

Eigentlich schreibt man Rezensionen vor allem für diejenigen, die sich für ein Buch interessieren, aber noch unentschlossen darüber sind, ob sie ihre Zeit sinnvollerweise mit der Lektüre dieses Buches verbringen sollten oder sie anderweitig nutzen sollten. Bei dem genannten Buch ist damit zu rechnen, dass einige Leser dieser Rezension es bereits gelesen haben oder zumindest schon von ihm gehört haben: Dem Buch wurde in der Tagespresse (im Vergleich zum durchschnittlichen Sachbuch) große Aufmerksamkeit geschenkt, und es wurde dementsprechend relativ häufig rezensiert oder doch zumindest genannt und kurz beschrieben. Verschiedene Radiosender haben den Erstautoren, Herrn Bosbach, zum Interview geladen, und darüber hinaus hält Herr Bosbach Vorträge, in denen er sein Buch oder bestimmte Themen aus seinem Buch erläutert. Weitere Popularität erhält das Buch dadurch, dass die Autoren des Buches speziell ihm gewidmete Internetseiten – zu finden unter der Adresse http://www.luegen-mit-zahlen.de/ – unterhalten, auf denen das Buch vorgestellt wird, das Presseecho dokumentiert wird und dass ein blog zu finden ist, in dem die Autoren des Buches neue Beispiele für „Zahlenlügen“ präsentieren, aber auch Leser der Seiten eigene „Funde“ präsentieren oder auch nur den Autoren zu ihrem Buch gratulieren können.

Prinzipiell freut es mich, wenn ein in verständlicher Sprache geschriebenes Sachbuch sich an eine breite Öffentlichkeit wendet, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie mit  Statistiken manipuliert wird, und ihr Kenntnisse an die Hand geben will, die die Manipulation erschweren sollen. Immerhin ist dies etwas, zu dem ScienceFiles ja auch einen Beitrag bringen will. Und trotzdem hinterlässt das Buch bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Warum, will ich später begründen. Gehen wir nach der bewährten Methode des Rezensierens vor, die zunächst einmal nach einer schlichten Beschreibung dessen verlangt, was einen Leser eines Buches erwartet, wenn er es zur Hand nimmt.

Die Autoren

Das Buch „Lügen mit Zahlen“ wurde von Prof. Gerd Bosbach gemeinsam mit M.A. Jens Jürgen Korff verfasst. Der Autoreninformation kann man entnehmen, dass Ersterer Statistik, Mathematik „und Empirie“ an der Fachhochschule Koblenz, Standort Remagen, lehrt, und dass Letzterer „studierter Historiker und Politologe, Werbe- und Webtexter [und] Autor …“ ist.

Inhalt des Buches

Inhalt Luegen mit StatistikNeben einem Prolog enthält das Buch sechzehn Kapitel, einen Epilog, einen Hinweis zu den Zitaten und Abbildungen, eine Danksagung, Literaturhinweise und ein Register, das sowohl ein Sach- als auch ein Personenregister ist. Im sechs Seiten umfassenden Prolog der überschrieben ist mit „Kriminelle Zahlen“ werden dem Leser zunächst Beispiele für unerwartete Sachverhalte und für typische Fehleinschätzungen mit Bezug auf Wahrscheinlichkeiten gegeben. Anschließend werden die Fragen aufgeworfen, ob „Zahlenangaben stets etwas Rationales“ seien und „[w]arum so viele Menschen an Zahlen [glauben], als ob sie eine Religion wären“ (12). Darauf folgt das Versprechen der Autoren, den Leser zu lehren, die „Dummheit“ im „Gewand von Parametern, Tabellen und Graphen“ zu erkennen: „Wir versprechen Ihnen: Bald werden Sie wissen, mit welchen Tricks der statistischen Schönfärberei, Aufbauscherei, Ausblenderei und Lügerei sognannte Sachzwänge konstruiert und wichtige Entscheidungen beeinflusst werden“ (12). Es folgt ein kurzer Abschnitt über die Erfahrungsgrundlage, von der aus die Autoren dies zu leisten  können glauben, ein weiterer, der nochmals die aufklärerische Absicht des Buches betrifft, und ein m.E. sehr wichtiger, aber ebenfalls sehr kurzer Abschnitt darüber, dass man aber „bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten [solle]. Zahlen und Statistiken sind und bleiben … ein höchst nützliches Instrument, um wichtige Teile der Wirklichkeit zu beschreiben“ (13). Der nächste Abschnitt im Prolog beschreibt die Art der Darstellung, die im Buch gewählt wurde – „[d]amit dieses Buch … locker bleibt …, schmücken wir es mit zahlreichen persönlichen Erlebnissen aus, die Gerd Bosbach … erlebt hat [, und] Coautor Jens Jürgen Korff sorgt für Lesefreundlichkeit und würzt als Historiker das Werk vor allem mit neugierigen und klugen Zwischenfragen, mit eigenen Beispielen aus dem Umweltbereich sowie mit einem Abstecher in Philosophie und Psychologie der Zahlengläubigkeit …“ (13/14). Dann beschreiben die Autoren kurz den Aufbau des Buches und wünschen den Lesern „so manches Aha-Erlebnis“ (14).

