Nachtrag zum Gender Pay Gap

Das Statistische Bundesamt hat Ende 2010 eine relativ ausführliche Untersuchung zum Gender Pay Gap durchgeführt und dabei versucht, Effekte von Bildung, Berufswahl, Dienstalter usw. aus dem Gender Pay Gap herauszurechnen. Als Ergebnis der entsprechenden Berechnung ergibt sich ein Gender Pay Gap, das von 23% auf 8% schrumpft. Neben einer Reihe interessanter Ergebnisse, die der Bericht enthält, findet sich das spannendste Ergebnis auf Seite 47. Männliche Arbeitnehmer arbeiten im Durchschnitt 157 Stunden und machen durchschnitlich 20 Überstunden im Monat, weibliche Arbeitnehmer bringen es auf 127 Stunden und 17 Überstunden im Monat. Zumindest beim Statistischen Bundesamt ist man sich also der Tatsache bewusst, dass männliche und weibliche Arbeitnehmer unterschiedlich viele Arbeitsstunden pro Monat akkumulieren.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Regressionsanalyse (siehe unten) deren Ergebnisse insgesamt zeigen, dass die Effekte, die strukturelle Variablen wie Bildung, Dienstalter oder Leistungsgruppe auf das Bruttostundenverdienst von männlichen Arbeitnehmern haben, viel ausgeprägter sind als dies für weibliche Arbeitnehmer der Fall ist. Haben männliche Arbeitnehmer eine schlechte Bildung, dann schlägt sich dies viel deutlicher in ihrem Bruttostundenverdienst nieder als dies für weibliche Arbeitnehmer der Fall ist. Ein im Hinblick auf „Entgeltgerechtigkeit“ anderes spannendes Ergebnis findet sich am Ende der unten dargestellten „Tabelle 16“: Teilzeitarbeit lohnt sich für weibliche Arbeitnehmer und wirkt sich negativ auf das Bruttostundenverdienst von männlichen Arbeitnehmern aus. Ein Ergebnis, über das es sich nachzudenken lohnt.

Hier will ich aber noch einmal auf die statistische Produktion eines „Gender Pay Gaps“ hinweisen, die sich aus der Art und Weise ergibt, wie das Gender Pay Gap ermittelt wird. Dazu heißt es in der Publikation des Statistischen Bundesamts: „Da … lediglich Bruttomonats- und Bruttojahresangaben unmittelbar erhoben werden, ist eine Berechnung des durchschnittlichen Stundendienstes notwendig“ (6). In Deutsch, der Bruttostundenverdienst muss durch das Statistische Bundesamt berechnet werden, weil dazu keine Angaben vorhanden sind. Und er wird wie folgt berechnet:

(Bruttomonatsverdienst – Sonderzahlungen)/bezahlte Stunden

Diese einfache Formel produziert auf recht effiziente Weise ein Pay Gap, was ziemlich einfach demonstriert werden kann. Dazu ist es nur notwendig, die folgenden Spezifikationen einzuführen:

  • pro Stunde erhält ein Arbeitnehmer 40 Euro
  • arbeitet ein Arbeitnehmer mehr als 35 Stunden, dann erhält er 50 Euro pro Stunde

Die folgende Tabelle beschreibt das Wachstum des Pay Gaps

reguläre Arbeitsstunden zusätzliche Arbeitsstunden Bruttomonatsverdienst Stundenlohn nach obiger Formel
35 0 1400 40,00
35 5 1650 41,25
35 10 1900 42,22
35 15 2150 43,00
35 20 2400 43,36

So einfach ist die Produktion eines Pay Gap, und da auch beim Statistischen Bundesamt bekannt ist, dass männliche Arbeitnehmer im Monat durchschnittlich mehr Stunden arbeiten und durchschnittlich mehr Überstunden machen als weibliche Arbeitnehmer, schlage ich vor, die Verantwortlichen für die zitierte Studie rechnen noch einmal und versuchen, die 8% verbleibendes Gender Pay Gap auf die beschriebene simple Art und Weise zu erklären, ich wette, es klappt und es wird sich zeigen, was eigentlich offenkundig ist: Ein Gender Pay Gap ist ein statistisches Artefakt und in der Realität nicht zu finden.

Quelle: Statistisches Bundesamt (2010). Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen 2006. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

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17 Responses to Nachtrag zum Gender Pay Gap

  1. Ich sage, wenn die angeblichen 23 % oder 8 % angesprochen werden, ob die Betreffende, eine kennt, bei der das der Fall ist (dass sie für 23% weniger oder 8 %) als ihre männlichen Kollegen arbeitet. Wenn das der Durchschnitt ist, müsste sich doch irgendwo ein konkreter Fall finden lassen, der zumindest in dieser Größenordnung liegt. Die Unterschiede zwischen Nord-Süd-Ost-Westdeutschland sind größer als die angeblichen Unterschiede Mann-Frau

    • hans sagt:

      Sehr geehrter Herr Weisser,

      es ist wie bei der gläsernen Decke. Hier wird ein ideologisches Konzept über alle Männer gestreut, was ganz unabhängig von der Einzelfallgerechtigkeit ist – welche seit mehr als 20 Jahren rechtlich, geschlechtsneutral fixiert ist. Also, wo sind die Frauen, die Millionen Fälle von diskriminierten Frauen, die für gleiche Leistung weniger bezahlt bekommen? Wo sind die Klagen – ich bin mir sicher die linkslastige Presse würde sich sofort daraufstürzen. Nun, meine Annahme, es gibt sehr wohl Einzelfälle, jedoch keineswegs zu generalisierende. Würde man Männer Frauen vorziehen, wenn sie, bei gleicher Qualifikation 23% mehr Geld fordern würden? Wers glaubt.

