ARD-Deutschlandtrend: Lügenpresse trifft Auftrags-Meinungsforschung

Bislang waren wir der Ansicht, Infratest dimap sei eines der wenigen seriöseren Meinungsforschungsinstitute. In Anbetracht neuer Fakten müssen wir unsere Meinung revidieren.

Es beginnt mit einem Beitrag von Fritz Goergen bei Roland Tichy. Goergen setzt sich darin mit dem ARD-Deutschlandtrend und der Berechnung von Wählerströmen zur AfD auseinander und befindet: “Qualität ist etwas anderes”.

Im monatlichen ARD-Deutschlandtrend hat Infratest dimap dieses Mal etwas Besonderes zusammengerechnet: Wählerströme von anderen Parteien zur AfD:

infratest-dimap-01“Anhand der Daten zur Sonntagsfrage von Infratest dimap seit September 2015 kann man errechnen, woher die Unterstützer für die AfD kommen: Die Umfragewerte werden mit dem Wahlergebnis der Bundestagswahl von 2013 verglichen. So lässt sich ein grobes, aber doch aussagekräftiges Bild der (fiktiven) Wählerwanderung zeichnen: Die Zuwächse der AfD würden zu einem großen Teil gespeist aus dem konservativen Lager: Nach unserer aktuellen Sonntagsfrage würden rund 950.000 Stimmen von bisherigen Unionswählern kommen.”

Wie ist das möglich, fragt Fritz Goergen in seinem Beitrag und meint die Berechnung von Wählerströmen. Er vermisse die “Aufklärung, dass diesen Wählerströmen Annahmen – also Thesen – zugrunde liegen”, schreibt er weiter und bemängelt schließlich, dass die Öffentlichkeit über “diese Annahmen weder als Methode noch ihre konkreten Inhalte informiert” werde.

Nun, Fritz Goergen kann geholfen werden, durch einen Einblick in die Hexenküche der Meinungsforschung und die Art und Weise, in der Wählerströme wie der dargestellte zusammengeschustert werden, um Deutschen eine sehr grobe Wirklichkeit vorzugaukeln, die es in dieser Weise nicht gibt und die eben nicht aussagekräftig ist.

Hier folgt, wie es geht.

Zunächst gibt es keine Annahmen.

Wir wissen nicht, wie Goergen auf die Idee kommt, der Berechnung von Wählerströmen lägen theoretische Annahmen zugrunde, etwa darüber, dass Arbeiter eher die SPD wählen, eine Annahme, die man auf Grundlage der Cleavage-Theorie, die Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan formuliert haben, machen könnte, wenngleich die Annahme einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat und Arbeiter nie ausschließlich, nicht einmal mehrheitlich die SPD gewählt haben. Aber sei’s drum, that’s academic, wie man in Britannien sagt, denn die Meinungsforschungsinstitute haben keine entsprechenden theoretischen Annahmen (was nicht heißt, dass sie kein unausgesprochenen Prämissen haben).

Zum Hexenlatein reicht ein Taschenrechner.

Afd WaehlerstroemeBeginnen wir mit dem Ergebnis:
950.000 ehemalige CDU-Wähler wechseln zur AfD.
Je 250.000 ehemalige SPD bzw. Linke Wähler wechseln zur AfD.

Wo kommen diese 1,45 Millionen Wähler her?

Aus dem Taschenrechner, denn Infratest dimap hat natürlich keine 1,45 Millionen Wähler befragt. Angeblich basieren die Ergebnisse, die oben dargestellt sind, auf den ARD-Deutschlandtrends der Monate September, Oktober, November, Dezember.

In den vier Monaten hat Infratest dimap nach eigenen Angaben die folgende Anzahl von Befragten zusammengetragen:

  • September: 1.501 Befragte;
  • Oktober: 1.501 Befragte;
  • November: 1.503 Befragte;
  • Dezember: 1.503 Befragte;

Ergibt 6.008 Befragte und somit etwas weniger als 1,45 Millionen Wähler.

Wie geht die phantastische Vermehrung der Befragten in Wähler von Statten? Das haben weder die ARD, die die Ergebnisse der Berechnung der Wählerströme als Selbstverständlichkeit verkaufen will, noch hat es Infratest dimap verraten, wie Fritz Goergen bemängelt.

Irgendetwas wurde mit den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl verglichen und irgendetwas wurde offensichtlich berechnet.

Und den größten Teil dessen, was hier berechnet wurde, kann man rekonstruieren.

Überträgt man die Wählerströme zur AfD für den Dezember in Prozentwerte, dann zeigt sich, dass 65,5% der neuen AfD-Wähler von der CDU kommen, während jeweils 17,25% von SPD und Linke kommen.

Wer sind diese neuen AfD Wähler? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich daran erinnern, dass die Hochrechnung von Infratest dimap auf den Ergebnissen der Sonntagsfrage seit September basiert. Vergleicht man den ARD-Deutschlandtrend für September mit dem für den Dezember, dann sagen im Dezember 90 Befragte mehr, sie würden AfD wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre, als im September, 60 mehr als im Oktober und 30 mehr als im November.

