Wissenschaftliche Multiplikatoren: Wenn vermeintliche Wissenschaftler die Sache der Regierung erledigen

Der sogenannte Jungenbeirat, den das Bundesministerium für FSFJ ins Leben gerufen hat, war auf ScienceFiles schon wiederholt Thema. Entsprechend interessiert waren wir, als uns ein Beitrag von Michael Meuser und Sylka Scholz im BZgA Forum Sexualaufklärung und Familienplanung auf den Tisch gekommen ist, der mit “Jungen zwischen tradierten Männerbildern und neuen Herausforderungen. Erfahrungen aus dem Beirat Jungenpolitik” überschrieben ist.

BzgADer Beitrag ist (1) weitgehend inhaltsleer und kann in zwei Sätzen wie folgt zusammengefasst werden: Die Welt ändert, sich, und Jungen versuchen, ihre Individualität in einer sich änderenden Welt zu bestimmen. (2) Der Beitrag ist entlarvend, lässt sich ihm doch deutlich die Agenda entnehmen, die hinter dem Jungenbeirat steht. (3) Der Beitrag ist an methodischer Armseligkeit kaum zu überbieten, was besonderes darin deutlich wird, dass “sechs männliche Jugendliche … die Vielfalt unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten von Jungen” (Meuser & Scholz, 2013, S.7) repräsentieren sollen und ansonsten Ergebnisse aus “Fokusgruppendiskussionen” verabsolutiert werden. (4) Der Beitrag ist ein Beispiel dafür, dass sich die Regierung auf die von Ihr finanzierten wissenschaftlichen Multiplikatoren verlassen kann, wenn es darum geht, die derzeit herrschende staatsfeministische Ideologie durch mit wissenschaftlichem Anstrich daherkommende Bundes-Veröffentlichungen zu schreiben. Der wissenschaftliche Anstrich ist zwischenzeitlich allerdings so fadenscheinig geworden, dass kaum mehr jemand außer den darin Publizierenden überhaupt der Ansicht ist, es handele sich um eine auch nur annähernd wissenschaftliche Publikation.

Doch nun zur Agenda des Jungenbeirats. Meuser und Scholz, beide offensichtlichen eines Geistes Kind, geben sich alle Mühe, nicht zu deutlich zu machen, dass sie die “hegemoniale Männlichkeit”, was immer das auch sein mag, als das ansehen, was es zu überwinden gilt. Dass sie versuchen, dies nicht deutlich werden zu lassen, hat einen einfachen Grund: SIe betonen die Individualität und Wahlfreiheit von Jungen und entsprechend kann man nicht zu offen, gegen die vermeintliche hegemoniale Männlichkeit agitieren, will man nicht in den Verdacht geraten, einer “hegemonialen Anti-Männlichkeit” zu huldigen. Aber Meuser und Scholz können, trotz aller den Jungen zugestanderer Wahlfreiheit der Jungen, ihre eigene Ideologie nicht unterdrücken:

  1. Hegemoniale Männlichkeit?

    Hegemoniale Männlichkeit?

    “Fluchtpunkt tradierter Leitbilder von Männlichkeit ist eine ‘hegemoniale Männlichkeit’ … Dieser Begriff bringt zum Ausdruck, dass Männlichkeit mit gesellschaftlicher Macht und Dominanz verknüpft ist. … Dass es gesellschaftlich gesehen, ein Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen Männern und Frauen gibt, bedeutet nicht, dass sich jeder individuelle Mann in einer Machtposition befindet” (7).

  2. “Die neoliberale Reorganisation der Wirtschaft zieht der erwerbszentrierten Männlichkeitskonstruktion tendenziell den Boden weg” (8).

  3. In Peergroups von Jungen spielen tradierte Männlichkeitsnormen und -muster weiterhin eine große Rolle. Die Kommunikation und die Interaktion in den männlichen Peergroups ist in hohem Maße wettbewerbsorientiert. Sich dem Wettbewerb zu stellen und darin zu bewähren bringt Anerkennung seitens der Peers”. (8)

  4. “In der Interaktion mit Mädchen ist die Inszenierung einer hegemonialen Männlichkeit hingegen weitgehend kontraproduktiv, sie steht der Anbahnung von Kontakten entgegen.” (9).

  5. “… ihnen [den Jungen] fehlt es aber an konkreten Vorstellungen, wie sich ein Leben jenseits der tradierten Muster führen lässt.”(9).

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Zusammenfassend kann man feststellen, dass Meuser und Scholz trotz aller vorgeheuchelten Toleranz für die Lebensentwürfe von Jungen doch nicht zusehen wollen, wie die entsprechenden Jungen die Toleranz ausnutzen und am Ende noch einen tradierten Entwurf von Männlichkeit wählen. Das wäre ein Zuviel an Toleranz – doch der Reihe nach.

  1. Dass Männlichkeit Dominanz und Macht ist, aber Dominanz und Macht nicht männlich, wie es Meuser und Scholz schreiben, ist nicht nur auf den ersten Blick ein eklatanter Widerspruch. Es beschreibt das Elend kollektiver Entwürfe, das Dr. Diefenbach gemeinhin mit Fragen wie den folgenden bloßstellt: “Wie habe ich mir die männliche Dominanz im täglichen Leben vorzustellen? Welcher Mann hindert mich daran, X zu tun? So schnell sind Wortgebäude aus Baufälligkeit in sich zusammengestürzt. Entweder Männlichkeit ist hegemonial, oder sie ist es nicht. Eine Hegemonialität, die man im täglichen Leben nicht findet, die man wie Meuser und Scholz dies tun, zuschreiben muss (nein, sie tun es nicht direkt, sie verstecken sich hinter Robert W. Connell), ist nur im Geist der Zuschreibenden vorhanden. Sie verbinden offensichtlich die Tatsache, dass mehr Männer in Führungspositionen sitzen, mit Macht. Sie weisen Geschlecht in diesem Zusammenhang, Männlichkeit, um genau zu sein, eine besondere Bedeutung zu. Sie sind es, die den abstrusen Gedanken haben, dass ein männlicher Unternehmer mit seinem Penis und nicht mit seinem Gehirn sein Unternehmen führt. Wir fragen uns, wie lange man derart pathologisches Gedankengut noch frei herumlaufen lassen will. Zumindest wäre ein Warnhinweis notwendig, etwa in der Form: “Das Lesen dieses Textes kann zu Schäden in ihrer geistigen Entwicklung führen!”

  2. Ja, ja, der neoliberale Feind, der natürlich nicht ohne eine Geiselung von

  3. Wettbewerb daherkommen darf und sich entsprechend zur Trias der Winner, dem Feindbild der Loser, das sich aus Männlichkeit-Neolioberalismus-Wettbewerb zusammensetzt, vereinigt. Hegemoniale Männer sind wettbewerbsorientiert, finden freie Märkte und Neoliberalismus entsprechend gut. Der wahre oder neue oder wie auch immer man das Bild von Mann nennen will, das Meuser und Scholz favorisieren, dieser Mann ist in seiner Männlichkeit weiblich, er kümmert sich um Kinder, geht in schlecht bezahlte Sozialberufe und ist keinem Ernährerbild mehr verpflichtet. Er sitzt zu Hause und wartet auf die Stütze, denn dem neoliberalen Wettbewerb in der wirklichen Welt, will er sich nicht aussetzen.

    Es ist jetzt wirklich an der Zeit, diesem Unsinn klare Worte entgegen zu setzen. EInmal davon abgesehen, dass das Bild des sozialen Weibchens, das in schlecht bezahlten Berufen sein Dasein fristet, frauenfeindlich ist: In welcher Welt leben eigentlich Meuser und Scholz? Hatten die beiden keinen Vater? Waren deren Väter hegemoniale Männer, die alle Stereotype erfüllt haben, die beide so gerne bemühen? Häusliche Gewalt, Alleinernährer, wer seine Füße unter meinen Tisch steckt und so weiter…? Wo gibt es diesen “hegemonialen Mann”, der Dominanz ausübt? Und was für ein Bild von Wettbewerb haben die beiden? Woher die Angst vor normalen Formen des Kräftemessens, denen die Menschheit letztlich alle positiven Entwicklungen der letzten Jahrtausende verdankt? Die Antworten auf diese Fragen sind vermutlich psychologisch zu geben, entsprechend lassen wir sie an dieser Stelle unbewältigt.

