Die Finanzkrise, die in den Jahren 2008/2009 ihren Anfang genommen hat, hat eine erhebliche Verquickung zwischen Regierungen der verschiedenen europäischen Staaten und ihren jeweiligen Banken deutlich gemacht. Länder wie Deutschland, Frankreich, die USA und das Vereinigte Königreich waren schnell mit Steuergeldern und Garantien bei der Hand, als es darum ging, ihre Banken „zu retten“. Die Kausalität in diesen Fällen schien klar: Die Regierungen helfen den Banken, die Banken haben die Krise zu verantworten. Was offenkundig scheint, passt nicht ganz auf Länder wie Griechenland oder Portugal wo die ungezügelte Akkumulation öffentlicher Schulden unter dem Deckmantel sozialer Wohltaten dazu geführt hat, dass der Bankensektor in die Knie gegangen ist. Der 50%-Schuldenschnitt, der die Gläubiger des Griechischen Staates getroffen hat, hat die griechischen Banken an den Rand des Bankrotts gebracht, die Verluste von über 28 Milliarden Euro waren mehr als der griechische Bankensektor schultern konnte.
Den Löwenanteil staatlicher Ausgaben verschlingt der mit der Überschrift „Soziale Sicherung“ versehene Moloch, der allein im Jahre 2009 55,3% der 1.113.124.000.000 Euro öffentliche Ausgaben aufgezehrt hat. Dieser nimmersatte Sozialstaat, den David Cameron in seiner Abschlussrede zum Parteitag der Tories gerade als Hauptursache dafür ausgemacht hat, dass westliche Staaten immer weiter hinter den neuen Ökonomien Asiens, Südamerikas und Afrikas zurückbleiben, ist eine Hauptursache dafür, dass Regierungen an Kapitalmärkten sogenannte Staatsobligationen feilbieten, und diese Staatsobligationen sind ein Hauptgrund für die staatlichen Bankenrettungsmaßnahmen, die in den Jahren 2008/2009 eingeleitet wurden, um – wie sich zeigt – nicht die Banken, sondern die öffentlichen Haushalte zu retten. Dies ist das Ergebnis, das man einem bemerkenswerten Beitrag von Johannes Pockrandt und Sören Radde entnehmen kann, der – noch bemerkenswerter – im DIW-Wochenbericht veröffentlicht wurde.
Pockrandt und Radde haben untersucht, wer eigentlich die Staatsobligationen kauft, und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dies hauptsächlich heimische Banken sind. Staaten sind also, wenn es darum geht, ihre übermäßigen Ausgaben am Kreditmarkt zu decken, auf die Kooperation der heimischen Banken angewiesen, die wiederum mit dem Geld ihrer Einleger die Schulden der jeweiligen Regierung aufkaufen, so dass man fast davon sprechen könnte, dass die westeuropäischen Schuldenstaaten, allen voran Deutschland, den heimischen Banken und ihren Anlegern weitgehend gehören. Nun sind Staatsobligationen nicht unbedingt das, was man als renditeträchtige Anlage ansehen kann, was die Frage aufwirft, warum Banken die entsprechenden Obligationen kaufen.
Der Sinn hinter dieser irrsinnigen Regelung ist klar: Wären Banken genötigt, Regierungen in der gleichen Weise zu behandeln, wie sie z.B. Hans X und Unternehmen Y behandeln, müssten sie also dem Risiko der Kreditausreichung an Staaten entsprechend, Eigenkapital hinterlegen, sie würden deutlich weniger in Staatsobligationen investieren, und dies würde unweigerlich dazu führen, dass die westlichen Regierungen Probleme hätten, ihre Schuldenpolitik an den Kreditmärkten zu finanzieren. Also sind Europäische Politiker gerne bereit, die von ihnen für so wichtig behauptete Bankenregulierung und die Regeln, die doch angeblich garantieren sollen, dass Banken nicht unverantwortlich mit dem Geld der Einleger umgehen, da zu biegen und zu vergessen, wo es an die eigene Not, die Staatsschulden zu finanzieren, geht. Damit der Verkauf von Staatsschulden gesichert ist, wird Banken weiterhin und in unverantwortlicher Weise ein Anreiz gesetzt, in Staatsobligationen zu investieren. Die geringe Rendite von Staatsobligationen wird durch die Tatsache, dass Banken im Gegensatz zu allen anderen Krediten, die sie ausreichen, das Kreditrisiko nicht bewerten müssen, was sie per se um 8% Eigenkapital besser stellt als bei Krediten an Private oder Unternehmen, ausgeglichen. Zudem gelten die meisten Staatsobligationen durch die Verbalmystik, die sie umgibt, nach wie vor als sicheres Kollateral, so dass sie als Sicherheit für kurzfristige Kredite, die Banken ständig z.B. am Repo-Markt einwerben müssen, hinterlegt werden können.
Politik und Banken sind in übermäßigen Wohlfahrtsstaaten, wie es Deutschland nun einmal ist, in Staaten, die weit über ihre Verhältnisse leben, zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden, und so ist es kein Wunder, wenn Pockrandt und Radde schreiben, dass „eine Abkehr von der gegenwärtigen Regulierungspraxis dringend geboten ist“ (20). Was dieser Euphemismus eigentlich meint, ist: Regierungen müssen aufhören, über ihre Verhältnisse zu leben, und sie müssen damit aufhören, Banken dafür zu belohnen, dass sie die unverantwortliche Ausgabenpolitik von Staaten wie Deutschland finanzieren. Ob das Maß an Vernunft, das notwendig ist, um die notwendigen Einschnitte in die Ausgaben zu treffen und den Wohlfahrtsstaat so zurecht zu stutzen, dass er finanzierbar ist (was dann erreicht ist, wenn Regierungen nicht mehr ausgeben als sie einnehmen), jemals in Parteiführungen und Regierungen einzieht, ist eine Frage, die man nach der Erfahrung der Vergangenheit mit „nein“ beantworten muss.
Solange Regierungen und Politiker die Möglichkeit sehen, die Folgen ihrer Schuldenpolitik auf nachwachsende Generationen zu verschieben, (während sie gleichzeitig ihren Bürgern immer höhere Steuerlasten mit dem Hinweis auf die nachwachsenden Generationen und die Umwelt aufzwingen), werden sie das tun, und entsprechend gibt es wohl keine Alternative zum gemeinsamen Bankrott von Regierungen und Banken.
Radde, Sören & Pockrandt, Johannes (2012). Reformbedarf in der EU-Bankenregulierung: Solvenz von Banken und Staaten entkoppeln. DIW-Wochenbericht 42.
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