Internationaler Frauentag

womens dazDas beste am internationalen Frauentag (8. März 2013) war, dass man kaum bemerkt hat, dass es ihn gibt. Wären da nicht die politischen Funktionäre in westlichen Ländern, die sich gegenseitig auf die Schultern schlagen und feiern, weil sie denken, es würde in der Welt jemanden interessieren, man hätte den Internationalen Frauentag gut und gerne übersehen können. Ich muss zum Anlaß des Frauentages gestehen, dass ich Niklas Luhmann in einem Punkt nicht nur verstehe, sondern ihm sogar zustimme: In Luhmanns Systemtheorie sind Akteure in geschlossenen Systemen dabei, miteinander einen Diskurs zu führen, und dieser Diskurs hat keine Verbindung zur Außenwelt. Luhmanns Systeme sind geschlossene Anstalten. Und wer die Reaktionen vornehmlich politischer Akteure zum Internationalen Frauentag, den die UN verkündet hat, weil sie sonst in ihrer Belanglosigkeit nichts zu verkünden hat (die UN kann ja nicht einmal für die Sicherheit ihrer Blauhelme sorgen), der kann nicht anders, als Luhmann in Bezug auf seine geschlossenen Anstalten bzw. Systeme Recht zu geben.

Aber, wir sind ein Wissenschaftsblog und deshalb kommt nunmehr der Beleg für den Binnendiskurs “Internationaler Frauentag” in der geschlossenen Anstalt politischer Akteure (Für diejenigen, die Spaß am Skurrilen haben, empfehle ich, sich auf Twitter den Hashtag #womensday anzusehen – mehr politischen Unsinn auf derart engem Raum bekommt man selten geboten. Der Blick in Twitter sei auch denen empfohlen, die das “Internationale” am Binnendiskurs analysieren wollen. Ich werde den Insassen der nationalen Diskurs-Anstalt über die Schulter schauen.). Der Beleg basiert auf einer Reihe von Fallstudien, fünf an der Zahl, die ein beredtes Zeugnis für Selbstgespräche unter politischen Akteuren abgeben.

Den Anfang der Analyse in Luhmann-Style macht das Familienminist, das zum “Internationalen Frauentag”, Folgendes zu sagen weiß:

“Für faire Chancen und für Entgeltgleichheit zu sorgen, ist nicht nur Teil der unternehmerischen Verantwortung, sondern liegt im ureigenen Interesse des Unternehmens. In Zeiten des demographischen Wandels wählen die gut qualifizierten Fachkräfte ihren Arbeitgeber sehr genau aus. Ob Familie und Beruf vereinbar sind und ob es faire Aufstiegschancen unabhängig von Geschlecht gibt, spielt dabei eine entscheidende Rolle”.

Kleine Hexe unzensiertDas Familienminist hat nie in einer richtigen oder wirklichen Arbeitswelt gearbeitet. Es ist vom universitären Schutzraum direkt in die Anstalt gewechselt, in der sich politische Akteure einfinden. Deshalb kann das Famlienminist auch nicht wissen, dass Geschlecht unter hochqualifizierten Fachkräften in der Tat keine Rolle spielt, denn die hochqualifizierten Fachkräfte werden wegen ihrer Qualifikation und unabhängig von ihrem Geschlecht von Unternehmen heftig umworben. Umworben werden also Individuen und nicht Geschlechtsteilgruppen. Und diese hochqualifizierten Individuen haben eine sehr gute Verhandlungsposition, da sie ein hoch spezialisiertes Wissen mitbringen, das man wiederum “Humankapital” nennt und das sie sich deshalb angeeignet haben, weil sie auf Fortpflanzung verzichtet haben und statt dessen in ihre Bildung, ihr Humankapital investiert haben. Und deshalb spielt für sie die Frage, ob Beruf und Familie vereinbar sind, keine Rolle, denn sie haben eine Berufung und Arbeitskollegen als Familie, Arbeitskollegen, mit denen man z.B. über die beste Antriebstechnik für #dragon diskutieren kann. Es mag für Leute in der geschlossenen Anstalt politischer Akteure schwer verständlich sein, aber es gibt Menschen, für die ist etwas anderes, als die Fortpflanzung wichtig.

Die Fallstudien zwei bis vier stammen aus den Zimmern die von DGB, GEW sowie SPD und Bündnis 90/Grüne (Link mit Bild!) in der gemeinsamen Anstalt bewohnt werden. Was Sie zum Frauentag beizutragen wissen, ist an Monotonie und Langeweile kaum zu überbieten:

Der DGB sieht Frauen in Deutschland in der Gleichstellung “nach wie vor” hinterherhinken und fordert deshalb, einen gesetzlichen Mindestlohn, eine Betreuungsinfrastruktur für Kinder, Entgeltgleichheit, einen Rechtsanspruch für die Rückkehr aus Teilzeit sowie “mehr Frauen in Führungspositionen” – warum auch nicht.