  4. Taio+CruzIst es nicht immer wieder seltsam zu sehen, wie Autoren dann, wenn es an die eigene Ideologie geht, die Individualität und Vielfalt, die sie so gerne beschwören, ganz schnell vergessen. Wenn Menschen individuell und verschieden sind, dann wird es Mädchen geben, die eine “Inszenierung hegemonialer Männlichkeit” gut finden, und es wird Mädchen geben, die sie nicht gut finden. Entsprechend zeigt die Formulierung, nach der hegemoniale Männlichkeit der Anbahnung von Kontakten weitgehend kontraproduktiv im Wege steht, dass es mit der Toleranz gegenüber Abweichungen vom Bild der Männlichkeit, wie es Meuser und Scholz entwerfen, nicht allzuweit her ist – ganz zu schweigen vom heterosexuellen Bias, der sich in dieser Vorstellung zeigt.

Das Weltbild und die Agenda, mit der Meuser und Scholz in ihrem Beitrag unterwegs sind, ist offenkundig, und es ist ein Weltbild, das trotz seiner pseudo-wissenschaftlichen Verpackung nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Beide machen sich mit ihrem Beitrag zu Herolden staatsfeministischer Inhalte und verraten die Idee der Wissenschaft, um der zu dienen, sie eigentlich ihre Positionen an Universitäten besetzen sollten. Man muss also feststellen, dass die Loyalität gegenüber staatlichen Auftraggebern sowie die Bereitschaft, für den Staatsfeminismus die Werbetrommel zu rühren oder genauer: die Schmutzarbeit für ihn zu machen, bei beiden vermeintlichen Wissenschaftlern stärker entwickelt ist als die Loyalität gegenüber Wissenschaft und ihrem Ziel (Kleine Erinnerung: Das Ziel von Wissenschaft ist Erkenntnisgewinn, nicht Umerziehung.)

Das Elend der deutschen Soziologie: Post von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

dgs_2012_03Seit heute haben wir es schriftlich, dass in der deutschen Soziologie jeder behaupten kann, was er will, und zwar ohne Rücksicht auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Und nicht nur das: Seit heute haben wir es schriftlich, dass man es bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nicht problematisch findet, wenn falsch oder gar nicht zitiert wird. Die Kunst, so wissen wir seit heute, besteht darin, es "offen" zu lassen, ob es sich bei bestimmten Textstellen "überhaupt um ein Zitat" handelt. Wer also demnächst von Vroni-Plag als Plagiator identifiziert wird, der kann sich mit der Schützenhilfe der DGS darauf zurückziehen, dass er nur offen lassen wollte, ob es sich bei der von Vroni-Plag identifizierten Stelle um ein Zitat handelt. Und Studenten, denen Dozenten vorwerfen, sie hätten die Regeln des wissenschaflichen Arbeitens nicht berücksichtigt, können sich in Zukunft auf die Position zurückziehen, dass sie nur offen lassen wollten, ob bestimmte Stellen wörtliche Zitate anderer sind, selbst dann, wenn sie explizit in Hochkommata gesetzt wurden, oder ihre eigenen Gedanken darstellen.

Kurz: Seit heute wissen wir: Die DGS gibt die Standards wissenschaftlichen Arbeitens auf, und entsprechend ist die DGS offensichtlich der Ansicht, dass Soziologie keine Wissenschaft ist.

Vorgeschichte

Wir haben uns in einem Schreiben an die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewendet, weil uns in einer Auftragsarbeit, die Prof. Dr. Michael Meuser für das BMFSFJ verfasst hat, Zitate untergeschoben werden, die nicht von uns sind. Zur Erinnerung, Michael Meuser schreibt:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42

Und weiter:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Das Problem mit beiden Zitaten von Meuser ist leicht benannt: Wir haben nie von einer “Feminisierung des Lehramts” geschrieben und entsprechend können wir auch nichts als eine “Folge der Feminisierung” beschrieben haben. In beiden Fällen, in denen Meuser Bezug auf unseren Artikel aus dem Jahre 2002 nimmt, behauptet er unwahre Dinge und schiebt uns eine “Feminisierung” unter, von der wir nie geschrieben haben.

Man kann dies auf zwei Arten erklären: Entweder Meuser weiß nicht, was wir geschrieben haben, oder er will uns dadurch diskreditieren, dass er uns einen in seiner Welt negativ konnotierten Begriff unterschiebt. Beide Erklärungen führen jedoch zum selben Ergebnis, Meuser ist nicht fähig oder willig rudimentäre wissenschaftliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlicher Lauterkeit einzuhalten.

Die Ethikkommission der DGS

Wir haben uns entsprechend an die Ethikkommussion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbands deutscher Soziologen gewendet und uns über diesen Mangel an Aufrichtigkeit oder an wissenschaftlicher Versiertheit beschwert. Seit heute liegt uns die Antwort der Ethikkommission der DGS, erstellt von Prof. Dr. em. Hans-Georg Soeffner, dem ehemaligen Vorsitzenden der DGS, vor.

Wer Sie gerne im O-Ton nachlesen will, der kann dies hier tun.

Wir wollen uns auf zwei Unglaublichkeiten beschränken, die man als Wissenschaftler, die deshalb besonderen Wert auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens legen, weil sie die einzige Möglichkeit darstellen, Wissenschaft von Unsinn abzugrenzen, erst einmal verdauen muss.

So schreibt Soeffner, nachdem er behauptet hat, dass Meuser in den beiden oben zitierten Stellen “offen” gelassen habe, ob es sich um ein wörtliches Zitat aus Klein und Diefenbach handelt, folgendes:

“Eine deutlichere Abgrenzung der Kennzeichnung von Zitaten einerseits und allgemeinen Hervorhebungen andererseits müsste in Meusers Text sicherlich stattfinden. Die bewusste ‘Fälschung eines Zitates’ lässt sich jedoch kaum belegen.”

hans-georg-soeffnerDiese Wertung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht hier, dass wissenschaftiche Standards, die sich mit dem Zitieren verbinden, nicht ernst zu nehmen sind, man wünscht sie sich, aber wenn sie fehlen, ist das auch nicht schlimm. Zum anderen steht hier “Fälschung eines Zitates” in Anführungszeichen. Warum wohl? Weil Soeffner insinuieren will, dass wir fälschlicherweise von einer Fälschung eines Zitates sprechen, und da wir im Schreiben an die Ethikkommission die Frage, ob Meuser bewusst fälscht oder es einfach nicht besser kann offen gelassen haben, hat er das Wörtchen “bewusst” außerhalb der Anführungszeichen, mit denen er deutlich machen will, dass diese Textstelle nicht von ihm ist, gelassen. Leider hat Soeffner vergessen anzugeben, von wem diese Textstelle ist und zeigt damit, dass er es auch nicht besser kann als Meuser und ganz nebenbei hat er Meuser attestiert, dass er, da eine bewusste Fälschung nicht belegt werden kann, offensichtlich zu wissenschatflichem Arbeiten nicht fähig ist. Aber da sich die “‘Fälschung eines Zitates’ … kaum belegen” lässt, besteht noch Hoffnung, für Soeffner.

Allerdings besteht erhöhte Gefahr, dass dieser Keim der Hoffnung bereits im Keim erstickt wird, weil sich am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen, an dem Hans-Georg Soeffner vor seiner Emeritierung gelehrt hat, keinerlei Hinweise zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens finden lassen. In unserem Bemühren das endgültige Abgleiten der Soziologie in die Welt der Ideologie und des Phrasendreschens zu verhindern, waren wir erleichtert, dass wir an der Frierich-Schiller-Universität Jena, an der der derzeitige Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, lehrt, einen Leifaden für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gefunden haben, dessen Seite 2 sich Folgendes wörtlich entnehmen lässt:

  1. “Zitate werden gekennzeichnet – wörtliche und sinngemäße Zitate werden als solche markiert. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, bei sinngemäßen Zitaten wird durch den Konjunktiv und/oder einen Einleitungssatz verdeutlicht, dass es sich um Aussagen anderer handelt.”
  2. “Zitate (ob Wort, Satz oder Abschnitt) müssen belegt werden - am Ende jedes Zitats ist auszuweisen, aus welcher Quelle es stammt.”
  3. “Zitate sind exakt und ehrlich …”

Da die Art und Weise, in der Michael Meuser zu zitieren versucht, mit keinem der drei oben genannten Punkte in Einklang zu bringen ist, steht zu vermuten, dass sich der Dekan der Universität Jena und Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, im Widerspruch zu dem befinden muss, was Hans-Georg Soeffner als Vorsitzender (oder alleiniges Mitglied?) der Ethikkommission der DGS geschrieben hat. Es wird spannend sein, die Stellungnahme von Lessenich dazu zu lesen (- die wir natürlich einfordern werden).