Wie die Autoren im Abschnitt über den Aufbau des Buches selbst bemerken, behandeln die ersten zehn Kapitel „bestimmte[…] Methoden“ (14), allerdings nicht, wie man vielleicht meinen könnte statistische Methoden, sondern Methoden der Täuschung mit Statistiken, und zwar „zunächst an Beispielen und dann prinzipiell“ (14). So wird in Kapitel 1 darauf hingewiesen, dass alles zwei Seiten habe und beispielsweise eine Graphik, in der Zuzüge und Fortzüge nach und aus Deutschland dargestellt sind, einer Graphik, die „einseitig“ (27) nur die Zuzüge zeigt, vorzuziehen sei, weil  mit Letzterer die „Panik vor der ‚Überfremdung‘ geschürt“ (27/28) werde. In Kapitel 2 wird beschrieben, dass ein „Bild schneller lüg[e] als tausend Zahlen“, weil je nachdem, wie die Skalierung in einem Diagramm gewählt wurde, dieselbe (zahlenmässige) Entwicklung sehr steil oder flach verläuft und daher optisch Unterschiedliches suggerieren kann. Kapitel 3 thematisiert das Problem, dass statistische Korrelationen häufig als Kausalitäten interpretiert werden bzw. dass der Entscheidung darüber, was man als Prozentuierungsbasis wählt, eine ausgesprochene oder unausgesprochene Vermutung über eine Kausalität bzw. ihre Richtung zugrunde liegen kann, die dem Sachverhalt (vielleicht) gar nicht angemessen ist. Außerdem wird in Kapitel 3 darauf hingewiesen, dass Zusammenhänge zwischen zwei Größen dadurch zustande kommen können, dass eine dritte Größe mit jeder von ihnen zusammenhängt und daher den Zusammenhang zwischen den ersten beiden, die an sich nicht inhaltlich zusammenhängen, herstellt. Die Abhängigkeit der Aussage relativer Häufigkeiten in Form von Prozentanteilen von den absoluten Zahlen, auf deren Grundlage prozentuiert wird, ist Gegenstand von Kapitel 4. Kapitel 5 geht auf weitere typische Fehler bei der Interpretation von Prozentangaben und vor allem auf Fehlinterpretationen von prozentualen Veränderungen ein. In Kapitel 6 wird dann darauf aufmerksam gemacht, dass es zu Fehlinterpretationen kommen kann, wenn man seine Erkenntnisse über Sachverhalte auf selegierte Stichproben stützt. Kapitel 7 kann als eine Fortsetzung von Kapitel 6 aufgefasst werden, denn in ihm geht es um Wahlprognosen bzw. darum, dass Wahlprognosen „eben nicht die Allgemeinheit der Wähler widerspiegeln“ (111) und daher unzuverlässig sind und dass sie außerdem darunter leiden, dass Befragte auch dann inhaltliche Antworten hinsichtlich ihrer Wahlabsicht geben, wenn sie sich gar nicht sicher darüber sind, wen sie wählen möchten (117). Aufmerksam gemacht wird auch darauf, dass Meinungsforschungsinstitute Auftraggeber haben, und dies einen Effekt auf das haben könnte, was die entsprechenden Institute feststellen (122). Kapitel 7 bereitet seinerseits  Kapitel 8 insofern vor als es in Kapitel 8 um das Problem, Prognosen zu erstellen, im Allgemeinen geht. Die Hauptaussage dieses Kapitels ist, dass Prognosen niemals zuverlässig erstellt werden können, weil „[v]iele Entwicklungen […] ungleichmäßig [verlaufen] (139) und weil es immer intervenierende Größen geben kann, die die zukünftige Entwicklung in der Realität beeinflussen, aber nicht vorhersehbar oder einschätzbar waren. Dementsprechend warnen die Autoren vor „Langfristprognosen“ (243). Kapitel 9 zeigt, wie es zu Fehlschlüssen kommen kann, wenn man Mittelwerte für verschiedene Subgruppen miteinander „verrechnet“ oder wenn man nicht vergleichbare Gruppen miteinander vergleicht bzw. wenn man von gleichen Verteilungen in verschiedenen Gruppen ausgeht, deren Verteilungen tatsächlich nicht gleich sind. In Kapitel 10 sind „[n]eun weitere Zahlentricks“ (161), jeweils relativ kurz, dargestellt. Unter ihnen scheint mir persönlich der Abschnitt über „Definitionen“ (165) am wichtigsten zu sein, weil sich (auch) meiner eigenen Erfahrung nach viele Konsumenten von Statistiken nicht die Zeit nehmen zu prüfen, wer oder was genau in den dargestellten Größen enthalten ist, sondern dahingehend ihrem Alltags- oder Plausibilitätsverständnis folgen.

