Feindliche, ideologische Übernahme: Deutsche Wikipedia droht im Desaster zu enden

Lieber Jimmy Wales,

wir schreiben Ihnen diesen offenen Brief, weil wir besorgt sind: Die deutsche Wikipedia ist in großer Gefahr. Die deutsche Wikipedia steht in der Gefahr, ein kompletter Fehlschlag zu werden, denn eine relativ große Anzahl ausschließlich ideologisch motivierter Personen, denen es nicht um die Verbreitung von korrekten Informationen geht, sondern darum, die eigene Ideologie als Information verpackt zu verbreiten, hat sich bei der deutschen Wikipedia eingenistet und droht die Wikipedia zu übernehmen. Die Folgen sind bereits jetzt katastrophal: Die deutsche Wikipedia ist immer weniger eine Informationsquelle, die korrekte und verlässliche Informationen bereitstellt. Die deutsche Wikipedia ist eine Quelle für ideologisch verbrämte Fehlinformationen.

Wir schreiben diesen offenen Brief gemeinsam und bringen entsprechend unsere je unterschiedlichen Erfahrungen in diesen offenen Brief ein. Das ist einmal die Erfahrung eines Wissenschaftlers, der sich täglich mit Fragen wissenschaftlicher Korrektheit und der Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten beschäftigt, es ist einmal die Erfahrung eines Journalisten, der zum Ziel einer Kampagne aus Hass und Verleumdung auf Wikipedia geworden ist, deren Ziel darin besteht, seine Reputation zu zerstören.

Wir haben die deutsche Wikipedia über den Zeitraum einiger Monate hinweg beobachtet. Die Analyse, die die Grundlage dieses Offenen Briefes bildet, basiert entsprechend auf einer ausreichend großen Anzahl von Beobachtungen, sie ist daher geeignet, Ihnen einen sehr guten Einblick in die Verhältnisse, wie sie derzeit bei Wikipedia Deutschland herrschen, zu geben. Unsere Datenbasis erlaubt es uns, Ihnen sehr genau aufzuzeigen, was bei Wikipedia in Deutschland in höchsten Maße „faul“ ist, und sie ist ausreichend um die im Folgenden gezogenen Schlußfolgerungen zu stützen. Wir sind jederzeit bereit, Ihnen die Belege für unsere Aussagen in vollem Umfang zur Verfügung zu stellen, verzichten aber an dieser Stelle darauf, da dies ein Offener Brief und kein Offenes Buch werden soll.

Wo die erheblichen Probleme der deutschen Wikipedia liegen, kann am Beispiel von vier gegenseitig verschränkten und sich gegenseitig verstärkenden Prozessen deutlich gemacht werden, aus wiederum eine sich selbst verstärkende Schleife resultiert, die, wenn sie nicht angehaltet wird, letztlich das Ende der deutschen Wikipedia bedeuten wird: Denn wird sie nicht angehalten, dann wird die Wikipedia zu einer Geheimgesellschaft, zu einem Kult degenerieren, in dem eine kleine Clique von die selbe Ideologie teilenden Administratoren darüber wacht, dass die Realität, wie sie nur außerhalb der ideologisch verklärten Sichtweise vorkommt, nicht Einzug in Wikipedia-Artikel hält. Diese Dystopie, ist leider zu real, denn eine Vielzahl von Personen, denen nichts ferner ist als der Geist, in dem Sie die Wikipedia gegründet haben, der Geist, der zum Ziel hatte, eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten an einem gemeinsamen Projekt arbeiten zu lassen, hat sich bereits in der Wikipedia eingenistet. Diese Ideologen wollen keine breite Informationsbasis, sondern eine Basis zur Verbreitung ihrer höchst eigenen Ideologie. Nichts könnte weiter vom Geist, in dem die Wikipedia gegründet wurde, entfernt sein.

Die vier gegenseitig verschränkten und sich gegenseitig verstärkenden Prozesse, die letztlich zum Ende der Wikipedia führen werden, sind die folgenden:

  • Das Fehlen jeglicher Form von Kriterien, die das Auffinden von Information und das Schreiben von Artikeln strukturieren.
  • Die daraus resultierende Selektivität vieler, wenn nicht der meisten Artikel in Wikipedia.
  • Die feindliche Übernahme der Wikipedia durch Ideologen, die durch die zuvor beschriebenen Prozesse erleichtert wird.
  • Die negativen Anreize für bzw. das Abschrecken von fähigen, potentielle/n Autoren, die zur Wikipedia beitragen wollten, darauf aber aufgrund der ideologischen Infizierung der Wikipedia verzichten, sowie die Verschwendung von Humanressourcen und die Lähmung von Ressourcen in so genannten Editier-Schlachten.

Das Fehlen eines kohärenten Sets von Kriterien

Die Erstellung einer Enzyklopädie ist in erster Linie eine Aufgabe, die eine ausgereifte und verlässliche Methode benötigt, die es ermöglicht, korrekte, verlässliche und repräsentative Informationen zu finden. In anderen Worten: Die Erstellung einer Enzyklopädie erfordert Menschen, die fähig und – wichtiger nocht – bereit sind, Informationen auszuwählen, die ein korrektes Bild vom im Artikel bearbeiteten Gegenstand vermitteln. Um Informationen aufzuspüren, die korrekt, verlässlich und repräsentativ sind, ist es notwendig, dann, wenn man alleine an einem Artikels arbeitet, etwas vom Gegenstand des Artikels zu verstehen. Sind mehrere Autoren an der Erstellung eines Artikels beteiligt, dann ist es notwendig, dass sich alle Autoren auf einen Katalog gemeinsamer Kriterien verpflichten, die es gewährleisten, dass das ausgewählte Material im Hinblick auf seine Korrektheit, Verlässlichkeit und Repräsentativität geprüft werden kann, ein Katalog, der die Basis dafür bereitstellt, eine Übereinkunft über den Inhalt eines Artikels zu erzielen. Im Moment gibt es in der deutschen Wikipedia keinerlei Kriterien, die diese Leistung erbringen könnten. Dies ist nirgends so deutlich wie bei den regelmäßig stattfindenden Editier-Schlachten.

Selektivität der Artikel

Das Fehlen von Kriterien, die die Auswahl von Informationen anleiten, schlägt sich in einer Vielzahl von Artikeln in der deutschen Wikipedia nieder, die nicht einmal rudimentäre Ansprüche an Verlässlichkeit, Fairness und Anstand erfüllen. Diese Artikel bestehen aus zusammengeklaubten Informationen, von denen nur der Autor weiß, warum er diese Informationen und keine anderen ausgewählt hat. In vielen Fällen sind diese Artikel ein Zerrbild der Realität, das bei denen, die es besser wissen, erst mit Lachen gutiert wird, bevor es der Anlass für Ärger über den Unsinn ist, der von der Wikipedia zugemutet wird. Diejenigen, die es nicht besser wissen, sind den Fehlinformationen in den entsprechenden Artikel schutzlos ausgeliefert und eine entsprechend leichte Beute für Ideologen aller Couleur. Was für die Reputation der Wikipedia schlecht ist, wenn z.B. in Beiträgen zu wissenschaftlichen Themen haarsträubende Falschdarstellungen enthalten sind, wird in seiner negativen Wirkung noch verstärkt, wenn im Text zitierte wissenschaftliche Autoren und deren Forschungsergebnisse oder deren theoretische Beiträge falsch dargestellt sind. Es wird fatal, wenn die Artikel Personen aus dem öffentlichen Leben zum Gegenstand haben. Dann wird die deutsche Wikipedia zum Boden, auf dem unfaire Behandlung, die an Hass grenzt oder die Grenze zur Gehäassigkeit längst überrschritten hat, dann wird die Wikipedia zum Schlachtfeld für ideologische Krieger.

Ideologische, feindliche Übernahme

Weil die Kriterien, die die Auswahl von Informationen anleiten, fehlen, ist es Ideologen ein Leichtes, Informationen, die ihre Weltsicht bestätigen, in einen Artikel einzufügen und andere Informationen, die der eigenen Weltsicht widersprechen, zu unterschlagen. Durch die Selektivität der Auswahl und Unterdrückung von Informationen machen diese Ideologen die deutsche Wikipedia zu einer Plattform der politischen Agitation und Propaganda. Um dabei möglichst erfolgreich zu sein, formen sie eine Art „geheime Gesellschaft“, die die Anonymität der Autorenschaft bei Wikipedia ausnutzt, um versteckt hinter Pseudonymen (z.B. „schwarze Feder“ oder „Fiona Baine“) ideologische Kriegsführung zu betreiben und sich oftmals durch Nutzung multipler Pseudonyme gleich noch einen Startvorteil gegenüber Konkurrenten zu verschaffen.

Diese Ideologen nutzen Wikipedia als Plattform, um diejenigen, die sie als ideologische Feinde betrachten, mit Schmähungen, Beleidigungen und Verächtlichmachungen zu überziehen. Diese typische deutsche Form des Umgangs, ist für nicht-deutsche Beobachter schwer verständlich zu machen. Daher wollen wir Ihnen an dieser Stelle mit ein paar Beispielen aus Wikipedia-Artikeln einen „Gechmack“ davon geben, was in der deutschen Wikipedia zwischenzeitlich normal ist. In Artikeln in der deutschen Wikipedia werden Menschen als „homophob“ abgestempelt, ihre Arbeit wird als „Mist“ diskreditiert, sie werden als Personen dargestellt, die ihre Großmutter verkaufen würden, wenn sie dadurch einen Vorteil erheischen könnten und vieles mehr, das die Grenze des Anstands und die Grenze des fairen Umgangs deutlich hinter sich lässt. Regelmäßig ist nicht die wissenschaftliche oder sonstige Lebensleistung von Autoren der Gegenstand von Artikeln in der Wikipedia, sondern deren politische Einstellung, die ebenso regelmäßig dann, wenn sie nicht der Einstellung des jeweiligen Wikipedia-Autoren entspricht, verächtlich gemacht wird. Mit andere Worten: Viele Wikipedia-Artikel sind recht gut darin ad-hominem Bewertungen abzugeben, aber ziemlich schlecht darin, dem Leser Informationen zu vermitteln.

Die beschriebene Behandlung von Menschen in Wikipedia-Artikeln ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wir wissen, dass diese Form von Fehlverhalten für Menschen, die sich außerhalb des deutschen Kulturraumes befinden, nicht nachvollziehbar ist, aber es beschreibt dennoch die Verhältnisse, wie sie in der deutschen Wikipedia herrschen, Verhältnisse, die sich in schriftlichen Äußerungen niederschlagen, die hart an der Grenze zum Straftatbestand, wie er in den entsprechenden Paragraphen für Verleumdung und üble Nachrede niedergelegt ist, verlaufen.

Abschreckung fähiger Autoren und Editier-Schlachten

Das für die Wikipedia typische Mentoren-System, die Art, wie Wikipedia funktioniert, wie Artikel zu Stande kommen, die Arbeitsweise, die in der Frühphase der Wikipedia Garant schnellen Wachstums und Verantwortlicher für den Erfolg von Wikipedia war, dieses System ist heute zur größten Gefahr für den Fortbestand der Wikipedia geworden. Vor allem in Ländern wie Deutschland, in denen die Regeln von Fairness und Anstand nicht wie im angelsächsischen Raum für den Umgang miteinander vorausgesetzt werden können, führt das entsprechende System direkt in den Abgrund. Das Fehlen von Kriterien, eine daraus sich ergebende Selektivität der Artikel, die feindliche Übernahme der Editier-Funktionen durch Ideologen schreckt fähige und motivierte Personen von einer Mitarbeit in Wikipedia ab. Wir wissen von Wissenschaftlern, die sich großer internationaler Bekanntheit erfreuen, die führende Kapazität in ihrem Feld sind, im Marquis Who is Who in the World aufeführt sind, und die auf Einladung von Wikipedia-Autoren Beiträge für die Wikipedia erstellt haben. Die entsprechenden Beiträge haben es nie bis zur Veröffentlichung in der Wikipedia geschafft, denn ihr Inhalt hat die Wirklichkeit beschrieben, wie sie wirklich ist und nicht das ideologische Zerrbild dargestellt, dass die entsprechenden Wikipedia-Autoren erwartet haben. Dass die entsprechenden Wissenschaftler nach ihren Erfahrungen von einer Mitarbeit in Wikipedia absehen, dürfte keiner weiteren Erwähnung bedürfen.

Der ideologische Krieg in der Wikipedia ist mittlerweile so alltäglich, dass es ein Leichtes wäre, wenn man es denn wollte, die dadurch verloren gehende Zeit in Hunderten von Arbeitsstunden zu quantifizieren. Um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was in der deutschen Wikipedia mittlerweile normal geworden ist, genügt es, sich eines der gesellschaftspolitischen Themen vorzunehmen und entweder den Reiter „Diskussion“ oder „Versionengeschichte“ anzuwählen. Selbst für hartgesottene Leser sind die Schimpftiraden und der öffentliche Umgang der Wikipedia-Autoren miteinander und mit Kritik noch etwas, das sie schockieren kann. Zudem zeigt ein Blick in die Versionengeschichte, dass der Krieg zwischen Ideologen und denen, die mehr an der ursprünlichen Idee der Wikipedia ausgerichtet sind, in vollem Gange ist. Beide Lager sind in ihren Positionen eingegraben und freuen sich daran, die Änderungen der jeweils anderen Seite innerhalb kürzester Zeit rückgängig zu machen – wer mehr Zeit und Pseudonyme hat, nicht wer mehr Wissen und Kenntnisse hat, gewinnt diesen Krieg.

Gibt es wirklich jemanden, der denkt, dass Prozesse, wie die beschriebenen der deutschen Wikipedia keinen erheblichen und vielleicht auch irreparablen Schaden zufügen? Gibt es wirklich jemanden, der denkt, die Grabenkriege, die die Wikipedia zur Zeit auszeichnen, sind nicht dazu geeignet, willige und fähige Mitarbeiter innerhalb kürzester Zeit von einer Mitarbeit Abstand nehmen zu lassen? Gibt es wirklich jemanden, der nicht glaubt, dass die beschriebenen Prozesse über kurz oder lang das Ende der deutschen Wikipedia bedeuten werden?

Nein.

Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, diesen Offenen Brief zu schreiben. Die deutsche Wikipedia steht in höchster Gefahr die fünfte Kolonne welcher Ideologie auch immer zu werden. Es ist an der Zeit, dem Treiben Einhalt zu gebieten, und der beste Weg dazu, die deutsche Wikipedia aus den Klauen von Ideologen zu befreien, besteht darin, nur noch namentlich bekannte und mit ihrem Namen Verantwortung übernehmende Autoren Artikel für die Wikipedia schreiben und bearbeiten zu lassen. Derzeit ist es für anonyme Autoren ein Leichtes, andere mit ihrem Hass zu überziehen. Wären die enstprechenden Autoren namentlich bekannt, müssten sie für das, was sie schreiben, mit ihrem Namen einstehen, die Anzahl der Beleidigungen und Verächtlichmachungen in den Artikeln der Wikipedia würde in dem Maße sinken, in dem die Qualität der Artikel steigt, denn nicht nur macht es vorsichtiger, wenn man mit seinem Namen für etwas steht, die Verantwortungsübernahme mit dem eigenen Namen sorgt auch dafür, dass die Artikel, für die man verantwortlich zeichnet, besser recherchiert und somit qualitativ besser sind.

Wir hoffen, Sie nehmen diesen Offenen Brief in der Weise auf, in der er gemeint ist, als eindringlicher Ruf nach einschneidenden Maßnahmen bei der deutschen Wikipedia, als Ruf von zwei besorgten Menschen, die große Sympathien für den Geist haben, in dem die Wikipedia einst gegründet wurde.

Michael Klein
Arne Hoffmann

Wer diesen Offenen Brief unterstützen will, den bitten wir darum, eine email entsprechenden Inhalts an: science-watch@hotmail.co.uk zu schicken. Wir werden die Liste der Unterstützer regelmäßig aktualisieren.

Unterstützer des Offenen Briefes

  • Dr. phil. habil. Heike Diefenbach
  • Mike Buchanan, CEO Campaign for Merit in Business
  • Dipl. Phys. Maximilian Esser
  • Uwe Baasch
  • Stefan Linke
  • Marc Keller
  • Dr. Andreas Kraußer
  • Urs Brechbühl, papanews.ch
  • N. Norbert Ulrich
  • Manfred Worm Schäfer
  • Ralf Steinfeldt
  • Stefan Schmitz
  • Max Matthias Schubert
  • Michael Hendricks
  • Dipl.-Psych. Christoph Droß
  • Wolfgang A. Gogolin
  • Matthias Buser
  • Benjamin Rossmann
  • Eike Scholz
  • Prof. em. Dr. Günter Buchholz
  • Benjamin Krohn
  • Dr. Johannes C. Kerner
  • Michael Brunsch
  • Manfred Riebe, marjorie-wiki.de
  • Kevin Fuchs
  • Dr. Michael Kühntopf, jewiki.net
  • Hans-Dieter Felix Henninger
  • Christine Kratky
  • Michael Laudahn
  • Prof. Dr. med. et phil. Wolfgang Grundl
  • Jürgen Hahn, PhD
  • Egbert Eissing
  • Mathias Oppermann
  • Rainer Ebeling, Radio 6150
  • Sebastian Hertel
  • Victor Sanovec
  • Simon Lange, Piratenpartei Deutschland
  • Paul-Gerhard Sahling
  • Alexander Majer-Wendelstein
  • Tim Beil
  • Dipl.-Ing. Elmar Oberdörffer
  • Thomas Lehmann
  • Andrey Behrens
  • Tony Stott, Healing-Men.net
  • Dipl. Ing. Elmar Oberdörffer
  • Dr. Walter Kalina
  • Tom Todd, VafK Hannover
  • Dipl. Phys. Marco Vogt
  • Gabi Auth
  • Ludger Pütz, Kolumbien
  • Dr. rer. nat. habil. Dr. phil. habil. Volkmar Weiss
  • Wolfgang Scheid-Franke, grüner leben
  • Klaus Stamm

Auf einige – nicht alle – aktuellen Hintergründe der Kritik an der Wikipedia geht Arne in seinem Blog „Genderama“ ein: http://genderama.blogspot.de/2012/07/deutsche-wikipedia-als-propaganda.html

Eine interessante Zusammenstellung des Umgangs mit Kritikern in der deutschen Wikipedia, sowie eine beeindruckende Liste von „Aussteigern“, findet sich auf den Seiten von Wikis in Franken

Den WikiZirkus, der sich seit Tagen auf den Seiten der deutschen Wikipedia abspielt, und der einen Haufen aufgescheuchter Hühner vor Realität und Kritik (unglaublich: da kritisiert jemand Wikipedianer…) davonlaufen und durcheinanderlaufen lässt, verfolgt Arne Hoffmann auf seinem blog. Wer Lust hat, sich die einzelnen Nummern anzuschauen, wird seinen Spass haben. Weitere Einblicke in die Manege des WikiZirkus gibt Thorsten im Forum von MANNdat .

Berichte über und Beispiele von Manipulationen bei Wikipedia finden sich u.a. bei Tobias Heinz. Bereits 2009 hat Heise Online über Autorenschwund bei Wikipedia und die Rolle von Löschadmins berichtet. Die nachfolgende Diskussion im Heiseforum ist hier aufgearbeitet. Vielen Dank an Tim Beil für die Hinweise

Von seinen Erfahrungen als Autor von Wikipedia und über die Art und Weise, in der er aus Wikipedia heraus gemobbt wurde, bericht ein Leser von Arne’s Genderama blog.

Von den vielen Beispielen, die das Qualitätsgefälle zwischen der deutsch- und der englischsprachigen Wikipedia deutlich machen, ist das folgende von Gladiator aus dem „gelben Forum“ eines der besten.

[update: 16. August:] Es tut sich etwas bei Wikipedia. So wurde z.B. der Beitrag über MANNdat gelöscht. Dies hat Michael Baleanu zum Anlass genommen, einen Offenen Brief an Wikipedia und die WikimediaFoundation zu schreiben. Zwar kann bin ich der Ansicht, dass der gelöschte MANNdat-Beitrag keinen inhaltlichen Verlust darstellt, der Zweck des Offenen Briefes von Arne und mir besteht jedoch darin, das Fehlen von Anstand und vor allem von Kriterien in Teilen von Wikipedia offen zu legen. Diskriminierende und diffamierende Artikel zu löschen, ist zwar ein Mittel, um die entsprechende Diffamierung und Diskriminierung verschwinden zu lassen, besser wäre es jedoch, die entsprechende Diffamierung und Diskriminierung gleich ganz zu lassen. Deshalb ist Löschen nicht die Lösung, es verschafft weder Anstand noch führt es zur Formulierung eindeutiger Kriterien. Deshalb unterstütze ich den Offenen Brief von Michael Baleanu.

Dear Sue Gardner,
Ladies and Gentlemen,

To our understanding Wikipedia is an information platform free of ideological content.

It is one thing to watch a small group of “gender warriors” that is trying to hijack public opinion by staging endless “edit wars” in the German chapter.

It is another thing, however, to see a Wikipedia article (https://de.wikipedia.org/wiki/MANNdat) covering MANNdat e.V. a men’s rights association (www.manndat.de) vanishing entirely without any apparent justification.

The deletion is another example for the autocratic management style deployed by some Wikipedia-administrators and another example of ideologically motivated edit-wars. We, therefore, urge you to abolish the possibility to contribute and decide under the umbrella of anonymity entirely – at least for the German chapter.

Without abolishing anonymity of contributors and administrators the content of Wikipedia will become ever more ideological and ideology-free contributions that try to at least come close to “objectivity” will be jeopardized by a political and ideological “mind-police”.

We do not expect such developments to be in the interest of Wikipedia’s inventor, and we think of these developments as cross violations of the spirit that once provided the basis for Wikipedia’s success.

We therefore urge you to re-instate the deleted article.

Sincerely,

[update 17. August:] Gerade habe ich die folgende interessante Seite mit Insights in Wikipedia entdeckt: Shtoink

Weitere Übernahmen des Offenen Briefes:
Berliner Umschau
Pi-News

Bildnachweis

Road Safety

Ideological hijacking: German branch of Wikipedia threatens to fail

Dear Jimmy Wales,

we write this open letter because we are worried. The German Wikipedia is in grave danger. It is in grave danger to fail completely, because it has been hijacked by a number of purely ideologically motivated people who want to advance not information or knowledge, but their particular version of information and knowledge. Because of that, the German Wikipedia drifts ever closer to becoming the platform for ideological content, a platform of misinformation, rather than useful and correct information. We write this open letter in the capacity that one of us is a scientist, who does assessments of scientific rigour on a daily basis, while the other is a journalist who has become the target of scorn and hatred on Wikipedia in an obvious attempt to destroy his public reputation.

We observed Wikipedia for a number of months now. The analysis that prompted us to write this open letter is based on a substantial number of observations, enough to provide you with a thorough understanding of what is going wrong at Wikipedia Germany, enough to back our conclusions. If need be, we will provide you with the full amount of evidence that backs our conclusions and that could hardly be included in this open letter, because of the letter getting a book as a result of doing so.

What is going wrong with Wikipedia Germany can be discussed with reference to four interlocking and self-enforcing processes that result in some kind of a feedback loop. The inevitable outcome of this feedback loop is a sharp decline in quality and a reduction of Wikipedia Germany to a cultist movement made up by a homogeneous group of ideological people that utterly defy the spirit of Wikipedia, the spirit captured in your famous idea to provide a source of information that draws on the widely spread knowledge of many people. Wikipedia in German is getting ever more distant to that particular spirit.

The four interlocking and self-enforcing processes that promote Wikipedia Germany’s demise, are the following:

  • The lack of a coherent set of criteria as to how to find evidence and how to write an article;
  • The resulting selectivity of many if not most articles found in Wikipedia Germany;
  • The ideological hijacking that is eased by the aforementioned processes;
  • The negative incentive to if not deterrence of capable people who want to contribute to Wikipedia, but decline doing so, because of Wikipedia’s ideological infestation, furthermore, a waste of manpower unheard of in other regional sections of Wikipedia;

Lack of a coherent set of criteria

The endeavour to write an encyclopaedia is – in the first place – a task that requires a careful technique for selecting correct, reliable and representative information. In other words, it requires people that are able and, more important still, willing to select information that gives a correct account for a particular field. In order to find correct, reliable and representative information, you need at least some insight in a field when you are  working alone on an article. When numerous people work on an article you need a common set of criteria, different authors feel complied to comply to, a set of criteria that allows for intersubjective testing if the gathered material is indeed the best available material and that allows to reach a common agreement with respect to what information has to be included in the article and what information can be left out. At the moment, nothing of that kind can be found at Wikipedia in Germany and selectivity is what results.

Selective Articles

As a result, you will find legions of articles on Wikipedia’s German version that do not meet the most rudimentary standards of reliability, fairness and decorum. They consist of scattered information, sourced in a process only the author can make sense of. They provide in many cases nothing but a caricature of reality that, at best, makes knowledgeable people laugh and, in the worst case, makes them angry and makes less knowledgeable people easy prey for ideologist. What is bad for the reputation of Wikipedia when it comes to articles that cover scientific content especially in the humanities, content like education, gets even worse when reputation of people cited in the respective article is at stake or, worse still, when people are the very topic covered in a particular article. Then, Wikipedia becomes the breeding ground of unfair treatment, bordering on hatred and it becomes the playground for ideological warriors.

Ideological Hijacking

Because of the lack of criteria, it is all to easy for ideologists to include what they see information that suits their agenda and suppress information that would put a particular topic in an utterly different light. So, by selectively choosing and actively suppressing information, these ideologists make Wikipedia Germany the platform for their political agitation. To do so, they form some kind of a secret society within Wikipedia exploiting the anonymity by assigning not only fancy nicknames (like „black feathers“) to themselves, but hiding behind several nicks at the same time, all designed to put forward their interest and back their own claims.

And they use Wikipedia to treat their enemies with scorn, unfairness and a kind of hatred which is hard to describe to non-German people, however, so we refer to numerous occasions that see people labelled „homophobic“ in articles published on Wikipedia Germany, that see people’s work dubbed as „crap“, their dignity diminished by claiming they would sell their grandmother if it were to bring them benefits and so on. Regularly it is not what the people covered  did in their lifetime, the work, they are renowned for, that makes the content of a Wikipedia article but their political stance and the assessment of the respective stance that features prominently in the respective articles. In other words, many Wikipedia articles are very good at making ad hominem judgements, but rather poor in providing information.

These are regular ways to treat people in German Wikipedia articles and, although we know that this kind of misconduct is hard to comprehend by non-German people, it describes adequately what is happening on a regular basis and it describes what in some cases already crossed the line that separates delinquent from non-delinquent behaviour, i.e., it is to be considered libel and slander, and it is only a matter of time, that Wikipedia will be sued for it.

Deterrence of capable people and Editing Wars

The particular „mentoring“ system, the way Wikipedia works, was once suited, when Wikipedia was a start-up. Today, Wikipedia is a player in the information market. Especially in countries in which rules of fairness are unknown or ignored, rules that bind, e.g., British people arguing with each other to a certain line of behaviour the very system that helped Wikipedia grow will be responsible for its failure. Lack of criteria, resulting selectivity and ideological takeover of many „editorial boards“ deters motivated, capable and well-meaning individuals from contributing to Wikipedia. We know of scientists well-known to an international audience, renowned in their field and named in the Marquis Who is Who in the World that, after being invited to do so, started to work for Wikipedia Germany, but soon ceased to do so because their work had been rejected  due to a lack of ideological fit, i.e., because it consisted of fact rather than fiction.

Ideological warfare is so common that it is possible, if one would chose to do so, to quantify waste of human resources in hundreds of manhours. To get an impression of what is going on at Wikipedia’s German branch, just look at the „talk“ or the „View history“ index card of any article covering a disputed topic and you will find ongoing and fierce battles between two entrenched ideological camps, with one camp undoing the changes made by the other camp and the other camp doing likewise.

Would anyone seriously expect that processes like those described will not harm quality and reputation of Wikipedia? Would anyone seriously expect that, given the trench warfare we see today, it will take longer than a few days to scare away even the most willing and most able contributor to Wikipedia Germany? Would anyone seriously think that the processes described here will not bring Wikipedia to an untimely death, at least in Germany.

No.

