Organspende in der Schule macht Schule

Organspende soll nach dem Willen der Techniker Krankenkasse, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und des Bundesgesundheitsministeriums Schule machen. Deshalb hat sich das Trio entschieden, Schüler mit Informationen zum Thema Organspende zu versorgen, denn Organspende, so wird Bundesgesundheitsminister Bahr nicht müde zu behaupten, ist ein “Akt der Nächstenliebe”. Ein Akt der Nächstenliebe muss es auch sein, denn der, der spendet, ist nicht tot, wenn er spendet:

“Für die Organentnahme wird der Körper des Spenders mit einem Schnitt vom Brust- bis zum Schambein geöffnet. Erst jetzt erleidet der Hirntote durch systematisches medizinisches Handeln jenen Tod, der uns durch seine Zeichen als Herztod bekannt ist – beispielsweise indem vor der Entnahme des Herzens mehrere Liter der kardioplegischen (herzlähmenden) Lösung in die große Körperschlagader (Aorta) gegeben werden und so der Herzstillstand herbeigeführt wird. Wenn der Herztod eingetreten ist, wird in der Regel noch Gewebe entnommen: Augen, Knochen und selbst eine Häutung kann erfolgen”. (Bergmann, 2011, S.11)

Spontanbewegung bei einer hirntoten Patientin - Quelle siehe Bildnachweis

Weil Hirntod nicht gleich Herztod ist, der Herztod erst durch die Entnahme der Organe herbeigeführt wird, sieht Sabine Müller, Bioethikerin an der Berliner Charité “Organentnahme von Hirntoten als Tötung an”. Eingetretener Hirntod als Startkriterium der Explantation ist eine Festlegung, die u.a. die Bundesärtzekammer vorgenommen hat und die den Vorzug hat, dass die Entnahme noch frischer (oder noch lebender) Organe ermöglicht wird. So schreibt der Allgemeinmediziner Dr. Fritz Reutter in seinem blog: “Der Zwang, Organe möglichst frisch zu verpflanzen, verhalf dem ‘Hirntod’ zu seiner Bedeutung – Ende der lebenserhaltenden Maßnahmen und Startschuss für die Organentnahme. Immer lauter melden sich jedoch die Kritiker zu Wort: Hirntote leben noch”.

Ich will hier nicht die Diskussion aufnehmen, ob Hirntote noch leben oder nicht, aus meiner Sicht reicht der Verweis auf die Praxis der Anästhesie der vermeintlich Hirntoten, um irritierende Bewegungen und Reaktionen während der Entnahme der Organe zu verhindern:

“Trotz der juristischen Festschreibung als Leichnam ist nach wie vor der Umgang mit Hirntoten von Unsicherheit beherrscht, insbesondere bei Operationsschwestern und Anästhesisten. Sie sehen, wie der ‘überlebende Körper auf seine Öffnung und auf die kalte Nähr- und Konservierungslösung reagiert, die dem Spender vor der Organentnahme gegen Verwesungsprozesse eingeflößt wird und das Blut ausschwemmt. Um irritierende Reaktionen auf diese Eingriffe (wie Bewegungen, Hautrötungen, Schwitzen, steigender Puls und Blutdruck) zu unterdrücken, werden dem Hirntoten Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente verabreicht. Ein Großteil der Explantation findet unter Narkose statt” (Bergmann, 2011, S.12)

Und:

“Die Hirntoddefinition erfordert den kompletten Ausfall aller Funktionen des gesamten Gehirns, dennoch bleiben bei vielen dieser Patienten wesentliche neurologische Funktionen erhalten. … Es sei nicht ganz falsch, im Zusammenhang mit der Organgewinnung von einem ‘justified killing’ zu sprechen. … Sich daraus ergebende juristische Fragen, bis wann ein Mensch Objekt eines Tötungsdelikts ist, und bis wann er das Grundrecht auf Leben mit all seinen Schutzwirkungen genießt, scheinen unter der Prämisse des aus therapeutischen Gründen gerechtfertigten Tötens hinfällig zu werden” (Bergmann, 2011, S.13)

Aber:

“Organspende macht Schule”, so wollen es Techniker Krankenkasse, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und  Bundesgesundheitsministerium. Das Trio hat sich verschworen, um Schülern den frühzeitigen Abschied von eigenen Organen zu erleichtern. Nein, ich bin ungerecht, Bundesgesundheitsminister Bahr hat uns unterrichtet, warum es notwendig ist, bereits Schüler auf ihren Hirntod vorzubereiten und darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Körper dann möglicherweise für sie selbst (eben weil hirntot) nutz- und wertlos ist, nicht aber für andere: “Ich möchte daher”, so Daniel Bahr, “dass sich möglichst viele junge Menschen mit diesem Thema [Organspende] auseinandersetzen. Dass sie eine Entscheidung treffen und diese in einem Organspendeausweis dokumentieren”.

