Wer nichts wird, wird: Politiker

Hambacher SchlossIn der Pfalz gibt es die folgende Redewendung: Wer nix wärd, wärd Wärt, In Hochdeutsch, wer nichts wird, wird Wirt. Die Redewendung ist also alles andere als vorteilhaft für Gastwirte, denen der Ruf vorauseilt, einen Beruf auszuüben, zu dem keinerlei Qualifikationen notwendig sind. Nun ist diese Redewendung eine alte Redewendung, und deshalb muss man sie modernisieren und an die Realität anpassen (und Gastwirte rehabilitieren). Entsprechend schlage ich vor, die Redewendung wie folgt zu modernisieren:

Wer nichts wird, wird Politiker

und vorausschauend für das nächste Jahrzehnt:

Wer nichts wird, wird Hochschulprofessor.

bzw.

Wer nichts wird, wird Rechtsanwalt.

 

Dies ist nicht etwa eine Laune von mir und der Tatsache geschuldet, dass ich Politiker, Hochschulprofessoren oder Rechtsanwälte nicht leiden kann (tatsächlich teile ich eine tiefe Abneigung gegen Anwälte mit Charles Dickens), nein, es ist das Ergebnis einer empirischen Erhebung, die das Institut für Demoskopie in Allensbach durchgeführt hat.

Seit 1991 legen die Allensbacher mehr als 1.500 Personen im Alter ab 16. Jahren eine Liste von Berufen vor und stellen dazu die folgende Frage:

“Hier sind einige Berufe aufgeschrieben. Könnten Sie bitte die fünf davon heraussuchen, die Sie am meisten schätzen, vor denen Sie am meisten Achtung haben?”

AllensbachDiese Frage haben die Allensbacher auch im Wahljahr 2013 gestellt und obwohl jeder der 1.570 Befragten fünf Berufe auswählen durfte, haben sich ganze 6% der Befragten, also eben einmal 94 von 1.570 Befragten für Politiker als achtenswertem Beruf entschieden. Wie viele Politiker unter den 94 sind, die Politiker als achtenswerten Beruf ansehen, ist eine Frage, die die Allensbacher leider nicht untersucht haben. In jedem Fall liegen Politiker damit im Hinblick auf die Achtung, die Ihnen entgegen gebracht wird, kurz vor Fernsehmoderatoren (3%) und Bankern (3%).

Die Frage, mit der die Allensbacher hier hantieren, ist dazu gedacht, Berufsprestige zu messen. Unter Berufsprestige wird gemäß einer gebräuchlichen Definition von Goldthorpe und Hope Folgendes verstanden:

“Such prestige [occupational prestige] will be related to ‘objective’ attributes of occupation – their rewards, requisite qualifications, work tasks, work environments etc. – but only indirectly only, that is, in so far as these attributes carry symbolic significance of a kind that is likely to be interpreted as indicative of social superiority or inferiority with corresponding interactional consequences” (Goldthorpe & Hope, 2001, p.212).

Berufsprestige hat demnach zwei Ebenen, eine “objektive”, die sichtrue power auf die Voraussetzungen (Qualifikationen), die gegeben sein müssen, um einen Beruf auszuüben, sowie die im Beruf erbrachten Leistungen und die damit verbundenen Vergütungen beziehen und eine soziale, die sich auf den Platz des entsprechenden Berufs in der Hierarchie sozialer Stratifizierung einer Gesellschaft bezieht.

Dass nur 6% der von Allensbach Befragten, Achtung vor Politikern haben, kann man entsprechend und vor dem Hintergrund, dass Politiker sehr gut entlohnt werden, nur als Indikator dafür werten, dass die meisten Deutschen der Ansicht sind, um Politiker zu werden, seien keine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse bzw. Qualifikationen notwendig und Politiker rangierten in der sozialen Hierarchie Deutschlands ganz unten, seinen also inferior zu allen anderen Berufen oder doch zu den meisten anderen Berufen.