Die Kapitel 11 bis einschließlich 13 „stellen politische Komplexe wie Armut, Gesundheitswesen und Rentenversicherung in den Mittelpunkt. Hier untersuchen wir, wer auf dem jeweiligen Feld welche der bereits bekannten Methoden einsetzt, um bestimmte Ziele durchzusetzen“ (14). Dann folgt der Exkurs „über den Kult der Zahl“, der (m.E. unnötiger- und irritierender Weise) als fiktives Gespräch formuliert ist. Kapitel 14 über „[d]ie Dummen und die Bösen“ (239) präsentiert Beispiele, die zeigen sollen, wie kleine Fehler auf Seiten derer, die Statistiken berichten (wie ein vergessenes Komma in einer Ziffer), aber auch böse, d.h. Fälschungs- oder Täuschungs-, Absicht die Realitätswahrnehmung von Menschen und dadurch, dass Menschen aufgrund dieser Wahrnehmungen handeln, die Realität selbst beeinflusst haben. Kapitel 15 stellt den positiven Teil des Buches dar, denn in ihm stellen die Autoren eine „Checkliste“ bereit, die fünfzehn Punkte enthält und dabei helfen soll, Statistiken zu „prüfen“ (270). Teilweise schlagen sich in dieser Checkliste Argumente nieder, die in den Kapiteln 1 bis 10 gemacht wurden (wie z.B. bei Punkt 10: „Grafiken prüfen: Thema, Achsen, optische Effekte“ (270)), teilweise werden aber auch neue Tipps gegeben, wie z.B. der, dass man „[d]ie Daten hinter den Grafiken anfordern und prüfen“ (270) soll oder – inhaltlich wenig hilfreich – „Ruhe bewahren und nichts überstürzen“ (270) soll. Kapitel 16 enthält zwölf Aufgaben, damit Leser üben können, das „Kennengelernte  auch an[zu]wenden …“ (287). Zu jeder dieser Aufgaben machen die Autoren „Lösungsvorschläge“ (287). Es folgen der oben bereits erwähnte gut eine Seite lange Epilog, der Hinweis zu den Zitaten und Abbildungen, eine Danksagung, eine Seite mit Literaturhinweisen und das Register.

Kritische Würdigung des Buches

M.E. ist jedes Buch, dessen Anliegen es ist oder das dabei helfen will (und kann), Kritikfähigkeit zu fördern, im Prinzip positiv zu bewerten. Insofern das Buch von Bosbach und Korff die Kompetenz im Umgang mit Statistiken und Graphiken tatsächlich fördert, ist es  ein verdienstvolles Buch. Die Frage, die sich mir stellt, ist aber, ob es das tatsächlich tut.