And this is why we decided to write this open letter to you. Wikipedia in Germany is in great danger to become the third column of whatever ideology. It is time to do something against it and it is time to act now. And we think, abolishing the possibility to write in anonymity would be one place to start, because people eager to scathe others from their secure venturing point of anonymity usually cease to do so, when they are out in the open where they can be held responsible for what they say and do. If Wikipedia authors were to be known by name, it is our understanding, that not only would unfair treatment and ideological warfare be reduced, but quality of Wikipedia articles would improve as well, because you have to research well for something published under your real name.

We hope, you take this open letter as it is meant, as an urgent call for action by two really worried people who sympathize with the spirit of Wikipedia.

Michael Klein
Arne Hoffmann

People who want to support this open letter may write a short email to: science-watch@hotmail.co.uk. We will update the list of supporters at regular intervals.

List of Supporters

  • Dr. phil. habil. Heike Diefenbach
  • Mike Buchanan, CEO Campaign for Merit in Business
  • Dipl. Phys. Maximilian Esser
  • Uwe Baasch
  • Stefan Linke
  • Marc Keller
  • Dr. Andreas Kraußer
  • Urs Brechbühl, papanews.ch
  • N. Norbert Ulrich
  • Manfred Worm Schäfer
  • Ralf Steinfeldt
  • Stefan Schmitz
  • Max Matthias Schubert
  • Michael Hendricks
  • Dipl.-Psych. Christoph Droß
  • Wolfgang A. Gogolin
  • Matthias Buser
  • Benjamin Rossmann
  • Eike Scholz
  • Prof. em. Dr. Günter Buchholz
  • Benjamin Krohn
  • Dr. Johannes C. Kerner
  • Michael Brunsch
  • Manfred Riebe, majorie-wiki.de
  • Kevin Fuchs
  • Dr. Michael Kühntopf, jewiki.net
  • Hans-Dieter Felix Henninger
  • Christine Kratky
  • Michael Laudahn
  • Prof. Dr. med. et phil. Wolfgang Grundl
  • Jürgen Hahn, PhD
  • Egbert Eissing
  • Mathias Oppermann
  • Rainer Ebeling, Radio 6150
  • Sebastian Hertel
  • Simon Lange, Piratenpartei Deutschland
  • Paul-Gerhard Sahling
  • Alexander Majer-Wendelstein
  • Tim Beil
  • Dipl.-Ing. Elmar Oberdörffer
  • Thomas Lehmann
  • Andrey Behrens
  • Tony Stott, Healin-Men.net
  • Dipl. Ing. Elmar Oberdörffer
  • Dr. Walter Kalina
  • Tom Todd, VafK Hannover
  • Dipl. Phys. Marco Vogt
  • Gabi Auth
  • Ludger Pütz, Kolumbien
  • Dr. rer. nat. habil. Dr. phil. habil. Volkmar Weiss
  • Wolfgang Scheid-Franke
  • Klaus Stamm

People able to read German will find an interesting account of negative developments within the German Wikipedia and especially treatment of critical authors on the pages of Wikis in Franken

Bildnachweis
Road Safety

Wie Sauerbier oder: wie Wikipedia als Propaganda Plattform gegen die Männerrechtsbewegung missbraucht wird

Die Heinrich-Böll Stiftung scheint ein Marketingproblem zu haben. Trotz vieler Anstrengungen, die aus Hinrich Rosenbrocks Magisterarbeit gezimmerte hauseigene Publikation „Die Antifeministische Männerrechtsbewegung” populär zu machen, hat sich bis auf wenige Mainstream-Medien kaum jemand bereit gefunden, über die „Studie“ zu berichten, noch weniger haben sich bereit gefunden, positiv darüber zu berichten (die Ausnahme ist hier Spiegel-Online, aber das war vermutlich auch nicht anders zu erwarten). Aus Sicht des Marketing ist die Studie ein Ladenhüter oder in der Sprache der Boston Consulting Group ein „poor dog“, und zudem war die Studie nie etwas anderes als ein „poor dog“.

Um dem Ladenhüter Beine zu machen, hat man zwischenzeitlich eine Art Wanderzirkus zusammengestellt, in dem nicht nur Hinrich Rosenbrock auftreten darf, sondern auch Rolf Pohl, der allem Anschein seiner Homepage nach zu urteilen, Psychologe mit einem Hang zum Mystischen, nämlich zur Psychoanalyse ist und seit 2001 nach eigenen Angaben einen Lehrstuhl an der Universität Hannover „verwaltet“. Gastiert hat der Wanderzirkus indes erst einmal in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung in Hannover und geht man nach einem Beitrag in der Hildesheimer Zeitung, den Prof. Günter Buchholz zur Grundlage seines Beitrags auf Cuncti gemacht hat, dann war die Wanderzirkus-Kritik wiederum nicht im Sinne des Veranstalters. Statt die Angst vor der „rechtsextremen Männerbewegung“, die Rosenbrock und Pohl verbreiten wollen, in alle Welt zu tragen, hat Karl-Ludwig Baader in seinem Beitrag in der Hildesheimer Zeitung die Legitimation von Pohl und Rosenbrock, das zu verbreiten, was sie verbreiten, in Frage gestellt. Günter Buchholz hat dies zum Anlass genommen, sich der Frage zu widmen, ob die Heinrich-Böll Stiftung sich eigentlich der Volksverhetzung schuldig macht, eine Frage, die ich an dieser Stelle nicht weiterverfolgen will.

Vielmehr will ich hier eine kleine Analyse anstellen, die sich mit den in der marxistisch-leninistischen Welt so gebräuchlichen Hintertüren der Meinungsbeeinflussung beschäftigt. Mit Hintertüren der Beeinflussung meine ich den Versuch, Lesern in vermeintlich neutralen Medien eine Bewertung, zuweilen auch eine Diffamierung, unterzuschieben, um sie in die „richtig“ Richtung zu beeinflussen (product placement nennt man das im Marketing).  Propaganda-Experten aller Generationen haben sich auf entweder die Kraft der Suggestion oder die der verdeckten Manipulation verlassen, deren Zweck darin besteht, eine bestimmte Bewertung, z.B. die Männerrechtsbewegung ist rechtsextrem, als normal, als gesellschaftlich geteilte Bewertung erscheinen zu lassen. Das Mittel der verdeckten Manipulation ist ein perfides, ein feiges Mittel, es stellt eine wissentliche Fehlinformation dar und bewegt sich außerhalb der Moral. Diese Bewertung, meine Bewertung, sei dem nun Folgenden vorangestellt.

Netzwerke bestehen aus miteinander verbundenen Akteuren. Analysen von Netzwerken haben entsprechend u.a. zum Ziel, Verbindungen unter den Akteuren aufzuzeigen. Netzwerkanalysen sind regelmäßig langweilig und schwierig zu lesen. Deshalb habe ich mich entschlossen, prosaische Qualitäten, die ich neu an mir entdeckt habe und von denen bislang nur ich weiß, in einer Art Theaterstück zu verarbeiten. Wie jedes Theaterstück, so beginnt auch mein Theaterstück, das eine Misere in drei Akten beschreibt, mit den Darstellern und wie immer gilt bei Theaterstücken, dass Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit statistisch wahrscheinlich, aber dennoch zufällig sind:

  • Hinrich Rosenbrock, Autor einer Magisterarbeit, die keinen wissenschaftlichen Kriterien standhält,
  • Andreas Kemper, Herausgeber eines Buches, zu dem Hinrich Rosenbrock einen Beitrag geleistet hat und Autor von Texten auf Wikipedia, dort unter dem Pseudonym „schwarze Feder“.
  • Fiona Baine/SanFranFarmer/Finn – ein oder mehrere Autoren, die/der auf Wikipedia schreiben und „schwarze Feder“ kennen.
  • Heinrich-Böll-Stiftung, nutzt das Geld von anderen, um politische Propaganda zu betreiben. Hat die Magisterarbeit von Hinrich Rosenbrock bezahlt und mit großen, zwischenzeitlich deutlich reduzierten Hoffnungen verbunden.
  • Rolf Pohl, Psychoanalytiker, der die Schauspieler meines Theaterstücks betreut, wenn er nicht gerade mit sich selbst beschäftigt ist.

Erster Akt: The Merchandise

Fiona Baine/Finn/SanFranFarmer hat/haben von der Existenz der Magisterarbeit von Hinrich Rosenbrock erfahren. Vermutlich ist „schwarze Feder“ an der Weitergabe der heiklen Informationen nicht ganz unschuldig. Heikel ist die Magisterarbeit von Rosenbrock deshalb, weil sie niemand lesen will. Der Inhalt ist langweilig. Wissenschaftlich interessant ist die Magisterarbeit bestenfalls, wenn man darüber lehren will, wie man eine Magisterarbeit nicht schreibt, kurz: die Magisterarbeit ist ein Ladenhüter, und dies sehr zum Missfallen der Heinrich-Böll-Stiftung, die ein eigenes Interesse daran hat, die Magisterarbeit zu verbreiten, wird darin doch Schreckliches behauptet: Die Männerrechtsbewegung ist rechtsextrem. Aber: Nicht einmal mehr eine solche Behauptung reisst noch jemanden vom Hocker. Entsprechend ist guter Rat teuer, aber nicht unbezahlbar, denn: Fiona Baine/Finn/SanFranFarmer wären unter Umständen bereit, ihre Kontakte zur unbedarften Wikipedia, die zwar nicht gerade als Aushängeschild der richtigen Information bekannt ist, aber immerhin einen entsprechenden Anspruch verfolgt und von manchen auch so wahrgenommen wird, zu nutzen, um die Magisterarbeit von Rosenbrock in der Wikipedia zu verbreiten. Ob und welche Anreize und Motivatoren die Heinrich-Böll Stiftung über Mittelsmänner oder wie auch immer verteilt hat, der Handel ist zu Stande gekommen und Fiona Baine/Fin/SanFranFarmer gehen ans Werk. Rosenbrock und das, was er behauptet, wird nunmehr lanciert.

Zweiter Akt: The Work

Das Problem mit meinem zweiten Akt besteht darin, dass subversive Tätigkeiten nicht öffentlich sind. Entsprechend ist es in meinem Theaterstück, wie bei der Wikipedia, bei der Personen, deren Qualifikation und sonstige Tätigkeit unbekannt sind, sich anonym als Autoren über andere auslassen  können: Die Urheber bleiben im Dunkeln. Man muss sich somit eine Bühne vorstellen, auf der nur ein großer Bildschirm zu sehen ist, auf dem dann nacheinander, die folgenden Punkte erscheinen:

  • Wikipedia-Stichwort: Männerrechtsbewegung: Hier stellt „der Soziologe Hinrich Rosenbrock … fest, dass Männerrechtler das Internet zur Mobilisierung nutzen und dabei besonders aggressiv vorgehen“, wirft ihnen eine „gefährliche Offenheit zum Rechtsextremismus“ vor und verweist auf Links aus Foren der Männerrechtsbewegung auf Seiten, die Rosenbrock für rechtsextrem hält. Verantwortlich für den Text: Fiona Baine
  • Wikipedia-Stichwort: MANNdat: Hier ist der nunmehr „Sozialwissenschaftler“ Hinrich Rosenbrock der Ansicht, MANNdat lügt über die Anzahl seiner Mitglieder und weist darauf hin, dass MANNdat in der Männerrechtsbewegung gut vernetzt ist, auch zu bedenklichen Vereinigungen, also solchen die Rosenbrock für bedenklich hält, gebe es Verbindungen. Verantwortlich für den Text: Fiona Baine
  • Wikipedia-Stichwort: Gerhard Amendt: Zu Gerhard Amendt weiß der jetzt zum „Sozialpsychologen und Sozialanthropologen“ mutierte Hinrich Rosenbrock, zu sagen, dass er eine der Schlüsselfiguren der „deutschen antifeministischen Männerrechtsbewegung“ ist: „Amendts Forschungen“ sind nach Ansicht von Rosenbrock, durch methodische Fehler geprägt und „zeichneten sich durch ihren antifeministischen und teilweise essentialistischen und homophoben Gehalt aus“. Verantwortlich für den Text: Fiona Baine
  • Wikipedia-Stichwort: Arne Hoffmann: Für nun nur noch „Hinrich Rosenbrock“ ist Arne Hoffmann ein „‚populistischer Medienmacher‘, der zwar nicht als rechter Ideologe bezeichnet werden könne, seine Bündnispartner für die Männerrechtsbewegung jedoch vor allem nach dem von ihm gesehenen Nutzen für diese und weniger nach deren demokratischen und ethischen Grundlagen auswähle“. Verantwortlich für den Text: Fiona Baine

Nachdem das Publikum die geballten Vorwürfe und die schändlichen Organisationen und Personen, die entweder mit bedenklichen anderen Organisationen verbunden sind oder denen gleich jegliche menschliche Qualifikation abgesprochen wird, weil sie entweder homophob sind oder skrupelose Menschen, die mit dem Teufel paktieren, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen, zugemutet bekommen hat, geht es in die Pause, damit sich die Besucher für den dritten Akt stärken können.

Dritter Akt: The Arrival of the Aliens

Der dritte Akt beginnt damit, dass Rolf Pohl im Traum eine Vision hat, den er, nach reiflicher psychoanalytischer Deutung und nach einem Selbstgespräch von zwei Stunden nicht anders deuten kann als als „bedenklich“. Derart ins Grübeln verfallen sitzt er am Rande der Bühne, im Pavillon, und harrt der Dinge, die da kommen, und die Dinge, die da kommen, sind Alien, Wesen von einem anderen Planeten, Wesen vom Planeten Ratio in der ultrafernen Galaxie der Vernunft, die in einer Sprache sprechen, die weder Hinrich Rosenbrock noch Fiona Baine/Fin/SanFranFarmer verstehen, denn sie reden von Anstand, von Moral, davon, dass man fremden Menschen mit Empathie und nicht mit Hass begegnet, davon, dass, egal, was die Heinrich-Böll Stiftung sagt, nichts eine Rechtfertigung dafür sein kann, dass man seinen Hass über andere ausgießt und versucht, sie öffentlich zu diskreditieren und zu erniedrigen.