Entsprechend ergibt sich die paradoxe Situation, dass viele deutsche Wähler in zugegebener Maßen abnehmender Zahl, aber dennoch in relevanter Menge, zur Wahlurne eilen, um dort Personen zu wählen, die sie nicht achten. Diese Wahl der Verachtung hat zur Konsequenz, dass deutsche Wähler von Personen regiert werden, von denen sie der Ansicht sind, sie seien in der sozialen Hierarchie ganz unten und nicht achtenswert. Demokratie, so scheint es, ist von einer Methode, um Mehrheiten für die beste Politik zu finden, zum Versuch verkommen, diejenigen, die man am meisten verachtet, von der Regierung fernzuhalten.

Berufsprestige AllensbachZwei weitere Ergebnisse der Berufsprestige-Skala, die die Allensbacher jährlich zusammenstellen, sind bemerkenswert. Zum einen geht die Achtung vor Rechtsanwälten umgekehrt proportional zu ihrer zunehmenden Verbreitung zurück: von 38%, die im Jahre 1991 Achtung vor Rechtsanwälten hatten, auf 24% im Jahre 2013. Zum anderen sinken Hochschullehrer im Ansehen der Bevölkerung von 39%, die noch im Jahre 1991 Achtung vor Hochschulprofessoren hatten, auf 26% im Jahre 2013.

Ein solches Ergebnis ruft natürlich nach einer Erklärung und ich will an dieser Stelle zumindest Erklärungsvorschläge zur Diskussion stellen.

  • Die Verrechtlichung des Alltags, die Zivilgerichte in Klagen ertrinken sieht, hat die Wahrscheinlichkeit, dass Normalbürger mit Anwälten konfrontiert sind, erhöht. Das sinkende Berufsprestige von Anwälten ist eine direkte Folge davon.
  • Die Abschaffung des Hochschulprofessors und seine Ersetzung durch den Hochschullehrer hat ebenso wie die vielen Programme, mit denen die Hochschulen zu Erziehungsanstalten, Kindergärten und Stätten gemacht werden sollen, an denen frauenfreundliche Bedingungen vorhandens sind, zum Absturz des Berufsprestiges von Professoren beigetragen. Wer an solchen Stätten arbeitet, wurde entweder gefördert oder er hat es nötig, beides trägt nicht zum Berufsprestige bei.
  • Und Politiker? Nun, Politiker kann jeder werden. Um Politiker zu werden, benötigt man in erster Linie Dresitigkeit und wenn man es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt, hilft das auch. Politiker haben vielfach keinen richtigen Beruf erlernt, sich vielmehr an Universitäten herumgedrückt, um anschließend in die Politik zu gehen. Sie zeichnen sich in der Regel durch keine besonderen Kenntnisse und Qualifikationen aus und fungieren fast als Pausenclown, dem man sich dann widmet, wenn nichts anderes geboten wird oder es die Zeit erlaubt. Folglich ist die Politik ein Market for Lemons, auf den sich niemand begeben will, der entweder eine Ausbildung oder mehr als rudimentäre Ansätze von Intelligenz (oder Bauernschläue) vorzuweisen hat.

Goldthorpe, John H. & Hope, Keith (2001). Occupational Grading and Occupational Prestige. In: Grusky, David B. (ed.). Social Stratification: Class, Race and Gender in Sociological Perspective. Boulder: Westview, pp.212-217.

Masters of Contradiction: Warum risikofreudige Politiker gut und schlecht für die Demokratie sind

“Sind Politiker risikofreudiger als das Volk?” Diese Frage haben sich Moritz Heß, Christian van Scheve, Jürgen Schupp und Gert G. Wagner gestellt, und sie haben die Frage auch beantwortet. Mit “Ja”, doch dazu später mehr.

