Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

Dr. Thomas Sauer, Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, nimmt die Leser seines Beitrags, “Die Rolle der Gemeingüter in den Städten” mit auf eine Reise, eine Reise von Widerspruchshausen nach Absurdistan. Nicht nur ist der Beitrag in einer Weise geschrieben, die man jedem Studenten um die Ohren hauen würde, weil weder die Fragestellung noch ein roter Faden, der dem Leser durch den Text hilft, erkennbar sind noch ist der Inhalt, jenseits der ideologischen Betrachtung der Welt auch nur im Entferntesten deckungsgleich mit dem, was in ökonomicher und soziologischer Theorie diskutiert wird und was man in beiden als Grundlagenwissen bezeichnen könnte. Dies war die Behauptung, nun folgt der Beleg.

Ich habe im Satzdickicht von Dr. Sauer, die folgenden Aussagen/Behauptungen identifizieren können, die man – wenn man unterstellt, der Beitrag sei mit einem bestimmten Ziel geschrieben worden, der Beitrag enthalte eine “message”, in die folgende logische Abfolge bringen kann:

  1. Die “Wachstumswirtschaft” hat “uns” an die “Grenzen des planetaren Ökosystems” geführt.
  2. Es kriselt: Klimakrise, Energiekrise, Globalisierungskrise und Systemkrise sind “Schockgeneratoren”.
  3. Das Problem mit dem Wachstum besteht darin, dass es Ressourcen verbraucht, dass es Steuereinnahmen generiert und dass es Arbeitslosigkeit beseitigt.
  4. Die Wachstumsgesellschaft sieht eine Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft. Die Postwachstumsgesellschaft will eine “Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext”.
  5. Die Postwachstumsgesellschaft kennt “einen neuen Ökonomiebegriff”, keine individuelle Nutzenmaximierung und eine “Abkehr vom Paradigma der “unsichtbaren Hand””, an dessen Stelle sollen eine “kooperative Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis” und eine “Idee der institutionellen Pluralität” treten.
  6. Die “neoklassische Ökonomie sagt: Wenn Kollektivgüter von jedem frei genutzt werden, dann führt dies zu einer Übernutzung. Nachhaltigkeitsprobleme sind daher immer auch Kollektivgutprobleme, meint Dr. Sauer.
  7. Die Übernutzung von Kollektivgütern kann in der “Logik der neoklassischen Ökonomie” nur durch Privatisierung verhindert werden.
  8. Elinor Ostrom hat aber gezeigt, dass Gemeingüter “sehr wohl erfolgreich gemeinwirtschaftlich verwaltet werden” können.
  9. Konklusion [Die ziehe ich, der Text von Dr. Sauer hört schlagartig und ohne Schlussfolgerungen auf]: Wir müssen weg vom Privateigentum und weg vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus und hin zum gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen, dessen Rechte von “dezentralen Institutionen” wahrgenommen werden, deren Ziel darin besteht, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu sichern.

Die Aussagen, die ich aus Dr. Sauers Beitrag extrahiert habe und von denen ich der Ansicht bin, dass Sie den Kern des Beitrags ausmachen, will ich nunmehr in chronologischer Reihenfolge und mit den Mitteln der kritischen Analyse wie sie in unserem Grundsatzprogramm formuliert sind, analysieren:

  1. Maddison (2006), S.43

    Die Behauptung, dass die Wachstumswirtschaft uns an die Grenzen des planetaren Ökosystems geführt hat, ist, wenn ich das einmal so deutlich formulieren darf, grober Unsinn. Das Wachstum der letzten Jahrtausende hat, wie Maddison (2006) in seiner Fleißarbeit gezeigt hat, Wohlstand und Lebenssicherheit in einem Maße geschaffen, das für die jeweils vorausgehenden Generationen unvorstellbar war. Die “Tragik der Allmende”, die in Punkt 6 noch einmal wieder kommen wird, besteht nicht darin, dass rationale Akteure ein Kollektivgut übernutzen, sondern darin, dass es zu viele Akteure gibt, die ein Kollektivgut nutzen wollen.

