Die Gegner der Meinungsfreiheit: autoritär, emotional, kollektivistisch und weiblich

Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der US-Verfassung und dem deutschen Grundgesetz, nicht nur dann, wenn es um die Meinungsfreiheit geht, aber dann insbesondere. Amendment 1 der US-Constitution lautet kurz und bündig:

“Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof, or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances”.

Dem US-amerikanischen Gesetzgeber ist es somit untersagt, die Religions-, die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit oder die Versammlungsfreiheit einzuschränken. Die Meinungsfreiheit und alle anderen genannten Freiheiten sind in den USA sakrosankt, kein Gesetzgeber kann sie einschränken, hat über sie zu befinden, zu entscheiden, welche Meinungen ihm gerade passen bzw. welche er lieber nicht zulassen will. Auf diese Weise haben die Väter der US Constitution versucht, das aus ihrer Sicht höchste Gut der individuellen Freiheit, wie es sich in u.a. der Meinungsfreiheit ausdrückt, vor staatlicher Einflussnahme und Gängelung zu schützen. Damit nimmt die US-Constitution explizit in Kauf, dass so genannte Hassredner, Holocaust-Leugner, Rassisten, Abtreibungsgegener oder religiöse Eiferer in der Öffentlichkeit ihre Inhalte verbreiten. Das Gut der Meinungsfreiheit, so hat z.B. Bollinger (1986) argumentiert, sei wichtiger als der individuelle Schutz derer, die von Hassreden betroffen sind. Toleranz für z.B. Verbal-Extremisten, religiöse Eiferer und Holocaust-Leugner mache eine Gesellschaft stark, und Meiklejohn hat bereits 1948 (und somit im Angesicht des aufkommenden McCarthyism) festgestellt, dass es ohne Meinungsfreiheit für alle keine freie Gesellschaft geben kann.

Wie anders die Welt doch in Deutschland ist, zeigt bereits ein Blick auf Artikel 5 des Grundgesetzes, der lautet:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film sind gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Meinungsfreiheit gibt es in Deutschland also nicht unbedingt, sondern nur unter Bedingungen. Gesetze regeln, was als Meinungsfreiheit zu gelten hat, die Zensur von Film und Rundfunkt findet als freiwillige Selbstkontrolle statt, die Presse unterhält ihren Presserat zur Durchsetzung der richtigen Berichterstattung, und Gesetze verbieten die Verbreitung bestimmter Inhalte in “allgemein zugängliche Quellen”. Kurz: Meinungsfreiheit und die anderen in Artikel 5 genannten Freiheiten, sind keine Freiheiten, die das Individuum in Deutschland hat, es sind Freiheiten, die dem Individuum von seinem Staat gewährt werden und die jederzeit eingeschränkt werden können.

Das ist ein erheblicher Unterschied zur Verfassung der USA, der sich u.a. darin niederschlägt, dass in Deutschland politische Kontroversen häufig mit dem Ruf nach einer Zensur der missliebigen Meinung geführt werden. Rechte wollen “Linksextremisten” die Meinungsfreiheit untersagen, Linke wollen “Rechtsextremisten” die Meinungsfreiheit untersagen, Feministen versuchen, die Meinungsfreiheit für Mitglieder der Männerbewegung einzuschränken, in dem sie die Männerbewegung in die rechte Ecke rücken usw. Kurz: Die Meinungsfreiheit ist zum Einsatz geworden, um den sich Interessenvertreter balgen. Jeder versucht, sich einen Vorteil zu verschaffen, in dem er dem anderen den Mund verbietet. Es ist passiert, was die Väter der US Constitution vorhergesehen haben und was, wie Daniel M. Downs und Gloria Cowan (2012) schreiben, jeder vernünftige Mensch vorhersehen muss, nämlich dass dann, wenn man die Meinungsfreiheit einschränkt, langfristig gesellschaftlicher Schaden entsteht, dass langfristig eine frei Gesellschaft nicht möglich ist, schon weil diejenigen, die heute z.B. X den Mund verbieten, morgen nicht mehr an der Macht sein können und sich ihrerseits einem Meinungsverbot ausgesetzt sehen können. Dieser einfache Zusammenhang sollte z.B. Sozialdemokraten, deren Meinung im Dritten Reicht nicht die Freiheit öffentlicher Äußerung gewährt wurde, bekannt sein.