Diese 90 Wähler entsprechen somit den hochgerechneten 1,45 Millionen, die von CDU/CSU, SPD und Linke zur AfD gewechselt sind. Jeder entsprechende Befragte von Infratest dimap steht somit für 16.111 Wählerstimmen.

Das ist Humbug. Aber es kommt noch besser:

Die 90 Wähler, die neu bei der AfD angekommen sind, stammen zu 65,5% von der CDU, was 58 Befragten entspricht und zu je 17,25% von SPD und Linke, was je 16 Befragten entspricht. Aus 58 Personen, die Infratest dimap befragt hat, werden eben einmal 950.000 Wähler, d.h., jeder der 58 Befragten, die von der CDU zur AfD gewechsel sind, steht für 16.379 Wähler. Aus 16 Personen, die Infratest dimap befragt hat, werden eben einmal 250.000 Wähler, d.h. jeder der 16 Befragten steht für 15.625 AfD Wähler.

Wie geht das? Durch einfache Multiplikation: Die CDU/CSU hat gut 5% Befragte zwischen den vier Deutschlandtrends verloren, die eine Wahlabsicht zur ihren Gunsten formuliert haben. Bei der Bundestagswahl 2013 haben 19.777.721 Wähler für die Unionsparteien gestimmt. Gut 5% weniger sind 988.886 Wähler, die Differenz zu den 950.000 Wählern ist den gerundeten Werten, die im Deutschlandtrend ausgewiesen werden, geschuldet.

Prof FacepalmWer auf die absurde Idee gekommen ist, Wählerströme zu berechnen, die letztlich auf den Aussagen von 90 Befragten basieren und auf 1,45 Millionen Wähler aufgeblasen werden, das sei einmal dahingestellt. Dass der so berechnete Wählerstrom Humbug im Quadrat, wenn nicht absichtliche Irreführung von Zuschauern ist, kann nicht dahingestellt bleiben, denn ehrliche Meinungsforschung ist nicht mit dieser Art von Vorspiegelung nicht vorhandener Tatsachen vereinbar, und kritischer Journalismus, ach kritischer Journalismus, nun, lassen wir das und stellen nur fest, dass kritischer Journalismus ohne Sachkenntnis nicht möglich ist, was zum Teil erklären mag, warum es bei der ARD so wenig davon gibt.

Abschließend müssen wir noch darauf hinweisen, dass die 90 Befragten, die zur AfD gewechselt sind, als Zahl auf der Annahme beruhen, dass alle von Infratest dimap befragten 6.008 Befragten Infratest dimap gegenüber auch eine Angabe zu ihrer Wahlabsicht am nächsten Sonntag gemacht haben. Es ist sicher, dass nicht alle 6.008 Befragten die entsprechende Angabe gemacht haben. Die Ausfallquoten bei Fragen nach der Wahlabsicht liegen in der Regel zwischen 7% und 25%, so dass den 1,45 Millionen fiktiven, weil errechneten Wählern, die zur AfD gewechselt sind, im besten Fall 90, im wahrscheinlichsten Fall 84 und im schlimmsten Fall 68 Befragte gegenüberstehen.

Ob es 68 oder 90 Befragte waren, die Pate gestanden haben, um die Zahl von 1,45 Millionen Wechselwählern zur AfD zu fabulieren, ist irrelevant, denn der ARD-Deutschlandtrend ist in diesem Punkt so oder so Humbug, wenn nicht bewusste Täuschung der Zuschauer: Lügenpresse trifft Auftrags-Meinungsforschung!

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ScienceFiles-Umfrage zur Bundestagswahl

Jeder Wahlforscher und jeder Student der Politischen Soziologie kennt die Sonntagsfrage: “Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre, wen würden Sie wählen?” Tausendfach vor Wahlen gestellt, hat sie doch nur in den wenigsten Fällen den Ausgang der Bundestagswahl akkurat vorhersagen können.

Wir wollen uns auf ScienceFiles an der Verbesserung der Wahlumfrage-Methodik beteiligen und unseren Fehlerterm bestimmen (und außerdem die politische Orientierung unserer Leser auskundschaften – versteht sich), und deshalb haben wir uns entschlossen, die Sonntagsfrage in einem neuen Gewand und auf ScienceFiles-Leser zugeschnitten und wie folgt zu stellen:

“Wenn heute der 22. September wäre, Sie in einer Wahlkabine stünden und den Wahlzettel vor sich hätten: Wo würden Sie ihr Kreuz machen?”

Wir werden die Umfrage bis zur Schließung der Wahllokale am Sonntag, den 22. September, online lasen und um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, sind in unserer Umfrage alle 30 Parteien, die sich mit Landeslisten zur Bundestagswahl stellen, vertreten.

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