Religiöse Schriften aus der Böll-Stiftung: Ode an den Feminismus

Kennen Sie auch die Ansichten eines Clowns? Diesen unsäglichen Roman über einen suizidalen Clown, dessen trübe Stimmung dem regnerischen Wetter in nichts nachsteht? Überhaupt regnet es bei Böll immer, wenn die Helden seiner Romane gerade einmal Trübsal blasen. Öde Langeweile in fahle Bilder gegossen. Die Böll-Stiftung hat sich dies zum Vorbild genommen und bemüht sich nach Kräften, öde Langeweile zu vertreiben und bedruckte Seiten unter Menschen zu bringen, die auch ohne die entsprechenden Schriften hätten gut, vermutlich sogar besser, leben können. Das neueste Werk aus der Böllschen Langeweile-Reihe trägt den Titel, “Die Antifeministische Männerrechtsbewegung”. Und obwohl man in dem Werk viele Bekannte und Sympatieträger der Männerrechtsbewegung findet, Arne Hoffmann, Eugen Maus oder Gerhard Amendt, mag so richtig beim Leser kein Interesse aufkommen – dazu ist das Werk zu nichtssagend, zu belanglos.

Dies widerspricht dem Klappentext, wie er sich bei der Böll-Stiftung findet. Eine Expertise sei das von Hinrich Rosenbrock zusammengeschusterte Allerlei, und es inkorporiere alle Bestandteile eines guten Romans, “hate speech”, “Antifeminismus”, “Männer als Opfer” und “Polarisation”. So motiviert, nimmt man die 175 Seiten zur Hand und – gähn – Langeweile allenthalben.  Doch dazu im Einzelnen.

Gleich vorweg, das ist keine Wissenschaft, was der Herr Rosenbrock da zusammen geschrieben hat. Wissenschaft ist eine Methode, methodisches Vorgehen. Davon scheint Rosenbrock überhaupt noch nie etwas gehört zu haben, denn ein Methodenkapitel fehlt in seiner 175seitigen “Expertise” völlig. Er schreibt einfach drauf los. Er gibt nicht an, wie er seine Forschungsgegenstände ausgewählt hat, warum er genau die ausgewählt hat, die er ausgewählt hat, er beschreibt nicht, welche Methode er nutzt, um seinen Forschungsgegenstand zu analysieren, kein Wort etwa von qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring, 2008), Inhaltsanalyse (Früh, 2007, Rössler, 2005), von dokumentarischer Methode (Bohnsack, 1999), objektiver Hermeneutik (Oevermann, 1986), Medieninhaltsforschung (Bonfadelli, 2002),  Grounded Theory (Glaser & Strauss, 2006) oder etwa “Content Analysis of the World Wide Web (Weare & Lin, 2000) .

Nun ist es ein bekanntes Phänomen, dass Genderisten zumeist Angst vor Zahlen und quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung haben (zu männlich!), aber dass Rosenbrock offensichtlich bar jeglicher Kenntnis auch über die Grundlagen qualitativer Sozialforschung ist, und daher nicht weiß, dass man nicht einfach in die Welt gehen kann, Eindrücke sammeln und dann schreiben, was einem in den Sinn kommt, legt den Schluss nahe, dass er besser “Methoden der empirischen Sozialforschung” als “Gender Studies” belegt hätte. Einfach losziehen und darüber palavern, was ihm in den Sinn kommt, das konnte sich nur Eichendorffs Taugenichts leisten. Aber der Taugenichts war auch kein Wissenschaftler, und deshalb war es für ihn nicht notwendig, die eigenen Ergebnisse anderen nachvollziehbar zu machen. Notwendig ist das, wenn man für sich in Anspruch nimmt, zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beizutragen. Daher führt das Fehlen jeglicher Methode auf den 175 Seiten Text von Rosenbrock dazu, dass der Text schlicht kein wissenschaftlicher Text ist. Er ist eine Ansammlung von willkürlich gesammelten Eindrücken, von denen niemand, außer dem Autor weiß, warum sie wichtig sein sollen. Das Fehlen jeglichen wissenschaftlichen Standards schließlich führt dazu, dass  angenommen werden muss, dass es Rosenbrock in seinem Text nicht darum geht, Erkenntnisse über “die Männerrechtsbewegung” zu gewinnen, sondern darum, “die Männerrechtsbewegung” zu diskreditieren.

