Männer mit asozialen Gesichtszügen – Wissenschaftler als Brandstifter und Feuerwehr

Es ist wirklich überraschend, was man heutzutage wieder alles an Forschung vorfindet. Zuweilen habe ich den Eindruck, die wissenschaftliche Entwicklung seit 1900 ist vielen, die sich heute in den Institutionen der Wissenschaft bewegen, vollständig, aber zumindest weitgehend unbekannt. Deshalb will ich diesen Post mit dem Zitat eines Zitats aus einem Buch von Siegfried Lamnek beginnen, das 1979 erstmals veröffentlicht wurde:

Lamnek_abweichendes Verhalten“Diebe haben im allgemeinen sehr bewegliche Gesichtszüge und Hände; ihr Auge ist klein, unruhig, oft schielend; die Brauen gefältet und stoßen zusammen; die Nase ist krumm oder stumpf, der Bart spärlich, das Haar seltener dicht, die Stirn fast immer klein und fliehend, das Ohr oft hinkelförmig abstehend. Die Mörder haben einen glasigen, eisigen, starren Blick, ihr Auge ist bisweilen blutunterlaufen. Die Nase ist groß, oft eine Adler- oder vielmehr Habichtnase: die Kiefer starkknochig, die Ohren lang, die Wangen breit, die Haare gekräuselt, voll und dunkel, der Bart oft spärlich, die Lippen dünn, die Zähne groß. Im allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkelförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder hervorragend, die Backenknochen breit – kurz ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden” (Lombroso zitiert nach Lamnek, 1991, S.68).

Das Zitat stammt von Cesare Lombroso, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht hat, Kriminalität als biologische Abnormität der körperlichen Entwicklung auszuweisen. Und nicht nur die im obigen Zitat beschriebenen Gesichtszüge, waren für Lombroso Anzeichen einer biologisch determinierten Delinquenz, sondern auch die Form und Größe des Schädels. Lombroso ist bis heute unter Kriminologen für seine Schädelvermessungen bekannt, denn besonders markante Schädel, in Größe, Breite und Form, so Lombrosos Ansicht, weisen den Kriminellen aus.

Im Zeitraffer haben wir uns ins 21. Jahrhundert bewegt und hier treffen wir nunmehr die Erben von Lombroso. Heute kleiden sich Biologisten in andere Begriffe, sind nicht mehr so deutlich und offen, wie Lombroso dies war, und deshalb schreiben sie von der fWHR, der facial width-to-height-ratio. Das Verhältnis zwischen Gesichtsbreite zu Gesichtshöhe ist also ihr Spielzeug und heute muss man seine Vorurteile nicht mehr, wie dies Lombroso getan hat, in Deskriptionen des Forschungsgegenstand kleiden, nein, heute kann man korrelieren. Und das wird getan, bar jeder theoretischen Fundierung und mit allem, was im Fundus der “nachhaltigen Werte”, wie von sie Nicht-Regierungsorganisationen global verbreitet werden, negativ bestimmt ist.

  • Carré und McCormick (2008) finden, dass Männer mit einer großen fWHR (also breit und kurz) aggressiver sind als Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Stirrat und Peret (2010) finden, dass Männer mit einer großen fWHR nicht so vertrauenswürdig sind, wie Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Haselhuhn und Wong (2012) wollen gar herausgefunden haben, dass Männer mit einer großen fWHR eher bereit sind, andere zu täuschen als Männer mit einer kleinen fWHR.

Pazzi criminialeKeiner der vermeintlichen Wissenschaftler hat sich die Frage gestellt, warum die fWHR mit all den negativen Eigenschaften zusammenhängen soll, die sie den entsprechenden Männern mit ihrer Forschung gerade anhängen wollen. Sie alle betätigen sich als Brandstifter und behaupten eine biologische Basis für diese negativen Eigenschaften, die sich eben mit der fWHR messen lässt. Derartige Behauptungen kann man nicht unabhängig prüfen, jedenfalls nicht mit den Untersuchungsanlagen, die biologistische Forscher gemeinhin verwenden und entsprechend ist es ziemlich einfach, deratige Behauptungen in die Welt zu schleudern.