Zwei abschließend Punkte sind uns noch wichtig:

Soeffner schreibt: “Wenn darüber hinaus auch bei Diefenbach/Klein (2002, S. 949) unmissverständlich festgestellt wird: “Lehrerinnen prägen die Schulkultur”, ist sachlich kaum mehr einzusehen, weshalb der Streit um das Scheinzitat ‘Feminisierung’ – eine ohnehin schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung – die Ethikkommission zweier Fachverbände beschäftigen muss”.

Nassehi_SoziologieEs ist schon erschreckend, dass Vertreter einer Wissenschaft, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt, nicht mehr in der Lage sind, zwischen einer Zustandsbeschreibung “Lehrerinnen prägen die Schulkultur” und einem Prozess “Feminisierung” zu unterscheiden und dass sie denken, das eine sei dem anderen gleich. Wenn das in der Soziologie nunmehr normal ist, dann ist es wirklich konsequent, die Soziologie zu schließen, da der Gegenstand der Soziologie nicht mehr vorhanden ist und es auch keine wissenschatfliche Methode gibt, mit der man Zustandsbeschreibungen von Soziologen von dem Gewäsch politischer Kommentatoren in Tageszeitungen unterscheiden könnte.

Esser_SoziologieDa Soeffner überdies der Ansicht ist, bei Meusers Versuch, uns zu zitieren, handle es sich um ein Scheinzitat, gibt er uns in der Sache offensichtlich recht und ist auch der Ansicht, dass Meuser nur den Anschein erwecken will, die “schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung”: Feminisierung stamme von uns. Im Gegensatz zu Soeffner sind wir allerdings der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Ethikkommission ist, sich auch mit “schwer zu ertragende[n] sprachliche[n] Fehlleistung[en]” zu beschäftigen, und wenn eine (aus einem Mann bestehende) Ethikkommission das nicht will, dann ist es vielleicht das Beste auch dieses letzte Feigenblatt, das an Zeiten erinnert, an denen die Soziologie den Anspruch hatte, eine Wissenschaft zu sein, fallen zu lassen.

Opp MethodologieVor diesem Hintergrund wäre es eigentlich an der Zeit, dass die großen alten Männer der Soziologie, die es auch in Deutschland gibt und deren Lebenswerk darin besteht, Soziologie als Wissenschaft etabliert zu haben, sich in Bewegung setzen oder zumindest ihre Stimme erheben, um der Zerstörung ihres Lebenswerks ein Ende zu setzen und den ohnehin stark angeschlagenen Ruf der deutschen Soziologie zumindest in den Bereichen, in denen dies noch möglich ist, zu reparieren, um zu retten, was noch zu retten ist.

P.S. Da die Beschwerde von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Vorsitzemden der Ethikkommission von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und dem Berufsverband deutscher Soziologen alleine unterzeichnet ist, fragt man sich unwillkürlich, welchen Stellenwert die anderen Mitglieder der Ethik-Kommission in diesem Gremium eigentlich haben – wenn sie überhaupt einen haben.

TU-Dortmund: Fälschung von Zitaten Bestandteil des Curriculums?

FK_12_Erz_SozÜber die letzten Jahre mussten wir nicht nur eine Erosion moralischer Werte und wissenschaftlicher Standards an Universitäten beobachten, in weiten Teilen ausgelöst durch staatsfeministische Interventionen, von denen wir uns bis jetzt fragen, wie sie mit der “wissenschaftlichen Unabhängigkeit” zu vereinbaren sind, wir haben auch die “Blüten” einer titelgeilen Möchtegern-Elite gesehen, die Spitze des Eisbergs in Form unglaublich dummer und naiver Versuche, geistiges Eigentum fremder Autoren zu stehlen und als eigenes Eigentum auszugeben. Die daran anschließende Diskussion über Plagiate und Standards hat jedoch von Problemen abgelenkt, die an Universitäten nicht nur deshalb endemisch sind, weil durch staatsfeministische Interventionen die dritte und oftmals die vierte Wahl in Positionen gelangt, in die sie auf regulärem Weg nie gelangt wären. Wie wir nunmehr zeigen werden, sind die Standards an manchen Universitäten so niedrig, besteht an manchen Universitäten der Verdacht, dass das Fälschen von Zitaten als Teil des Curriculums gelehrt oder für die größere Sache toleriert wird.

Das folgende Zitat entstammt dem Beitrag “Jungen- und Männlichkeitsforschung” von Michael Meuser, veröffentlicht in: “Jungen und ihre Lebenswelten – Vielfalt als Chance und Herausforderung. Bericht des Beirats Jungenpolitik” herausgegeben und verantwortet vom Bundesministerium für FSFJ:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42).

Bevor wir uns diesem Zitat näher widmen, hier eine Stelle aus den Zitierhinweisen, die an Studenten einer Sprachwissenschaftlichen Fakultät in Deutschland verteilt werden, und die von Studenten eingehalten werden müssen.

“Zitate müssen grundsätzlich den genauen Wortlaut der Textvorlage einhalten […] Zitate werden in doppelte Anführungszeichen gesetzt […] Sowohl Zitate als auch selbst formulierte Wiedergaben benötigen eine Referenzangabe.”

wiss arbeitenLegen wir diese Standards, an denen die wissenschaftlichen Arbeiten von Studenten gemessen werden, an die zitierte Stelle von Michael Meuser an. Der Begriff Feminisierung steht in Hochkommata und ist entsprechend als direktes Zitat ausgewiesen, das, wie der anschließende Verweis zeigt und wie Meuser damit behauptet, bei Carrington/McPhee 2008 und Diefenbach/Klein 2002 zu finden ist. Mit anderen Worten, Michael Meußer behauptet, der Begriff Feminisierung sei von uns verwendet worden. Er behauptet, er habe den Begriff bei uns gelesen. Er behauptet ferner, er würde diesen Begriff, den er bei uns gelesen hat, zitieren. Leider vergisst er die Seitenangabe und gemessen an den obigen Zitierhinweisen, an denen Studenten gemessen werden, hat er damit einen kardinalen Handwerksfehler begangen. Aber diese Art von Handwerksfehlern wird an manchen Universitäten scheinbar gelehrt, um  dadurch den Transport der eigenen Ideologie zu erleichtern, sie einfacher mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit maskieren zu können.

Dass unsere Interpretation, nach der Meuser den Begriff Feminisierung als wörtliches Zitat Diefenbach und Klein (2002) unterschieben will, richtig ist, zeigt sich auf Seite 42 weiter unten, wo er schreibt:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Damit bekräftigt Meuser sein direktes Zitat von oben, in dem er uns den Begriff Feminisierung unterschiebt, denn wir können natürlich nur von einer Folge der Feminisierung schreiben, wenn wir den Begriff Feminisierung auch gebraucht haben.

Bringing Boys Back In

Tatsächlich haben wir den Begriff Feminisierung in unserem Beitrag an keiner Stelle benutzt, wie jeder prüfen kann, der die Suchfunktion in Adobe benutzen kann. Mit anderen Worten: Michael Meuser fälscht hier ein wörtliches Zitat und schiebt es uns unter. Und dass er fälschen muss, hat gute Gründe. Zum einen passt ihm die Ausrichtung unseres Beitrags aus dem Jahre 2002, so wie er sie vom Hörensagen kennt, nicht, hat er uns als seine ideologischen Gegner ausgemacht. Zum anderen kennt er unseren Beitrag überhaupt nicht, hat er ihn nie gelesen. Denn hätter er ihn gelesen, ihm wäre aufgefallen, dass wir am Ende des Beitrags nach Erklärungen für einen empirischen Befund suchen, den wir in unserem Beitrag etabliert haben:

„Zum einen besteht die Möglichkeit aktiver Benachteiligung von Jungen gegenüber Mädchen durch Lehrerinnen. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem die geteilte Geschlechtszugehörigkeit von vielen (auch innerhalb der Sozialwissenschaften; vgl. hierzu beispielsweise Kelle/Lüdemann 1995, S. 258) gleichbedeutend mit einer geteilten Subkultur ist, ist mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Wir halten es jedoch für wahrscheinlicher, dass die Nachteile, die Jungen gegenüber Mädchen durch die Betreuung durch Lehrerinnen haben,
eine unbeabsichtigte Folge des Handelns der Lehrerinnen sind, die das Verhalten von Jungen und Mädchen unterschiedlich interpretieren und bewerten.“ (Klein & Diefenbach, 2002, S.949).