Aber, so die Alien vom Planeten Ratio in der ultrafernen Galaxie der Vernunft, wenn man schon andere diskreditieren will, dann solle man das mit Argumenten und begründet tun. So betrachtet seien alle Versuche, die Männerrechtsbewegung und ihre Vertreter zu diskreditieren, unnützt, ja dilettantisch, wirkten wie das verzweifelte Suchen nach Belegen für die eigenen Antipathien. Nirgends, so die Alien, sei ersichtlich, warum wer als Beleg gewählt wurde, nach welchen Kriterien überhaupt Belege gesammelt worden seien, noch sei ersichtlich, wem, außer den eigenen niedrigen Motiven die vielen Worte auf den Seiten von Wikipedia dienten. An dieser Stelle zeigen die Alien sich als Befreier, die gekommen sind, um das „löbliche Unterfangen“ der Wikipedia vom Unrat, den die ideologisch Blinden verbreiten, zu befreien. Das Theaterstück hat ein happy end. Es endet damit, dass Fiona Baine/Finn/SanFranFarmer und Hinrich Rosenbrock jeweils auf eine einsame Insel verbannt werden, auf der sie es und in Ermangelung profilgebender ideologischer Feinde einfach nur mit sich selbst aushalten müssen. Was aus Rolf Pohl wird, wissen wir nicht, ihm ist nicht habhaft zu werden, da unbekannt ist, auf welcher Bewusstseinsebene er gerade wandelt. Die Heinrich-Böll Stiftung wird weiterhin Steuergelder in politische Propaganda transformieren und, ja, stimmt, Andreas Kemper ist gar nicht vorgekommen, aber einmal ehrlich, haben Sie ihn vermisst?

End Game

Das war der amüsante Teil des Missbrauchs von Wikipedia. Der weniger amüsante Teil in Form eines offenen Briefes an Jimmy Wales, den Gründer von Wikipedia, folgt demnächst.

Bildnachweis:
Pogo Blog
Images Wikia

House of Lords – Written Evidence: Argumente gegen die Frauenquote aufgenommen

House of Lords*

Es ist Mike Buchanan und mir gelungen, die Argumente, die gegen eine Frauenquote in den Aufsichtsräten von Unternehmen sprechen, in das parlamentarische Rampenlicht zu stellen. Soweit ich sehe ist dies erstmals der Fall (dies gilt sowohl für die Zusammenstellung aller Argumente, die gegen eine Frauenquote sprechen als auch dafür, dass Palamentarier sich genötigt sehen, die entsprechenden Argumente zur Kenntnis zu nehmen) und insofern ein großer Erfolg. Ab sofort steht denjenigen, die sich für die Argumente gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten interessieren, nicht nur die Veröffentlichung auf sciencefiles zur Verfügung, sondern – und das ist ja für Deutsche besonders wichtig – es gibt die entsprechenden Argumente nunmehr mit einem offiziellen Stempel.

Das gesamte Written Evidence des Committee on the European Union, Sub Committe B, Internal Market, Infrastructure and Employment, findet sich hier:

Written Evindence Submitted

Die Beiträge, die der Campaign for Merit in Business zuzurechnen sind, finden sich auf den Seiten 47-49 und 106-111. Wer dem gesamten Prozess genauer folgen will, kann sich auf der Seite der Campaign for Merit in Business entsprechend informieren.

Wie dieser Erfolg zeigt, ist es durchaus möglich, die Phallanx des Staatsfeminismus zu durchbrechen und Gehör zu finden. Es ist alles eine Frage der Wahl der richtigen Themen und einer wissenschaftlich fundierten Argumentation. Vielleicht bringt dies die „Beschneidungsenthusiasten“ in der deutschen Männerbewegung zumindest kurzzeitig zum Nachdenken.

Tabus deutscher Sozialwissenschaften: Diebstahl durch Mitarbeiter

Die letzten Jahre, fast schon Jahrzehnte, haben eine Unmenge internationaler Regulierungsversuche von supra-nationalen Organisationen wie der OECD, der EU Kommission und von nationalen Regierungen gesehen, um Betrug durch Unternehmen, z.B. durch eine Manipulation der Bilanz, indem Schulden in eine Zweckgesellschaft transferiert werden, dann in der Konzernbilanz nicht auftaucht und entsprechend den so bilanzierten Konzern finanziell gesünder erscheinen lassen als er tatsächlich ist, zu verunmöglichen. Sogenannte Corporate Scandals waren häufig in der Presse, Worldcom, Enron, Merck gelten als Wahrzeichen für „Corporate Fraud“ und ein Manager wie Nick Leeson (2000), der die alteingesessene Barings Bank auf dem Gewissen hat, ging als selbsternannter „Roque Trader“ in die Sachliteratur-Geschichte ein. (Informationen zu den angesprochenen Corporate Scandals finden sich bei Forbes, Nick Leeson hat durch seine Spekulationsgeschäfte die Barings Bank letztlich in die Insolvenz getrieben, das Scheitern der Barings Bank kann mit der Insolvenz der deutschen Herstatt Bank im Juni 1974 verglichen werden).

Die Skandale und Insolvenzen haben in der öffentlichen Darstellung das bereits vorhandene Bild der „bösen Kapitalisten“, die in Unternehmen versammelt sitzen und um der eigenen Bereicherung Willen das Wohl aller anderen mit Füßen treten, weiter verstärkt. Die Finanzkrise in der Folge des US-amerikanischen Subprime Mortgage Krise hat dem Bild vom „bösen Kapitalisten“ noch das Bild des „bösen Bankers“ hinzugefügt. Ginge man davon aus, dass sich Geschichte wiederholt, dann müsste man nunmehr auf das Auftauchen des „internationalen jüdischen Finanzkapitals“ warten, um die Analogie zur Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts abzurunden.

All die genannten Skandale und Geschichten über „böse Kapitalisten“ führen mit schöner Regelmäßigkeit dazu, dass der Ruf nach staatlichen Regulierern laut wird: Bisher vorhandene Regeln wie sie z.B. für Banken gelten und im Basel-II-Akkord niedergelegt sind und die offensichtlich trotz ihrer Existenz keine Finanzkrise verhindern konnten, werden in aller Eile in den Basel-III-Akkord überführt, von dem nunmehr erwartet wird, dass er all die unvorhersehbaren Eventualitäten zu verhindern im Stande ist, an denen sein Vorgänger gescheitert ist. Bilanzierungsregelwerke wie die IFRS (International Financial Reporting Standards) und die IAS (International Accounting Standards) werden – obschon seit Jahren ein laufendes Projekt – abermals verschärft, Konsolidierungspflichten neu geregelt, Zweckgesellschaften neu reguliert und der Corporate Governances Codex der OECD bürdet Unternehmen weitere Anforderungen auf, die nunmehr unter dem Stichwort der „Compliance“ subsumiert werden und dazu führen, dass eine neue Schar von Mitarbeitern eingestellt werden muss, deren Aufgabe darin besteht, die vielfältigen Regulationen aufzuarbeiten, auf Unternehmen zu übertragen und deren Einhaltung durch die Mitarbeiter von Unternehmen zu kontrollieren. All die damit verbundenen Kosten setzen auf Kosten auf, die Unternehmen bereits dadurch entstehen, dass Mitarbeiter von Unternehmen in der selben Weise Gelegenheiten nutzen, wie dies die im Aphorismus beinhalteten Diebe tun.

Ja, nicht nur die Leitung von Unternehmen, das Management, kann sich delinquent verhalten, auch Mitarbeiter. Was in der öffentlichen Schwarz-Weiß-Bearbeitung der Corporate Scandals meistens auf der Strecke bleibt und von Gewerkschaften geflissentlich nicht angesprochen wird, ist in einer kleinen Forschergemeinde seit Jahrzehnten bekannt, und hat vor allem durch die Arbeiten von Jerald Greenberg empirische Fundierung erhalten: Mitarbeiter beklauen ihr Unternehmen, und sie tun dies in geradezu endemischem Ausmaß. So schätzt die US-amerikanische Association of Certified Fraud Examiners in der neuen „Global Fraud Study“ (ACFE, 2012), dass einem durchschnittlichen Unternehmen in einem Geschäftjahr ein Schaden von rund 5% des Umsatzes durch Diebstahl und Betrug durch Mitarbeiter entsteht. Hochgerechnet auf die Weltwirtschaft ergibt dies einen Schaden von rund 3.5 Billionen US-Dollar jährlich. Die Palette der Straftaten reicht vom Material-Diebstahl, über den Griff in die Kasse, den Transfer von Geldmitteln bis hin zur Abwicklung kompletter Transaktionen im Namen des Unternehmens, aber zum Nutzen der eigenen Tasche. Dickens et al. (1989) haben vor diesem Hintergrund und auf der Basis konkreter Unternehmensdaten bereits 1989 hochgerechnet, dass zwischen 5% und 30% der Insolvenzen in den USA durch Diebstahl und Betrug von Mitarbeitern verursacht sind. Es ist kaum notwendig darauf hinzuweisen, dass im Land der Deutschen, in dem Arbeitnehmer grundsätzlich und ausschließlich als die Opfer der Interressen böser Kapitalisten vorkommen, entsprechende Studien weitgehend unbekannt sind.

Besonders interessant an der Vielzahl US-amerikanischer und britischer Studien, die sich mit dem delinquenten Verhalten von Mitarbeitern beschäftigen, ist die Frage nach den Ursachen, der Motivation der entsprechenden Straftäter. Hier hat abermals Jerald Greenberg (1990, 1993, 1997, 2002; Greenberg & Scott, 1996) Vorarbeiten geleistet und die Delinquenz von Mitarbeitern als Ergebnis wahrgenommener unfairer Behandlung als Verstoß gegen das Equity-Prinzip erklärt. In einer Reihe von Studien, die er in US-amerikanischen Unternehmen durchführen konnte, kam Greenberg immer wieder zu der Erkenntnis, dass Mitarbeiter, die der Meinung waren, ihr Einsatz und ihre Bemühungen für das Unternehmen würden, verglichen mit dem Einsatz und den Anstrengungen anderer Mitarbeiter nicht in angemessener Weise entgolten, sich den aus ihrer Sicht fehlenden Teil ihrer Entlohnung ohne Wissen ihres Arbeitgebers und aus dessen Eigentum beschafft haben.

Eine Studie, die David Gill, Victoria Prowse und Michael Vlassopoulos (2012) an der University of Southampton und mit 641 Studenten durchgeführt haben, bestätigt den von Greenberg gefundenen Zusammenhang und fügt eine neue Nuance zur Erklärung hinzu, die Greenberg gegeben hat. Gill, Prowse und Vlassopoulos haben Studenten zum Arbeiten angehalten und die entsprechende Arbeit, die das Lösen von Aufgaben am Computer umfasst hat, mit einer Bezahlung verbunden. Je besser die Studenten ihre Aufgabe zu lösen im Stande waren, also je besser sie gerarbeitet haben, desto höher ihr Entgelt. Zum Ende des Experiments wurde den Studenten dann eine weitere Zahlung in Aussicht gestellt, deren Höhe sie selbst beeinflussen konnten, und zwar durch Mogeln. Wie sich herausgestellt hat, sind es vornehmlich männliche Studenten und in jedem Fall die produktivsten Studenten, die mogeln, ein Ergebnis, das sich den von Greenberg produzierten Ergebnissen einpasst, wie ein weiteres Puzzleteil um ein Gesamtbild zu ergeben: Offensichtlich haben Mitarbeiter in Unternehmen oder Studenten in entsprechenden experimentellen Settings eine höhere Wahrscheinlichkeit zu delinquentem Verhalten, zu mogeln, wenn sie viel Einsatz gezeigt haben und aufgrund dieses hohen Einsatzes der Ansicht sind, ihnen stünde mehr Entgelt zu als dem Mitarbeiter nebenan, von dem sie wissen, dass er weniger Einsatz gezeigt hat: „Being unfair to an unfair payment mechanism provides a moral justification for negativ reciprocity in the form of more dishonesty“ (Gill, Prowse & Vlassopoulos, 2012, S.4).

Dieses Ergebnis ist Sprengstoff. Jeder, der in einem Unternehmen beschäftigt ist, weiß, dass unterschiedliche Mitarbeiter unterschiedlich produktiv sind. Jeder, der die Fesseln deutscher Tarifverträge kennt, weiß dass einer unterschiedlichen Entlohnung unterschiedlicher Mitarbeiter sehr enge Grenzen gesetzt sind und dass weitgehend Entgeltgleichheit besteht. So erhält z.B. ein Professor, dessen Themen in der Regel zwischen einem und drei Studenten in die Seminare locken, und bei dem nicht mehr als ein Student pro Semester vorstellig wird, um eine Diplomarbeit zu verfassen, dieselbe Vergütung nach W-Besoldung wie sein Kollege überm Gang, dessen Seminare, Sprechstunde und Diplomantenkolloquien überfüllt sind. Dass der Kollege überm Gang der Ansicht ist, er werde durch das Entlohnungssystem unfair behandelt, ist unter diesen Umständen kein Wunder, dass er sich eine alternative Einnahmequelle sucht, nur die logische Konsequenz. Und was an Universitäten gilt, gilt in Unternehmen, in denen man weit mehr als den Bleistift, die 500 Blatt Papier, die Software-Lizenz usw. „mitnehmen“ kann, erst recht. Folglich weisen die Studien daraufhin, dass diebische Mitarbeiter (auch) das Ergebnis unfairer Entlohnungsstrukturen sind, an denen die Gewerkschaften einen großen Anteil haben, da sie das, was Mitarbeiter als prozedurale Gerechtigkeit ansehen, dem Gewerkschaftsgott der Entgeltgleichheit opfern.

Die beschriebenen unerwünschten Effekte, die von einem Verstoß gegen die prozedurale Gerechtigkeit ausgehen, sind nur der Anfang. Wie sich eine Frauenquote, die weibliche Mitarbeiter in Führungspositionen gehievt sieht, auf die andere Mitarbeiter seit Jahren warten und sich Aussichten machen, auf die von der Frauenquote negativ Betroffenen auswirkt, kann man sich angesichts der soeben berichteten Ergebnisse von Gill, Prowse und Vlassopoulos ohne den Einsatz von Phantasie ausmalen: Die von einer Frauenquote negativ betroffenen Mitarbeiter werden sich nach einer (finanziellen) „Kompensation“ für die erfahrende Ungerechtigkeit umsehen. Und so sehen sich Unternehmen mit einerseits Regulationen konfrontiert, die ihnen Unmengen bürokratischer Notwendigkeiten bei Bilanzierung, Auftragsbewerbung uvm aufbürden, was heutzutage als „Compliance“ bezeichnet wird, andererseits werden sie mit Regulierungen tracktiert, die die prozedurale Gerechtigkeit im Unternehmen beschädigen und damit notwendig zu höheren Verlusten durch Mitarbeiterdiebstahl und -betrug führen müssen. Wie lange können Unternehmen, deren Kosten durch die „Compliance“ -Bürokratisierung ständig höher werden und deren Verluste durch Diebstahl und Betrug durch Mitarbeiter ebenfalls steigen, den Umsatz erwirtschaften, der ihnen nach Steuern noch einen Gewinn lässt?