Die Frage, so die vier Autoren, sei aus mehreren Gründen eine interessante Frage: Zum einen wolle man als Bürger gerne wissen, wie risikofreudig die Gesellen da sind, die zugriff auf Steuergelder haben. Zum anderen sei es für “das Funktionssystem der Politik, insbesondere in repräsentativen Demokratien, … grundsätzlich gut zu wissen, über welche entscheidungsrelevanten individuellen Merkmale … Politiker verfügen und ob sich diese Merkmale bzw. Kombinationen von Merkmalen systematisch von denen der repräsentierten und vertretenen Bevölkerung unterscheiden” (3). Kurz und in Deutsch: Ist die Menge der Zocker unter Politikern mit der Menge risikofreudiger Bürger, die sie repräsentieren wollen oder sollen, identisch oder gibt es mehr (oder weniger) Zocker unter den Politikern als in der Bevölkerung.

nicht oeffentlich1Um diese Frage zu prüfen mussten die vier Autoren aus Mannheim und Berlin eines der größten Probleme der Sozialforschung lösen, das sich einem empirisch tätigen Sozialforscher stellen kann: Eine Auskunft von deutschen Politikern erhalten. Seltsamerweise sind deutsche Politiker, die sich in Medien immer gesprächig geben, zumeist spachlos, wenn es darum geht, empirischen Sozialforschern eine Auskunft zu geben. Also haben die vier Sozialforscher alle Hebel in Bewegung gesetzt, die gemeinhin das Ergebnis einer, in diesem Fall schriftlichen Befragung, positiv beeinflussen. Das Ergebnis einer schriftlichen Befragung wird am Rücklauf gemessen, am Anteil der Fragebögen, die auch ausgefüllt zurückgeschickt werden. Und damit auch möglichst viele der scheuen Volksvertreter im Bundestag einen ausgefüllten Fragebogen zurückschicken, wurde nicht nur per Email jedem der Volksvertreter seine imminente Befragung angedroht, nein, dem Fragebogen wurde auch ein bereits frankierter Rückumschlag beigegeben. Ein personalisiertes Anschreiben sicherte den Abgeordneten  Anonymität zu und sicherte – doppelt gemoppelt hält besser – auch die Einhaltung des Datenschutzes zu. Weil die vier Sozialforscher dennoch nicht viel auf die Antwortmoral von Bundestagsabgeordneten gehalten haben, haben sie zudem versprochen, dass für jeden ausgefüllt zurückgeschickten Fragebogen “fünf Euro an die Deutsche Kinderkrebsstiftung der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe” gespendet werden. Da die Befragung in einer Sitzungswoche zwischen dem dritten und dem vierten Advent 2012 stattfand, versprachen sich die vier Sozialforscher eine Rücklaufquote wie sie die deutsche Sozialforschungswelt noch nicht gesehen hat.

Aber, alle Weihnachstvorfreude, alle Bilder von leuchtenden Kinderaugen bei der Leukämie-Forschungshilfe haben die Mehrzahl der deutschen Bundestagsabgeordneten nicht erweichen können. Von 3.100 Euro möglichen Spendengeldern bei Rücklauf aller 620 verschickten Fragebögen, konnten lediglich 875 Euro  gespendet werden, da nur 175 Abgeordnete sich erweichen ließen, die Fragen der Sozialforscher zu beantworten. Mit einer Rücklaufquote von 28,2 % ist die Befragung somit unter dem, was bei schriftlichen Umfragen normal ist, was belegt, dass Bundestagsabgeordnete, wenn sie die Wahl zwischen dem Verweigern von Antworten und dem Spenden für die Deutsche Kinderkrebsstiftung haben, mehrheitlich das Verweigern von Antworten wählen.

Die 175 Abgeordneten, die sich zu einer Antwort herabließen, wurden u.a. die folgenden Fragen gefragt:

RisikoDIW

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so ganz im Klaren darüber, was man mißt, wenn man Befragte fragt, wie risikobereit sie im Allgemeinen sind und wenn man sie bittet, die Frage auf einer 10-stufigen Skala zu beantworten. Ich meine, Risiko ist eine Eigenschaft von Situationen und Entscheidungen, kein allgemein vorhandener Gegenstand (sofern man nicht denkt, man sei ständig in Gefahr, von einem Ufo erschlagen zu werden, was bereits die bloße Existenz zu einem allgemeinen Risiko machen würde). Aber gut, gehen wir davon aus, man kann mit der “allgemeinen Risikobereitschaft” irgend etwas Sinnvolles, z.B. eine Disposition zum Eingehen eines Risikos messen, die sich dann auch in konkreten Situationen entsprechend niederschlägt.