Auf einer Ebene ist die Frage zu bejahen: Wer sich noch nie mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt hat (oder wieder vollständig vergessen hat, was er darüber gelernt hat,) oder sich noch nie gefragt hat, wie eigentlich die Größen definiert sind, über die berichtet wird, z.B. „Sozialausgaben“, und wer noch nie darauf gekommen ist, dass ein hergestellter Zusammenhang vielleicht in die andere Richtung als die dargestellte gehen könnte, dem mag dieses Buch von Nutzen sein. Wie viele Menschen das sind, vermag ich nicht zu beurteilen, aber mir scheinen die „Tricks der der statistischen Schönfärberei, Aufbauscherei, Ausblenderei und Lügerei [mit deren Hilfe] sogenannte Sachzwänge konstruiert und wichtige Entscheidungen beeinflusst werden“ (12), auf die die Autoren die Leser hinweisen, doch eher leicht erkennbar zu sein, wenn man über ein wenig Kritikfähigkeit und hinreichend Interesse an der Sache, die in einer Statistik oder Graphik mitgeteilt wird, verfügt. Im Englischen würde man wohl sagen, dass das, was die Autoren berichten, alles „pretty basic“ ist. Das spricht nicht gegen das Buch als solches, denn wenn es jemandem nützlich ist, hat es auch eine Existenzberechtigung – keine Frage.

chickenstonesAuf einer anderen Ebene habe ich Zweifel, ob dieses Buch Kritikfähigkeit tatsächlich fördern kann oder will. An vielen Stellen des Buches wird dies explizit behauptet, und es gibt zunächst keinen Grund, den Autoren diesbezüglich mit Misstrauen zu begegnen. Zumindest scheint es mir aber zweifelhaft, ob sie ihren eigenen Anspruch, so sie ihn denn haben, einlösen konnten oder hinreichend Sorgfalt gezeigt haben, um dieses Ziel zu erreichen. So fällt auf, dass die Autoren an vielen Stellen im Buch widersprüchliche Botschaften senden: Einerseits betonen sie mehrfach, dass Statistiken nützliche Instrumente seien (13), dass nicht „resigniert“ werden solle im Umgang mit Statistiken etc. Sie zitieren den „Statistiker Dieter Hochstädter“ (239) mit seiner Aussage, dass nicht die Statistik schlecht sei, sondern die Kenntnisse, die zu ihrer korrekten Interpretation nötig seien, oft nicht vorhanden wären, oder die Interpretationen Interessen beeinflusst seinen (239/240). Andererseits werden bereits in der Überschrift zum Prolog Zahlen als „kriminell“ (9) bezeichnet, so, als seien Zahlen als solche abzulehnen, eben weil sie „kriminell“ seien oder zumindest suspekt, und in der Überschrift zu Kapitel 2 werden auch Bilder des Lügens bezichtigt; „[e]in Bild lügt [sogar] schneller als tausend Zahlen“ (31). Auch Behauptungen wird von den Autoren ein schlechter Charakter unterstellt: „Besondere Vorsicht ist also geboten bei Behauptungen nach dem Muster: ‚Seit ich in der Mannschaft spiele, haben wir nicht mehr verloren‘ … oder allgemein: Seit A gilt, können wir auch B feststellen. Selbst wenn der zeitliche Zusammenhang gilt, ist damit A noch lange nicht die Ursache für B“ (66; Hervorhebung im Original). Genau das wird in der Behauptung aber gar nicht behauptet. Behauptet wird ja tatsächlich nur der Zusammenhang als solcher. Wer eine andere Bedeutung in diese Aussage hineinliest, begeht einen Fehler, aber es ist der Fehler der Person, die dies tut, nicht der Behauptung.

