Der ganz alltägliche Genderfaschismus

Die Friedrich-Ebert Stiftung hat wieder einmal eine „Expertise“ herausgegeben. Dieses Mal hat sich Dr. Ester Lehnert in den Dienst der “guten” Sache gestellt und eine Expertise zum Thema „‘Gender und Rechtsextremismusprävention‘“ geschrieben. Das klingt wie „Fahrrad“ und Kartoffelernte und man fragt sich unwillkürlich, was „Genderismus“ im Hinblick auf die Prävention von Rechtsextremismus leisten kann. Die Antwort folgt auf dem Fuß: Geschlechterreflektierende Jugendarbeit, so Lehnert, sei der Schlüssel zur Prävention von Rechtsextremismus.

Der Weg, auf dem die Autorin zu dieser Erkenntnis kommt, ist denkbar einfach: Lehnerts „Expertise“ beginnt mit einem Zitat aus einem Flyer des Rings Nationaler Frauen. Darin steht zu lesen, dass „starke Männer und selbstbewusste Frauen“ benötigt werden. Bei Lehnert werden daraus „wahre“ Männern und „richtige“ Frauen (1), von denen Sie annimmt, dass sie für Rechtsextreme die Grundlage der ‚Volksgemeinschaft‘ darstellen. Die Mentalität der ‚richtigen Kerle“, so weiß Lehnert abermals wenige Zeilen weiter zu berichten, „artet oft in Gewalt aus. Rechtsextreme Gewalttaten werden fast ausschließlich … von jungen Männern begangen“ (1). Mit dieser Feststellung sind die „richtigen Frauen“ erst einmal aus dem Schneider, und Lehnert kann ihre einfache Welt weiterspinnen: starke Männer sind wahre Männer, sind gewalttätige Männer, sind rechtsextreme Schläger. Schuld an allem ist die aggressive Männlichkeit, die nicht nur rechtsextremen Schlägern zueigen ist, denn ein „wichtiger Punkt … ist die Einsicht, dass gewalttätiges Handeln mitnichten eine Besonderheit rechtsextremer Männlichkeit darstellt, sondern vielmehr ein genereller Bestandteil männlicher Sozialisation ist“ (8). Die Kette der Äquivalenz beginnt somit bei Männern, Männer sind hegemonial männlich (die meisten jedenfalls, die, die noch nicht geschlechtsreflexiv geläuterten), hegemoniale Männlichkeit ist der Kern des „wahren Mannes“, der „wahre Mann“ der Kern rechtsextremistischer Kameradschaft und die rechtsextremistische Kameradschaft der Nukleus von Gewalt, Dominanz, Unterdrückung [… bitte ergänzen].

Eigentlich ist ein solches Gedankengebilde zu primitiv, um ernst genommen zu werden, aber da sich die „Expertise“ u.a. als Musterbeispiel für den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens (das mit der nassen Straße und dem Regen…) hervorragend eignet, will ich im Folgenden die gröbsten Fehler ansprechen:

  • Selbst wenn alle rechtsextremen Schläger hegemoniale Männlichkeit zur Schau stellen, folgt daraus nicht, dass alle hegemonial Männlichen, rechtsextreme Schläger sind, wie sich schon daraus ablesen lässt, dass mehr Männer in Deutschland leben als im Verfassungsschutzbericht rechtsextreme Straftaten berichtet werden. Es folgt nicht einmal daraus, dass alle Rechtsextremen auch rechtsextreme Schläger sind.
  • Selbst wenn Gewalt ein Bestandteil männlicher Sozialisation ist, heißt das nicht, dass Gewalt nicht auch ein Bestandteil weiblicher Sozialisation ist. Wie des Öfteren in diesem Blog beschrieben, sind Frauen mindestens so gewalttätig wie Männer. Wenn beide Geschlechter aber in gleicher Weise gewalttätig sind, dann benötigt man keine Geschlechterreflexion.
  • Rechtsextrem ist eine Zuschreibung und als solche der Definition bedürftig. Leider bietet Lehnert in ihrer Expertise keine Definition, entsprechend ist nicht klar, worüber sie eigentlich schreibt.

Diese logischen Fehler werden ergänzt durch eine Reihe weiterer Fehler. Der Begriff der „Volksgemeinschaft“ wird eben einmal auf die „dichotome Geschlechterordnung“ reduziert. Die prominent von Lehnert feilgebotene Einsicht, dass zwischen einem biologischen und einem sozialen Geschlecht unterschieden werden müsse, reicht nicht aus, um selbst die Vorstellung zu entwickeln, dass die Inszenierung von Geschlecht bei Rechtsextremen, Rechten oder Konservativen eben die sozialen Rollen von Mutter und Ernährer vorsieht und nicht die geschlechtsreflexive Rolle, die Lehnert sich vorstellt, aber leider nicht näher benennen kann.