Man beachte, dass wir einen Nachteil von Jungen festgestellt haben und nunmehr nach möglichen Erklärungen für diesen Befund suchen. Die Benachteiligung von Jungen durch mehrheitlich weibliche Lehrer ist eine mögliche Erklärung. Aber Ideologen wie Meuser, die aufschrecken und wild flatternd oder cholerisch durch die Gegend laufen, wenn sie der Ansicht sind, jemand habe etwas Negatives über die holde Weiblichkeit gesagt, merken natürlich nicht, dass wir eine Erklärung für einen Befund suchen. Für sie ist klar, wir haben Feminisierung des Lehrerberufs festgestellt und als Ursache für Benachteiligung von Jungen identifiziert. Meuser ist einer, der offensichtlich dieser Ansicht ist. Er hat unseren Text nicht gelesen. Er zitiert unseren Text, weil er einen ideologischen Gegner aufbauen und seine logischen und sonstigen Denkfehler daran abarbeiten will.

Die vielen Fehler, die er allein in den wenigen von uns hier zitierten Sätzen macht, hat ihm Dr. habil. Heike Diefenbach in der ihr eigenen, im Umgang mit hunderten von Studenten und ihren Mängeln im Hinblick auf wissenschatfliches Arbeiten ausgefeilten Art und Weise so dargelegt, dass er nur lesen müsste, um zu lernen. Sie hat ihm erklärt,

  • dass ein Text, der 2009 erschienen ist, nicht die Ursache für einen Text sein kann, der 2002 erschienen ist;
  • dass es einen Unterschied zwischen dem Befund “Jungen haben Nachteile im Bildungssystem” und der Erklärung dieses Befundes “Jungen haben Nachteile, weil sie benachteiligt werden” gibt;
  • dass in derogativer Absicht eingestreute Relativierungen wie “vermeintlich” (siehe das erste Zitat von Meuser) mit einem wissenschaftlichen Vorgehen nicht vereinbar sind;
  • dass wir in unserem Beitrag an keiner Stelle schreiben, dass weibliche Lehrerinnen Jungen benachteiligen würden, sondern im Gegenteil nach Erklärungen für die Nachteile von Jungen im Bildungssystem suchen;
  • dass es methodisch mehr als fraglich ist, eine einzige und noch dazu keine gute Studie als Beleg für die Falschheit einer These anzuführen, die noch dazu nie von uns geäußert wurde und dass dies zudem mit der Ethik wissenschaftlichen Arbeitens nicht vereinbar ist;
  • dass alle Verweise, die Meuser in seinem Text auf unseren Text aus dem Jahre 2002 macht, falsch sind;

Die komplette Mail, die Dr. habil. Heike Diefenbach an den Univ. Prof. Dr. Michael Meuser geschrieben hat, kann hier heruntergeladen werden. Ich empfehle die Mail vor allem den Studenten von Michael Meuser. Die Auslassungen, Unterlassungen und Unkenntnisse von Herrn Meuser, die darin angesprochen sind, relativieren seine wissenschaftliche Befähigung, seine Kenntnisse der Regeln wissenschaftlichen Arbeitens doch in erheblichem Umfang. Dies ist vor dem Hintergrund pikant, dass Herr Meuser an der Fakultät 12 “Erziehungswissenschaft und Soziologie” als Prodekan für “Forschung und wiss. Nachwuchs” fungieren soll. Ob der wissenschaftliche Nachwuchs von Herrn Meuser lernt, dass Forschung darin besteht, anderen das zu unterstellen, was man ihnen gerne unterstellen will, und dass es als Mittel, um die Unterstellung glaubwürdig zu machen, recht nützlich ist, wenn man ein Zitat fälscht? Diese Frage muss unbeantwortet bleiben. Angesichts der Darstellung in diesem post kann sich jedoch jeder Leser ein recht informiertes Urteil bilden und entsprechend die Frage selbst beantworten.

scilogsDie Fälschung von Zitaten, die Unterstellung falscher Behauptungen ist nicht nur für die Universität Dortmund und den dort herrschenden “ethischen Kodex” problematisch, sie ist auch für das Bundesministerium für FSFJ schädlich, denn: Was ist von einem Bericht zu halten, bei dem bereits ein kursorischer Blick durch den Beitrag desjenigen, der für den gesamten Bericht die Federführung übernommen hat, eine Fälschung von Zitaten zu Tage befördert? Am besten, der Bericht wird dem Reißwolf überantwortet, denn ein genauerer Blick wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch ganz andere Dinge zu Tage befördern. In jedem Fall hat Dr. habil. Heike Diefenbach die verantwortliche Ministerin davon in Kenntnis gesetzt, dass im von ihrem Ministerium und letztlich von ihr verantworteten Bericht nachweislich falsche Dinge behauptet werden. Entweder die Ministerin ist zwischenzeitlich in eine Schockstarre verfallen, oder es findet sich derzeit niemand, der die Kohlen aus dem Feuer holen will, jedenfalls ist die entsprechende Mail bislang noch nicht beantwortet. Allerdings mahlen die Mühlen deutscher Ministerien nach aller Erfahrung langsam, und ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst das BMFSFJ nichts mit einer Fälschung zu tun haben will.

Bleibt noch die Reaktion von Univ. Prof. Dr. Michael Meuser auf die ausführliche Mail von Dr. habil. Heike Diefenbach zu berichten. Hier kommt sie:

Sehr geehrte Frau Kollegin Diefenbach,

was Sie anmahnen, ist Ihre Lesart meines Textes. Diese sei Ihnen unbenommen. Ich sehe keine Notwendigkeit, irgendetwas zu unternehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Meuser

Bis zu dieser Mail dachte ich, Meuser ist einfach einer dieser Ideologen, die Texte, die sie nie gelesen haben, nutzen, um ein Feindbild aufzubauen. Seit ich diese Mail gelesen habe, bin ich der Ansicht, Meuser weiß nicht, was er tut. Und ob man Univ. Profs, die nachweislich nicht ganz Herr Ihrer Sinne sind, auf harmlose Studenten loslassen darf, ist nicht nur eine moralische Frage, jedenfalls dann, wenn das Curriculum die Vermittlung von Fälschung als Mittel zum Beleg der eigenen Meinung nicht vorsieht. In jedem Fall werden wir diese Sache nicht auf sich beruhen lassen (demnächst mehr in diesem blog).

Geschlechtermanie: Der Abschlussbericht des mysteriösen Jungenbeirats beim BMFSFJ

Lange Zeit wurde so ziemlich alles, was den Jungenbeirat beim BMFSFJ umgab, gehütet, wie ein Staatsgeheimnis. Die Namen der Mitglieder des Jungenbeirats mussten – soweit es nicht die Jungen betraf – aus dem Ministerium für alle außer Männer herausoperiert werden, die Frage, warum diese und keine anderen Mitglieder in den Jungenbeirat berufen wurden, ist bis heute unbeantwortet. Transparenz ist, wie schon mehrfach auf ScienceFiles gezeigt wurde, nicht das, was deutsche Ministerien mögen.

Jungenbeirat colaAber nun ist er da – der Endbericht des Jungenbeirats. “Jungen und ihre Lebenswelten” heißt das Werk, das gestern veröffentlicht wurde. 222 Seiten umfasst das Kompendium der Lebenswelten, und ich gebe gleich zu, ich habe die 222 Seiten nicht gelesen – noch nicht. Dabei enthält der Bericht interessant verpackte Ladenhüter wie: “Jungen- und Männlichkeitsforschung” von Michael Meuser oder “Was heißt es heutzutage ein Junge zu sein?” von Sylka Scholz oder “Leben in Scheidungsfamilien” von Ricardo Sinesi oder “Die Bedeutung von Freundschaften im Jugendalter” von Ahmet Toprak und schließlich: “Neue Medien für Jungs” von Sebastian Leisinger. All das werde ich mir demnächst zu Gemüte führen, aber für’s Erste und angesichts der Kürze der Zeit, die ich zur Verfügung hatte, ist die Zusammenfassung des Endberichts ausreichend, um sich ein Bild über den Inhalt zu verschaffen.