Gerade bei dem eher unbedarften Leser, auf den das Buch zielt – die Autoren solidarisieren sich im Prolog mit ihren Lesern gegenüber denen „da oben“ (12), die man doch eigentlich für „kluge Leute“ (12) halten solle –, können solche irreführenden Darstellungen wie die, vor Aussagen, die eine bestimmte Form haben, sei immer Vorsicht geboten, zu der Fehleinschätzung führen, dass jemand, der eine solche Aussage macht, prinzipiell im Unrecht sei oder eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte als das, was die Aussage tatsächlich beinhaltet.

Ein weiteres Zitat zeigt, wie die Autoren Statistiken bzw. Aussagen mit einem Eigenleben ausstatten, das sie schlicht nun einmal nicht haben: „Wir hoffen, Sie verstehen jetzt unsere Skepsis gegenüber dem öffentlichen Umgang mit Langfristprognosen. Meisten lenken sie von heutigen Problemen ab oder verstecken aktuelle, kurzfristige Interessen im Nebel einer angeblichen Schau in die Zukunft. Das heißt aber nicht, dass wir grundsätzlich gegen Prognosen seien. Wir brauchen sie, um für die Zukunft zu planen“ (143). Dieses Zitat ist in mehrerer Hinsicht typisch für das Buch: Es illustriert wieder den paternalistischen Ton, den die Autoren dem Leser gegenüber anschlagen, es bewertet (sicherlich größtenteils zurecht) den „öffentlichen Umgang“ mit Statistiken negativ, kritisiert dann aber nicht eben diesen Umgang, sondern unterstellt statt dessen den Statistiken eine Ablenkungs- und Vernebelungsabsicht, die sie schwerlich von sich aus haben können, und schließlich relativieren die Autoren dann ihre eigene negative Einschätzung. Das Ganz liest sich wie der sprichwörtliche Eiertanz. Mit viel gutem Willen könnte man das für eine Ungeschicklichkeit in der Darstellung halten, aber falls es eine ist, ist sie so groß, dass das, was das Buch an Aufklärung bewirkt, Gefahr läuft durch das aufgewogen zu werden, was es an neuen Irrtümern und Missverständnissen provoziert.

Leider wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los – falsch, das Gegenteil ist der Fall: es wird bei fortschreitender Lektüre immer stärker –, dass es sich hier nicht nur um Ungeschicklichkeit handelt, sondern die Autoren ideologisch geprägt sind und die Bewertung von Dingen durch die Autoren unangemessen ausfällt, weil sie sie mit dem ideologischen Feind assoziieren. Beispielsweise lassen die Autoren ihre Warnung vor Behauptungen „nach dem Muster: ‚Seit ich in der Mannschaft spiele, haben wir nicht mehr verloren‘ … oder allgemein: Seit A gilt, können wir auch B feststellen“, direkt der Bemerkung folgen, dass „Faschisten und andere Demagogen […] es manchmal besonders geschickt [machen] und […] in einer Diskussion gar nicht offen eine Kausalität [behaupten]. Sie sagen also nicht: Die Ausländer sind häufig kriminell; deshalb müssen sie verschwinden. Sondern sie sagen etwa: Seit die vielen Ausländer da sind, ist die Kausalität stark gestiegen. …“ (66). Es scheint, dass die Autoren meinen oder dem Leser nahelegen möchten, sogar formal solche Aussagen zu vermeiden, die „Faschisten und andere Demagogen“ (wie die Autoren, oder wen genau zählen die Autoren hierzu?) benutzen, denn man will ja nicht wie diese sprechen. Auf diese Weise gerät das Buch, das zum kritischen Denken anhalten wollte, in bedenkliche Nähe zur Anleitung zum politisch korrekten Sprechen.