Dennoch kehren die Rufe danach, dem politischen Gegner den Mund zu verbieten, regelmäßig wieder, zuletzt im Zusammenhang mit Anders Breivig. Fast scheint es, als herrschte Angst vor der Meinung anderer, als siegte die Emotion, dass etwas gesagt wird, was einem nicht passt, über die Vernunft, die zu der Einsicht führt, dass wenn ich A den Mund verbiete, weil er etwas sagt, was mir nicht passt, es passieren kann, dass mir A den Mund verbietet, weil ich etwas sage, was ihm nicht passt. Dieses Grunddilemma beschreibt das Problem, das Daniel M. Downs und Gloria Cowan zum Ausgangspunkt einer Untersuchung genommen haben, die demnächst im Journal of Applied Social Psychology erscheinen wird. Wer ist bereit, eine Einschränkung der Meinungsfreiheit hinzunehmen? Wem ist es wichtiger, Hassreden zu unterbinden? Wer opfert die Meinungsfreiheit, weil ihm die eigenen Emotionen, angesichts von Hassreden wichtiger sind, als eine vernünftige Erwägung des Schadens, den ein Verbot von Hassreden dem Gut der Meinungsfreiheit zufügt? Diese Fragen finden bei Downs und Cowan und auf Basis einer quantitativen Untersuchung, an der 210 Studenten der California State University im Alter von 18 bis 58 Jahren teilgenommen haben.

Auf der Suche nach den Antworten auf die gestellten Fragen, haben die Autoren die theoretische Landschaft minutiös durchsucht und eine Reihe aussichstreicher Kandidaten zu Tage befördert, von denen angenommen werden kann, dass sie einen Hinweis auf die Beantwortung der untersuchten Fragen geben. Die meisten der Kandidaten wurden über Messinstrumente erhoben, die in der Sozialpsychologie über eine lange Tradition verfügen, darunter z.B. die Individualism-Collectivism-Scale, das Revised NEO Personality Inventory, die Attitudes Towards Thinking and Learning Scale oder die Right-Wing Authoritarianism Scale. Für alle Skalen ergeben Relibilitätstests einen guten bzw. sehr guten Wert für Cronbach’s Alpha, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Skalen nicht nur das messen, was sie messen sollen, sondern dass die entsprechende Messungen auch wiederholbar sind. Die im Folgenden berichteten Ergebnisse basieren auf Korrelations- und Regressionsanalysen, denen ein recht klares Bild darüber, wer nicht bereit ist, Meinungsfreiheit zu opfern und wer dazu bereit ist, entnommen werden kann:

  • Personen, die unter keinen Umständen bereit sind, die Meinungsfreiheit einzuschränken, können wie folgt beschrieben werden:
    • Sie sind Individualisten, d.h. sie gewichten die eigene Person höher als die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv;
    • Sie sind in der Lage, analytisch zu denken, separate knowing, wie Downs und Cowan das nennen: “Separate knowing, a form of intellect (i.e., critical thinking), requires one to be impersonal and to void feelings and emotions in the service of objectivity. … separate thinkers may be able to perceive the long-term benefits of freedom of speech and separate themselves from an emotional approach that emphasizes the immediate harm to an individual” (1357);
    • Sie ordnen sich keiner Autorität unter, grenzen sich nicht aggressiv gegen andere Gruppen (Migranten oder Männer) ab und hängen keinen traditionellen Normen an
    • Sie sind mehrheitlich männlich;
  • Personen, die bereit sind, die Meinungsfreiheit zu opfern, um Hassreden, die ihnen nicht gefallen, zu unterbinden, können darüber hinaus wie folgt beschrieben werden:
    • Sie bezeichnen sich selbst als eher liberal;
    • Sie sind mehrheitlich weiblich, und Gleichheit ist ihnen wichtiger als Freiheit;

Was Downs und Cowan in ihren Ergebnisse beschreiben, ist ein Persönlichkeitssyndrom, das man dahingehend zusammenfassen kann, dass die Gegner von Meinungsfreiheit autoritärer Führung bedürfen, um zu wissen, wo sie hingehören. Entsprechend fühlen sie sich in Kollektiven wohl, die Zugehörigkeit zu “etwas” ist ihnen wichtiger als die eigene Freiheit, die eigene Individualität, weshalb sie Freiheit auf dem Altar der Gleichheit zu opfern bereit sind. Sie sind des analytischen oder kritischen Denkens entweder nicht willens oder nicht dazu fähig und opfern die rationalen Erkenntnisse einer kurzfritigen Emotion, und sie sind in der Mehrzahl weiblich.

