Unsinn der Woche: Wiederholungstäter aus Darmstadt

scully facepalmAlle Jahre wieder trifft sich ein kleines Häuflein von Leutchen, nennt sich selbst “Jury” und rügt Worte oder deren Verwender oder deren Verwendung, so richtig weiß das niemand. Dieses kleine Häuflein, das da Worte rügt und von dem niemand weiß, woher es die Berechtigung nimmt, diese Worte zu rügen, hat eine unglaubliche Wirkung in den deutschen Qualitätsmedien. Im Verlauf eines Jahres findet sich in den beitragsfinanzierten Medien zwar so gut wie kein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchungen, die dem Bereich der Sozialwissenschaften zuzurechnen ist – ich rede von ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen, nicht von Professoren, deren Mid-Life-Crisis sich darin niederschlägt, dass sie ihre Liebe zu armen Menschen entdeckt haben und jetzt lautstark und medienwirksam für alleinerziehende Mütter zumindest verbal dasein wollen, ich rede also von Untersuchungen, die zu Ergebnissen kommen wie: Es gibt keine gläserne Decke, Staatsbedienstete sind fauler als Arbeiter in der freien Wirtschaft, viele Deutschen haben nicht einmal rudimentäre Kenntnisse über ökonomische Zusammenhänge usw. Und dennoch findet das Häuflein von sechs Männlein aus Darmstadt willige und aufnahmebereite Ohren in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, wenn sie jährlich ihren gemeinsamen Geschmack verkünden und ein Unwort des Jahres kühren.

Warum ist das so? Das ist eine leicht zu beantwortende Frage: Die sechs selbsternannten Juroren kühren jährlich den Begriff, der der politischen Korrektheit, deren Fahne sie zu tragen scheinbar geschworen haben, am meisten Probleme verursacht. Schon im letzten Jahr hatten die Darmstädter Wortwächter Worte wie Gutmensch auf ihre Agenda gesetzt und sich über deren Verwendung beklagt. Vielleicht aus eigener Betroffenheit? Wer weiß. Dieses Jahr haben die Wortwächter in die Justiz eingegriffen und haben sich in besonderer Weise und sehr direkt über Jörg Kachelmann, also jemanden, den man mit Fug und Recht als Justizopfer bezeichnen kann, jemanden, der wegen einer falschen Beschuldigung im Gefängnis saß, beschwert. Damit hier Chancengleichheit hergestellt wird, will ich die Akteure aus Darmstadt, die in der folgenden Groteske die Hauptrolle spielen, vorstellen:

  1. Prof. Dr. Nina Janich (Sprecherin) besetzt den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der TU-Darmstadt;
  2. Stephan Hebel, ist (war?) politischer Autor bei der Frankfurter Rundschau;
  3. Dr. Kersten Sven Roth ist Assisstent am Deutschen Seminar der Universität Zürich;
  4. Prof. Dr. Jürgen Schiewe sitzt auf dem Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft an der Ernst-Moritz-Arndt Universität in Greifswald;
  5. Prof. Dr. Martin Wengeler hat sich den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der Universität Trier erobert;
  6. Ralph Caspers, Moderator beim WDR (“Wissen macht Ah!”);

Logo TU DarmstadtDamit ist die Liste der Darsteller benannt. Und der erste und einzige Akt des Trauerspiels, nein, der Groteske, sieht die Sechs das Unwort des Jahres bestimmen. Stellen Sie sich also sechs Gestalten in einem verrauchten, nein, das ist politisch nicht korrekt, in einem luftdurchfluteten Raum an der Universität Darmstadt vor (die normalen baulichen Mängel, die an deutschen Universitäten vorhanden sind, lassen wir unberücksichtigt). Stellen Sie sich die Sechs also dabei vor, wie sie beim Kräutertee sitzen und dazu selbstgebackene Keckse knabbern, die das ökologische Reinheitssiegel besitzen, den grauen Star oder blauen Engel oder so, stellen Sie sich also die Sechs vor, wie sie über einer fast endlos langen Liste voller politisch unkorrekter Worte brüten und fast schon am verzweifeln sind. Da plötzlich kommt einem die rettende Idee, nein, das rettende Wort vor die Nase: Opfer-Abo! Und stundenlanges Bleistiftkauen und stundenlanges Haareraufen ob der vielen Worte, die die Stirn der sechs Wortwächter in tiefe Falten gelegt haben, hat endlich ein Ende: Opfer-Abo ist es, das Unwort des Jahres 2012.