Skewed distributionWeitere ihrer politische Feinde sprechen die Autoren im Kapitel 7 an, das Wahlprognosen behandelt. Hier fragen die Autoren, nachdem sie die Unzuverlässigkeit der Wahlprognosen illustriert haben: „Wer sind eigentlich die Auftraggeber? Im Fall Allensbach ist es die Frankfurter Allgemeine Zeitung, also ein politisch eindeutig konservatives Presseorgan. Bei der Forschungsgruppe Wahlen ist es das ZDF, dem ebenfalls eine traditionelle Nähe zur CDU nachgesagt wird. Die ARD beauftragt Infratest/dimap, ‚Stern‘ und RTL beauftragen Forsa, der Fernsehsender N24 beauftragt EMNID. Einige dieser Medien zitieren auffällig häufig FDP-Politiker, namentlich Guido Westerwelle. Von daher passt es schon ganz gut zusammen, wenn die Forschungsinstitute regelmäßig CDU/CSU und FDP mit guten Umfragewerten herausputzen“ (122). Eigentlich sind die hier gewählte Sprache („passt schon ganz gut“, „herausputzen“) und die Mitteilung völlig irrelevanter Informationen („namentlich Guido Westerwelle“) selbstredend, aber ich kann es mir dennoch nicht verkneifen, zu fragen, wieso die Autoren hier dieselben Tricks anwenden, gegen die ihre Leser doch eigentlich immunisieren möchten, beispielsweise der Trick der „vergessenen zweiten Seite“, der gleich in Kapitel 1 thematisiert wird: Offensichtlich haben die Autoren gänzlich „vergessen“, den Medien-Mega-Konzern der SPD daraufhin zu betrachten, wie er agiert, um „Herauszuputzen“. Wieder drängt sich das schlechte Gefühl auf, dass Wahlprognosen nur deshalb oder so lange unzuverlässig und abzulehnen sind wie sie denjenigen Parteien Wahlstimmen prognostizieren, die die Autoren nicht mögen.

Bedauerlicherweise ziehen sich solche peinlichen Fehler samt der zugehörigen Kampfsprache, die die Autoren „peppiger“ (309) finden als eine der Sache angemessene Darstellung durch das gesamte Buch. Alles, was nicht der Ideologie und Politik der SPD entspricht, kommt in dem Buch sehr schlecht weg. Sofern eine Abweichung von SPD-Ideologie nach links thematisiert wird (was sehr selten passiert), wird sie aber immerhin in eine Form gegossen, die die (angeblichen oder vermeintlichen) Täuschungen mit Zahlen nicht mehr als solche, sondern als „Kniffe“ bezeichnet und sie darüber hinaus als Fähigkeit und Kenntnisreichtum darstellt: „Dass sich auch Linke auf solche statistischen Kniffe verstehen, bewies der Politologe und frühere PDS-Abgeordnete Winfried Wolf …“ (77). Ganz andere Worte finden die Autoren für „FDP, Unternehmerverbände und Wirtschaftsprofessoren“ (22) und „Westerwelle [, der] glauben machen will, …“ (209) und „behauptete …, Hartz-IV-Empfänger bekämen zu viel Geld“ (208). Was die Autoren hier bemerken, spricht nicht für oder gegen Aussagen, die in Form von Statistiken gemacht werden, und klärt über nichts auf, außer darüber, dass die Autoren liberales Gedankengut ablehnen (weswegen man sie per definitionem auch als Faschisten bezeichnen könnte, wenn man es denn in irgendeinem Zusammenhang für sachdienlich hielte,) und insbesondere Herrn Westerwelle nicht mögen und eine so große psychologische Not fühlen, dem Ausdruck zu verleihen, dass sie zeitweise vergessen, worüber sie eigentlich ein Buch schreiben wollten. Vielmehr wird die Lektüre des Buches dadurch und aufgrund der ständigen Bemühung derselben Feindbilder zunehmend langweilig, frustrierend oder ärgerlich (je nach persönlicher Tagesform des Lesers).

Ein Rezensent des Buches hat das Buch (auf den Internetseiten zum Buch wie oben angegeben) zusammengefasst als „Viel Ideologie, wenig Information“, und ich kann – gelinde gesagt – nachvollziehen, wie er zu diesem Eindruck kommt. Das Problem mit diesem Buch ist aber nicht nur, dass man sich die wenige Information durch das Durchleiden völlig überflüssiger und abstoßender ideologischer Tiraden erkaufen muss, sondern auch und vor allem, dass das Buch aufgrund seiner ideologischen „Schlagseite“ suggeriert, politische Korrektheit oder das, was die Autoren dafür halten, sei ein Ergebnis kritischen Denkens bzw. ihre Weltanschauung sei das, was sich ergeben müsse, wenn man selbst nicht zu den „Dummen und … Bösen“ (wie es in der Überschrift von Kapitel 14 heißt) gehört, also zu all denen, die nicht die Weltanschauung der Autoren teilen.