Umso wichtiger sind Studien, wie die von Haselhuhn, Wong und Ormiston (2013), die umso bemerkenswerter ist, weil Haselhuhn und Wong mit dieser neuen Studie Ergebnisse hinterfragen, die sie selbst 2012 veröffentlicht haben. Sind unsere Ergebnisse das Ergebnis einer self-filfilling prophecy, so fragen sich die Forscher. Der Begriff der self-fulfilling prophecy wurde von Robert K. Merton in die Soziologie und die Sozialpsychologie eingeführt ,und er beschreibt eine Situation, in der die Furcht vor einem Ergebnis zu Handlungen führt, die dieses Ergebnis erst eintreten lassen. Das klassische Beispiel ist der Bankrun, bei dem Anleger aus Angst, ihr Geld durch den Zusammenbruch einer Bank zu verlieren, in Banken stürmen, um ihr Geld abzuheben und dadurch den Zusammenbruch der Bank erst auslösen.

Im Zusammenhang mit den Männern, die ein breites und kurzes Gesicht haben, besteht die self-fulfilling prophecy darin, dass die Männer mit dem breiten und kurzen Gesicht sich so fies verhalten, weil sie denken, dass das fiese Verhalten an sie herangetragen, von ihnen erwartet wird, weil sie wissen, dass Interaktionspartner ihre Gesichtszüge zum Anlass nehmen, eine Kooperation zu verweigern, sie schlecht zu behandeln, ihnen asozial zu begegnen, und dies entsprechend antizipieren und sich ihrerseits unkooperativ zeigen.

euheadofstateDass dem so ist, dass negativ bewertete Verhaltensweisen an bestimmte Personen herangetragen werden und diese Personen sich dann entsprechend verhalten, können Haselhuhn, Wong und Ormiston in insgesamt vier Experimenten zeigen, in denen sie Versuchspersonen vor eine Wahl zwischen einer prosozialen und dem, was sie als antisoziale Wahl ansehen, gestellt haben. Bei dieser Wahl ging es im Wesentlichen darum, Ressourcen aufzuteilen. Herauskam, dass mit einer zunehmenden fWHR weniger prosoziale Wahlen getroffen wurden. Wichtiger ist jedoch, dass Versuchspersonen, die mit Männern mit hoher fWHR als Interaktionspartner konfrontiert waren, deutlich weniger bereit waren, sich diesen gegenüber pro-sozial zu verhalten. Es scheint also, als würden Männer mit hoher fWHR sich nur deshalb anti-sozial verhalten, weil man ihnen anti-sozial begegnet oder wie Haselhuhn, Wong und Ormiston schreiben: “Across four studies, our results illustrated a self-fulfilling prophecy illustration for the link between men’s fWHR and behavior” (5).

Allerdings haben die Auoren nicht den Mut, die Konsequenz aus diesem Ergebnis zu ziehen und festzustellen, dass es Forscher wie sie selbst sind, die mit abstrusten Korrelationen soziale Erwartungen aufbauen, mit denen sich dann die entsprechenden Forschungsopfer konfrontiert sehen. Diese Form der Projektion eigener Vorurteile auf Dritte, die dann gegen Vorurteile ankämpfen müssen, ist zudem ein fester Bestand der Kriminologie und der Sozialwissenschaft. Er findet sich als sekundäre Devianz im labeling approach und beschreibt die Erwartung der Umwelt an ehemalige Kriminelle, wieder delinquent zu werden. Er findet sich als Stereotype Threat in der Bildungsforschung und wurde von Dr. habil. Heike Diefenbach auf Deutschland und hier insbesondere Migranten und Jungen übertragen: Erstere sind in der Schule schlecht, weil sie mit der Erwartung konfrontiert sind als Migranten in der Schule schlecht abzuschneiden, machen diese Erwartung zu ihrer Handlungsgrundlage. Letztere sind in der Schule schlecht, weil man sie ab der Einschulung als kleine Machos stereotypisiert, denen man den Machismo austreiben muss, was zum Ergebnis hat, dass sie sich erst in der von ihnen erwarteten Weise verhalten.

meaningoflifeLetztlich beschreibt die Forschung von Haselhuhn, Wong und Ormiston das Elend von Gutmenschen, wie z.B. Genderisten, die in der Welt nichts anderes als Frauenhasser erblicken können und Dritten mit dieser Erwartung begegnen. Sie projezieren ihre Ängste und Befürchtungen auf Dritte und wundern sich, wenn diese Dritte das nicht gut funden. Und so ist es kein Wunder, dass Dritte sich dann Genderisten gegenüber nicht freundlich verhalten, denn wer will sich schon vorverurteilen lassen.