Aber das müssen wir gar nicht annehmen, denn die Autoren trauen ihrer allgemeinen Risikobereitschaft offensichtlich auch nicht so ganz, denn sie fragen auch die Risikobereitschaft in spezifischen Zusammenhängen, z.B. beim Autofahren und bei der Gesundheit und beim Vertrauen in fremde Menschen. Ich habe ein generelles Problem mit solchen Fragen, denn sie sind aus meiner Sicht viel zu allgemein gestellt. Für den unsicheren Autofahrer ist es vielleicht schon ein Risiko, wenn er auf der Autobahn mehr als 80 Stundenkilometer fährt, aber da er gerade 81,5 Stundenkilometer schnell war und noch völlig im Rausch der Geschwindigkeit ist, gibt er seine Risikobereitschaft im Straßenverkehr mit 7 an und den selben Wert hat auch der BMW-Fahrer gegeben, der sich nichts Schöneres vorstellen kann als seinem Fordermann auf der Autobahn und bei Tempo 150 in den Kofferraum zu kriechen.

Ich denke, der Punkt ist klar, die Annahme, dass Befragte, die dieselben Werte der Risikobereitschaft auf der Skala wählen, eine äquivalente Risikosituation im Hinterkopf haben, wenn sie ihre Wahl treffen, ist äußerst fragwürdig, so dass man sich abermals fragen müsste, was da eigentlich gemessen wird. Aber, hier ist kein Methodenkurs, und deshalb kommt jetzt was gemessen wurde. Die folgende Abbildung stellt die Mittelwerte für die 175 Bundestagsabgeordneten, den entsprechenden Mittelwerten von rund 17.000 im SOEP Befragten und rund 1.000 im SOEP befragten Selbständigen gegenüber. Warum Selbständige? Warum nicht?

RisikoDIW2

riskbathingWie die Abbildung zeigt, schätzen Bundestagsabgeordnete ihre Risikobereitschaft durchweg höher ein als ein repräsentativer Durchschnitt der Bevölkerung. Insbesondere sind Bundestagsabgeordnete im Hinblick auf ihre Karriere, ihre Gesundheit, Sport und Freizeit sowie im Vertrauen gegenüber anderen risikobereiter als der durchschnittliche Deutsche. Spätestens hier habe ich gedacht, dass es unter Bundestagsabgeordneten ein anderes Verständnis von Risikobereitschaft geben muss als unter der Normalbevölkerung, denn wo bei der Karriere als Politiker das Risiko zu finden sein soll, ist eine Frage, die angesichts der mit dieser “Karriere” einhergehenden nicht vorhandenen Anforderungen (an die Ausbildung zum Beispiel) bei gleichzeitigen üppigen Rentenregelungen eher nicht mit Bezug auf Risiko beantwortet werden kann. Aber lassen wir das. Sehen wir lieber was unsere vier Sozialforscher aus diesem Ergebnis machen. Erstaunliches:

“Eine positive Beurteilung der gefundenen Risikoeinstellungen beruht auf der Einsicht, dass es die Politik oft mit unübersichtlichen und schwer zu entscheidenden Situationen zu tun hat. Politik ist geradezu durch Unübersichtlichkeit und “kniffelige” Probleme definiert. Insofern ist eine überdurchschnittlich risikofreudige Einstellung von … Berufspolitikern gesellschaftlich nützlich, da anderfalls wichtige Entscheidungen angesichts ständig vorhandener und kaum überschaubarer Risiken überhaupt nicht mehr getroffen würden … Diese Pesepektive lässt sich auch mit evolutionstheoretischen Argumenten untermauern, denen zufolge die Risikofreude politischer Eliten Gemeinwohl fördernd ist …” (22-23)

Aber:

“Genau an dieser Stelle sind demokratisch legitimierte sowie rechtsstaatlich verfasste Gesellschaften und politische Systeme äußerst wertvoll. Demokratien begrenzen Macht und die individuelle Risikofreude … Die strukturellen Besonderheiten demokratischer politischer Systeme … dass wichtige politische Entscheidungen in der Regel kollektiv getroffen … werden, schmälert den Einfluss der individuellen Risikoneigung” (23).

