Die Entprofessionalisierung der Wissenschaft oder: Von der Universität zur Kindertagesstätte

Vor einigen Tagen hat die New York Times darüber berichtet, dass immer mehr Männer in den USA Berufe ergreifen, die bislang von Frauen dominiert werden. Das Ergebnis dieser “geschlechtsuntypischen Berufswahl” ist interessant: Mit dem zunehmenden Anteil von Männern in “Frauenberufen” steigen die Gehälter für alle in den entsprechenden Berufen Arbeitenden und der berufliche Aufstieg der Männer in den Frauenberufen erfolgt durchschnittlich schneller als der entsprechende berufliche Aufstieg der dort beschäftigten Frauen. Meine These lautet: Mit einem zunehmenden Anteil von Männern nimmt die Professionalität in den entsprechenden Berufen zu.

Zurück nach Deutschland: Hier hat gerade eine Anhörung vor dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung des Bundestages stattgefunden, deren primäre Erkenntnis bereits in der Überschrift der Pressemeldung, die sich mit der Anhörung beschäftigt, zusammengefasst wird: “Frauen werden im Wissenschaftssystem benachteiligt”. Frauen, die ewigen Benachteiligten könnte man formulieren, würde einem diese Formulierung nicht im Halse stecken bleiben, denn “die Frauen” werden in “der Wissenschaft” ganz sicher nicht benachteiligt. Die differenzierte Betrachtung von Fakten, ein entsprechend rationaler Blick auf die Wirklichkeit, ist denjenigen, die “die Benachteiligung der Frauen” sehen, jedoch fremd. Von ihnen hört man, im Gegenteil, Folgendes:

  • “Bleibt die Personalstruktur wie sie ist, ist das eine Aufforderung an Wissenschaftlerinnen das Wissenschaftssystem wieder zu verlassen. Das nenne ich einen perversen Ansatz”. Derart differenzierte Stellungsnahmen gibt Edit Kirsch-Auwärter, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Göttingen von sich. Nur am Rande sei vermerkt, dass man in der Wissenschaft gewöhnlich dann von einem perversen Effekt spricht, wenn eine planvolle Handlung zu unbeabsichtigten Folgen geführt hat. Den Unsinn mit der Personalstruktur will ich an dieser Stelle nicht kommentieren, und nur darauf hinweisen, dass eine Personalstruktur nur dann “geschaffen” werden kann, wenn man über die Köpfe von Individuen hinweg für diese Individuen entscheidet, d.h. wenn man ihnen vorgibt was sie zu tun haben oder sie zwingt, etwas Bestimmtes zu tun – das wäre qua definitiom Autoritarismus, der eine borderline Existenz zum Totalitarismus führt.
  • Der Präsident der Justus-Liebig Universität Gießen, Joybrato Mukherjee, weiß, dass seine Universität zu 67% von weiblichen Studenten bestückt wird, wogegen die Professoren zu 82% männlich sind. Entsprechend ist es nach seiner Ansicht wichtig, freiwerdende Stellen “wenn irgend möglich mit Frauen zu besetzen”, eine Quote für Stellenbesetzungen einzuführen und auf einen Mentalitätswandel hinzuwirken. Wo Kirsch-Auwärter den Autoritarismus nur impliziert, ist Mukherjee deutlicher: Wer nicht spurt, wird quotiert, wer immer noch nicht spurt, dessen Mentalität wird halt geändert.
  • Wolfgang Marquart, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, fordert eine Zielquote. Ziel dieser Quote ist es zu erreichen, “dass der Frauenanteil auf einer Qualifikationsstufe mindestens so hoch sein muss, wie der Anteil auf der jeweils niedrigeren Stufe”. Das Ganze nennt sich Kaskadenmodell und hätte vermutlich zur Folge, dass in vielen Bereichen der Sozialwissenschaften kaum mehr ein männlicher Professor zu finden ist, während in den meisten Naturwissenschaften nach wie vor keine weiblichen Professoren vorhanden wären. Auch eine Form der Geschlechtssegregation. Ist das wirklich gewollt? Oder hat Herr Marquart einfach nicht überlegt, bevor er gequasselt hat?