Wer auf die Tricks der Autoren nicht hereinfällt, weil er sie durchschaut, könnte das Buch gefahrlos lesen, aber dann hätte er die Lektüre kaum nötig und würde ggf. nur seine Zeit mit ihm verschwenden. Wer auf die Tricks der Autoren hereinfällt, kann sich in seiner Ideologie bestätigt fühlen, wenn auch nur deshalb, weil die Autoren die weltanschaulichen Gegner als (angebliche oder tatsächliche) Lügner, Täuscher und Manipulateure entlarvt haben. Das ersetzt aber keine positive Begründung für die eigenen Überzeugungen und Behauptungen, und es hilft niemandem dabei, seine Einschätzungen rational, also auf der Basis einer Abwägung von Argumenten und Gegenargumenten, zu formulieren. Und deshalb ist mein Eindruck der, dass das Buch mehr Schaden als Nutzen stiftet, aber auch deshalb, weil es suggeriert, dass man Statistiken angemessen beurteilen könne, wenn man nur den Tipps der Autoren folge, auch, wenn man keine Ahnung von Statistik hat. Das ist nicht so: Statistiken heißen Statistiken, weil sie mit Statistik zu tun haben! Kritisch über sie nachdenken kann letztlich nur, wer ihre Aussage beurteilen kann, und das kann man nicht, wenn man nicht „rechnen“ kann bzw. die mathematischen Grundlagen von Statistik kennt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Autoren ihrem Buch keinen echten positiven Teil beigegeben haben, wie und warum man sachlich angemessene, das heißt gute im Sinne von qualitätvolle Statistiken präsentiert.

Alles in allem muss ich in Abwandlung eines Kommentars auf den Internetseiten zum Buch für meinen Teil feststellen: „Guter Zweck (so hoffe ich jedenfalls), schlechte Umsetzung: fragwürdiges Buch“.

Alternativ würde ich zur Lektüre eine Einführung in die Statistik empfehlen. Alles, was Bosbach und Korff als manipulative Tricks beschreiben, sind Fehler auf Seiten der Konsumenten von Statistiken, die leicht korrigierbar bzw. vermeidbar sind, wenn man sich dem widmet, was Statistik macht, will und kann bzw. was sie nicht macht, will und kann.

Bildnachweis:
Tutor Vista
Savage Chickens

Einige Einführungen in die Statistik sind:

Für alle, die lieber das Original lesen:
Krämer, Walter (2011). So lügt man mit Statistik. München: Piper

Für alle, die Konzepte der Statistik verstehen wollen, ohne nennenswerte mathematische Kenntnisse zu haben:

Rowntree, Derek (1991). Statistics without Tears An Introduction for Non-Mathematicians. London: Penguin.

Für Leser, die Statistik vom Grund auf verstehen wollen:

Benninghaus, Hans (2007). Deskriptive Statistik: Eine Einführung für Sozialwissenschaftler (Studienskripten zur Soziologie). Wiesbaden: VS-Verlag.

Bortz, Jürgen (2010). Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler (Lehrbuch mit Online-Materialien). Berlin: Springer.

Bücher, die sich an eine ähnliche Klientel richten wie das rezensierte Buch:

Rumsey, Deborah (2004). Statistik für Dummies: Grundlagen der Statistik. Weinheim: Wiley-VCH.

(Man vergleiche Kapitel 21 in diesem Buch mit der 15-Punkte-Checkliste in Kapitel 15 des rezensierten Buches von Bosbach und Korff.)

Rumsey, Deborah (2010). Statistik für Dummies. Weinheim: Wiley-VCH.

Rumsey Deborah (2012). Weiterführende Statistik für Dummies. KINDLE-Edition. Weinheim: Wiley-VCH.

Besser sind jedoch die Originale (wegen flapsiger Übersetzung und Sinnveränderungen in den deutschprachigen Ausgaben):

Rumsey, Deborah J. (2010). Statistics Essentials for Dummies. Hoboken: Wiley.

Rumsey, Deborah J. (2011). Statistics for Dummies. Hoboken: Wiley.