Rosenbrock schreibt folglich seinen Katechismus. Rosenbrocks Glaubensbekenntnis bezieht sich auf den Feminismus. Feminismus ist gut, heilig und steht über jeder Kritik, wenngleich Rosenbrock mehrfach eingesteht, dass es “den Feminismus” nicht gibt. Dessen ungeachtet gibt es nichts daran zu deuteln: Feminismus ist Katholizismus unserer Zeit, wer ihn kritisiert, wird mit der gesammelten finanziellen Macht der Stiftungen von SPD, Grünen und GEW belegt. Sie alle versuchen, “medialen Einfluss zu gewinnen, z.B. durch Aktionen und Pressemitteilungen, aber auch durch eine massive Verzerrung der Realität” (Rosenbrock, 2012, S.123). Dieses Zitat habe ich mir freilich von Rosenbrock geliehen, denn er sieht – wie es scheint – die beschriebenen Aktivitäten, mit denen im Vorfeld z.B. in der TAZ und durch eine Pressemitteilung der Böll-Stiftung die Werbetrommel für seine 175 Seiten gerührt wurde, nur dann als verwerflich an, wenn die Werbetrommel für Inhalte gerührt wird, die er nicht für gut befindet, die seinem Glauben widersprechen.

Dass seine 175seitige Ode an den Feminismus ein Glaubensbekenntnis ist, zeigt sich auch daran, dass an keiner Stelle auch nur ein Versuch unternommen wird, die Kritik, die er bei Männerrechtlern ausmacht, mit Praktiken des Feminismus zu konfrontieren, um einmal zu prüfen, ob die Kritik vielleicht zutrifft. Für Rosenbrock ist Kritik des Teufels, und entsprechend schreibt er Sätze wie den folgenden: “Pauschale Unterstellungen und Diffamierungen (‘Frauen prügeln soviel oder mehr als Männer’) in den Medien oder Internetforen gilt es richtig zu stellen” (Rosenbrock, 2012, S.156). Wer dem Feminismus und damit Frauen wie Rosenbrock in der hier dargestellten Weise heilig spricht, dem entgeht, dass die Aussage, die als Beleg für die Verwerflichkeit anderer angeführt werden soll, eine empirische Aussage ist, also weder eine pauschale Unterstellung noch eine Diffamierung.

Damit aus Herrn Rosenbrock vielleicht doch noch ein Wissenschaftler wird und damit die Steuergelder, die bislang in seine Ausbildung investiert wurden, nicht völlig umsonst waren, will ich Herrn Rosenbrock einmal in einer Sprache erklären, die selbst er verstehen sollte, warum das, was er für diffamierend hält, weil es seinem Glauben widerspricht, nicht diffamierend ist. Also: die Aussage, “Frauen prügeln soviel oder mehr als Männer” ist eine empirische Aussage. Sie sagt etwas über die Realität aus. Man kann sie prüfen. Und weil schon viele Studien zu Gewalt, weiblicher wie männlicher Gewalt, durchgeführt haben und sich dabei gezeigt hat, dass auch die von Rosenbrock heilig gesprochenen Frauen, zuschlagen können, wäre es spannend zu untersuchen, wer nun mehr prügelt. Da ich kein biologisches Weltbild habe, würde ich vermuten, dass beide Geschlechter gleichermaßen prügeln, dass es die reine gewaltlose Magd, der Rosenbrock huldigt, also nicht gibt. Da die Prügel-Aussage empirisch prüfbar ist, ist sie ganz offensichtlich keine Diffamierung und auch keine Pauschalisierung.