Ich tendiere im Hinblick auf den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats zu letzterer Erklärung, tut sich der Wissenschaftsrat doch schon seit Längerem mit besonders unsinnigen Vorschlägen und Veröffentlichungen hervor. Das neueste Beispiel: “Fünf Jahre Offensive für Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – Bestandsaufnahme und Empfehlungen”. Dieses in vielerlei Hinsicht als Epitaph auf eine effiziente und der Erkenntnis verschriebene Wissenschaft anzusehende Pamphlet, enthält eine Reihe von Forderungen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, ehe man sie ausspuckt. Ich habe mich bei der folgenden Analyse auf das Kapitel “B.III Vereinbarkeit von Familie und Beruf” beschränkt.

  • Das Kapitel basiert auf der Annahme, dass der geringe Anteil von Wissenschaftlerinnen unter Professoren darauf zurückzuführen ist, dass eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gegeben ist.
  • Gleich im ersten Absatz wird dieser Annahme noch eine weitere, ebenso abstruse oder doch zumindest unbewiesene Annahme hinzugesellt: Kinderlosigkeit sei der Preis, den “Frauen und Männer für eine wissenschaftliche Karriere bezahlen müssen” (28).
  • Wer nun denkt, zwei abstruse Annahmen reichen, der hat die Rechnung ohne den Wissenschaftsrat gemacht, denn in Absatz drei wird noch eine Annahme obendrauf gesetzt, nämlich: Universitäten sind nur dann attraktive Arbeitgeber (übrigens nicht Arbeitgeberinnen!), wenn sie dafür sorgen, dass die Kinderbetreuungsangebote “den besonderen Bedürfnissen des wissenschaftlichen Personals genügen” (28).
  • Und worin bestehen die besonderen Bedürfnisse des wissenschaftlichen Personals?
    1. in Abendbetreuungsangeboten für Kinder,
    2. in Übernachtungsmöglichkeiten,
    3. in einer Kindergartensprache “Englisch”,
    4. in mit der Kinderbetreuung zu vereinbarenden Arbeitsplätzen, so genannten Eltern-Kind-Büros,
    5. und im “Umdenken und Entgegenkommen” von Kollegen, damit ein heute “noch häufig von Eltern wahrgenommener Mangel an Kinderfreundlichkeit der Institutionen sich nicht manifestiert” (29).

Verbei sind die Zeiten, in denen man als Student in der Bibliothek versinken konnte, denn die Bibliotheksangestellte bringt ihr Kind mit ins Büro, und entsprechend wird man regelmäßig durch Geschrei aus dem Buch geschreckt, in das man gerade versinken will. Sprechstunden gibt es nur noch dann, wenn das Kind im Büro gerade schläft bzw. alle Bedürfnisse des Kindes soweit gestillt sind, dass sich Mutti oder Papi wieder um die Studenten und deren Magisterarbeit kümmern können. In Seminaren ist mit regelmäßigen Unterbrechungen zu rechnen, da die Dozentin ihr Kind mitgebracht hat, und im eigenen Büro ist an Arbeit nicht mehr zu denken, das Eltern-Kind-Büro nebenan verhindert das. Die beschriebene Kindermanie, mit der nunmehr auch noch das letzte Refugium der Erwachsenen, der letzte Hort, an dem man etwas anderes tun konnte, als dem heiligen Kinde zu Willen zu sein bzw. als seine Zeit um das Geschrei im Nachbarbüro herum einzuteilen, ist gefallen. Die letzte Bastion, in der man zumindest dem Schein erliegen konnte, sie werde nach professionellen Maßstäben betrieben, wurde von der kindermanischen Armee im Sturm genommen. Dem Wissenschaftsrat sei dank.