So muss man sich die Auswahl wohl vorstellen, die selbst den Direktor des Instituts für Deutsche Sprache überrascht hat. Ja, Direktor, die Sechs aus Darmstadt sind halt immer für eine Überraschung gut, sie finden selbst Unworte des Jahres, die kaum jemand gehört hat und an deren Brandmarkung nur wenige ein Interesse haben. Und um der Wahl nunmehr einen offiziellen Anspruch zu geben, wird die Wahl begründet, und zwar so:

“Im Herbst 2012 sprach Jörg Kachelmann in mehreren Interviews (z.B. im Spiegel vom 8.10.2012) davon, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein “Opfer-Abo” hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltiguung – gegenüber Männern durchsetzen. Das Wort “Opfer-Abo” stellt in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.”

Logo Uni GreifswaldNiemand hat gesagt, dass Germanisten und Lehrstuhlbesetzer eine Idee davon haben müssten, was Logik ist – oder? Sicher, es hilft bei der Verwendung von Sprachen weiter, wenn man eine Idee davon hat, wie die Struktur einer Sprache, wie ihr logischer Aufbau ist, aber in Zeiten des Konstruktivismus kann man das getrost beiseite lassen. Schnee von Gestern ist das, heute sprechen wir unlogisch und machen den Irrsinn hoffähig.

Fangen wir zunächst mit dem Faktischen an. Was hat Jörg Kachelmann in dem Gespräch mit dem Spiegel gesagt:

SPIEGEL: Es ist doch sinnvoll, sich und sein Tun mitunter zu hinterfragen.
… Jörg Kachelmann: Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben. Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind.

Man muss diese Passage wirklich genau suchen. Und wenn man sie dann gefunden hat, dann muss man sich fragen, was da eigentlich gesagt wird. Offensichtlich gibt Jörg Kachelmann hier seine Einschätzung ab, nach der Frauen sich leichter zu Opfern erklären können als Männer. Nichts Neues, also, sondern eine uralte Weisheit ungleicher Rollenzuschreibungen, die sich im “Frauen und Kinder zuerst” ebenso findet, wie im von vielen Frauen so gerne in Anspruch genommenen Kavalier, der ihnen die Tür aufhält. Nun muss man in Rechnung stellen, dass Herr Kachelmann im Gefängnis saß, weil eine Frau sich zu seinem Opfer erklärt hat und weil ein Staatsanwalt und ein Ermittlungsrichter eher bereit waren, der Frau als dem Kachelmann zu glauben, obwohl Aussage gegen Aussage stand. Na wenn das kein Beleg für ein Opfer-Abo ist.

Logo-Uni-TrierInteressant ist indes, was die Darmstädter Germanisten daraus machen, dass hier jemand seine eigene Erfahrung generalisiert und nicht nur die Frau, die ihn zum Opfer gemacht hat, sondern Frauen als solchen bei Institutionen einen Glaubwürdigkeitsbonus bekundet (Merkt ihr was, ihr Darmstädter Wortkünstler, die Kritik richtet sich nicht gegen Frauen, sondern gegen Vertreter von Institutionen, die Glaubwürdigkeit nach Geschlecht verteilen, also wer weiblich ist, ist glaubwürdiger. Das ist eine strukturelle Diskriminierung!). Bei den Darmstädtern wird daraus die Behauptung, Kachelmann habe generell allen Frauen unterstellt, sie seien fies und würden Straftaten erfinden, und er habe generell allen Frauen unterstellt, dass sie ihre Interessen mit fiesen Mitteln durchsetzen würden.

Dies ist jedoch allein und ausschließlich die fiese Phantasie von sechs Personen, die für sich in Anspruch nehmen, sie könnten Deutsch nicht nur verstehen, sondern auch schreiben, ja, schlimmer noch: lehren. Welch Graus! Professoren, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Assoziationen von Inhalten fernzuhalten, die sie lesen, werden in Darmstadt, Greifswald und Trier auf arglose Studenten losgelassen. Mehr noch, Lehrstuhlinhaber, die nicht in der Lage sind, Konzepte und Strukturen zu erfassen, wie sie z.B. darin zum Ausdruck kommen, dass man, in diesem Fall Herr Kachelmann, eine Kritik an Institutionen richtet und sagt, die Instititionen, in diesem Fall die Strafverfolgungs-Institutionen würden Strukturen schaffen, die es fiesen Frauen erlauben, ihre fiesen Pläne mit Leichtigkeit umzusetzen. Damit ist weder gesagt, dass alle Frauen fies sind, noch ist damit gesagt, dass es keine fiesen Männer gäbe, noch ist damit bestritten, dass es durchaus Frauen und Männer gibt, die Opfer von Gewalttaten werden. (In der Logik ist dieser Unterschied in der Unterscheidung zwischen “alle” und “manche” ausgedrückt. Und das, was die Germanisten hier begehen, ist ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens. Aber, wie gesagt, Logik muss man als Germanist ja nicht kennen oder beherrschen.)