Am Ende fällt sowohl genderistischer Interventionismus wie Forschungen, die alle möglichen theoretisch nicht begründeten Korrelationen suchen und finden, auf diejenigen zurück von denen Interventionismus oder Studie ausgeht. Sie projezieren ihre Vorturteile, zwingen unbeteiligte Dritte in ihre Vorstellungswelt und finden wenig überraschend wonach sie gesucht habe. Dies ist das Elende der atheoretischen Sozialforschung.

Carré, Justin M. & McCormick, Cheryl M. (2008). In your Face: Facial Metrics Predict Aggressive Behavior in the Laboratory and in Varsity and Professional Hockey Players. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 275(1651): 2651-2656.

Haselhuhn, Michael P. & Wong, Elaine M. (2012). Bad to the Bone. Facial Structure Predicts Unethical Behavior. Proceedings of the Royal Society B: Biological Science 279(1728): 571-576.

Haselhuhn, Michael P., Wong, Elaine M. & Margaret E. Ormiston (2013). Self-Fulfilling Prophecies as a Link between Men’s Facial Width-to-Height Ratio and Behavior. PlosOne.

Stirrat, Michael & Perret David I. (2010). Valid Facial Cues to Cooperation and Trust: Male Facial Width and Trustworthiness. Psychological Science 21(3): 349-354.

Lass’ uns eine Sucht erfinden – Heute: Eßsucht –

Öfter einmal etwas Neues, so habe ich mir heute gedacht, und ausgerechnet einen alten Bekannten aus der Forschung zur Internetsucht gefunden: Dieselbe Skala, die zur Messung von Internetsucht und Spielsucht benutzt wird, wird nunmehr auch benutzt, um Eßsucht zu messen – unter dem Namen Yale Food Addiction Scale. Klingt doch gleich viel besser als Eßsucht – oder?

Nun aber ernsthaft, auch wenn die neuen Süchte aus dem Boden schießen, wie Pilze nach dem Regen. Die neue Suchtschwämme passt perfekt in dieses Zeitalter des Paternalismus, in dem sich selbsternannte Wächter über das Körpergewicht, den Teergehalt der Lunge, den Promillespiegel des Blutes an allen Ecken und Ende zu Wort melden, immer mit der Prämisse im Hinterkopf, dass Otto Normalverbraucher nicht in der Lage ist, das richtige Quantum Fett, Nikotin oder Alkohol selbst für sich zu bestimmen. Diese schleichende Entmündigung schlägt sich in Regulierungen nieder, die Otto Normalverbraucher daran hindern sollen, sich über Gebühr zu betrinken (es sei denn, es ist gerade Kölner Karneval). Und sie schlagen sich darin nieder, dass immer neue Süchte erfunden werden, die zum einen Süchtige, also Kranke, schaffen, denen man dann zum anderen, und zwar auf Kosten der Steuerzahler helfen kann.

Und die neueste Erfindung ist die Eßsucht. Vorbei sind die Zeiten eines Igor Maslow, in denen die Nahrungsaufnahme noch als Grundbedürfnis angesehen wurde. Vorbei die Zeiten, in denen Nahrungsaufnahme ein geselliges Ereignis war, bei dem die Bewohner Gallischer Dörfer um ein großes Feuer saßen. Auch die Nahrungsaufnahme wird heutzutage reglementiert, anhand von Angaben zu Kohlenhydraten, Kalorienmenge und ungesättigten Fettsäuren, und die Folgen der Nahrungsaufnahme werden als Body-Mass-Index (BMI) kategorisiert. Der BMI rangiert von zu dünn bis zu fett, und ab einer gewissen Grenze, wird der BMI-Träger zu einem Fall für diejenigen, die sich gerne um sein Wohlbefinden kümmern wollen.