Dieses Syndrom ist nicht neu, es wurde bereits von Max Horkheimer in seinen theoretischen Entwürfen über die Autorität in der Familie beschrieben:„In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, dass der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärts zu kommen. Ein tiefes ökonomisches, ja physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes, vor allem ist es ihr jedoch um die eigene ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun. Die Einführung des Wahlrechts der Frau hat auch in den Staaten, wo eine Stärkung der Arbeitergruppen erwartet wurde, den konservativen Mächten Gewinn gebracht“ (Horkheimer, 1987, S.59).

Es ist eben dieses Syndrom, das sich im Staatsfeminismus wiederfindet, in dem durch schulische Indoktrination versucht wird, als falsch bewerteten Einstellungen und Verhaltensweisen wie z.B. einem Machogehabe entgegen zu wirken und in dem so großer Wert auf das politisch Korrekte und somit die Unterdrückung dessen, was als politisch nicht korrekt angesehen wird, also auf die Unterdrückung der Meinungsfreiheit gelegt wird. Es ist dieses Syndrom, das Dr. habil. Heike Diefenbach im dritten Teil ihrer Darstellung zum Patriarchat über den Staatsfeminismus beschrieben hat. Staatsfeminismus und die Unterdrückung von Meinungsfreiheit gehen derzeit Hand in Hand und wenn man sich die Unterschiede zwischen der US Constitution und der deutschen Verfassung, die oben berichtet wurden, in Erinnerung ruft, dann scheinen sich Staatsfeministen und Meinungsfreiheitseinschränker in Deutschland gesucht und gefunden zu haben.

Literatur

Downs, Daniel M. & Cowan, Gloria (2012). Predicting the Importance of Freedom of Speech and the Perceived Harm of Hate Speech. Journal of Applied Social Psychology 42(6): 1353-1375.

Bollinger, Lee C. (1986). The Tolerant Society: Freedom of Speech and Extremist Speech in America. New York: Oxford University Press.

Horkheimer, Max (1987 [1936]). Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Horkheimer, Max, Fromm, Erich & Marcuse, Herbert (Hrsg.): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag, S. 3-76.

Meiklejohn, Alexander (1948). Free Speech and Its Relation to Self-Government. New York: Harper & Brothers.

Bildnachweis:
PI-News
ozpolitic
The Fireside Post

Print Friendly, PDF & Email

About Michael Klein

… concerned with and about science

16 Responses to Die Gegner der Meinungsfreiheit: autoritär, emotional, kollektivistisch und weiblich

  1. Es gibt in Deutschland (eigentlich in ganz Europa) keine Tradition des Äußerungsrechts und kein Gespür für den massiven Freiheitsverlust, den Meinungsfreiheitsbeschränkungen mit sich bringen.

    Immer wieder wird übersehen, dass Meinungsfreiheit nicht nur die Freiheit des einzelnen ist (= desjenigen, der die Meinung von sich gibt), sondern auch die Freiheit des Rezipienten (= desjenigen, der die Meinung hört).

    Es wird in Europa also abgewogen in der Art \”In seinem Blog hat er alle Lufthansa Piloten beleidigt, also steht das Recht des einzelnen (= Meinungsfreiheit des Bloggers) gegen das Recht vieler (= der Piloten)\” statt es amerikanischer zu sehen: \”Wenn wir diese Äußerungen verbieten, beschneidet wir das Recht von Millionen, diese Äußerung lesen zu können\”.