Beckermann LogikWir lernen: Die höhere Risikobereitschaft von Politikern ist gut, um überhaupt Entscheidungen zu treffen und sie hat sich evolutorisch durchgesetzt. In Deutsch: Die höhere Risikofreude macht Bundestagsabgeordnete uns Normalsterblichen gegenüber überlegen. Dem risikofreudigen Politiker gehört die Zukunft: Seine Gene werden sich durchsetzen. Aber, so lernen wir noch auf der selben Seite, die höhere Risikobereitschaft von Politikern ist gar nicht gut, denn sie muss durch die “strukturellen Besonderheiten demokratischer politischer Systeme” gebändigt werden. Also haben sich die evolutorisch überlegenen risikobereiten Politiker im demokratischen System nicht durchsetzen können, was zwangsläufig bedeutet, dass im demokratischen System keine Entscheidungen, die mit Risiko belastet sind, getroffen werden können, denn dazu benötigt man risikofreudige Politiker, die sich aber im demokratischen System nicht durchsetzen können, was die Frage aufwirft, wie sie evolutorisch überlegen sein können, wenn sie sich nicht durchsetzen können und …

Ja, das Ganze ist halt ein Widerspruch, denn etwas, kann nicht es selbst und etwas anderes sein. Das nennen Logiker den Satz des ausgeschlossenen Dritten, und der gilt auch für die vier Sozialforscher aus Mannheim und Berlin. Sie werden sich also entscheiden müssen: Ist es nun gut, dass Politiker risikofreudiger sind als ihre Bevölkerung oder ist es nicht gut. Falls die vier Sozialforscher hier die Antwort verweigern, können sie ja Politiker werden, die leben auch gut mit Widersprüchen und damit, Antworten zu verweigern.

Politikern ist alles zuzutrauen, aber: “Mein Kampf” wird bislang nicht umgeschrieben

Andere scherzen heute, wir klären auf!

Vor einigen Tagen haben wir eine Eilmeldung veröffentlicht. SPD und Grüne wollen “Mein Kampf” umschreiben, so haben wir  gemeldet und – wie wir geschrieben haben – Informationen verarbeitet, die uns aus München und von einem Bekannten von Dr. habil. Heike Diefenbach zugespielt wurden. Mittlerweile hat die Nachricht derartige Kreise, dass wir an dieser Stelle einräumen müssen, dass es sich mit dem Umschreiben von “Mein Kampf” nicht so verhält, wie wir gemeldet haben.

EilmeldungZunächst ist es jedoch notwendig festzustellen, dass die Vielzahl der Reaktionen und die große Ressonanz, die die Eilmeldung erfahren hat, für uns doch etwas überraschend war.  Noch überraschender ist jedoch, und das ist letztlich etwas, was Satiriker mit Sorge erfüllen muss, dass Satire von der Realität rechts überholt wird, dass es normal geworden ist, dass die Affen den Zoo regieren und man entsprechend keine Satire mehr daraus machen kann, dass die Affen den Zoo regieren.

So war sich eine große Zahl der Leser und Kommentatoren der Eilmeldung nicht darüber im Klaren, ob es sich dabei um eine Satire handelt oder um eine ehrliche, aufrichtige, den Tatsachen entsprechende, nach bestem Wissen und Gewissen verbreitete Meldung. Nun, wir waren eigentlich der Ansicht, dass die Eilmeldung eine Satire ist, insbesondere da nun wirklich Folgendes so klar sein sollte, dass es selbst bei deutschen Politikern als Wissensbestand vorausgesetzt werden kann, so dachten wir, und, so dachten wir weiter, so sehen das auch die meisten unserer Leser:

