BMFSFJ entdeckt eine neue Spezies unter den Deutschen – oder doch nicht?

Wenn der große alte Mann des britischen Tierdokumentatarfilms, Sir David Attenborough, auf allen Vieren oder auf dem Bauch liegend, durch den Regenwald des Kongo-Deltas pirscht, um seinen Zuschauern das beste Bild vom letzten noch unentdeckten Bonobo zu bringen, dann wird seine Stimme gepresst, fast hektisch, sein Flüstern zum Stakkato (denn er will den Bonobo ja nicht aufschrecken) sein Atem wird stoßweise, die Spannung des Zuschauers kaum mehr zu ertragen und alles endet in dem Moment, in dem der Bonobo in die Kamera grinst und anfängt, sich mit Attenborough in gepflegtem Englisch zu unterhalten.

So, oder doch so ähnlich ist es mir ergangen, als ich eine Studie aus dem Zauberland des Nepotismus in die Hände bekommen habe. Die Studie wird als  “Diskussionspapier” bezeichnet, stammt aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, also aus der Kaderschmiede des DGB und, oh Wunder!, die Studie wurde vom Bundesministerium für alle außer Männern bezahlt (BMFSFJ). Wenn das BMFSFJ eine Studie der Gewerkschaftsstiftung bezahlt, so fragt man sich, was ist dann der Gegenstand? Nun, ich will meine Leser auf die Folter spannen und nicht gleich alles verraten. Nur soviel: Das WSI und das BMFSFJ haben eine neue Spezies entdeckt: Nicht im zentralafrikanischen Regenwald, auch nicht auf Sumatra oder Papua Neuguinea. Nein, hier, mitten unter uns, in Deutschland. Da schickt die NASA Roboter nach Roboter auf den Mars um dort Leben zu finden und in Deutschland gibt es Spezies, von denen nicht einmal die NASA etwas weiß – aber das WSI und das BMFSFJ.

Die neue Spezies, die bislang unerkannt unter uns weilte und einen Teil der deutschen Gesellschaft ausmachen soll, zeichnet sich durch die folgenden Merkmale aus:

  • Die Mitglieder der Spezies gehen arbeiten.
  • Die Mitglieder der Spezies leben zumeist mit Mitgliedern einer anderen Spezies zusammen.
  • Die Mitglieder der Spezies stehen in einem Austauschsverhältnis mit den Mitgliedern der anderen Spezies, das finanziell asymmetrisch ist.
  • Die Mitglieder der Spezies sind weiblich.

Birth of a new specimen

Die Forschenden aus dem WSI und die finanziellen Mentoren im BMFSFJ, die von der Existenz dieser neuen Spezies offensichtlich so überrascht wurden, dass sie eilends eine Pressekonferenz anberaumt haben, ob der Fremden in unserer Mitte, haben die neue Spezies die Spezies der “Familienernäherin” genannt. Darunter soll “eine Frau verstanden werden, die für sich und andere Familienmitglieder die finanzielle Lebensgrundlage überwiegend erwirbt. Die von ihrem Einkommen mitversorgten Personen können Partner und/oder Kinder sein” (8).

Zwei Begriffe in dieser Definition lassen den schlechtmeinenden Menschen aufhorchen und den Verdacht keimen, dass die neue Spezies ein Scherz, ein Schabernack, eine Fälschung ist, ebenso wie die Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum in Berlin eine Fälschung darstellt (Ich verdanke diese Information einem neuen Hobby von Dr. habil. Heike Diefenbach, die sich als intimer Kenner der Geschichte der archäologischen Fälschungen und Betrügereien von Borchert bis Schliemann erweist..). Warum trägt eine Familienernährerin nur überwiegend und nicht vollumfänglich zum Familieneinkommen bei? Entsprechend der bisher gültigen Klassifikation ist ein Familienernährer ja auch alleine für das Familieneinkommen verantwortlich. Wird hier willkürlich eine neue Spezies geschaffen, um die einfach Welt der Erwerbstätigkeit zu verkomplizieren und zu suggerieren, die einfach Welt sei dabei, sich in eine komplexe zu wandeln?

Der Verdacht erfährt Bestätigung: “Als Familienernährerin werden in dieser Analyse Erwerbspersonen definiert, die mindestens 60% des persönlichen zurechenbaren Haushaltseinkommens erwerben” (20). Mit anderen Worten, die Spezies der Familienernährerin besteht aus relativen Familienernährerinnen, die gerade einmal mehr verdienen als die restlichen Erwerbs- und Nichterwerbstätigen im Haushalt – kaum eine Basis, um eine dauerhafte Klassifikation, wie sie eine Spezies nun einmal darstellt, darauf zu bauen. Und – wie bei archäologischen Fälschungen – sind erst einmal Zweifel geweckt, so hält auch die neue Spezies keiner tiefergehenden Untersuchung stand.

Das überwiegende Einkommen der Familienernährerin kennt u.a. die folgenden Quellen:

  • Witwenrente
  • Mutterschaftsgeld, Erziehungsgeld
  • Unterhaltsgeld vom Arbeitsamt
  • gesetzliche Unterhaltszahlungen ehemaliger Ehepartner.