Wer dies dennoch in die Aussagen hineinlesen will, ist entweder krank oder er verfolgt eine Agenda, die er offiziell, aus welchen Gründen auch immer, nicht offenlegen will, in jedem Fall ist er nicht geeignet, einen Lehrstuhl zu besetzen, und deshalb sollten die Universitäten Darmstadt, Greifswald und Trier die entsprechenden Inhaber vor die Tür setzen, schon um Schaden von sich abzuwenden, denn die drei Lehrstuhlbesetzer treffen die Wahl zum Unwort des Jahres ganz offen als Professoren ihrer jeweiligen Universität und somit als Angestellte einer öffentlichen Institution, die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird.

Und noch ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach:

Bereits die Wahl von “Opfer-Abo” zum Unwort des Jahres, zeigt, dass das Wort kein Unwort ist, sondern einen korrekten Tatbestand wiedergibt, wäre dem nämlich nicht so, die Germanisten-Jury hätte vermutlich daran gedacht, dass es nicht nur weibliche, sondern auch männliche Opfer gibt und entsprechend davon abgesehen, in der Begründung zu versuchen, Frauen als alleinige Opfer zu präsentieren und Männer generell zu diskreditieren. Wer davon ausgeht, dass Dominanzstreben, wie es in Gewalt zum Ausdruck kommt, vornehmlich Frauen trifft, der ist der beste Beleg dafür, dass man auch ohne rudimentäre Kenntnisse sozialer Zusammenhänge Professor an einer deutschen Universität werden kann und dafür, dass das Opfer-Abo, also die Behauptung einer strukturellen Bevorzugung von Frauen und Diskriminierung von Männern, zutrifft.

P.S.
Wer bis hierhin noch Zweifel daran hat, dass die Germanisten Professoren ungeeignet sind, ihre Lehrposition auszufüllen, dem will ich noch ein weiteres Schmankerl präsentieren, dieses Mal stammt es aus der Begründung für die Aufnahme von “Pleite-Griechen” als weiteres Unwort des Jahres 2012:

“Der im Kontext der Euro-Stabilitäts-Debatte von der Springer-Presse in den vergangenen Jahren geprägte Ausdruck “Pleite-Griechen” wurde 2012 weiterhin und unreflektiert verwendet. Er diffamiert ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung …”

Nun, was lernen wir daraus: Erstens, dass die Germanisten Essentialisten sind, die denken, einmal Grieche immer Grieche, also ihr Griechen, die ihr in fünfter Generation in Deutschland lebt, bildet Euch nicht ein, ihr würdet jemals “deutsch”. Zweitens lernen wir daraus, dass die sechs Wortwächter nicht besonders intelligent sein können, denn wie sonst ist es zu erklären, dass sie “Pleite-Griechen” als Form der “Diffamierung eines ganzes Volkes” anprangern können und im gleichen Satz “Springer-Presse” als Form der Diffamierung der gesamten Arbeiterschaft, die sich unter dem Dach des Springerverlags eingefunden hat, benutzen? Und solche Personen besetzen Lehrstühle! Es ist wirklich unterirdisch.

Wettbewerb: Wer schreibt den Unsatz des Jahres?

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4 Responses to Unsinn der Woche: Wiederholungstäter aus Darmstadt

  1. Michael Kopplow says:

    bin ich also nicht der Einzige der Diese Veranstaltung lächerlich findet,bzw was da produziert wird .

  2. Pingback: Wettbewerb: Wer schreibt den Unsatz des Jahres? « Kritische Wissenschaft – critical science

  3. Pingback: “Opfer-Abo”. Germanisten machen Politik | Basedow1764's Weblog

  4. Pingback: Wie ich einmal "Patriarchat" zum Unwort des Jahres machen wollte – man tau

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