    Das Ganze wird noch dadurch verschlimmert, dass man Frauenmeinungen als gleichwertig zulässt, und deshalb weiblichen Zensurfanatikern ein Forum bietet:
    http://bloganddiscussion.com/frauenhaus/1827/verweibung-und-der-verlust-der-meinungsfreiheit/

    Da Frauen so zensurwütig sind, Männer aber viel toleranter, hat das auch einen spürbaren Effekt auf das Fortschreiten des Feminismus: Denn männliche Moderatoren lassen fast alle Kommentare stehen, während die weiblichen Moderatorinnen alle feminismuskritischen Kommenatre löschen, so dass es am Ende ein Ungleichgewicht zugunsten des Feminismus gibt:

    http://bloganddiscussion.com/argumentevonfemastasen/482/viele-frustrierte-machos-hier/

  2. Haselnuss says:

    Die meisten der Kandidaten wurden über Messinstrumente erhoben, die in der Sozialpsychologie über eine lange Tradition verfügen, darunter z.B. die Individualism-Collectivism-Scale, das Revised 1. NEW Personality Inventory, die Attitudes Towards Thinking and Learning Scale oder die Right-Wing Authoritarianism Scale. 2. Für alle Skalen ergeben Relibilitätstests einen guten bzw. sehr guten Wert für Cronbach’s Alpha, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Skalen nicht nur das messen, was sie messen sollen, sondern dass die entsprechende Messungen auch wiederholbar sind.

    1. Sind sie sich sicher, dass sie nicht das Revised NEO (das stand ursprünglich für Neuroticism, Extraversion und Openness; heute steht es für nichts mehr) Personality Inventory meinen?
    2. Schmeissen Sie Reliablität und Validität einer Skala in einen Topf? (Cronbachs Alpha misst die Reliabilität einer Skala.)

    • Hallo Haselnuss,

      dazu gibt es folgendes zu sagen:
      1: Sie haben Recht, hier habe ich mich vertippt:) Gemeint ist das NEO…
      2: Dass Cronbachs Alpha ein Maß für die reliability ist, ist schon klar. Die Validität auf die Sie anspielen “auch misst, was sie messen soll”, bezieht sich darauf, dass die verwendeten Skalen in der Vergangenheit regelmäßig genutzt wurden, um die jeweiligen Konzepte zu messen und dass man aus den dabei erzielten Ergebnissen den induktiven Schluss ableiten kann, dass die Skalen auf messen, was sie messen sollen.

      • Haselnuss says:

        Zu Punkt 2. Ich habe eine durchwachsenere Ansicht von der Validität dieser Skalen.

        Das NEO-PI-R ist sicher das aktuell beste Persönlichkeitsinventar auf dem Markt. Von seiner Validität kann problemlos ausgegangen werden.

        Die Attitudes Towards Thinking and Learning Scale und die Individualism-Collectivism-Arbeiten von Triandis u.a. kenne ich nicht genug, um mir ein Urteil darüber zu erlauben.

        Die RWA-Skala von Altemeyer wiederum halte ich nicht für valide. Ich will das anhand einiger Punkte ausführen: Altemeyer schließt von Einstellungen auf Einstellungen, misst also meiner Meinung nach schlicht Einstellungsclustern, die nicht auf ein spezifisches Syndrom zurückgehen müssen. Der Schluss, dass er ein Persönlichkeitssyndrom misst, ist ein subjektiv-theoretischer. Das heißt, Altemeyer will ein Persönlichkeitssyndrom finden – und nicht zwei -, nur deshalb geht er von einem Syndrom aus, das dieses Muster an Einstellungen aufweist. Selbstverständlich setze ich damit voraus, dass Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängen.

        Die RWA-Skala enthält 22 Fragen, die mit 1 bis 9 gewertet werden können. Zwei sind Aufwärmer und zählen nicht. Es sind also Punktewerte von 20 bis 180 möglich. Der MW unter College-Studenten liegt bei ~80. Der quantitative Psychologie nimmt die Ergebnisse, wie er es als Student im Grundstudium gelernt hat, und teilt die Teilnehmer in zwei Gruppe, High-Scorer und Low-Scorer. Allerdings verschmelzen im Laufe der Analyse irgendwann die High-Scorer mit dem Persönlichkeitssyndrom. Sprich, plötzlich hat jemand nicht mehr einen Puntewert von einer Standardabweichung über dem Mittelwert, sondern er ist der Autoritäre, er verkörpert das Syndrom. Selbst wenn er nur einen Punktewert von 100 oder 110 hat, ihm also noch 70 – 80 Punkte zum Bösen fehlen.
        Ansonsten lassen sich die üblichen “Kleinigkeiten” anführen: Tests hauptsächlich an nicht-repräsentativen Stichproben, zeitliche Instabilität eines als stabil angesehen Syndroms, Verschmelzung von RWA mit Konservativismus, die Skala fiel durch jede Faktoranalyse als Prüfung ihrer Dimensionalität durch u.a..