Übrigens enthält der Endbericht eine Kurzbeschreibung der Mitglieder des Jungenbeirats, interessanter Weise auch der “Jungen-Experten”, deren Identität bislang gehütet wurde, wie das Nummerkonto der Parteizentrale in der Schweiz. Scheinbar sahen sich die Verantwortlichen beim BMFSFJ doch zu etwas mehr Transparenz gedrängt – nein, natürlich hatten sie von Anfang an vor, die Namen zu veröffentlichen. Nur eines veröffentlichen sie nicht: Den Grund dafür, warum gerade die Personen, die den Jungenbeirat besetzt haben, den Jungenbeirat besetzt haben – mit Ausnahme von Marc Calmbach, der Fund-Sourcing für Sinus betrieben hat, ist also der Weg in den Jungenbeirat, den die einzelnen Experten genommen haben, weiterhin ein Geheimnis.

Doch nun zur Zusammenfassung

Villagemachoman

Wahre Vielfalt! Click for more information!

Alles ist Vielfalt, so könnte man die Zusammenfassung zusammenfassen. Männliche Lebenswelten sind Vielfalt. Jungen sind Vielfalt, leben vielfältig, divers, unterschiedlich halt, in unterschiedlichen Alltagsrealitäten. Die Vielfalt wird vervollständigt oder ergänzt durch die “Vielfalt von Männlichkeitsentwürfen und Männerleben” (216) und die Vielfalt von sexuellen Orientierungen und die Notwendigkeit, eine “reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechterbildern jedweder Art (Männerbilder, Frauenbilder, Bilder von Homosexuellen, Transsexuellen, Queers) im Sinne einer Anerkennung von Vielfalt zu fördern” (216). Alles ist halt Vielfalt, nein, nicht alles, traditionelle Rollenvorstellungen sind nicht Vielfalt, sondern überholt und unpassend.

Die Bilder einer Frau, die im Supermarkt einkauft, und von einem Mann, der an einem Schreibtisch sitzt, die sich nach konkreten Erkenntnissen, die im Jungenbeirat gesammelt wurden, nach wie vor in Schulbüchern befinden, sind überholt und unpassend (216). Das Personal in Bildungsinstitutionen ist überholt, nein, natürlich ist es nicht überholt, sondern nur nicht gut ausgebildet, nein, auch nicht gut ausgebildet, noch nicht entsprechend weitergebildet, um mit der Vielfalt der Männlichkeiten und sexuellen Orientierungen Schritt zu halten, weshalb man dem Personal in Bildungsanstalten “Geschlechterbewusstsein” vermitteln und “Genderwissen” eintrichtern muss (216). Darüber hinaus muss alles reflexiv bearbeitet werden. Die notwendige “reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechtsbildern” wurde bereits angesprochen, reflexiv muss auch der Umgang mit “Männerbildern” sein (215), eine reflexive Auseinandersetzung mit hegemonialer Männlichkeit muss Jungen ermöglicht werden (215) usw. Bei so viel Reflexivität muss man erst einmal inne halten und nachdenken, um den Faden wieder zu finden.

Der Faden, der rote Faden, der die Zusammenfassung durchzieht, ist erstaunlich einfältig und gar nicht vielfältig. Da sind auf der einen Seiten die vielfältigen Lebenswelten und Männlichkeiten und Wünsche und Ansprüche und Anforderungen die auf Jungen einprasseln, von Jungen geäußert werden oder in denen Jungen leben, und auf der anderen Seite hat der Jungenbeirat nur eine einzige einfältige Wichtigkeit entdecken können, die es bei aller Vielfalt zu sichern gibt, nämlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (215), die attraktive Gestaltung der Elternzeit (217), die Erhöhung der Akzeptanz von Männern, “die einen Anspruch auf Elternzeit geltend machen” (217). Nein, das ist keine Einfältigkeit, das ist Armseligkeit. Alles, was die wichtigen Herrschaften des Jungenbeirats Jungen zu bieten haben, ist deren Verpflichtung auf Familie und Beruf?

Die Vision des Jungenbeirats

Die Vision des Jungenbeirats

Alles, was sie zu bieten haben, besteht im Vorschlag, die “hegemoniale Männlichkeit”, unter der die Experten im Jungenbeirat ein Streben nach Dominanz über Frauen und andere Männer verstehen (und außer ihnen vermutlich nicht viele), gegen eine “hegemoniale Weiblichkeit” zu tauschen. Nicht mehr das Bilden von Muskeln soll ein Jungenleben ausmachen, sondern das Wickeln von Windeln. Aber das ist natürlich nicht alles, was die Experten den jungen Männern zu bieten haben, für die ihr Bericht geschrieben sein soll. Nein, es gibt noch etwas anderes als fruchtbar zu sein und sich zu vermehren: Hausarbeit nämlich. Männer, so die tröstliche Botschaft aus dem Jungenbeirat: Männer, ihr müsst gar nicht Familienernährer sein, ihr dürft auch halbtags arbeiten und euch in der Freizeit dem eigenen Nachwuchs widmen, denn “Generativität” ist “ein wichtiges Thema einer lebenslauforientierten Jungenpolitik. Vor dem Hintergrund stagnierender Geburtenraten und der damit verbundenen demografischen Problematik handelt es sich hierbei um ein Politikfeld, das sowohl in gleichstellungs- als auch familienpolitischer Hinsicht relevant ist” (217).

Im Klartext, Jungen sollen ihre hegemonialen Bestrebungen, ein cooler Typ zu sein, bereits in der Jugend ad acta legen und statt dessen und gleichstellungstechnisch die Arbeitsteilung in der Partnerschaft, welcher vielfältigen Art auch immer, einüben, deren Zweck gar nicht vielfältig sondern fertil ist: Nachwuchsproduktion. Und wenn Jungen sich brav und treu an der Produktion von Nachwuchs beteiligen und gar nicht hegemonial sind, dann dürfen sie zur Belohnung halbtags arbeiten.

Das also ist die Vision, die den Experten im Jungenbeirat für Jungen vorschwebt. Das ist ihre Dystopie einer zukünftigen Generation von Jungen, die bereits in der Jugend vergreisen und keinerlei eigene Initiative mehr entwickeln dürfen, entgegen allem Vielfaltsgeschwätz. Es wird fortgepflanzt und der Beruf mit der Familie in Einklang gebracht, habt ihr gehört! Die Zeiten, in denen man träumen konnte, davon Astronaut zu werden (Vollzeitastronaut nicht Teilzeitastronaut) oder verrückter Professor, der aus Stroh Gold macht, die Zeiten sind vorbei. Heute wird schon früh Geschlecht, Geschlechtlichkeit, Gender und eine der vielfältigen Männlichkeiten eingeübt, die alle wie von Geisterhand geführt, zur Produktion von Nachwuchs führen. Die Armseligkeit des Lebensentwurfs, den der Jungenbeirat Jungen vorgeben will, ist nicht zu überbieten. Die Tristess, die einem befällt, wenn man die Zusammenfassung seines Endberichts gelesen hat, ist nicht zu steigern und die Gewissheit, dass es aus der Tristess und dem Tal der Armseligkeit, in das uns der Jungenbeirat führen will, nur einen Ausweg gibt, ist immens: Männer seid hegemonial! Das ist die einzige Form, Vielfalt zu erreichen.

Noch ein Nachtrag zur wissenschaftlichen Qualität oder besser zur nicht vorhandenen wissenschaftlichen Qualität. Der Professor für Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Bonn, Michael Meuser schreibt:

meuser“Diese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die ‘Feminisierung’ des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden” (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002).

Michael Meuser ist entweder ein vermeintlicher Wissenschaftler, der nicht lesen kann oder einer, der zitiert, was er nicht gelesen hat. Wir, Diefenbach und Klein 2002, haben an keiner Stelle von einer Feminisierung des Lehramts geschrieben, der Begriff “Feminisierung” kommt in unserem Text überhaupt nicht vor. Wir haben auch an keiner Stelle gesagt, dass die Feminmisierung, von der wir nicht geschrieben haben, die Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen in der Schule ist. Herr Professor hat offensichtlich nicht gelesen, was er zitiert.