Bei der GEW ist die Bloglesern gut bekannte Anne Jenter (Unsinn des Jahres 2012-Preisträger) anlässlich des Frauentages wieder einmal unzensiert zu Wort gekommen. Und Jenter weiß, was “wir” brauchen: “Wir brauchen einen Politikmix aus: Zeit der Eltern für Kinder, guter Bildungsinfrastruktur von Anfang an, einer eigenen Existenzsicherung von Frauen und einer Kindergrundsicherung”.

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Adipositas jetzt auch unter Politikern?

SPD und Grüne warten mit etwas besonderem, einem Duo Infernale, wenn man so will, auf, das aus Sigmar Gabriel und Claudia Roth besteht. Sie wissen Folgendes zu sagen: “Ja, wir brauchen auch in Aufsichtsräten und Vorständen mehr Frauen. … Denn immer noch werden bei der gesellschaftlichen Arbeits- und Rollenaufteilung Frauen benachteiligt, allein weil sie Frauen sind. Noch immer müssen viele Frauen ihre Berufs- und Karrierewünsche zurückstellen, wenn sie Kinder haben. … Wir brauchen deshalb ein neues Verständnis der Geschlechter füreinander, unterstützt von Strukturen, die gleichberechtigte Partnerschaften ermöglichen. Dazu gehört auch: mehr Kitaplätze statt Betreuungsgeld und gleicher Lohn für gleiche Arbeit”.

Der Diskurs in der politischen Anstalt ist doch arg durch ein eher rustikales, traditionales, ja reaktionäres Rollenbild von Frauen geprägt. Diesem Rollenbild, wie es in DGB, GEW, bei SPD und Grünen vorherrscht, ist es unvorstellbar, dass Frau sein auch ohne Fortpflanzung möglich ist. Insofern stimmt, was Gabriel und Roth von sich in einem selten klaren Moment der Einsicht sagen: “Wir brauchen ein neues Verständnis der Geschlechter füreinander”. Und wenn Sigmar und Claudia dieses neue Verständnis irgendwann ereilt, dann werden sie vielleicht feststellen, dass das neue Verständnis so neu gar nicht ist, denn außerhalb ihrer Anstalt weiß man schon seit Jahrzehnten, dass die Zahl der kinderlosen Frauen, von Frauen also, die sich explizit gegen das reaktionäre “Verständnis von Geschlechtern”, das Sigmar und Claudia teilen, wehren, und nicht auf die ihnen von z.B. Sigmar und Claudia zugeschriebene Fortpflanzungsfunktion reduziert werden wollen, immer größer wird.

Den Abschluss in dieser kleinen Sammlung von Fallstudien macht “Ministerin Wanka”, deren Doktortitel nicht einmal von ihrem eigenen Ministerium ernst genommen zu werden scheint. Und die neue Ministerin für Bildung und Forschung hat anlässlich des Internationalen Frauentages unglaublich tiefe Einblicke in die Nützlichkeit der Genderforschung zu berichten:

Wanka“Werden etwa Roboter, die als Gehilfe dienen sollen, zu groß gebaut, können sie Frauen die Sicht versperren”, so fasst die Ministerin eines der herausragenden Ergebnisse der Genderforschung zusammen. Und ich frage mich seither, wie die Erfindung der höhenverstellbaren Leiter ohne Genderforschung jemals möglich gewesen ist.

Für einen Doktor der Mathematik ist es übrigens sehr erstaunlich, dass er noch nie etwas von “sum of squares within” gehört zu haben scheint, also davon, dass die Varianz innerhalb Gruppen fast immer größer ist, als die Varianz zwischen Gruppen. Oder, für die Ministerin und in aufbereiteter Form: Was machen wir mit den kleinen Männern, die nicht über die Roboter schauen können? Brauchen wir, um von ihnen zu erfahren, eine neue Gender-Studie? [Das stellt Dr. habil. Heike Diefenbach, langjährige Dozentin für u.a. Methoden und Statistik, fest und als sie das festgestellt hat, hatte sie eher einen gequälten Gesichtsausdruck.]

Und weiter geht es mit den Erkenntnissen der Neu-Ministerin: “Hier gibt es die Beobachtungen, dass Frauen beim Touchscreen eher auf Text und damit auch auf Menüleisten und Hinweise achten, während Männer sich stärker von Bildern angesprochen fühlen”. Revolutionäres Wissen, das die Ministerin da ereilt hat. Was bedeuten diese “Beobachtungen”, von denen wir zwar nicht wissen, wer sie gemacht hat, aber von denen wir wissen, dass sie die Ministerin für richtig hält, wohl für die zukünftige Gestaltung von Lohnsteuerformularen? Darf man in Zukunft mit männergerechten Lohnsteuerformularen rechnen, die aus Bildern bestehen, z.B. aus einer Hand, die in die Tasche eines nackten Mannes zu greifen versucht, als Piktogramm für die zu zahlende Steuer? Darf man in Zukunft damit rechnen, dass Fernsehgeräte für Frauen ausschließlich Bildschirmtext aufweisen, während die entsprechenden Geräte für Männer mit Bild aber ohne Bildschirmtext ausgeführt werden? Was machen wir mit tauben Männern, die Untertitel gewöhnt sind? Entwöhnen? Fragen über Fragen, die der Frauentag aufgeworfen hat.