        Das kurz zur RWA-Skala. (Ich will Ihnen Ihr Blog nicht vollschreiben.)

  3. Pingback: Die Gegner der Meinungsfreiheit: Autoritär, emotional ... | CiSci | Scoop.it

  4. Arne says:

    Hmmm. Also den Artikel finde ich, wie die meisten von Ihnen, gut und wichtig. Interessant fand ich auch das Zitat “If you want to identify…” ..Aber wenn man den Urheber googelt wird es – meiner Ansicht nach- problematisch. Googelt man das Zitat selber, kommt man auf einen Artikel des Herrn Strom auf der Internetseite “National Vanguard” mit dem Titel: Jewish Truth (and Jewish Jokes) – how they gain money, sympathy and reverence. Mir fällt es schwer zu glauben, das da jemand “in die rechte ecke” gestellt wird..ich habe den Eindruck, dass Herr Strom reichlich antisemitisch und rassistisch ist. Was zugegebenermassen die Frage aufwirft, ob man ein einzelnes Zitat deswegen ablehnen sollte.

    • Hallo Arne,

      … und das als Kommentar zu einem Beitrag, in dem es um Meinungsfreiheit geht. Sie würden also die Aussage von Strom nicht verbreiten, weil andere behaupten, dass Strom ein Nazi, Judenfeind oder was auch immer ist. Nun, ich mache mir gerne ein eigenes Bild und abgesehen davon, würde es, auch wenn Strom ein Nazi, Judenfeind oder was auch immer ist, nichts daran ändern, dass seine Aussage richtig ist, denn wäre sie nicht richtig, warum wäre es notwendig, seine Aussagen mit einem ad hominem zu diskreditieren? Ganz davon abgesehen wäre es nur redlich, nicht nur das übliche Wikipedia-PI-Gebrabbel zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen:
      http://www.kevinalfredstrom.com/about/

      Der Beitrag “Jewish Truth” ist für mich ein hervoragendes Beispiel für Meinungsfreiheit in Aktion: Den Inhalt des Beitrages kann man problemlos auseinander nehmen bzw. jeder ist in der Lage, sich ein eigenständiges Bild darüber zu machen, was von dem Schreiber und seiner Meinung zu halten ist. Man kann also darüber diskutieren und während man darüber diskutiert, kann man etwas lernen. Warum wollen Sie noch einmal den entsprechenden Beitrag unterdrücken (auf den hier übrigens kein Verweis erfolgt)? Warum wollen Sie Herrn Strom, über dessen Meinung man trefflich streiten kann, aus der öffentlichen Spähre verbannen und anderen vorenthalten, was er sagt bzw. mit welchem Recht wollen Sie andere daran hindern, sich ein eigenes Bild von Herrn Strom zu machen?

      • Arne says:

        Sehr geehrter Herr Klein,
        ich würde die Aussage von Herrn Strom tatsächlich nicht verbreiten. bzw. habe mich bewusst dagegen entscheiden, das zu tun. Der Grund dafür liegt tatsächlich darin, das ich weder mit der Person des Herrn Strom noch von einer Seite wie National Vanguard in Verbindung gebracht werden möchte. Wie das nun zur Meinungsfreiheit passt? Ich befürchte , das ich hier einfach zu sehr “Realist” bin. Neben der abstrakten Debatte über Meinungsfreiheit und der Idee, das über jede Meinung in rationaler Form diskutiert werden kann und werden sollte, sehe ich hier die Wirklichkeit in der leider eine solche rationale Debatte jedes einzelnen Beitrages jeder einzelnen Person nicht stattfindet. In den seltensten Fällen wird zwischen einer Person ( und deren “Gesamtwerk”) und einzelnen Aussagen oder Zitaten differenziert. Möglicherweise ist das ein Desideratum – möglicherweise aber auch nicht, denn eine konsequente Verfolgung des Ideals “ich muss mir über alles und jeden meine eigenen Gedanken machen” würde wohl lediglich zur völligen Handlungsunfähigkeit führen.Die “Wirklichkeit” funktioniert aber,(imho) so, dass wir Abkürzungen nehmen, in Kategorien “denken” und auch in Kategorien einsortieren. Und auch wenn man es Feigheit nennen mag – wegen eines Zitates ( dessen “Richtigkeit” bei weiterem Nachdenken auch angezweifelt werden kann..aber darum geht es in diesem Falle ja nicht) möchte ich nicht in dieselbe Schublade gesteckt werden, wie Herr Strom.