Das Einkommen stammt somit in einer ganzen Reihe von Fällen nicht aus der Quelle, an die man bei den Begriffen “Einkommen” und “Familienernährerin” unmittelbar denkt: Erwerbsarbeit. Es umfasst auch “Einkommen” aus Fertilität, “Einkommen”, die aus staatlichen Umverteilungstöpfen, die vornehmlich von Familienernährern bestückt werden, stammen…. Und so entpuppt sich die neue Spezies als artifizielle Spezies, eine vom Staat geschaffene und finanzierte, alimentierte Spezies, die darüber hinaus von Familienernährern finanziert wird, die zwischenzeitlich die Familie gewechselt haben. Wahrlich, an dieser Stelle der “WSI-Forschung” ging es mir, wie dem Zuschauer, der dem grinsenden Bonobo gegenübersaß und dabei zusah, wie die sprechende Affen-Spezies sich langsam aber sicher seines Kostüms entledigte und zum Vorschein kam: Sir Richard Attenborough und alles war ein hoax (ein von mir erfundener übrigens).

Aber, weil immer alles noch schlimmer kommt, haben die Mannen (also die Männlein und Weiblein), die behaupten, eine neue Spezies entdeckt zu haben, gleich noch multivariate Berechnungen angestellt, was darauf zurückzuführen ist, dass ihr “hunting ground” für neue Spezies nicht der Dschungel ist, sondern das SOEP [Sozio-Ökonomisches Panel], ein Datensatz, der durch die Vielzahl seiner Nutzer nicht unbedingt besser wird. Ich war bei multivariaten Verfahren, und ich wage es kaum, das Verfahren zu benennen. Regelmäßige Leser dieses blogs wissen, was jetzt kommt: Ja, die unvermeidliche logistische Regression in vier Modellen. Vier Modelle aus dem Datendschungel des SOEP und doch ein Ergebnis, das man voraussehen könnte, wäre man in der normalen Welt unterwegs. Ich fasse die Ergebnisse. für die die Autoren “b-Koeffizienten” angeben (38), wie folgt zusammen: (Ich dachte immer, einer der wenigen Vorzüge einer logistischen Regression bestünde in der Ausgabe sogenannter Exp(B), erwarteter Beta-Koeffizienten, die einem das Ausmaß des Effekts einer unabhängigen Variablen auf die dichotome abhängige Variable zu schätzen erlauben, aber offensichtlich wird diese Ansicht nicht von jedem geteilt…).

Frauen tragen (mehr als) 60% zum Haushaltseinkommen bei (wobei das Einkommen von Frauen die oben benannten Geldquellen umfasst), wenn ihre Männer arbeitslos oder in Rente sind.

Wow! Dazu bedarf es einer großangelegten Studie des WSI finanziert vom BMFSFJ, um festzustellen, dass es vorkommen kann, dass Frauen mehr zum Haushaltseinkommen beitragen als Männer. Nun, wenn dieses Ergebnis derartiges Erstaunen auslösen kann, dann fragt man sich nach den Normalitätsvorstellungen der entsprechend Erstaunten. Ich meine, dass Ingrid Sehrbrock in ihrer ganz eigenen Welt lebt, das wissen die Leser dieses blogs bereits, aber wo bitte lebt der Staatssekretär im Bundesministerium für … (sie wissen schon), Josef Hecken? Welche Erfahrungswelt begründet seine Aussage, dass sich der “Blick auf die Erwerbstätigkeit von Frauen ändern muss”, weil sie schon lange “keine bloßen Zuverdienerinnen mehr sind”?

Nun, Herr Hecken, wüssten Sie etwas über Ihre Bevölkerung, wüssten Sie etwas darüber, wie das Haushaltseinkommen in z.B. der Arbeiterschicht zu Stande kommt, dann wäre Ihnen die Vorstellung, dass Frauen arbeiten und Männer zuweilen arbeitslos sind, nicht so fremd wie sie ihnen zu sein scheint. Ob die Fremdheit sich mehr auf die Tatsache, dass auch Frauen arbeiten oder darauf, dass Frauen arbeiten und Männer arbeitslos sind, bezieht, sei einmal dahingestellt. Wie auch immer, ich verrate Ihnen nun ein Geheimnis, im Laufe eines gemeinsamen Lebens kommt es schon vor, dass einmal der eine und einmal die andere Hauptverdiener ist. Das ist nicht ungewöhnlich, nichts, was man eigentlich einer Erwähung und noch weniger einer Beforschung für würdig befinden würde. Aber von derartiger Kooperationsfähigkeit und Kooperationswilligkeit von Lebenspartnern unterschiedlichen Geschlechts, weiß man im Genderismus offenbar nichts, und deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Hause FSFJ eine Studie finanziert wird, die zu der erstaunlichen Erkenntnis kommt, dass Männer manchmal kleiner sind als Frauen, oder Frauen manchmal links im Bett liegen, oder war es rechts? Was auch immer es sein wird, die Mannen aus dem WSI werden daran verdienen und die aus dem BMFSFJ werden darüber staunen.

Post Scriptum

Der vorliegende Text begründet eine ungewollt eingerichtete Kategorie “grüner Beiträge”, also von “recycleten” Beiträgen, die sich – warum auch immer – wieder auf meinen Schreibtisch verirren, sich quasi in mein Bewusstsein drängen und von denen ich erst nach Beendigung feststelle, dass ich sie schon einmal bearbeitet habe. Das mag man auf Alter zurückführen oder darauf, dass der selbe Unsinn immer den selben Ärger nach sich zieht, man kann es, ich kann es, heißt das, als Maß für meine eigene Konsistenz ansehen und feststellen, dieselbe ist zufriedenstellend und, wer es immer noch nicht verstanden hat: Wem der Gegenstand des Textes, nicht der Text (!) bekannt vor kommt, das mag daran liegen, dass er hier schon einmal behandelt wurde.

Bildnachweis
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