Eine Diffamierung ist eine gezielte Verleumdung Dritter, also eine absichtlich lancierte unwahre Aussage (z.B. im Rahmen so genannter “Expertisen)  mit dem Ziel, z.B. seinen politischen Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken. Wenn also jemand behaupten würde, dass Hinrich Rosenbrock einen 175seitigen Text nur deshalb geschrieben hat, weil er für Geld alles tut und derselbe jemand ihn dann mit ganz unheiligen Frauen die an Straßenrändern stehen und auf Nachfrager ihrer Dienste warten, vergleichen würde, dann wäre dieser Vergleich, dann, wenn Rosenbrock die 175 Seiten nicht wegen des Geldes, sondern z.B. aus intrinsischer Motivation heraus geschrieben hätte, möglicherweise eine Diffamierung, in ähnlicher Weise wäre die Aussage, Rosenbrock habe keine Ahnung von Wissenschaft, dann eine ungerechtfertigte Pauschalisierung, wenn er in seinem 175seitigen Text methodische Erwägungen angestellt hätte.

Ansonsten findet sich auf den 175 Seiten nichts, was neu wäre. Der Autor stellt fest, dass Argumente, die von denen, die er als Männerrechtler bezeichnet, genutzt werden, auch von denen genutzt werden, die er als “Neue Rechte” einstuft, und er – schrecklich, schrecklich – findet ähnliche Aussagen wie sie von besagten Männerrechtlern gemacht werden, im Schrifttum des norwegischen Attentäters Anders Breivik. Besser kann man sein Unverständnis darüber, was Wissenschaft ist, nicht dokumentieren als mit diesem ad hominem, über dessen Verwendung sich bereits Aristoteles (in griechisch) aufgeregt hat. Herr Rosenbrock, ein Argument wird nicht dadurch richtig, dass es eine bestimmte Person (also z.B. Sie) ausspricht, und es wird auch nicht dadurch falsch, dass es eine bestimmte Person (z.B. Breivik) ausspricht. Ein Argument ist dann falsch, wenn es an der Realität scheitert, d.h. falsifiziert wurde. Der Wahrheitswert einer Aussage ist völlig unabhängig von der Person dessen, der die Aussage trifft. So schwierig zu verstehen ist das doch eigentlich nicht – oder?

Weiter  findet sich die alte Kamelle des Gender Pay Gaps und die langsam nervtötende Repetition der Behauptung, Jungen seien keine Bildungsverlierer. Allerdings muss man Rosenbrock zu Gute halten, dass er den Gegenstand der Bildungsnachteile von Jungen auf eine neuartige und in Zynismus kaum zu überbietende Art und Weise angeht: “So erreichen 20 Prozent der Jungen die allgemeine Hochschulreife und sind sicher keine Bildungsverlierer” (Rosenbrock, 2012, S.78).  Ja dann! Wen kümmert es schon, dass Jungen deutlich seltener die Hochschulreife erreichen als Mädchen, wen kümmert es, dass deutlich mehr Jungen auf Sonderschulen und Hauptschulen zu finden sind als Mädchen, und wen kümmert es, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen ganz ohne Schulabschluss bleiben?  Nebenbei bemerkt ist “Verlierer” ein relativer Begriff, den man nicht einfach absolut in den Raum stellen kann (oder Pauschalisieren kann…). Um ihn mit Sinn zu füllen, wäre es daher notwendig, die Gewinner zu nennen – trauen Sie sich, Herr Rosenbrock, wenn Sie wirklich glauben, dass Frauen nicht prügeln.