EsssuchtDer neueste Schrei auf diesem Gebiet ist, wie gesagt, die Eßsucht, die anhand der Yale Food Addiction Scale (YFAS) gemessen wird. Die YFAS ist eine aufgepeppte Variante der Internet Addiction Scale (Eine der Skala zur Messung von “Internetsucht” finden interessierte Leser hier), was an sich schon die mannigfaltige Einsetzbarkeit der Sucht belegt. Und weil es so schön ist, hier ein paar Fragen aus der YFAS, mit denen Eßsucht gemessen werden soll.

Als Antwortkategorien für diese Fragen stehen (1) nie, (2) einmal im Monat, (3) 2 bis 4 Mal im Monat, (4) 2 bis 3 Mal in der Woche und (5) 4 Mal in der Woche bis täglich zur Verfügung.

    1. Ich esse bis ich mich unwohl fühle.
    2. Mein Eßverhalten sorgt für erhebliche Probleme.
    3. Meine Eßgewohnheiten verursachen mir erhebliche psychische Problemen, z.B. Depressionen, Angst, Selbst-Verachtung und Schuldgefühle.
    4. Ich habe festgestellt, dass ich immer größere Mengen von Nahrung aufnehmen muss, um das gute Gefühl zu erreichen, das ich mit Essen erreichen will oder um negative Gefühle zu unterdrücken.
    5. Wenn ich damit anfange, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann esse ich immer mehr als ich geplant habe.
    6. Zuweilen esse ich bestimmte Nahrungsmittel obwohl ich gar nicht nicht hungrig bin.
    7. Wenn ich bestimmte Nahrungsmittel nicht im Haus habe, dann fahre ich in einen Laden, um sie zu kaufen, und zwar auch dann, wenn ich andere Nahrungsmittel zuhause habe.
    8. Es gab Zeiten, da habe ich private oder berufliche Treffen gemieden, weil ich dort bestimmte Nahrungsmittel nicht bekommen habe.
    9. Wenn ich damit aufhöre, bestimmte Nahrungsmittel zu mir zu nehmen, dann habe ich das heftige Verlangen danach, die entsprechenden Nahrungsmittel zu mir zu nehmen.
    10. Ich habe erhebliche Schwierigkeiten, in meinem täglichen Leben zu funktionieren (tägliche Routine, Beruf, Schule, soziale Aktivitäten, Familie), und zwar wegen meiner Eßgewohnheiten.

Und so geht das weiter. Wer die gesamte YFAS nachlesen will, der kann dies hier tun. Wer sich dafür interessiert, wie aus den Einzelitems eine Einteilung nach Eßsucht und nicht-Eßsucht gezaubert wird, der kann sich hier kundig machen.

GesundheitsfoederungWie ich schon oben bemerkt habe, finden sich nahezu identische Items zur Messung von Internetsucht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass an den Stellen, die sich oben auf Nahrung beziehen, Internet, im Internet sein usw. steht. Die entsprechenden Items sind also multifunktional, und wer gerne eine eigene Abhängigkeit erfinden will, der ist herzlich dazu eingladen uns die entsprechende Abhängigkeit nebst den zugehörigen Items zu schicken. Denkbar wäre z.B. eine aus dem Fenster-Schau-Sucht (auch als Hans-Guck-in-die-Luft-Syndrom bekannt), eine #Aufschrei-Sucht (auch als Gender-Sucht bekannt), eine Unsinn-Sucht (auch als das unter Funktionären weitverbreitete Spruchbeutelsyndrom bekannt) und vieles mehr. Wer Spass hat, kann die drei Süchte, die wir hier vorgeschlagen haben, gerne in die Items der YFAS packen und wie gesagt an uns schicken. Wir leiten Sie dann an die WHO und die American Psychiatric Association weiter und beantragen die Aufnahme der neuen Sucht in das DSM bzw. den ICD-10.