Literatur
Association of Certified Fraud Examiners (ACFE) (2012). Report to the Nations on Occupational Fraud and Abuse: 2012 Global Fraud Study. Austin: ACFE.

Dickens, William T., Katz, Lawrence F., Lang, Kevin & Simmers, Lawrence H. (1989). Employee Crime and the Monitoring Puzzle. Journal of Labour Economics 7(3): 331-347.

Gill, David, Prowse, Victoria & Vlassopoulos, Michael (2012). Cheating in the Workplace: An Experimental Study of the Impact of Bonuses and Productivity.  Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No. 6725.

Greenberg, Jerald (2002). Who Stole the Money, and When? Individual and Situational Determinants of Employee Theft. Organizational Behavior and Human Decision Processes 89(1): 985-1003.

Greenberg, Jerald (1997). The STEAL motive: Managing the Social Determinants of Employee Theft. In: Giacalone, Robert A. & Greenberg, Jerald (eds.). Antisocial Behavior in Organisations. Thousand Oaks: Sage, pp.85-108.

Greenberg, Jerald (1993). Stealing in the Name of Justice: Interpersonal and Informational Moderators of Theft Reactions to Underpayment Inequity Organizational Behavior and Human Decision Processes 54(1): 81-103.

Greenberg, Jerald (1990). Employee Theft as a Reaction to Underpayment Inequity: the Hidden Cost of Pay Cuts. Journal of Applied Psychology 75(5): 561-568.

Greenberg, Jerald & Scott, K. S. (1996). Why Do Workers Bite the Hands that Feed them? Employee Theft as a Social Exchange Process. In: Shaw, Barry M. & Cummings, Larry L. (eds.). Research in Organizational Behavior. Greenwich: JAI-Press, pp.111-155.

Leeson, Nick (2000). Rogue Trader. London: Penguin.

Bildnachweis
Daily Talk
Infographics Showcase

Soziologie als Grundrecht?

Eines der letzten nach eigener Einbildung autokratisch herrschenden Zentralkomitees, der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, hat eine Empfehlung erlassen: Soziologen, Soziologieinstitute und alle die damit zu tun haben, haben ab sofort das Ranking zu unterlassen, ab sofort hat jede Beteiligung am CHE-Ranking der ZEIT (das CHE Ranking ist ein Teil des ZEIT Studienführers, der es Studenten ermöglichen soll, bevor sie sich auf eine Universität einlassen, zu wissen, worauf sie sich einlassen) aufzuhören, sowie jegliche Kontakte zu des Rankings von Soziologie-Instituten verdächtigen Personen eingestellt zu werden. Das ist selbstverständlich meine Übertreibung, denn, die DGS Stellungnahme vom 27.6.2012 ist eine Empfehlung, an die sich die einzelnen Soziologieinstitute halten soll(t)en.

Normalerweise sind es autokratische Herrschafts-Gremien nicht gewohnt, dass ihre Entscheidungen hinterfragt werden, aber die demokratischen Aufweichungen, die die Gesellschaft zeigt, die die DGS umgibt und die nunmehr seit Jahrzehnten anhalten, fordern  auch ihren Tribut vom DGS-Vorstands, und so haben sich die DGS Vorstandsmitglieder zu einer Begründung ihrer Empfehlung genötigt gesehen. Ich will an dieser Stelle nicht die weitgehend inhaltsgleiche offizielle Begründung der DGS untersuchen, sondern die autorisierte Verlautbarung der DGS-Position, die Stephan Lessenich, Stellvertretender Vorsitzender der DGS, in der ZEIT und im Namen der DGS gegeben hat.

Die Begründung von Lessenich, mehr im Stil einer Verlautbarung, zeichnet sich in erster Linie durch die Sprache aus, die all denen eigen ist, die wenig zu sagen haben, kein Interesse daran haben, dass das Wenige, was sie zu sagen haben, verstanden wird und die bemüht sind, durch einen Prozess der Satzblähung, den ich hier einmal als adjektivistische Nominalisierung beschreiben will, weil er hauptsächlich darauf beruht, unnötige Adjektive und nichtssagende Nomen in Sätze zu packen, um sie „gelehrt“, wenngleich unverständlich erscheinen zu lassen, den wenigen Inhalt unter einem Haufen von Wortunrat zu begraben. Diesen Satzblähungen kann man nur mit den Mitteln der rekonstruktiven Sozialforschung, wie sie z.B. Ralf Bohnsack (1999) bereitgestellt hat, zu Leibe rücken. Ich will mich hier insbesondere der dokumentarischen Methode bedienen, die ich mit der von Karl Raimund Popper entwickelten Methode, der Satz-Deflation kombiniert habe, die bereits in einem anderen Beitrag auf diesem Blog dargestellt wurde.

Die Methode ist recht einfach in der Anwedung: Die sinntragenen Teile des Dokuments, hier des Beitrags von Stephan Lessenich, werden identifiziert, isoliert und in verständliche Sprache übertragen. Die Hauptarbeit dieser Vorgehensweise besteht darin, die sinntragenden Teile aus einem Meer geblähter Sätze zu fischen. Es ist mir gelungen vier Passagen im Beitrag von Lessenich zu identifizieren, von denen ich mit einiger Überzeugung behaupten kann, dass sie Sinn tragen. Die Besprechung der Passagen erfolgt in der Reihenfolge ihrer Nennung im Beitrag von Lessenich, um eventuell einen möglicherweise vorhandenen Gedankengang entdecken zu können.

„Das gesellschaftspolitische Gesaltungsprinzip der Gegenwart heißt Wettbewerb. … Eine der Triebfedern der Inszenierung von Wettbewerb im Bildungswesen ist das regelmäßig vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) durchgeführte Hochschulranking“.

Meine mit Hilfe der dokumentarischen Methode vorgenommene Übersetzung (Hinweis: Ziel der dokumentarischen Methode ist es, den Geist eines Dokuments in seinen Einzelteilen zu identifizieren, in einer weniger hermeneutischen Sprache: Es geht darum, die Prämissen des Textes offenzulegen): Die gesellschaftlichen Geld- und Sachressourcen sind begrenzt. Entsprechend konkurrieren unterschiedliche gesellschaftliche Akteure um Geld- und Sachmittel, und jetzt sollen sogar Universitäten, nein schlimmer: Soziologieinstitute um knappe Ressourcen wie Hartz-IV-Empfänger konkurrieren.

„Nach Auffassung der DGS kann das CHE Ranking den selbst erklärten Zweck, eine verlässliche Entscheidungshilfe für Studieninteressierte zu liefern, nicht erfüllen. … Zum einen gehen für die Studienqualität wesentliche Faktoren – von den jeweiligen Betreuungsrelationen über die inhaltlichen Schwerpunktbildungen und die faktischen Bemühungen um die Verknüpfung von Forschung und Lehre bis hin zur Funktionsfähigkeit von Prüfungsämtern – nicht in die Bewertung mit ein; zum anderen weist die für diese Bewertung maßgebliche Studierendenbefragung erhebliche methodische Schwächen auf, allen voran die ungeklärte Selektivität der Befragten“.

Meine Übersetzung: Die Ergebnisse des CHE-Rankings sind falsch und nicht repräsentativ. Sie sind falsch, weil als „wesentlich“ behauptete Faktoren wie die „Betreuungsrelation“ und die „inhaltliche Schwerpunktbildung“ nicht beachtet werden, sie sind nicht repräsentativ, weil die falschen Studenten befragt werden (unzufriedene bei schlechtem Ranking, zufriedene bei gutem Ranking). Beide Gründe sind etwas seltsam. Fangen wir mit dem zweiten Grund an. Dass die „falschen“ Studenten befragt werden, eint alle Soziologieinstitute insofern dürfte es sich nicht auf die Relation zwischen den Soziologieinstituten niederschlagen – es sei denn, Lessenich will hier implizieren, dass die Soziologieinstitute, die im CHE Ranking gut abschneiden, Studenten dazu zwingen, mehrfach gute Bewertungen abzugeben, während sich die schlecht abschneidenden Soziologieinstitute von solch niederen Machenschaften distanzieren.

Ich muss zugeben, die Betreuungsrelation hat mich etwas ins Grübeln gebracht. Den einzigen Sinn, den ich daraus machen kann, kann ich nur so in Worte fassen: Manche Soziologie-Professoren sind zwar inkompetent, aber gaaaanz lieb, und das muss doch in die Bewertung mit eingehen – oder? Mit der inhaltlichen Schwerpunktbildung ist das leichter, die Prämisse dahinter ist gut zu identifizieren: Manche Soziologieinstitute lehren Inhalte, die man in der das Institut umgebenden Außenwelt kaum oder gar nicht brauchen kann, dies kann man den entsprechenden Instituten nicht durch eine schlechte Bewertung ankreiden.

Während Studieninteressierte im CHE Ranking vergeblich nach belastbaren Qualitätshinweisen für ihre bildungsbiographischen Entscheidungen suchen, findet dieses seine faktischen Adressaten in bildungspolitischen Entscheidungsträgern auf der Ebene der Hochschulleitung und Ministerialbürokratie. Was läge für die entsprechenden Akteure näher als … ein „gutes“ oder „schlechtes“ Abschneiden wahlweise zu honorieren oder zu sanktionieren“.

Analyse: (1) Behauptung: Das CHE Ranking ist nicht richtig, es verzerrt die Realität, weil es z.B. die Betreuungsrelationen nicht berücksichtigt (der gute Onkel Professor von oben). (2) Diese Behauptung schiebt Lessenich seinen Lesern eben einmal als wahr unter und folgert weiter: (3) dass sein Rektor und ein Beamter aus dem Kultusministerium das CHE Ranking nutzen könnten, um ihn zu fragen, warum das Ranking seines Instituts so (schlecht oder gut) ist, wie es ist, und, (4) schlimmer noch, das Ranking zum Anlass nehmen könnten, mehr oder weniger öffentliche Mittel für das Institut zur Verfügung zu stellen. Es wäre dem Altruismus Gewalt angetan, würde man annehmen, dass Stephan Lessenich zusätzliche finanzielle Mittel aufgrund eines guten CHE Rankings ablehnen würde. Sicher nicht. Es bleibt daher nur der Schluss, dass der Ärger über das CHE Ranking durch die Angst motiviert ist, dass die eigene Lehre plötzlich an Argumenten wie „Nützlichkeit für Studenten“ oder gar: „Arbeitsmarktchancen der Studenten der entsprechenden Institute“ gemessen werden. Wo kämen wir hin, wenn hochgeistige Wortblähungen wie sie an manchen Soziologieinstituten die Regel sind, auf ihre Verwendbarkeit oder ihre Nützlichkeit für Studenten hin hinterfragt würden? Wir kämen, genau, in eine Marktwirtschaft, in der Studenten nicht nur wüssten, auf was sie sich mit einem Studium an Universität einlassen, sondern auch eine Idee davon hätten, was sie mit dem Abschluss an Universität später einmal anfangen können. Das ist, wie es scheint, der DGS unvorstellbar, denn:

„In Form und Inhalt … schließt das CHE Ranking an den Wissensmodus der Gegenwart an und speist ihn mit ins Bildunsgwesen ein: jedes gesellschaftliche Feld ein Ort des Wettbewerbs um Positionen, jede Institution ein Konkurrent um knappe Ressourcen [!sic], jeder Akteur ein Sender und Empfänger von Marktsignalen“.

Eindrücklicher als in diesem Lamento kann man die eigene Prämisse, dass „knappe Ressourcen“ auch an Soziologie-Institute verschwendet werden sollen, die keinerlei nützlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben bringen, nicht formulieren. Eindrücklicher kann man die eigene Überzeugung von „alle Soziologie-Institute sind gleich gut“ nicht fassen. Eindrücklicher kann man die eigene Ignoranz darüber, ob die gelehrten Inhalte für die studentischen Opfer, die ihnen ausgesetzt sind, im Berufsleben in irgendeiner Weise verwertbar sind, nicht in Worte blähen, und eindrücklicher kann man die eigene Meinung, dass es ein Grundrecht auf Soziologie unabhängig vom Wert der jeweiligen Soziologie gibt, nicht beschreiben.

Es wäre schön, wenn einige der Soziologieabsolventen, die hier mitlesen, die Kommentarfunktion nutzten, um ihre Universität zu benennen und die Leser zu informieren, wie nützlich die soziologischen Inhalte, die sie gelernt haben, in ihrem weiteren beruflichen Werdegang waren, ich meine, so als Mittel, um die geforderte Berücksichtigung der „inhaltlichen Schwerpunktbildung“ anzufüttern.

Da ich ein Verteter eines empirischen Ansatzes bin und darüber hinaus der Ansicht bin, dass es persönliche und nicht „kollektive“ Motive sind, die Entscheidungen antreiben, habe ich den Vorstand der DGS daraufhin untersucht, wie die Universitäten der Vorstandsmitglieder beim CHE Ranking abschneiden. Nun, liebe Leser, was denken Sie?

Im Vorstand der DGS finden sich zwei Vertreter von Universitäten (Dortmund und Leipzig), die im aktuellen CHE Ranking nicht berücksichtigt sind. Es finden sich zwei Vertreter von Universitäten (Jena und Bremen), die im oberen Drittel des Rankings angesiedelt sind sowie drei Vertreter, die im unteren Drittel des Rankings angesiedelt sind (Darmstadt, Frankfurt und Rostock). Wie es scheint, hat die Mehrheit der Vertreter im Vorstand der DGS auf Basis des Rankings des eigenen Soziologieinstituts wenig Anreize, sich positiv über das CHE Ranking zu äußern, dass Lessenich ausgerechnet an einem Institut für Soziologie lehrt, das sich in der Spitzengruppe des CHE Rankings findet, ist dann wohl einer Strategie geschuldet, mit der Lessenich als Vertreter eines gut gerankten Soziologie-Instituts vorgeschickt wird, um dem Vorwurf eigener „Betroffenheit“ zu entgehen. Damit müssen seine Professoren-Kollegen vor Ort halt leben.

Bildnachweis:
Chris Luck

Risse in der Meritokratie: Was wird in deutschen Schulen eigentlich bewertet?