bedlam1Der diesjährige Frauentag hat also viele neue Erkenntnisse erbracht, die indes mit dem Manko ausgestattet sind, dass sie ausschließlich für die Bewohner der Anstalt politischer Akteure von Interesse und Neuigkeitswert sind. Die Fallstudien haben gezeigt, dass die Dialoge innerhalb der Anstalt doch äußerst monoton sind, etwa der Art: Anne Jenter: “Wir” brauchen mehr Kinderbetreuungsangebote”. Antwort, Sigmar Gabriel: “Noch immer müssen Frauen wegen fehlender Kinderbetreuungsangebote eine Wahl zwischen Familie und Karriere treffen”. Reaktion Claudia Roth und DGB im Chor: “Die Betreuungsinfrastruktur ist nicht ausreichend”. Und Ministerin Wanka: “Die Genderforschung hat die Nützlichkeit höhenverstellbarer Kindersitze bewiesen”. Insofern muss man sich ernsthafte Sorgen, um den Gesundheitszustand der Insassen machen, die immer dieselben Themen miteinander austauschen und enstprechend in ernsthafter Gefahr geistiger Regression stehen. Aber das werden sie nicht merken, in ihrem geschlossenen Diskurssystem, in ihrer geschlossenen Anstalt, was immerhin ein Trost ist. Und wenn sie jetzt noch dafür sorgen könnten, dass von ihrem Diskurs nichts nach draußen, also außerhalb ihrer geschlossenen Anstalt dringt und dort auch keine Folgen nach sich zieht, dann wären – das behaupte ich jetzt einfach einmal – viele Deutsche sehr sehr dankbar. Für uns bei ScienceFiles gilt das in jedem Fall.

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... concerned with and about science

5 Responses to Internationaler Frauentag

  1. anonym says:

    ach wären sie doch nur in einer Anstalt

  2. harry says:

    Erstaunlicherweise am Frauentag erscheint auf der Seite http://www.theatlantic.com/sexes ein für den Feminismus ziemlich peinlicher und sehr lesenswerter Artikel:

    ‘Women Own 1% of World Property’: A Feminist Myth That Won’t Die
    von Philip Cohen, professor of sociology at the University of Maryland
    http://www.theatlantic.com/sexes/archive/2013/03/women-own-1-of-world-property-a-feminist-myth-that-wont-die/273840/

  3. qed says:

    Tja, ich bin irgendwie enttäuscht:

    die Anstaltlerinnen waren früher besser. Da hielten sie noch Ansprachen auf Marktplätzen, klagten und menstruierten gemeinsam öffentlich, mein Brotherr schickte mir als ‘Führungskader’ bunte Pamphlete und bot teure Kurse beim ‘Gendertrainer’ an, die Tussen vom Betriebsrat tourten durch die Außenableger und versuchten meine (gut gezogenen) Ischen anzuschwindeln, daß sie 23% schlechter bezahlt würden- vorbei ists, vorbei.
    Einzig und allein einen Lichtblick gabs: ein neuer feministischer Stern leuchtet am Himmel, die wasserstoffblond Aufgehübschte im BMF.
    Vor Ehrfurcht erstarren wir fast: promovierte Mathematikerin!
    Aber ach! Zu oft wurden wir über den Löffel balbiert mit dreisten Lügen, als daß es uns nicht Gewissheit wäre: ‘feministische Mahematik’ wird längst in extranen ‘Frauenstudiengängen’ vermittelt und hat die abstrakte Logik dekonstruiert zu gefühltem Rechnen und nicht entgeht uns eine gewisse Strenge: zu verräterisch die schmallippige, moros- dysphorische Physiognomie mit den fein ziselierten, bitteren Tabaksbeutelfältchen der Oberlippe. Es überwältigt mich- weiß auch nicht wieso- ganz plötzlich die Erinnerung an die knöcherne Trockenheit der Wüste Gobi.
    So will ich mich dem flugs anschließen der übergroßen Dankbarkeit von science files mit einem forschen O si taccuisses!

  4. Herzog says:

    “Darf man in Zukunft mit männergerechten Lohnsteuerformularen rechnen, die aus Bildern bestehen, z.B. aus einer Hand, die in die Tasche eines nackten Mannes zu greifen versucht, als Piktogramm für die zu zahlende Steuer?” Haha, eine der wichtigsten Tugenden in dieser Zeit ist den Humor nicht zu verlieren! Genial, wie immer!

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