Also, Studenten, wenn Prof. Meuser euch schlecht bewertet und behauptet, ihr hättet nicht gelesen, was ihr zitiert –  tu quoque! – geht zum Dekanat und beschwert Euch, Herr Meuser kann nicht von Euch verlangen, was er selbst nicht zu leisten gewillt ist. Sebstverständlich fügen wir Prof. Meuser unserer Blacklist hinzu, und darüber hinaus erhält er einen besonderen Malus wegen schlechtem Stil, denn, Herr Professor, in der Wissenschaft belegt man seine Behauptungen, wenn man also eine “vermeintliche Bildungsbenachteiligung” in derogativer Absicht behauptet, dann muss man, will man als Wissenschaftler und nicht als Ideologe durchgehen, die “vermeintliche Bildungsbenachteiligung” belegen. Herr Meuser kann die Vermeintlichkeit der Bildungsbenachteiligung ganz offensichtlich nicht belegen, also muss er ein Ideologe, kann er kein Wissenschaftler sein.

Allein unter Jungen: (geheime) Feldforschung für den Jungenbeirat

Lange hat sich das BMFSFJ bemüht, den dort gegründeten Jungenbeirat geheim zu halten. Bis heute hat das BMFSFJ nur bestätigt, dass sich im Jungenbeirat  sechs Personen befinden, deren Auswahl und Aufgabe jedoch weiterhin der höchsten Stufe der Geheimhaltung unterliegt. Anfragen, die sich danach erkundigen, was die sechs Personen als besonders geeignet für die Erfüllung eines nicht näher genannten, weil geheimen Forschungsauftrags macht, Fragen danach, wieso ausgerechnet diese sechs Personen ausgewählt wurden, bleiben bislang und wohl auch in Zukunft “top secret” und entsprechend unbeantwortet. Und so muss sich die Öffentlichkeit bislang damit begnügen, dass sie Steuergelder in Höhe von rund 350.000 Euro ausgibt, um Aktivitäten, die irgendwie von den folgenden sechs Personen ausgehen, zu finanzieren:

  1. Dr. Michael Meuser, Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Universität Dortmund;
  2. Dr. Marc Calmbach, Direktor des Sinus Instituts, Heidelberg;
  3. Dr. Ahmed Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund;
  4. Marc Melcher, zertifizierter Genderpädagoge und Jungenarbeiter;
  5. Dr. Winfried Kösters, freier Journalist und Publizist;
  6. Dr. Klaudia Schultheis, Professor für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstand;
  7. Zum Jungenbeirat gehören auch noch sechs Jungen, deren Namen aber ebenso geheim gehalten werden, wie die Gründe für ihre Auswahl.

Der Häufung von “Geschlecht (Gender)” und “Pädagogik (Erziehungswissenschaft)” nach zu urteilen, scheint der geheime Forschungsauftrag des Jungenbeirats etwas mit “Gender” und “Pädagogik” zu tun zu haben. Viel mehr in Erfahrung zu bringen, ist auch der Fraktion der Linken im Bundestag nicht gelungen, die im Rahmen einer Kleinen Anfrage, deren Antwort durch die Bundesregierung man nur findet, wenn man das Aktenzeichen kennt oder durch die Fraktion der Linken entsprechend informiert wird (ich danke meinem entsprechenden Informanten), ein paar verschlüsselte Sätze aus dem Bundesministerium für alle außer Männer erhalten hat. Darunter:

“Die Jugenlichen im Beirat [sechs an der Zahl, der Namen aus Datenschutzgründen top secret sind] sollen diesem [dem Beirat] ihre eigene Lebensrealität näher bringen, authentisch die Vielfalt unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten von Jungen heute einbringen… Die Arbeit des Beirats ist so konzipiert, dass er das Umfeld und den Alltag der Jungen direkt miterlebt”.

Ganz offensichtlich will das BMFSFJ in seiner Antwort nicht ausplaudern, dass eine ethnographische Feldforschung im Gange ist, dass es dem Beirat gelungen ist, Vertrauenspersonen bzw. Informanten in die Gruppe der Jungen einzuschleusen und dass man hofft, aus dem ethnographischen Miterleben dieser Informanten, Aufschlüsse darüber gewinnen zu können, wie Jungen leben, was sie so den ganzen Tag lang machen, wie sie sich kleiden, was sie essen, wo sie schlafen, wie sie untereinander und miteinander kommunizieren, über welche Themen sie reden und vor allem: Was sie von der Genderpolitik und den entsprechenden Umerziehungsversuchen der Bundesregierung halten, denen sie unterzogen werden.

Angesicht der delikaten Aufgabe, die die Informanten des Jungenbeirats unter ständiger Gefahr der Entdeckung ausführen, bitte ich die Leser dieses blogs, die folgenden Auszüge aus dem Feldjournal eines Informanten des Jungenbeirats, das mir zugespielt wurde, nicht weiterzuerzählen, denn wir wollen den Informanten ja nicht gefährden oder gar entlarven und damit dem Jungenbeirat die Möglichkeit nehmen, etwas über Jungen in Erfahrung zu bringen.

Das Feldjournal ist als Ich-Erzählung geschrieben, vermutlich, um es den Mitgliedern des Jungenbeirats zu ermöglichen, hautnah die Erlebnisse ihres Informanten “unter Jungen” mitzuerleben und reflexiv und vor allem nachhaltig zu verarbeiten, was sie selbst nie erleben werden. Ich habe aus dem ausführlichen Feldjournal, das mehrere 100 Seiten füllt, Stellen ausgewählt, von denen ich denke, dass sie den größten Einblick in das geben, was Informanten des Jungenbeirats “allein unter Jungen” so passieren kann. Das Feldjournal ist ein beeindruckendes Dokument der Fremd- und Verlassenheit, die einer erfahren kann, der  sich in einer staatsfeministisch geprägten Gesellschaft “allein unter Jungen” traut.

Allein unter Jungen

Es beginnt, damit, dass der Informant seine Feldarbeit aufnimmt:

“Der Augenblick, den ersten Kontakt aufzunehmen, war gekommen, Ms [Name aus Gründen der Geheimhaltung nicht preis gegeben] Rat folgend, besorgte ich ein bißchen Bier und Tabak, und dann machten wir uns auf den Weg nach K. [Ort aus Gründen der Geheimhaltung nicht preis gegeben].

Die erste Kontaktaufnahme verlief zufriedenstellend. Bei M. handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Streetworker, den der Jungenbeirat natürlich auch hätte befragen können, aber dann hätte das Sinus-Institut keine Feldforschung finanziert bekommen, und der Jungenbeirat hätte keine 350.000 Euro gekostet, und das geht natürlich nicht.

Der Informant, N.N., hat nach kurzer Zeit bereits eine Routine in seinem Leben unter Jungen:

“So zog ich denn jeden Tag los, mit meinem Tabak und meinen Notizbüchern bewaffnet, und machte mich in einem Anfall sinnloser Betriebsamkeit daran, F. [top secret] abzuschreiten, E. [top secret] zu überschlagen und Z. [top secret] zu zählen.”

Der Bericht über die erreichte Routine zeigt bereits erste Spuren der Ernüchterung, gar der Verzweiflung. N.N. scheint den Sinn seiner Feldarbeit bereits in diesem frühen Stadium zu hinterfragen. Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen darauf, welchen Sinn, außer dem Sinus-Institut einen Auftrag zukommen zu lassen, man dem Jungenbeirat zuschreiben kann. Aber folgen wir N.N. weiter in seinen täglichen Erfahrungen “allein unter Jungen”.

“Das Mittagessen bestand aus irgendeiner Art Hartbackenem, dazu vielleicht Schokolade, Erdnußbutter, Reis. Danach ging mein Assistent weg …. und ich verzog mich für eine Stunde auf mein steinhartes Bett, um Briefe zu schreiben, zu schlafen oder mir über meine verzweifelte finanzielle Situation den Kopf zu zerbrechen.”

Es ist ein Skandal, dass von den 350.000 Euro, die das Projekt “Jungenbeirat” kostet, offensichtlich nicht ausreichend Mittel für die grundlegende Feldarbeit zur Verfügung gestellt wurden, von der man fast denken könnte, dass sie unter Jungen in einer Strafvollzugsanstalt erfolgt, wäre die Beschreibung der Nahrung nicht gar so erschreckend.

