„Alles wird gut“ – Die etwas andere Neujahrsansprache auf ScienceFiles.org

Die folgende Rede wurde spontan gehalten.

Liebe Bürger und Bürgerinnen, nein falsch: liebe Bürgerinnen und Bürger dieses Landes,

wieder neigt sich ein Jahr seinem Ende zu, ein Jahr, das uns Deutsche und uns Europäer und uns Weltbürger und uns Deutschinnen und Europäerinnen und Weltbürgerinnen wieder einen Schritt weiter nach vorne gebracht hat. Denn: Wir sind auf dem richtigen Weg, wohin er uns führen wird, warten wir’s ab, nein, das heißt, selbstverständlich wissen wir, wohin uns der Weg führt, denn wir hier in der Regierung, wir haben alles im Griff und geben die Richtung vor, die Richtung zum Heil und zum Glück und, lassen Sie es mich einfach und klipp und klar und ohne auszuweichen, mit der mir eigenen Deutlichkeit sagen: Alles wird gut!


Alles wird gut, wenn wir Bürger, also Sie, nicht ich, wenn also wir Bürger uns auf unsere Stärken besinnen und aufhören, mehr zu verlangen als wir eigentlich wollen. Wie sagte schon Dädalus zu Ikarus: Hochflug kommt vor dem Crash, und beherzigen wir seinen Rat. Wer will schon Reichtum, und wer will schon Erfolg? reduced wantsDas alles sind rationale Symbole einer überkommenen, ja hegemonialen Männlichkeit, und wir alle wissen, also ich weiß es und sage es ihnen jetzt, wohin dieser männliche Paternalismus geführt hat: In die Gräben des Ersten Weltkriegs und in die Gaskammern von Ausschwitz. Wir wissen: Kaiser Friedrich Wilhelm der II und Adolf Hitler, sie beide hatten eines gemeinsam: Sie waren Männer! Deshalb hat sich meine Regierung entschlossen, Männer aus der Regierung fernzuhalten. Und Sie werden sehen: Alles wird gut.

Hochflug, so sage ich auch immer wieder zu unseren Griechischen Freunden, obwohl die Dädalus im Original lesen könnten, wenn sie so klug wären wie ich, kommt vor dem Crash. Und was haben uns unsere Griechischen Freunde im letzten Jahr für Sorgen gemacht, dass sie im Fiasko enden werden. Aber, wir standen ihnen solidarisch zur Seite, haben die Schulden gemeinsam geschultert und nun, da die Schulden so verstreut sind, dass niemand mehr weiß, wer sie hat bzw. wer die meisten davon hat und niemand mehr weiß, wer sie jemals zurückzahlen kann, sofern sie eines Tages wieder auftauchen werden, nun, kann ich ihnen versprechen: Alles wird gut.


Auch wenn Kritiker, nicht Kritikerinnen, wie immer meinen, ein Haar in der Suppe finden zu können, und hämisch behaupten, die Staatsschulden hätten ein noch nie da gewesenes Ausmaß erreicht, so kann dies nichts an den Tatsachen ändern. Die Schulden sind nur dann so hoch, wenn man sie in Zahlenwerten bemisst, Schuldenuhrwenn man sie in ideellen Werten wie Solidarität, Liebe, Zuwendung und Schutzbedürfnis bemisst, dann verschwinden die Schulden ganz von selbst. Es ist ein Hauptziel meiner Regierung, die Fixierung auf Rationalität zu beenden, und alle Versuche, eine Verbindung zwischen Politik und Wirklichkeit herzustellen, im Keim zu ersticken. Denn erst dann fühlen wir, dass alles gut ist.

Im abgelaufenen Jahr ist Neil Armstrong gestorben. Neil Armstrong, der zwar nur kleine Schritte gemacht hat, aber dennoch in völlig übertriebener Weise darauf bestanden hat, die kleinen Schritte auf dem Mond zu machen. Und nun ist er tot. Was zeigt uns das: kleine Schritte sind dann, wenn sie auf dem Mond gemacht werden, tödlich, und deshalb dürfen wir nicht einmal auf der Erde kleine Schritte machen. Wir müssen mit dem zufrieden sein, was wir haben, was uns meine Regierung gibt, also mit immer weniger. Das sind die Kosten einer nachhaltigen Politik, die Wachstum als Ausgeburt männlicher Rationalität entlarvt und durch emotionale Zuwendung ersetzt hat, Zuwendung, wie wir sie brauchen werden, wenn die AKWs abgeschaltet sind und wir uns im Winter wieder zusammenkuscheln, damit uns warm wird. Das Ende der Rationalität hat also eine Renaissance von Zuwendung und Emotionalität zur Folge. Alles wird gut.