Wo es eine Skala gibt, da gibt es natürlich auch Forschung, und entsprechend findet sich bei Plos One ein Beitrag von 12 Autoren (eigentlich müsste man hier von einer Zusammenarbeits-Sucht sprechen), die gemeinsam einen sechseitigen Beitrag mit dem Titel “Food Addiction: Its Prevalence and Significant Association with Obesity in the General Population” verfasst haben (jeder Autor hat demnach eine halbe Seite beigesteuert), in dem so erstaunliche Dinge stehen wie:

      • 5,4% der Neufundländer (in Kanada) sind Eß-Süchtige. Eß-Süchtige finden sich häufiger unter Frauen (6,7%) als unter Männern (3%).
      • 88,6% der Eß-Süchtigen sind adipös, aber (das haben die Autoren vergessen, auszurechnen, deshalb habe ich es nachgeholt) nur 7,7% der Adipösen sind eßsüchtig.
      • “The third major finding from the current study is the significant correlation between ‘food addiction’ and the severity of obesity in the general Newfoundland population” (4). Die “general Newfoundland population” besteht im vorliegenden Fall aus 237 Männern und 415 Frauen. Wikipedia behauptet, auf Neufundland würden rund 479.000 Menschen leben, so dass hier eine gewisse Diskrepanz zu den Angaben der Autoren besteht.

cartoon cavemenSo ist das. Wer zu viel ißt, ist nicht etwa selbst verantwortlich, dass er zuviel in sich hineinstopft, nein, er ist süchtig nach Essen und weil er das ist, muss ihm geholfen werden, und zwar ärztlich, psychologisch, er braucht einen Gesundheitscoach, einen direkten Ansprechpartner bei der Krankenkasse, einen extra Vertrausmann im Unternehmen, sofern er arbeitet, wenn nicht ist der Vertrauensmann beim Arbeitsamt anzusiedeln, die WHO muss eine task force “food addiction” einrichten, die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Sonderforschungsbereich mit dem Titel “Warum eß’ ich nur so viel?”, mit dem Bewusstsein gebildet wird, finanzieren, und das BMFSFJ muss ein Forschungsprojekt in Auftrag geben, das den besorgniserregenden Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Geschlecht im neugegründeten Forschungsgang “Gender Fatness” untersucht.

Niemand ist derzeit so erfolgreich wie Sozialbesorgte, sich mit steuerzahlerfinanzierten Tätigkeiten zu versorgen. Fast, dass man den Hut ziehen müsste, wäre es nicht so offenkundig, so durchschaubar und methodisch so abgrundtief schlecht.

Schönwetter-Demokratie einmal anders: Unsinn mit Methode

Wissenschaft ist jenes Unterfangen, bei dem versucht wird, den menschlichen Erkenntnisfortschritt voranzutreiben. Ressourcen, Zeit, Geld, Gehirnschmalz, werden eingesetzt, um neues Wissen zu generieren, das sich nutzenbringend einsetzen lässt. Wissenschaftliche Ergebnisse sollen die Welt verbessern, sie effizienter machen. Das ist die Theorie.

In der Praxis findet man Beiträge wie den von Michael Mutz und Sylvia Kämpfer (2011), der es in die Zeitschrift für Soziologie geschafft hat, was man damit erklären kann, dass die von Lucius & Lucius verlegte Zeitschrift Probleme hat, ihre Seiten zu füllen, damit, dass die Zeitschrift sich ab und zu einen Scherz mit ihren Lesern erlaubt oder damit, dass ein geheimes Projekt läuft, das untersucht, wie viel Unsinn man den Lesern einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zumuten kann, bis sie aufschreien. Falls letzteres der Fall sein sollte, dann bitte ich mich als “Aufschreier” zu zählen, denn die Genickstarre, die sich vom Kopfschütteln eingestellt hat, hat dazu geführt, dass ich Schmerzensverlautbarungen von mir gegeben habe, was zeigt, dass der Artikel von Mutz und Kämpfer kausal für physischen Schmerz ist und Anlaß zu Schmerzensgeldforderungen geben kann. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, das war das Framing dessen, was ich nunmehr ganz neutral darstellen werden.