        • Sicher nutzen wir shortcuts, um den Informationsdickicht handhabbar zu machen. Deshalb ist es ja so ein einfaches Mittel immer dann, wenn man Informationen unterdrücken oder jemanden diskreditieren will, ihm ein Etikett “Antisemit” oder ähnlich geeignete “gesellschaftliche Diskreditoren” anzuheften. Mit der Zeit weiß dann jeder X ist ein Antisemit, das ist alles, was es zu wissen gibt. Wer ihm dieses Etikett warum angeheftet hat, das ist nicht mehr bekannt und auch nicht wichtig, denn es hat seinen Zweck, Personen zu diskreditieren und die Beschäftigung mit ihnen zu unterbinden, erfüllt. Die Einschränkung von Meinungsfreiheit auf genehme oder für pi-gefundene Inhalte erfüllt den selben Zweck. Man etikettiert, was einem nicht passt und entfernt es aus dem öffentlichen Bereich und – ganz nebenbei – entmündigt man die so Geschützten, leistet der Nutzung von affektive Shortcuts in der Beurteilung von Dingen oder Menschen Vorschub und legt die Grundlagen zu einer effizienten Steuerung der Öffentlichkeit bzw. der öffentlichen Meinung. Die einzige Möglichkeit, Individuen vor Bevormundung zu schützen und ihnen die Bildung einer eigenen Meinung zu ermöglichen, besteht darin, es ihnen zu ermöglichen über Meinungen zu stolpern, auf Meinungen zu treffen, die nicht pi, die nicht mainstream oder in welcher Form auch immer abweichend sind, also auf jede Form der Zensur zu verzichten. Und wenn Individuen durch freien (also unzensierten) Zugang zu Informationen die Möglichkeit haben, sich eine eigene Meinung zu bilden, dann sind sie auch etwas resistenter gegen die oben beschriebenen Methoden der Manipulation, denn sie sind es gewohnt, für sich selbst zu entscheiden, was sie für vertretbare Inhalten halten und was nicht und nicht auf die Freigabe durch ihren Staat und seine Wächter zu warten. Ob man als Staat derart autonome Individuen haben will, ist indes eine andere Frage.

          Ich kann Ihrer Position somit nichts “realistisches” abgewinnen…

          Anyway, ich verlinke ja auch auf Seiten der BMFSFJ trotz der dort zu findenden heftigen staatsfeministischen Agitation – Auch hier habe ich vollstes Vertrauen in die intellektuellen Kapazitäten der Leser dieses blogs, darin, dass sie in der Lage sind, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

          Und was die Verbindung zu Personen angeht, mit denen Sie nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst zu treffen hat: Was stelle ich höher, die Angst davor, dass andere versuchen, mich zu diskreditieren oder meine eigene Wertschätzung für die bedingungslose Meinungsfreiheit. Für mich ist letzteres der höchste Wert, ersteres eher belangloses Beiwerk, denn wer Sie diskreditieren will, der wird das tun, ganz unabhängig davon, was Sie schreiben oder tun.

  5. Nicole says:

    Hm. Ich bin da etwas gespalten. Einerseits bin ich absolut Ihrer Ansicht, dass gerade die Meinungsfreiheit von entscheidender Wichtigkeit für die Freiheit ALLER ist (gerade auch der potentiellen Rezipienten). Andererseits bildet Sprache Realität nicht nur ab, sondern formt sie auch zu einem gewissen Grad. Man muss gar nicht explizit zu Gewalt aufrufen, aber wenn man nur lang und stark genug eine bestimmte Personengruppe als minderwertig oder schädlich oder gefährlich darstellt, dann kann das für die betroffene Gruppe (bzw. einzene ihrer Mitglieder) sehr schnell sehr unangenehm werden und sogar zu einer Gesellschaftsordnung führen, die dann auch alles andere als freiheitlich ist. Und dennoch bereiten mir die in Artikel 5(2) des GG vorgesehenen Einschränkungen immer schon Bauchschmerzen.