  2. Wann hätte es je eine Zeit gegeben, in der es nicht gekriselt hat? Die Krise gehört zum Wandel, wie die Veränderung zum Fortschritt. Wer Krisen verhindern will, der muss die Zeit anhalten, denn dummerweise kommen mit Handlungen immer auch unbeabsichtigte Folgen, also Folgen, die man nicht beeinflussen, verhindern oder vorhersehen kann. Aber wenn schon Krise, dann richtig: Was ist mit der Dürrekrise in den USA? Was ist mit der Wasserkrise in Sub-Sahara-Afrika? Was ist mit der Wikipedia-Ideologie-Krise? Was ist mit der deutsche-Schwimmer-ohne-Olympia-Medaillen-Krise? Was mit der Eurokrise? Was mit der Bankenkrise, der Sub-prime-mortgage Krise, der Barclays-Krise, der Jungenkrise, der Bildungskrise, der überdüngte-Böden-Krise, der Krise der vögelmordenden Windräder, der Irak/Iran/Syrien/Afghanistan/Vietnam/Nord-Korea/Kambodscha/Somalia/Jemen/Serbien/Balkan/Georgien-Krise? Alles eine Folge der Wachtumswirtschaft?
  3. Das ist in der Tat ein Problem, dass man nur unter Einsatz von etwas, etwas erreichen kann. Aber das ist auch im Paradies so: Wer davon träumt, dass ihm gebratene Maiskolben in den Mund fliegen, vergisst, dass Maiskolben irgendwo wachsen müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendwem angebaut werden müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendjemandem gebraten werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) und von irgendjemandem geworfen werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) damit der ursprüngliche Jemand sich einbilden kann, er lebe im Paradies. Den Zusammenhang zwischen Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit bzw. hohen Steuereinnahmen, will ich nur dahingehend kommentieren, dass es in der Postwachstumsgesellschaft offensichtlich – weil logisch aus der Feststellung folgend: hohe Arbeitslosigkeit und geringe Steuereinnahmen gibt. Obwohl mich dieser Spritzer “Realität” im Traumgebilde der “Postwachstumsgesellschaft” freut, bin ich mir doch gleichwohl nicht darüber im Klaren, ob viele die Freude an der Armut, die Anhänger der “Postwachstumsgesellschaft” zu treiben scheint, teilen.
  4. Wer denkt, dass Ökonomie derzeit von der Gesellschaft entkoppelt ist, hat eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, zu arbeiten, was die Frage nach der Tätigkeit von Dr. Sauer und dem Verhältnis, in dem seine Tätigkeit zu Arbeit steht, aufwirft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der arbeitenden Erwerbstätigen der Ansicht ist, sie sei sehr wohl in die Gesellschaft eingebettet.
  5. Was Dr. Sauer als Postwachstumsgesellschaft beschreibt, ist nichts anderes als gesteuerte Ökonomie (das nennt man Sozialismus oder Kommunismus), die darauf basiert, Menschen ihr Menschsein, ihr Streben danach, sich und ihre Situation zu verbessern, ihren Nutzen zu maximieren, abzugewöhnen. Die Postwachstumsgesellschaft ist also eine Gesellschaft der Ghouls, die alle vom selben Leichnam früheren Wohlstands zehren.
  6. Nein, die Tragik der Allmende, auf die Dr. Sauer hier Bezug nimmt, und die von Garret Hardin (1968) in seinem klassischen Artikel “The Tragedy of the Commons” beschrieben wurde, ist keine Krise des Rationalismus, sondern eine Krise der Überbevölkerung: „The pollution problem is a consequence of population. It did not much matter how a lonely American frontiersman disposed of his waste. ‘Flowing water purifies itself every ten miles’, my grandfather used to say, and the myth was near enough to the truth when he was a boy, for there were not too many people. But as population became denser, the natural chemical and biological recycling processes became overloaded, calling for a redefinition of property rights” (Hardin, 1968, S.1245). Und: „… the oceans of the world continue to suffer from the survival of the philosophy of the commons. Maritime nations still respond automatically to the shibboleth of the ‘freedom of the seas.’ Professing to believe in the ‘inexhaustible resources of the oceans’, they bring species after species of fish and whales closer to extinction” (Hardin, 1968, S.1244). Man beachte zweierlei: Die “Tragedy of the Commons”, also z.B. die Überfischung der Weltmeere, hat zum einen die Ursache, dass es zu viele Menschen gibt und zum anderen die Ursache, dass kollektive Akteure, Staaten, Organisationen, Vereinigungen, so tun, als wäre die Erde nur spärlich bevölkert.

    Garret Hardin (1968). The Tragedy of the Commons.