Die für mich nach wie vor erstaunlichste Reaktion auf „Bringing Boys Back In“ und die in der Nachfolge entstehende Diskussion um die Nachteile von Jungen im deutschen Bildungssystem, besteht darin, dass die Institution „Schule“ und ihre Lehrer, denen eine zentrale Rolle zukommt, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, wie Noten und Bildungstitel verteilt werden, in der offiziellen Diskussion so gut wie nicht vorkommen. Statt dessen wird regelmäßig und monoton wiederholt, in Deutschland herrsche Meritokratie, wer gut sei, habe gute Leistungen und finde sich entsprechend auf weiterführenden Schulen, wer sich dort nicht finde, sei entsprechend nicht gut, dumm, faul oder welche Adjektive auch immer genutzt werden, um den derzeitigen Zustand des deutschen Bildungssystems in den Verantwortungsbereich der davon betroffenen Individuen zu verschieben (z.B.: Faulstich-Wieland, 2009; Meuser, 2009)

Von der Ignoranz deutscher Stellen ungeachtet, ergeben Analysen z.B. auf Basis des PISA-Datensatzes oder weiterführende Untersuchungen der OECD regelmäßig, dass das deutsche Schulsystem ganz offensichtlich nach sozialen Kriterien selegiert und dafür sorgt, dass wer in der sozialen Hierarchie unten ist, auch unten bleibt, und irgendwie schafft es die offizielle Ideologie auch nicht, die erheblichen Nachteile, die Jungen im Hinblick auf z.B. das Erreichen eines Abiturs gegenüber Mädchen haben, hinweg zu phantasieren. Mit anderen Worten: Die offizielle Behauptung, im deutschen Schulsystem herrsche Meritokratie, werde Leistung, Intelligenz und Denkfähigkeit belohnt, hat erhebliche Risse, so dass man langsam die Frage stellen muss, ob nicht Leistung, Intelligenz und Denkfähigkeit drei Variablen darstellen, von denen man annehmen muss, dass sie fast den geringsten Effekt auf schulischen Erfolg haben.

Ein kurzer Überblick über derzeit vorhandene Forschungsergebnisse lässt diesen Schluss valide erscheinen:

  • Die soziale Herkunft ist nach wie vor entscheidend für den schulischen Erfolg. Kinder aus der Arbeitschicht, gelangen deutlich seltener auf Gymnasien und sind unter Studenten eine Ausnahme (Geißler, 2005).
  • Jungen haben im Bildungsystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen. Sie machen deutlich seltener ein Abitur und bleiben öfter ohne bzw. mit Hauptschulabschluss als Mädchen (Diefenbach & Klein, 2002).
  • Migranten schneiden im deutschen Schulsystem deutlich schlechter ab als in fast jedem vergleichbaren Schulsystem ausserhalb von Deutschland (Diefenbach, 2008, Entorf & Minoiu, 2005).

Diese Befunde lassen den Schluss zu, dass etwas nicht stimmt, mit dem deutschen Schulsystem, denn es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Arbeiterkinder, Jungen oder Migranten weniger intelligent oder weniger leistungsbereit sind als Kinder aus der Mittelschicht, Mädchen oder Nicht-Migranten. Studien, die sich mit der Frage der Ursachen der offensichtlich im deutschen Schulsystem stattfindenden Selektion befassen, haben entsprechend eine Reihe von interessanten Ergebnissen erbracht, die den Riss in der Vorstellung meritokratischer Verteilung von Bildungstiteln vertieft haben.

  • Institutionelle Diskriminierung gegenüber Migranten wurde als Ursache für deren schlechteres schulisches Abschneiden ausgemacht (Gomolla & Radke, 2009).
  • Die Herkunft spielt bei der Überstellung auf die Sonderschule eine herausragende Rolle: Jungen aus der Unterschicht werden besonders häufig als sozial-emotional förderungsbedürftig etikettiert und in die Sonderschule abgeschoben (Kottmann, 2006).
  • Jungen, so wurde in einigen Studien gezeigt, benötigen bessere Noten um dieselbe Grundschulempfehlung zu erhalten wie Mädchen (Lehmann & Lenkeit, 2008; Lehmann & Nikolova, 2005; Lehmann & Gänsefuß. 1997).
  • Dieselben Jungen, die in unabhängigen Leistungstests besser abschneiden als Mädchen, haben schlechtere Noten als die entsprechenden Mädchen (Diefenbach, 2007).

Mr Darcy after taking a bath…

Dies ist nur ein Teil der Ergebnisse, die deutlich machen, dass in deutschen Schulen (auch?) andere Dinge eine Rolle spielen als die Leistung von Schülern. Damit nicht genug: Mit einer interessanten und einfallsreichen Studie haben Imke Dunkake, Thomas Kiechle, Markus Klein und Ulrich Rosar (2012) dem schönen Schein der Meritokratie einen weiteren Schlag verpasst: Die Leistungsbewertung von Schülern, so ihr Ergebnis, werde von einer weiteren leistungsfremden Variable beeinflusst: der physischen Attraktivität des jeweiligen Schülers.

Die bemerkenswerte Untersuchung der vier Autoren basiert auf den schulischen Leistungen von 77 Schülern, die an einem nordrhein-westfälischen Gymnasium lernen und sich zum Zeitpunkt der Untersuchung auf drei Klassen der Jahrgangsstufen 5 und 9 verteilt haben. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass deutsche Schulämter normalerweise den Zugang zu Schulen hüten wie Zerberus den Eingang zur Unterwelt, ist es mehr als erstaunlich, dass es den Autoren gelungen ist, Zugang zu den Daten zu erhalten, auf denen ihre Analyse aufbaut. Vergegenwärtigt man sich die Fragestellung ihrer Untersuchung, dann ist das Ganze noch erstaunlicher.

Ingesamt basiert die Auswertung auf 1716 Noten, die die Schüler über zwei Halbjahre hinweg erhalten haben.
Die Schulnoten als abhängige Variable wurden durch unabhängige Variablen wie Intelligenztests, demographische Variablen, wie den jeweils höchsten Bildungsabschluss der Eltern, das Geschlecht der Schüler, Migrationsstatus sowie um Einschätzungen der Lehrer über die Leistungsfähigkeit, Disziplin und dergleichen der Schüler ergänzt, die zur Vorhersage der Schulnoten genutzt wurden. Die zentrale unabhängige Variable „Attraktivität des Schülers“ wurde unabhängig gemessen: 24 Lehrer, 12 männlich und 12 weiblich, an baden-württembergischen Schulen wurde eine Portraitaufnahme des jeweiligen Schülers vorgelegt, anhand derer sie den Schüler von 0 „unattraktiv“ bis 6 „attraktiv“ bewerten sollten. Die so erzielten Urteile der 24 Lehrer über die 77 Schüler zeigten ein hohes Maß an Übereinstimmung (Cronbach’s Alpha von .91) und die Attraktivität von Mädchen wurde im Mittel durchgängig höher eingeschätzt als die von Jungen.

Auf der Grundlage der genannten Variablen haben die Autoren dann Mehrebeneanalysen berechnet , um die Schulnoten der 77 Schüler vorherzusagen. Dabei haben sich folgende Einflussfaktoren ergeben (Abbildung):

  • Dunkake et al. (2012), S.153-154

    Die Attraktivität eines Schülers wirkt sich durchgängig positiv auf die Schulnoten aus. Mit zunehmender Attraktivität erhalten Schüler einen Notenbonus von bis zu vier Fünftel Notenpunkten.

  • Mädchen erhalten einen Notenbonus von 0.72 Notenpunkten im Vergleich zu Jungen.
  • Schüler, deren Disziplin von ihren Lehrern als hoch eingeschätzt wird, erhalten im Durchschnitt um 0.62 Punkte bessere Noten als Schüler, deren Disziplin ihren Lehrern nicht hoch eingeschätzt wird.
  • Schüler, deren Vater oder Mutter einen Hochschulabschluss erreicht haben, erhalten im Durchschnitt um .27 Punkte bessere Noten.
  • Schüler, deren Eltern geschieden sind, erhalten durchschnittlich um .35 Punkte schlechtere Noten als Schüler, deren Eltern nicht geschieden sind.
  • Die Intelligenz der Schüler hat nur einen sehr geringen Effekt auf die Noten (.05 Notenpunkte).

Die Liste der leistungsfremden Variablen, die einen Effekt auf die Schulnoten haben, ebenso wie der kaum vorhandene Einfluss von Intelligenz auf die erreichten Noten sprechen eine deutliche Sprache, die die Autoren im Hinblick auf die Attraktivität wie folgt in Worte fassen: „Im Titel der Abhandlung haben wir die Frage aufgeworfen, ob die Vergabe von Schulnoten positiv durch die physische Attraktivität der Schüler beeinflusst wird. Diese Frage muss auf der Grundlage unserer Analysebefunde vorläufig bejaht werden: Schöne Schüler erhalten die ’schöneren‘ Noten!“ (152). Hinzu kommt, dass Mädchen besser benotet werden als Jungen, Schüler, deren Eltern nicht geschieden sind, besser als Schüler, deren Eltern geschieden sind, und hinzu kommt der aus der Bildungsforschung bekannte Effekt der Bildungstransmission, der Schüler aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil über einen Hochschulabschluss verfügt, bessere Noten erhalten sieht als Schüler aus Familien ohne akademisch gebildeten Elternteil.

All diese Ergebnisse werfen die Frage auf, warum die Effekte in der Weise bestehen, in der sie bestehen: Wie wird aus dem Geschlecht „weiblich“ eine bessere Note als aus dem Geschlecht „männlich“. Wie wird aus dem Merkmal „Eltern nicht geschieden“ eine bessere Note als aus dem Merkmal „Eltern geschieden“? Wie wird aus dem Merkmal „Attraktivität“ eine bessere Note als aus dem Merkmal „nicht attraktiv“?

Bereits diese Fragen zeigen die Inadäquanz der bisherigen Erklärungen, die die Schuld für schlechte schulische Leistung bei den Schülern suchen. Nun ist weder Geschlecht noch Attraktivität etwas, das per se einen Effekt auf schulische Leistung hat, was zu dem Schluss führt, dass der Effekt von außen zugeschrieben wird. Die Diskussion um die schulischen Nachteile von Jungen hat gezeigt, dass die Zuschreibung über von manchen Jungen gezeigte und von (vornehmlich weiblichen) Lehrkräften nicht tolerierte Verhaltensweisen erfolgt: Weil sich Jungen nicht dem feministischen Schulkodex entsprechend verhalten, erhalten sie schlechtere Noten. Ich will an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass Verhaltensweisen von Schülern, dann, wenn tatsächlich das meritokratische Prinzip waltet, das die Leistung, Intelligenz, das Denkvermögen der Schüler zur Basis der Benotung nimmt, völlig irrelevant sind. Ebenso irrelevant wie die Attraktivität, bei der es sich um ein eindeutig von außen zugeschriebenes Merkmal handelt, für das Schüler erst einmal nichts können. Wenn sich ein solches Merkmal auf die Benotung auswirkt, dann zeigt dies, dass Lehrer etwas an Schüler herantragen und Lehrer die Leistungen der Schüler auf Grundlage leistungsfremder Kriterien benoten. Es ist diese Überlegung, die Dunkake, Kiechle, Klein und Rosar zu dem Schluss kommen lässt, dass es notwendig ist, die schulische Bewertung von Lehrern durch unabhängige Leistungstests, „die durch schulexternes Personal ausgewertet werden“ zu überprüfen (155). Diese Schlussfolgerung ist nicht neu. Bereits im Jahre 2008 hat Dr. habil. Heike Diefenbach mit Blick auf die Bildungsnachteile von Jungen dieselbe Schlussfolgerung gezogen: „Entgegen populärer Überzeugungen wäre also nicht mehr Spielraum für Lehrkräfte bei der Bewertung ihrer Schüler bzw. bei Entscheidungen über ihre Schüler angezeigt, sondern eine stärkere Standardisierung und Formalisierung von Prüfungen und Entscheidungsverfahren, die anhand möglichst vieler verschiedener Formate und nicht nur durch die Klassenlehrer, die Schule oder das Kultusministerium, sondern (auch) durch unabhängige Gremien erfolgen sollte, wie z.B. in Großbritannien durch die Assessment and Qualification Alliance (AQA) oder Educational Excellence (EDEXECEL)“ (Diefenbach, 2008a, S.105). Würden die entsprechenden Konsequenzen aus der nicht an Leistungskriterien orientierten schulischen Notenvergabe gezogen, eine größere Tranparenz, eine gerechtere Benotung gerade über Grenzen der Bundesländer hinweg und ein weitgehend objektives Bild vom Leistungsvermögen der Schüler wäre das Ergebnis. Daran, so ist abschließend festzustellen, hat die Politik, haben vor allem die für das deutsche Bildungschaos verantwortlichen Kultusminister aber offensichtlich kein Interesse.

Literatur

Diefenbach, Heike (2008). Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungsystem. Erklärung und empirische Befunde. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Diefenbach, Heike (2008a). Jungen und schulische Bildung. In: Matzner, Michael & Tischner, Wolfgang (Hrsg.). Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim: Beltz, S.92-108.

Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2002). „Bringing Boys Back In“. Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zuungunsten von Jungen am Beispiel der Sekundarschulabschlüsse. Zeitschrift für Pädagogik 48(6): 938-958.

Dunkake, Imke, Kiechle, Thomas, Klein, Markus & Rosar, Ulrich (2012). Schöne Schüler, schöne Noten? Eine empirische Untersuchung zum Einfluss der physischen Attraktivität von Schülern auf die Notenvergabe durch das Lehrpersonal. Zeitschrift für Soziologie 41(2): 142-161.

Entorf, Horst & Minoiu, Nicoleta (2005). Waht a Difference Immigration Policy Makes. A Comparison of PISA Scores in Europe and Traditional Countries of Immigration. German Economic Review 6(3): 355-376.

Faulstich-Wieland, Hannelore (2009). „Jungenverhalten“ als interaktiver Herstellungsprozess. In: Budde, Jürgen & Mammes, Ingelore (Hrsg.). Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.91-101.

Geißler, Rainer (2005). Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, Peter A. & Kahlert, Heike (Hrsg.). Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S.71-100.

Gomolla, Mechtild & Radke, Frank-Olaf (2009). Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenzen in der Schule. Wiesbaden. VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Lehmann, Rainer & Lenkeit, Jenny (2008). ELEMENT. Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis. Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin.