    • Alle Einwände a la “Meinungsfreiheit, ja aber” oder “Meinungsfreiheit schön und gut, aber dann würde ja…” prallen am Beispiel der USA ab. Wenn Meinungsfreiheit so gefährlich wäre, dann wäre die USA längst durch die Meinungsfreiheit implodiert.

      Die Gefährlichkeit von zum Beispiel Judendarstellungen zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes kommt nicht etwa daher, dass es zu viel Meinungsfreiheit gibt und somit Juden kollektiv verfälscht dargestellt werden können, sondern dass es ZU WENIG Meinungsfreiheit gibt, und somit die Gegenmeinung/Gegendarstellung verboten ist.

  6. Eike Scholz says:

    @Arne

    ich verstehe ihre Position nicht. Sie behaupten das eine rationale Debatte jedes einzelnen Beitrages einer Person nicht stattfindet – ok – aber das wäre ja nun auch nicht nötig. Sie
    meinen, dass in seltenen Fällen zwischen den Aussagen und der Person unterteilt wird – ok. Dann sagen Sie, dass Sie nicht in die selbe Schublade eingeteilt werden möchten wie eine Person mit fraglichen Positionen indem sie etwas von einer solchen Person zitieren?

    Nun wenn sie in der Lage sind zum Schutze ihres Ansehens durch andere ein von Ihnen schon als
    irrational erkanntes Verhalten zu übernehmen ist das ihre Sache – ich will das in der Regel nicht tun. Bei Herrn Klein scheint es ähnlich zu sein.

    Zugegeben kann ich nicht nachvollziehen wie sie zu ihrem Verhalten kommen. Meinen sie Ihr Verhalten, insbesondere wenn es alle täten würde für die Gesellschaft zu besseren “Resultaten” führen?

    Ich halte ihr Verhalten nicht für Feigheit, sondern ich denke eher, dass Sie einfach mehr Angst vor den Konsequenzen des einen Verhaltens als vor den Konsequenzen des anderen Verhaltens haben. Meines Erachtens sollten sie aber mehr Angst vor einer Gesellschaft haben, in der alle ihr Verhalten adaptieren … die Gründe hat Herr Klein schon ausgeführt. Vielleicht sollten sie nochmal die Konsequenzen abwägen.

  7. A. Behrens says:

    Hallo,

    Dann: könnten Sie bitte prüfen, ob in der Originalstudie bei der Beschreibung von Kollektivisten wirklich ‘liberal’ als Selbstbildnis steht? Zitat aus Ihrem Blog

    ————–
    – Personen, die bereit sind, die Meinungsfreiheit zu opfern, um Hassreden, die ihnen nicht gefallen, zu unterbinden, können darüber hinaus wie folgt beschrieben werden:
    – Sie bezeichnen sich selbst als eher liberal
    ————–

    Wenn dem denn tatsächlich so ist, wie sollten sich Menschen bezeichnen, die an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ‘liberal’ festhalten wollen?

    Vielen Dank

    • Die Messung dessen, was die Autoren als liberal bezeichnen, erfolgt über eine siebenstufige Skala, die von very conservative bis very liberal geht. Die Studie wurde in den USA durchgeführt, so dass man “liberal” wie es hier gebraucht wird, im europäischen Kontext wohl eher und passender als “links” bezeichnen würde.

  8. Michel Houellebecq says:

    Ich würde die Kernthese (weiblich, autoritär…) so ausformulieren, bzw. dahingehend präzisieren, dass jedermann sofort klar wird, um welche Kategorie von Frauen es hier eigentlich geht: Weiss, weiblich, über 40, akademisch gebildet (Geisteswissenschaften) und im publizistischen Bereich tätig.

    P.S. Ähnlichkeiten mit dem bereits zirkulierenden Feindbild des weissen, heterosexuellen Mittelklasse-Mannes sind durchaus beabsichtigt…

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

Translate »
error: Content is protected !!
Skip to toolbar