  1. Die Annexion von Gebieten im Osten und Westen Deutschlands ist nicht deshalb von der politischen Agenda gestrichen worden, weil die EU-Osterweiterung sowie die Mitgliedschaft Frankreichs und Belgiens in der EU die entsprechende Annexion unnötig gemacht hat.
  2. Es gibt keine Begründerinnen des Marxismus. Es gibt nur KARL Marx und nur KARL Marx hat ihn begründet, weshalb der Marxismus auch Marxismus heißt.
  3. Dass nicht alle Juden schlecht sind, es auch gut gebe, würden deutsche Politiker nie schreiben – oder doch?
  4. Der abgebildete Gesetzentwurf, also wirklich ein Gesetzentwurf auf dem steht “…des Herrn Adolf Hitler (zwischenzeitlich verstorben)”, das würden deutsche Politiker nie schreiben – oder etwa doch?

Und das sind nur einige der Hinweise im Text, von denen wir dachten, dass sie fester Wissensbestand sind, von dem wir ausgehen können, dass die meisten unserer Leser davon ausgehen, dass Politiker ihn haben. Weit gefehlt! – Was diesen post zur Frage bringt: Warum haben wir uns diese Satire erlaubt? Bevor wir diese Frage beantworten, und den wissenschaftlichen Wert dieser genialen Idee, die Dr. habil. Heike Diefenbach nach dem Frühstück entwickelt hat, darlegen, hier noch ein paar hinführende Bemerkungen:

Es ist ein erschreckendes Zeichen für den Zustand der deutschen Demokratie, dass eine Vielzahl von Lesern denkt, sie würden von einer Horde Irrer regiert, die weil in “Mein Kampf” vom “Mädchenhandel im Judentum” die Rede ist, über alle sonstigen verbalen rassistischen Ausfälle hinwegsehen und ansonsten an dem Werk nur auszusetzen haben, dass es nicht in gegenderter Form vorliegt.

Es ist mindestens so erschreckend, dass eine Vielzahl der Leser es für möglich gehalten hat, dass die linke politische Elite im Bayerischen Landtag davon überrascht ist, dass man sich in den Ostgebieten wäscht und entsprechend “Rassenhygiene” kein Thema mehr ist.

Schließlich ist es geradezu furchtbar, dass die kleinen, so liebevoll zusammengestellten Unglaublichkeiten am Ende des Textes weitgehend unbeachtet geblieben sind. Zur Erinnerung, am Ende des Textes wird die erfundene Abgeordnete Hildegard Clausthal-Wilhelmsmann mit den Worten zitiert:

“… man müsse auch historische Werke der modernen Sichtweise anpassen. Historische Korrektheit, so die Abgeordnete, habe schließlich ihre Grenzen und müsse selbstverständlich hinter Sprach- und Gendersensibilitäten zurückstehen. Damit befinde man sich schließlich im Einklang mit den pädagogischen Bestrebungen der letzten Dekade”.

Noch einmal im Klartext, hier steht ganz offen, dass es legitim ist, Geschichte im Dienste eines Splins, den man gerade verfolgt, zu verfälschen, dass diese Form der Geschichtsfälschung in deutschen Schulen seit Dekaden betrieben wird und dass es schließlich nicht um geschichtliche Authentizität sondern um ideologisches Wohlgefallen geht. Das ist schon ein starkes Stück, aber nur wenige haben sich gewundert. Die Mehrzahl hat dies offensichtlich für eine authentische Beschreibung der derzeitigen Realität in Deutschland gehalten.

Daraus kann man nur schließen, dass die Leser der Eilmeldung ihre politische Klasse für entweder nicht zurechnungsfähig oder für völlig skrupellos halten, denn sie sind nicht überrascht, wenn sich Vertreter dieser politischen Klasse als

  • dumm,
  • auf Genderthemen fixiert,
  • menschenverachtend,
  • rassistisch,
  • missionarisch und
  • in hohem Maße manipulativ

Garfinkelvorstellen. Und damit kommen wir zur Crux unserer Satire, die in die Tradition der Erschütterungsexperimente gehört, die von Harold Garfinkel entwickelt und von Aaron V. Cicourel ausgefeilt wurden. Die Technik der Erschütterungsexperimente wurde entwickelt, um die Normalitäten aufzudecken, auf denen unser tägliches Handeln basiert, um an die Normen hernazukommen, die unser Alltagsverständnis leiten, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Die Normen herauszufinden, die das Alltagsverständnis leiten, wenn die Sprache auf Politiker kommt, war entsprechend das Ziel, dem die vorliegende Satire gewidmet ist.