Lehmann, Rainer & Nikolova, Roumiana (2005). „>Lese- und Mathematikverständnis von Grundschülerinnen und Grundschülern am Ende der Klassenstufe 5.

Lehmann, Rainer, Peek & Gänsefuß, Rüdiger (1997). Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern, die imi Schuljahr 1996/1997 eine fünfte Klasse an Hamburger Schulen besuchten. Bericht über die Erhebung im September 1996 (LAU 5)

Meuser, Michael (2009). Junge Männer: Aneignung und Reproduktion von Männlichkeit. In: Budde, Jürgen & Mammes, Ingelore (Hrsg.). Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.420-427.

Bildnachweis:
Ian Bone

Wann ist eine Körperverletzung eine Körperverletzung?

Die Bewertung der Beschneidung von Jungen als „Körperverletzung“  in einem Urteil des Landgerichts Köln hat eine Diskussion ausgelöst, die kaum mehr als rational zu bezeichnen ist, die hitzig geführt wird und zudem weitgehend am eigentlich interessanten Punkt vorbeigeht: der Kriminalisierung von Handlungen, die in bestimmten sozialen Gruppen ausgeführt werden, eine Kriminalisierung, die vor dem Hintergrund der eigenen Überzeugung erfolgt, dass genau zu bestimmen sei, was Kriminalität, was kriminelles Verhalten ist. Aber ist dem wirklich so?

Kriminalität ist normal, so hat Hans Haferkamp Anfang der 1970er Jahre eine Monographie zum Thema Kriminalität betitelt. Kriminalität, so Haferkamp, sei kein gesellschaftliches Geschwür, keine biologische Disposition und keine angeborene Krankheit, die wahlweise den einen oder anderen befällt:

„Man sagt heute, die Gesellschaft muss vor Kriminalität geschützt werden. Man unterstellt, Kriminalität sei etwas wie eine Aggression getragen von Wesen, die, außerhalb der Gesellschaft stehend, persönlichen, ungezügelten Leidenschaften nachgehen, und denen das Gesellschaftsleben mit seiner Ruhe, Ordnung uns Ausgeglichenheit fremd ist“ (Haferkamp, 1972, S.v).

Die Vorstellung, gegen die sich Haferkamp explizit gewandt hat, ist die Vorstellung eines essentiell „Kriminellen“, die Vorstellung, dass es die kriminelle Handlung in der Weise gebe wie es die Sonne am Himmel gebe: ohne das Zutun von Menschen, die Vorstellung, dass objektiv bestimmbar sei, was Kriminalität ist. Kriminalität so Haferkamp und in seiner Nachfolge die meisten deutschen Kriminologen (die entsprechende Entwicklung ist im angelsächsischen Ausland schon lange vor den 1970er Jahren zu beobachten gewesen) ist das Ergebnis individueller Entscheidungen, die sich aus den Umständen der Entscheidung erklären lassen. Kriminalität beschreibt daher den bewussten Verstoß gegen gesellschaftliche Normen, gegen Normen, die von der/den herrschenden gesellschaftlichen Gruppen gesetzt werden. In diesem Sinne hat Robert K. Merton bereits in den 1930er Jahren kriminelles (oder delinquentes) Verhalten als Verhalten beschrieben, das Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen zeigen, die zwar die gesellschaftlichen Ziele von z.B. Status und Besitz teilen, denen aber die Mittel fehlen, um die entsprechenden Ziele auf legalem Weg zu erreichen.

Was kriminelles Verhalten darstellt, ist somit eine Frage gesellschaftlicher Konvention. Die entsprechende Konvention findet sich in Deutschland im Strafgesetzbuch wieder, woraus man den Schluss ziehen kann, dass es ohne gesetzliche Kodifizierung keine Kriminalität gibt, anders formuliert: „criminal law gives behaviour its quality of ciminality“ (Adler, 1931, S.5). Oder, wie Tappan im Jahre 1947 geschrieben hat: Kriminalität ist „an intentional act or omission in violation of criminal law“ (Tappan, 1947, S.100). Derartige legalistische Definitionen haben Probleme: Das, was z.B. im Strafgesetzbuch als Kriminalität erfasst ist, hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte verändert. Betrachtet man Jahrhunderte, dann sind die Veränderungen dessen, was als Kriminalität angesehen wird/wurde noch dramatischer (z.B. kennt man erst seit kurzem Drogendelikte, Homosexualität ist erst seit kurzem straffrei und cyber-Criminality eine ganz neue Entwicklung). Zudem sind Verhaltensweisen, die als Kriminalität angesehen werden, kontextabhängig, da z.B. ein Arzt, der ein Bein bricht, um einen Knochen zu richten, zwar eine Körperverletzung begeht, dafür aber nicht belangt wird, während ein Beinbruch als Ergebnis einer Schlägerei mit hoher Wahrscheinlichkeit strafrechtlich verfolgt wird. Gleiches gilt für den Mord, der dann, wenn er im Krieg begangen wird, zumeist ungeahndet bleibt.

Gesellschaftlicher Konsens?

Diese Probleme einer legalistischen Bestimmung von Kriminalität haben ihren Niederschlag in der Entstehung zweier kriminologischer Schulen gefunden, nämlich einer Schule, die man als Konsensschule bezeichnen kann und einer Schule, die man als Konfliktschule bezeichnen kann. Die Konsensschule geht davon aus, dass in Gesellschaften ein Konsens über grundlegende Normen und Werte herrscht und dass Verstöße gegen diesen Konsens als Kriminalität angesehen werden. Diese Schule ist mit Emile Durkheim und seiner Ansicht von der Existenz eines kollektiven Bewusstseins verbunden. Kriminalität sind demnach alle Handlungen, die das kollektive Bewusstsein erschüttern. Die Probleme, die mit dieser Auffassung verbunden sind, sind offenkundig, denn die Frage, wer den Inhalt des kollektiven Bewusstseins entdeckt bzw. bestimmt, ist ungelöst und mit ihr die oben angesprochene Problematik der Kontextabhängigkeit dessen, was als kriminelles Verhalten, was als Kriminalität angesehen wird. Zivilisten, die im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung sterben, werden z.B. zum Kollateralschaden und das „kollektive Bewusstsein“ der Gesellschaft, der die Kollateralschäden entstammen, wird deren Tod anders bewerten als das „kollektive Bewusstsein“  – oder besser: die berobten Hüter des kollektiven Bewusstseins der Gesellschaft, aus der diejenigen stammen, die die Kollateralschäden verursacht haben. Kurz: Die Idee eines kollektiven Bewusstseins, in dem sich höhere und geteilte Werte und Normen niederschlagen, führt nirgendwo hin.

Entsprechend teilen die meisten Kriminologen heute die Ansicht der Konfliktschule, nach der Kriminalität ein Verstoß gegen gesellschaftlich ausgehandelte Normen darstellt bzw. gegen Normen, die von der herrschenden Gruppe durchgesetzt wurden: „society is made up of groups that compete with one another over scarce resources. The conflict over different interests produces differing definitions of crime. These definitions are determined by the group in power and are used to further its needs and consolidate its power. Powerless groups are generally the victims of oppressive laws … As well as being based on wealth and power, groups in society form around culture, prestige, status, morality, ethics, religion, ethnicity, gender, race, ideology, human rights … and so on“ (Lanier & Henry, 1998, S.17). So besehen sind Strafgesetze das Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die mit dem Ziel geführt werden, die eigenen Interessen zu befördern und bei denen sich Gruppen mit entsprechenden Machtpositionen durchsetzen. Strafgesetze, die ein bestimmtes Verhalten verbieten, sind somit immer der Ausdruck der Interessen von und Machtverteilung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, zuweilen sind sie das Ergebnis eines ausgehandelten Konsens, der über mehrere gesellschaftliche Gruppen reicht, immer sind sie Verhaltensregeln, die von Herrschaftsgruppen Gruppen, die nicht an der gesellschaftlichen Macht beteiligt sind (z.B. die Unterschicht oder ethnischen Minderheiten), aufgezwungen werden.

Was es bedeutet, dass gesellschaftliche Normen von Kriminalität von herrschenden Gruppen (durch-)gesetzt sind, kann man sich am Beispiel des § 223 StGB „Körperverletzung“ vergegenwärtigen. Die „einfache“ Körperverletzung wird im § 223 des Strafegestzbuch kurz und bündig wie folgt beschrieben:

„Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Die einfach Formulierung lässt bei näherem Hinsehen eine weite Bandbreite der Interpretation offen. Wann wird eine Person körperlich misshandelt? Ist eine Ohrfeige eine körperliche Misshandlung? Wann wird die Gesundheit strafrechtlich relevant geschädigt? Wenn zwei Jungen raufen und ein Milchzahn auf der Strecke bleibt, ist dann der Tatbestand des § 223 erfüllt? Wenn ein Arzt eine Beschneidung durchführt, stellt dies eine gesundheitliche Schädigung dar? Ist es als körperliche Misshandlung zu ahnden? Wie ist es mit dem Zahnarzt, der Zähne zieht? Wer entscheidet, wann ein körperlicher Eingriff eine Körperverletzung darstellt, wann nicht? Die Antworten auf diese Fragen sind offensichtlich, wenn man z.B. überlegt, wie viele Tote durch Alkohol und alkoholbedingte Unfälle jährlich zu verzeichnen sind, wie viele Tote durch den Genuss von Haschisch und eine anschließende Autofahrt und sich dann überlegt, wer von beiden, der Alkoholkonsument oder der Haschischgenießer, sich bereits durch die Einnahme der entsprechenden Droge strafbar macht. Offensichtlich sind die gesellschaftlichen Interessengruppen, die erfolgreich dafür eingetreten sind, bereits Haschischkonsum unter Strafe zu stellen, mächtiger als die entsprechenden Gruppen (so es sie gibt), die bereits den Konsum von Alkohol strafrechtlich verfolgen wollen oder, umgekehrt formuliert, offensichtlich sind die Gruppen, die für eine Selbstverantwortung und damit einhergehend den freien Zugang zu Alkohol und Haschisch eintreten, im Falle von Alkohol mächtiger bzw. im Falle von Haschisch ohnmächtiger. Die Setzung strafrechtlicher Normen zeigt sich einmal mehr als Ergebnis von Macht- und Interessekonstellationen.

Allgemeine Formulierungen wie die des § 223 StGB lassen sich vorzüglich zur sozialen Kontrolle einsetzen. Da bestimmte Formen körperlicher Auseinandersetzung in bestimmten sozialen Gruppen häufiger sind als in anderen, z.B. die Schlägerei in der Kneipe, auf dem Weg ins Fussballstadion oder die Beschneidung kleiner Jungen, lässt sich eine „Körperverletzung“, lassen sich Gesetze leicht nutzen, um bestimmte soziale Gruppen zu kontrollieren und zu kriminalisieren. Dies wiederum bedeutet, dass das Strafrecht ständig den Versuchen gesellschaftlicher Gruppen ausgesetzt ist, es zu ihrem Vorteil zu instrumentalisieren, und entsprechend ist es besonders wichtig, die strafrechtlichen Regelungen auf das Minimum der notwendigen Regelungen zu beschränken. Nur, wie identifiziert man die notwendigen Regelungen ohne wieder auf das kollektive Bewusstsein oder die göttliche Eingebung darüber, was Kriminalität ausmacht, ausweichen zu müssen?

Die Antwort auf diese Frage hat Thomas Hobbes bereits im 17. Jahrhundert in seiner Vorwegnahme des kategorischen Imperativs von Kant gegeben: Für Hobbes sind alle Menschen mit dem Recht auf alles geboren. Dies schließt z.B. das Recht, zu morden mit ein. Nur: Wer mordet läuft Gefahr, selbst ermordet zu werden, und die Situation, die sich im Hobbesschen Naturzustand ergibt, in dem jeder das Recht auf alles hat, ist jämmerlich: homo homini lupus, der Mensch ist des Menschen Wolf. Aus dieser Situation gibt es für Hobbes nur die Vernunft als Ausweg, die Einsicht, dass ein Verzicht auf bestimmte Rechte von Vorteil sein kann: Wenn alle Menschen in gleichberechtigter Verhandlung auf wenige ihrer Rechte verzichten und sich gemeinsame Spielregeln geben, die die Grundsicherheiten bereitstellen, die Einhaltung dieser Spielregeln durch einen Leviathan gewährleistet ist, dann, so Hobbes, sind die Menschen dem Elend des Naturzustands entkommen. Das Entscheidende an der Konzeption ist nun, das nur solche Regeln erlassen werden können, in denen sich die vernünftigen Interessen aller Menschen einer Gesellschaft niederschlagen, und nur Verhandlungen geführt werden können, an denen alle in gleicher Weise und mit gleichem Recht beteiligt sind. Es kann daher keine Rechtsetzung über die Köpfe und gegen die Interessen einer durch die Rechtsetzung betroffenen Gruppe hinweg erfolgen.

Rechtsetzung und damit die Einschränkung von Freiheit ist ein sparsam einzusetzendes Mittel, was für Hobbes im Wesentlichen auf die Sicherheit des Daseins, den Schutz davor, ermordet, ernsthaft verletzt oder dauerhaft beschädigt zu werden sowie den Schutz des Eigentums hinausläuft. Mehr, so Thomas Hobbes in seinem Leviathan, ist nicht vonnöten und mehr, so möchte man hinzufügen, führt nur dazu, dass ein Wettstreit um den Zugang zu Rechtssetzung stattfindet, denn wer Recht setzt, kann seine Interessen befördern, andere im Wettbewerb behindern und gesellschaftliche Macht und Prestige begründen, gut zu beobachten derzeit im Streit um das Beschneidungsverbot, den es nie gegeben hätte, wäre die Maxime des Minimalkonsenses wie sie Hobbes formuliert hat, ernst genommen worden, wären entsprechend alle, die von einem Verbot betroffen sind, an gleichberechtigten Verhandlungen beteiligt und wäre das Strafrecht nicht längst zum Mittel der Gängelung unliebsamer Lebensweisen und nicht-tolerierter Lebensstile geworden, zum Mittel, um bestimmte Verhaltensweisen für kriminell, für unnormal zu erklären.

Literatur:

Adler, Alfred (1931). What Life Should Mean to You. London: Allen & Unwin.

Haferkamp, Hans (1972). Kriminalität ist normal. Zur gesellschaftlichen Produktion abweichenden Verhaltens. Stuttgart: Enke.

Lanier, Mark M. & Henry, Stuart (1998). Essential Criminology. Boulder: Westview.