  7. Liberale Ökonomen gehen in der Tat davon aus, dass das Problem der gemeinschaftlichen Übernutzung von Kollektivgütern dadurch gelöst werden kann, dass die entsprechenden Güter bzw. die Nutzung an den entsprechenden Gütern (Wald, Meere) privatisiert werden, sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht-liberale Ökonomen die Rettung vor der gemeinschaftlichen Übernutzung in staatlicher Reglementierung sehen.
  8. Elinor Ostrom hat im Gegensatz zu dem, was Dr. Sauer behauptet, im Privateigentum gerade die Grundlage der Lösung des Problems der Übernutzung kollektiver Güter gesehen. Mark Pennington, dem die Fehlrezeption von  Ostroms Arbeiten massiv auf die Nerven gegangen zu sein scheint, hat dies gerade in einem Beitrag für den Blog des Institute of Economic Affairs in London richtig gestellt. Wie? U.a. in dem er zitiert, was Ostrom selbst geschrieben hat: “Common property regimes are a way of privatising the rights to something without dividing it into pieces… Historically common property regimes have evolved in places where the demand on a resource is too great to tolerate open access, so property rights have to be created, but some other factor makes it impossible or undesirable to parcel the resource itself” (McKean & Ostrom, 1995, S.6). Also wieder nichts mit der Gemeinschaftsideologie, dem Traum von Kommunismus, in dem glückliche Menschen über grüne Wiesen, die niemandem und doch allen gehören, springen und sich daran freuen, dass ihnen die gebratenen Maiskolben in den Mund fliegen… Aber das hatten wir schon.
  9. Die Konklusion, die Dr. Sauer in seinem Beitrag nahelegt, wird durch ihn selbst widerlegt, denn während er voller Enthusiasmus ein Projekt in der schwedischen (wie könnte es auch anders sein) Stadt Växjö beschreibt, das nach seiner Ansicht wohl das Beispiel par exellence für die Überwindung der Wachstumsgesellschaft mit ihren nach Eigennutz strebenden Akteuren, die auch vor der Zerstörung der Natur nicht halt machen, ist, entgleitet ihm der folgende Satz: “Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugten Energieträger haben“. Es ist nicht erstaunlich, dass Waldbesitzer Holz verkaufen wollen. Es stellt die Maximierung des Nutzens von Waldbesitzern dar, wenn sie ihr Holz verkaufen, wenn sie es sicher verkaufen, wenn sie es zu einem garantierten Preis verkaufen. Und so entpuppt sich die schöne heile Welt des Postwachstums als eine Gesellschaft, in der individuelle Interessen, zwar weiterhin nutzenmaximierend sind, aber dadurch geadelt werden, dass sie nunmehr als “Interessen der Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer” deklariert werden.

Postwachstum so hat sich gezeigt, ist nichts anderes als eine Umetikettierung und eine Neuverteilung von Legitimation. Um legitim zu sein, genügt es nicht mehr, dass Interessen individuelle Interessen sind, nein, sie müssen kollektive Interessen sein. Sind sie mit dem kollektiven Heiligenschein versehen, dann dürfen die Interessen gerne auftreten, um ihren Nutzen zu maximieren und wenn sie zudem als “nachhaltig” gelten, sind sie auch von jeglicher Kritik ausgenommen, denn wer will schon der “Umweltkrise” das Wort reden. Schon das Beispiel aus Växjö macht deutlich, dass organisierte Interessen (die Waldbesitzer) gegenüber anderen, weniger formal organisierten kollektiven Interessen einen Vorteil darin haben, ihre Interessen durchzusetzen. Und wie man denken kann, dass die Vertreter organisierter Interessen, die natürlich von sich behaupten, sie erfüllten die Werte, die gerade gesellschaftlich in Mode sind, Nachhaltigkeit zum Beispiel, würden für sich eine Grenze ziehen, bis zu der sie ihre Interessen durchsetzen und die sie nicht überschreiten, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber ich lebe auch nicht in der Postwachstumsgesellschaft, in der die fliegenden Maiskolben unterwegs sind, und von außen betrachtet, scheint mir auch die Postwachstumsgesellschaft nichts Neues zu sein, auch das, was die Postwachstumler uns nahe legen wollen, hatten wir schon, es hieß damals DDR und die Führer der “Animal Farm” trafen sich im Zentralkomittee um die kollektiven Interessen zu formulieren und z.B. die Anzahl der Einwohner des SED-Paradieses festzulegen, die im Jahr 10 nach der Machtergreifung, einen Kühlschrank erhalten sollten.

Literatur:

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science, 162: 1243-1248.

McKean, Margareth & Ostrom, Elinor (1995). Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past? Unasylva 48(180): 3-15.

Bildnachweis:
Unsolicitedious

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