Ich habe wirklich nichts übrig für die Festschreibung von Menschen auf biologische Rollen, aber wem’s gefällt – es ist sicher nicht an mir, anderen Vorschriften darüber zu machen, wie sie ihr Leben organisieren, solange sie oder mein Staat mich nicht dazu zwingen, ihren Lebensstil zu finanzieren. Lehnert sieht das anders. Sie will Vorschriften machen und outet sich entsprechend als eine Extreme, also das, was sie mit der „Expertise“ bekämpfen will. Ach ja, Expertise. Die „Expertise“ ist keine Expertise, denn es gibt weder empirische Belege noch kommt die Darstellung der Forschungslage über die Aufzählung von Arbeiten hinaus, die verfasst wurden. Forschung besteht aus Ergebnissen, Frau Lehnert, nicht aus der Aufzählung von Verfassern wissenschaftlicher Beiträge. Zudem fallen Studenten gewöhnlich durch Prüfungen, wenn sie wörtlich oder fast wörtlich zitieren, ohne anzugeben, auf welcher Seite im zitierten Werk die zitierte Stelle zu finden ist [Ich bin mir z.B. sicher, dass Kurt Möller seine Aussage, dass 90% aller rechtsextremen Gewalttaten von Männern begangen werden, auf einer genau angebbaren Seiten seines Artikels, also irgendwo zwischen den Seiten 25 und 36 (zwei Seiten Literaturliste abgezogen) trifft, so dass man die entsprechende Seite angeben kann, wenn man den Text gelesen hat.] Und wenn die wenigen wörtlichen Zitate, die eine Seitenzahl spendiert bekommen, ausschließlich aus zwei Büchern, eines von Bourdieu, eines von Connell stammen, dann lässt dies auch einige Vermutungen über die inhaltliche Tiefe der „Expertise“ zu.

Geschlechterreflexive Pädagogik

Entsprechend hätte ich es hilfreich gefunden, wenn Frau Lehnert zumindest diesen rudimentären Standard der Wissenschaftlichkeit eingehalten hätte. Zudem hilft es zuweilen, wenn man sich über die Konzepte informiert, die man in Misskredit bringen will. So ist die „Volksgemeinschaft“, die für Lehnert Inbegriff „des rechtsextremen Bösen“ zu sein scheint, ein Begriff, den nicht die Nationalsozialisten geprägt haben, aber sie haben ihn prominent vertreten, um damit die Aufhebung aller gesellschaftlichen oder sozialen Unterschiede zu beschreiben. Die Volksgemeinschaft ist daher einer der sozialistischen Teile am Nationalsozialismus (Bauer, 2008, S.271). Zuvor, in der Weimarer Republik, war die Volksgemeinschaft vor allem unter konservativen Frauen als Konzept beliebt. Eine davon, die Theologin Magdalene von Tiling, hat die „neue Stellung der Frau in der Volksgemeinschaft“ explizit als emanzipatorisches Vorhaben beschrieben, das Frauen gleiche politische Rechte einbringen sollte: „Daher müsse die Frau ‚Vollbürgerin im Staate sein, damit sie das Leben des Staates mittragen könne. Gemeinsame Pflichten bedingten keine gleichen Tätigkeiten – hier werde die Differenz der Geschlechter wirksam. Aber erst die volle politische Gleichberechtigung gebe Frauen die Möglichkeit, ihre Aufgaben in Staat und Volk wahrzunehmen“ (Heinsohn, 2007, S.39). Ich hätte mir eine derart geschlechterreflexive Erörterung des Begriffs „Volksgemeinschaft“ in der „Expertise“ von Lehnert gewünscht, aber dazu wäre wohl etwas mehr Kenntnis und Information notwendig gewesen, was hinderlich ist, wenn es vor allem darum geht, aus ideologischen Gründen finanzielle Mittel für angeblich neue pädagogische “Methoden”, also für geschlechterreflexive Pädagogik, zu erschließen.

Literatur
Bauer, Kurt (2008). Nationalsozialismus. Wien: Böhlau.
Heinsohn, Kirsten (2007). Kampf um die Wählerinnern. Die Idee von der ‚Volksgemeinschaft‘ am Ende der Weimarer Republik. In: Steinbacher, Sybille (Hrsg.). Volksgenossinnen. Frauen in der NS Volksgemeinschaft. Göttingen: Wallstein, S.29-47.

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