Auf den ersten rund 80 Seiten seines Feldjournals erzählt N.N.  wenig über Jungen. Er ist mehr mit den Schwierigkeiten beschäftigt, die er damit hat, unter Jungen zurecht zu kommen. Erst auf Seite 83 seines Feldjournals berichtet N.N. eine verwertbare Erfahrung, die auch für die Männerbewegung von erheblicher Bedeutung ist. Die Erfahrung findet an einem Ort statt, den N.N. als Badeplatz bezeichnet, dessen weitere Beschreibung jedoch mehr an ein Schwimmbad erinnert, wenngleich es kein öffentliches Schwimmbad sein kann, denn es finden sich nur Jungen zum Baden ein (Mädchen ist, wie N.N. feststellt, der Zutritt nicht erlaubt), und alle Männer sind nackt:

“Sofern wir nicht anderweitig beschäftigt waren, kamen M. [N.N.s Assistent] und ich die meisten Tage hierher, und in dieser den Jungen vorbehaltenen Umgebung fingen die Jungen erstmals an, mit mir über ihre Religion und ihre Glaubensvorstellungen zu reden. Da unverkennbar war, dass sie allesamt nach der für die D. [aus Gründen der Geheimhaltung abgekürzt] typischen Manier beschnitten waren, während bei mir die Beschneidung fehlte, wandte sich die Unterhaltung spontan diesem Thema zu, das für die … D. die bleibende Bedeutung einer fixen Idee hatte”.

Die Vorgehensweise des Jungenbeirats, einen Informanten unter Jungen einzuschleusen, um überhaupt Informationen über das Leben von Jungen zu erhalten, wird implizit durch die Schwierigkeiten gerechtfertigt, die N.N. hat, sich in der Sprache der Jungen, mit diesen zu unterhalten:

“Es vergingen Monate, ehe ich das Gefühl hatte, irgendwelche Fortschritte im Sprechen gemacht zu haben, und insgeheim war ich überzeugt, ich würde heimfahren müssen, ohne das mindeste gelernt und begriffen zu haben.”

Diese pessimistische Einschätzung von N.N., die glücklicherweise nicht voll eingetroffen ist, denn sonst wäre der Jungenbeirat so gänzlich ohne Kenntnis über das Leben unter und von Jungen geblieben und das wiederum hätte angesichts seiner Benennung “Jungenbeirat” nun wirklich dumm ausgesehen, wird nur wenige Seiten später durch eine (oder die) relevante Information darüber, was Jungen nun wirlich bewegt und was sie tun, relativiert:

“Oft saßen A. und A. [zwei Jungen, deren Namen aus Gründen der Geheimhaltung nicht genannt werden] in der Bar und warteten mit der ganzen unsinnigen Aufregung werdender Väter auf ihr Gehalt. Es gab immer gewaltige Debatten darüber, wie die Einkommenssteuer berechnet wurde. Ich stellte mit Interesse fest, dass L. [Tätigkeit ist geheim] im k. P. [Ort aus Gründen der Geheimhaltung geheim gehalten] fast dasselbe Gehalt bezogen wie ich im b. L. [Ort aus denselben Gründen geheim gehalten]. Außerdem bekamen Sie Freikarten für den inländischen Flugverkehr, die sie meistens auf dem Schwarzmarkt verkauften, vorausgesetzt, sie wurden von den zuständigen Beamten nicht darum betrogen”.

Und so kann der Jungenbeirat am Ende doch noch ein paar Erkenntnisse über Jungen sammeln: Sie sitzen in Bars, warten auf ihren Lohn, sind besorgt über die Steuer, müssen sich wegen der Steuer ein Zubrot verdienen und wie so oft im Leben, werden sie von Beamten benutzt [Ich vermute, dass “betrogen” dem Frust von N.N. geschuldet ist, er aber eigentlich “benutzt” meint, benutzt im Sinne von: als Forschungsobjekt oder Objekt, an dem man sein Engagement beweisen kann oder an dem man sich bereichern kann, herhalten müssen oder missbraucht werden].

Der Feldbericht von N.N. gleitet an dieser Stelle in allgemeine Betrachtungen über den Sinn und Unsinn von Feldforschung ab und endet mit einer ernüchternden Einschätzung über den Sinn und Zweck derselben. Es wird spannend sein zu sehen, welche tiefen Einsichten und Erkenntnisse der Jungenbeirat in seinem Abschlussbericht aus den Erfahrungen von N.N. gewonnen hat und wie er die Einsicht in die Welt von Jungen, die einer gesammelt hat, der sich mehrere Monate allein unter Jungen befunden hat, verarbeitet. Vermutlich wird der Jungenbeirat folgern, dass noch mehr (Feld-)Forschung notwendig ist, um weitere Erkenntnisse über das Leben von Jungen zu gewinnen, und vermutlich wird die zusätzliche Forschung wieder von Sinus durchgeführt, vielleicht unter Mitarbeit von Emnid, denn wo es für ein Umfrageinstitut reicht, da reicht es auch für zwei.

Wir werden auf Sciencefiles berichten.

Disclaimer:

Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen der im Text genutzten Zitate mit Stellen im von Nigel Barley verfassten Buch “Traumatische Tropen” sind nicht zufällig, sondern beabsichtigt. Ich empfehle den interessierten Lesern vor allem die Seiten: 59, 71, 81, 85 und 93.

Barley, Nigel (1993). Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte. Stuttgart: Klett-Cotta.

Bildnachweis:
Fontblog

Worthülsen-Tsunami: Sozialwissenschafliche Wortonanie

Was ist eigentlich der Sinn von gesprochener oder geschriebener Sprache? Ohne ins Detail gehen zu wollen, kann ich mich an dieser Stelle als jemand outen, der bislang dachte, dass Sprache der Vermittlung (oder Verschleierung) von Information, zumindest auch der Vermittlung von Information dient. Ja, Sprache, z.B. in manchen Gedichten (die Betonung liegt auf “manchen”) kann auch Spass machen, einem erfreuen, aber selbst (oder gerade) von Lyrik erwartet man einen Inhalt. Die sinnlose Aneinanderreihung von Worten würde man kaum als lesenswert oder interessant oder lyrisch bezeichnen.

Geht es um wissenschaftliche Sprache in Wort und Schrift, dann ist das Ziel klar: Erkenntnisfortschritt. Wissenschaftliche Texte sollen denen, die sie lesen, etwas sagen, ihnen eine Information geben, die sie bislang noch nicht hatten, sie vielleicht mit auf eine Reise nehmen und ihnen einen neuen Blick auf bekannte Zusammenhänge eröffnen oder neue Zusammenhänge berichten. Wissenschaftliche Texte müssen sich entsprechend am Maß des Erkenntnisfortschritts messen lassen, und entsprechend gibt es eine ganze Reihe von Texten, die an diesem Maß scheitern und daher nicht als wissenschaftliche Texte anzusehen sind.

Mir scheint, nach eigener Beobachtung, dass sich Texte, die in wissenschaftlichen Zeitschriften abgedruck sind ohne irgend etwas zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, überproportional häufig mit den Themenbereichen “Kapitalismus”, “Feminismus” oder “Geschlecht” beschäftigen. Hinzu kommt, dass Texte aus den genannten Themenbereichen nur selten Hypothesen oder irgend etwas enthalten, was man als prüfbare Aussage – selbst im weitesten Sinne -ansehen könnte. Die entsprechenden Texte entstammen einem Genre, das ich an dieser Stelle als Wissenschaftsmimikri-Prosa bezeichnen möchte und haben alle u.a. Folgendes gemeinsam: Sie sind redundant. Man weiß oft nicht, was die Schreiber von einem wollen. Die Schreiber selbst wissen in den seltensten Fällen, was sie mitteilen wollen und wenn sie es vorgeblich wissen, dann ist die Mitteilung von einer Art, die man, hätte man sie nicht gehabt, nicht vermisst hätte. Hinzu kommt eine merkwürdige Häufung von Nomen, die fast schon willkürlich mit Adjektiven zusammengebracht werden, quasi zwangsvereinigt zu Begriffsmonstern wie “kapitalistische Expansionsprozesse”, “globale Konkurrenzen”, “ethniebasierte Arbeitsteilung”, “kapitalistische Formationen”, “geschlechterungleiche Arbeitsteilung” und so weiter.

Vielleicht kann man Studenten und nicht-Studierte mit Nominalkonstruktionen wie den genannten, mit Wortemissionen und Sätzen, deren Überhäufung mit Nominalkonstruktionen und schlichte Länge sie nur mit Mühe als das nachvollziehbar werden lässt, was sie sind: leere Emissionen, beeindrucken, ihnen Gelehrtheit vorgaukeln, aber einen darüber hinaus gehenden Wert der entsprechenden Texte, die ich in der Überschrift nicht ohne Grund als “sozialwissenschaftliche Wortonanie” bezeichnet habe, kann ich mir nicht vorstellen.