Wäre das bundesgesundheitsministerielle “Möchten” ausschließlich in der von mir zitierten Weise erfolgt, es wäre vielleicht noch erträglich. Aber so ist es nicht erfolgt. Es hat Vorsätze, einen normativen Rahmen, einen, der kaum eine  Wahl mehr lässt: “Bundesgesundheitsminister Bahr zu diesem Projekt [Organspende macht Schule]: ‘Organspende kann Leben retten. Sie ist ein Akt der Nächstenliebe. Jeder von uns würde bei einer schweren Organerkrankung hoffen, ein neues zu bekommen. Das kann aber nur gelingen, wenn es auch Spender gibt”. Diese altruistisch-verquasten Vorsätze stehen unmittelbar vor dem bundesgesundheitsministeriellen “Möchten”. Wie viel Wahlfreiheit würden sich die meisten Deutschen noch selbst zugestehen, wenn ihnen auf diese suggestive Art zu verstehen gegeben wurde, was die richtige Wahl ist – oder willst Du etwa durch Organverweigerung dokumentieren, dass Du nicht zur Nächstenliebe fähig bist? (Ist Herr Bahr eigentlich Spender?) Wie viel Wahlfreiheit nehmen sich wohl Schüler, also junge Menschen die leicht beeinflussbar und auf der Suche nach einer Selbstdefinition sind?  Schämt sich Herr Bahr eigentlich nicht, dass er sich zum Teilhaber an der Übervorteilung Jugendlicher macht?

Nein, er schämt sich nicht, denn dass “Organspende macht Schule” in die Schulen geht, hat genau den Grund, dass Jugendliche so leicht beeinflussbar sind (oder zunmindest als leicht beeinflussbar gelten). Dr. Elisabeth Pott, BZgA-Direktorin, verrät hier die ganze Karte: “Wir wissen aus unseren Untersuchungen, dass vor allem junge Menschen dem Thema sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, wenn sie darauf angesprochen werden. Doch weniger als die Hälfte der 14- bis 25-jährigen ist gut oder sehr gut über Organspende informiert.” Und da Jugendliche die kleinen Naivchen sind, die sie nun einmal sind, muss man beizeiten informieren, damit die Jugendlichen auch die richtige Wahl in ihrem Organspendeausweis dokumentieren. Welche Form der Information man unter der Überschrift “Organspende macht Schule” zu erwarten hat und wie sehr sich Jugendliche in die Nächstenliebe-Ecke gedrängt fühlen, kann man sich angesichts der unverblümten Art, in der die Manipulation bereits in Pressemeldungen betrieben wird, gut vorstellen – sicherlich werden keine Zweifel am Hirntod geweckt.

Dieselben Politiker, die nicht müde werden, sich über den  Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in welcher Variante auch immer aufzuregen, haben ganz offensichtlich gar kein Problem mit dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, wenn es um ihre  Zwecke der Nächstenliebe geht. Aber besondere Interessen erfordern besonderen Missbrauch. Zum “guten Zweck” kann man weitreichende Entscheidungen Jugendlicher über das eigene Leben auch bereits mit 16 Jahren zulassen, während dieselben Jugendlichen weiterhin als politisch unmündig betrachtet werden.

“Was heißt das eigentlich, das Recht über Leben und Tod? Natürlich nicht, dass der Souverän das Leben in der selben Weise anordnen lassen kann wie das Sterben. Das Recht über Leben und Tod lässt sich nur auf eine ungleichgewichtige Weise ausüben, und zwar immer auf Seiten des Todes. Die Wirkung der souveränen Macht auf das Leben ist erst von dem Moment an ausübbar, da der Souverän töten kann. Es ist letztlich das Recht zu töten, das tatsächlich die Essenz dieses Rechts auf leben un Tod in sich trägt: Ab dem Moment da der Souverän töten kann, übt er sein Recht über das Leben aus. Das ist wesentlich ein Recht des Schwertes. Folglich besteht keine wirkliche Symmetrie innerhalb dieses Rechts über Leben und Tod. Ebenso wenig handelt es sich um das Recht, sterben oder leben zu machen. Es ist auch nicht das Recht, leben oder sterben zu lassen. Es ist das Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen” (Foucault, 2010, S.64).

Weitere Informationen zum Thema Organspende: Organspende ist gelebte Solidarität

Bergmann, Anna (2011). Organspende – tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? Aus Politik und Zeitgeschichte 21-21/2011: 10-15.

Foucault, Michel (2010). Kritik des Regierens. Schriften zur Politik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bildnachweis:
Schattenblick: Spontanbewegung bei einer hirntoten Patientin; Quelle:  Turmel, André, Roux, Alain & Bojanowski, Michel W. (1991). Spinal Man after Declaration of Brain Death. Neurosurgery, 28(2), S.299.

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