Was der Wissenschaftsrat mit seiner “Offensive” erreichen will, ist offensichtlich: Eine Entprofessionalisierung der Universitäten. Durch die Infantilisierung der Arbeitsbedingungen werden all diejenigen abgeschreckt, die Leistung bringen wollen und für die Leistungen auch eine entsprechende Bezahlung verlangen. Nun hat die Bundesregierung bereits mit dem letzten Hochschulrahmengesetz dafür gesorgt, dass die Besoldung von Professoren reduziert wird, von C nach W. Eine Reduzierung des erreichbaren Einkommens scheint regelmäßig die erste Stufe der Entprofessionalisierung zu sein. Auf dieser Stufe scheiden diejenigen aus, die nicht bereit sind, 16 Wochenstunden Lehre für W-Besoldung zu leisten. Dies sind regelmäßig Wissenschaftler mit Optionen, die im Ausland gerne eingestellt werden. Man rufe eine beliebige Universität in den USA auf, und lese die Nachnamen der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter, um sich einen Eindruck von diesem brain drain zu verschaffen. Die zweite Stufe der Entprofessionalisierung besteht in dem Ruf nach einer Frauenquote. Dieser Ruf, dessen Übersetzung lautet: bei uns zählt Dein Geschlecht, nicht Deine Leistung, schreckt diejenigen ab, die noch bereit waren, W-Besoldung zu ertragen, aber nunmehr, wenn ihnen offen gesagt wird, dass ihre Leistung irrelevant ist, der Ansicht sind, etwas Besseres als diese Form der Mißachtung finden sie überall. Die dritte Stufe der Entprofessionalisierung besteht in der oben beschriebenen Infantilisierung. Für wen, so kann man sich fragen, ist eine Universität interessant, die Kindertagesstätte, nicht aber Ort der Lehre und des Lernens ist? Sicherlich nicht für Wissenschaftler, schon eher für Personen, die sich nicht entscheiden können, ob sie lieber Mama oder Papa oder lieber Wissenschaftler spielen wollen. Das Ergebnis entsprechender Halbherzigkeiten ist bestenfalls mäßige Lehre und folgerichtig ein Niedergang der Wissenschaftskultur.

Damit schließt sich der Kreis zur Eingangs berichteten Studie der New York Times: Entprofessionalisierung geht mit einem Exodus von Männern und von Frauen, deren Lebenssinn nicht in der Fortpflanzung besteht, einher. Es bleiben die Teilzeitkräfte, die eigentlich Eltern sind, aber uneigentlich noch an Universitäten auftauchen, ohne so richtig zu wissen, was sie dort sollen, ohne eine Berufung für ihren Beruf zu empfinden, denn wäre dem so, sie wüssten ihren Arbeitsplatz von der Kindertagesstätte zu unterscheiden.

Nachtrag zum Wissenschaftsrat

Wem es nach diesen Ausführungen noch nicht klar ist, dem sei gesagt, der Wissenschaftsrat ist kein wissenschaftliches, sondern ein politisches Gremium. Er setzt sich wie folgt zusammen:

  • Wissenschaftliche Kommission (32 Personen)
    • Wissenschaftler berufen vom Bundespräsidenten auf Vorschlag z.B. der Rektorenkonferenz oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Derzeit 24 Personen, davon: 12 Männer und 12 Frauen.
    • Personen des öffentlichen Lebens berufen vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung und der Landesregierungen; Derzeit 8 Personen, davon: 4 Männer und 4 Frauen.
  • Verwaltungskommission (21 Personen)
    • Von der Bundesregierung entsandte Mitglieder; Derzeit: 6 Personen, davon: 4 Männer und 2 Frauen.
    • Von den Landesregierungen entsandte Mitglieder; Derzeit: 15 Personen, davon 5 Männer und 10 Frauen.
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