      Wie gesagt, es ist immer einfacher, eine nebulöse Klage gegen alle Männer zu erheben ohne spezifisch zu werden und klar zu sagen, in Unternehmen Z werden Frauen schlechter bezahlt. Mich persönlich wundert nur, dass sich die Industriellen das gefallen lassen. Ich hätte schon längst gegen solche Behauptungen geklagt.

  2. knn sagt:

    Ich möchte hier darauf hinweisen, dass SELBST WENN der Stundenlohn der Männer und Frauen GLEICH wäre (also sagenwirmal 10 Eur/Stunde), die Frauen immer noch mehr bekommen als Männer, denn es wird ja die Arbeitserfahrung nicht einberechnet.

    Wenn Männer (wie im Text angegeben) 177 Stunden pro Monat arbeiten und Frauen 144 Stunden (also grob 80% der Arbeitszeit der Männer) dann ist ihre Arbeitserfahrung ja auch nur 80% der Männer.

    Jetzt muss man nicht unbedingt sofort Erfahrung 1:1 einrechnen und nur 80% des Lohnes bezahlen, aber ein Femi Pay Gap wäre definitiv gerecht.

    • Jasmin sagt:

      Hallo, also erst einmal möchte ich doch zu dem Kommentar von knn anmerken, dass das statistische Bundesamt die Berufserfahrung beim 8% Gender Pay Gap herausgerechnet hat. Berufserfahrung sollte natürlich ein wesentlicher Bestandteil der Lohnhöhe sein, da stimme ich vollkommen zu.
      Dann hätte ich doch noch eine Frage an den Verfasser dieses Blogs. Soweit ich das verstehe hat das Statistische Bundesamt auch schon bei der Berechnung des 8% Gender Pay den strukturellen Unterschied von Teilzeitbeschäftigung herausgerechnet. Das ausgerechnete Gender Pay Gap bezieht sich lediglich auf Frauen und Männer mit ähnlichen Berufen, gleicher Berufserfahrung…… und letztendlich auch auf gleiche Beschäftigung. Demzufolge wurden also Vollzeitbeschäftigte mit Vollzeitbeschäftigten Frauen verglichen und trotzdem sind 8 % nicht erklärbar. Die Stundenrechnung finde ich auch sehr plausibel, aber leider erklären sie aus den eben genannten Gründen nicht das verbleibende Gender Pay Gap, weil ja eben Männer und Frauen verglichen worden sind, die Vollzeitbeschäftigt sind. Sie erklären aber einen Teil des 23% Gender Pay Gap. Also bitte nocheinmal unter Seite 61 ff nachgucken, wo aufgezählt wird welche Eigenschaften gleich gewesen sind. Da heißt es:“ eine Beschäftigung vergleichbaren Umfangs (Vollzeit/Teilzeit) nachgingen“
      Sollte ich mich irren, wäre ich für eine Belehrung immer offen.

      • Dummerjan sagt:

        „Sollte ich mich irren, wäre ich für eine Belehrung immer offen.“ Das ist schön.
        Wir lesen: „Dies bedeutet, dass im Durchschnitt Arbeitnehmerinnen auch unter der Voraussetzung vergleichbarer Tätigkeit und äquivalenter Qualifikation im Jahr 2006 pro Stunde 8 % weniger als Männer verdienten.“
        Wenn die Analyse 100% der Einkommen klären würde, dann könnten wir jetzt auf die Suche gehen, ob hier nicht eine Diskriminierung vorliegt. Wie groß ist eigentlich die Statistische Unsicherheit des erklärenden Modells? Die Originalstudie gibt darüber Auskunft (S.51):
        „Insgesamt können mithilfe der einbezogenen Merkmale rund 71 % der Varianz des Bruttostundenverdienstes der Frauen erklärt werden (R2adj. = 0,715). Bei den Männern liegt die Erklärungskraft bei etwa 78 % (R2adj. = 0,784).53 Die Güte des Modells ist somit verglichen mit ähnlichen Studien hoch.“
        Das heißt 29 % der Variation bei den Verdienstunterschieden ist nicht durch das Modell erklärt. Finden Sie nicht, daß bei einem statistischen Restfehler von 29% sich eine Differenz von 8% in den Löhnen nicht als etwas ausnimmt, was genau so gut durch die individuelle – also nicht im Modell erklärte Variation der Individuen oder sogar schlicht durch Fehler bei der Schätzung entstehen kann?
        In besagter Studie wird ja auch darauf hingewiesen daß:
        „Nicht nur die bezahlten Arbeitsstunden der männlichen Arbeitnehmer sind höher als die der Frauen, sondern auch die bezahlten Überstunden der Männer übersteigen die der weiblichen Angestellten: Frauen leisten durchschnittlich 17 Überstunden im Monat, für die sie eine Vergütung erhalten, Männer kommen auf 20 zusätzlich entlohnte Stunden.“
        Leider bleibt auch das statistische Bundesamt hinter dem methodischen Standard bei der statistischen Analyse von Lohneinkommen zurück. Dieser wird z.B. in Berndt(1996) „The Practice of Econometrics“, Kap. 11 referiert. Der entscheidende Punkt dabei ist, daß die Einkommensentscheidung eine ökonomische Entscheidung ist, in die auch ein Vorbehaltseinkommen, z.B. inf Form von Transfereinkommen (Hartz IV , Unterhalt durch Eheparner usw) eingeht. Korrekterweise müßte also ein Regressionsmodell mit gestutzen Zielgrößen angesetzt werden. Dass dies über 20 Jahre nach dem Arbeiten von Jim Heckmann und fast 10 Jahre nach dem Nobelpreis für eben diese Art der Analysen unterbleibt, ist ärgerlich.

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