Der Artikel von Mutz und Kämpfer beginnt mit der Feststellung, dass Jürgen Rüttgers die Wahl in Nordrhein-Westfalen an einem Regentag verloren hat. Regen, so lernt der Leser im Verlauf des Beitrags, wirkt sich nicht nur über das Serontonin-Level auf Wahrnehmung und Zufriedenheit der dem Regen Ausgesetzten aus, sondern auch auf politisches Verhalten. Das zumindest suggerieren die Autoren zu Beginn ihres Beitrags, wenn sie schreiben: “Wäre der 9. Mai [der Tag der Wahlniederlage] ein sonniger und warmer Frühlingstag gewesen, hätte dies möglicherweise das knappe Wahlergebnis zugunsten der Regierungskoalition beeinflusst” (209). Es folgt über Seiten hinweg die Ausbreitung von Annahmen darüber, wie Wetter die Stimmung von Menschen beeinflusst und darüber, dass schlechtes Wetter sich negativ auf politische Einstellungen auswirkt, genauer: “Wer an einem sonnigen Tag befragt wird, schätzt die Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik überdurchschnittlich positiv ein, … ist mit der Demokratie überdurchschnittlich zufrieden … und schätzt die Arbeit der Bundesregierung überdurchschnittlich positiv ein” (214). Wer an einem regnerischen Tag befragt wird, der schätzt die drei genannten Dinge überdurchschnittlich negativ ein.

Der Weg von der Wahlniederlage Rüttgers an einem Regentag zur Beeinflussung der Einstellung von durch wen auch immer Befragten, ist ein ziemlich weiter, und wie die Autoren dahin gelangen, weiß ich nicht, aber es scheint ihnen nahe zu liegen, zu denken, Sie, ich, wir alle, seinen wetterfühlige Deppen ohne feste Meinung, die je nach Sonnenintensität die Regierungsleistung positiv oder negativ einschätzen. Und diese wetterabhängigen Einschätzungen, so reklamieren die Autoren, würden in “sozialpsychologischen Erklärungsansätzen des Wahlverhaltens … als Prädiktoren der Wahlentscheidung verstanden” (213). Was die Autoren vergessen zu erwähnen, ist, dass die entsprechenden Ansätze zwar davon ausgehen, dass es Wähler gibt, die feste Einstellungen zu politischen Themen haben und die Partei wählen, die diesen Einstellungen am nächsten kommt, dass daneben aber die Parteiidentifikation die wichtigste Variable ist, die Wahlverhalten zu erklären vermag. In jedem Fall verlangen die von den Autoren zitierten sozialpsychologischen Ansätze jedoch fixe Einstellungen, also gerade keine Einstellungen, die vom Wetter beeinflusst werden können. Dies gilt insbesondere für die von den Autoren zitierten und im Büchlein von Campbell, Converse, Miller und Stokes (1980) versammelten Konzepte.

Aber verglichen mit dem was dann kommt, ist diese Fehlinterpretation eindeutiger Forschungsergebnisse und der daraus resultierende Widerspruch, dass fixe Einstellungen mal eben als durch das Wetter veränderbar angesehen werden, eine Kleinigkeit. Was folgt ist ein methodischer und statistischer Unsinn, der einen Preis verdient. Der Unsinn gipfelt in einer Regressionsanalyse. Eine (multiple) Regressionsanalyse untersucht, in welcher Weise ein Punkteraum, der durch eine abhängige Variable, die dichotom oder metrisch zu sein hat und eine Reihe von unabhängigen Variablen aufgespannt wird, durch eine Gerade, also eine lineare Kombination abgebildet werden kann. Da man immer eine lineare Kombination finden kann, ist es wichtig, die Qualität anzugeben, mit der die gefundene Gerade die Punktewolke abbildet. Dies erfolgt durch die Angabe der erklärten Varianz. Eine erklärte Varianz, die gegen Null geht, zeigt, dass die lineare Kombination keine geeignete Darstellung der Punktewolke ist, d.h. dass die unabhängigen Variablen die abhängige Variable nicht linear zu erklären vermögen. Eine erklärte Varianz, die gegen 100% geht, zeigt, dass die Gerade die Punktewolke fast identisch abzubilden vermag.