Bevor Rosenbrock der Sekte der Genderisten beigetreten ist, hat er Sozialpsychologie studiert, und entsprechend sollten ihm die Gefahren einer In-Group-Bildung bekannt sein. Diese Gefahren haben eine ganze Reihe von Kriminologen im Rahmen einer Subkultur-Theorie beschrieben (Shaw & McKay, 1972, Trasher, 1927, Yablonski, 1962;): Die In-Group entwickelt eigene Gruppennormen, schließt sich gegen die Außenwelt ab, gewinnt Status daraus, dass gegen die Normalität der Außenwelt verstossen wird und vieles mehr. Gender-Lehrstühle und Gender-Graduierten-Kollege, die erste Adresse, wenn es darum geht, Verschleißmaterial für den ideologischen Krieg zu rekrutieren, scheinen mir alle Kriterien einer Subgruppe, wenn nicht gar Sekte zu erfüllen. Vertreter dieser Ingroup finden nichts dabei, öffentlich ihr Unwissen im Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten zur Schau zu stellen (sie merken nichts mehr), sie finden nichts dabei, sich als Vasallen vor einen Karren spannen zu lassen, auch wenn sie nicht die Kraft haben, den entsprechenden Karren zu ziehen und auch nichts dabei, dass nachdem sie die Kraft verlassen hat und sie am Wegrand zusammengebrochen sind, sie von ihren Kutscherinnen beseite geschubst werden (Frauen treten nicht), und sie nehmen ihre komplette Persönlichkeit daraus, dass sie sich dem entsprechenden Genderisten-Lager, dem Lager der Guten, den Erwählten zuordnen. Dass ausgerechnet aus einem derart beschriebenen totalitären Lager anderen der Vorwurf gemacht wird, sie seien extrem, ist einerseits eine Ironie der Geschichte, andererseits eine Tragödie, die man nur bedauern kann.

Bleibt zum Abschluss noch zu fragen, wie die Böll-Stiftung auf die Idee kommt, die 175 Seiten Text, die Rosenbrock verfasst hat, würden sich als “Expertise” qualifizieren, seien mehr als eine willkürliche Ansammlung persönlicher Ansichten und Bewertungen und damit etwas anderes als ein Roman von Heinrich Böll. Für den Fall, dass der Böll-Stiftung eine Antwort auf diese Frage einfällt, schlage ich vor, die Pressekonferenz, die sich mit der Beantwortung beschäftigt, der Tristesse des Gegenstands angemessen an einem Regentag stattfinden zu lassen.

Wie immer hat mich Dr. habil. Heike Diefenbach durch lebhafte Diskussionen und viele Hinweise und Anregungen bei der Abfassung dieses Textes unterstützt.

Literatur

Bohnsack, Ralf (1999). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. Opladen: Leske & Budrich.

Bonfadelli, Heinz (2002). Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Konstanz: UVK.

Mayring, Philipp (2008). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

Früh, Werner (2007). Inhaltsanalyse. Konstanz: UVK.

Glaser, Barney G. & Strauss, Anselm L. (2006). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. New Brunswick: Aldine.

Oevermann, Ulrich (1986). Kontroversen über sinnverstehende Soziologie – Einige wiederkehrende Probleme und Mißverständnisse in der Rezeption der ‘objektiven Hermeneutik’. In: Aufenanger, Stefan & Lenssen, Margit (Hrsg.). Handlung und Sinnstruktur. München: Kindt, S.19-83.

Rössler, Patrick (2005). Inhaltsanalyse. Konstanz: UVK.

Shaw, Clifford R. & McKay, Henry D. (1972). Juvenile Delinquency and Urban Areas. Chicago: University of Chicago Press.

Trasher, Frederic M. (1927). The Gang. Chicago: Chicago University Press.

Weare, Christopher & Lin, Wan-Ying (2000). Content Analysis of the World Wide Web – Opportunities and Challenges. Social Science Computer Review  18(3): 272-292.

Yablonski, Lewis (1962). The Violent Gang. London: Macmillan.

Und der religiöse Text:
Rosenbrock, Hinrich (2012). Die antifeministische Männerbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung. Berlin: Heinrich Böll Stiftung

Bildnachweis:
Blueberrymuffins

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