Wir wissen nicht, ob den meisten Lesern, die die Eilmeldung gelesen haben, bewusst ist, mit welchem Alltagsverständnis sie Politikern gegenübertreten, aber es ist nicht zu weit hergeholt, wenn wir feststellen, dass die meisten der Leser ihre Politiker für unzurechnungsfähig, zu allem fähig, nicht ganz normal und ansonsten für unehrlich bis ins Mark halten. Und dies ist ein erschütterndes Ergebnis für eine repräsentative Demokratie, ein Ergebnis, das man mit den Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung nicht erzielen kann, wenn man z.B. fragt, “Wie zufrieden sind Sie mit Politikern?” oder  “Welches Vertrauen haben sie in Politiker?”

Warum ist dies nicht möglich: Schon weil einmal vorrausgesetzt wird, man könne Vertrauen zu Politikern haben, einmal man könne mit Politikern zufrieden sein, was notwendig bedeutet, dass man Ansprüche an Politiker stellt. Wie unser kleines Experiment gezeigt hat, treten viele Deutsche (zumindest von den 4500+, die den Beitrag zwischenzeitlich gelesen haben) ihren Politikern jedoch mit Erwartungslosigkeit gegenüber, die man nur haben kann, wenn man auf “alles gefasst sein muss”. Es ist dies die Weise, in der man Leuten begegnet, denen gegenüber man eher vorsichtig sein muss und von denen alles Mögliche nur nichts Gutes zu erwarten ist. Diese Haltung gegenüber Politikern, dieses Alltagsverständnis von “Politiker” hat entsprechend nichts mit Vertrauen, aber viel mit “zutrauen” zu tun, damit, dass Menschen in Deutschland ihren Politikern so ziemlich alles zutrauen.

lunaticsAngesichts eines solchen Ergebnisses müssten Politiker, also solche, die sich ernst nehmen, eigentlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das Ergebnis macht nämlich überdeutlich, was viele Menschen von ihnen halten. Und nicht zuletzt macht das Ergebnis deutlich, wie sehr sich Politiker von “den Bürgern”, die sie doch zu repräsentieren vorgeben, entfernt haben. Erstere sind einiges von Ihren Politikern gewöhnt, so viel, dass es kaum mehr möglich ist, die Realität von einer Satire zu unterscheiden. Letztere machen vor sich hin und vermitteln “ihren Bürgern” den Eindruck, dass jede Realität eine Satire auf sich selbst ist, z.B. wenn sie Bücher wie “Die kleine Hexe” politisch korrekt umschreiben oder sonstige politisch korrekte Maßnahmen durchführen, die offensichtlich der politischen Hygenie dienen, aber von Bürgern letztlich als Unsinn angesehen werden, und jeder neue Unsinn ist nur ein Unsinn mehr, der die Linie zwischen Realität und Satire verwischt.

Ob es ausreicht, sich gegen den täglich von Politikern zur Normalität erklärten Wahnsinn dadurch zu wehren, dass man Gott anruft, er möge das Umschreiben von z.B. “Mein Kampf” eine Satire und nicht ernstgemeint sein lassen, wie dies einige Kommentatoren getan haben, wollen wir an dieser Stelle ausdrücklich bezweifeln und darauf verweisen, dass sich Politiker nur von Widerstand beeindrucken lassen, der die materielle Sphäre zum Gegenstand hat und z.B. ihre Bezüge und sonstigen Vorteilsnahmen betrifft. Von geistigem Widerstand haben sich Politiker noch nie beeindrucken lassen.