Mutz und Kämpfer lassen ihr Statistikprogramm Regressionen rechnen und versuchen zunächst, die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, der Demokratie und der Arbeit der Bundesregierung durch das Wetter, unterschieden nach sonnigen und nach regnerischen Tagen zu erklären. Die Ergebnisse sind das, was jedem Statistiker ein “Ha!” von den Lippen gehen lässt: Die erklärte Varianz beträgt jeweils 1%, mit anderen Worten, hier besteht kein Zusammenhang. Die Einstellungen zu den genannten Bereichen und das Wetter haben nichts miteinander zu tun. Von diesem Ergebnis wenig beeindruckt, greifen die Autoren in die Trickkiste und phantasieren, dass z.B. in Stuttgart, das eine bessere wirtschaftliche Situation vorzuweisen hat als z.B. Dresden, auch mehr Sonnentage vorhanden sein können und entsprechend eine “Verzerrung” der Ergebnisse zu erwarten ist. Warum die Autoren die eigene Hypothese, nach der das Wetter einen Effekt auf die Einstellung hat, nunmehr als Verzerrung werten, kann nur gemutmaßt werden. Allerdings hat die Beseitigung der “Verzerrung” von Sonnen- und Wirtschaftsunterschieden und damit die Ansicht, dass z.B. die Einstellungen zur wirtschaftlichen Entwicklung weder mit Sonne noch mit tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung zusammenhängt, den Effekt, den derartige Datenmanipulationen immer haben: Da nunmehr die unabhängige Variable so verändert wurde, dass sie bereits enthält, was in der abhängigen Variablen erklärt werden soll, steigt die “Qualität” des Modells. Allerdings ergeben sich auch nach der Manipulation nur erklärte Varianzen von 8%, 10%, und 12%. Auch nach Manipulation der Daten weigert sich das Wetter also, einen relevanten Effekt auf die Einstellung von Befragten auszuüben.

Aber für das Ziel der Autoren, auf das hin der Beitrag geschrieben wurde, ist der winzige Sprung von “gar nichts erklären” zu “manipuliertem kaum etwas Erklären” bedeutsam: “Aber auch das politische Meinungsklima, das regelmäßig anhand von Indikatoren wie eben der Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit oder Beliebtheit einzelner Politiker dokumentiert wird, kann in geringem Maße, wie wir gezeigt haben, von Wetterlagen beeinflusst sein. Wer die politische Stimmung in Deutschland korrekt messen will, wäre also gut beraten, sowohl besonders sonnige Tage als auch regnerische Tage zu meiden, weil diese die Ergebnisse im ersten Fall beschönigen oder im zweiten Fall ‘verhageln’, also negativ verzerren können” (222). Wie sich zeigt, hat der Unsinn in diesem Artikel Methode, denn der soeben zitierte Vorschlag zur korrekten Messung politischer Stimmung in Deutschland stammt von denselben Autoren, die ihren Artikel damit begonnen haben, über den Einfluss des Regens auf die Abwahl von Jürgen Rüttger zu spekulieren. Offensichtlich wäre es, in der Eigenlogik dieses Unsinnsbeitrags gerade wichtig, um den Ausgang von Wahlen korrekt vorherzusagen,  bei schlechtem Wetter zu befragen. Entsprechend müsste man entweder das Wahlwetter vorherbestimmen oder die Wahl an Regentagen aussetzen. Aber das ist nur ein weiterer Widerspruch, der angesichts der Legion  vorausgehender Widersprüche kaum mehr ins Gewicht fällt.

Was allerdings ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass derartiger Unsinn in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wird, noch dazu in “peer reviewed” Zeitschriften, was einmal mehr deutlich mach, wie wenig zeitgemäß dieses System doch ist und einmal mehr zeigt, dass die Kriterien, die einen wissenschaftlichen Text auszeichnen, weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Schade um die Bäume, die für den Abdruck dieses Textes gefällt werden mussten, schade um die Arbeitszeit von Mitarbeitern in Produktion, Disposition und Logistik, die für Herstellung und Vertrieb dieses Unsinns notwendig gewesen ist und schade, dass mit Unsinn wie diesem, das Bild der Sozialwissenschaft, das sowieso nicht gerade das beste ist, weiter beschädigt wird.

Campbell, Angus, Converse, Philip E., Miller, Warren E. & Stokes, Donald E. (1980). The American Voter. Chicago: Chicago University Press.

Mutz, Michael & Kämpfer, Sylvia (2011). …und nun zum Wetter: Beeinflusst die Wetterlage die Einschätzung von politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten? Zeitschrift für Soziologie 40(4): 208-226.