Merton, Robert K. (1938). Social Structure and Anomie. American Sociological Review 3(4): 672-682.

Tappan, Paul W. (1947): Who is the Criminal? American Sociological Review 12(1): 96-102.

Bildnachweis:
Word Day Funnies
Teach Net

Wie aus der Männererregung eine Männerbewegung werden kann

Ein Kommentar, den Dr. habil. Heike Diefenbach gestern veröffentlicht hat, hat mir deutlich vor Augen geführt, wo überall es bei der deutschen Männerbewegung im Argen liegt, weshalb ich dem Kommentar nach einer kurzen Einleitung eine prominentere Position in diesem blog geben will.

Für  Hinrich Rosenbrock ist die „Männerbewegung“ ein Block rechter Aktivisten, die in konzertierter Aktion Onlineforen und die Kommentarseiten von Online-Medien überfallen, um dort ihre gemeinsame Meinung zu verbreiten. Die letzten Tage haben meine Ansicht bestätigt, dass es schön wäre, wenn es wäre, wie Rosenbrock annimt, aber: nothing could be further from the truth. Die Männer“bewegung“ ist eine lose Blattsammlung mit vielen Aufschriften, deren Gemeinsamkeit stiftender Kern in einer gemeinsamen Verletzung und daraus resultierender Aufgeregtheit über Ungerechtigkeit bzw. das, was die jeweiligen Erregten als Ungerechtigkeit ansehen, besteht. Was als Ungerechtigkeit angesehen wird, ist dem Zeitgeist geschuldet und muss mit der jeweiligen Befindlichkeit harmonieren. Die jeweilige Befindlichkeit wiederum ist das Ergebnis eigener Verletzung, eigener Emotionen und eigener affektiver Einbildungen. Eine rationale Bewegung, eine politische Bewegung, eine Bewegung, die versucht, einen Effekt auf das öffentliche Leben in Deutschland zu erzielen, sieht anders aus. Eine politische Bewegung ist präsent als Lobbygruppe, sie versucht, Kontakte mit Repräsentanten des öffentlichen Lebens herzustellen, versucht, finanzielle Ressourcen einzuwerben. Eine rationale, politische Bewegung basiert auf einer Grundüberzeugung, die programmatisch in rationalen Sätzen zu fassen ist und die nicht den täglichen Launen der eigenen Aufgeregtheit geopfert wird. Eine rationale, politische Bewegung richtet sich nicht nach Moden, sie versucht Moden zu bestimmen und Trends zu setzen. Von all diesen Zielen ist die Männer“bewegung“ in Deutschland noch weit entfernt. Unter der Annahme, dass die deutsche Männer“bewegung“, von der Männererregung wirklich zur Männerbewegung werden will, ist ein gestern von Dr. habil. Heike Diefenbach geposteter Kommentar von besonderem Interesse. Dem Kommentar kann u.a. entnommen werden, wie erste Gehversuche einer Männerbewegung, die etwas bewirken will, aussehen könnten. Und man soll ja nie die Hoffnung aufgeben, dass sich doch einmal etwas tut. Daher bitte ich dem nun Folgenden offen und unvoreingenommen zu begegnen, you might learn something.

Der folgende Kommentar gibt die Antwort auf die Frage wider, ob es ausreichen kann, in der Auseinandersetzung mit dem Staatsfeminismus sachlich zu argumentieren und faktisch im Recht zu sein.

Ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wenn die Männerbewegung zu einem politischen Akteur mit Breitenwirkung werden will, MUSS sie m.E. sachlich Recht haben. Mit viel Emotion und Überzeugung vorgebrachte Positionen werden nichts ausrichten. Derzeit gilt, dass der Staatsfeminismus und (zumindest) Teile der Männerbewegung gleichermaßen kein Niveau haben mögen, aber sie sind ansonsten in nichts auf derselben Ebene angesiedelt, denn der Staatsfeminismus ist fest etabliert mit einer erheblichen Anzahl von staatlich finanzierten Positionen, die ein sich selbst erhaltendes Netzwerk bilden, und zwar auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Davon ist die Männerbewegung – gelinde gesagt – sehr, sehr weit entfernt.

Ich darf, glaube ich, anfügen, dass ich in der Auseinandersetzung mit diesen Netzwerken bzw. Positonshinhaber(innen) in diesen Netzwerken einiges mehr an Erfahrung habe als die meisten Männerrechtler, und nach meiner Erfahrung gibt es nur einen einzigen Punkt, an dem man ansetzen kann, wenn man den staatsfeministischen “Mauerbau” aufhalten bzw. aufbrechen will: man muss diese Leute zur rationalen Begründung ihrer Position zwingen, ihnen logische Widersprüche nachweisen und sie mit empirischen Fakten konfrontieren. Alles andere wird keinerlei Wirkung erzielen. Der Staatsfeminismus wähnt sich nicht nur in höherem moralischen Recht (über das er zu streiten ohnehin nicht bereit ist), sondern auch in höherem FAKTISCHEN Recht, und nicht umsonst ist der Staatsfeminismus das Steckenpferd einer sich selbst für eine solche haltende (pseudo-)akademischen “Elite”. Dementsprechend legt man im Staatsfeminismus großen Wert darauf, “wissenschaftlich” fundiert zu sein oder doch zumindest so zu erscheinen. Deswegen ist die Kontrolle der Universitäten, der akademisch Gebildeten in Fachzeitschriften und der Gutachterindustrie so wichtig gewesen (und sie ist es immer noch). Und ich glaube, dass es bisher so wenig gelungen ist, meine eigene Arbeit zu diskreditieren, die ich als Wissenschaftlerin tue, bzw. dass diesbezüglich kaum Versuche gemacht wurden, weil die Chancen dafür, dass das gelingt, einfach sehr schlecht stehen, gibt meiner Einschätzung Recht – man kann schwerlich etwas gegen Fakten und folgerichtige Argumentation einwenden, also schweigt man und sucht zumindest nicht die Konfrontation (es sei denn, man kann ahnungslose, naive, junge Kollegen in die “Höhle des Löwen” schicken).

Wenn man diesen Leuten etwas entgegenhalten will, kann man sich daher selbst keine Fehler leisten, mögen sie logischer, faktischer oder strategischer Art sein, während der Staatsfeminismus dies bislang ungestraft tut, denn er verfügt ja über das Netzwerk, die eigenen Fehler durch andere in den eigenen Reihen irgendwie hinwegerklären oder hinweg”begutachten” zu lassen. Man darf aber auch nicht übersehen, dass innerhalb dieses Netzwerkes eher wenig an eigenen Fehlern repariert wird, sondern man, um diese Fehler nicht thematisieren zu müssen, mit dem Angriff auf Menschen und Positionen außerhalb der eigenen Reihen beschäftgt ist, z.B,. indem man seine Gegner probeweise als “Rechte” einzuordnen versucht. Es geht nicht anders, als dass man diese Versuche als das ausweist, was sie sind: Ablenkungsmanöver. Und das wird nicht ohne objektive Richtigkeitsrationalität (und daher notwendigerweise ohne liberale Haltung) gehen.

Und es bedeutet für mich, dass die Männer(rechts/)bewegung gut daran tun würde, sich als Emanzipationsbewegung männlicher Menschen (die ansonsten durchaus verschiedenartig sein dürfen) zu präsentieren und allergrößten Wert auf faktische und logische Richtigkeit öffentlich geäußerter Positionen legen muss. Wenn sie ein ernstzunehmender player werden will, dann muss sie, glaube ich, eine rationale, gut begründete, überlegene Position dem staatsfeministischen Anspruch auf moralische und faktische Überlegenheit entgegensetzen – und vielleicht wäre es gut, sie würde ebenfalls anfangen, Netzwerke aufzubauen (z.B. sich zu internationalisieren statt zu “fremdeln”) und auch finanzielle Mittel für den Aufbau von think tanks u.ä. zu organisieren). Das wird aber erfordern, dass man sich über ein paar Grundpositionen einig ist, und das zu erreichen wird wiederum kaum möglich sein ohne eine liberale Haltung in den eigenen Reihen, die Variationen in Einzelfragen zulässt.

Ich glaube, die beste Investition, die die Männerbewegung derzeit machen könnte, wäre die Investition in eine strategische Beratung – und das meine ich nicht despektierlich, sondern absolut ernst.

Bildnachweis
Polyvore

Abschließende Stellungnahme zum Thema „Beschneidung von Jungen“

Dr. habil. Heike Diefenbach und ich haben die Reaktionen auf meine Beiträge zum Thema „Beschneidung von Jungen“ mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschrecken zur Kenntnis genommen. Ich will im weiteren Verlauf und nunmehr das Thema abschließend, beide Formen der Reaktion auf die weitgehende Abwesenheit einer rationalen Diskussion zum Thema „Bescheidung“, begründen. Zuvor jedoch, will ich mich, auch im Namen von Dr. habil. Heike Diefenbach bei all denjenigen bedanken, die einen Beitrag zur Diskussion geleistet haben, der jenseits persönlicher Angriffe, emotionaler Schmähungen und jenseits der Enttäuschung angesiedelt ist, einen Führer verloren zu haben.

Es sei all den anderen noch einmal in Erinnerung gerufen, dass wir dieses Blog als ein wissenschatfliches Blog betreiben, das liberalen Ideen einer kritischen Wissenschaft verschrieben ist. Unser Verständnis von liberal besteht darin, dass (1) Menschen selbstbestimmt leben, (2) Dritte kein Recht haben, in das selbstbestimmte Leben von Menschen einzugreifen, (3) jeder die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Handlungen tragen muss, (4) die meisten Menschen keine irrationalen Spinner sind (auch die meisten Muslime und Juden nicht), die danach trachten, andere zu schädigen und (5) dass Kooperationen, Verträge und jede Form der Einigung zwischen Menschen nur ein Ergbnis von Verhandlungen sein können, an denen Vertreter widerstreitender Interessen in gleichberechtigter Weise teilgenommen hat.

Ein solches Verständnis schließt es aus, sich selbst als Herrscher über die letzte Wahrheit, als geheimer Kenner dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält zu definieren und auf dieser Basis in das Leben anderer intervenieren zu wollen. Eine solche Intervention negiert die Selbstbestimmungsrechte anderer, sie negiert deren Relevanz und, last but not least, sie negiert deren Recht auf gleichberechtigte Verhandlung über Dinge, die ihre ureigendsten Interessen betreffen. Ich will es einmal provokativ formulieren, damit es auch noch der letzte Begriffsstutzige versteht: Mit welchem Recht maßen sich selbsternannte und zumeist anonyme Vertreter der „Männerbewegung“ an, über die Handlungen Dritter bestimmen zu wollen? Und wem das noch nicht reicht, den bringt vielleicht die nächste Frage zum Nachdenken: Warum haben sich besagte „Männerrechtler“ so sehr über die „Expertise“ von Hinrich Rosenbrock ereifert? Herr Rosenbrock hat sich schließlich und lediglich das Recht genommen, über Dritte und deren moralische Integrität ein Urteil zu fällen. Genau das nehmen die Herren Männerrechtler doch für sich auch in Anspruch.

Es ist offenkundig, dass man auf einer inhaltlichen Ebene nicht weiterkommt. Deshalb waren meine Beiträge dazu gedacht, die Diskussion auf eine grundsätzliche, eine Meta-Ebene, auf der die Form einer Argumentation, die Implikationen, die sich aus dieser formalen Argumentation ergeben, im Zentrum des Erkenntnisinteresses und der Kritik stehen. Dieser Versucht ist gescheitert. Die meisten Kommentatoren hier und in den Foren der Männerbewegung sind nicht willig oder nicht fähig, über den Tellerrand ihrer eigenen Erregung zu blicken. Sie onanieren verbal und gießen ihren Schaum über mich als denjenigen aus, der sich aus Ihrer Sicht wohl als Verräter geoutet hat. Michael Klein, dessen Beiträge man in der Vergangenheit immer so gut fand; auf die man aus den verschiedensten Foren verlinken konnte, um die eigenen Behauptungen zu belegen, ausgerechnet dieser Klein zeigt nun sein „wahres Gesicht“. Und Dr. habil. Heike Diefenbach ist nicht anders. Obwohl die Männerrechtsbewegung seit Jahren von ihren Arbeiten zehrt, viele Themn gar nicht erst entdeckt hätte, gäbe es die Arbeiten von Dr. habil. Heike Diefenbach nicht, fühlen sich manche berechtigt, uns beide in Bausch und Bogen zu verdammen. Die Vorhaut von kleinen Jungen wird zum Rubikon, wer die Beschneidungsgrenze überschreitet, mit dem teilt man nichts mehr, alle Gemeinsamkeiten der Vergangenheit sind vergessen und zählen nichts mehr.

Ich will es an dieser Stelle und abschließend ganz deutlich sagen: Dieses blog ist ein liberales blog und entsprechend werden alle nicht-liberalen Tendenzen und Irrtümer in diesem blog in der gleichen Weise addressiert und kritisiert. Dass die Männerbewegung in weiten Teilen nicht in der Lage ist, auf rationale Kritik zu reagieren und, um es deutlich zu sagen, schwanz- und nicht hirngesteuert ist, ändert gar nichts daran, dass wir auch weiterhin die Fahne des Liberalismus hochhalten werden. Und, um die Diskussion in Deutschland einmal von meiner Insel aus einzuordnen: Ich hatte gestern Gelegenheit, mit einer Reihe von Leuten zu reden, im House of Lords und im Institute of Economic Affairs, die man in Deutschland wohl als Sympathisanten, wenn nicht Mitglieder einer Männerbewegung ansehen würde. Ich kann deren Irritation in Wort und Mimik, die sie aufgrund meiner kurzen Schildung dessen, worum es im „Beschneidungsstreit“ in Deutschland geht, gezeigt haben, nicht in Worte fassen, könnte ich es, die meisten, so befürchte ich, würden es dennoch nicht verstehen. So bleibt mir abschließend, und das ist nun wirklich das Ende dieses Themas für mich, nur die Feststellung, dass es weltweit mehr als eine Milliarde beschnittener Männer gibt, die offensichtlich alle das Opfer ihrer gehässigen Eltern geworden sind und dass die deutsche Männerrechtsbewegung nunmehr auszieht, um das Unrecht zu missionieren. Am deutschen Wesen soll einmal mehr die Welt genesen.

Bildnachweis
Ideas inspiring Innovation
Atheist Missionary