Nichts davon, weder Texte, deren Ziel darin besteht, Studenten oder wen auch immer mit komplizierten Konstruktionen zu erschrecken noch Wortonanie haben etwas in der (Sozial-)Wissenschaft zu suchen, und deshalb will ich dieses post nutzen, um ein besonders eklatantes Beispiel von Wortonanie, das mir gerade auf den Schreibtisch gekommen ist, darzustellen. Das “Werk” stammt aus dem Berliner Journal für Soziologie, einer Zeitschrift, deren Herausgeber offensichtlich von Verzweiflung gepackt sind, denn sie veröffentlichen derzeit wirklich alles. Das Werk wurde von Brigitte Aulenbacher, Michael Meuser und Birgit Riegraf verfasst, wobei mich die Frage, wie die drei Autoren miteinander kommuniziert haben, wirklich interessieren würde. Etwa so: “Frau Aulenbacher, wie steht es um das Ergebnis unserer interaktionären Versuche einer genderübergreifend herrschaftsfreien und nichthegemonialen Etablierung kooperativer Strukturen, die der Durchdringung eines prozesshaft und strukturhaft kontextuellen Themengebietes ungemeiner Vielfalt, nein Diversifizität und Komplexität und natürlich Konnektivität dienen?” “Herr Meuser, ich konnte bislang noch nicht in ausreichender Tiefe die textuelle Formation der Materie durchdringen und widme mich derzeit meinen wiederkehrend reproduktiven, auto-egotären Erneuerungsprozessen. (Auflösung: “Frau Aulenbacher, haben Sie unseren Text fertig?” Antwort: “Nein, ich mache gerade Mittagspause”).

Der Text, den ich mir angetan habe, hat den Titel “Geschlecht, Ethnie, Klasse im Kapitalismus – Über die Verschränkung sozialer Verhältnisse und hegemonialer Deutungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess”. Warum er diesen Titel trägt, das weiß ich nicht, weil beidesm Ethnis wie Klasse, kaum vorkommt. Der Text ist einer, der das Lamento der so genannten feministischen “Ökonomie” (klingt wie pyromaner Feuerlöscher) wiederkaut: Kapitalismus basiert auf Lohnarbeit. Lohnarbeit bevorzugt Männer. Frauen werden auf den Haushalt reduziert. Reproduktionsarbeit wird nur gering geschätzt. Männer haben das Geld (Lohnarbeit) und Frauen den wertlosen Haushalt. Habe ich etwas vergessen? Ah, genau: Frauen werden von Männern unterdrückt. Das ist halt so. Man muss es einfach hinnehmen, denn eines wird man in den entsprechenden Texten mit Sicherheit nicht finden: eine prüfbare Hypothese, geschweige denn eine geprüfte Hypothese, die den behaupteten Zusammenhang belegt. Die entsprechenden Texte sind, wie ich bereits mehrfach angemerkt habe, sozialwissenschaftliche Wortonanie. Sie gleichen einem Worthülsen-Tsunami wie ich anhand einiger Beispiele nunmehr belegen will. Ich habe die Beispiele willkürlich gewählt. Wer den Text zu lesen versucht, wird schnell feststellen, dass ich aus dem großen Fundus der Leerformeln einfach ein paar ausgewählt habe.

Der Wortschwall von Aulenbacher, Meuser und Riegraf Meine Übersetzung
“Hervorzuheben ist, dass Akkumulationsregimes und Regulationsweisen in keinem einfachen Verursachungsverhältnis zueinander stehen. Sie sind nicht voneinander ableitbar” (8). Es wird irgendetwas angehäuft und irgendwie reguliert. Wie Anhäufung und Regulierung miteinander zusammenhängen, wissen wir nicht.
“Ein stabiles Akkumulationsregime kann sich allerdings nur herausbilden, wenn sich zugleich ein entsprechender Regulationszusammenhang durchsetzt. Beides muss als Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen und Kämpfe auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen betrachtet werden, deren Ausgang nicht objektiv vorbestimmt ist, sondern von der Stärke, den Strategien und Erfolgen der beteiligten Akteure abhängt” (8). Wie auch immer was angehäuft wird, die Anhäufung ist nur stabil, wenn sie stabil (geregelt) ist. Eine stabile Anhäufung ist das Ergebnis von Verteilungskämpfen zwischen Gesellschaftsmitgliedern, bei denen sich der “Stärkere” durchsetzt.
“Hegemoniale Bestrebungen, kapitalistische Expansionsprozesse und globale Konkurrenzen beeinflussen … nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern überformen auch die Sozialordnung von Gesellschaften…”(10) Konkurrenz und das Streben danach, seine Bedürfnisse zu befriedigen, prägen eine Gesellschaft.
“Entlang der Übereinstimmung und Zuspitzung sollen im ersten Schritt Perspektiven bilanziert werden, die die feministische Gesellschaftsanalyse charakterisieren und sie von der Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheiden. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Moderne ingesamt, also nicht allein auf ihre kapitalistischen Formationen. Sie thematisieren das Spannungsverhältnis zwischen der ökonomischen Ungleichheits- und der bürgerlichen Gleichheitsordnung” (12). Wir beschreiben, worin sich die feministische Gesellschaftsanalyse von Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheidet. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Gesellschaft. Sie stellen die Konkurrenz um Ressourcen dem trauten Heim gegenüber.
“Zum anderen nimmt sie im Anschluss an das seinerzeit diskutierte Subsumtionstheorem ein Motiv auf, das in neueren Kapitalismustheorien, allerdings nur als Landnahmetheorem, (wieder) zentral in den Blick gerückt wird: die ‘Landnahme’ nicht kapitalistischer Bereiche. Diese wird jedoch weniger linear als noch bei Beer als beständige Verschiebung der ‘Innen/Außen-Grenzen’ des Kapitalismus .. gedacht, wonach landgenommene Bereiche – bei mangelnder Profitabilität – auch wieder verlassen werden” (14). Das Landnahmetheorem besagt, das Land genommen wird. Landnahme ist nicht endgültig. Das genommene Land kann auch wieder hergegeben werden.

Ich will es, vor allem mit Blick auf meine eigene geistige Gesundheit bei den Beispielen belassen und abschließend nur noch feststellen, dass es für Zeitschriften wie das Berliner Journal, die ja eigentlich wissenschaftliche Zeitschriften sein wollen, langsam an der Zeit wäre, auch wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen, anstatt ihre Leser in einen Worthülsen-Tsunami zu versenken, der nur von denen überlebt werden kann, die sich noch daran erinnern, dass ein Kriterium von Wissenschaftlichkeit darin besteht, dass Aussagen über die Wirklichkeit gemacht werden, also Aussagen, die man an der Wirklichkeit prüfen kann. Der Text von Aulenbacher, Meuser und Riegraf versagt hier auf der ganzen Linie. Also muss man die Herausgeber des Berliner Journals fragen, was sie sich gedacht haben, einen solchen Text überhaupt zu veröffentlichen.

P.S.
Michael Meuser, Mitautor dieses “Werks”, ist übrigens Mitglied im geheimnisvollen Jungenbeirat des Bundesministeriums für alle außer Männer. Die Frage, was der Jungenbeirat an lesbarem Auswurf produzieren wird, ist damit beantwortet. Offen, und dies nun auch schon seit mehr als einem halben Jahr, ist eine kleine Anfrage der LINKEN, die u.a. Fragen nach dem Sinn und Zweck des Jungenbeirats enthält. Es scheint, das Geheimnis des Jungenbeirats wird auf absehbare Zeit nicht gelüftet, und es steht zu befürchten, dass der Abschlussbericht des Jungenbeirats, der angeblich im Laufe diesen Jahres veröffentlicht werden soll, nur ein weiterer Worthülsen-Tsunami sein wird, das Ergebnis des Zeitvertreibs gelangweilter und ideologisch motivierter Akademiker…

Aulenbacher, Brigitte, Meuser, Michael & Riegraf, Birgit (2012). Geschlecht, Ethnie, Klasse im Kapitalismus – Über die Verschränkung sozialer Verhältnisse und hegemonialer Deutungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess. Berliner Journal für Soziologie 22(1): 5-27.