Alles wird gut, wenn Sie als Bürger sich auch einbringen. Wir brauchen mehr freiwilliges und vor allem unentgeltliches Engagement in der Altenpflege, in der Krankenpflege, in all den Bereichen, in denen weibliche Emotionale seit Jahren Care-Arbeit betreiben, ohne angemessen dafür entgolten zu werden. Meine Regierung hat mit einer Engagement-Offensive dafür gesorgt, dass sich die Pflegezeiten halbiert haben. Die Alten sterben nun dank freiwilliger Betreuer früher, die Kosten sinken und mit immer mehr freiwilligen Altenpflegern können wir diesen Prozess noch beschleunigen. Das ist gut für die Freiwilligen, die Sozialkassen und entlastet nachwachsende Generationen. Sie sehen: Alles wird gut.

Ein zwischenzeitlich bekanntgewordenes Hetzblog hat meiner Regierung vorgeworfen, sie sei kollektivistisch, dem Individuum nicht wohlgesonnen, ja feindlich gegenüber eingestellt. Dem ist nicht so. Wir haben Frauen gefördert. Wir haben Kinder gefördert. Wir haben Eltern gefördert. Von einer Feindschaft gegenüber Individuen kann keine Rede sein. Wir werden auch im nächsten Jahr Frauen, Kinder und Eltern fördern und dafür sorgen, dass sie weniger Zucker, Fettsäuren und schädliche Stoffe aller Art zu sich nehmen. Dazu planen wir umfassende Überwachungsmaßnahmen einzuführen, so dass im Rahmen einer individuellen Betreuung in staatlich finanzierten Suppenküchen speziell ausgebildetes Fachpersonal ein Auge auf die individuellen Essgewohnheiten haben wird. Wir sind dem Individuum also verpflichtet, und die Behauptung, wir wollten die absehbare Mängelverwaltung vorbereiten, ist nicht gerechtfertigt, vielmehr wird alles gut.

Genderforschung

Wir haben die Bildung revolutioniert. Nicht mehr Wissen, sondern Verhalten wird bewertet. Nicht der geniale Macho, sondern die unauffällige Kirchenmaus sind die Bildungsgewinner 2012. Wir haben es geschafft, Bildungsabschlüsse, diese Symbole einer rationalen Kultur zu entwerten. Niemand weiß mehr, was er sich mit einer Gymnasiastin aus Bremen einkauft und ob er nicht mit einem Sonderschüler aus Bayern besser fahren würde. Das ist ein großer Erfolg. Aber damit nicht genug: Wir haben Universitäten entwertet, Forschung verunmöglicht und unsere Universitäten zu Gender-Kaderschulen entwickelt. Dem rationalen Wissen sind wir erfolgreich zu Leibe gerückt. Wissenschaft ist nur noch emotional und nicht mehr empirisch, und deshalb wird alles gut.

Auch im nächsten Jahr wird unser Land wieder ein Hort von Innovation und Wissen sein. Wir werden neue Begriffe erfinden, neue Bereiche, die gefördert werden müssen und neue Möglichkeiten erfinden, uns selbst …, d.h. uns die Mittel, die notwendig sind, um dieses Land zu führen, dem es noch nie so gut ging wie heute, zukommen zu lassen. Und wir wissen schon heute, dass uns das gelingen wird, denn bislang hat es noch keine Mehrheit dieses Volkes gewagt, nicht zur Wahl zu gehen, und selbst wenn die Mehrheit dieses Volkes nicht mehr zur Wahl gehen sollte, wäre das kein Beinbruch, denn wie die Europäische Union zeigt, kann man auch ohne jemals gewählt worden zu sein, herrlich, nein, fraulich in die eigenen Taschen wirtschaften. Und so ist dann alles gut.

MoneySqueezeIn diesem Sinne wünsche ich allen Bürgern dieses Landes ein gesundes Neues Jahr, bleiben Sie gesund, zahlen Sie Ihre Steuern, und dann wird alles gut!

Print Friendly

Profile photo of Michael KleinAbout Michael Klein
... concerned with and about science

2 Responses to „Alles wird gut“ – Die etwas andere Neujahrsansprache auf ScienceFiles.org

  1. Mo says:

    Ich bedanke mich bei dem Verfasser für diese wohldurchdachte und wohlformulierte Neujahrsansprache. Möge sie ihren Weg ins Kanzleramt finden und dort Wohlgefallen verbreiten.

  2. Pingback: Alles wird gut | Weblese | Scoop.it

error: Content is protected !!
Profile photo of Michael Klein
Holler Box
Skip to toolbar